2 | 2018, Kambodscha,
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Bio-Reis aus Kambodscha: Eine Perspektive für Bäuer*innen?

Reisbauern bei der Entwurzelung von Jungpflanzen © AMRU Rice

Reisbauern beim Umsetzen von jungen Reispflanzen © AMRU RICE

Traditionell kommt Reisanbau in Kambodscha mit wenig Chemie aus. Jasminreis zählt zum besten weltweit und erfreut sich – auch dank Zertifizierung – wachsender internationaler Beliebtheit

 

Reisanbau in Kambodscha – traditionelle Sorten und wenig Chemie

Auch in Kambodscha strömen immer mehr Menschen vom Land in die städtischen Zentren. Doch nach wie vor sind etwa 50 Prozent der Bevölkerung Kambodschas für ihren Lebensunterhalt vom Reisanbau abhängig. In den letzten zwanzig Jahren stiegen die durchschnittlichen Ernteerträge von Reis in Kambodscha um rund 45 Prozent. Gleichzeitig dehnten die kambodschanischen Reisproduzenten*innen die Flächen für den Reisanbau um über 40 Prozent aus. Etwa 75 Prozent des Ackerlandes sind dem Reisanbau verschrieben.

Im Vergleich zu den meisten asiatischen Ländern verwenden die kambodschanischen Reisbäuer*innen relativ wenig Chemie, und ein beträchtlicher Teil der Reisbäuer*innen hat noch nie Kunstdünger und Pestizide verwendet. Kambodscha exportiert zunehmende Mengen von zertifiziertem Bio-Reis. Im Allgemeinen pflanzen die Reisbäuer*innen in Kambodscha verschiedene traditionelle Sorten für den Eigenbedarf an. Daneben bauen sie vermehrt Duftreissorten an, die in den Städten und im Ausland gefragt sind. Jasminreis, wie die Sorte Phka Rumdul, der von zum Teil noch traditionell und damit nahezu biologisch angebaut wird, erbringt den höchsten Preis. 2012, 2013 und 2014 wurde kambodschanischer Jasminreis während der jeweiligen internationalen Reishandelskonferenz mit dem Preis „Bester Reis der Welt“ ausgezeichnet.

Jasminreissorten wachsen nur während der Regenzeit, die von Mai bis November währt, und eignen sich gut für nicht bewässerte Felder (knapp 85 Prozent der gesamten Nutzfläche). Trockenresistenz ermöglicht den Pflanzen längere Trockenperioden während der Regenzeit zu überbrücken. Kambodschanischer Bio-Jasminreis wird von Kleinbäuer*innen angebaut, die Flächen unter fünf Hektar mit Reis bewirtschaften, oft auch nur einen Hektar. Um die sandigen Böden zu düngen, wenden viele Kompost und Kuhdung an.

Der Staat fördert das Geschäft mit dem „weißen Gold“

Während der weltweiten Nahrungsmittelkrise im Jahr 2008, stiegen die Preise für Reis und andere Getreidearten in kurzer Zeit drastisch an. Dies veranlasste die kambodschanische Regierung dazu, dem Reissektor mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Plötzlich war Ernährungssicherheit (und Profitmöglichkeiten) von staatlicher Seite aus wieder im Fokus.

Aufgrund begrenzter Lager- und Verarbeitungseinrichtungen in Kambodscha wurde bis dato der Großteil des Überschusses, einschließlich des vorzüglichen Jasminreises, von Händler*innen aus Vietnam und Thailand als ungemahlener Reis (Paddy) gekauft. Bei jenen „informellen Exporten“ behielt der Staat auch keine Zölle ein.

Nach 2008 hatte die Regierung jedoch erkannt, dass Kambodscha viel mehr von seinem „weißen Gold“ profitieren könnte, nämlich wenn der Paddy im eigenen Land verarbeitet würde und der gemahlene Reis direkt exportiert werden könnte. Folglich wurden Investitionen in den Reissektor gefördert. So wurden erst zu Beginn des jetzigen Jahrzehnts beträchtliche Investitionen in Lagerhallen und hochwertige Reismühlen getätigt. Seither spielt Kambodscha eine zunehmend signifikante Rolle auf dem Weltmarkt für Reis, auch für Bio-Reis.

AMRU RICE als Vorreiter für biologisch zertifizierten Reishandel

Seit Beginn des neuen Jahrtausends hatten verschiedene Entwicklungsprojekte versucht, traditionell angebauten kambodschanischen Bio- und potenziellen Bio-Reis für den Weltmarkt zugänglich(er) zu machen und neue Absatzmärkte im Ausland zu finden. Einige Initiativen waren nicht erfolgreich, weil die erforderliche Qualität nicht eingehalten werden konnte. Andere blieben aufgrund mangelnden Betriebskapitals beschränkt. Deshalb konnten nur einige Container pro Jahr verschifft werden und nur wenige Bäuer*innen konnten von besseren Preisen profitieren. Dass Kambodscha tatsächlich eine Rolle im Markt für Bio-Reis einnehmen könnte, zeigt das Beispiel des Unternehmens AMRU RICE unter Führung des jungen Geschäftsführers Song Saran.

Saran war in einer Familie aufgewachsen, die in einer Kleinstadt mit Reis handelte. Er hingegen hatte nach dem Studium bei NGOs mit gearbeitet, bevor er 2011 AMRU Rice gründete. Bald hatte sich das Unternehmen zu einem der wichtigsten Reisexporteure entwickelt. Während seiner Reisen durch einige europäische Länder und die USA erkannte er, dass der Markt für Bio-Jasminreis ein Segment ist, das von kambodschanischen Bäuer*innen und Händler*innen genutzt werden könnte. Hier hätten sie weniger Konkurrenz als auf den Märkten für konventionellen Reis. Mit diesem Wissen schloss das Unternehmen im Jahr 2014 Verträge mit acht Genossenschaften von Reisbäuer*innen in der nördlichen Provinz Preah Vihear ab, die zusammen etwa 1.300 Mitglieder zählten. Diese Kooperation ermöglichte es AMRU Rice zum führenden Bio-Reisexporteur Kambodschas zu avancieren. Es war zugleich das erste Mal, dass ein kambodschanisches Unternehmen mit Genossenschaften zusammenarbeitete.

AMRU-Geschäftsführer Song Saran bei einem Treffen mit Reisbäuer*innen © AMRU RICE

AMRU-Geschäftsführer Song Saran bei einem Treffen mit Reisbäuer*innen © AMRU RICE

Ein Hindernis war das zu geringe verfügbare Betriebskapital, um den ungemahlenen Reis von den Bäuer*innen zu kaufen. Noch schwieriger war es, den Transport des Paddys über die Strecke von fast 300 Kilometer nach Phnom Penh zu organisieren.

Weitere Probleme wurden während des Ankaufs entdeckt. Für die meisten Bäuer*innen waren das Verständnis und die Anforderungen hinsichtlich Korneigenschaften und Mahlqualität etwas völlig Neues. Eine Erkenntnis war, dass die Sortenreinheit des Reises bei weitem nicht den Erwartungen entsprach.

Ebenso führt eine schlechte Behandlung nach der Ernte, wie das zu lange Lagern von feuchtem Paddy in Säcken, zu einem hohen Anteil von Bruchkornreis. Dies beeinträchtigte die Profitabilität. Bei Jasminreis erzielen nämlich die gebrochenen Körner nur die Hälfte des Preises von dem perfekt gemahlenen Reis, den wir auf unseren Tellern erwarten. Für die Rentabilität des Reisgeschäfts und die Gewährleistung eines guten Preises bei direktem Verkauf der Ware durch die Bäuer*innen an die Käufer*innen (Ab-Hof-Verkauf) ist es deshalb äußerst wichtig, dass Händler*innen und Bäuer*innen ein gemeinsames Verständnis für diese Qualitätsprobleme entwickeln. Das Gleiche gilt für die Bio-Zertifizierung, die verlangt, dass alle Beteiligten dem Standard folgen[1].

Nachdem sie die ersten Erfahrungen ausgewertet hatten, entwickelten AMRU und unterstützende NGOs rasch Schritte zur Lösung jener Probleme.

Neues Saatgut

Von Beginn an war die Reinheit des von den Bäuer*innen gelieferten ungemahlenen Reises eine der größten Herausforderungen. Daher bekommen seit 2015 die meisten der bei AMRU Rice neu aufgenommenen Bäuer*innen im Rahmen des Vertragsanbaus zertifiziertes Bio-Saatgut.

Inzwischen produzieren die Genossenschaften selbst Saatgut für ihre Mitglieder und investieren in Maschinen für die Reinigung von Saatgut. Auf diese Weise verbesserte sich nicht nur die Mahlqualität des Reises, sondern es nahmen auch die gehandelten Mengen von Bio-Reis von Jahr zu Jahr deutlich zu. Von den bescheidenen 1.500 Tonnen im Jahr 2014 wird AMRU sein Geschäft mit Bio-Reis in diesem Jahr auf 30.000 Tonnen ausweiten. Saran sieht Potenzial für weiteres Wachstum des Bio-Reissektors. Am Anfang arbeitete AMRU mit acht Genossenschaften zusammen, jetzt sind es bereits 27 Genossenschaften, die insgesamt rund 4.000 Bäuer*innen repräsentieren.

Ein begünstigender Umstand ist sicherlich, dass mehrere internationale Organisationen den Reissektor im Allgemeinen und – z.B. ein Projekt der Agence Française de Developpement (AFD) – Genossenschaften von Reisbäuer*innen im Besonderen unterstützten. Für alle Beteiligten ist es wesentlich, dass die Bio-Reisbäuer*innen im Gegensatz zu den meisten Reisbäuer*innen im Land in Genossenschaften zusammengeschlossen sind. Seit 2014 stimmen AMRU und die Genossenschaften zum Beispiel jedes Jahr gemeinsam die Rahmenbedingungen und die geplanten Mengen ab und unterzeichnen entsprechende Verträge.

Bio-Zertifizierung als Prozess

Herkömmlich werden die Betriebe der einzelnen Bäuer*innen direkt zertifiziert. Für Kleinbäuer*innen wäre dieses Verfahren aber zu aufwendig und teuer. Deshalb werden Kleinbäuer*innen als Gruppe zertifiziert. Somit ist die jeweilige Genossenschaft dafür verantwortlich, dass alle ihre Mitglieder, die am Bio-System teilnehmen, den Bio-Standard der Importländer, wie zum Beispiel die Verordnung für Biolandwirtschaft der Europäischen Union oder dem National Organic Program (NOP) der USA, vollständig einhalten.

Zur Prüfung werden ausgewählte Bäuer*innen zu „internen Inspektor*innen“ von Dienstleistern ausgebildet, die bis zu 15 Kolleg*innen betreuen. Dies beinhaltet, die Gruppe auch zu nachhaltigen Praktiken zu beraten. Ebenso müssen die internen Inspektor*innen die Ergebnisse bei ihren Kontrollen dokumentieren. Außerdem muss jede Bäuer*in alle wesentlichen landwirtschaftlichen Tätigkeiten, wie Pflügen, die Ausbringung von Kompost und die Aussaat aufzeichnen und ggf. den Kauf von zusätzlichen Bio-Dünger nachweisen.

In Maschinen zur Reisverarbeitung wurde viel investiert. © AMRU RICE

In Maschinen zur Reisverarbeitung wurde viel investiert. © AMRU RICE

Im Rahmen des internen Kontrollsystems muss die Genossenschaft all diese Unterlagen zusammenstellen und der Auditor*in der internationalen Zertifizierungsstelle, in diesem Fall ECOCERT, zur Verfügung stellen. Bei der Kontrolle der Dokumente und einer zufällig ausgewählten Stichprobe von Feldern kontrolliert die Prüfer*in, ob das interne Kontrollsystem der Genossenschaft in der Lage ist, sicherzustellen, dass alle Mitglieder die vorgegebenen Biostandards und Vorschriften einhalten. Die Ergebnisse der Überprüfung durch ECOCERT bildet die Grundlage für die Zertifizierung. Diese könnte verweigert werden, wenn Verstöße, wie die Anwendung von synthetischen Stickstoffdünger oder Mängel, wie fehlende Aufzeichnungen, festgestellt werden.

Die Zertifizierung ist mit erheblichen Kosten verbunden. Die Kosten für die Beantragung der Zertifizierung werden hier im Beispiel von AMRU vom Unternehmen selbst übernommen. Damit die Standards eingehalten werden, arbeitet AMRU mit NGOs zusammen, die Genossenschaften und Bäuer*innen dazu schulen. NGOs unterstützen ebenfalls die eingerichteten internen Kontrollsysteme, vor allem durch die Weiterbildung und Begleitung der internen Inspektor*innen. Die Genossenschaften tragen auch zu den Kosten der Trainings bei. Auf Unternehmensebene hat AMRU ein Qualitätsmanagementsystem eingeführt, das von einer beauftragten Mitarbeiter*in überwacht wird. Neben den Genossenschaften überprüft die Zertifizierungsstelle ECOCERT auch, ob das System des Unternehmens sicherstellen kann, dass es zu keiner Vermischung von Bio- und herkömmlichen Reis kommt.

Die Bio-Reisbäuer*innen aus Preah Vihear

Die Vorsitzende einer Bauerngenossenschaft und AMRU-Geschäftsführer Song Saran unterzeichnen einen Vertrag © Winfried Scheewe

Die Vorsitzende einer Bauerngenossenschaft und AMRU-Geschäftsführer Song Saran unterzeichnen einen Vertrag © Winfried Scheewe

Was bedeutet das für die eigentlichen Produzent*innen – für die Bäuer*innen in Preah Vihear? „Die Bäuer*innen haben durch das Unternehmen einen sicheren Markt. AMRU kauft ihre Produkte zu Preisen, die um 20-25 Prozent höher als die der lokalen Händler*innen sind. Darüber hinaus erhalten sie eine Prämie von 130-300 Riel pro Kilo (0,03-0,07 Euro) als Anreiz für die Einhaltung der Bio-Standards“, so AMRU-Business-Development-Manager Jake Abelardo Cruz.

So würden die Bäuer*innen den Nettopreis von 1.450 Riel bis 1.550 Riel pro Kilogramm (313-334 Euro pro Tonne) erhalten und die Transportkosten würden auch nicht bei den Bäuer*innen selbst, sondern bei AMRU liegen. Das zusätzliche Einkommen nutzen die meisten Bäuer*innen, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern, um Geräte zu kaufen oder die Ausbildung ihrer Kinder zu bezahlen, so Cruz.

AMRU Rice arbeitet auch mit Banken und Mikrofinanzinstitutionen zusammen, die den Bauerngenossenschaften Kredite gewähren. Diese würden, so der AMRU-Manager, den Bäuer*innen ermöglichen, ihren Mitgliedern Darlehen zu gewähren und das Kapital für den Reishandel aufzustocken. Diese Kredite könnten auch genutzt werden, um die Produktion effizienter zu machen. So hätten zum Beispiel mehrere Genossenschaften Handtraktoren gekauft, um sie an Mitglieder zu vermieten.

Außerdem sei der Wissenstransfer über die Produktion von Bio-Reis für die Bäuer*innen von Vorteil, weil sie damit ihre Erträge steigern könnten, so AMRU-Gründer Saran. Die Bäuer*innen könnten lernen, wie sie den optimalen Zeitpunkt der Reisernte bestimmen und wie sie die Effizienz der Erntearbeiten, wie Dreschen und Trocknen, verbessern könnten, um so Verluste zu vermindern. Saran weist darauf hin, dass es hier beträchtliche Fortschritte gegeben hätte. Im Jahr 2014 führten 1.500 Tonnen ungemahlener Reis mit meist geringer Qualität zu weniger als 20 Prozent ganze Körner. Im Jahr 2017 produzierten die Bäuer*innen erheblich bessere Qualität mit bis zu 30 Prozent lange Körner.

Bioreisanbau – ein Vorteil für Alle?

Attribute wie Duft- oder Jasmin- und Bio-Zertifizierung machen für alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette einen signifikanten Unterschied. Nur mit Hilfe der internationalen Zertifizierung konnten die Bäuer*innen den tatsächlichen Wert ihres biologisch angebauten Reises realisieren. Das Beispiel AMRU bietet nun einen Anreiz, Reis weiterhin nachhaltig anzubauen und somit auch ggf. zur Erhaltung einer gesunden Umwelt beitragen zu können. Neben der für Bio-Reis gezahlten Prämie haben laut AMRU auch explizit die Bäuer*innen aus Preah Vihear ihre Situation verbessern können, weil ihre Genossenschaften Funktionen übernommen haben, die zuvor Reishändler*innen hatten. Viele der Händler*innen hätten die Bäuer*innen zuvor unfair behandelt, da sie den Preis diktierten und z.B. manipulierte Waagen verwendeten.

Fertig für den Verkauf: Reisvorrat in der AMRU-Mühle © AMRU RICE

Das Beispiel AMRU Rice zeigt auch, dass die anfängliche Marktnische für Bio-Reis sich zu einem wachsenden Segment im weltweiten Reisexport entwickelt (derzeit rund 5 Prozent). Das liegt zu einem an der wachsenden Nachfrage vor allem in Europa und in den USA. Aber auch in China steigt das Interesse an hochwertigen Bio-Reis. So hat inzwischen Bio-Reis einen Anteil von 30 Prozent an AMRUs Gesamtgeschäft. Für seine Bemühungen in der Kooperation mit den Genossenschaften von Bio-Bäuer*innen erhielt Saran 2016 in der Kategorie „Outstanding Project For Social Change“ den „Young Entrepreneurship Award“ der Takeda Foundation (Universität Tokio).

Saran wünscht sich, dass auch weiterhin viele kambodschanische Bäuer*innen von dieser Entwicklung profitieren. Daher arbeitet AMRU Rice seit 2017 mit der von internationalen Organisationen ins Leben gerufene Sustainable Rice Plattform (SRP) zusammen, die Reisbäuer*innen überzeugen möchte, die Anwendung von Pestiziden zu reduzieren.

 

[1] Aus Kambodscha eingeführter Bio-Reis wird mit dem EU Bio-Siegel gekennzeichnet. Damit verbunden sind die Codenummer der Kontrollstelle(Zertifizierungsstelle) sowie die Ursprungsangabe. Dadurch ist garantiert, dass der Reis

  • ohne gentechnisch veränderte/n Organismen
  • ohne Einsatz von synthetischen Pflanzenschutzmitteln sowie
  • ohne Anwendung von leicht löslichen mineralischen Düngern erzeugt wurde.

Darüber hinaus müssen die Produzenten nachweisen, dass sie Fruchtbarkeit des Bodens erhalten.

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2 | 2018, Kambodscha,
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Bio-Reis aus Kambodscha: Eine Perspektive für Bäuer*innen?

Indonesien: Die Regierung des 260 Millionen Einwohner zählenden Landes sorgt sich um Ernährungssicherheit. Für ein Mega-Reisprojekt in Kalimantan sollen Torfmoore trocken gelegt werden. Eine ähnliche Praxis scheiterte in den 90er Jahren – mit fatalen Umweltfolgen

Nyoman Suryadiputra erinnert sich noch lebhaft an die Zeit, als er 1996 tief in das Herz der üppigen tropischen Torfmoorwälder in Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo reiste. Dort wollte er ein ehrgeiziges Landwirtschaftsprojekt dokumentieren. Das Mega-Reisprojekt (MRP), das 1995 während der Herrschaft des ‚starken Mannes‘ Suharto ins Leben gerufen wurde, hatte ein Ausmaß wie kein anderes: eine Million Hektar Reisfelder – eine Fläche doppelt so groß wie die Insel Bali – in Torfmoorgebieten der Provinz Zentral-Kalimantan, um die Ernährungssicherheit zu erhöhen.

Eine vollständige Katastrophe

Während seiner Zeit dort hielt Suryadiputra, der heute Exekutivdirektor von Wetlands International Indonesia ist, das ehrgeizige Projekt auf einem Betamax-Camcorder fest. Was er miterlebte, war eine vollständige Katastrophe. „Die Affen rannten weg, als die Bagger anrückten“, sagt er gegenüber Mongabay. „Und es gab eine Menge Bagger, die [im Moor] versanken, weil die Böden weich waren, während die Bagger bis zu 22 Tonnen wiegen konnten“.

Er sah auch, wie tausende Kilometer von Kanälen gegraben wurden, um die Torfböden zu entwässern, und das alles ohne jegliche Umweltverträglichkeitsprüfung. „Als ich dort war, gruben die Arbeiter einen Kanal vom Westen her, während die anderen vom Osten her gruben“, berichtet Suryadiputra. „Kurz bevor diese Arbeiter sich in der Mitte trafen, sagten sie plötzlich ‚Halt‘! Es stellte sich heraus, dass es dort einen See gibt. Damals war die Satellitentechnik vielleicht noch nicht so ausgereift wie heute, also gruben sie einfach ohne einen klaren Plan.“

Die Regierung holte Bäuer*innen aus Java und Bali, um das neu gerodete Land zu kultivieren. Doch der nährstoffarme Torfboden erwies sich als zu ungeeignet für die Art von Reisanbau, wie er auf den mineralreichen Vulkanböden dieser beiden Inseln praktiziert wird. Die Regierung gab das Projekt schließlich auf und hinterließ eine ausgetrocknete Ödnis, die fast jedes Jahr in großem Umfang abbrennt.

Die Regierung möchte ein neues Megaprojekt

Jetzt möchte die Regierung von Präsident Joko Widodo ein ähnliches Megaprojekt starten, ebenfalls im Namen der Ernährungssicherheit, und kündigte vor kurzem die Rodung von 900.000 Hektar zur Anlage von Reisfeldern an – ein Schritt, vor dem Suryadiputra warnt, da sich die Geschichte damit wiederholen könnte.

Die Regierung hält das Projekt für notwendig, da Indonesien bereits die Last einer durch die COVID-19-Pandemie ausgelösten Nahrungsmittelknappheit zu spüren bekommt. Der Präsident zitierte auch eine Warnung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) vor einer drohenden globalen Nahrungsmittelkrise angesichts des Ausbruchs des Corona-Virus.

Wie schon bei MRP vor einem Vierteljahrhundert hat die Regierung wieder die Torfmoorgebiete Zentral-Kalimantans ins Auge gefasst – insbesondere im Bezirk Pulang Pisau, wo sich der größte Kanal des gescheiterten Projekts befindet. „Wir können es uns nicht leisten, den gleichen Fehler zweimal zu machen“, sagte Suryadiputra. „Deshalb ist eine umfassende Studie erforderlich. Denn wenn wir erneut scheitern, dann verschwenden wir Geld.“

Lektionen aus der Geschichte

Nazir Foead ist der Leiter der Agentur für Moorlandsanierung (BRG), die der Präsident nach den verheerenden Bränden der großen Torfmoorflächen im Jahr 2015 eingerichtet hat. Er sagt, es werde keine Wiederholung des MRP-Fiaskos geben, weil die Regierung aus ihren Fehlern gelernt habe. Viele der jetzt verantwortlichen hohen Beamt*innen seien Veteran*innen des MRP und abgeneigt, den gleichen Fehler noch einmal zu machen.

Das Wissen darüber, wie man Torfmoorgebiete nachhaltig bewirtschaftet, habe sich in den vergangenen Jahren ebenso entwickelt wie die Regierungspolitik zum Schutz von Torfmooren, fügt Nazir hinzu. Letztere wurde erst vor kurzem, nach den Bränden von 2015, ergriffen. Die Feuer wurden zum großen Teil durch die Trockenlegung von Torfsümpfen angeheizt, was diese hoch brennbar macht. Zu den Maßnahmen gehört nun die Einteilung der Torfmoorgebiete in zwei Typen: solche mit tiefen Schichten kohlenstoffreichen Torfs, die geschützt werden müssen, und solche mit flacheren Schichten, die kultiviert werden können. „Was die Politik betrifft, sind wir also besser vorbereitet“, sagt Nazir. „Das Paradigma für die Erhaltung von Torfmoorgebieten ist völlig anders als früher.“

Kritiker*innen verweisen jedoch auf besorgniserregende Anzeichen dafür, dass der neue Plan am Ende ein weiterer Misserfolg sein wird. Dazu gehört vor allem, dass er darauf angewiesen ist, dass große Gebiete von Torfmoorflächen für den Anbau gerodet werden – genau wie beim MRP.

Basuki Sumawinata, ein Boden- und Torfexperte am Institut für Landwirtschaft Bogor (IPB), sagt, es gebe keine erfolgreichen Beispiele dafür, dass Reis in großem Maßstab auf Torf angebaut werde. „In der Vergangenheit wollten wir in Süd-Sumatra 1970 ein Reisanbaugebiet eröffnen. Das ist am Ende gescheitert“, sagt er den lokalen Medien. „Und dann wollten wir 1995 eine Millionen Hektar bereitstellen. Wo auf dieser einen Million Hektar wurde der Reisanbau in Torfmoorgebieten aufrechterhalten?“

„Mit der Zerstörung des Torfs kommen die Brände“

Ein jüngeres Projekt ist das Programm Merauke Integrated Food and Energy Estate (MIFEE) in der östlichsten Region von Papua. Es wurde 2011 gestartet und zielte darauf ab, 1,2 Millionen Hektar überwiegend bewaldetes Land in die ‚künftige Kornkammer Indonesiens’ zu verwandeln. Doch die Regierung hat sich mit der Umsetzung schwer getan, vor allem wegen der Landfragen: Das geplante Areal würde sich mit Naturschutzgebieten von Primärwald und Wassereinzugsgebieten sowie den Territorien der indigenen Gruppen überschneiden.

Aktivist*innen sagen, das Projekt sei zu einer „lehrbuchmäßigen Landnahme“ geworden und widerspreche Indonesiens eigenen Verpflichtungen zum Schutz von Torfmoorgebieten, da ein Großteil des Distrikts Merauke aus Torf bestehe. Und mit der Zerstörung des Torfs kommen die Brände: 2015 wurden in Papua mehr als 11.000 Hotspots entdeckt, als Folge von absichtlich gelegten Bränden zur Rodung der Vegetation.

„Es wird befürchtet, dass die Umwandlung von Torf für die Landwirtschaft als Lösung für die Nahrungsmittelkrise dazu führt, dass der Torf austrocknet und das Torfökosystem in großem Maßstab schädigt“, sagt Rusmadya Maharudin, Leiter des Waldkampagnen-Teams von Greenpeace Indonesien, in einer Erklärung.

Im Jahr 2019 brannten Feuer auf fast 270.000 Hektar Fläche in Zentral-Kalimantan. Ein Großteil davon befand sich laut Rusmadya auf ehemaligem MRP-Gebiet, wobei der durch die Brände erzeugte Haze eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit dargestellt habe. Die Rodung von mehr Torfland für das neue Projekt werde die Brände und den Haze nur noch verstärken. Dies hat schwerwiegende Auswirkungen auf den Klimawandel, da Torfmoorgebiete zu den dichtesten Senken für Treibhausgase auf der Erde gehören. Indonesien ist bereits einer der weltweit größten Emittenten. Dabei ist der Großteil seiner Emissionen auf Landnutzungsänderungen zurückzuführen, darunter die Umwandlung von Torfmoorgebieten in Plantagen (vgl. Artikel Torfböden sind quasi reiner Treibstoff auf suedostasien.net).

Anbau auf ungeeignetem Boden

Expert*innen haben das Beharren der Regierung auf der Bepflanzung von Torfland trotz des Scheiterns des MRP und anderer Projekte in Frage gestellt. Sie weisen darauf hin, dass es für den Anbau von Reis, dem Grundnahrungsmittel in Indonesien, ungeeignet ist. „Torfmoorgebiete enthalten im Allgemeinen wenig Nährstoffe“, sagt Basuki vom ITB. „Wenn sie also für Reisfelder bewirtschaftet werden sollen, bedarf es einer gründlichen und ernsthaften Technologie mit Kosten, die wir uns nicht vorstellen können“.

Suryadiputra von Wetlands International sagt, genau dies sei mit dem MRP geschehen. In einem Pilotprojekt versuchte die Regierung auf 2.000 Quadratmetern Torfland in Sumatras Provinz Riau Reis anzubauen. Sie stellte fest, dass man zwei Tonnen Kalk hinzufügen musste, um den Säuregehalt des Bodens so weit zu senken, dass dieser für Reis geeignet war. „Ich konnte es nicht begreifen“, sagt er. „Würde der Preis für den Reis wegen der Kosten für den Kalk höher werden?“ Suryadiputra meint daher, die Regierung solle sich nicht nur auf den Reisanbau konzentrieren, sondern auch andere Arten von Nutzpflanzen diversifizieren, wie z.B. Sago, ein Grundnahrungsmittel in der östlichen Region Indonesiens.

Nazir von BRG sagt, dass seine Agentur für das aktuelle Projekt ein eigenes Pilotprojekt durchgeführt habe, bei dem Reis auf einem 80 Hektar großen Gelände im ehemaligen MRP-Gebiet gepflanzt wurde. Sie produzierten weniger als 3 Tonnen Reis pro Hektar – halb so viel wie auf Java und Bali und ähnlich wenig wie in Riau, wo ein Großteil der Fläche ebenfalls aus Torf besteht.

Dieses Mal werde die Technologie diese Bedenken ausräumen, sagt die Regierung. Nach Angaben von Landwirtschaftsminister Syahrul Yasin Limpo hat die Regierung eine spezielle Reisvariante vorbereitet, die sich für Torfbedingungen eignet. Der Generaldirektor des Ministeriums für landwirtschaftliche Infrastruktur, Sarwo Edhy, sagt, dass die Landwirte auch eine spezielle Art von Traktor verwenden könnten, der für sumpfige Torfmoorgebiete geeignet ist. Dies würde ihnen erlauben, einen Hektar Land in wenigen Stunden zu säen im Vergleich zu fünf oder sechs Tagen derzeit. Kombiniert mit der Aussicht, während der Trockenzeit Landwirtschaft betreiben zu können, mache dies Torfland zu der Zukunft der Landwirtschaft in Indonesien, sagt Sarwo. Er fügt hinzu, dass zwar die technischen Details des Plans noch geklärt werden müssten, die Beflanzung aber bereits 2020 beginnen könne.

Mangel an Bäuer*innen

Syahrul sagt, dass die erste Phase der Bepflanzung 164.000 Hektar Torfland umfassen werde, wofür das Landwirtschaftsministerium mindestens 300.000 Bäuer*innen einstellen müsse. Das wäre ein Neuntel der derzeitigen Bevölkerung Zentral-Kalimantans. Er sagt, der Mangel an Bäuer*innen sei einer der Gründe für das Scheitern des MRP; die Hälfte der fast 16.000 Bauernhaushalte, die für MRP von Java und Bali hergebracht wurden, hätten das Land verlassen und seien woanders hingezogen. Dabei wandten sich viele der illegalen Holzfällerei zu.

Diesmal, so Syahrul, werde sich das Ministerium mit der Provinzregierung abstimmen, um sich auf die benötigten Bäuer*innen vorzubereiten. Der koordinierende Wirtschaftsminister Airlangga Hartarto sagt, dass die Regierung in Kürze eine Umweltstudie durchführen und die Verfügbarkeit von Land und Arbeitskräften in einem voraussichtlich drei Wochen andauernden Prozess kartieren werde.

Suryadiputra warnt jedoch davor, den Plan angesichts des Umfangs des Projekts zu überstürzen, und fügt hinzu, dass eine detaillierte Studie mindestens ein Jahr dauern werde. „Ich rate der Regierung, eine sehr umfassende Studie über biophysikalische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte durchzuführen. Sie kann nicht nur in Teilen durchgeführt werden“, sagt er. „Wenn die Regierung lediglich nach einem Berater fragt, dann ist das sehr gefährlich.“

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

Der englische Originalartikel erschien am 19. Mai 2020 bei MONGABAY, News & Inspiration from Nature’s Frontline, und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet und auf zwei Teile aufgeteilt (hier geht es zu Teil II).

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2 | 2018, Kambodscha,
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Bio-Reis aus Kambodscha: Eine Perspektive für Bäuer*innen?

Das ist der zweite Teil des Artikels „Neuer Reis-Plan – alte Fehler?“ (hier geht’s zu Teil I).

Indonesien – Während die Regierung ein Mega-Reisprojekt plant warnen verschiedene Stimmen vor damit verbundenen Umwelt- und Landproblemen. Zudem bleibt die Frage ob Kleinbäuer*innen mit eingebunden oder wie bei früheren Großprojekten weiter marginalisiert werden.

Der Leiter der Agentur für Moorlandsanierung (BRG) Nazir Foead, sagt, die Regierung werde diesmal besonders vorsichtig sein und sicherstellen, dass es sich bei den zu bewirtschaftenden Torfarealen um Gebiete handelt, die in der Vergangenheit bereits gerodet wurden und derzeit verlassen sind, einschließlich ehemaliger MRP-Gebiete. Dies erfüllt einen doppelten Zweck: So dient es dem Anbau von Feldfrüchten als auch der Sicherstellung, dass das Land während der Trockenzeit nicht wieder in Brand gerät. „Wir roden also keine Torfwälder, sondern Büsche, die früher verbrannt wurden und flachen Torf haben“.

Doch laut dem Exekutivdirektor von Wetlands International Indonesia Nyoman Suryadiputra sei dies nicht so einfach. Er merkte an, dass es sich bei Land mit einer flachen Torfschicht um ehemals tiefen Torf handeln könnte, der sich infolge der Trockenlegung gesenkt hat. Das könne es anfällig für Überschwemmungen machen. „Deshalb kann die Studie nicht nur teilweise durchgeführt werden“, sagt er. „Sie muss mindestens ein Jahr lang mit Satellitenbildern durchgeführt werden, um die Bodenbedeckung zu sehen.

Basuki Sumawinata vom Institut für Landwirtschaft Bogor (IPB) stellt in Frage, ob genügend geeignetes, bereits gerodetes Moorland zu finden ist, ohne neue Landstriche zu roden. Er sagt, die meisten Torfgebiete in Zentral-Kalimantan befänden sich in ausgewiesenen Waldgebieten und seien daher für Plantagen nicht zugänglich. „Es gibt ein weiteres Problem mit Torfmoorgebieten in Kalimantan“, sagte er. „Wie sieht der Plan für die eine Millionen Hektar des ehemaligen MRP-Gebiets aus? Sie befinden sich in Waldgebieten.“

Torfmoorgebiete (erneut) in Gefahr

Israr Albar, Leiter des Planungsdirektorats für Land- und Waldbrandmanagement im Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft, sagt während einer Diskussion über die Telekonferenzplattform Zoom, dass der Gouverneur von Zentral-Kalimantan die Zentralregierung darüber informiert habe, dass einige ehemalige MRP-Gebiete für verschiedene landwirtschaftliche Kulturen, darunter Reis, Zuckerrohr, Knollen und Bananen, mit einer Fläche von 300.000 Hektar vorgesehen seien.

Sunarti, Leiterin der Landwirtschaftsbehörde der Provinz, bestätigt die Größe der Fläche. Sie sagt jedoch, es sei speziell für Reis vorgesehen, und zwar im Rahmen eines von der Regierung 2017 initiierten Programms, das mehr als 660.000 Hektar umfasst. Zudem stehe bei der Zuteilung des Landes noch die Genehmigung durch die Zentralregierung aus.

Diese aber scheint laut Nazir unwahrscheinlich zu sein. Da ein Großteil des vorgeschlagenen Landes in ausgewiesene Waldgebiete falle, müsse das Umweltministerium eine Waldumwandlungsgenehmigung ausstellen, damit dort Landwirtschaft betrieben werden dürfe. „Natürlich hält der Umweltminister das Umweltgesetz und die Torfschutzverordnung aufrecht“, sagt er. „Der Vorschlag kann also möglicherweise noch nicht realisiert werden, weil er den Umweltschutzvorschriften widerspricht“.

Dimas Hartono, Direktor der Sektion Zentral-Kalimantan des Indonesischen Umweltforums (Walhi), der größten grünen NGO des Landes, sagt, es sei sehr gefährlich, die Genehmigung zu erteilen. Das fragliche Land umfasse Torfkuppeln, die als Wasserquelle für das Ökosystem ein entscheidender Teil des Torfökosystems sind. „Das vorgeschlagene Gebiet ist ein Naturschutzgebiet zwischen den torfhaltigen hydrologischen Gebieten des Kapuas-Flusses und des Kahayan-Flusses“, sagt er. „Wenn diese Torfgebiete geöffnet werden, wird es das zweite MRP werden, und die Torfmoorgebiete in Zentral-Kalimantan werden wieder zerstört werden“.

Wiederbelebung des Mega-Reis-Projektes

Der endgültige Standort für die neuen Reis-Flächen steht noch nicht vollständig fest. Die Regierung beabsichtigt aber, den Bezirk Pulang Pisau einzubeziehen. Dies basiert auf der Vorhersage hoher Niederschläge von bis zu drei Monaten innerhalb der Trockenzeit. Landwirtschaftsminister Syahrul besuchte den Bezirk am 15. Mai und vermaß ehemalige MRP-Gebiete mit einem Hubschrauber.

„Diejenigen, die optimiert werden [und mit Reis bepflanzt werden sollen], sind die ehemaligen MRP-Flächen“, sagt Syamsuddin, Leiter der Forschungsagentur für Agrartechnologie in Zentral-Kalimantan. „Um die Wahrheit zu sagen, die frühere Eröffnung [von Reisfeldern in den MRP-Gebieten] wurde im Gegensatz zu heute nicht mit ausreichender Technologie und Innovation unterstützt.“

Nazir schlägt bereits seit 2018 vor, die aufgegebenen Torfgebiete des MRP zu nutzen; bis heute hat die BRG 60.000 Hektar aufgegebene Torfgebiete kartiert, die sie für die Landwirtschaft für geeignet hält, weil sie nicht in Waldgebiete fallen und ihre Torfschicht flach ist.

Suryadiputra sagt, wenn die Regierung darauf bestehe, die ehemaligen MRP-Flächen zu kultivieren, müsse sie noch viele Fragen beantworten. „Ist die Kartierung angemessen? Nehmen wir an, das anvisierte Land liegt in flachen Torfmoorgebieten, aber auch in Überschwemmungsgebieten? Ist es an das Kanalnetz des MRP angeschlossen, das sich auf mehr als 4.500 Kilometer erstreckt? Gibt es an diesen Standorten Schwefelsäure? Wie hoch sind die Senkungsgrade dieser Torfmoorgebiete? Wer sind die Menschen, die als Landwirt*innen eingesetzt werden sollen? Verfügen sie über landwirtschaftliche Erfahrung mit Torfmoorgebieten?“

Basuki vom IPB stellt auch die Bereitschaft der Regierung in Frage. „Wenn Sie sich bis Dezember auf eine Nahrungsmittelkrise vorbereiten, welchen Monat haben wir dann jetzt? Wenn Sie 200.000 Hektar erschließen wollen, wie viel Ausrüstung brauchen Sie dafür? Tausende von Baggern müssen vorbereitet werden. Ist das möglich? Auf keinen Fall.“, meint er. „Wenn Sie also morgen hungrig sein werden und erst jetzt mit der Rodung der Felder beginnen, dann ist es unmöglich. Warum tun Sie es nicht schon lange vorher?“

Kleine Bäuer*innen, große Chancen

Aktivist*innen sehen in dem Plan der Regierung auch eine grausame Ironie. Seit Jahren verdrängt die Regierung Kleinbäuer*innen von ihrem Land zugunsten der von Unternehmen betriebenen Mega-Plantagen, insbesondere für Ölpalmen und Infrastrukturprojekte. Das hat dazu geführt, dass jedes Jahr 128.000 Hektar kleinbäuerliches Ackerland verloren gingen und zwischen 2003 und 2013 5,1 Millionen bäuerliche Haushalte gezwungen waren, andere Arten des Lebensunterhalts zu finden.

Zu Beginn des Jahres 2020 gab es in Indonesien noch 7,46 Millionen Hektar Ackerland im Vergleich zu 16,4 Millionen Hektar Palmöl-Plantagen, die im letzten Jahrzehnt eine rasche Expansion erfahren haben (vgl. Artikel Wie Staat und Kapital die Palmöl-Expansion vorantreiben auf suedostasien.net).

„Die Größe der [Ernte-]Felder nimmt also immer weiter ab“, sagt Dewi Kartika, Generalsekretärin des Agrarreformkonsortiums (KPA). „Und wir wissen, dass es die Politik der Regierung ist, Infrastrukturentwicklungen, große Investitionen und den Premium-Tourismus voranzutreiben, der auf Dörfer abzielt, die über produktives Land verfügen, einschließlich der gewöhnlichen Dörfer.“

Nahrungsmittelknappheit als Folge verfehlter Politik

Doch selbst wenn sie ihr Land verlieren, werden die Bäuer*innen von der Regierung aufgefordert, während der COVID-19-Pandemie weiter zu arbeiten, um sicherzustellen, dass Indonesien genügend Nahrungsmittel hat. Die derzeitige Nahrungsmittelknappheit ist nicht nur auf die Pandemie zurückzuführen, sagen Aktivist*innen, sondern auch auf die Politik der Regierung. Diese bevorzuge großflächige Monokultur-Plantagen, die von großen Unternehmen verwaltet werden, statt von Kleinbäuer*innen geführte Betriebe, die diversifizierte Kulturen anbauen.

„Diese Krise muss ein Weckruf für die Regierung sein, die keine Agrarreform durchgeführt hat“, sagt Dewi. „[Der Präsident] forderte die Bäuer*innen auf, während der Pandemie weiter zu ernten und hart zu arbeiten, aber es gibt viele Bäuer*innen, die in den vergangenen zwei Monaten von der Vertreibung von staatseigenem Firmenland, einschließlich der Plantagen-Unternehmen, bedroht und bei der Polizei angezeigt wurden. In Süd-Sumatra starb ein Bauer wegen eines Konflikts mit einem Plantagen-Unternehmen. Es besteht also ein Widerspruch. Bäuer*innen sind weiterhin nicht sicher“.

Dewi sagt, dass Bäuer*innen, die es geschafft haben, ihr Land zu behalten, in der Lage sind, der Nahrungsmittelknappheit zu widerstehen.“Sie können ihre Familien und ihre Nachbar*innen ernähren, sie können sogar einen Teil ihrer Ernte für die Menschen in den Städten beiseite legen“, sagt Dewi. Diejenigen, die ihr Land an Plantagen- und Bergbauunternehmen verkauft haben, laufen währenddessen Gefahr, nicht genug Nahrungsmittel zu haben.

Doch der Landbesitz in Indonesien konzentriert sich zunehmend in einer kleinen Zahl von Händen, wobei 1% der Indonesier 59% des Landes besitzen. Die Bäuer*innen haben im Durchschnitt weniger als einen halben Hektar. Um gegen diese Ungleichheit anzugehen, hat Präsident Widodo ein Landreformprogramm eingeleitet, in dessen Rahmen die Regierung Kleinbäuer*innen Titel für mehr als neun Millionen Hektar Land erteilen will.

Mangelhafte Umsetzung von Agrarreformen

Im Jahr 2018 legte die KPA der Regierung eine Karte der priorisierten Gebiete für die Landreform vor. Sie umfassen mehr als 654.000 Hektar und werden von etwa 445.000 Familien bewohnt. „Aber dies wurde von der Regierung nicht vollständig unterstützt und diese Dorfbewohner*innen sind anfällig dafür, von der Regierung und den Unternehmen kriminalisiert zu werden“, sagt Dewi.

Sie fordert die Regierung auf, ihr Versprechen einer Agrarreform durch die Umverteilung von Land einzulösen, die sowohl den Bäuer*innen als auch dem Staat helfen würde, indem für mehr Ernährungssicherheit gesorgt ist. Ohne das Agrarreformprogramm an den Plan zur Schaffung neuer Reisfelder zu binden, riskiere die Regierung, weitere Konflikte zu entfachen, indem sie Land von lokalen Bewohner*innen übernehme, das sie für unproduktiv halte, so Dewi.

„Wenn wir nicht beantworten können, wofür und für wen dieser Plan gedacht ist, werden neue Agrarkonflikte aufflammen“, sagt sie. „Leeres Land bedeutet nicht, dass sie keine Besitzer*innen haben. In Papua sind viele indigene Völker dem dortigen Food Estate-Programm zum Opfer gefallen. Es muss also sichergestellt werden, dass dieses Programm für Bäuer*innen und traditionelle Feldarbeiter*innen ist, damit diese zu den Hauptakteur*innen werden“.

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

Der englische Originalartikel erschien am 19. Mai 2020 bei MONGABAY, News & Inspiration from Nature’s Frontline, und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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