4 | 2020, Rezensionen, Vietnam,
Autor*in:

Vietnam: weiblich, Leid geplagt und eine Meisterköchin?

Mein Vietnam

Heimat, das sind in den meisten Kurzerzählungen in Mein Vietnam die Mutter und gutes Essen. © Chris Goldberg, Flickr CC BY-NC 2.0

Vietnam: Die Kurzgeschichten in „Mein Vietnam“ sollen das Land ‚unverfälscht’ darstellen und dem deutschen Publikum junge Autor*innen vorstellen. Ein lobenswertes Projekt. Doch sind die Geschichten weder unverfälscht noch eine gute Einführung in vietnamesische Literatur.

Vor drei Jahren rief das Goethe-Institut vietnamesische Autor*innen dazu auf, Kurzgeschichten einzuschicken, die ein ‚unverfälschtes Bild’ ihrer Heimat zeichnen. Aus 150 Texten wählte eine Jury zehn Beiträge aus. Nun sind sie in dem Band Mein Vietnam erschienenen.

Die fünf Autoren und fünf Autorinnen untersuchen in ihren Geschichten sehr wohl ihr Verhältnis zu Vietnam, allerdings nähern sie sich dem Begriff von Heimat meist durch abgenutzte Konzepte wie der mütterlichen Liebe oder der nostalgischen Sehnsucht nach einer unerreichbaren Vergangenheit. Trotz des relativ jungen Alters der meisten Autor*innen (oder vielleicht gerade deswegen) bringen sie die Vorstellung zum Ausdruck, dass früher alles besser war, und mit der lang erwünschten Modernisierung des Landes etwas unwiederbringlich verloren ging.

In den Geschichten Mutters Dampfgarer von Vu Thi Cam Dao und Der Gast von Vu Tung Lam kehren ausgewanderte Vietnamesen in ihre Heimat zurück, nur um zu ihrer Enttäuschung herauszufinden, dass ‚ihr Vietnam’ nur in ihren Erinnerungen weiterlebt. In einer anderen Geschichte ist die Heimat tatsächlich komplett verschwunden: In Den Weg hinaufgehen von Ninh Nguyen ist die Protagonistin Loan gezwungen, in eine neue Siedlung zu ziehen, nachdem ihr Dorf wegen eines neuen Staudamms komplett überflutet wurde.

Mein Vietnam

Buchcover Mein Vietnam © Mitteldeutscher Verlag

Früher war alles besser – wirklich?

Anderseits ist die Vergangenheit grausam und trostlos, nämlich dort, wo unter dem Deckmantel der Tradition barbarische Bräuche herrschen. In den Geschichten Brauchtum von Dang Thu Ha und Der Stellvertreter von Nguyen Thu Hien verüben unidentifizierte Angehörige ethnischer Minderheiten unsägliche Gewalt und fungieren so als Vertreter kultureller Rückständigkeit. Lebendig begrabene Babys, Mord und Vergewaltigung sind an der Tagesordnung. Nachdem man diese Szenen gelesen hat – sie kommen im Fiebertraum eines Missionars aus dem 16. Jahrhundert vor – , stellt sich die Frage, ob das Ziel dieser Geschichte wirklich die Darstellung eines unverfälschten Bildes ist. Oder ob es nicht eher um die Unterwürfigkeit gegenüber der unerbittlichen Regierungspropaganda geht, die die Unterjochung von ethnischen Minderheiten mit deren angeblichem ‚Aufholbedarf’ rechtfertigt.

Die Folgen der Modernisierung

Moralische Degradierung beschränkt sich nicht auf abgelegene Berg-Regionen. Die rasante Modernisierung seit dem Beginn der Doi Moi-Reformen 1986 eröffnete neuen Raum für die Ausbreitung von so genannten sozialen Missständen (te nan xa hoi). Ein besonders treffendes Beispiel dafür ist die Geschichte Konzession des Journalisten Tran Minh Tam. Das im Titel der Geschichte erwähnte Entwicklungsprojekt eröffnet neue wirtschaftliche Möglichkeiten, verschärft aber auch die sozialen Unterschiede zwischen Insidern und Outsidern und wird zum Magneten unzähliger Laster. Drogen, Glücksspiel und Prostitution verbreiten sich im Gebiet der Konzession hemmungslos. In einer erschütternden, an Nguyen Huy Thieps Der pensionierte General erinnernden Szene, betreten wir einen Friedhof für abgetriebene Föten und erfahren, dass diese laut lokaler Gerüchte manchmal in Ha Nam-Brühe für die Einwohner*innen verarbeitet werden.

Die Geschichte Sein Leben wird bald ganz anders sein von Le Thi Huang Giang beginnt mit einem anderen grotesken Bild; mit einer in einem Schrank versteckten Leiche. Dort bewahrt der Protagonist seinen toten Vater auf. Im Gegensatz zur traditionellen Eltern-Kind-Beziehung, die stark vom Respekt für ältere Menschen gekennzeichnet ist, wälzt der Sohn seine Verantwortung ab und lebt monatelang mit der Leiche im Haus – um weiterhin die Rente des Vaters zu beziehen und Arbeit zu vermeiden.

Der Blick auf strukturelle Ursachen für menschliches Leid fehlt

Das Problematische an den Geschichten ist nicht, dass die gezeigten Beobachtungen illegitim wären, sondern dass die Autor*innen selten versuchen, unter die Oberfläche zu blicken. Vergehen werden als Folgen individueller Mängel behandelt und strukturelle Missstände werden wenig oder kaum thematisiert. Am deutlichsten wird das in der Darstellung ethnischer Minderheiten: Deren Armut, die mangelnde Ausbildung und die rückständigen Bräuche werden allesamt sichtbar gemacht, die Rolle des kinh-vietnamesischen Staates dabei aber nicht.

Auch in der wohl beachtlichsten Geschichte des Bands, Den Weg hinaufgehen, wird die Protagonistin Loan, die wegen des neuen Staudamms ihr Dorf verlassen muss, selbst für ihr Unglück verantwortlich gemacht und nicht etwa die unzureichenden Entschädigungen oder die vom Staat geförderte Vertreibung. Natürlich müssen die Werke nicht zwingend politische oder gesellschaftliche Themen aufarbeiten, aber sie sollten zumindest spannende Geschichten mit möglichst innovativen und vielfältigen Methoden erzählen. Außer in Den Weg hinaufgehen und Sein Leben wird bald ganz anders sein finden sich in den Geschichten nur wenige Versuche der Reflexion oder Neuerung.

Mein Vietnam

In den Kurzerzählungen ist der Begriff Heimat oft verbunden mit der nostalgischen Sehnsucht nach einer unerreichbaren Vergangenheit. © Roberto Trombetta, Flickr CC BY-NC 2.0

Vietnam, Mutterland

Stattdessen gibt es in den Geschichten zahlreiche Repräsentationen des moralisch Guten – natürlich im starken Kontrast zu den Untugenden. Das Gute kristallisiert sich in der Figur der Mutter. Leibliche Mütter, Adoptivmütter, verschwundene Mütter und zurückgelassene Mütter finden sich im Mittelpunkt fast aller Geschichten. Diese Frauen tragen ausnahmslos eine schwere Bürde und versuchen trotz tragischer Schicksalsschläge die Familie zusammenzuhalten und eine bessere Zukunft für ihre Kindern zu schaffen. In Mutters Dampfgarer gelingt es der Mutter, immer wieder aufzustehen und neu zu starten. Andere, wie zum Beispiel Frau Sechs in Ein kleines Haus am Fluss von Nguyen Le Kim Yen oder auch Loan in Den Weg hinaufgehen, haben nicht das gleiche Glück. Sie verlieren ihre Lieben und können deren Verlust nicht verarbeiten.

Die kleinere, gewöhnlichere Tragödie der Elternschaft ist die unvermeidliche Separation von den erwachsenen Kindern: Tante Ba My in Mutter vom Land von Le Duc Quang und Frau Sechs in Ein kleines Haus am Fluss warten vergeblich auf die Rückkehr der erwachsenen Kinder. Glaubt man den Autor*innen der Erzählungen in Mein Vietnam, dann bedeutet vietnamesische Frau und Mutter zu sein, ein ständiges, unaufhörliches Leiden. Die Männer sind meistens tot oder abwesend, und falls sie zufällig doch da sind, wäre es eigentlich besser, wenn sie es nicht wären. Eine Ausnahme ist der Opa aus Der alte Englisch sprechende Herr war mein Großvater von An Dai Trang, der für den Erzähler positiver Einfluss und Inspiration ist.

Ich esse, also bin ich

Neben der Figur der Mutter ist eine andere offensichtliche Verbindung zur Heimat das Essen. Tante Ba My nimmt einen Kredit auf, um örtliche Spezialitäten zubereiten zu können und sie ihrem Sohn zu geben, der in der Großstadt lebt. Frau Sechs drückt ihre mütterliche Fürsorge für ihren ausländischen Gast durch bescheidene und doch leckere Gerichte aus. Der Klebreis in Mutters Dampfgarer wird sogar zur Touristenattraktion einer Hanoi-Führung. Der Wert des Essens – genau wie der des Herkunftslandes – wird aus der Entfernung noch höher gestellt. Heimkehrende Vietnamesen versuchen ihre Erinnerungen in einer dampfenden Schüssel Pho wieder zu finden.

Die Bedeutung des Essens für die Gesellschaft wird sehr schön verdeutlicht, doch in Verbindung mit der Darstellung von Müttern und mit dem Konzept Heimat ist es etwas klischeehaft umgesetzt und wirkt nach einer Weile auch repetitiv. Das ist weniger eine Kritik an den Autor*innen sondern liegt eher in der Verantwortung des Herausgebers. Worauf dieser mehr Einfluss hätte ausüben können, sind die oft langwierigen und überflüssigen Fußnoten, die den Rhythmus der Geschichten oft unterbrechen. Auch die Übersetzungen zeugen wenig von der potenziellen Schönheit der Originale oder der individuellen Schreibstile der Autor*innen. Alles in allem ist dieses Buch ein lobenswerter Versuch, der aber keine der versprochenen Bestrebungen wirklich erfüllt. Vietnam oder die vietnamesische Literatur nach diesem Sammelband zu beurteilen, wäre ein Fehler.

Rezension zu: Goethe-Institut Vietnam (Hg.). Mein Vietnam. Erzählungen. Mitteldeutscher Verlag. 2020. 220 Seiten

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


4 | 2020, Rezensionen, Vietnam,
Autor*in:

Vietnam: weiblich, Leid geplagt und eine Meisterköchin?

Philippinen: „In the Country“ von Mia Alvar führt die Protagonist*innen von Manila nach Bahrain und New York. Anhand ihrer Schicksale erzählt Alvar, wie Arbeitsmigration und Auswanderung nicht nur das Leben von zahlreichen Filipin@s prägen sondern die gesamte philippinische Gesellschaft.

Während Sally in Bahrain die beeinträchtigte Tochter von Mrs. Mansour betreut, putzt ihre Freundin Minnie das Haus der reichen Dame. Esmeralda macht seit fast zwanzig Jahren in New Yorker Haushalten und Büros sauber. Andoy arbeitet als Chauffeur in Saudi Arabien, während die Krankenschwester Milagros gar nicht daran denkt, die Philippinen zu verlassen. Sie alle kennen einander nicht und dennoch kreisen ihre Geschichten um dasselbe Thema: Auswanderung und Arbeit im Ausland – sei es als Notwendigkeit, um Geld für die Familie zu verdienen, als Erfüllung eines persönlichen Traums oder als Option, die immer wieder die eigenen Gedanken kreuzt.

In den neun Kurzgeschichten von In the Country schlüpft Mia Alvar in verschiedene Figuren und kann so ganz unterschiedliche Erzählperspektiven einnehmen. Damit gibt sie die Vielschichtigkeit der philippinischen Communities im Ausland wieder, zeigt deren Beweggründe, Sorgen und Lebenswelten. Keine Person ist wie die andere, keine Geschichte wiederholt sich. Zwar sind die Protagonist*innen fiktive Figuren. Doch ihre Schicksale lassen sich durchaus im realen Leben finden. Die Autorin kann selbst von einer Migrationsgeschichte erzählen: in Manila geboren, ist sie in Bahrain und New York City aufgewachsen, wo sie heute noch lebt.

Zwischen zwei Welten

Welche philippinische Familie kennt sie nicht, die balikbayans, die Rückkehrer, mit ihren Geschichten und Geschenken aus einer anderen Welt? Balikbayans wie Steve in der Geschichte The Kontrabida, der in New York als Apotheker arbeitet und in Manila seine alternde Mutter und den sterbenden Vater besucht. Schmerzvoll sieht er seiner Mutter dabei zu, wie sie den Vater umsorgt, trotz aller Erniedrigungen, die dieser ihr getan hat. Fast schüchtern bewegt sich Steve im Haus seiner Kindheit. Im Hof, in dem er einst spielte, steht nun ein Sari-Sari-Store, jener typisch philippinische Gemischtwarenladen. Es waren seine Rücküberweisungen, die den Eltern das Geschäft ermöglicht haben. Nun sieht er dabei zu, wie seine Mutter abwechselnd die Kundschaft, den Vater und auch noch ihn bedient. Seinen Verwandten und Freunden erzählt er, was sie hören möchten: Dass er das philippinische Essen vermisse, die Leute und das Land. In seinem Inneren ist er jedoch ein Fremder, der sich in New York mittlerweile mehr Zuhause fühlt als in Manila.

Gespaltene Community

Bahrain hingegen wird für die Protagonist*innen nie zu einem dauerhaften Zuhause. Das Land ist lediglich ein Zwischenstopp auf der Reise in ein weiteres Land, etwa in die USA, oder ein temporärer Arbeitsaufenthalt, der von der ständigen Sehnsucht nach den Philippinen geprägt ist. In der Geschichte Shadow Families haben sich mehrere Familien zusammengetan, um einmal in der Woche die philippinische Lebensweise in den Wüstenstaat zu holen – in Form einer Party mit Essen und Karaoke. Es gibt Glücksspiel und Bier für die Männer und tschismis, Klatsch und Tratsch, für die Frauen. Geselligkeit als Mittel gegen das Heimweh. Aber auch in dieser Parallelwelt sind nicht alle gleich. Die philippinischen Migrant*innen unterscheiden sich in ihrer sozialen Herkunft, ihrem Gehalt, ihrem Aufenthaltsstatus und dem Arbeitsverhältnis. In fast peinlich berührter Weise sind ihnen diese Unterschiede bewusst. Auf der einen Seite sind da jene, die zusammen mit ihren Familien kamen und nun in großen Häusern leben, und auf der anderen die, die alleine kamen und tagsüber in reichen Haushalten fremde Kinder hüten und nachts eine Wohnung oder ein Zimmer mit anderen Haushaltsgehilfen teilen.

Kommunikation über 5000 Meilen hinweg

Andoy, Protagonist in A Contract Overseas, ist der Meinung, dass Auswanderung nun, da er Vater sei, die beste Option sei. Das verkündet er seiner Schwester, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt ist. Sie bleibt auf den Philippinen zurück, während er nach Saudi Arabien geht, wo er unter anderem die College-Gebühren für seine Schwester verdienen möchte. Sie solle ein richtiges Studentenleben führen können, meint er. In ihren Briefen an ihn lässt sie aus Rücksicht vieles unausgesprochen: „I must have wanted him to feel, 5000 miles away, that he was working hard toward a good cause.“ In regelmäßigen Abständen kommen Andoys Arbeitskollegen zu ihr, jene carabaos, die stellvertretend für andere Geld und Geschenke an die Angehörigen verteilen. Die Gesundheit und Freude dieser Boten signalisiert den Familien, dass es ihren eigenen Brüdern, Vätern und Söhnen ebenfalls gut gehe. Doch nicht immer gelingt es, die Sorgen und Ängste zu zerstreuen.

Geschichten und Geschichte

In einigen Erzählungen des Buches verbinden sich persönliche Geschichten mit historischen und politischen Begebenheiten. So lässt Esmeralda im Schatten der Ereignisse um den 9. September 2001 ihre Ankunft in New York und ihre Stationen in der Stadt Revue passieren. Die Titelgeschichte In the Country führt zurück in die Zeit der Marcos-Diktatur. Die Krankenschwester Milagros, eher unpolitisch und an den Unruhen der beginnenden 1970er wenig interessiert, organisiert einen Streik des Krankenhauspersonals. Ihre Geschichte wird bis zur People Power Revolution im Februar 1986 und somit bis zum Sturz Marcos weitererzählt.

Die Lektüre des Buches In the Country ist kurzweilig und berührend. Die Schicksale und Gefühlswelten der Protagonist*innen geben kleine Ausschnitte vom Bild einer Gesellschaft wieder, die von Auswanderung und Arbeitsmigration geprägt ist. Zusammen ergeben sie ein Puzzle, das sich um viele weitere Geschichten aus dem fiktiven oder realen Leben erweitern lassen könnte.

Rezension zu: Mia Alvar. In the Country. Stories. Alfred A. Knopf. 2015. 368 Seiten

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 4|2020 – Diaspora – Community beyond borders und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz