1 | 2021, Indonesien,
Autor*in:

Covid-19 und das Omnibusgesetz in Indonesien

“Omnibus bringt den Virus, viele Abgeordnete sind Ratten“ (= korrupt)“ © Yuli/KPRI

Indonesien: Die Regierung nutzte Covid-19, um das umstrittene Omnibusgesetz durchzupeitschen. Zwar verhinderten Massenproteste das Gesetz nicht, doch sie sensibilisierten die Bevölkerung. Die Auseinandersetzungen repräsentieren eine Verschärfung des Klassenkampfes in Zeiten der Pandemie.

Als er im Oktober 2019 zur zweiten Amtszeit vereidigt wurde, verkündete Präsident Joko Widodo (Jokowi) seine Pläne für ein Sammelgesetz zur Schaffung von Arbeitsplätzen (Undang-Undang Cipta Kerja, auch Omnibusgesetz genannt), mit dem er das Problem der Massenarbeitslosigkeit in den Griff bekommen wolle. Diese sei vor allem ein demographisches Problem, da durch geburtenstarke Jahrgänge eine Überschussbevölkerung im produktiven Alter entstanden sei, die die Wirtschaft nicht aufnehmen könne. Das Omnibusgesetz würde viele Klauseln aus verschiedenen Gesetzen streichen, die die Schaffung von Arbeitsplätzen behinderten. Es ist Teil der Gesamtstrategie Indonesiens Vision 2045, die das Land zu den fünf größten Wirtschaftsmächten der Welt machen soll.

Das Omnibusgesetz ist eine neoliberale Antwort auf eine Strukturkrise des Kapitalismus. 2018 prognostizierte die Weltbank eine Verlangsamung des Weltwirtschaftswachstums, eine Verlangsamung der globalen Nachfrage nach Rohstoffen, und, damit verbunden, eine neue Verschuldungskrise. Als Lösung empfahlen die Weltbank und der IWF eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit durch eine weitere Liberalisierung des Handels, Kostensenkungen und eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Diese Maßgaben versuchte die Jokowi-Regierung 2019 durch ein neues Arbeitsgesetz und ein neues Landgesetz umzusetzen, die beide eine Deregulierung zu Gunsten des Kapitals zum Ziel hatten. Damals scheiterten die Gesetze aber an einer breiten Opposition von Arbeiter-, Bauern- und Studentengewerkschaften sowie Organisationen der Zivilgesellschaft.

Omnibusgesetz

Arbeiter*innen protestieren gegen das Omnibusgesetz © Yuli/KPRI

Klassenkampf von oben

Das Omnibusgesetz wurde als Arbeiter*innen-freundliche Maßnahme zur Schaffung von Arbeitsplätzen verkauft. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es stellt eine Verschärfung des Klassenkampfes im Interesse der kapitalistischen Klasse und gegen die Allgemeinheit dar. Ich verwende den Begriff Allgemeinheit anstelle von Arbeiterklasse, weil das Omnibusgesetz die Existenzgrundlage von Arbeiter*innen, Kleinbäuer*innen, Indigenen und Kleinbürger*innen vernichten wird. Im Arbeitsrecht bedeuten die Veränderungen, dass Kapitalisten ihre Arbeiter*innen nach Zeitarbeit und Akkord bezahlen können und sie nach Gutdünken heuern und feuern können. Die Höchstgrenze für Beschäftigte in Zeitverträgen wird abgeschafft und die Abfindung im Falle von Entlassungen deutlich reduziert. Diese Flexibilisierung des Arbeitsrechtes wird die Verhandlungsposition der Arbeiterklasse schwächen und die wohlfahrtsstaatliche Absicherung abschaffen. Die Konsequenzen werden ein sinkender Lebensstandard, eine höhere Ausbeutung und eine größere Unsicherheit sein.

Die Verschärfung des Arbeitsmarktgesetzes muss im Kontext der weit reichenden Deregulierungen, die das Omnibusgesetz im Agrargesetz und zahlreichen anderen Gesetzen und Verordnungen zu Gunsten des Kapitals vornimmt, betrachtet werden. Fast alle Wirtschaftsbereiche werden für ausländisches Kapital geöffnet und verschiedene steuerliche und andere Vorteile für das Großkapital gewährt. Viele Kleinst-, Klein- und Mittelunternehmen werden im verschärften Konkurrenzkampf untergehen. Auf dem Land wird es für Großunternehmen leichter, an Landkonzessionen zu kommen und auch Wald zu erwerben und in Plantagen umzuwandeln. Diese Politik wird Kleinbäuer*innen und Indigene gefährden. Landgrabbing und die Industrialisierung von Agrarland werden für sie eine Verarmung, den Verlust von Landrechten und eine Proletarisierung bedeuten. Allerdings ist die Proletarisierung in der Dritten Welt immer unvollständig, so dass die Bäuer*innen und Indigenen die relative ‚Überschussbevölkerung’ vergrößern und als informelle Arbeiter*innen oder Arbeitslose enden.

Widerstand gegen ‚die Katastrophe’

Der Widerstand gegen das Omnibusgesetz begann schon einige Tage nach der Rede Jokowis. Aktivist*innen war es sofort klar, dass das Omnibusgesetz ein Mittel ist, die Vorherrschaft der polit-ökonomischen Oligarchen in Indonesien durch die Vertiefung der neoliberalen Reformation in Indonesien zu stärken. Sie nannten das Gesetz Cilaka – ein Akronym des ursprünglichen Namens des Gesetzes Cipta Lapangan Kerja. Cilaka heißt zugleich Katastrophe.

Anfang 2020 zeigten die Proteste Wirkung. Das Gesetz sollte durch Konsultationen mit Gewerkschaften und Zivilgesellschaft revidiert werden. Doch dann wurde die befürchtete Wirtschaftskrise Realität und durch die Covid-19-Pandemie noch verschlimmert. Im zweiten Quartal 2020 schrumpfte die Wirtschaft um 5,3 Prozent. Besonders betroffen waren Sektoren wie Tourismus, Finanzmärkte, Transport, Bergbau, Bauwirtschaft, Autoindustrie und viele kleine und Kleinstbetriebe. Die offiziellen Arbeitslosenzahlen stiegen bis Mitte 2020 auf fast vier Millionen. Die Regierung nutzte nun die ökonomische Situation und die steigende Arbeitslosigkeit, um das Omnibusgesetz zu rechtfertigen und im Schnellverfahren durchzupeitschen. Anfang Oktober 2020 wurde das Gesetz vom Parlament verabschiedet.

Omnibusgesetz

Studierende und Arbeiter*innen protestieren gemeinsam © Yuli/KPRI

Jetzt explodierten die Proteste auf der Straße. Fast alle soziale Bewegungen, wie zum Beispiel Arbeitergewerkschaften, Studentenorganisationen, Bauerngewerkschaften, Gewerkschaften der städtischen Armen und weitere Organisationen der Zivilgesellschaft positionierten sich gegen das Omnibusgesetz. Sie gründeten viele Allianzen auf nationaler (lies: die Allianz, die um Jakarta herum angesiedelt ist) und lokaler Ebene. Die Indonesische Volksfraktion (Fraksi Rakyat Indonesia, FRI) war das größte multisektorale nationale Bündnis und umfasste unter anderem Gewerkschaften, zivilgesellschaftliche Organisationen, Bauern- und Studierendenvereinigungen, Organisationen der städtischen Armen. Die Bewegung der Arbeiter für die Gesellschaft (Gerakan Buruh untuk Masyarakat, Gebrak) war eine multisektorale Organisation aus Arbeiter*innen, Zivilgesellschaft, Studierenden, Bäuer*innen und Jugendlichen. Ein weitere Bündnis, die Allianz gegen das Omnibusgesetz (Aliansi Tolak Omnibus Law, ATOS) bestand vor allem aus Gewerkschaften mit einer islamistischen Ausrichtung. Dazu kamen viele lokale Bündnisse. Obwohl die Studierenden bei den Massendemonstrationen vom 6. bis 8. Oktober 2020 die größte Gruppe darstellten, war die Arbeiter*innenbewegung der Dreh- und Angelpunkt des Widerstands.

Die Gefahr von Rechts

Rechte und faschistische Gruppen versuchten, die Stimmung gegen das Omnibusgesetz für ihre Agenda zu missbrauchen. Am 13. Oktober 2020 führten islamische politischen Gruppen eine nationale Demonstration durch. Sie nannten sich die Nationale Anti-kommunistische Allianz (Aliansi Nasional Anti Komunis, ANAK NKRI), die von der 212 Alumni Bruderschaft (Persaudaraan Alumni 212 oder PA 212) angeführt wurde, die eine große Rolle bei der Inhaftierung von Jakartas früherem Gouverneur Basuki Tjahaja Purnama wegen angeblicher Blasphemie gespielt hatte. In ihrer Demonstration forderten sie die Annullierung des Gesetzes, das sie als „Komplott chinesischer Kommunisten“ darstellten. Sie nutzten die Demonstration auch dazu, die Kritik an der Staatsideologie der Pancasila, die zurzeit verstärkt institutionalisiert werden soll und gerade für linke Ideen eine Gefahr darstellt, in eine islamistisch-fundamentalistische Richtung umzudeuten.

Omnibusgesetz

„Entschlossen zu Fall bringen“ © Yuli/KPRI

Strategien der linken Bewegung

Nach der Demonstration am 6. und 8. Oktober 2020 verfolgten die verschiedenen Strömungen der Bewegung unterschiedlichen Strategien. Die ‚gemäßigten’ Gewerkschaftsföderationen wie KSPI, KSBSI, und KSPSI versuchten, einige Paragraphen im Gesetz durch das Verfassungsgericht aufheben zu lassen. Diese betrafen jedoch nur die Interessen der Industriearbeiter*innen, nicht aber die der Kleinbäuerinnen, der städtischen Armen und der indigenen Bevölkerung. Diese Strategie wurde von linken Gruppen kritisiert. Erstens war die Chance, eine Klage vor dem Verfassungsgericht zu gewinnen, gering. Zweitens würde diese Strategie dazu führen, dass die fortschrittliche Bewegung in der Falle der prozeduralen Demokratie gefangen bleibe. Dies würde die Mobilisierung, politische Bildung und Organisierung der Massen einschränken und somit den Fortschritt der Bewegung. Allerdings hatten linke Gruppen zur gleichen Zeit keine alternative Strategie.</p

Einige linke Gruppen und zivilgesellschaftliche Organisationen haben versucht, das Omnibusgesetz mit der ‚Gesundheitskrise’ durch eine Kampagne für soziale Sicherheit zu verknüpfen. Die Konföderation der Bewegung des Indonesischen Volkes (Konfederasi Pergerakan Rakyat Indonesia, KPRI) führte zusammen mit mehreren zivilgesellschaftlichen Organisationen eine Kampagne für Jamesta (Jaminan Pendapatan Dasar Semesta), ein Konzept, das an das Universelle Grundeinkommen angelehnt ist.

Niederlage und Erfolge

Man muss eingestehen, dass das Omnibusgesetz ein Erfolg für die kapitalistische Klasse ist. Trotzdem können wir nicht sagen, dass die ‚gemeinsame Bewegung’ gescheitert ist.

Erstens konnte der Zusammenschluss zwischen Arbeiter*innen, Studierenden, Kleinbäuerinnen und weiteren Bevölkerungsgruppen nach der #ReformasiDikorupsi-Bewegung im September 2019 nun zum zweiten Mal in der Ära nach der Neuen Ordnung [bezeichnet die Zeit der Suharto-Diktatur 1965 – 1998, d.R.] eine große Masse versammeln. Das ist ein großer Erfolg, denn er wurde trotz vieler Einschränkungen und Demonstrationsverbote, die Regierung und Polizei aufgrund der Pandemie verfügten, durchgesetzt. Ohne diese Beschränkungen wäre die Anti-Omnibus-Gesetz-Bewegung vielleicht die größte seit Reformasi [bezeichnet die Zeit der politischen Reformen nach Suhartos Rücktritt 1998] geworden.

Zweitens konnten die Anti-Omnibus-Argumente ‚unpolitische’ Menschen beeinflussen, die selten über Politik reden. Während der Proteste konnte man viele Menschen finden, die über die Folgen des Gesetzes im ‚echten’ öffentlichen Raum und in den sozialen Medien (zum Beispiek Instagram, TikTok, Twitter) sprechen. Einige TikTok-, Instagram- und Twitter-Promis äußerten ihre Ablehnung gegen das Omnibusgesetz . Außerdem schlossen sich viele zuvor ‚unorganisierte’ Menschen der Protestbewegung an, um ihre Ablehnung gegen die Maßnahmen zu äußern.

Drittens: Obwohl die intoleranten islamischen Gruppen immer noch besser in der Lage sind, nationale und lokale Gesetze und Politiken zu beeinflussen, zeigten die Demonstrationen gegen das Omnibusgesetz, dass eine breite Bewegung der Massenmobilisierung den intoleranten islamistischen Gruppen und den erstarkenden rechten Gruppen etwas entgegen setzen kann.

Übersetzung aus dem Englischen von: Oliver Pye

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2021, Indonesien,
Autor*in:

Covid-19 und das Omnibusgesetz in Indonesien

Europa/Asien: In „Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat“ beleuchtet der Evolutionsbiologe Rob Wallace eine entscheidende Dimension der aktuellen Virusdiskussion: die kapitalistische Ausbeutung der Natur.

„Seuchen gehören zur Geschichte der Menschheit und sie haben ihre Spuren hinterlassen.“ Diese Aussage aus einem aktuellen Werbespot für WDR5 würde der Evolutionsbiologe Rob Wallace sicher kritisch kommentieren und ergänzen. Legt der genannte Satz doch nahe, Seuchen und Pandemien stellten naturgegebene und unbeeinflussbare Ereignisse in der Evolution der Menschheit dar. Seuchen begleiten die Menschheit, seit sie sesshaft geworden ist. Doch zumindest, was die Pandemien seit Beginn des industriellen Zeitalters angehe, seien diese „Menschen gemacht“, argumentiert Wallace in Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat. Sie seien zwangsläufige Folgen der kapitalistischen ‚In-Wertsetzung‘ und ungebremsten Ausbeutung natürlicher Ressourcen und der damit verbundenen Produktionsweisen.

Ein unbequemer Denker

Rob Wallace ist Evolutionsbiologe und spezialisiert auf Virologie. Er hat im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere unter anderem für die UN und die US-Gesundheitsbehörden gearbeitet. Der vorliegende Band vereint neun seiner Aufsätze aus den Jahren 2007 bis 2020 mit durchaus diversem Fokus und sehr unterschiedlicher Länge und Gedankentiefe. Allen gemein ist aber die grundsätzliche Kritik am neoliberalen Kapitalismus und der dahinter stehenden Akteure. Anders als es der Titel vermuten lässt, reichen sie weit über das derzeitige Pandemiegeschehen hinaus. Gemeinsam gelesen, stellen sie aus einem epidemiologischen Blickwinkel eine grundsätzliche Reflexion und Kritik unserer derzeitig vorherrschenden neoliberalen oder staatskapitalistischen Lebensweise und ihrer Folgen dar.

In einem Beitrag warnte Wallace bereits 2009: „Das Establishment scheint bereit zu sein, einen Großteil der weltweiten Produktivität aufs Spiel zu setzen, die katastrophal einbrechen wird, wenn zum Beispiel in Südchina eine tödliche Pandemie ausbricht – von Millionen Menschenleben einmal abgesehen.“ Von der biologischen Epidemiologie ausgehend haben Wallace im Laufe seines Schaffens immer mehr die sozialen und ökonomischen Komponenten von Epidemien interessiert. Er wollte eine ‚politische Virologie’ schaffen. Dazu hat er sich insbesondere mit der kapitalistischen Umformung und Aneignung von Natur durch die globale Agrar- und Lebensmittelindustrie befasst und diese scharf kritisiert.

Offensichtlich ist er dabei auf wenig offene Ohren gestoßen. Mittlerweile scheint er sich aus der Rolle des warnenden Forschers zurückgezogen und einem eher lösungsorientierten Ansatz zugewandt zu haben: Heute leitet er das Agroecology and Rural Economics Research Corps, eine Initiative, die ökologische landwirtschaftliche Methoden erforscht und umsetzt.

Seuchen als Teil des globalen Kapitalismus

Seit Ausbruch der Covid 19-Pandemie hat es nicht an Hinweisen darauf gefehlt, dass Klimawandel und Artensterben wesentlich für die Entstehung und Ausbreitung solcher Seuchen mit verantwortlich seien und sie geradezu förderten. Rob Wallace als politisch linkem Naturwissenschaftler und Theoretiker gelingt es aber, tiefer zu den Ursachen solcher verheerenden Ereignisse vorzudringen. Konsequent macht er dafür eine Politik und eine Wirtschaftsweise verantwortlich, die allein auf Gewinnmaximierung und billige Produktion orientiert seien. Gesundheitssysteme, in denen Gesundheit als profitable Ware gesehen werde, würden für die Profiteure ‚gesund’, für die Allgemeinheit ‚krank gespart’.

Internationalen Institutionen fehle das notwendige Geld – und oft der Wille –, eine sinnvolle Seuchenvorsorge zu ergreifen, so Wallace. Wirtschaftsunternehmen trieben durch die skrupellose Ausbeutung der ‚Ressource Welt’ Häufigkeit und Schwere epidemischer Ausbrüche immer weiter voran. Wallace fügt damit der gängigen Kritik neoliberaler Wirtschaft und Politik eine weitere gesellschaftliche Dimension hinzu, die direkte Rückwirkung weltweit hat und deren Kosten die Allgemeinheit trägt – wie wir an Covid 19 schmerzlich erfahren.

Neoliberaler Kapitalismus und der Globale Süden

Viele der von Wallace dargestellten Beispiele beziehen sich auf Afrika (Ebola und MERS) oder China (SARS, Vogel- und Schweine-Grippe), lassen sich aber sehr leicht auf die Gegebenheiten in Südostasien übertragen. Interessanterweise sah auch ein 2012 vom deutschen Robert-Koch-Institut durchgespieltes Seuchenausbruch-Szenario den Ursprung der Pandemie in Südostasien.

Insbesondere im zweiten Artikel des Bandes Wie entstand die Vogelgrippe finden sich explizit viele Hinweise auf Südostasien, vor allem auf Thailand. Wie überall in der Welt führt die alleinige Orientierung (der Wirtschafts- und Polit-Eliten) an den ‚Four Cheaps‘ (billige Nahrungsmittel, Arbeitskräfte, Energie und Rohmaterialien) bei gleichzeitiger Gewinnmaximierung auch in Südostasien zu Raubbau an der Natur, zu Monokultisierung und Massentierhaltung. So wie Wallace dies für Südchina beschreibt, führen auch in den aufstrebenden Ländern Südostasiens die Orientierung am westlichen Kapitalismus und seinem Lebensstil zu rapider Verstädterung, Proletarisierung der ländlichen Bevölkerung und schließlich zur Schaffung einer länder- und produktübergreifend vernetzten Agrarindustrie, die sich gleichzeitig den Begehrlichkeiten globaler Großkonzerne öffnet.

Ländliche Selbst- oder Regionalversorgungsstrukturen gehen verloren und weichen Monokulturen von Palmöl oder Mais sowie Massentierhaltung zum Beispiel von Geflügel oder Schweinen. Dies geht einher mit dem Anwachsen von Megastädten mit ihren slumartigen Auswüchsen sowie Desakotas [aus dem Indonesischen von desa = Dorf, kota = Stadt, d.R.], jenen Gebieten im Umland von Großstädten, wo sich urbane und landwirtschaftliche Nutzungs- und Siedlungsformen mischen, und dem damit einhergehenden zunehmenden menschlichen Vordringen in die verbliebenen artenreichen Naturlandschaften.

Cash Crops – Agrar- und Seuchenproduktion für den Weltmarkt

All dies beschreibt der Autor als ideale Brutstätten für neue Viren und deren Übersprung von Tieren auf Menschen, den Zoonosen: Wo Wildtiere sich wegen des Verlusts ihres Lebensraums mit Mengen von Nutztieren mischen, wo genetisch immer ähnlichere Zuchttiere unter den katastrophalen Bedingungen der Massentierhaltung immungeschwächt leben und wo diese Tiere ständig den Ort über weiter Entfernungen wechseln, da ‚jubeln‘ gleichsam Bakterien und Viren. Das massenhafte Vorhandensein geschwächter Wirtstiere, zu denen später auch Gelegenheitsarbeiter zählen, ermöglicht nicht nur eine rapide Ausbreitung, auch über weite Entfernungen hinweg, sondern ist der ideale Entstehungsort für immer neue, angepasstere Mutationen, auch solcher, die schließlich die Mensch-/Tier-Schranke überwinden. Weltweite Mobilität, Megastädte und ein zugrunde gespartes Gesundheitssystem sind die weiteren Zutaten für eine ‚Menschen gemachte’ und von Menschen verbreitete Pandemie.

Nicht zuletzt durch die ‚entwicklungspolitischen‘ Interventionen von WTO, IWF und Weltbank gleichen sich die Produktionsweisen in Südostasien immer mehr denen an, die Wallace für Südchina beschreibt und die ihren Ursprung in den westlichen Industriestaaten haben. Selbst in den entlegenen Bergregionen Nordthailands oder Vietnams wird der ländlichen Bevölkerung, die oft ohne Landbesitzrechte und häufig Mitglieder ethnischer Minderheiten sind, die Produktion für den Weltmarkt beinahe aufgezwungen. In- und ausländische Agrar- und Lebensmittelkonzerne mit einer vertikal durch die gesamte Vermarktungskette aufgestellten ‚Produktpalette‘ verkaufen den Bauern nur einmal einsetzbare Hybrid-Samen oder -Küken, die nur mit den ebenfalls mitverkauften Dünge-, Pflanzenschutz- oder tiermedizinischen Mitteln gedeihen und versprechen den Rückkauf der ‚Ernte‘ – allerdings zu nicht kalkulierbaren Preisen. Mais dient zum Beispiel nur als Futtermittel in der Massentierhaltung zur Befriedigung der wachsenden Fleischnachfrage der Mittel- und Oberschicht. Dafür wird eigener Reisanbau oder kleinteilige Hoftierhaltung aufgegeben und wertvoller subtropischer Wald vernichtet. Es bleiben flächendeckend Monokulturen und erodierende Landschaften.

Auch Konzerne aus Südostasien beuten die Natur aus

Ein gutes Beispiel hierfür ist der thailändische Konzern CP (Charoen Pokhand), der inzwischen der viertgrößte Hersteller von Hühnerfleisch mit Standorten in China, Malaysia, Indonesien, Vietnam und Indien ist. Von Saatgut, Dünger, Pestiziden über den Rück- und Weiterverkauf der Futtermittel an Tochterfirmen im Geflügelmastbereich bis hin zu Fastfood-Ketten in Südostasien bedient er inzwischen die gesamte Gewinnschiene. Greenpeace Southeast Asia hat dies 2018 in dem Report From Maize to Meat beschrieben und angeprangert (Daniel Hayward: From Maize to Meat: Placing maize production in Thailand within a global poultry value chain. May 2018. Greenpeace, Southeast Asia, Thailand). Ähnliche Praktiken und vergleichbare Konzerne lassen sich in ganz Südostasien ausmachen. Monokulturen für Nutzpflanzen von Mais bis Palmöl und Massentierhaltung sind inzwischen überall verbreitet, oft Hand in Hand mit Landgrabbing, Abholzung. Dazu kommt Landdvernichtung durch Schürfrechte für Rohstoffgewinnung. Die Folgen für die Seuchenentstehung und -ausbreitung beschreibt Wallace ausführlich in seinen Aufsätzen.

Dabei beuten nicht nur die wirtschaftlich ‚weiter‘ entwickelten Schwellenländer Südostasiens durch solche Praktiken die noch ärmeren aus. Denn neben den bekannten westlichen Konzernen wie zum Beispiel Monsanto, Bayer, Unilever, Nestle sind inzwischen auch etliche Konzerne aus Südostasien weltweit an der postkolonialen Wertabschöpfung von Natur beteiligt. So sind etwa das malaysische Palmölunternehmen Sime Darby oder das indonesische Golden Veroleum an Landgrabbing in Afrika massiv beteiligt. Noch perfider und ganz aktuell ist, dass der zurzeit als Covid-19-Impfstoff-Hoffnungsträger gehandelte Konzern Johnson & Johnson gleichzeitig aktiv an der Regenwaldzerstörung durch Palmölanbau beteiligt ist – und Mitfinanzier von Studien zur Seuchenbekämpfung. Besser lässt sich kaum an allen Enden der Wertschöpfungskette verdienen.

Der Ausweg – eine andere Landwirtschaft

Entsprechend seiner jetzigen Tätigkeit sieht Rob Wallace den einzigen Ausweg aus einer immer schnelleren Folge von Epidemien in einer anderen Landwirtschaft und letztlich in der Aufgabe kapitalistischer Weltaneignung. Kleinteilige, regionale Nahrungsmittelproduktion ohne übermäßigen Chemieeinsatz, kurze Transportwege, geringerer Fleischkonsum und qualitativ hochwertigere Nahrung – Forderungen, die auch die weltweite biologische Landwirtschaftsbewegung erhebt. Nur eine solche Produktionsweise, verbunden mit genetischer Vielfalt der Arten erhalte das Wechselspiel und das notwendige Gleichgewicht zwischen Mikroorganismen und Säugetieren, zu denen auch der Mensch zählt.

Die Artikel von Rob Wallace – und das ausgezeichnete Vorwort von Martin Becker, der die Artikel mit hilfreichen Kommentaren und Erläuterungen versehen hat – öffnen die Augen für eine ganz andere, grundlegende Dimension des brandaktuellen Seuchenthemas und weisen darüber hinaus auf die grundlegende Krise des Kapitalismus hin. Die Frage, ob tatsächlich wir Menschen die Welt ‚beherrschen’ oder ob Bakterien und Viren dies tun, lässt Wallace offen.

Rezension zu: Rob Wallace. Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat. 2020. PapyRossa Verlag. 207 Seiten.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz