3 | 2021, Indonesien,
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Indonesiens antikoloniales Museum in Rangkasbitung

Multatuli Museum

Schon vor der offiziellen Eröffnung war das Multatuli Museum für das Publikum geöffnet. Besucherandrang im Juli 2017. © Multatuli Museum

Indonesien – Die Eröffnung des Multatuli Museums, des ersten ‚antikolonialen‘ Museums Indonesiens unterstreicht die Bedeutung einer kritischen und ganzheitlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

An Museen mangelt es Indonesien nicht. Aber das im Februar 2018 eröffnete Multatuli Museum ist etwas Besonderes. Multatuli ist das Pseudonym des ehemaligen Verwaltungsbeamten und Schriftstellers Eduard Douwes Dekker, Autor des satirischen Romans Max Havelaar aus dem Jahr 1860 über die Kaffeeauktionen der niederländischen Handelsgesellschaft Vereenigde Nederlandsche Oost Indische Compagnie (VOC).

In Rangkasbitung in der Provinz Banten auf Java gelegen, wo Douwes Dekker einst lebte und arbeitete, zeigt das Museum seine persönlichen Gegenstände, eine Erstausgabe von Max Havelaar in französischer Sprache und eine Sammlung von Briefen, die der Autor der niederländischen Regierung bezüglich der Verwaltung von Rangkasbitung und des Regierungsbezirks Lebak während seiner Zeit dort übermittelte.

Indonesien hat eine lange Kolonialgeschichte – die Niederländer ließen sich 1602 mit der VOC dort nieder und anerkannten die indonesische Unabhängigkeit erst 1949 an, vier Jahre nachdem Sukarno im August 1945 die Unabhängigkeit Indonesiens erklärt hatte. Zusätzlich zu den Niederländern war Indonesien zeitweise auch ganz oder teilweise von Portugiesen, Briten und Japanern beherrscht. Die Einrichtung des Museums beabsichtigt, einen wichtigen Beitrag zur historischen Bildung zu leisten.

Max Havelaar, „das Buch, das den Kolonialismus tötete“

Es ist kein Zufall, dass sich das Museum so stark auf Multatuli bezieht. Er verfasste Max Havelaar, seine einflussreichstes Buch, um die Ausbeutung durch die Kolonialverwaltung in Niederländisch-Ostindien aufzudecken. Um Gewinne zu erzielen, beuteten die Niederländer natürliche und menschliche Ressourcen aus und zwangen lokale Bauern, kommerziell rentable Pflanzen wie Zucker und Kaffee anstelle von Grundnahrungsmitteln wie Reis anzubauen. Scharfe und oft unrealistische Quotenregelungen wurden auferlegt, was zu Unterernährung und Hungersnöten der lokalen Bevölkerung sowie zu einer großen Ungleichheit zwischen Beamt*innen und Bäuer*innen führte. Douwes Dekker wählte das Pseudonym Multatuli – was auf Latein „Ich habe viel gelitten“ bedeutet – als Beschreibung der Ungerechtigkeiten, die er beobachtete.

Multatuli Museum

Außenansicht des Museum Multatuli © Museum Multatuli

Der Roman Max Havelaar war umstritten, aber auch äußerst einflussreich. In einem Interview von 2017 mit BBC Indonesia sagte Bonnie Triyana, Kurator des Museums, viele Menschen im damaligen Niederländisch-Ostindien seien sich nicht einmal bewusst gewesen, dass sie unter kolonialer Herrschaft leben, bevor sie die im Buch dargestellten krassen Realitäten gelesen hatten. Max Havelaar zeigte die Ausbeutung auf, die im Kern des europäischen Kolonialismus lag, und wurde zudem von Reformern genutzt, um die niederländische Regierung unter Druck zu setzen, Änderungen vorzunehmen.

‚Ethische Politik’ begünstigt vor allem die Eliten

Diese Änderungen kamen schließlich in Form der sogenannten ‚Ethischen Politik‘, in deren Rahmen die Niederlande versprachen, mehr für die Entwicklung der Infrastruktur und für die Bildung in ihren Kolonien zu tun. Beispiele sind die Gründung von Hochschulen wie der School tot Opleiding van Inlandsche Artsen – heute bekannt als Medizinische Fakultät der Universitas Indonesia – im Jahr 1913 und der Technischen Hoogeschool te Bandoeng, heute Institut Teknologi Bandung, im Jahr 1920. Die ‚Ethische Politik‘ erlaubte zudem einigen Indonesiern in den Niederlanden zu studieren; viele kehrten zurück mit neuen Ideen zu nationaler Souveränität und leisteten einen Beitrag zur indonesischen Unabhängigkeitsbewegung. Aber die ‚Ethische Politik’ hatte auch ihre Grenzen: Sie kam größtenteils nur der Elite zugute, insbesondere den Nachkommen lokaler Adliger.

Die Wirkung von Max Havelaar beschränkte sich nicht nur auf Europa. Das Buch wurde auch von vielen prominenten indonesischen Intellektuellen gelesen, wie der Schriftstellerin und Pionierin für die Bildung von Mädchen, Kartini, und Tirto Adhi Soerjo, der oft als Gründer des indonesischen Journalismus bezeichnet wird. Diese Intellektuellen betonten die Notwendigkeit der Bemühungen um die Unabhängigkeit Indonesiens. Tirto Adhi Soerjo zum Beispiel war bekannt für seine Kritik an der Politik der Kolonialregierung. Wie Bonnie Triyana sagte, erzeugte das Buch einen Schneeballeffekt: „Obwohl es keinen direkten Einfluss auf die Geschichte nahm, wurde Max Havelaar zu einem Symbol der Inspiration für die Unabhängigkeitsbewegung in der Kolonie.“

1860 erschien Max Havelaar, der Roman, der die Ausbeutungsmechanismen der holländischen Kolonialherrschaft schilderte © Wikimedia, Creative Commons, Public Domain

Der Autor Douwes Dekker wählte das Pseudonym Multatuli, was auf Latein „Ich habe viel gelitten“ bedeutet © Universität Leiden/Creative Commons

Über die Bedeutung des Romans Max Havelaar schrieb der verstorbene indonesische Autor Pramoedya Ananta Toer 1999 in einem Artikel für das New York Times Magazine, es sei das Buch, „das den Kolonialismus tötete“.

Koloniale Nachwirkungen

Peter Carey, Historiker an der University of Oxford, der auf die moderne Geschichte Indonesiens spezialisiert ist und an der Museumseröffnung teilnahm, weist darauf hin, dass der Kolonialismus einen erheblichen Einfluss auf die Denkweise einer ehemaligen Kolonie haben kann: „Die Macht, die die Kolonisator*innen ausübten, lag in ihrer Kontrolle von Informationsflüssen; eine Form von Softpower. Sie verfassten Geschichten über die Nationen, die sie kolonisierten, und brachten die einheimische Bevölkerung dazu zu glauben, ihre Nation sei unterentwickelt.“

Dieser Punkt wurde auch von Franz Fanon in seinem bahnbrechenden Werk Die Verdammten dieser Erde deutlich gemacht. Darin beschrieb er, dass Kolonialismus schwerwiegende Auswirkungen auf die Psyche der Kolonisierten hat, die von einem tief verwurzelten Gefühl der Erniedrigung und Minderwertigkeit beeinträchtigt sind. „Die Kolonialmacht unterzog die Nation Indonesien einer Gehirnwäsche“, sagt Peter Carey. Auch über 70 Jahre nach der Unabhängigkeit lässt sich argumentieren, dass noch immer Spuren der Kolonialmacht in der indonesischen Gesellschaft fortbestehen.

Max Havelaar mag heute weitgehend in Vergessenheit geraten sein, doch die kritische Beleuchtung der kolonialen Vergangenheit Indonesiens ist nach wie vor von höchster Relevanz. Der Autor und Soziologe Ignas Kleden schrieb im März 2018 in der indonesischen Zeitung Kompas, dass eine diskriminierende Haltung während der Ära Niederländisch-Ostindiens die heutige Wahrnehmung von Rasse und Klasse in der Gesellschaft geprägt habe. Vorstellungen von weißer Überlegenheit zum Beispiel existieren in Indonesien ebenso fort wie in vielen anderen ehemaligen Kolonien.

Alte Vorstellungen von weißer Überlegenheit, ‚West gegen Ost‘ und ‚Kolonisator*innen gegen Kolonisierte‘ auszuleuchten, ist kein leichtes Unterfangen. „Koloniale Nachwirkungen sind ein Thema mit sehr großer Bandbreite. Es geht darum, die weiße Vormachtstellung zu kritisieren, die die diskriminierende Politik der niederländischen Ostindien-Ära hinterlassen hat, aber nicht nur darum“, sagte die indonesische Forscherin Eunike G. Setiadarma und fügte hinzu, dass auch die rassistische Diskriminierung zwischen lokalen Ethnien in Indonesien auf die Politik und Denkweise zurückgeführt werden kann, die während der Kolonialzeit ‚eingeimpft’ wurden.

Multatuli Museum

Besuch einer Schüler*innengruppe im Museum Multatuli © Museum Multatuli

Dekolonisierung des Denkens

Die Unabhängigkeitserklärung einer Nation von ihren ehemaligen Kolonisator*innen ist nur die Hälfte der Dekolonisierung – die andere Hälfte kommt aus der Dekolonisierung des Denkens der ehemaligen kolonialen Subjekte. Es ist diese Hälfte, die sich als weitaus herausfordernder erweisen kann als der vorhergegangene Unabhängigkeitskampf.

In seinem Essay African Philosophy and the Post-Colonial: Some Misleading Abstractions about ‚Identity‘ argumentiert der kenianische Philosoph D. A. Masolo, dass viele neuerdings unabhängige Gesellschaften nach der Überwindung der Kolonialherrschaft versuchen, ein Gefühl historischer und nationaler Identität zu etablieren, das dazu neigt, die Kolonialzeit zu verdunkeln. In diesem neuen nationalen Narrativ erscheint es, als sei die Gesellschaft nie kolonisiert worden. Masolo argumentiert, eine solche Logik schränke den nationalen Diskurs ein, da die Anerkennung der eigenen kolonialen Vergangenheit für eine langfristige Transformation von entscheidender Bedeutung sei.

Entscheidungen über die Dekolonisierung des Denkens haben erheblich mehr Auswirkungen als nur auf die Kultur. Indonesiens Wahl von Malaiisch (kodifiziert als Bahasa Indonesia) als Landessprache beispielsweise trug einiges dazu bei, in einem Land mit über 700 Sprachen eine nationale Identität zu etablieren. Malaiisch war damals eine weit verbreitete Zweitsprache, die sich durch den regionalen Handel ausgebreitet hatte. Die Wahl von Malaiisch statt Niederländisch (der ehemaligen Kolonialsprache) oder Javanisch (der Muttersprache der Mehrzahl der Indonesier*innen) als Lingua Franca setzte ein deutliches Zeichen für den integrativen Charakter der indonesischen Republik und ihre Stellung in der Welt.

Dekolonisierung der Sprache

Der kenianische Schriftsteller und postkoloniale Theoretiker Ngugi wa Thiong’o argumentiert in seinem bahnbrechenden Werk Dekolonisierung des Denkens: Essays über afrikanische Sprachen in der Literatur, dass Sprache Kultur trägt, und Kultur, insbesondere durch Oratur und Literatur, den gesamten Komplex von Werten trägt, durch den wir uns selbst und unseren Platz in der Welt wahrnehmen. Er trat für eine sprachliche Dekolonisierung ein: die Ablehnung kolonialer Sprachen, um uns von den kolonisierenden Werten und Annahmen zu befreien, zugunsten der Entwicklung indigener Sprache und Literatur und dadurch die Befreiung der indigenen Kultur vom kolonialen Einfluss.

Die Entkolonialisierung des eigenen Denkens erfordert die Fähigkeit, die Geschichte der Machtstrukturen und -beziehungen sowie deren anhaltenden Einfluss auf die zeitgenössische Gesellschaft zu verstehen. Im Gegensatz zu vielen anderen Museen, die sich hauptsächlich auf lokales Heldentum konzentrieren, zielt das Multatuli Museum darauf ab, das historische Bewusstsein junger Indonesier*innen zu schärfen und nicht nur Diskurse über die Vergangenheit zu verändern, sondern auch über die Zukunft.

Übersetzung aus dem Englischen von: Hendra Pasuhuk

Dieser Artikel erschien zunächst bei New Naratif und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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3 | 2021, Indonesien,
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Indonesiens antikoloniales Museum in Rangkasbitung

Papua-Neuguinea: In „Dein ist das Reich“ hat Katharina Döbler das Leben ihrer Großeltern fiktionalisiert. Die Handlung spannt sich über vier Jahrzehnte: von Kolonialisierung und Missionierung in Neuguinea bis hin zum Nationalsozialismus.

Anfang des 20. Jahrhunderts herrscht in Mittelfranken Armut. Es fehlen Perspektiven für die überwiegend in Landwirtschaft und Handwerk tätige Bevölkerung. Doch es gibt einen Ausweg und zugleich die Möglichkeit, ‚etwas Gutes‘ zu tun: sich als Missionar oder Missionarin zu den „Heiden“ nach Neuguinea entsenden zu lassen. Inmitten der streng protestantisch geprägten Dörfer Mittelfrankens befindet sich in Neuendettelsau ein Missionswerk, das Laien rekrutiert.

Getrieben von den äußeren Umständen und der Hoffnung auf ein besseres Leben gelangen die Protagonist*innen des Romans Dein ist das Reich auf unterschiedlichen Wegen nach Neuguinea. Dort betätigen sie sich als „Werkzeuge des Herrn“: in der Mission und deren Plantagen.

Aufgearbeitete Familiengeschichte

Dein ist das Reich ist der zweite Roman der Journalistin und Autorin Katharina Döbler. Sie verarbeitet darin die Geschichte ihrer Großeltern und Eltern und lässt ihre Erinnerungen sowie Familiendokumente wie alte Briefe und Fotos einfließen. Zugleich hat sie tiefgehend zur Kolonial- und Missionsgeschichte recherchiert, was man der Erzählung anmerkt. Diese zieht sich über mehrere Jahrzehnte und spielt hauptsächlich im nordöstlichen Teil des heutigen Papua-Neuguinea, dem damaligen „deutschen Schutzgebiet“ Kaiser-Wilhelms-Land, aber auch im indonesischen Teil der Insel, der damals zum niederländischen Kolonialgebiet gehörte, sowie in Franken. Die Geschichte trägt autobiografische Züge und ist eindrucksvoll choreografiert: Die Handlung folgt den an die Großeltern angelehnten Figuren von den 1910er-Jahren bis nach dem Zweiten Weltkrieg.

„Unsere Papua“

Im Laufe der Erzählung wird das ‚koloniale Projekt‘ vorangetrieben und die indigenen Papua auf Plantagen als günstige Arbeitskräfte ausgebeutet. Die Papua werden überwältigt von der raschen Ausbreitung der wenigen Weißen, die immer mehr Land möchten. Diese „übertraten alle Tabus, sie trampelten auf heiligen Plätzen herum…“, doch ohne Konsequenzen . Das wird von der indigenen Bevölkerung beobachtet, ebenso die Heilung kranker Menschen mit westlicher Medizin. Doch die Weißen bringen auch unbekannte Krankheiten mit, an denen Papua erkranken und sterben. Daneben weckt die Vielzahl neuer Güter: Werkzeug, Gewehre, Salz, Kleidung und Medikamente, Begehrlichkeiten bei der indigenen Bevölkerung. Das bewegt eine wachsende Zahl an Papua zum Christentum und in die Arme von Anwerbern für die Plantagen, die durch die Dörfer ziehen. Indigene Frauen arbeiten als ‚Hausmädchen‘ bei weißen Familien.

Die vier Hauptfiguren, die zu zwei Ehepaaren werden, hinterfragen all dies wenig und glauben, ‚das Richtige‘ zu tun. Dabei sind sie sehr verschieden – sie eint jedoch ihr fester und unerschütterlicher Glaube an Gott. Mit den Beamten der westlichen Kolonialmächte und Kolonialhändler*innen verbinden sie gemeinsame Ziele, es zeigt sich aber auch Widerspruch.

Im Laufe der Geschichte erstarkt der Nationalsozialismus in Deutschland. Auch in der Mission und unter den Deutschen in Neuguinea findet er unterstützende Stimmen und sogar stramme Anhänger*innen, die in die NSDAP eintreten. Die Dynamik des von der deutschen Regierung begonnenen 2. Weltkrieges bestimmt auch in den Kolonialgebieten das Geschehen. Die männlichen Deutschen in beiden Kolonialteilen Neuguineas werden verhaftet, so auch Döblers Großväter.

Gegenüber den Papua verhalten sich die Missionar*innen paternalistisch. Man gibt sich wohlwollend gegenüber „unseren Papua“, die sich – in den Augen der Missionierenden – „kindlich“ oder „faul“ verhalten, bestraft sie bei Vergehen aber hart. Die kolonialisierten Papua bleiben im Buch weitestgehend Randfiguren, womit Döbler das herrschende System spiegelt. Sie stellt die Sichtweise der Weißen in den Mittelpunkt und zeigt sie in ihrem ganzen Ausmaß. Die evolutionistische und durch ‚Rassenlehre‘ geprägte Weltsicht, zeigt sich im Denken, in den Dialogen und Handlungen der Weißen. Ihr Gefühl der kulturellen Überlegenheit schwingt stets mit. Dadurch vermittelt Döbler einen Eindruck des damaligen Zeitgeists – und des gesellschaftlich getragenen Rassismus.

Dicht erzählt auf mehreren Ebenen

Auf einer zweiten Handlungsebene erinnert sich die Erzählerin in Rückblenden an die mit ihren Großeltern gemeinsam erlebte Zeit, samt ihren persönlichen Eigenheiten und Charaktereigenschaften. Zwischenzeitlich lässt sie ihre Stimme aus dem Hier und Jetzt einfließen: ergänzt, ordnet ein und reflektiert das Handeln der Hauptfiguren. Eine ausgefallene Idee sind die eingerückten Texte, in denen Döbler Fotos aus der damaligen Zeit beschreibt.

Döbler erzählt die Geschichte der Großeltern und Eltern ruhig und detailliert – es scheint als wolle sie so deren Motive verstehen und auch die Ursachen für ihr Wesen in der Nachkriegszeit ergründen. Beim Lesen braucht es allerdings einige Aufmerksamkeit, den zahlreich auftretenden Personen und ihren Beziehungen untereinander zu folgen. Was erfunden und was wirklich passiert ist, verschwimmt. Doch deutlich werden die Zerrissenheit und der große Schmerz in der Familie.

Debatten über Rassismus und Kolonialzeit

Das Timing dieses Buches könnte besser nicht sein. Der Roman erscheint während einer gesellschaftlichen Debatte über Rassismus, Dekolonialisierung und Raubkunst, wie die Diskussion um das Luf-Boot im Berliner Humboldt-Forum, wozu der Historiker Götz Aly seine Recherchen kürzlich im Buch Das Prachtboot veröffentlicht hat.

Dein ist das Reich ist ein sprachlich starker Roman, der viel Wissenswertes über die deutsche Kolonialzeit in der ‚Südsee‘ vermittelt. Er regt zum Nachdenken über die Rolle der begleitenden Mission sowie deren Verhältnis zum Nationalsozialismus an. Er ist kritisch und zugleich sensibel geschrieben. Schade ist, dass die wörtliche Rede nicht gekennzeichnet ist. Denn das stört und bremst den Lesefluss. Dass sich die Autorin intensiv mit der Vergangenheit ihrer Familie und deren Verhältnis zum Nationalsozialismus auseinandersetzt, macht das Buch zu einem bedeutsamen Werk. Denn in vielen deutschen Familien herrscht das Schweigen bis heute.

Rezension zu: Katharina Döbler. Dein ist das Reich. Claassen Verlag. 2021. 480 Seiten.

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Indonesiens antikoloniales Museum in Rangkasbitung

Malaysia: Der Roman „Echos der Stille“ von Chuah Guat Eng beschreibt, wie historische Ereignisse Menschen und ihren Alltag geprägt haben.

1974 in Malaysia. Die junge chinesischstämmige Malaysierin Lim Ai Lin kehrt mit ihrem Freund Michael nach knapp vier Jahren in Deutschland in ihr Heimatland zurück. Sie besuchen Michaels Vater Jonathan, einen älteren Plantagenbesitzer, der in einem ländlichen Anwesen residiert. Während ihres Besuches wird dessen Verlobte im Dickicht des nahe gelegenen Waldes erschossen. In detektivischer Manier von Sherlock Holmes und Dr. Watson stellen Ai Lin und Michael auf eigene Faust Nachforschungen an. Schnell wird klar: Alle sind verdächtig, inklusive Michael.

Wendepunkte Malaysias im 20. Jahrhundert

Was wie ein Krimi beginnt, führt bald durch historische Ereignisse Malaysias und durch die Entwicklung des Landes – verwoben in mehrere Familiengeschichten. Die malaysische Autorin Chuah Guat Eng lässt die Handlung in drei Zeiträumen spielen und verbindet sie miteinander: Das Ende der Kolonialzeit kurz vor der japanischen Besetzung Britisch-Malayas im Zweiten Weltkrieg, die ersten Jahre der New Economic Policy (NEP) in den 1970er Jahren und der wirtschaftliche Aufschwung Anfang der 1990er Jahre unter dem autoritären Premierminister Mahathir Mohamad.

Hauptfigur ist die Ich-Erzählerin Ai Lin. Sie ist geprägt von den Auswirkungen der schweren Unruhen nach den Parlamentswahlen am 13. Mai 1969 in Kuala Lumpur. Bei blutigen Auseinandersetzungen zwischen chinesischen und malaiischen Malaysier*innen gab es damals zahlreiche Tote. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen und die NEP implementiert – eine ethnozentrierte Wirtschaftspolitik, die vor allem Malaien stärkte und bevorzugte. Dies hatte erheblichen Einfluss auf die Gesellschaft und Wirtschaft des Landes.

Stellvertretend für die verunsicherten chinesischen Malaysier*innen dieser Zeit stehen Ai Lin und ihre Mutter. Sie zweifeln und hadern mit der Zukunft. Ai Lin geht nach München, um dort zu studieren. Für sie, wie für viele andere, ist ungewiss, wo ihr Platz in Malaysia ist und ob es überhaupt einen gibt. Ai Lin ist entwurzelt, fühlt keine Verbindung zu ihrem Heimatland, zu den Traditionen und ihrer Familie.

Macht und Kolonialisierung

Wie Politik, Geschichte, Kultur und Gesellschaft die Menschen prägt, zeigt nicht nur Ai Lins Geschichte, sondern auch die der weiteren Romanfiguren. Da sind zum Beispiel Yusuf, ein Malaie, der sich hochgearbeitet hat, und dessen Sohn Hafiz, ein Kindheitsfreund Michaels. Dieser kommt charmant daher, bleibt aber undurchsichtig. Seine Entwicklung zeigt den sozialen Wandel Malaysias und die Herausforderungen der jüngeren Generation, die unter dem Einfluss der Moderne ihre Traditionen und Normen in Frage stellt.

Autorin Eng schildert wie die ethnischen Gruppen Malaysias eher nebeneinander als miteinander leben (Indigene kommen allerdings nicht vor) und greift Themen wie Armut und die Rolle der (ehemaligen) Kolonialherren auf. Diese wirken dabei zunächst wohlwollend. Doch an einzelnen Stellen schimmern die Unterschiede sowie der Zusammenhang zwischen Herkunft und Machtposition durch. Denn wer Macht hat, kann es sich leisten, gönnerhaft und freundlich zu sein. Auch die verschiedenen Liebesbeziehungen sagen bei genauerem Blick viel über Macht, Geschlechterverhältnisse und Folgen der Kolonialisierung aus.

Schmöker mit Tiefgang

Chuah Guat Eng versteht es, die Protagonist*innen und ihre Beziehungen zueinander immer weiter zu entwickeln und vielschichtiger zu machen. Der Roman ist mit sprachlichen Finessen gespickt, oft bildhaft und doch mit klaren, einfachen Worten geschrieben. Die Handlung ist durch die facettenreichen Figuren und unterschiedlichen Zeitebenen abwechslungsreich und anspruchsvoll verflochten. Nur die Passagen mit längeren Dialogen – besonders die, in denen es um die Morduntersuchungen geht – sind etwas eintönig und halten leider nicht ganz das hohe Niveau, das den Rest des Roman auszeichnet.

Zwar folgt die Erzählung dem klassischen Krimi-Schema mit Verdächtigen, falschen Fährten, subtilen Andeutungen und neuen Spuren, doch die Suche nach dem Wer? und Warum? zündet nicht wirklich. Spannung entsteht vielmehr aus den Rückblicken und dem sich daraus entwickelnden Gesamtbild. Dieses entwickelt sich langsam aus den Figuren, ihren Familien und den Ereignissen der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reichen.

Echos der Stille erschien auf Englisch bereits 1994, damals von Chuah Guat Eng selbst herausgegeben. Der Heidelberger Verlag Das Wunderhorn hat den Roman mit Unterstützung des Goethe-Instituts ins Deutsche übersetzen lassen – und zwar großartig von Michael Kleeberg. Kritisch anzumerken ist, dass einige Wörter der Übersetzung wie zum Beispiel „Moslems“ nicht mehr zeitgemäß sind. Trotzdem liest sich das Buch wie aus einem Guss und ist wahrlich ein „kunstvoll komponierter, unterhaltsamer Gesellschaftsroman“, wie es der Verlag verspricht. Für diejenigen, die mit Malaysia nicht gut vertraut sind, gibt es übrigens im Anhang ein hilfreiches Glossar und einen kurzen Abriss der Landesgeschichte.

Rezension zu: Chuah Guat Eng. Echos der Stille. 2022. Das Wunderhorn. 464 Seiten

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Indonesiens antikoloniales Museum in Rangkasbitung

Philippinen/Schweiz: Die kolonialen Verstrickungen der Schweiz werden selten thematisiert. Ein Verein setzt sich dafür ein, dass philippinische Objekte aus Museumsdepots sichtbar gemacht werden.

Seit Mitte September 2024 widmet sich das Schweizer Landesmuseum in Zürich mit der Ausstellung Kolonial für vier Monate der Schweizer Kolonialgeschichte. Denn beim Thema Kolonialismus genießt die Schweiz im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn keineswegs einen Sonderstatus, auch wenn dieser Aspekt ihrer Geschichte nur selten zur Sprache kommt. Ab dem 16. Jahrhundert beteiligten sich Schweizer Akteur*innen nicht nur am Handel mit Kolonialprodukten. Sie waren auch als Söldner oder Forschende unterwegs, was nicht selten auch mit der Ausbeutung von Menschen einherging.

Vereinsarbeit zur De-Kolonisierung von Museen

Die kolonialen Verstrickungen der Schweiz haben Spuren hinterlassen, die zum Teil sichtbar sind, oftmals aber im Verborgenen liegen. Teil dieses unsichtbaren kolonialen Erbes sind die abertausenden Objekte, die unbeachtet in Schweizer Museumsdepots lagern. Für das Rahmenprogramm der Ausstellung Kolonial wurde der Verein studiyo filipino zu einem Podiumsgespräch über die Dekolonisierung dieser Sammlungen eingeladen. studiyo filipino setzt sich seit längerem dafür ein, dass quasi vergessene philippinische Museumsobjekte, unter anderem im Völkerkundemuseum Zürich, für eine breite Öffentlichkeit zugänglich werden.

Das Völkerkundemuseum der Universität Zürich (VMZ) entstand ursprünglich aus der botanischen und ethnographischen Sammlung des Schweizer Forschungsreisenden Hans Schinz (1858-1941). Sie wurde unter der Führung der Ethnographischen Gesellschaft Zürich 1889 erstmals zugänglich gemacht und in den 1910er-Jahren dem Kanton und damit der Universität Zürich geschenkt. Während frühere Objekte aus Expeditionen nach Südwestafrika und Indien sowie aus Schenkungen von Schweizer Handelsreisenden stammten, unternahm das Museum unter Direktor Alfred Steinmann auch eigene Forschungsreisen nach Indonesien (1941-1963). Südostasien galt für die Schweiz damals bereits als wichtiger Handelsplatz. Da sich an der Universität (sehr langsam) die Ethnologie als Forschungsbereich etablierte, zählten allmählich auch Studierende zum Zielpublikum.

Ein Großteil der 300 Objekte in der Philippinen-Sammlung wurde von Emil Sprüngli (1851-1910) und Mathilde Labhart-Lutz (1836-1911) geschenkt. Sprüngli arbeitete zunächst für die Seidenfabrik seines Onkels und zog später nach Manila, wo er sein eigenes Handelsunternehmen gründete. Er bewegte sich rund 37 Jahre lang zwischen Zürich und Manila und war von 1888-1910 Schweizer Ehrenkonsul in den Philippinen. Mathilde Labhart-Lutz gilt als erste Schweizerin, die sich in Manila niederließ. Sie war die Witwe von Johann Conrad Labhard (1825-1887), der ebenfalls für verschiedene Schweizer Handelsunternehmen arbeitete und lange als Konsul für Österreich-Ungarn diente. Mit ihm pflegte der österreichische Intellektuelle Ferdinand Blumentritt, der als guter Freund des philippinischen Nationalhelden José Rizal bekannt ist, ebenfalls eine rege Brieffreundschaft.

Die Objekte beider Sammlungen, darunter Textilien, Alltagsgegenstände, Kleidungsstücke, persönliche Gegenstände und Rohstoffe, liegen im Archiv des VMZ und sind für die Öffentlichkeit seit jeher nicht zugänglich. Weil das Museum gegenwärtig auch noch dabei ist, sein Archiv zu verlagern, ist es äußerst schwierig, auf die Objekte zuzugreifen. Allerdings verfügt das Museum über eine digitale Kartei, die von einigen Objekten eine Photographie und eine Beschreibung enthält.

Weltkarte philippinischer Objekte

Im Jahr 2014 wurde ich erstmals auf die Sammlung von Emil-Sprüngli aufmerksam, als eine meiner Studentinnen mir gegenüber erwähnte, dass sie dazu eine Seminararbeit bei Dr. Andreas Isler, ehemals Kurator des VMZ für Südostasien, geschrieben hatte. Daraufhin setzte ich mich mit diesem in Verbindung, um gemeinsam Möglichkeiten zu erwägen, wie diese Sammlung bekannt und vielleicht sogar zugänglich gemacht werden könnte.

Es sollten aber mehrere Jahre verstreichen, bis sich diese Vision verwirklichen konnte. Dafür musste ich zuerst die Historikerin Annette Hug kennenlernen, die lange in den Philippinen gelebt hat. Unsere geteilte Leidenschaft für die philippinische Nationalsprache und das Übersetzen brachte uns immer wieder zusammen und wir beschlossen mit einer weiteren Freundin, der Anthropologin Doris Bacalzo, einen Verein zu gründen. Mit studiyo filipino wollten wir einen neuartigen Austausch zwischen der Schweiz und den Philippinen vorantreiben und die Verbindung zwischen den beiden Ländern historisch, aber auch über Literatur, Kunst und andere Themen beleuchten.

Annette Hug war damals schon mit Dr. Cristina Juan in Kontakt, die an der SOAS Universität London ihr Projekt Mapping Philippine Material Culture entwickelt. Ihre Plattform hat zum primären Ziel, verstreute philippinische Museumsobjekte auf einer digitalen Weltkarte abzubilden. Historische Artefakte, die von einem Ort entfernt wurden, können so von ihrer Ursprungs-Community wiedergefunden, betrachtet und diskutiert werden. Ein gewollter Nebeneffekt ist zudem, dass die mitwirkenden Museen nicht darum herumkommen, sich mit ihrem jeweiligen Bestand auseinanderzusetzen: Wie sind die Objekte dorthin gekommen? In welchem historischen, aber auch politischen Kontext? Wer hat heute (noch) Interesse an diesen Objekten? Manche Informationen liegen den Museen schon vor. Für die meisten Einträge soll die Plattform jedoch den Ausgangspunkt für weitere Recherchen bieten, um sie in einem weiteren Schritt zu ergänzen und nötigenfalls zu korrigieren.

Digitale Puzzle-Arbeit

Zum Launching von studiyo filipino im Jahr 2022 kam Cristina Juan nach Zürich. Wir organisierten mit ihr, Andreas Isler und dem VMZ einen Workshop, der Kurator*innen und anderen Interessierten Einblick in das Mapping-Projekt gewährte. Dies legte den Grundstein unserer Zusammenarbeit mit dem VMZ und wir haben seither, insbesondere dank des Einsatzes von Daten-Analyst Patrick Wirz, eine erste Tranche der Objekte aus der digitalen Kartei hochladen können. Diese ist jetzt auf der Plattform von SOAS ersichtlich, wenn man das Stichwort „Zürich“ eingibt. Als Linguistin übersetzte ich die Einträge ins Englische; die Begleittexte verfassten Annette Hug und Stephanie Willi, ein weiteres Vereinsmitglied sowie Historikerin und Archivarin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule.

Zwar wird die Plattform hauptsächlich von Cristina Juan und der SOAS betrieben, doch gehört es zum Beitrag von studiyo filipino herauszufinden, welche Museen hierzulande philippinische Objekte beherbergen. Darüber hinaus geht es darum, mit diesen Museen ins Gespräch zu kommen und sie von der Bedeutung des Mapping-Projekts zu überzeugen. Darin steckt auch viel Beziehungsarbeit. Nebst dem Musée d’ethnographie de Genève, welches seine Objekte bereits im Jahr 2021 auf die SOAS-Plattform hochgeladen hat, konnten wir auch das Museum der Kulturen Basel (MKB) und das Kulturmuseum St. Gallen für das Projekt gewinnen.

Heidelberger Erklärung zu musealer Selbstkritik und Restitution

Mit der Anbindung an die Universität im frühen 20. Jahrhundert versteht sich das VMZ heute noch als „ethnologisches Wissenschaftsmuseum“ mit Schwerpunkt auf den menschlichen Kompetenzen in „materiell-technischen“ und „gesellschaftlichen Bereichen“. Direktorin Mareile Flitsch hat aber auch die Heidelberger Erklärung von 2019 mitunterzeichnet, mit welcher ein Bündnis Ethnologischer Museen im deutschsprachigen Raum zu selbstkritischen Fragen der Restitution Stellung nimmt. So sieht sich das VMZ ebenso als Ort des kritischen Dialogs und verpflichtet sich dazu, „dass alle, die aufgrund ihrer Geschichte und kulturellen Praktiken mit den Sammlungen verbunden sind, wenn irgend möglich von den Aufbewahrungsorten sie betreffender Sammlungen erfahren. “ Seit 2023 steht zur Diskussion, ob der Name Völkerkundemuseum überhaupt noch zeitgemäß ist, weshalb alle Werbeartikel des Museums zurzeit mit einem Fragezeichen versehen sind (Völkerkunde?museum).

Zu seiner neuen Namensfindung veranstaltete das Museum eine ganze Werkstattreihe. Dass studiyo filipino im Rahmen dessen an einer Podiumsdiskussion teilnahm, war einem Zufall zu verdanken. Trotz des Credos in der Heidelberger Erklärung und einer wohlwollenden Zusammenarbeit mit dem VMZ, steht unsere Vereinsarbeit noch lange nicht auf der Prioritätenliste. Der Moderator des Abends, Dr. Rohit Jain, erkannte die Relevanz unseres Projekts für Fragen der Restitution und lud uns ein.

Einbeziehen der Source-Communities

Im Verlauf der Veranstaltung wurde klar, dass die Repräsentation auf der SOAS-Plattform dem VMZ im Sinne einer kooperativen Provenienzforschung und im Auftrag der Transparenz als geeignetes Aushängeschild diente. Dank des positiven Echos auf unseren Podiumsbeitrag, aber auch aufgrund des Drängens jener Stimmen, die das Museum schon länger zu einer partizipativeren Praxis ermahnen, welche auch die Teilhabe der eingewanderten Bevölkerung zulässt, ließ sich unsere Projekt-Partnerschaft mit dem VMZ konsolidieren. Nach mehreren Folgegesprächen konnten wir erzielen, dass unsere Arbeit mit einer kleinen monetären Wertschätzung honoriert werden soll.

Wir ziehen bis hierher eine positive Bilanz, was unseren Einsatz betrifft, die Spuren kolonialer Verstrickungen zwischen der Schweiz und den Philippinen anhand vergessener Museumsobjekte aufzuarbeiten. Im Bestreben um Dekolonisierung ist Reflexion nötig. Diese Reflexion ist kein selbstloser Akt. Das Museum sieht sich zunehmend mit der Frage konfrontiert, wie es relevant bleibt und in einer post-migrantischen Stadt wie Zürich weiterhin Besucher*innen anziehen kann. Wer soll da eigentlich wen schauen gehen? Unter welchen Machtverhältnissen wurden die Objekte beschlagnahmt? Wie sieht eine angemessene Wiedergutmachung aus und wie können die Source-Communities in dieser Diskussion miteinbezogen werden? Viele wichtige Antworten müssen noch gefunden werden.

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Indonesiens antikoloniales Museum in Rangkasbitung

Myanmar: Das koloniale Burma bestand im Wesentlichen aus einem großen Eisenbahnnetz mit militärischen Hochburgen. Machtausübung durch Schienenbau blieb auch nach der Unabhängigkeit das Mittel der Wahl.

Im Jahr 2015 arbeitete Clare Hammond als Journalistin für die Myanmar Times und berichtete über die Wahlen, bei denen die von Aung San Suu Kyi geführte Nationale Liga für Demokratie (National League for Democracy, NLD) an die Macht kam. Beim Lesen eines Berichts über die Entwicklung der Eisenbahn in Myanmar stieß sie auf eine Karte, auf der das Land mit einem Netz von Bahnschienen überzogen war. Weder sie noch ihre Kolleg*innen aus Myanmar hatten diese Schienen je zuvor gesehen. Da es an verfügbaren Informationen mangelte, folgte sie diesen Gleis-Spuren und deckte ihre Geschichte auf, die eng mit der Geschichte von Besatzung und Widerstand verwoben ist. Das Ergebnis ihrer Recherchen ist in ihrem Buch „On the Shadow Tracks: A Journey Through Occupied Myanmar“ dokumentiert.

südostasien: Eisenbahnstrecken dienen in Ihrem Buch als einfache, aber kraftvolle Metapher für Kontrolle. Dabei betrachten Sie zwei Hauptperioden des Eisenbahnbaus, die erste ist die des Britischen Weltreichs im späten 19. Jahrhundert. Warum waren Eisenbahnlinien für die Kolonialherrschaft notwendig?

Clare Hammond: Nach dem dritten Anglo-Burmesischen Krieg 1885 standen die Briten bei der Besetzung des Landes vor einer gewaltigen Herausforderung. Sie mussten ein sehr unzugängliches Gebiet kontrollieren, das die Widerstandsgruppen viel besser kannten als sie. Sie brauchten einen militärischen Vorteil. Im Falle des Britischen Empire war das ein Eisenbahnnetz. Sobald der Krieg vorbei war, begannen sie mit dem Bau einer Eisenbahnlinie mitten durch das Land und zwangen die Bevölkerung dazu, für fast nichts daran zu arbeiten. Diese wurden von Sicherheitskräften „geschützt“, während Räumungsaktionen gegen Widerstandskämpfer durchgeführt wurden.

Entlang der Eisenbahnlinien ließen die Besatzer eine Infrastruktur errichten mit Kasernen, Gefängnissen und Gerichten. Das koloniale Burma bestand im Wesentlichen aus einem großen Schienennetz mit militärischen Hochburgen, während der Rest des Landes größtenteils Dschungel war. Die Eisenbahnen wurden zum Transport von Rohstoffen genutzt, von denen britische Unternehmen auf Kosten der Burmesen und anderer ethnischer Gruppen profitierten.

Die zweite Bauwelle wurde in den 1990er und frühen 2000er Jahren vom Militär Myanmars durchgeführt. Was kennzeichnete diese Zeit?

Nach dem Aufstand von 1988 erkannte das Militär, dass es die Randgebiete des Landes nicht wirklich kontrollierte, es fehlte ihnen an Zugang zu diesen Gebieten. Es musste also eine Infrastruktur geschaffen werden, die eine enorme Ausdehnung der Streitkräfte und Kampagnen gegen ethnische bewaffnete Gruppen ermöglichte. Allerdings waren sie nach dem sozialistischen Experiment von General Ne Win im Grunde bankrott. Im Laufe dieses Jahrzehnts mussten vermutlich Millionen von Menschen ihre Arbeitskraft „freiwillig“ für den Eisenbahnbau zur Verfügung stellen. Aus jedem Haushalt musste sich eine Person verpflichten, die ihr eigenes Werkzeug und eigene Lebensmittel mitbrachte. Es kam zu weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen. Am Ende dieser Phase gelang es dem Militär, eine dauerhafte Präsenz in den Grenzgebieten einzurichten.

Die zweite (Bau-)Phase war von Korruption geprägt und führte zu dem, was ein Experte als „schlimmstes Eisenbahnnetzwerk aller Zeiten“ bezeichnete. Aufträge wurden unter der Hand an Unternehmen vergeben, die nur über das ganze Land verstreute Bahnlinien-Bruchstücke verlegten, von denen die meisten bereits verschwunden sind, während dafür fast eine Milliarde Dollar ausgegeben wurde.

Welche Parallelen sehen Sie zwischen diesen beiden Projekten?

Eine der wichtigsten Parallelen betrifft die Abfolge: Es war die erste Phase mit gewaltsamer Besetzung des Landes und dem Aufbau der Infrastruktur, die eine langfristige Kontrolle ermöglichte. Darauf folgte die Ausbeutung, sei es durch Nepotismus – auch das Britische Weltreich basierte auf Vetternwirtschaft – oder durch die Plünderung wertvoller natürlicher Ressourcen. Eine weitere bedeutsame Parallele ist, dass die Projekte in beiden Fällen unter dem Deckmantel der Entwicklung durchgeführt wurden. Sowohl die Kolonialbeamten als auch die Generäle Myanmars eröffneten neue Eisenbahnstrecken mit großen Zeremonien und gewährten der einheimischen Bevölkerung kostenlose Zugfahrten, als ob dies eine Entschädigung für den Verlust ihrer Freiheiten darstellen könnte.

Ein weiterer Grund ist die Vernachlässigung von Aufzeichnungen. Wenn man Archiv-Aufzeichnungen von Beamten des Reiches liest, erfährt man nichts von den militärischen Aktivitäten, die zur gleichen Zeit stattfanden. Ebenso konzentriert sich die heutige offizielle Dokumentation auf die wirtschaftlichen Aspekte des Zugnetzes, auf Waggons, Passagiere und Güterverkehr, ohne die Konflikte zu erwähnen. Die vierte wichtige Parallele ist das Schweigen, das diese beiden Projekte umgibt. Die Geschichte des britischen Eisenbahnbaus in Myanmar wurde sowohl von den Generälen Myanmars, als auch von den Briten vergessen, die kein wirkliches Interesse hatten, sich daran zu erinnern.

Was war der Grund für dieses Schweigen?

In den 1990er Jahren gab es in Myanmar keine zivilgesellschaftlichen Gruppen, keine Telefone und kein Internet. Aufgrund der repressiven Gesetze aus der Kolonialzeit gab es auch kein Recht auf Protest. In Teilen des Landes, in denen Eisenbahnstrecken gebaut wurden, sprachen die Menschen oft kein Burmesisch, so dass Informationen über Missbräuche letztlich nur bruchstückhaft erhalten und auf kleine Gemeinschaften beschränkt blieben.

Es herrschte der Eindruck, dass die Zwangsarbeit bei der Eisenbahn für einige Menschen in den Grenzgebieten nicht das Schlimmste war, was ihnen damals, angesichts der weit verbreiteten Folterungen und außergerichtlichen Tötungen widerfuhr. Als Geflüchtete ihre Aussagen machten, war die Arbeit an der Eisenbahn ein Teil davon. Aber sie wurde von den Gruppen, die die Verstöße dokumentierten, nie ausdrücklich hervorgehoben, weshalb sie auf der Prioritätenliste nach unten rutschte.

2015 hat die Zivilregierung akzeptiert, dass sie die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit nicht mehr ausgraben würde. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Geschichten bis zur Rückkehr zu einer Zivilregierung bewahrt werden. Es ist ein Luxus der Friedenszeit, dass man sich (daran) erinnern kann.

Während Ihrer Reise in Myanmars Bundesstaat Rakhine kam es zu einer weiteren Welle massiver Gewalt gegen die Rohingya. Wie beeinflusst das koloniale Erbe die Art und Weise, wie verschiedene Bevölkerungsgruppen in Myanmar miteinander umgehen?

Vor der britischen Besetzung gab es die Burmesen als größte Gruppe im Zentrum. Dann gab es rivalisierende Königreiche wie Rakhine und Mon und in den Grenzgebieten lebten Hunderte verschiedener Stammesgruppen. Es gab Abgrenzung und Rivalität, aber die Identitäten waren viel fließender. Als die Briten das Gebiet besetzten, wurden diese Gruppen aus verwaltungstechnischen Gründen aufgeteilt, zahlenmäßig erfasst und verschiedenen Regierungsformen unterstellt. In Kachin und Shan wurde eine indirekte Herrschaft eingeführt, bei der lokalen Führern Autonomie gewährt wurde, während im burmesischen Kernland eine völlig fremde Verwaltung eingesetzt wurde, ähnlich wie in Indien. Am Ende des Britischen Empire stellten sich die Menschen selbst als getrennte Ethnien vor.

Das Imperium verschwand zwar, aber die Spaltungen blieben bestehen?

Die Briten hatten eine Hierarchie der Ethnien eingeführt. An der Spitze standen die britischen weißen Kolonialherren, dann kamen die Anglo-Burmesen und so weiter. Als die Generäle in den 60er Jahren die Macht übernahmen, setzten sie die Burmesen an die Spitze ihrer Hierarchie und behielten die Trennung zwischen den Gruppen bei. Die Art und Weise, wie sie das Land verwaltet haben, ist wirklich kolonial. Auch sie haben eine Strategie des Teilens und Herrschens verfolgt, indem sie verschiedene ethnische Gruppen gegeneinander ausgespielt und ihre Führer korrumpiert haben.

Die Folge ist verheerend: ein tiefes Misstrauen zwischen den Burmesen und anderen ethnischen Gruppen sowie zwischen verschiedenen anderen Gruppen. Am offensichtlichsten zeigt sich dies zwischen den Rakhine und den Rohingya. Die Vorstellung, dass bestimmte ethnische Gruppen immer in bestimmten Teilen des Landes ansässig waren und kein Recht haben, sich anderswo aufzuhalten, ist auch das Erbe des Britischen Empire.

Kann der gegenwärtige chinesische Infrastrukturausbau ebenfalls durch diese Linse der Ausweitung neokolonialer Kontrolle betrachtet werden? Passt dies in die Muster, denen das Britische Weltreich und das Militär folgen?

Es passt genau in diese Tradition, so funktioniert der Kapitalismus. Der Unterschied besteht darin, dass die Chinesen in Myanmar nicht in das Land eindringen und es besetzen, sondern durch Stellvertreter agieren, durch lokale Eliten. Oder durch die Armee Myanmars, die das Land roden und die Standorte sichern, an denen chinesische Wasserkraftwerke oder eine Hochgeschwindigkeits-Eisenbahn gebaut werden sollen. Letztere würde durch mehrere Konfliktzonen verlaufen. Nutznießer wären in erster Linie chinesische Unternehmen, andere ausländischen Unternehmen mit Fabriken in Wirtschaftszonen sowie burmesische Großkonzerne.

Die Menschen vor Ort würden vor allem Enteignung und Ausgrenzung erleben. Unter den Gruppen der Zivilgesellschaft gibt es seit langem eine Opposition gegen die von China unterstützte Entwicklung, was eine Fortsetzung historischer Proteste darstellt.

Sie betonen, dass in den Grenzgebieten Eisenbahnen als Symbol der Unterdrückung wahrgenommen werden und dass Angriffe auf sie in diesem größeren Rahmen verstanden werden müssen. Gleichzeitig zitieren Sie am Ende des Buches ein Gedicht, in dem die anhaltende Revolution mit einem Zug verglichen wird, der vorwärts zieht. Welche Bedeutung haben die Eisenbahnen im Myanmar nach dem Putsch im Februar 2021?

Es war für mich bemerkenswert, dass die Bahnangestellten in Myanmar an der Spitze der Bewegung des zivilen Ungehorsams standen. Sie wussten offensichtlich, wie wichtig die Eisenbahn für das Militär ist. Die Demonstrant*innen legten sich auf die Gleise um zu sagen: „Das gehört uns, und wir werden verhindern, dass ihr es wieder einnehmt.“ Das Militär reagierte natürlich mit Gewalt, was dazu führte, dass Widerstandsgruppen die Eisenbahnlinien in die Luft sprengten.

Der Widerstand tritt dafür ein, dass sie, wie die gesamte staatliche Infrastruktur, in zivile Hand gehören sollten. Ich denke, die Metapher der Revolution als Zug spiegelt dies wider. Was würde aus den Eisenbahnen werden? Ich hoffe, dass es eines Tages ein Projekt geben wird, das die Geschehnisse wirklich dokumentiert und an die Menschen erinnert, die ihr Leben verloren haben.

Zum Thema Erinnern gibt es natürlich auch die andere Seite der Geschichte. Wie steht es um die aktuelle britische Aufarbeitung des Erbes des Weltreichs und welchen Platz nimmt Myanmar in diesem Prozess ein?

In Großbritannien fangen wir gerade erst an, solche Gespräche zu führen. Das Thema lässt sich nicht mehr ignorieren. Es löst Kulturkriege aus und ist sehr spaltend. Es gibt diesen Satz, den alle immer sagen: „Was ist mit den Eisenbahnen?“, der verwendet wird, um Kritik am Empire entgegenzuwirken. Viele Menschen glauben, dass Großbritannien trotz all seiner Übel versucht hat, die von ihm besetzten Gebiete zu verbessern. Die Diskussionen, die wir jetzt führen, drehen sich um die Rolle Großbritanniens im Sklavenhandel und um Teile des Weltreichs wie Indien, die besser bekannt sind.

Über Burma weiß man kaum etwas. Was in der britischen Vorstellungswelt am stärksten präsent ist, ist ironischerweise die japanische Todesbahn [Thailand-Burma-Eisenbahn, d.R.], weil dort britische Kriegsgefangene versklavt wurden. Ansonsten interessiert es niemanden, was äußerst problematisch ist, nicht zuletzt angesichts der Art und Weise wie Großbritannien heute mit Ländern wie Myanmar umgeht. Es hat bislang keine wirkliche Auseinandersetzung mit unserer kolonialen Vergangenheit gegeben und mit dem, was sie für unsere Verantwortung in der heutigen Zeit bedeutet.

Interview von: Laura Faludi

Übersetzung aus dem Englischen von: Pia S. Ludwig

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3 | 2021, Indonesien,
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Indonesiens antikoloniales Museum in Rangkasbitung

Südostasien/Indonesien: Mithilfe digitaler Medien stellen Künstler*innen Nutzung, Wahrheitswert und Macht kolonialer Fotoarchive infrage.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert nutzten koloniale Staaten und Unternehmen die Fotografie, um Wissen über die von ihnen besetzten Kolonien zu sammeln und den Erfolg von Infrastrukturprojekten zu dokumentieren. Ausländische Wanderfotografen und lokale Fotostudios fertigten Porträts von kolonialen Motiven an, sowohl in schlichten Abbildern als auch in Genre-Szenen. Damit befriedigten sie die touristische Nachfrage nach fotografischen Souvenirs ebenso wie die Neugierde des großstädtischen Publikums, das die Bilder in Form von Postkarten, Drucken und Buchillustrationen zu sehen bekam.

Ob in privatem oder staatlichem Besitz: Ein Großteil dieser Bilder ist heute Teil der „kolonialen Sammlungen“ in Museen, Bibliotheken, Archivzentren und Universitäten der ehemaligen Kolonialmächte. Diese wissensproduzierenden Institutionen definierten, welche Art von historischer Erinnerung bewahrt werden sollte.

Die postkoloniale Wissenschaft hat dieses Fotomaterial erneut untersucht und in einen neuen Kontext gestellt, indem sie die Perspektive der ehemaligen kolonialen Subjekte eingenommen hat – anstatt diejenige des Kolonisators, der auf die Kolonisierten schaut. Zugleich hat sie damit die Künstlichkeit und Konstruiertheit kolonialer Archivaufzeichnungen aufgedeckt.

Digitalisierung von Archiven eröffnet neue Möglichkeiten

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erweiterte die Digitalisierung die Leistungen kolonialer Archive. Dadurch wird heute einem viel größeren und geografisch weit verstreuten Publikum der Zugang zu solchen Sammlungen ermöglicht – jenseits deren physischer Grenzen. Dennoch neigt der Prozess der digitalen Standardisierung dazu, Fotografien ihres „sozialen Lebens“ zu berauben: Die Biografie und die aktive Rolle in der Geschichte solcher Bilder bleiben oft hinter den einheitlichen Klassifikationssystemen verborgen.

Die Open-Access-Veröffentlichung von Archivsammlungen erzeugt nicht nur Bedenken hinsichtlich der Erhaltung von materieller Kultur. Sie wirft auch Fragen zu Eigentum, Urheberschaft und Copyright für die Wiederveröffentlichung auf. Zeitgenössische südostasiatische Künstler wie Dow Wasiksiri (Thailand), Yee-I-Lann (Malaysia), Robert Zhao (Singapur), Kiri Dalena (Philippinen) und Agan Harahap (Indonesien) nutzen die Formbarkeit und Flexibilität digitaler Archivalien und die Vielseitigkeit digitaler Software, um koloniale Repräsentationen zu stören, zu untergraben und ihre Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.

Dieser Artikel untersucht die Art und Weise, wie der indonesische Künstler Agan Harahap Fotografien umwidmet und manipuliert, um die Verwendung, den Wahrheitswert, die Urheberschaft und das Eigentum kolonialer Archive infrage zu stellen.

Agan Harahap studierte Grafikdesign in der westjavanischen Metropole Bandung. 2008 zog er nach Jakarta, wo er als Fotograf und Illustrator für ein bekanntes Musikmagazin arbeitete. Seine Bilderserie „Superhistory“ erregte 2010 internationale Aufmerksamkeit, als sie über die sozialen Medien verbreitet wurde. Harahap adaptierte dafür ikonische Fotografien von bedeutenden Momenten der Weltgeschichte, in die er fiktive Superhelden integrierte. So lässt er etwa Spiderman an der Invasion in der Normandie teilnehmen. In einem anderen Bild beschattet Darth Vader die Staatsoberhäupter der Alliierten auf der Konferenz von Jalta 1945. Die makellosen digitalen Collagen verblüffen die Betrachtenden – jedoch nicht, um Geschichte zu karikieren.

Bei einem Workshop der niederländischen Fotografie-Plattform Noorderlicht in Yogyakarta wurde der 1980 geborene Harahap zum ersten Mal mit kolonialem Archivmaterial aus Niederländisch-Ostindien [koloniale Bezeichnung für das heutige Indonesien] konfrontiert. Ein Jahr später floss diese Begegnung in sein fiktives koloniales Fotostudio „Mardjiker“ ein.

Infrage stellen von Autorität und Typisierung historischer Fotografien

Das Wort „Mardjiker“ leitet sich vom Sanskrit-Wort Mahardika ab und bedeutet wörtlich „Befreite“. Dies war die Bezeichnung für getaufte ehemalige Sklav*innen und ihre Nachkommen in Batavia [kolonialer Name Jakartas]. Zunächst arbeiteten sie für die Portugiesen und konvertierten dann unter niederländischer Herrschaft zum Katholizismus und später zum Protestantismus. Diese Bevölkerungsgruppe nahm zwar die westliche Kultur und Religion an, aber aufgrund ihrer Hautfarbe blieb ihnen der Zugang zu einem höheren sozialen Status in der Kolonialgesellschaft verwehrt.

Harahap thematisiert diese soziale Identität des „Dazwischen“ bewusst in den gemischten Porträts von Europäer*innen und Einheimischen. Im selben subversiven Geist, mit der er die Autorität historischer Fotografien infrage stellt, hinterfragt der Künstler auch visuelle und kulturelle Gemeinplätze der kolonialen Studioporträts. Um sozial bedingte Stereotypen in der Darstellung von Europäer*innen und Einheimischen hervorzuheben, setzt er digitale Manipulationen ein.

Karikierte Darstellung der „exotischen Frau“ und des „exotischen Tieres“

Der indische Ethnologe Arjun Appadurai hat argumentiert, dass das koloniale Fotostudio für die Einheimischen ein Ort gewesen sei, an dem sie gleichermaßen mit „dokumentarischem Realismus“ und „Modernität experimentieren“ konnten. Denn die Studioporträts der Einheimischen hätten sowohl „Typen“ als auch „Merkmale“ dargestellt.

Harahap thematisiert diesen ambivalenten Status der kolonialen Studioporträts in „Sutirah: Die erste Tierbändigerin“. In diesem digital zusammengesetzten Porträt karikiert der Künstler die koloniale Darstellung der exotischen Frau und des exotischen Tieres aus den Tropen. Sutirah ist in einem weißen Kleid im westlichen Stil abgebildet, wobei ihr langes schwarzes Haar über ihre Brust fließt. Sie hält ein Krokodil wie ein Haustier in den Armen – eine Anspielung auf Europäer*innen, die sich mit ihren Haushunden ablichten ließen.

Das Porträt von Sutirah, die das gefährliche Reptil furchtlos in die Kamera hält, entspricht natürlich nicht den üblichen kolonialen Studioporträts einheimischer Frauen. Es bezieht sich vielmehr auf Mythen von Frauengestalten mit übernatürlichen Kräften, wie sie in den lokalen Folkloretraditionen Indonesiens häufig zu finden sind.

Harahap unterlegt das Porträt von Sutirah mit fiktiven und faktischen Informationen: Neben dem erfundenen Geburtsdatum seiner fiktiven Heldin nennt er ihr angebliches Talent, mit Tieren zu kommunizieren. Zudem erwähnt er ihre angebliche Zusammenarbeit mit einer realen historischen Figur – nämlich dem deutsch-holländischen Zoologen Carl Wilhelm Weber (1852-1937), der 1899 eine wissenschaftliche Expedition nach Sumatra unternahm.

Die Bildunterschrift des Sutirah-Porträts bietet so einen reichen kulturellen Kontext für die benannte Person. Das steht im krassen Gegensatz zu den generischen Bildunterschriften der sogenannten Typus-Porträts, die dazu dienten, anonyme Personen zu typisieren – zum Beispiel „javanische Frau“, „chinesischer Schmied“, „balinesische Tänzerin“ – und so eine Vermarktung der Bilder zu ermöglichen.

Postkoloniales Archiv – eine Sammlung von Verhaltensweisen online und offline

Es folgten regelmäßige Posts von Porträts aus dem Mardijker Photo Studio auf Facebook, Instagram und X [früher Twitter] unter dem Namen Sejarah X (Geschichte X). Indem Harahap sein pseudo-archivalisches Material über die sozialen Medien verbreitete, trat er mit seinem Publikum auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene in Kontakt und belebte so die Diskussion über den Kolonialismus neu. Im Oktober 2024 hatte Sejarah_X mehr als 26.000 Follower auf Instagram und 1500 auf Facebook.

Der Künstler macht sich also die Dynamik der sozialen Medien in Südostasien zunutze, um die Mechanismen kolonialer Archivierung zu entwirren. Indem er die Öffentlichkeit online zur aktiven Teilnahme ermutigt, unterbricht Harahap die Autorität und Integrität dieser Archive. Stattdessen bietet er den Nutzer*innen die Möglichkeit, das Material zu prüfen, zu verbreiten, auszutauschen, zu manipulieren und neu zu verwenden: ein aktiver Prozess des bürgerschaftlichen Engagements. Seine Arbeit legt nahe, dass das postkoloniale Archiv modular und fließend ist und nicht nur aus materiellen Objekten besteht. Vielmehr setzt es sich aus all den Verhaltensweisen zusammen, die sich um gesellschaftliche Beziehungen und den Austausch von Informationen entwickeln, online und offline.

Übersetzung aus dem Englischen von: Christina Schott

Auszüge dieses Artikels wurden ursprünglich veröffentlicht in: Moschovi, Alexandra und Supartono, Alexander (2020): „Contesting colonial (hi)stories: (Post)colonial imaginings of Southeast Asia“, Journal of Southeast Asian Studies, 51 (3), 343 – 371.

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3 | 2021, Indonesien,
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Indonesiens antikoloniales Museum in Rangkasbitung

Südostasien/Europa: Die Rolle von Archiven in der Dekolonisierung ist bislang wenig beachtet, aber kaum zu überschätzen.

„Der Weg zur kolonialen Aufarbeitung führt über Archive, nicht über Museen“ – diese These formulierte der kenianische Journalist Patrick Gathara im Jahr 2019. Zu diesem Zeitpunkt diskutierte eine breitere Öffentlichkeit erstmals die Aufarbeitung der Kolonialzeit. Den Stein ins Rollen gebracht hatten Debatten um Rückgabeforderungen von gestohlenen Kulturgütern aus ehemaligen Kolonien, die in den großen Museen in Berlin, London oder Paris lagern.

Gathara sieht Archive als Scharnierstellen in Debatten über eine postkoloniale Weltordnung. Denn indem Kolonialmächte ihre Archive aus den Kolonien mitnahmen, entzogen sie den unabhängigen Folgestaaten bis heute Wissen, kulturelles Erbe und die Grundlage für eine eigenständige historische Forschung. Die Freigabe dieser Archive könnte deshalb eine wichtige Rolle in der Aufarbeitung der Kolonialzeit und in der (erkenntnisbezogenen wie auch politischen) Dekolonisierung spielen.

Archive sind Orte der Macht

Für diesen Artikel verwende ich eine enge Definition von Archiven. Ich verstehe Archive hier in erster Linie als Orte, an denen Informationen – etwa schriftliche Dokumente von Institutionen wie Regierungen – gesammelt und aufbewahrt werden.

Lange Zeit galt die Überzeugung, Archive seien neutrale Lager für passiv schlummernde Fakten, die bei Belieben angezapft werden können. Diese Vorstellung hält sich hartnäckig, wurde aber seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Strömungen, insbesondere in den subaltern und postcolonial studies, hinterfragt.

Archive sind demnach Orte der Macht. Hier wird um Vergangenheit gerungen, um die Erzählung über das Selbst und das Andere. Archive sind aktive Orte politischer Auseinandersetzungen, an denen Machtkämpfe ausgetragen werden, wo soziale Gruppen um Deutung ringen. Aufbewahren bedeutet Auswählen: Was ist wichtig, was ist unwichtig? Was ist von Bedeutung für zukünftige Generationen und was kann auf den buchstäblichen ‚Müllhaufen der Geschichte‘?

In ihrer politischen Dimension geraten Archive im Ringen um die Deutung der Kolonialzeit zunehmend ins Visier. Insbesondere aus afrikanischen Ländern erreichen die ehemaligen Kolonialmächte Forderungen, nicht nur Kulturgüter zurückzugeben, sondern auch Archive zu restituieren.

Migrated Archives: Verbrannt, versenkt, versteckt

Nehmen wir zunächst das britische Beispiel. Die britische Regierung musste 2011 im Zuge von Verhandlungen mit ehemaligen kenianischen Gefangenen anerkennen, dass sie jahrelang eine Sammlung von etwa 20.000 Akten der Regierungen der 37 britischen Kolonialbesitzungen außerhalb des regulären Klassifizierungssystems und somit unter Verschluss hielt. Später wurden noch 170.000 weitere geheime Akten bekannt.

Weder die Öffentlichkeit noch Historiker*innen wussten bis dato von ihrer Existenz. Es galt die Annahme, alle Akten seien nach den Unabhängigkeiten an die Nachfolgeregierungen der britischen Kolonien übergegangen.

Stattdessen lagerten diese kilometerlangen Aktenreihen bis 2011 an einem bis dato geheimen Ort in London. Die Kolonialverwaltungen in den 37 britischen Kolonien hatten die abertausenden Akten, bekannt geworden als Migrated Archives, kurz vor den jeweiligen Unabhängigkeiten der Kolonien nach Großbritannien überführt. Zahlreiche Akten wurden jedoch noch davor zerstört oder gingen auf der Überfahrt verloren.

Auch mehrere ehemalige britische Kolonien in Südostasien verloren auf diese Weise Archivgut an London. In der Kolonie Malaya (heute Teile von Malaysia und Singapur) begann 1948 der antikoloniale Befreiungskampf. Die britische Kolonialregierung vor Ort sah sich ad hoc mit der Frage konfrontiert, wie sie mit ihren angesammelten Akten umgehen sollte. Aus allen Provinzen wurde zunächst Material nach Kuala Lumpur gesandt, doch die Aufbewahrungskapazität war schnell erreicht.

In monatelanger Arbeit verbrannten und versenkten die Briten fernab des Zugriffs der Öffentlichkeit große Teile ihre Aufzeichnungen aus der Zeit Britisch-Malayas. Die übriggebliebenen Akten brachten sie nach Europa oder hinterließen sie vor Ort. Auch Regierungsdokumente anderer heutiger südostasiatischer Länder wie Brunei und Singapur sind bei diesem Prozess zerstört oder nach Großbritannien „migriert“ worden. Heute sind die Migrated Archives in die britischen National Archives in London integriert.

École française d’Extrême-Orient: Französische Kolonien in Südostasien

Blicken wir nach Frankreich. Wer über das koloniale Französisch-Indochina forschen will, muss früher oder später nach Paris, Bordeaux, Marseille oder Aix-en-Provence reisen, wo die Archives nationales d’outre-mer beherbergt sind. Archivmaterial aus der Zeit des kolonialen Indochinas wurde aufgeteilt, sodass Akten heute sowohl in Frankreich als auch an verschiedenen Standorten des Nationalarchivs in Vietnam lagern.

Abseits der großen Nationalarchive und -bibliotheken existieren weitere Institutionen, deren Mitglieder ihre Bestände während oder nach Ende der Kolonialzeit abzogen. Ein Beispiel für eine solche Institution mit umfassenden kolonialen Dokumenten ist die École française d’Extrême-Orient (EFEO), ein um 1900 gegründetes Institut zur wissenschaftlichen Erschließung der französischen Kolonien im „Fernen Orient“, das bis 1968 seinen Sitz in Hanoi hatte. Das Institut unterhielt 17 Zweigstellen in der Region und bildete auch lokale Kräfte in Fächern wie Anthropologie und Soziologie aus, um Funktionen im Kolonialsystem zu übernehmen.

Die EFEO existiert bis heute und hat ihren Sitz mittlerweile in Paris, wo sich auch das Archiv befindet. Die Bestände umfassen etwa ethnografische Informationen, die das Militär über die verschiedenen Bevölkerungsgruppen der Kolonie Indochina zusammentrug. Nicht zuletzt umfasst der Bestand auch sensible Dokumente über Personen, die unter asymmetrischen Machtbeziehungen entstanden sind – beispielsweise von französischen Wissenschaftlern, die ethnografische Studien in der Kolonie anstellten. Solche personenbezogenen Dokumente sind in heutigen Debatten um koloniales Erbe und Rückgabe besonders brisant.

Politische Bedeutung der Standorte: Ohne Quellen keine Forschung

Die Geschichte der Verlagerung von Archivgut hat Auswirkungen bis heute. Denn es hat politische Bedeutung, wo Archivmaterial liegt: Der Standort entscheidet darüber, wer Zugang hat. Lange Wege, Visahürden und Finanzierungsprobleme erschweren es Forscher*innen aus den ehemaligen Kolonien, die Bestände in London, Paris und anderswo einzusehen.

Dieses System benachteiligt Wissenschaftler*innen aus dem Globalen Süden, es reduziert die Sichtbarkeit von nicht-westlichen Beiträgen im akademischen Feld, zum Beispiel in der Geschichtswissenschaft: Das Studium von authentischen Dokumenten ist unabdingbarer Kern der geschichtswissenschaftlichen Arbeit. Ohne Quellen keine Forschung.

Weil zahlreiche Quellen aus der Kolonialzeit in Europa lagern, haben die dort ansässigen Forscher*innen einen Vorteil. Ihr privilegierter Zugang zu Dokumenten ist ein Grund für die ‚epistemische Kolonisation‘ ganzer Forschungsfelder: Westliche Forscher*innen an dominanten Universitäten gelten häufig als Expert*innen für die Geschichte einer Region, wohingegen akademische Stimmen aus dem Land selbst um Gehör kämpfen müssen, wie Chu May Paing and Than Toe Aung für den Fall Myanmar argumentiert haben.

Sollen Archive zurück in ihre Herkunftsländer?

Die Niederlande haben schon vor längerer Zeit begonnen, Archivbestände in die ehemaligen Kolonien Indonesien und Suriname zurückzuführen. Restitution ist einer von vielen vorgeschlagenen Wegen, wie die Nachfolgestaaten ehemaliger Kolonialmächte Verantwortung übernehmen können. Dokumente zurückgeben, kopieren, digitalisieren oder in gemeinsamen Forschungsprojekten arbeiten – es gibt verschiedene Lösungen, um eine bessere Zugänglichkeit zu ermöglichen.

Die Geschichte von Regierungsarchiven in Frankreich geht auf die Französische Revolution zurück. In Form von Nationalarchiven übernahmen auch andere europäische Staaten das Konzept, um festzuhalten, was wichtig erschien: die Erzählung über den eigenen Staat. Im Zuge des Kolonialismus erreichte dieses Modell auch andere Teile der Welt. Koloniale Regierungsarchive dienten der Verwaltung, der Beherrschung, der Ausbeutung und der Legitimation des Kolonialsystems und tragen bis heute die Strukturen der Machtungleichheiten, Hierarchien und rassistische Annahmen in sich. Um diese Strukturen anzuerkennen und aufzubrechen, werden Forderungen immer lauter, die die Institution des Archivs an sich überdenken und Wege zur Dekolonisierung anregen wollen.

Archive zugänglich zu machen, zu teilen oder gar zurückzugeben hieße jedoch, die Kontrolle abzugeben, und zwar an die ehemals Kolonisierten: Sie wären dadurch in der Lage, ihre Geschichte selbst zu deuten. Die meisten ehemaligen Kolonialmächte sind jedoch immer noch nicht bereit, diese Deutungshoheit über die Geschichte zu teilen.

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3 | 2021, Indonesien,
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Indonesiens antikoloniales Museum in Rangkasbitung

Deutschland: Zwischen Bücherdiversität, Politik und Staunen, ein Erlebnisbericht vom Gastlandauftritt der Philippinen bei der Frankfurter Buchmesse 2025.

„Ruhige Inseln der philippinischen Bücherdiversität“, dies waren die ersten Gedanken, die mir in den Sinn kamen, als ich den Pavillion des Ehrengasts Philippinen auf der Frankfurter Buchmesse betrat. Am Samstag, den 18. Oktober, machte ich mich morgens früh von Köln auf den Weg nach Frankfurt. Mein letzter Besuch der Buchmesse lag bis dahin bereits 10 Jahre zurück, was meine Freude und Aufregung an diesem Tag noch steigerte.

Zu Beginn war ich durch die schiere Größe und die vielen Menschen, die aus allen Richtungen in die verschiedenen Messehallen strömten, etwas überfordert – hatte ich dies doch anders in Erinnerung. „Fantasie beseelt die Luft“, das Motto des Ehrengasts Philippinen, konnte ich jedoch beim Betreten des Pavillions direkt spüren.

Im Gegensatz zu den anderen Messehallen war der Philippinen Pavillon weitläufig, hell und offen, aber gleichzeitig intim. Dieses Gefühl entstand durch die sechs, wie an Inseln erinnernde Bereiche, viele Sitzmöglichkeiten, zwei offen konstruierte Bühnen und die Verwendung von Naturmaterialien (Kapis-Muscheln, Bambus, Textilien, Ananasgewebe und leichter Stahl).

Ein sich im hinteren Teil des Pavillons befindendes Café lud zusätzlich zum Verweilen, Nachdenken und Austauschen ein.

Wandern „von Insel zu Insel“

Im Pavillon gab es die Möglichkeit, von Bereich zu Bereich, von Insel zu Insel zu „wandern“ und die reiche kulturelle und literarische Vielfalt des Ehrengasts kennen zu lernen. So wurde zum Beispiel eine „Insel“ nationalen Künstler:innen und Kulturschätzen gewidmet. Eine andere hob Bücher hervor, die in den letzten 100 Jahren in und über Themen zu den Philippinen publiziert wurden. Eine Bücherinsel präsentierte eine Auswahl an ausländischen Veröffentlichungen der letzten fünf Jahre über die Philippinen. Ein Nachbau eines Gebäudes, welches unter anderem von den indigenen T’boli aus den Südphilippinen für Versammlungen genutzt wird, lud zum Reflektieren und Ausruhen ein. Künstlerische Videoprojektionen an den Außenwänden der Inseln, beseelte die Messeatmosphäre zusätzlich.

Von kolonialem Erbe bis zur queeren Literatur

Ein vielfältiges Programm zu den Themenschwerpunkten Geschichte, Politik und Kultur in Mindanao, Schreiben in der Diaspora, Reflexion über das koloniale Erbe und der philippinischen Kinderliteratur konnten die Besucher:innen im philippinischen Ehrengastpavillon am 18. Oktober erleben.

Besonders interessiert verfolgte ich eine Diskussionsrunde über die Entwicklung der queeren Literatur in den Philippinen. Dabei wurde anhand von Bucherscheinungen, die Geschichte dieser nachgezeichnet und erläutert. In den 1990er Jahren war das Mitwirken an der Ladlad-Reihe (coming out-Reihe) für schwule und queere philippinische Autor:innen ein öffentliches Bekennen zu ihrer Queerness und keine leichte Entscheidung beteiligter Schriftsteller:innen. Damals wurden die Bücher wie verbotene Gegenstände von ihrer Leser:innenschaft in braunes Papier eingeschlagen, um sie vor neugierigen Blicken und den (katholischen) Eltern zu verstecken. Die LGBTIQ+-Community in den Philippinen ist damals wie heute eine marginalisierte gesellschaftliche Gruppe, umso wichtiger ist es, queere Literatur zu publizieren und zu fördern.

Auf der Bühne war unter anderem der philippinische Autor Blaise Campo Gacoscos, der mit seinem 2025 auf Deutsch erschienenen Roman „Der Junge aus Ilocos“ auf der Buchmesse präsent war.

Aufmerksamkeit für Frauenperspektiven in asiatischer Literatur schaffen

Auch in der Internationalen Halle 5.1 der Buchmesse waren die Philippinen auf der „Asia Stage“ vertreten. So hatte das Land einen großen, ähnlich hell und aus Naturmaterialien gestalteten Stand in der Messehalle, in der asiatische Verlage und Literatur ausgestellt waren. Hier verfolgte ich auf der „Asia Stage“ eine interessante Podiumsdiskussion über „Women‘s writing in Asia“. Dabei waren neben der aus dem Iran stammenden Autorin Nastaran Makaremi und der singapurischen Autorin mit malaysischen Wurzeln, Hidayah Amin auch zwei philippinische Autorinnen/Verlegerinnen auf der Bühne vertreten: Ester Topia und Bevely Siy. In der von der Moderatorin Rochit Tañedo geführten Diskussion sprachen die Schriftstellerinnen über geschlechterspezifische Vorurteile, den Druck, bestimmten Bildern zu entsprechen und den Herausforderungen, Themen über Frauen und Frauen in der Literatur im Allgemeinen neu darzustellen.

Ester Topia sprach in diesem Zusammenhang über den „male gaze“ in der philippinischen Literatur: Frauenfiguren in philippinischen Büchern hätten lange Zeit vermehrt traditionellen Rollenverständnissen entsprochen oder wurden als „objects of dreams“ stilisiert. Aus diesem Grund sehe sie es als ihre Aufgabe, „awarness of women perspectives in literature“ zu schaffen. Auch Bevely Siy prangerte an, dass die philippinische Literaturszene männlich dominiert sei. Deswegen kritisiert sie öffentlich Verlage, Schreibwerkstätten etc., die zum Beispiel Schreibworkshops ohne Frauen anbieten, oder Preise verleihen, bei denen die Jury keine weiblichen Autorinnen oder Expertinnen mit einbeziehen. „I call them out in Social Media“, sagte sie lachend auf der Veranstaltung. Dabei soll die Problematik dahinter nicht heruntergespielt werden. Angehenden Autorinnen fehle es an „safe spaces”, so werden bestimmte Themen in der Literatur nicht besprochen. Dies ist auch ein Grund, warum Bevely Siy genau diese verschwiegenen Themen anspricht. Sie schreibt und spricht über Diskriminierung von Frauen und Tabuisierungen wie die Menstruation. „My books talk about women bodies”, fasst sie es auf dem Podium zusammen.

Die Philippinen über die Literatur hinaus erleben

Vor Beginn der Frankfurter Buchmesse 2025 sprach sich die Senatorin Loren Legarda zum Auftritt der Philippinen als Gastland wie folgt aus:
„The Philippines’ presence in Germany is more than a literary offering. It is a call to journey through stories that sail across oceans, voices that weave connections between cultures, and ideas that know no boundaries “. („Die Präsenz der Philippinen in Deutschland ist mehr als nur ein literarisches Angebot. Sie ist eine Einladung zu einer Reise durch Geschichten, die Ozeane überqueren, Stimmen, die Verbindungen zwischen Kulturen knüpfen, und Ideen, die keine Grenzen kennen.“)

Auf mich machten der Auftritt und das Programm des Gastlands ebenfalls den Eindruck, dass hier nicht nur philippinische Literatur auf der Buchmesse präsentiert wurde, sondern den Besucher:innen auch durch Literatur Einblicke in die Geschichte und kulturelle Diversität des Inselstaats gewährt wurden.

Meinem Empfinden nach ist dies etwas, was Literatur für mich leisten kann und soll: Neue, andere Perspektiven kennen lernen, zum Nachdenken und Hinterfragen anregen und Begegnung ermöglichen.

Insofern konnte ich mich selbst nicht zurückhalten, ein paar vielversprechende Buchneuheiten zu erwerben. Nachdem ich die Rezension von „Stille im August“ von Caroline Hau in der südostasien gelesen hatte, war mein Interesse groß, mir dieses Buch zu kaufen. Am Stand vor dem Gastpavillons war es allerdings leider bereits ausverkauft. Beim Kauf des Buches am Messestand des herausgebenden Verlags wurde mir das Buch schließlich mit den Worten „ein guter Einstieg in die kulturelle Welt der Philippinen“ übergeben.

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