1 | 2023, Südostasien,
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Die offenen Adern Südostasiens (I)

Südostasien, Entwicklung, Ausbeutung

Anstecker mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung © JuliaC2006.flickr CC BY 2.0

Ein Autor*innen-Team der nicht-staatlichen, gemeinnützigen philippinischen Stiftung für sozio-ökonomische Forschung (IBON ) analysiert und kommentiert das vorherrschende Entwicklungskonzept Südostasiens.

Teil 1 von 2

1971 veröffentlichte der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano das Buch Die offenen Adern Lateinamerikas, eine Chronik des Kolonialismus und Imperialismus in der Region. Das Bild der offenen Adern ist wörtlich zu nehmen, denn es handelt sich um Adern von Erzen, Mineralien und anderen natürlichen Ressourcen, die aus Lateinamerika in die Vereinigten Staaten und nach Europa exportiert werden. Eine offene Ader bedeutet auch eine Blutung, wie bei einem Körper. In diesem Fall ist es ein Kontinent, der ausgeblutet wird.

Mehr als fünfzig Jahre später erkennen die reichen Länder an, dass sich Entwicklungskonzepte ändern müssen. Der Globale Süden sollte ein größeres Mitspracherecht dabei haben, wie wirtschaftliche Unterstützung Leben verbessern kann. Doch die Machthaber*innen übersehen immer noch das vorherrschende Wirtschaftssystem, das Entwicklungskonzepte geprägt hat.

Ausgeblutete Regionen

Offene Adern sind auch heute noch eine Realität im Globalen Süden. Ende 2022 hieß es in einer Presseerklärung der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung: „Die Entwicklungsländer finanzieren die entwickelten Länder„. Ähnlich lauten die Ergebnisse der Studie Plunder in the Post-Colonial Era: Quantifying Drain from the Global South Through Unequal Exchange, 1960–2018 aus dem Jahr 2021, in der festgestellt wird, dass zwischen 1960 und 2017 Ressourcen im Wert von 152 Billionen US-Dollar (142,5 Billionen Euro) aus dem Globalen Süden abgezogen wurden.

Südostasien, Entwicklung, Ungleichheit

Proteste am Internationalen Frauentag 2023 in Manila © Mayday Multimedia

Auch Südostasien hat seine offenen Adern. Laut der genannten Studie wurden in Südostasien und im pazifischen Raum elf Billionen US-Dollar (10,3 Billionen Euro) an Reichtum abgezogen. Vietnam, Indonesien, Malaysia und Thailand gehören zu den zehn Entwicklungsländern, die am meisten Wohlstand verloren haben.

Für die Region bedeuteten die verlorenen Billionen verpasste Möglichkeiten, um das Leben der Menschen zu verbessern. Insbesondere in einer von zahlreichen Krisen betroffenen Welt könnten mit Hilfe dieses Geldes Gesundheitsversorgung, öffentliche Dienstleistungen, Lohnerhöhungen, Reaktionen auf Katastrophen und extreme Wetterbedingungen sowie die Beseitigung der Armut finanziert werden.

Gewinner*innen und Verlierer*innen des herrschenden Systems

Inmitten der heutigen Herausforderungen sind die Probleme unserer Wirtschaftssysteme offenkundig geworden. Der anhaltende Abfluss von Reichtum zeigt, dass wir in einem System leben, das Gewinner*innen und Verlierer*innen schafft. Genauer gesagt, in einer Welt, in der einige wenige von der Arbeit der Mehrheit leben. Die vergangenen Jahre – geprägt von steigenden Lebenshaltungskosten, Inflation und sinkendem Wert der Löhne sowie staatlicher Gewalt in Zeiten der Pandemie – haben soziale Unruhen ausgelöst.

Entwicklungspolitiker*innen räumen ein, dass die derzeitige globale Entwicklungsagenda der Vereinten Nationen, die Agenda 2030 und ihre 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs), sieben Jahre vor dem Ablauf der Frist nicht auf dem richtigen Weg sind.

Südostasien, Entwicklung, Ungleichheit

Textilarbeiter*innen in Vietnam © ILO Asia Pacific.flickr.CC BY-NC-ND 2.0

Sogar für die ‚Geberstaaten‘ ist die Unruhe sichtbar geworden. ‚Geber‘, die den Auftrag haben, mit öffentlichen Geldern Armut und Ungleichheit im Globalen Süden zu bekämpfen, sind langsam gezwungen, über Macht zu sprechen. Im Jahr 2023 verwies ein Bericht des Ausschusses für Entwicklungshilfe der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD-DAC), des Zusammenschlusses der wichtigsten ‚Geber‘ der Welt, auf die Herausforderungen durch „koloniales Erbe, Entscheidungsfindung von oben nach unten und Machtungleichgewichte“. Nach Ansicht der Entwicklungsagentur der US-Regierung (USAID) sollte Unterstützung heutzutage zu einem Südostasien führen, das frei ist, „seinen eigenen Entwicklungsweg“ zu gehen.

Ein Zeichen der Zeit: Entwicklung unter lokaler Führung und eine Neugewichtung der Machtverhältnisse in der internationalen Entscheidungsfindung nehmen in der offiziellen Rhetorik einen breiten Raum ein. Doch die Entwicklungszusammenarbeit muss der wirtschaftlichen Vorherrschaft, die auf Regionen wie Südostasien ausgeübt wird, und dem daraus resultierenden Schaden in vollem Umfang Rechnung tragen.

Umverteilung vom Globalen Süden zum Globalen Norden

Laut der Studie Plunder in the Post-Colonial Era entsteht der Schaden durch ungleichen Austausch, das heißt, wenn Unternehmen und Staaten des Nordens weniger für Arbeitskraft und Ressourcen im Globalen Süden zahlen, als sie es getan hätten, wenn diese aus dem Globalen Norden stammen würden. Wohin ist der verlorene, oft unersetzliche Reichtum geflossen? Die USA, gefolgt von Japan und Deutschland, waren die drei stärksten Gewinner.

Die Studie zeigt auch, dass der Reichtumsverlust während der Ära der ‚Strukturanpassung‘ zunahm. Dies waren die Jahrzehnte nach den 1980er Jahren, als die von den USA geführten Institutionen, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbankgruppe (WBG), die Länder des Südens dazu brachten, sich den Prioritäten der Privatisierung von Staatsvermögen, der Deregulierung der Wirtschaft und der Liberalisierung ihrer Märkte für ausländisches Kapital anzupassen. Dadurch wurde der Globale Süden tief in die Weltwirtschaft integriert, und zwar in einer Weise, die den dominanten Interessen zugute kommt und zu den Ungleichgewichten beiträgt, die die heutigen ‚Geber‘ von Entwicklungshilfe zu beheben versuchen.

Kann also unter Beibehaltung der politisch-wirtschaftlichen Strukturen, die den Reichtum von den Entwicklungsländern in die Industrieländer lenken, überhaupt Entwicklung auf lokaler Ebene erreicht werden?

Niedrige Löhne und prekäre Jobs

Südostasien, Entwicklung, Ungleichheit

Die Grasberg-Mine des US-Konzerns Freeport im indonesischen Westpapua © Simon Pearson.flickr.CC BY-NC-SA 2.0

In Südostasien sind die Mindestlöhne im Vergleich zu den meisten nördlichen Ländern niedriger. So liegen die monatlichen Mindestlöhne in der Europäischen Union im Jahr 2021 zwischen 332 Euro in Bulgarien und 2.200 Euro in Luxemburg. Im Vergleich liegen die offiziellen Monatslöhne in Südostasien zwischen 103 USD (95 Euro) in Myanmar und 330 USD (307 Euro) in Thailand oder in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Hinzu kommt das geschlechtsspezifische Lohngefälle in der Region, wodurch Frauen 30 bis 40 Prozent weniger verdienen als Männer.

In den Philippinen, einem Land ohne nationalen Mindestlohn, sinken die Löhne der Arbeitnehmer*innen, je weiter sie von der Hauptstadt entfernt leben. Aber selbst in Manila ist die Lage schwierig. Im Zuge der Digitalisierung und der Pandemie bedingten Entlassungen haben viele Menschen App-basierte Dienstleistungsjobs angenommen, wie etwa Zustellung von Lebensmitteln und Paketen. Da sie als ‚Partner‘ und nicht als Angestellte behandelt werden, haben diese Beschäftigten der Internet-Plattformen nicht einmal auf dem Papier Rechte.

Eine Studie dokumentierte Fälle von Einkommen von nur vier USD pro Tag (~ 112 Euro im Monat) – ein mickriger Betrag im Vergleich zum Gesamtumsatz von Grab, Südostasiens führendem Unternehmen im Bereich Internet-Plattformen, von 501 Millionen USD (470 Millionen Euro) Anfang 2021.

Kupfer und Konzerne

In Westpapua betreibt das US-Unternehmen Freeport-McMoran seit 1967 eine der größten Gold- und Kupferminen der Welt. Heute rechnet Freeport mit einer steigenden Nachfrage nach Kupfer, da es in Elektrofahrzeugen verwendet wird. „Das von uns produzierte Kupfer ist wesentlich für die neuen und bestehenden Technologien, die die weltweiten Bemühungen um Dekarbonisierung unterstützen“, erklärte das Unternehmen im Jahr 2022. Nach jahrzehntelangem Raubbau des US-Konzerns hat die indonesische Regierung in den letzten Jahren die staatlichen Anteile und Steuern an der Mine erhöht.

Aber um welchen Preis? Von 1990 bis 2019 hat Freeport in West-Papua 33 Milliarden Pfund Kupfer und 53 Millionen Unzen Gold abgebaut. Die Menschen vor Ort leiden gleichzeitig stark unter Armut und Unterernährung. Der Betrieb von Freeport ist ein Folge der Kolonialgeschichte und der militärischen Besetzung Westpapuas durch die indonesische Regierung entgegen seiner Selbstbestimmung. Der Abbau wird trotz Pandemie und Krisen fortgesetzt und könnte bis 2041 andauern. Angesichts anhaltenden bewaffneten Widerstands in Westpapua dauern Forderungen nach Schließung der Mine an.

Der Abbau von Ressourcen ist nicht auf Westpapua beschränkt. Unter dem herrschenden System sind ganze Länder so geformt worden, dass sie vom Handel mit Rohstoffen abhängig sind. Landwirtschaftliche Güter, Mineralien und Brennstoffe machen etwa 6o Prozent der gesamten Exporte von Myanmar und Indonesien aus.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

Dies ist Teil 1 des Artikels. Hier geht’s zu Teil 2

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Die Autorin


Jennifer del Rosario-Malonzo ist Geschäftsführerin von IBON International. Von 2010 bis 2015 war sie Globale Koordinatorin des Reality of Aid Network.

IBON International ist eine in Manila ansässige Organisation für Kapazitätsentwicklung, die mit sozialen Bewegungen und der Zivilgesellschaft für die Rechte der Menschen und für Demokratie arbeitet. Sie engagiert sich seit langem in der internationalen Lobbyarbeit zu den Themen Entwicklungshilfe, Entwicklungseffizienz und Entwicklungsfinanzierung.

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Der Autor


Rodolfo Lahoy ist Leiter der Policy-Abteilung von IBON International.

IBON International ist eine in Manila ansässige Organisation für Kapazitätsentwicklung, die mit sozialen Bewegungen und der Zivilgesellschaft für die Rechte der Menschen und für Demokratie arbeitet. Sie engagiert sich seit langem in der internationalen Lobbyarbeit zu den Themen Entwicklungshilfe, Entwicklungseffizienz und Entwicklungsfinanzierung.

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1 | 2023, Südostasien,
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Die offenen Adern Südostasiens (I)

Vietnam/Deutschland: So lange deutsche Verbraucher*innen nicht bereit sind, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben, zahlen Produzent*innen und die Umwelt die Zeche für Fisch und Garnelen auf unseren Tischen.

Gütesiegel und Biozertifikate sollen das Gewissen von Verbraucher*innen beruhigen. Eine besondere Rolle spielt hierbei der Panda. Das süße Bärchen ist das Logo des World Wide Fund For Nature (WWF), bekannt als Interessenvertreter für die Umwelt. Der WWF ist aber auch ein Wirtschaftsunternehmen. Zu seinen Produkten gehören Gütesiegel, um Holz, Fisch und Lebensmittel zu zertifizieren. Eines der bekanntesten ist das ASC-Label (Aquaculture Stewardship Council) zum Beispiel für Pangasius und Garnelen aus Vietnam.

Anlass für die Entstehung des ASC-Labels war 2009 eine heftige Diskussion über Pangasius aus Vietnam. Nachdem der Süßwasserfisch in Deutschland immer mehr Konsument*innen gefunden hatte, nutzten Fischer*innen im Mekong-Delta die Chance und züchteten Pangasius. Die Erfolgsgeschichte drohte Vietnam jedoch auf die Füße zu fallen. Der WWF fuhr im November 2010 nach Vietnam, um die Aufzucht des Pangasius zu untersuchen. Anschließend wurde der Fisch auf die ‚rote Liste‘ mit Lebensmitteln, die nicht gekauft werden sollten, gesetzt. Die Gründe für die massive Kritik lagen in den katastrophalen Bedingungen, unter denen der Fisch in Vietnam gezüchtet wird. Der Besatz ist extrem hoch, daher wird massiv Antibiotika eingesetzt. Da der Pangasius ein Allesfresser ist, wird er mit nahezu allem gefüttert, was den Fisch rasch fett werden lässt.

Die Probleme um die Aufzucht des Pangasius waren (und sind) in Vietnam längst bekannt. Bereits 2010 hatten sich Vietnams Pangasiuszüchter*innen deshalb in Ho-Chi-Minh-Stadt zusammengesetzt, um über ‚verantwortungsvolle‘ Fischzucht zu diskutieren. Die Gespräche fanden im Rahmen des Pangasius Aquaculture Dialogue statt – einem Netzwerk aus über 600 Fischzüchter*innen, Fisch verarbeitende Fabriken, europäischen Lebensmittelkonzernen sowie Wissenschaftler*innen und Naturschützer*innen. Initiator war der WWF. Im Herbst 2010 verabschiedete das Gremium dann einen Standard für die Pangasius-Zucht aus dem schließlich das ASC-Label hervorging. Vergeben wird dieses Zertifikat heute durch den Aquaculture Stewardship Council (ASC) einem so genannten Nonprofit- Unternehmen aus WWF und der niederländischen Nachhaltigen Handelsinitiative (IDH).

Seit dem wichtigen Meilenstein der ersten ASC-Zertifizierung von Pangasius-Farmen im Jahr 2012 sind nicht nur die Anzahl an zertifizierten Zuchtbetrieben, sondern auch die jährlichen Produktionsmengen kontinuierlich gestiegen. Allein in Vietnam gibt es inzwischen mehr als 50 ASC zertifizierte Zuchtbetriebe, welche fast 85.000 Tonnen Pangasius jährlich produzieren (Stand November 2023). Trotz der positiven Entwicklungen stuft der WWF-Fischratgeber Pangasius aus konventionellen Teichkulturen Vietnams weiterhin unverändert im gelben Bereich ein, also in der Kategorie „Zweite Wahl“. Laut Fischratgeber kommt es durch die hohe Besatzdichte der Aquakulturen vor allem zu Umweltauswirkungen durch den Zusatz an Chemikalien und Medikamenten. Auch die ungeklärte Abwasser- und Schlammentsorgung hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack.

Supermarktketten diktieren Preise

Die großen Supermarktkonzerne haben das ASC-Label nichtsdestotrotz seit jeher begrüßt und vorangetrieben, versprechen Pangasius und Garnelen aus Vietnam doch große Gewinne. Die Preise werden von den Einkäufern dieser weltweit agierenden Unternehmen diktiert. „Sie schreiben die Produktions-, Preis- und Lieferbedingungen vor und werden so zum ‚Gatekeeper‘ im Lebensmittelhandel,“ so Oxfams erste Supermarkt-Check Studie vom Juni 2018. Dort heißt es weiter: „In der EU wird der Einzelhandel zunehmend dominiert von einer immer kleiner werdenden Anzahl von Supermarktketten.

In Deutschland teilen sich vier große Ketten 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels. Die Zulieferer, die oft abhängig von einigen wenigen Supermärkten sind, geben den Preisdruck an ihre Arbeiterinnen und Arbeiter weiter. Akkordarbeit, längere Arbeitszeiten, schlechtere Arbeitsbedingungen und eine unsichere Arbeitssituation sind die Folge. In der Produktion der Lebensmittel kommt es zu gravierenden Menschen- und Arbeitsrechtsverstößen, vielerorts können die Menschen, die unsere Lebensmittel herstellen, von ihren Einkommen kaum leben.“ Eine ebenfalls von Oxfam publizierte Studie weist nach, dass deutsche Supermärkte 36,5 Prozent des Verbraucherpreises von Garnelen aus Vietnam erhalten. Produzent*innen werden hingegen mit 1,5 Prozent abgespeist.

Seit Oxfams erstem Supermarkt-Check hat sich einiges getan. Wie die gleichnamige Studie aus dem Jahr 2022 zeigt, haben ein Großteil der Supermärkte nicht nur begonnen, Menschenrechtspolitik ernst zu nehmen, sondern auch signifikante Fortschritte gemacht. Einst im internationalen Vergleich Schlusslichter, so zählen drei der vier marktstärksten deutschen Supermarktketten mittlerweile zu den Spitzenreitern. Doch noch immer erfüllen selbst diese Supermarkt-Giganten nur rund 50 bis 60 Prozent der Kriterien für eine gute Menschenrechtspolitik.

Lukrative Konzern-Partnerschaften

Schaut man sich die ASC etwas genauer an, kommt man ins Staunen. Man muss dazu nur die Homepage besuchen. Dort findet man einen Liste der Unterstützer des ASC-Labels mit 36 der größten Lebensmittelkonzerne aus der Branche Fisch und Meeresfrüchte wie Bofrost, Costa, Edeka, Frosta, Lidl, Metro Group oder Real, aber auch andere Größen wie die internationale Hilton Hotelkette oder der Fast-Food-Riese McDonald‘s.

Welche finanziellen Berührungspunkte zwischen WWF, dem ASC und den Partner-Firmen bestehen, ist schwer zu durchschauen. Auf vielen Packungen in diversen Supermärkten prangt der Panda und animiert zum Kauf und zum Spenden an den WWF. Dessen Einnahmen aus Geschäften mit Kooperationspartner*innen betrugen 2023 rund 17,6 Millionen Euro. Das sind rund 14 Prozent der Gesamteinnahmen. „Aus Sicht des WWF liegen in der kritisch-konstruktiven Zusammenarbeit mit Unternehmen die besten Chancen für den schnellen und tiefgreifenden Wandel, den wir so dringend brauchen“, so heißt es im Jahresbericht 2022/23 des WWF.

Hohe Zertifizierungskosten für Fischer und Züchter am Mekong

„Das Zertifizierungsverfahren für die Fischer ist unabhängig und transparent und wird von zugelassenen, unabhängigen Prüfungsfirmen durchgeführt“, so der WWF. Wer diesen „zugelassenen, unabhängigen Prüfungsfirmen“ aber erlaubt, diesen Job zu machen ist ebenfalls nicht transparent. Eine Zertifizierung ist aufwändig, dauert vier bis sechs Monate und ist dann drei Jahre gültig. Jährlich findet eine Überprüfung statt. Für das ASC-Label bezahlen müssen die Fischzüchter*innen – geschätzt zwischen 5.000 und 20.000 Euro (Stand 2018). Abhängig sind diese Kosten von Standort, Größe und Komplexität des Aquakulturbetriebs. Ein hohes Eintrittsgeld für den Zugang in die europäischen Supermärkte.

Die Pangasius- und Garnelen-Züchter*innen im Mekong-Delta stehen am Anfang der Lieferkette. Bei ihnen bleibt von dem Riesengeschäft mit zertifizierten Garnelen und Pangasius trotzdem am wenigsten hängen. Der Kampf um ein menschenwürdiges Dasein ist in den letzten Jahren härter denn je geworden. Es ist nicht nur der Kampf um die landwirtschaftlichen Güter. Es ist heute auch ein Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels und gegen die Bedingungen des Weltmarktes. 2018 waren Preise für Garnelen auf dem Weltmarkt im Keller und zwar so tief, dass der vietnamesische Verband der Seafood- Exporteure und -Produzenten im Mai desselben Jahres dazu aufrief, die Produktion von Garnelen zu drosseln.

Statt auf eine weitere Erhöhung der Mengen zu setzen, rief der Verband seine Mitglieder auf, besser auf die Qualität zu achten und sich nach dem ASC-Label zu zertifizieren. Um Zertifikate zu erhalten, sollten sich die landwirtschaftlichen Haushalte in Genossenschaften zusammenschließen, was daraufhin auch immer mehr Betriebe taten. Der Rat zur ASC-Zertifizierung konnte zwar dazu beitragen, feste und sichere Lieferketten zu den Supermarktketten aufzubauen. Gegen den Verfall der Weltmarktpreise hilft das Label allerdings nichts – vor allem wenn die Produktionskosten durch die Zertifizierungskosten ansteigen.

Inzwischen steigen die Pandemie-bedingt gesunkenen Importe an Fisch- und Meeresfrüchten wieder. „Das Gesamtaufkommen an Fischerei- und Aquakulturerzeugnissen in Deutschland betrug im Jahr 2022 2,2 Millionen Tonnen. Die größte Bedeutung für die Versorgung des deutschen Marktes haben weiterhin die Importe mit einem Volumen von 2,0 Millionen Tonnen und einem Anteil von 91 Prozent“, bilanziert das Fisch-Informationszentrum.

Egal, um welches Lebensmittel es sich handelt: Unter einer rein gewinnorientierten Lebensmittelindustrie wird kein Gütesiegel wirklich dazu beitragen, dass die Erzeuger*innen genug Geld zum Leben haben und die Verbraucher*innen saubere Lebensmittel bekommen. Ändern müsste sich in allen Bereichen der globalen Lieferkette etwas: Verbraucher*innen müssten bereit sein, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben. Die Handelsketten müssen wiederum den Erzeuger*innen mehr bezahlen. Dies würde ihnen tatsächlich eine Chance eröffnen, die Bedingungen der Zertifikate auch dauerhaft einhalten.

Dieser Artikel erschien zuerst im Oktober 2018 in der südostasien und wurde von Eileen Kristiansen redaktionell bearbeitet und aktualisiert.

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1 | 2023, Südostasien,
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Die offenen Adern Südostasiens (I)

Philippinen: In Manila dominieren seit vielen Jahren Profitinteressen die Wasserversorgung. Auch in anderen Regionen schreitet die Privatisierung voran – mit fatalen Folgen für die Bevölkerung.

Anfang April 2024 sprach die philippinische Behörde für Umwelt und natürliche Ressourcen (Department of Environment and Natural Resources, DENR) eine Warnung aus. Noch habe die Hauptstadtregion Metro Manila zwar genug Wasser, um über die heißen Sommermonate zu kommen, so die DENR. Doch der Pegel des Angat-Staudsees, der Manila zu 90 Prozent mit Wasser versorgt, sinke stetig. Die Bevölkerung sei daher zur Mithilfe und Achtsamkeit im Umgang mit Wasser aufgerufen.

Das Wetterphänomen El Niño sorgt im Frühling 2024 wieder für extreme Hitze. Bei Temperaturen von bis zu 45 Grad werden Schulen geschlossen, aber auch kritische Infrastruktur wie die Energieversorgung ist gefährdet. Generatoren und Stromanlagen sind aufgrund der hohen Nachfrage überlastet. Es kommt immer wieder zu Stromausfällen.

„Auf El Niño waren wir dennoch besser vorbereitet, als beim letzten Mal. Da es in den Monaten davor viel geregnet hat, konnten die Wasserreservoirs gut gefüllt werden“ sagt Rovik Obanil, Generalsekretär der Freedom from Dept Coalition (FDC). Als water campaigner beschäftigt sich Obanil seit über zehn Jahren mit der Wasserversorgung in und um Manila. Er erinnert an die Wasserkrise im El-Niño-Jahr 2019. Das Unternehmen Manila Water musste damals eine Strafe von 1,13 Milliarden Peso (entspricht rund 18,1 Millionen Euro) an die Regulierungsbehörde zahlen. Vertraglich ist Manila Water dazu verpflichtet, seine Kund*innen rund um die Uhr mit Wasser zu versorgen. Eine Verpflichtung, der das Unternehmen 2019 nicht nachgekommen ist. Tausende Haushalte erlebten dadurch Ausfälle und eine schlechte Wasserqualität.

Konzerne teilen sich Manila wie einen Kuchen

Wasser liegt in Manila in den Händen von Konzernen. Grundlage dafür ist der Water Crisis Act von 1995. Unterstützt von multilateralen Organisationen, wie der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF), wurde die Privatisierung der Wasserversorgung vorangetrieben und der damals hoch verschuldete staatliche Anbieter Metropolitan Waterworks and Sewerage System (MWSS) zum Verkauf ausgeschrieben. Große Vorteile wurden versprochen: eine Entlastung des Staates von der Schuldenlast und eine bessere, effizientere Versorgung der Haushalte. Es folgte eine Aufteilung Manilas in zwei Regionen – Ost und West – für die jeweils Konzessionen an die Anbieter mit den günstigsten Tarifen vergeben wurden. Das Rennen machten die Konzerne Maynilad Water Services Inc. im Westen Manilas und Manila Water Inc. im Osten. Manila Water gehörte der einflussreichen Ayala Corporation. Nach einem Streit mit der Regierung verkaufte sie 2021 ihre Anteile an den Milliardär Enrique Razon. Maynilad wird von einem weiteren Tycoon, Manuel „Manny“ Pangilinan, geführt.

„Es handelte sich um eine der größten Wasserprivatisierungen weltweit. Weltbank und IWF bezeichneten Manila sogar als erfolgreiches Vorbildmodell“, so Obanil. Nach einer weltweiten Welle der Privatisierungen, kehrte sich der Trend einige Jahre später jedoch wieder um, wie eine Studie des Transnational Institute zeigt. Rund 180 Städte in 35 Ländern haben ihre Wasserversorgung wieder in die staatliche Verantwortung zurückgeholt. Ein Grund war vielerorts die nicht erfolgte Kostenersparnis, die sich die Kommunen erhofft hatten. „Die Tarife sind gestiegen, während die Wasserqualität gesunken ist“, so Obanil.

Gestiegene Preise – gebrochene Versprechen

FDC sah die Privatisierung von Anfang an kritisch. Öffentliche Dienstleistungen müssen in staatlicher Hand bleiben, sind die Aktivist*innen überzeugt. Nur so sei garantiert, dass das Wohl der Menschen Priorität habe. Im Gegensatz dazu sei für Unternehmen stets Profitstreben die wichtigste Motivation. Zum Nachteil der Konsument*innen. Auch in Manila sind die Preise für Wasser gestiegen. Anfangs hatte Manila Water noch einen Tarif von 2,61 Peso (rund 4 Cent) pro Kubikmeter Wasser verlangt. Bis 2008 wurde der Preis jedoch auf 26,98 Pesos (rund 43 Cent) erhöht. Im Westen, dem Gebiet von Maynilad, stieg der Preis in zehn Jahren von 4,96 (rund 8 Cent) auf 32 Pesos (rund 51 Cent) (2008).

Festgelegt werden die Tarife in Verträgen zwischen den Wasseranbietern und der Regulierungsbehörde. Alle fünf Jahre verhandeln sie diese neu. Eine reine Formalität, sagt Obanil. Denn in den meisten Fällen habe die Regulierungsbehörde einer Erhöhung der Preise zugestimmt. Maynilad und Manila Water argumentierten damit, dass sie Investitionen tätigen müssten, in neue Wasserpumpen, in den Ausbau und die Reparatur von Leitungen oder die Aufbereitung von Trinkwasser. NGOs zweifelten die Kostenaufstellungen jedoch immer wieder an. Nur einmal stimmte die Behörde der Preiserhöhung nicht zu, da bekannt wurde, dass die Unternehmen ihre Gewinnsteuern den Kund*innen in Rechnung stellten. Manila Water und Maynilad gingen gegen diese Entscheidung jedoch vor Gericht. „Das war eine seltsame Situation“, erinnert sich Obanil. Die Fälle wurden in zwei unterschiedlichen Gerichten verhandelt. Während Manila Water mit seinem Einspruch Recht bekam, verlor Maynilad den Prozess.

Keine Wasserversorgung für alle

Säumig sind die Wasseranbieter auch in Bezug auf einen zentralen Auftrag: dem Zugang für alle. „Es gibt immer noch Haushalte in Manila, die nicht rund um die Uhr mit Wasser versorgt sind“, berichtet Obanil. Das trifft vor allem auf die arme Bevölkerung in den informellen Siedlungen zu. Die Leitungen von Maynilad und Manila Water erreichen die dortigen Haushalte nicht. Oft enden die Anschlüsse an den Hauptstraßen und Siedlungseingängen. Von dort aus ziehen die Menschen selbst Leitungen zu ihren Häusern. Rohre aus Gummi und billigen Materialien schlängeln sich so durch die engen Gassen. Mit der Zeit werden sie porös oder rostig, es rinnt Wasser aus und versickert ungenutzt. Einige Leitungen führen sogar durch Abwasserkanäle. Immer wieder verursacht verschmutztes Wasser Krankheiten und Durchfall. Aus Angst davor, das Wasser zu trinken, kaufen viele Bewohner*innen Trinkwasser in Kanistern. Damit geben die Menschen mehr Geld aus, als sie eigentlich müssten, weil Maynilad und Manila Water ihrer Verpflichtung nicht nachkommen, alle Haushalte ausreichend zu versorgen.

Und selbst wenn sie es täten, bliebe der Aspekt der Sicherheit fraglich. Die Versorger geben zwar an, Trinkwasserqualität zu liefern. Dennoch gibt es auf dem Weg von der Aufbereitungsanlage bis zum Wasserhahn viele Risiken für Verunreinigungen. Wer auf Nummer sicher gehen will, kauft daher Trinkwasser, filtert Leitungswasser oder kocht es vor dem Konsum ab.

Ein neuer Player: PrimeWater

Neben Maynilad und Manila Water sorgte in den vergangenen Jahren ein weiterer Player im Wassergeschäft für Aufmerksamkeit: die PrimeWater Infrastructure Corporation. Ein Unternehmen des Milliardärs Manuel Villar. Er ist laut Forbes-Liste der reichste Filipino. Platz zwei belegt Enrique Razon, CEO von Manila Water.

Landesweit kauft sich PrimeWater in die kommunale Wasserversorgung ein – mit spürbaren Folgen, wie Medien berichten. In Bacolod City klagen Bewohner*innen und Lokalpolitiker*innen über gestiegene Preise bei schlechterer Qualität. Während früher Wasser rund um die Uhr durch die Leitungen floss, komme es nun zu ständigen Unterbrechungen, heißt es. In Malaybalay City in Bukidnon erzählen Menschen, dass sie nur zu bestimmten Tageszeiten fließendes Wasser hätten.

Auch FDC hat die Aktivitäten von PrimeWater beobachtet. San Jose del Monte in der Provinz Bulacan sei einst ein Musterbezirk in Sachen Wasserversorgung gewesen, sagt Obanil. „Der öffentliche Sektor stand finanziell sehr gut da und man konnte die Infrastruktur ausbauen. Alle Argumente, die üblicherweise für eine Privatisierung vorgebracht werden, wie Verschuldung oder Ineffizienz, trafen hier nicht zu. Dennoch wurde privatisiert.“

PrimeWater ging ein Joint Venture mit dem kommunalen Wasseranbieter ein. Die Befürchtungen der Kritiker*innen bewahrheiteten sich bald: „Früher konnte man das Wasser aus der Leitung trinken“, so Obanil. „Jetzt ist das nicht mehr möglich. Die Verunreinigung ist sogar mit bloßem Auge sichtbar.“ Er spricht von Verfärbungen, trübem Wasser und teilweise fauligem Geruch. Ein Grund für die Verschlechterungen sei, dass beim Personal in der Qualitätskontrolle gespart werde. Als Folge kaufen auch hier viele Bewohner*innen ihr Trinkwasser in Kanistern oder Flaschen. Für Haushalte mit niedrigen Einkommen, die sich keine privaten Wasserfiltersysteme leisten können, bedeutet dies eine zusätzliche finanzielle Belastung.

Verantwortung statt Verschwendung

Seit fast drei Jahrzehnten beobachten und kritisieren Aktivist*innen die Folgen der Privatisierung und Profitorientierung in der Wasserversorgung. Vom Recht auf Wasser sind viele Menschen in der Millionenmetropole Manila weit entfernt. Außerhalb der Philippinen wurden öffentliche Dienstleitungen stellenweise wieder unter kommunale, staatliche Kontrolle gebracht, so in Buenos Aires, Johannesburg, Accra, aber auch in europäischen Städten wie Paris. Die Philippinen sind diesem Trend nicht gefolgt, im Gegenteil. In einigen Gemeinden hat sich daher Widerstand gebildet, an dem sich nicht nur die Zivilgesellschaft, sondern auch Lokalpolitiker*innen beteiligen. FDC musste seine langjährige Wasserrechts-Kampagne aufgrund von Budgetkürzungen zwar einstellen. Dennoch ist die Organisation weiterhin Teil des Netzwerks Stop Kaliwa Dam.

Der Bau des Kaliwa-Staudamms wird seit 2012 kontrovers diskutiert. Befürworter*innen argumentieren, dass er notwendig sei, um den steigenden Wasserbedarf in Metro Manila zu decken. Gegner*innen warnen vor den ökologischen Folgen, vor allem für die indigene Bevölkerung, die in dem Gebiet lebt. Die Mitglieder von Stop Kaliwa Dam sehen die Lösung des Wasserproblems unter anderem im sparsameren Umgang. Viel Wasser gehe verloren, kritisiert Obanil. Nicht nur in Haushalten, sondern speziell in der Industrie. „Es gibt außerdem viele Shopping Malls und Golfplätze, die einen hohen Verbrauch haben. Wir fordern die Unternehmen auf, verantwortungsbewusst mit dem Wasser umzugehen.“

Wasser sei ein Menschenrecht, betonen Emerlynne Gil und Joanne Ala von der Internationalen Juristenkommission. Festgeschrieben ist dieses Recht im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (kurz: UN-Sozialpakt), den die Philippinen ratifiziert haben. Damit ist die Regierung dazu verpflichtet, sicheres, sauberes und leistbares Wasser für alle zugänglich zu machen. Auch, wenn die Wasserversorgung an profitorientierte Unternehmen ausgelagert wurde, ist immer noch der Staat hauptverantwortlich. Von der Quelle bis zum achtsamen Verbrauch.

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