2 | 2019, Indonesien,
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Müllbanken in Indonesien (Teil I)

Müllbank-Prozess © Lena Keller-Bischoff

Müllbank-Prozess © Lena Keller-Bischoff

Indonesien: Müllbanken (‚waste banks’), sind ein Konzept, das gewährleisten soll, dass der monetäre Wert, den wieder verwertbarer Müll bei dessen Abgabe erbringt, ‚angespart‘ wird. Die Autorinnen des folgenden Artikels haben in ihrer Forschung zwei Müllbanken mit Hinblick auf ihre sozialen Dimensionen, ihren Verwobenheiten mit multinationalen Konzernen und ihren Umgang mit Abfall und finanziellen Nöten auf der Insel Java untersucht.

 

Bank sampah (Müllbank), auch waste bank genannt, ist ein neuartiges, lokales Konzept, das sich sozio-ökologischen Müllproblematiken in Indonesien widmet. Müllbanken sind von lokalen Gemeinschaften initiiert und verfolgen die Idee, dass die Einwohner aus umliegenden Dörfern ihren sortierten, anorganischen Abfall ‚einzahlen’ anstatt diesen zu verbrennen oder in Flüssen zu entsorgen. Im Folgenden werden wir Alltagpraxen von Müllbank-Akteuren beschreiben und diese in kritische Diskurse bezüglich der Reduktion von Müll einbetten. Außerdem werden wir die Unterstützungsstrukturen der Müllbanken erläutern und die kontroverse Rolle multinationaler Konzerne diskutieren. Des Weiteren werden wir darauf eingehen, welchen Schwierigkeiten die Akteure begegnen sowie alltägliche Praxen aufzeigen, in denen sie ihre Handlungsmacht aktiv und kreativ ausleben. Darüber hinaus werden wir die sozialen Dimensionen der Projekte sowie lokale und globale Machtasymmetrien diskutieren.

Abfall vor den Reisfeldern © Lena Keller-Bischoff

Abfall vor den Reisfeldern © Lena Keller-Bischoff

In unserem ethnographischen Forschungsprojekt haben wir zwei Forschungsorte gegenüber gestellt: die Müllbank Garduaction, welche in einer ländlichen Gegend in der Nähe von Parangtritis (ein Hotspot für lokale Touristen) an der Südküste Javas liegt sowie die Müllbank Lintas Winongo, welche sich im Zentrum von Yogyakarta befindet. Obwohl letztere von dem multinationalen Konzern Unilever unterstützt wird, werden beide Müllbanken von lokalen Gemeinschaften organisiert und umgesetzt. (Wie) Tragen Müllbanken also zur Lösung sozial-ökologischer Probleme im Zusammenhang mit Abfall bei und welche Spannungsverhältnisse können durch die Unterstützung multinationaler Konzerne, die selbst die Hauptproduzenten von Plastikabfällen sind, entstehen?

Der Müllbank Ansatz

Lokale Haushalte haben das Konzept der Müllbank (bank sampah) 2008 als Reaktion auf lokale Abfallproblematiken in Indonesien initiiert. Theoretisch funktionieren Müllbanken wie konventionelle Banken mit der Ausnahme, dass Menschen kein Geld sondern den monetären Wert von Abfall ansparen (Nilan, Pam; Wibawanto, R. (2015) „‚Becoming‘ an Environmentalist in Indonesia“. In: Geoforum 62. Pp. 61-69).

Truck, der den Abfall zum Müllunternehmer bringt © Lena Keller-Bischoff

Truck, der den Abfall zum Müllunternehmer bringt © Lena Keller-Bischoff

Laut Bambang Suwerda, Gründer der indonesischen Müllbank-Bewegung, zielt das ursprüngliche Müllbank Konzept darauf ab, dass der gesammelte Abfall an Unternehmer (pengepul) verkauft wird. Diese sind in der Hierarchie des lokalen Recycling-Systems höher angesiedelt und verkaufen den Abfall wiederum an Recycling-Unternehmen weiter. Die indonesische Regierung befürwortet das Konzept der Müllbanken und bezeichnet es als die aktuell beste Methode mit der landesweiten Abfallproblematik umzugehen (Schlehe, Judith; Yulianto, Vissia Ita (2018): Waste, worldviews and morality at the South Coast of Java: an anthropological approach. In: Occasional Paper N° 41, Southeast Asian Studies at the University of Freiburg).

In einem Interview erklärte Bambang Suwerda, dass mittlerweile mehr als 5000 Müllbanken auf dem gesamten indonesischen Archipel existieren. Laut ihm verarbeiten einige Müllbanken große Abfallmengen und verhindern so, dass diese in der Umwelt entsorgt werden, wohingegen andere Müllbanken nur sehr geringe Mengen an Müll verarbeiten.

Alltägliche Praktiken an zwei unterschiedlichen Müllbank-Standorten

Lagerort © Lena Keller-Bischoff

Lagerort © Lena Keller-Bischoff

Auf der Müllbank Lintas Winongo findet das ‚Einzahlen‘ von Müll sonntags morgens statt. Müllbank-Kund*innen, zumeist Frauen, reihen sich vor der Müllbank ein. Auf dem Rücken tragen sie mit Abfall befüllte Säcke, welche mit bunten Stoffen zusammengebunden sind. Sie bringen verschiedene, bereits getrennte Müllsorten, wie Papier, Glas und unterschiedliche Plastikabfälle. Nicht nur sind die verschiedenen Müllsorten unterschiedlich viel wert, auch unterschiedliche Arten von Plastik haben unterschiedliche Wertigkeiten. Beispielsweise sind kleine Aqua-Plastikbecher die wertvollsten und Plastiktüten hingegen am wenigsten wert. Freiwillige Helferinnen wiegen den Abfall, berechnen den Geldwert und tragen die Informationen in die Sparbücher der Kund*innen ein. Anschließend wird der Abfall auf eine offene Lagerfläche geladen, wo er bis zum Weiterverkauf an Abfallunternehmer (pengepul) verweilt. Die Kund*innen schließen sich zu Gruppen aus zehn Haushalten zusammen, um den Müll abwechselnd bei Lintas Winongo abzugeben. Circa 40 Kund*innen zahlen ihren Müll jeden Sonntag ein und sparen dadurch jeweils bis zu 25.000 Rupiah (1,60 Euro) pro Monat. Sie erzählen uns, dass sie ihre Ersparnisse gelegentlich vor Idul Fitri, dem Feiertag am Ende des Fastenmonats Ramadan, oder vor einer Hochzeitszeremonie einfordern. Normalerweise benutzen sie die Ersparnisse jedoch für gemeinsame Freizeitausflüge. Entsprechend stellen Schlehe und Yulianto (2018) fest, dass Abfallbänke nicht (nur) aus wirtschaftlichen oder Umweltgründen genutzt werden, sondern soziale Faktoren besonders ausschlaggebend sind.

Garduaction Areal © Felix Passek

Garduaction Areal © Felix Passek

Bei der Müllbank Garduaction konnten wir solche Müllabgaberoutinen jedoch nicht beobachten, da die Anwohner*innen der umliegenden Dörfer keine aktiven Kund*innen sind. Die Müllbank-Organisatoren erklärten, dass ein Großteil der lokalen Bewohner*innen nicht über die Existenz der Müllbank informiert ist. Die Organisatoren bezogen das fehlende Wissen auf die finanziellen Strukturen der Müllbank: aufgrund der schwachen Finanzlage seien sie nicht in der Lage, die Müllbank bekannt zu machen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Außerdem vermuten die Organisatoren, dass Haushalte ihren Abfall lieber an tukang rongsok (Müllsammler*innen, die den Abfall von Haushalten kaufen) verkaufen, da diese sofort bezahlen wohingegen Garduaction den monetären Wert des Mülls erst nach einem Zeitraum von drei Monaten auszahlt. Aufgrund der inaktiven Haushalte wendet Garduaction nicht das ursprüngliche Konzept der Müllbank an, sondern passt es den lokalen Gegebenheiten an. Anstatt mit Haushalten als Kund*innen zu arbeiten, kooperiert Garduaction mit Müllsammler*innen, die Abfall informell von Straßen, offenen Mülldeponien oder Stränden sammeln. Als wir unsere Feldforschung begannen, erwarteten wir eine übel riechende Müllbank. Doch wir bemerkten sofort, dass Garduaction ein besonderer Ort ist. Garduaction’s Eingang ist von Plastikinstallationen aus bemalten Flaschen gesäumt, die zu einem künstlerischen, offenen Areal führen. Sitzgelegenheiten aus alten Autoreifen, Bodenbelag aus Glasflaschen und eine bunte Bambushütte mit Plastikwänden – das Motto ist hier Upcycling.

Müllsammler*innen als Müllbank-Kund*innen

Garduaction - eine künstlerische Müllbank © Lena Keller-Bischoff

Garduaction – eine künstlerische Müllbank © Lena Keller-Bischoff

Die vorhandenen Studien zu Müllbanken beziehen sich ausschließlich auf Haushalte, die ihren Haushaltsmüll bei Müllbanken einzahlen und stellen keinerlei Verbindungen zwischen Müllsammler*innen und Müllbanken her. Im Gegensatz zu diesen Studien zeigen unsere Ergebnisse, dass Müllsammler*innen aktive Kund*innen bei Garduaction sind. Lintas Winongo weist Müllsammler*innen hingegen als Kund*innen zurück, da sie gesellschaftlich stigmatisiert sind und während des Abfallsammelns oft des Diebstahls beschuldigt werden. Lintas Winongo’s Organisatoren fürchten, dass das schlechte Image auf die Müllbank abfärben könnte. Bei Garduaction hingegen können Müllsammler*innen Abfall einzahlen. Da sie ihn ungetrennt zu Garduaction bringen, muss die Müllbank den Abfall noch weiterverarbeiten und stellt dafür Müllarbeiter*innen ein. Neben einem Steinhaus, in dem Abfall gelagert wird, sitzen die Arbeiter*innen auf einer offenen Fläche. Dort trennen sie oft stundenlang unterschiedliche Arten von Plastik. Beispielsweise entfernen sie feinsäuberlich die Plastikumhüllungen und Deckel von Flaschen. Durch die sorgfältige Abfalltrennung wird der wirtschaftliche Wert des Abfalls gesteigert, sodass er für höhere Preise weiterverkauft werden kann. Beide Müllbanken haben einen niedrigen Stellenwert in der lokalen Recycling-Hierarchie und die Organisatoren äußern den Wunsch, Zwischenhändler (andere Abfallunternehmer) auszuklammern. Die Tatsache, dass kleine Plastikteile wie beispielsweise die Plastikumhüllungen weiterverarbeitet werden, unterscheidet Müllbanken von anderen Recycling-Unternehmern, die diese Art von Plastik aufgrund ihres geringen wirtschaftlichen Wertes oft verbrennen, anstatt ihn wieder in die Recycling-Wertschöpfungskette zurückzuführen.

Getrennete Plastikflaschen © Rüdiger Bischoff

Getrennete Plastikflaschen © Rüdiger Bischoff

Multinationale Konzerne – Plastikverursacher und Müllbank-Unterstützer

Die Kommission für wirtschaftliche und nachhaltige Entwicklung (Business and Sustainable Development Commission) identifiziert Abfallmanagement als einen Nachhaltigkeitstrend der Konsumgüterindustrie (Business & Sustainable Development Commission). Das Interesse des Privatsektors, in Abfallmanagement-Projekte entlang globaler Lieferketten zu investieren, zeigt sich auch in Indonesien. Der britisch-holländische Konzern Unilever bezeichnet seine Unterstützung für Müllbanken als Teil seiner Corporate Social Responsibility (CSR) Strategie (Unilever Environment Programme).

Gleichzeitig zählt Unilever jedoch zu den Hauptplastikverursachern in Indonesien (s. Break Free From Plastic (2018): Global Brand Audit Report). In Kooperation mit der lokalen Umweltabteilung (DLH) in Yogyakarta veranstaltet Unilever den Green and Clean Wettbewerb. Müllbänke können an diesem jährlichen Wettbewerb teilnehmen und die Gewinner (wie bspw. Lintas Winongo) bekommen eine Förderung von Unilever, welche finanzielle und materielle Unterstützung sowie Mentoring beinhaltet.

Trennverfahren © Rüdiger Bischoff

Abfallreduzierung als Priorität?

Ironischerweise spendet Unilever den Gewinner-Müllbanken des Wettbewerbs Produkte, die in Plastik verpackt sind; einige dieser Produkte sind sogar in kleinen Päckchen aus mehrlagigem Plastik (Sachet) verpackt, das in Indonesien nur schwer wiederzuverwerten ist. Während unserer Feldforschung haben wir Widersprüche zwischen mündlichen Repräsentationen (Reduzierung von Abfall als Priorität) und der alltäglichen Implementierung (Wieder- und Aufwertung von Abfall als Priorität) festgestellt. Diese Widersprüche können in kritische, globale Diskurse bezüglich der Reduktion von Abfall eingebettet werden. So argumentieren Alexander C.; Reno, J. (2014): From biopower to energopolitics in England’s modern waste technology. Anthropol.Q. 87(2). Pp. 335–58 und Lewe et al. (2016): Introduction. In: Lewe, C., Othold, T, Oxen, N. (eds) (2016): Müll. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Übrig-Gebliebene. Bielefeld: Transcript. Pp. 31–38, dass Abfallmanagementsysteme oftmals Anreize für die Generierung von Abfall bieten und die Reduktion von Müll dadurch keine Priorität hat. Aufbauend auf unseren Beobachtungen möchten wir zwei unterschiedliche Verständnisse des Begriffs Reduktion vorschlagen: Reduktion im Sinne einer Vermeidung von neuem Anfall und Reduktion als Reduzierung von Umweltverschmutzung. Letzteres Begriffsverständnis nutzten unsere Forschungsteilnehmer*innen mit der Idee, dass Abfall auf eine weniger umweltgefährdende Weise entsorgt wird.

Übersetzung aus dem Englischen von: Tiara Fausel

Das ist der erste Teil des Artikels „Müllbanken in Indonesien“ (hier geht’s zu Teil II).


Author Details

Nuzuli Ziadatun Ni’mah studiert Sozial- und Kulturanthropologie (MA) an der Univeritas Gadjah Mada (UGM) in Yogyakarta. Im Rahmen eines Internationalen Lehrforschungsprojektes führte sie 2018 mit ihrer Tandem-Partnerin Lena Keller-Bischoff eine sechswöchige Feldforschung durch. Deren empirische Ergebnisse wertet sie gerade für ihre Abschlussarbeit aus.

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Die Autorin

Lena Keller-Bischoff studiert Sozial- und Kulturanthropologie (MA) an der Albert Ludwig Universität Freiburg. Im Rahmen eines Internationalen Lehrforschungsprojektes führte sie 2018 mit ihrer Tandem-Partnerin Nuzuli Ziadatun Ni’mah eine sechswöchige Feldforschung durch. Sie ist ein Gründungsmitglied des internationalen und interdisziplinären Kollektivs INDO MELT und arbeitet derzeit an einem waste hub-Modell für die indonesischen Inseln.

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Müllbanken in Indonesien (Teil I)

Dies ist der zweite Teile des Artikels „Müllbanken in Indonesien“ (hier geht es zu Teil I):

 

Abhängigkeiten und ungleicher Zugang zu Förderung

Wer hat Zugang zu Unterstützungsmechanismen und wer ist davon ausgeschlossen? In einem Interview teilte uns die Repräsentantin der CSR-Abteilung von Unilever Indonesia mit, dass nur gut funktionierende Müllbanken, die eine angemessene Menge an Abfall verarbeiten, den Wettbewerbsvoraussetzungen entsprechen und somit Chancen auf eine Förderung von Unilever haben. Des Weiteren ist der Wettbewerb auf Städte begrenzt, da Abfallmanagement in Indonesiens langfristigen, nationalen, urbanen Entwicklungsplan (Long-Term National Urban Development Plan) angesiedelt ist (Shuker, Lain G.; Cadman, Cary Anne (2018): Indonesia – Marine Debris Hotspot Rapid Assessment (Synthesis Report). Washington, D.C.: World Bank Group.).

Dieses Ungleichgewicht in Hinblick auf die Unterstützungsmöglichkeiten für urbane und ländliche Müllbanken spiegelt internationale Trends wider. Laut Global Waste Management Outlooks des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (United Nations Environmental Program and International Solid Waste Association (2015): Global Waste Management Outlook) zielt die derzeitige internationale Entwicklungsagenda darauf ab, Abfallprobleme in urbanen Räumen anzugehen. Somit bleiben Unterstützungsmechanismen jenen Müllbanken, die sich in ländlichen Gegenden befinden oder Schwierigkeiten haben entsprechende Mengen zu verarbeiten, oftmals verwehrt.

Wir empfinden es als problematisch, dass die Unterstützung sich dahingehend unterscheidet, obwohl ländliche und urbane Gebiete keine dichotomen Bereiche darstellen und sich Abfall nicht an Stadtgrenzen hält. Beispielsweise hinterlassen Touristen aus Städten große Abfallmengen in ländlichen Erholungsgebieten. Als bekanntes Ziel für Touristen sieht sich Parangtritis der Abfallproblematik hauptsächlich aufgrund dieser urbanen Abfallströme ausgesetzt. Außerdem betrachten wir es als problematisch, dass Unilever und die lokale Regierung Indikatoren festlegen, die definieren wie eine erfolgreiche Müllbank funktioniert. Dabei wird die Effizienz einer Müllbank nur anhand der verarbeiteten Müllmengen gemessen und andere Aspekte, wie zum Beispiel soziale Unterstützung oder abfallbezogene Bildungsprojekte, die Garduaction eingeführt hat und die für die Akteure von Garduaction wichtig sind, werden nicht betrachtet.

Kreativität und Handlungsmacht lokaler Gemeinschaften

Die Betreiber*innen von Garduaction beugen sich jedoch nicht ihrer schwachen finanziellen Lage. Stattdessen haben wir beobachtet, wie die Akteure kreative Projekte umsetzen, um ihre Handlungsmacht zu stärken. Beispielsweise stellen sie selbst gemachte Plastikinstallationen zum Verkauf und bieten Upcycling-Workshops an, um so Einkommen für Garduaction zu generieren. Des Weiteren entwickeln sie alternative und einzigartige Methoden, um Freiwillige für die tägliche Arbeit zu gewinnen. Im Gegensatz zu Lintas Winongo, die mit den finanziellen Fördermitteln von Unilever Entschädigungen für die Freiwilligen der Müllbank bezahlt, hat Garduaction keine finanziellen Ressourcen hierfür. Stattdessen geben sich die Organisator*innen größte Mühe, einen besonderen Ort zu schaffen, den Freiwillige gerne auf ihren sozialen Medien teilen. Sie sind der Meinung, dass Freiwillige lieber Zeit bei Garduaction verbringen und eher freiwillige Arbeit leisten, wenn sie Bilder ihrer freiwilligen Tätigkeiten auf ihren Instagram-Accounts teilen können. Zudem zieht dies wiederum neue Freiwillige an.

„Garduaction ist nicht nur eine Bank“ – Solidarität und soziale Dimensionen

Die zunehmende Bedeutung von Abfall als Ressource führt zu einem enormen informellen Sektor, der zwar vielen Menschen ein Einkommen ermöglicht, jedoch gleichzeitig niedrige und unsichere Arbeitsbedingungen bietet (Medina, Martin (2007): The World’s Scavengers: Salvaging for Sustainable Consumption and Production. Lanham: AltaMira Press sowie Shuker, Cadman 2018).

In Indonesien werden Müllsammler*innen oftmals des Diebstahls bezichtigt, weil sie – im Gegensatz zu tukang rongsok (Müllsammler*innen, die Abfall von Haushalten kaufen) – Abfall aufsammeln, ohne dafür zu bezahlen. Aus diesem Grund haben Müllsammler*innen eine niedrige soziale Stellung und werden sozial marginalisiert. So haben Lintas Winongo’s Organisatoren beispielsweise explizit erwähnt, dass sie Müllsammler*innen nicht vertrauen und sie als Kund*innen nicht akzeptieren.

Laut Bambang Suwerda strebt die Müllbank-Bewegung eine langfristige Verbesserung des sozialen Status von Müllsammler*innen an. Im Gegensatz zur Müllbank Lintas Winongo, wo soziale Bindungen nur innerhalb der Gemeinschaft gestärkt werden, bietet Garduaction auch soziale Unterstützung für und Solidarität mit Menschen an, die aufgrund unterschiedlicher, individueller sozioökonomischer Hintergründe aus der Gemeinschaft ausgegrenzt werden. Nachdem sie ihren Job verloren hatte, hat eine Abfallarbeiterin beispielsweise darüber nachgedacht als tukang rongsok zu arbeiten, aber besaß nicht das Startkapital, um Abfälle von Haushalten zu kaufen. Sie erklärte uns, dass Garduaction ihr ermöglichte, ihre Schulden abzuarbeiten, indem sie auf der Müllbank ohne Startkapital mit Abfall arbeiten konnte. Es wurden verschiedene weitere Lebensgeschichten mit uns geteilt, die darauf hinweisen, dass Garduaction Menschen anzieht und einbezieht, die aufgrund ihrer Arbeit als Müllsammler*innen, aufgrund ihrer Herkunft, Behinderungen oder Verletzungen oder aufgrund ihrer Arbeits- oder Obdachlosigkeit stigmatisiert werden. Wir schließen daraus, dass Garduaction als sozial-orientierter Zwischenhändler innerhalb der lokalen Recycling-Hierarchie fungiert.

Lokale und globale Machtasymmetrien

Bei Garduaction beobachteten wir außerdem Ungleichgewichte bezüglich der Nähe und Distanz, die die Akteure zu schmutzigem, ungetrennten und unverarbeiteten Müll im Alltag haben. Je mehr Akteure schmutzigen Abfall bearbeiten, desto mehr hängt ihr Lebensunterhalt von der Arbeit mit Abfall ab. So sind die Abfallpraktiken der Organisator*innen freiwillig und beziehen sich nur auf einer abstrakten Ebene auf Müll, das heißt sie sind schmutzigem Müll in ihrer Arbeit nicht direkt ausgesetzt. Für die Müllsammler*innen und Müllarbeiter*innen stellt Müll hingegen die primäre Einkommensquelle dar. Sie sind schmutzigem Abfall im Alltag unmittelbar ausgesetzt und verarbeiten ihn mit ihren bloßen Händen. Die Müllarbeiter*innen sagten, dass sie die soziale Unterstützung der Müllbank zwar schätzen, aber berichteten, dass sie sich dennoch als billige Arbeitskräfte wahrnehmen und gerne höhere Löhne erhalten würden. Zusätzlich empfinden wir es als problematisch, dass keine Arbeitsstandards implementiert werden, insbesondere in Hinblick auf Hygiene- und Gesundheitsaspekte.

In den Medien wird Südostasien derzeit oftmals als Hauptverursacher von Plastikproblematiken dargestellt. Wir möchten jedoch darauf hinweisen, dass Europa einer der Hauptexporteure von Abfällen ist und Deutschland sogar unter die Top 5 der Abfallexporteure (ISWA 2015) zählt. Seit Chinas Importsperre für Plastik 2018 verschieben sich globale Abfallströme zunehmend nach Südostasien. Wir möchten auf die Bewegung Break Free From Plastic aufmerksam machen, deren Abfall-Inspektion ergeben hat, dass Unternehmen mit Hauptsitz im globalen Norden die Hauptverursacher von Plastikverschmutzung in Südostasien sind.

Freiwillige Arbeit als ‚Ersatzdienst’ für Staat und/oder Industrie?

Laut Bambang Suwerda baut der Müllbank-Ansatz auf dem Prinzip der erweiterten Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR) auf. Dieses setzt sich dafür ein, dass Produzenten wie Unilever Verantwortung für den durch ihre Produkte generierten Abfall übernehmen. Lintas Winongo’s Organisator*innen empfinden die Förderung von Unilever jedoch als unregelmäßig und nicht ausreichend. In Interviews haben wir erfahren, dass Unilever Indonesia’s CSR-Sprecherin Konsument*innen von Unilever-Produkten in der Verantwortung sieht. Zudem hat sie geäußert, dass sie Konsument*innen in Indonesien in der Lage sieht, Abfallprobleme tatsächlich zu bewältigen, da diese das javanische soziokulturelle Konzept der gegenseitigen Hilfe (gotong royong) nutzen können. Durch dieses Konzept wird legitimiert, dass Helfer*innen freiwillige Arbeit im Sinne von gegenseitiger Hilfe in Müllbanken errichten. Laut Bowens (1986) kritischem Ansatz zu gotong royong (Bowen, J. (1986): On the political construction of tradition: Gotong royong in Indonesia. The Journal of Asian Studies 54(3). Pp. 545–561.) hat der Staat dieses kulturelle Konzept während des Regimes der „Neuen Ordnung“ (Diktaturzeit unter Suharto 1966-1998) instrumentalisiert. Ähnliches beobachteten wir bei Unilever, der dieses javanische Konzept heutzutage nutzt, um die Verantwortung für die Abfallbewältigung an die Zivilgesellschaft abzugeben. Hird, M. (2017): Burial and resurrection in the Anthropocene. Infrastructures of waste. In: Harvey, P., Jensen, C., Atsuro, M. (eds) (2017): Infrastructure and Social Complexity. A companion. Pp. 242–252 nennt dies auch „individual responsibilization“, was laut Schlehe und Yulianto (2018) die Last von der Regierung nimmt.

Aus unserer Sicht entlastet dies auch Unternehmen. Diese Spannungen können darüberhinaus in den Diskurs zu „Anthroprozän“ (Davies, J. (2016): The Birth of the Anthropocene, Oakland: University of California Press) und „Kapitalozän“ (Moore 2017, Moore, J. (2017): The Capitalocene, Part I: on the nature and origin of our ecological crisis. The Journal of Peasant Studies 44(3). Pp. 594-630.) eingebettet werden, welcher die Frage aufwirft, ob ‚die Menschheit’ im Allgemeinen oder bestimmte Machtstrukturen des kapitalistischen Systems für Umweltverschmutzung verantwortlich sind.

Trotz der Popularität des Müllbank-Konzeptes seit 2017 nimmt die Anzahl der aktiven Müllbanken mittlerweile wieder ab. Laut Bambang Suwerda sind lokale Gemeinschaften und Freiwillige aufgrund fehlender Unterstützung erschöpft. Aus diesem Grund sind Einsatz, Zusammenarbeit und Unterstützung von unterschiedlichen Akteursgruppen, einschließlich lokaler Regierungen und multinationaler Konzerne, zusätzlich zum Engagement lokaler Gemeinschaften für den Fortbestand von Müllbanken notwendig.

Übersetzung aus dem Englischen von: Tiara Fausel

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Müllbanken in Indonesien (Teil I)

Indonesien: Auf der Insel Flores sorgt Susilowati mit vielen Gleichgesinnten dafür, dass Müll gesammelt, sortiert und recycelt wird. Kinder sind in die Programme der Trash Heros besonders einbezogen, um Müllvermeidung im Alltag zu verbreiten. Ein Interview mit der „Müllkönigin“ von Maumere.

 

Queen of Waste, Müllkönigin, so wird Susilowati von vielen Bewohner*innen in Maumere, einer Kleinstadt auf der Insel Flores, genannt. Vor fünf Jahren hat ‚Ibu Susi‘ (Mutter Susi) hier eine waste bank gegründet. Die Gründung von waste banks beschreibt die neue Strategie des indonesischen Umweltministeriums, kleine Sammelstellen für Abfälle zu schaffen, in denen Wertstoffe gelagert, verarbeitet und weiterverkauft werden können (vgl. auch Artikel von Keller-Bischoff/Nimah in dieser Ausgabe). In einigen Fällen werden dort auch biologisch abbaubare Produkte kompostiert.

Ibu Susi begann, Menschen mit Behinderungen über die Wiederverwendung, Reduzierung und das Recycling von Abfällen zu unterrichten und organisierte mit einigen von ihnen Trainingsveranstaltungen für Gemeindegruppen, Regierungsbeamt*innen, Lehrkräfte und Schüler*innen. Um einen Teil der Kosten für ihre Aktivitäten zu decken, gründete sie das Gästehaus Pantai Paris. Inzwischen begleiten sie ihre meist ausländischen Gäste bei ihren Aktivitäten mit Schulen und lokalen Gemeinschaften.

Zudem leitet Ibu Susi die Trash Hero Kampagne in der indonesischen Stadt Maumere. Die in der Schweiz gegründete Trash Hero-Initiative ist eine globale Freiwilligenbewegung von gemeindebasierten Organisationen, die Programme gegen Umweltverschmutzung durchführen. Der gemeinsame Kern der Initiative ist es, Menschen zusammenzubringen, um aufzuräumen und Abfall zu reduzieren. Dabei geht es um direkte Aktionen, wie das gemeinsame Müllsammeln, um Bildungsarbeit und die Etablierung von nachhaltigen Projekten. Dabei soll die Philosophie der Abfallvermeidung im eigenen Alltag etabliert werden. Die Initiative erstreckt sich derzeit auf zwölf Länder.

Liebe Ibu Susi, vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast. Wie würdest du die Plastik-Situation in Maumere beschreiben?

Die Situation bezüglich Plastik in Maumere? Plastik ist überall, man wirft es weg, auf die Straße, in den Fluss, in den Kanal, ins Meer, an den Strand und sogar in den eigenen Garten. Daher ist Plastik einfach überall.

Warum gibt es überhaupt so viel Müll? Was macht die lokale Bevölkerung mit Plastik? Und wie ist die Rechtslage?

In jedem Geschäft und auf dem Markt erhält man beim Einkaufen von den Verkäufer*innen kostenlose Plastiktüten. Und die Regierung hat keinen Plan, kein System für eine ordnungsgemäße Abfallentsorgung. Wie du sehen kannst, läuft die Abfallentsorgung hier noch nicht so gut. Viele Leute werfen ihren Müll einfach irgendwo hin. Zum Beispiel haben sie zu Hause keinen Mülleimer, weswegen der Müll auf dem Boden landet. Der Müll auf dem eigenen Boden wird meist von Müttern oder Ehefrauen morgens oder abends eingesammelt, aber der Müll auf der Straße? Der bleibt einfach liegen. Der Müll auf den Hauptstraßen der Städte wird wenigstens von städtischem Reinigungspersonal eingesammelt. Aber in anderen Straßen wird der Müll einfach liegen gelassen. Was die Rechtslage betrifft, so besagen die Vorschriften und Gesetze, dass die Menschen nicht einfach Plastikmüll irgendwo hinwerfen dürfen. Der Müll soll in Mülleimern oder Containern entsorgt werden, aber viele Leute halten sich einfach nicht daran und die Strafverfolgung in diesem Bereich ist extrem begrenzt.

Wie bist du persönlich zu einer radikalen Gegnerin von Plastik geworden?

Ich denke, dass eine radikale Gegnerin von Plastik das falsche Wort ist. Das richtige Wort wäre eher eine Person, die sich über Plastikverbrauch bewusst ist, oder einfach eine Aktivistin. Inzwischen engagiere ich mich seit mehr als sechs Jahren gegen Plastik. Ich bin eine Aktivistin gegen Plastik geworden, weil ich traurig bin, dass in meiner Gegend und in meinem Land so viel Plastikmüll herumliegt. Unsere Lebensmittel, unser Wasser, unser Boden und unsere Luft sind bereits mit Plastik belastet und das ist nicht gut für unsere Gesundheit und unseren Planeten, auch nicht für das Meer und die Meereslebewesen.

Während eines Aufenthaltes bei dir habe ich bemerkt, wie lebendig du auch deine Umgebung mit einbeziehst: Die Nachbarin backt Donuts, ein anderer Nachbar fährt das Team in die anderen Dörfer und dein Mann kümmert sich um die Müllabfuhr. Wie viel Leute sind bei den Trash Heros im Organisationsteam? Und wie viel Unterstützung erhaltet ihr bei euren Aktionen?

Meine Arbeit geht über die Trash Hero Initiative hinaus. Dort aber besteht unser Kernteam der Trash Hero Ortsgruppe Maumere aus vier Personen. Eine Person koordiniert die Strand-Clean-Ups, eine weitere organisiert und leitet die Clean-Ups im Meer, die mit Tauchgängen kombiniert werden, eine dritte Person leitet Clean-Ups im Meer mit Schnorchelequipment und eine vierte Person kümmert sich um die Aus- und Weiterbildung.

Die von uns organisierten Freiwilligenaktionen sind jedes Mal anders. Wir haben drei Plätze, die wir reinigen: Einen in der Stadt Maumere jeden Samstag, einen jeden Freitag in meiner Gegend, östlich von Maumere und einen jeden Sonntag am Wodong Strand. Beim letzteren nehmen durchschnittlich rund 20 bis 40 Kinder und fünf bis zehn Erwachsene teil. Bei den sonstigen Freiwilligenaktionen nehmen in der Regel etwa um die 30 Personen teil. Die bisher größte Gruppe bestand aus 5.000 Personen, die im Rahmen des World Cleanup Days am 15. September 2018 teilgenommen haben.

Unser Handeln wird auch von den Menschen vor Ort unterstützt. Manchmal unterstützen uns die Leute mit Müllsäcken, manchmal erhalten wir Obst oder selbst gebackenen Kuchen. Andere spenden Handschuhe, um Müll zu sammeln oder Bücher, Bleistifte, Radiergummis oder Farbstifte für die Bildungsarbeit und für die Kinder.

Wenn ihr Plastikmüll sammelt, was macht ihr dann damit?

Der gesammelte Müll wird direkt vor Ort sortiert, zum Beispiel trennen wir Kleidung und recycelbares Plastik. Dann wiegen wir die verschiedenen Abfallarten ab und erfassen die gesammelten Kilogramm. Wir bringen den größten Teil des vom Strand oder in der Stadt gesammelten Mülls zu unserem Büro und zu unserem Gästehaus Pantai Paris, östlich von Maumere. Wir bereiten den getrennten Müll vor Ort auf, da der gesammelte Müll in der Regel sehr schmutzig ist. Nur sauberes, recycelbares Plastik darf wiederverkauft werden. Dann transportieren wir es mit einem offenen Auto oder mit einem Bemo (einem lokalen Kleinbus) zu den entsprechenden Orten zur Weiterverwertung. Den Rest bringen wir zu einer öffentlichen Mülldeponie.

Auf der Insel Bali gibt es inzwischen von Regierungsseite ein ‚Plastikverbot‘. Wünschst du dir das auch für eure Insel Flores?

Natürlich unterstützen wir das Plastikverbot, und ich hoffe sehr, dass es bald einen ähnlichen Vorstoß der Regierung in unserer Region und in ganz Indonesien geben wird. Auf Bali soll es keine Plastiktüten mehr in den Supermärkten geben, aber auf anderen Märkten gibt es immer noch Plastiktüten gratis. Deshalb hoffe ich sehr, dass Plastiktüten auch in unserer Region bald verboten werden. Und damit meine ich Supermärkte, Geschäfte und auch traditionelle Märkte.

Werdet ihr von der Stadt unterstützt? Oder gibt es staatliche Beihilfen?

Während unseres langjährigen Engagements gegen Plastik schenkte uns die Regierung 3.000 Müllsäcke und 3.000 Handschuhe und ein dreirädriges Motorrad für den Transport des Mülls. Darüber hinaus wurden wir einmal mit 80 Millionen indonesischen Rupien (ca. 5.000 €) für Umweltbildungsarbeit unterstützt, so dass wir an 20 Schulen Umweltschulungen durchführen konnten. Wir kauften auch einen Laptop und einen Projektor für die Lehr- und Bildungsarbeit und bauten drei einfache Häuser für das waste bank-Konzept. Bei uns dauert es etwa drei Monate bis wir den bei der waste bank angenommenen Müll zum Wiederverkauf vorbereitet haben. Mit den Einnahmen haben wir dann wiederum Schulungen für Personen organisiert, die die waste banks verwalten.

Hast du im Laufe deines Aktivistinnenlebens Veränderungen festgestellt? Oder was wünschst du dir, was sollte sich noch ändern?

Ich habe einige Entwicklungen in den vergangenen Jahren festgestellt. Zum Beispiel feiern wir den Unabhängigkeitstag immer mit einer großen Parade am 17. August. Bisher haben die Kinder ihre Plastikflaschen und -gläser einfach in die Umgebung geworfen, aber jetzt bringen sie kleine Säcke und Kisten mit, um den Müll zu sammeln. Früher hat niemand die Plastikflaschen und -gläser nach der Parade vom Boden aufgehoben. Jetzt aber warten die Leute darauf diese Dinge sammeln zu können, weil sie sie als Rohstoffe weiterverkaufen können.

Aber die Menschen müssen ihr Verhalten grundlegend ändern und nicht einfach Plastik überall in die Gegend werfen, sondern sich um ihre und unsere Gesundheit kümmern und den Planeten schützen. Das System sollte sich von einem System der Entsorgung, Sammlung, Verbrennung und des Deponierens zu einem neuen System entwickeln, das Plastik vermeidet und recycelt. Im Lehrplan der Schule sollten die Kinder über die Abfallwirtschaft unterrichtet werden. Und Plastik herstellende Unternehmen sollten dafür verantwortlich gemacht werden, Plastikabfälle zu entsorgen.

Trash Hero wurde in der Schweiz gegründet. Bekommst du von dort viel Unterstützung?

Vor drei Jahren bin ich der Trash Hero Initiative beigetreten, führe wöchentliche Strand-Clean-Ups durch und nenne mich seitdem Trash Hero. Zweimal im Jahr haben wir ein großes Treffen der Trash Hero Familie. Wir alle unterstützen uns und arbeiten sehr transparent miteinander. Als Trash Heros säubern wir die Umwelt und fördern Bildungsarbeit, um den nächsten Generationen den Umgang mit Plastik beizubringen. Dazu müssen wir ein Vorbild sein, nicht nur für uns selbst, sondern auch für unser Umfeld und unsere Familien. Die Trash Hero Initiative unterstützt uns unter anderem mit einem Trash Hero Kids‘ Programm und stellt wieder verwendbare Metallflaschen sowie Einkaufstaschen zur Verfügung. Somit versuchen wir den Einmalgebrauch von Plastik zu vermeiden, wie zum Beispiel bei Plastikstrohhalmen, die in Indonesien massenweise benutzt werden. Die Initiative lehrt uns, wie wir leben können, um Abfall zu vermeiden und so naturnah wie möglich zu leben.

Ich wurde während meines Aufenthalts bei eurem Homestay Pantai Paris mit offenen Armen empfangen und du hast mich sofort in die Aktivitäten von Trash Hero einbezogen. Was ist deine Sichtweise auf den Tourismus, der ja auch seine Schattenseiten hat?

Normalerweise sind die Tourist*innen die hier her kommen, aus Europa. Sie kommen aus Ländern, die bereits eine fortschrittlichere Abfallentsorgung durch Mülltrennung und mit dem Abfallmanagementsystem etabliert haben. Deswegen sehen sie hier jedes bisschen Abfall, weil sie es nicht gewohnt sind und fragen, wie so etwas passieren kann. Und weil wir Clean-Up Programme durchführen, laden wir dann auch die Tourist*innen mit ein und freuen uns, wenn sie bei den Clean-Ups mithelfen.

Und während der Aufräumarbeiten vor Ort habt ihr hauptsächlich Kinder mobilisiert? Warum legt ihr einen besonderen Fokus auf Kinder?

Wir glauben, dass unsere Generation, aber vor allem unsere Kinder, sich des Mülls bewusst sein müssen. Deshalb beziehe ich mehr Kinder als Erwachsene in unser Handeln ein. Wir bereiten eine neue Generation vor, die sich um die Umwelt und diesen Planeten kümmert, und wir helfen dabei, wie dies im Detail funktionieren kann. Zum Beispiel durch die Clean-Ups und die Bildungsarbeit. Denn die Ziele von Trash Hero lauten: Wir räumen auf, Wir bilden weiter, Wir verändern.

Glaubst du, dass in der Schule der Vermeidung von Plastik zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird? Was würdest du diesbezüglich im Bildungssystem ändern?

Im Moment wird in der Schule auf jeden Fall zu wenig Fokus auf Plastikvermeidung gelegt. Ein Programm wie Trash Hero kann wirklich eine Ergänzung in der Bildungsarbeit sein oder diese auch verändern. Initiativen wie Green Indonesia und Bildungsarbeit, die mit der Rettung des Planeten zusammenhängt, sollten in den Lehrplan aufgenommen werden. So lernen die Kinder schon von klein auf in der Schule wie sie mit der Umwelt umgehen sollten.

Oft kombiniert ihr die Clean-Ups mit den Kindern mit einem einfachen Englischunterricht. Siehst du dich selbst als Lehrerin?

Ich sehe mich nicht als Lehrerin, weil ich keine Lehrerin bin. Aber ich denke, dass Englisch sprechen sehr wichtig ist und deshalb bieten wir Englischunterricht an. Dies führt auch zu einem sprachlichen Austausch zwischen den Kindern und den Freiwilligen, die an den Clean-Ups teilnehmen. Die Kinder lernen Englisch und die Freiwilligen Indonesisch.

Wenn du dir etwas wünschen könntest, wo würdest du gerne alle an euren Aktionen beteiligten Kinder in 20 Jahren sehen?

In 20 Jahren möchte ich keine Kinder mehr bei unseren Clean-Ups am Strand oder auf der Straße sehen, weil ich möchte, dass die Menschen den Müll nicht mehr einfach so wegwerfen. Und ich hoffe sehr, dass die Kinder, die bei unseren Aktionen helfen, dann mit verschiedenen anderen Aktionen vorankommen.

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