4 | 2019, Südostasien,
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Musikalische Emanzipation von kolonialem Erbe

 

Musikalische Emanzipation von kolonialem Erbe

Der ehemalige Eingang zum Asian Institute for Liturgy and Music in Manila ©Audrey Seah

Südostasien: Am Asian Institute for Liturgy and Music (AILM) wurde fast vier Jahrzehnte lang versucht, traditionelle Klänge und Traditionen Asiens in die Kirchenmusik der Region zu integrieren.

In den Ländern Südostasiens leben derzeit etwa 150 Millionen Christ*innen, rund 25 Prozent der südostasiatischen Bevölkerung. Sie feiern Gottesdienste und pflegen Kirchenmusik. Christliche Kirchen und Gemeinden in der Region haben ihren Ursprung in der Kolonisierung und Missionierung durch Europäer. Dieses Erbe hat wesentlich auch die Kirchenmusik, den Gemeindegesang im Gottesdienst und die Liturgie geprägt. Gleichzeitig hat es die Kirchenmitglieder oftmals ihrer lokalen Traditionen und Bräuche entfremdet. Einheimischen Instrumente und Weisen galten den Missionar*innen als heidnisch und wurden deshalb verboten.

Emanzipation von überkommenen europäischen Mustern

Seit einigen Jahrzehnten jedoch emanzipieren sich Christ*innen und Kirchen in der Region von überkommenen europäischen Mustern und bemühen sich um Artikulation ihrer Positionen durch Anknüpfung an die lokalen Kulturen. Dies ist nicht allein im theologischen Denken, sondern beispielsweise auch in der Kirchenmusik zu beobachten. Wichtige Impulse für diese Inkulturation stammen im Feld der Musik und Liturgie aus einer kleinen Ausbildungsstätte in Manila.

Musikalische Emanzipation von kolonialem Erbe

Javanischer Gamelan im Proberaum des AILM © Audrey Seah

Das 1980 auf dem Gelände der Episcopal Church in the Philippines in Manila gegründete Asian Institute for Liturgy and Music (AILM) war bis zu seiner Schließung im Dezember 2017 eine Ausbildungsstätte für Liturg*innen und Kirchenmusiker*innen. Es fühlte sich der Bewegung für Kontextualisierung in den Kirchen Asiens verbunden und verpflichtet. Es war also nahezu vier Jahrzehnte lang bestrebt, die kolonialen Anklänge und Einflüsse auf die heute in den Kirchen Asiens praktizierte Musik und Liturgie zu überwinden. Stattdessen wurde der Ausdruck der kulturellen Traditionen Asiens gefördert. Des geschah durch traditionelle Klangbilder und Harmonien und mit dem Einsatz traditioneller asiatischer Instrumente. Die Trainingsprogramme des AILM beinhalteten insbesondere Chormusik und Chorleitungsausbildung. Das Bemühen um Kontextualisierung vollzog sich in kreativen Prozessen des Komponierens und Textens neuer Werke, die Identität und Spiritualität der lokalen Kirchen aufgreifen. Auf diese Weise wurde der künstlerische Ansatz des 2014 verstorbenen Institutsgründers Dr. Francisco Feliciano umgesetzt.

Das Institut bot sowohl Kurse für Anfänger*innen als auch Master-Studiengänge an, in deren Zentrum das kreative Schaffen für den Gebrauch in den Gemeinden stand. So entstanden neue Lieder, neue Gebete oder neue liturgische Texte. In den vergangenen Jahrzehnten haben hunderte von Absolvent*innen diese schöpferische Arbeit in den christlichen Gemeinden ihrer asiatischen Herkunftsländer verbreitet und eine Sammlung von neuem Liedgut geschaffen, das nicht nur in den Kirchen Asiens gesungen und gespielt wird, sondern weltweit erklingt.

Künstler*innen, Theolog*innen und Wissenschaftler*innen aus aller Welt

Audrey Seah, Absolventin des Theologischen Seminars von Saint John und Promotionsstudentin an der Notre Dame Universität, berichtet von ihrem Besuch im AILM im Jahr 2014 Folgendes:

„Kürzlich hatte ich Gelegenheit, das AILM in Quezon City in den Philippinen zu besuchen. Es ist ein ökumenisches Institut auf dem Campus des Seminars der Episcopal Church, das Bachelor- und Master-Studiengänge in Kirchenmusik mit Schwerpunkt auf Kontextualisierung für die Kirchen Asiens anbietet. Die Studierenden leben in der Samba-Likaan Künstler-Kommune, neben dem Lehrgebäude, zusammen mit Künstler*innen, Theolog*innen und Wissenschaftler*innen aus aller Welt. Die Studierenden stammen aus Indien, Myanmar, Singapur, Papua-Neuguinea, Tonga, China und Indonesien.

Musikalische Emanzipation von kolonialem Erbe

Agungs aus den südlichen Philippinen © Audrey Seah

Ich kam etwas benommen nach einer einstündigen Fahrt in dichtem Verkehr vor einem wenig Aufsehen erregenden Gebäude an, und wurde von Tinnah dela Rosa an der Pforte empfangen. Tinnah hatte mir vorab schon gesagt, dass es ein kleines Institut ist, und von Saint Johns kommend dachte ich an etwa die gleiche Größe. Weit gefehlt – es ist viel kleiner! Der Rundgang begann im kleinen Verwaltungsbüro. Gegenüber liegt ein Raum normaler Größe, der für den allgemeinen Unterricht in Theologie, Dirigieren, Liturgie, Komponieren und Theorie dient. Der nächste Raum beherbergt mehrere traditionelle Instrumente: ein Gamelan aus Java, ein Kulintang (Gongs verschiedener Größe) und das Agung (zwei große, hängende Gongs aus Maguindanao in den südlichen Philippinen).

Tinnah erklärte mir, dass alle Studierenden ein Jahr lang im asiatischen Ensemble mitspielen müssen, um zu erfahren, dass die westliche Art nicht die einzige ist, Christ*in zu sein. Im letzten Raum befindet sich eine bescheidene Bibliothek mit überwiegend Musikliteratur. In einem der Regale neben mir sah ich ein amerikanisches Gesangbuch und fragte Tinnah etwas naiv: „Welche Gesangsbücher benutzen die meisten Gemeinden in den Philippinen?“ Tinnah zuckte etwas zusammen und sagte: ‚Gesangsbücher können wir uns nicht leisten. Das Seminar der Episcopal Church und die Kathedrale haben als einzige einige angeschafft. Wenn wir Glück haben, können wir Liedtexte sonst auf Papier drucken.‘ Wir verließen die Bibliothek und ich war etwas verlegen.“

‚Diebstahl ist ein Zeichen von Erfolg’

Weiter berichtete Audrey Seah über ihren Aufenthalt am AILM: „Im Eingangsraum erzählte mir Tinnah, dass sie Mitglied des Lehrkörpers und Absolventin des AILM ist. Sie unterrichtet kreative Liturgie und liturgische Kompositionslehre und hat einen Master in Theologie an der Ateneo de Manila-Universität und einen Master in Theologie, Liturgie und Musik am AILM gemacht. Für das AILM hat sie sich entschieden, weil sie nicht westliche Musik studieren wollte.

Tinnah ist außergewöhnlich, weil sie eine der wenigen römisch-katholischen Laien-Liturginnen ist und liturgische Kompositionen veröffentlicht. Sie hat eine vollständige Messe komponiert und veröffentlicht, die im Internet von Piraten zum Kauf angeboten wird. ‚Diebstahl ist ein Zeichen von Erfolg’, stellten wir beide scherzend fest.“ (Die zitierten Auszüge wurden aus dem Englischen übersetzt von Jörg Schwieger)

Der Chor des AILM auf dem Festival Musica Sacra International im Jahr 2006

Das Vermächtnis des AILM

Nach dem Tod seines Gründers im Jahr 2014 setzten die Lehrkräfte des Instituts zunächst die Arbeit an einem neuen Standort, der St. Paul University in Manila, fort. Alsbald aber wurde auch im Dialog mit einem wichtigen Finanzier des AILM, der schwedischen Kirche, deutlich, dass das hohe künstlerische Niveau ohne das Wirken Dr. Felicianos auf Dauer nur schwer zu erhalten ist. So wurde Ende 2017 der Unterricht eingestellt und die Instrumente und die Bibliothek wurden der St. Paul University und dem musikwissenschaftlichen Kolleg der University of the Philippines anvertraut. Was als Vermächtnis bleibt, sind die Lieder, Texte und liturgischen Kompositionen, die als kreative Werke auf der Grundlage traditioneller Kultur in den Kirchen Asiens fortwirken.

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4 | 2019, Südostasien,
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Musikalische Emanzipation von kolonialem Erbe

In Laos zieht die regierende Laotische Revolutionäre Volkspartei ihre Legitimation aus dem historischen Kampf gegen französische Kolonialisten und amerikanische ‚Neo-Kolonialisten‘. Die Erinnerungsdiskurse sind allerdings komplexer, als die staatliche Kampfrhetorik suggeriert.

Der Kampf gegen Kolonialismus und Imperialismus prägt die Staatsrhetorik in der Laotischen Demokratischen Volksrepublik. In Geschichtsbüchern, Museen sowie über diverse Denkmäler wird dem „nationalen Befreiungskampf“ des „laotischen multi-ethnischen Volkes“ gedacht. Dieser Jahrhunderte lange, mythisch verklärte Kampf ‚David gegen Goliath’ reicht von den Kriegen gegen Birmanen, Siamesen und Vietnamesen seit dem 15. Jahrhundert bis zum antikolonialen Kampf gegen die Franzosen (1. Indochinakrieg) und dem Kampf gegen die amerikanischen „Neo-Kolonialisten“ (so die Sprechweise gemäß der offiziellen Geschichte Pawatsat Lao zum so genannten „amerikanischen Krieg“/2. Indochinakrieg).

Kolonialismus und Imperialismus sind somit in der laotischen Geschichtsschreibung und Gedenkpolitik nicht immer trennscharf formuliert. In erster Linie wird die longue durée des „nationalen Befreiungskampfes“ diskursiv genutzt, um die kommunistische Revolution von 1975 zu legitimieren. Der mit dem „amerikanischen Krieg“ einhergehende Bürgerkrieg hatte tiefe Wunden in der laotischen Gesellschaft hinterlassen, die durch die folgenden Wirtschaftskrisen, Umerziehungskampagnen und Flüchtlingsströme verstärkt wurden.

Befreiung aus kolonialer Unterdrückung bleibt zentrales Motiv im laotischen Staatsdiskurs

Entsprechend versuchte sich die Laotische Revolutionäre Volkspartei nach 1975 als Sieger der Geschichte und Befreier des so genannten „laotischen multi-ethnischen Volkes“ (pasason lao banda phao) zu inszenieren – als legitime Nachfolger von historischen „patriotischen“ Königen wie Chao Setthathilat und Chao Anuvong in ihrem tapferen Kampf gegen birmanische bzw. siamesische „Imperialisten“ (während frühere Kriege mit dem „großen Bruder“ Vietnam heute eher verschwiegen werden…).

Der letzte König von Laos, Sisavang Vatthana, starb alt und krank in einem kommunistischen Umerziehungslager. Er und sein Vater Sisavang Vong werden in der offiziellen Geschichtsschreibung als „Marionetten“ der französischen und amerikanischen (Neo-)Kolonialisten diffamiert. Entsprechend bleibt der Kolonialismus bis heute ein zentrales Motiv im laotischen Staatsdiskurs, vor allem um bestehende Legitimationsdefizite zu übertünchen. Die „Partei“ habe „das Volk“ aus der Unterdrückung gerettet, so verkürzt die zentrale Botschaft der offiziellen Geschichts- und Gedenkpolitik.

Dass die französische Kolonialherrschaft tatsächlich tiefe Spuren und Ressentiments hinterlassen hatte, steht dabei außer Frage. Vor allem die erneute, gewaltsame Machtübernahme der Franzosen nach der japanischen Besatzung und der kurzlebigen ersten laotischen Unabhängigkeitsbewegung unter Prinz Phetsalat hat sich im kollektiven Gedächtnis der Laoten eingebrannt. Im Jahre 1946 wurden die letzten laotischen Befreiungstruppen um den ‚roten Prinzen’ Souphanouvong in der Stadt Thakhaek besiegt und über den Mekong getrieben, begleitet von brutaler Gewalt gegenüber der laotischen Zivilbevölkerung.

Hier wurde auch die gewaltvolle Saat des laotischen Bürgerkriegs gesät. Während sich Souphanouvong und sein Gefolge dem antikolonialen Kampf der Vietminh unter Ho Chi Minh anschlossen, arrangierten sich viele Mitglieder der politischen Elite und des Königshauses mit der französischen Herrschaft – eine Steilvorlage für die spätere kommunistische Propaganda. Der antikoloniale Kampf im 1. Indochinakrieg spielte sich in Laos in erster Linie im von diversen ethnischen Gruppen bevölkerten Hochland, im laotisch-vietnamesischen Grenzgebiet ab. Einige ethnische Gruppen, gebeutelt von Zwangsarbeit im kolonialen Straßenbau und übermäßiger Besteuerung, ließen sich von den Vietminh und ihren laotischen Genossen besonders gut mobilisieren.

Spannungen in der laotischen Gesellschaft als Folge des Kolonialismus

Die Kolonialzeit führte aber auch zu Spannungen innerhalb einzelner ethnischer Gruppen, die bis heute nachwirken. So wurde ein Klanchef der Hmong in der Provinz Xieng Khouang mit Privilegien in der Steuereintreibung – in Form von Roh-Opium – ausgestattet, was zu erbittertem Widerstand anderer lokaler Hmong-Führer führte. Als er es mit Ausbeutung und Machtmissbrauch übertrieb, setzten die Franzosen später einen seiner Konkurrenten als Provinzfürst ein. Die Söhne und Neffen des einstigen kolonialen Günstlings gingen in den bewaffneten Widerstand. Einer von ihnen, Faydang Lobliayao, sollte der wichtigste Vertreter der Hmong in der laotischen kommunistischen Bewegung werden.

Unzählige kleine Geschichten erinnern an die französische Kolonialzeit, teilweise lokal begrenzt und auf Staatsebene wenig beachtet. Vor einigen Jahren besuchte ich das Dorf Muang Soi in der nordöstlichen Provinz Houaphan, berühmt als die „Wiege der Revolution“ und Kampfbasis der kommunistischen Bewegung in den beiden Indochinakriegen. Ich war auf der Suche nach den Ruinen eines alten buddhistischen Tempels, der in der 1960er Jahren von amerikanischen Bomben dem Erdboden gleichgemacht wurde (die große Buddhastatue überstand den Angriff und befindet sich heute im Tempel der Provinzhauptstadt Sam Neua).

Die Region barg aber noch eine tiefere, tragische Geschichte, die erst nach und nach in den Gesprächen mit der lokalen Bevölkerung, mehrheitlich animistischen Tai Deng, aufbrach: Zu Beginn der französischen Kolonialherrschaft kam es immer wieder zu Konflikten zwischen buddhistischen Lao (auch „Tai Neua“/Nord-Tai genannt) und den Tai Deng. Während den Laoten von den Franzosen – nicht zuletzt um die Loyalität des Königs von Luang Prabang zu sichern – wichtige Posten in der lokalen Verwaltung zugesprochen wurden, fanden die Tai Deng wichtige Bundesgenossen in den französischen katholischen Missionaren. Von der vietnamesischen Provinz Thanh Hoa aus hatten jene seit Ende des 19. Jahrhunderts Teile der verschiedenen Hochland-Tai-Gruppen zum Christentum bekehrt.

Missionare und Zwangsumsiedlungen

Im Jahre 1934 schrieb der hoch motivierte Provinzchef in Sam Neua, André Boutin, dem Missionar Mironneau: „Je vais règler définitivement la question Thay Rouges et Neua.“ („Die Frage von Thay Rouges und Neua werde ich auf jeden Fall klären.“) Der Bezirk von Muang Soi solle den (inzwischen überwiegend katholischen) Tai Deng vorbehalten sein, die buddhistischen Lao entsprechend in die Gegend von Xieng Mène in Richtung Sam Neua umgesiedelt werden. Während die Lao ihre Felder und ihren Tempel aufgeben mussten, wurden Tai Deng aus Xieng Mène und Sam Neua in den Raum Muang Soi zwangsumgesiedelt. Dieser Bevölkerungsaustausch mag damals kurzfristig ein ‚administratives Ärgernis’ behoben haben, wird aber heute als kolonialer Gewaltakt erinnert.

Zeitzeug*innen gibt es zwar keine mehr, aber einige greise Dorfbewohner*innen kennen die Geschichte aus den Erzählungen ihrer Eltern. Was die Tai Deng heute in Muang Soi ärgert: Sie leben weit weg vom bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung der Region Sam Neua. Der Grundtenor ist entsprechend, dass die Lao die guten Felder und Verkehrsanbindungen bekommen hätten sowie heute von der Nähe zur Provinzhauptstadt Sam Neua profitierten, wären die Tai Deng in ihrer gerade in der Regenzeit schwer zugänglichen Peripherie ‚versauern’ würden.

Im Übrigen ist die Geschichte der katholischen Mission heute ein Tabuthema: Die Gemeinde der Tai Deng floh vor der kommunistischen Herrschaft erst in die Hauptstadt Vientiane (wo es noch eine kleine katholische Kirche gibt) und dann mehrheitlich weiter nach Thailand, Frankreich oder in die USA. Andere Tai Deng arrangierten sich mit den neuen Machthabern, schworen dem Katholizismus ab oder hatten sich ohnehin nur aus Opportunismus taufen lassen. Zudem wanderten Tai Deng aus Vietnam ein. Somit findet sich in der Region Muang Soi heute weiterhin eine Bevölkerungsmehrheit der Tai Deng. Während die Ruinen des von amerikanischen „Neo-Kolonialisten“ zerbombten Lao-buddhistischen Tempels überwuchern und als Steinbruch geplündert werden, ist die französische Kolonialzeit weiterhin ein Gesprächsthema.

Die UNESCO, koloniale Architektur und chinesische Investoren

Während einem der Kolonialismus in Laos also oft als Erzählung von Fremdherrschaft und Unterdrückung sowie des glorifizierten laotischen „Befreiungskampfes“ begegnet, tritt dieses Kapitel in der alten Königsstadt Luang Prabang in ganz anderer Gestalt auf: Als nostalgisch verklärtes Weltkulturerbe mit ‚kolonialem Charme’. In erster Linie ist damit zweifellos die Architektur gemeint, Wohnhäuser mit Fachwerkanmutung, welche die UNESCO neben der spektakulären Tempellandschaft ausdrücklich ins Kulturerbe einbezieht.

Dies birgt natürlich Konfliktpotenzial, wenn beispielsweise französische UNESCO-Experten der lokalen Bevölkerung Vorschriften hinsichtlich Renovierung und Neubau machen, immer die ‚Keule’ des Entzugs des Kulturerbe-Status in der Hinterhand. Zudem wurden viele Einheimische durch den Preisanstieg im Zuge des Tourismusbooms verdrängt. Teure Hotels und Restaurants (gerne mit französischer Gourmetküche für die westlichen Kulturtouristen) wurden teilweise von finanzkräftigen Exil-Laot*innen gegründet. Eine interessante Gemengelage, wenn die kommunistische Stadtverwaltung einerseits den Wirtschaftsaufschwung fördern und andererseits ihre Basis der lokalen Bauern und Staatsbediensteten nicht vergraulen will.

Seit einigen Jahren wirbelt mit China ein neuer Faktor dieses fragile System gründlich durcheinander. Vor der Corona-Pandemie dominierten chinesische Reisegruppen zunehmend die touristischen Zentren – zum Entsetzen vor allem der französischen Tourist*innen, die um ‚ihr’ idyllisches Luang Prabang bangten. Chinesische Investoren ließen große Hotels errichten und pfiffen auf die Warnungen der UNESCO. Auch ohne offiziellen Weltkulturerbestatus wäre Luang Prabang in China weiterhin vermarktbar, als im Wettbewerb mit den eher an Themenparks gemahnenden ‚historischen’ Städten in Yunnan stehende ‚authentische’ Reise- Erfahrung für die wachsende chinesische Mittelklasse.

Die neue Zugverbindung zwischen Kunming und Vientiane über Luang Prabang wird diese Tendenz aller Voraussicht nach verstärken. Schon jetzt versuchen viele von der Pandemie gebeutelte Lao aus Luang Prabang und Umgebung ihr Land gewinnbringend an chinesische Investoren zu verkaufen, die an der neuen Bahnstrecke, angelockt von Steuervergünstigungen und andere Freiheiten, zunehmend ihre ökonomischen Ansprüche abstecken. Die Ironie der Geschichte: Französische selbst ernannte Kulturbewahrer bezichtigen die Chinesen des Kolonialismus in Laos…

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4 | 2019, Südostasien,
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Musikalische Emanzipation von kolonialem Erbe

Papua-Neuguinea: In „Dein ist das Reich“ hat Katharina Döbler das Leben ihrer Großeltern fiktionalisiert. Die Handlung spannt sich über vier Jahrzehnte: von Kolonialisierung und Missionierung in Neuguinea bis hin zum Nationalsozialismus.

Anfang des 20. Jahrhunderts herrscht in Mittelfranken Armut. Es fehlen Perspektiven für die überwiegend in Landwirtschaft und Handwerk tätige Bevölkerung. Doch es gibt einen Ausweg und zugleich die Möglichkeit, ‚etwas Gutes‘ zu tun: sich als Missionar oder Missionarin zu den „Heiden“ nach Neuguinea entsenden zu lassen. Inmitten der streng protestantisch geprägten Dörfer Mittelfrankens befindet sich in Neuendettelsau ein Missionswerk, das Laien rekrutiert.

Getrieben von den äußeren Umständen und der Hoffnung auf ein besseres Leben gelangen die Protagonist*innen des Romans Dein ist das Reich auf unterschiedlichen Wegen nach Neuguinea. Dort betätigen sie sich als „Werkzeuge des Herrn“: in der Mission und deren Plantagen.

Aufgearbeitete Familiengeschichte

Dein ist das Reich ist der zweite Roman der Journalistin und Autorin Katharina Döbler. Sie verarbeitet darin die Geschichte ihrer Großeltern und Eltern und lässt ihre Erinnerungen sowie Familiendokumente wie alte Briefe und Fotos einfließen. Zugleich hat sie tiefgehend zur Kolonial- und Missionsgeschichte recherchiert, was man der Erzählung anmerkt. Diese zieht sich über mehrere Jahrzehnte und spielt hauptsächlich im nordöstlichen Teil des heutigen Papua-Neuguinea, dem damaligen „deutschen Schutzgebiet“ Kaiser-Wilhelms-Land, aber auch im indonesischen Teil der Insel, der damals zum niederländischen Kolonialgebiet gehörte, sowie in Franken. Die Geschichte trägt autobiografische Züge und ist eindrucksvoll choreografiert: Die Handlung folgt den an die Großeltern angelehnten Figuren von den 1910er-Jahren bis nach dem Zweiten Weltkrieg.

„Unsere Papua“

Im Laufe der Erzählung wird das ‚koloniale Projekt‘ vorangetrieben und die indigenen Papua auf Plantagen als günstige Arbeitskräfte ausgebeutet. Die Papua werden überwältigt von der raschen Ausbreitung der wenigen Weißen, die immer mehr Land möchten. Diese „übertraten alle Tabus, sie trampelten auf heiligen Plätzen herum…“, doch ohne Konsequenzen . Das wird von der indigenen Bevölkerung beobachtet, ebenso die Heilung kranker Menschen mit westlicher Medizin. Doch die Weißen bringen auch unbekannte Krankheiten mit, an denen Papua erkranken und sterben. Daneben weckt die Vielzahl neuer Güter: Werkzeug, Gewehre, Salz, Kleidung und Medikamente, Begehrlichkeiten bei der indigenen Bevölkerung. Das bewegt eine wachsende Zahl an Papua zum Christentum und in die Arme von Anwerbern für die Plantagen, die durch die Dörfer ziehen. Indigene Frauen arbeiten als ‚Hausmädchen‘ bei weißen Familien.

Die vier Hauptfiguren, die zu zwei Ehepaaren werden, hinterfragen all dies wenig und glauben, ‚das Richtige‘ zu tun. Dabei sind sie sehr verschieden – sie eint jedoch ihr fester und unerschütterlicher Glaube an Gott. Mit den Beamten der westlichen Kolonialmächte und Kolonialhändler*innen verbinden sie gemeinsame Ziele, es zeigt sich aber auch Widerspruch.

Im Laufe der Geschichte erstarkt der Nationalsozialismus in Deutschland. Auch in der Mission und unter den Deutschen in Neuguinea findet er unterstützende Stimmen und sogar stramme Anhänger*innen, die in die NSDAP eintreten. Die Dynamik des von der deutschen Regierung begonnenen 2. Weltkrieges bestimmt auch in den Kolonialgebieten das Geschehen. Die männlichen Deutschen in beiden Kolonialteilen Neuguineas werden verhaftet, so auch Döblers Großväter.

Gegenüber den Papua verhalten sich die Missionar*innen paternalistisch. Man gibt sich wohlwollend gegenüber „unseren Papua“, die sich – in den Augen der Missionierenden – „kindlich“ oder „faul“ verhalten, bestraft sie bei Vergehen aber hart. Die kolonialisierten Papua bleiben im Buch weitestgehend Randfiguren, womit Döbler das herrschende System spiegelt. Sie stellt die Sichtweise der Weißen in den Mittelpunkt und zeigt sie in ihrem ganzen Ausmaß. Die evolutionistische und durch ‚Rassenlehre‘ geprägte Weltsicht, zeigt sich im Denken, in den Dialogen und Handlungen der Weißen. Ihr Gefühl der kulturellen Überlegenheit schwingt stets mit. Dadurch vermittelt Döbler einen Eindruck des damaligen Zeitgeists – und des gesellschaftlich getragenen Rassismus.

Dicht erzählt auf mehreren Ebenen

Auf einer zweiten Handlungsebene erinnert sich die Erzählerin in Rückblenden an die mit ihren Großeltern gemeinsam erlebte Zeit, samt ihren persönlichen Eigenheiten und Charaktereigenschaften. Zwischenzeitlich lässt sie ihre Stimme aus dem Hier und Jetzt einfließen: ergänzt, ordnet ein und reflektiert das Handeln der Hauptfiguren. Eine ausgefallene Idee sind die eingerückten Texte, in denen Döbler Fotos aus der damaligen Zeit beschreibt.

Döbler erzählt die Geschichte der Großeltern und Eltern ruhig und detailliert – es scheint als wolle sie so deren Motive verstehen und auch die Ursachen für ihr Wesen in der Nachkriegszeit ergründen. Beim Lesen braucht es allerdings einige Aufmerksamkeit, den zahlreich auftretenden Personen und ihren Beziehungen untereinander zu folgen. Was erfunden und was wirklich passiert ist, verschwimmt. Doch deutlich werden die Zerrissenheit und der große Schmerz in der Familie.

Debatten über Rassismus und Kolonialzeit

Das Timing dieses Buches könnte besser nicht sein. Der Roman erscheint während einer gesellschaftlichen Debatte über Rassismus, Dekolonialisierung und Raubkunst, wie die Diskussion um das Luf-Boot im Berliner Humboldt-Forum, wozu der Historiker Götz Aly seine Recherchen kürzlich im Buch Das Prachtboot veröffentlicht hat.

Dein ist das Reich ist ein sprachlich starker Roman, der viel Wissenswertes über die deutsche Kolonialzeit in der ‚Südsee‘ vermittelt. Er regt zum Nachdenken über die Rolle der begleitenden Mission sowie deren Verhältnis zum Nationalsozialismus an. Er ist kritisch und zugleich sensibel geschrieben. Schade ist, dass die wörtliche Rede nicht gekennzeichnet ist. Denn das stört und bremst den Lesefluss. Dass sich die Autorin intensiv mit der Vergangenheit ihrer Familie und deren Verhältnis zum Nationalsozialismus auseinandersetzt, macht das Buch zu einem bedeutsamen Werk. Denn in vielen deutschen Familien herrscht das Schweigen bis heute.

Rezension zu: Katharina Döbler. Dein ist das Reich. Claassen Verlag. 2021. 480 Seiten.

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