1 | 2020, Interviews, Südostasien,
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„Torfböden sind quasi reiner Treibstoff“

Südostasien Interviews Klimawandel

Brennender Regenwald im Kutai National Park auf der indonesischen Insel Kalimantan © USAID Biodiversity & Forestry

Südostasien- Wenn Indonesiens Wälder großflächig brennen, wird die ganze Region mit einer Dunstglocke aus giftigem Qualm (Haze) überzogen. Helena Varkkey von der University of Malaya in Kuala Lumpur erforscht die Ursachen der Waldzerstörung und erklärt, warum der Schutz von Torfböden entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel ist.

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Dr. Helena Varkkey ist Senior Lecturer am Department of International and Strategic Studies der University of Malaya in Kuala Lumpur, Malaysia. Sie hat nach jahrelanger Feldforschung in Indonesien, Malaysia und Singapore über Haze in Südostasien promoviert und dabei das Agrobusiness und klientilistische Patronage-Netzwerke ins Zentrum der Problembetrachtung gestellt. Foto © Helena Varkkey

Im Sommer und Herbst 2019 konnten wir in den Medien beobachten, wie Indonesiens Wälder wieder in Flammen standen. Wie haben sich die Waldbrände 2019 im Vergleich zu den Vorjahren entwickelt, vor allem im Vergleich zu 2015?

Waldbrände haben wir in Südostasien relativ regelmäßig. In Indonesien treten sie normalerweise jedes Jahr in der Trockenzeit auf. Das hat sowohl natürliche als auch Menschen gemachte Gründe. Ich beschäftige mich vor allem mit dem grenzübergreifenden Charakter der Feuer. Ob Brände zu einem grenzübergreifenden Problem werden hängt sehr stark von den Wetterverhältnissen ab. 2019 hatten wir eine sehr trockene El Niño Saison.

El Niño ist ein wiederkehrendes Wetterphänomen, mit einer Kombination aus extremer Trockenheit, wenig Regen und sehr starken Winden, das alle drei bis fünf Jahre auftritt. 2015 hatten wir einen extrem starken El Niño und 2019 ist er erneut eingetreten. 2016, 2017 und 2018 war es dagegen nicht so trocken und der Wind war nicht stark genug, um die Feuer zu einem grenzüberschreitenden Problem zu machen.

Grenzübergreifend meint, dass der Rauch, auch ‚Haze‘ genannt, zu einem grenzübergreifenden Problem wird?

Wenn ich von einer grenzübergreifenden ‚Haze‘-Episode spreche, dann meine ich damit, dass der Rauch der Feuer, die in der Regel in Indonesien auftreten, sich über die Grenzen hinweg auf die Nachbarstaaten ausbreitet. Die unmittelbar betroffenen Länger sind Singapur und Malaysia. Wenn es sehr schlimm wird, kann der Smog auch noch weiter nach Norden vordringen.

Im Extremfall kann der Rauch bis zu sechs Länder erreichen, bis hoch zu den Philippinen und Thailand. Aber 2019 war es nicht ganz so extrem und betraf [neben Indonesien selbst] „nur“ Malaysia, Singapur und Brunei.

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Breiten sich die Waldbrände aus, sind auch Indonesiens Nachbarstaaten vom Rauch betroffen, hier Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur © Yusof Mat Isa

Was sind direkte Auswirkungen der Feuer für die lokale Bevölkerung in den betroffenen indonesischen Regionen Kalimantan und Sumatra, aber auch auf das Leben in den Nachbarländern?

Es ist nicht einfach, die Intensität der Situation in Indonesien mit dem zu vergleichen, was wir in Malaysia erleben. Ich bin Malaysierin, also mache ich Untersuchungen und Beobachtungen dazu, welche Auswirkungen ‚Haze‘ auf Malaysia hat. Aber im gleichen Atemzug müssen wir immer auch im Blick behalten, wie viel schlimmer die Lage in Kalimantan und Sumatra ist. 2019 hatten wir in Malaysia PSI-Werte von 300 [der Pollution Standard Index ist ein Messsystem, das die Konzentration von Schadstoffpartikeln in der Luft angibt], was schon ein sehr gefährliches Level ist.

„Wenn du den Rauch einatmest, verklebt er deine Lungen und geht direkt in deinen Blutkreislauf, was zu Atemproblemen führt und bereits bestehende Erkrankungen stark verschlechtern kann. Neuere Forschungsergebnisse schätzen die Zahl der durch ‚Haze‘ verursachten Todesfälle in Südostasien auf 100.000 Menschen, davon 90.000 in Indonesien .“

Aber in Indonesien, nahe den Epizentren des Feuers, stiegen die Werte auf 2.000 PSI. Du kannst dir vorstellen, wir haben 300 schon als sehr belastend wahrgenommen, aber 2.000 über dem Boden, in Atemhöhe, das ist viel, viel schlimmer. Das hat drastische Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen. Die Feuer aus brennender Biomasse produzieren sehr kleine Russpartikel, 2,5 Pikometer oder noch kleiner, die klein genug sind, um sie einzuatmen.

Das führt zu nachhaltigen und langfristigen Gesundheitsproblemen, vor allem für sehr junge und sehr alte Menschen. Wenn du den Rauch einatmest, verklebt er deine Lungen und geht direkt in deinen Blutkreislauf, was zu Atemproblemen führt und bereits bestehende Erkrankungen stark verschlechtern kann. Neuere Forschungsergebnisse schätzen die Zahl der durch ‚Haze‘ verursachten Todesfälle in Südostasien auf 100.000 Menschen, davon 90.000 in Indonesien. Gleichzeitig haben die Brände auch enorme wirtschaftliche Auswirkungen, denn wer krank ist, kann nicht zu Arbeit gehen.

Das führt zu einem Produktivitätseinbruch. Gleichzeitig gehen die Touristenzahlen zurück. Und viele andere Bereiche sind ebenfalls beeinträchtigt, zum Beispiel die Fischerei. Fischer*innen können aufgrund der schlechten Sicht nicht mehr aufs Meer raus fahren und deswegen wird weniger Fisch gefangen.

Im Kontext des Klimawandels wird derzeit viel über brennende Torfwälder diskutiert.

Ja, Torfgebiete sind ein großer Teil des Problems und das ist eng verbunden mit der Art der Landnutzung in Indonesien. Torfwälder sind eine einzigartige und besonders sensible Form von Land in unserer Region. Indonesien hat den größten Anteil von Torfgebieten in den tropischen Regionen der Welt.

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Indonesische Schulkinder versuchen, sich durch das Tragen eines Mundschutz vor dem giftigen Rauch zu schützen © Rainforest Action Network

Torfwälder sind normalerweise feucht und mit Wasser geflutet und in diesem nassen Zustand sind sie ein einzigartiger Kohlenstoffspeicher. Wenn Blätter, Zweige und anderes organisches Material der ursprünglichen Torfwälder auf den Boden fallen, sinken sie unter die Wasseroberfläche. Der Kompostierungsprozess, der normalerweise den Kohlenstoff freisetzt, wird unter Wasser eingeschlossen.

Die Probleme beginnen, wenn man Torfgebiete trockenlegt und dass passiert in Indonesien und Malaysia häufig, um Land für Plantagen nutzbar zu machen. Dann wird all der Kohlenstoff, der in den Böden unter Wasser eingeschlossen war, schlagartig freigesetzt. Das heizt den Klimawandel an. Vor einigen Jahren rutschte Indonesien auf Rang drei der weltweit größten Treibhausgasproduzenten.

Schuld daran waren nicht Industrialisierung und die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle oder Öl, sondern die beschriebenen Landnutzungsänderungen. Hinzu kommt, dass Torfgebiete, wenn sie erst einmal trockengelegt sind, äußerst feueranfällig sind. Und wenn sie Feuer fangen, dann wird der Kohlenstoff noch schneller in die Atmosphäre geblasen.

„Die Probleme beginnen, wenn man Torfgebiete trockenlegt und dass passiert in Indonesien und Malaysia häufig, um Land für Plantagen nutzbar zu machen. Dann wird all der Kohlenstoff, der in den Böden unter Wasser eingeschlossen war, schlagartig freigesetzt. Das heizt den Klimawandel an.“

Das heißt, wenn Torfwälder brennen, wurden sie vorher von Menschen trockengelegt?

Ja, denn im natürlichen Zustand sind Torfwälder mit Wasser geflutet. Wenn sie brennen, hat das in der Regel etwas mit Eingriffen des Menschen zu tun. Waldbrände treten nicht nur in Torfgebieten auf. Aber der Charakter des Feuers ist entscheidend und er wird dadurch bestimmt, auf welchem Boden es sich ausbreitet.

Feuer, die auf Torfböden brennen, setzten viel mehr CO2 frei. Außerdem sind sie viel schwerer zu löschen. Torfböden sind quasi reiner Treibstoff. Das Feuer in Torfgebieten kann sich unter die Erde verlagern. Dann brennt der Boden buchstäblich und man sieht Rauch aus der Erde aufsteigen. Brennende Torfgebiete machen nur 40 Prozent aller Waldbrände in Indonesien aus, aber sie verursachen 80 bis 90 Prozent des ‚Haze‘ und der Treibhausgasemissionen.

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Abgebrannter Trofwald auf der indonesischen Insel Sumatra © Prayoto

Du forschst seit vielen Jahren in Indonesien und Malaysia zu den Entwicklungen der Feuer. Was sind, deiner Meinung nach, die Hauptursachen der Waldbrände?

Eigentlich existiert in Indonesien eine ganze Reihe von Gesetzen, die Torfwälder schützen sollen. Erst kürzlich hat der Präsident ein Moratorium auf die Umwandlung von Torfwälder in Plantagen verhängt. Das Problem dabei ist jedoch, dass Torfgebiete auch sehr attraktiv für Plantagenunternehmen sind . Es gibt eine Reihe von Gründen dafür: Erstens sind Torfwälder reich an wertvollen Tropenhölzern, die verkauft und als Start-Up-Kapital für die weitere Erschließung genutzt werden können.

Zweitens liegen Torfgebiete meistens auch in sehr abgelegenen Regionen, in denen es kaum Dörfer gibt. Das heißt, die Plantagenunternehmen müssen sich weniger mit der lokalen Bevölkerung und der Kompensierung von lokalen Gemeinden befassen.

Ein dritter Grund ist, dass ungenutztes Land für die Plantagenentwicklung generell immer knapper wird und Unternehmen deswegen auch verstärkt in Torfgebiete vordringen. Obwohl es rechtlich untersagt ist, dass Torfwälder abgeholzt und erschlossen werden, stehen ein Viertel aller Plantagen in Indonesien auf Torfböden.

Wie ist das möglich?

„Die lokalen Regierungschefs, die Bupati [Landräte] haben also die Macht, Staatsland herauszugeben und gleichzeitig sind sie auch auf die Steuereinnahmen angewiesen. Und natürlich sind sie auch an der Möglichkeit interessiert, Schmiergeld zu kassieren. Im Prinzip umgehen sie dann die Regulierungen der Zentralregierung und verteilen Land – auch Torfwälder – an ihre Freunde und Familienmitglieder in den Plantagenunternehmen.“

Ich argumentiere in meinen Publikationen, dass das mit einer starken Kultur der Patronage zusammenhängt. Patrone, die üblicherweise in der Regierung oder öffentlichen Verwaltung sitzen, schützen und unterstützen ihre Klienten, die im Businesssektor tätig sind, indem sie bestimmte Landrechte an sie vergeben. Dies mag in ihrer Macht liegen, aber sie folgen dabei nicht den rechtlichen Regelungen und Prozedere. Dabei spielt auch Indonesiens System der Dezentralisierung eine Rolle.

Die Lokalregierungen haben die Kontrolle über die Vergabe von Land. Gleichzeitig wurde auch das Steuersystem teilweise dezentralisiert und die Lokalregierungen müssen ihr Budget über das Erheben von Steuern selbst generieren. Die lokalen Regierungschefs, die Bupati [Landräte] haben also die Macht, Staatsland herauszugeben und gleichzeitig sind sie auch auf die Steuereinnahmen angewiesen. Und natürlich sind sie auch an der Möglichkeit interessiert, Schmiergeld zu kassieren. Im Prinzip umgehen sie dann die Regulierungen der Zentralregierung und verteilen Land – auch Torfwälder – an ihre Freunde und Familienmitglieder in den Plantagenunternehmen.

Wie kommt es dann zu den flächendeckenden Waldbränden?

Das hängt stark mit den Praktiken der Unternehmen zusammen. Allein die Tatsache, dass sich die Plantagen auf Torfböden befinden, setzt sie schon einem enorm hohen Feuer-Risiko aus. Leider sind viele Unternehmen bereit, dieses Risiko einzugehen, weil die Plantagen einfach so lukrativ sind. Aber die Situation eskaliert auch deswegen, weil manche Unternehmen Feuer benutzen, um das Land vollständig zu roden, nachdem die wertvollen Tropenhölzer bereits gefällt wurden. Das ist der einfachste und billigste Weg, Gestrüpp und Baumstümpfe loszuwerden und das Land für die Bepflanzung vorzubereiten. Aber wenn man Feuer auf Torf legt, verbreitet es sich schnell unkontrolliert weiter. Und dann haben wir die riesigen Brände, wie wir sie immer wieder sehen.

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Smog in Kalimantan, Indonesien, nach starken Waldbränden im Jahr 2015 © Watchdoc, Screenshot aus dem Film Asimetris

Was hat die indonesische Regierung bis jetzt getan, um die Brände zu bekämpfen? Präsident Joko Widodo (Jokowi) hat ja versprochen, das ‚Haze‘-Problem innerhalb einer Legislaturperiode zu lösen. Wir würdest du seine Politik beurteilen?

Jokowi hat dem ‚Haze‘-Problem sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt, weil es eines der ersten Probleme war, mit dem er sich auseinandersetzen musste, als er [2014, d.R.] ins Amt kam. Ich denke Jokowi hat das Herz am rechten Fleck, aber leider sind einige grundlegende Maßnahmen im Politikbetrieb untergegangen.

Der grenzübergreifende Charakter des Haze-Problems führt dazu, dass die Folgen der Brände nicht nur in Indonesien, sondern auch in den Nachbarländern spürbar sind.

Aber Indonesien hat sich bis jetzt sehr unwillig und unzugänglich gezeigt, mit ASEAN zu kooperieren, um das ‚Haze‘-Problem auf einer regionalen, zwischenstaatlichen Ebene anzugehen. Viele der großen Palmöl- und Tropenholzkonzerne kommen aus Malaysia und Singapur. Die Präsenz der anderen ASEAN-Staaten in Indonesien liegt auf der Hand. Deswegen ist es nicht hilfreich, den anderen den Schwarzen Peter zu zuspielen und sie zu beschuldigen, aber gleichzeitig keine Offenheit und Transparenz im Teilen von Informationen zuzulassen.

„Indonesien hat sich bis jetzt sehr unwillig und unzugänglich gezeigt, mit ASEAN zu kooperieren, um das ‚Haze‘-Problem auf einer regionalen, zwischenstaatlichen Ebene anzugehen. Viele der großen Palmöl- und Tropenholzkonzerne kommen aus Malaysia und Singapur. Die Präsenz der anderen ASEAN-Staaten in Indonesien liegt auf der Hand. “

Singapur hat ein Transboundary-Haze-Gesetz, dass die strafrechtliche Verfolgung von Entitäten außerhalb Singapurs möglich macht, wenn diese für die Verursachung von ‚Haze‘ verantwortlich sind. Aber Indonesien hat sich bis jetzt nicht sehr kooperativ gezeigt, Singapur Zugang zu wichtigen Informationen zu geben. Ich denke, diese transnationale Zusammenarbeit wäre ein wichtiger Schritt, aber sie wird derzeit von Indonesien blockiert.

Das indonesische Umwelt- und Forstministerium hat beispielsweise im Rahmen seiner Untersuchungen eine ganze Liste von Plantagenunternehmen veröffentlicht, die im Verdacht standen, in das Legen von Feuer involviert zu sein. Und das wurde sozusagen dazu benutzt, auf Malaysia zu zeigen, nach dem Motto: „das sind eure Leute, die dafür verantwortlich sind“. Aber als Malaysia dann Unterstützung angeboten hat, haben sie die nicht angenommen.

Wenn Indonesien behauptet, dass malaysische Firmen in die Verursachung der Waldbrände involviert sind, dann sollten sie ihre Informationen transparent machen und Malaysia erlauben zu ermitteln, zu helfen und ihre eigenen Feuerwehreinheiten zu schicken.

Welche Maßnahmen hat Jokowi bis jetzt umgesetzt, um die Ursachen der Feuer zu bekämpfen?

Auf der lokalen Ebene hat Jokowi schon einiges getan. Er hat zum Beispiel die Badan Restorasi Gambut aufgebaut (Agentur zur Restauration von Torfgebieten). Sie soll Torfgebiete, die in der Vergangenheit durch Feuer zerstört wurden, wieder rehabilitieren. Das ist eine sinnvolle Initiative, aber sie fokussiert nur auf brachliegende, besitzerlose Torfgebiete. Sie bleibt leider unklar darüber, was mit den Torfgebieten passiert, die sich unter Konzessionen von Plantagenunternehmen befinden.

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Meistens von Menschen gemacht: Waldbrände in Kalimantan, Indonesien © Rini Sulaiman

Jokowi hat auch versucht, das Patronage-Problem anzugehen, in dem er den Umgang mit dem Feuer zu einem Key-Perfomance-Indikator von Armee- und Polizeichefs gemacht hat. Wenn die nun in ihrem Amtsbereich Waldbrände haben, laufen sie jetzt Gefahr, ihre Posten zu verlieren. Das ist eine gute Initiative, aber sie schließt nicht die Gouverneure und lokalen Regierungschefs ein, weil diese nicht durch die Zentralregierung eingesetzt oder entlassen werden können.

„Zu weiteren Maßnahmen, die Jokowi ergriffen hat, gehört auch die Zusammenlegung des Umwelt und Forstministeriums. Dies war mit der Annahme verbunden, dass Umwelt-Angelegenheiten dann auch bei den Forstbehörden einen höheren Stellenwert bekommen. Aber ich denke, dadurch, dass das Forstministerium die stärkere Behörde ist, kam es eher dazu, dass die Umweltangelegenheiten innerhalb des neu zusammengelegten Ministeriums in den Hintergrund gedrängt wurden.“

Zu weiteren Maßnahmen, die Jokowi ergriffen hat, gehört auch die Zusammenlegung des Umwelt und Forstministeriums. Dies war mit der Annahme verbunden, dass Umwelt-Angelegenheiten dann auch bei den Forstbehörden einen höheren Stellenwert bekommen. Aber ich denke, dadurch, dass das Forstministerium die stärkere Behörde ist, kam es eher dazu, dass die Umweltangelegenheiten innerhalb des neu zusammengelegten Ministeriums in den Hintergrund gedrängt wurden.

Darüber hinaus hat Jokowi das Moratorium auf die Vergabe von neuen Konzessionen für Ölpalmplantagen dauerhaft verlängert. Das ist ein sehr wichtiger Schritt, wenn er richtig implementiert wird. Aber Präsidialverordnungen bleiben von begrenzter Wirkung, solange sie im Parlament nicht durch Gesetzte verankert werden. Das Moratorium anzukündigen heißt noch nicht automatisch, dass es auch umgesetzt werden wird.

Schließt das Moratorium auch Konzessionen ein, die bereits vergeben wurden?

Das ist ein weiteres Problem dabei, das ist eines der Schlupflöcher. Konzessionen, die bereits vergeben wurden, sind – soweit ich weiß – nicht mit eingeschlossen. Ganzheitlich betrachtet hat Jokowi im Vergleich zu vorherigen Präsidenten zwar bis jetzt am meisten Einsatz gezeigt, aber sein Einfluss auf der lokalen Ebene ist einfach begrenzt. Was noch dazu kommt ist, dass es sich um ein saisonales Problem handelt, das kommt und dann wieder verschwindet.

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Nach den Waldbränden folgen die Plantagen: Palmölanbau in Westkalimantan © Rainforest Action Network

Wenn es brennt, dann richtet sich alle Aufmerksamkeit darauf, aber wenn die Feuer abgeklungen sind, tritt das Thema wieder in den Hintergrund. Das Budget der Peatland Restoration Agency wurde beispielsweise nach einigen Jahren wieder zusammengestrichen, weil die Feuer in den Jahren zwischen den El Niños nicht mehr so schlimm waren. Kontinuität ist aber sehr wichtig, wenn es um die Bekämpfung der Brandursachen geht. Denn Prävention ist am allerwichtigsten. Wenn die Feuer bereits da sind, dann ist es zu spät, sie zu kontrollieren.

In Europa wird in der Öffentlichkeit darüber diskutiert, ob ein Boykott von Palmöl helfen kann, die Expansion von Plantagen und damit auch die Waldbrände zu stoppen. Die Europäische Union hat vor diesem Hintergrund entschieden, Palmöl aus dem Förderprogramm für Biodiesel auszuschließen. Ist das der richtige Weg?

Ich halte das für keine gute Idee. Ich denke, Palmöl aus dem Agrartreibstoffprogramm auszuschließen, verbreitet das Bild, dass Palmöl grundsätzlich nicht nachhaltig ist. Darin sehe ich ein Problem. Nicht jede Form von Palmöl ist schlecht. Indem man den Markt einfach blockiert, unterbindet man auch die Nachfrage nach nachhaltigem Palmöl.

Der Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) hat große Probleme, Absatzmärkte für sein zertifiziertes Palmöl zu finden. Unternehmen, die nachhaltiges Palmöl produzieren, können es nicht zu einem Premiumpreis verkaufen, weil es keinen Markt dafür gibt. Dadurch, dass die EU den Markt blockiert, verschärft sie die Situation für diese Unternehmen, die bereits Aufwand betrieben haben, um nachhaltiger zu werden.

Aber das Argument ist doch, dass Agrartreibstoffe die Nachfrage nach Palmöl weiter nach oben treiben und damit immer auch zu einer Expansion der Plantagen führen.

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Aus der Frucht der Ölpalme stammt das billigste Pflanzenöl der Welt, das auch im so genannten Biodiesel steckt © Iddy Farmer/CIFOR, Flickr (CC-BY NC-ND 2.0)

Das stimmt, aber der Punkt ist doch, dass Biodiesel so oder so produziert und genutzt wird, ob mit oder ohne Palmöl. Und wenn man Palmöl verbietet, muss man es durch ein anderes Öl ersetzen. Andere Pflanzenöle sind aber weniger effizient, das heißt, sie verbrauchen mehr Fläche. Das heißt, man triggert damit die Abholzung von Wald an einem anderen Ort, möglicherweise in einem noch größeren Ausmaß, zum Beispiel mit Soja oder Raps. Wenn es stattdessen eine größere Nachfrage nach nachhaltigem Palmöl für Biodiesel gäbe, könnte man der Industrie Anreize setzen, sich nachhaltiger zu verhalten.

Was verstehst du denn unter nachhaltigem Palmöl? Auch zertifizierte Palmölplantagen sind bekannt dafür, große Mengen Pestizide und Kunstdünger einzusetzen, was auf lange Sicht unter anderem die Böden übersäuern kann.

Wenn man viele Chemikalien und Kunstdünger benutzt, ist das natürlich nicht sehr nachhaltig. Die Palmölindustrie wendet immer noch Praktiken an, die überhaupt nicht nachhaltig sind, und eine davon ist die Trockenlegung und Bebauung von Torfgebieten. Aber wenn man sich an nachhaltige Anbaumethoden hält, verursachen Palmölplantagen weniger Probleme.

Dabei geht es darum, weniger Chemikalien einzusetzen und vorteilhafte Züchtungen zu benutzen. Anstatt Chemikalien zu nutzen, sollte man sich auf hochwertige Palmen konzentrieren, die gute Samen produzieren. Anstatt zu expandieren, sollte man intensivieren. Man konzentriert sich auf die Plantagen, die man schon hat und produziert mehr Ertrag und bessere Qualität, anstatt permanent neues Land zu roden.

„Anstatt Chemikalien zu nutzen, sollte man sich auf hochwertige Palmen konzentrieren, die gute Samen produzieren. Anstatt zu expandieren, sollte man intensivieren. Man konzentriert sich auf die Plantagen, die man schon hat und produziert mehr Ertrag und bessere Qualität, anstatt permanent neues Land zu roden..“

Ich glaube, es ist möglich, Palmöl nachhaltig zu produzieren. Und meine Aufgabe als Wissenschaftlerin ist es, bestimmte Praktiken, die ich für nicht nachhaltig, sondern schädlich halte, offen zu legen und ihre politischen und ökonomischen Hintergründe zu diskutieren. Letztlich müssen wir gegen diese Praktiken vorgehen, um eine nachhaltigere Industrie zu schaffen. Denn für uns, in diesem Teil der Welt, ist Palmöl sehr wichtig, es ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der auch Entwicklung ermöglicht.

Wenn du von Intensivierung sprichst, kann das nicht auch einen weniger nachhaltigen Effekt haben, wenn man die Erträge durch immer höheren Einsatz von Agrarchemikalien steigert?

Ja, wenn man immer mehr Kunstdünger benutzt, kann das nicht nachhaltig sein. Aber es gibt auch andere Wege. In Malaysia haben wir eine Regierungsbehörde, die daran forscht, wie man Palmöl nachhaltig anbauen kann. Beispielweise pflanzen sie kleine Kletterpflanzen zwischen den Palmen an, die den Boden mit Nährstoffen versorgen. Dadurch lässt sich Kunstdünger vermeiden.

In Europa sind viele sehr skeptisch gegenüber dem RSPO, weil es so viele Fälle gab, in denen Palmölunternehmen die Standards verletzt haben und nicht suspendiert oder innerhalb des Systems sanktioniert wurden. Hat der RSPO nicht ein Problem damit, seine Standards, die auf der internationalen Ebene beschlossen wurden, auf der lokalen Ebene durchzusetzen?

Ich kann verstehen, dass es Skepsis gibt – der RSPO ist kein perfektes System. Aber ich denke, er ist als Ausgangspunkt gut genug. Der RSPO erneuert seine Regulierungen und Standards immer wieder, das ist ein Prozess. Ich hoffe, dass er sich noch verbessern wird und in der Zukunft dann auch von mehr Ländern akzeptiert wird.

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„Torfböden sind quasi reiner Treibstoff“

Laos: Nachhaltigere Waldbewirtschaftung und eine Ausweitung der Waldfläche stehen im Fokus der nationalen Klimaziele. Erste positive Entwicklungen sind zu verzeichnen, doch Entwaldung bleibt ein Problem. Das verstärkt die Auswirkungen vermehrt auftretender Extremwetterereignisse.

Laos verzeichnet mit 58 Prozent (2015) zwar noch immer eine der höchsten Waldbedeckungen auf dem südostasiatischen Festland (Ministry of Agriculture and Forestry, MAF 2018). Diese ist jedoch in den letzten Jahrzehnten von etwa 70 Prozent dramatisch zurück gegangen. Zudem ist sind die Waldflächen stark fragmentiert.

Der Rückgang und die Degradierung der Naturwälder führen zu erhöhten Treibhausgasemissionen. Laos hat sich aufgrund von Landnutzungsänderungen von einer netto Kohlenstoffsenke hin zu einem Emittenten von Treibhausgasen entwickelt. Der Anteil von Laos ist mit weniger als 0,1 Prozent an den weltweiten Emissionen jedoch sehr gering.

Die jährlichen Emissionen lagen nach Schätzungen des World Resources Institute im Jahr 2016 bei 47 Million Tonnen Kohlendioxid. Davon entfallen 55 Prozent auf Landnutzungsänderungen und Waldbewirtschaftung sowie 21 Prozent auf die Landwirtschaft.

Extremwetterereignisse bedrohen Lebensgrundlagen

Die Bevölkerung trägt nicht wesentlich zum Klimawandel bei, ist aber unverhältnismäßig stark betroffen. Die Folgen des anthropogen verursachten Klimawandels sind schon heute in Laos deutlich zu spüren. Etwa drei Viertel der nationalen Katastrophen innerhalb der letzten 50 Jahre hatten einen klaren Bezug zu Wetter und Klima: Überschwemmungen mit 50 Prozent, Stürme mit 14 Prozent und Dürren mit 14 Prozent.

Vor 1992 kamen Naturkatastrophen ungefähr einmal alle zwei Jahre vor, seit 1992 ein- bis zweimal pro Jahr. Das Land gilt als hochgradig anfällig für Überschwemmungen durch Flüsse, städtische Überschwemmungen, Erdrutsche, Zyklone und Waldbrände. Zudem hat es ein mittelgroßes Risiko für extreme Hitze. Laos ist mit einem erheblichen Klimarisiko konfrontiert, laut Klima-Risiko-Index (KRI 2020) von Germanwatch liegt Laos auf Rang 22 von 181. Es gehört zu den Ländern, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind.

Ernteausfälle führen zu geringeren Einkommen

Bisher hat die laotische Regierung, bedingt durch geringe Kapazitäten, jedoch wenig unternommen, um das Land und die Bevölkerung auf die kommenden Auswirkungen des Klimawandels einzustellen. Arme und marginalisierte Gruppen sind unverhältnismäßig stark mit Klimarisiken konfrontiert, da sie Temperaturanstieg und Niederschlägen stärker ausgesetzt sind und aufgrund ihrer Abhängigkeit von der unmittelbaren Umwelt eine geringere Anpassungsfähigkeit besitzen.

Von den Reisfeldern an den Flüssen bis hin zum Kalksteinkarst sind die Subsistenzlandwirt*innen – etwa 80 Prozent der ländlichen Bevölkerung – darauf angewiesen, die richtige Menge an Regen zur richtigen Zeit zu erhalten. Doch in den letzten Jahren haben Veränderungen des globalen Klimas zu langen Trockenzeiten und dann zu kurzen, intensiven Regenzeiten geführt, die die Anbauflächen überschwemmen.

Die Überschwemmungen zerstören jährlich etwa 60.000 Hektar Reisfelder in Laos, und diese Zahl wird noch steigen. Gleichzeitig können Nassreisfelder nicht bestellt werden, da nicht ausreichend Niederschlag fällt und künstliche Bewässerungssysteme kaum verbreitet sind. Dies führt zu Ernteausfällen, was sich wiederum auf die Nahrungsmittelproduktion und Versorgung auswirkt. Die Zunahme von Dürren und hohen Temperaturen wird voraussichtlich zu Wasserknappheit in Trockenzeiten führen.

Steigende Temperaturen werden das Auftreten und die Reichweite von Schädlingen erhöhen, was wiederum zu Ernteausfällen führt. Etwa 40 Prozent der üblichen Reismenge wurde 2019 aufgrund des fehlenden Regens nicht angepflanzt. Dies wirkt sich dramatisch auf die Einkommen der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern aus, die in der Mehrheit auf die Reisproduktion angewiesen sind.

Durch die klimawandelbedingten Veränderungen sieht sich die laotische Regierung gefordert, entsprechende Maßnahmen zur Eindämmung der Folgen des Klimawandels zu entwickeln und umzusetzen. Als Least Developed Country (LDC) stehen dafür nur unzureichende Haushaltsmittel zur Verfügung und Laos ist in großem Maße auf Unterstützung durch bi- und multilaterale Geber angewiesen.

Laos‘ Beitrag, um den Klimawandel einzudämmen

Die im Vorfeld der Pariser Klimakonferenz 2015 von Laos eingereichten national festgelegten Beiträge (Nationally Determined Contribution, NDC) an die Klimarahmenkonvention weisen darauf hin, dass sich die Bemühungen um eine Eindämmung auf die Sektoren Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft konzentrieren sollten.

So wurde das Ziel einer 70% Waldbedeckung bis 2020 aus der nationalen Waldstrategie sowie dem nationalen sozio-ökonomischen Entwicklungsplan übernommen. Nicht nur in Bezug auf Minderung des Klimawandels, sondern auch in Bezug auf Anpassung an den Klimawandel findet der Forstsektor prominente Erwähnung.

Die laotische Regierung nominierte die Abteilung für Klimawandel (Department of Climate Change, DCC) des Ministeriums für natürliche Ressourcen und Umwelt (Ministry of Natural Resources and Environment, MoNRE) zur nationalen Koordinierungsstelle der Umsetzung der NDC in Laos. Die Regierung hat auch eine Reihe damit zusammenhängender Gesetze und Verordnungen erlassen, wie z.B. das neue Forstgesetz im Juni 2019 und den Erlass über den Klimawandel im September 2019.

Das Dekret legt die Grundsätze, Vorschriften und Maßnahmen für die Verwaltung, Überwachung und Inspektion von Aufgaben im Zusammenhang mit dem Klimawandel fest, um die potenziellen Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen.

Das Erreichen der NDC bleibt herausfordernd

1995 ratifizierte die Regierung die Klimarahmenkonvention und 2003 das Kyoto-Protokoll. 2010 wurde die National Strategy on Climate Change of the Lao PDR verabschiedet. Diese baut auf der Verpflichtung des Landes zu seinen Bemühungen dem Klimawandel zu begegnen auf. Laos hat im September 2016 als eines der ersten ASEAN-Länder – und noch vor der EU – das Pariser Klimaabkommen ratifiziert und sich somit den Zielen ihrer national festgelegten Beiträge (NDC) verschrieben.

Die im NDC festgehaltenen Ziele sind zwar nicht völkerrechtlich bindend. Die Vertragsstaaten des Übereinkommens müssen jedoch Maßnahmen umsetzen, die zur Erreichung der NDCs beitragen. Im Zyklus von fünf Jahren sind die Vertragsstaaten dazu angehalten ihre NDC zu überarbeiten und Ambitionssteigerungen zu kommunizieren. Das DCC plant eine Überarbeitung des NDC für 2020.

Die großen Herausforderungen, die die Bemühungen des Landes behindern, seine NDC-Ziele, speziell im Forstsektor, zu erreichen, sind seit vielen Jahren unverändert. Dazu zählen u.a., die Anfälligkeit in Bezug auf Korruption, die unzureichende Umsetzung von Richtlinien und Maßnahmen vor Ort, gepaart mit oft fehlender Koordination zwischen den Schlüsselsektoren sowie ein Mangel an verfügbaren finanziellen Mitteln für die Umsetzung von Aktivitäten. Unklarheit besteht weiterhin darüber, ob das 70 Prozent-Ziel Bewaldung 2020 erreicht wird (laut Center for International Forestry Research (CIFOR) gab es im Februar 2020 noch keine offizielle Bestandaufnahme der bewaldeten Fläche für das Jahr 2019).

Klimaschutz durch Walderhalt und social media

Das laotische NDC weist auf das Minderungspotenzial des Forstsektors hin und unterstreicht die Bedeutung von REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation and the role of conservation, sustainable management of forests and enhancement of forest carbon stocks in developing countries) sowie FLEGT (Forest Law Enforcement, Governance and Trade) für die Erreichung des Ziels einer Waldbedeckung von 70 Prozent und einer funktionierenden nachhaltigen Waldwirtschaft unter Beteiligung der lokalen Bevölkerung.

Über die letzten Jahrzehnte sind große Summen an ODA (Official Development Assistance) Mitteln in den laotischen Forstsektor geflossen. So ist Laos ein Partnerland der Forest Carbon Partnership Facility (FCPF) und kann 2025, bei tatsächlich nachgewiesener Reduktion der Emissionen aus Entwaldung, ergebnisbasierte Zahlungen aus dem FCPF Carbon Fund unter der Weltbank erhalten.

Laos war ebenfalls eines der Zielländer des Forest Investment Programms (FIP) unter Beteiligung der Weltbank sowie der finnischen Regierung. Seit über zehn Jahren unterstützt auch die deutsche Bundesregierung über das BMZ den Sektor, mit Fokus auf REDD+ und FLEGT. Auch für die nächsten Jahre sind finanzielle Mittel in großem Umfang zugesagt. Mit dem nach langjähriger Überarbeitung im Juni 2019 verabschiedeten Forstgesetz sind die Weichen gestellt, nachhaltige Forstwirtschaft in der Fläche umzusetzen.

Bereits vor der Jahrtausendwende wurde Laos schon einmal als positives Beispiel in Bezug auf Dorfwaldbewirtschaftung aufgeführt. Jedoch wurden die Ansätze unter Beteiligung der lokalen Bevölkerung im Rahmen des FOMACOP (Forest Management and Conservation Project) Projekts von der Regierung abrupt gestoppt.

Vermutlich war illegale Abholzung für die Distrikte und Provinzen, und für die Eliten in der Hauptstadt Vientiane doch zu lukrativ. So sind in den Jahren bis 2015 unzählige Mengen an wertvollen Rundhölzern zum Teil aus Konzessionsflächen, aber in sehr großem Umfang auch darüber hinaus, in die Nachbarländer nach China und Vietnam – oft illegal – exportiert worden.

Einen sicherlich entscheidenden positiven Einfluss auf die Waldbedeckung bzw. den Rückgang der illegalen Abholzung hat die Verordnung Nr. 15 des Premierministers. Sie verbietet die Ausfuhr von Rundholz, halbverarbeitetem Holz, Wurzeln, Stümpfen, Ästen und anderen Teilen von Bäumen, die aus Naturwäldern geerntet wurden. Nur der Export von fertigen Möbeln und Holzprodukten ist erlaubt.

In einem Zeitungsartikel (Vientiane Times, 6 Juni 2016: Export ban sees timber traders turn to other means” from the ‘Editorial Desk’) wurde vorgeschlagen, dass die Öffentlichkeit die Rolle von ‚watch dogs‘ spielen kann, um den illegalen Holzeinschlag aufzudecken. Die Regierung solle die sozialen Medien als Kampagneninstrument nutzen, indem sie eine Facebook-Seite erstellt, auf der die Bürger illegale Aktivitäten melden und Beamte diese Informationen für ihre Ermittlungen nutzen können.

Tatsächlich hatte Premierminister Thongloun Sisoulith dazu aufgerufen, relevante Informationen auf seiner Facebook-Seite zu veröffentlichen. Im Juni 2019 hat die staatliche Nachrichtenagentur verkündet, dass die Facebook-Seite laut Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit aus dem Büro des Premierministers nicht in direktem Zusammenhang mit dem Premierminister stünde. Es ist jedoch nach wie vor möglich, öffentliche Anliegen über soziale Medien zu kommunizieren.

Die beliebteste Facebook-Seite ist THOLAKHONG, auf der die Bürger in der Regel ihre Bedenken äußern. Die laotische Jugendradio-Seite Lao Youth Radio ist ebenfalls ein viel genutzter Kanal. So führt der Druck der Gesellschaft über soziale Medien, neben den fehlenden Steuereinnahmen und der Erkenntnis, dass die Holzressourcen begrenzt sind, dazu, dass die Regierung proaktiver und engagierter bei der Verhinderung des illegalen Holzeinschlags und bei der Durchsetzung der bestehenden Vorschriften vorgeht.

Dank internationaler Klimafinanzierung kann Laos externe finanzielle Ressourcen mobilisieren, um den chronisch unterfinanzierten Forstsektor zu stärken – ob diese Investitionen und institutionellen Vorarbeiten einen Beitrag zur Minderung des Klimawandels und zugleich positive Entwicklungswirkungen für die ländliche Bevölkerung hinsichtlich Anpassung an die Folgen des Klimawandels hat, wird sich zeigen müssen. Zumindest deuten die letzten Zahlen von Global Forest Watch auf einen Rückgang der Entwaldung seit 2016 hin.

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„Torfböden sind quasi reiner Treibstoff“

Südostasien/Kambodscha: Insbesondere auf dem Land stellt Wasserversorgung für viele Menschen eine tägliche Herausforderung dar. Aufgrund von gesellschaftlichen Rollenbildern und Pflichten betrifft dies Frauen am meisten.

Zunehmender Wasserverbrauch setzt die Menschen unter Druck

Weltweit haben über zwei Milliarden Menschen keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser. 160 Millionen dieser Menschen leben in Ost- und Südostasien (Stand: 2017). Obwohl Südostasien in den letzten 20 Jahren große Fortschritte bei der Wasserversorgung der Bevölkerung gemacht hat, liegt die Sterberate aufgrund von unzureichender Wasserhygiene je 100.000 Haushalten immer noch zwischen 0,1 in Singapur und 13,9 in Laos. Ländliche Regionen sind generell schlechter versorgt als Städte. Aufgrund der schlechten Datenlage zur Wasserversorgung gibt es jedoch nur wenige länderspezifische, detaillierte Angaben in der Region.

Dabei ist Wasser ein international und explizit auch von den ASEAN-Staaten anerkanntes Menschenrecht. Der UN-Sozialausschuss sowie der UN-Frauenrechtsausschuss haben wiederholt auf den unzureichenden Zugang zu Wasser von Frauen im ländlichen Raum Südostasiens hingewiesen und den Staaten dazu Empfehlungen ausgesprochen. So hat der UN-Sozialausschuss Vietnam aufgefordert, mehr Mittel für die Bereitstellung von Trinkwasser insbesondere in ländlichen Regionen bereitzustellen und darauf zu achten, dass die Kosten für die Bevölkerung erschwinglich sind.

Gegenüber den Philippinen hat der UN-Frauenrechtsausschuss seine Besorgnis darüber ausgedrückt, dass Frauen in ländlichen Regionen als Folge von Diskriminierungen überdurchschnittlich von Wasserunsicherheit betroffen sind. Ähnlich kritisiert der Ausschuss auch Osttimor dafür, dass Frauen im ländlichen Raum zum Teil überhaupt keinen Zugang zu sauberem Wasser haben.

Frauen sind für Wasserversorgung zuständig

In Südostasien sind vor allem Frauen für die Haushaltsarbeit und die Wasserversorgung ihrer Haushalte zuständig. Es ist Teil der unentgeltlichen Fürsorgearbeit, die gemäß der gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen von ihnen erwartet wird. So verbringen Frauen in Kambodscha im Durchschnitt 12,5 Prozent ihrer Zeit mit unbezahlter Haushaltsarbeit, Männer nur 1.3 Prozent. In Laos ist das Verhältnis 10,4 zu 2,5 Prozent. Die Asia Foundation berichtet, dass Frauen in den ärmsten Staaten des asiatisch-pazifischen Raums täglich bis zu sechs Stunden allein zum Wasserholen aufbringen müssen. Sie legen dabei Entfernungen bis zu sechs Kilometern zurück.

Frauen nutzen Wasser im Haushalt am intensivsten, da es für fast alle Haushaltstätigkeiten benötigt wird. Dies gilt in besonderem Maße für indigene Frauen, die darüber hinaus eine spirituelle Beziehung zu Wasser haben. Sie sind sogar für die Auswahl von Trinkwasser aus natürlichen Wasservorkommen zuständig und lernen dazu von Kindheit an, die Qualität von Wasser zu unterscheiden.

Obwohl die südostasiatischen Staaten in den letzten 20 Jahren die Wasserversorgung ihrer Bevölkerung insgesamt verbessert haben, gibt es lokal auch gegenläufige Entwicklungen. Zum einen hat sich der Wasserverbrauch erhöht, so dass inzwischen fast alle Länder Südostasiens unter Wasserstress leiden, das heißt mehr Wasser entnehmen als den natürlichen Vorkommen wieder zugeführt wird. Bevölkerungsdruck, Klimaveränderungen und bewässerungsintensive Agrarwirtschaft werden diesen Stress weiter erhöhen.

Dies wirkt sich unmittelbar auf die Wasserversorgung der Haushalte aus sowie auf die kleinbäuerliche Landwirtschaft. Frauen sind davon in doppelter Hinsicht betroffen, da 60 Prozent von ihnen in Südostasien in der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion arbeiten. Aber nur 10 Prozent von ihnen gehört das Land, das sie bearbeiten. Sie profitieren daher nicht von Regierungsprogrammen, mit denen zum Beispiel die Einführung neuer, dürreresistenter Sorten gefördert werden.

Großprojekte graben den Menschen das Wasser ab

Große Investitionsprojekte in ländlichen Regionen führen häufig dazu, dass Menschen ihren Zugang zu Wasser verlieren. Die Staaten verletzen ihre menschenrechtlichen Pflicht, den Zugang zu Wasser zu respektieren und vor Eingriffen Dritter zu schützen. Stattdessen werden Menschen von ihrem Land und ihrem Zugang zu Wasser vertrieben.

Frauen tragen die Hauptlast von Vertreibungen und Umsiedlungen, da diese sie unter anderem von ihren Wasserressourcen trennt. Sie müssen einen zeitlichen und körperlichen Mehraufwand in Kauf nehmen, um ihre Familien weiterhin ausreichend mit Wasser zu versorgen. Außerdem leisten sie die zusätzliche Sorgearbeit, wenn Kinder und andere Haushaltsangehörige durch verschmutztes Wasser krank werden. Darüber hinaus sind sie öfter häuslicher Gewalt ausgesetzt.

Vertreibungen sind da häufig der Fall, wo Großprojekte umgesetzt werden sollen. Zum Beispiel Bergbau-Aktivitäten, Landgrabbing (für Plantagen) und die Errichtung von Staudämmen.

Das Beispiel Kambodscha

Als im Februar 2010 plötzlich Bulldozer und bewaffnete Soldaten in das kleine Dorf Pis in der kambodschanischen Provinz Kampong Speu einrückten, wussten die dort ansässigen Bauern und Bäuerinnen nicht, wie ihnen geschah. Erst am Tag ihrer Vertreibung wurden sie darüber informiert, dass eine große Zuckerrohrplantage samt Zuckerfabrik auf ihren Ländereien (und denen von 14 anderen Dörfern) entstehen sollte, um Zucker primär für den EU-Markt zu produzieren.

Auch 10 Jahre nach der Vertreibung und dem Verlust ihrer Reisfelder, Gärten und Gemeindewälder leben viele der Dorfbewohner*innen noch immer in bitterer Armut in einem Umsiedlungsgebiet am Rande der Plantage. Neben Nahrungsmittelknappheit und fehlender Einkommensquellen ist vor allem auch der Zugang zu Wasser ein großes Problem. Es sind keine natürlichen Wasserquellen vorhanden, der Boden ist steinig und karg. Zwar wurden einige Brunnen gebohrt, doch auch sie führen kaum Wasser. In ihrer Not legten sich einige Vertriebene Regenteiche an, aber zum Trinken ist das dort gesammelte Wasser nicht geeignet.

Teures Wasser bringt neue Probleme

Die einzige größere Wasserquelle in der Umgebung des Dorfes Neu-Pis ist ein mitten in der Zuckerrohrplantage gelegenes Wasserreservoir. Aufgrund mangelnder Transportmöglichkeiten sind die meisten Dorfbewohner*innen auf die lokalen Wasserhändler angewiesen, die das Wasser mit Trucks in das Dorf bringen und dort verkaufen. Je nach Familiengröße zahlen die Haushalte dafür bis zu 50 Euro im Monat für Nutz- und Trinkwasser – eine immense Summe in einem Land mit Pro-Kopf-Einkommen von monatlich rund 100 Euro. Und selbst das gelieferte Wasser ist oft verschmutzt. Vor allem in der Regenzeit fließen Düngemittel und Pestizide von der Plantage in das Reservoir. Die Menschen im Dorf erkranken dadurch häufig an Durchfall und Hautausschlägen.

Die Frauen im Dorf leiden besonders unter dieser Situation, da sie für Wasser- und Nahrungsmittelversorgung sowie Pflege der Kranken zuständig sind. Viele Frauen im Dorf mussten wiederholt auf Mikrokredite zurückgreifen, um für Wasser, Nahrungsmittel und Medikamente überhaupt bezahlen zu können. Ihnen droht zusätzlich zur Wasserknappheit nun auch noch die Schuldenfalle.

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1 | 2020, Interviews, Südostasien,
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„Torfböden sind quasi reiner Treibstoff“

Indonesien: Agroforstwirtschaft wird in Westtimor durch Landnutzungsänderungen und der Land-Stadt-Migration junger Menschen zunehmend bedroht. Die Ernährungssicherheit der Agroforstgemeinden gerät dadurch in Gefahr.

Mamar – hinter dem klangvollen Namen verbirgt sich ein altes und bis heute wirksames landwirtschaftliches und kulturelles System. Das Mamar-System im Dorf Ponain wurde Ende des 18. Jahrhunderts errichtet, als das Königreich Koroh noch existierte, bevor es 1945 zusammen mit anderen lokalen Königreichen des Archipels in die Republik Indonesien eingegliedert wurde. Bis 1968, als ein neues Gesetz über die Dorfverwaltung in Indonesien verabschiedet wurde, umfasste das Königreich Koroh drei Dörfer im Großraum Ponain. Bis in die 1990er Jahre war das Mamar-System die Haupteinnahmequelle der Dorfbewohner*innen.

Ein Mamar-Gebiet kann in seinem Zentrum Wasser speichern, das sich aus lokalen Wasserquellen und Regenfällen speist. Darüber hinaus bietet die vielfältigere Auswahl an Anbaupflanzen den Landwirt*innen im Laufe des Jahres diversere Einkommensquellen, wodurch ihr Saisonkalender abwechslungsreicher wird.

Forschungen haben gezeigt, dass ein gut verwaltetes Mamar-System bei Ernährungssicherheit und Anpassung an den Klimawandel besser abschneidet als Monokulturen. Dies gilt insbesondere auf der Insel Timor, wo sich die Trockenzeit aufgrund des Klimawandels verlängert hat.

Das Drei-Zonen-System des Mamar

Mamar besteht aus drei Zonen, die durch soziokulturellen Glauben festgelegt sind. Die erste Zone wird Aibaun (Kern) genannt – eine heilige Zone, die weder betreten noch für kommerzielle Aktivitäten benutzt werden darf. Über Wasserquellen dient sie zur Bewässerung der äußeren Zonen. Die Kulturpflanzen, die in dieser 0,5 bis ein Hektar großen Zone wachsen werden nur für kulturelle Zeremonien geerntet.

Die zweite Zone, Kopa (Pufferzone), ist für die rentablen Hauptkulturen vorgesehen, wie Kokosnuss, Areka-Nuss und Banane. Frühere Forschungen weisen darauf hin, dass diese sieben bis 20 Hektar große Zone aufgrund ihrer hohen Bodenfruchtbarkeit und Wasserableitung das größte Potenzial für die Landwirtschaft hat. Die letzte Zone, Tanaman Semusim (Entwicklungszone, wörtlich Zone der einjährigen Pflanzen) wird für den Anbau von saisonalen Feldfrüchten und Tierfutterpflanzen sowie als Vieh-Weidefläche genutzt.

Die Bewohner*innen von Ponain praktizieren semi-Pastoralismus. Im Gegensatz zu anderen Viehhaltungssystemen, bei denen Kühe oder Ziegen zusammen gehalten werden, ziehen sie täglich zum Füttern ihrer Kühe und Ziegen mit ihnen herum. Außerdem halten sie das Vieh davon ab Gartenbauerzeugnisse zu fressen. Die dritte Zone bietet auch Platz für die Weißkopfmimose (Lamtoro), das wichtigste Viehfutter im Dorf Ponain.

Gegenwärtig sind die Bewohner*innen von Ponain mit zwei Dilemmata konfrontiert: Zum einen gibt es die Veränderung der Landnutzung hin zur Profitoptimierung und die gleichzeitige Verkleinerung der Schutzgebiete von Mamar. Zum anderen bedroht die Landflucht von jungen Menschen in Zukunft die Verfügbarkeit von Arbeitskräften für die Landwirtschaft.

Verlust eines nachhaltigen Landnutzungssystems

Die hohe Nachfrage nach Erzeugnissen des Pflanzenanbaus Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre veranlasste die Einheimischen, einen Teil der geschützten Mamar-Zone umzuwandeln und dort Gartenbau zu betreiben. Infolgedessen hat Mamar seinen traditionellen Wert verloren. Obwohl die Dorfbewohner*innen den Umweltnutzen des Mamar-Systems kennen, wie z.B. als Wasserquellen für den Wasser-Gartenbau, sind sie nicht am Mamar-System interessiert. Sie betrachten Mamar nicht als finanziell ausreichende Lebensgrundlage.

Durch die Abholzung der Mamar-Gebiete, vor allem in der ersten und zweiten Zone, wird es direkte Auswirkungen auf die Wasserverfügbarkeit geben. Wasserquellen werden weniger werden und schließlich ganz verschwinden. Das Fehlen von Wasserquellen wird in der Zukunft enorme Folgen für die Gartenbau-Aktivitäten im Dorf Ponain haben, da diese Aktivitäten stark von der Wasserverfügbarkeit abhängen. Es besteht das Dilemma, entweder die Mamar-Systeme beizubehalten oder sie in ein Vollkultursystem umzuwandeln. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach Gartenbauprodukten in Kupang, der Hauptstadt von Ost-Nusa Tenggara.

Die Umwandlung von geschütztem Mamar-Gebiet in produktive Fläche wird nicht mehr reguliert, da das traditionelle Recht seine Wirkmacht im Angesicht von rechtlich-rationaler und religiöser Autorität verloren hat. Das Einholen von Genehmigungen für die Landumwandlung gilt heutzutage als einfach im Vergleich zu den 1900er Jahren. Damals musste die Wiederbepflanzung mit Sachleistungen garantiert werden. Dieses Phänomen hat die Mamar-Fläche schrumpfen lassen und dazu geführt, dass Mamar als nachhaltiges Landmanagementsystem für die Zukunft verloren gegangen ist.

Alarmierend ist, dass Produktivität und Einkommensbildung langfristig sinken werden. Die Tatsache, dass Landwirte chemische Düngemittel verwenden, hat Umweltauswirkungen. Diese Umweltauswirkungen werden auch in der Zukunft zunehmen – insbesondere bei Gartenbau und Viehzucht. In letzter Zeit wird ‚grüne Wissensverbreitung’ von Kirchen betrieben. Dies scheint unzureichend zu sein, da Verhaltensänderungen Zeit und reale Demonstrationsfelder benötigen.

Land-Stadt-Migration

Neben Landnutzungsänderungen, die sich auf die lokale Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel auswirken könnten, spielt Migration eine Rolle. Die lokale Ernährungssicherheit steht da auf dem Spiel, wo junge Menschen nicht mehr an agroforstwirtschaftlichen Aktivitäten interessiert sind. Auf nationaler Ebene sieht sich Indonesien mit einem Bevölkerungswachstum von 1,07 Prozent konfrontiert. Gleichzeitig wird die Landflucht voraussichtlich zunehmen. Bis 2025 werden 68 Prozent der Gesamtbevölkerung in den Städten leben. Die landwirtschaftliche Produktivität muss bis 2025 um 60 Prozent gesteigert werden, um Hunger in Indonesien zu verhindern.

Auch in Westtimor gibt es Landflucht. Viele junge Dorfbewohner*innen emigrierten auf der Suche nach höherer Bildung oder besseren Arbeitsplätzen in städtische Gebieten wie Kupang. Die Auswanderung kann als eine Strategie zur Sicherung des Lebensunterhalts der Jugendlichen verstanden werden, da es an Mitteln und Unterstützung durch eine transformative Struktur innerhalb des Dorfes mangelt.

Ein Mangel an Ressourcen hat auch in Ponain zu einer Land-Stadt-Migration von Jugendlichen geführt. Beispielsweise fehlende Hochschuleinrichtungen in Ponain, da es nur ein einziges Gymnasium und keine Universitäten gibt. Jugendliche, die ihre Ausbildung fortsetzen möchten, müssen das Dorf verlassen. In Kupang gibt es die nächstgelegenen Ausbildungsmöglichkeiten. Die Tatsache, dass die meisten Dorfbewohner*innen der Glaubensgemeinschaft der Adventist*innen angehören, schränkt die Auswanderungsmöglichkeiten auf megapolitische Gebiete wie Bandung und Medan ein. Dort wird eine höhere Ausbildung speziell für Adventist*innen in Indonesien angeboten.

‚Schnelles Geld’ ist wichtiger als Erhalt von Land und Landwirtschaft

Städtische Arbeitgeber*innen zahlen oft einen regionalen Mindestlohn und verlangen keinen anspruchsvollen Bildungsabschluss. Deshalb gilt die Arbeit in städtischen Gebieten als ‚besser’ im Vergleich zum Leben auf dem Dorf. Diese Situation ist für Jugendliche aus Ponain zweckmäßig, da die meisten von ihnen die Hochschulreife besitzen. Darüber hinaus ist Auswanderung aufgrund der gewachsenen sozialen Vernetzung im ländlich-urbanen Kontext der Insel Timor in letzter Zeit immer üblicher geworden.

Außerdem gibt es Vorurteile, dass die Landwirtschaft keine ‚richtige’ Einkommen schaffende Tätigkeit sei, da lokale Landwirt*innen von Subsistenzwirtschaft leben und die städtischen Arbeitsplätze mehr Geld bieten würden. Das Durchschnittsalter der Bäuer*innen im Dorf Ponain liegt bei 50 bis 60 Jahren. Entsprechend ist die Landwirtschaft gefährdet. Die Jugendlichen in Ponain sind sich dem bewusst und entscheiden sich trotzdem, aus dem Dorf wegzuziehen.

Dieser Mangel an Humankapital in quantitativer und qualitativer Hinsicht wird in naher Zukunft zu einer Vulnerabilität des Dorfes Ponain führen. Es wird nicht genügend menschliche Arbeitskräfte geben, um Mamar als Existenzgrundlage zu erhalten.

Traditionelles Recht wiederbeleben?

Gibt es einen Ausweg aus diesen beiden Dilemmata? In diesem Abschnitt wird die Möglichkeit erörtert, das traditionelle Recht im Dorf Ponain wiederzubeleben. Traditionelles Recht könnte künftige Abholzung verhindern und das Bewusstsein der Jugendlichen für den Erhalt des Mamar-Systems stärken.

Da die rechtlich-rationale Autorität (Dorfverwaltung) in Ponain traditionelle Gesetze ausschließt, werden Heiratszeremonien und das System der Landnutzungsänderungen immer einfacher. Früher verlangte das traditionelle Gesetz von den jungen Brautleuten, 50 Bäume im Mamar-Gebiet zu pflanzen. In anderen Fällen wurden Sicherheiten für die Änderung der Landnutzung verlangt.

Das traditionelle Recht beinhaltete auch eine nachhaltige landwirtschaftliche Praxis, bezog die Jugendlichen in einen spezifischen Saisonkalender ein und förderte das, was wir heute als FPIC (free, prior, inform, consent – zu Deutsch freie, vorherige und informierte Zustimmung) kennen. Diese Praktiken unter traditionellem Recht erwiesen sich damals als wirksam.

Der Prozess der Anerkennung der Multifunktionalität von Mamar könnte durch die zwei stärksten Autoritäten im Dorf unterstützt werden, nämlich die rechtlich-rationale Autorität der Dorfverwaltung und die religiöse Autorität der Kirche. Zusammen könnten beide die wichtigsten Akteure beim Schutz des Mamar-Systems und seiner Wasserquellen sein. Die Autorität der Dorfverwaltung könnte durch positives Recht und auf Grund ihrer Entwicklungsagenda für die Gemeinde nützliche Ressourcen mobilisieren. So könnten sowohl die formellen als auch die informellen lokalen Eliten zur Rettung von Mamar zusammengebracht werden.

Mit konkreten Ideen zur Erhaltung des Mamar-Systems könnten fortgesetzt Einkommen schaffende Aktivitäten für die Dorfbewohner*innen ermöglicht werden. Auf der anderen Seite können die Kirchen mit ihrem besonderen Einfluss auf die Dorfbewohner*innen ‚grünes Wissen’ fördern und verbreiten. Als konkrete Maßnahme könnten die Kirchen damit beginnen, Demonstrationsflächen einzurichten.

Aus kritischer Sicht kann die Wiederbelebung des traditionellen Rechts für die Dorfverwaltung und die Kirchen verunsichernd sein, da es ihren Status quo herausfordert. Die Dorfverwaltung als auch die Kirchen sind die Haupteinflussnehmenden im Dorf. Daher erfordert die Stärkung der traditionellen Autorität im Dorf den Willen der Verwaltung und der Kirchen, um die lokale Machtstruktur im Interesse der Nachhaltigkeit von Mamar ausgewogen zu gestalten. So oder so müssen die Dorfverwaltung und die Kirchen Pläne zur Mitigation entwickeln, um Mamar vor aggressiven Veränderungen der Landnutzung und dem Mangel an Jugendlichen im System zu bewahren.

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

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1 | 2020, Interviews, Südostasien,
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„Torfböden sind quasi reiner Treibstoff“

Indonesien: Der Mahakam in Kalimantan ist der zweitgrößte Fluss des Archipels. Sein Wasser und sein Ökosystem sind existenziell für Mensch und Umwelt. Der zunehmende Druck auf den Mahakam durch Wasserentnahme und Rohstoffabbau birgt die Gefahr irreparabler Zerstörung.

Der Mahakam-Fluss in Kalimantan ist eine Lebensader der Zivilisation. Hinduistische Königreiche, das Sultanat Kutai und modern Zentren wie Samarinda, heute die Hauptstadt der Provinz Ost-Kalimantan, sind Zeugen der bewegten Geschichte des Flusses. Der Fluss, der ein gemeinsames Gut der Menschen ist, änderte sich in seiner Funktion immer wieder. Er diente nicht nur den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung, sondern seit langem auch dem Transport von Waren für den globalen Markt. Der globale Markt erzeugte immer wieder unterschiedliche Nachfrage nach Gütern, die in der Region ausgebeutet werden. Ähnliches ist auch im Karstland von Sangkulirang im Norden der Provinz zu beobachten. Ist es uns möglich, die negativen Auswirkungen des Ressourcenabbaus zu vermeiden?

Der Mahakam – Lebensraum geschützter Arten und Transportweg der Industrie

Stellen wir uns vor, wir hätten eine Zeitmaschine, um uns die Geschichte des Mahakams, des zweitlängsten Flusses Indonesiens, der durch die Provinzhauptstadt Samarinda, die Landkreise Kutai Kartanegara, West- Kutai und Ober-Mahakam strömt, zu erschließen. Heute sehen wir, wie 60 bis 80 Lastschiffe mit rund 8.000 Tonnen Kohle pro Schiff den Fluss passieren. Wenn wir 30 bis 50 Jahre in die Vergangenheit reisen, sehen wir lange Holzflöße sowie mit Holz beladene Lastschiffe, die das Holz des Regenwaldes flussabwärts transportieren.

Selbst wenn wir 90 bis 120 Jahre in die Vergangenheit bis in die Kolonialzeit reisen, ist geschäftiges Treiben auf dem Fluss zu beobachten: Zwischen 1896 und 1899 wurden erste Öl- und Kohlengruben erschlossen und 1939 wurden die ersten Holzunternehmen aktiv. Das Gebiet um den Mahakam ist bereits seit mehr als einem Jahrhundert für die Bedürfnisse der ausbeutenden Industrien privatisiert worden.

Der Raum des Mahakams ist Lebensraum für rund 300 Vogelarten, 70 davon sind geschützt, und fünf sind endemisch, das heißt, sie kommen nur dort vor. Der Fluss beherbergt außerdem fast 150 Arten von Süßwasserfischen, einige davon ebenfalls endemisch. Einige Arten wandern jedes Jahr von der Flussmündung in den Oberlauf. Der Mahakam ist einer der letzten Zufluchtsorte des vom Aussterben bedrohten Flussdelphins (Orcaella brevirostris). Vor zwei Jahren gab es nur noch etwa 80 Exemplare.

Der Fluss ist Zeuge des Aufstiegs und Falls des Hindu-Reiches Kutai (350 – 400) und des Sultanats Kutai Kartanegara (1300 – 1945). Er ist seit 1565 Handelsweg und Verbreitungsweg des Islam in Ostkalimantan. Die Beziehung der Menschen zum Fluss wird jedes Jahr mit dem Erau-Fest gefeiert, bei dem sich die Menschen für die Gaben der Natur bedanken. Es wird seit dem 12. Jahrhundert gefeiert und mit dem Belimbur-Ritual beendet, für das sich die Menschen im Fluss rituell reinigen. Samarinda, am Delta des Flusses, ist seit dem 18. Jahrhundert Handelshafen und wurde 1959 Provinzhauptstadt. Die Stadt hat immer wieder Menschen angezogen, die auf der Suche nach einem besseren Leben waren. 2019 zählte die Stadt 858.080 Einwohner, was 23,5 Prozent der Einwohnerzahl der gesamten Provinz entspricht.

Privatisierung am Mahakam-Fluss

Die Aufteilung und Privatisierung des Mahakam-Gebiets geschah durch die Vergabe von Lizenzen für die Förderung von Öl, Gas, Kohle und Holz seit der Kolonialzeit. Die Flussufer wurden zu Lagerplätzen für das Holz, bevor es aus Kalimantan exportiert wurde. Die Abholzung wurde zu einer Einnahmequelle für Diktator Suharto und seine Günstlinge, bis seine Mitte der 60er Jahre begonnene Herrschaft 1998 endete.

Seit 1968 haben 17 Holzunternehmen Hunderttausende Hektar Wald am Oberlauf des Mahakam kontrolliert. Zwischen 2009 und 2013 hat das Einzugsgebiet des Mahakam aufgrund von Holzschlag, Bergbau und Umwandlung von Wald in Plantagen weitere 128.000 Hektar Naturwald verloren. 2013 waren noch 4,1 Millionen Hektar Wald übrig.

Auch nachdem Teile der Holzindustrie aufgrund des immer weniger vorhandenen Waldes Bankrott gegangen sind, geht die Privatisierung des Raumes weiter, inzwischen vor allem für Bergbau. Seit den 2000er Jahren ist immer vor und nach den lokalen Wahlen eine starke Vergabe von Bergbaulizenzen zu beobachten, da die Vergabe zu einer wichtigen Einnahmequelle für Politiker geworden ist.

Bis 2016 wurden am Mahakam 737 Konzessionen für Bergbau ausgestellt. Die sozial-ökologische Infrastruktur wurde zu Gunsten einer extraktiven Infrastruktur für Kohleförderung zurückgedrängt. Überall am Ufer des Flusses befinden sich Kohleförderanlagen und -lager. Dort wird die Kohle zwischengelagert, bevor sie über den Fluss aus Ost-Kalimantan verschifft wird. Die Umwandlung des Flusses vom gemeinsamen Lebensraum in einen privatisierten Raum betrifft vor allem die Bewohner*innen der Armenviertel Samarindas wie Karang Asem und Karang Mumus, die einen Verlust an Grünflächen, Knappheit von sauberem Trinkwasser und jährlich wiederkehrende Überflutungen erleben.

Trinkwasser als Ware

In dieser Situation wird sauberes Wasser für den Staat zu einer wichtigen Ware. Örtliche Trinkwasserunternehmen erzielten 2018 Gewinne von sieben Milliarden indonesischer Rupiah, obwohl Verbraucher*innen über mangelnde Versorgung klagten: geringer Leitungsdruck, schmutziges Wasser und bis zu drei Tage lang tote Leitungen. Was sind die Ursachen dieser Situation am Mahakam, der schon seit 45 Jahren durch Wasserunternehmen kommerzialisiert wird? Neben den Gezeiten, die sich auch in Samarinda bemerkbar machen, sind die Sedimentablagerungen, verursacht durch die extraktive Industrie, das größte Problem. Nach einer Untersuchung der Umweltbehörde von Ost-Kalimantan über den Zustand des Mahakams, die von 2009 bis 2011 durchgeführt wurde, ist der Fluss stark verschmutzt. RASI, eine Naturschutzorganisation, fand 2017 und 2018 im Wasser des Mahakam Mengen von Kadmium und Blei, die die Grenzwerte überschritten. Diese Situation zwingt die Unternehmen dazu, vermehrt Materialien wie Chlor (Calciumhypoclorit), Aluminiumsulfat, Chlorid und Kaolin zur Wasseraufbereitung und Abtötung von Bakterien zu verwenden. Einige dieser Stoffe können bei lang anhaltender Einnahme krebserregend sein.

Die Gebiete Palaran, Nord-Samarinda und Sambutan, in denen 28 Prozent der Bewohner*innen Samarindas leben, sind nicht an das Trinkwassernetz angeschlossen und haben daher noch größere Probleme. Die Wasserquellen mussten dem Kohlebergbau weichen. Bis heute sind dort 394 Gruben zurückgeblieben. Den Bewohner*innen bleiben in Folge dessen nur drei Alternativen: sie können Wasser aus alten offenen Kohlegruben holen, selbst Brunnen bauen oder Trinkwasser in Fässern kaufen. Das Wasser in den zurückgelassenen Gruben ist verschmutzt und die anderen beiden Alternativen sind kostspielig.

Die Wasserversorgung wird oft in der Regenzeit unterbrochen, wenn Samarinda überflutet wird. Vermehrte Wasserführung sowie Flächenversiegelung haben in den letzten 15 Jahren zu häufigeren Überflutungen geführt. Zwischen November 2008 und Juli 2020 kamen Überschwemmungen in fast allen Bereiche der Stadt vor und betrafen mehr als 30.000 Menschen. Fünf- bis sechsmal pro Jahr kommen größere Überflutungen vor, die die Hauptverkehrsstraßen unter Wasser setzen, wirtschaftliche Aktivitäten, einschließlich öffentlichen Nahverkehrs und Verkäufe auf Marktplätzen einschränken, und somit die Versorgung der Menschen und den Arbeitsmarkt betreffen.

Aktivismus für den Fluss

Es gibt nicht nur schlechte Nachrichten aus Samarinda. Die Bewohner*innen arbeiten aktiv daran, ihre Situation zu verbessern. Junge Menschen, die sich in einem Netzwerk gegen den Bergbau engagieren, fordern schon seit langer Zeit, den Bergbau einzustellen, damit Samarinda die Wasserkrise überwinden und die Überschwemmungen in Zukunft vermeiden kann. 2016 hat eine Gruppe Aktivist*innen die Freund*innen des Flusses ins Leben gerufen und die Fluss-Schule von Karang Mumus gegründet, die Aufklärungsarbeit leistet und Gemeinschaftsarbeit zum Schutz des Flussufers in Karang Mumus organisiert. Die Gruppe sammelt Müll vom Ufer und vor drei Jahren hat sie es geschafft, über 9.000 Bäume an den Ufern des Flusses zu pflanzen.

Etwa 300 Kilometer nördlich von Samarinda liegt der Karst von Sangkulirang-Mangkalihat mit seinen unterirdischen, mysteriösen Gewässern. „Jede unterirdische Quelle hat ihre Eigenheiten, manche strömen stark, manche bringen Süßwasser hervor, andere, die näher am Meer liegen, sind brackig“ erzählt Nasih, eine Frau aus Biduk-Biduk am Küstenabschnitt von Sangkulirang-Mangkalihat. Diese Gegend gibt Rätsel auf, die auch vom Wasserversorgungsunternehmen des Landkreises Berau, das 2004 in Biduk-Biduk eine Wasserversorgungsanlage errichtete, nicht gelöst werden konnten. Sie entnahmen Wasser aus dem klaren Labuan-See, etwa zehn Liter pro Sekunde, um damit 103 Haushalte zu versorgen. 2008 wurde die Versorgung jedoch abgebrochen, da sich herausstellte, dass nicht genug Wasser vorhanden war. Die Bevölkerung beschloss, wieder Brunnenwasser zu verwenden, obwohl es brackig war, oder entnahm es direkt aus Quellen.

Die Bedeutung des Karstsystems

Im Karstsystem gelangt Wasser durch Risse im Gestein in den Untergrund und fließt als Grundwasser durch unterirdische Flussnetze und Höhlensysteme. Das unterirdische Flusssystem fließt nicht immer gleichmäßig in alle Richtungen, weshalb es schwierig ist, Vorhersagen über den Wasserfluss zu treffen. Der Prozess der Karstbildung reduziert auf natürliche Weise die Menge an CO2 in der Atmosphäre. Der Karst ist somit ein Kohlenstoffreservoir, welches das Gleichgewicht des Kohlenstoffkreislaufs aufrechterhält. Dieser Kohlenstoffkreislauf beeinflusst den Klimawandel.

Der Karst ist auch in wirtschaftlicher Hinsicht bedeutsam für die indigenen Dayak Basap-Frauen, die seit Jahrzehnten Rattan aus dem Wald über dem Karst für die Herstellung von Rattantaschen verarbeiten. Diese Karstlandschaft, auch bekannt als „weiße Felsenberge“, ist eine hügelige Landschaft mit 147 Höhlen und Nischen, die Zeugnisse der menschlichen Zivilisation beherbergt. Sie umfasst rund 1,8 Millionen Hektar und bildet die Lebensgrundlage von mehr als 100.000 Menschen in fast 100 Dörfern in 13 Landkreisen in den Distrikten Berau und Ost-Kutai.

Im Karstgebiet gibt es 35 Höhlen mit 5.000 Jahre alten Ritzungen an den Steinwänden. Die Höhlen sind auch die Heimat von Fledermäusen und Schwalben, zwei Tierarten, die wichtig sind, um Insektenplagen einzudämmen, Samen von Pflanzen verbreiten und bestäuben. Nach Angaben der Naturschutzorganisation Nature Conservancy (2004) gibt es rund 38 Fledermausarten, die in den Karsthöhlen von Sangkulirang-Mangkalihat leben.

Die Beziehung der Menschen zu ihrer Umwelt prägen lokales Wissen und Kultur. Das Karstgestein ist reich an Quellen, die in der Sprache der Bugis „Salo Marunge“ heißen, genau wie das Reisernteritual. Nach der Ernte wird die Nachbarschaft eingeladen, um gemeinsam zu beten und Dank auszudrücken. Dann gehen die Menschen zur so genannten „Quelle des Lebens“, vorbei an dem im Quellwasser aus dem Berg Sekarat stehenden Kalksteinfelsen. Dort baden und beten die Menschen und drücken ihren Dank für die Quellen aus, ohne die es keine Reisernte gäbe.

Traditionelles Wissen und gemeinschaftliche Lösungen

Ihr Wissen erhalten die Menschen dort nicht aus der Schule, sondern aus ihrer Beziehung zur Natur. Juni, ein Fischer, ist zum Beispiel in der Lage, unterirdische Wasserspeicher im Karst zu finden. Er kann abschätzen, wo sich Quellen befinden, indem er auf Geräusche aus der Erde achtet. „Ich sehe auch die Erde, Bäume und Büsche an, um Hinweise auf Quellen zu finden. Wenn ich eine Stelle ermittelt habe, klopfe ich auf den Boden. Wenn sich der Schlag laut anhört, deutet das auf eine Süßwasserquelle hin“, sagt Juni. Wenn man bei der Suche Fehler macht, könne man jedoch auch auf brackige Quellen stoßen oder auf solche, die kaum Wasser führen.

Obwohl der Karst viel Wasser führt, ist dieses oft schwer erreichbar, da es sich tief im Boden befindet und es Mühe kostet, es aufzuspüren. Die Notwendigkeit, die Wasserquellen gemeinsam zu nutzen, erfordert gemeinschaftliche Strategien, damit alle Zugang zu sauberen Wasser haben. So macht es eine Gruppe in Teluk Sulaiman, wo die Anwohnerin Nasih seit 2012 einen Brunnen zusammen mit 17 weiteren Haushalten in der Umgebung unterhält. Sie nutzen drei Wasserpumpen und haben Rohre verlegt, die bis in die Häuser reichen. Diese Art der Gruppenversorgung ist in der Gegend weit verbreitet. Dabei besteht eine Gruppe in der Regel aus fünf bis 20 Haushalten. Dieses gemeinschaftliche System ist sehr interessant; die Mitglieder teilen sich nicht nur die Kosten, sondern legen auch gemeinschaftlich fest, wann welche Haushalte Wasser erhalten.

Wachsender Druck durch Tourismus und extraktive Industrien

Allerdings ist absehbar, dass dieses gemeinschaftliche System der Wasserversorgung bald an Grenzen stoßen wird: Die Bevölkerung wächst und ebenso nimmt der Tourismus in der Region zu. 2012 gab es etwa 18 Unterkünfte für Touristen, 2016 waren es bereits 42, 2019 schon 60. Jedes Jahr kommen im Durchschnitt acht bis neun Unterkünfte dazu. Das Fremdenverkehrsbüro von Biduk-Biduk (2019) gab bekannt, dass im Jahr 2014 13.259 Menschen die Region besucht haben; ein Anstieg von 59 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein weiterer Anstieg wird erwartet, vor allem seit Biduk-Biduk 2015 als nationales und internationales Touristenziel ausgezeichnet wurde. Diese Situation wird wahrscheinlich dazu führen, dass große Hotels gebaut und die Wasserquellen dann nicht mehr gemeinschaftlich genutzt werden können.

Das Wachstum der extraktiven Industrien wie Bergbau, Ölpalmenplantagen und Holzindustrie sowie des Massentourismus rund um das Karstgebiet Sangkulirang Mangkalihat ist alarmierend. Zwischen 2000 und 2018 haben die Landkreise Ost-Kutai und Berau 110 Lizenzen für Ölpalmenplantagen, 40 Lizenzen für Holzunternehmen, 26 Bergbaulizenzen, 16 Lizenzen für Zementunternehmen und eine für den Bau einer Zementfabrik ausgestellt.

In der Gegend ist auch die Errichtung der Sonderwirtschaftszone Maloy Batuta Trans Kalimantan (KEK MBTK) mit 557,34 Hektar Land für die nachgelagerte Rohstoffindustrie geplant. Die geplante Sonderwirtschaftszone basiert auf Regierungsverordnung Nr. 85 von 2014, die auch als Grundlage für den Abbau von Ressourcen wie Erdgas, Öl, Kohle und Holz in Kalimantan dienen soll. Der Wasserverbrauch der Sonderwirtschaftszone beläuft sich auf 420 Liter pro Sekunde, wobei ein Großteil in den Kreisen Kaliorang und Sangkulirang in Ost-Kutai, die den Oberlauf des Biduk-Biduk Karstsystems bilden, entnommen wird.

Eine gerechte Zukunft?

Um sich eine gerechtere Zukunft vorstellen zu können, muss kritisch nachgedacht werden über die urbanen Räume von Samarinda und die ländlichen Gebiete von Sangkulirang, die vielfältige Formen von Privatisierungen in verschiedenen Phasen erlebt haben. Die Neuordnungen des Raumes in Samarinda seit der Kolonialzeit haben Menschen gezwungen, wie Flüchtlinge an marginalen Orten zu leben, an denen sich die Umweltbedingungen zunehmend verschlechtern.

Die Bevölkerung musste sich an das anpassen, was die Herrschenden anordneten, damit Ressourcen für den globalen Markt abgebaut werden konnten. Dieser Modus wird jetzt auch auf die Karstregion übertragen, um so den Aufbau der Sonderwirtschaftszone voranzutreiben. Diese Art von Entwicklung ist ihrem Charakter nach räuberisch und zielt darauf ab, gemeinsame Güter zu privatisieren, weshalb sie korrigiert werden muss. Die komplexen Probleme, die sich jetzt zeigen, sollten dazu genutzt werden, um Grundlagen von Wiederaneignungsstrategien zu entwerfen. Dies sollte auf den Werten, die in Paragraph 5 des Gesetzes 7/2004 festgeschrieben sind, beruhen; nämlich, dass jeder Mensch das Recht auf ausreichend Wasser für einen gesundes, sauberes und produktives Leben hat – und das ist kein Ding der Unmöglichkeit.

Die Erfahrungen der Gruppen, die in Biduk-Biduk die Quellen gemeinschaftlich bewirtschaften und der Schule des Karang Munus-Flusses, können Inspirationen sein, um sich Gemeingüter wieder anzueignen. Dies erfordert auch eine Änderung der Sichtweise der Stadtbewohner*innen, sich ihre Zukunft vorzustellen – einschließlich einer Übergangszeit, in der darüber nachgedacht werden muss, wie das Leben gemeinsam mit dem Fluss und dem Karst gestaltet werden kann.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Timo Duile

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1 | 2020, Interviews, Südostasien,
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„Torfböden sind quasi reiner Treibstoff“

Indonesien: Von der Ernte der Durian-Früchte lebten in Kalimantan einst mehrere Generationen. Doch die Hegemonie des Extraktivismus, der den Hunger des globalen Marktes stillen soll, verdrängt das nachhaltige Wirtschaften der lokalen Bevölkerung.

Die Kulturen Südostasiens beeinflusst sie seit Jahrtausenden, doch in der westlichen Welt kennt man sie erst seit rund 600 Jahren: Die Durian-Frucht. Die in Südostasien und Südasien mit spezieller Verehrung bedachte ‚Königsfrucht’ wurde in der Kolonialzeit zum Objekt der Phantasien westlicher Forscher*innen und Abenteurer*innen. Ihre Aufzeichnungen zeigen, wie der ‚ferne Osten’ seinerzeit als gefährliches, wildes und primitives Gebiet wahrgenommen wurde, welches bezwungen, gezähmt und modernisiert werden musste. Der außergewöhnliche Reichtum seiner Natur machte den ‚fernen Osten’ zur kolonialen Frontlinie in einem Kampf, dessen Ziel die Unterwerfung von Natur und Kultur darstellte.

Zwar endete die Kolonialherrschaft Mitte des 20. Jahrhunderts. Doch der Traum von der Modernität verschwand nicht aus den ehemaligen Kolonien. Die neuen Nationalstaaten setzten die westliche Betrachtungsweise und Praxis fort, in der Fortschritt in Form von Wirtschaftswachstum gemessen wurde. Der peruanische Soziologe Anibal Quijano bezeichnete die Tatsache, dass auch nach dem Verschwinden der Bürokratie der Besatzer eine koloniale Logik das Regierungshandeln prägt, als „Kolonialität der Macht“.

Entsprechend René Descartes Leitspruch „Cogito, ergo sum“, stellt sich der Mensch als denkendes und sprechendes Wesen ins Zentrum der Schöpfung und verneint alle anderen Wesen, die nicht denken und nicht sprechen. Dieser Artikel versucht, die Kolonialität der Macht in Indonesien am Beispiel der Durian aufzuzeigen und damit einen Ansatz der Dekolonisierung anzubieten, der zu einem sozialen und ökologischen Handeln führen kann, das auf Gerechtigkeit basiert.

Durian als Objekt westlicher Phantasie(n)

Dem Soziologen Andrea Montanari zufolge kamen Europäer*innen in Malakka zuerst mit der Durian in Kontakt, worauf sie schnell zum Objekt wissenschaftlicher Studien wurde. Der italienische Händler Niccolo de Conti, der im 15. Jahrhundert von Venedig ins Königreich Champa (im Süden des heutigen Vietnam) reiste, beschrieb den Geschmack der Durian als „wie Käse“, was der Frucht zunächst viel Sympathie einbrachte. Doch im 17. Jahrhundert verschwand die Durian nach und nach von den Tafeln der Kolonialherren. Sie galt den Nasen der herrschenden Klasse als nicht wohlriechend genug und wurde gleich gesetzt mit etwas Ekel erregendem, Unzivilisiertem – so wie die Ureinwohner*innen, die aus ihrer Sicht rückständig und undiszipliniert waren und der Modernisierung bedurften.

Durian-Geschichten sind eng verwoben mit westlichem Abenteurer- und Forschertum. Der US-amerikanische Historiker Henry Adam kam Anfang des 20. Jahrhunderts bei seiner Reise in den ‚fernen Osten’ in Westjava in den Genuss seiner ersten Durian. Sein Fazit: Der Geschmack sei überbewertet und erinnere an vergammelten Käse. Aussagen wie diese sind weniger Ausdruck individuellen Geschmacks, als vielmehr geformt von sozialen Beziehungen. Sie stehen stellvertretend für das Überlegenheitsgefühl der kolonialen europäischen Herrscher gegenüber denen, die sie unterdrückten.

Artenvielfalt der Durian

Zwar machte Henry Adam auf Java Bekanntschaft mit der Durian, das Zentrum ihrer Vielfalt befindet sich jedoch auf Kalimantan. Von den existierenden rund 30 Durian-Arten ist fast die Hälfte in Kalimantan endemisch. Davon wachsen einige Sorten noch wild in den Wäldern und wurden noch nicht vom Menschen kultiviert.

Die Kolonialzeit trug dazu bei, dass Menschen auch sprachlich entsprechend der herrschenden Machtverhältnisse unterschieden wurden. ‚Dayak’ beispielsweise ist eine koloniale Ausdrucksweise, mit der die lokale Bevölkerung, die in Kalimantans Binnenland an den Flussläufen lebte, von den Menschen an der Küste, die überwiegend malaiischer Herkunft waren, unterschieden wurde. Während letztere als gebildeter und fortgeschrittener galten, wurden erstere als Hinterwäldler betrachtet.

Die meisten schriftlichen Überlieferungen zur Durian stammen aus dem Westen. Die Beschreibungen der Form und die biologischen Einordnung spiegeln einerseits das Interesse der europäischen Forscher an der Natur der Kolonialgebiete. Sie spiegeln aber auch das Ziel, sich diese Natur und ihre Bewohner*innen Untertan zu machen.

Von der Ökonomie der Durian zur Ökonomie des Extraktivismus

In den Dörfern am Fluss Kayan in Nordkalimantan spielt die Durian-Ernte eine große Rolle. Sowohl die wild wachsenden Sorten wie auch die vom Menschen kultivierten liefern Früchte, die sich in bares Geld umtauschen lassen. Damit ‚begleitet’ die Durian die Menschen von der Grundschule bis zum Studium. Die Durian gedeiht bei hoher Luftfeuchtigkeit gut im Tiefland und lehmigen, leicht sauren Böden. Ausgewachsene Durian-Bäume können 30 bis 50 Meter hoch werden und ihre Stämme Durchmesser von bis zu 2,5 Metern erreichen.

Die Durian-Gärten – ‚lembo’ heißen sie in der Sprache der lokalen Dayak Tunjung-Benuaq – sind Zeugen des Lebens von Generationen von Menschen. Sie bezeugen auch, wie ein koloniales und kapitalistisches Wirtschaftssystem die Natur zerstört und die Menschen aussaugt. Mit dem Forstgesetz von 1865 und dem Agrargesetz von 1870 etablierte die niederländische Kolonialmacht die Domein verklaring (freie Staatsdomäne). Fortan galt: Land, dessen Besitz nicht nachweisbar war, war Staatsland. So wurde beinahe das gesamte Gebiet des heutigen Indonesien zu holländischem Staatsgebiet.

Nordsumatras Wälder wurden auf dieser juristischen Grundlage seit 1867 gefällt, ihre Gebiete parzelliert und zu Tabak-, Tee-, Zuckerrohr- und Sisal-Plantagen in ausländischem Besitz gemacht. In Kalimantan begann die Kolonialregierung 1886 mit dem Bergbau. In Palarang (Kutai Kartanegara) wurde Steinkohle gefördert. In Tarakan wurde nach Erdgas und in Balikpapan nach Erdöl gebohrt.

Neuer Staat, alte Muster

Die Kolonialregierung wurde durch die Regierung der Republik Indonesien ersetzt, doch die Besetzung und Ausbeutung des Landes der lokalen Bevölkerung wurde fortgesetzt. Nach der Machtergreifung von Suharto erließ seine Regierung der Neuen Ordnung ab 1967 Gesetze zu Fortwirtschaft, Bergbau und Investitionen, die Unternehmen aus dem In- und Ausland die massive Ausbeutung von Land und Meer gestatten.

Die Wälder Kalimantans wurden nach und nach von Geschäftsleuten kontrolliert, die enge Verbindungen zur Suharto-Familie hatten. Laut Zahlen des Ministeriums für Umwelt und Forstwirtschaft umfassten im Jahr 2018 die Konzessionsflächen für Unternehmen in der Provinz Ostkalimantan 5,6 Millionen Hektar (44,09 Prozent der Gesamtfläche). Das bedeutet, dass Durian- Gärten und -Wälder zerstört und abgeholzt werden, um Platz für Palmölplantagen oder Bergbau zu machen. Die Holzsorten Meranti und Bangkirai stehen bei Holzhändlern hoch im Kurs. Werden sie gefällt, fallen die Durian-Bäume mit.

Ökologische Krise, Soziale Krise, Klimakrise

Die Regierung der Neuen Ordnung war ein extraktivistisches Regime, dessen Wirtschaft auf der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen für den Export basiert. Erdöl/Erdgas-Förderung, Holzhandel, Bergbau und das Anlegen riesiger Palmölplantagen führten zur Abholzung von Regenwäldern in einem unglaublichen Ausmaß. In den 1990er Jahren stammte die Hälfte der Rundhölzer, die Indonesien exportierte, aus Kalimantan.

Mit der Entwaldung verschwand auch die wild wachsende Durian. Der Palmöl-Boom sorgt für weitere rasante Abholzung. Ostkalimantans Forstbehörde zufolge haben die Lokalregierungen von Kutai Barat und Mahakam Ulu vor drei Jahren Konzessionen für 755.834 Hektar Waldfläche zur Umwandlung in Palmölplantagen erteilt, obwohl zu jener Zeit die Zentralregierung bereits ein Moratorium für Torfmoorwälder erlassen hatte. Mit Durian beladene Boote, die hintereinander in Reihen auf Kalimantans Flüssen fahren, waren einst ein gewohnter Anblick. Heute sieht man sie kaum noch.

Konzessionen in Kutai Barat und Mahakam Ulu:

Ein nachhaltiges Wirtschaften mit Hilfe der Durian wurde ersetzt durch ein Wirtschaften zugunsten des globalen Handels und der Bedürfnisse der Industrieländer. Das ekstraktivistische Regime wird fortgesetzt. Diese Wirtschaftsweise führt in Kalimantan zu einer ökologischen und sozialen Krise und weltweit zur Klimakrise. Ihre Zeichen sind unübersehbar: jährlich wiederkehrende Überschwemmungen in Ostkalimantans Hauptstadt, in Südkalimantan die größten Überschwemmungen seit 50 Jahren sowie weitere Menschen gemachte Katastrophen in ganz Indonesien.

Dies ist der erste Teil des Artikels „Durian und die Kolonialität der Macht“. Im zweiten Teil erfahrt ihr mehr darüber, wie die vermeintlich ‚grüne Energie’ Kalimantans ökologische Krise verschärft. Die Autorinnen berichten außerdem, wie lokale Gemeinden seit langer Zeit nachhaltig mit Hilfe der Durian und im Einklang mit der Natur wirtschaften.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller

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