2 | 2024, Interviews, Timor-Leste,
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„Erst Wasser pflanzen, dann Bäume“

Timor Leste, Wassernutzung, Umweltschutz

Gemeindeeinsatz zum ‚Wasser anpflanzen‘ mit Hilfe von Auffangbecken und Terrassen. © Permatil

Timor-Leste: Ego Lemos, Gründer von Permatil, spricht im Interview über nachhaltige Landwirtschaft, die gemeinschaftsorientiert ist und auf indigenem Wissen fußt.

Die Sorge um das Wasser begleitet viele Menschen in Timor-Leste durch den Alltag. Die Insel Timor zählt zu den trockensten Gebieten des Malaiischen Archipels. Die Regenzeit dauert von November bis April. Am Ende der Regenzeit erfolgt die Ernte. Während der Trockenzeit kommt es zu Dürreperioden. Auf der nördlichen Seite der Insel fällt kein Regen mehr.

Timor Leste, Wassernutzung, Umweltschutz

Timor-Leste hat in den bergigen Regionen viel Vegetation verloren © Monika Schlicher

Die Landschaft ist geprägt von Palmen- und Mangrovenwäldern an den Küsten und von Grasland, Savannen und Wäldern im Innern des Landes. Die Insel ist durchzogen von einer massiven Bergkette. Rund ein Drittel der Landesfläche liegt zwischen 500 Meter und 1500 Meter über dem Meeresspiegel. Nur sehr wenige Flüsse führen das ganze Jahr über Wasser. In der Regenzeit aber schwellen sie zu reißenden Strömen an und es kommt häufig zu Überschwemmungen.

Rund 70 Prozent der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig. Ausbleibende oder zu früh einsetzende heftige Regenfälle führen zu Ernteverlusten der Subsistenzbäuer*innen. Regelmäßige saisonbedingte Nahrungsmittelknappheit und Hungerperioden und dadurch bedingte Krankheiten sind das Ergebnis. Zugang zu Wasser ist für die Gesundheit der Menschen und ihren Lebensunterhalt entscheidend. Die Organisation Permatil setzt sich für Wasser- und Ernährungssicherheit ein.

südostasien: Viele Menschen in den ländlichen Gebieten in Timor-Leste haben nicht genug Wasser. In der Trockenzeit versiegen die Quellen, in der Regenzeit rauscht das Wasser die Berghänge hinab. Verschärft der Klimawandel diese Situation noch?

Unser Interviewpartner:

© Ego Lemos

Ego Lemos ist weit über die Grenzen von Timor-Leste als Singer-Songwriter bekannt. Untrennbar damit verbunden ist für den studierten Agrarwissenschaftler sein Einsatz für Umweltschutz und eine nachhaltige Entwicklung, die gemeinschaftsbasiert ist und indigenes Wissen einbezieht. Mit Gleichgesinnten gründete er vor 24 Jahren Permatil. Die Beharrlichkeit, mit der die Organisation seither ihren Weg geht und an ihrer Vision festhält, trägt heute Früchte. 2023 wurde Ego Lemos vom Präsidenten José Ramos-Horta zum Sondergesandten für Kunst, Kultur und Umwelt ernannt und mit dem höchsten Orden von Timor-Leste ausgezeichnet. Im selben Jahr erhielt er den Ramon-Magsaysay-Preis für seine und Permatils Arbeit.

Ego Lemos: Die Auswirkungen des Klimawandels sind enorm. Das Wetter hat sich verändert, besonders deutlich ist das jährlich in der Regenzeit zu spüren, die mit heftigen und unregelmäßigen Regenfällen einhergeht. Timor-Leste ist sehr bergig. Wir verlieren sehr viel Vegetation. Mit dem heftigen Regen wird die oberste Bodenschicht direkt in den Fluss geschwemmt. Das führt zu Erosion und Erdrutschen und trägt zu Überschwemmungen bei.

Ihr sorgt inzwischen in 450 Gemeinden für einen zuverlässigen Zugang zu sauberem Wasser. Wie genau macht ihr das?

Wir haben den Ansatz hin zu einer ökologischen Restauration des ländlichen Raumes und der Umwelt geändert: Oft denken die Menschen, dass das Anpflanzen von Bäumen der beste Weg ist, um den Wasserhaushalt und die Umwelt wiederherzustellen. Unserer Erfahrung nach ist es jedoch am besten, zuerst das Wasser und danach erst die Bäume zu pflanzen. Denn in den Bergen haben wir bereits sehr viel an Vegetation verloren. Wenn wir erst die Bäume pflanzen, die viele Jahre zum Wachsen brauchen – häufig werden dazu auch noch die falschen Bäume gewählt –, so nehmen sie sehr viel an Wasser und Nährstoffen aus dem Boden. Pflanzt man sie zur falschen Jahreszeit, am Ende der Regenzeit, so ist das reine Zeitverschwendung. Daher sind viele Baumpflanzungsprojekte gescheitert, eben auch weil sie projektbasiert waren.

Timor Leste, Wassernutzung, Umweltschutz

Nachhaltiges Wassermanagement: mit künstlichen Teichen dem Boden Feuchtigkeit geben. © Permatil

Bei Permatil verfolgen wir einen anderen Ansatz: wir übernehmen traditionelles Wissen zur Wiederherstellung natürlicher Wasserreservoirs. Diese Reservoirs heißen in unserer Sprache [Tetum] Debu, das bezeichnet auch einen schlammigen Bereich, in dem sich Wasserbüffel suhlen. Mit Teichen lässt sich Wasser, das ansonsten die Hänge hinab über die Flüsse ins Meer schießt, am schnellsten ansammeln und halten. Indem wir viele künstliche Reservoirs, Terrassen und Wehre in den bergigen Regionen anlegen, sammeln wir das Wasser und tanken das Erdreich wieder damit auf. Wir zeigen den Gemeindemitgliedern, wie sie bestimmte Baumarten erkennen, die sich zur Aufforstung eignen, da sie zum Schutz der Wasserquellen und der lokalen Ökologie beitragen. Wir reduzieren damit die Erosion und auch die Risiken von Erdrutschen.

Später beleben sich die Quellen und Bäche wieder, als ob sich das ganze Land aus sich selbst heraus regeneriert. Verfügt das Land über genügend Feuchtigkeit, keimen die Samen, sprießen Pflanzen aus dem Boden, ohne dass sie angepflanzt wurden. Die Vegetation erholt sich. Deshalb empfehlen wir dringend, im ganzen Land ‚Wasser anzupflanzen‘.

Lass uns noch mal etwas in der Geschichte zurückgehen. Wie und warum kam es zur Gründung von Permatil?

Permatil steht für Permakultura Timor Lorosa’e. Permakultur ist eine große, globale Bewegung, die 1999 von dem Australier Steve Grant nach Timor-Leste gebracht wurde. Er kam direkt nach dem Referendum für die Unabhängigkeit und suchte nach interessierten Leuten. So traf er auf mich. Ich war in den 1990er Jahren aktiv in der Student*innenbewegung und studierte in Dili Agrarwissenschaften und Tierhaltung. Doch was an der Universität gelehrt wurde, fand ich lokal nicht anwendbar. Es war ganz auf konventionelle Landwirtschaft hin ausgerichtet. Die Mehrheit der Bevölkerung in Timor-Leste sind jedoch Bäuer*innen, die weitgehend für die Selbstversorgung und nicht für den Markt anbauen.

Timor Leste, Wassernutzung, Umweltschutz

Büffel brauchen einen Suhlstelle © Permatil

Doch durch den starken Einfluss der Grünen Revolution zu dieser Zeit, eingeführt von der indonesischen Regierung, war der Druck auf die Bäuer*innen, chemische Düngemittel, Pestizide und hybrides Saatgut zu akzeptieren, gewachsen. Damit verstärkte sich auch die Abhängigkeit von der Technologie, von Traktoren und ähnlichem Gerät. Die Menschen verloren allmählich ihr traditionelles Wissen. Zusammen mit anderen Studierenden, hatten wir 1997 eine Gruppe zu ökologischer Landwirtschaft gegründet, der ich vorstand.

Von Permakultur hatte ich zuvor nie gehört. Als Steve uns das Konzept vorstellte, erkannte ich, dass es nicht weit entfernt vom traditionellen Wissen in Timor-Leste ist. Ich habe es angepasst und als timoresische Permakultur übernommen. Das führte 2000/2001 zur Gründung von Permatil.

Wie gewinnt ihr die Gemeinden für nachhaltige Wasserwiederherstellung und Wassermanagement?

Wir binden junge Menschen in unser Programm mit ein, sprechen sie zu Landwirtschaft und Umweltthemen über die Jugendcamps, die wir durchführen, an. 70 Prozent der Bevölkerung von Timor-Leste ist unter 35 Jahre alt. In den Jugendcamps erhalten sie das Wissen zu Permakultur als nachhaltige Landnutzung. Sie bringen das Wissen zu ‚Wasser anpflanzen‘, Agroforstwirtschaft und Gartenbau in ihre Gemeinden setzen es dort um und tragen es weiter. Permatil hat in den letzten 15 Jahren erfolgreich mit Gemeinden und der Jugend im ländlichen Raum gearbeitet. Wir haben über 500 Quellen wieder zum Leben erweckt.

Auf Rat von internationalen Expert*innen hat die Regierung von Timor-Leste sehr viel Geld in die Mechanisierung der Landwirtschaft investiert. Bewirkt euer Fokus auf Gemeinschaft und indigenem Wissen inzwischen ein Umdenken?

Seit der Unabhängigkeit sind nicht nur in der Landwirtschaft, sondern vor allem im Bereich Wasser Millionen von Dollars geflossen. Ausgebaut wurde die Wasserinfrastruktur mit Bewässerungssystemen, Tanks und Rohrleitungen. Es wurde aber vergessen, die flussaufwärts gelegenen Gebiete, die Ökosysteme in den Bergen zu restaurieren. Die Programme sind vielerorts gescheitert, weil sie sich nicht mit den wichtigsten Problemen befasst haben. Sie haben im ganzen Land viele Bauruinen hinterlassen. Permatil, als eine lokale Organisation, versucht, die Lücke zu schließen.

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Ego Lemos im Schulgarten mit Schüler*innen bei der Gemüseernte an einer der örtlichen Schulen in Dili. © Permatil

Im Wassersektor können wir derzeit einen Paradigmenwechsel bei vielen Akteuren, auch bei den internationalen Agenturen, beobachten. Viele Jahre haben sie sich fast ausschließlich auf die Infrastruktur konzentriert. Sie fangen an, unseren Weg zu beschreiten. In der Landwirtschaft jedoch hat sich noch nichts geändert, weil so viel Einfluss von außen kommt. Es herrscht die Vorstellung, Landwirtschaft müsse im großen Stil betrieben werden, anstatt sich mit der kleinen, familiär geführten Landwirtschaft zu befassen. Jedes Investment ist in allererster Linie marktorientiert auf den Export ausgerichtet. Es ernährt die Menschen im Land nicht. Das System wird ausgerichtet auf den Anbau kommerzieller Nutzpflanzen. Es fußt auf dem Einsatz von Traktoren, chemischem Dünger und Pestiziden. Die Gemeinden werden abhängig und sind heute marginalisierter denn je. Das ist das Versagen der Landwirtschaftspolitik.

Wir bei Permatil sprechen dies an, wohl wissend, dass wir die Landwirtschaftspolitik nicht groß beeinflussen werden. Stattdessen gehen wir den Weg über das Ministerium für Bildung. Das Bildungsministerium hat unser Programm ‚Permakultur in Schulen‚ anerkannt und in den nationalen Lehrplan für die Grundschulen aufgenommen. In einem nächsten Schritt wollen wir die höheren Klassenstufen einbeziehen. Die Schüler*innen lernen, Schulgärten nach dem Konzept von Permakultur anzulegen und bekommen so Wissen zu Ernährung, Klima und Wasser vermittelt.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Monika Schlicher

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Vietnam: Menschliche Nutzung und der Klimawandel haben drastische Auswirkungen auf das Mekong-Delta. Nachhaltigkeit und Anpassung an den Klimawandel sind überfällig

Das Mekong-Delta im Süden Vietnams ist ein flaches Schwemmland mit einer Fläche von 40.5 Quadratkilometern und einer Bevölkerung von 21 Millionen Menschen. Die Geländehöhe liegt meist bei nur einem halben Meter über dem Meeresspiegel.

Das Mekong-Delta ist geprägt durch die mächtigen Mündungsarme des Mekong und ein dichtes Netzwerk künstlich angelegter Oberflächengewässer – Kanäle unterschiedlicher Dimensionen. Regenzeit mit Wasserüberschuss wechselt mit Trockenzeit ohne Niederschläge. Dabei stellt die jährliche Trockenzeit eine besonders große Herausforderung für die Region dar.

Mosaike aus Teichen

An den Wasserläufen und in den Straßen im Mekong-Delta sind Wohnhäuser, Läden, kleine Betriebe, Werkstätten aufgereiht. Dazwischen liegen großflächige Reisfelder mit bis zu drei Ernten pro Jahr, Obstplantagen und bereichsweise flächendeckende Mosaike aus Teichen für die Fisch- und Garnelenzucht. Zentrum des Mekong-Deltas ist die Stadt Can Tho mit 1,3 Millionen Einwohnern.

Das Mekong-Delta ist ein Übergangsbereich zwischen Süßwasser und Salzwasser mit dementsprechend unterschiedlichen Landnutzungen. Es gibt Restbestände von Mangrovenwäldern an der Südspitze und in einigen Küstenbereichen kleinere Naturschutzgebiete mit Baum-Vegetation. Die süßwassergeprägten landwirtschaftlichen Gebiete sind – vor allem in der Trockenzeit – abhängig von Süßwasserzufuhr aus den Mekong-Armen [in der Abbildung aus dem Hậu-Fluss]. Salzwassergeprägte Gebiete werden vom Meer durch die Tide gespeist. Beide Bereiche werden durch Wehre und Schifffahrts-Schleusen möglichst voneinander getrennt gehalten.

Ständige Koordination ist nötig

Die Dynamik des Oberflächenwassers im Mekong-Delta beruht auf dem Zusammenspiel natürlicher Faktoren wie dem Abfluss in den Mekong-Armen, der Tide im Meer, dem Wechsel von Regenzeit und Trockenzeit – sowie menschlichen Eingriffen. Diese reichen von Wehren und Schleusen über die Wasserentnahme- und Ableitung aus dem Mekong in das Meer, bis hin zu einigen Wasserbauwerken. Ein Beispiel ist das 2019 neu in Betrieb genommene Wehr- und Schleusenbauwerk Cái Lớn – Cái Bé.

Eine Besonderheit ist der inselartige Bereich (Lower U Minhh) mit überwiegend Reisanbau und einem Naturschutzgebiet. Es gibt keinen Süßwasserzufluss aus dem Mekong. Er wird allein von Regenwasser gespeist, in Trockenperioden ergänzt durch Grundwasser.

Das komplexe System Mekong-Delta muss permanent koordiniert werden, damit es den unterschiedlichen Ansprüchen wie Süßwasserbedarf, Salzwasser-Zu- und Abflüsse, Trennung der Süßwasser- und Salzwasserbereiche, Erhaltung und Verbesserung der Oberflächenwasserqualität, Hochwasserschutz und Reaktion auf Extremereignisse genügt.

Zudem besteht die Aufgabe, durch internationale Zusammenarbeit zum Beispiel im Rahmen der Mekong River Kommission (MCR), vor allem in der Trockenzeit Mindestabflüsse des Mekong sicherzustellen, um eindringendes Salzwasser möglichst zurückzudrängen. Dieser Herausforderung kann in sehr trockenen Jahren nicht ausreichend entsprochen werden.

Übernutzung des Grundwassers

Die Komplexität und Dynamik des Systems Mekong-Delta ist zugleich Ursache seiner Empfindlichkeit. Interne und externe Faktoren führen vor allem in der Trockenzeit zu wachsenden Problemen. In den salzwassergeprägten Gebieten besteht ein permanenter Mangel an Süßwasser für die Trinkwasser- und Brauchwassernutzung. Daher wird verstärkt auf Grundwasser zurückgegriffen. Aber die verfügbare Süßwassermenge ist wegen geringer oder fehlender Grundwasserneubildung begrenzt.

Seit Langem findet eine Übernutzung des Grundwassers statt. Sie verursacht großflächige Bodenabsenkungen mit bis zu 2,5 Zentimetern pro Jahr. An vielen Brücken und Häusern sind diese Absenkungen erkennbar. Die Anschlüsse der Bauwerke an das umgebende Bodenniveau passen vielfach nicht mehr und müssen wiederholt nachgebessert werden. Die Bodenabsenkungen führen auch zu einer erhöhten Hochwasseranfälligkeit.

Bedrohte Wasserqualität

In den süßwassergeprägten Gebieten kommt es in Trockenperioden zu einem Mangel an Süßwasser für die Landwirtschaft und die Trinkwasserversorgung. Wenn der Mekong in Trockenperioden weniger Wasser führt, kann Salzwasser vom Meer in die Mekong-Arme eindringen, sodass bereichsweise nicht genügend Wasser für die Bewässerung und für Trinkwasser vorhanden ist.

Daneben bestehen gravierende Probleme mit der Wasserqualität durch zahlreiche Kontaminationspotenziale, zum Beispiel Mülldeponien, Tankstellen, Lagerplätze für landwirtschaftliche Chemikalien, Abwassereinleitungen in den Mekong und industrielle und gewerbliche Einleitungen in die Oberflächengewässer. Hinzu kommt die Landwirtschaft mit Düngemitteln und Pestiziden, sowie das belastete Abwasser der Fisch- und Garnelenzucht (Futtermittelreste, Medikamente). Es gibt generell zu wenig Abwasseraufbereitungsanlagen.

In vielen Gebieten gibt es in der Trockenzeit kaum Wasseraustausch in den Gewässern. Sie stagnieren und reichern sich mit den eingeleiteten Schadstoffen an. In der Regenzeit fließt das kontaminierte Wasser dann aber in die ufernahen Meeresbereiche und kann dort zu Problemen für die Flora und Fauna führen.

Die internen Probleme des Mekong-Deltas werden durch externe Einwirkungen weiter verschärft. Hierzu zählt die Wasserwirtschaft im Oberstrom (Laos, Kambodscha, China). Dortige Eingriffe in den Wasserhaushalt – zum Beispiel Talsperren – können zu verringerten Abflüssen in die Mekong Arme führen, wodurch die Häufigkeit und die Reichweite des Eindringens von Salzwasser zunimmt.

Die Auswirkungen verringerter Abflüsse im Mekong werden verstärkt durch den erwarteten klimabedingten Meerwasseranstieg. Es muss mit zukünftig weiter zunehmenden Schwierigkeiten bei der Bewässerung der landwirtschaftlichen Flächen gerechnet werden.

Akteure und Lösungsansätze

Viele vietnamesische staatliche Institutionen befassen sich mit der Wasser- und Landnutzung im Mekong-Delta: die Ministerien für Landwirtschaft, Umwelt, Bau, Planung sowie nachgeordnete Behörden und Forschungsinstitute und nicht zuletzt die 13 Provinzen im Mekong-Delta. Zudem sind zahlreiche internationale Institutionen aktiv. Überschneidungen und Defizite bei der Koordination sind erkennbar. Immerhin ermöglicht das seit 2017 geltende Planungsgesetz erstmals in Vietnam eine überprovinzielle Regionalplanung.

Der neu entwickelte Regionalplan (MDIRP 2022) befasst sich mit den zahlreichen Aspekten. Dabei ist die zukunftsfähige und umweltgerechte Planung der Nutzung Grundvoraussetzung für die Weiterentwicklung des Mekong-Deltas. Der MDIRP bietet Gelegenheit, die Problemfelder provinzübergreifend zu identifizieren, Untersuchungen gezielt durchzuführen und Maßnahmen zu koordinieren.

Zu den Hauptaufgaben gehören die ausreichende Versorgung mit Süßwasser sowohl in den salzwassergeprägten Gebieten mit Garnelenzucht als auch in den süßwassergeprägten landwirtschaftlichen Gebieten und ein wirksamer Gewässerschutz vor Verunreinigungen.

Für die salzwassergeprägten Gebiete mit Garnelenzucht werden verschiedene Konzepte diskutiert:

  • Süßwassertransfer vom Mekong (Hậu-Fluss) mithilfe von Pipelines, was bautechnisch und energetisch aufwendig ist.
  • Süßwassertransfer aus den landwirtschaftlich genutzten Gebieten, was aufgrund der Wasserverfügbarkeit und Verunreinigungen der Oberflächengewässer ebenfalls problematisch ist.
  • Grundwasseranreicherung durch Infiltration von Regenwasser: Hierfür bieten sich salzhaltige Grundwasserbereiche an, in denen das Salzwasser durch das infiltrierte Süßwasser verdrängt und dann wiedergefördert werden kann. Untersuchungen müssen zeigen, mit welchem Aufwand eine solche Untergrundspeicherung machbar ist.
  • Reduzierung der Grundwasserförderung: Süßwasser aus Grundwasser muss in erster Linie der Trinkwasserversorgung vorbehalten sein, Vermeidung von Rohrleitungsverlusten bei der Wasserversorgung, keine Nutzung für Brauchwasserzwecke.
  • Sammlung und Speicherung von Regenwasser in der Regenzeit in haushaltseigenen Tanks und größeren Reservoiren, was bereits ansatzweise, aber nicht ausreichend praktiziert wird. Problematisch ist die geringe Flächenverfügbarkeit für Reservoire. (der größte Flächenanteil wird für die Garnelenzucht verwendet), wirksamer Verdunstungsschutz und die Reinerhaltung des gespeicherten Regenwassers.

Für die süßwassergeprägten landwirtschaftlichen Gebiete werden folgende Konzepte diskutiert oder bereits praktiziert:

  • Bei erhöhten Salzgehalten temporäre Unterbrechung der Wasserentnahmen aus den Mekong-Armen: Hierfür gibt es bereits geeignete Einlassbauwerke, weitere sind geplant. Aber je häufiger und weiterreichend Salzwasser in die Mekong-Arme eindringt, desto länger dauern Unterbrechungszeiten und desto gravierender wird der Süßwassermangel.
  • Sicherstellung von Mindestabflüssen im Mekong: Wichtig wären wirksame internationale Vereinbarungen und Maßnahmen zum Wassermanagement am Oberstrom und zur Sicherstellung von Mindestabflüssen in der Trockenzeit.

Darüber hinaus wird es wichtig sein, für eine Verringerung und Vermeidung von Schadstoffeinträgen und Schadstoffanreicherungen in den Oberflächengewässern zu sorgen, mit Hilfe von:

  • Systematischer Erfassung und Bewertung der Kontaminationspotenziale sowie Maßnahmen gegen Schadstoffimmissionen: zum Beispiel Verbesserung der Abfallablagerungen, chemieärmere und ökologischere Bewirtschaftung der Reisfelder und der Garnelenzuchten.
  • Verbesserung der Abwasserreinigung für industrielle, gewerbliche und häusliche Abwässer: Dabei geht es um die Erfassung und Bearbeitung von Hot Spots ebenso wie die Verbesserung der vielen häuslichen Einleitungen in die Oberflächengewässer (zum Beispiel septic tanks verbunden mit Sammelsystemen).
  • Unterhaltung der Oberflächengewässer: Zur Vermeidung von Stagnationen und Schadstoffanreicherung in den Gewässern kann die Intensivierung der Gewässerpflege durch Baggerung von Ablagerungen beitragen.

Nachhaltige Planung als Perspektive

Das Mekong-Delta hat eine herausragende ökonomische Bedeutung für Vietnam. Zugleich ist es besonders empfindlich gegenüber externen und internen Einwirkungen. Das erfordert ein koordiniertes Vorgehen, das sich nicht an kurzfristigen Höchsterträgen, sondern an einer langfristigen, nachhaltigen Nutzbarkeit und mehr Naturnähe orientiert.

Die betrachtete Wasser- und Landnutzung bedarf eines systematischen, provinzübergreifenden Untersuchungs- und Maßnahmen-Programms mit sinnvollen Prioritäten. Die Nutzung von Regenwasser, die Reduzierung der Grundwasserförderung, die Gewässerreinhaltung und die Sicherstellung von Mindestabflüssen im Mekong sollten dabei Vorrang haben.

Unterstützend würde dabei die Verbesserung der Planungs-Kommunikation wirken. Informationen zu Problemen, Defiziten und Potenzialen, zu Zielen, Maßnahmen und erreichten Verbesserungen sollten für die öffentliche Diskussion einfacher zugänglich sein.

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„Erst Wasser pflanzen, dann Bäume“

Thailand: Karen-Schüler:innen geben deutschen Partnerschüler:innen einen virtuellen Einblick in traditionellen Rotationsanbau.

Der Bildschirm bietet Einblick in das Klassenzimmer der Khun Mae Yod Schule in Thailand. Dort ist ein mehrere Meter langer Tisch zu sehen, auf dem eine Vielfalt an Gemüse und Gewürzen sorgsam angerichtet wurden. Dahinter stehen Schüler:innen und Lehrkräfte. Heute wollen sie ihren deutschen Austauschpartner:innen Produkte und Speisen aus ihrem Rotationsanbau vorstellen.

Auf der anderen Seite des virtuellen Raums befinden sich Schüler:innen der Goetheschule, einem internationalen Gymnasium in Essen. Gespannt blicken sie auf den Bildschirm, neugierig was ihre Austauschpartner:innen da vorbereitet haben. Trotz der Distanz spürt man die Aufregung und Vorfreude, die in beiden Klassenzimmern herrscht.

Lebens- und Wirtschaftsweise der Karen

Der Rotationsanbau bildet das Kernstück der Kultur und Lebensweise der Karen (Pgakenyaw). Bei dieser nachhaltigen landwirtschaftlichen Anbaumethode werden Waldstücke bewusst und achtsam abgebrannt, um sie für die Bepflanzung vorzubereiten. Für ein Jahr wird in einem Waldstück Reis und Gemüse angebaut. Nach der Nutzung liegt dieses Waldstück für sieben bis zwölf Jahre brach. In dieser Zeit kann sich der Boden regenerieren. Die Bäume wachsen nach und eine vielfältige Flora und Fauna entsteht wieder. Anschließend wird der Zyklus wiederholt.

Der Rotationsanbau ist untrennbar mit dem traditionellen Wissen der Karen, ihrer Spiritualität und ihrer Beziehung zur Umwelt verbunden. Dieses Wissen und die kulturellen Praktiken zu erhalten und weiterzugeben, ist zentrales Anliegen der Pgakenyaw Association for Sustainable Development (PASD). Hierzu arbeitet die PASD auch mit Schulen wie der Mae Yod Schule zusammen. So ist der Rotationsanbau für die Mae Yod Schüler:innen nicht nur Teil ihres alltäglichen Lebens, sondern auch ihres Lehrplans.

Vielfalt im Rotationsanbau

Im virtuellen Raum stellen die Lehrer:innen den deutschen Schüler:innen die Vielfalt der ausgebreiteten Produkte aus dem Rotationsanbau vor. Auf der Tafel liegen unter anderem Chili, Kürbisse, Auberginen und Reis. Auf einer Rotationsfarm werden üblicherweise mehr als 100 verschiedene essbare Pflanzenarten angebaut, von welchen sich ein Dorf das ganze Jahr über ernähren kann.

Aus einer solchen Vielfalt werden die verschiedensten Speisen zubereitet, welche die Schüler:innen aus Mae Yod nun stolz präsentieren. Beispielsweise lässt sich mit dem gedämpftem Klebreis aus eigenem Anbau ein leckerer Snack zubereiten. Man zerstampft ihn dazu einfach mit schwarzem Sesam und etwas Salz und formt kleine Kugeln aus der Masse. Sie können pur gegessen oder in Honig getaucht werden. Gerne werden sie zu festlichen Anlässen gereicht. Eine weitere Gruppe von Schüler:innen demonstriert, wie sich mit Taro, Chili und Tamarinde aus dem Eigenanbau eine leckere Suppe herstellen lässt. So lecker, dass es sogar Poesie über sie gibt – Poesie, welche den Wert des Teilens und gemeinsamen Genießens betont.

Eine der Lehrerinnen berichtet von der wichtigen Rolle, die Frauen im Rotationsanbau einnehmen. Frauen sind in jedem Schritt des Rotationsanbaus präsent. Beispielsweise wählen sie die Anbaufläche, sammeln und bewahren das Saatgut und vermitteln das Wissen an die nächsten Generationen. Nutdanai Trakansuphakon, der die PASD vertritt und den Austausch auf thailändischer Seite moderiert, ergänzt mit Nachdruck: „Ohne Frauen gäbe es keinen Rotationsanbau“.

Herausforderungen durch den Klimawandel

Ein Lehrer der Mae Yod Schule berichtet von den Herausforderungen, welchen der Rotationsanbau in den heutigen Zeiten ausgesetzt ist. Besonders die Klimakrise mache vielen Gemeinschaften zu schaffen. Da der Regen nicht mehr zu den üblichen Zeiten falle, gäbe es mehr Insekten und Schädlinge in den Feldern. So sähen sich einige Dörfer gezwungen, chemische Insektizide einzusetzen. Dabei zeichnet sich der Rotationsanbau gerade durch seine Nachhaltigkeit aus. Unter normalen Bedingungen kommt er ohne chemische Mittel und mit wenig Wasser aus. Die Asche aus der Brandrodung funktioniert als natürlicher Dünger.

Die enge Verbindung zwischen Mensch und Natur beschreibt auch Prasert Trakansuphakon, Vertreter der Karen und Experte auf dem Gebiet des Rotationsanbaus. „Wir können eine bestimmte Zikadenart hören, bevor wir die Bäume fällen, so wissen wir, welche Bäume die geeignete Hydration haben. Nicht nur die Töne von Insekten und Tieren, auch Blüten an Bäumen zeigen den Startpunkt der neuen Bewirtschaftung an, aber auch die Sterne am Himmel.“, so Trakansuphakon.

Der virtuelle Austausch ermöglicht den Goetheschüler:innen, die Erkenntnisse aus ihrer vielfältigen Beschäftigung mit den Traditionen der Karen zu vertiefen. Der Rotationsanbau bietet einen thematischen Zugang zu den vielfältigen kulturellen Werten der Karen und ihrem symbiotischen Umgang mit der Natur. Er bietet jedoch auch Einblicke in die Herausforderungen, denen die Karen als indigene Gemeinschaft in der heutigen Zeit gegenüberstehen.

So fragt eine Essener Schülerin: „Wie klärt ihr darüber auf, dass der Rotationsanbau nicht schädlich ist?“ Eine wichtige Frage, denn der Rotationsanbau unterliegt – wie vieles indigene Wissen – Fehlinformationen und Missverständnissen. Insbesondere in der thailändischen Öffentlichkeit und Politik, aber auch bei einigen westlichen Klimaschützer*innen besteht der Irrglaube, dass das Abbrennen der Waldstücke klimaschädlich sei oder den Wald zerstöre. Tatsächlich aber leistet es einen positiven Beitrag zu deren Erhalt. Die Brachflächen nehmen wesentlich mehr Kohlendioxid auf, als durch die Brände ausgestoßen wird. Darum, so berichtet eine Schülerin aus Mae Yod, haben die Karen unterschiedliche Strategien entwickelt. Sie dokumentieren den Anbauprozess über die sozialen Medien, laden städtische Bewohner:innen auf ihre Felder ein, und kooperieren mit Influencer:innen, die sich öffentlich für den Rotationsanbau einsetzen.

Für die Goetheschüler:innen ist klar, dass der Rotationsanbau nicht nur kulturell wertvoll, sondern auch nachhaltig ist. Der Austausch mit den Vertreter:innen der Karen hat ihre Perspektiven auf die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt erweitert. Die Schüler:innen in Mae Yod erfüllt es wiederum mit Stolz, ihren Partner:innen von ihren Bräuchen zu erzählen. Dies stärkt ihre kulturelle Identität.

Die Unterhaltung zwischen den Schüler:innen dreht sich schon bald nicht mehr nur um den Rotationsanbau, sondern führt zu Themen wie dem Schulalltag und Musik, sowie der Suche nach Gemeinsamkeiten: „Habt ihr auch solches Essen bei euch? Was ist euer Lieblingsessen? Nutzt ihr Social Media?“ Die Stimmung wird zunehmend heiter, während die Schüler:innen einander besser kennenlernen. So klingt das Treffen langsam aus.

Positiv blicken die Essener Schüler:innen auf die Partnerschaft mit den Karen-Schüler:innen zurück. Lena, Schülerin der neunten Klasse der Goetheschule resümiert: „Unser Austausch mit den thailändischen Schülern war eine bereichernde Erfahrung. Trotz der räumlichen Distanz haben wir einen tiefen Einblick in die Kultur und das Leben der Pgakenyaw (Karen) erhalten. Besonders beeindruckt hat uns ihr respektvoller Umgang mit der Natur und ihr reiches Wissen über traditionelle Lebensweisen. ”

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