2 | 2020, Singapur,
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Sage mir, was du isst…

Singapur Migrant*innen Gerichte

In ‚Little India‘, dem indischen Viertel von Singapur gibt es zahlreiche Möglichkeiten, indische Nahrungsmittel einzukaufen. Dennoch vermissen viele indische Migrant*innen die traditionelle Küche Indiens. © Carlos Donderis, Flickr CC-BY-NC-ND-2.0

Singapur: Indische Migrant*innen legen großen Wert auf authentische indische Gerichte. Diese Leidenschaft können sie in Singapur nur begrenzt ausleben. Für ihren Artikel interviewte unsere Autorin indische Migrant*innen zu ihrem Ernährungsverhalten.

Bereits bei der Gründung Singapurs als britischer Militär- und Handelsposten im Jahr 1819 durch Stamford Raffles wurde die Bevölkerungsstruktur durch Migrant*innen gebildet. Sie kamen überwiegend aus China, Malaysia und Indien. Die meisten von ihnen blieben für immer. Heute leben ihre Nachfahren in Singapur, als Singapur-Inder*innen, Singapur-Malai*innen oder Singapur-Chines*innen.

Singapur Migrant*innen Gerichte

Gemüsestand in Little India © Sandra Pahr-Hosbach

Die indische Kultur im Inselstaat

Um die Ernährungsakkulturation südindischer Migrant*innen in Singapur zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Geschichte und Kultur der indischen Population des Inselstaates. Im Jahr 1821 bildeten Inder*innen 2.8 Prozent der singapurischen Bevölkerung, im Jahr 2019 waren es 9 Prozent. Aufgrund der wirtschaftlichen Kontakte zwischen Singapur und Indien, haben 82 Prozent der Singapur-Inder*innen südindische Wurzeln. Singapur-Inder*innen gehören mit 59 Prozent überwiegend dem Hinduismus an. Es existieren 25 Hindu-Tempel im Stadtstaat Singapur.

In Little India, dem indischen Viertel Singapurs, lebten in früheren Zeiten überwiegend indische Migrant*innen aus Tamil Nadu. Aufgrund des ‚CMIO-Modells‘, einer Bevölkerungspolitik, die Chines*innen, Malay*innen, Inder*innen und Andere als zwar unterschiedlich aber gleichberechtigt erkennt, wohnen Inder*innen heutzutage über ganz Singapur verteilt. Dennoch gilt Little India als Bewahrungsort der indischen Kultur und ist reich an indischer Architektur, Kultur und Geschichte. Hier feiert die indische Bevölkerung ihre Festivals. Indische Arbeiter*innen verbringen in Little India ihre Wochenenden gemeinsam. Am Tekka Markt, dem größten indischen Markt, verkaufen Händler*innen frische Lebensmittel, wie Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch, aber auch typische indische Gewürze.

Das Shopping-Center Mustafa bietet rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche ein umfassendes Angebot an indischen Lebensmitteln, Musik, Spielen, Kleidung und anderen indischen Waren.

Essen als Symbol für eine multikulturelle Gesellschaft

Für die indische Bevölkerung bildet Essen ein wichtiges Kulturgut. Es gilt als Teil der Religion, der Kaste und der eigenen Identität. Ähnlich der indischen Bevölkerung pflegt auch die Bevölkerung Singapurs eine enge Beziehung zum Essen. Oft wird das Essen als Nationales Symbol beschrieben. Auch bei offiziellen Feierlichkeiten des Landes wird Essen häufig als Symbol für die Multikulturalität des Landes benutzt, indem zum Beispiel indische Curries, malaiische Satays und chinesische Nudeln serviert werden. Auch an touristischen Plätzen wie dem Restaurant des bekannten Singapore Zoo werden Speisen aller drei Kulturen angeboten. Ebenso ist in den für Singapur typischen foodcourts stets Essen aus allen drei Kulturen zu finden.

Diverse ethnische Gerichte auf der Speisekarte des Zoorestaurants © Sandra Pahr-Hosbach

Singapur – ein kulinarisches Paradies für indische Migrant*innen?

Wie ernähren sich indische Migrant*innen, die heute in das Land kommen, um dort zu arbeiten? Haben Singapur-Inder*innen eine Basis für indische Migrant*innen geschaffen, die Ernährung wie im Herkunftsland ermöglicht und damit die Eingewöhnung ein Stück weit erleichtert? Die folgenden Interviews mit indischen Migrant*innen ermöglichen einen Blick hinter die Kulissen und zeigen, welche Haltung südindische Migrant*innen gegenüber dem Essen in Singapur annehmen und wie weit es ihnen hilft, sich heimisch zu fühlen. Die Interviews wurden mit Frauen und Männern aus Südindien geführt, die allein in Singapur leben, um zu arbeiten oder die als Ehefrau ihre arbeitenden Männer begleiten. Alle Interviewpartner*innen zählen zur indischen Mittelschicht, wobei sie nach eigenen Angaben zu verschiedenen Kasten gehören. Alle beschreiben sich als Hinduist*innen. Im Folgenden sind Originalzitate von Interviewpartner*innen aufgelistet. Einige Personen kommen dabei mehrfach zu Wort.

Hast du dein Ernährungsverhalten nach deinem Umzug von Indien nach Singapur verändert und wenn ja, welche konkreten Veränderungen waren es?

„Zum ersten Mal habe ich Nudeln versucht (zum Frühstück), Cornflakes und Haferflocken. Ja, mein Frühstück hat sich komplett verändert. Ich bedaure dies wirklich.” (R.A.)

“Da sind viele Veränderungen im Vergleich zu indischem Frühstück. Hier essen wir nur Brot und Cerealien. Aber in Indien aßen wir indisches Frühstück.” (U.R.)

“Nicht wie zu Hause. Frühstück bestand dort normalerweise aus Chapati, Idli oder Dosas. Aber hier tendieren wir dazu, nur schnell ein Toast zu essen …” (A.N.)

“Ich denke, was sich verändert hat, ist dass wir eine Menge anderer Zutaten aus anderen Küchen verwenden.” (V.I.)

“Normalerweise koche ich indisches Essen zu Hause. Ich denke an das Essen meiner Mutter, aber ich versuche es niemals zu kochen, da ich nicht weiß wie.“ (R.A.)

Singapur Migrant*innen Gerichte

Indische Frau in Singapur © Sandra Pahr-Hosbach

“…ich habe vielleicht 50-mal nicht-vegetarisches Essen gegessen.” (N.A)

“…es endete damit, dass ich zu McDonalds gehe … fast wöchentlich. Wir gehen zu McDonalds oder irgendeinem anderen Fast Food Restaurant.” (A.N.)

“Ich versuche es (zu kochen). Anfangs war es nicht gut. Ich habe es nicht gegessen. Ich habe es einfach weggeworfen. Aber nach einiger Zeit habe ich es gelernt, aber ich koche nicht so gut, wie meine Mutter (…) Wenn ich die Auswahl hätte, nur chinesisches Essen zu essen, würde ich nur so viel essen, dass ich damit überlebe.” (S.A.)

“Ich koche genauso wie zu Hause, ich esse das gleiche Gemüse und was auch immer ich zu Hause gekocht habe. Mit der Ausnahme, dass das sogenannte western food in unser Leben getreten ist.” (A.N.)

„Wir haben unsere Ernährung definitiv etwas umgestellt gegenüber dem, was wir in Indien gegessen haben. Das gleiche Essen, die gleichen Gerichte, wir haben alles nur ein bisschen verändert, um es gesünder zu machen.” (V.A.)

„Als ich bemerkte, dass ich die Chance dazu habe, habe ich Fleisch probiert…nur so aus Neugierde.” (C.H.)

„Hier essen wir wahrscheinlich wesentlich gesundheitsbewusster.” (S.A.)

“Wir lieben italienisches Essen. Meine Kinder könnten von italienischem Essen überleben. Ich denke manchmal, meine Kinder waren in ihrem vorherigen Leben Italiener” (N.A.)

“Wir haben begonnen, Tacos zu Hause zuzubereiten, meine Tochter hatte einen Kochkurs in der Schule und hat dies dort gelernt.” (S.A.)

“Die Ernährung änderte sich, nachdem ich hierher kam, lernte ich chinesisches Essen zu essen.” (J.U.)

Welche Faktoren haben deine Ernährungsakkulturation im Wesentlichen beeinflusst?

Auf die Frage, was die Ernährungsanpassung beeinflusst, haben sich verschiedene Antwortcluster gezeigt. Für machen Interviewpartner*innen hatte es mit Vertrauen in das Essensangebot in Singapur zu tun. Für andere war das Thema Gesundheit zentral. Des Weiteren waren Heimweh, Identität und Geschmacksvorlieben Faktoren, die in den Interviews genannt wurden. Auch Zeit, Geld und Verfügbarkeit hatten einen Einfluss auf das Ernährungsverhalten der interviewten Migrant*innen. Und schließlich wurde die eigene Mutter als Gate-Keeperin für die Ernährungsgewohnheiten der migrierten Personen genannt.

Es ist einerseits eine Frage des Vertrauens.

„Ich bin wirklich offen gegenüber anderem Essen, wie Sandwiches, Pizza oder Pasta, also Essen, dem ich vertrauen kann. Aber bei chinesischem Essen kann ich nie sicher sein, ob es nicht in irgendeiner Weise Meeresfrüchte oder Fleisch enthält … denn im chinesischen Essen gibt es kein echtes vegetarisches Konzept.” (N.I.)

“Innerhalb von einer Stunde nach dem Essen bekam ich eine Reaktion (Erbrechen) … danach habe ich nur noch selten nicht-indisches Essen probiert.” (R.A.)

“Wenn sie (fast food Restaurants) etwas frittieren, benutzen sie immer wieder dasselbe Öl, das ist möglicherweise nicht so gut für die Gesundheit.” (D.E.)

Dann ist da der Anspruch an die Gesundheit.
„Wir Tamilen glauben, dass es sehr wichtig ist, was wir essen, besonders weil…Hindus behandeln ihren Körper wie einen Tempel … in dem ihr Geist lebt.“ (J.E.)

„Ich bevorzuge indisches Essen zum einen, weil es besser schmeckt, aber auch weil es gesünder ist.“ (V.I.)

„Ich weiß, welches Essen gut für mich ist und welches nicht. Wenn ich Reis esse, weiß ich, wie lange ich benötige, um ihn zu verdauen, wie viel Gewicht ich zunehme. Bei anderem Essen weiß ich nicht, wie ich es zubereiten soll oder welche Zutaten darin sind.“ (D.E.)

„In unserer Kaste essen wir keinen Knoblauch, aber ich denke, Knoblauch ist wichtig und gut für die Gesundheit. Daher habe ich mir angewöhnt, etwas Knoblauch zu verwenden. Wenn ich italienisch koch, nutze ich Knoblauch.“ (V.A.)

„Als ich nach Singapur kam habe ich gelernt, dass chinesisches Essen und auch anderes Essen gesund ist. Sie essen vieles roh und gekocht. In indischem Essen ist viel Öl, das ist nicht gesund.“ (A.K.)

Das Gefühl von Heimweh spiel eine Rolle.
„Wir vermissen sehr vieles in Singapur, vieles, was meine Mutter gekocht hat, wir können es hier nicht zubereiten oder es würde sehr lange dauern.“ (A.N.)

„Meine Mutter kochte dieses Gemüse Biryani. Ich liebte es sehr. Was auch immer sie kochte, den exakten Geschmack davon bekomme ich hier nicht.“ (A.K.)

„Vom kommerziellen Aspekt können wir hier alles kaufen, aber auf jeden Fall vermissen wir einige Dinge, die wir zu Hause bekommen haben…die meine Mutter gekocht hat.“ (N.A.)

„Einige Gerichte die aus meinem Garten zu Hause gekocht wurden, diesen Geschmack bekomme ich hier nicht. Vielleicht fühle ich mich auch einfach besser, wenn ich weiß, dass diese Gemüse aus meinem Heimatgarten kommen.“ (V.I.)

„Ab dem Zeitpunkt, wenn ich den heimischen Flughafen in Indien betrete, überlege ich, was ich zu Hause essen möchte,“ (D.E.)

„Offensichtlich vermisse ich Mamas Essen. Deswegen bitte ich sie, wenn sie nach Singapur kommt, zu kochen.“ (U.R.)

Außerdem ist es eine Frage der Identität.
„Ich bin mit indischen Essen aufgewachsen. Wenn du mich bitten würdest, anderes Essen einmal in der Woche zu essen, wäre das okay für mich. Aber jeden Tag oder zu jeder Mahlzeit könnte ich nicht auf indisches Essen verzichten. Ebenso würden es meine Kinder nicht tun, auch nicht mein Mann.“ (A.N.)

„Okay, ich könnte überleben (ohne indisches Essen). Aber es ist wirklich schwierig.“ (N.A.)

„Ich könnte nicht ohne indisches Essen leben für länger als eine Woche… danach wird es wirklich schwierig für mich.“ (S.A.)

„Ja, ich könnte überleben … aber überleben ist anders als ‘pleasing your tongue‘.“ (N.A.

Geschmacksvorlieben sind von Bedeutung.
„Nein, ich halte den Geruch (von chinesischem Essen) nicht aus. Er ist zu stark für mich.“ (R.A.)

„Ich mag den Geruch von reinem chinesischem Essen nicht.“ (S.A.)

„Und chinesisches Essen ist sehr roh. Ich bin nicht gewöhnt an diese Art von Essen… . Ich fühle mich … wenn das Gemüse so roh ist … fühle ich mich wie eine Kuh oder sowas. “ (I.P.)

Zeit, Geld und Verfügbarkeit kommen als weitere Aspekte hinzu.
„Ich habe begonnen, mehr nicht-vegetarisches Essen zu essen, denn in Indien ist die Auswahl an vegetarischem Essen größer.” (S.R.)

“Ich probiere auch chinesisches und malaiisches Essen. Ich bin nicht so streng mit indischem Essen, denn ich bekomme hier kein authentisches indisches Essen.“ (R.A.I.)

„An Sonntagen, ah, haben die Hawker Center in der Universität geschlossen. Nur McDonalds hat dann geöffnet.” (G.E.)

“Weil ich ins Büro eilen möchte, bevorzuge ich Brot oder manchmal, wenn ich zu spät bin, streiche ich das Frühstück. Die erste Mahlzeit ist dann das Mittagessen.” (R.A.I.)

“Wenn wir lange im Büro bleiben, gibt es keine andere Möglichkeit als McDonalds.” (V.I.)

Mutter als gate-keeper.
„Jedes Mal, wenn ich nach Indien komme, lehrt mich meine Mutter einige neue Gerichte zu kochen.” (S.A.)

“ Meine Mutter war in den letzten zwei Monaten hier zu Besuch. Sie hat unsere Maid gelehrt, indisch zu kochen.” (J.U.)

“Ich habe in Indien immer meiner Mutter beim Kochen geholfen. Seitdem ich hier lebe, rufe ich meine Mutter an, wenn ich etwas kochen möchte, sie gibt mir das Rezept und ich versuche es dann zu kochen.“ (I.P.)

Unterstützt die Anwesenheit der indischen Kultur und insbesondere der indischen Nahrungsangebote die Ernährungsakkulturation der südindischen Migranten in Singapur?

Singapur Migrant*innen Gerichte

Hinduisten beim Thaipusam Festival in Singapur © Sandra Pahr-Hosbach

Obwohl Singapurer*innen wie auch Inder*innen eine sehr enge Bindung und Leidenschaft zum Essen haben, konnten die meisten der befragten Migrant*innen diese Leidenschaft in Singapur nicht ausleben.

Der Einfluss ist nicht so stark, wie man anhand der in Singapur anwesenden indischen Kultur vermuten könnte. Heimweh, die kulturelle Identifikation mit indischem Essen, verfügbare Zeit für Nahrungszubereitung, – beschaffung oder – verzehr, Gesundheitsaspekte, sowie die Verfügbarkeit der Zutaten, das Vertrauen in das angebotene Essen, aber auch die Familienkonstellation in Form anwesender Kinder oder Großeltern beeinflussten das Ernährungsverhalten der südindischen Migrant*innen vorrangig. Ein besonders großer Einfluss geht von den in Indien lebenden Müttern der Migrant*innen aus. In fast allen Fällen nehmen sie auf verschiedene Weise die Position des „gate-keepers from the background“ ein.

Der Einfluss der indischen Kultur in Singapur machte sich überwiegend erst bemerkbar, als den Migrant*innen ausreichend Zeit und Geld zur Verfügung stand, um diese Angebote zu nutzen und wenn sie bereits einige Jahre im Land lebten und ausreichend Gelegenheit hatten, das Angebot zu erkunden.

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2 | 2020, Singapur,
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Sage mir, was du isst…

Indonesien: Mithilfe sozialer Medien stellen sich Menschen der Herrschaft traditioneller Maskulinität entgegen.

Auf den ersten Blick erscheint das Instagram-Konto von Dhamang Pangaribawan wie ein Koch-Channel. Seine kurzen Videos dauern weniger als eine Minute. Zu sehen ist ein Mann mit langen Haaren und legerer Kleidung, der für seine Frau kocht. Er beginnt jedes Video mit den Worten: „Was kann ich für dich kochen, mein Schatz?“

Die Aufmerksamkeit der Zuschauer wird nicht nur durch das Rezept, sondern auch durch die unterschwellige Botschaft geweckt. Diese lautet, dass Männer in der Küche sein können oder sollten. „Ich habe lange Haare und ich liebe schwere Musik. Aber ich kann trotzdem kochen und meiner Frau das Essen servieren“, sagte Pangaribawan. „Maskulinität sollte kein Grund sein, sich vor Hausarbeit zu drücken.“

Der auf Bali lebende Pangaribawan ist im Alltag kein Koch, sondern 3D-Charakter-Modellierer und Texturkünstler. Aus seiner Küche heraus führt er via soziale Medien den Kampf gegen toxische Männlichkeit, die das Leben vieler indonesischer Männer – und Frauen – noch immer beherrscht.

Kochen als Geschlechtersymbol

Die Idee für die Koch-Videos basiert weder auf algorithmischen Berechnungen noch auf Branding-Strategien. „Es hat mit Gesprächen zwischen meiner Frau und mir zu Hause angefangen, in denen es um Gleichberechtigung und geteilte Rollen ging“, sagt er. Doch als eines seiner Kochvideos viral ging, sah er seine Chance: „Kochen ist ein starkes Geschlechtersymbol. Da die Hausarbeit seit Langem als ‚Frauensache‘ betrachtet wird, habe ich diese Gelegenheit genutzt, um die Gleichberechtigung anzusprechen.“

Allmählich begann seine Botschaft, die Küchen seiner männlichen Anhänger zu erreichen. Seine Freunde fingen an den Preis von Chilis zu kennen, einkaufen zu gehen und sogar in der Küche zu helfen. Pangaribawan sagt, viele seiner Kollegen fühlten sich ausschließlich fürs Geld verdienen (‚Ernährer sein‘) zuständig. „Sie sind der Meinung, dass Kinderbetreuung nur eine Aufgabe für Frauen ist“, sagt er. „Ein weiteres Problem ist, dass auch Männer einen Raum zum Sprechen und Mitteilen brauchen. Aufgrund von Ego, Stolz und gesellschaftlichen Erwartungen behalten sie jedoch alles für sich.“

Dies, so erklärt er, führe zu einem umfassenderen Problem: schlechter psychischer Gesundheit bei Männern – manchmal mit tragischen Folgen. Er beschrieb das Phänomen der „Einsamkeitskrise unter Männern“ („Lonely Male Epidemic“) in Bali, wo Männer unter extremem Druck stehen. Manche würden ihrem Leben selbst ein Ende setzen, sagt Pangaribawan, „weil sie kein emotionales Ventil haben. Sie können nicht einmal ihre emotionalen Belastungen mit ihren Frauen teilen.“

Macht, Gewalt und legitimierte Herrschaft

Pangaribawan zufolge ist toxische Maskulinität direkt mit häuslicher Gewalt verbunden. Wenn Maskulinität mit Überlegenheit gleichgesetzt wird, dann treibt sie Männer zum Dominieren und Bezwingen – sogar durch Gewalt. „Dennoch betrachtet die Gesellschaft dies als eine private und familiäre Angelegenheit, in die man sich nicht einmischen sollte. Das ist gefährlich,“ sagt er.

Er weist auch darauf hin, dass selbst, wenn der Mann offensichtlich im Unrecht ist, in Fällen von Untreue immer noch die Frauen beschuldigt würden. Was noch schlimmer sei, sagte er, sei, dass selbst die Frauen dieses Narrativ oft unbewusst aufrechterhalten, indem sie Frauen, die kochen und sich um das Haus kümmern, als „ideale Frauen“ loben und jene, die weniger traditionellen Rollen folgen, verspotten.

Pangaribawan zufolge werden männliche Stimmen mehr gehört als weibliche – auch wenn es um Gleichheit geht. „Daher bin ich der Meinung, dass Männer sich beteiligen müssen, um dieses Thema anzusprechen. Wenn ich mit meinen männlichen Freunden über Feminismus spreche, könnten sie mir zuhören. Aber wenn meine Frau dasselbe sagt, würden sie sie vielleicht abtun.“

Mit seinem Koch-Content nimmt Pangaribawan seine Rolle als Verbündeter im Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter wahr. Er erwähnt auch, dass neben seinem eigenen viele weitere Accounts in den sozialen Medien, wie zum Beispiel die der Allianz der neuen Männer (ALLB), eine wichtige Rolle gespielt hätten, die Gesellschaft über den Abbau toxischer Maskulinität aufzuklären.

Gemeinsam für neue Narrative

Nur Hasyim, Mitglied von ALB, ist als Autor, Geschlechter-Aktivist und Dozent an der Walisongo State Islamic University in Semarang tätig. ALB bringe Menschen zusammen, so Hasyim, um über die seit ihrer Kindheit ‚hergestellte‘ Maskulinität, Gewalt erzeugende soziale und kulturelle Strukturen, sowie die aktive Rolle, die Männer bei der Auflösung der Geschlechterbeherrschung spielen können, nachzudenken.

Hasyim zufolge sind Männer von kleinauf darauf geprägt, die Verletzung der körperlichen Autonomie von Frauen zu normalisieren. „Jungen wird selten etwas über Einwilligung beigebracht“, sagt er. „Das führt dazu, dass sie aufwachsen, ohne die Bedeutung des Respekts gegenüber den körperlichen Grenzen und der physischen Unversehrtheit von Frauen zu verstehen.“ Er fügt hinzu, dass diese Unwissenheit zu hohen Raten sexueller und häuslicher Gewalt beitrage.

„In Alumni-Gruppen oder Treffs, in denen sexistische Witze und frauenfeindliche Kommentare an der Tagesordnung sind, haben viele Männer das Gefühl, ihr ‚männliches Image‘ aufrechterhalten zu müssen, um dazuzugehören.“ In Kooperationen mit Frauenorganisationen und anderen Instituten entwickelt ALB deshalb Bildungsmaterialien zu den Themen Maskulinität und Gleichberechtigung.

Räume der Transformation

Auch andere männliche Influencer auf Instagram sprechen sich gegen toxische Maskulinität aus. Einer davon ist @lawan_toxicmasculinity, der vom Psychologen Yovinus Guntur betrieben wird. Er verfolgt einen lehrreichen und empathischen Ansatz, um toxische maskuline Ideale wie das Verbot des Weinens, den Druck, ein ‚Ernährer‘ zu sein, und die Gewohnheit, Gefühle zu verdrängen, aufzulösen.

Andere Accounts wie @masculinrepair und @laki_laki_feminis haben zwar weniger Follower, entwickeln sich aber ebenfalls zu Räumen, in denen junge Männer mehr über Geschlechterrollen, Privilegien und den Aufbau gesünderer, gerechter Beziehungen lernen können.

„Auch Männer sind Opfer dieses Systems“

Die Autorin und Genderaktivistin Kalis Mardiasih betont, es sei entscheidend, dass Männer, die sich dieser Probleme bereits bewusst seien, ihre Stimme erhöben, da ihre Stimmen in einem zutiefst patriarchalen System oft mehr gehört würden. „Es ist ironisch, aber die Stimmen von Männern werden oft als legitimer betrachtet, wenn es um Feminismus geht“, sagte sie.

Diese progressiven Accounts stellen sich einer Welle frauenfeindlicher Inhalte entgegen, die viral gehen und oft als Ausdruck ‚echter Männlichkeit‘, zum Teil in religiöse und nationalistische Rhetorik verpackt, auftreten. Ein anschauliches Beispiel dafür ist Andrew Tate, der ein Image von dominanter, aggressiver und frauenfeindlicher Männlichkeit fördert. Laut Mardiasih hat sich sein Einfluss auch in Indonesien verbreitet, wo lokale Content– Creator ähnliche Werte reproduzieren – auch auf vulgäre Weise.

Sie beschreibt diese Situation als „Tsunami der toxischen Maskulinität“, eine massive Identitätskrise der Männer, die sich fühlen, als würden sie die Kontrolle über eine sich wandelnde Welt verlieren. „Viele dieser Creator sind sich gar nicht bewusst, dass sie strukturelle Gewalt verbreiten. Sie glauben, dass sie Männer nur dazu motivieren, ‚Führungskräfte‘ zu werden“, sagt sie. Tatsächlich verstärken solche Narrative bestehende Herrschaftsmuster, marginalisieren Frauen und können Gewalt fördern.

Inmitten dieser Entwicklung werden Männerstimmen, die alte Normen in Frage stellen, umso wichtiger. „Auch Männer sind Opfer dieses Systems“, erklärt Mardiasih. „Ihnen wird nicht beigebracht, ihre eigenen Emotionen zu erkennen. Am Ende sind sie isoliert, gestresst und können sich selbst oder anderen schaden.“

Toxische Maskulinität in militärischer Kultur

Alle drei – Pangaribawan, Hasyim und Mardiasih – sind sich einig, dass toxische Maskulinität tief in politischen und militärischen Symbolen Indonesiens verwurzelt ist. Männliche Herrschaft zeigt sich auch in staatlichen Maßnahmen, in einem Regierungshandeln, das Mensch und Umwelt ausbeutet und dabei Fürsorge und Mitgefühl vernachlässigt.

„Nach ihrer Amtseinführung werden neue Gouverneure an die Militärakademie in Magelang geschickt, wo sie Armeeuniformen tragen müssen. Diese Zeremonie symbolisiert: Unser Land ist stolz auf Muskeln und Waffen, mehr als auf Empathie und soziale Fürsorge“, sagt Mardiasih.

Unter der aktuellen Regierung sei diese Form der toxischen Maskulinität noch sichtbarer geworden, fügte sie hinzu. „Schaut euch Prabowo Subiantos Kabinett an – voller alter Männer, die über Bergbau und Ressourcenausbeutung reden, ohne Perspektive auf Fürsorge oder Nachhaltigkeit. Das ist nicht nur maskuliner Stil – das ist ausbeuterische Maskulinität.“

Hoffnung und Lösungen im Kampf gegen toxische Maskulinität

Obwohl sich immer mehr Social-Media-Accounts gegen toxische Männlichkeit aussprechen, räumt Mardiasih ein, dass diese Stimmen nicht immer positiv aufgenommen werden. Dennoch glaubt sie, dass jede Stimme für Gleichberechtigung kleine Kreise des Wandels inspirieren kann.

Sie drängt darauf, dass die Lehre der Geschlechtergleichberechtigung so früh wie möglich beginnen muss – zu Hause, in der Schule und in Glaubensgemeinschaften. „Ansonsten wird die kommende Generation im selben Zyklus aufwachsen: Den Männern wird beigebracht, zu ‚ernähren‘, die Frauen werden dazu erzogen, zu dienen, und die Gesellschaft wird diese Ungleichheit weiter normalisieren“, sagte sie.

Pangaribawan glaubt, dass der Wandel mit kleinen Schritten beginnen muss – vom Kochen und dem Austausch über Gefühle am Esstisch bis hin zur Erkenntnis, dass Mannsein nicht Überlegenheit, sondern Gleichberechtigung bedeutet.

„Als Männer müssen wir anfangen zu reden, zuzuhören und einen Raum zu schaffen“, so Pangaribawan. „Denn wenn wir schweigen, werden wir Teil des Systems, das toxische Männlichkeit fördert. Wir müssen die patriarchalen Muster für das Gemeinwohl auflösen.“

Übersetzung aus dem Englischen von: Mustafa Kurşun

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