1 | 2020, Interviews, Laos,
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„Die Menschen wissen, was die Natur ihnen geben kann“

Laos Klimawandel Nachhaltigkeit

Diskussion mit Dorfbewohner*innen © Phillip Bengel

Laos: Nachhaltigkeit sei für ländliche Gemeinden kein Thema gewesen, so lange es keine Einmischung von außen gab und die Ressourcen für alle reichten, sagt Phillip Bengel, der als Experte für Umweltbildung in Laos mit der lokalen Bevölkerung zusammengearbeitet hat.

Was sind Ursachen und Folgen des Klimawandels speziell in Laos?

Laos ist nicht besonders industrie- und wirtschaftsstark, vielmehr hat es ein großes Potential zur Kompensation durch die Wälder (vgl. dazu den Artikel Waldschutz als nationales Klimaziel auf suedostasien.net). Die Regierung ist sich dessen bewusst. In der Bevölkerung ist dieser Aspekt hingegen nicht so richtig präsent. Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Waldfläche bis 2020 wieder auf 70 Prozent zu erhöhen, annähernd so viel wie in den 1940er Jahren. Durch starke Abholzung war sie in den 1990er Jahren auf knapp 40 Prozent gesunken, 2015 waren es 58 Prozent. Das ist ein sehr, sehr ambitioniertes Ziel. Waldschutz ist ein ganz entscheidender Punkt, weil es viel illegalen Holzschlag gibt, gerade im Grenzbereich zu Vietnam. Oft werden Vietnamesen beschuldigt, es sind aber natürlich auch Laoten beteiligt, dass das Holz illegal geschlagen und verkauft werden kann. Das ist ein großes Problem.

Unser Interviewpartner:

Philipp Bengel © privat

Phillip Bengel arbeitete als Experte für Umweltbildung zwei Jahre im Projekt ProCeed in Khammouane in Zentrallaos. Dort schulte er Mitarbeiter der lokalen Umweltbehörden zum Thema Umwelt- und Umweltbewusstseinsbildung in ländlichen Regionen. Zurzeit promoviert er an der Uni Marburg in Geographiedidaktik zu Entwicklung und Evaluation außerschulischer Lern-Erlebniskonzepte im Kontext einer wissenschafts- und technikorientierten Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Dabei beschäftigt er sich besonders mit den Potentialen und Möglichkeiten interaktiver Einbindung von Bürger*innen in die Umweltforschung.

Wie werden Klimaschutzmaßnahmen auf nationaler und lokaler Ebene umgesetzt?

Wenn Vorgaben von Kooperationspartnern, wie z.B. von der deutschen Regierung gemacht werden, dann werden die eingehalten. Aber ich weiß nicht, wie viel davon wirklich intrinsisch motiviert ist. Die laotische Regierung konzentriert sich eher auf sich und sieht weniger das globale Bild. Man sieht sich vor allem als das ‚kleine Laos‘, also auch nicht in der Verantwortung und schiebt vor, dass man gar keinen so großen Einfluss hat. Was natürlich schade ist, denn die Bevölkerung bekommt die Auswirkungen des Klimawandels wie z.B. Überschwemmungen und Dürren zu spüren. Auch die Regierung merkt, wie Ernst der Klimawandel ist und dass Laos genauso mitverantwortlich ist wie andere Länder auch.

Hast Du das Argument, dass Wasserkraft nachhaltig ist, öfters gehört?

Der größte Teil der Energieversorgung läuft über Wasserkraft, was viele als erneuerbare Energiequelle sehen, auch wenn negative Folgen für Natur, Mensch und Umwelt damit zusammenhängen (vgl. dazu Rezension auf suedostasien.net https://suedostasien.net/laos-rezension-riesendesaster-statt-modellprojekt/). Der durch Wasserkraft erzeugte Strom wird als ein legales Exportgut, das laut offiziellen Statements immens zur Entwicklung des Landes beiträgt, gern als green energy in den Vordergrund gestellt. Darauf sind viele Menschen in Laos stolz.

Hast Du einen öffentlichen Diskurs über Klimawandel wahrgenommen?

Eigentlich nicht, höchstens mal, wenn man sich offizielle Statements und Projektbeschreibungen von anderen Projekten durchliest, wird standardmäßig darauf Bezug genommen, auf die SDGs im allgemeinen und den Klimawandel, aber vor Ort im Diskurs nicht. Es gibt hier z. B. keine Fridays for Future-Bewegung und auch sonst keine Demos oder eine lokal organisierte Widerstandsbewegung.

Gibt es Kritik an Staat oder Unternehmen so wie es hier inzwischen üblich ist, dass z.B. die Autoindustrie oder bestimmte Unternehmen kritisiert werden, wenn es um den Klimawandel geht?

Spielerische Umweltbildung mit den Kinden @ Phillip Bengel

Da ist man ja in Laos grundsätzlich sehr vorsichtig. Weil die größte Institution, die daran schuld sein könnte, die Regierung ist und gegen die hört man gar nichts. Offiziell schon gar nicht, inoffiziell tauscht man sich vielleicht mal mit Nachbarn und besten Freunden aus und nur ganz vorsichtig. Wenn sich jemand öffentlich beschwert ist es weniger spezifische Kritik, sondern eher so etwas wie: Okay, in der Politik muss mal was passieren. Man hört es dort seltener, den Menschen wird auch kein Sprachrohr gegeben und wenn sich jemand in den Medien äußern würde, hätte er gleich ein ganz großes Problem.

Wir hatten uns bei anderen Ländern gefragt, ob der Klimadiskurs ein Elitendiskurs ist? Kann man die Frage stellen bei Laos?

Wenn man die Frage am Beispiel Laos beantwortet, kann das gut sein, dass es so wahrgenommen wird. Anhand einer Bedürfnispyramide gesehen, müssen erst alle grundlegenden Bedürfnisse befriedigt sein, bevor sich Menschen über Umweltprobleme Gedanken machen. Und in Laos ist Armut noch ein weit verbreitetes Problem. Wenn ich nicht weiß, wo ich heute Nacht schlafe oder was ich morgen esse, mache ich mir zuerst darüber Gedanken.

Wir hatten im Projekt mit einem Dorf zu tun, das von der Regierung zwangsumgesiedelt wurde. Die Bewohner*innen mussten raus aus dem Kerngebiet des Nationalparks, wo sie seit Generationen gelebt hatten. Sie wurden an einen neuen Standort umgesiedelt mit weniger fruchtbarem Boden (angeblich noch durch Altlasten aus der Kriegszeit stark mit Chemikalien belastet) und es stand ihnen nach der Umsiedelung viel weniger Nutzwald zur Verfügung. Die Bewohner*innen hatten kein Interesse an Umweltschutz und Erhalt der Biodiversität. Sie reagierten ablehnend auf die vorgeschlagenen Maßnahmen, weil diese nicht zu ihren aktuellen Grundbedürfnissen passten. Sie mussten sich erst wieder eine neue Lebensgrundlage schaffen und benötigten dafür eine andere Art von Unterstützung. Wir nahmen dann in der Diskussion mit den Betroffenen ihre Probleme auf und gaben sie an andere Projekte mit passenderen Unterstützungsmöglichkeiten weiter.

Mit wem hast Du zusammengearbeitet? Wie stehen vor allem ärmere Menschen oder weniger gut ausgebildete Menschen zum Klimawandel?

Ich hatte am meisten zu tun mit der Provinzumweltbehörde in Khammouane, die mit jungen Freiwilligen gearbeitet haben. Diese arbeiten in der Hoffnung, da reinzurutschen und eine feste Stelle zu bekommen. Sie haben unentgeltlich, nur für eine Aufwandsentschädigung, gearbeitet. Ich würde sie dadurch als beruflich privilegiert bezeichnen. Dennoch war das Bildungsniveau, obwohl sie in der Umweltbehörde arbeiten, schon sehr niedrig. Die eigentliche Zielgruppe waren Dörfer um den Hin Nam No Nationalpark in der Provinz Khammouane, die in einer sehr ländlichen Gegend in der Natur angesiedelt sind und von Subsistenzlandwirtschaft leben. Diese Menschen wissen aus einer utilitaristischen Perspektive sehr wohl, was die Natur ihnen geben kann. Nur war ‚Nachhaltigkeit’ tatsächlich nie ein Thema, weil für alle in den Dörfern genug vorhanden war, solange es keine Einmischung von außen z.B. in Form von Umsiedlung gab.

Laos Klimawandel Nachhaltigkeit

Eine Projektmitarbeiterin im Gespräch mit Dorfbewohner*innen © Phillip Bengel

Laos Klimawandel Nachhaltigkeit

Experiment zum Verhältnis von Waldrodungen zur Erosion © Phillip Bengel

Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit ist also nicht vorhanden?

Der Nachhaltigkeitsgedanke wie bei uns ist in der laotischen Bevölkerung wenig ausgeprägt. Um ein Beispiel zu nennen: da kommt jemand aus China oder Vietnam, vielleicht oder auch besser gestellte Laoten und macht ein tolles Angebot. Dann wird der komplette Wald verkauft und für die Kinder und Enkel ist nichts mehr da.

Das halte ich definitiv für den größten negativen klimawandelrelevanten Faktor. In Deutschland kommt der Nachhaltigkeitsgedanke aus der Forstwirtschaft, er ist schon 300 Jahre alt. Die ersten, die damals kapiert haben, dass wir so viel nachwachsen lassen müssen, wie wir auch schneiden wollen, waren Förster und Forstwirte. Dieses Verständnis fehlt in Laos. Und dort geht es nicht nur um Aufforstung, sondern tatsächlich um den Schutz von Urwald, der für die Biodiversität noch wertvoller und bedeutender ist.

Man hat noch eine Chance dieses Problem direkt anzugehen. Wenn man aber sagt, dass dieser kleine Wald mit vielen anderen Wäldern zusammen auch einen Einfluss auf das globale Klima hat, sprengt das definitiv die Vorstellungskraft. Das interessiert auch gar nicht, weil die Welt der ländlichen Bevölkerung das Dorf, der Wald und das Nachbardorf ist. Das ist okay so, aber darauf muss man sich einlassen, wenn man dort arbeitet.

Wenn es bei meiner Arbeit um Umweltthemen ging, dann weniger theoretisch auf einer Metaebene über den Klimawandel, sondern eher über damit zusammenhängende alltagsrelevante Themen wie zum Beispiel Abfallvermeidung, Waldschutz und Artenschutz. Durch den direkten Bezug zur Lebenswelt der Menschen funktioniert das und wird gut aufgenommen. Alles andere kommt den Menschen sonst zu abstrakt vor.

Ihr habt mit Theater gearbeitet, um Leute aufzuklären. Wer hat das initiiert und welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Das war von der Methodik besonders passend, weil es gemeinschaftlich entwickelt wurde. Man bezeichnet es als non-formale Bildungsmethoden oder -programme. Das Theater war ein großer Teil davon, aber auch Spiele, Gruppendiskussionen, Gruppenarbeit, eben vieles, was nicht diesen frontalen Schulcharakter hat. Es war schon eine Herausforderung, die Menschen davon zu überzeugen, dass wir zwar Themen vermitteln wollen, aber nicht nur die Lehrenden sind, die vorne stehen und einen Monolog halten, sondern dass wir gemeinsam mit ihnen diskutieren, spielen oder ein Theaterstück anschauen und danach mit den Schauspielern diskutieren wollen.

Die Schulungen, Stücke, etc. hat das Team in Vorbereitungsworkshops selbst entwickelt, es wurde kooperativ überlegt welche Themen passen und wie sie abwechslungsreich gestaltet werden können. Ich hab dabei vor Ort in einer zurückgestellten Coachingposition unterstützt und Feedback gegeben, z.B. noch mehr auf die Leute einzugehen, weil sie sich noch nicht trauten, richtig mitzumachen. Das war wichtig und wurde auch angenommen. Daraus hat sich dann später eine gegenseitige Feedbackkultur im Team etabliert.

Würdest Du sagen, dass das Theater eine Art Gegenbewegung ist, um auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen?

Ja, es ist auf jeden Fall ein guter Weg. Auch bei uns in Deutschland fruchten solche Konzepte und stellen eine Alternative zur ‚Katastrophenpädagogik’ dar. Auf bestimmte Aspekte des eigenen Handelns, gerade wenn sie negativ sind, muss man die Leute schon aufmerksam machen. Macht man das sehr direkt, erreicht man oft nur eine Abwehrhaltung. Gerade bei einer Kultur wie der laotischen, wo es sozial weniger toleriert wird, andere direkt auf negative und unangenehme Sachen aufmerksam zu machen, ist diese Art des spielerischen Herangehens definitiv besser. Da geht es darum, Lösungen im Kleinen aufzuzeigen. Mit einem Lächeln und mit ein bisschen Witz ranzugehen hat auf jeden Fall Potential.

Laos Klimawandel Nachhaltigkeit

Theatervorstellung für Dorfbewohner*innen © Phillip Bengel

Konntest Du die Leute letztendlich mitnehmen?

Ja, aber es war ein langer Weg. Gemerkt habe ich das an meinem Team, mit dem ich zusammengearbeitet habe, da konnte ich irgendwann eine Veränderung beobachten. Es ging mir allgemein so, dass ich teilweise mit Inhalten, die ich vermitteln wollte, noch ein, zwei, drei Niveaus drunter ansetzen musste, als ich es vorhatte, weil die Grundbildung oder das Grundverständnis fehlte. Allerdings habe ich auch mit einem Assistenten gearbeitet, der übersetzt hat, es sprach kaum jemand Englisch und mein Laotisch war nicht gut genug, um damit inhaltlich zu arbeiten.

Daher wusste ich auch nie wirklich, was mein Assistent jetzt tatsächlich transportiert, von dem, was ich gesagt habe und was ich rüberbringen wollte. Das hat teilweise zu großen Einbußen geführt und war ein Qualitätsmangel. Wenn man das irgendwie ändern könnte, dann könnte man die Menschen noch viel effizienter erreichen. Was sich tatsächlich bei der eigentlichen Zielgruppe in den Dörfern getan hat, konnte ich persönlich dann kaum noch einschätzen. Ich konnte mich nur drauf verlassen, was von meinem Team zurück kam und das war oftmals positiv. Als sie sich getraut haben, mal negatives Feedback zu geben, kamen auch Dinge zur Sprache, die wir dann gleich aufgegriffen haben (siehe Beispiel der Umsiedlung oben).

Was fällt besonders auf, wenn man sich Klimawandel global anschaut und auf Laos schaut?

Was mir immer wieder während meiner Arbeit bewusst geworden ist, sind die Unterschiede in der Entwicklung der Umweltbildung, wobei wir in Deutschland und im europäischen Kontext zumindest von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) sprechen, wir sehen das schon viel interdisziplinärer. Auch soziale und wirtschaftliche Faktoren spielen mit rein, nicht nur die klassischen ökologischen. Aber auch das war ein Weg, der sich seit den frühen 1970er Jahren in Deutschland entwickelt hat und begonnen haben wir auch mit: ‚Wir gehen in den Wald und sammeln Müll’ als Umweltbildungsmaßnahme. Das machen wir jetzt in Deutschland gar nicht mehr, weil wir es gar nicht mehr brauchen. Jeder weiß, dass es nicht okay ist und warum es nicht okay ist, seinen Müll in den Wald zu werfen. Und in Laos können wir nicht voraussetzen, dass jeder weiß, dass es nicht okay ist.

In Laos wurden früher die Bananenblätter (die als Verpackung dienten) in den Wald geschmissen und jetzt schmeißen die Menschen die Plastiktüten auch in den Wald. Es war schon immer so. Und jetzt kommen wir hin und erwarten möglicherweise ein Verständnis, wie es sich bei uns innerhalb von 30, 40 Jahren entwickelt hat. Aus diesem Grund haben viele Methoden in der Umweltbildung nicht so funktioniert, wie ich es in Deutschland gemacht hätte. Sie mussten angepasst und komplett überarbeitet werden. Das wird es wahrscheinlich in vielen anderen Feldern auch in Bezug auf Klimawandel geben, nicht nur Umweltbildung, dass man sich noch mal mehr aufs Land, die Kultur und die Situation einlassen muss.

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1 | 2020, Interviews, Laos,
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„Die Menschen wissen, was die Natur ihnen geben kann“

Südostasien: Die Bereitstellung von bezahlbarer und ’sauberer‘ Energie stellt die Region vor große Herausforderungen: Wie und durch wen kann die nötige Energiewende finanziert werden?

Südostasien wird als eine aufstrebende Region mit einem enormen Potenzial für wirtschaftliches Wachstum und Entwicklung gepriesen. Der Energiebedarf ist in den letzten zwei Jahrzehnten kontinuierlich um drei Prozent pro Jahr gestiegen. Doch der Großteil dieses Bedarfs wird mit Kraftwerken aus fossilen Energiequellen gedeckt. Der Übergang zu erneuerbaren Energien ist dringender denn je.

Entwicklungsakteure haben dies erkannt und die notwendigen Schritte unternommen, um diesen Ländern finanzielle und technische Hilfe zukommen zu lassen. Die öffentliche Entwicklungshilfe (Official Development Assistance, ODA) bleibt jedoch hinter den angekündigten Zusagen der Geberländer zurück und ist nach wie vor unzureichend, um Fortschritte auf dem Weg zur Agenda 2030 zu erzielen. (Ziel 7 der Agenda 2030 fordert: Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger und moderner Energie für alle sichern. Anm. der Red.)

In diesem Zusammenhang werden von den Entwicklungsakteuren weiterhin privatwirtschaftliche und marktbasierte Lösungen gefördert, um die so genannte Finanzierungs- und Kapazitätslücke für die Energiewende zu schließen. Die multilateralen und internationalen Finanzinstitutionen (IFI) haben ‚innovative‘ Finanzierungsmodalitäten und -mechanismen gefördert. Diese ermöglichen es dem Privatsektor, Energieprojekte zu finanzieren, umzusetzen und zu verwalten. Dies kann zu beschleunigter Vereinnahmung von Entwicklung durch Unternehmen sowie zu negativen Auswirkungen auf Arbeit, Entwicklung, Menschenrechte und Umwelt in der Region führen.

Die Rolle des Privatsektors in der Klima- und Energiekrise

Der Energiesektor ist, historisch gesehen, einer der Hauptverursacher der Klimakrise, da er Produktion und Verbrauch in großem Maßstab ermöglicht und den größten Beitrag zu den Treibhausgasemissionen leistet und. Diese Krise wird durch jahrhundertelange profitorientierte Aktivitäten großer Konzerne aus dem Globalen Norden, die auf dem Abbau von Ressourcen und der Ausbeutung des Globalen Südens aufbauen, noch verschärft. Die Industrialisierung, die Produktion und der Konsum des Globalen Nordens haben zu einem dramatischen Anstieg der Treibhausgasemissionen geführt, dessen Auswirkungen die marginalisierten Gemeinschaften im Süden unmittelbar zu spüren bekommen.

Obwohl Energie aus natürlichen Ressourcen gewonnen wird und angeblich ein öffentliches Gut ist, wird sie nach wie vor von großen Konzernen kontrolliert und dient ihrem Profit, indem die Regierungen Südostasiens die Privatisierung vorantreiben.

Darüber hinaus werden Energieprojekte in der Region häufig im Rahmen von öffentlich-privaten Partnerschaften (Private Public Partnerships, PPP) durchgeführt, da die Partner aus dem privaten Sektor behaupten, über die notwendigen Ressourcen und Kapazitäten zu verfügen, um diese Projekte durchzuführen. Im Globalen Süden führen PPP-Projekte im Energiebereich jedoch häufig dazu, dass ausländische Investoren einsteigen, um Gewinne zu erzielen. Zugleich verursachen sie aufgrund von Korruption, versteckten Kosten und schwachen Währungen höhere Kosten für Regierungen und Bürger*innen.

Der Mangel an Transparenz und Rechenschaftspflicht der Unternehmen, der durch schwache staatliche Regulierungsmechanismen begünstigt wird, führt zu Umweltzerstörung und schweren Menschenrechtsverletzungen. Wie der Kaliwa-Damm und das Gen-ed-Wasserkraftwerk in den Philippinen sowie das Central Java Power Project in Indonesien zeigen, führen PPPs im Energiebereich häufig zu Vertreibungen, dem Verlust von Lebensgrundlagen, Schikanen, dem Verlust der biologischen Vielfalt und der Störung religiöser und kultureller Praktiken, insbesondere bei indigenen Gruppen und ländlichen Gemeinden.

‚Grüne Anleihen‘ als neue Schuldenfesseln

Mit der gleichen Argumentation wie für PPPs haben multilaterale Institutionen und internationale Finanzinstitutionen angeblich ‚innovative‘ Finanzierungsmodalitäten gefördert, um die so genannte ‚Finanzierungslücke‘ zu schließen. Modalitäten wie themenbezogene Anleihen werden im Rahmen des Nachhaltigen Entwicklungs-Ziels (SDG) 17.3 oder der kollektiven Mobilisierung von Finanzmitteln aus verschiedenen Quellen weiter gefördert. Diese Initiativen sollen den Privatsektor dazu bewegen, in Ländern und Sektoren zu investieren, in denen er normalerweise nicht tätig wäre. Bei der Energiewende werden ‚grüne Anleihen’ eingesetzt, um den Bau und die Wartung von Anlagen für erneuerbare Energien zu unterstützen. Im Jahr 2022 beliefen sich die Investitionen in themenbezogene Anleihen in der Region auf 33,86 Milliarden Euro, wobei der Großteil in ‚grüne Anleihen‘ floss.

‚Grüne Anleihen‘ oder „Finanzinstrumente, die grüne Projekte finanzieren und den Anlegern regelmäßige oder feste Einkommenszahlungen bieten“, werden zunehmend eingesetzt, um Finanzmittel für Projekte zur Bekämpfung der Auswirkungen des Klimawandels zu mobilisieren. Anfängliche Kritik an ‚grünen Anleihen‘ bezieht sich auf unzureichende Standards und Verfahren zur Risikosteuerung, zur Regulierung des Marktes und zur Verhinderung von Greenwashing.

Steuerliche Anreize für Investor*innen werden ebenfalls propagiert, um die Emission von Anleihen zu erhöhen. Diese werden auch verwendet, um mehr Geld anzuziehen, sind aber im Wesentlichen neu verpackte Kredite und ein Vehikel für eine von Unternehmen angeführte Entwicklung. In Wirklichkeit werden auf diese Weise keine zusätzlichen Finanzmittel bereitgestellt, die Schuldenlast wird erhöht und vom historischen Engagement der Industrieländer bei der Bereitstellung von Klimafinanzierung für den Globalen Süden wird abgerückt.

Frühe Stilllegung und frühe Gewinne

Zivilgesellschaftliche Organisationen fordern seit langem die Dekarbonisierung des Portfolios der Asian Development Bank (ADB). Die ADB hat erst mit der Aktualisierung ihrer Energiepolitik im Jahr 2021 die Energiewende in der Region unterstützt. Mit ihrer neuen Politik wird der Energy Transition Mechanism (ETM) als wegweisende Initiative für die frühzeitige Stilllegung von Kohlekraftwerken umgesetzt. Der ETM bietet den Energiekonzernen finanzielle Anreize, damit sie Kohlekraftwerke vor dem geplanten Ende ihrer Betriebsdauer stilllegen oder umnutzen. Südostasien ist das Ziel dieser Initiative. Indonesien, die Philippinen und Vietnam wurden als erste Standorte ausgewählt.

Die Umstellung auf saubere Energie ist eine gewaltige Investition, die vor allem für Entwicklungsländer Staatsschulden und steigende Strompreise mit sich bringt. Anstatt die betroffenen Gemeinden zu entschädigen, die diese steigenden Kosten und die negativen Auswirkungen auf ihre Gesundheit, ihren Lebensunterhalt und ihre Umwelt getragen haben und zu tragen haben werden, fließen die Mittel aus dem ETM an Unternehmen, die bereits vor der Wende profitiert haben. Zivilgesellschaftlichen Organisationen haben festgestellt, dass ETM im Wesentlichen vergünstigte Darlehen an Unternehmen vergibt, um Gewinne vor der Umstellung zu sichern und die Privatisierung von Energieanlagen weiter zu fördern. Betroffene Gemeinschaften und Sektoren, zivilgesellschaftliche Organisationen und Bürger*inneninitiativen sind nicht in den Prozess eingebunden. ETM gewährleistet auch nicht, dass die Regierung Rechenschaft über die Einhaltung von Klimaverpflichtungen und Menschenrechtsstandards ablegen muss.

Darüber hinaus wird es nur dann einen wirklich gerechten Wandel geben, wenn die ADB und ihre Partner für die Folgen ihrer früheren Aktivitäten zur Rechenschaft gezogen werden; insbesondere für die negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt der von ihnen finanzierten Kohle- und Energiegroßprojekte. Es muss ein Plan zur Abfederung aufgestellt werden, wie die ADB die gesundheitlichen, sozialen und ökologischen Auswirkungen der von ihr finanzierten Kohleprojekte kompensieren will. Von der Stilllegung dieser Anlagen betroffene Sektoren und Gemeinschaften müssen bei dieser Energiewende beraten und begleitet werden.

Proteste der Zivilgesellschaft

Die Menschen in Südostasien haben Forderungen an ihre Regierungen und Entwicklungsakteure gerichtet, da sie mit den schädlichen Auswirkungen großer Energieprojekte, steigenden Preisen, dem Verlust ihrer Lebensgrundlagen, Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung konfrontiert sind. Aus Protest gegen den Kaliwa-Staudamm in den Philippinen organisierten die indigenen Gruppen der Dumagat-Remontado ein Alay Lakad [eine Prozession, d. R.], bei dem sie neun Tage lang in die Hauptstadt Manila zogen, um einen Dialog mit Präsident Ferdinand Marcos Jr. zu führen und den Bau des Damms zu stoppen. Auch die indonesische Zivilgesellschaft protestierte gegen das Central Java Power Project, weil es keine Konsultation gab, die Entschädigungen unzureichend waren und das Projekt die Umwelt verschmutzt.

Eine von den Menschen getragene Energiewende vorantreiben

Der Übergang zu klimaresilienten, gerechten, inklusiven und nachhaltig erneuerbaren Energiesystemen in Südostasien ist unmöglich, solange er von privatwirtschaftlichen Akteuren kontrolliert wird. Die Rolle von Unternehmen und internationalen Finanzinstitutionen bei der Energiewende muss weiter in Frage gestellt werden, da sie in der Vergangenheit die katastrophale Menschenrechtslage und die Umweltkrise in der Region verursacht und verschlimmert haben. So genannte innovative Finanzierungs- und Umsetzungsmodalitäten und -mechanismen dienen nur als Fassade für die fortgesetzte Vereinnahmung von Entwicklung durch Unternehmen, die sich als unzureichend erwiesen hat, um die multidimensionalen Krisen, mit denen die Welt heute konfrontiert ist, zu bewältigen.

Gemeinschaftliche Initiativen liefern in Südostasien eine Blaupause für eine wirklich gerechte, integrative, nachhaltige und klimaresiliente Energiewende. Eine solche, echte Energiewende fördert den universellen und erschwinglichen Zugang zu Energie sowie Systeme in Gemeinschaftsbesitz und mit gemeinsamer Wartung, die marginalisierten Sektoren und Gemeinschaften in Südostasien und darüber hinaus wirtschaftliche Chancen bieten können.

Übersetzung aus dem Englischen: Jörg Schwieger

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1 | 2020, Interviews, Laos,
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„Die Menschen wissen, was die Natur ihnen geben kann“

Die Länder Südostasiens spüren die Folgen des Klimawandels besonders stark. Entlang der Küstenlinien und im Landesinneren häufen sich Unwetterereignisse wie Überschwemmungen, Stürme und Taifune. Hinzu kommen die langsamen und langfristigen Folgen (Slow Onset Events) des Klimawandels. Diese bergen neue Risiken für Mensch, Tier und Umwelt, die mit einem Anstieg des Meeresspiegels, der Versauerung der Meere, dem Temperaturanstieg, dem Schwinden der Artenvielfalt und der Versalzung von Böden einhergehen. Häufiger auftretende Dürren vernichten Ernten und bedrohen die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen. Inseln versinken im Meer. Megacitys, wie Jakarta oder Ho Chi Minh City, liegen teilweise unter dem Meeresspiegel. Sie sind durch dessen Anstieg und durch Fluten, Starkregen und damit einhergehende Überschwemmungen bedroht.

Der anthropogene Klimawandel setzt Menschen und ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und einer guten Zukunft ‚in Bewegung’. Jedoch reichen nach Berechnungen des Climate Action Trackers die Klimaziele von beispielsweise Indonesien, Vietnam, Thailand und Singapur nicht aus, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten, sondern steuern eher auf eine 4-Grad-Erderwärmung zu. Da die nationalen, regionalen und internationalen staatlichen Mechanismen nicht ausreichen, um Mensch und Umwelt vor den Folgen des Klimawandels zu schützen, haben sich Bewegungen gebildet, die für Klimagerechtigkeit kämpfen. Diese Klimabewegungen fördern ein Partizipationsverständnis, das sowohl Individuen als auch lokale Bürgerinitiativen und Umweltverbände, NGOs, Kollektive, landwirtschaftliche Zusammenschlüsse, Gewerkschaften, Studierendenverbände, denen die Klimapolitik ihrer Regierung nicht weit genug geht, umfasst. Vor allem in autoritären Kontexten, verknüpft sich die Überlebens- und Klimafrage mit Fragen der politischen Partizipation, nicht zuletzt für sozio- ökonomisch marginalisierte Gruppen.

Unterschiedliche Kontexte haben facettenreiche Klimabewegungen hervorgebracht, die in verschiedenen Aktionsformen auftreten. Jugendorganisationen mit klaren Forderungen und lautstarken Protesten in den Philippinen treffen auf Think Tanks in Vietnam, die in der Politikberatung versuchen, Gesetzesvorhaben voranzubringen, die dem Klimaschutz dienen. Indigene in Indonesien, die sich die Füße einzementieren um gegen Landraub durch die die Zementindustrie zu kämpfen, treffen auf Zivilgesellschaftsvertreter*innen bei den Klimaverhandlungen der Vereinten Nationen. Trotz aller Unterschiede gibt es verbindende Elemente: Allen ist klar, dass mit dem derzeitigen politischen Kurs keine Zukunft möglich ist. Alle treten für eine klimagerechte Welt ein, in der die Eindämmung der Klimakrise eng mit sozialen Fragen verknüpft ist.

In dieser Ausgabe möchten wir unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Klimabewegungen nachspüren. So berichtet Nithi Nesadurai vom Climate Action Network Southeast Asia über seine Teilnahme an 16 Klimaverhandlungen und wie sich die Partizipationsmöglichkeiten und -hindernisse für die Zivilgesellschaft über die Jahrzehnte verändert haben. Veronika Lex beschreibt wie sich eine lokale Umweltbewegung auf der indonesischen Inselgruppe Karimunjawa der Ausbreitung illegaler Garnelenfarmen entgegenstellt, die dort das Ökosystem bedrohen. Marina Wetzlmaier und Thomas Rammerstorfer blicken auf die Anti-Atomkraftbewegung in den Philippinen und Österreich. Sarah Rhodes spricht in ihrem Interview über ein plastikfreies Kambodscha und wie Politik und zivilgesellschaftliche Gruppen gemeinsam das Ziel verfolgen, den Plastikkonsum zu minimieren.

Dies ist nur der Auftakt unserer neuen Ausgabe mit Geschichten, Berichten von und Interviews mit Akteur*innen, die für Umwelt- und Klimagerechtigkeit kämpfen. In den kommenden Wochen und Monaten folgen hier auf der Seite nach und nach weitere Artikel zum Thema. Es lohnt sich also, immer mal wieder vorbeizuschauen…

Viel Freude und Inspiration mit Eurer neuen südostasien wünscht das Redaktionsteam!

Für die darauf folgende Ausgabe 3/2023 der südostasien zum Thema „Sport, Spiel und Freizeit in Südostasien“ suchen wir noch Autor*innen. Der Call for Papers folgt in Kürze

 

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1 | 2020, Interviews, Laos,
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„Die Menschen wissen, was die Natur ihnen geben kann“

Der vietnamesische Staat geht repressiv gegen zivilgesellschaftliche Klimabewegungen vor. Trotzdem leisten lokale Initiativen einen wichtigen Beitrag zur staatlichen Umweltpolitik.

Wie in anderen kapitalistischen Staaten gilt auch in Vietnam das Motto: „Wachstum geht vor Umweltschutz“. Jüngste Berichte des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) verdeutlichen, dass, bei einem ausbleibenden radikalen Wandel in der internationalen Klimapolitik, 70 Prozent von Vietnams Küstengebieten bis zum Ende des Jahrhunderts durch Überschwemmungen bedroht sein könnten. Diese Vorhersagen haben die Dringlichkeit einer Kursänderung in der Klima- und Wirtschaftspolitik Vietnams in den Vordergrund gerückt.

Eliten-basiertes „grünes“ Wachstum

Vietnam wolle bis 2050 klimaneutral sein, verkündete Premierminister Pham Minh Chinh. Diese und weitere verbindliche Zusagen seitens der vietnamesischen Regierung werden auf Klimakonferenzen wie der in Glasgow (COP26) sowie in politischen Erklärungen wie der National Climate Change Strategy aus dem Jahr 2011 oder zuletzt der Vereinbarung zur Just Energy Transition Partnership (JETP) schriftlich festgehalten.

Zu den ausschlaggebenden Akteuren dieser neuen, als „grünes Wachstum“ titulierten, Klima- und Wirtschaftspolitik werden Vietnams politische Eliten, ihre Partnerschaften zur EU, USA, Japan und anderen Ländern sowie zu zahlreichen Finanzinstituten und Industriebetrieben ernannt.

Dies mag nicht ganz falsch sein, wenn man sich Vietnams Gesetzeslage anschaut, die seit 2013 das Gesetz zur Vermeidung und Kontrolle von Naturkatastrophen, seit 2014 das Gesetz zum Umweltschutz, und seit 2020 das Gesetz für Umweltschutz (72/229/GH14) beinhaltet. Diese gesetzlichen Rahmenbedingungen sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Darüber hinaus zeigt die vietnamesische Regierung eine kooperative und verbindliche Haltung gegenüber internationalen Verhandlungspartnern, was ebenfalls als positiv bewertet werden kann. Die staatlichen Umweltorganisationen Vietnam Environment Administration, Vietnam Environment Protection Fund, Centre for Environmental Monitoring and Analysis (CEMA) und die seit 1988 bestehende Vietnam Association for Conservation of Nature and Environment (VACNE) sind auch Indikatoren für das wachsende Umweltbewusstsein auf staatlicher Ebene.

Entscheidender Beitrag zum Klimaschutz kommt ‚von unten‘

In der Regel wird bei solchen Prozessen, wie beispielsweise bei der Wirtschaftsreform „Đổi mới“ (= Erneuerung) im Jahr 1986, betont, dass sie allein durch politische Entscheidungsträger initiiert wurden. Dabei wird oft übersehen, dass wichtige Akteure auf lokaler Ebene – also ‚von unten‘ einen entscheidenden Beitrag leisten. Dazu gehören Vietnams strukturell komplexe Zivilgesellschaft und die von starken Repressionen betroffene Dissidentenbewegung sowie indigene Praktiken der Klimaadaption und -mitigation. Dies ist insbesondere dann wichtig hervorzuheben, wenn das Narrativ der „moralisch und gut handelnden Politiker*innen“ versucht zu verschleiern, wer die eigentlichen Vermittler*innen klima- und umweltschädlicher Praxen sind. Obwohl Vietnam lediglich für rund ein Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist und somit nicht als Hauptverursacher der globalen Klimakrise gilt, verfolgt der Ein-Parteien-Staat dennoch eine Politik, die sich auf die Akkumulation von Kapital und schnelles Wirtschaftswachstum konzentriert – auf Kosten der Umwelt und der Bevölkerung.

Die Regierung pflegt enge Beziehungen zu nationalen und internationalen Wirtschaftsmagnaten, die zusammenarbeiten, um umfangreiche Investitionsprojekte voranzutreiben. Dabei scheuen sie sich nicht, Bäuer*innen und Einwohner*innen zu vertreiben, wie es bei den umstrittenen Fällen von Dong Tam, Duong Noi und Thu Thiem geschehen ist. Darüber hinaus werden viele Industrien und Unternehmen durch ausländische Direktinvestitionen finanziert, für die es bislang kein autorisiertes Monitoring mit Einbezug der Zivilgesellschaft gibt, um Umweltverschmutzungen oder illegales Unternehmensverhalten zu überwachen. Vielmehr werden Umwelt- und Klimaaktivist*innen sowie zivilgesellschaftliche Akteure, die sich gegen umweltschädliche Praktiken aussprechen, kriminalisiert, verhaftet und zu langen Haftstrafen verurteilt.

Formen des kollektiven Handelns

Trotz staatlicher Repression gegenüber zivilgesellschaftlichen Akteur*innen entstehen politische Praxen ‚von unten‘. Diese finden zwar dezentral, also nicht gleichzeitig und formal organisiert statt, können aber dennoch als wichtige Merkmale und Formen einer vietnamesischen Umwelt- und Klimabewegung ‚von unten‘ verstanden werden. Dazu gehören (a) relativ selbst bestimmte, aber staatlich kontrollierte Umweltorganisationen und (b) unabhängige lokale sowie landesweite Protestbewegungen.

Zivilgesellschaftliche Organisationen in Vietnam müssen sich, wie auch in westlich-liberalen Demokratien, formell registrieren lassen um legal handeln zu dürfen. Sie befinden sich damit in einem rechtlich und praktisch beschränkten Handlungsspielraum. Jede lokale vietnamesische Zivilorganisation ist direkt oder indirekt der Dachorganisation Vietnam Union for Science and Technology Association (VUSTA) untergeordnet, die wiederum der Kommunistischen Partei unterstellt ist. Staatlich unabhängige Umweltorganisationen gibt es also nicht.

Es gibt aber relativ selbst bestimmte Organisationen, die zwar als unabhängige NGOs registriert sind, aber bestimmte Pflichten gegenüber den zuständigen Behörden erfüllen und eine unkritische Haltung gegenüber der Regierung beibehalten müssen. Andernfalls drohen ihnen Sanktionen, Schließungen oder bürokratische Hürden. Dennoch entstanden zahlreiche Organisationen, die sich für Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Umweltbewusstsein und erneuerbare Energien einsetzen, wie die Studierendenorganisation RMIT Green Generation Club, Live & Learn, GreenHub Vietnam, People and Nature Reconciliation (PanNature) und Centre For Rural Eonomy Development (CRED). Was diese Organisationen gemeinsam haben, ist, dass ihre lokalen, gemeindebasierten Kampagnen, Bildungsprogramme, Forschungsprojekte und Bürgeraktionen (wie kollektives Müllsammeln) einen im konventionellen Sinne unpolitischen Charakter beibehalten, also weder die Regierung kritisieren noch zu Protesten und Demonstrationen aufrufen.

GreenID: Vorsichtige Kritik an mangelndem staatlichen Klimaschutz

Trotz der regulatorischen Anforderungen schaffen es einzelne kritische Stimmen, von den Ressourcen der Organisationen und ihrer persönlichen Autonomie als Umweltschützer*innen Gebrauch zu machen. Ein prominentes Beispiel für – obgleich vorsichtige – Kritik an mangelnden Klimaschutzmaßnahmen der Regierung war die gemeinnützige Umweltschutzorganisation GreenID. Seit 2011 setzte sich GreenID für die Förderung erneuerbarer Energien, die Reduzierung von Treibhausgasemissionen und Kohleverstromung, sowie die Verbesserung der Energieeffizienz in Vietnam ein. Ihre Praxis bestand maßgeblich aus Forschungsprojekten, Schulungen, aber auch der Teilnahme an öffentlichen politischen Debatten. Sie tat dies relativ erfolgreich, denn GreenID zählte zu jenen Organisationen, die einen tatsächlichen Einfluss auf die Umsetzung von politischen Maßnahmen insbesondere zum Kohleabbau vermerkte.

Darüber hinaus ging GreenID internationale Allianzen ein, wie die Vietnam Coalition for Climate Action (VCCA) und Vietnam Sustainable Energy Alliance und stand lange in einem dialogbereiten Verhältnis mit der Regierung. Dieses Verhältnis endete im Juni 2022. Die Behörden beschuldigten die Direktorin von GreenID, Nguy Thi Khanh der Steuerhinterziehung und verurteilten die Umweltschützerin zu zwei Jahren Haft. Der Fall sorgte zwar international für Aufsehen und Kritik, fand aber keinen Widerhall in politischem Druck. Das geht aus der jüngsten Erklärung der JETP hervor, in dem der Beitrag der Zivilgesellschaft oder eine Kritik and der Inhaftierung von Klimaaktivist*innen wie Nguy Thi Khanh nicht zur Sprache kommen.

Lokale und landesweite Protestbewegungen

Eine der ersten Umweltbewegungen war die Bauxit-Bewegung, die sich gegen den Plan der vietnamesischen Regierung stellte, große Bauxit-Vorkommen in den Provinzen Dak Nong und Lam Dong, zu erschließen. Diese Bewegung war ein informeller Zusammenschluss verschiedenster Gruppen, darunter Umweltorganisationen, Menschenrechtsgruppen und einflussreiche politische Figuren (wie Vo Nguyen Giap). Trotzdem wurden die Proteste gewaltsam unterdrückt.

Ein weiterer Meilenstein der Umweltbewegung war die Bürger*innenbewegung im Jahr 2015 gegen die Abholzung von 6700 alten Bäumen in Hanoi. Eine Kriminalisierung der Protestierenden blieb hier aus. In den vergangenen Jahren wurden mehrere kleine städtische Klimaproteste verzeichnet. Auch diese wurden staatlicherseits toleriert. Repressionen gegenüber Umweltaktivist*innen scheinen demnach eine Frage politischer Sensibilität und wirtschaftlicher Interessen zu sein, wobei Repressionen vor allem dann ins Spiel kommen, wenn Kapitalinteressen gefährdet werden.

Proteste gegen die Stahlfabrik Formosa – Beginn einer Massenbewegung

Die Protestbewegung gegen die Stahlfabrik Formosa verdeutlicht dies. Nachdem im April 2016 in der Provinz Ha Tinh massives Fischsterben bemerkt wurde, ergaben Untersuchungen, dass die taiwanesische Stahlfabrik Formosa Ha Tinh Chemikalien ins Meer abgelassen hatte und damit für die Umweltverschmutzung verantwortlich war. Der Konzern Formosa versprach zwar Kompensationszahlungen an betroffene Fischereien auszuzahlen. Die Umsetzung wurde aber seitens der Regierung intransparent gehalten. Die Fabrik wurde nicht geschlossen und die Sammelklagen der betroffenen Bürger*innen wurden von der vietnamesischen Justiz abgelehnt. Die Bürger*innenbewegung kritisierte mangelhafte Kontrollmechanismen und die staatliche Priorisierung der Industrieprojekte auf Kosten der Bewohner*innen. Massenproteste fanden nicht nur in der betroffenen Provinz statt, sondern auch in Hanoi, Ho Chi Minh Stadt und anderen Großstädten, woraufhin zentrale Figuren der Bewegung zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt wurden. Zu den Protestierenden gehörten katholische Priester, Bischöfe, Anwälte, Menschenrechts- und Demokratieaktivist*innen, Arbeiteraktivist*innen, aber auch die Umweltgruppe Green Trees.

Green Trees ist die einzige mir bekannte tatsächlich unabhängige, also nicht-registrierte und damit theoretisch illegale Gruppe. Green Trees publizierte unter anderem An Overview Of The Marine Life Disaster, ein Booklet, welches den Verlauf des Falls Formosa aus Bürgersicht dokumentiert. Die Gruppe produzierte darüber hinaus eine Kurzdokumentation mit dem Titel Don’t be Afraid, in dem zahlreiche unabhängige und kritische Umweltaktivist*innen, Intellektuelle, Aktivist*innen und Priester zur Sprache kommen. Beide Produktionen waren nur im Verborgenen möglich. Die Gruppe ist seither inaktiv. Die Gründe dafür wurden nicht offiziell bekannt gemacht.

Weder zivilgesellschaftliche Akteur*innen noch international agierende und anerkannte Netzwerke bewegen sich in Vietnam auf sicherem Boden. Das Spektrum politischer Praxis und Bewegungen ist zwar divers, übt aber unter gegebenen Bedingungen nur begrenzt Einfluss auf Gesetzesänderungen und Abmachungen auf internationaler Ebene aus. In Anbetracht historischer Konflikte bedeutet dies aber nicht, dass ihr Beitrag keinen Wert hat. Sie tragen nicht nur zum Umweltbewusstsein auf lokaler Ebene bei, sondern halten regierungs-kritische Analysen aufrecht, die andernfalls verborgen blieben. Bereits seit längerem plädieren internationale Wissenschaftler*innen für eine Klimapolitik, die auf einer Ko-Produktion von zivilgesellschaftlichen, wissenschaftlichen, staatlich-politischen und indigenen Wissensrepertoire basiert. Ohne eine Bewegung ‚von unten‘, können internationale politische Partnerschaften ‚von oben‘ kein effektives und langfristig klimaneutrales Gesellschaftsmodell schaffen.

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1 | 2020, Interviews, Laos,
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„Die Menschen wissen, was die Natur ihnen geben kann“

Indonesien/Europa: Konsumverhalten, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die Corona-Pandemie und der Klimawandel sind keine einzeln zu betrachtenden Phänomene. Dies schildert die Doku „Kinipan“ eindrucksvoll am Beispiel Indonesien.

Es ist noch allzu gut in Erinnerung: das unangenehme Gefühl, einen Wattetupfer tief in ein Nasenloch eingeführt zu bekommen. Mit diesem Bild beginnt der Dokumentarfilm Kinipan. Was man seltener sieht: eine Fledermaus, die einem ähnlichen Test unterzogen wird. Mit diesen ersten Bildern deuten die indonesischen Dokumentarfilmer von Watchdoc bereits an, auf welche Reise uns der Film mitnimmt. Wir werden sozusagen ‚mit der Nase darauf gestoßen‘, welchen Einfluss unser Umgang mit unserer physischen Umwelt auf unsere eigene Lebensqualität und die der Tiere hat.

Zoonosen, Entwaldung und Naturschutz

Der Film erinnert an eine Vergangenheit mit scheinbar endlosen Tropenwäldern, an die Zeit, bevor der Mensch den Waldbestand Indonesiens um 98 Prozent dezimierte. Allein während der Herrschaft des Diktators Suharto von 1967-1998 wurden 14 Millionen Hektar Wald gerodet. Die verbleibenden Reste schrumpfen immer weiter – und somit der Lebensraum für Tiere. Das hat zur Folge, dass Menschen und Tiere auf knapper werdendem Raum leben müssen – und um diesen kämpfen.

Es geht längst nicht mehr nur um Felder, die von Tieren ‚geplündert‘ werden. Mittlerweile begünstigt der Konflikt um Lebensraum das Auftreten von Zoonosen, also von Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden. Am Anfang der Corona-Pandemie gab es, zumindest für einen kurzen Moment, Aufmerksamkeit für den Auslöser der Krankheit, an der weltweit mehr als sechs Millionen Menschen sterben würden: eine Zoonose. Doch schnell war die Gefahr, die von Zoonosen ausgeht, wieder vergessen. Kinipan bringt sie wieder in Erinnerung.

Der Film gibt auch einen Ausblick in die Zukunft, in der wahrscheinlich verschiedene Faktoren zusammenkommen werden: Krankheiten die Mensch und Tier betreffen, Ernteeinbußen durch näher rückende Tiere und durch Schädlingsbefall, wie etwa eine große Raupenart, die Bauern in Kalimantan zum ersten Mal auf Reispflanzen entdecken. Ihre bevorzugte Nahrungsquelle scheint es nicht mehr zu geben.

Doch wie es für Dokumentarfilme von Watchdoc üblich ist, zeigt der Film nicht nur die verheerenden Folgen menschlichen Handelns sondern auch verschiedene Maßnahmen, diese negativen Konsequenzen rückgängig zu machen.

Staatlicher Ansatz: Kommerzialisierung von Natur

Auf der einen Seite stellt der Film staatliche Ansätze vor, wie zum Beispiel Gebiete, die unter Schutz gestellt werden, um potentiell für Kohlenstoffzertifikate genutzt werden zu können. Ein solches Projekt ist die umstrittene Ökosystem-Restauration-Konzession Hutan Harapan auf der Insel Sumatra: Eine Gruppe vorwiegend ausländischer NGOs erwirbt eine Konzession, um Wald zu schützen. Die lokale Bevölkerung, die schon lange im Wald lebt, wird dabei aber als Störfaktor dargestellt. Wie der Film zeigt, konnte ein gerechter Umgang mit den Menschen, die im und mit dem Wald leben, bis heute nicht gefunden werden. Zu den Mittelgebern für die Konzession gehören mittlerweile auch der NABU sowie die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) des deutschen Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Die internationale Gemeinschaft sieht sich zum Handeln gezwungen. Doch Projekte, in denen sich lokale Bevölkerungsgruppen bevormundet fühlen, ihre Expertise nicht gesehen wird und in denen das an internationalen Schreibtischen erzeugte Wissen als überlegen angesehen wird, schüren die Konflikte weiter.

Um die Ernährung der Bevölkerung sicher zu stellen, plant die indonesische Regierung schon seit vielen Jahren – und verstärkt seit der Corona-Pandemie – so genannte Food Estates. Vor allem in West Papua, aber auch auf Kalimantan initiiert sie mit Hilfe des Militärs – und ohne Einbeziehung der lokalen Bäuer*innen und deren Erfahrung – riesige Monokulturen für Reis. Allein in West Papua sollen in kürzester Zeit 3,5 Millionen Hektar Reisfelder entstehen. Das sei unmöglich, meinen Menschen vor Ort, die in der Landwirtschaft tätig sind. Genau auf diesen Food Estate-Reisfeldern taucht die bereits erwähnte Riesenraupe auf. Ein wirklicher Erfolg der Food Estates, so der Film, bleibe hingegen bisher aus.

Als Ausblick in die Zukunft porträtiert der Film anhand des Dorfes Kinipan in Kalimantan den Trend, keine ‚klassischen Naturschutzprojekte‘ mehr durchzuführen sondern Restorationsprojekte von Firmen ausführen zu lassen. Wie so oft in ‚Entwicklungsprojekten‘ sind es ausländische Gelder und somit ausländische Organisationen, die vermeintlich den Wald schützen. In das Kinipan- Projekt flossen acht Millionen Euro, gezahlt von der IKI und der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Diese Gelder gehen an die Firma PT Alam Bukit 30. Mehrere NGOs besitzen Teile dieser Firma, wie zum Beispiel WWF Deutschland und die Frankfurter Zoologische Gesellschaft. Auch in diesem Projekt gibt es Konflikte mit der lokalen Bevölkerung und es wurde bisher nur wenig Wald gerettet.

Ein Blick in die Besetzung des aktuellen Parlaments, welches das umstrittene Omnibus-Gesetz [Gesetzespaket, das Regularien für Unternehmen verringert, mit dem von der Regierung erklärten Ziel, Arbeitsplätze zu schaffen und Investitionen zu fördern, d.R.] verabschiedet hat, bietet eine Erklärung für die neo-liberale Entwicklung, in der die physische Umwelt als monetärer Wert anstatt als Zuhause und Lebensgrundlage behandelt wird. 55 Prozent der Parlamentarier sind Geschäftsleute, nicht wenige von ihnen verdienen ihr Geld mit Plantagengeschäften.

Zivilgesellschaftlicher Ansatz: Menschen vor Ort als Expert*innen

Der Film stellt auch Ansätze aus der Zivilbevölkerung vor und begleitet die Umweltschützer Basuki auf Kalimantan und Feri Irawan auf Sumatra. Beide haben sich dafür entschieden, die Lokalbevölkerung als die Expert*innen zu sehen und sie dabei zu unterstützen, ihren Wald zu erhalten. Dies geschieht in kleinerem Stil und mit deutlich weniger Budget als bei großen Organisationen – aber mit größerem Erfolg. Die Botschaft des Films ist simpel: Stoppt die Konzessionsvergabe für Großprojekte und lasst die Menschen, die tagtäglich mit dem Wald zu tun haben, die Entscheidungen treffen. Denn diese Menschen haben kein Interesse daran, ihren eigenen Lebensraum zu zerstören.

Mit beeindruckender Entschleunigung führt Kinipan uns vor Augen: Weder die Corona-Pandemie noch die Entwaldung, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, der Klimawandel oder etwa unser aller Konsum sind einzeln zu betrachtende Phänomene. In einem Wechsel aus oft langsamen Bildern, Drohnen-Aufnahmen, Interviews und Infographiken erzählt uns eine freundschaftlich klingende Stimme das, was wir vielleicht alle wissen, aber oft nicht hören möchten. Es wirkt wie die Erinnerung durch einen Freund, der uns schmerzlich zeigt, wie alles mit allem zusammenhängt. Er gibt uns die Informationen, die wir für ein verantwortliches Handeln benötigen. Wie wir damit umgehen, überlässt er dennoch uns.

Rezension zu: Kinipan. Regie: Indra Jati und Dhandy Laksono, Indonesien, 2021. 158 Minuten.

Hier geht’s zum Film mit englischen Untertiteln

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1 | 2020, Interviews, Laos,
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„Die Menschen wissen, was die Natur ihnen geben kann“

Philippinen/Südostasien: Die indigenen Gemeinschaften der Sama Badjao leben am Meer und sind damit anfällig für Klimaschocks. Wiederkehrende Extremwetterereignisse gefährden ihren Lebensraum, zerstören ihre Häuser und Fischerboote. Zivilgesellschaftliche Projekte wollen die Sama Badjao schützen.

Sama Badjao (auch: Sama Bajau/Sama Dilaut) nennen sich in den Philippinen und in Booten der Sulu- und Celebes-See lebende indigene Gemeinschaften. Als eng verbundene Gruppen bewahren sie ihre Bräuche, Traditionen, Rituale und die Sinama-Sprache. Viele der Sama Badjao sind aufgrund der herausfordernden Bedingungen im Süden des Inselstaates in den 1960er Jahren – verschärfte Grenzkontrollen, ununterbrochene bewaffnete Konflikte, der allmähliche Rückgang der Fischbestände und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit – sesshaft geworden und in die Küstengebiete der zentralen und nördlichen Philippinen migriert [Uy, Z., & Neri, M. E. (1979). The Badjao Communities in Metro Cebu and Bantayan and Islands: Some Ethnographic Data and Observations. Agham-Tao, 2, S. 185–190].

Die maritime Lebensweise der Sama Badjao, in Verbindung mit ihrer Sesshaftigkeit, macht sie anfällig für Klimaschocks. Die Bevölkerung war in den letzten Jahren durch wiederkehrende Unwetter und Überschwemmungen stark gefährdet. Durch die Super-Taifune Haiyan (2012) und Rai (2021) und den Taifun Nalgae (2022) wurden Häuser und Fischerboote stark beschädigt und viele Menschen mussten evakuiert werden.

Der Nutzen von traditionellem Wissen

Die Ältesten der Sama Badjao glauben, dass Katastrophen eine Form der Bestrafung für ihre Sünden durch ihren Gott Mboh Tohan sind. Zu diesen Sünden zählen: nicht mehr an die Sama-Traditionen zu glauben und diese zu praktizieren, freizügige Kleidung zu tragen und weitere Untugenden wie Glücksspiel und Alkoholkonsum. Ein zentraler Bestandteil der Verehrung von Mboh Tohan sind Geistwesen, die in Mangroven, Meeren, Korallenriffen und weiteren Orten leben. Die Sama Badjao achten darauf, die Mangroven und Meereslebewesen nicht zu verletzen, da sie sonst verflucht oder bestraft würden, zum Beispiel mit Bauchschmerzen oder unerklärlichen Krankheiten.

Die zweiten und dritten Generationen der Sama-Gemeinschaften wenden, wenn auch nicht in dem Maße wie die Ältesten, immer noch das indigene Wissen an, indem sie die Gezeiten nach dem Mondstand vorhersagen und ihre Fischereiaktivitäten danach ausrichten. Anhand ihrer Vertrautheit mit dem Meer erkennen sie bevorstehende Wetterstörungen schon Tage vorher an der Windrichtung und -stärke, einem düsteren Himmel oder einer bedrohlichen Stille der Umgebung. Die Intensität eines bevorstehenden Taifuns lässt sich dennoch schwer vorhersagen. Außerdem haben die Vertreibung aus ihrem angestammten Seegebiet und ihre Sesshaftwerdung zu einem Verlust an traditionellem Wissen geführt, das die häufig auf ökologischen Zusammenhängen beruhte und an bestimmte Orte gebunden war. Die Wahrnehmung der Umwelt wird inzwischen auch durch Veränderungen im Zuge des Klimawandels gestört, vor allem wenn diese Veränderungen die ökologischen und kulturellen Anhaltspunkte beeinträchtigen, die in der Vergangenheit den Zeitpunkt für das Fischen und andere Rituale bestimmt haben.

Evakuierung und Wiederaufbau

Bei starken Taifunen werden die Frauen, Kinder, Älteren und Kranken der Sama als Erstes von der Küste evakuiert. Währenddessen bleiben die Männer dort und suchen Schutz in Gemeinschaftsräumen aus Beton, um auf ihre Häuser, Boote und andere persönliche Gegenstände achtzugeben. Durch den Super-Taifun Rai (2021) wurden insgesamt 140 Haushalte in der Gemeinde Sama Badjao zerstört.

Aufgrund ihrer Abschottung von der Öffentlichkeit haben die Sama Badjao in den letzten Jahrzehnten ihre Unabhängigkeit von der Regierung und externen Unterstützungsleistungen demonstriert und organisieren jeden Wiederaufbau eigenständig.

Die Sama glauben, dass sie dem Wiederaufbau ihres Elternhauses Vorrang einräumen müssen, da sonst ihre verstorbenen Ahnen unruhig werden und sie mit einer Krankheit verfluchen. Nach den Bräuchen der Sama sollten diese Häuser aus Nipa – Palmen, Bambus und Holz gebaut sein – ohne Trennwände oder Fenster. Doch der Wiederaufbau verändert traditionelle Baumaterialen: Bambus wird durch Beton, traditionelle Nipa-Palmblatt-Dächer durch verzinkte Eisenbleche ersetzt. Einige Haushalte leihen sich Geld oder verpfänden ihren Goldschmuck, um ihre Häuser sofort zu reparieren. Diejenigen, die es sich nicht leisten können, eine provisorische Unterkunft zu errichten, finden vor allem in regnerischen Nächten Zuflucht auf ihren Booten, während andere Familienmitglieder verstreut bei ihren Verwandten leben. Da der Fischfang in den Tagen nach einem Super-Taifun nicht möglich ist, konzentrieren sich die Männer auf den Bau, den Anstrich oder die Reparatur der Boote. Jugendliche, Kinder und Frauen sichern zusätzlich den Lebensunterhalt durch den Ver- oder Ankauf von defekten Teilen von Schmuck, Mobiltelefonen und anderen Geräten.

Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft

Die Widerstandsfähigkeit der Sama Badjao nach Taifunen speist sich aus ihrer maritimen Lebensweise und ihrem Gemeinschaftsgefüge. Der Fischfang wird mit der Verwandtschaft und dem gesamten Stamm geteilt. Das schafft ein fließendes System von Geben und Nehmen, Gefallen und Verpflichtungen in Zeiten der Not oder bei familiären Notfällen. Ein Beispiel dafür sind männliche Jugendliche und Kinder, die sich nachts bis 2:00 Uhr auf einem lantay aus Bambuslatten unter ihren Stelzenhäusern aufhalten. Dort warten sie auf den Fischüberschuss ihrer Verwandten, die im Meer gefischt haben. Sie verkaufen ihren Anteil auf dem Markt oder heben ihn für den Eigenbedarf ihrer Familie auf. Ein kleiner Gewinn ist schon viel wert, damit die Kinder mit Taschengeld für Mahlzeiten oder Schulbedarf zur Schule gehen können.

Ein weiterer wichtiger Ort nach einem schweren Wetterereignis ist die Goodjao-Kirche der wiedergeborenen Christen in der Gemeinde Sama Badjao. Da es in diesem Gebiet keine Gemeindehalle gibt, ist die Kirche zu einem wichtigen Gemeinschaftsort geworden, an der neben der indigenen Bevölkerung auch Gäste willkommen geheißen werden, die die Gemeinschaft regelmäßig besuchen, um Lebensmittelpakete oder Hygienesets zu verteilen.

Beteiligung an der Ressourcenverwaltung

Indigenes Wissen, wie das der Sama Badjao ist eine wichtige Informationsquelle für Veränderungen des Meeres und des maritimen Ökosystems, für die Auswirkungen des Klimawandels auf die lokalen Gemeinschaften sowie für Strategien zur Verringerung des Katastrophenrisikos und zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit. In Südostasien haben die Maßnahmen zur Rehabilitation und Erhaltung der Meere, mit denen die Folgen des Klimawandels und der Ressourcenübernutzung bekämpft werden sollen, die Fähigkeit der Sama Badjao beeinträchtigt, ihre traditionellen Methoden der Nutzung und Sammlung von Meeresressourcen weiterzuführen. Es wäre also durchaus sinnvoll, die Zukunft der Bewirtschaftung der Küstenressourcen partizipativ zu gestalten und das Wissen und die Praktiken indigener Gesellschaften wie der Sama Badjao mit einzubeziehen. [Macalandag, R. (2021). Recognition and the Mobile Indigene: Periphery and Possibility The Badjao of the Philippines. The Australian National University]

Darüber hinaus erkennen Initiativen zur Bewirtschaftung der Meeresressourcen zunehmend an, dass wirksame und lokal angemessene Maßnahmen nur durch Beteiligung an der Basisebene zustande kommen können. Dies schließt das gemeinsame Schaffen von Wissen und Praktiken ein, die traditionelles Wissen und westliche technologische Managementprinzipien miteinander verbinden.

Gemeinschafts- basiertes Engagement fördern

Um eine höhere Resilienz gegenüber Fluten und Taifunen aufzubauen, arbeiten lokale Behörden und Zivilgesellschaften Hand in Hand bei der Rehabilitation von Mangroven in den Küstengebieten. In der Küstengemeinde Bato in Leyte hat die Sama Badjao-Gemeinde zusammen mit der Edmund Rice Ministries Foundation Philippines, Inc. (ERMFPI) und der lokalen Regierungseinheit ein Projekt zur Bereicherung der biologischen Vielfalt der Mangroven in diesem Gebiet initiiert. Das Projekt Increasing biodiversity and reinforcing mangrove habitats as a natural response system to combat the effects of climate change on the Sama Bajau community (deutsch: Förderung der biologischen Vielfalt und Stärkung der Mangrovenlebensräume als natürliches Reaktionssystem zur Bekämpfung der Auswirkungen des Klimawandels auf die Gemeinschaft der Sama Bajau) soll die Beziehungen zwischen nicht- indigenen und indigenen Gemeinschaften, die an der Küste leben, stärken, indem ein integratives gemeinschaftsbasiertes Katastrophenschutzsystem eingerichtet wird.

Die Jugendorganisation der Sama Badjao wird dazu angeregt, die Partnerschaft mit ihrem Nachbardorf durch aktive Teilnahme an projektbezogenen Aktivitäten zu fördern, wie zum Beipiel Ausbau der Abfallentsorgung, Anpflanzung von Mangroven, Seminare und Schulungen zur Katastrophenvorsorge und -bewältigung sowie Lobbyarbeit zum Schutz der Mangroven. „Für uns als Jugendliche ist dies von Vorteil für unsere Zukunft. Sollten Katastrophen wie ein Taifun oder starke Böen auftreten, können die Mangroven zumindest die Auswirkungen auf uns, die an der Küste leben, verringern“, sagt Alex Yundam, Präsident der Sama Badjao Jugendorganisation. Über das Bato Municipal Environmental and Natural Ressources Office (MENRO) und die Sama Badjao Homebased Women’s Association werden Freiwillige aus der Gemeinde und zivilgesellschaftliche Organisationen dazu aufgefordert, die Küste zu säubern und Mangroven zu pflanzen. Eine Aktion zur Säuberung der Küste fand im Mai 2021 statt, gefolgt von der Pflanzung von Mangroven im September 2022 und im Februar 2023.

Dieses Programm könnte Probleme, die im Zuge der Sesshaftwerdung entstanden sind, adressieren. Maritime semi-migrierende und nomadische Gemeinschaften wie die Sama Badjao sind wichtige Partner bei Initiativen zur Ressourcenbewirtschaftung, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die maritime Ernährungssicherheit zu verstehen, zu überwachen und zu bekämpfen. Die Beteiligung der Sama Badjao nutzt der Gestaltung von Programmen, die eine langfristige nachhaltige Nutzung der Meeresressourcen gewährleisten sollen. Das aktive Einbeziehen der Sama Badjao am Mangroven-Rehabilitationsprogramm in Bato, Leyte, ist eine Möglichkeit, ihre Sichtbarkeit als Verwalter*innen der Meeresressourcen zu erhöhen.

Übersetzt aus dem Englischen von: Talia Willich, Kathrin Eitel und Mirjam Overhoff

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1 | 2020, Interviews, Laos,
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„Die Menschen wissen, was die Natur ihnen geben kann“

Südostasien: Klimawandelfolgen zeigen sich am eindrücklichsten in Aufnahmen aus betroffenen Regionen und Interviews mit den dort lebenden Menschen. Die südostasien kuratiert eine bewegende Filmauswahl.

Wer könnte lokale Geschichten über die Klimakrise besser erzählen als die Menschen, die in den betroffenen Regionen leben und sich täglich damit auseinandersetzen müssen? Cinemata gibt mit knapp 5.000 frei zugänglichen Filmen und Dokumentationen sozialen und vielfach unbeachteten Themen aus der Asien-Pazifik-Region eine Plattform. Darunter finden sich auch zahlreiche Videos zu Umwelt- und Klimathemen. Die Redaktion der südostasien hat eine Auswahl von Kurzfilmen aus der Region zusammengestellt.

Indigene Frauen schützen Wälder

Um die negativen Auswirkungen des Klimawandels abzumildern, ist es unumgänglich, Wälder zu erhalten. Dessen sind sich auch die indigenen Kuy in Kambodscha bewusst, für die der Wald seit Jahrhunderten Lebensraum und -grundlage darstellt.

Kambodscha hat eine der höchsten Abholzungsraten der Welt. Waren in den 1970er-Jahren noch 70 Prozent des Landes mit Regenwald bedeckt, sind es heute gerade noch drei Prozent. Vor allem für die ländliche, insbesondere die indigene Bevölkerung, stellt dies eine Katastrophe dar.

Der Film Forest Conservation: A Message from Indigenous Women, produziert vom Asia Indigenous Peoples Pact, zeigt die Lebensrealität der Kuy, die geprägt ist vom Kampf gegen die illegale Abholzung des Waldes. Die Kuy-Frauen übernehmen beim Schutz des Waldes die Führung. „If we lose our forest, we will die“, sagt eine im Film nicht namentlich genannte Vertreterin der Kuy . Allzu oft wird übersehen, welchen Beitrag indigene Gemeinschaften zum Schutz der Umwelt leisten, und damit die Grundlagen für den Erhalt ihres und letztlich auch unseres Lebensraums schaffen.

(Tanja Gref)

(Cambodia: Forest Conservation: A Message from Indigenous Women, 2014, Asia Indigenous Peoples Pact, Kambodscha, 16 Minuten)

Kampf gegen Bergbau

Der australische Konzern OceanaGold ist einer der größten Gold- und Kupferproduzenten der Welt. Er betreibt die Mine Didipio, die sich auf einer Fläche von 270 Quadratkilometern über die steilen, bewaldeten Hänge der Provinz Nueva Vizcaya auf der philippinischen Insel Luzon erstreckt – die Heimat der indigenen Twali-Ifugao, die sich gegen die Mine wehren.

Die Folgen des Bergbaus sind gravierend: Explosionen haben Dörfer erschüttert, die Luft verschmutzt und das Grundwasser verseucht. Als 2019 die Genehmigung von OceanaGold auslief und das Unternehmen dennoch den Betrieb fortsetzte, errichteten indigene Aktivist*innen eine Barrikade, um Lieferungen an die Mine zu stoppen.

Die von 2014 bis 2019 gedrehte eindrucksvolle Dokumentation des philippinischen Filmemachers Noni Abao zeigt, wie Menschen gegeneinander ausgespielt werden und wie die soziale Kluft in der Region vergrößert wird. Die einheimische Kultur droht ausgelöscht zu werden: „They will grab our land, honor and culture, resources and property, including our rights“ singt einer der im Film nicht namentlich genannten Aktivisten.

Nach dem Ende der Dreharbeiten wurden Dutzende der Aktivist*innen, die die Straßenblockade organisiert hatten, nach Zusammenstößen mit der Polizei und Vertreter*innen des Konzerns festgenommen.

(Tanja Gref)

(Dagami Daytoy (This is our Land), 2019 (hochgeladen auf Cinemata 2020), Nonilon Sidney Abao/Taripnong Cagayan Valley, Philippinen, 15 Minuten)

Profit vor Mensch und Biodiversität

In Stille gehüllte Aufnahmen von weit reichenden grünen Regenwäldern und dann Ölpalmenplantagen, die sich wie Narben durch sie hindurch ziehen. Menschen mit schwermütigen Gesichtern schauen in die Kamera. Dies ist der Auftakt des Kurzfilms The Secret Deal to Destroy Paradise, welcher im waldreichen Gebiet Boven Digoel in Westpapua, Indonesien, gedreht wurde. Er ist Teil der Serie Indonesia for Sale der gemeinnützigen Organisation The Gecko Project in Zusammenarbeit mit den Medien Tempo, Malaysiakini und Mongabay.

Im Zentrum stehen die undurchsichtigen Geschäfte von Unternehmen, die der indonesischen Entwaldung zugrunde liegen. Diese verschärfen Landkonflikte mit den lokalen Bevölkerungen. Der Film porträtiert die aussichtslos erscheinende Lage der indigenen Auyu. Die mit dem Landraub einhergehende Zerstörung ihrer Wälder, aber auch der plötzliche Zustrom an Geld haben tiefe Risse zwischen den ehemals friedlichen Dorfbewohner*innen geschaffen und bedrohen nun ihre Lebensweise und Zukunft.

(Kathrin Sommerfeld)

(The Secret Deal to Destroy Paradise, 2019, The Gecko Project, Indonesien/Westpapua, 16 Minuten)

Land unter

Der vom Menschen verursachte Klimawandel trifft Küstenzonen besonders hart. Der Kurzfilm Another Exodus des Filmemachers Le Nguyen, widmet sich den Konsequenzen des stetig ansteigenden Meeresspiegels in der vietnamesischen Provinz Nam Dinh. In den Bildern stechen vor allem die Aufnahmen von durch den Wasseranstieg zerfallenen Kirchen hervor. In der kurzen Spielzeit von elf Minuten kommen Bewohner*innen eines Fischerdorfes zu Wort.

Sie erzählen von den Problemen, die das vom Meer immer weiter eindringende Wasser mit sich bringt und von ihrer unausweichlichen Migration landeinwärts. Ihr Verhängnis, aber auch die Annahme der Dinge, beschreibt der katholische Fischer Nguyen Van Lang mit dem Satz: „Alle 50 bis 60 Jahre muss es einen Exodus geben“. Der ruhige, in angenehmer Einfachheit erzählte Film bietet den Betroffenen Raum, die Realität ihres Lebens im Sinne einer Momentaufnahme zu präsentieren.

(Kathrin Sommerfeld)

(Another Exodus, 2021, Le Nguyen, Vietnam, 12 Minuten)

Palmöl: Einer von vielen Landkonflikten

Der Kurzfilm Melikin erzählt die Geschichte des gleichnamigen Dorfs in Sarawak, Malaysia. Es ist eine Geschichte über Landraub und Umweltzerstörung. Seit vielen hunderten Jahren leben die indigenen Iban an diesem Ort. Sie betreiben nachhaltige Landwirtschaft und leben von Fischerei und Imkerei.

Doch im Jahr 2010 erscheinen plötzlich zwei Unternehmen auf der Bildfläche. Mit Hilfe von Korruption und systematischem Landraub soll das Land, das auch auf Grundlage der Verfassung der indigenen Bevölkerung gehört, zu Ölpalmenplantagen umgewandelt werden. Melikin zeigt den verzweifelten Kampf der lokalen Bevölkerung um ihr Land und ihr Leben. Er zeigt jedoch auch die Kraft, die entsteht, wenn sich Menschen zusammentun und gemeinsam für ihre Rechte kämpfen.

Der Film wurde von Pesticide Action Network Asia and the Pacific (PANAP) produziert, einem Netzwerk, das sich für die Beseitigung von Schäden an Mensch und Umwelt durch den Einsatz von Pestiziden und für die Förderung der ökologischen Landwirtschaft einsetzt.

(Valerie Heim)

(Melikin, 2013, Pesticide Action Network Asia and the Pacific, Malaysia, 14 Minuten)

Zerstörerischer Zement

Der Kurzfilm Mother Earth (Ibu Bumi) begleitet den 20 Jahre alten Bagus, der am Kendeng-Gebirge auf der indonesischen Insel Java lebt. Hier befindet sich eine Zementfabrik, für die im großen Stil Kalkstein abgebaut wird. Der invasive Abbau hat weit reichende Folgen für Mensch und Umwelt und hat großen Widerstand von Seiten der lokalen Bevölkerung hervorgerufen.

Auch Bagus, der mit seiner Familie von der Landwirtschaft lebt, möchte seinen Teil zum Widerstand beitragen. Gemeinsam mit seiner Punkrockband Kendeng Squad thematisiert er die Folgen, die die Zementproduktion auf das Leben vor Ort hat. Die Band greift die natürlichen Klänge der Natur sowie die Geräuschkulisse der Zementfabrik im nahen Umfeld auf. Mit seiner Musik möchte Bagus mehr junge Menschen erreichen und sie für den Widerstand gegen die Umweltzerstörung mobilisieren.

Eindrucksvolle Bilder und ruhige Momentaufnahmen machen die Dramatik der Situation für die Menschen am Kendeng-Gebirge deutlich spürbar. Der Film von Sedap Films ist in Zusammenarbeit mit verschiedenen lokalen NGOs und Gruppierungen entstanden.

(Valerie Heim)

(Mother Earth (Ibu Bumi), 2021, Sedap Films, Indonesien, 23 Minuten)

Künstliche Inseln für wen?

Vor der Südküste Penangs in Malaysia sollen drei künstliche Inseln entstehen. Das klingt gut für Investoren und die wohlhabende Stadtbevölkerung, schlecht hingegen für die Umwelt und die lokalen Fischereigemeinschaften. Die Aufschüttungen würden das artenreiche Meeresgebiet massiv schädigen und die Lebensgrundlagen der Fischer zerstören. Sie wehren sich vehement gegen das Vorhaben: Eine Bewegung (Penang Tolak Tambak) entsteht, die von Bevölkerung und NGOs unterstützt ihren Protest bis ins Parlament nach Kuala Lumpur trägt.

Die sachlich und ruhig erzählte Dokumentation fokussiert sich auf die Perspektive der Lokalbevölkerung und stellt hierbei den Fischer Zakaria Ismail in den Mittelpunkt. Stand Juni 2023: Das Megaprojekt soll weiterhin umgesetzt werden, auf Intervention von Premier Anwar Ibrahim aber mittlerweile um die Hälfte der Fläche reduziert.

(Raphael Göpel)

(Doa Seorang Nelayan (A Fisherman’s Prayer), 2021, Freedom Film Network, Malaysia, 15 Minuten)

Torfmoore: Gefährdete Kohlenstoffspeicher

Moore speichern gigantische Mengen an Kohlenstoff, daher sind sie besonders bedeutend für das Klima. Doch werden sie entwässert und brennen, werden sie zum Klimaproblem. Indonesien ist reich an Torfmooren, zum Beispiel im Nordwesten Sumatras, wo es eine große Biodiversität gibt.

Im Gebiet der Tripa-Torfmoore leben die Menschen von Fisch und Waldprodukten wie Harz und Rattan. Doch Palmölfirmen dringen in die Region ein, Wald wird gerodet und abgebrannt. Durch die Zerstörung ihrer Lebensräume verschwinden Tiere, Wasserquellen verschmutzen, Dürren und Überschwemmungen nehmen zu. Mehrere Dörfer fordern deshalb den Schutz des Torfmoorwaldes.

Der nicht immer geradlinig erzählte Film konzentriert sich auf die Stimmen der betroffenen Menschen. Er zeigt einerseits die Übermacht von Bürokratie und Behörden, anderseits den beharrlichen Widerstand der Menschen vor Ort. Parallel erklärt der Umweltaktivist TM. Zulfikar (YEL) in Ausschnitten die Bedeutung von Mooren. Der Fall Tripa steht exemplarisch für zahlreiche Fälle der Zerstörung von Moorgebieten, in Indonesien und anderswo auf der Welt.

(Raphael Göpel)

(Hilangnya Rawa Tripa (The Loss of the Tripa Swamp), 2022, Aceh Documentary, Indonesien, 15 Minuten)

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1 | 2020, Interviews, Laos,
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„Die Menschen wissen, was die Natur ihnen geben kann“

Südostasien: Junge Aktivist*innen erzählen im Sammelband “Klima ist für alle da” von den Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Leben. Vorgestellt werden einige inspirierende große und kleine Initiativen.

Im englischen Original heißt das 2020 veröffentlichte Buch United we are unstopable und transportiert viel deutlicher die Wucht seiner Botschaft als der deutsche Titel Klima ist für alle da. Herausgeber Akshat Rathi, promovierter Biochemiker und Klima-Journalist in London, gibt darin 60 jungen Aktivist*innen aus aller Welt eine Plattform, um ihre inspirierenden Geschichten zu teilen und eindrückliche Appelle an Politik und Gesellschaft zu richten.

Die Einleitung informiert leicht verständlich darüber, wie die Diskussion um den Klimawandel in den letzten rund 100 Jahren verlaufen ist. Die Beiträge der einzelnen Autor*innen sind nach Kontinenten unterteilt. Zwischen den einzelnen Berichten wird der Einfluss des Klimawandels auf die jeweilige Region oder das Land erklärt.

Eine globale Herausforderung

Was schnell klar wird: Der Klimawandel ist überall; alle sind betroffen, auch wenn sich die Ressourcen zur Bewältigung der Auswirkungen unterscheiden. In den persönlichen Geschichten zeigen sich die regional unterschiedlichen Facetten des Klimawandels. Aus Südostasien kommen drei Menschen zu Wort: sie leben in Myanmar, Malaysia und den Philippinen. Sie berichten von extremen Wetterereignissen, die auf den Philippinen und in Myanmar Dürren und Überflutungen hervorrufen, vom Anstieg des Meeresspiegels, wodurch zum Beispiel in Myanmar das Grundwasser versalzen wird oder von Waldbränden und Überschwemmungen in Malaysia.

Htet Myet Min Tun aus Myanmar beginnt seinen Beitrag damit, wie der Zyklon Nargis 2008 sein Land verwüstete – für ihn ein traumatisches Erlebnis. Als er in der Schule mehr über den Klimawandel lernt, fasst er den Entschluss, sich für eine stärkere öffentliche Wahrnehmung einzusetzen und später selbst in die Politik zu gehen. Der 18-Jährige macht sich viele Gedanken und legt dar, dass es in seinem von Armut und Ungleichheit geprägten Land besonders schwierig sei, ein Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen. Denn die Menschen müssten ums tägliche Überleben kämpfen, um ihre Grundrechte, um ärztliche Versorgung oder den Schulbesuch für die Kinder. Er ist überzeugt, dass genügend Wissen und Technologien vorhanden seien, um dem Klimawandel entgegenzutreten – was es wirklich brauche, seien aber Beharrlichkeit und Entschlossenheit, diese auch einzusetzen.

Liyana Yamin aus Malaysia ist in der Malaysischen Jugenddelegation, kurz MYD, aktiv. Dies sei die einzige Jugendorganisation in Malaysia, die sich für Klimapolitik engagiere. MYD organisiert Schulungen und Gespräche und informiert die Politik über den Klimawandel. Die 27-jährige Liyana hat Überschwemmungen und Waldbrände miterlebt. Sie findet es wichtig, Jugendliche an der Gestaltung von Lösungsansätzen zu beteiligen. Gleichzeitig müsse die gesamte Gesellschaft mitgenommen werden, damit die nötigen Veränderungen beispielsweise in der Landwirtschaft oder im Energie- und Verkehrssektor von allen getragen würden.

Albrecht Arthur N. Arevalo aus den Philippinen arbeitet als Jugendbetreuer mit verschiedenen NGOs, Glaubensgemeinschaften und der Regierung zusammen. Er betont, welche Folgen der Klimawandel für die Menschen hat, wie er die Wasser- und Nahrungsmittelversorgung beeinflusst und sich auf die Menschenrechte der indigenen Völker, Bauern und Fischer auswirkt. Leider wird in seinem Beitrag nicht wirklich deutlich, wie Jugendarbeit und Klimaschutz in seinem Leben zusammenhängen

Sich gemeinsam den Herausforderungen stellen

Es ist beeindruckend zu lesen, wie eloquent und fokussiert sich die teils noch sehr jungen Autor*innen – sie sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zwischen 11 und 30 Jahre alt – artikulieren, was sie bewegt, und wie entschlossen sie sind, im Kleinen und im Großen Veränderung herbeizuführen. Es zeigt das Selbstverständnis einer Generation, sich nicht den Folgen des Klimawandels zu ergeben, sondern gemeinsam aktiv zu werden. Der Wunsch nach Klimagerechtigkeit und Artenschutz schwingt in einigen Beiträgen mit. Manchmal ist es auch persönliche Betroffenheit, wie bei Htet Myet Min Tun aus Myanmar und Liyana Yamin aus Malaysia, die extreme Wetterereignisse miterlebten und sich um die Zukunft ihrer Mitmenschen sorgen.

In den Texten benennen die Aktivist*innen einige Herausforderungen, vor denen sie stehen. Durch die Berichte aus verschiedenen Teilen der Erde wird deutlich, wie unterschiedlich diese ausfallen können. Für Albrecht Arthur N. Arevalo aus den Philippinen sind zwei seiner größten Herausforderungen, Menschen von langfristigen und schwierigen Verpflichtungen zu überzeugen und der Mangel an finanziellen Ressourcen. Es sei nicht immer möglich, Freiwillige zu finden, sagt er.

Auch politische Repression erschwert es den motivierten Frauen und Männern, aktiv zu werden. Howey Ou aus der chinesischen Provinz Yunnan beispielsweise protestierte immer freitags vor dem Regierungsgebäude ihres Stadtbezirks, bis die Polizei sie festnahm und verhörte. Um ihren Protest fortzusetzen, wurde sie kreativ und startete die Aktion #PlantForSurvival, die Schüler*innen aus dem ganzen Land dazu aufruft, jeden Freitag Bäume zu pflanzen.

Viele Aktivist*innen berichten, wie schwer es sei, für ihre Überzeugung einzustehen, weil beispielsweise ihre Eltern dagegen seien oder Freund*innen äußerten, Protest würde sowieso nichts bringen. Auch von Expert*innen und Politiker*innen fühlen die jungen Menschen sich nicht ernst genommen. Ihnen werde nicht zugetraut, Klimamaßnahmen aktiv mitgestalten zu können, sagen sie.

Inspiration zum Aktiv werden – für uns alle

Das Buch vermittelt auf anschauliche und inspirierende Weise, wie der Klimawandel, die Vermüllung der Welt sowie politische und gesellschaftliche Passivität junge Menschen dazu bringt, mutig und entschlossen dazu beizutragen, dass wir und zukünftige Generationen weiter auf der Erde leben können. Schade ist allerdings, dass nur wenige konkrete Projekte vorgestellt werden. Und leider keines aus Südostasien.

Auf den ersten Blick erweckt Klima ist für alle da den Eindruck, sich eher an Jugendliche und junge Erwachsene zu richten: Die einzelnen Beiträge sind meist kurz gehalten und leicht verständlich geschrieben. Aufgelockert werden sie durch spielerische Grafiken, die Appelle an Gesellschaft und Politik enthalten, knappe Informationen zum jeweiligen Land oder anderen Bezugspunkten aus den Texten, wie zum Beispiel ein Verweis auf den Dokumentarfilm von Al Gore Eine unbequeme Wahrheit.

Das Buch lädt ein, es immer wieder zur Hand zu nehmen, ein oder zwei Beiträge zu lesen und so als Leser*in selbst jedes Mal neu Hoffnung, Inspiration und Tatendrang zu gewinnen, wenn Nachrichten und Alltag es schwer machen, nicht pessimistisch in die Zukunft unseres Planeten zu blicken. Die Energie, die Aufbruchstimmung, der Mut und die intrinsische Motivation der Protagonist*innen, in Aktion zu treten und nicht hinzunehmen, dass der Klimawandel mit schnellen Schritten voranschreitet, steckt an – während Politik und Industrie weiterhin auf die Bremse drücken, wenn es um echte Maßnahmen geht. Das Buch zeigt: Wir alle haben die Macht etwas zu verändern, zur Klimagerechtigkeit beizutragen und uns nicht hinter der Ohnmacht zu verstecken. Wie viele konkrete Initiativen künftige Bücher dieser Art vorstellen können liegt auch in unseren Händen.

Rezension zu: Hrsg. Akshat Rathi. Klima ist für alle da – Wie 60 junge Menschen uns dazu inspirieren, die Welt zu retten. 2021. Verlag Blanvalet. 320 Seiten.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 2|2023 – Klima im Wandel, Gesellschaft in Bewegung – Zivilgesellschaftliche Klimabewegungen in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2020, Interviews, Laos,
Autor*in:

„Die Menschen wissen, was die Natur ihnen geben kann“

Südostasien: Gelder für Klimawandelanpassung müssen den Betroffenen zugute kommen. Werden lokale Bedürfnisse und Wissen einbezogen, gibt es gute, gemeinschafts-basierte, bezahlbare Lösungen.

Den Bedrohungen des Klimawandels wie extremen Wetterereignissen und dem Anstieg des Meeresspiegels sind die marginalisierten städtischen, ländlichen und küstennahen Gemeinden Südostasiens besonders ausgesetzt. Südostasiatische Länder sind von der Klimakrise unverhältnismäßig stark betroffen und leiden unter dem Verlust von Menschenleben, Vertreibung, wirtschaftlichem Abschwung und Ernährungsunsicherheit. Vor diesem Hintergrund benötigt Südostasien dringend Ressourcen zur Abschwächung der Auswirkungen des Klimanotstands, um Menschenleben zu retten, Lebensgrundlagen zu sichern, Armut zu lindern und die Umwelt zu schützen.

Von Seiten des Globalen Nordens eigentlich zugesagt, ist die Bereitstellung „neuer und zusätzlicher Finanzmittel durch die Industrieländer, die die vereinbarten vollen Kosten [des Klimawandels und der Dekarbonisierung], die den Entwicklungsländern entstehen, abdecken„. Die Industrieländer haben sich verpflichtet, bis 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar für die Klimafinanzierung bereitzustellen, was bis 2023 verlängert wurde, da diese Zusagen bisher nicht eingehalten werden konnten.

‚Klimahilfe‘: Vier US- Dollar pro Jahr und pro Mensch

Von 2000 bis 2019 haben die Länder Südostasiens insgesamt 56 Milliarden US-Dollar an Klimafinanzierung erhalten, was gerade mal vier US-Dollar pro Person und Jahr entspricht. Die offensichtlich unzureichende Klimafinanzierung in der Region führt zu Ungleichheiten, da Indonesien, die Philippinen und Vietnam den Großteil dieser Mittel erhalten und daraus ihre Verkehrs-, Energie- und Agrarsektoren finanzieren. Darüber hinaus werden zwar insgesamt 28,37 Milliarden US-Dollar für Klimaschutzmaßnahmen in der Region bereitgestellt, aber nur 10,42 Milliarden US-Dollar sind für Anpassungsprogramme vorgesehen, die für die Reaktion der Länder auf und die Erholung von Naturkatastrophen entscheidend sind.

Die Finanzierungslücke, die größtenteils darauf zurückzuführen ist, dass die Geldgebenden ihre Zusagen nicht einhalten, hat zu einer Finanzialisierung [Zunehmende Bedeutung der Kredit- und Kapitalmärkte auch in Sphären jenseits des Finanzsystems. d.R.] der Klimafinanzierung geführt. Dies zeigt sich in der Förderung grüner Anleihen und Garantien durch ‚Finanzierungsfazilitäten‘ [Zusagen von Regierungen oder internationalen Organisationen, in bestimmten Fällen – wie Naturkatatrophen – Finanzhilfen oder Kredite zu gewähren, d.R.], vorangetrieben von Finanzinstitutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank (WB), der Asian Development Bank (ADB, Asiatische Entwicklungsbank) und der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB, Asiatische Infrastrukturinvestmentbank), die in der Region tätig sind. Während die Unternehmen aus den Klimakrediten und ihrer Förderung falscher, marktbasierter Lösungen Profit schlagen können, werden die ‚Entwicklungsländer‘ mit zusätzlichen Schulden belastet, was zu Haushaltskürzungen für wichtige soziale Dienste und Klimainitiativen führt.

‚Grüne Anleihen‘ machen Reiche reicher

‚Grüne Anleihen‘ oder „Finanzinstrumente, die grüne Projekte finanzieren und den Anlegenden regelmäßige oder feste Einkommenszahlungen bieten„, werden zunehmend eingesetzt, um Finanzmittel für Projekte zur Bekämpfung der Auswirkungen des Klimawandels zu mobilisieren und gleichzeitig Steueranreize für Anlegende zu schaffen. In den Philippinen wurde die erste ‚grüne Anleihe‘ in Höhe von 225 Millionen US-Dollar von AP Renewables Inc. (APRI), einer Tochtergesellschaft der Aboitiz Power Corporation, für die Sanierung der Tiwi-MakBan-Geothermieanlagen im Jahr 2016 ausgegeben. Die ADB stellte ein zusätzliches Darlehen in Höhe von 37,89 Millionen US-Dollar zur Kreditverbesserung bereit.

Die Tiwi-MakBan-Anlagen waren ursprünglich öffentliches Eigentum, wurden aber privatisiert und von APRI erworben. Nun werden die Anlagen von der SM Investments Corporation (SMIC) betrieben, um die Kohlenstoffemissionen aus ihrer Geschäftstätigkeit auszugleichen. Die Anleihen förderten den Geschäftsbetrieb von APRI und SMIC – beides Unternehmen, die sich im Besitz der reichsten Familien der Philippinen befinden, mit einem Nettovermögen von 12,6 Milliarden US-Dollar bzw. 2,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022, während das Land 215 Milliarden US-Dollar an Schulden anhäufte.

Regenwaldabholzung mit Nachhaltigkeitssiegel

In Indonesien wurde die ‚grüne Anleihe‘ in Höhe von 95 Millionen US-Dollar, die für das Projekt Royal Lestari Utama, eine Initiative zur Förderung der „nachhaltigen Naturkautschukproduktion“ von Michelin und Barito Pacific, ausgegeben wurde, zur Zerstörung von fast 8.500 Hektar Waldland verwendet. Das Projekt hat zu massiver Abholzung geführt, um Platz für Kautschukplantagen zu schaffen, was mit dem Verlust der biologischen Vielfalt und der Bedrohung der Lebensgrundlagen der Menschen einhergeht. Ursprünglich hatte das Projekt erklärt, zur Wiederaufforstung beizutragen. Hinter dem Projekt steht jedoch das Ziel, die Kautschukproduktion in Indonesien effizient zu steigern, und zwar durch Michelin und seinen lokalen Partner Barito Pacific, der zu einem der größten indonesischen Mischkonzerne gehört, der schon in der Vergangenheit zu massiven Umweltzerstörungen beigetragen hat.

Fortbestehendes koloniales Erbe

Die der Klimafinanzierung zugrunde liegenden Strukturen werden nach wie vor durch ungleiche Machtverhältnisse zwischen den Staaten bestimmt, die ihre Wurzeln in der Ausbeutung durch die früheren Kolonialmächte haben. Dies lässt sich am Fortbestehen des Klimakolonialismus bzw. -imperialismus ablesen: Die „Klimakrise ist eine Erweiterung des extraktiven Modells des Kolonialismus„. Für die südostasiatischen Länder, die jahrhundertelang kolonialisiert und ausgebeutet wurden, ist die historische Verpflichtung der ehemaligen Kolonialmächte zur Klimafinanzierung von zentraler Bedeutung. Die Kolonialmächte von damals sind heute entwickelte Industrieländer, die den Klimawandel seit langem maßgeblich anfachen. Folgerichtig müssen sie zur Klimafinanzierung von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen in den ‚Entwicklungsländern‘ beitragen.

Die bestehende Architektur der Klimafinanzierung zeigt die Vielfalt der Ströme aus bilateralen und multilateralen Kanälen, mit separaten Fonds und Finanzierungspools für bestimmte Programme und Länder auf. Geber*innen und Unternehmen haben ein System aufrechterhalten, das sicherstellt, dass ihre Rückstellungen für die Klimafinanzierung in ihre eigenen Volkswirtschaften zurückfließen, indem sie Kredite und marktbasierte Klimalösungen fördern. Auf diese Weise bleiben wichtige Finanzmittel für die Gemeinden, die mit den schlimmsten Folgen der Klimakrise konfrontiert sind, unerreichbar.

Da sich die negativen Auswirkungen der Klimainitiativen in den Communities verstärken, weil der zivilgesellschaftliche Raum in der Region schrumpft, sind Menschen zudem vermehrt Angriffen und Bedrohungen ihres Lebens und ihrer Rechte ausgesetzt. In Südostasien sind die Philippinen nach wie vor das tödlichste Land für Umweltschützende. 2019 wurden 43 Umweltschützer*innen, die sich vor allem gegen Umweltzerstörung wie Abholzungs-, Staudamm- und Bergbauprojekte wehrten, von bewaffneten Kräften getötet. In Vietnam wurde der Umweltanwalt Dang Dinh Bach, der sich für die Energiewende und Klimainitiativen im Land eingesetzt hat, von der Regierung zu Unrecht inhaftiert. Bis heute gehen Repressionen gegen Umweltschützer*innen weiter.

Entkolonialisierung und Demokratisierung

Die Klimagerechtigkeitsbewegung in Südostasien und im gesamten Globalen Süden fordert weiterhin die Entkolonialisierung der Klimafinanzierung, da es eine grundlegende Verschiebung von Macht und Ressourcen erfordert, um die Klimakrise wirklich anzugehen. Dies würde weltweit ‚Entwicklungsländern‘ und den betroffenen Gemeinschaften den Zugang zu einer Klimafinanzierung ermöglichen, die auf ihre eigenen Entwicklungsprioritäten und -bedürfnisse abgestimmt ist. Dekolonisierung heißt, neoliberale, marktorientierte und privatisierte Ansätze für das Klima und die Entwicklung abzulehnen, während lokale Ansätze und indigenes Wissen bei der Bewältigung des Klimawandels bevorzugt werden und die demokratische Kontrolle über Entscheidungen, Systeme und Ressourcen gefördert wird. Es besteht auch die unmittelbare Notwendigkeit, die Klimafinanzierung auf den vier Grundsätzen der Entwicklungseffizienz zu verankern: demokratische Eigenverantwortung der Länder, Ergebnisorientierung, integrative Partnerschaften sowie gegenseitige Transparenz und Rechenschaftspflicht.

Konkret zeigt sich dies in der Förderung von alternativen Energiesystemen, die Gemeinschaften selbst gehören und die sie betreiben, um die ländliche Elektrifizierung in Südostasien zu erweitern. In Myanmar haben Energiegenossenschaften und gemeindefinanzierte Systeme für erneuerbare Energien Gemeinden in den Bundesstaaten Shan, Karen und Ayeyarwady erschlossen, die noch nicht an das nationale Stromnetz angeschlossen waren. In Ost-Nusa Tenggara in Indonesien wurde ein Kleinstwasserkraftwerk von den Dörfern Lukuwingir und Waimbidi initiiert. In den Philippinen werden mithilfe von Sibol ng Agham at Teknolohiya (SIBAT), einer zivilgesellschaftlichen Organisation, die gemeindebasierte erneuerbare Energiesysteme (CBRES) unterstützt, in Zusammenarbeit mit Bürgerorganisationen und lokalen Regierungsstellen Kleinstwasserkraft- und Windkraftprojekte errichtet. Durch die Bündelung von Finanzmitteln, Ressourcen und Arbeitskräften konnten die Menschen Energiesysteme installieren, die erschwinglich sind, sich in gemeinschaftlichem Besitz befinden und folgerichtig gemeinsam gewartet werden sowie den Aufbau wirtschaftlicher und anderer Kapazitäten ermöglichen.

Menschen in den Mittelpunkt stellen

Ein alternativer Rahmen, der von sozialen Bewegungen im Globalen Süden vorangetrieben wird, ist die von Menschen getragene Klimapolitik. Dieses Konzept zielt darauf ab, den Menschen im Globalen Süden die Handlungsmacht über ihre eigene Zukunft zurückzugeben, die derzeit weitgehend von dominanten Entwicklungsparadigmen bestimmt wird, die die Interessen von Geldgeber*innen und Unternehmen fördern. „People-powered climate action“ verfolgt einen auf Rechten basierenden und auf die Menschen ausgerichteten Ansatz, der auf dem Prinzip der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und jeweiligen Fähigkeiten, dem Recht auf Entwicklung und der Geschlechtergerechtigkeit beruht. Dieser Rahmen ist in der Lage, die Überschneidungen zwischen Klima- und Konfliktfragen, der Ungleichheit und der Entwicklung sowie die historische Verantwortung der Geberländer und -unternehmen bei der Bereitstellung von Entschädigungsleistungen für den Globalen Süden hervorzuheben.

Um Klimagerechtigkeit für die Bevölkerung Südostasiens und des gesamten Globalen Südens zu gewährleisten, müssen diejenigen, die am meisten für die aktuelle Klimakrise verantwortlich sind, zur Rechenschaft gezogen werden. Gleichzeitig müssen die Menschen in den Mittelpunkt von Anpassungs- und Minderungsinitiativen gestellt werden. Die Geberländer und -unternehmen müssen ihre Zusagen einhalten und sogar übertreffen. Sie müssen lokale Anstrengungen zur Bewältigung der Klimakrise zulassen und Schritte zur Entkolonialisierung des Systems unternehmen, das weiterhin die Umwelt schädigt und die Rechte der Menschen verletzt. Nur durch die Entkolonialisierung der derzeitigen Finanzstrukturen und die Lokalisierung von Klima- und Entwicklungsinitiativen kann sichergestellt werden, dass die von der Klimakrise am stärksten betroffenen Gemeinden im Mittelpunkt der Antwort auf den Klimanotstand stehen.

Übersetzung von: Lydia Bucher, Mirjam Overhoff und Raphael Göpel

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1 | 2020, Interviews, Laos,
Autor*in:

„Die Menschen wissen, was die Natur ihnen geben kann“

Vietnam: Ngan Nguyen, 1979 in Vietnam geboren, erzählt von ihrer Verbindung zum Mekong, den gravierenden Veränderungen durch Staudämme im oberen Flusslauf und vom Klimawandel.

Der Mekong durchquert fast das gesamte Festland Südostasiens und wird oft als ‚Lebensader Südostasiens‚ bezeichnet. Er entspringt im Hochland Tibets und schlängelt sich durch China, Myanmar, Laos, Thailand und Kambodscha, bevor er schließlich im Mekong Delta in Vietnam mündet.

China hat eine beträchtliche Anzahl von Staudämmen und Wasserkraftwerken errichtet, die es dem Land ermöglichen, die Kontrolle über enorme Wasserreserven von bis zu 47 Milliarden Kubikmeter Wasser auszuüben. Die Folgen für die unteren Anrainerstaaten sind gravierend. Drastisch sind auch die Folgen des Klimawandels.

südostasien: Wie hast du es erlebt, am Mekong aufzuwachsen?

Ngan Nguyen: Ich komme aus der Provinz Đong Tháp und mein Haus befand sich neben einem kleinen Fluss. Es war ein Arm des Flusses Tien, der wiederum ein Arm vom Mekong ist. Der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, gehört zum Mekong-Delta. Als Kind bin ich sehr oft in dem kleinen Fluss geschwommen, er war wie ein Spielplatz für meine Freunde und mich. Ich habe es geliebt, darin zu spielen. Der Fluss war immer ein Teil von meinem zu Hause.

Wir hatten dem Fluss sehr viel zu verdanken, zum Beispiel Fisch zum Essen und Wasser für die Felder. Der Fluss hat nicht nur uns, sondern mit seinen regelmäßigen Überschwemmungen und dem fruchtbaren Schlamm auch die umliegende Natur ernährt. Er war auch unser Transportweg, da wir nicht viele Straßen hatten. Mit unseren Booten konnten wir ihn als Wasserstraße nutzen.

Zeigt sich diese enge Verbundenheit auch kulturell?

Der Mekong ist unser Leben, das war schon immer so. Der Mekong heißt auch Cửu Long auf Vietnamesisch und das bedeutet übersetzt „neun Drachen“. So heißt er, weil er mit neun Armen ins Meer fließt und jeder Arm des Mekong-Deltas ist ein Drache. Für uns in Vietnam ist der Drache ein heiliges Tier und kann mit einem Gott oder König verglichen werden.

Heute haben wir leider nur noch sieben Drachen, denn ein Arm ist ausgetrocknet und einer mit Salzwasser aus dem Meer geflutet. Das ist sehr traurig für uns. Es gibt ein schönes Lied, das mich sehr berührt, da es von der Schönheit unseres Mekong Deltas handelt. Ich mache mir wirklich viele Gedanken, was die Zukunft für uns bringen wird.

Du hast das Gleichnis mit dem Drachen erwähnt und dessen kulturelle Bedeutung. An welche Rituale und Feste, die mit dem Fluss verbunden sind, erinnerst du dich?

Es gibt viele Feste im Mekong Delta. Ein sehr berühmtes ist das Oóc Om Bóc Fest, welches als Wasser- oder Mondgebetsfest übersetzt werden kann, mit Musik, Tanzen und Essen. Man feiert das Fest, um dem Wassergott und dem Erdgott für einen reichen Fischfang und eine reiche Reisernte zu danken. Wir verehren den Wasser- und den Erdgott. Als Kind hat man mir gesagt, ich dürfe keinen Schmutz in den Fluss bringen, weil dort ein Gott wohne. Und immer, wenn ich zu frech sei, bekäme ich eine Strafe von dem Gott aus dem Fluss. Mit diesem Glauben bin ich groß geworden und als Kind habe ich das nicht angezweifelt. Vielleicht kann man so verstehen, was der Mekong mir bedeutet.

Wie leben die Menschen heute am und mit dem Fluss?

Heute, 30 Jahre später, leiden wir unter Wasserknappheit und die einst häufigen Überschwemmungen sind zur Seltenheit geworden. Wir können auf unserem kleinen Fluss nicht mehr mit dem Boot fahren, weil er zu schmal und der Wasserstand zu niedrig ist. Durch die Staudämme und den Klimawandel fehlt nicht nur das Wasser, sondern auch der Schlamm, der Sand und die Steinchen, ohne die das Flussufer immer weiter abreißt und sich das Flussbecken vergrößert. Dadurch haben viele Leute ihre Häuser verloren. Die ganzen kleinen Steine, die das Flussufer halten, und auch die Nährstoffe des Wassers werden von den vielen Staudämmen im oberen Flusslauf aufgehalten.

Die Überschwemmungen waren zwar unbequem, aber sie brachten sehr viele Nährstoffe für die Pflanzen. Jetzt haben wir weniger Felder als früher, aber noch genug, um Obst, Gemüse und Reis anzubauen. Heute braucht man aber industrielles Düngemittel, weil es zu wenig ’natürliche‘ Nährstoffe im Wasser gibt. Fisch und andere Nahrung, die aus dem Fluss kommt, haben wir kaum noch. Städte, die neben dem Meer liegen, können wegen des Wassermangels kaum noch Lebensmittel produzieren und müssen zur Versorgung auf Ware aus dem Binnenland zurückgreifen.

Herrscht durch den Wegfall der Nahrung Armut?

Nein, noch gibt es keine Armut, dank der Industrialisierung. Wir können zwar weniger Produkte aus der Natur gewinnen, da die Felder und Pflanzen fehlen, aber viele Menschen haben Arbeit in den Kleidungs- und Elektronikfabriken im Umland gefunden. Da die Fabriken Besitzern aus anderen Ländern gehören, sind wir von ihnen abhängig. Das finde ich nicht nachhaltig und bereitet mir Sorgen. Sie legen die Verträge so fest, dass wir ausgenutzt werden, indem wir zu wenig Geld für die Arbeit bekommen. Es hat sich viel verändert. Wir leben in unserem kleinen Dorf sehr eng mit der Natur zusammen, das geht dadurch auch verloren, da immer mehr Leute aus unserem Dorf und aus der Natur raus müssen, um in den Fabriken zu arbeiten.

Die Hälfte aller Lebensmittel Vietnams wird im Mekong-Delta produziert. 90 Prozent des Reises wird von dort aus ins Landesinnere und in andere Länder exportiert. Wenn das im ganzen Mekong-Delta aber so weitergeht, wie an unserem kleinen Fluss, dann wird durch den Klimawandel und den Einfluss der Staudämme die Armut kommen.

Unternimmt die Regierung etwas gegen den sinkenden Wasserspiegel und den Rückgang der Produktion von ‚eigenen‘ Lebensmitteln?

Die Regierung macht hier und da etwas, aber das sind alles nur kurzfristige Lösungen. Sie plant die Landwirtschaft anders als vorher, wählt zum Beispiel andere Reissorten, die weniger Wasser brauchen und plant die Trockenzeiten aktiv mit ein. Wir bekommen Empfehlungen, die wir umsetzen können, wann welcher Reis am besten gepflanzt werden sollte. Außerdem werden an den Flüssen des Mekong, die nah am Meer liegen und mittlerweile vom salzigen Meerwasser geflutet sind, Garnelen gezüchtet. Diese brauchen im Gegensatz zu den Reisfeldern kein Süßwasser.

Die Regierung baut auch neue Kanäle oder vertieft Seen, die schon existieren, damit mehr Wasser aus den Flüssen gesammelt werden kann. Aber eigentlich sind das alles nur kurzfristige Lösungen und das führt wieder zu neuen Problemen. Gerade zu diesem Thema gibt es viele Forschungen von anderen Ländern, aber umgesetzt wird davon nichts. Die Vorstellung, dass das Mekong-Delta austrocknen könnte, bereitet mir große Sorgen. Ich hoffe inständig, dass Lösungen gefunden werden, um diese Entwicklung aufzuhalten. Wir in Vietnam und in den anderen Ländern am Mekong brauchen einen Umschwung auf politischer Ebene, etwas Großes, das uns hilft.

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1 | 2020, Interviews, Laos,
Autor*in:

„Die Menschen wissen, was die Natur ihnen geben kann“

Kambodscha: In „Troubling the Water“ schildert die Journalistin Abby Seiff, wie sich der vom Mekong gespeiste Tonle Sap drastisch verändert – und das Leben der Menschen an seinen Ufern.

Der Tonle Sap in Kambodscha ist das größte Süßwasserreservoir in Südostasien und eines der fischreichsten Binnengewässer weltweit. Der See ist ein einzigartiges Ökosystem, das durch seinen Rhythmus und sein Fischreichtum das Leben und die Geschichte Kambodschas seit Jahrhunderten beeinflusst.

Er speist sich aus dem Mekong und dient dem Fluss als natürliches Rückstaubecken. Zwei Mal im Jahr wechselt er seine Fließrichtung. Während der Regenzeit vergrößert sich seine Fläche um rund das Dreifache und spült kostbare Nährstoffe auf die Felder. Daher spielt der Tonle Sap eine wichtige Rolle in Kambodschas Alltag und Geschichte. Schon im Ursprungsmythos der Khmer wird auf den See angespielt. Die Tempelanlagen Angkors sind in der Nähe erbaut worden und deren einzigartiges Bewässerungssystem, das bis zu drei Reisernten im Jahr ermöglichte, wurde aus dem Tonle Sap gespeist.

Vom Zeitungsartikel zum Buch

Die amerikanische Journalistin Abby Seiff beschreibt in ihrem Buch Troubling the Water: A Dying Lake and a Vanishing World in Cambodia das System Tonle Sap und erklärt, was den See bedroht. Die Autorin hat viele Jahre als Redakteurin bei den Zeitungen Cambodia Daily und Phnom Penh Post gearbeitet und bereits 2016 über die Trockenheit am Tonle Sap berichtet. Danach ist sie immer wieder an die Ufer des Sees zurückgekehrt, um mit den Menschen über die Folgen zu sprechen.

Die Ergebnisse dieser Gespräche und weitere umfassende Recherchen hat sie in ihrem Buch zusammengefasst. Die Fotos stammen vom Fotografen Nick Axelrod, der sie auf ihren Recherchen meist begleitet hat. Seiff erklärt leicht verständlich, wie sich die drei von Menschen hervorgerufenen Faktoren Klimawandel, illegale Fischerei und Staudämme für Wasserkraftwerke auf das Ökosystem Tonle Sap und das Leben der Menschen am und auf dem See auswirken.

Rückgang der Fischbestände

Der Fisch aus dem Tonle ist eine wichtige Nahrungsquelle für die kambodschanische Bevölkerung und deckt etwa 80 Prozent des Proteinbedarfs der Bevölkerung. Doch der Fischbestand sinkt seit rund zehn Jahren dramatisch. Obwohl die Regierung Schutzzonen eingerichtet hat, bleibt die illegale Fischerei ein Problem. Zum einen werden diese Schutzzonen nur unzureichend eingehalten, zum anderen sind die Behörden, die die Einhaltung kontrollieren sollten, bestechlich.

Durch die illegale Fischerei reduziert sich der Bestand drastisch und verhindert das Nachwachsen, weil in den Schutzzonen auch Jungfische in die Netze gehen. Seiff hat mit vielen Fischern vor Ort gesprochen, die von den früheren besseren Zeiten erzählen, während sie heute kaum noch von ihren Fängen leben können.

Staudämme und Klimawandel verändern Wasserstände

Auch die Staudämme der Wasserkraftwerke am Lauf des Mekong – vor allem in China, wo der Fluss Lancang genannt wird – und seiner Nebenarme beeinflussen das Ökosystem Tonle Sap stark. Sie verhindern nicht nur die Fischwanderung, sondern ändern auch die Wassermengen, da sie am Oberlauf in China große Mengen Wasser zurückhalten und so den natürlichen Wasserkreislauf unterbrechen.

Zu guter Letzt hat auch der Klimawandel negative Auswirkungen auf den Tonle Sap. Die Dürreperioden in der Region haben sich verlängert und die Regenmengen nehmen zusehends ab. Wegen des fehlenden Niederschlags sind die Wasserstände des Mekong und damit auch des Tonle Sap stetig gesunken. Zu ersten Mal erleben die Menschen während der Trockenzeit auch Waldbrände.

Langzeitstudie des Lebens vor Ort

Die Autorin beschreibt sehr eindrücklich, wie sich das Leben der Menschen am Tonle Sap verändert – gestützt auf viele Interviews, die sie zum Teil mit denselben Personen in zeitlichen Abständen geführt hat. Weil der Fischfang als Lebensgrundlage wegfällt, verschulden sich viele Menschen oder ziehen weg. Vor allem die junge Generation sieht vor Ort keine Zukunft und sucht sich Jobs in der Tourismusindustrie oder im aufstrebenden Baugewerbe in Phnom Penh.

Besonders lesenswert ist das Buch, weil die Autorin nicht nur die aktuelle Situation aufzeigt, sondern auch historische Berichte von Entdeckungsreisenden und alte Mythen miteinbezieht und dadurch die Bedeutung des Tonle Sap auch in früheren Zeiten unterstreicht.

Rezension zu: Abby Seiff. Troubling the Water. A Dying Lake and a Vanishing World in Cambodia. Potomac Books. 168 Seiten. 2022

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1 | 2020, Interviews, Laos,
Autor*in:

„Die Menschen wissen, was die Natur ihnen geben kann“

Kambodscha: In der Provinz Kompong Chhnang sind die Menschen abhängig vom Ökosystem des Tonle Sap. Lokale Gemeinschaften müssen bei Antworten auf die Klima-Krise einbezogen werden

Der Klimawandel könnte zu einer katastrophalen Zukunft führen, wenn er nicht eingedämmt wird. Steigende globale Temperaturen führen zu Wirbelstürmen, Dürren, Überschwemmungen und Waldbränden. Diese Ereignisse können Gemeinden zerstören, Lebensräume verwüsten. Sie bedrohen Menschen, Wildtiere sowie Ökosysteme. Darüber hinaus kann der Klimawandel zu Bevölkerungsverschiebungen, einer verstärkten Ausbreitung von Krankheiten, Nahrungsmittel- und Wasserknappheit sowie instabilen Volkswirtschaften führen. Die Auswirkungen sind weitreichend und können bereits bestehende sozioökonomische Ungleichheiten und Ungleichheit noch verschärfen.

Ungewisse Zukunft

Seit Generationen verlassen sich die Menschen um den Tonle Sap auf seine saisonalen Überschwemmungen, um das Land mit nährendem Schlamm zu fluten, sowie die Fischbestände und die landwirtschaftlichen Kreisläufe aufrechtzuerhalten. Das einzigartige Ökosystem des Sees liefert Nahrung, Wasser und Einkommen und ist damit von zentraler Bedeutung für das kulturelle und wirtschaftliche Gefüge der Region. In Kampong Chhnang dient der Tonle Sap mit seinem Fisch-Reichtum für viele Familien als wichtigste Protein- und Einkommensquelle.

Wirtschaftliche Zwänge, soziale Hindernisse und Umweltveränderungen tragen jedoch zu einer ungewissen Zukunft für die lokale Bevölkerung bei. Zu den Bedrohungen gehören Überfischung, Abholzung, Verschmutzung und Klimawandel. Sie bedrohen den Tonle Sap, der wegen seiner biologischen Vielfalt und seiner Bedeutung für den Lebensunterhalt der umliegenden Gemeinden geschätzt wird.

Der 43-jährige Le Yang Kor lebt in dem Dorf Chhnuk Trou in der Provinz Kampong Chhnang, einem Gebiet, das jedes halbe Jahr überschwemmt wird. „Seit ich ein kleines Kind war, wohne ich hier. Jetzt kann ich sehen, wie sich die Umwelt in meinem Dorf verändert hat: starke Stürme und heftige Regenfälle in der Regenzeit und extreme Hitze und Trockenheit in der Trockenzeit“, sagt er.

Immer weniger Fisch

Das allgemeine Wohlergehen der Gemeinschaften, die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, Wasser und Einkommensquellen werden durch diese Veränderungen direkt beeinträchtigt. Die 29-jährige Vietnamesin Wang Thi Yong aus der Provinz Kampong Chhnang erklärt: „Ich sehe, dass es immer weniger Fische gibt. Das macht es für die Dorfbewohner*innen, von denen die meisten Fischer*innen sind, schwierig, ihr tägliches Einkommen zu sichern.“ Schwankungen des Wasserstands, Rückgang der Fischpopulationen und die Zerstörung natürlicher Ökosysteme erschweren das Überleben der Menschen am See.

Generell sind die ethnischen vietnamesischen Gemeinschaften in Kambodscha oft mit Staatenlosigkeit und Rechtsverletzungen konfrontiert. Viele von ihnen leben seit Generationen im Land. Doch ihre Wurzeln und historischen Bindungen werden von den Behörden oft nicht beachtet. Meist fehlen Geburtsurkunden und Staatsbürgerschaft, was ihren Zugang zu wichtigen staatlichen Dienstleistungen in den Bereichen Bildung, Gesundheitsversorgung und Beschäftigung stark einschränkt. Diskriminierung, Vorurteile und soziale Ausgrenzung verschärfen diesen Zustand und behindern gesellschaftliche Teilhabe.

Frauen und Kinder besonders betroffen

Die Umweltprobleme, mit denen die gesamte lokale Bevölkerung konfrontiert ist, werden durch die wirtschaftliche Instabilität, die eingeschränkten Beschäftigungsmöglichkeiten und den begrenzten Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung noch verschärft. Frauen, Kinder und am Fluss lebende Gemeinschaften sind von diesen Problemen unverhältnismäßig stark betroffen. Him Srey Pich, eine 17-jährige Verkäuferin im Dorf Chroy in der Provinz Kampong Chhnang, äußert sich besorgt über den Rückgang der Fischpopulation, sinkende Erträge und Preise für ihre Ernte sowie über die unbeständigen Wetterverhältnisse.

Trotz dieser Hindernisse haben die Gemeinschaften rund um den Tonle Sap Hoffnung auf eine widerstandsfähigere und nachhaltigere Zukunft. Srey Pich meint, dass Nichtregierungsorganisationen und die junge Generation Schulungen zur Flussfischerei, zum Schutz der biologischen Vielfalt und zur Erhaltung der Umwelt des Tonle Sap erhalten sollten. Wang Thi Yong wünscht sich, dass die Regierungsbehörden streng gegen illegalen Fischfang und illegale Abholzung vorgehen.

Gemeinsam auf Veränderungen vorbereiten

Durch Initiativen, die den Aufbau von beruflichen Fähigkeiten, gemeindebasierten Tourismus, nachhaltige Fischereimethoden und die Erhaltung des Ökosystems unterstützen, können die Menschen am Tonle Sap gestärkt und ihre Lebensweise geschützt werden. Die Zusammenarbeit zwischen Regierungsbehörden, Unternehmen, gemeinnützigen Organisationen und lokaler Bevölkerung kann den Mitgliedern der Gemeinden Kampong Chhnangs helfen, auf eine sicherere und wohlhabendere Zukunft hinzuarbeiten.

Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung zu berücksichtigen, sie dabei zu unterstützen, widerstandsfähiger und anpassungsfähiger zu werden sowie sicherzustellen, dass ihre Rechte und ihr Wohlergehen bei allen Entscheidungsprozessen Vorrang haben. Diese Zusammenarbeit kann die Gemeinschaften am Tonle Sap besser auf klimatische Veränderungen vorbereiten und ihr so Hoffnung für eine bessere Zukunft geben.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

Die Zitate stammen von Teilnehmer*innen eines von Khmer Community Development durchgeführten Projekts.

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