2 | 2021, Interviews, Vietnam,
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„Prinzip der Gleichheit und Gegenseitigkeit“

Vietnam Außenpolitik

Vietnam nimmt auf internationaler Ebene zunehmend eine aktive Rolle ein. Dazu gehört auch die Ausrichtung von Konferenzen, wie der von UN Women in Hanoi im Dezember 2020 © UN Women Asia and the Pacific, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

Vietnam: Bis in die 80er Jahre war Vietnams Außenpolitik geprägt von der Blockbildung im Kalten Krieg. Inzwischen sind wirtschaftliche Liberalisierung und Multilateralismus die Leitlinien. Im Interview erläutert der Südostasienwissenschaftler Pham Quang Minh die diplomatischen Strategien Vietnams

Wie würden Sie die internationalen Beziehungen Vietnams beschreiben?

Die vietnamesische Außenpolitik lässt sich in die Periode vor und die Periode nach 1986 einteilen. Vor 1986, das heißt vor Đổi mới (Reformen der wirtschaftlichen Liberalisierung), war die Politik vom so genannten Modell der ideologischen Konfrontation geprägt, weil Vietnam Mitglied des kommunistischen Blocks im Kalten Krieg war. Aber seit der Einführung von Đổi mới 1986 verlagerte sich der Fokus vietnamesischer Außenpolitik auf nationale Interessen. Vietnam verfolgt nun eine Außenpolitik des Multilateralismus und der Diversifizierung.

Unser Interviewpartner:

Prof. Dr. Pham Qang Minh, Südostasienwissenschaftler und Leiter der Development Studies an der Universität für Geistes- und Sozialwissenschaften © privat

Der Südostasienwissenschaftler Professor Dr. Pham Quang Minh leitet die Development Studies an der Universität für Geistes- und Sozialwissenschaften unter dem Dach der Nationalen Universität Vietnams in Hanoi. Nach seiner Promotion an der Humboldt-Universität in Berlin folgten Lehraufträge in zahlreichen Ländern, unter anderem am Pomona College (USA), SciencePo (Frankreich), Waseda University (Japan) und an der Chulalongkorn Universität (Thailand). Sein Hauptinteresse gilt den internationalen Beziehungen der Staaten des Asien-Pazifik-Raums und Vietnams Außenpolitik. Bis 2020 war er Rektor der Universität für Geistes- und Sozialwissenschaften, widmet seine Zeit nun aber wieder der Forschung und Lehre.

Multilateralismus ist eine Politik, durch die Vietnam Beziehungen zu allen Staaten aufbaut und fördert, ohne auf den politischen oder ideologischen Hintergrund zu achten. Zum Beispiel mit den USA, Frankreich oder Japan – die zuvor allesamt Vietnam-feindliche Kräfte waren. Vietnam ist im Rahmen des Multilateralismus außerdem ein proaktiver Spieler mit Verantwortung und Mitglied vieler internationaler Organisationen geworden, einschließlich der Vereinten Nationen (VN, 1997), ASEAN (1995) und später sogar der WTO (2007). Zudem wurde Vietnam ein nicht-ständiges Mitglied im Sicherheitsrat der VN und schickte Truppen zur VN-Friedensoperation im Südsudan.

Welches Interesse steckt hinter dieser engagierten Strategie Vietnams?

Ich denke, es sind die reziproken internationalen Beziehungen. Man leistet einen Beitrag für andere als Mitglied der internationalen Gemeinschaft, sodass man auch bei eigenen Problemen unterstützt wird. Das ist das so genannte Prinzip der Gleichheit und Gegenseitigkeit. Zudem denke ich, dass Vietnam auf seine Entwicklungsstärke angewiesen ist. Seit 1986 gab es große Fortschritte in der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Stärke des Landes ist eine Kombination aus wirtschaftlicher Stärke und politischem Konsens. Vietnam versucht auch, ein konstruktiver Akteur in der Welt zu sein, indem es zur Stabilität, zum Frieden und zum Fortschritt beiträgt. Ich denke, es ist eine sehr neue Wahrnehmung der vietnamesischen Führung und ihrer Rolle. Ein Staat kann nicht isoliert sein und ich denke, Vietnam hat erkannt, dass es als Mitglied der internationalen Gemeinschaft eine proaktive Außenpolitik betreiben sollte.

Der Friedensschluss zwischen China und Vietnam wird, wie hier im südchinesischen Nanning 2010, oft zelebriert. Dennoch bleiben Konfliktpotenziale bestehen, wie zum Beispiel im Südchinesischen Meer. © Timquijano, Flickr, CC BY 2.0

Wie gestaltet sich Vietnams Beziehung zu China?

Vietnam identifiziert die Beziehung zu China als umfassende strategische Partnerschaft. China ist einer der wichtigsten Partner von Vietnam und dessen größter Handelspartner. Das Problem ist nur, dass Vietnam ein Defizit beim Import hat. Aber Vietnam und China haben viele Gemeinsamkeiten, beispielsweise besitzen beide das gleiche Einparteiensystem. Die jeweilige kommunistische Partei verfügt über die Regierungsmacht und wirtschaftlich haben beide Länder die gleiche Transformation von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft durchlebt. Auch im soziokulturellen Bereich gibt es gemeinsame Werte, wie den Konfuzianismus und die so genannten asiatischen Werte. Dennoch gibt es ein Streitthema: die Souveränität im Südchinesischen Meer. Beide Länder beanspruchen dieses Territorium, einschließlich der Paracel- und der Spratly-Inseln, für sich. Dort ist die Situation im Moment sehr angespannt, da an den Spratly-Inseln 200 Fischerboote aus China an einem Felsen konzentriert sind. Auf der anderen Seite hat der Verteidigungsminister von China vor kurzer Zeit Vietnam besucht.

Vietnam verwendet die Begriffe đối tác (Partnerschaft) und đối tượng (Objekt des Konflikts). Zusammen bedeutet dies, dass die Kommunistische Partei versucht, in China, den USA oder anderen Staaten nach Partnerschaften zu suchen, nach der positiven Seite. Aber sie vergisst auch nicht die negative Seite, das Objekt des Konflikts. China ist beides. Es gibt Versuche, die Partnerschaft zu fördern, während der Streit weitergeht. Heutzutage gibt es keine so klar umrissene Politik zwischen Feind und Freund wie im Kalten Krieg. Die Beziehung zwischen beiden Staaten ist geprägt von der Beziehung von Partei zu Partei, von Staat zu Staat und von Menschen zu Menschen. Diese drei Ebenen bestehen bis heute. Daher denke ich, dass es für Vietnam am wichtigsten ist, gute Beziehungen zu China zu pflegen.

Viele ausländische Besucher*innen sind überrascht, dass es in Bezug auf die USA keine Konfrontation wegen des US-Vietnam-Krieges gibt. Welche Rolle spielen die USA heute für Vietnam?

Die USA sind heutzutage sehr wichtig für Vietnam. 2013, als der vietnamesische Präsident die USA besuchte, unterzeichneten beide Seiten ein Abkommen über eine umfassende Partnerschaft. Es bezieht alle Aspekte der Zusammenarbeit ein, von der politischen über die wirtschaftliche bis hin zur soziokulturellen. Die USA wurden zu einem der wichtigsten Zielländer für den vietnamesischen Export und sind ein sehr großer Handelspartner. Politisch haben beide Seiten ein sehr gutes, vertrauensvolles Verhältnis, obwohl es Differenzen beispielsweise zum Erbe des Krieges, Freiheit oder Menschenrechten gibt. Trotz der kleinen Differenzen haben beide Staaten letztes Jahr, als sie das 25-jährige Jubiläum ihrer Beziehung feierten, den großen Fortschritt in der gemeinsamen Entwicklung bestätigt. Es gibt keinen Zweifel an einer gemeinsamen Zukunft.

Vietnam Außenpolitik

Der per Handschlag beschlossene Friedensschluss zwischen dem nordkoreanischen Staatsführer Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump: Eines der Ereignisse, das von vielen Vietnames*innen als positives Ergebnis US-amerikanischer Außenpolitik gewertet wurde. © Julia Behrens

Welchen Einfluss hat der Regierungswechsel in Washington?

Natürlich könnte es ein Problem werden, dass die USA ihre Strategie gegenüber dem asiatisch-pazifischen Raum ändern. Vom Pivot unter Präsident Obama zur freien und offenen Indo-Pazifik-Strategie unter Präsident Trump. Derzeit fragen sich die Menschen in Bezug auf den neu gewählten Präsidenten Joe Biden immer noch, was als nächstes kommen wird. Wie gestaltet sich die Position der USA in Asien unter ihm? Wie positioniert sich die USA gegenüber China? Aber eines steht fest: Die USA und Vietnam haben ein gutes Verhältnis, das auf dem Fundament einer 25-jährigen Beziehung beruht. Ich denke, dass beide Seiten viele Gemeinsamkeiten haben. Die Reformpolitik in Vietnam, die Stabilisierung, der Prozess der Demokratisierung und der Aufstieg Chinas sind gemeinsame Anliegen für die USA und Vietnam sowie auch für ASEAN. Denn Vietnam ist Mitglied der ASEAN und ich denke, die USA werden die Staatengemeinschaft zukünftig unterstützen.

Wie sieht Vietnam seine Rolle in ASEAN und was sind wichtige Prinzipien der Staatengemeinschaft?

ASEAN wurde 1967, während des Kalten Krieges, gegründet. Auf dem Gipfel 1976 in Bali einigten sich die Gründungsmitglieder auf festgeschriebene Prinzipien, dem Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit. Darin heißt es, dass die Grundprinzipien von ASEAN Nichteinmischung und Konsens sind. In den letzten, mehr als fünf Jahrzehnten war ASEAN mit diesen Prinzipien erfolgreich. Natürlich gibt es Diskussionen und Stimmen, die in Frage stellen, ob die Prinzipien überholt sind oder ein Konzept aus dem Kalten Krieg darstellen.

Eine Kritik besteht darin, dass die Welt offener geworden ist und diese Prinzipien nicht mehr relevant sind, sodass ASEAN sie zum Beispiel in Richtung höherer Flexibilität anpassen sollte. Zudem wird das aktuelle Prinzip der Konsensfindung gegen Mehrheitsentscheidungen abgewogen. Eine Mehrheitsentscheidung könnte ausreichen, denn es gab einige Fälle, in denen ein Staat, zum Beispiel Kambodscha im Jahr 2012, einen gemeinsamen Beschluss verhindern konnte. Dennoch besteht wenig Willen, das Prinzip zu ändern und ich denke, das ist ein weiterer Beweis dafür, dass das Prinzip der Nichteinmischung immer noch sehr aktuell ist.

Können Sie uns ein aktuelles Beispiel nennen?

Dies zeigt sich, wenn wir zum Beispiel über Myanmar sprechen. Die Führungskräfte der ASEAN trafen sich in Indonesien und diskutierten über das Problem in Myanmar. Am Ende gab es einige Punkte, die genau der Natur ASEANs entsprechen. Sie gehen weiterhin mit Myanmar auf die alte Art und Weise um. Stattdessen sollten sie Unterstützung für die Menschen in Myanmar anbieten. Sie werden einen speziellen Konvoi nach Myanmar schicken, um Diskussionen und Verhandlungen einzuleiten. Sie fordern ein Ende der Gewalt. Auch dass sie den Vertreter des Militärs, General Aung Hlaing, empfangen, zeigt den Unterschied zu den Problemlösungsstrategien westlicher Länder auf, die das Embargo oder die Bestrafung erzwingen beziehungsweise durchsetzen. Das ist der flexible ‚ASEAN Way’, der für alle Mitglieder akzeptabel ist.

Vietnam Außenpolitik

Die Friedenstaube, umrankt von den Flaggen der ASEAN- Mitgliedsstaaten. Der Einsatz gegen Gewalt und kriegerische Handlungen ist oft ein zweischneidiges Schwert in der Organisation. © Julia Behrens

Vietnam ist selbst ein großer Nachbar von Laos und Kambodscha, die auch manchmal kritisch gegenüber Vietnam stehen. Wie ist die Wahrnehmung von Vietnam in Laos und Kambodscha?

Historisch gesehen gehörten Vietnam, Laos und Kambodscha während der französischen Kolonialzeit zu Indochina. So war ihr Schicksal als französische Kolonie verbunden. Die Kommunistische Partei Indochinas wurde im Oktober 1913 gegründet, um alle drei Länder abzudecken. Und diese Partei existierte bis 1951 für fast die gesamte Zeit des ersten Indochinakrieges. Das bedeutet, dass Vietnam und die beiden anderen Indochina-Staaten nah beieinander waren und sich im gleichen Kampf gegen den französischen Kolonialismus für ihre Unabhängigkeit und Freiheit befanden.

Dann, während des zweiten Indochinakrieges, wurde Vietnam zur Front für den Kampf gegen die USA. Der Ho-Chi-Minh-Pfad ging durch Laos und Kambodscha, sie unterstützten sich gegenseitig. Ab dem Moment, da die drei Staaten nach dem zweiten Indochinakrieg unabhängig wurden, war die Situation von Land zu Land unterschiedlich. In Kambodscha herrschte von 1975 bis 1979, ein Jahrzehnt nach dem zweiten Indochinakrieg, das so genannte Rote Khmer-Regime. Vietnamesische Truppen blieben zehn Jahre lang – bis 1989 – in Kambodscha stationiert, um die Roten Khmer zu bekämpfen. Aufgrund dieser Verwicklung wurde Vietnam isoliert.

Bis heute ist die Beziehung zwischen Vietnam und Kambodscha mit dem Erbe dieser Zeit und dem Problem der vietnamesischen Bevölkerung in Kambodscha konfrontiert. Die Demarkation der Grenze ist noch nicht abgeschlossen, wodurch die Situation zwischen Kambodscha und Vietnam angespannter ist als die Beziehung zu Laos. Das Wichtigste für Vietnam ist, dass beide Länder gleichberechtigte Partner sind. Sie alle sind Mitglieder der ASEAN geworden. Als solche sollten sie sich gegenseitig und die Prinzipien der ASEAN respektieren, wobei Nichteinmischung den höchsten Stellenwert einnimmt. Vietnam grenzt an drei Länder, China, Laos und Kambodscha – also schenkt es diesen Ländern große Aufmerksamkeit.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Julia Behrens

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2 | 2021, Interviews, Vietnam,
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„Prinzip der Gleichheit und Gegenseitigkeit“

Kambodscha: Der große chinesische Einfluss auf das Königreich ist bekannt. Doch auch die Anrainerstaaten und das Erbe der Roten Khmer beeinflussen Kambodschas Außenpolitik stark, wie der Politikwissenschaftler Sovinda Po im Interview berichtet

Warum hat Kambodscha im Vergleich zu anderen Staaten in der Region so viel chinesischen Einfluss zugelassen?

Die ersten Nachweise datieren aus dem 11. oder 12. Jahrhundert, als viele Chines*innen um die Welt reisten. Einige von ihnen landeten in Kambodscha und begannen zu handeln. Aber auch das historische Vermächtnis hat erhebliche Auswirkungen darauf, wie die Regierung sich gegenüber Großmächten und regionalen Organisationen verhält. Während der Ära der Roten Khmer stellte sich das Pol-Pot-Regime ausschließlich auf die Seite Chinas, im Sinne des so genannten bandwagoning (Anschluss eines Staates an einen anderen Staat, der ein höheres Machtpotential aufweist).

Die heutige Regierung hat daraus gelernt, dass es besser für sie ist, sich breit aufzustellen und eine Hedging-Strategie (nationale Anpassungsstrategie eines Staates gegenüber einem anderen, die eine Mischung aus kooperativen und konfrontativen Elementen aufweist) zwischen verschiedenen Mächten zu wählen.

Die Wirtschaft ist sehr entscheidend – für Kambodscha als Ganzes aber auch für das Regime. Die Regierung kann Entwicklung als Legitimationsnarrativ nutzen. Mit China als Unterstützer kann sich Kambodscha auch gegenüber seinen Nachbarn, zum Beispiel Vietnam oder Thailand, sicher fühlen. China wird von den herrschenden Eliten eher als Chance denn als Gefahr begriffen.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen der Regierung Hun Sens und China in den letzten Jahrzehnten verändert?

Während der Zeit der vietnamesischen Besatzung bezeichnete Hun Sen China als „die Wurzel alles Bösen in Kambodscha“. Damals unterstützte China die Roten Khmer an der thailändischen Grenze, während die kambodschanische Regierung ausschließlich auf der Seite Vietnams stand. Seitdem hat sich einiges geändert.

1991 begann China, die Roten Khmer eher als politische Last zu betrachten und stellte die Unterstützung ein. Nach den Wahlen im Jahr 1993 wurde China sehr einflussreich in der kambodschanischen Politik. Es begann, seine Beziehungen mit der Hun Sen-Regierung zu stärken. Seitdem wird China als wichtiger strategischer Partner in Bezug auf Entwicklungsgelder, Investitionen und Handel betrachtet.

Sind die autokratischen Strukturen Kambodschas eine Motivation für die tiefgehende Kooperation mit China?

China bevorzugt eher autokratische vor eher demokratischen Regimen. In einer Demokratie bleiben die Herrschenden durch Wahlurnen an der Macht. In einem autoritären Staat verwenden sie Unterdrückungs-, Zwangs- und Kooptationsstrategien, um an der Macht zu bleiben. China sieht darin eine Chance. Je mehr Regime es unterstützt, desto mehr politische Unterstützung erlangt es von diesen Staaten.

Was für Positionen nimmt Kambodscha zu Themen wie Taiwan, Hongkong oder den Uigur*innen ein?

Kambodscha hat seine Position sehr deutlich gemacht und hält sich an das Prinzip der Ein-China-Politik. Kambodschanische Beamte haben sehr deutlich erklärt, dass Taiwan ein Teil Chinas ist, ebenso wie Hongkong. Das Thema ‚Südchinesisches Meer‘ hingegen ist knifflig. Kambodscha hat noch nicht öffentlich verkündet, dass das Meer zu China gehört aber findet, dass China und die anderen Staaten diese Frage bilateral lösen sollten.

Wie ist Kambodschas Ablehnung des ASEAN-Kommuniqués von 2012 in dieser Hinsicht zu bewerten?

Dies war ein historisches und sehr unglückliches Ereignis. Kambodschas Entscheidung, keine Verurteilung des chinesischen Handelns im Südchinesischen Meer vorzunehmen, führte zu massiver internationaler Kritik. Kambodscha wird auch in 30 Jahren noch mit diesem Fehler leben müssen aber ich denke, dass die jetzige Regierung daraus gelernt hat und sich anders verhalten wird, wenn Kambodscha 2022 den ASEAN-Vorsitz übernimmt. Wenn es um das Südchinesische Meer geht, sind die Kosten viel größer als der Nutzen, den Kambodscha von China erhält.

Wie bestimmt die geografische Lage Kambodschas seine Politik gegenüber seinen Nachbarn?

Die Lage zwischen Thailand und Vietnam, die als ehemalige Feinde gelten, wird immer noch als ständige Bedrohung für die Sicherheit Kambodschas wahrgenommen. Auch wenn Kambodscha sich China annähert, kann es sich nicht leisten, Vietnam zu verärgern. Wann immer die kambodschanische Führung nach China fliegt, muss sie über Hanoi fliegen. Es muss sichergestellt sein, dass Vietnam glücklich ist. Wenn Vietnam unglücklich ist, kann das großen Ärger verursachen. Thailand hingegen stellt keine wirkliche Bedrohung für Kambodscha mehr dar.

Welche Rolle spielt es, dass Kambodscha keinen Grenz- oder Territorialstreit mit China hat?

Es ist sehr einfach für Kambodscha zu sagen, dass chinesische Konfliktthemen nicht relevant für das Land sind. Aber Kambodscha ist auch Teil der ASEAN, die kollektiv zusammenarbeitet und eine wichtige Rolle für Kambodscha in Sachen Sicherheit und wirtschaftlicher Entwicklung spielt. Folglich muss das Königreich auch seinen Beitrag zu ASEAN leisten.

Welche Rolle spielt die ASEAN für Kambodscha?

Die Zugehörigkeit zur ASEAN gibt Kambodscha eine größere Stimme. Staaten wie die USA oder Japan fangen an, zuzuhören, weil es nicht nur die Stimme Kambodschas allein ist, sondern die der ASEAN als Ganzes. Aber kambodschanische Regierungsbeamte sehen ASEAN nicht auf Augenhöhe mit China. Nichts kann die von China geleistete Hilfe ersetzen.

Wie verhalten sich die Nachbarstaaten in der Interaktion mit ASEAN?

Zu erwarten, dass ASEAN alle Probleme rund um Südostasien lösen kann, wäre ein Fehler. Vietnam denkt in dieser Hinsicht ähnlich wie Kambodscha und hält ASEAN nicht für wirklich wichtig. Bislang hat die ASEAN Vietnam nicht vor der chinesischen Invasion im Südchinesischen Meer geschützt. Daher sehen sie andere Mächte, wie die USA, Indien oder Russland als wichtiger an, um ihre nationale Sicherheit zu schützen.

Wie zeigt sich die Zusammenarbeit mit China im Militär und wie nehmen die chinesische Politik und die Wissenschaft Kambodscha wahr?

China spielt eine dominante Rolle, was die militärische Unterstützung Kambodschas angeht. Eine Menge wichtiger Ausrüstungsgegenstände wie Lastwagen, Waffen und Geschütze wurden gespendet und dazugehörige Schulungen wurden angeboten. Kambodscha ist ein kleines Land und braucht militärische Unterstützung. All diese modernen Waffen sind sehr teuer. Deshalb nimmt Kambodscha derartige Geschenke gern an.

Viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, haben eine ähnliche Wahrnehmung wie die chinesische Regierung. Diese sagt, dass Kambodscha ein guter und langjähriger, ein ‚eiserner’ Freund sei. Folglich betrachtet das chinesische Volk Kambodscha als einen Freund. In China, einem hochgradig repressiven Regime, ist es nicht leicht, zu widersprechen. Das gilt sogar für chinesische Forschende, die außerhalb Chinas arbeiten. Aber hinter verschlossenen Türen haben diese oft eine sehr nuancierte Meinung über die chinesische Außenpolitik.

Wie sieht die wirtschaftliche Entwicklung durch China in der Praxis aus?

Es gibt riesige chinesische Projekte im Land, zum Beispiel Wasserkraftwerke, Kasinos oder chinesische Ressorts, die viele Kontroversen ausgelöst haben. Überall in Kambodscha sind chinesische Schilder zu sehen. Einige Küstenstädte sehen aus, als wären sie chinesisch. Dort leben chinesische Arbeiter*innen, chinesische Geschäftsleute und nur wenige Kambodschaner*innen. In Koh Kong baut China eines der größten Ressorts in Südostasien. Es gibt Gerüchte, dass dies ein Vorwand für ein Militärgebäude ist, das chinesische Flugzeuge und andere militärische Einrichtungen beherbergen könnte. Es könnte zu einem Luftwaffen- oder Marinestützpunkt werden, da es sehr nah an der Küste liegt.

Wie ist die Wahrnehmung von China und seinem Entwicklungsmodell in der kambodschanischen Gesellschaft?

Kambodschaner*innen und Chines*innen teilen ein Sprichwort: „Es ist uns egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist. Solange sie die Maus fangen kann, ist sie eine gute Katze.“ Vielen Menschen in Kambodscha ist es egal, ob eine Gesellschaft kapitalistisch oder sozialistisch ist. Solange sie Essen auf dem Teller haben, ihre Kinder zur Schule gehen können und sie Krankenhäuser haben, sind sie glücklich. China gilt als Beispiel dafür, wie Millionen aus der Armut befreit werden können. Aber die Beziehung zu China wird auch als einseitig betrachtet. Viele sehen Chines*innen als jemanden an, der nur kommt und nimmt; nur wenige Menschen können von dieser wirtschaftlichen Interaktion profitieren. Andere Länder, wie Japan und die USA, werden sehr positiv gesehen. Die Menschen begrüßen mehr Engagement von diesen Staaten. Wenn die Menschen eine Wahl hätten, würden sie sich für die USA entscheiden. Die meisten haben die Bombardierung Kambodschas durch die USA während des Vietnamkriegs vergessen.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen den USA und Kambodscha in den letzten Jahren entwickelt?

Kambodscha hat sich insgesamt nicht von den USA wegbewegt. Es will allerdings nicht, dass sich die USA in sicherheitspolitischer Hinsicht engagieren. Je mehr sich die USA in Kambodscha engagieren, desto mehr wird China dies ablehnen. Aber was die Wirtschaft angeht, ist jeder Austausch sehr willkommen. Im Moment gewähren die USA Kambodscha immer noch Handelspräferenzen und Kambodscha exportiert eine Menge Produkte in die USA. Kambodscha kann es sich nicht leisten, die USA zu verärgern, es würde zu Verlusten bei den Marktanteilen führen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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„Prinzip der Gleichheit und Gegenseitigkeit“

Vietnam/Deutschland: „Geteiltes Land, geteiltes Leid“ von Andreas Margara ist ein gelungener Überblick über die Beziehungen Vietnams zu DDR und BRD seit 1945. Aktuelle Debatten fehlen dem Buch jedoch.

Der Historiker Andreas Margara beschreibt in Geteiltes Land, geteiltes Leid – Geschichte der deutsch-vietnamesischen Beziehungen von 1945 bis zur Gegenwart, wie die Vietnampolitik der beiden Deutschlands ihre Beziehung zueinander beeinflusst hat, welche Unterschiede es gab und wie sich diese bis heute auswirken.

Zuerst gibt der Autor eine Übersicht der Forschung zu deutsch-vietnamesischen Beziehungen und legt seine Quellen dar. Er analysiert die diplomatischen Beziehungen anhand von institutionellen Quellen, Medienberichten und persönlichen Erinnerungen sowie aus Interviews mit Zeitzeug*innen. Er beleuchtet somit Schlüsselereignisse auf systemischer und individueller Ebene.

Symbolischer Schauplatz des Kalten Krieges

Die darauf folgenden Kapitel konzentrieren sich auf bekannte und weniger bekannte Ereignisse der deutsch-vietnamesischen Beziehungen. Margara beginnt die historische Zeitlinie mit der Geschichte der westdeutschen Soldaten, die in der Fremdenlegion für die französischen Armee und den Erhalt der Kolonie kämpften und teilweise auf die vietnamesische Seite überliefen. In Bezug auf die DDR beginnt Margara mit deren Rolle im Indochinakrieg. In einem weiteren Kapitel betrachtet der Autor die Haltungen der beiden deutschen Staaten im amerikanischen Krieg in Vietnam, was sowohl die staatlichen Positionen als auch die Reaktionen in der jeweiligen Bevölkerung beinhaltet.

Im Vordergrund für West-Deutschland stehen die humanitäre Hilfe, die 68er-Bewegung und die Frage der militärischen Beteiligung West-Deutschlands unter anderem durch die Produktion des Giftgases Agent Orange.

Dem gegenüber steht die Solidaritätspolitik der DDR mit Nordvietnam, die beginnende Ausbildungsmigration in die DDR und die Beziehung als ‚Waffenbrüder’ der beiden sozialistischen Staaten. Dabei wird deutlich, dass Vietnam zum symbolischen Schauplatz des Kalten Krieges im deutsch-deutschen Wettbewerb der Systeme wurde. Im Buch treffen bekannte Geschichten wie der Studierendenprotest um Rudi Dutschke auf unterbeleuchtete Aspekte, wie das Schicksal von humanitären Helfer*innen des Deutschen Roten Kreuzes und der Malteser in Vietnam.

‚Boat-People‘ und Vertragsarbeiter

Der dritte Teil des Buches widmet sich der Geschichte der Migration von Vietnam nach Deutschland zwischen 1973 und 1989. Margara geht hier zum Beispiel auf die Geschichte der ‚Boat People’ in West-Deutschland und der Vertragsarbeiter*innen in der DDR ein. Zusätzlich beschreibt er die Hilfspolitik der DDR, durch die die Stadt Vinh wieder aufgebaut und der Kaffeeanbau in Vietnam gefördert wurde. Im Kapitel zur Migration nach Westdeutschland zieht Margara Parallelen zur aktuellen deutschen Migrationspolitik und arbeitet interessante Unterschiede heraus. Dazu zählt beispielsweise die Pro-Migration-Haltung der CDU, die damals vietnamesische Migrant*innen aktiv unterstützte, da sie diese Migration als anti-kommunistische Maßnahme betrachtete.

Das Buch schließt mit einem kurzen vierten Teil zu den deutsch-vietnamesischen Beziehungen nach dem Mauerfall und zur neuen Generation Vietdeutscher.

Gelungene Zusammenstellung mit Lücken

Durch die Mischung der Quellen gelingt es dem Autor, institutionelle Standpunkte mit persönlichen Erlebnissen zusammenzubringen und auf diese Weise Geschichte lebendig zu erzählen. Sehr bekannte Ereignisse werden verflochten mit kaum bekannten, unter anderem die Geschichte der einzigen Frau, die in Kriegsgefangenschaft im berüchtigten Hanoi Hilton-Gefängnis der kommunistischen Kräfte saß.

Leider wird im Buch die Befangenheit des Autors weder eingeordnet noch reflektiert. Jede*r Autor*in schreibt mit persönlicher Voreingenommenheit – dies darzulegen ist wichtig und fehlt dem Buch. Dass der Autor westdeutsch sozialisiert ist und aus einer weißen Perspektive schreibt, wird an einigen Stellen deutlich. So benennt er den Rassismus gegenüber Vietnames*innen und Vietdeutschen nicht als solchen, sondern spricht von „Fremdenfeindlichkeit“ und „Exotisierung“. Damit fehlt eine wichtige Einordnung in aktuelle sozialwissenschaftliche Debatten. Auch erwähnt Margara die Morde an Do Anh Lan und an Nguyen Ngoc Chau nicht, die 1980 als erste rassistische Morde in die westdeutsche Geschichte eingingen und bis heute das Leben vieler Vietnames*innen in Deutschland und Vietdeutscher prägen.

Das Buch hätte noch inklusiver und interessanter werden können, wenn der Autor nicht nur Quellen aus deutschen Institutionen genutzt, sondern auch vietnamesische einbezogen hätte. Bei den Interviews mit Zeitzeug*innen hat er die vietnamesische Perspektive im Ansatz einbezogen. Generell hätte sie aber stärker zu Wort kommen können. Wie sich die westdeutsche Prägung des Autors auf seine Einordnung und Auswertung der Quellen auswirkt, wird durch mehrere Formulierungen deutlich. So zum Beispiel als Margara ausschließlich die DDR für „theologische Geschichtspolitik und selbstlegimatorische Zwecke“ kritisiert – die es aber ebenfalls in Westdeutschland gab.

Geteiltes Land – geteiltes Leid ist ein wichtiger Beitrag zur Erforschung der deutsch-vietnamesischen Beziehungen und ein Novum in der deutschsprachigen Literatur. Dem Buch gelingt es, wichtige historische Ereignisse aus persönlichen und offiziellen Quellen zu erzählen. Allerdings fehlt dem Buch eine klare Positionierung: Der Autor hätte seinen Standpunkt und seine Auswahl der Beispiele und Menschen, die im Buch zu Wort kommen, einleiten können. Somit könnten Leser*innen besser verstehen, warum und wie der Autor historische Ereignisse wertet – und welche Leerstellen es im Buch gibt.

Rezension zu: Andreas Margara. Geteiltes Land, geteiltes Leid – Geschichte der deutsch-vietnamesischen Beziehungen von 1945 bis zur Gegenwart. regiospectra Verlag 2022. 320 Seiten

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„Prinzip der Gleichheit und Gegenseitigkeit“

Indonesien/Timor-Leste: Die Beziehungen zwischen Timor-Leste und der ehemaligen Besatzungsmacht Indonesien haben sich erheblich verbessert.

In Heft 4 des ersten Jahrgangs der SOA-Informationen von 1985 beschreibt Peter Franke im Beitrag „Regionale Konflikte in Südostasien“ unter anderem den Konflikt zwischen Indonesien und Osttimor, Nach 400-jähriger Kolonialherrschaft Portugals wurde Osttimor 1975 unabhängig – zunächst nur für wenige Tage. Indonesien besetzte die Inselhälfte. Dagegen leistete die FRETILIN (Frente Revolucionária de Timor-Leste Independente – Revolutionäre Front für die Unabhängigkeit von Osttimor) Widerstand.

Indonesien, Timor-Leste, Geschichte

Unser Redaktionsmitglied Hendra Pasuhuk war 1999 akkreditierter Beobachter des Referendums über die Unabhängigkeit Osttimors, das von Indonesien, Portugal und den Vereinten Nationen vereinbart worden war. Er berichtet über diesen Meilenstein der Konfliktbeilegung und den heutigen Stand der Beziehungen zwischen Indonesien und Timor-Leste.

Es war ein schöner Montagmorgen in Dili. Schon seit frühen Stunden bildeten sich lange Schlangen vor den Wahllokalen. Es war der 30. August 1999. Rund 450.000 wahlberechtigte Ost-Timores:innen waren aufgerufen, ihre Stimme abzugeben beim Referendum über den zukünftigen Status von Ost-Timor.

Im Vorfeld des Referendums gab es einige Zwischenfälle. Bewaffnete Milizen-Gruppen der Pro-Integrations-Bewegung zogen durch die Straßen mit Parolen und Spruchbändern und warben für den Verbleib Osttimors als Provinz des indonesischen Einheitsstaates. Es gab blutige Zusammenstöße mit der Anti-Integrations-Bewegung, die für die Unabhängigkeit Osttimors kämpfte. Noch am Sonntag kam es zu Schusswechseln zwischen militanten Gegner:innen und Befürworter:innen der Unabhängigkeit.

Die Befürchtung war, dass am Referendums-Tag viele Menschen aus Angst einfach zu Hause bleiben würden. Aber es kamen viele, sehr viele Menschen. Das Ergebnis des Referendums, das einige Tage danach von den Vereinten Nationen veröffentlicht wurde, war sehr deutlich. 78,5 Prozent (344.580 Stimmen) der Wahlberechtigten stimmten für die Unabhängigkeit, 21,5 Prozent (94.388 Stimmen) für die Autonomie innerhalb Indonesiens. Die Wahlbeteiligung lag bei etwa 98 Prozent.

Während der 23jährigen Besatzungszeit Osttimors kannten die meisten Indonesier:innen nur zwei politischen Gruppen dort: Pro-Integration und Kontra-Integration. Dies war verständlich, weil die indonesische Öffentlichkeit jahrzehntelang nur das Propagandamaterial der Regierung und der Armee lesen und hören konnte. Die Pro-Integrations-Bewegung durfte ihre öffentlichen Treue-Gelübde und die feierliche Zeremonie zum ‚Integrationstag‘ jedes Jahr abhalten, während die Anti-Integrations-Bewegung nur im Untergrund agieren konnte.

Das Suharto-Regime erklärte immer wieder, die Anti-Integrations-Bewegung gebe es in Ost-Timor nicht. Sie sei nur eine Erfindung der osttimoresischen Kommunisten, die ins Ausland geflohen sind. Die lauten Proteste im Ausland über Menschenrechtsverletzungen in Osttimor seien nur billige westliche Einmischungsversuche.

Politische Reformen in Indonesien

Nach dem Rücktritt von Suharto im Mai 1998 wurde es möglich, das Thema Osttimor offen anzusprechen. In den Monaten danach wurden in vielen Städten Seminare und Vorträge gehalten, Berichte in Medien veröffentlicht. Erstmals konnten sich viele Indonesier:innen über unterschiedliche Meinungen, Standpunkte und Wege zur Lösung des Osttimor-Konflikts informieren. Die Idee, zur Lösung des Konfliktes ein Referendum abzuhalten, fand schnell breite Zustimmung bei pro-demokratischen Aktivist:innen.

Die indonesischen Generäle vertraten jedoch die Ansicht, dass ein Referendum einen Bürgerkrieg in Osttimor auslösen würde. Außerdem würde dies eine Welle von separatistischen Forderungen lostreten, so die Argumentation. Aber zu dieser Zeit lehnten immer mehr Indonesier:innen die Einmischung des Militärs in politische Angelegenheiten ab.

Das Referendum und die Unabhängigkeit

Im Januar 1999 überraschte der damalige indonesische Präsident Bacharuddin Jusuf Habibie mit dem Angebot eines Referendums mit der Option einer weitreichenden Autonomie oder Unabhängigkeit Osttimors. Das Referendum sollte unter Aufsicht der Vereinten Nationen durchgeführt werden. Die indonesischen Militärs waren entsetzt und fingen an, Milizen-Verbände als so genannte pro-indonesische Kräfte aufzustellen und auszurüsten. Damit sollte den Anschein eines Bürgerkrieges in Osttimor erweckt werden. Trotzdem unterzeichneten Indonesien, Portugal und die Vereinten Nationen am 5. Mai 1999 ein Abkommen über die Durchführung eines Referendums.

Nach dessen Durchführung am 30. August war die Stimmung in Dili sehr angespannt. Bewaffnete Milizen stellten Kontrollpunkte auf den Straßen auf. Nachts waren an vielen Orten Schüsse zu hören. Nach der Verkündung des Ergebnisses am 4. September 1999 kam es dann zu gewalttätigen Ausschreitungen durch pro-indonesische Milizen. Viele Gebäude brannten, Tausende Menschen flohen in die Berge.

Wie viele Menschen in jenen Tagen ums Leben kamen, ist ungeklärt. Schätzungen sprechen von rund 1.500 getöteten Menschen und 300.000, die ins benachbarte Westtimor flohen. Wir, die von den Vereinten Nationen akkreditierten Wahlbeobachter, wurden am 6. September mit australischen Militärmaschinen von Dili nach Darwin evakuiert.

Erst nach internationalem Druck entsandten die Vereinten Nationen später eine Friedenstruppe (INTERFET) unter australischer Führung. Fast drei Jahre nach dem Referendum, am 20. Mai 2002, wurde Osttimor schließlich ein unabhängiger Staat unter dem offiziellen Namen Demokratische Republik Timor-Leste.

Timor-Leste heute

Timor-Leste hat seitdem bedeutende Fortschritte gemacht. Die Regierung steht jedoch weiterhin vor der Aufgabe, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen zu bewältigen, um die Stabilität und Entwicklung des Landes zu fördern.

Statistisch gesehen gehört Timor-Leste zu den ärmsten Ländern der Welt. Etwa 42 Prozent der rund 1,3 Millionen Einwohner leben unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Viele Menschen sind in der Subsistenzlandwirtschaft tätig. Diversifizierung der Wirtschaft, Schaffung von Arbeitsplätzen und Bekämpfung der Armut sind weiterhin drängende Aufgaben der Regierung.

Die Weltbank prognostizierte für 2024 und 2025 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 4,1 Prozent. Die Regierung plant, Investitionen in Infrastruktur und Kapitalausgaben zu erhöhen, was das Wachstum weiter ankurbeln könnte. Aber die wirtschaftliche Lage bleibt fragil, da die bestehenden Öl- und Gasreserven zur Neige gehen. Die Abhängigkeit von diesen Ressourcen ist hoch und die Entwicklung neuer Gasfelder wird durch Streitigkeiten über die Verarbeitung des geförderten Gases verzögert. Während die Regierung ein LNG-Terminal im eigenen Land errichten möchte, bevorzugen australische Partnerunternehmen aus Kostengründen die Verarbeitung in Australien.

Regionale Zusammenarbeit

Die Beziehungen zwischen Timor-Leste und Indonesien haben sich seit der Unabhängigkeit Timor-Lestes im Jahr 2002 erheblich verbessert und sind heute von Kooperation und Versöhnung geprägt. Im September 2024 besuchte das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, das Land. Dort lobte er die Bemühungen um Versöhnung mit Indonesien und betonte die Bedeutung einer „Reinigung des Gedächtnisses, um Wunden zu heilen“.

Premierminister Xanana Gusmão vom Congresso Nacional da Reconstru o Timorense (CNRT) ist seit Juli 2023 im Amt. Er unterstrich in einem Interview die Fortschritte im Versöhnungsprozess und hob hervor, dass Timor-Leste ein Beispiel für andere Konfliktregionen sein könne. Er betonte, dass trotz der schmerzhaften Vergangenheit eine echte Versöhnung mit Indonesien erreicht werden könne, wobei die schwierige Geschichte anerkannt werde, aber der Blick auf eine friedliche Zukunft gerichtet sei.

Wirtschaftlich gesehen ist Indonesien heute Timor-Lestes größter Importpartner. Im Jahr 2018 importierte Timor-Leste Waren im Wert von über 159 Millionen US-Dollar aus Indonesien, während die Exporte nach Indonesien bei etwa 3 Millionen US-Dollar lagen.

Keine Verfolgung von schweren Menschenrechtsverstößen

Indonesisch wird in Timor-Leste als Arbeitssprache genutzt. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung spricht die Sprache fließend. Zudem erfreuen sich indonesische Musikrichtungen großer Beliebtheit. Im Januar 2016 besuchte der damalige indonesische Präsident Joko Widodo das Land erstmals offiziell. Ziel des Besuchs war es, die bilateralen Beziehungen zu stärken und Kooperationsvereinbarungen in Bereichen wie Jugend und Sport, Archivwesen, Klimatologie und Geophysik, Such- und Rettungsdienste sowie Energie, Erdöl und mineralische Ressourcen zu unterzeichnen.

Insgesamt haben Timor-Leste und Indonesien bemerkenswerte Fortschritte in bilateralen Beziehungen erzielt und eine gute Basis für weitere Zusammenarbeit geschaffen. Zudem wird eine verstärkte Integration in regionale Bündnisse wie ASEAN angestrebt. Im Januar 2025 wurde eine osttimoresische Delegation zum ASEAN-Außenministertreffen in Malaysia eingeladen.

Premierminister Xanana Gusmao war zuletzt beim Amtsantritt des derzeitigen indonesischen Präsidenten Prabowo Subianto am 20. Oktober 2024 in Jakarta. Am nächsten Tag gab es offizielle Gespräche beider Regierungschefs im Präsidentenpalast in Jakarta zur Vertiefung der bilateralen Beziehungen.

Die guten Beziehungen haben aber einen hohen Preis. Beide Seiten vermeiden stillschweigend, über die Verfolgung von Menschenrechtsverstößen zur Zeit der indonesischen Besatzung zu sprechen, obwohl es Berichte der Vereinten Nationen, der osttimoresischen Wahrheitskommission und der indonesischen Menschenrechtskommission gibt, die klar von schweren Menschenrechtsverletzungen sprechen und auch Namen von Verantwortlichen nennen.

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