3 | 2021, Indonesien,
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Indonesiens antikoloniales Museum in Rangkasbitung

Multatuli Museum

Schon vor der offiziellen Eröffnung war das Multatuli Museum für das Publikum geöffnet. Besucherandrang im Juli 2017. © Multatuli Museum

Indonesien – Die Eröffnung des Multatuli Museums, des ersten ‚antikolonialen‘ Museums Indonesiens unterstreicht die Bedeutung einer kritischen und ganzheitlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

An Museen mangelt es Indonesien nicht. Aber das im Februar 2018 eröffnete Multatuli Museum ist etwas Besonderes. Multatuli ist das Pseudonym des ehemaligen Verwaltungsbeamten und Schriftstellers Eduard Douwes Dekker, Autor des satirischen Romans Max Havelaar aus dem Jahr 1860 über die Kaffeeauktionen der niederländischen Handelsgesellschaft Vereenigde Nederlandsche Oost Indische Compagnie (VOC).

In Rangkasbitung in der Provinz Banten auf Java gelegen, wo Douwes Dekker einst lebte und arbeitete, zeigt das Museum seine persönlichen Gegenstände, eine Erstausgabe von Max Havelaar in französischer Sprache und eine Sammlung von Briefen, die der Autor der niederländischen Regierung bezüglich der Verwaltung von Rangkasbitung und des Regierungsbezirks Lebak während seiner Zeit dort übermittelte.

Indonesien hat eine lange Kolonialgeschichte – die Niederländer ließen sich 1602 mit der VOC dort nieder und anerkannten die indonesische Unabhängigkeit erst 1949 an, vier Jahre nachdem Sukarno im August 1945 die Unabhängigkeit Indonesiens erklärt hatte. Zusätzlich zu den Niederländern war Indonesien zeitweise auch ganz oder teilweise von Portugiesen, Briten und Japanern beherrscht. Die Einrichtung des Museums beabsichtigt, einen wichtigen Beitrag zur historischen Bildung zu leisten.

Max Havelaar, „das Buch, das den Kolonialismus tötete“

Es ist kein Zufall, dass sich das Museum so stark auf Multatuli bezieht. Er verfasste Max Havelaar, seine einflussreichstes Buch, um die Ausbeutung durch die Kolonialverwaltung in Niederländisch-Ostindien aufzudecken. Um Gewinne zu erzielen, beuteten die Niederländer natürliche und menschliche Ressourcen aus und zwangen lokale Bauern, kommerziell rentable Pflanzen wie Zucker und Kaffee anstelle von Grundnahrungsmitteln wie Reis anzubauen. Scharfe und oft unrealistische Quotenregelungen wurden auferlegt, was zu Unterernährung und Hungersnöten der lokalen Bevölkerung sowie zu einer großen Ungleichheit zwischen Beamt*innen und Bäuer*innen führte. Douwes Dekker wählte das Pseudonym Multatuli – was auf Latein „Ich habe viel gelitten“ bedeutet – als Beschreibung der Ungerechtigkeiten, die er beobachtete.

Multatuli Museum

Außenansicht des Museum Multatuli © Museum Multatuli

Der Roman Max Havelaar war umstritten, aber auch äußerst einflussreich. In einem Interview von 2017 mit BBC Indonesia sagte Bonnie Triyana, Kurator des Museums, viele Menschen im damaligen Niederländisch-Ostindien seien sich nicht einmal bewusst gewesen, dass sie unter kolonialer Herrschaft leben, bevor sie die im Buch dargestellten krassen Realitäten gelesen hatten. Max Havelaar zeigte die Ausbeutung auf, die im Kern des europäischen Kolonialismus lag, und wurde zudem von Reformern genutzt, um die niederländische Regierung unter Druck zu setzen, Änderungen vorzunehmen.

‚Ethische Politik’ begünstigt vor allem die Eliten

Diese Änderungen kamen schließlich in Form der sogenannten ‚Ethischen Politik‘, in deren Rahmen die Niederlande versprachen, mehr für die Entwicklung der Infrastruktur und für die Bildung in ihren Kolonien zu tun. Beispiele sind die Gründung von Hochschulen wie der School tot Opleiding van Inlandsche Artsen – heute bekannt als Medizinische Fakultät der Universitas Indonesia – im Jahr 1913 und der Technischen Hoogeschool te Bandoeng, heute Institut Teknologi Bandung, im Jahr 1920. Die ‚Ethische Politik‘ erlaubte zudem einigen Indonesiern in den Niederlanden zu studieren; viele kehrten zurück mit neuen Ideen zu nationaler Souveränität und leisteten einen Beitrag zur indonesischen Unabhängigkeitsbewegung. Aber die ‚Ethische Politik’ hatte auch ihre Grenzen: Sie kam größtenteils nur der Elite zugute, insbesondere den Nachkommen lokaler Adliger.

Die Wirkung von Max Havelaar beschränkte sich nicht nur auf Europa. Das Buch wurde auch von vielen prominenten indonesischen Intellektuellen gelesen, wie der Schriftstellerin und Pionierin für die Bildung von Mädchen, Kartini, und Tirto Adhi Soerjo, der oft als Gründer des indonesischen Journalismus bezeichnet wird. Diese Intellektuellen betonten die Notwendigkeit der Bemühungen um die Unabhängigkeit Indonesiens. Tirto Adhi Soerjo zum Beispiel war bekannt für seine Kritik an der Politik der Kolonialregierung. Wie Bonnie Triyana sagte, erzeugte das Buch einen Schneeballeffekt: „Obwohl es keinen direkten Einfluss auf die Geschichte nahm, wurde Max Havelaar zu einem Symbol der Inspiration für die Unabhängigkeitsbewegung in der Kolonie.“

1860 erschien Max Havelaar, der Roman, der die Ausbeutungsmechanismen der holländischen Kolonialherrschaft schilderte © Wikimedia, Creative Commons, Public Domain

Der Autor Douwes Dekker wählte das Pseudonym Multatuli, was auf Latein „Ich habe viel gelitten“ bedeutet © Universität Leiden/Creative Commons

Über die Bedeutung des Romans Max Havelaar schrieb der verstorbene indonesische Autor Pramoedya Ananta Toer 1999 in einem Artikel für das New York Times Magazine, es sei das Buch, „das den Kolonialismus tötete“.

Koloniale Nachwirkungen

Peter Carey, Historiker an der University of Oxford, der auf die moderne Geschichte Indonesiens spezialisiert ist und an der Museumseröffnung teilnahm, weist darauf hin, dass der Kolonialismus einen erheblichen Einfluss auf die Denkweise einer ehemaligen Kolonie haben kann: „Die Macht, die die Kolonisator*innen ausübten, lag in ihrer Kontrolle von Informationsflüssen; eine Form von Softpower. Sie verfassten Geschichten über die Nationen, die sie kolonisierten, und brachten die einheimische Bevölkerung dazu zu glauben, ihre Nation sei unterentwickelt.“

Dieser Punkt wurde auch von Franz Fanon in seinem bahnbrechenden Werk Die Verdammten dieser Erde deutlich gemacht. Darin beschrieb er, dass Kolonialismus schwerwiegende Auswirkungen auf die Psyche der Kolonisierten hat, die von einem tief verwurzelten Gefühl der Erniedrigung und Minderwertigkeit beeinträchtigt sind. „Die Kolonialmacht unterzog die Nation Indonesien einer Gehirnwäsche“, sagt Peter Carey. Auch über 70 Jahre nach der Unabhängigkeit lässt sich argumentieren, dass noch immer Spuren der Kolonialmacht in der indonesischen Gesellschaft fortbestehen.

Max Havelaar mag heute weitgehend in Vergessenheit geraten sein, doch die kritische Beleuchtung der kolonialen Vergangenheit Indonesiens ist nach wie vor von höchster Relevanz. Der Autor und Soziologe Ignas Kleden schrieb im März 2018 in der indonesischen Zeitung Kompas, dass eine diskriminierende Haltung während der Ära Niederländisch-Ostindiens die heutige Wahrnehmung von Rasse und Klasse in der Gesellschaft geprägt habe. Vorstellungen von weißer Überlegenheit zum Beispiel existieren in Indonesien ebenso fort wie in vielen anderen ehemaligen Kolonien.

Alte Vorstellungen von weißer Überlegenheit, ‚West gegen Ost‘ und ‚Kolonisator*innen gegen Kolonisierte‘ auszuleuchten, ist kein leichtes Unterfangen. „Koloniale Nachwirkungen sind ein Thema mit sehr großer Bandbreite. Es geht darum, die weiße Vormachtstellung zu kritisieren, die die diskriminierende Politik der niederländischen Ostindien-Ära hinterlassen hat, aber nicht nur darum“, sagte die indonesische Forscherin Eunike G. Setiadarma und fügte hinzu, dass auch die rassistische Diskriminierung zwischen lokalen Ethnien in Indonesien auf die Politik und Denkweise zurückgeführt werden kann, die während der Kolonialzeit ‚eingeimpft’ wurden.

Multatuli Museum

Besuch einer Schüler*innengruppe im Museum Multatuli © Museum Multatuli

Dekolonisierung des Denkens

Die Unabhängigkeitserklärung einer Nation von ihren ehemaligen Kolonisator*innen ist nur die Hälfte der Dekolonisierung – die andere Hälfte kommt aus der Dekolonisierung des Denkens der ehemaligen kolonialen Subjekte. Es ist diese Hälfte, die sich als weitaus herausfordernder erweisen kann als der vorhergegangene Unabhängigkeitskampf.

In seinem Essay African Philosophy and the Post-Colonial: Some Misleading Abstractions about ‚Identity‘ argumentiert der kenianische Philosoph D. A. Masolo, dass viele neuerdings unabhängige Gesellschaften nach der Überwindung der Kolonialherrschaft versuchen, ein Gefühl historischer und nationaler Identität zu etablieren, das dazu neigt, die Kolonialzeit zu verdunkeln. In diesem neuen nationalen Narrativ erscheint es, als sei die Gesellschaft nie kolonisiert worden. Masolo argumentiert, eine solche Logik schränke den nationalen Diskurs ein, da die Anerkennung der eigenen kolonialen Vergangenheit für eine langfristige Transformation von entscheidender Bedeutung sei.

Entscheidungen über die Dekolonisierung des Denkens haben erheblich mehr Auswirkungen als nur auf die Kultur. Indonesiens Wahl von Malaiisch (kodifiziert als Bahasa Indonesia) als Landessprache beispielsweise trug einiges dazu bei, in einem Land mit über 700 Sprachen eine nationale Identität zu etablieren. Malaiisch war damals eine weit verbreitete Zweitsprache, die sich durch den regionalen Handel ausgebreitet hatte. Die Wahl von Malaiisch statt Niederländisch (der ehemaligen Kolonialsprache) oder Javanisch (der Muttersprache der Mehrzahl der Indonesier*innen) als Lingua Franca setzte ein deutliches Zeichen für den integrativen Charakter der indonesischen Republik und ihre Stellung in der Welt.

Dekolonisierung der Sprache

Der kenianische Schriftsteller und postkoloniale Theoretiker Ngugi wa Thiong’o argumentiert in seinem bahnbrechenden Werk Dekolonisierung des Denkens: Essays über afrikanische Sprachen in der Literatur, dass Sprache Kultur trägt, und Kultur, insbesondere durch Oratur und Literatur, den gesamten Komplex von Werten trägt, durch den wir uns selbst und unseren Platz in der Welt wahrnehmen. Er trat für eine sprachliche Dekolonisierung ein: die Ablehnung kolonialer Sprachen, um uns von den kolonisierenden Werten und Annahmen zu befreien, zugunsten der Entwicklung indigener Sprache und Literatur und dadurch die Befreiung der indigenen Kultur vom kolonialen Einfluss.

Die Entkolonialisierung des eigenen Denkens erfordert die Fähigkeit, die Geschichte der Machtstrukturen und -beziehungen sowie deren anhaltenden Einfluss auf die zeitgenössische Gesellschaft zu verstehen. Im Gegensatz zu vielen anderen Museen, die sich hauptsächlich auf lokales Heldentum konzentrieren, zielt das Multatuli Museum darauf ab, das historische Bewusstsein junger Indonesier*innen zu schärfen und nicht nur Diskurse über die Vergangenheit zu verändern, sondern auch über die Zukunft.

Übersetzung aus dem Englischen von: Hendra Pasuhuk

Dieser Artikel erschien zunächst bei New Naratif und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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Indonesiens antikoloniales Museum in Rangkasbitung

Deutschland: Die Sammlungen des Rautenstrauch-Joest-Museums (RJM) in Köln umfassen rund 10.000 Objekte aus Südostasien. Mehr als die Hälfte wurden während der Kolonialzeit erworben. Museumsmitarbeiter*innen geben Einblicke in die (selbst-)kritische Aufarbeitung der kolonialen Verflechtungen des RJM.

Hinweis: Begriffe in einfachen Anführungszeichen geben die weit verbreitete rassistische Sprache und Denkweise im Europa des 19. Jahrhunderts wieder und werden einzig in diesem geschichtswissenschaftlichen Zusammenhang verwendet.

Die Geschichte des Rautenstrauch-Joest-Museums – Kulturen der Welt (RJM) beginnt mit Wilhelm Joest (1852-1897), der Ende des 19. Jahrhunderts auf mehreren Reisen eine umfassende ethnografische Sammlung angelegt hatte. Nach dessen Tod schenkte seine Schwester, Adele Rautenstrauch (1850-1903), der Stadt Köln seine Privatsammlung und finanzierte den Bau des RJM, das 1906 eröffnet wurde.

Wilhelm Joest, Sohn eines Kölner Zuckerfabrikanten, nutzte das Familienvermögen, um zu reisen und zu sammeln. Seine wissenschaftliche Karriere in der Ethnologie begann mit einer Asienreise von 1879 bis 1882. Auf Java traf Joest den deutschen Ethnologen Adolf Bastian, der ihn anhielt, eine umfassende Sammlung der ‚Naturvölker‘ anzulegen. Joest kam dem nach und sammelte auf verschiedenen Inseln des malaiischen Archipels. Durch Empfehlungsschreiben hoher deutscher Diplomaten stand er in der Gunst des niederländischen Kolonialapparats. Joest zeigt in seinem Tagebuch die typisch ambivalente Haltung vieler weißer Europäer*innen zur voranschreitenden Kolonisierung: auf der einen Seite bedauert er das ‚Dahinschwinden‘ und die Christianisierung der von ihm romantisierten ‚Wilden‘, auf der anderen Seite lobt er die Ordnung der niederländischen Kolonialstützpunkte und das militärische Vorgehen etwa gegen die ‚barbarische‘ Kopfjagd. Tatsächlich erhielt Joest die für ihn wertvollsten Objekte, menschliche Schädel und Schüsseln mit Seladonglasur, 1880 im Kontext einer Militäraktion auf Seram.

Koloniale Gewalt, globale imperiale Netzwerke und ethnografisches Sammeln

Das verdeutlicht, dass Joest koloniale Gewalt zumindest dann guthieß, wenn sie ihm materielle Vorteile verschaffte. Zudem zeigt Joests Kooperation mit den niederländischen Truppen, dass sich der Zusammenhang zwischen kolonialer Gewalt und ethnografischem Sammeln nicht auf die nationale Ebene reduzieren lässt: Sammler agierten in globalen imperialen Netzwerken und konnten sich auch außerhalb der kolonialen Territorien ihrer Heimatnationen auf die Unterstützung lokaler Kolonialstrukturen verlassen. Joest kehrte mit seiner Sammlung aus gekauften, getauschten und erbeuteten Objekten nach Deutschland zurück und begann auf deren Basis seine wissenschaftliche Laufbahn. Die Objekte seiner Südostasien-Sammlung befinden sich heute in verschiedenen deutschen Museen, die Mehrzahl davon (332 Objekte) im RJM in Köln.

Insgesamt umfassen die Sammlungsbestände aus den Regionen Südostasiens im RJM heute rund 10.000 Objekte mit einem Schwerpunkt auf Indonesien. Nach aktuellem Kenntnisstand wurde mehr als die Hälfte der Bestände noch während der Kolonialzeit erworben. Ein Großteil der Objekte kam als Schenkungen oder durch Nachlässe von Privatpersonen, aber auch über den Ethnographica– [ethnographische Objekte, d. R.] und Kunsthandel, durch das Engagement des Fördervereins, als von Mäzenen finanzierte Ankäufe sowie den so genannten Dublettentausch mit anderen Museen ins RJM. Unter welchen Umständen Forschungsreisende, Kolonialbeamte, Militärangehörige, Missionare und andere Personen, die in den Kolonien tätig waren oder reisten, an die Objekte gelangten, ist in vielen Fällen noch unklar.

Unrechtskontexte und sensible Objekte

Unter den Ethnographica in den Sammlungen des RJM befindet sich heute neben Alltagsgegenständen auch eine Vielzahl kulturell sensibler Objekte, die in kolonialen aber auch anderen Unrechtskontexten erworben wurden. Dazu gehören archäologische Grabungen und die Ausfuhr in Zeiten instabiler politischer Situationen. Im RJM betrifft das insbesondere etwa 60 über den Kunsthandel erworbene Khmer-Objekte sowie Keramiken aus dem Nordosten Thailands, die aufgrund ihrer Identität stiftenden Bedeutung zu den sensiblen Objekten zählen. Die Ausgrabungsstätte Ban Chiang ist eine der bedeutendsten prähistorischen Siedlungen, die bisher in Südostasien entdeckt wurden. Die Funde gehören zu den ältesten weltweit und sind Beleg für frühe ausgefeilte Techniken in der Metall- und Keramikverarbeitung sowie raffiniertes Kunst-/Handwerk. Sie fallen unter das 1972 erlassene Verbot, archäologische Funde aus den Provinzen Udon Thani und Sakon Nakhon zu beschädigen, zu entwenden und zu handeln. 1992 wurde die Siedlung als Weltkulturerbe anerkannt und steht damit unter dem Schutz der UNESCO. Im gleichen Jahr erhielt das RJM etwa 40 Ban Chiang-Keramiken aus dem Kölner Museum für Ostasiatische Kunst.

Einen besonders sensiblen Umgang erfordern auch so genannte Human Remains. Im RJM befinden sich fünf bearbeitete menschliche Schädel aus Indonesien und von den Philippinen. Bei allen sensiblen Objekten sowie bei Human Remains ist es dem RJM ein Anliegen, im Austausch mit den Herkunftsgesellschaften zu diskutieren, wie ein respektvoller Umgang aussehen kann und ob eine Rückführung gewünscht ist. So hat das RJM 2018 über das Karanga Aotearoa Repatriation Programme, koordiniert durch das Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa, einen tätowierten Schädel nach Neuseeland zurückgegeben.

Forschung und Transparenz als wichtige Schritte

In den letzten Jahren wird das koloniale Erbe ethnologischer Museen in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert, Aufarbeitung wird gefordert und durch neue Strukturen in Politik, Forschung und Förderinstitutionen zunehmend ermöglicht. Das RJM versteht seinen Dekolonisierungsprozess als Auseinandersetzung mit dem Fortbestehen kolonialer Strukturen auf verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ebenen. Das bedeutet insbesondere eine Öffnung für verschiedene Perspektiven auf Sammlungen und Museumsarbeit, enge Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften und das Sichtbarmachen von Vielstimmigkeit. Die Erforschung und transparente Kommunikation von Objektprovenienzen ist ein zentraler Baustein dieses Prozesses.

Im Rahmen der Provenienzforschung widmen wir uns der möglichst lückenlosen Erschließung der Herkunft unserer Sammlungsbestände von der Entstehung bis zum heutigen Aufbewahrungsort. Die Erschließung der Provenienz kann zeigen, dass Objekte auf rechtlich und moralisch unbedenklichem Weg Eingang in die Sammlung fanden. Ebenso kann sie bedenkliche Erwerbsumstände aufdecken und ein erster Schritt auf dem Weg zur Aufarbeitung historischen Unrechts und gegebenenfalls einer Restitution (Rückgabe) sein (Rautenstrauch-Joest-Museum Köln | Repatriierung toi moko).

Restitution: Vishnu-Kopf von Prasat Bakong (Kambodscha)

Ein aktuelles Restitutionsprojekt wurde 2020 vom RJM mit Unterstützung der Stadt Köln initiiert: Intensive Forschungen zur Khmer-Sammlung deckten auf, dass der Kopf einer Vishnu- Skulptur sehr wahrscheinlich in den 1960er Jahren illegal außer Landes gebracht wurde und über den Kunstmarkt ins RJM fand. Damals war Kambodscha bereits in gewaltsame Auseinandersetzungen des Zweiten Indochina-Krieges verstrickt, gefolgt von einem verheerenden Bürgerkrieg. Davon blieben auch Tempelanlagen, insbesondere die von Angkor, nicht verschont: viele wurden zerstört und sakrale Objekte geraubt. Über den Kunstmarkt gelangten sie in private Sammlungen und Museen. Als eine Drehscheibe fungiert dabei bis heute Bangkok, wo auch der besagte Vishnu- Kopf 1968 von dem Schweizer Sammler Wilhelm Siegel erstanden wurde. Ans RJM gelangte das Objekt 1984 zuerst als Leihgabe für die Sonderausstellung Das zeitlose Bildnis. Der Mitkurator und Katalogautor Piriya Krairiksh wies damals bereits auf eine starke Ähnlichkeit mit einem verschwundenen Vishnu vom Prasat Bakong hin.

1986 kaufte das RJM den Kopf als Teil einer Sammlung von Khmer- und Thai-Skulpturen. Seit der Neueröffnung des Museums 2010 wird er in der Dauerausstellung präsentiert. Inzwischen hat sich eine kritische Betrachtung sensibler Objekte in Museen durchgesetzt. Als Beispiel für die Aufarbeitung von Objektbiografien war der Vishnu-Kopf in der Ausstellung Die Schatten der Dinge #1 zu sehen und befindet sich aktuell noch im RJM. Nach der formellen Zustimmung des Rats der Stadt Köln, der Klärung des Protokolls auf beiden staatlichen Seiten und Erleichterungen der Corona-bedingten Reiseeinschränkungen kann er nach Kambodscha zurückkehren.

Vielstimmigkeit und Partizipation in Ausstellungen

Ansätze zu partizipativen Ausstellungsformaten finden sich aktuell unter anderem in der Sonderausstellung RESIST! Die Kunst des Widerstands. Sie beleuchtet 500 Jahre antikolonialen Widerstand im Globalen Süden und zeigt koloniale Unterdrückung und ihre Auswirkungen bis heute. Mit RESIST! verfolgt die Direktorin des RJM, Nanette Snoep, einen vielstimmigen Ansatz. Die Ausstellung ist experimentell und partizipativ angelegt und entwickelt sich während ihrer Laufzeit weiter. Beteiligt sind über 40 zeitgenössische Künstler*innen aus dem Globalen Süden und der Diaspora, darunter auch die philippinische Filmemacherin und Aktivistin Kiri Dalena. Für ihr Projekt arbeitet Dalena mit einem digitalisierten Bestand von 3.781 Fotografien des RJM, die von 1887 bis 1907 auf den Philippinen aufgenommen wurden, viele davon zur Zeit der US-amerikanischen Kolonialzeit.

„Ich hoffe durch meine Rückkehr zu diesen Fotos und dadurch, dass ich sie neu schreibe, meinen Beitrag zum Ausdruck eines lebendigen Widerstands leisten zu können,“ schreibt Dalena in der Einführung zu ihrem Blog Snare for Birds, den sie zusammen mit den Künstlerinnen Lizza May David und Jaclyn Reyes gestaltet.

Für Dalena spielt ein behutsamer Umgang mit den Fotos, der deren (visuelle) Unterdrückung nicht reproduziert, eine wichtige Rolle. Daher setzt sie sich tiefgehend mit einzelnen Porträts, Datenbankeinträgen sowie Primär- und Sekundärliteratur zum Thema auseinander. Die Arbeit basiert auf einem Rewriting des kolonialen Kontextes, indem sie die Fotografien bearbeitet und eigene kritische Kommentare ergänzt. Mit dieser Herangehensweise rückt Dalena die Bilder in einen anderen Kontext der Erinnerung. Ihre künstlerische Arbeit zeigt Zusammenhänge zwischen dem kolonialen Erbe und der politischen Situation in den Philippinen heute auf. Als Beispiel nennt sie Porträts von Männern der Philippine Constabulary (1901 bis 1991), einer Polizeitruppe, die in der Kolonialzeit gegründet wurde und deren Nachfolgeorganisation die heutige Philippine National Police ist. Die Auseinandersetzung mit diesem Material ermöglicht es Dalena, die koloniale Vergangenheit der philippinischen Polizei aufzuzeigen und so eine Vermutung über den Ursprung der anhaltenden unterdrückenden Machtstrukturen aufzustellen.

Durch die Erforschung von Provenienzen, transparente Kommunikation, eine Öffnung für vielfältige Perspektiven und eine kritische Ausstellungspraxis können Sammlungsbestände aus kolonialen Kontexten eine wichtige Rolle in den Dekolonisierungsprozessen ethnologischer Museen und anderer gesellschaftlicher Institutionen in Deutschland sowie den Herkunftsregionen der Objekte spielen.

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Indonesiens antikoloniales Museum in Rangkasbitung

Südostasien/Europa: Die Rolle von Archiven in der Dekolonisierung ist bislang wenig beachtet, aber kaum zu überschätzen.

„Der Weg zur kolonialen Aufarbeitung führt über Archive, nicht über Museen“ – diese These formulierte der kenianische Journalist Patrick Gathara im Jahr 2019. Zu diesem Zeitpunkt diskutierte eine breitere Öffentlichkeit erstmals die Aufarbeitung der Kolonialzeit. Den Stein ins Rollen gebracht hatten Debatten um Rückgabeforderungen von gestohlenen Kulturgütern aus ehemaligen Kolonien, die in den großen Museen in Berlin, London oder Paris lagern.

Gathara sieht Archive als Scharnierstellen in Debatten über eine postkoloniale Weltordnung. Denn indem Kolonialmächte ihre Archive aus den Kolonien mitnahmen, entzogen sie den unabhängigen Folgestaaten bis heute Wissen, kulturelles Erbe und die Grundlage für eine eigenständige historische Forschung. Die Freigabe dieser Archive könnte deshalb eine wichtige Rolle in der Aufarbeitung der Kolonialzeit und in der (erkenntnisbezogenen wie auch politischen) Dekolonisierung spielen.

Archive sind Orte der Macht

Für diesen Artikel verwende ich eine enge Definition von Archiven. Ich verstehe Archive hier in erster Linie als Orte, an denen Informationen – etwa schriftliche Dokumente von Institutionen wie Regierungen – gesammelt und aufbewahrt werden.

Lange Zeit galt die Überzeugung, Archive seien neutrale Lager für passiv schlummernde Fakten, die bei Belieben angezapft werden können. Diese Vorstellung hält sich hartnäckig, wurde aber seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Strömungen, insbesondere in den subaltern und postcolonial studies, hinterfragt.

Archive sind demnach Orte der Macht. Hier wird um Vergangenheit gerungen, um die Erzählung über das Selbst und das Andere. Archive sind aktive Orte politischer Auseinandersetzungen, an denen Machtkämpfe ausgetragen werden, wo soziale Gruppen um Deutung ringen. Aufbewahren bedeutet Auswählen: Was ist wichtig, was ist unwichtig? Was ist von Bedeutung für zukünftige Generationen und was kann auf den buchstäblichen ‚Müllhaufen der Geschichte‘?

In ihrer politischen Dimension geraten Archive im Ringen um die Deutung der Kolonialzeit zunehmend ins Visier. Insbesondere aus afrikanischen Ländern erreichen die ehemaligen Kolonialmächte Forderungen, nicht nur Kulturgüter zurückzugeben, sondern auch Archive zu restituieren.

Migrated Archives: Verbrannt, versenkt, versteckt

Nehmen wir zunächst das britische Beispiel. Die britische Regierung musste 2011 im Zuge von Verhandlungen mit ehemaligen kenianischen Gefangenen anerkennen, dass sie jahrelang eine Sammlung von etwa 20.000 Akten der Regierungen der 37 britischen Kolonialbesitzungen außerhalb des regulären Klassifizierungssystems und somit unter Verschluss hielt. Später wurden noch 170.000 weitere geheime Akten bekannt.

Weder die Öffentlichkeit noch Historiker*innen wussten bis dato von ihrer Existenz. Es galt die Annahme, alle Akten seien nach den Unabhängigkeiten an die Nachfolgeregierungen der britischen Kolonien übergegangen.

Stattdessen lagerten diese kilometerlangen Aktenreihen bis 2011 an einem bis dato geheimen Ort in London. Die Kolonialverwaltungen in den 37 britischen Kolonien hatten die abertausenden Akten, bekannt geworden als Migrated Archives, kurz vor den jeweiligen Unabhängigkeiten der Kolonien nach Großbritannien überführt. Zahlreiche Akten wurden jedoch noch davor zerstört oder gingen auf der Überfahrt verloren.

Auch mehrere ehemalige britische Kolonien in Südostasien verloren auf diese Weise Archivgut an London. In der Kolonie Malaya (heute Teile von Malaysia und Singapur) begann 1948 der antikoloniale Befreiungskampf. Die britische Kolonialregierung vor Ort sah sich ad hoc mit der Frage konfrontiert, wie sie mit ihren angesammelten Akten umgehen sollte. Aus allen Provinzen wurde zunächst Material nach Kuala Lumpur gesandt, doch die Aufbewahrungskapazität war schnell erreicht.

In monatelanger Arbeit verbrannten und versenkten die Briten fernab des Zugriffs der Öffentlichkeit große Teile ihre Aufzeichnungen aus der Zeit Britisch-Malayas. Die übriggebliebenen Akten brachten sie nach Europa oder hinterließen sie vor Ort. Auch Regierungsdokumente anderer heutiger südostasiatischer Länder wie Brunei und Singapur sind bei diesem Prozess zerstört oder nach Großbritannien „migriert“ worden. Heute sind die Migrated Archives in die britischen National Archives in London integriert.

École française d’Extrême-Orient: Französische Kolonien in Südostasien

Blicken wir nach Frankreich. Wer über das koloniale Französisch-Indochina forschen will, muss früher oder später nach Paris, Bordeaux, Marseille oder Aix-en-Provence reisen, wo die Archives nationales d’outre-mer beherbergt sind. Archivmaterial aus der Zeit des kolonialen Indochinas wurde aufgeteilt, sodass Akten heute sowohl in Frankreich als auch an verschiedenen Standorten des Nationalarchivs in Vietnam lagern.

Abseits der großen Nationalarchive und -bibliotheken existieren weitere Institutionen, deren Mitglieder ihre Bestände während oder nach Ende der Kolonialzeit abzogen. Ein Beispiel für eine solche Institution mit umfassenden kolonialen Dokumenten ist die École française d’Extrême-Orient (EFEO), ein um 1900 gegründetes Institut zur wissenschaftlichen Erschließung der französischen Kolonien im „Fernen Orient“, das bis 1968 seinen Sitz in Hanoi hatte. Das Institut unterhielt 17 Zweigstellen in der Region und bildete auch lokale Kräfte in Fächern wie Anthropologie und Soziologie aus, um Funktionen im Kolonialsystem zu übernehmen.

Die EFEO existiert bis heute und hat ihren Sitz mittlerweile in Paris, wo sich auch das Archiv befindet. Die Bestände umfassen etwa ethnografische Informationen, die das Militär über die verschiedenen Bevölkerungsgruppen der Kolonie Indochina zusammentrug. Nicht zuletzt umfasst der Bestand auch sensible Dokumente über Personen, die unter asymmetrischen Machtbeziehungen entstanden sind – beispielsweise von französischen Wissenschaftlern, die ethnografische Studien in der Kolonie anstellten. Solche personenbezogenen Dokumente sind in heutigen Debatten um koloniales Erbe und Rückgabe besonders brisant.

Politische Bedeutung der Standorte: Ohne Quellen keine Forschung

Die Geschichte der Verlagerung von Archivgut hat Auswirkungen bis heute. Denn es hat politische Bedeutung, wo Archivmaterial liegt: Der Standort entscheidet darüber, wer Zugang hat. Lange Wege, Visahürden und Finanzierungsprobleme erschweren es Forscher*innen aus den ehemaligen Kolonien, die Bestände in London, Paris und anderswo einzusehen.

Dieses System benachteiligt Wissenschaftler*innen aus dem Globalen Süden, es reduziert die Sichtbarkeit von nicht-westlichen Beiträgen im akademischen Feld, zum Beispiel in der Geschichtswissenschaft: Das Studium von authentischen Dokumenten ist unabdingbarer Kern der geschichtswissenschaftlichen Arbeit. Ohne Quellen keine Forschung.

Weil zahlreiche Quellen aus der Kolonialzeit in Europa lagern, haben die dort ansässigen Forscher*innen einen Vorteil. Ihr privilegierter Zugang zu Dokumenten ist ein Grund für die ‚epistemische Kolonisation‘ ganzer Forschungsfelder: Westliche Forscher*innen an dominanten Universitäten gelten häufig als Expert*innen für die Geschichte einer Region, wohingegen akademische Stimmen aus dem Land selbst um Gehör kämpfen müssen, wie Chu May Paing and Than Toe Aung für den Fall Myanmar argumentiert haben.

Sollen Archive zurück in ihre Herkunftsländer?

Die Niederlande haben schon vor längerer Zeit begonnen, Archivbestände in die ehemaligen Kolonien Indonesien und Suriname zurückzuführen. Restitution ist einer von vielen vorgeschlagenen Wegen, wie die Nachfolgestaaten ehemaliger Kolonialmächte Verantwortung übernehmen können. Dokumente zurückgeben, kopieren, digitalisieren oder in gemeinsamen Forschungsprojekten arbeiten – es gibt verschiedene Lösungen, um eine bessere Zugänglichkeit zu ermöglichen.

Die Geschichte von Regierungsarchiven in Frankreich geht auf die Französische Revolution zurück. In Form von Nationalarchiven übernahmen auch andere europäische Staaten das Konzept, um festzuhalten, was wichtig erschien: die Erzählung über den eigenen Staat. Im Zuge des Kolonialismus erreichte dieses Modell auch andere Teile der Welt. Koloniale Regierungsarchive dienten der Verwaltung, der Beherrschung, der Ausbeutung und der Legitimation des Kolonialsystems und tragen bis heute die Strukturen der Machtungleichheiten, Hierarchien und rassistische Annahmen in sich. Um diese Strukturen anzuerkennen und aufzubrechen, werden Forderungen immer lauter, die die Institution des Archivs an sich überdenken und Wege zur Dekolonisierung anregen wollen.

Archive zugänglich zu machen, zu teilen oder gar zurückzugeben hieße jedoch, die Kontrolle abzugeben, und zwar an die ehemals Kolonisierten: Sie wären dadurch in der Lage, ihre Geschichte selbst zu deuten. Die meisten ehemaligen Kolonialmächte sind jedoch immer noch nicht bereit, diese Deutungshoheit über die Geschichte zu teilen.

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