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An der Grenze bleibt der Schlagbaum unten

Laos Lockdown

Der laotische Triumphbogen Patu Xay im Herzen Vientianes, April 2020 © Uli Trostowitsch

Laos: Als die Corona-Krise Südostasien erreicht, schließt Laos seine Grenzen. Die Infektionszahlen sind niedrig. Doch die Folgen von Pandemie und Lockdown prägen die Wirtschaft…

Wie gewohnt ist am Khua Din-Markt im Zentrum von Vientiane um sechs Uhr morgens keine Parklücke in Sicht. Erst nach mehreren Runden geduldigen Suchens lässt sich ein freies Plätzchen ergattern. Das war während des ersten Lockdown im März und April 2020 noch anders.

Der Talat Khua Din, hier kann man Obst und Gemüse säckeweise einkaufen, ist ein guter Indikator für die Geschäftstätigkeit in Vientiane. Hier decken viele kleinere Lebensmittelhändler*innen, Suppenküchenbetreiber*innen und Restaurantbesitzer*innen in Vientiane ihren täglichen Bedarf an frischem Obst und Gemüse, Geflügel oder Fisch.

Auf diesem Markt herrschen normalerweise Gedränge und Hektik. Doch im April 2020 war ein Einkauf hier eher ein Spaziergang. Die Menschen blieben auf Abstand und es gab lange nicht die übliche vielfältige Auswahl an Obst und Gemüse. Die Preise hatten sich teils verdoppelt und verdreifacht. Die laotische Regierung sah sich sogar dazu veranlasst, Mäßigung anzumahnen.

Laos Lockdown

Talat Khua Din im April 2020 © Uli Trostowitsch

Während des Lockdown

Die Maßnahmen der laotischen Regierung gegen die Ausbreitung des Virus sind durchaus wirkungsvoll. Seit dem 30. März 2020 gibt es keine Touristenvisa mehr. Alle Linienflüge wurden eingestellt und seit dem 23.12.2020 auch wieder alle Charterflüge. Wer ins Land kommt, muss zwei Wochen in Quarantäne: der*die Diplomat*in im Hotel, der*die Wanderarbeiter*in im Quarantänelager. Auch Inlandsreisen waren eingeschränkt, der Handel mit den Nachbarländern für Wochen unterbrochen. Mit der zweiten Corona-Welle im Dezember 2020 wurden wieder einige kleinere Grenzübergänge für den Warenverkehr gesperrt (Stand: Januar 2021). Die wichtigen Handelsverbindungen sind jedoch nicht unterbrochen.

Während des Lockdown galten die üblichen Regeln: Restaurants, Karaoke-Bars und alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte waren geschlossen, alle Großveranstaltungen abgesagt. Sogar Boun Pi Mai, das buddhistische Neujahrsfest im April, in Laos normalerweise eine fünf Tage andauernde ausgelassene Dauerparty, fiel aus.

Laos ist im Gegensatz zu seinen Nachbarn dünn besiedelt. Ein Großteil des sozialen Lebens spielt sich im Freien ab. So könnten sich die niedrigen Infektionszahlen, bisher 44 Infektions-Fälle, keine Toten, erklären. Der Abt eines buddhistischen Klosters in Vientiane hat dazu seine ganz eigene Erklärung: “Wir Laoten führen als Buddhisten ein ausgeglichenes Leben, von allem ein wenig und nichts wird übertrieben”.

Nach dem ersten Lockdown hat sich die Lage im Mai und Juni schnell entspannt, innerhalb von Laos gibt es seitdem kaum noch Einschränkungen. Man wird zum Händewaschen aufgefordert und hin und wieder wird beim Betreten einer Mall oder Bank die Körpertemperatur gemessen.

Für laotische Wanderarbeiter*innen und auch für Firmen, die von Auslandsaufträgen abhängig sind, ist die Lage aber nach wie vor prekär. Viele Laot*innen, die in Thailand gearbeitet haben, versuchen inzwischen, illegal ins Nachbarland zurückzukehren, da es in Laos keine vergleichbare Arbeit gibt.

Vor allem chinesische Investitionen fließen

“Arbeitsmäßig sieht es im Moment sehr schlecht aus. Keines unserer Projekte kommt in die Gänge” so Odt, Mitarbeiter einer privaten Firma zur Entsorgung sogenannter UXOs – nichtexplodierter Hinterlassenschaften der US-Flächenbombardements während des Vietnamkiregs. Seine Firma bekommt ausschließlich private Aufträge von ausländischen Firmen die in Laos Stromtrassen, Kraftwerke oder Anlagen zur Wasserversorgung bauen. Hier zeigt sich auch die zunehmende Dominanz chinesischer Investoren. Waren es früher auch Firmen aus Thailand, Malaysia, Australien oder sogar Europa, stehen im Moment ausschließlich chinesische Projekte an.

„Viele Projekte werden verschoben oder sogar gestoppt,“ berichtet Chanthaboune Keobounkhoune, Managing Director der AusLao UXO Clearance Co.,Ltd. „Viele Unternehmen, so auch AusLao, bekommen keine Aufträge mehr und können den Arbeitern keinen Lohn mehr zahlen. Und Steuern an die Regierung zahlen wir natürlich auch nicht mehr.“ Er meint, die laotische Regierung gebe sich große Mühe, das Virus einzudämmen, aber viele Unternehmen wären auf Hilfe angewiesen. Er setzt hier Hoffnung in ausländische Unterstützung, z.B. der KfW Entwicklungsbank, die bereits in der Vergangenheit Projekte finanziert hat.

Laos Lockdown

ITECC Exhibition Center mit Ministerpräsident Thongloun Sisoulith, Dezember 2020 © Uli Trostowitsch

Die Unterstützung kommt zurzeit, wenn überhaupt, zum überwiegenden Teil aus China. Ein chinesischer Baukonzern, die China Railway Group baut die Schnellbahntrasse von Boten nach Vientiane. Bis 2024 hat Laos jährlich mehr als eine Milliarde Dollar an Schulden zurückzuzahlen und das bei nur noch 860 Millionen Dollar Währungsreserven. Chinesische Firmen bauen mautpflichtige Autobahnen (zuletzt wurde die Strecke Vientiane – Vang Vieng eröffnet) und chinesische Konzerne sind die größten Bauinvestoren in Vientiane. Die chinesische Regierung stellt den Firmen zinsgünstige Kredite zur Verfügung um – nach eigener Aussage – den chinesischen Einfluss in Asien zu stärken. Arbeitsplätze für Laoten entstehen dadurch aber nur am Rande, nicht zuletzt, da chinesische Firmen ihre Arbeiter oft mitbringen.

Gleichzeitig versucht die laotische Industrie- und Handelskammer mit Unterstützung durch die Regierung den Laoten den Konsum laotischer Produkte schmackhaft zu machen, vor allem um kleinere Unternehmen und Handwerksbetriebe zu fördern. Unter dem Motto Made in Laos wurde eine Image-Kampagne gestartet und in der größten Messehalle in Vientiane, dem ITECC Exhibition Center, Ende des Jahres eine Verkaufsmesse organisiert, wie es scheint aber nur mit mäßigem Erfolg.

Tourismus und Dienstleistungsbranche betroffen

Für 2018 hatte die laotische Regierung zum dritten Mal ein Visit Laos Year ausgerufen. Laut Ministerium für Information, Kultur und Tourismus besuchten rund 4,1 Millionen Touristen das Land. Die Regierung hatte fest mit einer jährlichen Steigerung gerechnet. Das Einkommen aus dem Tourismus lag bei rund 700 Millionen USD und sollte neben dem Export von Elektrizität und Bodenschätzen dazu beitragen, 2024 den Status als eines der ärmsten Länder (LDC) hinter sich zu lassen. Aufgrund der Covid-19-Pandemie wird daraus aber nichts, wie die Regierung vor dem Parteitag der Laotischen Revolutionären Volkspartei im Januar betont hat.

Zur aktuellen Lage sagt Thanta Kongphaly, Mitglied der Nationalversammlung: “Alle sind in Sorge wegen der negativen ökonomischen Auswirkungen, von denen insbesondere der Tourismus und der Dienstleistungssektor betroffen sind.”

Wer zurzeit hier in Laos reist, übernachtet in gespenstisch leeren Hotels zu moderaten Preisen. In Tourismus-Hotspots wie Luang Prabang herrscht gähnende Leere. Vang Vieng, einst Backpacker-Mekka, zuletzt beliebtes Ziel koreanischer und chinesischer Reisegruppen, wirkt wie eine Geisterstadt. Die meisten Geschäfte und Restaurants sind verriegelt, viele Hotels geschlossen. Auch in der Hauptstadt Vientiane stehen die Hotels leer oder sind auch hier ganz geschlossen, wie das einst erste Haus am Platz, das Lao Plaza. Gaststätten, Kneipen und Restaurants, die sich auf die Bedürfnisse von Ausländer*innen spezialisiert haben, hoffen jetzt auf die wenigen verbliebenen Expats.

Laos Lockdown

Hochzeitsparty im Dezember 2020 in Vientiane © Uli Trostowitsch

Was tut die Regierung?

Mit der Initiative Lao Thiao Lao – Laoten reisen in Laos versuchen das Tourismusministerium und die laotische IHK deshalb, ähnlich wie in Thailand, den Inlandstourismus anzukurbeln. Das ist bis jetzt noch der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. „Aber besser als gar nichts“, antwortet ein Restaurantbesitzer auf meine Frage, wie das Geschäft liefe, und fügt hinzu, „Jetzt bin ich froh, dass ich auch immer Wert auf laotische Gäste gelegt hab“. Sein Restaurant ist eines unter vielen am Quai Fa Ngum. Die Uferstraße in Vientiane ist eine beliebte Strecke für abendliche Spaziergänger, Jogger oder Radfahrer und damit eigentlich beste Lage.

Die Regierung sieht durchaus die Probleme der betroffenen Menschen. Allerdings sollte niemand mit staatlicher Hilfe rechnen. Es gibt die offizielle Empfehlung, sich in der Landwirtschaft zu betätigen. Das heißt soviel wie, „geht zurück in eure Dörfer und baut die notwendigen Lebensmittel selber an“. Und damit sind wir bei einem wesentlichen Grund, der die Folgen der aktuellen Corona-Krise etwas mildert. Das soziale System der Großfamilie – statt eines öffentlichen Sektors staatlicher Absicherung – funktioniert in Laos noch weitgehend und verhindert, dass Menschen in Obdachlosigkeit, Armut und Einsamkeit abrutschen. Aber dieses System hat auch seine Grenzen, zum Beispiel dann, wenn die Familie auf das Einkommen der Wanderarbeiter*innen angewiesen ist.

Die zweite Welle?

Silvester in Laos. In den Nachbarländern herrscht zum Teil wieder der Lockdown, die Infektionszahlen steigen sprunghaft an. Auch in Laos wurden alle Großveranstaltungen, zum Beispiel das beliebte Vang Vieng Festival, abgesagt. Das hält die Menschen jedoch nicht vom Feiern ab. In Vientiane sind fast alle Restaurants und Bars geöffnet, bieten zum Teil Silvesterpartys an.

Die Suppenküchen und Streetfood-Ecken sind überlaufen, die Menschen drängen sich an den kleinen Tischen auf wackligen Plastikstühlen. Vereinzelt sieht man Mundschutzmasken. „Wir sind schon vorsichtig, treffen uns meist nur mit engen Freunden oder in der Familie“, erwidert eine junge Frau auf meine Frage nach dem Infektionsrisiko in Menschenansammlungen.

Die geringen Infektionszahlen werden zwar oft skeptisch kommentiert. Ein Großteil der Bevölkerung scheint der laotischen Regierung aber in diesem Fall zu vertrauen. Die fast totale Isolation des Landes hat sich bei der Pandemie-Eindämmung anscheinend bewährt. Dass sich die Grenzen nach Bewältigung der weltweiten Krise wieder öffnen werden, daran zweifelt hier niemand.

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Vietnam gilt als erfolgreich bei der Bekämpfung von Covid-19. Liegt es an den Maßnahmen der Regierung? Und wie sind diese durch die Bevölkerung akzeptiert worden?

In neueren Zeitungsartikeln wird Kritik an Europas Versäumnissen bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie geäußert. Diese hätten durch die Anwendung von erfolgreichen Maßnahmen, wie sie einige asiatische Länder durchgeführt hatten, verhindert werden können. Eine eurozentristische Sichtweise, die den Erfolg dieser Maßnahmen zur Eindämmung des Virus auf autoritäre Strukturen allein zurückführt, versperrt den Blick auf jene wirksamen Maßnahmen, die – in abgewandelter Form – auch in Europa hätten durchgeführt werden können. Beispielsweise hätten auch in Deutschland konsequentere lokale Lockdowns, eine Pflichtquarantäne in zentralisierten Einrichtungen für Einreisende aus Risikogebieten oder Verbote der Ausreise in Risikogebiete eingeführt werden können.

Maßnahmen zur Kontaktreduktion und -rückverfolgung

Die hohe Alarmbereitschaft Vietnams zeigt sich deutlich an der zügigen Grenzschließung zu China am 1. Februar 2020. Ein Grund ist der geregelte Austausch zwischen Vietnam und China im Falle einer Pandemie. Gleichzeitig kann auch ein gewisses Misstrauen Vietnams gegenüber China bezüglich der Nachrichtenlage zu Covid-19 nicht ausgeschlossen werden. So wurde von einem vietnamesischen Cyber-Angriff auf China berichtet, was von offizieller Seite jedoch abgestritten wurde. Schnell setzte die vietnamesische Luftfahrtbehörde zuerst Flüge nach Wuhan und dann nach ganz China aus. Die Einreise internationaler Tourist*innen ist seit dem 22. März 2020 nicht mehr möglich.

Der erste und bis dato einzige landesweite Lockdown galt ab dem 1. April 2020 für 15 Tage, wo ausschließlich für wichtige Besorgungen oder in Notfällen das Haus verlassen werden durfte.

Bei späteren Ausbrüchen gab es gezielte lokale Lockdowns. Ende Dezember 2020 zum Beispiel gab es in Ho-Chi-Minh-Stadt einen Infektionsfall, auf den hin alle 72 Wohnungen eines Wohnblocks komplett abgeriegelt wurden. Leider gab es auch Extremfälle: in Hanoi ist im Mai 2020 ein Gebiet mit circa 120 Haushalten komplett abgeriegelt worden, nachdem eine Person Fieber und ein Engegefühl in der Brust gemeldet hatte. Rigoros wurde auch bei Verdacht auf Superspreading-Events vorgegangen: am 16. März 2020 wurden ein ganzes Dorf sowie eine Moschee abgeriegelt, nachdem eine infizierte Person identifiziert worden war.

Eine weitere Kontakt reduzierende Maßnahme war das Verbot größerer kultureller und religiöser Veranstaltungen mit mehr als 20 Personen im Frühjahr 2020. Die erste und einzige landesweite Schulschließung galt von Februar bis Mai 2020. Bei späteren Ausbrüchen gab es gezielte lokale Schulschließungen.

Contact Tracing

Vietnam wurde schnell für seine effektive Rückverfolgung bekannt. Bereits am 9. März 2020 wurde landesweit die App NCOVI bereitgestellt, mit der Benutzer*innen ihren aktuellen Gesundheitsstatus eingeben und auf Karten bestimmte Hotspots einsehen konnten. Am 18. April 2020 wurde zusätzlich die Warn-App Bluezone eingeführt. Diese arbeitet ähnlich der deutschen Corona Warn-App mit Bluetooth- und GPS-Daten. Sie wurde bis September 2020 bereits 22,5 Millionen Mal heruntergeladen.

Die gesellschaftliche Akzeptanz der Freigabe persönlicher Daten zum Wohl der Gesellschaft ist in Vietnam relativ groß. Gleichwohl gibt es auch Bedenken. Nach Aussage eines vietnamesischen IT-Sicherheitsingenieurs kann die App auch ohne Einverständnis der Nutzer*innen auf deren Benutzerdaten zugreifen. Ebenfalls kritisch zu sehen ist die herkömmliche analoge Kontaktpersonennachverfolgung. Medien zufolge nutzen vietnamesische Tracer nicht nur die Informationen, die die Personen ihnen freiwillig geben, sondern gleichen diese zusätzlich mit deren Facebook- oder Instagram-Posts ab.

Quarantäne und Isolation

Am 3. Februar 2020 führte Vietnam die Quarantänepflicht für Einreisende aus der chinesischen Provinz Hubei ein. Am 12. März 2020 wurde sie auf alle Einreisenden erweitert. Bald mussten alle Menschen mit Covid-19-ähnlichen Symptomen sowie alle Erstkontakte in zentrale Quarantäneeinrichtungen. Dieses System hat sich als sehr effektiv erwiesen. Seit Beginn des Ausbruchs mussten (Stand: 01/21) insgesamt 10.409.779 Menschen in Quarantäne, 4.447.859 davon in zentralen Einrichtungen.

Kritikwürdig bleibt die Unfreiwilligkeit der Quarantäne. Tausende Menschen wurden zum Aufenthalt gezwungen ─ was gegen sämtliche Freiheitsrechte verstößt. Am 3. April 2020 wurde außerdem die konsequente Isolation Erkrankter verordnet: Mindestdauer 14 Tage und Entlassung erst nach zwei negativen Tests. Alle nachgewiesen Infizierten werden in Krankenhäusern medizinisch überwacht. Zweit- und Drittkontakte dürfen je nach Situation entweder die Quarantäne zu Hause verbringen oder müssen sich in eine Quarantäneeinrichtung begeben.

Offensichtlich ist also in Vietnam alles dafür getan worden, die Kontakte zu reduzieren. Die Grenzen wurden abgeriegelt, Einreisende in Quarantäne-Einrichtungen geschickt, alle Erkrankten isoliert und sämtliche Kontakte (F1, F2, F3 & F4) ermittelt. Dies funktionierte allerdings nur durch die Einschränkung von Freiheitsrechten.

Laut einer Studie unterstützten im April 2020 89% der befragten Vietnames*innen die Kontakt reduzierenden Beschlüsse der Regierung. Wie ist diese hohe gesellschaftliche Akzeptanz der Maßnahmen zu erklären? Ein wichtiger Grund liegt sicherlich im ganzheitlichen Ansatz der Regierung zur Virusbekämpfung, was weitere Verunsicherungen in der Bevölkerung vermied. Außerdem waren die Umsetzung und Kontrolle aller Maßnahmen konsequent. Und schließlich ist entschieden gegen die Nichtbeachtung der Regeln sowie gegen öffentliche Opposition vorgegangen worden. Beispielsweise wurde von massiver Zensur berichtet, insbesondere in den Sozialen Medien. Kritik an Regierungsmaßnahmen konnte als Kritik an der Regierung selbst verstanden werden und somit unter anderem auf Berufung des Dekrets 15 (z.B. Teilen von Informationen, welche dem nationalen Interesse widersprechen) bestraft.

Gesellschaftsbewusstsein und Kollektivismus

Ein weiterer Grund für die gesellschaftliche Akzeptanz in Vietnam kann am stark ausgeprägten gemeinwohlorientierten Denken liegen. An dieses Bewusstsein (vn.: ý thức) wird stets appelliert. In kollektivistischen Gesellschaften sind Menschen eher bereit, ihre individuellen Freiheiten für das Wohl aller zu opfern. China-Korrespondentin Lea Deuber wehrt sich gegen die oft gehörte Behauptung, die asiatische Solidarität beruhe auf einer Art ‚Untertanen-Mentalität’. Vielmehr seien die Maßnahmen einfach nicht so politisiert worden wie hierzulande. Die Menschen fühlten sich durch ihren Staat geschützt. Doch neben Solidarität und Kollektivismus mögen auch bestimmte Ängste eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Dies zeigt sich beispielsweise an dem großen Einfluss eines BBC-Artikels, der am 30. Januar 2020 in den vietnamesischen sozialen Medien verbreitet worden ist. Darin stellte der Tropenmediziner Dr. Hoàng Kim Phúc Ideen vor, die Vietnam beim Umgang mit Covid-19 helfen könnten. Schon der Titel Vietnam braucht ein Quarantänemodell, damit die Gesundheitsversorgung im Falle eines Ausbruchs der Epidemie nicht zusammenbricht wirkt erschreckend, da die Möglichkeit eines Zusammenbruchs des Gesundheitssystems direkt angesprochen wurde. Unter anderem schlug er vor, beim Auftreten eines Ansteckungsfalles die örtlichen Schulen zu schließen und diese aufgrund ihrer guten Luftzirkulation stattdessen als Quarantäne-Einrichtungen zu nutzen.

Die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen in Vietnam ist relativ gering, stattdessen glauben viele Vietnames*innen an Selbstmedikation. Dies liegt unter anderem an einigen bestehenden Problemen in der allgemeinen Gesundheitsversorgung. Gründe hierfür könnten unter anderem die relativ geringen staatlichen Ausgaben für das Gesundheitssystem (9,3 % der vietnamesischen Staatsausgaben) sein.

Das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber dem staatlichen Gesundheitssystem ist groß. Angesichts begrenzter Ressourcen sind sich die Menschen bewusst, dass jede*r Einzelne beim Kampf gegen das Virus einen aktiven Beitrag leisten muss. Die Hanoier*innen wussten um die mangelhafte Ausstattung ihrer Krankenhäuser, über die nur 300 Beatmungsgeräte in der Millionenstadt, welche das medizinische Personal bei einem größeren Covid-19-Ausbruch vor enorme Schwierigkeiten (inklusive Priorisierungs-Entscheidungen) stellen würde.

Angst und Kontrolle

Neben der Angst vor Ansteckung und Erkrankung riskiert man in Vietnam, beim Auftreten von Covid-19-Symptomen gemeldet zu werden. Aufrufe zur Denunziation seien augenfälliger Teil des Kampfs gegen die Verbreitung des Virus, berichtet der Soziologe Lê Trọng Phương (Persönliches Gespräch, 14.9.2020). Im Bewusstsein der Überwachung durch die Sicherheitsorgane ist die Bevölkerung zur Vorsicht angehalten. Durch den Kollektivismus, der die Zurückstellung eigener Bedürfnisse zum Wohle der Gemeinschaft fordert, kann eine Ansteckung für ein Individuum zu öffentlicher Anprangerung führen. Manche an Covid-19 Erkrankten wurden sogar derart gestalkt, dass sie sich öffentlich entschuldigten mussten.

Nicht nur der Solidaritätsgedanke trug zur gesellschaftlichen Akzeptanz der politischen Maßnahmen bei, sondern auch die diversen Ängste der Menschen: vor Ansteckung, vor Krankenhausaufenthalt, vor öffentlicher Anprangerung, vor Repressionen (z.B. die Bestrafung von Social-Media-Posts zu Covid-19), vor Überwachung oder dem Aufenthalt in einer Quarantäne-Einrichtung.

Fazit & Ausblick

Einige Asienwissenschaftler sehen Europas Umgang mit Covid-19 als gescheitert an, unter anderem aufgrund eines „Habitus der Überlegenheit“ gegenüber asiatischen Ländern, die kompetentes Krisenmanagement bewiesen. Deshalb liege Europas einzige Hoffnung nun in der raschen Impfung der Bevölkerung. Vietnam hingegen hat dank seines kompetenten Krisenmanagements einen relativ glimpflichen Verlauf der Covid-19-Pandemie erfahren. Die Gründe hierfür sind seine Pandemieerfahrung (die SARS-Pandemie 2003, die H5N1-Vogelgrippe 2004 und die H1N1-Schweinegrippe 2009) insbesondere in den Krankenhäusern, die verhältnismäßig junge Bevölkerung sowie die frühe Hospitalisierung Erkrankter.

Aufgrund der geografischen Nähe zu China ergriff Vietnam außerdem bereits Abwehrmaßnahmen, als man sich hierzulande noch in sicherer Entfernung wog. Gleichwohl haben einige der durchgesetzten Maßnahmen stark in die Menschenrechte eingegriffen. Unklar bleibt, wie lange Vietnam seine Grenzen geschlossen halten kann. Was wird passieren, wenn Vietnam wieder seine Grenzen für den Tourismus öffnet? Daher ist man auch hier bestrebt, die Bevölkerung zu impfen, weshalb an einem eigenen Impfstoff geforscht wurde. Die Regierung bestellte zudem im Januar 2021 30 Millionen Impfstoffdosen von AstraZeneca. Interessant wird außerdem sein, ob die vietnamesische Regierung eine Impfpflicht einführen wird. Solch eine Impfpflicht gibt es bereits für zehn Krankheiten wie Hepatitis B oder Diphterie.

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Laos: Die Pandemie hat Auswirkungen auf alle Laot*innen, doch sie betrifft den Alltag verschiedener Personengruppen auf unterschiedliche Weise. Dieser Beitrag lässt Hotelmanager, Arbeitsmigrantinnen und Bauern selbst zu Wort kommen.

Bereits seit Mitte Dezember 2019 machte Covid-19 die Runde in laotischen Medien und sozialen Netzwerken. Anfang Februar 2020 beschlossen der stellvertretende Premierminister und der Finanzminister die Einrichtung eines Sekretariats zur Prävention und Bekämpfung von Covid-19. Auf dieser Basis wurde Ende März 2020 ein nationaler Lockdown verhängt, der später schrittweise wieder aufgehoben wurde. Zugleich richtete die Regierung eine Informationswebsite ein. Laut dieser Seite gab es am 27. Januar 2021 (zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Beitrags) nur 45 Fälle von Ansteckungen, über 40 Genesene, keinen Todesfall.

Trotz dieser niedrigen Zahlen hat die Pandemie Auswirkungen im gesamten Land. Doch sie betrifft den Alltag verschiedener Personengruppen auf ganz unterschiedliche Weise. In diesem Beitrag kommen in kurzen Ausschnitten Vertreter*innen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen aus der Hauptstadt Vientiane sowie der gleichnamigen Provinz zu Wort: Hotelmanager in Vang Vieng, in Thailand arbeitende Arbeitsmigrantinnen und Landwirte aus dem ländlichen wie städtischen Umfeld. Sie berichten von ihrem Umgang mit der Pandemie. Die Gespräche wurden Ende Januar 2021 geführt.

Sichtweisen auf die Pandemie

Obwohl Covid-19 alle trifft, so trifft es doch alle unterschiedlich. Wie die folgenden Interviewausschnitte zeigen, sind die Auswirkungen der Pandemie komplex. Zwar verlaufen sie entlang sozio-ökonomischer Strukturen, dennoch scheint eine simple Einteilung in ‚Gewinner’ und ‚Verlierer’ nur schwer möglich.

Hotelmanager

Zu den Gruppen mit höherem Einkommen – zumal im Verhältnis zu den anderen Gruppen in diesem Beitrag – zählen Hotelmanager. Der Manager eines Hotels im Touristen-Hotspot Vang Vieng berichtet: „Wir, die Hotelvereinigung von Vang Vieng, sind sehr beunruhigt über die Auswirkungen von Covid-19. Normalerweise ist zwischen Ende Dezember und Anfang Januar die ‚Goldene Saison‘ für die Hotels im Land.“

Und der Manager eines anderen, sehr populären Hotels im Ort erklärt: „In unserem Hotel sind die Räume leer und der Pool ist still und verstaubt. In der Hotelvereinigung in Vang Vieng machen sich alle gegenseitig Mut, denn viele Mitglieder haben Schulden bei der Bank und sind deshalb sehr besorgt. Mein Hotel ist eines der beliebtesten in Vang Vieng, wir haben normalerweise zwanzig dauerhaft Angestellte. Vor Covid-19 hatten wir Tausende Buchungen, damit konnte ich sie bezahlen. Doch während Covid-19 sank die Zahl der Buchungen so stark, dass ich die Entscheidung treffen musste, Menschen zu entlassen. Und zwar zwei Drittel der Belegschaft, ohne jegliche Unterstützung. Die sind natürlich sehr unglücklich über meine Entscheidung. Doch selbstverständlich werden sie nach Covid-19 wieder eingestellt.“

Den derzeitigen Arbeitsalltag beschreibt der Manager so: “Normalerweise muss ich Anzug und Krawatte tragen, aber gerade bin ich Manager und Reinigungskraft in einem. Mir geht es momentan nicht viel besser als den anderen Angestellten. Gewöhnlich verdiene ich mehr Geld als Regierungspersonal oder die Angestellten in unserem Hotel, aber auch mein Einkommen hängt vom Einkommen des Hotels ab. Derzeit erhalte ich nur ein Viertel meines vorherigen Einkommens. Ich arbeite hier seit zehn Jahren und dachte bisher nie, dass diese Arbeit unsicher sein könnte. Doch jetzt müssen der Besitzer und ich Angestellte entlassen, um das Überleben des Hotels zu sichern. Ich habe da noch Glück, dass ich mit einer Frau aus Vang Vieng verheiratet bin und wir daher etwas Land hier haben, auf dem wir Geflügel halten und Gemüse für uns selbst anbauen können. Für unsere Angestellten, die kein Land haben, sieht es da schwieriger aus.”

Arbeitsmigrantinnen

Weitaus schlechter als der Manager haben es die Arbeitsmigrantinnen, die in Thailand arbeiten und nun aufgrund der Pandemie zurückgekehrt sind. Eine von ihnen sagte: “Wir sind aus Thailand zurückgekehrt, da es in den Textilfabriken, in denen wir sonst arbeiten, keine Arbeit mehr gibt. Wir arbeiten dort schon seit fünf Jahren. Nach unserer Quarantäne in einem Militärcamp östlich der Hauptstadt Vientiane gingen wir zurück aufs Dorf zu unseren Familien. Aber bei unserer Ankunft zu Hause hatten viele Menschen Angst, da Anfang März 2020 die meisten Ansteckungsfälle aus dem Ausland kamen. So mussten wir für weitere vierzehn Tage in unseren Häusern bleiben, bevor uns die Bewohner*innen wieder akzeptiert haben und wir von ihnen aufgenommen wurden.“

Eine andere Textilarbeiterin ergänzt: „Nun sind wir zurück bei unseren Familien, aber ohne Job. Wir arbeiten in Thailand ja in Fabriken, in denen es keine wirkliche Ausbildung gibt. So kommen wir hierher zurück, aufs Land, ohne besondere Fähigkeiten. Und so wissen wir nicht, wie wir uns über Wasser halten sollen. Wir helfen zwar unseren Eltern beim Hühnerhalten und beim Gemüseanbau. Aber unsere Familie hängt normalerweise von unseren Rücküberweisungen ab, die zum Beispiel unseren Geschwistern die Realschule finanzieren. Aber Hühner und Gemüse können eben kein finanzielles Einkommen ersetzen.”

Gemüsebauern

Für einen Gemüsebauern aus der Stadt stellt sich der Alltag unter Covid-19 wie folgt dar: “Ich bin aus Hadxaifong direkt am Mekong. Dort baue ich auf einem Hektar verschiedene Gemüsesorten an, von Frühlingszwiebeln und Salat über Gurken bis hin zu Auberginen und Chili. Der Beginn der Pandemie war für mich eine ‚goldene Zeit’, weil ich die gesamte Ernte an lokale Händler verkaufen konnte, die sie auch gleich direkt bei mir und anderen im Dorf abholten, da die Leute Nahrung zu Hause horteten. Doch nach dem Lockdown wurde es schwierig für uns, unsere Produkte zu verkaufen aufgrund der geringen Nachfrage. Ich denke, es gibt dafür drei Gründe: Erstens die geringeren Einkünfte bei unseren Kunden, und dass viele sich nicht wie sonst trauen, auf den Markt zu gehen. Es gibt auch keine Feste wie Hochzeiten, Neujahr oder das Raketenfestival, die große Mengen an Gemüse benötigen würden. Zweitens können die Menschen in Vientiane auch selber Gemüse anbauen, wenn sie von zu Hause arbeiten. Drittens leben in Vientiane viele, die aus dem ganzen Land zum Studieren oder Arbeiten gekommen sind. Wenn alles hier dicht macht, gehen viele von denen zurück in ihre Heimat. Das alles hat Auswirkungen auf mich als Gemüsebauer.“

Die Erfahrung eines ländlichen Gemüsebauers sieht ganz anders aus: “Meine Familie baut Gemüse zum Verkauf auf Märkten in der Hauptstadt und im Umland an, vor allem Kohl, Chinakohl und Zwiebeln. Normalerweise läuft der Verkauf über Mittelsmänner. Doch obwohl Händler reisen dürfen, finden sie keine Zeit mehr, Gemüse in die Stadt zu bringen. Weil viele Menschen aus Vientiane zurück in mein Dorf gekommen sind, werden wir Bauern dank der großen Nachfrage unseren gesamten Ertrag in unseren Dörfern los. Manchmal kommen Käufer direkt zu mir und ernten ihre Ware selbst. Was wir aber nicht tun dürfen, ist, die Preise zu erhöhen, da alle hier für ihren eigenen Konsum kaufen, nicht um Profit zu machen.“

Folgen der Pandemie

Diese Äußerungen verschiedener Personengruppen geben nicht nur Einblick in die alltäglichen Erfahrungen mit der Pandemie. Es zeigt sich auch, dass die Auswirkungen zwar entlang sozialer Unterschiede verlaufen, es aber dennoch schwierig ist, eindeutige Gewinner oder Verlierer dieser Krise auszumachen. Dennoch sind von den hier vorgestellten Personengruppen die Arbeitsmigrantinnen sicherlich am stärksten betroffen. Ihre Einkommen sind wichtig für das Vorankommen von Familienmitgliedern in Sachen Bildung – DEM Schlüssel zu sozialem Aufstieg und besseren Aussichten in der modernen laotischen Gesellschaft. Nun, da die Fabriken in Thailand geschlossen und sie zur Familie zurückgekehrt sind, fehlen ihnen aufgrund ihrer eigenen mangelnden Ausbildung die Mittel, um die Familie mit mehr zu unterstützen als ‚bloß’ durch Mithilfe in der Subsistenzwirtschaft.

Auch wenn er selbst seinen Job behalten konnte, musste der Hotelmanager mit der Kündigung seiner Mitarbeiter eine schwere und ihn belastende Entscheidung treffen. Auch sein Gehalt ist erheblich geschrumpft und bleibt abhängig vom Überleben des Unternehmens, welches wiederum über Kredite finanziert ist, deren Rückzahlung nun infrage zu stehen droht.

Bei den städtischen und ländlichen Gemüsebauern zeigte sich eine interessante Umkehr der Verhältnisse mit der pandemiebedingten Abwanderung zugezogener Vientianer in ihre Heimatdörfer. Bemerkenswert ist, dass bei allen Befragten das Thema der Subsistenzwirtschaft aufkommt – als eine altbewährte Strategie der Absicherung in unsicheren Zeiten. Was in diesem Zusammenhang die eindeutige Einteilung in Gewinner und Verlierer ebenfalls verkompliziert, ist das Zusammenrücken der Familien und die gegenseitige Hilfe innerhalb der erweiterten Verwandtschaft im Rahmen solch hergebrachter Absicherungsstrategien.

Die Interviews wurden vom Autor auf Lao geführt und ins Englische übersetzt.

Übersetzung aus dem Englischen von: Michael Kleinod.

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Philippinen: Die Corona-Pandemie wird auf den Philippinen hauptsächlich mit Einschüchterung und Waffengewalt ‚bekämpft’. Die Arte-Reportage „Dutertes Methoden im Schatten des Virus“ gibt einen Überblick.

„I will not hesitate to order my soldiers to shoot you” – Das ist der erste Satz, mit dem Rodrigo Duterte, seit 2016 Präsident der Philippinen, in der Reportage auftritt. Dieser eine Satz fasst gut zusammen, worauf die philippinische Regierung bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie ihren Fokus richtet. Statt einer solidarischen Strategie, die sich an den Lebensrealitäten von Millionen Menschen im Inselstaat orientiert, werden militärische Gewalt und polizeiliche Patrouillen in einem der längsten Lockdowns der Welt durchgeführt. Diese sollen die Einhaltung der nächtlichen Ausgangssperre überprüfen, bei der Personen unter 21 und über 60 Jahren nicht das Haus verlassen dürfen. Während der Sperrstunde ist es nur Menschen, die einer Lohnarbeit nachgehen, gestattet, sich draußen aufzuhalten. Dass diese Regelungen für viele Menschen schlichtweg nicht einzuhalten sind, ist dabei Nebensache.

Grundsätzlich hat das Wohl der Bevölkerung keine Priorität – die Pandemie forderte bislang über 7.000 Menschenleben, das Gesundheitssystem kam an seine Grenzen. Die Maßnahmen brachten vor allem einen Einbruch der Wirtschaft mit sich, Millionen von Menschen wurden arbeitslos und gleichzeitig werden Kritiker*innen und politische Gegner*innen verstärkt verfolgt, eingeschüchtert und ermordet.

Menschen an der Belastungsgrenze

Das medizinische Personal, das wie in anderen Ländern an der Belastungsgrenze arbeitet (vgl. Artikel Pflegekräfte in der Corona-Pandemie auf suedostasien.net), sieht sich dabei mit Schmähkampagnen und Drohungen konfrontiert. Dank für medizinisches Personal sei unnötig, so die Argumentation, da dieses für ihre Arbeit schließlich bezahlt würde und also ihren Job machte. Diese Aussagen zeigen den Diskurs, bei dem sich die Kritik der Lohnarbeitenden häufig nur gegeneinander richtet und selten ‚nach oben’ zielt – gegen die besitzende Klasse und die Regierung, die diese Klasse schützt.

Die Reportage folgt außerdem einem Priester, der in Caloocan, einem Stadtteil Manilas, bei Sterbefällen Trost spendet. Denn nicht nur Corona-Tote hat das Land zu beklagen. Auch Menschen, die in Krankenhäusern aufgrund der fehlenden Kapazitäten abgewiesen werden, sterben.

„Bald wird dies die Pandemie des Hungers sein“

Darüber hinaus verteilt der engagierte Priester Essenspakete an Menschen, die auf der Straße leben. Die Zahl der hungernden und obdachlosen Menschen steigt stetig. Die Pandemie hat die Armut extrem verschärft, etwa 27 Millionen Menschen sind auf den Philippinen mittlerweile arbeitslos. Zusätzlich steige die Zahl der psychischen Erkrankungen und Suizidversuche aufgrund der scheinbar ausweglosen Situation, der fehlenden Unterstützung durch die Regierung und der steten Angst vor dem Virus, so der Priester.

Aber auch Widerstand regt sich. Um dies zu zeigen, begleitet die Reportage Mitglieder der selbstorganisierten Gruppe Piston. In ihr haben sich Fahrer*innen der typischen philippinischen Kleinbusse, der genannten Jeepneys, organisiert.

Da die Regierung wegen der Corona-Pandemie die Jeepneys mit ihren bis zu 14 Sitzplätzen verboten hat, haben tausende Jeepney-Fahrer*innen auf unbestimmte Zeit ihren Job verloren. Seit sechs Monaten harren sie nun aus, ohne Einnahmen, ohne finanzielle Unterstützung durch die Regierung und ohne Rücklagen, die sie bei ihrem ohnehin geringen Einkommen nicht haben können. In der Reportage kommen einige von ihnen zu Wort. Um zu überleben, bitten sie Freund*innen um Lebensmittel, betteln an den nur noch von Privatautos befahrenen Straßen, schlafen und leben in ihren ungenutzten Jeepneys. Auch an diesem Verbot sieht man einmal mehr, dass die Regelungen zur Pandemie Menschen unterschiedlich hart treffen. Wer sich ein Privatauto leisten kann, ist weiterhin mobil, wer öffentliche Transportmittel bedient oder nutzt, hat es mit existenziellen Problemen zu tun – und wird damit allein gelassen.

„Duterte ist ein faschistischer Diktator“

Daher organisieren sich die Jeepney-Fahrer*innen in der Gruppe Piston. Sie mobilisieren und demonstrieren gegen die Maßnahmen der Regierung, fordern Gerechtigkeit und die Absetzung Dutertes. „Duterte tuta diktador pasista“, „Duterte ist ein faschistischer Diktator“, steht auf einem der Protestschilder, die sie hochhalten. Aber Widerstand wird in den Philippinen nicht gern gesehen – statt Hilfsleistungen zu erhalten wurden sechs Demonstrierende aufgrund angeblicher Missachtung der Abstandsregeln festgenommen und berichten in der Reportage nach ihrer Freilassung, dass sie während der sechstägigen Haft gefoltert worden seien. Darüber hinaus seien sie in der Haft mit weiteren Insassen zusammengepfercht gewesen – Abstandsregeln und Infektionsschutz habe es in den Gefängnissen nicht gegeben.

Dieser Umgang mit kritischen Stimmen ist nicht neu: 185 Aktivist*innen wurden bereits während der Amtszeit Dutertes ermordet. Diese Morde kommen zu den tausenden Toten hinzu, die der sogenannte Krieg gegen die Drogen bisher verursacht hat. Auch hier gilt, dass Gesundheitsfragen mit Einschüchterung, Gewalt und Mord beantwortet werden. Was momentan selten erwähnt wird, ist die Tatsache, dass diese Morde weiterhin passieren, auch wenn die Pandemie derzeit alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Die Pandemie bietet der Regierung zudem die Gelegenheit, Massenveranstaltungen wie zum Beispiel die Demonstration von Piston zu verbieten – unter dem Vorwand des Infektionsschutzes. Dabei sind diese Protestaktionen wichtiger denn je. Auch Generalsekretärin der Menschenrechtsorganisation Karapatan, Christina Palabay, kommt in der Reportage zu Wort. Sie berichtet von Einschüchterungsversuchen und Drohungen von Seiten des Militärs und der Polizei. Eine ihrer Freundinnen, die Aktivistin Zara Alvarez, wurde im August 2020 erschossen, nachdem sie zahlreiche Morddrohungen aufgrund ihrer politischen Tätigkeiten erhalten hatte.

Die ARTE-Reportage bietet einen guten ersten Überblick über die derzeitige Situation in den Philippinen und kann vor allem für Menschen, die sich noch nicht intensiv mit dem Inselstaat auseinandergesetzt haben, eine hilfreiche Orientierung bieten. Verschiedene Akteur*innen berichten aus unterschiedlichen Perspektiven über die Pandemie. Das Gesamtbild der Situation in den Philippinen ist erschreckend. Zugleich ist es eine Zuspitzung der langjährigen autoritären und faschistischen Politik Dutertes und seiner Verbündeten. Die Corona-Pandemie ermöglicht es ihnen, unter dem Vorwand des Infektionsschutzes die Rechte der Bevölkerung weiter zu beschneiden, sie in Kriminalität zu zwingen, ihnen die Lebensgrundlage zu entziehen und linke Aktivist*innen zu verfolgen und zu ermorden. Während die Reichen weiterhin Partys feiern und in Privatautos durch Manila fahren, werden die Armen gegängelt, ihrer Perspektiven und Lebensgrundlagen beraubt. Solange das kapitalistische und faschistische System in den Philippinen aufrechterhalten wird, wird auch das Virus einen Schaden anrichten, der dem Schaden, den die herrschende Klasse und die philippinische Regierung verursacht, in nichts nachstehen wird.

Rezension zu: Dutertes Methoden im Schatten des Virus, ARTE-Reportage, 24 Minuten, 2020

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2021 – Corona – Ein Jahr später, und immer noch mittendrin und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2021, Laos,
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An der Grenze bleibt der Schlagbaum unten

Laos: Die Covid-19-Krise gefährdet die Lebensgrundlagen von Wanderarbeiter*innen in ganz Südostasien. Fast jede*r zehnte laotische Arbeiter*in ist zugleich Migrant*in, die meisten in Thailand. Basierend auf Interviews beleuchtet dieser Artikel deren Situation und die Rolle von Hilfsprogrammen.

Während Laos zu den Ländern mit den wenigsten registrierten Covid-19-Infektionen weltweit gehört (Stand Januar 2021), steht die Bevölkerung aufgrund der Pandemie dennoch vor erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen. Laotische Wanderarbeiter*innen sind von dieser beispiellosen Krise besonders betroffen. Da sie zumeist in der informellen Wirtschaft arbeiten, das heißt ohne durch ausreichende formelle Vereinbarungen abgesichert zu sein, verlieren sie mit größerer Wahrscheinlichkeit ihre Lebensgrundlagen. Zudem sind Frauen oft zusätzlichen und sich überschneidenden Benachteiligungen ausgesetzt. Dies geschieht aufgrund von Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern sowie sozialer Diskriminierung und Stigmatisierungen, die in ihren Haushalten, Gemeinschaften und der Gesellschaft verwurzelt sind.

Von Migrant*innen zu Rückkehrer*innen

Die laotische Regierung führte von Ende März bis Anfang Juni 2020 einen Covid-19-Lockdown durch. Auch danach blieb der Personenverkehr über die Landesgrenzen weiterhin eingeschränkt. Fast jede*r zehnte laotische Arbeiter*in ist zugleich auch Migrant*in, die meisten in Thailand. Für den Zeitraum zwischen März und Juni 2020 schätzte die Regierung, dass rund 80.000 laotische Wanderarbeiter*innen aus Thailand zurückkehrten. Bis September 2020 wurden insgesamt mehr als 200.000 Rückkehrer*innen gemeldet.

Zwischen Ende September und Anfang November 2020 führte ein Konsortium unter der Führung von Oxfam im Rahmen einer größeren Umfrage unter ländlichen Gemeinden in neun Provinzen quantitative Interviews mit 405 Wanderarbeiterinnen in der informellen Wirtschaft durch. Die meisten der Befragten waren zwischen 18 und 35 Jahre alt (82%) und hatten die Sekundarschule nicht abgeschlossen (86%). Alle stammten entweder aus einem ländlichen Dorf (83%) oder einer ländlichen Distriktstadt (17%), hatten aber vor dem Lockdown in Thailand gelebt. Diese demografischen Daten spiegeln die Ergebnisse anderer aktueller Umfragen wider, in denen laotische Wanderarbeiter*innen als überwiegend jung, gering qualifiziert und aus ländlichen Gebieten stammend identifiziert wurden.

Lebensgrundlagen, familiäre Bindungen und Sicherheit während der Krise

In den Monaten vor März 2020 waren die meisten der befragten Frauen Arbeitnehmerinnen in Unternehmen (54%), Angestellte in Privathaushalten (13%) oder selbstständige Arbeiterinnen (12%). Zwei Drittel hatten im Dienstleistungssektor in Thailand gearbeitet (zum Beispiel Tourismus, Gastgewerbe und Hausarbeit), wo die Wirtschaftstätigkeit aufgrund der Krise stärker zurückging als in der Industrie oder in der Landwirtschaft. Nach ihrer Rückreise von Thailand nach Laos während des Lockdowns blieben die meisten der Frauen in ihrem Herkunftshaushalt (71%) sowie bei Verwandten oder Freunden (13%).

Bis September 2020 waren die Anteile der oben genannten Arbeiterinnen gesunken (auf 7%, 3% und 2%), während der Anteil der Frauen ohne bezahlte Arbeit gestiegen war (von 3% auf 53%). Betrachtet man die Befragten als eine Gruppe, so sank ihr durchschnittliches monatliches Einkommen deutlich von 260 auf 50 US-Dollar (oder um etwa 80%). Gleichzeitig stellte in vielen Fällen ihre Arbeit eine Haupteinnahmequelle für ihre Haushalte in Laos dar (zum Beispiel durch Geldüberweisungen von Thailand).

Ähnlich wie der Anteil der Frauen ohne Arbeitsplatz war auch der Anteil der beitragenden Familienarbeiter unter den befragten Frauen gestiegen (von 3% auf 21%), also derjenigen, die ihre Familien in der Subsistenz-orientierten Kleinbauernwirtschaft unterstützen. Darüber hinaus gaben rund zwei Drittel der Befragten an, dass sie sich um die meisten – unbezahlten –Hausarbeiten kümmern und dass der Lockdown insbesondere für sie den Umfang dieser Art von Arbeit erhöht hat. Daher scheint es, dass die oft diskutierte Doppelbelastung durch Lohnarbeit und Haushalt von Frauen durch Covid-19 für viele der Rückkehrerinnen noch verschärft wurde.

Ein Drittel der befragten Frauen gab an, während des Lockdowns Situationen erlebt zu haben, in denen sie sich diskriminiert oder stigmatisiert fühlten. Diese Frauen erwähnten meistens Gemeindemitglieder (88%) und Familienmitglieder oder Verwandte (31%) als verantwortlich. Fälle von physischer und psychischer Gewalt gegen Frauen sind nach Angaben der Frauen mit verschiedenen Problemen verbunden, zum Beispiel, dass sie als Migrantinnen zurückkehren, sie kein Geld für ihre Familien mehr senden können oder dass sie sich – zurück an ihrem Herkunftsort – öfter in unmittelbarer Nähe von Tätern befinden. Ein Drittel der Befragten gab außerdem an, sich während ihrer Rückreise mindestens einmal unsicher gefühlt zu haben – eine weit verbreitete Erfahrung für südostasiatische Wanderarbeiterinnen.

Krisenbewältigung und Zukunftsaussichten

Rund die Hälfte der Befragten gab an, dass sie und ihre Haushalte versuchen, während des Lockdowns weniger Geld auszugeben. Rund zwei Drittel berichteten, dass sie und ihre Haushalte sich zunehmend auf Selbstversorgung verlassen – mittels Landwirtschaft, Jagen und Sammeln. Es scheint, dass viele der Frauen in der Lage waren, den Mangel an finanziellen Ressourcen ihrer Haushalte zumindest teilweise durch diese Subsistenz-Aktivitäten zu kompensieren. Ein Drittel der Befragten gab jedoch an, dass sie während des Lockdowns durchschnittlich vier Tage lang keine Lebensmittel mehr in ihren Haushalten hatten, was sie hauptsächlich auf Geldmangel zurückzuführten.

Zwei Drittel der befragten Frauen waren zuversichtlich, dass ihre Haushalte mit der aktuellen Situation fertig werden könnten, während ein Drittel entweder nicht zuversichtlich oder nicht sicher war. Jedoch waren fast alle Frauen (98%) besorgt, nicht genügend Einkommen verdienen zu können, falls eine Krise wie die Covid-19-Pandemie erneut auftritt. Diese Antworten bestätigen die Annahme dass laotische Wanderarbeiter*innen die negativen Auswirkungen einer anhaltenden Krise wahrscheinlich nur schwer bewältigen können.

Nur etwa die Hälfte der Befragten wusste, wo sie Hilfe suchen sollten, wenn ein Freund oder Nachbar von Gewalt betroffen sein sollte. Dies ist wahrscheinlich auf ihre geringe Vertrautheit mit sozialen Diensten, die unzureichende Bewusstseinsbildung der Anbieter*innen und die geringe Verfügbarkeit der Dienste zurückzuführen. Vor dem Hintergrund, dass die Krise die Fälle von physischer und psychischer Gewalt verschärft, ist dies alarmierend.

Hätten sie die Wahl zwischen einer erneuten Migration nach Thailand oder einem Aufenthalt in Laos würde sich etwa die Hälfte der befragten Frauen erneut für Thailand entscheiden, während die anderen Laos bevorzugten (26%) oder unentschlossen waren (19%). Obwohl dies darauf hinweisen könnte, dass sowohl die Arbeit in Thailand sowie die Geldüberweisungen an ihre Familien in Laos für die Mehrheit der Frauen weiterhin von großer Bedeutung sind, kann die Krise grundlegende Veränderungen in ihrer Selbstwahrnehmung als Migrantinnen hervorrufen – gerade in Bezug auf ihre Herausforderungen und Chancen – und somit ihre Aussichten auf künftige Lebensgrundlagen neu konfigurieren.

Auf der Suche nach Sicherheitsnetzen

Fast alle befragten Frauen gaben an, weder für eine Arbeitslosenversicherung (95%) noch für eine Krankenversicherung (96%) registriert zu sein. Die übrigen Frauen wussten nicht, ob sie registriert sind oder nicht. Es ist also anzunehmen, dass wahrscheinlich keine der Befragten eine formelle Versicherung besitzt. Die laotische Regierung hat in den letzten Jahren begonnen, sich auf verschiedene Aspekte des sozialen Schutzes von Migrant*innen zu konzentrieren, vor allem auf gezielte Informationsdienste für potentielle Migrant*innen und koordinierte Unterstützung und Verwaltung von Migrant*innen im Ausland. Zudem wurde ein freiwilliges Beitragssystem für informelle Arbeiter*innen eingeführt, die im Jahr 2017 83% der Erwerbsbevölkerung ausmachten. Bisher hat sich jedoch nur eine Minderheit für dieses System registriert. Ein Grund hierfür scheint vor allem die noch immer sehr starke Orientierung der laotischen Bevölkerung an familiären Sicherheitsnetzen zu sein. Zudem scheint die Regierung das freiwillige Beitragssystem noch nicht breit genug in der Bevölkerung zu bewerben.

Hilfsprogramme in Form von kostenloser Gesundheitsversorgung (92%) und Geldtransfers (90%) wurden von fast allen Befragten als am besten geeignet für ihre Unterstützungsbedürfnisse während der Krise identifiziert. Dies scheint zu bestätigen, dass sich der Unterstützungsbedarf der Frauen auf ihre finanziellen Engpässe konzentriert. Viele von ihnen bewerteten jedoch auch gezielte Unterstützungsdienste für Migrant*innen (82%) und Frauen (80%) als wichtig. Darunter fallen die zuvor genannten Aspekte des sozialen Schutzes von Migrant*innen – einschließlich der Migrant Resource Centers, die bereits in mehreren Provinzen von der laotischen Regierung etabliert wurden, um Informations- und Beratungsdienste bereitzustellen.

Solidarität statt Wohltätigkeit

Die laotische Regierung zeigt sich ambitioniert, die ASEAN Declaration on Strengthening Social Protection in Laos umzusetzen, die eine gezielte und umfassende Unterstützung für Migranten*innen, informelle Arbeiter*innen sowie Frauen im Allgemeinen umfasst. Zu den Zielen der National Social Protection Strategy der Regierung für 2025 gehört eine universelle Krankenversicherung, die nicht nur alle informellen Arbeiter*innen, sondern auch alle Migrant*innen umfasst.

Wichtig ist dabei, sich auf Sozialhilfe (also beitragsunabhängig) und nicht auf Sozialversicherung (beitragsabhängig) zu konzentrieren, was die laotische Regierung und einige ihrer Entwicklungspartner (vor allem die Vereinten Nationen) bereits vor der Pandemie planten und nun weiter ausbauen. Dazu gehört auch Oxfams Social Protection Programm in Laos, das auf der Vorstellung basiert, dass es bei Sozialschutz nicht um Wohltätigkeit für bedürftige Menschen geht, sondern um Solidarität innerhalb der ganzen Gesellschaft.

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1 | 2021, Laos,
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An der Grenze bleibt der Schlagbaum unten

Europa/Asien – Die Covid-19-Pandemie verursacht eine globale gesundheitliche, soziale und ökonomische Krise und zugleich enorme Konfusion und Ratlosigkeit. Das Buch „Corona, Krise, Kapital“ von Verena Kreilinger, Winfried Wolf und Christian Zeller ist lesenswert. Denn es verbindet eine solide Analyse der Pandemie mit einer klaren Perspektive, wie eine solidarische Antwort darauf aussehen könnte.

Die Politik der Bundesregierung angesichts der Pandemie ist eine Bankrotterklärung. Hier ist das Buch Corona, Krise, Kapital unmissverständlich. Nach einem Jahr währenden ‚Jojo-Lockdown’ ist dieser Bankrott offensichtlich geworden. Die Große Koalition hat nicht nur fast drei Millionen Infizierte, viele davon mit Langzeitfolgen, und über 75,000 Tote in Deutschland zu verantworten, sondern auch immense soziale und psychische Schäden, die durch ihre halbherzige Politik angerichtet werden. Die These des Buches, die die Autor*innen systematisch nachweisen, ist, dass die deutsche Regierung (und natürlich auch viele andere in Europa und der restlichen Welt) die Profit- und Akkumulationsinteressen des Kapitals über die Gesundheit und das soziale Wohlergehen der Bevölkerung stellen.

Um es kurz zu sagen: man kann eine Pandemie nicht wirksam eindämmen, wenn Kontaktbeschränkungen auf individualisiertes Verhalten in der Freizeit fokussiert werden, aber jeden Tag Millionen von Menschen in Fabriken, Supermärkten und Großraumbüros arbeiten müssen. Von Anfang an hat diese Regierung daher nicht das Ziel verfolgt, den Virus auszulöschen, sondern nur die Ausbreitung zu verlangsamen („flatten the curve“), damit deutsche Unternehmen weiterproduzieren können.

Der Provinzialismus des Westens

SARS, MERS-CoV, Ebola – es gab in den letzten Jahren etliche Virenseuchen, die Warnsignale abgegeben haben. 2012 gab die Bundesregierung die vom Robert-Koch-Institut mitverfasste Studie Pandemie durch Virus Modi-SARS in Auftrag. Die Analyse, wenn man sie im Vergleich zur heutigen Pandemie lese, sei „im hohen Maß wirklichkeitsnah“, nur mit dem Unterschied, dass der angenommene Virus tödlicher sei. Im Planspiel sterben 7.5 Millionen Menschen. Man hatte daher genug Zeit, sich auf diese Pandemie vorzubereiten, doch „alle Warnungen wurden in den Wind geschlagen“. Stattdessen seien seit der Studie „120 Kliniken geschlossen und mehr als 10,000 Krankenbetten abgebaut“ worden, wird in Corona, Krise, Kapital festgestellt.

Die Autor*innen schreiben, dass man „eine Epidemie des 21. Jahrhunderts“ am besten mit „Maßnahmen des 19. Jahrhunderts bekämpft“. Laut WHO müsse man „die Kontaktpersonen ausfindig machen, alle Kontakte nachvollziehen“, um sie dann zu isolieren. Genau dies hat die chinesische Regierung nach dem Ausbruch in Wuhan getan. Die Stadt und die Provinz wurden abgeschottet, keiner durfte rein oder raus. Alle Menschen mussten zu Hause bleiben, auch die Büros und Fabriken wurden geschlossen, der individuelle Autoverkehr und öffentliche Verkehrsmittel eingestellt. Es halfen auch viele Freiwillige mit, um die Menschen systematisch zu testen. Mit Hilfe von zehntausenden von Ärzten und Helferteams wurden überall „Quarantäneeinrichtungen in Messehallen, Sportstätten“ und Krankenhäusern eingerichtet, um auch „Kontakte der Infizierten aufzuspüren und unter Quarantäne zu stellen und somit die Übertragungsketten einzudämmen“. Mit Erfolg. Nach wenigen Monaten war der Virus in China praktisch ausgestorben, das Leben geht schon längst ‚normal‘ weiter.

Kaum auszumalen, wenn China den Virus so hätte grassieren lassen, wie Europa. Allerdings wird im Buch auch die Intransparenz und Informationspolitik der chinesischen Regierung kritisiert: anstatt sofort die WHO zu informieren und Flüge aus der Region zu unterbinden, habe man zunächst geschwiegen, um die Exportgeschäfte nicht zu gefährden. Damit seien wertvolle Tage und Wochen verloren gegangen. Dass man aber trotzdem entschlossen auf die Gefahr reagieren konnte, zeigt Südostasien, das zum Beispiel Auslandsflüge schnell unterband. Der Westen hingegen blieb in neoliberalen Dogmen verhaftet. Ein solches rigoroses Eingreifen wie im ‚autoritären Asien‘ wäre mit ‚unserer freiheitlichen‘ Ordnung nicht zu machen, so eine häufig gehörte Argumentation.

Eine neoliberal gemachte Katastrophe

Eine Stärke des Buches ist seine globale und ganzheitliche Perspektive. Die Pandemie ist in seiner Analyse ein Resultat der kapitalistischen, globalisierten Produktionsweise einerseits. Andererseits verstärkt sie die enormen sozialen Ungleichheiten und Verwerfungen des Neoliberalismus. Covid-19 wird zugleich als Ergebnis und Beschleuniger einer dreifachen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Krise analysiert.

Die Autor*innen verorten die Ursachen dieser sowie vieler vorangegangener und künftig auf uns zurollender Pandemien in der Zerstörung der Natur im Kapitalismus. Erstens werde durch die Zerstörung von Habitaten, zum Beispiel durch Entwaldung, eine künstliche Nähe zwischen Wildtieren und Menschen hergestellt, die zur Übertragung und Mutation von Viren führen könne. Zweitens schaffe die Massentierhaltung ideale Bedingungen für die Ausbreitung und Mutation von Viren. Und drittens werde durch die globalisierten Warenketten und Freihandelsdogmen eine große Zahl von Verbindungen geschaffen, die zur schnellen Ausbreitung einer Pandemie führen könne. Dies alles trifft in besonderer Weise auf Südostasien zu, wo sich Plantagenwirtschaft und Bergbau in die Wälder hineinfressen, und Landschaften schaffen, die ideal für die Ausbreitung von Stechmücken (mitsamt Virenmutationen) sind.

Ein ganzes Kapitel des Buches ist der Wirtschaftskrise gewidmet, die die größte seit 1929 werden dürfte. Kapitalvernichtung und Einbrüche im Bruttosozialprodukt führten vielerorts zu Massenverarmung, während mal wieder Rettungspakete für die großen Konzerne geschnürt würden. Auch die sozialen Folgen der Pandemie, die als „Brennglas der Ungleichheit“ bezeichnet wird, werden breit diskutiert. Betroffen sind vor allem die Armen, die prekär Beschäftigten, die Migrant*innen und Geflüchteten, die nicht nur ohne Auskommen und soziale Absicherung dastünden, sondern auch häufiger infiziert würden und stürben. Die „nationalen Egoismen“ der EU-Staaten führten auch dazu, dass der Virus sich global weiter ausbreiten werde, mit verheerenden künftigen Folgen für Millionen von Menschen in den Slums und Großstädten des globalen Südens. Auch hier ist die Relevanz für Südostasien mit den urbanen Megaräumen wie Manila oder JABODETABEK (Großraum Jakarta) offensichtlich.

Das Unvermögen der Regierung gekoppelt mit der kalten Verwertungslogik des Kapitals wird in der Pandemie auf besondere Weise im Gesundheitssektor sichtbar. Die Autor*innen sprechen von der „Durchrationalisierung des Krankenhaussektors zur Fabrik“. Der „radikale Abbau der Krankenhauskapazitäten“, Pflegenotstand und Kostensenkung durch die schlechte Bezahlung von migrantischem Pflegepersonal, zum Beispiel aus den Philippinen, hätten dazu geführt, dass die Situation für Beschäftigte im Gesundheitsdienst schon vor der Pandemie unerträglich gewesen sei. Die Blockadehaltung der EU bezüglich der Freigabe der Patente auf Covid-19-Impfstoffe nehme den unnötigen Tod von Hunderttausenden Menschen vor allem im Globalen Süden in Kauf.

Solidarisch aus der Krise

Angesichts des Bankrotts der Bundesregierung und vieler anderer Länder sei es unerklärlich und unverzeihlich, dass die Linke und die Gewerkschaftsbewegung weitgehend passiv blieben und den Moment verpasst hätten, „mit einer eigenständigen und solidarischen Forderungsperspektive zur Eindämmung der Pandemie in die politische Auseinandersetzung einzugreifen“. Zwar würden vereinzelte Forderungen nach Patentfreigabe oder nach einer besseren sozialen Abfederung der Krise gestellt, es gebe aber kein radikal anderes Vorgehen insgesamt, kritisieren die Autor*innen. Und dass, obwohl die Pandemie gerade die Arbeiter*innenklasse am stärksten treffe und als Ausdruck einer umfassenden Krise des Kapitalismus zu verstehen sei. Dies schaffe den Raum für Stimmen der Faschisten und so genannten Querdenker.

Umso wichtiger ist es, dass das Buch eine klare „solidarische und ökologische Perspektive zur Eindämmung der Pandemie“ aufzeigt. Diese baut auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse der wichtigsten Epidemiolog*innen auf, die eine „konsequente Eindämmung“ des Virus fordern. In der „ersten Säule“ der „solidarischen Anwendung“ dieser Strategie wird genau erörtert, wie dies sozial- und geschlechtergerecht, inklusiv für Migrant*innen und unter Verteidigung unserer demokratischen Rechte passieren kann. In der „zweiten Säule“ wird genauso detailliert der Ausbau und die schrittweise „gesellschaftliche Aneignung des Gesundheitswesens“ beschrieben. Dazu kommt die Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums (Säule 3) und die „lokale bis globale Solidarität“ (Säule 4), die auch die Freigabe der Patente und eine koordinierte, transnationale Pandemiebekämpfung mit einschließt.

Corona, Krise, Kapital ist ein rundum empfehlenswertes Buch – nicht nur als Lektüre sondern auch als Handlungsaufforderung. Ganz besonders sei es der Fridays for Future-Bewegung ans Herz gelegt. Denn es zeigt sehr gut, wie ein solidarischer Lockdown, der die Wirtschaft mit einschließt, als Schritt zum umfassenden sozial-ökologischen Umbau unserer Gesellschaft dienen könnte. Erst solidarischer Corona-Lockdown, dann solidarischer Klima-Lockdown!

Rezension zu: Verena Kreilinger, Winfried Wolf und Christian Zeller. Corona, Krise, Kapital. Plädoyer für eine solidarische Alternative in den Zeiten der Pandemie. PapyRossa. 2020. 277 Seiten.

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1 | 2021, Laos,
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An der Grenze bleibt der Schlagbaum unten

Europa/Südostasien – Auf der Suche nach Strategien zur Verringerung der Covid-19-Ansteckungszahlen wird oft Neuseeland als Erfolgsmodel genannt. Was könnten wir aus den in Südostasien gemachten Erfahrungen lernen?

Wir können viele Lehren aus Südostasien ziehen, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Die Länder der Region haben sehr unterschiedlich auf die Pandemie reagiert. Singapur, Thailand, Kambodscha und vor allem Vietnam haben die Ausweitung des Virus so gut wie aufgehalten. Anders sieht es bei Indonesien, Malaysia und den Philippinen aus.

Auch wenn die Zahlen auf Grund verschiedener Faktoren nicht immer eins-zu-eins übertragbar sind (so wird in Deutschland mehr als in Indonesien oder den Philippinen, aber weniger als in Singapur getestet), fällt auf, dass wir es nicht mit Gratwanderungen, sondern mit Größenordnungen zu tun haben (siehe Tabelle 1). Deutschland hat drei Mal so viele Infizierte und vier Mal so viele Tote wie die Philippinen, das Land, das in Südostasien am schlimmsten getroffen ist. Die Todesfälle in Vietnam und Singapur liegen bei 30. Eine Erklärung für diese Diskrepanz ist, dass die Länder Südostasiens, auch auf Grund der früheren Erfahrung mit SARS, recht zügig reagiert und zum Beispiel den Flugverkehr eingestellt haben. Auch das Tragen von Masken war im Vergleich zu Deutschland schnell selbstverständlich. Insgesamt haben die Länder schneller mit rigoroseren ‚Lockdowns’ reagiert.

Tabelle 1: Fallzahlen und Positivrate, geordnet nach Infektionen pro Millionen Einwohner*innen, Stand: 23.04.2021

Land Infektionen pro Millionen Einwohner Infektionen gesamt Infektionen in den letzten 24h Positivrate in Prozent Anzahl der Toten
Weltweit 18.884 147.292.930 664.608 3.138.627
Deutschland 39.148 3.276.871 23.710 12,40 [18.04.2021] 82.280
Malaysia 12.683 395.718 2.776 3,80 [23.04.2021] 1.477
Singapur 10.879 61.051 45 0,10 [19.04.2021] 30
Philippinen 9.594 1.006.428 8.905 19,00 [23.04.2021] 17.031
Indonesien 6.146 1.647.138 5.944 11,80 [23.04.2021] 45.116
Myanmar 2.674 142.722 10 2,10 [20.02.2021] 3.207
Timor-Leste 1.298 1.739 82 [keine Daten] 4
Thailand 829 57.508 2.048 3,50 [23.04.2021] 178
Kambodscha 659 10.555 580 [Keine Daten] 82
Brunei 520 223 0 [Keine Daten] 3
Laos 64 436 113 [Keine Daten] 0
Vietnam 30 2.846 3 0,10 [15.10.2020] 35

Quellen: CSIS, Johns Hopkins University und Gesundheitsministerien Südostasiens; Positivrate: Anteil an COVID-19 Tests, die positiv ausfallen. Testdaten von Hasell, J., Mathieu, E., Beltekian, D. et al. A cross-country database of COVID-19 testing. Sci Data 7, 345 (2020)

Aber, wie wir sehen werden, ist ‚Lockdown‘ nicht gleichzusetzen mit effektiver Pandemiebekämpfung. Auch gilt nicht, ‚je härter desto besser‘. Vielmehr – und das ist in Tabelle 3 genauer differenziert – sind in Südostasien verschiedene Kombinationen von Eindämmungsmaßnahmen und gesundheitspolitischen Strategien festzustellen.

Pandemiebekämpfung durch ‚Containment‘: Vietnam zeigt, wie es gemacht wird

Dass eine zügig und konsequent umgesetzte Strategie mit einer Kombination aus Maßnahmen höchst erfolgreich sein kann, zeigt das Beispiel von Vietnam. Nach heutigem Stand [April 2021] verzeichnete Vietnam niemals mehr als 110 neue Infektionen pro Tag, bei einer Einwohner*innenzahl von 97,3 Millionen. Die Grenzschließung zu China erfolgte bereits am 1. Februar 2020. Es folgten Maßnahmen zur effektiven Rückverfolgung von Kontakten, zum Beispiel mit einer ab März 2020 landesweit eingesetzten Tracing-App. Dabei scheint besonders die Kombination aus konsequentem Aufspüren von Infizierten, gezielter Isolation und Abriegelung von ganzen Distrikten ausschlaggebend für den Erfolg gewesen zu sein.

Als sich das Virus Ende Januar 2021 an fünf Orten im Norden Vietnams erneut stark ausbreitete, sagten viele Ortschaften ihre Feierlichkeiten zum Lunar New Year (Tet) ab. Zudem überprüften zusätzliche Checkpoints die Reiserouten und Herkunft der Menschen, die für das Fest zu Verwandten in andere Städte und Ortschaften einreisen wollten. Anfang Februar verstärkten vietnamesische Fluglinien und Flughäfen ihre Vorsichtsmaßnahmen noch entschiedener. Dabei war das Land zu diesem Zeitpunkt schon für längere Zeit praktisch hermetisch abgeriegelt gewesen. Selbst für vietnamesische Staatsbürger*innen war es lange Zeit schwierig, in ihr Heimatland zu reisen. Heute sehen Expert*innen die strikten Reisebeschränkungen gemeinsam mit der Quarantäne-Regelung und Kontaktverfolgung als ausschlaggebend für den Erfolg Vietnams. Denn die erneut aufflammenden Fälle Anfang Februar ebbten innerhalb eines Monats wieder ab.

Ähnlich wie Vietnam ergriffen Thailand und Kambodscha früh strikte Maßnahmen, insbesondere Einreisebeschränkungen und das Screening von Einreisenden. In Thailand wurden internationale und nationale Flüge ausgesetzt. Neben der Schließung vieler Einrichtungen erfolgte eine unverzügliche Isolierung von infizierten Menschen und deren Kontaktverfolgung. Nachdem die lokale Übertragung Ende April 2020 unter Kontrolle war, wurden die Gesundheitsmaßnahmen strukturiert gelockert. Bis Dezember 2020 blieb es in Thailand bei wenigen Fällen pro Tag. Kambodscha blieb sogar bis Mitte Februar 2021 weitgehend unberührt, kämpft allerdings seit Anfang März 2021 mit einem Anstieg an Infektionen.

Autoritär ist nicht gleich erfolgreich

Häufig wird der Erfolg der genannten Länder auch den autoritären Strukturen zugeschrieben. Eine solche Schlussfolgerung greift zu kurz. Das Beispiel der Philippinen ist bezeichnend. Die ergriffenen Maßnahmen können oberflächlich als ‚harter Lockdown’ bewertet werden, wurden aber nicht mit einer koordinierten Test-and-Trace-Strategie kombiniert. Stattdessen wurde eine Taskforce eingerichtet, deren Ziel es ist, Menschen aufzuspüren und zu drangsalieren, die gegen die Regeln verstoßen. Die Ausgangssperre gilt sogar für Kinder. Außerdem sorgte sie weitläufig für kritische Liefer- und Versorgungsengpässe. Es herrscht ein Regime der Angst, bei dem zwischen März und September 2020 mehr als 100.000 Menschen wegen fadenscheiniger Verstöße gegen Pandemie-Maßnahmen verhaftet wurden.

Im Vergleich zu anderen südostasiatischen Ländern sind die Zahlen in den Philippinen dennoch hoch, mit einer aktuell hohen Positivrate (Tabelle 1). Auch das Beispiel Myanmars zeigt, wie ein Fokus auf willkürliche Bestrafung und Internierung (selbst bei kleinen Verstößen gegen die Maßnahmen) eine Pandemie nicht aufhalten kann. Der Putsch und die vielen Morde an protestierenden Menschen zeigen auch, dass Repression etwas anderes ist als eine koordinierte Pandemiebekämpfung.

Indonesien – das Kapital nutzt die Pandemie

Indonesien zeigt sehr gut, dass ‚Lockdown‘ alleine keine Strategie gegen den Virus ist. Die Regierung hat dort im April 2020 mit sogenannten „großräumigen sozialen Einschränkungen“ (Pembatasan Sosial Berskala Besar, PSBB) scheinbar ‚durchgegriffen‘. Die Maßnahmen zielten wie in Deutschland auf den Privatbereich ab. Auch die Produktion wurde teilweise, aber nicht systematisch unterbrochen. Etliche Bereiche wurden als ‚essentiell‘ definiert, andere durften mit halber Belegschaft weiterbetrieben werden.

Tabelle 2: Ausgewählte Regierungsmaßnahmen zur Pandemiebekämpfung, Kategorisierung gemäß CSIS und OxCGRT

Fokus der Maßnahmen Beispiele für Maßnahmen Erläuterung
Eindämmung und Schließungen („containment and closure policies“) Nach außen

  • Grenzschließungen
  • Einschränkungen bei der Einreise
Einschränkungen bei der Einreise können z.B. durch Testpflichten oder Quarantäne-Zwang entstehen. Einschränkungen sind meist strenger für Nicht-Staatsbürger*innen.
Nach innen:

  • Einschränkungen der Bewegungsfreiheit
  • Schließungen von Bildungseinrichtungen
  • Schließungen von Arbeitsstätten
  • Verbot von Menschenansammlungen
‚Lockdown‘ bezeichnet eine Kombination von Maßnahmen, die ein Herunterfahren des öffentlichen Lebens mit sich bringen. Die Ausgestaltung eines Lockdowns variiert stark im internationalen Vergleich und auf subnationaler Ebene. Um die Ausbreitung in Regionen mit hohen Fallzahlen einzudämmen, setzen Regierungen geographisch begrenzte Lockdowns um.
Maßnahmen des Gesundheitssystems
(„health system policies“)
  • Teststrategie
  • Kontaktverfolgung
  • Quarantäne
  • Impfpolitik
Neben der Behandlung der mit COVID-19 Erkrankten liegt der Fokus hier vor allem auf Maßnahmen zur Rückverfolgung, zum Testen, zur Isolation von Infizierten und zur Verteilung von Impfstoffen.
Wirtschaftliche Maßnahmen („economic policies“)
  • Einkommenshilfen für Haushalte und Einzelpersonen
  • Notfall-Kredite
  • Rettungspakete für Unternehmen
Der Fokus der Kategorie liegt hier auf Maßnahmen, die Haushalte und Unternehmen direkt betreffen. Finanz- und Steuerpolitik als Antwort auf die Pandemie geht über diesen Artikel hinaus.

Quellen: Center for Strategic and International Studies CSIS, Oxford Covid-19 Government Response Tracker OxCGRT 2021

Vor allem aber sind die Lockdown-Maßnahmen nicht mit einer systematischen Nachverfolgung und Quarantäne-Strategie verknüpft worden (Tabelle 2 zeigt eine Aufschlüsselung möglicher Maßnahmen). Statt, wie in Vietnam, jeden Fall konsequent nachzuverfolgen, wurde auf allgemeine Einschränkungen gesetzt. Die Chance, die Ausbreitung der Pandemie von Java auf die anderen Inseln zu unterbinden, wurde vertan. Erst ein Monat nach den ersten Fällen wurde die Einreise nach Indonesien unterbunden. Die Verbreitung des Virus wurde deshalb nur verlangsamt, nicht aber eingedämmt oder gestoppt.

Die Zeichen häufen sich, dass aus einer ‚Flatten-the-Curve‘ Strategie eine Herdenimmunität werden könnte – d.h. die unkontrollierte Ausbreitung des Virus. Dafür sprechen die hohe Positivrate, die zum Teil über 20 Prozent lag und die geringe Anzahl von Tests, die auf eine sehr schnelle Ausbreitung hindeuten. Deutlich wird dies auch in der zunehmenden Fokussierung auf Impfstoffe, um die Herdenimmunität schneller zu erreichen.

Weil der Druck für eine Lockerung wächst, die Infektionszahlen aber steigen, kommt es – ähnlich wie in Deutschland – zu einem Dauerlockdown im Jo-Jo-Verfahren. Die sozialen Folgen sind verheerend. In manchen Sektoren, wie im Tourismusbereich, haben bis zu 80 Prozent ihre Arbeit verloren oder sind seit einem Jahr ‚beurlaubt‘. Durch die dauerhaften Einschränkungen der Bewegungsfreiheit ist der informelle Sektor schwer betroffen. Die Millionen von Arbeiter*innen, die nicht von daheim aus arbeiten können, müssen trotzdem in die Fabriken – Palmöl wird selbstverständlich weiter exportiert – und stecken sich dort weiter an. Die Schließung der Schulen stellt auf Dauer eine enorme Belastung dar, die einmal mehr vor allem von Frauen getragen wird.

Im Schatten der Pandemie geht das Kapital in die Offensive. Große Hilfspakete werden für die Großunternehmen geschnürt, während die Unterstützung für den informellen Sektor oder für die Arbeitslosen unzureichend ist. Auf Druck der Wirtschaft wurde im Oktober das Omnibusgesetz im Parlament durchgepeitscht – der größte Angriff auf Arbeits- und Umweltstandards seit dem Sturz Suhartos 1998. Das bedeutet, dass Arbeiter*innen in der Pandemie nicht mehr, sondern weniger Schutz und soziale Absicherung bekommen. Im Jahr 2020 ruhte die Abholzung der Regenwälder nicht – fast eine Million Hektar wurden von Plantagen- und Bergbauunternehmen gerodet. Damit werden die Ursachen von neuen Zoonosen verschärft.

Solidarisch aus der Krise?

Während in Vietnam und Thailand die erfolgreiche Eindämmung auch auf Grund einer aktiven Unterstützung der Zivilgesellschaft zu erklären ist, sind in anderen Ländern solidarische Ansätze von unten entstanden, um das Überleben der Armen und Ausgegrenzten in der Pandemie sicherzustellen. Diese sind umso wichtiger, weil das Vorgehen gegen die Pandemie in der Region eher repressiv als solidarisch ist.

Dies sieht man vor allem daran, wie in der Krise mit Arbeitsmigrant*innen umgegangen wird. Durch ihre prekäre Lage sind diese von der Wirtschaftskrise am schwersten betroffen. Zudem stranden sie durch Grenzschließungen im Niemandsland: es wird schwierig und teuer, nach Hause zurückzukehren. Gleichzeitig erhalten sie im ‚Gastland‘ keine Unterstützung, weil sie keine Staatsbürger*innen und/oder offiziell nicht registriert sind.

Die unsolidarische Covid-19-Politik ist besonders in den beiden reichsten Ländern der Region, Malaysia und Singapur, auffällig. Singapur hat die Pandemie nach einer ersten Welle seit September 2020 sehr gut im Griff, was auf einer konsequenten Strategie mit Tests, Nachverfolgung und Quarantäne zurückzuführen ist. Allerdings wird die Tracing-App auch von der Polizei zur Überwachung der Bevölkerung verwendet. In den engen Wohnbaracken der Arbeitsmigrant*innen war aber eine Selbstisolierung kaum möglich, so dass sich der Virus hier, ähnlich wie in der deutschen Fleischindustrie, ausbreiten konnte. Anstatt die schlechten Arbeits- und Wohnbedingungen der vielen und wichtigen Arbeitsmigrant*innen zu thematisieren, wurden sie von vielen die Menschen, und mit rassistischen Argumenten, zu Sündenböcken gemacht.

Malaysia kombiniert hingegen eine wirtschaftsfreundliche Lockdown-Politik mit einer staatlich orchestrierten Kampagne gegen Migrant*innen. Schätzungsweise arbeiten um die vier Millionen Arbeiter*innen aus Bangladesch, Indien, Nepal, Indonesien und den Philippinen ohne legalen Status im Land. Als ‚illegal‘ tituliert, werden diese nun für die Verbreitung des Virus verantwortlich gemacht. Sie werden von der Polizei in Razzien festgenommen und in Deportationslager gesperrt, wo der Virus sich ungehindert ausweiten kann.

Was Deutschland von Südostasien lernen könnte

Insgesamt waren einige Länder Südostasiens besser vorbereitet und haben schneller und konsequenter auf die Pandemie reagiert. Viele Maßnahmen, die dort zum Einsatz kamen, wurden in Deutschland nicht genutzt. So bilden die Flughäfen ‚Flaschenhälse‘, in denen eine konsequente Test-and-Trace-Strategie mit bereits vorhandenen Strukturen leicht umgesetzt hätte werden können.

Tabelle 3: Strategien zur Bekämpfung der Pandemie mit unterschiedlichen Zielen

Länderstrategien Erklärung Einteilung der Länder
Ziel ‚Herdenimmunität‘ Die Bewegung der Menschen wird kaum oder gar nicht eingeschränkt. Es wird bewusst darauf gesetzt, dass Menschen sich anstecken und durch eine Infektion Immunität entwickeln. Die Ausbreitung des Virus ist unkontrolliert. Zunehmend Indonesien und Philippinen.
Herdenimmunität war hier nicht von Beginn an die Strategie. Es läuft aufgrund des Kontrollverlusts aber darauf hinaus.
Ziel ‚Ausrottung‘ – #ZeroCovid Durch zügige und konsequente Maßnahmen wird die lokale Ausrottung des Virus angestrebt. Dabei wird eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit mit weiträumigen Schließungen und/oder Abriegelungen sowie einer konsequenten Test-and-Trace-Strategie kombiniert. Auch der wirtschaftliche Bereich wird heruntergefahren. Vietnam, Kambodscha, Thailand, Singapur
Ziel ‚Einhegung‘ – ‚Kurve flach halten‘ Es werden Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie ergriffen, allerdings nicht konsequent und meist zeitlich verzögert. Der Schwerpunkt liegt eher darauf, große Teile der Wirtschaft am Laufen zu halten. Ein Anstieg der Neuinfektionen wird bis zu einem gewissen Punkt in Kauf genommen. Indonesien, Philippinen, Malaysia
Die Bewertung erfolgt aufgrund der Tatsache, dass die Wirtschaft weitgehend weiter lief und zu harten Maßnahmen keine koordinierte Test-and-Trace-Strategie angewendet wurde.

Quelle: eigene Konzeption der Autor*innen

Südostasien zeigt aber auch, dass ‚harte Lockdowns‘ nicht die Lösung sind. In Indonesien und den Philippinen gerät die Pandemie zunehmend außer Kontrolle. Vielmehr brauchen wir ‚kluge Lockdowns‘, die auch die Wirtschaft mit einschließen, und die mit einer konsequenten Teststrategie, Kontaktverfolgung und Quarantäne-Regelung verknüpft werden. Wie in Vietnam zu sehen ist, bleiben dann auch die schlimmsten sozialen und psychischen Folgen eines Dauer-Lockdowns aus.

Die Länder, die in Südostasien erfolgreich waren, haben die Bevölkerung und die Zivilgesellschaft miteinbezogen. Die Handlungsbereitschaft für die Gemeinschaft war dann groß, wenn die Strategie sinnvoll und erfolgreich war. In Deutschland hingegen sinkt die Bereitschaft, Maßnahmen mit zu tragen, je länger der Lockdown dauert. Dies liegt auch daran, dass Menschen und Institutionen zu wenig aktiv einbezogen werden, und dass die Verantwortung, die zusätzliche Arbeit (wie Schule) und die sozialen Folgen individualisiert in den Privatbereich verlagert werden. Südostasien zeigt, dass die Pandemie nur gemeinsam und mit einer konsequenten Gesamtstrategie besiegt werden kann.

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