3 | 2018, Indonesien,
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Wesen des Feuers – Zum Umgang mit dschinn in Yogyakarta

Zeitgenössische Schattenspielfiguren des Künstlers Sukasman © Claudia Seise

Zeitgenössische Schattenspielfiguren des Künstlers Sukasman © Claudia Seise

Indonesien: Obwohl es orthodox-islamischen Praktiken widerspricht, gibt es javanische Muslim*innen, die sich in Interaktion mit Geisterwesen befinden. Sie werden befriedet, bespendet und – wenn sie ungewollt „zur Untermiete“ wohnen – auch ausgetrieben. Die entsprechenden Rituale spiegeln die synkretistischen Traditionen der Region.

 

Als ich eine Unterkunft im Süden Yogyakartas in Zentraljava suchte, um dort für die Dauer meiner Feldforschung zu wohnen, hatte ich mich für ein Haus entschieden, von dem gesagt wurde, es würden Geister, so genannte dschinn, darin leben. Angeblich hatte der vorherige Mieter sogar Geis-terwesen in dem Haus gesehen. Mich hielten die Spukgeschichten der Dorfbewohner*innen nicht davon ab, mit meiner Familie in das große Haus zu ziehen. Ich habe jedoch dadurch ein Interesse für die dschinn, wie mit ihnen umgegangen wird und eine erhöhte Sensibilität für scheinbar „eigenartige“ Begebenheiten entwickelt.

Wer oder was sind die dschinn?

Es gehört zur islamischen Glaubenslehre, dass Muslim*innen an das Unsichtbare (Arab.: al-ghaib) glauben sollen. Dazu gehört auch der Glaube an Engel und Dschinn (Arab./ Ind.: jin). Viele Muslime*innen glauben, dass dschinn eine Schöpfung Allahs sind. Im Qur’an wird erwähnt, dass Allah die Menschen und dschinn nur erschaffen hat, um Ihn anzubeten (Qur’an 51: 56). Weiter heißt es, dass Menschen aus Tonerde erschaffen wurden, während die dschinn viel früher als die Menschen aus einem sehr heißen Feuer geschaffen worden sind (Qur’an 15: 26-27). Aus diesem Vers wird auch der Glaube abgeleitet, dass die dschinn aufgrund ihres höheren Alters mehr Erfahrung haben und dazu neigen, Menschen in die Irre zu führen oder zu stören. Der Anführer der dschinn ist allgemein als Satan (Ind.: shaytan) bekannt und er hat eine große Schar von dschinn, die nicht Allah anbeten, sondern vielmehr ihm, Satan, folgen und ihm helfen, die Menschen vom Weg Allahs abzubringen. Es gibt sowohl muslimische als auch nicht-muslimische dschinn. Weiterhin gibt es männliche und weibliche dschinn und sie gründen, wie Menschen auch, Familien und haben Kinder. Im Islam sollen theoretisch die Welten der dschinn und der Menschen getrennt sein und eine Interaktion sollte vermieden werden bzw. ist vom Schöpfer nicht erwünscht. Es gibt verschiedene dschinn, deren Namen bekannt sind und die zum Beispiel für Fälle von plötzlichem Kindstod, Zwist zwischen Eheleuten oder Verlust von Wertsachen und Geld verantwortlich gemacht werden. Die letzte Surah des Qur’an (An-Nas) zum Beispiel wird zum Schutz vor den Schlechtigkeiten der Menschen und der dschinn gelesen und die vorletzte Surah (Al-Falaq) zum Schutz vor Zauberei und Magie. Soweit die Theorie.

Im alltäglichen Leben vieler Muslim*innen in Yogyakarta konnte ich jedoch eine durchaus lebhafte Interaktion mit den dschinn feststellen. Unter Muslim*innen in Yogyakarta ist der Glaube an dschinn lebendig und ihre Existenz wird meiner Erfahrung nach nicht angezweifelt. Dabei habe ich fünf verschiedene Arten kennen gelernt, wie mit dschinn umgegangen wird. Das Befrieden der dschinn durch kleine Opfergaben ist eine Möglichkeit, die auch als Teil von Kejawen (Javanischer Mystizismus) bezeichnet wird. Diese Praxis wird hauptsächlich von Muslim*innen praktiziert, die als Abangan (so genannte nominale Muslime; im Gegensatz zu den Santri, den orthodox-praktizierenden Muslimen) gezählt werden können.

Opfergaben in einem Dorf im Süden Yogyakartas © Claudia Seise

Opfergaben in einem Dorf im Süden Yogyakartas © Claudia Seise

Das Bespenden scheint dem Befrieden der dschinn durch kleine Opfergaben ähnlich zu sein. Hier wird jedoch die Intention anders gefasst, um sich dem orthodox-islamischen Rahmen anzupassen. Damit ist gemeint, dass ein Befrieden der dschinn durch Opfergaben abgelehnt und als göttliche Beigesellung (Ind.: syirik; Arab.: shirk) verstanden wird. Bekämpft werden die dschinn vor allem durch Austreibungen, (rukyah auf Indonesisch), mit Hilfe von Wasser und dem Lesen des Qur’an. Diese Form der Austreibung ist besonders populär geworden unter den Muslim*innen, die man den verschiedenen Strömungen des Salafi-Wahhabismus zuordnet.

Die Strategie des Ignorierens bedeutet nicht, dass eine Person nicht an dschinn glaubt, sondern vielmehr, dass sie versucht die Welten zu trennen. Diese Strategie ist vor allem bei den Anhänger*innen der Muhammadiyah, einer indonesischen Massenorganisation des modernistischen Islams, zu finden. Eine fünfte Art des Umgangs ist die Zusammenarbeit und die Nutzung der dschinn und ihrer Kräfte für Zauber und Magie (Ind./ Arab.: sihir).

Befrieden oder bespenden?

Wer aufmerksam durch ein Dorf in der Gegend um Yogyakarta geht, wird teilweise kleine Opfergaben an Wegkreuzungen oder Wasserläufen finden. Diese mit Liebe zum Detail zubereiteten Gaben sind auf einem circa fünf Mal fünf Zentimeter großem Stück eines Bananenblattes dargebracht. Oft findet man auch mehrere kleine Opfergaben auf einer größeren Platte zusammengestellt. Normalerweise finden sich gelber Reis, Kokosraspel, kleine Fleischstückchen, Gemüse und andere Speisen auf dem Blatt. Mitunter kommen Blütenblätter dazu. Die Art und Form kann je nach Ritual und Zweck variieren. Diese Form der Opfergaben ist in viel größerem Ausmaß vor allem auf der mehrheitlich hinduistischen Insel Bali zu finden. In Yogyakarta sind diese Opfergaben meist mit der (hinduistisch geprägten) javanischen Tradition und Mystizismus verbunden und werden von orthodoxen Muslim*innen als synkretistische Rituale bezeichnet, die nichts mit dem Islam zu tun haben. Es wird argumentiert, dass diese Opfergaben gegen das Prinzip des Monotheismus (Arab./ Ind.: tauhid) verstoßen und somit nicht mit dem orthodox-islamischen Glauben kompatibel sind. Da die Welten von dschinn und Menschen getrennt sein sollen und die Menschen einzig und allein Allah anbeten und Allah um Schutz ansuchen sollen, wird eine Befriedung der dschinn in Form von Opfergaben als eine Form der Vielgötterei (Ind./ Arab.: shirk) angesehen. Es wird argumentiert, dass Muslim*innen, die Opfergaben zur Befriedung an die dschinn auf Wegen, an Flussläufen oder in und vor Häusern geben, das Konzept des tauhid nicht vollständig verinnerlicht haben und noch immer vorislamischen Ritualen anhängen.

Mas Herman, Muslim, javanischer Mystiker und Lokalhistoriker, ist da anderer Meinung. Er verteidigt die Muslim*innen, die den dschinn Opfergaben darbringen. Denn, so erklärte er mir in einem Interview, es komme bei der Opfergabe auf die Intention (Ind., aus dem Arab.: niat) an. Er erklärte weiter, dass früher diese Opfergaben durchaus zur Befriedung der dschinn dargebracht wurden, dass jedoch heutzutage die meisten Muslim*innen wüssten, dass dies nach islamischer Lehre nicht erlaubt sei. Die islamische Religion lege jedoch großen Wert auf Spenden und Großzügigkeit, so Herman, und deshalb würden die kleinen Opfergaben als Spende an die dschinn gebracht. Es ist äußerst spannend, dass er das Ritual der Opfergaben versucht, zu „islamisieren“. Denn, wie bereits oben erwähnt, wird diese Art von Opfergaben nach orthodox-islamischer Sicht abgelehnt. Doch für den javanisch-islamischen Kontext in Yogyakarta ist diese Erklärung durchaus nachvollziehbar. Weitere Forschung diesbezüglich wäre notwendig, um die Intention für die Opfergaben der Muslim*innen in Yogyakarta an Wegkreuzungen, Flussläufen oder in Häusern tiefer zu verstehen. Herman versucht javanische Kultur und Islam zu vereinen. Herman möchte ein synkretistisches javanisches Ritual als orthodoxer Muslim praktizieren. Deshalb verändert er seine Intention und versucht es somit mit der islamischen Glaubenslehre zu vereinen. Diese Art der Vereinigung und Synthese javanischer Kultur und Islam hat eine lange Geschichte und geht auf Sultan Agung (1593-1645; regierte 1613-1645) zurück. Sultan Agung versuchte, javanische und islamische Identität harmonisch zu vereinen (Ricklefs 2006).

Bekämpfen der dschinn und Austreibungen

Der Glaube an die Möglichkeit von einem dschinn besessen zu werden (Ind.: kemasukan) ist unter Muslim*innen in Yogyakarta und in anderen Teilen Indonesiens weit verbreitet. „Besessen“ zu sein zeigt sich in außergewöhnlichem, oft negativem Verhalten, und es gibt, so wurde mir durch einen muslimischen Heiler (Ind.: tabib) erklärt, verschiedene Arten von Besessenheit. Besessenheit kann ganz akut vorkommen. Dabei dringt ein dschinn auf einmal in einen Menschen ein und versucht, diesen zu beherrschen. Eine andere Form der Besessenheit besteht längerfristig, wobei der dschinn praktisch „zur Untermiete“ über einen längeren Zeitraum in einem Menschen lebt und Krankheiten und andere Unannehmlichkeiten hervorrufen kann. Die Gründe für kemasukan sind vielfältig. Entweder hat ein dschinn die Grenze zwischen der menschlichen und seiner/ ihrer Welt absichtlich und von sich aus überschritten. Oder sie oder er ist mit dem besessenen Menschen oder dessen Verwandten einen Pakt eingegangen. Oft wird Besessenheit mit einem „schwachen Glauben“ erklärt. Aber auch ein scheinbar banaler Akt wie heißes Wasser in einen Abfluss zu schütten, kann zu Besessenheit führen. Mas Syarif, tabib in Yogyakarta, behandelt mehrere Fälle von kemasukan pro Woche. Nachdem er sich den Krankheitsverlauf seines Patienten oder seiner Patientin angehört hat, entscheidet er, ob eine Austreibung (Ind.: rukyah) von Nutzen sein kann oder ob er andere Be-handlungsmöglichkeiten in Betracht zieht. Meistens ist die Austreibung nur der erste Schritt und Mas Syarif weist seine Patient*innen zusätzlich an, ihre fünfmaligen Gebete einzuhalten, häufiger den Qur’an zu lesen und sich vermehrt der Erinnerung Allahs (Ind.: dzikir) hinzugeben.

Islamisches Gebetsbuch und Gebetsanleitungen © Claudia Seise

Islamisches Gebetsbuch und Gebetsanleitungen © Claudia Seise

Die Art der rukyah, die Mas Syarif vollzieht, folgt, so erklärte er, der Sunnah (der etablierten Praktik) des Propheten Muhammad. Er liest ausschließlich Verse aus dem Qur’an und legt bei männlichen Patienten seine Hand an verschiedene Stellen am Körper des Patienten. Bei Patientinnen benutzt er zusätzlich Wasser. Hier muss die Patientin vollständig, nach den Regeln der islamischen Religion, bedeckt sein, und ein naher männlicher Verwandter, z.B. ihr Mann, Vater oder Bruder, muss während der Behandlung anwesend sein. Das fließende Wasser schüttet Mas Syarif dann mit einer großen Kelle über die Frau während er aus dem Gedächtnis die Verse aus dem Qur’an rezitiert, die laut den Überlieferungen des Propheten Muhammad, besonders für die Austreibung geeignet sein sollen. Teilweise kann es passieren, dass Mas Syarif in einen Dialog mit dem dschinn tritt, von dem die Person besessen ist und fragt woher dieser kommt und warum er in die Person eingedrungen ist. Es kann dann durchaus passieren, dass die besessene Person in eigenartigen Lauten dem tabib antwortet. Der tabib erklärt dem dschinn dann, dass er die Person wieder verlassen muss und dass er Reue zeigen und zurück auf den rechten Weg gehen soll. Manchmal zeige die Antwort während der Austreibung, dass die Person mit einem Zauber belegt worden sei und der dschinn diesen Zauber ausführe. Mittlerweile kann man sogar auf YouTube muslimische Heiler sehen, die vor laufender Kamera eine Austreibung vornehmen.

Manchmal benutzt der tabib zusätzlich Schwarzkümmelöl und träufelt dieses in die Nase seiner Patienten, da, wie er mir erklärte, dschinn eine Abneigung dagegen haben. Wenn ein Patient oder eine Patientin sich nach dem Einträufeln der Tropfen übergeben muss, dann wird dies als handfester Beweis gedeutet, dass ein dschinn in dieser Person wohnt. Bei der Austreibung mit Wasser kann es vorkommen, dass der tabib zusätzlich bidara-Blätter, Blätter der Indischen Jujube oder Filzblättrigen Jujube, benutzt, da diese eine positive Wirkung auf den Austreibungsprozess haben sollen. Fast alle Patient*innen von Mas Syarif erhalten zusätzlich eine Kompilation von überlieferten Bittgebeten des Propheten Muhammad. In dieser Sammlung von Bittgebeten gibt es zum Beispiel eines, das gesprochen werden soll bevor man die Toilette betritt. Es soll vor den weiblichen und männlichen dschinn, die sich in der Toilette befinden, schützen. Bittgebete, die vor dem Essen oder vor dem Schlafen gesprochen werden, gehören ebenfalls dazu. Diese Bittgebete sind unter der Mehrheit der Muslime bekannt. Die Rückbesinnung und das regelmäßige Lesen dieser Bittgebete sollen den Heilungsprozess unterstützen.

Zauberei und Magie

Zauber und Magie sind extrem sensible Themen im Islam und gelten allgemein als haram – kategorisch verboten. Trotz dieses Verbotes gibt es auch Muslim*innen, die mit Hilfe von dschinn Zauberei und Magie praktizieren oder in die Zukunft schauen. Auch im Qur’an werden die dschinn in Verbindung mit Zauberei erwähnt. Sternschnuppen zum Beispiel sollen demnach die dschinn davon abhalten, zu lauschen, was die Engel in den oberen Himmelssphären besprechen. Die Gegend im Süden von Yogyakarta in Küstennähe ist über die Grenzen Yogyakartas hinaus dafür bekannt, dass man dort sihir praktizieren kann bzw. Möglichkeiten finden kann, mit Hilfe von dschinn reich und erfolgreich zu werden. Das Praktizieren von Zauberei wird als Teil der javanischen Mystik (kejawen/kebatinan Tradition) gesehen. Nach Aussage von mehreren meiner Informant*innen sollen Liebeszauber genauso wie Zauberei aufgrund von Eifersucht und Neid angeblich auch von Muslim*innen in Yogyakarta praktiziert werden. Islamisch gesehen, meint Ibu Salehah, Qur’an-Lehrerin und Verkäuferin von traditionellen islamischen Heilmitteln in Yogyakarta, sei das absolut verwerflich und diese Muslim*innen müssten aufrichtige Reue zeigen und Allah um Vergebung bitten für ihre falschen Taten.

Denkschule beeinflusst Heilungsmethoden

Nach islamischer Glaubenslehre sind dschinn für Menschen unsichtbar. Dasselbe gilt für Engel, welche aus Licht geschaffen sind. Interaktion kann aber, wie oben beschrieben, durchaus vorkommen, unabhängig ob gewollt oder ungewollt. Zum Beispiel kann ein Mensch eine spezielle Beziehung zu einem dschinn durch einen Pakt oder Ähnliches aufbauen. Interessant zu erwähnen ist noch, dass verschiedene Gruppen von Muslim*innen die Behandlungsmethode der Austreibung eher bevorzugen als andere. Die spezielle religiöse Ausrichtung und Denkschule eine*r Muslim*in hat Einfluss darauf, welche Heilungsmethode er oder sie bevorzugt und welchen Platz sie oder er dem Glauben an dschinn und Besessenheit einräumt. Es gibt durchaus auch Muslim*innen, die eine psychologische oder psychiatrische Behandlung einer Austreibung vorziehen und versuchen, das Thema rund um dschinn vollständig zu ignorieren. Das Krankheitsbild einer psychologischen Erkrankung kann den Auswirkungen einer Besessenheit sehr ähnlich sein. Anhänger der Muhammadiyah, zum Beispiel, ziehen es vor, Krankheitssymptome als psychologische Erkrankung zu deuten. Während traditionelle Muslim*inne, aber auch Anhänger*innen der verschiedenen Salafi-Wahhabi Ausrichtungen, Erkrankungen häufiger als kemasukan interpretieren.

Als ich meinem Informanten Herman über das traditionelle javanische Holzhaus (Ind.: joglo), um welches unser Mietshaus herum gebaut wurde, erzählte, wollte er uns unbedingt besuchen kommen. Mit großem Staunen schritt er durch das joglo. Bevor er auf sein Moped stieg, um nach Hause zu fahren, sagte er mir mit flüsternder Stimme, dass er einige Gestalten (Ind.: makhluk) in dem joglo gesehen hätte …

 

Zum Weiterlesen:

Ricklefs, M.C. (2006). Mystic Synthesis in Java: A History of Islamization from the Fourteenth to the early Nineteenth Centuries.

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Wesen des Feuers – Zum Umgang mit dschinn in Yogyakarta

Kambodscha: Geister nehmen vielfältige Rollen in der kambodschanischen Gesellschaft ein. Durch die Körper von so genannten Geistmedien können Personen mit diesen Geistern in Kontakt treten. Die Bevölkerung nutzt diese Praxis, um magische Unterstützung für jede erdenkliche Alltagslage zu erbitten. Auch auf politischer Ebene werden Geister u.a. in Zeremonien zur Legitimation politischer Ämter und als Mittel zur militärischen Verteidigung gegenüber Nachbarländern angerufen.

Geister sind in Kambodscha allgegenwärtig. Während meines einjährigen Forschungsaufenthaltes von 2012 bis 2013 sah ich mich mit wilden Waldgeistern wie arak, aber auch mit als gefährlich definierten weiblichen Geistern wie beisaat und aab, Hindugöttern, die als schützende Patronen verehrt werden und Totengeistern (pret oder khmaoch) [1] konfrontiert. Die populärsten kambodschanischen Geister sind jedoch die neak ta, die als Ortsgeister einer bestimmten Region des Landes zugeordnet werden. Sie stellen oft verstorbene Helden dar, die sich als gefeierte Verteidiger der Gemeinschaft der Khmer verdient gemacht haben. Die Lebzeiten einiger dieser Helden werden in die kriegerische Zeit zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert datiert. Andere wurden auch als Gründer von Dörfern definiert, welche die wilden und bösen Kräfte des Waldes gezähmt hätten.

Geister als soziale Individuen

Geister in Kambodscha sind weit mehr als bloße Symbole. Sie werden als soziale Individuen verstanden, welche die Fähigkeit haben mit der menschlichen Welt aktiv in Austausch treten zu können. Opfergaben richten sich primär an die neak ta um Segnungen und/oder magische Unterstützung zu erbitten. Konkret manifestiert sich die Existenz der Geister für die Menschen in Träumen und Visionen, durch ihnen zugeschriebene Naturphänomenen wie dem Beginn der Regenzeit, und natürlich indem sie Menschen (freiwillig oder unfreiwillig) besetzen.

Ein menschliches Geistmedium (kru boramey) ermöglicht es Individuen in direkten Kontakt mit einem Geist zu treten. Die meisten kru boramey, die ich traf, waren entweder von einem bestimmten neak ta besessen oder wurden indirekt von diesem beraten. Während meiner Feldforschung traf ich Medien und deren Klienten aller sozialen Schichten und Hintergründe, auch Mitglieder der politischen und ökonomischen Elite des Landes. Sie alle interagierten mit Geistern, um Rat zu erfahren, Prophezeiungen zu empfangen, geheilt zu werden oder magische Kräfte zu erlangen.

Die spirituelle Legitimation politischer Macht

Im politischen Diskurs Kambodschas nutzten Anführer seit langem schon Geister zur Legitimation ihrer Position. Da die historische Beanspruchung des kambodschanischen Territoriums unauflösbar mit dem königlichen Anspruch auf Macht zusammenhing [2], fokussierte sich der aktuelle Premierminister Hun Sen darauf, diesen Anspruch innerhalb seines eigenen, bescheideneren Hintergrunds neu zu interpretieren. Seitdem er 1985 Premierminister wurde, arbeitet Hun Sen konsequent daran, seine politische Rolle zu legitimieren, indem er sich selbst als logischen Nachfolger der kambodschanischen königlichen Herrschaft darstellt [3]. Nachdem er im Jahr 1997 den königlichen Vize-Premierminister, Prinz Ranariddh, mit einem coup d’état aus dem Amt verdrängt hatte, reklamierte Hun Sen für sich die Wiedergeburt des Machthabers Sdech Kan zu sein, der im 16. Jahrhundert als Thronräuber bekannt war. Im Laufe der Geschichte verurteilten die neu etablierten Könige den Umsturz der Monarchie durch Sdech Kan. Hun Sen hingegen schreibt ihm die Rolle des Freiheitskämpfers zu, welcher der Welt den Klassenkampf und die Demokratie brachte [4].

Der Premierminister und einige seiner einflussreichen Unterstützer unterstreichen in diesem Zuge zunehmend Hun Sens spirituelle Legitimation als ‚rechtmäßiger‘ Anführer, indem sie verschiedene Verbindungen zu Sdech Kan konstruieren. Beispielsweise fand ein Team staatlich finanzierter Forscher den Heimatort von Sdech Kan in der gleichen Provinz, aus der auch Hun Sen kommt. Es geht so weit, dass Mitglieder der nationalen Elite es als Mittel nutzen Sdech Kan öffentlichkeitswirksam zu ehren – durch die Finanzierung von Statuen, Filme und anderen öffentlichen Handlungen – nicht nur um Hun Sen zu würdigen, sondern auch um ihre Beziehung zu ihm zu stärken [5].

Einen Vorfall bei der Beerdigung von Norodom Sihanouk (Kambodschas letztem machtvollem König) im Jahr 2012 macht die übergeordnete Bedeutung der spirituellen Legitimation in Hun Sens Machterhalt besonders deutlich. Nach der Zeremonie sagte er Journalisten, dass verschiedene Mitglieder der Königsfamilie es nicht vermochten eine Kerze neben dem Körper des toten Königs anzuzünden, während es ihm gelungen sei. Der Premierminister interpretierte dies als spirituelle Bestätigung, er sei von dem royalen Geist König Sihanouks auserwählt worden der rechtmäßige Anführer des Landes zu sein.

Diese Auslegung nicht-royal legitimierter Macht wird von der strategischen Schwächung der Royal Party FUNCINPEC [6] begleitet, welche in den letzten drei Wahlen (2003, 2008 und 2013) keinen einzigen Sitz gewonnen hat. Sam Rainsy, ehemaliger Spitzenkandidat der FUNCINPEC, forderte die Deutungsmuster des Premierministers heraus, indem er den Schutzgeist neak ta kleang moeung für die ihm zugeschriebene Rolle, im 16. Jahrhundert die Monarchie neu etabliert zu haben, pries, da dieser sein Leben opferte, um den Thronräuber zu beseitigen“. Zwar wird Sam Rainsy nicht müde seinen rationalen Anspruch an Politik zu unterstreichen, dennoch erkennt er die Notwendigkeit an, den spirituellen Hintergrund eines potentiellen Anführers zu erfüllen.

Für Hun Sen jedoch scheinen sich die spirituell-geprägten Bemühungen der Machtlegitimation auszuzahlen. Viele Geistmedien erzählten mir der Premierminister könne auch durch einen spirituellen Angriff nicht abgesetzt werden, da er selbst viel spirituelle Macht besäße, wodurch sie jegliche Möglichkeit des Umsturzes durch ihre Praxis ausschlossen.

Diskurse magischer Überlegenheit

Die nationale Identität der Khmer konstituiert sich aus einem komplexen, diskursiven Setting. Ein wesentlicher Deutungsstrang ist die besondere Verbundenheit zur glorreichen Angkor-Zeit, in der Tempel wie Prasat Angkor Wat und Prasat Bayon erbaut wurden. Diese religiösen Heiligtümer werden als nationale Symbole angesehen, die nicht nur das „Khmer Kulturerbe“ stellvertretend für die frühere Architektur und Handwerkskunst veranschaulichen, sondern auch als die physische Manifestierung der magischen Kraft, welche Könige und ihre Brahmanen (baku) bei der Erbauung geholfen hätten. Beeinflusst von kolonialen Narrativen beschreiben Nachbarn wie Thailand oder Vietnam das Land als „rückwärtsgewandt“ und „abergläubisch“. In Kambodscha selbst hat eine zunehmende Anzahl von Geistmedien diese Zuschreibung adaptiert und positioniert ihr tradiertes Wissen in historischer Kontinuität mit der (vorgestellten) Angkor-Zeit.

Diese Verbundenheit zu einer als magisch konstruierten Vergangenheit, in der die Khmer dank spiritueller Vormachtstellung ein Großreich aufgebaut hätten, stellt ein mit Genugtuung reproduziertes Überlegenheitsnarrativ gegenüber den angesprochenen Nachbarländern dar.

Heute wird dieser Diskurs in einer Vielzahl beliebter Erzählungen wiederbelebt: Bienen und Schlangen bissen nur fremde Soldaten, Geister schwächten eindringende Truppen oder machten sie krank, und die kambodschanischen Soldaten und ihre (veralteten) Waffen stärker. Die nahe der Grenze zu Thailand stationierten Soldaten sind dafür bekannt, regelmäßig Geistmedien aufzusuchen und bei ihnen Schutzrituale in Anspruch zu nehmen. Für sie erklären diese Erzählungen, weswegen die gut ausgestatteten thailändischen Truppen mit ihren modernen Waffen bisher nicht einfach in Kambodscha einfallen und die umkämpften Tempel Prasat Ta Moen und Prasat Preah Vihear an sich reißen konnten.

Politiker wie Premierminister Hun Sen gehen noch weiter und beleben durch verschiedene politische Handlungen den Diskurs der magischen Überlegenheit als Bestandteil der nationalen Khmer Identität zusätzlich.

Ritual für Frieden oder spirituelle Überlegenheit?

Am 1. August 2008, kurz nachdem die UNESCO den Tempel Prasat Preah Vihear zum Weltkulturerbe erklärte, führte Bun Rany, die Frau von Premier Hun Sen und Vorsitzende des Roten Kreuzes in Kambodscha, direkt vor dem Tempel ein krung palii Ritual durch. Der Tempel befindet sich an der unmittelbaren Grenze zu Thailand und beide Länder beanspruchen die Zugehörigkeit der Anlage zu ihrem jeweiligen nationalen Territorium. Bereits während des Bewerbungsprozesses gab es politische und militärische Spannungen zwischen den beiden Ländern, welche nach der Erklärung zum Weltkulturerbe und dem von der Frau Hun Sens vollzogenen Zeremonie eskalierten.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass das Ritual krung palii im ländlichen Raum durchgeführt wird, um die Geister der dortigen Erde und des Ortes (neak ta) zu ehren. [7] Für lokale Beobachter war der Unterschied zwischen dem normalen krung palii und dem vom Bun Rany durchgeführten jedoch deutlich: Der 1. August 2008 war ein unheilvoller Tag, da eine partielle Sonnenfinsternis – eine Quelle von Unglück – erwartet wurde. Außerdem könnte die Abhaltung eines krung palii direkt neben einem umkämpften Tempel mit hunderten anwesenden Soldaten leicht als eine Form magischer Verteidigung oder sogar eines Angriffs verstanden werden. Als Vorbereitung darauf forderten die nationalistisch getriebenen thailändischen Medien ihre Anhänger auf, gegen den spirituellen Angriff der „Khmer Zauberer“ zu beten, und ihre gelben T-Shirts – die Farbe des damaligen thailändischen Königs Bhumibol Adulyadej – zu tragen, „um den kambodschanischen Fluch zu durchbrechen“.

Dass Bun Rany der Durchführung einer spirituellen Attacke beschuldigt wird sollte nicht verwundern – die spirituellen Praktiken der Khmer werden in der thailändischen Vorstellung allgemein als eine maliziöse, schwarze Magie angesehen [8]. Indem Bun Rany das Ritual abhielt, bestärkte sie diese Zuschreibung, ohne andere, ungefährliche Erklärungen auszuschließen. Diese Mehrdeutigkeit des Rituals wurde vom kambodschanischen Tourismusminister Thong Khon verdeutlicht, indem er betonte, dass es eine Chance sei „die Seelen unserer Vorfahren anzubeten um Frieden zur erbitten“, um gleichzeitig bedeutungsvoll hinzuzufügen: „aber wir beten auch für den Erfolg der Verteidigung unseres Territoriums“ [9]. In den nachfolgenden Wochen kam es immer wieder zu Zusammenstößen der militärischen Truppen beider Länder. In diesem Zuge untermauerten kambodschanische Vertreter die friedvolle Interpretation des Rituals, während die Soldaten beider Seiten es als eine Form magischer Verteidigung und sogar eines Angriffs wahr nahmen.

Ein privates Ritual zur magischen Verteidigung

Im Rahmen meiner Forschung wohnte ich einem großen Geister-Ritual in Poipet, nahe der thailändisch-kambodschanischen Grenze, bei. Es war die Nacht vor dem angekündigten larn neak, einem Ritual zur Lobpreisung der neak ta, im Haus eines Grenzpolizisten und seiner Frau. Das Ehepaar, beides einflussreiche Geistmedien in der Region, zählt hochrangige Polizisten und Militärvertreter zu seinen Klienten. An diesem Abend versammelten sich mehrere Geistmedien um einen großen Geisterschrein (beysei) im ersten Stock des Hauses und bereiteten die bevorstehende Zeremonie vor. Einige Gäste waren bereits eingeschlafen, als um 23 Uhr der Vizeminister einer kambodschanischen Provinz, ein gerade erst in die Position beförderter Militärbeamter, zur Versammlung der Geistmedien stieß [10]. Ungeduldig forderte er ein, zum Geist neak ta kleang moeung zu sprechen, dem bereits erwähnten neak ta, der sein Leben zum Schutz des Landes geopfert hatte. Das Medium, eine Frau mittleren Alters, wirkte eingeschüchtert von der Forderung des neak thom (wörtlich: „große Person“, Mitglied der Elite). Alle Geistmedien, die noch wach waren, versammelten sich um den Schrein und baten den Geist eindringlich, im Körper der Frau zu erscheinen. Der Geist kam dieser Einladung für ungefähr 30 Minuten nicht nach. Als er schließlich in den Körper des Mediums eintrat, verblieb er still. Augenscheinlich nicht damit vertraut, dass seiner Forderung nicht nachgekommen wird, veränderte sich die Gemütslage des Vizeministers von einem Moment auf den anderen. Zunächst versuchte er, den Geist mit Charme zu überzeugen, dann mit Wut, dann mit unterwürfigem Betteln und zuletzt mit der Versprechung einer großen Geldsumme im Austausch für seine Hilfe. Um den Geist von der Dringlichkeit der Sache zu überzeugen, flehte der Politiker: „Die thailändischen Truppen planen im nächsten Monat einen schwerwiegenden Angriff auf unser Land. Neak ta, bitte, sie haben moderne Waffen. Neak ta, bitte, hilf uns unser Land zu verteidigen!“

Da der Geist sich auch innerhalb der nächsten Stunde weigerte zu sprechen, fragten die anderen Medien ihre eigenen Geister nach einer Erklärung. Gegen ein Uhr nachts konnte einer dieser Geister berichten, dass neak ta kleang moeung eine spezielle Art „antiker Musik“ (pleeng boran) zur Kontaktaufnahme brauche; nur mit den Klängen dieser Musik würde er mit dem Vizeminister der Provinz sprechen. Der neak thom rief sofort seine Mitarbeiter an und wies sie an herauszufinden was für eine Art Musik dies sei. Um den Geist zu zufrieden zu stellen, versprach er ihm weitere larn neak ta Zeremonien zu finanzieren und verschiedene Arten von Musik auszuprobieren.

Er sollte sein Versprechen halten. In den folgenden drei Monaten wohnte ich drei weiteren larn neak ta Ritualen in diesem Haus bei, eine ungewöhnliche Häufigkeit für ein sonst jährlich stattfindendes Ereignis. Ich sah, wie der Politiker sich an verschiedenen Teilen des Rituals beteiligte, was beispielsweise beinhaltete, das Gastgeberpaar in einer Sänfte um den bey si herum zu tragen. Außerdem spendete er in einem verdienstreichen Ritual den bedürftigen Menschen der Umgebung Reis.

Nach insgesamt vier Zeremonien und nachdem der Vizeminister einiges an Geld und Zeit investiert hatte, schien der Geist (der weiterhin nicht sprach) zufrieden gestellt, denn auf der letzten Zeremonie verkündeten die Geistmedien stolz, dass sie einen neuen Ausbruch von Gewalt zwischen Kambodscha und Thailand mit ihren magischen Ritualen verhindert hätten.

Spirited politics – mehr als nur Symbolpolitik

Diese Beispiele der „spirited politics“ [11] in Kambodscha untermalen, dass Geistern in diesem Land alles andere als eine bloß vage oder symbolische Bedeutung zukommt. Stattdessen verhandeln Mitglieder der politischen Elite sowie gewöhnliche Bürger politische Prozesse jeglicher Art mit Geistern und begründen ihre Entscheidungen mit der Reaktion des jeweiligen Geistes.

Die hier genannten Beispiele der öffentlichen Debatten über die politische Legitimation des Premierministers, dem Narrativ der magischen Überlegenheit gegenüber den Nachbarländern oder der spirituellen Verteidigung der Landes verdeutlichen die angenommene Wirkung von Geistern.

Übersetzung aus dem Englischen von: Tamara Bülow

 

Quellenverweise:

  • [1] Es gibt nicht so viele Geister der Toten, wie man erwarten könnte, wenn man das Konzept der „rastlosen“ Geister der Toten (bspw. in Vietnam, siehe Kwon 2008) und die circa 1.7 Millionen Opfer der Khmer Rouge Ära (zwischen 1975 und 1979) miteinander kombiniert. Diese Geister gelten nach der Lehre des kambodschanischen Theravada-Buddhismus – anders als in Vietnam – bereits als wiedergeboren.
  • [2] Thompson, A. 2004. The Suffering of the Kings. Substitute Bodies, Healing, and Justice in Cambodia. In: J. A. Marston and E. Guthrie (eds.): History, Buddhism, and New Religious Movements in Cambodia. Honolulu: University of Hawai’i Press, pp. 91–112.
  • [3] Es gibt deutliche Parallelen zu den Anführern des burmesischen Militärs (siehe Schober, J. 2005. Buddhist Visions of Moral Authority and Modernity in Burma. In: M. Skidmore (eds.): Burma at the Turn of the 21st Century. Honolulu: University of Hawaii Press, pp. 113–132 sowie Min, Z. 2001. The Power of Hpoun. Sogar im kommunistischen Laos beansprucht die herrschende Lao People’s Revolution Party der legitime Nachfolger ausgewählter ‚patriotischer‘ Könige der Vergangenheit zu sein, obwohl sie den letzten König von Laos, Sisavang Vatthana, in einem Umerziehungslager haben sterben lassen (siehe Evans, G. 2009. The Last Century of Lao Royalty: A Documentary History. Chiang Mai: Silkworm sowie Tappe, O. 2013. Facets and Facets of the kantosou kou xat – The Lao ‘National Liberation Struggle’ in State Commemoration and Historiography. Asian Studies Review 37.
  • [4] Norén-Nilsson, A. 2013. Performance as (Re)Incarnation: The Sdech Kân Narrative. In: J. Southeast Asian stud. 44 (01): 4–23.
  • [5] Für Hintergrundinformationen zu Statuen von Sdech Kan, die ähnliche Gesichtszüge wie Hun Sen haben, siehe Norén-Nilsson (2013). Um mehr über die Produktion des teuersten, je in Kambodscha produzierten Films zu sehen, der von Ly Yong Phat, einem Tycoon aus Hun Sens Zirkel der Privilegierten, finanziert wurde, siehe: Phnom Phen Post vom 09.01.2016
  • [6] Front Uni National pour un Cambodge Indépendant, Neutre, Pacifique, et Coopératif.
  • [7] Es gibt mindestens drei sich überlappende Konzepte der Geister der Erde, wie preah thorani (oder neang kongheng), krong bali, und preah phum (siehe Guthrie 2004; Leclère 1898).
  • [8] Baumann, B. 2015. The Khmer Witch Project. Demonizing the Khmer by Khmerizing a Demon. In: DORISEA Working Paper 19/2015 sowie Pasuk, P. and C. Baker. 2008. The Spirits, the Stars, and Thai Politics. Lecture, Siam Society. Bangkok, 02.12.2008
  • [9] Auf Khmer erschienen in Rasmei Kampuchea Newspaper (រស្មីកម្ពុជា) am 01.08.2008
  • [10] Zum (von mir zugesicherten) Schutz seiner Identität werden nicht mehr Informationen gegeben.
  • [11] Lauser, A. and K. Endres (eds.). 2011. Engaging the Spirit World. Popular Beliefs and Practices in Modern Southeast Asia. New York: Berghahn Books sowie Willford, A. C. and George, K. M. (eds.). 2005. Spirited Politics. Religion and Public Life in Contemporary Southeast Asia. Cornell University. Ithaca, N.Y.: Southeast Asia Program (Studies on Southeast Asia, 38)

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Wesen des Feuers – Zum Umgang mit dschinn in Yogyakarta

Südostasien: Der Umgang mit Geistern wird von jenen, die sich modern nennen, oft verächtlich gemacht: als angst-besetzt, als hinterwäldlerisch, als rückwärts gewandt. Dennoch bietet Animismus gegenüber Modernisierungs-Doktrinen oder Weltreligionen den Vorteil, dass er sich an der lokalen Alltagswelt der Menschen orientiert. Denn es geht dabei um Dialog statt um Indoktrination.

 

Menschen, die mit Geistern Umgang pflegen, haben es nicht leicht. Man wird für abergläubisch und rückwärts gewandt gehalten von Leuten, die an Wissenschaft, Fortschritt oder eine der so genannten Weltreligionen glauben. Wer es mit Geistern hält, so heißt es, lebt in steter Angst. Ein gütiger Gott, ein Schub Wissenschaft oder ein wenig Vernunft würde die Geistergläubigen demnach aus ihrer vermeintlichen Umnachtung rasch befreien.

Doch die Geister sind hartnäckig. Besonders in Südostasien sind sie allgegenwärtig. Im multiethnischen Laos beispielsweise hat laut Volkszählung ein knappes Drittel der Bevölkerung keine andere Religion als die der Geister. Aber auch Anhänger des Buddhismus und anderer Religionen zollen ihren Ahnen oder den unsichtbaren Bewohnern ihrer Umwelt Respekt. Kleine Häuschen mit Blumen oder Speisen, diskrete Opfergaben am Wegesrand aber auch aufwändige Rituale zeugen von der fortgesetzten Aufmerksamkeit, die ihnen gilt. Geistermedien, viele davon Frauen oder Transgender-Personen, vermitteln zwischen ihren Kunden und den Unsichtbaren, um Krankheiten zu heilen oder Unglück abzuwenden. Über hundert Jahre westlichen Einflusses vermochten daran nichts Wesentliches zu ändern. Selbst frühere Versuche, die aus der Region selbst kamen, scheiterten. Schon im 16. Jahrhundert versuchte der laotische König Photisarat, ein strenggläubiger Buddhist, die Geisterkulte zu verbieten – ohne Erfolg.

Vielleicht ist am Umgang mit Geistern, der häufig mit dem Wort Animismus bezeichnet wird, mehr dran als zählebige Verblendung und Fortschritt hemmende Tradition. Das Phänomen hält sich möglicherweise aus guten Gründen. Ohnehin bietet der Animismus keine einheitliche Erscheinung. Der Begriff ist vielmehr ein Sammelbecken für recht unterschiedliche Praktiken, die sich auf die Geister der Verstorbenen wie auf die der Umwelt beziehen, auf Beseelung von Objekten und auf die Steuerung unsichtbarer und unpersönlicher Kräfte im Ritual. Blickt man jedoch auf die Vorteile, die der Animismus in Südostasien bietet, lässt sich eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten in der Vielfalt finden – Gemeinsamkeiten, die jedoch wiederum Unterschiede hervorbringen. Ich beziehe mich vor allem auf meinen Forschungsschwerpunkt, das südostasiatische Festland, und besonders das Hochland von Laos.

Religion ohne Doktrin

Vergleicht man animistische Praktiken mit den Weltreligionen, so fällt ein Unterschied gleich ins Auge. Animisten ziehen nicht in die Welt, um zu verkünden, dass sie im Besitz der einzig wahren Lehre sind und alle anderen nichts als Götzendiener. Sie führen auch keine Kriege, weil ihr Umgang mit den Geistern von dem ihrer Nachbarn abweicht. Das macht Animisten zwar nicht zu Pazifisten. Die Manipulation von schädlichen Geistern, Flüche und Magie bieten zahlreiche Möglichkeiten, den Nachbarn zu schaden oder sich von diesen geschädigt zu fühlen. Aber um Glaubensfragen geht es bei diesen Konflikten nicht.

Christentum, Islam und Buddhismus hingegen nehmen an, dass sie für alle Menschen gelten, und zwar ausschließlich. Wer Moslem ist, kann nicht zugleich Christ sein. Wer Christ ist, verpflichtet sich zu einem bestimmten System von Ritualen und muss die anderen meiden. Animisten verstehen so etwas nicht ohne weiteres. Die Ethnologin Krisna Uk berichtet von den Jora, einer traditionell animistischen Ethnie im Hochland Kambodschas, dass sie die Lehren des Christentums zwar hochinteressant finden, aber nicht ganz einsehen, warum sie daneben nicht ihre Ahnen versorgen sollen. Gott geht für sie in Ordnung, aber nicht seine Eifersucht. Deborah Tooker ebenfalls Ethnologin, begegnete in Thailand Akha, die zum Christentum konvertierten, weil die Rituale, die ihre eigene Kosmologie ihnen auferlegte, zu teuer wurden. Wenn sie das Geld beisammen hatten, wurden sie wieder Animisten.

Animismus als Pluralismus

Der Animismus in Südostasien widerstrebt der festgelegten Doktrin. Die Rituale und Praktiken unterscheiden sich nicht nur von Gesellschaft zu Gesellschaft. Jedes Dorf führt sie ein wenig anders durch. Warum auch nicht? Die Geister gehören in der Regel zu zwei Klassen – Verstorbene und Vorfahren einerseits, Geister der Erde und des Ortes andererseits. Beide sind spezifisch. Jedes Dorf, jedes Nachbarschaft hat andere Geister. Warum, so argumentieren Südostasiaten, sollten dann die Gebräuche überall dieselben sein?

Denn die genaue Form der Rituale ergibt sich nicht zuletzt aus der Praxis. Die Bedürfnisse und den Charakter der Geister kennt man nicht von vornherein. Bei den Rmeet in Laos ist das leicht erkennbar. Wie mir die Experten für die jährlichen Dorfrituale dort erklärten, existiert der Schutzgeist eines Dorfes noch nicht, wenn es neu gegründet wird. Er entsteht erst mit dem Wachstum der Siedlung. Irgendwann erfasst eine Welle von Krankheiten das Dorf – und diese Krankheiten, das gilt es zu deuten, sind Botschaften des neu entstandenen Schutzgeistes, der ein Tieropfer fordert. Ein Mann, der die Bräuche kennt und dem Geist den nötigen Respekt abverlangen kann, wird bestimmt, die Opfer im Rahmen eines rauschenden Festes zu vollziehen. Künftig führt er diese Rituale jährlich durch. Hat das den erwünschten Effekt, entsprach das Opfer den Erfordernissen des Geistes. Lag man daneben, wird es auf andere Weise wiederholt. Mit diesem Vorgehen lernen Mensch und Geist sich im Laufe ihrer Beziehung besser kennen. Auf diese Weise entstehen Unterschiede zwischen den Dörfern.

Dieser Animismus macht solche Unterschiede erwartbar. Er basiert auf Dialog, nicht auf Indoktrination. Die Ritualisten nutzen vergangene Erfahrungen und Wissen jeder Art, um zu ermitteln, mit welcher Art von Geist sie es zu tun haben. Ihr Vorgehen ähnelt dem der Experimentatorin, die mit bekannten Prozeduren das Unbekannte erforscht. Sie stützen sich auf die Tradition, klammern sich aber nicht daran.

Dazu kommt, dass viele der animistisch orientierten Gesellschaften Südostasiens niemals Staaten gebildet haben. Politische Autorität ist ihnen nicht fremd, aber in ihren Gemeinschaften konnten sie immer wieder die Erfahrung machen, wie instabil diese sein kann. In ihrem religiösen Leben ist es nicht anders. Niemand verfügt über unhinterfragbare Autorität. Oft habe ich beobachtet, wie die Rmeet während eines Rituals lebhaft debattierten, wie es korrekt durchzuführen sei. Der Kosmos beruht nicht auf unverrückbaren Gesetzen, sondern verfestigt sich erst im Gespräch. Dieses Gespräch umfasst die menschlichen wie die nicht-menschlichen Akteure. Die Geister reden mit – mal durch den Mund von Medien, mal indem sie Krankheiten und Unglück verursachen oder verhindern.

Im Gespräch mit der Natur

Diese symmetrischen Beziehungen haben noch eine andere Folge – eine gewachsene Aufmerksamkeit für die natürliche Umwelt. Der alte Begriff Animismus erlebt in den Geisteswissenschaften gegenwärtig eine Renaissance, und das hängt nicht zuletzt mit der ökologischen Krise zusammen. Die Unterscheidung von Natur und Kultur im Denken der Neuzeit erweist sich zunehmend als Problem, als die ideologische Seite der Zerstörung der Ökologie. Der Blick auf andere Gesellschaften, die diese Trennung nie – oder zumindest in ganz anderer Weise – vorgenommen haben, verspricht deswegen Alternativen aufzuzeigen, wie Mensch und Umwelt miteinander umgehen können. In der heutigen Debatte in Disziplinen wie Ethnologie, Archäologie oder Wissenschaftssoziologie bezeichnet Animismus daher nicht einfach den Glauben an die Beseelung aller Dinge. Vielmehr umreißt er Systeme von Beziehungen, in denen nicht nur Menschen handelnde Personen sein können, sondern auch Geister, Tiere, Pflanzen, selbst Teile der Landschaft oder Gegenstände. Leben ist aus animistischer Sicht nicht allein auf das Biologische beschränkt.

Die Grenze, die das moderne Denken zwischen der Gesellschaft und ihren von Menschen gemachten Regeln einerseits und der Natur, die von unumstößlichen Gesetzen beherrscht wird, andererseits zieht, ist hier nicht von Bedeutung. Das heißt nicht, dass Animisten keine Unterschiede machen. Mit Geistern geht man anders um als mit Menschen. Aber eine umfassende Vorstellung von Kommunikation prägt die Beziehungen zwischen Menschen und Nichtmenschen. Wenn der Wald der Lebensraum der Geister ist, kann man ihn nicht nach Bedarf abholzen. So fand der Ethnologe Nikolas Århem bei den Katu an der laotisch-vietnamesischen Grenze ganze Bergwälder, die unter dem Schutz desselben Geistes stehen, der das moralische Verhalten der Dorfbewohner beaufsichtigt. Hier darf man nur mit Vorsicht fällen und jagen. Die Vorstellungen der Katu sind zwar nicht die von modernen Umweltschützern – ihr Effekt ist jedoch der gleiche.

Politisierung des Animismus

Allerdings: In dieses Verständnis des Animismus mischt sich eine gute Dosis Romantik, ein durchweg modernes Bild von guten „Naturvölkern“, die die Umwelt besser zu schützen wissen als Wissenschaftlerinnen und Wirtschaftsbosse. In seiner einfachen Version ist dieses Bild gewiss eine Verzerrung der indigenen Wirklichkeit. Aber vielleicht ist es gar nicht so fehl am Platze – gibt es doch den Indigenen der Welt ein Mittel in die Hand, mit dem sie dem Zugriff auf ihr Land und der Herabwürdigung ihrer Lebensweise etwas entgegen setzen können. Diese Politisierung des Animismus hat nichts Unauthentisches. Vielmehr regeln die Animisten mit den Beziehungen zu den Geistern und Tieren zugleich ihre Beziehungen zu Staaten und Firmen.

Doch die Idee des indigenen Umweltschützers funktioniert nicht immer. Timor Leste, der jüngste Staat Südostasiens, hat seine religiöse Identität in einer Kombination aus Katholizismus und Animismus gefunden. Deswegen gehört er zu den wenigen Ländern, die animistische Rituale staatlich fördern. Das geschieht zuvorderst zum Zweck des Umweltschutzes. Über schützenswerte Wälder und Landschaften werden rituelle Verbote verhängt, um die dort ansässigen Geister nicht zu stören. Doch wie die Ethnologin Lisa Palmer schreibt, oft blieb der erhoffte Effekt aus – die Timoresen bedienten sich weiterhin an den natürlichen Ressourcen. Vielleicht hatte die Regierung allzu sehr darauf vertraut, dass das Leben der Indigenen von „ehernen Stammesgesetzen“ beherrscht wird. Tatsächlich taten die Menschen nichts anderes als in anderen Teilen Südostasiens – sie vertrauten darauf, dass die Geister sich schon melden würden, wenn ihnen etwas nicht passt. Geister sind nicht wie Naturgesetze. Man kann mit ihnen verhandeln, und sie verhalten sich nicht immer gleich. Hier reiben sich ein modern-westliches Konzept von Umweltschutz, das auf Naturgesetzen beruht, und eine animistische Vorstellung von Achtsamkeit und Verhandlung aneinander.

Die Last der Geister

Doch der Umgang mit Geistern kann auch anstrengend werden. Animismus ist nicht billig. Zwar muss man keine Kathedralen bauen, aber bei jeder Krankheit ein Schwein oder gar einen Büffel zu opfern liegt einem ländlichen Haushalt schwer auf der Tasche. Dazu kommen die stets komplexer werdenden Regeln. Jede Verhandlung, jede Erfahrung mit den Geistern führt möglicherweise zu einem neuen rituellen Verbot. Als ich bei den Rmeet ein kleines Zimmer im Haushalt einer Familie bezog, sagte mein Gastvater mir, früher hätte ich nicht Schreibmaschine schreiben oder mich mit Mückenschutz einreiben können – der Hausgeist sei in der Vergangenheit weitaus kleinlicher gewesen als heute.

Irgendwann in der Geschichte der Rmeet muss es demnach eine Phase gegeben haben, in der sich die Tabus anhäuften, eine Zeit, in der es den Rmeet ebenso plausibel erschien, stets neue rituelle Regeln einzuführen, wie es den Modernen unvermeidlich erscheint, sich immer weiteren bürokratischen Vorschriften zu unterwerfen. Keiner erinnert sich daran, wie diese Regeln zustande gekommen sind, aber irgendwann wurden sie auch den Gewissenhaftesten zur Last. Heute sprechen die Rmeet davon, durch Reisen und Vergleiche gelernt zu haben, dass es mit weniger Verboten auch geht.

Ähnliches berichteten die Kelabit in Sarawak dem Ethnologen Matthew Amster. Die geschärfte Aufmerksamkeit der Animisten zeigt sich nicht zuletzt in stets neuen Einschränkungen. Die Umwelt ist voller Botschaften, die der Deutung bedürfen. Jeder Vogelruf kann eine Warnung der Geister sein. Unter solchen Bedingungen werden einfache und radikale Lösungen attraktiv. Die Konversion zu einer Weltreligion gehört dazu. Mit Jesus Christus glauben viele Animisten, den stärksten Geist auf ihre Seite gezogen zu haben. Dass es sich dabei nicht um eines ihrer üblichen Experimente handelt, ist manchen jedoch nicht ganz klar. Das Gespräch, durch das die Welt zustande kommt, ist damit beendet. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften, die im Animismus normal sind, sehen nun wie Abweichungen von der Wahrheit aus.

Der Buddhismus zeigt sich in mancher Hinsicht flexibler. Buddhisten in Laos wenden sich auch weiter an die Geister, gehen aber davon aus, dass die buddhistischen Praktiken ihnen dabei den Rücken stärken. So geht es den Loven im Süden des Landes. Noch vor wenigen Jahrzehnten eine ausschließlich den Geistern verpflichtete Gesellschaft, wenden sie sich zunehmend dem Buddhismus zu. Früher, erzählte mir einer ihrer Ritualexperten, wären die Geister von Vater und Mutter im Haus gewesen, und ständig hätten sie dessen Bewohner krank gemacht, wenn sie Hunger hatten. Heute hingegen gehen Vater und Mutter in den Tempel, wo die Mönche ihnen zu Essen geben – denn Geschenke an die Mönche gehen unverzüglich an die Toten. Mit dem Buddhismus haben die Loven offenbar eine für sie wirksamere Form des Animismus gefunden.

Der Druck des Staates

Doch dieser Wandel findet nicht ohne staatlichen Druck statt, und auch das kennzeichnet Südostasien. Wie andere Staaten der Region erkennt auch Laos Animismus nicht als legitime Religion an und verweigert Dörfern ohne buddhistische Tempel staatliche Auszeichnungen. Ein guter Thai, ein guter Laote ist demnach Buddhist. Die anderen müssen noch entwickelt werden. Wenn die Loven sich den Buddhismus aneignen, dann auch, um sich mit ihrer Regierung besser zu stellen.

Denn wie die Wissenschaft, wie die Weltreligionen glaubt sich der moderne Staat mit seinem Sinn für Entwicklung und Fortschritt im Besitz der Lehre, die alle glücklich macht. Wenn aber jemand, der seine Positionen nicht verhandeln kann und will, auf jemanden stößt, der unentwegt verhandelt, zieht der zweite oft den Kürzeren. So sieht sich der Animismus mit seiner Flexibilität und Offenheit konfrontiert mit Staaten, die ihn nicht mit Fortschritt vereinen wollen, mit einer Wissenschaft, die ihn für unbeweisbar hält, mit Religionen, die ihn als Aberglauben behandeln, und einer Marktlogik, die in ihm nur Verschwendung von Ressourcen sieht.

Gerade die Stärke des Animismus wandelt sich hier –aus moderner Perspektive- in eine Schwäche. Aber, wie gesagt, die Geister sind hartnäckig. In Thailand nehmen die Spenden an buddhistische Einrichtungen stetig zu – gleichzeitig florieren in den Städten Geisterverehrung und Medien. Vietnam erlebt seit Ende der sozialistischen Planwirtschaft ein rasantes Wiedererstehen von Geister- und Götterkulten, die der Staat sogar als Kulturerbe fördert. Selbst strenggläubige Muslime in Aceh oder Bima in Indonesien räumen die Existenz von Djinni ein – immerhin ist selbst im Koran von ihnen die Rede. Vielleicht kommt ihnen allen ein Kosmos, der allein den strengen Regeln von Schriftreligion und Wissenschaft gehorcht, eine Welt ohne Dialog von Mensch und Nichtmensch letztlich doch unbewohnbar vor.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


3 | 2018, Indonesien,
Autor*in:

Wesen des Feuers – Zum Umgang mit dschinn in Yogyakarta

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3 | 2018, Indonesien,
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Wesen des Feuers – Zum Umgang mit dschinn in Yogyakarta

Deutschland/Vietnam: Wie ein buddhistisches Ritual an Zwangsabtreibungen in der DDR erinnert und Raum zum Trauern schafft.

Die ehemalige Gastarbeiterin Quách Thị Hoa veröffentlichte 1990 in der südostasien einen offenen Brief. In eindringlichen Sätzen schilderte sie, wie vietnamesische Frauen in der DDR (Deutschen Demokratischen Republik) gezwungen wurden, ihre Schwangerschaften abzubrechen oder vorzeitig in ihr Heimatland zurückzukehren. „Uns wurde unmissverständlich klargemacht, dass Intimbeziehungen zwar als normal angesehen werden, wir jedoch unter keinen Umständen schwanger werden durften. Schwangere Frauen wurden unverzüglich nach Vietnam zurückgeschickt. Diese Bestimmung schwebte wie ein Damoklesschwert über unserem Schicksal.“

Mit diesem Brief rückte Hoa eine Geschichte ins Licht, die lange Zeit unsichtbar war. Die systematische Kontrolle der Körper vietnamesischer Vertragsarbeiterinnen durch die Behörden der DDR, gefördert und gebilligt von der sozialistischen Regierung in Hà Nội. Der Brief machte öffentlich, wie Frauen in den 1980er Jahren in der DDR zwischen zwei repressiven Systemen aufgerieben wurden: Auf der einen Seite drohte das Stigma in Việt Nam, wenn sie unverheiratet mit Kind zurückkehrten. Auf der anderen Seite standen die Betriebe und Behörden der DDR, die bei einer Schwangerschaft oftmals die sofortige Rückreise einleiteten – auf eigene Kosten.

Viele dieser Frauen kehrten nach dem Ende der DDR Anfang der 1990er Jahre nach Việt Nam zurück, oft belastet von mehrfachen Schwangerschaftsabbrüchen und den psychischen Folgen dieser Zwangsabtreibungen. Wer in Deutschland blieb, baute sich hier eine Existenz auf, schwieg aber oft weiterhin über das Erlebte. 40 Jahre nach dem Erscheinen von Hoas Brief beschreibt unser Autor ein Heilungsritual, mit dem Raum geschaffen wird für das Leid, das zuvor unsichtbar blieb.

Das Ritual der ungesagten Worte

Zwischen Plattenbauten, inmitten eines grauen Gewerbegebiets in Berlin-Lichtenberg, liegt in einem alten Pförtnerhäuschen die Phổ-Đà-Pagode. Lediglich das geschwungene Dach und ein kleiner geschmückter Vorhof deuten darauf hin, dass es sich hier nicht mehr um ein gewöhnlichen Industriekomplex, sondern einen religiösen Ort handelt.

Betritt man die Pagode, steigen einem sofort der Duft von Räucherstäbchen und gekochtem Klebreis in die Nase. Die Wände sind geschmückt mit goldenen Buddha-Statuen. Auf dem Ahnenaltar thronen die Fotos der Verstorbenen der Gemeinde.

Während offizielle Gedenkveranstaltungen oft auf nüchternen Podien stattfinden, ist diese Pagode ein Ort verschiedenster Sinneseindrücke. Hier finden nicht nur Andachten und Gemeindezusammenkünfte statt, sondern auch aufwendige Zeremonien, in denen die Pagodengemeinde Rituale für Verstorbene durchführt. Eines dieser Rituale ist das „Lễ Câu Siêu Thai Nhi Sản Nạn“, eine Gedenkzeremonie für ungeborene Kinder, die durch Abtreibung oder Totgeburt das Licht der Welt nicht erblicken konnten.

Jede Papiertafel symbolisiert ein totes Kind

„Wir wollten einen Raum schaffen, in dem Mütter und Väter ihre Trauer zeigen können“, erklärt der leitende Mönch der Pagode, Thích Pháp Nhẫn, der von allen nur respektvoll thây, also Lehrer genannt wird. Um ihn herum bereiten freiwillige Helfer:innen den Altar für diese besondere Zeremonie vor, in dem sie kleine Fläschchen mit Babymilch, Spielzeug und Schalen mit Speiseopfern aufstellen. Daneben leuchten Kerzen und Räucherstäbchen, deren Rauchschwaden sich wie Schleier über kleine Abbilder aus Papier legen — jede symbolisiert ein totes Kind. Der Altar, der extra für diesen Anlass aufgebaut wird, erstrahlt in warmem Kerzenlicht. Darauf thronen rund 120 Papiertafeln. Auf einigen Tafeln ist ein Name notiert, auf anderen nur ein Datum. In einer feierlichen Prozession werden buddhistische Texte rezitiert und abschließend die Papiertafeln verbrannt.

Viele der anwesenden Frauen und Männer sind bereits im Rentenalter, manche begleitet von ihren erwachsenen Kindern. Sie alle haben ihre ganz eigenen Geschichten. Doch an diesem Tag verbindet sie eine geteilte Trauer. Das Ritual schafft einen Raum für Gefühle, die in vielen Fällen jahrzehntelang verborgen blieben.

Von Việt Nam in die DDR

Um zu verstehen, warum dieses Ritual eine so besondere Bedeutung hat, braucht es den Blick in die Vergangenheit: In den 1980er Jahren holte die DDR tausende junge Vietnamesinnen und Vietnamesen als sogenannte ausländische Werktätige ins Land. Offiziell stärkten sie die ’sozialistische Bruderschaft‘ zwischen beiden Ländern. In der Praxis benötigte die DDR billige Arbeitskräfte für Textilfabriken und andere Industriebetriebe. Dabei wurde das Leben der vietnamesischen Werktätigen auf strengste kontrolliert: Geschlechtsgetrennte Unterbringungen in eigenen Wohnblöcken, Bespitzelung durch Stasi (Ministerium für Staatssicherheit) und Vertreter:innen der vietnamesischen Botschaft, Kontaktverbot zur ostdeutschen Bevölkerung.

Zwar galten die ostdeutschen Behörden im Vergleich zu westlichen Regierungen als aufgeschlossen gegenüber berufstätigen Frauen, doch diese Offenheit endete für ausländische Werktätige bei Schwangerschaft und Familienbildung. So wurde den vietnamesischen Arbeiterinnen sehr früh klargemacht, dass eine Schwangerschaft als Arbeitshindernis galt, welches strikt zu vermeiden war. Die DDR-Betriebe und der vietnamesische Staat duldeten kaum Schwangerschaften, denn sie galten — nach äußerst kapitalistischer Verwertungslogik — als produktivitätsmindernd und waren damit unerwünscht. Wer schwanger wurde, stand vor einer grausamen Wahl: Abtreibung oder Abschiebung.

Räucherstäbchen und Reuegebete

Die Zeremonie beginnt schon Tage zuvor mit der Rezitation eines traditionellen Sutras („Tụng Lương Hoàng Sám“), das zur spirituellen Reinigung dient und die Gemeinde auf die Gedenkfeier vorbereiten soll. Am Tag des eigentlichen Rituals versammeln sich alle Teilnehmenden im Hauptraum der kleinen Pagode. Das Reuegebet („Sám Hôi“) erklingt und schafft eine berührende Atmosphäre. Die Stimmen der Gläubigen verweben sich mit dem stetigen Takt einer kleinen Trommel, hin und wieder wird ein Gong geschlagen. In einem der Gebetstexte, der von einem Mitglied der Gemeinde vorgetragen wird, heißt es sinngemäß:

„Ich nahm dir das Leben, noch ehe du Gestalt annahmst, obwohl du mein eigenes Kind warst, habe ich dich abgeschnitten von meinem Herzen. […] Mögest du uns diese karmische Verstrickung verzeihen, uns vergeben und die alten Feindschaften lösen, auf dass du in eine höhere Existenzebene eingehen kannst.“

Während des Vortrags senken viele ihre Köpfe, andere halten die kleinen Papierbildnisse schützend vor ihre Brust, als ob sie das verlorene Kind nun endlich umarmen könnten. Manche lassen ihren Tränen freien Lauf, andere schluchzen leise. Der Raum ist erfüllt von einer Mischung aus Schmerz, Scham und vorsichtiger Erleichterung, endlich darüber sprechen und trauern zu dürfen.

Nach dem Vortrag beginnt das Klagen von „Xin Đừng Bỏ Con Mẹ Ơi“ („Bitte verlass mich nicht Mama“) im Hintergrund zu ertönen, ein Lied, in dem die Stimme eines Kindes die Mutter anfleht, es nicht abzutreiben. Diese Worte, teils flehend, teils bittend, treffen tief ins Herz vieler Anwesender. Ein Schluchzen geht durch die Reihen, Taschentücher werden gereicht. Als das Lied endet, herrscht für einen Moment andächtige Stille, die nur vom leisen Summen der Lüftung unterbrochen wird. Dann ertönt ein letztes Mantra, bevor die Anwesenden in den Vorgarten der kleinen Pagode gehen.

Reinigung durch Feuer und die Kraft der Gemeinschaft

Der Höhepunkt der Zeremonie ist das rituelle Verbrennen der Papiertafeln. In großen, feuerfesten Gefäßen werden sie nacheinander ins Feuer gegeben, begleitet von Gebeten und dem Klang kleiner Glocken. Die Flammen züngeln kurz auf und man kann förmlich spüren, wie sich eine Last löst – als wäre ein schwerer Vorhang ein Stück beiseitegeschoben worden. „In unserer Tradition glauben wir, dass die Seelen durch das Feuer transformiert werden“, sagt thây. „Aber auch psychologisch gesehen ist es ein Akt der Befreiung. Die Eltern verbrennen nicht nur ein Stück Papier, sondern symbolisch ihre langjährige stille Trauer und Schuld.“

Die Erfahrungen der 1980er Jahre wirken bis heute fort. Viele Frauen, die zu Zeiten der DDR mehrfach abtrieben, trugen körperliche und seelische Folgen davon. Manche litten unter Depressionen, Albträumen oder Schuldgefühlen, konnten aber nirgends Rat finden, weil das Thema nicht in die Öffentlichkeit drang. Gemeinschaftliches Gedenken, wie es in der Phổ-Đà-Pagode praktiziert wird, kann tiefe Wunden nicht ungeschehen machen. Doch es ermöglicht, die erlittene Gewalt zu benennen und sie in einem geschützten Raum zu verarbeiten. Hier entfaltet das Ritual seine besondere Kraft: Es verwebt das individuelle Leid nach einem erzwungenen Schwangerschaftsabbruch mit einer kollektiven Erinnerung an staatliche Willkür, Rassismus und die Last jahrzehntelangen Schweigens. Die Erfahrung der Menschen in der Pagode zeigt, wie notwendig es ist, diese Geschichte aufzuarbeiten.

Das Video eines viet-deutschen Nachrichtenportals zeigt Aufnahmen des „Lễ Câu Siêu Thai Nhi Sản Nạn“- Rituals aus dem Jahr 2023.

Der offene Brief von Quách Thị Hoa stand am Anfang dieser Suche nach Gerechtigkeit und Genesung. In der Phổ-Đà-Pagode findet sie eine ihrer eindrücklichsten Fortsetzungen. Sie bietet Menschen einen Raum, in dem ihre Erfahrungen nicht nur anerkannt, sondern aktiv verarbeitet werden können. Wer hierher kommt spürt: Die Folgen der Zwangsabtreibungen in der DDR sind noch immer präsent. Doch sie sind nicht länger unausgesprochen. Ihnen wird begegnet mit Ritualen, Liedern und Gemeinschaft, der für die Betroffenen Halt und Heilung verspricht.

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