3 | 2018, Malaysia,
Autor*in:

Die Geister im Unterholz

Ausschnitt "Mystik der Wälder", Zeichnung von © Joyce Fendel

Ausschnitt „Mystik der Wälder“, Zeichnung von © Joyce Fendel

Malaysia: Geisterglaube zieht sich durch die gesamte malaysische Gesellschaft – unabhängig von Klasse und Ethnie. Auf den im Land weit verbreiteten Plantagen kann Geisterglaube beispielsweise den Anbau von Mischkulturen oder das Stehenlassen des „wilden“ Unterholzes verhindern. Trotz anders lautender Lehren der Mehrheitsreligion Islam hält sich der Glaube an Naturgeister hartnäckig.

Wasch dir die Füße, nachdem du mit Geistern in Berührung gekommen bist.
(Tamilisch-malayisches Wissen)

Während eines Forschungsaufenthalts in Malaysia nutzte ich die (teils schaurige) Gelegenheit meine neuen Bekanntschaften nach Geistern zu fragen. In diesem Zusammenhang erhielt ich den Tipp, nach einer solchen Begegnung meine Füße zu waschen, auch um eventuelle Geisterverfolger abzuschütteln und sich zu reinigen. Manche Menschen glauben mehr daran und manche weniger. Geisterglaube spielte und spielt eine Rolle in der malaysischen Gesellschaft. Es existiert eine Vielzahl an Geschichten, Gerüchten und Vorstellungen. Es gibt zwar kein offizielles Bekenntnis zum Geisterglaube, inoffizielle jedoch zahlreich. Die Existenz einer ausgeprägten Geisterkultur spiegelt sich in den folgenden Gesprächen und Interviews. Meine Gesprächspartner*innen waren verschiedenen Geschlechts und Alters, gehörten zu verschiedenen in Malaysia lebenden Ethnien und sozialen Schichten. Geister beeinflussen offenbar die Gedanken und Ängste der Menschen quer durch die malaysische Gesellschaft. Die folgenden Zitate entstammen Antworten auf die Frage „Glauben Sie an Geister?“, welche ich meinen Interaktionspartner*innen stellte.

„Glauben Sie an Geister?“

Meiner Erfahrung nach dominieren drei Reaktionen auf diese Frage. Die häufigste Reaktion ist die direkte Abwehr, worauf vorsichtig eine Geistergeschichte folgt, worauf wiederum weitere Geschichten folgen bis man in einen wahren Strudel aus Geschichten gesogen wird.

Hantu – das bedeutet Geist auf malaiisch. Es gibt viele Geschichten. Alle Ethnien haben jedoch ihre eigenen Geister. Ich persönlich bevorzuge die chinesischen. Die hüpfen immerzu und wenn man sich ein Papier vor das Gesicht hält, so hört es auf. Letztendlich sind alle Geister schlecht.
(Angestellter einer Regierungsbehörde)

Die zweithäufigste Reaktion war, dass man mich belächelte oder der Geisterglaube in einer Moralgeschichte verpackt wurde.

Die Frage liegt wie die Antwort bei dir selbst. Wenn du an Geister glaubst, so werden sie bei dir sein. An manchen Tagen erscheint dein eigener Schatten wie ein Geist. Das sind erfundene Geschichten. Ich bin nicht abergläubisch.
(indischer Kautschukplantagenbesitzer)

Ich möchte lieber nicht über Geister nachdenken. Es gab Situationen, da sah ich nachts komische Gestalten neben der Straße. Die Geister wollen niemanden umbringen, sie machen sich bloß lustig. Das Problem ist nur, dass sie die Menschen so sehr erschrecken, dass sie in die offenen Arme des Todes laufen und so umkommen, zum Beispiel, wenn sie beim Wegrennen einen Autounfall haben. Also sei lieber achtsam und weniger schreckhaft.
(Kleinbauer)

Die dritte und seltenste Reaktion war die hastige Verabschiedung meiner Person, offensichtlich verbunden mit Angst und dem Bedürfnis, Konfrontation zu vermeiden. Einen Kleinbauern an der Grenze zu Thailand befragte ich nach den verschiedensten Aktivitäten und Verhältnissen auf seiner kleinen Kautschukplantage. Wir verstanden uns gut, aßen die leckere Durianfrucht und ich fragte ihn, ob es hier Geister gebe. Daraufhin wurde ich schneller verabschiedet als ich die Durian schlucken konnte.

Verlassener Vergnügungspark, Malaysia © Veronika Fendel

Verlassener Vergnügungspark, Malaysia © Veronika Fendel

Geisterglaube beeinflusst zuweilen Plantagenbewirtschaftung

Mein damaliges Forschungsziel war es, die Wahrnehmung verschiedener Akteur*innen in der Kautschukproduktion zu natürlichen Unterwuchs und Mischkulturanbau in Kautschukplantagen zu identifizieren. Mischkulturanbau bedeutet, dass andere Pflanzenarten in Kautschukplantagen integriert werden, um so die biologische Diversität zu erhöhen und ein nachhaltigeres Anbausystem zu schaffen. Das gleiche Ziel verfolgt der Ansatz mehr Unterwuchs zwischen den Kautschukbäumen zurückzulassen. Weniger schwerwiegend, aber dennoch ernstzunehmend, wird hin und wieder die Angst vor Geistern als Grund dafür angeführt, keine Mischkulturen anzubauen bzw. die Zwischenreihen der Monokulturen in Kautschukplantagen „sauber“ von Unterwuchs zu halten. Der Geist Pontianak wurde beispielsweise mit Bananenbäumen in Verbindung gebracht. Dies sei der Baum an dem „sie“ sich am liebsten aufhielte.

Pontianak ist ein weiblicher Geist, der im Nacken aufsitzt und in Bananenbäumen lebt. Sie kann töten. Schwangere Frauen sterben ihretwegen. Wenn sie sich nähert riecht es nach Blumen und Hunde fangen an zu wimmern. Eine leise und sanfte Stimme ist zu vernehmen, wenn man genau hinhört. Laute Stimmen und bellende Hunde hingegen, verweisen darauf, dass Pontianak weit weg ist. Man sagt sie riecht an frischer Wäsche, die vor Häusern aufgehängt wird, woran sie erkennt, dass hier Menschen leben. Das ist der Grund, weshalb manche Malaien ihre Wäsche über Nacht reinhängen. Hat jemand bei der Begegnung mit Pontianak unglücklicherweise die Augen geöffnet, so reisst sie dessen Geschlechtsorgane durch den Magen nach außen, um sie zu erhalten. Sie hat ein weißes Gesicht, rote Augen, schwarzes Haar und ein weißes Gewand, welches blutgetränkt ist.
(Angestellter einer Regierungsbehörde)

Pontianak lebt im Dschungel. Sie hat ein sehr gruseliges, hässliches Frauengesicht, lange Haare und Vampirzähne. Wie ein Vampir beißt sie nur Frauen in den Hals. Alte und große Bäume können Geisterbäume sein, an denen sie hängt.
(Angestellte einer Fabrik)

Manche Menschen glauben hingegen auch, dass es möglich ist, sich Geister zu halten, um die eigenen Plantagen vor Diebstahl zu schützen. Dieb*innen können von diesen Geistern umgebracht werden. Manch einer ist deshalb den Gefahren von Diebstahl gegenüber sehr entspannt. Wenn die Leute glauben, dass ein Bauer oder eine Bäuerin einen Geist besitzt so werden sie sich nicht trauen ihn zu bestehlen, so die „beruhigende“ Annahme.

Hantu Raya ist ein malaiischer Geist mit einer langen Zunge, der von einem Menschen aufgezogen wird, um sein Grundstück zu beschützen. Im Gegenzug muss der Geist gefüttert werden, mit sieben Eiern und Klebreis. Man benutzt Hantu Raya ebenfalls, um Plantagen zu schützen. Menschen können den Geist nicht sehen. Ein Indiz dafür, dass jemand einen Hantu Raya hat, ist, wenn das Gras plötzlich sehr kurz geschnitten ist und niemand gesehen hat, wie es geschah. Wenn der Besitzer im Sterben liegt, dann leidet er unter dem Geist und wenn er stirbt, vererbt er den Geist automatisch an seine Kinder. Ich würde nicht sagen, dass es Geister und Hantu Raya nicht mehr gibt. Wir können sie nur nicht sehen. In isolierten Gegenden sind Geister eher anzutreffen. Hantu Raya kann seinen Besitzer auch umbringen, zum Beispiel passiert dies, wenn er nichts zu Essen bekommt. Er kann auch Fremde umbringen. Heute jedoch glauben die Leute, dass Geister nicht mehr besessen werden und trauen sich zu klauen. Denn, wenn etwas Derartiges geschehen würde, dann würde sich die Neuigkeit rasend schnell verbreiten. Hier gibt es ein Grundstück, dessen Besitzer gestorben ist. Er hatte einen Hantu Raya und keine Kinder, weshalb sich keiner traut die Früchte zu stehlen, obwohl der Garten voll davon ist. Da der Geist nicht vererbt wurde ist er frei und sucht nach einem neuen Besitzer. Wenn diese Plantage nun plötzlich vom Unterwuchs gesäubert wäre, so könnte man mit Gewissheit sagen, dass sich dort ein Geist befindet. Trotzdem haben die Menschen Angst und trauen der Sache nicht, denn sie denken sehr traditionell und auch ich meide diesen Ort.
(Angestellte einer Fabrik)

Highland Towers, Malaysia © Veronika Fendel

Highland Towers, Malaysia © Veronika Fendel

Omnipräsenz von Naturgeistern

Vereinzelt wurde die Verbindung zu Mischkulturanbau beschrieben. Auffallend ist, dass sich vor allem um Bananenbäume zahlreiche Mythen ranken. Ein Beispiel ist die Angst davor, dass jemandem eine Frucht während der Arbeit auf den Kopf fällt und so für dessen plötzlichen Tod sorgt. Bei einem solchen Unfall bleibt es jedoch nicht beim Tod. Der unglücklich Getroffene wird zum selbst zum Geist und ist an den Baum, von dem die Frucht fiel, sein komplettes Geisterleben lang gebunden.

Die Leute glauben, dass es viele Geister in Bananenbäumen gibt. Es gibt Geschichten, wie zum Beispiel jene, wenn du unter einem Jackfruchtbaum gehst, eine Frucht auf deinen Kopf niederstürzt und dich so tötet, so wirst du zum Geist des Baumes. Dies geschieht mit vielen Bäumen.
(Kautschukkleinbauer)

Viele Erzählungen über Geistergeschichten haben ihren Ort in der Wildnis. Spirituelles sei hier besonders stark präsent und spürbar.

Ich habe weniger Angst vor Geistern, wenn die Sicht klarer ist, aber wenn du sie in Ruhe lässt, so lassen sie dich in Ruhe. Desto mehr du darüber nachdenkst, desto wahrscheinlicher ist es, dass du sie sehen kannst.
(Kautschukkleinbauer)

Im Urwald darf man nicht unnötig mit Wörtern um sich werfen. Vor allem darf man über keine Kreatur behaupten sie sähe lustig aus. Ich war mit einem Praktikant im Wald, als es passierte. Schau wie witzig das Ding da aussieht, sagte er zu mir. Ich dachte mir, das war es. Das Unglück ist beschworen. Der Praktikant hatte einen Käfer entdeckt. Das ist die Art und Weise wie die Lebewesen sind. Sie sind nicht lustig. Sie sind so. So verirrte ich mich. Dies ist die Lektion des Dschungels. Stunden später erreichen wir mein zu Hause, was eine halbe Stunde hätte dauern sollen. Nie wieder wollte ich ab da an mit einem Praktikanten in den Dschungel gehen.
(Kleinbauer)

Der traditionelle Geisterglaube steht zuweilen im Konflikt mit dem Islam, welcher die größte Religionsgemeinschaft in Malaysia darstellt. Trotzdem ist der Glaube an paranormale Phänomene bei einem Großteil der Bevölkerung präsent. Auf Grund dieses Konfliktes jedoch kommt es zur Distanzierung gegenüber Geistergeschichten. Geisterglaube wird von manchen als Gegenpart zur Religion gesehen. So erklärte ein Kautschukbauer, dass ein starker religiöser Glaube vor Geistern schützt. Speziell jüngere Farmer*innen halten sich stark daran. Man lerne schon in Kindertagen, dass es wichtig ist alles sauber zu halten sowohl sich selbst, als auch die Umgebung und die Plantagen. Dies ist für manche Kleinbäuerinnen und Kleinbauern Teil der Religion und wird auch als religiöse Verpflichtung gesehen. Deshalb wird Geisterglaube nicht immer öffentlich bestätigt und diskutiert.

Ein Geist berührte mich an meiner Schulter. Ich schrie, ich glaube nur an Gott.
(Kautschukkleinbauer)

Wir dürfen nicht an Geister glauben, wegen des Islam. Deshalb können wir auch keine Geistergeschichten erzählen. Man ist glücklich über innere und äußere Reinheit. Das ist die Voraussetzung zum Gebet.
(Angestellter einer Regierungsbehörde)

Verlassenes Hotel, Malaysia © Veronika Fendel

Verlassenes Hotel, Malaysia © Veronika Fendel

Verlassene Gebäude, in denen es „spukt“

Geistergeschichten beschränken sich nicht nur auf Kautschukplantagen. Auch verlassene Gebäude und Orte werden aus Angst vor Geistern meist gemieden. Vor den Highland Towers in Kuala Lumpur beispielsweise findet sich häufiger eine „Autotraube“. Die meisten Fahrer schauen sich den Ort aus der Ferne an und bekommen schon bei dem Gedanken daran, das Gelände zu betreten, Gänsehaut. In Gesprächen über alte Kolonialhäuser und verlassene Fabriken wird klar, dass viele Geschichten über „verfluchte“ Gebäude existieren. Man möchte kein Risiko eingehen und hält sich lieber von diesen Orten fern. Es könnte passieren, dass sich Geister an die Fersen des Besuchers heften und ihm nach Hause folgen, um zum Beispiel dessen Kinder zu besetzen.

Schaman*innen, sogenannte Bohmos, würden verfluchte Gebäude besuchen, wo sie in der Erde graben und danach „den Verstand verlieren“ und „im Wahn“ ins Dorf rennen. Bohmos existieren auch heute noch, vor allem in den ländlicheren Regionen. Das Wissen der Bomohs geht jedoch allmählich verloren, da sie keine Nachfolger*innen finden. Mir wurde erklärt, dass Bomohs normalerweise sogar selbst Geister halten. Sie benutzen diese zum Beispiel, um die Gegend vor Diebstahl zu schützen oder Besessenen zu helfen. Weitläufig existieren auch Geschichten über Besessenheit. Während eine Gesprächspartnerin von der schockierenden Besessenheit ihres Sohnes berichtet, erzählt ein anderer von seiner Kindheit in einem Geisterhaus.

Als ich einst auf einer Kautschukplantage wohnte, starb einige Häuser weiter ein kleiner Junge. Er war um die zwei Jahre alt. Er hatte das gleiche Alter wie mein Sohn. Unser Haus war das einzige Haus mit Licht, da mein Mann der Chef des Dorfes war. Irgendwas musste uns zu unserem Haus gefolgt sein, Plötzlich fing mein Sohn an sich zu winden und zu verdrehen und verlor das Bewusstsein. Ich versuchte in das Zimmer zu gelangen. Etwas hielt mich ab. Ich konnte nicht eintreten und hatte überall Gänsehaut. Mein Mann ging hinein und holte unseren Sohn heraus und legte ihn vor eine braune Heiligenfigur (die auch heute noch in meinem Haus steht) und betete, bis unser Sohn zu sich kam. Unser Sohn ist auch 30 Jahre später noch sehr stolz darauf, dass er einst besessen war.
(Rentnerin)

Meine Eltern erzählten mir, dass ich nachts aufgewacht sei und mich wie ein Tier, wie ein Hund, um genau zu sein, verhielt. Ich jaulte und ich bellte. Wir verließen daraufhin das Haus und diese nächtlichen Aktivitäten fanden ein Ende.
(Rentner)

Mona Fandey, eine Frau, die 2001 aufgrund eines Mordes zum Tode verurteilt wurde, ist ein bekanntes Beispiel einer Gänsehaut erzeugenden Geschichte eines Bomohs. Ihr wird nachgesagt, schwarze Magie angewendet zu haben, um so Politiker bei Wahlkämpfen zu unterstützen. Im Zuge dieser Aktivitäten zerstückelte sie mit einer Axt den Kopf eines Politikers. Ihre letzten Worte vor der Hinrichtung waren „Ich werde niemals sterben!“, und sie verkündete sie mit einem Lächeln im Gesicht. Das Haus der Mona Fandey steht noch immer in Kuala Lumpur. Hier soll sich angeblich kein einziges Staubkorn absetzen. Es sei, so meinen die Anwohner*innen, verflucht.

Es gibt zigtausend weitere Geistergeschichten und Geisternamen. Alle aufzuzählen würde wohl den Rahmen eines tonnenschweren Buches sprengen. Eine stark ausgeprägte Geisterkultur existiert und beeinflusst viele Menschen in ihrem Tun und Handeln, auch auf Plantagen und im Dschungel, wo die Undurchsichtigkeit die natürliche Angst der Menschen bestärkt. Trotzdem gibt es Unterschiede in der Zuwendung zum Geisterglaube, wenn sie denn besteht, Ein Kautschukbauer verdeutlicht die Situation mit einem bildlichen Vergleich: „Nimm deine Hand. Es ist eine Hand, aber mit unterschiedlichen Fingern. So verhält es sich auch mit der Ausprägung des Geisterglaubens der Malaien.“

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


3 | 2018, Malaysia,
Autor*in:

Die Geister im Unterholz

Philippinen: Die Visayas sind eine zentral gelegene und die geologisch älteste Inselgruppe der Philippinen. Hier gibt es Mythen und Sagen über die Entstehung der Inseln. Deren Bewohner – die Visaya – erzählen sich Geschichten über Götter, welche die Welt erschufen, und in ihrem Brauchtum spielen Geister, die auf der Welt neben den Menschen leben, eine große Rolle.

 

Das Glaubenssystem der Visayas unterteilt die Geister in zwei Arten: in gute und schlechte. Beide sind unsichtbar und verfügen über große Macht. Die guten Geister sind die vorkolonialen Ahnen, die sogenannten anitos. Bis heute werden sie in den täglichen Gebeten der mamaratbats angerufen. Mamaratbats sind mehrheitlich weibliche Vorbeter*innen. Um von Bathala, einem Gott, der in seiner Allwissenheit und Bedeutung dem christlichen Gott nahekommt, gehört zu werden, müssen männliche Vorbeter sich wie eine Frau kleiden und verhalten. Schlechte Geister oder Wesen sind von unterschiedlicher Größe und haben Namen, die vom Spanischen beeinflusst sind. So zum Beispiel die winzige encanto (eine Fee), deren Körperteile aus dem Boden herausragen; oder der einbeinige duende (Zwerg), der angeblich in einem Erdhügel zu Hause ist und auch nuno sa punso (abgeleitet vom Wort nonoc, das Ahne bedeutet) genannt wird; oder der Tabak rauchende Riese capre, der etwa zwei Meter groß ist und dessen Größe auf jeden einen Schatten wirft und der all jene entsetzlich erschreckt, die am balete-Baum vorbei gehen.

Universum aus sieben Schichten

Über all diesen guten und schlechten Geistern lebt der Gott Laon. Laon ist ein Visaya-Wort und bedeutet „alt“, „ewig“ und „zeitlos“. Laon lebt in der siebten Schicht, der des Himmels, genannt Langit-non. In vorkolonialer Zeit stellten sich die Gruppe der Visaya das Universum siebenschichtig vor. Die von Menschen bevölkerte Erde war in ihrer Vorstellung die vierte und somit mittlere Schicht, genannt Lupan-on, was übersetzt Erde oder Boden bedeutet.

Nach dem Visaya-Glaubenssystem hat alles in der Natur einen Geist. Die Geister leben in allem und überall. Spanische Mönche dokumentierten im 17. Jahrhundert, dass die Visaya Angst vor Bäumen, Pflanzen, Steinen, seltenen Tieren (u.a. vor dem limokon-Vogel, der ein Vorbote des Todes sein soll) und Wassergeistern in den Flüssen hatten.

Geister verlangen Respekt, so die Kultur der Visaya. Deshalb sagen Filipinos „tabi-tabi“ (Visaya) und „tabi-tabi po“ (Tagalog), wenn sie in einen Wald, auf eine Wiese oder auf ein ihnen fremdes Landstück gehen. Das Word tabi-tabi wird langsam, ruhig und respektvoll ausgesprochen und bedeutet „Entschuldigung, kann ich hereinkommen?“. So wird um Erlaubnis der anitos und aller anderen Geister gebeten, wenn der Mensch ihren Aufenthaltsort betritt. Wer eintritt, ohne um Erlaubnis zu fragen, wird von den Geistern nicht verschont. Also kommen der Zwerg duende oder die Fee encanto und fügen dem Eindringling körperliche Schmerzen und Schwäche zu.

Gute Geister und Ahnen

Der guten Geister und Ahnen muss an ihrem Todestag und am 1. und 2. November (entspricht Allerheiligen und Allerseelen im gregorianischen Kalender) gedacht werden. Sollte die Ahnenfamilie vergessen, den Namen des Ahnen während des Gebetes zu nennen oder versäumen, ihm Früchte und Essen (meist einheimische Delikatessen) anzubieten, erscheint der Ahne im Traum und erinnert daran, eine Kerze anzuzünden und das Gebet für ihn zu sagen.

Die Visaya glauben, dass die Ahnengeister die Macht haben, Menschen zu verscheuchen. Die Geister beschützen, bewachen und führen ihre Lieben in Zeiten der Not. Wenn man krank ist, erscheint der Geist und streicht einem über den Kopf, um den Schmerz zu lindern. Wenn jemand im Sterben liegt, zeigen sich die Ahnen vieler Generationen, um dessen Geist mitzunehmen.

Wenn man vom Weg abkommt, muss die Person die Kleider ausziehen und verkehrt herum tragen. Und siehe da, die verfahrene Person findet sich wieder zurecht, weil sie von den Ahnengeistern auf den richtigen Weg geführt wird.

Es heißt, Diebe seien aus verlassenen und unbewachten Häusern geflohen, weil sie schwebende Geister „ohne Füße“ im oder außerhalb des Hauses gesehen haben. Landbesitzer auf den Visayas legen gewöhnlich einen Schädel, Kleider oder sonst etwas, das einem toten Ahnen gehörte, in ihr Haus, um Eindringlinge zu verscheuchen, die es wagen, etwas aus dem Obstgarten zu stehlen.

Geisterwelt im Meer bei Samar und Masbate

Ein Mensch darf die Geisterwelt nicht betreten, es sei denn, man stirbt. Die Fischer in Samar und Masbate glauben, dass die Geister der Natur in den Wassertiefen, den sogenannten Tubignon, leben und dort nicht gestört werden dürfen. Es gibt keine sichtbare Grenze, wie weit man sich in das Meer begeben darf, weshalb die Fischer eine bestimmte Grenze festsetzen. Es spricht sich herum, dass man sich hüten solle, diese Grenze zu überschreiten.

Die spanischen Kolonialherren nannten die San-Bernardino-Strasse [1] nach dem heiligen Bernard, der dafür bekannt war, verlorene Seefahrer zu retten. Der vorkoloniale Name der Meerenge war Tagbaluran, was bedeutet, „wo Wellen auf Wellen treffen“. Die Meerenge ist zwischen Bicol und Samar und verbindet die Samar-See mit der Philippinischen See. Aufzeichnungen der Spanier berichten, dass die Galeonen und Schiffe der Kolonialmacht hier auf Grund liefen. Die Strömungen waren tückisch und während dreier Jahrhunderte verschluckte die See an diesem Ort immer wieder Segelschiffe erfahrener Seefahrer.

Erzählungen haben Fischer aus Bicol und den Visayas davor gewarnt, ihre Netze in diesem Meeresteil auszuwerfen, weil dies das Reich der Naturgeister in den Tubignon, der sechsten, aus Wasser bestehenden Schicht des Universums, verletzen würde.

Ein Artefakt, Rizal Stone genannt, wurde im Jahr 2000 in Ticao auf Masbate gefunden. Darauf waren in baybayin, einer alten philippinischen Schrift, die Wörter „Gottheit“ und „Opfergabe“ zu lesen. Neben ihm wurde noch ein kleinerer Stein gefunden. Historiker und Archäologen, welche die Steine untersuchen, denken, dass Fischer diese für Rituale benutzten, bevor sie fischen gingen. Möglich, dass die Steine anzeigten, bis wohin man fischen durfte. Weiter als bis zur angezeigten Grenze zu gehen, hätte die Wassergeister wohl gekränkt. Sie hätten sich an der Bevölkerung gerächt, Zerstörung und sogar Tod angerichtet.

Die Welt wäre in einem katastrophalen Zustand, sollten Menschen in das Götterreich eindringen. Alles in der Natur muss respektiert werden, weil die Geister genauso wie die Menschen einen Anspruch auf Leben und Raum im Universum haben. Stürme, Überschwemmungen, Erdbeben und andere Katastrophen geschehen, weil Menschen die Natur, in welcher die Geister leben, verletzen. Die Naturgeister rächen sich an Menschen, wenn sie nicht respektiert werden.

Aus dieser Sicht hat das hemmungslose Schneiden und Abholzen des nonoc und anderer seltener Baumarten, die dem alten Glauben der Visaya nach die Tempel der Geister sind, den Visayas Zerstörung gebracht, da sich hunderte Jahre später Katastrophen ereigneten, die auf den Zorn der Geister zurückzuführen sind. Im Oktober 1897 zerstörte eine Flutwelle mit kirchturmhohen Wellen Samar und tötete die Menschen in Küstennähe. Im November 2013 zerstörte Taifun Yolanda (internationaler Name: Haiyan) mit der gleichen Stärke die Inseln Samar und Leyte und kostete Schätzungen zufolge mehr als 10.000 Menschen das Leben. Solche Katastrophen werden nicht nur als Zorn der Naturgeister interpretiert, sondern auch als Strafe des christlichen Gottes.

Geisterglaube und Christentum

Die Ankunft der spanischen Kolonialherren im 16. Jahrhundert bedeutete auch, dass der vorkoloniale Geisterglaube immer mehr mit dem Christentum verwoben wurde. Die datu, die in vorkolonialer Zeit politische Anführer bei den Visaya waren, verloren zwar ihre Macht an die fremden Kolonialherren, spielten aber nach wie vor eine große Rolle in den Hierarchien der Visaya. Der männliche datu wurde nun Guinoo, Herr, genannt und mit Jesus Christus, dem religiösen Führer des Christentums, gleichgesetzt.

Der Guinoo behielt seine Macht bei den Visaya. Sie begannen, den christlichen Jesus Christus Guinoo Hesus zu nennen. Im 17. Jahrhundert betrachteten die Visaya Jesus als datu aus der vorkolonialen Zeit. Obwohl sie katholisch beteten, behielten sie den Polytheismus bei.

Sogar das spanische Wort santiguar, was „im Namen des Kreuzes“ bedeutet, wurde zu santigaman, einer Kombination aus den Wörtern santiguar und tigaman. Das Visaya-Wort tigaman bezeichnete jemanden, der die lauteste Stimme in der Gemeinschaft hatte und der deshalb die Leute um den nonoc- oder den balete-Baum zusammenrufen konnte, um dem Ritual der Geistlichen, der babaylan, beizuwohnen. Das Ritual wurde durchgeführt, um die Geister in Zeiten von Krankheit und Krieg zu besänftigen. Tigaman, wie der Jesuit Ignacio Alcina im 17. Jahrhundert dokumentierte, könnte auch das babaylan-Ritual meinen, das Gemeinschaftsritual, bei welchem die Priesterin Mittlerin zwischen der Welt der Menschen und derjenigen der Geister war.

Die babaylan, eine spirituelle Anführerin und Seherin an der Seite des datu, wurde während der spanischen Kolonialzeit von den Spaniern verfolgt und unterdrückt, in schwersten Fällen auch den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen, enthauptet oder in Stücke zerteilt. Die babaylan-Tradition blieb jedoch in etwas veränderter Form (stärkerer Fokus auf Praxis des Heilens) bis heute bestehen. Die bereits genannten mamaratbats beten nach wie vor zu den verstorbenen Vorfahren und werden als Fürsprecher*innen der Menschen angesehen, genauso wie die babaylan (vgl. auch den Artikel von Marina Wetzlmaier in dieser Ausgabe).

Die Visaya betrachten sie nach wie vor als spirituelle Anführer*innen. Mamaratbats werden als Bindeglieder zwischen den Menschen und der Geisterwelt angesehen. Zudem gelten sie als Kraftquellen in Zeiten der Not und Krise, weil sie Mittlerinnen zwischen Leben und Tod sind. Mamaratbats, die in weit abgelegenen Dörfern weit weg von der katholischen Kirche wohnen, beten den Rosenkranz, damit Sterbende friedlich ihr Schicksal empfangen können.

[1] Die Meerenge trennt die Halbinsel Bicol der Hauptinsel Luzon von der Insel Samar im Süden (Anmerkung der Übersetzerin).

Übersetzung aus dem Englischen von: Sara Dürr

 

Zum Weiterlesen:

  • Alcina, Ignacio, „History of the Bisayan People in the Philippine Islands,“ Volume I (2002), UST Printing Press: Manila.
  • Alcina, Ignacio, „History of the Bisayan People in the Philippine Islands,“ Volume II (2002), UST Printing Press: Manila.
  • Alcina, Ignacio, „History of the Bisayan People in the Philippine Islands,“ Volume III (2005), UST Printing Press: Manila.
  • Eugenio, Damiana, Philippine Folk Literature: Myths and Legends, University of the Philippines Press, 1981.
  • Melencio, Gloria Esguerra, Tradisyong Babaylan/Mamaratbat: Hugpungan ng Katutubong Kalinangan at Kristiyanismo, Masteradong Tesis, University of the Philippines-Diliman, 2013.
  • Zialcita, Demetrio Fernando, Illustrated by Roberto Feleo. The Soul Book, GCF Books, 1991.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz