1 | 2023, Südostasien,
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Entwicklungspolitik als Mittel von Großmachtinteressen?

Südostasien, Entwicklungspolitik, Menschenrechte

China und die USA nutzen – ebenso wie weitere Staaten – Entwicklungszusammenarbeit zur Durchsetzung ihrer nationalen Interessen. © Robb Hohmann CC BY-NC 2.0

Südostasien: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Entwicklungshilfe und Verletzung von Menschenrechten? Unser Autor hat dies am Beispiel der Philippinen und Thailand untersucht.

Die Theorie der Interessenkonvergenz hinterfragt die gängigen Theorien zur ‚Entwicklungshilfe‘. Insbesondere bezweifle ich die weit verbreitete Ansicht, dass es ‚Empfängerstaaten‘ an politischer Handlungsfähigkeit und Durchsetzungskraft mangelt, um die strategischen Ziele und die Umsetzung von ‚Entwicklungshilfe’-Programmen zu bestimmen. Stattdessen betone ich die wechselseitige Abhängigkeit zwischen ideellen und materiellen Aspekten der internationalen Entwicklung.

In meinem Buch Aid Imperium: United States Foreign Policy and Human Rights in Post-Cold War Southeast Asia habe ich gezeigt, dass ‚Entwicklungshilfe‘ im Zusammenspiel mit Public Diplomacy und öffentlichem Diskurs die Art und Weise beeinflusst, wie ‚Empfängerländer‘ staatliche Repression ausüben. Dies wiederum wirkt sich auf das Ausmaß der vom Staat begangenen Menschenrechtsverletzungen aus. Der Theorie der Interessenkonvergenz von ‚Entwicklungshilfe‘ und Menschenrechten liegen drei Kernthesen zugrunde.

  1. Wenn die Präferenzen von ‚Gebern‘ und ‚Empfängern‘ bei einer Vielzahl von Themen und politischen Fragen (sowohl im militärischen als auch im nichtmilitärischen/sozioökonomischen Bereich) übereinstimmen, wird die Entwicklungshilfe mit größerer Wahrscheinlichkeit für die Förderung von Demokratie und Menschenrechten sowie für die sozioökonomische Entwicklung eingesetzt. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn die Regierung des ‚Empfängerlandes‘ bei der eigenen Bevölkerung eine hohe Legitimität genießt.
  2. Ausländische ‚Hilfe‘ wird eher zur Unterdrückung jeglicher Form politischer Opposition im eigenen Land eingesetzt, wenn folgende zwei Bedingungen erfüllt sind: 1) die Legitimität der ‚Empfängerregierung‘ ist im Inland schwach, und 2) sowohl die ‚Geber‘- als auch die ‚Empfängerregierung‘ verfolgen eine militaristische politische Agenda (zum Beispiel nach dem 11. September 2001 oder in der Zeit des Kalten Krieges).
  3. Unabhängig von den politischen Präferenzen der ‚Geber‘- und ‚Empfängerstaaten‘ werden staatlich begangene Menschenrechtsverletzungen insbesondere dann fortbestehen, wenn eine Kultur der Straflosigkeit in der Justiz sowie in Polizei- und Militärinstitutionen fest verankert ist.

Konvergierende Interessen als Bestimmungsgrund der Entwicklungspolitik

Südostasien, Entwicklungspolitik, Menschenrechte

Mit der 2013 gegründeten Asiatischen Infrastruktur Investitionsbank (AIIB) ist ein Gegengewicht zu den bislang vor allem westlich dominierten Entwicklungsbanken entstanden. © N509FZ – CC BY-SA-4.0

Ich vertrete die Auffassung, dass Entwicklungshilfe für ‚Empfängerländer‘ von Natur aus weder gut noch schlecht ist, sondern dass die Auswirkungen dieser externen Ressourcen auf die Situation der Menschenrechte von den gemeinsamen politischen Präferenzen und normativen Vorstellungen über ‚Entwicklungshilfe‘ abhängen. Die konvergierenden Interessen von ‚Geber‘- und ‚Empfänger‘-Staaten – in Verbindung mit der inländischen Legitimität der Empfängerregierung – prägen also in erster Linie die Kernziele und Umsetzungspraktiken sowohl der ‚Entwicklungshilfe‘ als auch der nationalen Politiken und Ressourcen, die wiederum das Ausmaß der staatlich verübten Menschenrechtsverletzungen bestimmen.

Um diese Kernthesen zu überprüfen, habe ich untersucht, welche Unterschiede es abhängig von den strategischen Zielen und dem Umfang der von den USA bereitgestellten Auslandshilfe bei der Verwirklichung der Menschenrechte in Südostasien gab. Konzentriert habe ich mich dabei auf den Zeitraum der 1990er Jahre bis 2016. Dabei analysierte ich die Beziehungen und Einflussfaktoren zwischen der US-Auslandshilfe und der Diplomatie im Hinblick auf die Menschenrechtssituation in den Philippinen und in Thailand zum einen innerhalb dieser beiden Länder und zwischen den beiden Ländern.

Vom Fokus auf Demokratie und Menschenrechte zum Antiterrorkampf

Nach dem Ende des Kalten Kriegs war die Zeit nach 1990 zunächst geprägt von Forderungen nach verfassungsmäßig garantierten Menschenrechten und demokratischer Regierungsführung. Die US-Regierung unter Clinton erhöhte ihre Auslandshilfe für Thailand und die Philippinen und legte einen besonderen Fokus auf die Förderung von Demokratie, Menschenrechten, bilateralem Handel und sozioökonomischer Entwicklung. Die menschenrechtsorientierte Entwicklungszusammenarbeit der USA in den 1990er Jahren traf einerseits auf Unterstützung der ‚Empfängerregierungen’ als auch der dortigen Bevölkerung. Die beiderseitige Unterstützung von Menschenrechten beförderte eine Abkehr vom Militarismus, sowohl auf Seiten des ‚Geberlandes‘ als auch der ‚Empfängerländer‘.

Die schweren Menschenrechtskrisen in den Philippinen (Arroyo-Regierung, 2001-2010) und in Thailand (Thaksin-Regierung, 2001-2006) ereigneten sich nach dem 11. September 2001, als im Rahmen des von den USA geführten Krieges gegen den Terrorismus zahlreiche Hilfsgelder zur Terrorbekämpfung bereitgestellt wurden. Die Bush-Regierung tolerierte im Zuge der Hilfe bei der Terrorbekämpfung die gewaltsame Unterdrückung bewaffneter und unbewaffneter politischer Opposition, die als Bedrohung für die äußerst instabilen Regime von Thaksin in Thailand und Arroyo in Philippinen angesehen wurden.

China als neuer Akteur in der US-dominierten Entwicklungspolitik?

Südostasien, Emtwicklungspolitik, Menschenrechte

China demonstriert im südchinesischen Meer militärische Stärke. Das Riff Fiery Cross wurde von China in den vergangenen Jahren zu einer Militärbase ausgebaut. © SkySat CC BY 2.0

Mit dem Aufstieg Chinas und seiner wachsenden Bedeutung als Gegenpol zur US-dominierten Entwicklungspolitik, stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die oben erwähnte Geschichte der US-Entwicklungshilfe in Südostasien nach dem Kalten Krieg für das Verständnis der gegenwärtigen Rivalität zwischen den USA und China hat.

In dieser Ära globaler Umwälzungen ist das Überleben des derzeitigen Regimes und seiner verfassungsmäßigen Ordnung das wichtigste Ziel der Kommunistischen Partei Chinas, einschließlich des Präsidenten Xi Jinpings. Das Überleben des Regimes hängt in erheblichem Maße von der Fähigkeit des Staates ab, auch weiterhin ein großes Wirtschaftswachstum zu erzielen und öffentliche Güter bereitzustellen, und dabei gleichzeitig die politische Opposition im In- und Ausland zu unterdrücken.

Der Erfolg von Chinas Streben zur Weltmacht hängt letztlich davon ab, inwieweit es Peking gelingt, die militärische Vorherrschaft der USA im indopazifischen Raum nachhaltig zu brechen. Hierzu gab Peking die rechtswidrige Errichtung von künstlichen Inseln und Infrastrukturen im so genannten südchinesischen Meer in Auftrag, eine Meeresregion, durch die fast 60 Prozent des Welthandels fließen. Mit der Präsenz in dem umstrittenen Territorium dehnt Peking seine maritime und militärische Kontrolle aus, über seinen traditionellen Machtbereich hinaus und mit dem Ziel, in einer hart umkämpften Weltwirtschaft mehr Einfluss zu erlangen.

Während die USA in Bezug auf Umfang und Ziele der verschiedenen Hilfsprogramme und Finanzierungsinstrumente bemerkenswert transparent sind, fehlt im Falle Chinas noch eine klare Übersicht über den Umfang der offiziellen Entwicklungshilfe- und Finanzprogramme, um es mit Geberländern im globalen Norden vergleichen zu können.

Unterschiede zwischen Peking und Washington gibt es auch hinsichtlich der Rechtfertigung der Entwicklungszusammenarbeit. Washington beruft sich auf demokratische Regierungsführung und Menschenrechte als Kernprinzipien für globale Entwicklung. Peking hingegen rechtfertigt sein Engagement mit Süd-Süd-Kooperation, einem bedingungslosen Altruismus und einem staatszentrierten Entwicklungsrahmen.

Daher sollten weder China noch die USA als ‚wohlwollende Akteure‘ im globalen Entwicklungssektor betrachtet werden, wo Machtkämpfe und antagonistische Identitätsunterschiede zwischen rivalisierenden Staaten eine entscheidende Rolle spielen.

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1 | 2023, Südostasien,
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Entwicklungspolitik als Mittel von Großmachtinteressen?

Südostasien/Deutschland: Im März 2023 veröffentlichte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sein Strategiepapier „Feministische Entwicklungspolitik“. Die Kernaussagen werden hier kritisch gewürdigt.

Die Ampelkoalition befindet sich im Frühjahr 2023 in einem spannungsreichen politischen Spagat zwischen der Rückkehr zu einer überwunden geglaubten militärischen Logik im Zeichen des Ukraine-Kriegs einerseits und der Einführung des Feminismus in der Außen- und Entwicklungspolitik andererseits. Feministische Entwicklungspolitik – Für gerechte und starke Gesellschaften weltweit lautet der Titel des im März 2023 erschienenen Strategiepapiers des BMZ. Das Papier signalisiert einen Paradigmenwechsel in der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit (EZ), der bis vor kurzem noch undenkbar schien.

Nach sechs Dekaden, in denen Entwicklung trotz vieler innovativer Initiativen weitgehend entlang patriarchal geprägter Vorstellungen des globalen Nordens ausgerichtet blieb, sollen nun feministische Perspektiven die Richtung neu bestimmen. So lautet zumindest der Anspruch von Entwicklungsministerin Svenja Schulze in ihrem Begleitschreiben: Feministische Entwicklungspolitik sei keine „Politik von Frauen für Frauen“, sondern fördere „globale Gerechtigkeit, Wohlstand und gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Davon, so die Ministerin, „profitieren alle“. Ein hoher Anspruch.

Stehen wir damit auch in der Entwicklungspolitik vor einer ‚Zeitenwende‘? Welches Verständnis von Feminismus liegt der neuen Strategie zugrunde? Was sind die konkreten Ziele und wie sollen sie erreicht werden? Geht es um feministische Alternativen zum globalen Wachstumsmodell, das strukturell Ungleichheit und Armut hervorbringt, oder lediglich um eine stärkere Beteiligung von Frauen an Macht und Wohlstand? Um diese und andere Fragen soll es in diesem Artikel gehen.

Überwindung patriarchaler Machtstrukturen

Die neue feministische Entwicklungspolitik sieht eine der Hauptursachen von Ungleichheit, Marginalisierung und Menschenrechtsverletzungen weltweit in patriarchalen Machtstrukturen. Diese trügen wesentlich zu instabilen Gesellschaften, Krisen und Konflikten bei, so das BMZ- Strategiepapier. Als strukturell benachteiligt werden vor allem Frauen und Mädchen, indigene Völker und lokale Gemeinschaften, Menschen mit Behinderungen sowie LGBTQI+-zugehörige Personen identifiziert. Sie alle stellen aus Sicht des BMZ ein großes Potenzial dar für die Bewältigung globaler Krisen – Klimakrise, Verlust der Biodiversität, Ernährungsunsicherheit, Destabilisierung von Gesellschaften, Kriege und Konflikte – und für die Sicherung des Wohlstands. Davon, dieses Potenzial zu nutzen, würden alle profitieren, so das Papier.

Feminismus wird nicht als einheitliches Konzept eurozentristischer Prägung verstanden. Vielmehr handele es sich um eine Vielfalt unterschiedlicher Feminismen, die sich über 200 Jahre weltweit herausgebildet haben und sich dynamisch dem jeweiligen Kontext entsprechend verändern. Feministische Entwicklungspolitik, so das übergreifende Ziel, soll dazu beitragen, dass „alle Menschen gleichermaßen und selbst bestimmt am sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben teilhaben können“, so das Strategiepapier.

Intersektionaler Ansatz und selbstkritische Reflexion

Frauen und Mädchen machen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Geschlechtergerechtigkeit steht somit im Fokus. Erweitert wird der Fokus durch ein Bekenntnis zur „Diversität“, die sich in „vielfältigen Identitäten und Lebensrealitäten“ ausdrücke, und in einem „inklusiven, nicht-binären Verständnis von Geschlecht“. So werden aktuelle Debatten um Gender und Identität einbezogen. Angestrebt wird ein „gendertransformatives“ Vorgehen, das an den Ursachen von Diskriminierung (Gesetze, Normen, Praktiken, Einstellungen) ansetzt. Begrüßenswert ist auch die Betonung des intersektionalen Ansatzes, der verschiedene, einander überschneidende und sich gegenseitig verstärkende Kategorien von Diskriminierung in den Blick nimmt. Ein weiteres positives Novum ist die selbstkritische Reflexion fortwirkender kolonialer und rassistischer Sichtweisen und Mechanismen, die zu Ungleichheit und Ausgrenzung beitragen.

Die Umsetzung soll nach dem Modell der „3 R“ – Rechte, Ressourcen, Repräsentanz – erfolgen, die für Rechte, Ressourcen und Repräsentanz stehen. Diskriminierende Rechte und Normen sollen abgebaut werden, Frauen und Mädchen sollen gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen und zu gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen (Repräsentanz) erhalten. Bis 2025 sollen immerhin 93 Prozent aller neu bewilligten Mittel in Projekte fließen, in denen Gleichstellung als Haupt- oder Nebenziel genannt ist.

Systemwandel oder Krisenbewältigung?

Das vorliegende Konzept einer feministischen Entwicklungspolitik verspricht eine radikale Neuorientierung. Vieles von dem, was unter den „3 R“ in Kapitel 4 konkret aufgelistet wird, ist in diesem Sinne positiv zu bewerten. Auf den zweiten Blick stellen sich jedoch einige kritische Fragen im Hinblick auf die tatsächliche beziehungsweise intendierte Reichweite der Ziele. Ist hier ein dringend notwendiger Paradigmenwechsel in Sicht? Geht es darum, unter feministischer Perspektive einen Prozess in Gang zu setzen, der auf die Umgestaltung eines Entwicklungsmodells abzielt, das Armut, Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung der Natur hervorgebracht hat? Oder erschöpft sich das hier skizzierte Vorhaben der Geschlechtergleichstellung darin, ein bisher vernachlässigtes Bevölkerungspotential effizienter zu nutzen, um die globalen Krisen besser abfedern und damit das herrschende Entwicklungsmodell retten zu können? Immerhin wäre ein Abbau der eklatanten Ungleichheit – eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der zweiten Variante – an sich bereits ein großer Fortschritt für Frauen, Mädchen und andere diskriminierte Gruppen.

Die Entdeckung des Wissens indigener Völker

Positiv fällt auf, welch große Bedeutung indigenen Bevölkerungsgruppen und lokalen Gemeinschaften weltweit in dem neuen Papier beigemessen wird. Besonders wichtig ist hier der kritisch-selbstreflexive Bezug zum Kolonialismus mit der bis heute fortwirkenden Abwertung indigenen Wissens. Zu Recht wird die Relevanz dieses Wissens über Natur und Lebensräume für die Überwindung von Umwelt-, Wasser- und Klimakrise und den Erhalt der Biodiversität hervorgehoben. Allerdings scheint auch hier die effizientere Nutzung eines Potentials im Vordergrund zu stehen. Die wertschätzende Befassung mit angestammten Lebensräumen, Rechten, kulturellen Identitäten und Wertesystemen indigener Völker und lokaler Gemeinschaften nimmt eher wenig Raum ein. Positiv zu werten ist die erklärte Absicht, sich für effektive Beschwerdemechanismen gegen Land- und Ressourcenraub einsetzen zu wollen. Durch strukturell verankerte Mitspracherechte, zum Beispiel bei Verhandlungen zu Freihandelsabkommen oder zum Umgang mit tropischen Regenwäldern, hätten Betroffene im Vergleich zu Beschwerden allerdings deutlich wirksamere Einflussmöglichkeiten. Im Übrigen drängt sich die Frage auf, was wir von den indigenen Völkern im Hinblick auf einen globalen Werte- und Systemwandel, ein alternatives, nachhaltiges Entwicklungsmodell lernen könnten. Hierzu schweigt sich das Strategiepapier leider aus.

Schlüsselrolle der Zivilgesellschaft

Deutlich sichtbar wird im Papier des BMZ, wie sich die Rolle und Bedeutung der Zivilgesellschaft in der Wahrnehmung staatlicher Institutionen in den letzten Jahren verändert hat. Nachdem die Forderungen und Appelle nichtstaatlicher Organisationen, Netzwerke und Bewegungen in früheren Dekaden oft ungehört verhallten, ist die Zivilgesellschaft offenbar mittlerweile für Regierungen, multilaterale und internationale Organisationen zu einem wichtigen Gegenüber auf Augenhöhe geworden. Im Vorfeld der Veröffentlichung der Strategie zu einer feministischen Entwicklungspolitik fand ein breit angelegter Konsultationsprozess statt, zu dem das BMZ zivilgesellschaftliche Organisationen im Globalen Süden wie im Globalen Norden eingeladen hatte. Zu einem Parlamentarischen Frühstück zu Anfang März legte das Bündnis Internationale Advocacy Netzwerke (IAN), in dem auch die Stiftung Asienhaus vertreten ist, ein Diskussionspapier vor. Eine Reihe wichtiger Impulse und Forderungen daraus haben dank intensiver Lobby- und Advocacyarbeit Eingang in die Strategie des BMZ gefunden. Dazu gehört der Anspruch, dass feministische Entwicklungspolitik nachhaltige globale Gerechtigkeit, Demokratieförderung und Menschenrechtsschutz zum Ziel haben soll. Des Weiteren zählen dazu wichtige inhaltlich-programmatische Forderungen und Ansätze wie Intersektionalität, Repräsentanz und Partizipation, Dekolonisierung und menschliche Sicherheit.

Nicht zuletzt sollten wir das BMZ beim Wort und in die Pflicht nehmen hinsichtlich seiner Aussagen im Strategiepapier zur künftigen Einbeziehung der Zivilgesellschaft in nationale und internationale Entscheidungsprozesse:

  • Zivilgesellschaftliche Organisationen sollen eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der Ziele der Feministischen Entwicklungspolitik spielen (S.7- 9). Dabei will man insbesondere mit Frauenrechts-, LGBTQI+- und weiteren Menschenrechtsorganisationen zusammenarbeiten und aktiv nach Wegen suchen, deren schrumpfende Handlungsspielräume (shrinking spaces) zu schützen und zu erweitern (S. 18). Konsequenterweise sollte die Zivilgesellschaft auch an der für 2025 geplanten Auswertung teilnehmen.
  • Die offizielle Aufnahme von Vertreter*innen der feministischen Zivilgesellschaft in die deutsche Delegation bei globalen Konferenzen will das BMZ zur Bedingung für die eigene Teilnahme machen (S. 32).
  • Das BMZ verpflichtet sich dazu, sich für die Einbeziehung zivilgesellschaftlichen Wissens in politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse einzusetzen. Die Zusammenarbeit mit Organisationen, die indigene Völker und lokale Gemeinschaften vertreten, soll intensiviert werden (S. 32). Ihre Perspektiven sollen sich verstärkt in Planungs- und Strategieprozessen wieder finden (S. 33).
  • Eine direkte Finanzierung von Aktivitäten lokaler zivilgesellschaftlicher Organisationen und Menschenrechtsaktivist*innen wird ins Auge gefasst (S. 33).

Mit seinem Papier zur feministischen Entwicklungspolitik hat das Ministerium ein positives Signal gesetzt und Weichen für die Zukunft gestellt. Ob damit wirklich eine ‚Zeitenwende’ eingeläutet ist, bleibt abzuwarten. Das wird wesentlich davon abhängen, wie ernst das BMZ die selbst formulierten hohen Ansprüche nimmt. Eine Erhöhung des Etats wäre beispielsweise ein wichtiges Zeichen.

Die konkrete Umsetzung wird zeigen, ob es bei Absichtserklärungen bleibt oder ob mutige Schritte in eine radikal neue Richtung unternommen werden – auch gegen mögliche Widerstände von Seiten anderer Ressorts oder Regierungen von Partnerländern im Globalen Süden. Dabei ist die Kooperation und Kohärenz mit dem Außenministerium im Rahmen der feministischen Außenpolitik von großer Bedeutung. Konsequent wäre es, auf eine solche Kohärenz auch mit dem Wirtschafts- und Klimaministerium hinzuarbeiten.

Nicht zuletzt wird es entscheidend auf eine starke Zivilgesellschaft ankommen, die die Umsetzung der Vorhaben kontinuierlich begleitet und wirksam einfordert. Und die sich dafür einsetzt, dass Frauen und andere marginalisierte Gruppen den gleichberechtigten Zugang zu Rechten, Ressourcen und Repräsentanz tatsächlich für die Verwirklichung eigener Vorstellungen nutzen können. Nur dann rückt eine ‚Zeitenwende‘ in der Entwicklungspolitik in den Bereich des Möglichen.

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1 | 2023, Südostasien,
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Entwicklungspolitik als Mittel von Großmachtinteressen?

In Myanmar lautet ein Sprichwort: „Sport und Politik haben nichts miteinander zu tun“. Doch der Protest gegen die Militärjunta nach dem Putsch vom 1. Februar 2021 ist auch beim Fußball präsent. Viele Spieler zogen sich seitdem zurück.

„In Myanmar ist Fußball der Sport, den das ganze Land unterstützt. Sogar meine fast 70 Jahre alte Mutter sieht sich die Weltmeisterschaft an. Man könnte sagen, dass wir uns für nichts anderes interessieren als für Fußball“, so schildert es Sportkolumnist Ko Moe. Fußball ist in Myanmar durch alle Gesellschaftsschichten hindurch beliebt.

Als sich der ehemalige Fußballnationalspieler Ko Kha Yan nach dem Putsch der Junta von General Min Aung Hlaing erstmals entschloss, sich den Protesten anzuschließen, machte das landesweit Schlagzeilen. Später trat er aus der Nationalmannschaft zurück und streikte. Er spielte auch nicht mehr in der Myanmar National League (MNL). „Jeder Profisportler hat den ultimativen Traum, sein Land zu vertreten. Es ist aber beschämend, unser Land zu repräsentieren, während unser Volk stirbt und das Land in der Dunkelheit liegt. Wenn wir an internationalen Spielen teilnehmen und dort spielen, wird die ganze Welt denken, alles sei normal und nichts wird sich ändern.“

Boykott der Nationalmannschaft

Ko Kha Yan hat sich inzwischen vom Fußball verabschiedet und arbeitet im Familienunternehmen mit. Einige Spieler haben sich dafür entschieden, Myanmar zu verlassen und spielen nun in Thailand, Malaysia und Singapur. Andere wiederum schlossen sich wieder ihren lokalen Vereinen in Myanmar an. Ein Spieler der Mannschaft Yangon United sagt dazu, er habe sich für die Rückkehr entschieden, weil er nichts anderes tun könne, als Fußball zu spielen.

Für manche gab es noch gravierendere Folgen. Chan Bo Bo Nyein, 21, Kapitän der Jugendmannschaft von Hantharwady, wurde am 27. März 2021 bei Demonstrationen in Insein, Yangon, vom Militär erschossen. Der Fußballverband Myanmars (MFF) gab eine Erklärung ab, um sein Beileid auszudrücken, ließ die Todesursache jedoch unkommentiert.

Der erste internationale Auftritt der myanmarischen Fußballnationalmannschaft nach dem Putsch von 2021 war bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Das Team verlor das erste Spiel gegen Japan mit 0:10 — dem schlechtesten Ergebnis in der Geschichte der Mannschaft. Viele Spieler hatten die Teilnahme aus Protest gegen die Junta verweigert. „Es ist logisch, dass das schlechteste Ergebnis in der Geschichte des myanmarischen Fußballs zustande kommt, wenn die einzigen teilnehmenden Spieler solche sind, die den Diktator wie ihren Vater sehen. Es waren unqualifizierte Leute, die die Gelegenheit nutzten, während das Land in Trümmern lag und Unordnung herrschte“, sagt Ko Kha Yan.

Auch die Fans scheinen die Nationalmannschaft im Stich zu lassen. Die Mehrheit der Bevölkerung boykottiert alle Auftritte der Mannschaft, ob im In- oder Ausland. Seit dem Putsch hat Myanmars Nationalmannschaft 21 Länderspiele bestritten — und nur eines davon gewonnen. Während sie im Dezember 2020 noch auf Platz 137 der FIFA-Weltrangliste stand, fiel sie bis zum 22. Dezember 2022 auf Platz 159 zurück.

Bewunderung für Messi und Ronaldo

Die Abwendung vom nationalen Fußball bedeutet jedoch nicht, dass das Interesse am Fußball gänzlich erloschen ist. In Myanmar gibt es eine ausgeprägte Kultur der Unterstützung von Fußballmannschaften im Ausland. „Obwohl sich die Nationalmannschaft von Myanmar nie für die Weltmeisterschaft qualifiziert hat, haben wir Mannschaften, die wir bei der Weltmeisterschaft unterstützen. Argentinien und England sind in diesem Jahr die am meisten unterstützten Teams“, sagt Ko Moe im Vorfeld der Fußball-WM 2022.

Ko Ye Soe, ein Fan Argentiniens, der die Mannschaft seit mehr als zwei Jahrzehnten verfolgt, sagt: „Es geht nicht darum, dass wir Argentinien lieben oder dass wir Frankreich hassen. Es geht vor allem darum, dass wir den WM-Titel für Messi wollen. Wir wollen ihn, bevor er als bester Spieler der Geschichte in Rente geht. Jetzt ist unser Traum wahr geworden. Er hat die Weltmeisterschaft gewonnen.“ Französische Spieler werden in asiatischen Sportzeitschriften selten erwähnt. Die Region ist eher mit der englischen oder der südamerikanischen Fußballlandschaft vertraut.

Kein Wunder, dass die jahrzehntelange Rivalität zwischen Messi und Cristiano Ronaldo auch die Fans in Myanmar nicht unberührt lässt. Der 21-jährige Ko Chan Nyein Ko ist Anhänger von Portugal, der Mannschaft Ronaldos. „Unter den europäischen Vereinen unterstütze ich Real Madrid und was Nationalmannschaften angeht, unterstütze ich Portugal. Nicht nur wegen der Weltmeisterschaft, sondern weil ich sie schon immer unterstützt habe. Als Argentinien und Frankreich im Finale aufeinander trafen, habe ich Frankreich unterstützt. Ich wollte nicht, dass Messi die Weltmeisterschaft gewinnt.“

Premier League hat viele Fans in Myanmar

Ma Thu Thu Lwin studiert Russisch an der Yangon University of Foreign Languages. Ihr Interesse an der Premier League liegt woanders. „Der Grund dafür, dass ich ein weiblicher Fan der englischen Mannschaften bin, sind die gut aussehenden und hübschen britischen Jungs“, erklärt sie. Es ist nicht das erste Mal, dass englische Spieler eine solche Hingabe wecken. Vor zwei Jahrzehnten schwärmten viele Frauen in Myanmar für Michael Owen, den Starstürmer von Manchester United und der englischen Nationalmannschaft.

Manchester United ist wohl das europäische Team, das in Myanmar am stärksten unterstützt wird. Die meisten älteren Menschen haben sich für „Man U“ entschieden, weil sie in den 1990er und 2000er Jahren eine starke Mannschaft waren. Offizielle Fanklubs veranstalten üppige Partys in Luxushotels wie dem Novotel in Yangon für die Anhänger*innen von Man U, der auch der Lieblingsverein vieler Generäle in Myanmar ist.

Trikots und Schuhe entstehen in Sweatshops

Die Premier League ist bei weitem die beliebteste ausländische Fußballliga in Myanmar, wobei die Menschen ihre Loyalität zwischen den Mannschaften Manchester United, Arsenal, Liverpool und Chelsea verteilen. Die humorvolle Kurzdokumentation The Special One, die 2017 von Tagu Films unter der Regie von Filmemacher Lamin Oo produziert wurde, porträtiert „Den größten Chelsea-Fan aus Myanmar“.

Dieser Fan leitet ein Geschäfts auf dem San Pya Fischmarkt in Yangon und führt es wie eine Fußballmannschaft. Seine Arbeiter*innen tragen ein Chelsea-Trikot als ‚Uniform‘. Wie und wo all diese bunten Trikots hergestellt werden, ist jedoch alles andere als lustig.

Offizielle Trikots, produziert von bekannten Marken, kosten zwischen 90 und 150 US-Dollar. Die von den Spielern getragenen Stollenschuhe kosten mindestens 200 US-Dollar. Die Myanmar Pou Chen Company Limited ist Zulieferer bekannter Marken wie Adidas und Nike, für die einige dieser Kleidungsstücke hergestellt werden. Der Tageslohn der Angestellten beträgt 4800 MMK (etwa zwei US-Dollar).

Am 25. Oktober 2022 forderten rund 2000 Arbeiter*innen eine Erhöhung des Tageslohns auf 8000 Myanmar Kyat (MMK), was 3,80 US-Dollar entspricht. Insgesamt 26 von ihnen wurden von den Fabrikbesitzern entlassen, 16 wurden beschuldigt, einen Protest angeführt zu haben. Die niedrigen Löhne waren nicht der einzige Grund für den Protest, es ging auch um die Arbeitsbedingungen. Die Beschäftigten müssen täglich von weit entfernten Orten außerhalb Yangons anreisen und verlangten daher, dass die Fabrik einen Transport organisiert oder einen Teil ihrer Transportkosten übernimmt. Sie forderten außerdem das Ende unbezahlter Überstunden.

Nach zwei Monaten Arbeitslosigkeit bot die Fabrik an, die zuvor entlassenen Arbeiter*innen wieder einzustellen und stimmte einigen ihrer Forderungen zu. Der neue Vertrag sieht einen geringeren Arbeitsumfang und keine Überstunden vor. Es gibt jedoch andere Punkte, bei denen die neue Vereinbarung scheitert. „Die Arbeiter*innen erhalten den gleichen Lohn. Selbst wenn es viele Aufträge gibt und Überstunden erforderlich sind, wird der Lohn nicht erhöht. Wir werden jedoch mit der Forderung nach einer Lohnerhöhung schrittweise fortfahren“, sagt Ma Phyo Thida Win, eine Arbeitnehmervertreterin in der Fabrik.

In anderen Bekleidungsfabriken gibt es noch besorgniserregende Entwicklungen. Seit dem Putsch sind die meisten Gewerkschaftsführer*innen und viele Mitglieder entlassen worden. Die Rechte von Arbeiter*innen haben sich verschlechtert. Am 28. Februar 2023 wurden zwei Fabriken chinesischen Besitzes, die in Yangons Shwepyithar-Industriezone Kleidung für Primark herstellten, geschlossen. Dadurch wurden mehr als 2000 Arbeiter*innen arbeitslos. Die Schließung dieser Fabriken steht beispielhaft für die wirtschaftliche und soziale Krise, die sich nach der Machtübernahme durch das Militär entwickelt hat. Einem Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) zufolge hat ein Viertel der Bevölkerung in acht Townships in den Vororten von Yangon (darunter auch Shwepyithar) 2022 kaum ein Einkommen erzielen können.

K(l)icken für die Revolution

Trotz Boykott und Wirtschaftskrise lässt sich mit Fußball immer noch Geld verdienen, nicht nur mit den traditionellen Wett- und Glücksspielen. Junge Menschen unterstützen die Anti-Junta People’s Defense Forces (PDF), indem sie das Interesse am Fußball ausnutzen. Die Revolution kann jetzt durch das Anschauen eines Spiels finanziert werden. Dafür werden auf Webseiten, die Fußballspiele übertragen, Werbegelder gesammelt.

Andere Webseiten bieten Links an, über die Menschen Geld an eine bestimmte Organisation spenden können. Dieses Geld wird dann von den Inhaber*innen der Webseite an bewaffnete PDF- Gruppen überwiesen. Bei diesen Links muss niemand sein eigenes Geld spenden. Stattdessen müssen die Nutzer*innen lediglich auf eine Werbung klicken. Nach dem Anklicken zahlen die Werbetreibenden den Inhaber*innen der Webseite ein paar Cent für jeden Klick. Die Betreiber*innen der Webseite stellen sicher, dass täglich mehrere Links zur Verfügung stehen, sodass es leicht ist, Geld‚’zu spenden‘.

„Click to donate“ ist eine der bekanntesten Formen von Webseiten, mit denen Geld für die Revolution gesammelt wird. Nach Angaben des Betreibers einer solchen Website wurden innerhalb von anderthalb Jahren 1,4 Millionen Singapur-Dollar (1 Million US-Dollar) für Spenden über seine Website gesammelt. Der Erfolg dieser Methode des Spendensammelns zeigt, wie die Liebe der Menschen zum Fußball und der Zugang zum Internet kombiniert helfen können, die Bewegung gegen die Junta zu unterstützen, ohne die ohnehin schon mit finanziellen Problemen kämpfenden Menschen zu belasten.

Fußball und die Fußball-Industrie können als ein Raum betrachtet werden, in dem sich für bestimmte politische Themen eingesetzt werden kann. Fußball kann aber auch als reines Unterhaltungsmedium betrachtet werden. In einer Zeit, in der viele Menschen mit erdrückenden Problemen und Notlagen konfrontiert sind, kann Fußball ein Zufluchtsort sein. Die Frage bleibt, wie solch ein potenzieller Zufluchtsort zugleich Raum für politische Aussagen sein kann. Manch eine*r mag sich auch fragen, ob es überhaupt möglich ist, mit gutem Gewissen unpolitische Unterhaltung zu genießen und daran teilzunehmen, während Mitbürger*innen einen politischen Kampf führen, der Entbehrungen, Risikobereitschaft und Disziplin erfordert.

Übersetzung aus dem Englischen von: Linda Bowes

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1 | 2023, Südostasien,
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Entwicklungspolitik als Mittel von Großmachtinteressen?

Südostasien: In fast allen Ländern der Region, in denen kürzlich gewählt wurde, standen Familienmitglieder von ehemaligen oder aktuellen Politiker*innen zur Wahl.

südostasien: Wie mächtig sind politische Dynastien im heutigen Südostasien?

Julia Lau: Die derzeitige politische Landschaft der Region mit Sprösslingen politischer Familien wie ‚Bong Bong‘ Marcos Jr., Hun Manet und Paetongtarn Shinawatra in Machtpositionen spricht dafür, dass politische Dynastien in der Politik Südostasiens eine große Rolle spielen. Ein Teil der Erklärung könnte darin liegen, dass viele Gesellschaften in Südostasien vererbte Macht nicht unbedingt als problematisch ansehen.

Diese zweite oder dritte Generation von Politikern sind oft Söhne und Töchter von Präsidenten und Premierministern, die besser qualifiziert sind als ihre Eltern. Viele haben an guten Universitäten wie Cambridge und Harvard Politik studiert. Sie haben Politik von Anfang an aus nächster Nähe kennen gelernt. Politische Dynastien sind jedoch ein weltweites Phänomen und nicht nur in Asien zu beobachten, wie unter anderem das Beispiel der Kennedy-Familie zeigt.

Politik ist ein Geschäft. Wenn man in die ‚richtige‘ Familie hineingeboren wird, ist man zumindest am ‚richtigen‘ Platz. Ob man diesen Vorsprung dann nutzen kann, um in die Politik einzusteigen und erfolgreich zu sein, ist eine andere Sache.

Wie wirkt sich das auf den Wahlprozess aus?

Es gibt eine gewisse Flexibilität in Bezug auf die Parteimitgliedschaft, sodass es nicht zu einem ideologischen Kampf kommt. Die Politiker*innen brauchen Parteien und springen oft einfach auf die größte Koalition auf, wie zum Beispiel in Malaysia. Das zeugt von einem pragmatischen und opportunistischen Verständnis von Parteipolitik. Aus diesem Grund wurden Gesetze wie das malaysische Anti-Partei-Hopping-Gesetz eingeführt, um zu verhindern, dass Kandidat*innen die Partei wechseln. Dies gilt jedoch nur für bestimmte parlamentarische Systeme.

Welche Rolle spielt das Geschlecht in diesem Zusammenhang?

Puan Maharani, die Tochter der ehemaligen indonesischen Präsidentin Megawati Sukarnoputri, hat einen starken familiären Hintergrund in der Politik: Ihr Großvater [Sukarno, Indonesiens erster Präsident, d. R.] und ihre Mutter waren Staatsoberhäupter. Dennoch sieht sie sich in ihrem Land mit strukturellem Paternalismus und Patriarchat konfrontiert und rangiert in den Beliebtheitswerten sehr weit unten. Als Politikerin hat man in Indonesien schlechtere Karten. Doch auch in den USA, in Europa und in Australien gibt es die gleiche Frauenfeindlichkeit.

In Thailand war Thaksin Shinawatras jüngere Schwester und Paetongtarns Tante, Yingluck Shinawatra, früher Premierministerin, so dass die Öffentlichkeit vielleicht eher an weibliche Führungspersönlichkeiten gewöhnt ist. Darüber hinaus werden Monarchinnen in der Tradition genauso verehrt wie Könige – Thailand hatte einige sehr mächtige Königinnen. Die Schwester des Königs, Prinzessin Royal Sirindhorn, genießt ein hohes Ansehen. Außerdem war und ist die gesamte Familie Shinawatra in den nördlichen Teilen Thailands sehr beliebt. Dennoch ist Paetongtarn (‚Ung Ing‘) noch sehr jung und kann darauf warten, das höchste Amt zu übernehmen. Es ist nicht nur eine Frage des Geschlechts, sondern auch des Alters.

Wie wirkt sich der Faktor Alter aus?

Bei den jüngsten Wahlen in Indonesien wurde der Kampf um junge Wähler*innen auf TikTok gewonnen. Und dabei geht es vor allem um Branding. Der Sohn von Präsident Joko Widodo, Gibran Rakabuming Raka, und sein Wahlkampfteam haben die sozialen Medien geschickt beeinflusst. Es wurden Cartoons oder Avatare verwendet, um die ‚harmlose‘ Großvater-Figur Prabowo Subianto als Präsidentschaftskandidaten neben dem pausbäckigen Jüngling darzustellen, den die jüngeren Altersgruppen wählen konnten. Viele Menschen fanden diese Karikatur-Kampagne niedlich.

Inwieweit sorgen Dynastien für (vermeintliche) politische Stabilität?

Die indonesischen Wahlsieger sind mit dem Versprechen angetreten, alles fortzusetzen, was Joko Widodo infrastrukturell unternommen hat, wie etwa den geplanten Umzug der neuen Hauptstadt von Jakarta nach Ost-Kalimantan. Die versprochenen Wachstumszahlen sind nicht sehr realistisch. Das Land hat seit den 80er und 90er Jahren kein achtprozentiges Wachstum mehr erreicht. Dennoch haben die Menschen die Rhetorik geglaubt, trotz potenzieller Instabilitätsfaktoren wie Prabowos Alter von 72 Jahren [zu Anfang einer ersten von möglichen zwei fünfjährigen Amtszeiten als Präsident, d. R.].

In Singapur hielt sich der erste Premierminister Lee Kuan Yew sehr lange in seinem Amt. Auch nach dem Ende seiner Ära konnte das Land überleben und gedeihen, während Südostasien ein enormes Wachstum verzeichnete. Betrachtet man die kolonialistischen Strukturen, so haben die meisten ASEAN-Länder ihre Unabhängigkeit erst vor 50 bis 70 Jahren erlangt. Und 40 Jahre später schlägt die ASEAN die Region, die sie kolonisiert hat, Europa, das nach Südostasien kommt, um dort Geschäfte zu machen. Ja, es gibt Bereiche, in denen Armut herrscht, in denen die Entwicklung unter- oder ganz ausbleibt. Aber allen Widrigkeiten zum Trotz erlebt diese Region einen Aufschwung. Im Vergleich zu vor 40 – 60 Jahren geht es fast allen Ländern der Region besser als früher.

Gibt es Verflechtungen zwischen den politischen Dynastien? Ich denke an den Besuch von Hun Sen bei Thaksin Shinawatra im Februar 2024, nachdem Thaksin aus der Krankenhaushaft entlassen wurde…

Die Region ist klein und wenn man zur politischen Elite der ASEAN gehört, trifft man sich mindestens einmal im Jahr. Natürlich ist es hilfreich, sich persönlich zu treffen, auch nach dem Ende der eigenen Amtszeit. Aber man kann es auch menschlich sehen und sagen, dass ein älterer Mensch einen anderen besucht, der angeblich nicht bei guter Gesundheit ist. Auf dem südostasiatischen Festland mit seiner buddhistischen Tradition ist das nicht ungewöhnlich. Es gibt Leute, die zu Besuch kommen, die einfliegen, oder, wenn sie zu einem Arbeitstreffen in der Stadt sind, einen Abstecher zum Krankenhaus machen, um ihre Aufwartung zu machen. Auch ’normale Bürger*innen‘ nehmen aus Pflichtgefühl an den Beerdigungen ihrer ehemaligen Chefs teil.

Wie sehen Sie die Zukunft von politischen Dynastien in Südostasien?

Ich glaube nicht, dass politische Dynastien in absehbarer Zeit verschwinden werden. In Ländern wie Indonesien kandidieren Hunderte von Familien für politische Ämter auf verschiedenen Ebenen, darunter auf Provinzebene, auf lokaler Ebene und so weiter. Wer ein politisches Amt erringt, erhält Zugang zu Geld, anderen Ressourcen und sozialem Ansehen. So lange das politische System eines Landes von Vetternwirtschaft und Bestechung geprägt ist, wird sich diese Einstellung leider hartnäckig halten.

Es hängt jedoch vom Kontext des Landes ab. Wenn Sie die meisten Singapurer*innen fragen würden, würden sie nicht Politiker*innen werden wollen. Es gibt so viele andere Möglichkeiten, schneller und auf legitime Weise Geld zu verdienen, warum sollte ich da Politiker*in werden wollen?

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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1 | 2023, Südostasien,
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Entwicklungspolitik als Mittel von Großmachtinteressen?

Südostasien hat sich seit den 1980er Jahren stark verändert. Einige Länder machten demokratische Fortschritte, andere blieben unter autoritärer Kontrolle.

In den Philiippinen stürzte die People Power-Revolution 1986 den Diktator Ferdinand Marcos und führte zur Wiederherstellung der Demokratie unter Corazon Aquino. In Indonesien erfolge nach dem Rücktritt von Diktator Suharto 1998 eine umfassende politische Öffnung (Reformasi). Doch Herausforderungen wie Korruption, religiöse Spannungen und autoritäre Tendenzen bleiben bestehen.

In Myanmar gab es nach Jahrzehnten der Militärherrschaft ab 2010 Reformen und eine Annäherung an die Demokratie. Die Wahlen 2015 brachten Aung San Suu Kyis Partei an die Macht, bevor das Militär 2021 erneut putschte. In Thailand putschte das Militär 2006 und 2014, was zu anhaltender politischen Instabilität führte.

In Kambodscha regierte Premierminister Hun Sen und seine Kambodschanische Volkspartei (CPP) seit den 1980ern zunehmend autokratisch und unterdrückte die Opposition. 2023 übergab Hun Sen nach 38 Jahren sein Amt an seinen Sohn Hun Manet, bleibt jedoch als Parteichef einflussreich. Vietnam und Laos bleiben sozialistische Einparteienstaaten mit wirtschaftlichen Reformen, aber ohne politische Liberalisierung.

Hier ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen:

 

 

 

 

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1 | 2023, Südostasien,
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Entwicklungspolitik als Mittel von Großmachtinteressen?

Indonesien/Südostasien/Deutschland: Das Indonesien-Programm der Deutschen Welle würdigt 40 Jahre südostasien. Wir haben den Beitrag aus dem Indonesischen für euch übersetzt.

Dieses deutsche Magazin verkauft keine Werbung, setzt nicht auf Clickbait – und besteht dennoch seit 40 Jahren. südostasien ist vielleicht kein Lieblingsmedium für Investor:innen, aber ein Zuhause für Aktivist:innen und die Stimmen von Minderheiten aus Südostasien.

Während viele Indonesier:innen begeistert Reels schauen oder durch TikTok scrollen, berichtet das Redaktionsteam von südostasien weiterhin über Sandabbau, Landraub und ähnliche Themen in Indonesien und weiteren Ländern Südostasiens.

Meilenstein für die südostasien

2025 markiert einen wichtigen Meilenstein für die südostasien. Das unabhängige Magazin feiert sein 40-jähriges Bestehen. Das Magazin wird von der Stiftung Asienhaus und dem philippinenbüro herausgegeben und versteht sich als ein beständiges öffentliches Forum, das wichtige Themen aus und über Südostasien an Leser:innen in Deutschland und Europa vermittelt.

Aus der Initiative der 1980 gegründeten „Südostasien Informationsstelle“, einer Institution für Information und Bildung, ging südostasien hervor. Die Nullnummer der Südostasien Informationen erschien 1984, die erste ‚offizielle‘ Ausgabe folgte 1985. Seither erscheint das Magazin periodisch und liefert Berichte und kritische Bewertungen aus Südostasien.

Die Stiftung Asienhaus ist bekannt für die Förderung des kulturübergreifenden Dialogs und globaler Solidarität mit Fokus auf Asien. Geschäftsführerin Monika Schlicher sagt, es habe in den letzten Jahren viele Veränderungen in den Ländern Südostasiens gegeben: „Wir begleiten die Zivilgesellschaften in der Region. Mit dem Magazin südostasien machen wir ihre Stimmen hörbar, indem wir sie interviewen und sie bitten, eigene Beiträge zu verfassen. Wir publizieren diese Beiträge für die deutschsprachige Gesellschaft.“

Perspektiven der Betroffenen

Das Magazin ist für seine direkte Zusammenarbeit mit Aktivist:innen, Akademiker:innen und Journalist:innen aus Südostasien sowie der südostasiatischen Diaspora in Europa bekannt. Die meisten Artikel berichten über direkte Erfahrungen vor Ort und enthalten exklusive Interviews, kritische Meinungen und Betrachtungen zu Kultur und Politik.

Raphael Göpel, in der Stiftung Asienhaus zuständig für Indonesien und Kambodscha, sagt: „Dieses Magazin ist einzigartig im deutschsprachigen Raum, weil es Berichte aus Indonesien und anderen Ländern Südostasiens direkt von Autor:innen der Region liefert.“

Anett Keller, Koordinationsredakteurin der südostasien, sagt, dass sich zu wenige Menschen in Deutschland für Indonesien interessierten. Jedoch verfolgten Vertreter:innen der Zivilgesellschaften beider Länder dasselbe Ziel: Sie wollen eine gerechtere Welt und setzen sich für Umwelt-, Menschenrechts- und Sozialthemen ein. „Die südostasien ist ein Medium, das in Solidarität mit den Zivilgesellschaften Indonesiens und weiterer Länder Südostasiens zusammenarbeitet. Die Menschen, die sich dort und hier engagieren, arbeiten gemeinsam für eine bessere Welt“, betont sie.

Raum für Länderübergreifende Themen

In jeder Ausgabe des Magazins stehen Länder wie Indonesien, die Philippinen, Thailand, Myanmar, Vietnam, Malaysia, Singapur, Laos und Timor-Leste im Mittelpunkt. Das Magazin bietet auch Raum für Länderübergreifende Themen wie die Klimakrise, Menschenrechte, Demokratisierung, Feminismus, Migration und den Widerstand gegen den Neoliberalismus.

Majid Lenz, Referent für Myanmar in der Stiftung Asienhaus, erklärt, warum sich Deutschland und Europa für die Probleme in Südostasien engagieren. Er nennt das Beispiel der häufig vorkommenden Ausbeutung im Bergbausektor, zum Beispiel in der Nickelindustrie in Indonesien.

„Europa ist auf Rohstoffe angewiesen. Doch im Bergbau gibt es Probleme für die Arbeiter:innen, die Vertriebenen und die schwindende Natur. Es braucht den progressiven Dialog, denn wir müssen gemeinsam einen Weg finden, eine grüne Transformation zu erreichen, ohne dabei Raubbau in Indonesien oder anderen Ländern zu betreiben“, erklärte er.

Offenes und partizipatives Redaktionsmodell

Das Redaktionsmodell ist partizipativ und setzt auf ehrenamtliche Mitwirkende sowie thematische Gruppen, die je nach Land oder Fragestellung variieren. Der redaktionelle Ablauf wird gemeinschaftlich und auf Basis von Inklusion, ohne strenge Hierarchie, durchgeführt. Anett Keller ist derzeit die Koordinatorin der Redaktion. Sie arbeitet zusammen mit einem Netzwerk aus Beitragenden verschiedener Professionen und Altersgruppen.

Das Magazin liefert nicht nur Berichte, sondern schafft auch einen Raum der Reflexion und Solidarität zwischen den Zivilgesellschaften Südostasiens und Europas. Dem Redaktionsteam der bis 2018 gedruckt erschienenen Ausgabe war bewusst, dass es im digitalen Zeitalter zunehmend schwierig ist, Menschen mit einem Printmedium für wichtige Themen, die sie betreffen, zu interessieren. 2018 wurde die südostasien daher zu einer digitalen Open-Access-Plattform gewandelt. Diese Veränderung ermöglicht einen breiteren und offenen Zugang ohne Abonnement und erweitert zugleich die Leserschaft auf die südostasiatische Diaspora sowie auf internationale Gemeinschaften, die an der Region interessiert sind.

40-jähriges Jubiläum

Das 40-jährige Jubiläum der südostasien fand am 5. Juli in Köln im Rahmen des Asientages statt, der den Titel „Macht, Medien und Menschenrechte“ trug. Es wurden verschiedene Themen diskutiert, darunter die Situation der Rohingya in Myanmar, Basisbewegungen auf den Philippinen, Geschlechterfragen in Timor-Leste sowie die Entwicklung der Medien in Indonesien. Es wurde Kritik an ungerechten globalen Wirtschaftsbeziehungen sowie an geopolitischen Veränderungen geäußert, die die Bevölkerung Südostasiens betreffen.

Das Jubiläum war nicht nur eine Gelegenheit, zurückzublicken, sondern auch, eine neue Vision zu entwickeln: Wie kann die südostasien in Zukunft im Kampf für Zivilrechte relevant bleiben?

Raphael Göpel, Mitglied des Redaktionsteams, betont, dass das Magazin nach 40 Jahren noch immer relevant ist, weil sich Fragen nach Umwelt, Landraub und Redefreiheit noch immer stellen und in den sozialen Medien weiterhin diskutiert werden. Er nennt das Beispiel Indonesien: „Es gibt selbstverständlich verschiedene Aspekte von Menschenrechten, aber wir sehen auch, dass es insbesondere in Papua in Bezug auf die Sicherheitslage und die Konflikte vor Ort bereits zu einer Eskalation gekommen ist. Wir betrachten dies mit großer Sorge und aus menschenrechtlicher Perspektive. Internationale Journalist:innen und Hilfsorganisationen sollten Zugang nach Papua erhalten dürfen“, betont er.

Ein Forum, das sich weiterbewegt

Während der Podiumsdiskussion zum Jubiläum der südostasien betont Hendra Pasuhuk, dass die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) großen Einfluss auf die Medien habe: „Wir müssen aufmerksam sein. Selbstverständlich kann sich die Medienbranche der Entwicklung der KI nicht entziehen. Allerdings ist die Rolle der Journalist:innen hinsichtlich ihrer Verantwortlichkeit für die Gesellschaft nach wie vor von großer Bedeutung, um die Demokratie zu fördern“, so Hendra.

In einer Welt, die zunehmend von schnellen und oberflächlichen Informationen dominiert wird, bleibt die südostasien ein Raum der Reflexion, in dem den Stimmen Gehör geschenkt wird, die selten eine Bühne bekommen. Mit seinem offenen und partizipativen Format zeigt das Magazin, dass alternative Medien nach wie vor sehr relevant sind. südostasien ist seit 40 Jahren nicht nur ein Magazin, sondern auch eine Brücke der Solidarität, eine Erinnerung an die Bedeutung der Perspektiven des Globalen Südens und ein lebendiger Dialograum zwischen Asien und Europa.

Dieser Artikel erschien zuerst am 11. Juli 2025 auf Indonesisch bei der Deutschen Welle (DW). Wir danken der DW für die freundliche Genehmigung zur Publikation in der südostasien.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Mustafa Kurşun

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1 | 2023, Südostasien,
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Entwicklungspolitik als Mittel von Großmachtinteressen?

Philippinen: Laut sein und „hart durchgreifen“ wie Rodrigo Duterte: Dieses Männlichkeitsbild fasziniert Millionen – auch in der Diaspora.

Für viele seiner Anhänger:innen ist er Tatay Digong, der gesuchte „Vater der Nation“, der mit Stärke und Unnachgiebigkeit die Philippinen in die „richtige Richtung“ führte. Doch hinter der Fassade des starken Mannes verbirgt sich ein gesellschaftliches Phänomen: Hypermaskulinität. Sie prägt nicht nur politische Rhetorik, sondern auch das Selbstverständnis vieler junger Männer.

Philippinische Perspektiven auf Männlichkeitsideale

2025 haben die Philippinische Nationalpolizei und Interpol den ehemaligen Präsident Rodrigo Duterte festgenommen und an den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag überstellt. Trotz des Haftbefehls wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zusammenhang mit seiner umstrittenen „Krieg gegen Drogen“-Kampagne, hat Duterte bis heute viele Anhänger:innen. Warum übt ein hypermaskulines Führungsbild auf so viele Menschen eine starke Faszination aus?

Die Antwort darauf ist vielschichtig – sie reicht tief in die sozialen, historischen und kulturellen Strukturen der philippinischen Gesellschaft hinein. Wenn man genauer hinsieht und den Stimmen junger Filipinos aufmerksam lauscht, wird deutlich: Ein tiefes Bedürfnis nach Ordnung und Stärke zieht sich durch große Teile der Bevölkerung. Ein Anführer wie Duterte scheint für viele die Lösung zu sein. Seine Politik ist das Abbild eines starken Mannes, eines Vaters, der ‚mit harter Hand aufräumt‘ und klare Regeln setzt, in einem Alltag, der geprägt ist von instabilen Strukturen, politischer Korruption, hoher Kriminalität und sozialer Ungewissheit.

Diese Bewunderung entstammt einer patriarchalen Struktur. In vielen asiatischen Gesellschaften wird Männlichkeit oft mit Autorität, Durchsetzungsvermögen und emotionaler Zurückhaltung gleichgesetzt. Der ehemalige Präsident und 2025 gewählte Bürgermeister von Davao, Duterte, verkörperte gezielt diese Eigenschaften und genießt dafür breite Anerkennung. In den Medien wurde er als „Mann des Volkes“ dargestellt: direkt, ungeschönt, furchtlos. Das spiegelte sich auch in seiner Wortwahl wider. Seine provokante, oft vulgäre Sprache wirkte auf viele Menschen authentisch und ehrlich. Er erschien für viele als einzige Alternative in einem politischen System, das von Eliten dominiert wird. Der ‚starke Mann aus der Provinz‘, ein Außenseiter aus Mindanao, der gegen das Establishment in der Hauptstadt Manila ankämpft.

Stark, cool, unverwundbar – warum Männer dieses Bild lieben

Hypermaskulinität steht für ein übersteigertes Männlichkeitsideal, das sich durch Aggression, Dominanz und emotionale Kälte auszeichnet. Bei diesem Weltbild gibt es kaum Raum für Empathie oder Verletzlichkeit. Häufig geht dieses Rollenverständnis mit Gewaltbereitschaft und – auch sexueller – Macht einher. In Medien, Politik und Popkultur wird Hypermaskulinität durch Figuren wie Soldaten, Polizisten oder autoritäre Führungspersonen verkörpert. Die Begeisterung junger Männer, insbesondere junger Filipinos, für hypermaskuline Ideale lässt sich aus mehreren sozialen, kulturellen und politischen Dynamiken erklären.

In patriarchalen Gesellschaften wie den Philippinen orientieren sich junge Männer bei der Identitätssuche oft an überzeichneten Männlichkeitsbildern, um Anerkennung zu erlangen; diese werden durch Medien wie Werbung, Film und Musik verstärkt. Die Darstellung des harten Kämpfers, des dominanten Liebhabers und des unerschütterlichen Helden wirken besonders stark auf junge Männer mit begrenztem Zugang zu alternativen Rollenbildern. Ebenso wachsen viele mit dem Ziel auf, später als Arbeitsmigranten ihre Familien finanziell zu unterstützen. In diesem Zusammenhang wird Männlichkeit häufig mit Verantwortung, Leistungsfähigkeit und der Bereitschaft zum persönlichen Opfer gleichgesetzt. Das sind Vorstellungen, die hypermaskuline Ideale festigen und normalisieren.

Jeremy C. De Chavez und Vincent Pacheco untersuchten in ihrem 2020 veröffentlichten Fachartikel „Masculinity in the Age of (Philippine) Populism: Violence and Vulgarity in Duterte’s Hypermasculine Discourse“ die Inszenierung von Männlichkeit im Kontext des philippinischen Populismus. Sie zeigten, dass das propagierte Männlichkeitsbild keineswegs neu, sondern tief in der lokalen Kultur verwurzelt ist.

Bereits in den 1990er Jahren fand ein bestimmter Typus philippinischer Männlichkeit Ausdruck im Lied „Ang Tipo Kong Lalaki“ von DJ Alvaro. Besonders prägnant war die Zeile: „maginoo pero medyo bastos“ – sinngemäß: „ein Gentleman, der ein bisschen vulgär ist“. Diese Formulierung hat sich nachhaltig im kollektiven Gedächtnis der Filipinos verankert und wird bis heute zitiert. Sie steht für ein ambivalentes Ideal, das Höflichkeit mit Grenzüberschreitung verbindet.

Hypermaskulinität sei zwar kein neues Phänomen, es habe sich jedoch unter Duterte zu einer radikalisierten Variante entwickelt, so laut Chavez und Pacheco. Mit dem Aufstieg zum Präsidenten setzte sich ein neues Modell männlicher Führung durch, das offen toxische Merkmale verkörperte. Große Teile der Bevölkerung nahmen dieses Auftreten nicht nur hin, sondern betrachteten es als glaubwürdiges Abbild des „typischen philippinischen Mannes“. Chavez und Pacheco beobachteten eine Verschiebung des Idealbilds: weg von maginoo pero medyo bastos („ein Gentleman, der ein wenig vulgär ist“) hin zu dessen Umkehrung bastos pero medyo maginoo („ein vulgärer Mann, der gelegentlich Gentleman ist“). Duterte verkörpert eine ‚neue Männlichkeit‘, die eng mit seiner politischen Erzählung vom tunay na pagbabago (‚echter Wandel‘) verknüpft ist. Hypermaskulinität wurde so als ‚Schlüssel zur nationalen Erneuerung‘ inszeniert und legitimierte autoritäre Machtstrukturen.

Sexualisierte Gewalt als politische Leitlinie

Ähnliches fand Dr. Maria Tanyag heraus. Sie beleuchtete in ihrem Beitrag „Duterte, Hypermasculinity and the Key to Populism“ die zentrale Rolle von Geschlecht in der populistischen Politik. Populismus gilt oft als geschlechtsneutral. Doch in den Philippinen zeigt sich seine enge Verknüpfung mit Genderpolitik: Duterte verkörpert eine hypermaskuline Führungsfigur, deren sexistische Äußerungen breite Zustimmung fanden. Ein prägnantes Beispiel lieferte er in einer Ansprache vor Sicherheitskräften, in der er explizit Anweisungen gegen weibliche Mitglieder kommunistischer Gruppierungen machte: „Wir werden euch nicht töten. Wir werden euch nur in die Vagina schießen.“ Die Aussage zeigt, wie Geschlecht in seiner politischen Rhetorik gewaltsam instrumentalisiert wird; getragen von tief verankerten patriarchalen Strukturen, die solche Äußerungen teils feiern. Das von ihm formulierte Militärkommando galt angeblich als ‚besonders effektiv‘ mit der Begründung, dass Frauen ohne Vagina als ‚nutzlos‘ betrachtet würden. Solche Aussagen sind zutiefst sexistisch und entmenschlichen Frauen systematisch. Duterte befürwortete öffentlich die Straflosigkeit sexueller Gewalt im Kriegsrecht und erklärte, Soldaten dürften bis zu drei Frauen vergewaltigen, ohne Konsequenzen zu fürchten.

Diese Aussagen hatten weitreichende gesellschaftliche Folgen. Sie trugen zur Normalisierung von Hypermaskulinität in der politischen Kultur bei, mit direkten Auswirkungen auf die Geschlechterverhältnisse. Sexuelle Gewalt wurde bagatellisiert, feministische Stimmen wurden marginalisiert und patriarchale Machtstrukturen weiter gefestigt.

Ob oder gerade wegen dieser Inszenierungen finden sich unter jungen Männern zahlreiche Anhänger – insbesondere unter den sogenannten „Duterte DieHard Supporters“. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Viele junge Filipinos sind frustriert über Korruption, soziale Ungleichheit und die chronische Ineffizienz staatlicher Institutionen. Duterte gilt für die Mitglieder als radikaler Reformer, der Probleme kompromisslos angeht. Sein Slogan „Change is coming“ traf einen Nerv, besonders bei Jugendlichen, die sich nach einem Bruch mit der alten politischen Elite sehnten. Digitale Plattformen wie Facebook und TikTok machten ihn zum Popkultur-Phänomen. Jugendliche konsumieren Politik zunehmend über Memes und Kurzvideos, was die emotionale Wirkung autoritärer Figuren verstärkt.

Hinzu kommt, dass politische Bildung in vielen Teilen der philippinischen Gesellschaft kaum gefördert wird. Das begünstigt eine unkritische Bewunderung charismatischer Führer. Auch Frauen wie Sara Duterte, Duertes Tochter und derzeitige Vizepräsidentin der Philippinen, übernehmen diese Machtrhetorik. Sie setzt die politische Linie ihres Vaters fort, um sich als „tough“ und durchsetzungsfähig zu inszenieren; ein Stil, der auch bei jungen Menschen Anklang findet. In einem männlich geprägten politischen Umfeld nutzt sie martialische Rhetorik, Militärnähe und autoritäre Symbole, um sich als starke Führungsperson zu inszenieren. Ihre Strategie zeigt, wie auch Frauen männlich codierte Machtformen übernehmen. Für viele Jugendliche wirkt dies als Ausdruck von Protest gegen ein als ungerecht und elitär empfundenes System.

Hypermaskulinität als soziales Konstrukt

Gegen Ende von Dutertes Amtszeit und insbesondere nach seinem Ausscheiden aus der Präsidentschaft formierte sich zunehmend Widerstand. In akademischen Kreisen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und jungen politischen Bewegungen wuchs die Kritik an hypermaskulinen und autoritären Tendenzen. Politikerinnen wie Leni Robredo, Leila De Lima und Risa Hontiveros sowie Journalistinnen wie Maria Ressa und Karen Davila positionierten sich öffentlich gegen diese politischen Ideale und engagierten sich entschlossen für demokratische Werte, Menschenrechte und Geschlechtergerechtigkeit.

Übersteigerte Männlichkeitsnormen werden kulturell vermittelt, durch Medien, Peer-Gruppen oder tradierte Rollenbilder. Um diesen Dynamiken entgegenzuwirken, braucht es gezielte Strategien zur Prävention und Veränderung. Dazu zählt insbesondere die Förderung kritischer Männerbildung. Initiativen wie Detox Masculinity setzen auf Bildungsarbeit, die Männer zur Reflexion ihrer Rollenbilder anregt und alternative Männlichkeitskonzepte entwickelt. Auch die Stärkung von Diversität in sozialen Räumen spielt eine zentrale Rolle: Gemischte Gruppen, inklusive Sprache und vielfältige Repräsentationen helfen, einseitige Normen aufzubrechen.

Hypermaskulinität ist ein kulturelles Produkt, gestützt durch Medien, Politik und soziale Strukturen. In einem Umfeld, das autoritäre Männlichkeitsbilder feiert, braucht es Bildungsansätze, die alternative Rollenbilder fördern und geschlechtergerechte Räume eröffnen. Der Kampf gegen Hypermaskulinität ist kein Randthema, sondern eine Voraussetzung für eine gerechtere, friedlichere und inklusivere Gesellschaft.

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1 | 2023, Südostasien,
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Entwicklungspolitik als Mittel von Großmachtinteressen?

Timor-Leste: Bei Parlamentswahlen öffnet eine Quote Frauen die Tür. Auf Dorfebene jedoch stößt Demokratie an kulturelle Grenzen.

„Warum muss eine gebildete Frau mit Qualifikationen sich immer noch verbeugen und um Erlaubnis bitten, um führen zu dürfen?“ Diese Frage stellt Maria Ligia de Fátima. Sie hatte es gewagt, die Grenzen der Tradition zu überschreiten und für das Amt Xefe Suku, Dorfvorsteherin, zu kandidieren. Ihr altes Wahlkampfbanner hängt noch immer hoch oben, an einem traditionellen Stelzenhaus in Lautém, dem östlichsten und überwiegend ländlichen Distrikt Timor-Lestes. „Mein König ist die Gemeinschaft, der ich diene“, steht auf dem Banner. Bei den Xefe Suku-Wahlen 2023 erhielt Maria Ligia nicht genügend Stimmen.

Wenn Demokratie und Kultur aufeinanderprallen

Auf dem Papier garantiert die Verfassung Timor-Lestes die Gleichstellung von Frauen und Männern. In der Praxis jedoch geraten demokratische Prinzipien immer wieder mit tief verankerten kulturellen Traditionen in Konflikt, besonders auf der Ebene der Suku und Aldeia, der Dörfer und Weiler.

In der öffentlichen Verwaltung und in staatlichen Institutionen sind Frauen zunehmend vertreten. Bei Parlamentswahlen gilt in Timor-Leste eine Geschlechterquote: Auf den Wahllisten der Parteien muss mindestens jede dritte Kandidatur von einer Frau besetzt sein. Das Ergebnis ist ein vergleichsweise hoher Frauenanteil im Parlament. Gegenwärtig entfallen rund 35 Prozent der Sitze auf Frauen.

Auf Dorfebene dagegen gelten Führungspositionen weiterhin als männliches Terrain. Der Distrikt Lautém zeigt exemplarisch, wie Männlichkeit, Tradition und Demokratie auf lokaler Ebene aufeinandertreffen. Öffentlich breiter diskutiert wurde dieses Spannungsfeld, als Frauenorganisationen scharfe Kritik an einem Verwaltungsleiter in Lautém äußerten. Dieser hatte empfohlen, Kandidaturen von Frauen für das Xefe Suku-Amt zu vermeiden.

Das Gesetz existiert bereits

Für den im November 2025 veröffentlichten Film Tansá feto labele iha kargu ne’ebé ass liu mane iha komunidade? (Warum keine Frau an der Spitze?) führten Nelson Madeira und Chélsia M Santos von der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) Interviews, unter anderem mit Maria Ligia de Fátima. „Ich hatte kandidiert, um Frauen zu fördern“, erzählt sie. „Ich hatte gesagt: Das Gesetz existiert bereits. Jetzt müssen wir uns selbst stärken, damit wir auch bei Xefe-Suku-Wahlen antreten können.“ Doch in Lautém würden bis heute überlieferte Traditionen als Identität bewahrt, „und diese geben von Generation zu Generation nur Männern eine Chance“.

Auch Alicia da Costa, eine weitere frühere Kandidatin, die ebenfalls nicht gewählt wurde, beschreibt Hürden: „Hier haben Frauen und Männer laut Kultur unterschiedliche Rollen. Männer treten nach vorne, nach außen. Frauen bleiben im Haus und kochen für sie, und sollen nicht über Männer regieren.“

Die Gesellschaft befinde sich an einem Knotenpunkt zwischen Demokratie und Tradition, sagt die ehemalige Kandidatin Julieta da Costa Galvão: „Wir müssen Vorfahren und Traditionen respektieren, aber Demokratie besagt auch, dass Frauen und Männer gleiche Rechte haben. Das sorgt für Verwirrung. Am Ende fehlt es weiterhin an Unterstützung.“

„Wer die Fähigkeit hat, sollte führen.“

Maria Ligia kritisiert noch eine weitere Erwartung, die demokratischen Prinzipien widerspricht: dass Frauen vor einer Kandidatur eine rituelle Zustimmung einholen müssen. Man habe ihr gesagt, sie müsse den Lia-Na´in, den Hüter der Tradition und ritueller Sprecher, um seinen Segen (matak malirin) bitten. „Aber wenn man das Gesetz versteht, sollte das nicht notwendig sein“, sagt Maria. Wenn eine gebildete Frau sich verbeugen und Männer um Erlaubnis bitten muss, um kandidieren zu dürfen, sende das die psychologische Botschaft, dass Gleichstellung für Frauen unerreichbar bleibt.

Die für den Film befragten gewählten Dorfvorsteher in Lautém vertreten unterschiedliche Positionen. Einige erkennen an, dass der Ausschluss von Frauen heute nicht mehr zu rechtfertigen ist. „Dies ist die Zeit der Demokratie“, sagt Roberto Dias Vieira. „Wer die Fähigkeit hat, sollte führen.“ Cristovão Vieira verweist darauf, dass die Entscheidung letztendlich bei der Gemeinschaft liege. „Wenn die Mehrheit Männer wählt, dann muss die Minderheit dem folgen.“

Xefe Suku Jaime da Costa, der aus einer Liurai-Familienlinie stammt, aus einer jahrhundertealten traditionellen Machtstruktur in Timor-Leste, ist überzeugt, dass Tradition bewahrt werden müsse. „Tradition ist das Rückgrat der Nation“, betont er. „Wenn wir sie aufgeben, verlieren wir unsere Identität.“ Viele Gesetze seien aus anderen Ländern übernommen worden. Frauen in staatlichen Strukturen wie der Gemeindeverwaltung oder in Ministerien sehe er unproblematisch. „Aber wenn es um die Ämter Xefe Suku und Aldeia geht – das ist ein sensibles Thema, da geht es um das Führen von Menschen.“

Auch Angst unter den Wählerinnen und Wählern spiele eine Rolle, erläutert Oscar dos Santos, ein Lia-Na´in, ein traditioneller Sprecher. „Eine Frau, die kandidieren will, muss die Dorfältesten zusammenrufen.“ Es brauche ein Ritual. „Die Menschen fürchten, von einer Krankheit befallen zu werden oder am nächsten Tag nicht mehr laufen zu können, wenn sie für eine Frau stimmen, ohne dass zuvor das nötige Ritual abgehalten wurde.“

Unterstützung verschwindet an der Wahl-Urne

Die Frauen berichten, dass sie zwar ermutigt wurden zu kandidieren, die Unterstützung jedoch an der Wahlurne oft verpuffe – selbst unter Frauen. „Unterstützung gibt es nur mit dem Mund“, sagt die ehemalige Kandidatin Florinda da Costa Neves. „Wenn es ums Wählen geht, entscheiden sie sich für Männer.“

Strukturelle Ungleichheiten verstärken die Kluft. Julieta da Costa Galvão verweist auf häusliche Erwartungen als Mütter und Ehefrauen, die Frauen isolierten. „Das schränkt unseren Zugang zu Information und Netzwerken ein.“

Die landesweiten Zahlen zeigen, wie groß der Abstand noch ist. Bei den Suku-Wahlen 2023 traten in Timor-Leste 2.117 Kandidierende für das Xefe Suku-Amt in 442 Dörfern an. 241 davon waren Frauen, rund elf Prozent. Gewählt wurden 18 Frauen, was einem Frauenanteil von etwa vier Prozent entspricht. In Lautém wurde keine einzige Frau zur Xefe Suku gewählt.

Nationale Frauenrechtsorganisationen wissen, dass Gesetze allein tief verwurzelte soziale Normen nicht über Nacht verändern können. „Kultur bleibt dominant“, sagt Domingas Afonso Amaral von FOKUPERS (Forum Komunikasaun ba Feto Timor Lorosa’e, auf Deutsch: Kommunikationsforum für Frauen in Timor-Leste). Ihre Arbeit zur Förderung von Frauen in wichtigen Positionen umfasse auch den Dialog mit den Lia-Na´in, um das Bewusstsein für bestehende rechtliche Rahmenbedingungen zu stärken. Maria Domingas Fernandes Alves vom Netzwerk Rede Feto ergänzt: „Unsere Kultur besagt weiterhin, dass Frauen nicht regieren dürfen, weil dies als sakraler Bereich gesehen wird. Aber wir haben in der Realität doch noch nie gesehen, dass eine Frau stirbt, weil sie regiert, stimmt‘s?“

Staatliche Institutionen erklären, dass sie in Aufklärungsarbeit und Trainingsprogramme investierten. „Lautém bleibt eine Herausforderung“, sagt Abílio Barreto, ein Vertreter des Staatssekretariats für Gleichstellung (SEI). Man bringe gewählte Dorfvorsteherinnen aus anderen Bezirken nach Lautém, um vergleichende Studien durchzuführen und Frauen zu motivieren, kulturelle Barrieren zu überwinden. Nachdem Timor-Leste CEDAW ratifiziert habe, das UN-Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau, sei dies zu einer staatlichen Verpflichtung geworden – insbesondere in Bezug auf politische Teilhabe und Entscheidungsprozesse.

„Lasst es uns versuchen!“

Doch selbst in Lautém gibt es Anzeichen dafür, dass Frauen Führungsrollen übernehmen können: Im Dorfteil Nairete des Dorfes Souro wurde Eugenia dos Santos für zwei Amtszeiten in Folge zur Xefe Aldeia, zur Weilervorsteherin, gewählt.

„Früher konnten Frauen nicht regieren“, sagt sie. „Heute sehen wir: sie können.“ Entscheidend seien Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft, erklärt sie. „Manche Frauen, die kandidieren, haben keinen Erfolg, weil sie mit den Frauen im Weiler oder im Dorf nicht gut vernetzt sind. Bevor man kandidiert, muss man Menschen treffen, bei Anlässen sprechen, und zuerst bekannt werden.“ Eugenia dos Santos ist überzeugt, dass es auch in Lautém eines Tages Frauen als Xefe Suku geben wird. „Frauen sind heute gebildet, manche erlangen Masterabschlüsse“, sagt die Weilerchefin. „Wir können nicht ewig der Vergangenheit folgen. Die Rechte gelten für uns alle, Frauen wie Männer. Lasst es uns versuchen!“

 

 

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