1 | 2019, Kambodscha,
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Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen und Netzwerkbildung in Thailand

Arbeitsmigrant*innen nähen ein Fischernetz zusammen © Central

Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen nähen ein Fischernetz zusammen © Central

Kambodscha: Immer mehr Kambodschaner*innen verlassen das Land auf der Suche nach Arbeit. Doch viele werden Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung. Die Bildung von Netzwerken von Arbeitsmigrant*innen im Empfängerland kann eine wirkungsvolle Methode sein, um die Arbeiter*innen zu schützen und zu stärken.

 

Kambodscha wird zunehmend zu einem der wichtigsten Entsendeländer von Arbeiter*innen in Südostasien. Derzeit befinden sich allein in Thailand circa zwei Millionen Kambodschaner*innen, die legal und illegal in unterschiedlichen Industrien arbeiten wie etwa in der Landwirtschaft, im Fischereiwesen, im Automobilbau oder in der Nahrungsmittelverarbeitung. Doch nicht nur in Thailand, sondern auch in Malaysia, Süd-Korea und Japan gibt es eine beträchtliche Anzahl an kambodschanischen Arbeitsmirgant*innen. In den vergangenen Monaten haben auch schon die Regierungen von Katar, dem Libanon, Jordanien, Saudi-Arabien und Hongkong ihr Interesse bekundet, (mehr) kambodschanische Arbeitsmigrant*innen aufzunehmen. Erschreckend ist jedoch, dass jene Arbeiter*innen aus Kambodscha aus sehr ärmlichen Lebensverhältnissen stammen, meist hoch verschuldet und stark gefährdet sind, Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung zu werden.

Extreme Armut und hohe Verschuldung

Kambodschas Bevölkerung gehört zu einer der jüngsten in Südostasien, was unter anderem zurückzuführen ist auf den hohen Bevölkerungsverlust während des Khmer Rouge-Regimes und des nachfolgenden Bürgerkriegs. So treten jährlich schätzungsweise 250.000 Kambodschaner*innen in den Arbeitsmarkt neu ein. Doch es existieren schlichtweg nicht genügend Arbeitsplätze, die diese Nachfrage decken können. In den ländlichen Provinzen Kambodschas, wo Einkommen und Bildungsniveau wesentlich niedriger ausfallen als in der Hauptstadt, gibt es kaum Möglichkeiten, Arbeit zu finden. Gewöhnlich gehen junge Leute aus den ländlichen Provinzen in größere Städte, wie etwa Phnom Penh, um Arbeit zu suchen. Dies tun sie, um nicht nur für sich selbst, sondern auch für die in der Heimatprovinz gebliebenen Familien zu sorgen, wovon viele hoch verschuldet sind. Doch auch in den größeren Städten Kambodschas ist Arbeit rar und viele sind gezwungen im Ausland nach Arbeit zu suchen.

Verschuldung ist einer der treibenden Faktoren für Arbeitsmigration in Kambodscha. Im April 2018 betrug die Haushaltverschuldung im Land 2.9 Milliarden US-Dollar (David Hutt, 2018, To be down, out and in debt in Cambodia, Asia Times)

In den ländlichen Provinzen sind es insbesondere die hohen Kreditzinsen von Mikrofinanzinstitutionen und Kredithaien, die diese Schulden verursachen. In manchen Fällen führt dies zu einer effektiven Schuldknechtschaft, was zum Beispiel in Backsteinfabriken sehr gut beobachtet werden kann. Hier werden Kinder gezwungen, zu arbeiten, um die Schulden der Eltern abzubezahlen und gelten letztlich als Eigentum der Fabrikbesitzer*innen. Viele Arbeiter*innen suchen dann nach Jobs im Ausland, wo sie höhere Löhne erhalten, wie etwa in Thailand, um ihre Familien und sich selbst aus jener Schuldenfalle zu befreien. Doch durch das Zusammenspiel von extremer Armut und hoher Verschuldung sind kambodschanische Arbeitsmigrant*innen stark gefährdet, Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung zu werden.

Diese kambodschanischen Arbeitsmigrant*innen arbeiten auf Fischerbooten © Central

Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen verlassen Kambodscha, um auf Fischerbooten zu arbeiten © Central

Formen und Dimensionen von Menschenhandel und Ausbeutung

Menschenhandel und Ausbeutung sind bei Arbeitsmigrant*innen aus Kambodscha sehr häufig vorzufinden und können ganz unterschiedliche Formen und Dimensionen annehmen. In vielen Fällen kann Menschenhandel sehr explizit sein, indem Arbeiter*innen – meist Frauen – mit höheren Löhnen ins Ausland gelockt werden, wo sie schließlich als Sexarbeiter*innen und/oder Sklav*innen enden. Solche Fälle sind insbesondere im Kontext der Arbeitsmigration von kambodschanischen Frauen nach China zu beobachten, die als Bräute für unverheiratete Männer herhalten müssen. Aber auch kambodschanische Frauen, die als Haushälterinnen im Ausland arbeiten, werden häufig Opfer von sexueller und/oder anderweitiger physischer und psychischer Gewalt, die meist von ihren Arbeitgebern ausgeübt wird.

Dies dokumentiert auch die Geschichte von Eng Pov, die auch durch die kambodschanischen Medien ging (Yon Sineat and Daphne Chen (2018): A tale of two kingdoms: The Cambodian maid abused and treated as a slave for 13 years in Saudi Arabia, Phnom Penh Post).

Eng Pov migrierte als junge kambodschanische Frau nach Saudi-Arabien, um dort als Haushälterin zu arbeiten. Doch nachdem sie dort ankam, kam alles anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Über 13 Jahre wurde sie quasi als Sklavin der Familie gehalten. Sie wurde gezwungen, über 20 Stunden am Tag zu arbeiten. Der Kontakt zu ihrer Familie wurde verboten, der Ausweis wurde ihr abgenommen. Der Lohn, der ihr ursprünglich versprochen wurde, wurde nicht gezahlt und sie war täglich den Schlägen der Familie ausgesetzt.

Die Geschichte von Eng Pov ist kein Einzelfall. Auch das nächste Beispiel eines jungen kambodschanischen Mädchens reiht sich hier nahtlos ein. Die inzwischen junge Frau wird seit 2010 vom Center for Alliance of Labor and Human Rights – kurz Central – unterstützt, einer kambodschanischen Organisation, die unter anderem auch Hilfe bei der Rettung und Rückführung verschleppter und ausgebeuteter Arbeitsmigrant*innen sowie auch bei der Rehabilitation und Wiedereingliederung der Arbeiter*innen anbietet. Damals war das Mädchen 15 Jahre alt, als es nach Malaysia ging, um dort als Haushälterin zu arbeiten. Sie war drei Monate dort als die Vermittlungsagentur ihre Familie kontaktierte. Das Mädchen könne nicht mehr seine Pflichten erfüllen und es bräuchte 500 US-Dollar, um sie wieder nach Kambodscha zurückzuholen, so die Agentur. Doch als das Mädchen wieder Zuhause war, hatte sie sich vollständig verändert. Sie litt unter psychischen Problemen, konnte kaum mehr reden, lehnte es ab, Kleidung zu tragen und verhielt sich jedes Mal auffällig, wenn sie Männern begegnete. Bis heute weiß keiner, was ihr in Malaysia widerfahren ist.

Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen kommen zusammen © Central

Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen kommen zusammen © Central

Unsichere Rekrutierungsprozesse

Der Handel mit und die Ausbeutung von Menschen beginnt jedoch oftmals schon mit dem Rekrutierungsprozess selbst. Viele Vermittler*innen sorgen für keine ordnungsgemäße Überführung der Arbeitsmigrant*innen, indem sie die Arbeiter*innen ins Ausland mittels Touristenvisa und ohne Arbeitsgenehmigung schicken. Die Arbeitsmigrant*innen, die meist keine andere Sprache als Khmer sprechen können sowie auch teilweise Analphabeten sind, sind sich der gesetzlichen Vorgaben und ihres illegalen Status im Ausland oft nicht bewusst. Dies macht sie für Ausbeutung sehr anfällig, da den Arbeitgebern in jenen Ländern der illegale Status der Arbeiter*innen meist sehr wohl bewusst ist und sie diesen ausnutzen. So können sie den Arbeiter*innen (wesentlich) weniger zahlen als den Mindestlohn und auch gegen andere gesetzliche Bestimmungen verstoßen wie etwa der Einhaltung der gesetzten Arbeitsstunden und Pausen – stets in dem Wissen, dass die Arbeiter*innen sich nicht beschweren können. Auch hier gibt es konkrete Beispiele: Im April 2018 führte die Organisation Central eine ganze Familie, genauer gesagt vier Arbeiter*innen, darunter ein Kind, aus Malaysia zurück. Die Familie war mittels eines lokalen „Brokers“ nach Malaysia gelangt, der jedoch keine gültigen Arbeitsvisa, sondern nur Touristenvisa für sie bereitgestellt hatte. Folglich war die Familie gezwungen, regelmäßig von einem Ort zum anderen zu ziehen, um dort inoffiziellen und schlecht bezahlten Arbeiten nachzugehen. Zudem waren sie der stetigen Angst ausgesetzt, aufgrund ihres illegalen Status im Land durch die malaysischen Behörden verhaftet zu werden.

Bereits bei der Bezahlung des Rekrutierungsprozesses selbst werden Arbeiter*innen häufig schon ausgebeutet. Gegenwärtig beobachtet Central gemeinsam mit einer thailändischen Gewerkschaft die Rekrutierungsprozesse von Arbeiter*innen in kambodschanischen Provinzen an der Grenze zu Thailand. Jenem Monitoring-Prozess vorangegangen war, dass Arbeiter*innen berichteten, zwischen 600 und 800 US-Dollar für ihren Rekrutierungsprozess zahlen zu müssen. Seitdem Central begann diesen Prozess zu beobachten, stiegen diese Kosten um 185 US-Dollar. Dies lässt vermuten, dass Broker und auch vermeintliche Agenturen sich mehr Geld in die eigene Tasche stecken – aus bis jetzt für die Arbeiter*innen unerklärlichen Gründen.

Bildung von Netzwerken

Eine der geeignetsten Methoden, um gegen jene Formen und Dimensionen von Menschenhandel und Ausbeutung von Arbeitsmigrant*innen vorzugehen, ist die Bildung eines starken Netzwerkes von kambodschanischen Arbeitsmigrant*innen in den unterschiedlichen Entsendungsländern. Netzwerke sorgen dafür, dass Arbeiter*innen Gleichgesinnte habe, mit denen sie kommunizieren, sich austauschen und Probleme teilen können. Hinzu wird ermöglicht, dass über Fälle von Menschenhandel und Ausbeutung besser informiert werden kann, so zum Beispiel bei Führungskräften innerhalb des Netzwerkes, die wiederum diese Informationen an Gewerkschaften, NGOs oder Behörden weiterleiten können.

2015 wurde ein solches Netzwerk unter dem Namen Cambodian Friendship Migrant Workers Association, kurz CFAT, in Kooperation mit der Organisation Central in Thailand gegründet. Das Netzwerk, das informell von regionalen Vertreter*innen geführt wird, umfasst bis heute schätzungsweise 13.500 kambodschanische Arbeitsmigrant*innen in Thailand, die Anzahl ist steigend. CFAT bietet den Arbeitsmigrant*innen Trainings zu Themen wie Rechtslage und sichere Migrationspraktiken an, um ihnen zu helfen, kein Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung zu werden. So werden zum Beispiel die Arbeiter*innen aufgefordert nur mit sicheren, vertrauenswürdigen und offiziellen Agenturen zu migrieren. CFAT erreicht aber nicht nur die direkten Mitglieder. Foren in Dörfern mit (potentiellen) Arbeitsmigrant*innen in den Provinzen entlang der Grenze zwischen Kambodscha und Thailand werden abgehalten, in denen Teilnehmende das gleiche Training erhalten können, wie Mitglieder des Netzwerkes. Diese Teilnehmenden erhalten auch Kontaktdaten des Netzwerkes CFAT sowie auch von Central. Auf diesem Wege soll auch ihnen die Möglichkeit zur Hilfestellung gewährleistet und ein Kontakt gegeben werden, falls sie selbst oder andere in ihrem Umfeld Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung werden.

Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen bei einem Treffen Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen kommen zusammen © Central

Netzwerkbildung soll kambodschanische Arbeiter*innen im Ausland stärken © Central

Die Führungskräfte des Netzwerkes sind letztlich ausgebildet, um Fälle von Menschenhandel und Ausbeutung sowie auch Arbeitskämpfe vor Ort selbstständig anzugehen und zu behandeln. Central steht aber auch als enger Kooperationspartner bei Bedarf unterstützend zur Seite. So etwa im Mai 2018 als das Netzwerk die Organisation im Fall der Ausbeutung von Arbeitsmigrant*innen in einer Plastikfabrik in der thailändischen Provinz Chonburi kontaktierte. Geschätzt 1.000 kambodschanische Arbeitsmigrant*innen haben in dieser Fabrik über Jahre gearbeitet und waren unzähligen Ausbeutungspraktiken ausgesetzt. Ihnen wurden zum Beispiel ihre Ausweisdokumente abgenommen, sie hatten keinen einzigen freien Tag in der Woche, ihnen wurde nicht gesagt, wann sie ihr nächstes Gehalt ausgezahlt bekommen würden und ihnen wurden 500 Thai-Baht (umgerechnet mehr als 14 Euro) pro Fehltag abgezogen. In Zusammenarbeit mit thailändischen Partner-NGOs, Central und dem Labour Office der Provinz Chonburi wurde an diesem Fall gearbeitet, um diese Arbeitswidrigkeiten anzugehen. Nach Verhandlungen mit Arbeiter*innen und dem Management der Fabrik erhielten alle Arbeiter*innen ihre Pässe wieder. Zudem wurden ihnen freie Tage eingeräumt und letztlich die explizite Zwangsarbeit beendet.

Stärkung der Arbeitsmigrant*innen und ihrer Organisation im Ausland

Da die Anzahl an kambodschanischen Arbeitsmigrant*innen im Ausland zusehends steigt, ist es wichtig, dass Arbeiter*innen über ihre Rechte und sichere Migrationspraktiken aufgeklärt werden. Außerdem muss die kambodschanische Regierung versichern, dass Vermittler*innen ordnungsmäßige Dokumente für die Arbeiter*innen bereitstellen, bevor jene ins Ausland entsendet werden. Hinzu müssen Vermittler*innen mit den von ihnen entsandten Arbeiter*innen Kontakt halten, um sicherzugehen, dass sie eben nicht Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung geworden sind oder noch werden. Die kambodschanische Regierung sollte, in Zusammenarbeit mit NGOs, die Bildung von starken Netzwerken von Arbeitsmigrant*innen aus Kambodscha in Entsendungsländern vereinfachen und unterstützen, um Arbeitsmigrant*innen besser schützen zu können, wenn sie fern von ihrer Heimat sind.

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1 | 2019, Kambodscha,
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Kambodschanische Arbeitsmigrant*innen und Netzwerkbildung in Thailand

Laos gilt zwar als einer der letzten sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaaten, doch Arbeiter*innenbewegungen sind dort nicht besonders ausgeprägt – es sei denn, man bezieht sich auf die räumliche Bewegung laotischer Arbeitsmigrant*innen ins benachbarte Thailand. Es gibt in Laos nur eine staatsnahe Gewerkschaft, eine streng regulierte Massenorganisation auf Parteilinie. Organisierte und wilde Streiks wie im Bruderstaat Vietnam sind in Laos äußerst selten. Stattdessen findet sich im Land eine Vielzahl von temporären und informellen Arbeitsverhältnissen, die weit entfernt von gewerkschaftlicher Organisation sind.

 

Es waren bezeichnenderweise vietnamesische Kontraktarbeiter, die in den 1930er Jahren die ersten Arbeitskämpfe auf laotischem Boden gegen die französische Kolonialverwaltung anzettelten. Sie fanden statt in den Zinnminen entlang des Flüsschens Nam Pathaen (Provinz Khammouane), dem damals wichtigstem Bergbaurevier in Laos. Aufgrund lokalen Arbeitskraftmangels hatten die Franzosen tausende vietnamesische coolies rekrutiert und unter widrigen Bedingungen in der Zinnförderung arbeiten lassen.

Noch heute beschäftigen vietnamesische Unternehmen auf ihren laotischen Bergbaukonzessionen größtenteils vietnamesische Arbeitsmigranten, derweil sich die lokale Bevölkerung dem informellen Bergbau (artisanal mining) widmet. Diese Konstellation wirft ein Licht auf die wenig regulierten und vielfältigen Arbeitsverhältnisse in der Laotischen Demokratischen Volksrepublik, wo die Grenzen von Landwirtschaft und Lohnarbeit oft verschwimmen (vgl. Friis, Cecilie & Jonas Ø. Nielsen. 2016. Small-scale Land Acquisitions, Large-scale Implications: Exploring the Case of Chinese Banana Investments in Northern Laos. Land Use Policy 57: 117–29).

Laotische Haushalte zeichnen sich durch komplexe Subsistenzstrategien aus, bei denen landwirtschaftliche Arbeit mit Staatsdienst, temporären und selbstständigen Arbeitsverhältnissen kombiniert und durch Rücküberweisungen aus Thailand ergänzt werden. Am Beispiel der Zinnminen in der Provinz Khammouane (Zentral-Laos) lassen sich einige dieser Verhältnisse untersuchen.

Arbeit in den laotischen Zinnminen

Inmitten von Gestrüpp und Geröll erklingt das Geräusch von Hämmern auf hartem Gestein. Zwei Männer hocken im zerfurchten Gelände der verlassenen Zinnmine von Pontiou im Tal des Flusses Nam Pathaen. Dort hatte vor fast hundert Jahren die französische Société des Études et Éxplorations Minières de l’Indochine ihren Betrieb aufgenommen und eine der ersten größeren Industrien im kolonialen Laos gegründet. Heute sind nur noch leere Gemäuer, eine verfallene Kirche und rostige Maschinenteile zu sehen (nach der kommunistischen Revolution 1975 wurde die Mine noch für einige Jahre von einem laotisch-nordkoreanischen Unternehmen weiter betrieben).

Nun graben die Männer aus dem nahe gelegenen Dorf Ban Muangkhai in den alten Stollen und Schächten nach verbliebenen Erzresten, die zur weiteren Verarbeitung in Plastiksäcke verpackt werden. Diese werden zu den entsprechenden Anlagen einer benachbarten, noch aktiven vietnamesischen Konzession gebracht und an diesen Betrieb verkauft. Derartige Arrangements finden sich bei sämtlichen Konzessionen (alle in vietnamesischer oder chinesischer Hand) im Nam Pathaen-Tal: Die Betreiber dulden den informellen Bergbau der Anrainer, dafür kaufen sie die Erträge zu günstigen Preisen auf und sparen Arbeitskosten. Zwar ein Gegenbeispiel des gängigen Narrativs der Land fressenden Konzessionen, welche die indigene Bevölkerung von ihrer Scholle vertreiben, ist diese Koexistenz für die Dörfer am Nam Pathaen dennoch ein riskantes „Spiel“.

Risiken des informellen Bergbaus

Für die Dörfer entlang des Nam Pathaen ist oberflächlicher Kleinstbergbau seit vorkolonialer Zeit ein wichtiger Bestandteil der Subsistenz. Schon frühe französische Reiseberichte bezeugten lokale Traditionen der Zinnförderung. Heute werden geschätzte 70% des Haushaltseinkommens durch den informellen Bergbau generiert. Der Tageslohn von 40.000 bis 80.000 Kip (je nach Qualität des gelieferten Minerals) liegt über dem gesetzlichen Mindestlohn von 1.200.000 Kip/Monat, wohingegen die spärlichen Gehälter für ungelernte Arbeit – mit langen, Kraft zehrenden Schichten – in den Bergbaubetrieben oft knapp darunter liegen.

Kehrseite der ungeregelten Arbeitsverhältnisse ist jedoch, dass die Betriebe keinerlei Verantwortung für die Arbeitssicherheit der Dorfbewohner übernehmen. Sie gehen ohne Helm mit Flipflops in den Berg, Unfälle sind an der Tagesordnung. Außerdem leidet die Bevölkerung unter den Umweltfolgen des jahrzehntelangen Bergbaus, wie dem Verlust von wertvollen Ackerflächen, Staubbelastung und verschmutzten Wasserläufen. Sie ist gezwungen, Reis, Fisch und Trinkwasser zu kaufen – normalerweise Natur-gegebene Bestandteile ländlicher Subsistenz in Laos. Entsprechend relativiert sich auch das auf dem Papier solide Einkommen der Haushalte im Nam Pathaen-Tal.

Kinderarbeit und Schwermetallbelastung

Ein großes Risiko bedeutet die Schwermetallbelastung des Nam Pathaen vor allem für Kinder, die nach der Schule mit großen Sieben aus Bambusgeflecht die Sedimente nach verbliebenen Mineralen waschen. Als soziales Problem ist neben dieser de facto Kinderarbeit zudem die hohe Arbeitsbelastung der Frauen zu sehen, die neben gelegentlicher Arbeit im Bergbau (z.B. Sortierung und Verarbeitung von Erzen) die Hauptlast der häuslichen Arbeit tragen.

Die prekären Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen werden zudem von den Weltmarktpreisen für Zinn und von der Tragfähigkeit regionaler Netzwerke – beispielsweise mit Zwischenhändlerinnen aus der Provinzhauptstadt Thakhek, die das Metall über Thailand weiterverkaufen – beeinflusst. Lokale Lebensumstände sind unmittelbar mit transregionalen und globalen Dynamiken verknüpft.

Vietnamesische Arbeitsmigration

Bereits die Franzosen hatten in den Boomjahren der 1920er tausende vietnamesische Arbeiter – die sogenannten coolies – in die laotischen Gebiete entlang des Mekong geholt. Noch heute stellen Vietnamesen (und Chinesen, je nach Betreiber der jeweiligen Konzession) den Großteil der Arbeiterschaft im Bergbau und anderen arbeitsintensiven Sektoren der laotischen Wirtschaft. Dies gilt nicht nur für qualifizierte Arbeit, wo es in Laos oftmals am Bildungsstandard mangelt, sondern auch für unqualifizierte Jobs. Die Bevorzugung vietnamesischer Arbeitsmigranten ist zwar gesetzlich beschränkt, ist aber im Bau-, Bergbau- und Plantagensektor gängige Praxis.

Vietnamesische Arbeiter zu beschäftigen bietet den Unternehmen einige Vorteile: Sie sind über lao-vietnamesische Mittelsleute effizient und in großer Zahl rekrutierbar, akzeptieren lange Arbeitstage und widrige Arbeitsbedingungen (da in der Regel aus verarmten Regionen stammend). Sie leben oft in lagerähnlichen Siedlungen auf dem Gelände der Konzession und sind entsprechend gut zu kontrollieren. Wie Ian Baird et al. (Baird, Ian, William Noseworthy, Nghiem Phuong Tuyen, Le Thu Ha & Jefferson Fox. 2018. Land grabs and labour: Vietnamese workers on rubber plantations in southern Laos. Singapore Journal of Tropical Geography) am Beispiel von Kautschukplantagen in Südlaos erläutern, haben vietnamesische Unternehmen in Laos oft ihre eigenen Gesetze und ignorieren rechtliche Vorgaben – die in Laos generell unzureichend implementiert werden.

Zwar wurden in jüngster Zeit einige arbeitsrechtliche Regelungen verschärft, aber die Privilegierung von Unternehmen aus dem „sozialistischen Bruderstaat“ Vietnam hält weiter an. Entsprechend unzufrieden ist die lokale Bevölkerung im laotischen Zinnrevier mit der Arbeitsmarktsituation, allerdings ist das harte Tagewerk der unqualifizierten Arbeiter in den Konzessionen auch nicht besonders attraktiv. Die lokale Bevölkerung bevorzugt die Flexibilität des informellen Bergbaus oder gleich die Arbeitsmigration nach Thailand zur Generierung des Familieneinkommens. Wie auch der Bergbau ist die Migration über den Mekong mit großer Unsicherheit verbunden. Immer wieder enden laotische Migrantinnen in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen oder gar der Prostitution.

Fortgesetzte Abhängigkeit und keine Alternative

Zum chinesischen (bzw. vietnamesischen) Neujahrsfest liefen die Konzessionen auf Sparflamme, da die jeweiligen Unternehmen den Großteil ihrer Arbeiterschaft zum Jahresurlaub in ihre Heimatländer entlassen hatten. Auch in den umliegenden Dörfern wurde das neue Jahr des Mondkalenders von laotisch-vietnamesischen Familien mit lauter Musik und Feuerwerk gefeiert. Vorfahren dieser Familien waren bereits zur Kolonialzeit in den Berg gegangen, in den vietnamesischen Küstenregionen von den Franzosen rekrutiert. Das Unbehangen angesichts neuerer Migrationsdynamiken von Vietnam nach Laos und der damit einhergehenden Konkurrenz teilen alle alteingesessenen Bewohner im Nam Pathaen-Tal. Auch Gerüchte zu neuen, größeren Konzessionen – und drohenden Umsiedlungsmaßnahmen – bereiten den Menschen Sorgen.

Der nai ban (Dorfvorsteher) von Ban Muangkhai beschwerte sich im Gespräch mit dem Autor (Februar 2019) zudem über den Damm eines Sickerbeckens, der den Lauf des Nam Pathaen in der aktuellen Trockenzeit zum Erliegen brachte. Seitens der chinesischen Konzession am Oberlauf erntete er und andere Dorfvorsteher nur Achselzucken (bzw. beschwichtigende Geldkuverts und Kleinspenden für lokale Schulen und Tempel). Ein alternatives Szenario zu einer Großkonzession nannte er ebenfalls: Die drohende Erschöpfung der lokalen Zinnreserven. Vorerst scheint es jedoch bei der Abhängigkeit der Dorfbevölkerung – auch mangels an alternativen livelihoods jenseits der Arbeitsmigration nach Thailand – vom Bergbau zu bleiben, mit den entsprechenden Risiken und Unwägbarkeiten.

 

Zum Weiterlesen:

  • Lahiri-Dutt, Kuntala, Kim Alexander & Chansouk Insouvanh. 2014: Informal mining in livelihood diversication: mineral dependence and rural communities in Lao PDR. South East Asia Research 22/1: 103-122.
  • Molland, Sverre. 2017. Migration and Mobility in Laos. In Changing Lives in Laos – Society, Politics, and Culture in a Post-Socialist State, ed, Vanina Bouté & Vatthana Pholsena, 327-349. Singapore: NUS Press.
  • Phouxay, Kabmanivanh. 2017: Patterns and Consequences of Undocumented Migration from Lao PDR to Thailand. In Changing Lives in Laos – Society, Politics, and Culture in a Post-Socialist State, ed. Vanina Bouté & Vatthana Pholsena, 350-373. Singapore: NUS Press.
  • Tappe, Oliver. 2019. Patterns of Precarity: Historical Trajectories of Vietnamese Labour Mobility. TRaNS: Trans–Regional and –National Studies of Southeast Asia doi:10.1017/trn.2019.1

 

Disclaimer: This research has received funding from the European Union’s Horizon 2020 research and innovation programme under grant agreement N°770562 (CRISEA)

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