4 | 2020, Interviews, Philippinen, Sonderausgabe Buchmesse,
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„Identität ist wie ein Puzzle“

Philippinen Identität Diaspora

Kinder entdecken gemeinsam Unterschiede © Sentro

Philippinen: Junge Filipin@s gehen gemeinsam auf Wurzelreise und erkunden ihre Identität innerhalb der Diaspora und der philippinischen Heimat. Das Buchprojekt „Gemeinsam verschieden“ fasst ihre Erfahrungen zusammen

Das Sentro (Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas), ein Zentrum für österreichische und philippinische Kultur und Sprache, das 2010 in Wien als eine gemeinnützige und nichtstaatliche Organisation gegründet wurde, arbeitet an verschiedenen Projekten. Dazu gehören Tagalog Sprachkurse, kulturelle Präsentationen, Vorträge über die Philippinen und die philippinische Gemeinschaft in Österreich sowie Sommercamps mit dem Ziel, die Bedeutung beider Kulturen für Kinder und Jugendliche hervorzuheben.

Unsere Interviewpartner*innen:

Autorinnenfoto Arlene D. Castañeda © privat

Arlene D. Castañeda ist die Gründerin und Leiterin von Sentro ng Kultura bei Wika ng Austria in Pilipinas / Zentrum für österreichische und philippinische Kultur und Sprache (Sentro), einer gemeinnützigen, nichtstaatlichen Organisation. Sie ist überzeugt davon, dass der Respekt gegenüber der eigenen und anderen Kultur/en die Basis für eine funktionierende Gesellschaft ist. Sie ist beim OPEC-Fonds für internationale Entwicklung tätig.

Autorenfoto Ralph Chan © privat

Ralph Chan schreibt seine Dissertation im Bereich der Soziologie an der Universität Wien. Neben seinen Forschungstätigkeiten beschäftigt er sich in vielen Projekten mit Philippinenbezug. Er ist ebenso journalistisch tätig, ist derzeit der Bureau Editor of Austria des europäisch-philippinischen e-Magazins Roots and Wings. Sein Interesse am Thema Philippinen / Filipin@s ergibt sich aus dem Eigeninteresse, seine eigene Biographie zu verstehen. Ralph Chan beschreibt sich selbst als einen Filipino, der in Österreich geboren und aufgewachsen ist.

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Autorenfoto Joshua Makalintal © privat

Joshua Makalintal studierte Politikwissenschaft und arbeitet derzeit an der Universität Innsbruck in Österreich. Er schreibt über die politischen Entwicklungen in den Philippinen unter Präsident Rodrigo Duterte. Seine letzten Artikel wurden in Al Jazeera, New Mandala und im Austrian Journal of South-East Asian Studies veröffentlicht.

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Aktuell hinzugekommen ist nun auch ein Buchprojekt. Dabei geht es um den Versuch, die eigene Identität zu definieren. Das Projekt zielt darauf ab, die Herausforderungen zu verstehen, denen sich junge philippinischen Österreicher*innen, philippinische Deutsche und Kinder aus bi-kulturellen Familien in einer Diaspora gegenübersehen. Arlene Castañeda, Ralph Chan und Joshua Makalintal sind Mitglieder des Teams, das die Herausgabe des Buches leitet und koordiniert. Sie geben im folgenden Interview nähere Auskunft über das Vorhaben.

Worum geht es in dem Buchprojekt inhaltlich?

Ralph Chan (RC): Personen mit Migrationshintergrund wie Austro-Filipinos und -Filipinas haben meist damit zu kämpfen, ihre eigene Identität bzw. ihr eigenes Ich zu entdecken. Es entstehen häufig Fragen wie: Wer bin ich, wo gehöre ich hin und was bin ich – ein Filipino oder eine Filipina oder doch ein Österreicher oder eine Österreicherin? Wann bin ich Europäerin und wann bin ich Asiate? Meine persönliche Ansicht ist, dass Identität wie ein Puzzle ist, das aus seltsam geformten, ineinander greifenden Mosaikteilen besteht, die zusammengesetzt gehören. In anderen Worten bedeutet dies: Um die eigene Identität verstehen zu können, muss jede*r die einzelnen Teile des Puzzles zusammensetzen, um das gesamte Bild zu sehen. Und das ist auch eines der Ziele unseres Sammelbandes mit dem Arbeitstitel Common diversities: Young Filipin@s in Austria and Europe/Gemeinsam verschieden. Junge Filipin@s in Österreich und Europa. Mit dieser Anthologie versuchen wir herauszufinden, wie die zweite und dritte Generation der österreichisch-philippinischen Gemeinschaft ihr tägliches Leben durch soziale, kulturelle, politische und wirtschaftliche Einflüsse erleben und wahrnehmen. Diese Veröffentlichung ist auch für den Herausgeber Sentro ein Meilenstein, da sie das 10-jährige Bestehen von Sentro markiert.

Welche Themen sollen insbesondere behandelt werden?

RC: Das Buch besteht aus drei Hauptkapiteln und mehreren Unterkapiteln, die in englischer, deutscher oder philippinischer Sprache verfasst werden, nämlich (1) Menschen & Gesellschaft, (2) Politik & Wirtschaft und (3) Kultur, die die Leser*innen als roter Faden durch das Buch führen sollen. Die Frage der Identität spielt in allen Kapiteln eine wichtige Rolle, da die Zielgruppen für dieses Buch die heutigen Jugendlichen und auch ihre Eltern sind. Die Kapitel sind sehr vielfältig: Es beginnt bei der Frage, warum es nur wenige österreichisch-philippinische Wissenschaftler*innen oder Expert*innen in Österreich gibt und geht weiter zum Thema, wie das Matriarchat die philippinische Gesellschaft wirklich beeinflusst. Weiter wird behandelt, wie politischer Aktivismus tatsächlich gelebt oder wie das philippinische Essen als food heritage in der österreichischen Küche neu interpretiert wird. Weitere Themen, die auch besprochen werden, sind zum Beispiel, wie wichtig ist es, dass Mütter ihren Kindern Tagalog beibringen oder wie relevant Pamahiins (Tagalog für Aberglaube) bis heute sind.

Joshua Makalintal (JM): Ein Beispielthema ist die Diasporapolitik. Unser Kapitel (Autoren Joshua Makalintal und Christopher Chanco) behandelt die Beziehung zwischen der philippinischen Diaspora und dem populistischen Autoritarismus auf den Philippinen. Wir analysieren, warum der derzeitige Präsident Rodrigo Duterte unter den Auslandsfilipinos und Auslandsfilipinas in Nordamerika, Europa und dem Nahen Osten große Unterstützung bekommt. Im Kapitel wird über den Diaspora-Nationalismus gesprochen, welcher eine Identitätspolitik ist, die im Kampf gegen soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit in den westlichen Demokratien mobilisiert wird. Diese Identitätspolitik kann sich auch in Richtung einer reaktionären Politik im Heimatland entwickeln. Zum Schluss kommen einige persönliche Reflexionen über die Erfahrungen der Autoren als first generation immigrants, die in Kanada und Österreich leben.

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Was unterscheidet die Philippinen und Österreich – Kinder beim Sentro-Workshop © Sentro

Wer sind weitere Autor*innen, die zum Buchprojekt beitragen?

RC: Die Autor*innenschaft setzt sich aus verschiedenen philippinischen, österreichischen und deutschen Akademiker*innen und Interessent*innen zusammen. Die Autor*innen kommen aus den Philippinen, Österreich oder Deutschland, manche leben aber auch in anderen Ländern wie Kanada. Das Buchprojekt wird inhaltlich wie auch organisatorisch von acht Wissenschaftler*innen und Expert*innen unterstützt, die weltweit an den verschiedensten Forschungsinstitutionen tätig sind wie der Universität Wien (Österreich), der Humboldt-Universität Berlin (Deutschland), der Universität Canberra (Australien), der Universität Ateneo de Manila und der Universität Santo Tomas (Philippinen). Sie helfen uns dabei, das Buchprojekt als wichtige Pionierarbeit der Diaspora Filipinos und Filipinas zu positionieren.

An wen wendet sich das Buch als Leser*innenschaft?

RC: An alle Interessierten der österreichisch-philippinischen Diaspora. Der Verein Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas beschäftigt sich schon lange mit Integrationsfragen. Junge Austro-Filipin@s der zweiten und dritten Generation berichten, wie die in der Diaspora lebenden Jugendlichen oder jungen Erwachsenen ihre Realität wahrnehmen und über ihr Leben nachdenken. Es werden Momentaufnahmen dargestellt und persönliche Geschichten erzählt. Der Sammelband bietet keine wissenschaftliche Publikation, sondern eine persönliche Reflexion basierend auf wissenschaftlichen Fakten, die aber aus den Augen der Autor*innen erzählt werden.

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Kinder spielen das philippinische Spiel Sungka © Sentro

Warum hat Sentro dieses Projekt in Angriff genommen?

Arlene Castañeda (AC): Ich habe drei Kinder, die mittlerweile junge Erwachsene sind und ihren eigenen Weg gehen. Meine Kinder sind mit philippinischen und österreichischen Werten groß geworden. Es ist mir sehr wichtig, in der Familie Respekt und Toleranz für alle ungeachtet von Herkunft und Glauben zu leben und diese Werte vor allem an Kinder und Jugendliche zu übermitteln. Aber gerade in dieser Zeit erleben unsere Kinder die Gefährdung dieser Werte. Mit diesem Buch verbunden ist mein persönliches Anliegen, dass die Jugendlichen ihre Herkunft und ihre Geschichten selbst erzählen. Ich bin überzeugt, dass sie am besten ihre eigene Collage aus Überzeugungen, Träumen, Erfahrungen und Einsichten malen können. Ich möchte, dass andere Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Kulturen über Erfahrungen Bescheid wissen, um ein besseres Verständnis füreinander zu schaffen.

Welche Erwartungen und Ziele verbindet Sentro mit dem Buchprojekt?

AC: Ich erwarte, dass die Jugendlichen ihre eigene Herkunft und Geschichte reflektieren. Dieses Buch soll eine (kulturelle) Momentaufnahme für sie selbst und die Kinder anderer Kulturen sein und der Versuch, die eigene Identität zu definieren. Es geht um den Wunsch, anderen zu vermitteln: „Ich bin allein dafür verantwortlich, die Bestandteile meiner Identität zu bestimmen, und ich nehme jede Herausforderung an, ob äußerlich oder innerlich, um diese Identität zu formen und mit Stolz zu leben.“

Das Hauptanliegen von Sentro ist die Vermittlung der philippinischen Kultur an Kinder und Jugendliche und wir sind überzeugt, dass dieses Buchprojekt dies unterstützt. Zusätzlich hat dieses Buchprojekt eine neue Dynamik unter jungen Menschen und den Akademiker*innen und Wissenschaftler*innen erzeugt.

JM: Das Buchprojekt ist eine Anthologie, die die Erfahrungen und Gedanken der philippinischen Diaspora in Österreich und der deutschsprachigen philippinischen Community darstellt. Ein Teil des Buches konzentriert sich beispielsweise auf die Politik, wobei die gesellschaftlichen Konflikte und Diskurse rund um die aktuelle Situation auf den Philippinen in den Mittelpunkt gestellt werden. Die aktuellen Entwicklungen haben zu Spannungen unter den Filipinos und Filipinas sowohl im Land selbst als auch im Ausland geführt. Die Rolle der Diaspora ist daher besonders wichtig, da sie paradoxerweise eine der Schlüsselkräfte hinter dem Aufstieg von Duterte, als auch ein wichtiger Akteur des Dissenses ist. Dieses Buch, insbesondere das Kapitel von mir und Chanco, soll die Leser*innen über dieses wichtige Thema aufklären.

Wann und wie soll das Buch erscheinen?

RC: Das Buch wird im Herbst 2021 erscheinen. Weitere Informationen zum Buch gibt es beim Sentro. Spannende Infos zur europäisch-philippinischen Diaspora finden sich im e-Magazin Roots and Wings.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 4|2020 – Diaspora – Community beyond borders und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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4 | 2020, Interviews, Philippinen, Sonderausgabe Buchmesse,
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„Identität ist wie ein Puzzle“

Myanmar/Thailand: Aufgrund bewaffneter Konflikte in Myanmar flüchten seit den 1970er Jahren Tausende Karen nach Thailand. Viele leben seit Jahrzehnten in Geflüchtetenlagern und haben dort ihr eigenes Bildungssystem aufgebaut.

Die Karen sind eine der größten ethnischen Gruppen im Irrawaddy-Delta um die Stadt Rangun und im Hochland entlang der thailändischen Grenze. Sie gehören zu den ersten indigenen Völkern Burmas. Fünf bis sieben Millionen – rund zehn Prozent – der Einwohner*innen Myanmars sind Karen.

Seit 1949 sind die Karen jedoch ständiger Bedrohung durch Angriffe der burmesischen Regierung ausgesetzt. Der lang anhaltende Konflikt führte Anfang der 1970er Jahre zum Exodus vieler Karen nach Thailand. Das erste Geflüchtetenlager wurde 1984 in der Provinz Tak eingerichtet. Obwohl die thailändische Regierung die UN-Flüchtlingskonvention von 1951 nicht ratifiziert hat, erlaubte sie den Karen die Errichtung provisorischer Siedlungen, solange internationale NGOs dort Hilfe leisteten.

Die meisten Geflüchteten, die heute in den Lagern leben, sind entweder dort geboren oder aufgewachsen. Viele von ihnen haben keine persönliche Erinnerung an ihr Heimatland. Für Karen bedeutet Heimat der Ort, an dem sie geboren wurden. Daher betrachten die in den Lagern geborenen Kinder diese als ihre Heimat, obwohl sie in den Schulen über ihre Geschichte unterrichtet werden. Die Lager wurden dabei in vielerlei Hinsicht zu einem Zufluchtsort, an dem Karen lernen, als Exilgemeinschaft zu leben.

Entstehung der Karen-Schulbildung im 19. Jahrhundert

Seinen Anfang nahm das Schulsystem der Karen 1852 mit Baptistischen Missionsschulen der Karen in der burmesischen Stadt Pathein (früher Bassein). Bis zur Unabhängigkeit Burmas 1948 besaßen die Karen ein Netzwerk an Grundschulen, deren Ziel die grundlegende Alphabetisierung war sowie Sekundarschulen, in denen die Schrift der Karen und englische Medien gelehrt und verwendet wurden. Schulbildung und Sprache sind wichtige Elemente des Weltverständnisses der Karen. Sie schaffen damit seit jeher ihre eigene Gemeinschaft in Bezug auf Kultur, Staatsführung und Bildung, weit entfernt von ethnischen Bamar und der thailändischen Gesellschaft. Dies gab ihnen ein neues Gefühl der Sicherheit.

1962 ergriff General Ne Win die Macht in Burma und verstaatlichte alle Schulen. Dies legte den Grundstein für ein ‚sozialistisches’ Bildungssystem und die Nationalisierung der Gesellschaft, die von der ethnischen burmesischen Kultur und dem Buddhismus geprägt war. Als Folge hörte die burmesische Regierung auf, ethnische Gruppen bei der Entwicklung ihrer Kultur zu unterstützen und verbot das Studium der ethnischen Geschichte und nicht-burmesischer Identitäten.

Karen-Schulen in Geflüchtetenlagern im thailändisch-burmesischen Grenzgebiet

Die Dominanz der Bamar über die Karen führte zu kommunalen Spannungen, zur Stereotypisierung politischer Feinde und zu territorialen Auseinandersetzungen. Nichtsdestotrotz überlebte das Bildungswesen der Karen, wodurch diese sich ein Gefühl der Zugehörigkeit und gemeinsamen Identität erschufen. Auch in thailändischen Geflüchtetenlagern sind sie von der burmesischen und thailändischen Gesellschaft ausgeschlossen.

Neben Karen-Schüler*innen aus Thailand und den von der Karen National Union (KNU) kontrollierten Gebieten Burmas empfangen die Geflüchtetenschulen heute auch Schüler*innen aus Rangun und der Irrawaddy-Region. In diesen Schulen wird die Karen-Sprache sowohl als Unterrichtsmedium als auch für die alltägliche Kommunikation verwendet, auch da viele Karen kein Burmesisch sprechen können.

Das Bildungsprogramm des Karen Refugee Committee (KRC) verwaltet die schulischen Angelegenheiten innerhalb der Lager. Diese unterstehen dem thailändischen Innenministerium, werden jedoch durch Spenden von internationalen NGOs finanziert. Zwar können sich Absolvent*innen der Lagerschulen mittlerweile für ein Studium an thailändischen und ausländischen Universitäten bewerben, allerdings zeigt die thailändische Regierung nach wie vor wenig Bereitschaft, dies flächendeckend zu ermöglichen. Dennoch ziehen die nicht anerkannten Schulen in den Lagern Schüler*innen aus burmesischen und thailändischen Karen-Dörfern an, da sie den qualitativ hochwertigsten Lehrplan in der Karen-Sprache bieten.

Unterschiede in schulischen Lehrplänen

Der Lehrplan in den Geflüchtetenlagern unterscheidet sich stark von den Inhalten der durch die burmesische Regierung geleiteten Schulen im Karen-Staat. Dies führt zu einem unterschiedlichen Verständnis der historischen Verhältnisse. So lehren die Geschichtsbücher der Karen ein positives Bild des britischen Kolonialregimes, unter dem sie vergleichsweise frei leben konnten. Die burmesischen Geschichtsbücher bezeichnen den britischen Kolonialismus hingegen als imperialistischen Feind, der versucht hat, das Land zu zerstören. Während in burmesischen Regierungsschulen Aung San, der Vater von Aung San Su Kyi, als Nationalheld dargestellt wird, ist es in den Karen-Schulen der erste Präsident der KNU, Saw Ba U Gyi.

Die Karen-Bildung umfasst auch die Vorherrschaft der Bamar-Kultur und die Versklavung der Karen durch die Bamar-Könige vor der Ankunft der Briten. Obwohl erlaubt, überrascht es nicht, dass die meisten Schüler*innen sich dagegen sträuben, die burmesische Sprache zu lernen, die lange Zeit als Herrschaftsinstrument benutzt wurde. Der burmesische Geschichtsunterricht wiederum lehrt ein rebellisches Bild der Karen und stellt sie als eine Bedrohung der nationalen Einheit dar.

In den Lagern werden grundlegende Lehrausbildungen für Karen-Schulen angeboten. Eine der Herausforderungen ist jedoch die Personalfluktuation, da Lehrkräfte oft sehr wenig Lohn erhalten. Die Gehaltsspanne liegt zwischen 800-1200 Baht (25-35 USD) pro Monat. Finanziert werden die Gehälter aus Spenden von NGOs, von Karen aus dem Ausland und von Eltern der Schüler*innen.

Schulen, die ‚Migrant*innen-Lernzentren’ heißen

Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit in Burma kommen viele Menschen als Wanderarbeiter*innen nach Thailand, um dort zu arbeiten. Mae Sot, einer der Bezirke der Tak-Provinzen, ist eine Handelsstadt, in der hauptsächlich Arbeiter*innen aus Burma arbeiten. Viele von ihnen sind Karen. Hier gibt es Tausende Kinder, deren Eltern in der Landwirtschaft, in Bekleidungs- und Lebensmittelfabriken arbeiten.

Deshalb werden sogenannte Migrant*innen-Lernzentren (MLC) in Teilen Thailands betrieben. Das thailändische Bildungsministerium erkennt sie nur als „Lernzentren“ und nicht als Schulen an. Viele Schüler*innen sind Karen. Dennoch ist der Unterricht aufgrund anderer ethnischer Gruppen oft mehrsprachig. Seit 2005 arbeiten viele Lernzentren unter Billigung thailändischer Einwanderungsbediensteter, auch ohne offizielle Akkreditierung.

Einige Lernzentren verfügen aufgrund sehr mobiler Arbeitsformen, insbesondere im landwirtschaftlichen Bereich, nicht über eine dauerhafte Gebäudestruktur. Daher gibt es oft keine feste Schulstruktur und kein festes Bildungsniveau. Der Lehrplan der MLCs funktioniert unabhängig von thailändischen Schulen.

Seit 2015 gestattet es ein vom thailändischen Bildungsministerium erlassenes Gesetz migrantischen Schüler*innen, ihr Studium an thailändischen Schulen fortzusetzen, wenn sie ein ausreichendes Niveau an Thai sprechen. Viele ziehen es aus Mangel an Sprachkenntnissen jedoch vor, private Universitäten zu wählen, wo der Unterricht auf Englisch stattfindet. Nach den politischen Reformen von 2015 sind einige Migrant*innenschulen auch beim burmesischen Bildungsministerium registriert. Deren Absolvent*innen sind berechtigt, an burmesischen Immatrikulations- und Prüfungstests teilzunehmen. Doch auch hier zögern viele aufgrund des abweichenden Lehrplans und weil ihnen burmesische Sprachkenntnisse fehlen.

Das Beispiel des Hsathoolei-Lernzentrums

Hsathoolei leitet sich von der Eigenbezeichnung der Karen für ihre politische Gemeinschaft und Nation ab und bedeutet Stern aus Kawthoolei. Diese untersteht nicht dem Staat Burma, wird international jedoch auch nicht anerkannt. Das Hsathoolei-Lernzentrum ist eine der frühesten Karen-Migrant*innenschulen. Es wurde 1999 gegründet und befindet sich in Mae Sot, Thailand, an der Grenze zu Burma. Ein zugehöriges Internat bietet Kindern aus armen oder binnenvertriebenen Familien kostenlose Unterkunft und Nahrung.

Die Schule wird nicht nur von Karen, sondern auch von Menschen anderer ethnischer Gruppen besucht. Sie feiert besondere Ereignisse aus der thailändischen, karenischen und internationalen Kultur und beteiligt sich zusammen mit lokalen Organisationen an der Sensibilisierung für Themen wie Kinderhandel oder häusliche Gewalt.

Wie andere Migrant*innenschulen ist auch die Hsathoolei-Schule auf Spendengelder angewiesen, die in den letzten Jahren zurückgegangen sind. Die thailändische Regierung geht zudem zunehmend strenger bei der Zulassung von Schulen vor, die keinen formalen Anerkennungsstatus besitzen.

Beitrag zur Gemeinschaftsbildung

Obwohl es nur über begrenzte Ressourcen verfügt, stärkt und befähigt das Bildungssystem der Karen Menschen und trägt zu einer widerstandsfähigen Gemeinschaft bei. Tausende von Studierenden haben ihr Studium abgeschlossen und sind als Ortsvorstehende, Lehrende, Ärzt*innen, Sozialarbeitende oder Menschenrechtsverteidiger*innen tätig.

Teile der Karen-Kultur wie Sprache, Essen, Tanz, rituelle oder religiöse Praktiken und Musik sind wichtige Elemente, die an den Karen-Schulen im Grenzgebiet gelehrt werden. Der traditionelle Karen-Tanz (Don Dance) ist sehr beliebt und wird bei wichtigen Veranstaltungen, insbesondere zum Karen-Neujahr, aufgeführt. Auch Politik findet Eingang in Form der Karen-Flagge, die vor den Schulen weht und Mut, Stolz und Autonomie verkörpert. Die Karen-Nationalhymne spiegelt Werte wie Ehrlichkeit, Gastfreundschaft und Güte wider. Der Unabhängigkeitstag der Karen und der Tag der Karen-Revolution werden ebenfalls als wichtige Ereignisse vermittelt.

Es ist offensichtlich, dass die Karen-Schulen in einem vielfältigen politischen Umfeld betrieben werden, weil es bisher kein homogenes ‚staatliches’ System gibt. Es gibt jedoch einige Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Bildungssystemen der Karen. Viele Schüler*innen wechseln sowohl für die Grund- als auch für die Hochschulbildung von der Lagerschule zur Migrant*innenschule oder umgekehrt. Dadurch schaffen diese ein starkes Zugehörigkeitsgefühl, auch um sich von der thailändischen und burmesischen Kultur zu unterscheiden. Dieses Nationalgefühl ist nach wie vor bemerkenswert und macht die Karen zur größten Exilgemeinschaft im thailändisch-burmesischen Grenzgebiet.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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„Identität ist wie ein Puzzle“

Philippinen/Deutschland: Die Fotografien unserer Autorin geben biografische Einblicke in das Leben einer German Filipina Mestiza (deutsch-philippinischen Herkunft). Sie sind zugleich eine Auseinandersetzung mit mehreren Identitäten.

„Sie sprechen aber gut deutsch.“, sagte ein Beamter neulich zu mir. „Danke, Sie auch“, erwiderte ich. „Wo kommen Sie her?“, fragte er dann. „Aus Lebach“, antwortete ich. „Nein, ich meine wo kommen Sie eigentlich her?“ Meistens sage ich, dass ich aus dem Saarland oder dem Supermarkt komme. Aber da er es wohl sehr ernst meinte, antwortete ich schließlich: „Meine Mutter kommt aus den Philippinen.“ Darauf antwortete er: „Ah, Migrationshintergrund.“

Obwohl mir diese Frage schon häufiger gestellt wurde, war ich überrascht, dass die Faszination des vermeintlich Anderen immer noch so präsent ist, zumal dies für die Beantragung meines Passes nicht relevant sein sollte. Ich bin hier geboren, in den Kindergarten und zur Schule gegangen, studierte, lebe und arbeite hier. Dennoch wird mir häufiger als meinen ‚weißen’ Freund*innen diese Frage gestellt. Manchmal ist es gar nicht so leicht zu unterscheiden: Ist es subtiler Rassismus oder eigentlich nur aufrichtiges Interesse?

Othering

Wenn mir zum Beispiel gesagt wird, wie exotisch ich aussähe, wenn ich gefragt werde, wo ich denn so gut Deutsch gelernt hätte oder wo ich herkomme, dann werde immer ich zur ‚Anderen’ gemacht. Die postkoloniale Theorie erklärt diese Zuschreibungen mit dem Konzept des Othering: Man definiert sich als Gruppe, indem man sich von anderen Gruppen abgrenzt. Die anderen Menschen dienen zur Beschreibung von all dem, was man selbst nicht ist. Ein wichtiger Aspekt der Identität ist die Abgrenzung. Nur wie verhält sich das, wenn ein Mensch mehrere Identitäten hat?

In den Philippinen erfahre ich eher eine umgekehrte Diskriminierung. Aufgrund meiner kleinen Nase und meiner vergleichbar helleren Haut werde ich bevorzugt behandelt. Als ich in der siebten Klasse war, verbrachte ich mit meinen Geschwistern die Sommerferien bei meiner Großmutter. Wir bekamen Schuluniformen und durften dann über sechs Wochen die lokale Schule besuchen, drei ‚weiße’ Kinder in den 1990er Jahren in einem philippinischen Dorf namens Bansalan. Jede*r in der Schule kannte unsere Namen, wir waren ständig von einer Schar Schüler*innen umgeben, wurden zu jeder Festlichkeit eingeladen und durften immer im Mittelpunkt stehen. Wir wurden wie Stars behandelt. Manchmal frage ich mich, wie sich wohl mein Selbstbewusstsein entwickelt hätte, wären wir dort hingezogen. In meinen ganz persönlichen Erfahrungen spiegeln sich auch die Machtverhältnisse und Geschichte der Länder wider. Deutschland repräsentiert eine größere Wirtschaftsmacht als die Philippinen, die durch ihre eigene koloniale Geschichte eine besondere Gasthöflichkeit entwickelt hatten.

Familiäre Vergangenheit und Gegenwart

Ich finde es interessant, meine Herkunft selbst zu erforschen. Die biografischen Einblicke sagen auch etwas darüber aus, wie Kultur weitergegeben wird. Und ich frage mich, ob eine deutsche, weiße, heterosexuelle und bürgerliche Person ebenso viel über ihre Vergangenheit weiß. Einige Bilder meiner deutschen Ahnen stammen aus den 1930er Jahren und ich vermute, meinen Großvater mit anderen Soldaten auf den Bildern zu sehen. Durch das Anschauen der Bilder wurde mir erst bewusst, welche Geschichte und kulturelle Bedeutung es hatte, dass wir einen altdeutschen Schäferhund hielten. Das Hakenkreuz und der Hitlergruß sind auch auf einigen Bildern zu sehen. Waren sie Anhänger*innen oder haben sie sich den Umständen gefügt? Die genaue Geschichte kann mir keiner mehr erzählen. Da sich der philippinische Präsident Rodrigo Duterte selbst auch schon mit Adolf Hitler verglichen hat, frage ich mich, wie es sich nun mit meinen Verwandten in den Philippinen verhält.

Die erhobene Faust der Duterte Anhänger, der Kampf gegen vermeintliche Drogenabhängige und der ausgedehnte Straßenbau in Davao wirken für viele Filipin@s überzeugend. Politik ist in den Philippinen ein sehr emotionales Thema. Die Blindheit und Gutgläubigkeit gegenüber Duterte hat fast schon Ausmaße wie beim philippinischen Sektenführer und Politiker Apollo Carreon Quiboloy angenommen, welcher sich als der „ernannte Sohn Gottes“ und der „Besitzer des Universums“ bezeichnet und damit sehr erfolgreich ist. Only in the Philippines? Erstaunlich wie viele Parallelen es doch gibt. Wenn ich die Fotos meiner Vorfahren ansehe, gibt es durchaus auch interkulturelle Ähnlichkeiten zu den Duterte-Anhänger*innen, zum Beispiel im Ausdruck und der Körperhaltung. Zumal die deutsche Geschichte des dritten Reichs auch erst rund 80 Jahre her ist und deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind.

Da ich in Deutschland aufgewachsen bin, fühle ich mich auch kulturell eher im deutschen Alltag zuhause. Gleichzeitig fühle ich mich mit den Philippinen sehr verbunden und habe über meine mütterliche Erziehung hinaus selbst viel über die Geschichte, Kultur und Politik der Philippinen geforscht und gelernt. Vielleicht weiß ich über das Land im ‚fernen Osten’ sogar mehr als über das Saarland. Das Erlernen der Sprache Bisaya allein hat mir sehr viel Einsicht in die Denkweise und die Kultur meiner Mutter gebracht. Doch ich selbst habe die kulturellen Werte der Philippinen nur indirekt erlebt, da ich nicht dort aufgewachsen bin.

Als zweite Generation oder Second Generation scheint es mir ein wenig befremdlich, etwas ‚zu sein’, zu dem ich selbst nur einen bestimmten Zugang habe. Obwohl die Welt durch die globale Vernetzung in einem regen Austausch steht, was was aktuell durch die Corona-Pandemie verdeutlicht wird, ist es erstaunlich wie langsam sich Weltbilder und Verhaltensweisen gegenüber fernen Ländern in der Gesellschaft anpassen. Menschen aus ähnlichen wirtschaftlichen Verhältnissen haben über die Ländergrenzen hinweg vielleicht mehr gemeinsam als Menschen aus unterschiedlichen Milieus im gleichen Land. Wenn ich mein Augenmerk weniger auf die Abgrenzung und mehr auf die Bereicherung lege, ist die bi-kulturelle Herkunft eine große Schatzkiste an Erfahrungen und Erkenntnissen.

Multilokalität

Der Hashtag #metwo macht darauf Aufmerksam, dass Menschen mehr als eine Identität haben können. Vielleicht ist es viel interessanter, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, statt über Othering Unterschiede hervorzuheben. In der heutigen Welt ist es nicht schwer, an verschiedenen Orten zuhause zu sein oder von verschiedenen Orten zu kommen. Die Schriftstellerin Taiye Selasie sagt, multinational sei ein Begriff für Unternehmen. Menschen erfahren eher eine ‚multi-lokale’ Zugehörigkeit. In diesem Sinne ist die Frage nach der nationalen Herkunft weniger aussagekräftig als die Frage: Wo fühlst du dich zuhause? Mit welchen Orten fühlst du dich verbunden? Ich bin Bürgerin mehrerer Orte, ich fühle mich in Berlin, Hannover, Köln, Saarbrücken und in Davao zuhause.

Es gibt einige Gewohnheiten, die ich bewusst und unbewusst aus der philippinischen Kultur mitgenommen habe. Das sind beispielsweise die Dankesschuld, utang na loob, die Wahrnehmung der subtilen Körpersprache wie ein Zustimmen mittels dem Heben der Augenbrauen oder das Abmessen vom Reis-Wasser-Verhältnis beim Kochen mittels des kleinen Fingers. Ich mag auch das Wetter, die Früchte und die täglichen Reisgerichte, aber die durchdringende Korruption widerstrebt mir. Ebenso mag ich die vier Jahreszeiten, sortierte Mülleimer, soziale Absicherung, die Freiheit zur Meinungsäußerung und meinen privaten Raum.

Die Musikerin Dota Kehr drückt es in ihrem Song Grenzen so aus: „Wieso schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht? Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen, sondern zwischen den Menschen. Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein, sondern aus Respekt. Es gibt Grenzen. Nennt mich naiv, es ist mir egal, aber ich finde es reicht, ich suche das Land in dem jeder dem Anderen in Staatsunangehörigkeit gleicht. Ich melde mich ab, ich will einen Pass, wo Erdenbewohnerin drin steht.“

In diesem Sinne ist die Frage nach der nationalen Herkunft weniger aussagekräftig als die Frage: Wo fühlst du dich zuhause? Mit welchen Orten fühlst du dich verbunden?

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„Identität ist wie ein Puzzle“

Deutschland/Philippinen: Jede Identität wird erst in der Gemeinschaft erlebt und erfahren. Unsere Autorin Analie Gepulani Neiteler macht sich auf die Suche nach philippinisch-deutscher Identität.

Ich stand in einem Kreis zusammen mit deutschen Freunden sowie mir bis dahin unbekannten Freundesfreund*innen. Sie waren alle weiß. Plötzlich hörte ich eine „Hey, asiatisches Mädchen“, rufen. Ich wusste, sie meint mich. Sie rief mich mehrmals, aber ich ignorierte sie. Sie sollte meinen Namen wissen und wenn sie ihn nicht weiß, wollte ich sie dazu bringen, vernünftig mit mir zu sprechen. Sie fragte dann „Kann ich das so sagen? Du bist doch ein asiatisches Mädchen, oder?“. Ich versuchte, möglichst unaufgeregt und lässig zu sagen, dass ich stattdessen meinen Namen Analie bevorzuge. Sie war neugierig und fragte dann ganz konkret nach meiner Herkunft. Mittlerweile versuche ich nachsichtig damit umzugehen und störe mich nicht mehr per se an solchen Situationen.

Wie fühlt sich Othering an?

So etwas nennt man Othering. Othering bedeutet, jemanden zu etwas anderem, etwas Fremden zu machen (Ogette, 2017:  exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen). Durch solche Erfahrungen werden Menschen, wie ich, als Fremde in der Heimat markiert. Überraschend ist der Ort der Geschehnisse: Mitten in Berlin. Zwischen Görlitzer Bahnhof und Kottbusser Tor. Vermutlich eine der multikulturellsten Gegenden der ganzen Bundesrepublik. Ich bin in einer ländlichen Gegend aufgewachsen, und von Unbekannten Sprüche hinterhergerufen zu bekommen wie „Sching Schang Schong“ waren Alltag für mich. Vielen Frauen ist das beklemmende Gefühl sicherlich bekannt, welches fremde Männer auslösen können, die uns ungefragt hinterherrufen, pfeifen oder ein „Hey Süße“ beim Vorbeigehen ohne Blickkontakt ins Ohr zischen.

Zusätzlich zum offenen Sexismus auf der Straße, kommen bei mir rassistische Sprüche wie oben genannt noch dazu. Ich dachte lange, mit meinem Umzug in die Großstadt könnte ich solchen Sprüchen entfliehen, mich in der Anonymität und Unsichtbarkeit verstecken. Diese Person – für die ich bloß das asiatische Mädchen war – erinnerte mich daran, dass ich mich nicht verstecken konnte, aber auch nicht dazu gehören sollte. Manchmal habe ich trotzdem einen ganz guten Spruch parat, um das Othering meines Gegenübers zu enttarnen, ohne dass ich dieser Person Vorwürfe mache und sie im schlimmsten Fall auch noch defensiv reagiert und sich schämt. Ich bin wütend, aber Scham halte ich trotzdem für kein konstruktives Gefühl.

Viel mehr als ‚nur’ philippinisch-deutsch

Ich bin Filipina und ich bin Deutsche. Gleichzeitig bin ich viel mehr als das. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, aber die Deutschen haben mich nie vergessen lassen, dass ich so richtig nicht hierhin gehöre. Mein ganzes Leben versuche ich, mich zu beweisen. Ich versuche, zu beweisen, dass ich dazugehöre.

Ich bin keine Nationalistin. Daher muss ich Zugehörigkeit nicht durch meine gelebte Zugehörigkeit zu einer Nation erfahren. Ich strebe trotzdem nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Tut das nicht jede*r? Ich möchte dazugehören, aber lieber so, wie ich bin. Ich möchte mich nicht verstellen müssen. Oft habe ich aber das Gefühl, die Menschen wollen es nicht sehen.

Es gibt einen Spruch, an den ich oft denken muss: Gesagt ist nicht immer gehört, gehört heißt nicht immer verstanden, verstanden heißt nicht immer einverstanden, einverstanden heißt nicht immer umgesetzt und umgesetzt heißt nicht immer beibehalten. Der Weg zu einer nachhaltigen Veränderung ist also langwierig. Wir müssen immer wieder in Dialog treten mit unserer Gemeinschaft.

Philippinische Gemeinschaft I: Utang na loob

Für mich war Identität immer ein Kampf, bei dem es darum ging, dafür einzustehen, wer ich bin und mir nicht die Sicht verblenden zu lassen von denjenigen, die mich nicht sehen können oder wollen. Meine Identität ist vielschichtig. Ich bin Deutsch-Filipina und dadurch gehöre ich der philippinischen Diaspora in Deutschland an. In Deutschland und in den Philippinen waren meine Großeltern Bauern, auch meine Eltern hart arbeitend. Nur weil meine Vorfahren gewisse Lebensentscheidungen getroffen haben, bin ich wiederum hier. In den Philippinen nennt man so etwas wohl utang na loob: Ich bin meinen Vorfahren unermessliche „innerste Dankbarkeit“ schuldig – ganz buchstäblich. Die akkumulierten Erfahrungen meiner Vorfahren mit den darauf folgenden Entscheidungen und Erfahrungen, die ich in Abhängigkeit davon getroffen habe, machen aus, wer ich bin und brachten mich dorthin, wo ich jetzt gerade stehe.

 

Philippinische Gemeinschaft II: Kapwa

Seit meinem Umzug nach Berlin und dem Beginn des Studiums kann ich mich sehr glücklich schätzen, noch mehr philippinische Deutsche oder deutsche Filipin@s in ähnlichen Identitätskrisen, wie ich sie hatte, kennen zu lernen. Weil ich mich im Studium mit der Region Asien beschäftige – insbesondere den Philippinen – versuche ich, die Welt mit Hilfe von asiatischen Philosophien zu verstehen. Der Begriff Kapwa ist ein Konzept der philippinischen Psychologie und bedeutet so viel wie „geteilte Identität“, Gleichberechtigung oder „mit anderen sein“ (Concepcion 2016). Kapwa als Begriff zu lernen, war eine Lehre für mich. Durch Kapwa konnte ich endlich ausdrücken, was ich immer gesucht habe: Gemeinschaft.

Diskriminiert oder privilegiert?

In meiner Kindheit war ich zweimal in den Philippinen, mehr Reisen waren finanziell nicht drin. Bis zu unserer ersten Reise hatte meine Mutter ihre Familie 15 Jahre nicht gesehen. Fast bis zum Abschluss meines Bachelor- Studiums habe ich mich übermäßig negativ diskriminiert gefühlt. Ich habe viel darüber nachgedacht, was ich alles nicht hatte und was mir Steine in den Weg gelegt hat. Ich fange nun an, meine Privilegien zu sehen und statt mich derer zu schämen, sie zu nutzen. Für diejenigen, die weniger privilegiert sind.

Mein Privileg ist, dass ich gut überleben kann in dieser Welt, die vor Ungerechtigkeiten nur so strotzt. Ich kann auch besser überleben als das meine Vorfahren und Teile meiner erweiterten Familie tun können. Dass ich mich privilegiert fühle, löst in mir eine starke Solidarität aus mit denjenigen, die es nicht sind. Aber Privileg ist ein Gefühl so wie Solidarität ein Gefühl ist. Etwas schwer Greifbares, Abstraktes.

Intersektionalität: Positionierung als Empowering

Noch versuche ich selbst, mich im Netz der Intersektionalität zurechtzufinden. Intersektionalität ist ein Konzept, das von der Schwarzen Juristin Kimberlé Crenshaw entwickelt wurde, um die vielschichtige Diskriminierung in Gesellschaftsstrukturen darzustellen. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung schreibt darüber in einem Heft mit Bildungsmaterial zum Konzept Intersektionalität: „Viele Menschen sehen sich in ihrem alltäglichen Leben nicht nur mit einem einzelnen Unterdrückungsverhältnis, wie zum Beispiel sexistischen Strukturen, konfrontiert, sondern befinden sich zur selben Zeit in einer prekären ökonomischen Situation und sind zusätzlich als (Post-)Migrant_innen negativ von Rassismus betroffen.“

Zu erkennen, welche Diskriminierungsformen es gibt, ist allerdings nur der erste Schritt zu gesellschaftlicher Transformation. Sich nicht selbst zu lähmen und stattdessen selbst zu ermächtigen, das geht in meinen Augen nur, wenn wir auch darauf schauen, welche Privilegien wir haben. Diese Privilegien anzunehmen, statt sich ihrer zu schämen und sie einzusetzen, kann sehr selbst ermächtigend wirken.

Die philippinisch-US-amerikanische Rapperin Ruby Ibarra, hat in ihrem Song Us (feat. Rocky Rivera, Klassy & Faith Santilla) folgende Zeilen geschrieben:

YouTube Video: Ruby Ibarra: Us (feat. Rocky Rivera, Klassy & Faith Santilla):

Nur, weil wir als philippinische Diaspora in Deutschland unsere privilegierte Situation im Vergleich zu den Philippinen verstanden haben, konnten wir uns zusammentun und zu Beginn der Corona-Pandemie die Aktion Ayuda – Hoffnung durch Aktion ins Leben rufen. Damit haben wir benachteiligte Gruppen auf den Philippinen mit Lebensmitteln versorgt sowie ein Krankenhaus in Marawi mit Covid-Schutzausrüstung. Ohne unser philippinisches Verständnis von Kapwa – dass wir zusammengehören – wäre diese diasporische Solidarität wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Du bist nicht allein und du gehörst dazu

Lange habe ich mich allein gefühlt mit meiner Erfahrung. Das Teilen von Erfahrungen mit Menschen, die ähnliche Lebensgeschichten haben und das Gefühl eines kollektiven Empfindens haben mir sehr gut getan. Daher habe ich in meinem Beitrag für das Buchprojekt des Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas deutschsprachige sogenannte second generation Filipin@s nach ihren Erfahrungen befragt und diese zusammen getragen. Damit hoffe ich, jungen Menschen mit ähnlicher Ausgangsposition, wie ich sie hatte, Mut zu machen und ihnen das Gefühl zu geben, gehört zu werden. Ich möchte ihnen sagen: „Vielleicht haben wir beide eine ähnliche Geschichte und sei es nur die, dass deine Eltern oder ein Elternteil irgendwann nach Deutschland gekommen sind. Vielleicht hast du die Erfahrung der Migration sogar selbst gemacht und aus erster Hand miterlebt. Ganz sicher ist aber, du bist nicht allein und du gehörst dazu. Wir gehören hierher.“

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4 | 2020, Interviews, Philippinen, Sonderausgabe Buchmesse,
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„Identität ist wie ein Puzzle“

Vietnam/Deutschland: Das Jahr 1990 war ein Jahr des Wandels, nicht nur für weiße Deutsche, sondern auch für Vietnames*innen, die zu der Zeit in Deutschland lebten. Dieser Artikel betrachtet anhand einer Biografie die deutsch-vietnamesische Migrationsgeschichte nach Ost-Deutschland

2020 war das Jahr einiger historischer Jubiläen, die das Leben von Menschen bereits vor Jahrzehnten drastisch änderten: 30 Jahre deutsche Wiedervereinigung, 45 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Vietnam, 40 Jahre Vertragsarbeiterabkommen zwischen der DDR und Vietnam. Diese Ereignisse form(t)en transnationale Geschichte(n) und setz(t)en Migrationswege in Gang – bis heute.

Von Vietnam in die Tschechoslowakei

„Ich wurde im Januar 1990 als Kind zweier vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen geboren. Mein Vater kam 1982 in die Tschechoslowakei, um in der Industriestadt Pardubice in einer Farbenfabrik zu arbeiten. Meine Mutter kam 1986 in die gleiche Stadt, sie wurde in einer Textilfabrik beschäftigt. Mein Vater integrierte sich schnell, lernte die tschechische Sprache und wurde den Kollegen und Vorgesetzten zu einer wertvollen Hilfe. Zudem half er seinen vietnamesischen Landsleuten dabei, sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden. Ende der 1980er Jahre lernten meine Eltern sich kennen und lieben. Als meine Mutter mit mir schwanger wurde, begannen erste Schwierigkeiten. Vertragsarbeiterinnen war es nicht erlaubt, während des Einsatzes schwanger zu werden.

Der freundschaftlichen Unterstützung eines tschechischen Arztes ist es zu verdanken, dass die Schwangerschaft nicht abgebrochen werden musste und dass meine Eltern in Pardubice bleiben durften. Er attestierte meiner Mutter, dass sie wegen ihrer Umstände nicht mehr reisefähig war. Zwischenzeitlich hatte die ‚friedliche Revolution’ in der Region zu veränderten politischen Verhältnissen geführt. Auch die Bedingungen für Vertragsarbeiter*innen änderten sich schrittweise. Das Bleiberecht wurde zunehmend restriktiver ausgelegt. Im November 1990 sollte meine Familie die Tschechische Republik endgültig verlassen, es drohte die Ausweisung. Doch meine Eltern hatten sich an das Leben in Europa gewöhnt und in Vietnam keine wirtschaftliche Basis mehr. Zu jener Zeit boten sich noch etwas bessere Möglichkeiten, um nach Deutschland zu migrieren. Sie versuchten ihr Glück und gelangten über Umwege in das Asylheim Falkensee bei Berlin.“

Zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung lebten rund 60.000 Vertragsarbeiter*innen in der DDR. Sie kamen aus sozialistischen ‚Bruderländern’, vor allem aus Angola, Mosambik und Vietnam. Durch Vertragsarbeit sollten die Sendeländer in der Lage sein, ihre Arbeiter*innen auszubilden, weiter zu qualifizieren und weniger Menschen im Land selbst versorgen zu müssen. Arbeiter*innen schickten Geld und industrielle Güter nach Hause und würden bei der Rückkehr in ihr Heimatland Fertigkeiten und Expertise mitbringen.

Vertragsarbeiterabkommen zwischen DDR und Vietnam

Die DDR und andere osteuropäische Länder hatten mit Arbeitskräftemangel zu kämpfen, besonders im Niedriglohnsektor. Viele Ostdeutsche waren nach Westdeutschland geflohen. Deshalb wurden zusätzliche Arbeitskräfte benötigt, um den Fünf-Jahres-Plan zu implementieren. 1980 wurde ein Abkommen zwischen Vietnam und der DDR unterzeichnet.

Migrant*innen aus Vietnam lockte eine Verbesserung der familiären ökonomischen Situation und die Möglichkeit zu reisen. Zu jener Zeit waren Erwerbsmöglichkeiten in Vietnam begrenzt. Hunger und Armut waren weit verbreitet, auch wenn sich die Lage Mitte der 1980er Jahre besserte. Ins Ausland zu reisen versprach Abenteuer und Prestige. Nicht alle, die wollten, durften das auch. Vertragsarbeiterinnen sahen zudem eine Chance, traditionellen Familienbildern zu entkommen, welche meist eine frühe Eheschließung bedeuteten.

Rückblickend beschreiben Vertragsarbeiter*innen ihre Zeit in der DDR fast glorifizierend und erwähnen selten die strikten Regulierungen, denen sie unterlagen. Ihnen stand beispielsweise nur ein Wohnraum von 5 m2 zu. Eine Schwangerschaft bedeutete die Wahl zwischen Abschiebung und Abtreibung. Zusätzlich erschwerte ihnen Rassismus das Leben in der DDR, auch wenn die Regierung dessen Existenz abstritt. Er reichte von Mikro-Aggressionen durch deutsche Kolleg*innen, die sich über vietnamesisches Essen lustig machten, bis hin zu rassistischer Gewalt im Zusammenhang mit der aufkommenden Skinhead-Kultur.

Unklare rechtliche Rahmenbedingungen nach dem Mauerfall

1990 kam die große Unsicherheit. Niemand wusste, was während des politischen Umbruchs mit den Vertragsarbeiter*innen in Deutschland geschehen würde. Viele akzeptierten die bezahlte Rückkehr nach Vietnam. Manche migrierten zwischen den ehemaligen Ostblock-Ländern. Für einige war Deutschland zu ihrem Zuhause geworden, wo sie bleiben wollten. Allerdings entschied die deutsche Politik erst 1997 über eine Bleiberechtsregelung. Bis dahin blieben rechtliche Rahmenbedingungen unklar, weshalb viele ehemalige Vertragsarbeiter*innen ihr Überleben in rechtlichen Grauzonen und selbständigen Arbeitsverhältnissen aushandelten.

„Hier [in Falkensee] verbrachte ich die erste Hälfte meiner Kindheit. Ich erinnere mich gern an das Leben im Wohnheim, das mir zunächst wie ein normales Zuhause vorkam. Erst später begriff ich, dass unser Leben immer von einer Duldung durch die Behörden abhing. Meine Eltern versuchten, uns durch Nebentätigkeiten ein angenehmes Leben zu sichern. Zudem genossen wir sehr viel Unterstützung durch deutsche Freund*innen und Nachbar*innen. Da meine Eltern jedoch nie studieren oder arbeiten durften, konnten sie sich keine langfristige Lebensgrundlage aufbauen und blieben immer im Status der geduldeten Asylsuchenden.

Ende der 1990er Jahre sollte das Asylheim Falkensee einer neuen Nutzung zugeführt werden. Alle Bewohner*innen wurden einer strengen Überprüfung unterzogen. Selbst die Tatsache, dass ich inzwischen drei jüngere Geschwister hatte, wurde bei der finalen Entscheidung nicht berücksichtigt. Im Jahre 2001 mussten wir nacheinander Deutschland verlassen, zunächst mein Vater, meine zwei Schwestern und ich, sechs Monate später meine Mutter und mein Bruder. Wir kamen vorerst bei Verwandten in Hanoi unter.“

Viet-Deutsche Identitäten sind harte Verhandlungsprozesse

Von den verbliebenen Vertragsarbeiter*innen überzeugten manche ihre Familien in Vietnam, ihnen nach Deutschland zu folgen. Viele hatten sich über Jahre nicht gesehen, die Kommunikation (damals noch ohne Internet und Smartphones) war eingeschränkt. Andere lernten ihre Partner*innen, sowohl deutsche, als auch vietnamesische, in Deutschland kennen und beschlossen, Deutschland zum Zuhause ihres Nachwuchses zu machen. Die Viet-Deutschen der so genannten 1 ½. Generation (geboren in Vietnam, aber jung nach Deutschland migriert) sowie der 2. und 3. Generation sind mit anderen Herausforderungen als ihre Elterngeneration konfrontiert. Dazu gehört der ständige Verhandlungsprozess zwischen Erwartungen der Eltern und der weißen deutschen Gesellschaft.

Mit zwei Kulturen aufzuwachsen ist ein Schatz, aber auch eine Belastung. Die eigene Identität zwischen oft traumatischen Familienbiografien, die den Lebensweg der Kinder als Wiedergutmachung für elterliche Entbehrungen sehen, ist eine Bürde. Erfolgreich und gehorsam zu sein steht oft im Konflikt mit der deutschen Umgebung in der Schule und mit Freund*innen. Zusätzlich zu diesen Spannungen und Erwartungen sind Viet-Deutsche weiterhin Rassismus und Stereotypen der weißen Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt. Trotz Selbstidentifizierung als Deutsch werden sie mit Fragen wie „Wo kommst du wirklich her?“ und „Warum sprichst du so gut Deutsch?“ konfrontiert. Dies zeigt die Kluft zwischen Fremd- und Selbstbestimmung und schließt Personen aus einer Gruppe aus, zu der sie eigentlich gehören.

Viet-Deutsche Identitäten sind harte Verhandlungsprozesse und ein Kampf an mehreren Fronten zugleich. Trotzdem bleiben diese Kämpfe oft unsichtbar, da sie vom Stereotyp der ‚Vorzeigemigrant*innen’ verdeckt werden. Dieses Vorurteil reduziert Viet-Deutsche auf ihren Bildungserfolg und vergisst dabei, über die Traumata und Opfer zu sprechen, die der Preis für die oberflächlich scheinbar gelungene Integration sind.

„Die ersten Wochen in Vietnam verliefen sehr abenteuerlich: Ich sprach fließend Deutsch, hatte aber kaum meine eigene Muttersprache gelernt. Doch ich lernte schnell und so konnte ich meine Schulzeit bald fortsetzen und ein Studium beginnen. In all den Jahren erinnerte ich mich immer wieder an meine Kindheit in Deutschland und versuchte auch, Kontakt zu wichtigen Freund*innen aufrecht zu halten. In meinem Herzen blieb Deutschland immer eine Art Sehnsuchtsort. Um mit der deutschen Kultur in Verbindung zu bleiben, arbeitete ich in Hanoi als Stadtführerin für deutsche Tourist*innen und Langzeitreisende.

Schließlich wurde mein Wunsch unbändig, wieder in Deutschland zu leben. 2015 begab ich mich als Au-Pair nach Deutschland. Schnell frischte ich meine deutschen Sprachkenntnisse auf und bereitete mich darauf vor, im folgenden Jahr eine Ausbildung zu beginnen. Ich sah mich plötzlich in einer ähnlichen Situation wie meine Eltern 15 Jahre zuvor. Ich wollte alles richtig machen und entschied mich für einen Beruf mit guten Zukunftsaussichten. Heute lebe ich in Berlin, ich liebe meine Arbeit als Altenpflegerin, genieße das Leben und schaue mit Freude und Zuversicht in die Zukunft.“

Die DDR existiert nicht mehr, auch die Vertragsarbeit ist Geschichte. Doch es gibt eine neue Form der Migration zwischen Deutschland und Vietnam, die erneut darauf basiert, Vietnames*innen für Arbeit zu rekrutieren, die Deutsche wegen schlechter Arbeitsbedingungen nicht machen wollen. Diesmal geht es um die Pflegebranche (vgl. Artikel Pflegekräfte in der Corona-Krise auf suedostasien.net).

Das Goethe Institut ist weltweiter Anbieter von Deutschkursen, seine größte Sprachabteilung befindet sich in Vietnam. Die Nachfrage, nach Deutschland zu gehen, ist ungebrochen. Historische Verbindungen bleiben stark und junge Vietnames*innen suchen Chancen in Deutschland. Gleichzeitig setzt die deutsche Regierung eine Tradition fort und begeht dabei alte Fehler: Laut dem Deutschen Wirtschaftsministerium sei diese Arbeitsmigration temporär, langfristige Aufenthalte werden nicht erlaubt und deshalb stünden Integration und Inklusion neu ankommender Fachkräfte nicht auf der Prioritätenliste. Statt Geschichten und Erfahrungen von Vertragsarbeiter*innen ernst zu nehmen, scheint es, als würde sich die Geschichte mit einer neuen Generation wiederholen. Oder können wir die Jubiläen als Anlass nehmen, Politik neu zu denken und Migrant*innen weniger Diskriminierung auszusetzen?

Dieser Artikel wurde erstmals im englischen Original am 29.10.2020 durch die Heinrich Böll Stiftung veröffentlicht. Er wurde für südostasien ins Deutsche übersetzt und redaktionell bearbeitet.

Übersetzung aus dem Englischen von: Julia Behrens

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„Identität ist wie ein Puzzle“

Südostasien: Essen spielt in Diasporagemeinden oft eine wichtige Rolle. Vicky Truong schildert, wie sie durch Essen die kulturellen, generationsbedingten und sprachlichen Barrieren als Tochter südostasiatischer Migrant*innen durchbricht.

Ku Chai Kueh (Knoblauch-Schnittlauch-Kuchen)

„Ich fand meine Urgroßmutter in der Mitte des Küchenbodens.
Ihr kleiner Körper wölbte sich über eine große grüne Schüssel,
die mein Vater geerbt hat und immer noch benutzt.
Ihre Hand würde aus heißem, dampfendem, klebrigem Reisteig hervorkommen
um dann wieder darin eingetaucht zu werden.
Von der Hitze gerötete Hände
schienen den Schmerz nicht zu spüren.
Ein natürlicher Instinkt, zu wissen, wie und wo man faltet
ein vertrauter Akt, dem weder Hand noch Teig etwas entgegenzusetzen hatten.
Es wurden keine Worte gesprochen als ich neben ihr hocken würde.
Hypnotisiert.
Wir würden feinfühlig die Kuehs formen,
ihre Hände führten meine,
und füllte sie mit Schnittlauch, der in ihrem Garten liebevoll angebaut worden war.
Als der Deckel von den Schalen abgehoben wurde, legten wir die Kuehs hinein,
Dampf würde bis zur Decke aufsteigen.
Sie überzog jede Kueh mit flüssigem Knoblauchgold und reichte mir eine.
Diese seidige, zähe Textur,
diese süße und salzige, scharfe Knoblauchfüllung,
schuf Momente der reinen Zufriedenheit.
Unsere glücklichen Augen würden sich treffen,
und die kulturellen, generationsbedingten und sprachlichen Barrieren zwischen uns
nicht mehr existieren“.

Für eine Person aus einer Diaspora-Familie mit Verbindungen nach China, Vietnam und Thailand, war dies eine vertraute Szene. Meine Kindheitserinnerungen bestehen darin, zu sehen, wie die Küchenbank von Zutaten beschlagnahmt wurde, wie sich alle über den Esstisch und im Wohnzimmer an den ihnen zugewiesenen Stationen ausbreiteten – jeder von uns mit einer Aufgabe betraut, um die Mahlzeit zu vollenden. Küche und Wohnzimmer verwandelten sich in ein Amalgam aus Düften, brutzelndem Öl und lebhaftem Geplauder, bis unsere harte Arbeit in kulinarischen Festen mündete. Mein Leben bestand aus vielen solcher gemeinsamen Mahlzeiten, aber in diesen Momenten ging es um mehr als nur um das Essen.

China – Vietnam – Thailand – Australien: Stationen einer Migrationsgeschichte

Für mich als Chinesisch-Australierin der ersten Generation sind verschiedene Lebensmittel, neue Kulturen, Zutaten, Kochen, Gerichte und Essgewohnheiten miteinander verflochten. Wir haben eine lange Migrationsgeschichte, und das Essen war eine Art unsere Herkunft zurückzuverfolgen und zu feiern. Um die tiefere Bedeutung zwischen Essen und Diaspora wirklich zu verstehen, muss man sie gelebt haben, denke ich. In diesem Sinne werde ich hier versuchen, darzustellen, welche Rolle das Essen in meinem Leben gespielt hat. Obwohl Worte die Kommunikation einschränken können – wie an meiner Existenz und Verbindung zu meiner Familie ersichtlich wird.

Essen war und ist ein wichtiger Teil unserer Identität, ein Überbleibsel der Kultur für eine Migrantenfamilie, die ihren Platz in der Fremde findet. Ich bin jetzt in Berlin ansässig, und mitten auf der Brücke zwischen mir und meinen Lieben liegt das Essen. Um auszudrücken, warum, müssen wir mit den Ursprüngen meiner Familie beginnen.

Meine Vorfahren sind Teochew aus der Provinz Guangdong in China. Sie waren Dorfbewohner*innen, die ihre Heimat verließen, zum einen, um dem kommunistischen Regime zu entkommen, zum anderen aus wirtschaftlichen Motiven heraus. Sie ließen sich im Ausland unweit von China nieder. Daher wurden meine beiden Elternteile als chinesisch-teochewistische Minderheiten geboren; mein Vater in Vietnam und meine Mutter in Thailand.

Mein Vater ist eines von neun Kindern und meine Mutter ist eines von vierzehn Kindern. Essen war nie eine Selbstverständlichkeit. Um mit begrenzten Mitteln hungrige Bäuche zu füllen, war es wichtig, dass alle mit anpackten, um das Überleben aller zu sichern. Von der Pflege des Gartens, über lange Arbeitszeiten, um sich Zutaten leisten zu können, bis hin zum Kochen und Putzen – alle Aufgaben rund ums Essen mussten erfüllt werden. Dies führte in der Familie zu Traditionen, um als Einheit zu funktionieren, und wurde später in Australien fortgeführt.

In Fortsetzung zu dem, was meine Vorfahren für meine Großeltern und ihre Kinder getan hatten, bauten meine Eltern auch ein neues Leben für sich selbst, ihre jeweiligen Familien und dann für die drei Kinder auf, die sie zusammen hatten. Durch anstrengende lange Arbeitstage und das Engagement für ein besseres Leben schufen meine Eltern ein sehr angenehmes Umfeld für meine Geschwister und mich, in dem wir die Welt kennen lernen konnten. Wir wurden in einer Weise erzogen, die die Traditionen unserer Vorfahren mit neu erlernten westlichen Normen verband.

Sinnesfreude und Traditionspflege

Zur Zufriedenheit meiner Eltern verbrachte ich die meiste Zeit meiner Kindheit damit, meine Großeltern bereitwillig jeden Sonntag zu besuchen und regelmäßig mit meinen Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen zu essen. Wir spielten mit den Enten und Hühnern, ohne zu wissen, dass sie eines Tages unsere Mahlzeit sein würden, und rannten in der Küche und zwischen den Beinen der Erwachsenen umher, während uns kleine Essenshäppchen gereicht wurden. Unsere Familie florierte in den asiatischen Gemeinden Melbournes und konnte viele unserer kulturellen Traditionen ausleben, die uns mit der Heimat unserer Eltern und Großeltern verbanden.

An den Küchen- und Esstischen versammelt, tauchten wir durch die Verschmelzung unserer verschiedenen Kulturen in warme Aromen und Düfte von Gewürzen ein, die unsere Sinne verlockten. Wir wechselten zwischen vier Sprachen während wir uns alle gegenseitig aufforderten, zu ‚sitzen‘. Das Essen begann, als der Älteste ‚Jia‘ (essen in Teochew) sagte, und die Essstäbchen und Löffel überkreuzten sich als das Essen in die Reisschüsseln der anderen gestapelt wurde. Dies ist repräsentativ für unsere Familie; je nach Alter servierte man das Essen den Jüngeren, den Älteren oder beiden, bevor man sich selbst bediente. Es ist ein Symbol der Rücksichtnahme, des Respekts und der Liebe.

Im Laufe der Zeit wurden diese Gelegenheiten langsam weniger. Die Zutaten, die unsere Kühlschränke füllten, die Gerichte, nach denen gefragt wurde, und die Art und Weise wie wir aßen, begannen sich zu verändern. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich Nem Chua Bò (scharf gepökeltes, fermentiertes Rindfleisch) in der Öffentlichkeit essen wollte, und meine Mutter sagte uns, dass wir das nicht tun sollten, da die Leute uns auslachen würden.

So musste ich den ganzen Weg nach Hause mit Wasser im Mund laufen, bevor ich das Zellophan – und den ‚weißen Blick’ [Anm.d.Red.: White Gaze: Ausdruck von white supremacy. Weißes Sein, Handeln, Denken und auch Essen werden aus weißer Perspektive betrachtet mit einer gleichzeitigen Abwertung allen Nicht-Weißen] abstreifen konnte, der mich von meiner stinkenden, süßen, sauren und salzigen Leckerei fernhielt. Um sich zu assimilieren, änderte sich auch langsam das Essen, das uns in unseren Lunchboxen getan wurde, um sicherzustellen, dass wir nicht wegen kultureller Unterschiede verspottet wurden.

Identitätskrise und Konflikte

In jungen Jahren war mir die Vergangenheit meiner Familie kaum bewusst. Ich bedaure es daher, dass ich nicht mehr Traditionen und kulturelle Elemente, die sie mir anerziehen wollten, in mir aufgenommen habe. Ich war mir der Not nicht bewusst, die die Familie meines Vaters als Geflüchtete, die zweimal vor kommunistischen Regimes flohen, erlitten hatte. Ich berücksichtigte nicht, dass die meiner Mutter auferlegten Geschlechterrollen sie ihrer Fähigkeit beraubt hatten, so zu gedeihen, wie sie es sich erträumt hatte. Meine Eltern haben uns vor dem Trauma bewahrt, weil sie wollten, dass wir eine Existenz führen, die zuvor nur in ihren Vorstellungen gelebt hatte. Meine Erziehung und Sozialisation schufen komplexe Trennungen zwischen mir und ihnen – und viele Konflikte. Wie alle Eltern wollten auch unsere Eltern uns die Welt schenken. Sie taten, was sie für uns für das Beste hielten, ohne die Identitätskrisen zu kennen, die die westliche Perspektive in mir auslösen würde, die ich mir zu Eigen machte und von der ich beherrscht wurde.

Trotz aller Bemühungen meiner Familie, in Australien die ‚guten Migrant*innen’ zu sein, litten wir immer noch unter vielen Formen des Rassismus. Ich begann, alles, was nicht asiatisch war, zu bewundern, während ich selbst den Rassismus verinnerlichte. Ich wollte unbedingt das Gefühl haben, zu meinen Altersgenoss*innen zu gehören. Als wir von Melbourne nach Gold Coast zogen, einer überwiegend weißen Stadt, war ich fest davon überzeugt mich von meinem ‚Asiatisch-sein‘(Asianess) zu distanzieren, um an den nationalstaatlichen Konstrukten festzuhalten, die das ‚Weiß-sein‘ als das Überlegene ansahen. Ich begann, viele Aspekte, die meine Familie und meine Rolle in ihr umgaben, in Frage zu stellen. Es gab Teile meiner Kultur, bei denen es mir leicht fiel, sie zu verlieren – erstens, wie ich mich kleidete und aussah, denn ich wusste, wenn ich mich in eine größere Mainstream-Kultur einfügen und Teil davon sein wollte, dann waren es die sichtbarsten Dinge, die ich loslassen musste.

Als ich ‚westlicher‘ wurde, stellte ich die traditionellen Familienstrukturen des Colourism, der Altershierarchie und des Geschlechts in Frage. Das Essen aus meiner Tradition war jedoch etwas, das ich nie ablehnen wollte. Die Mahlzeiten erlaubten es, die kulturellen, generationsbedingten und sprachlichen Barrieren zu durchbrechen. Trotz meiner kindlichen Wutanfälle und Teenager-Rebellion aßen wir immer zusammen. Wir aßen die von meinen Eltern liebevoll zubereiteten Gerichte, die uns vereinten – und gleichzeitig trennten. Trotz unserer Unfähigkeit, sie zu würdigen, waren unsere Essensgewohnheiten am schwersten aufzugeben, und meine Eltern sorgten unnachgiebig dafür, dass diese Überbleibsel ihrer mütterlichen Wurzeln nicht verschwinden.

Rice is Life – oder die genussvolle Zerschlagung kultureller Konstrukte

Heute wünsche ich mir nur, dass ich meinen Eltern erlaubt hätte, uns mehr als nur das Essen zu vererben. Da dies alles ist, was ich habe, werde ich nie die Macht der Küchen aus Herkunftsländern unterschätzen. Als seit über acht Jahren im Ausland lebende Australierin stammen die Gerichte, nach denen ich mich am meisten sehne, von meiner asiatischen Herkunft. Dieselben, die die Häuser meiner Familien und Restaurants füllten, die wir aufsuchten.

Es ist das ‚Komfort-Essen’, das mich für immer an die fortbestehende Entität meiner Familie binden wird. Unabhängig davon, wo ich wohne, werden Zutaten, Kochtechniken und Gerichte von großer Bedeutung sein, die kein Wort ausdrücken kann; mich einfach mit Liebe erfüllen und den einsamsten aller Tage erobern.

Es ist wirklich erstaunlich, wie Essen die Seele nährt; wie Menschen sich nach den Geschmäckern, Gerüchen und Praktiken sehnen, die sie gewohnt sind. Es ist so etwas wie eine Obsession. In meiner Familie sprachen wir über Essen, sobald wir aufwachten, während der Mahlzeiten und nach dem Essen – während wir die ganze Zeit planten, wo und wann wir die Dinge bekommen würden, die unser Verlangen stillen würden.

Hunderte von Menschen füllten diese kommunalen Einkaufszentren, und ich saß mit dem Einkaufswagen fest, während meine Eltern viele unbekannte Gesichter mit großer Zuneigung begrüßten, während sie versuchten alle benötigten Zutaten zu sammeln. Zu Hause angekommen, bereiteten meine Eltern jedes Element eines Gerichtes, das sie uns beibrachten, minutiös zu, während sie uns Geschichten aus ihrer Vergangenheit erzählten. Ich hörte ihnen aufmerksam zu in der Hoffnung, mehr über sie und mich selbst zu erfahren.

Manche Prozesse können Stunden oder sogar Tage dauern. Diese Zeitvermittler sind Momente, die ich am meisten schätze, jetzt, da Ozeane zwischen meiner Familie und mir liegen. Eine Schüssel Reis könnte die Essenz unserer Kultur einfangen, was vielleicht der Grund ist, warum mich diese einfache Zutat schon immer fasziniert hat. Nicht nur das Korn selbst, sondern auch die Fülle der Formen, die es annimmt, und sein tief verwurzelter Wert und Symbolismus in unserer Kultur. Es gibt über 40.000 Reissorten, die zu Mehl, Nudeln und Papier verarbeitet und für unzählige andere Zwecke verwendet werden können.

Von Mueh (Reisbrei) zusammen mit einer Reihe von hausgemachten eingelegten Elementen bis hin zu Ku Chai Kueh, bánh khọt, und Mango-Klebreis: Reis ist ein wesentlicher Bestandteil der meisten Mahlzeiten, die ich mit meiner Familie zubereitet und genossen habe. Aus diesem Grund habe ich mein Ernährungsprojekt Rice is Life (Reis ist Leben) genannt. Das Ziel des Projekts ist es, uns mit der Erinnerung, der Familie und dem Ort zu verbinden. Da Reis ein Korn ist, das viele Formen annehmen kann und in vielen Kulturen ein Grundnahrungsmittel ist, stellt er eine Möglichkeit dar, Individuen und Gesellschaften zu verbinden.

Einzelne Mahlzeiten sind, ähnlich wie Menschen, unvergesslich. Indem ich meine tiefe Wertschätzung für Reis mit euch teile, hoffe ich, die Sicht der Speisenden auf eine Kultur neu zu gestalten. Rice is Life ist ein Akt des Feierns von Interkulturalität und der genussvollen Zerschlagung von Konstrukten, die unsere Kulturen als minderwertig darstellen.

Darüber hinaus war Rice is Life ein Werkzeug, mit dem ich über meine Familie reflektiert und eine tiefere Verbindungen zu meinen Eltern gefördert habe. Es gibt viele Gerichte aus meiner Kindheit, deren Namen und Ursprung ich nicht kenne. Meine Online-Gespräche mit meinen Eltern und meine Besuche in Australien bestehen hauptsächlich darin, Namen von Zutaten in drei Sprachen zu entdecken, zu kochen und Rezepte zu dokumentieren.

Meine Eltern sagen oft, dass unsere Familiengeschichte für immer verloren sein wird, wenn wir dies nicht tun. Ich stimme ihnen vollkommen zu. Nicht nur, weil die Zutaten und Gerichte an eine bestimmte Person, einen bestimmten Ort, eine bestimmte Zeit und ein bestimmtes Gedächtnis gebunden sind, sondern weil es ein Werkzeug ist, das unsere Familie benutzt, um eine Verbindung zueinander herzustellen.

Essen umfasst in meiner Familie so viel mehr als nur die Ernährung. Eine gemeinsame Mahlzeit ist mehr als individuelle Zutaten und Geschmäcker – sie zelebriert unsere Resilienz, unserer Existenz, unserer Reisen und unserer kollektiven Liebe zu etwas. An einem Tisch sitzen zu können, um mit anderen Menschen Essen zu teilen, ist eine Erfahrung für alle Sinne, die Kultur und Freundschaft miteinander verbindet, Barrieren abbaut und ein gewisses Maß an Intimität mit sich bringt; ein Katalysator für Verbindung. Es hat mich gelehrt, mich um andere zu kümmern und für das, was ich habe, dankbar zu sein.

Dieser Artikel erschien am 27.1.2020 auf Englisch bei VLab Berlin, einem gemeinnützigen Unternehmen für deutsch-vietnamesischen Kulturtransfer, und wurde für die südostasien übersetzt und redaktionell bearbeitet.

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

Dieser Artikel erschien erstmals in Ausgabe 2/2020 der südostasien

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„Identität ist wie ein Puzzle“

Vietnam: Diskriminierende Gesetze hindern Trans-Menschen einen Arbeitsplatz zu finden, eine Universität zu besuchen und sich geschlechtsangleichende Behandlungen zu leisten.

Trigger Warnung: Dieser Artikel enthält Hinweise auf Homophobie, Transphobie und Vergewaltigung.

Lò Kim Thủy und ihr Verlobter wollten heiraten. Sie stammte aus einem kleinen Dorf in den Bergen der vietnamesischen Provinz Sơn La, er aus der benachbarten Provinz Phú Thọ. Sie gehörte der ethnischen Minderheit der Kháng an, seine Familie war thailändisch. Er hatte ihr eine Hochzeit versprochen und es fehlte nur noch die Zustimmung ihrer Familien.

Die Gepflogenheiten sahen vor, dass seine Familie die ihrige besuchte und der zukünftige Bräutigam die nächsten drei Monate bei ihrer Familie verbringt; gefolgt von der Hochzeit. Doch zwei Tage nach dem Besuch sagten er und seine Familie die Hochzeit ab. Thủy wurde von den Eltern ihres Verlobten als ungeeignet angesehen, weil sie als Transgender-Frau keine Kinder gebären kann. Thủy (27 Jahre alt) war nicht überrascht. In ihrer Gemeinschaft ist es eine wichtige Pflicht der Ehefrau, die Linie des Ehemannes fortzuführen. „Mehrere Dates verließen mich sobald ich über Hochzeit sprach. Aber ich glaube immer noch, dass mein ‚Mr. Right’ irgendwo auf mich wartet“, sagt sie.

Die Herausforderung einen Partner zu finden, dessen Familie sie akzeptiert, ist nur eine der Bürden für Thủy als Trans-Frau im ländlichen Vietnam. Die vietnamesische Bürokratie zwingt ihr einen Teufelskreis der Diskriminierung auf. Thủy ist aufgrund der Diskrepanz zwischen ihrem weiblichen Aussehen und dem männlichen Geschlecht, das auf ihrem Ausweis vermerkt ist, nicht zum Studium oder den meisten regulären Arbeitsstellen berechtigt. Um das auf ihrem Ausweis angegebene Geschlecht zu ändern, muss sie sich einer teuren geschlechtsangleichenden Operation unterziehen, die sie sich aufgrund ihres fehlenden festen Arbeitsplatzes und der Armut ihrer Familie nicht leisten kann. Die Diskrepanz zwischen Thủys Aussehen und ihrem Ausweis verhindert, dass sie während der Covid-19-Pandemie finanzielle Unterstützung von der Regierung für Freiberufler*innen erhält.

Um nach vietnamesischem Recht als Frau anerkannt zu werden, hofft Thủy, einen wohlhabenden Partner zu finden, der ihr die Operation im Ausland bezahlen kann. „Ich würde lieber auf einem Operationstisch sterben, als für den Rest meines Lebens in einem männlichen Körper zu leben. Ich will unbedingt eine lebensverändernde Operation“, sagt sie.

Unzählige Herausforderungen, von familiärem und kulturellem Druck bis hin zu rechtlichen Beschränkungen und unsicheren Arbeitsplätzen, lassen einkommensschwache Trans-Menschen wie Thủy darum kämpfen, gesehen und gehört zu werden.

Gesetz vs. Praxis

In den letzten Jahren hat sich Vietnam den Ruf erarbeitet, seine Transgender-Bürger*innen zu akzeptieren – zumindest seine berühmten. 2018 wurde Sängerin und Model Hương Giang die erste vietnamesische Gewinnerin der Miss International Queen, dem größten Schönheitswettbewerb für Trans-Frauen. 2020 feierten Vietnams zensierte Medien das erste Baby des Landes, das von einem Trans-Mann geboren wurde. Die Romanze von Lâm Chí Khanh, die in den frühen 2000er Jahren als männlicher Sänger zum Star wurde und ein Jahrzehnt später als weiblicher Star ins Showbiz zurückkehrte, hat sie zu einer führenden Stimmen im LGBTQIA+ Aktivismus in Vietnam gemacht.

Zwar gelten diese Geschichten oft als Beweis für Vietnams Fortschritte bei den LGBTQIA+ Rechten. Doch Kritiker*innen verweisen auf Gesetzeslücken beim Schutz von Trans-Menschen. 2015, dem Jahr in dem Vietnam gleichgeschlechtliche Ehen entkriminalisierte, überarbeitete das Land auch sein bürgerliches Gesetzbuch, um Transgender-Personen ab 18 Jahren zu erlauben, ihren Vornamen und ihr Geschlecht zu ändern, wenn sie sich geschlechtsangleichenden Operationen unterziehen. Die Änderung trat 2017 in Kraft. Doch indem die Umwandlung mit einem medizinischen Eingriff gleichgesetzt wird, benachteiligen die aktualisierten Gesetze Vietnams einkommensschwache Trans-Menschen wie Thủy.

Laut einer Umfrage der Minderheitenrechtsgruppe Institute for Studies of Society, Economy and Environment (iSEE), können sich nur 40 Prozent der Trans-Menschen in Vietnam eine geschlechtsangleichende Operation leisten, die in Vietnam etwa 5.000 US-Dollar kostet (Stand 2019). Der Rest muss sich Geld leihen oder wird vielleicht von privaten Krankenhäusern oder Schönheitssalons gesponsert, die gelegentlich als Werbemaßnahme für die Operationen aufkommen.

Geschlechtsangleichende Brustvergrößerungen werden nur in zwei Krankenhäusern des Landes angeboten – in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt. Operationen zur Genitalrekonstruktion müssen außerhalb Vietnams durchgeführt werden. „Nach der Rückkehr muss eine transsexuelle Person ihren Körper untersuchen lassen, um sicherzustellen, dass er mit der Definition der Regierung für einen männlichen oder weiblichen Körper übereinstimmt,“ sagt Ken, ein Aktivist. Dann gebe es einen monatelangen Prozess, um den Antrag von den lokalen Behörden genehmigen zu lassen.

„Die Richtlinien werden von den lokalen Behörden umgesetzt, die meistens alles andere als gendersensibel sind“, sagt eine anderere Aktivist*in aus Hanoi, die anonym bleiben möchte. „Viele von ihnen sind ratlos, wie sie mit einem Antrag auf eine ID-Änderung umgehen sollen. Sie haben Angst, Fehler zu machen und verzögern deshalb oft die Bearbeitung dieser Fälle.“

Transsexuelles Erwachen

Thủy hat beschlossen sich für junge Trans-Menschen einzusetzen, die wie sie bei ethnischen Minderheiten in ländlichen Gebieten aufwachsen. Sie sagt, dass Trans-Menschen aus ethnischen Minderheiten in ihrer Heimatprovinz weiterhin Mobbing durch Nachbar*innen ausgesetzt seien: „Trans-Menschen werden als faul und nutzlos verspottet. Sehr oft gehen wütende verbale Auseinandersetzungen in physische Gewalt über.“

Deshalb bräuchten sie mehr Möglichkeiten, um ihre Geschichte zu erzählen und zu erklären, wie strukturelle Diskriminierung ihre Jobaussichten behindert. Sie erzählt auch von direkter Unterstützung: sie bot Trans-Menschen, die vor häuslicher Gewalt flohen, ein Zimmer in ihrem Haus an, und besuchte Eltern von Trans-Jugendlichen aus ethnischen Minderheiten, um für Verständnis für Trans-Identitäten zu werben.

Thủys wuchs als Kind von Landwirt*innen in einer verarmten nordwestlichen Provinz auf. Mit acht Jahren, sagt Thủy, fühlte sie sich unter Gleichaltrigen bereits wie ein Fisch außerhalb des Wassers. Mit zwölf platzte sie vor einigen Freund*innen damit heraus, dass sie eine Frau in einem Männerkörper sei. Mit 15 Jahren bezahlte Thủy auf Druck ihrer Familie und der Nachbar*innen in ihrem Dorf – in dem frühe Ehen üblich sind und partnerlose 15jährige verspottet werden – eine Fremde an, die sich als ihre Freundin ausgab.

2011 wurde die 17-jährige Thủy aufgrund der finanziellen Notlage ihrer Familie zu ihrem Onkel in die 60 Kilometer entfernte Stadt Thuận Châu geschickt, wo sie Abitur machte und gegen Kost und Logis bis spät in die Nacht in der Landwirtschaft arbeitete, kochte und putzte. „Ich hatte mehr Glück als viele Freund*innen, die in andere Städte abwandern mussten, um ihren Körper zu verkaufen“, sagt sie. Aber selbst in Thuận Châu wurde Thủy von ihren Klassenkamerad*innen wegen ihrer mädchenhaften Gesichtszüge und weil sie nicht fließend Vietnamesisch sprach, gemobbt. Sie fand Trost in außerschulischen Aktivitäten, wie traditionellem Tanz. Dort begann sie, sich weiblich zu kleiden: „Ich konnte mich bequem wie eine Frau kleiden, wenn ich auf der Bühne stand.“

Während der High School-Zeit veränderte sich ihr Leben. Sie lernte den Begriff đồng tính, der Homosexualität bedeutet, mit dem sie sich identifizieren konnte; und sie trat Gruppenchats bei, in denen sie sich zugehörig fühlte: „Ich war begeistert zu wissen, dass ein Junge sich in einen Jungen verlieben kann“, sagt sie und erinnert sich an eine Zeit, in der sie dachte, sie sei schwul. Für die Teenagerin Thủy bot das Online-Dating auch eine Art ‚Gnadenfrist’ vor den bissigen Bemerkungen von Nachbar*innen und Verwandten, die ihr vorwarfen, pervers zu sein.

Gesteigertes Selbstvertrauen vs. Misstrauen der Familie

Soziale Netzwerke halfen ihr, nach dem Schulabschluss informelle Arbeitsmöglichkeiten zu finden. Mit 19 Jahren arbeitete sie als Model, führte traditionelle Tänze auf Hochzeiten auf und begleitete Männer in Karaoke-Bars, um sich ein karges Einkommen zu verdienen. Die Bühnenauftritte, bei denen sie eine lange, schwarze Perücke, einen knielangen Rock und einen gepolsterten BH in Übergröße trug, steigerten ihr Selbstvertrauen und ihr Einkommen: „Endlich wurde ich bezahlt, wenn ich mich wie eine Frau kleidete.“

Doch als Thủys Eltern Fotos ihrer 19-Jährigen im Internet sahen, auf denen sie Kleider, hochhackige Schuhe und starkes Make-up trug, forderten sie sie auf, nach Hause zu kommen, und drohten, sie zu enterben. „Es war die entmutigendste Zeit meines Lebens“, sagt Thủy. Ihre jüngere Schwester Thêm unterstützte sie, ihre Mutter tolerierte ihre Auftritte, aber die beiden Frauen konnten Thủy nicht vor ihrem Vater und ihren beiden älteren Brüdern verteidigen.

Ihre Eltern zahlten rund 200 US-Dollar an ein lokales Geistermedium, das behauptete, durch seine Zaubersprüche Liebe oder Trennungen herbeiführen zu können. „Meine Eltern kamen gerade so über die Runden, waren aber bereit, den angesehenen Zauberer zu bezahlen, damit ich mich von meinem damaligen Freund trennte“, sagt Thủy und fügt hinzu, dass ihre Gefühle für ihn kurz darauf erloschen.

Doch im Laufe der nächsten Jahre verflüchtigte sich auch die Intoleranz ihrer Familie. „Schließlich ist Thủy sehr gut in der Hausarbeit“, sagt Thêm, „und die Familie braucht auch ihr zusätzliches Einkommen.“

Berühmtsein als Weg in die Freiheit?

Nachdem sie 50 US-Dollar für Kleidung und Kosmetik ausgegeben hatte, nahm die 22-jährige Thủy 2016 an einem Trans-Schönheitswettbewerb in ihrer Provinz teil. „Wenn ich erst einmal eine berühmte Person bin, werden die Leute mich anders betrachten. Der Titel Miss Trans wird für immer bei mir bleiben“, erinnert sie sich an ihre damaligen Hoffnungen.

Thủy schaffte es bis in die Endrunde. Zwei Jahre später nahm sie erneut teil und gewann den ersten Platz. Das Preisgeld betrug nur 15 US-Dollar, aber der Titel machte für Thủy den Unterschied aus. „Meine Eltern trauen vielleicht nicht allem, was ich sage, aber sie glauben, was berühmte Leute sagen, und ich bin jetzt eine berühmte Person in meiner Heimatstadt.“

2020, am Ende ihrer zweijährigen ‚Amtszeit’ als Miss Trans Sơn La, gaben Thủys Eltern ihr zu Ehren eine Party für mehr als 60 Leute in ihrem Dorf. Thủy sagt, die Feier habe sie stolz gemacht, sie selbst zu sein: „Meine Nachbarn haben gesehen, dass ich als Junge aufgewachsen bin. Jetzt bedeutete ihre Anwesenheit, dass sie mich als Mädchen akzeptierten.“

‚Königin der Konferenzen’

Thủy nahm im Januar 2021 an einem Gender-Diversity-Training in Hanoi teil, das sie als „langweilig wie immer“ beschreibt: „Sie schwafelten stundenlang über Dinge, die ich kaum verstand. Meine Anwesenheit symbolisiert das Engagement der Organisator*innen für Vielfalt. Ich wurde nur gebeten, da zu sitzen, nicht zu sprechen.“

Thủy nimmt regelmäßig Angebote für von NGOs gesponserte Konferenzen an, weil die Organisator*innen ihre Reisekosten, Essen und Unterkunft übernehmen und ein Tagesgeld zahlen. Dort versucht sie, sich mit LGBTQIA+ Aktivist*innen anzufreunden. Ihre Freund*innen haben ihr den Titel ‚Königin der Konferenzen’ gegeben.

Fachsprache und Eintönigkeit dieser Veranstaltungen sind nur ihr kleinstes Problem: „Wie kommt es, dass sie uns über Dinge aufklären müssen, die wir schon unser ganzes Leben lang kennen?“ fragt Thủy. „Um ehrlich zu sein, weiß ich viel mehr als sie. Sie hätten das Geld lieber dafür ausgeben sollen, uns den Zugang zu Operationen zu ermöglichen.“

Gewalt und juristische Diskriminierung

2019 wurde Thủy gebeten, bei einer von den Vereinten Nationen gesponserten Veranstaltung in Hanoi zu sprechen. Als sie danach mit einer Freundin – ebenfalls eine Trans-Frau – in einem Nachtbus nach Hause fährt, werden beide von zwei Fahrern vergewaltigt. „Wir konnten nicht weinen oder schreien. Es war mitten in der Nacht. Mitreisende würden Trans-Frauen nicht verteidigen. Sie wollten nicht glauben, dass wir Opfer waren“, sagt sie. „Im schlimmsten Fall hätten sie mich mitten im Nirgendwo aus dem Bus geworfen, was noch beängstigender gewesen wäre. Die Leute könnten denken, dass wir Männer waren. Wie konnten Männer vergewaltigt werden? Ich musste das geringere Übel wählen.“

Während das vietnamesische Strafgesetzbuch nicht vorschreibt, dass ein Vergewaltigungsopfer weiblich sein muss, betont das Gesetz Geschlechtsverkehr, der zwischen Mann und Frau stattfindet. In der Praxis gehen vietnamesische Behörden oft davon aus, dass Überlebende von Vergewaltigungen Frauen sind. Thủy hat die Tat nie bei den Behörden angezeigt hat. Sie geht davon aus, dass der Fall nicht weiterverfolgt werden würde, da sie laut Ausweis männlich ist.

Obwohl sie nie bereut hat sich öffentlich zu outen, rät sie anderen Trans-Menschen, dies nicht zu tun, solange sie nicht einen festen Job haben: „Weil ich mich getraut habe, mich zu outen, konnte ich nicht aufs College gehen oder einen anständigen Job haben.“ Da es kaum andere realistische Aussichten gibt, macht Thủy keinen Hehl aus ihrem Wunsch nach einer schnellen Hochzeit mit einem wohlhabenden Mann: „Ich glaube nicht mehr an die wahre Liebe. Ich brauche einen finanziell fähigen Mann, der sich um mich kümmert.“

Übersetzung aus dem Englischen von: Tanja Verena Matheis.

Der Beitrag ist zuerst bei New Narratif auf Englisch unter dem Titel „Seen and Heard“ erschienen und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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4 | 2020, Interviews, Philippinen, Sonderausgabe Buchmesse,
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„Identität ist wie ein Puzzle“

Myanmar: Yangons koloniale Architektur ist weltberühmt. Seit 2013 versuchen Organisationen, die lokale Bevölkerung für dieses zwiespältige Erbe zu sensibilisieren. Dafür braucht es jedoch mehr als einen elitären Diskurs.

Die Küstenmetropole Yangon weist in ihrer Downtown zahlreiche beeindruckende Kolonialgebäude auf. Der Hohe Gerichtshof, die Hafenbehörde, das Strand Hotel und vor allem das Secretariat, in dem der Unabhängigkeitsheld Aung San ermordet wurde, haben unter Tourist*innen und historisch Begeisterten nahezu ikonischen Status erlangt. Bevor es 1852 zur neuen Hauptstadt von British Burma wurde, war Yangon vor allem als Standort der Shwedagon-Pagode bedeutsam, einer der heiligsten Stätten im burmesischen Therawada-Buddhismus. Unter britischer Herrschaft wurde die Stadt völlig neu gebaut. Das Straßengitter der Downtown bezeugt dies bis heute.

Erhalt durch Vernachlässigung

Fernab der historischen Zentren feudaler Macht gelegen blieb Yangon für die buddhistische Bevölkerungsmehrheit lange ein Emblem der Fremdherrschaft. Die Militärjunta, die 2005 das neu errichtete Naypyidaw im Zentrum des Landes zur Hauptstadt erklärte, zeigte damit auch ihre Abneigung gegen das demographisch, kulturell und religiös diverse Yangon. Zugleich war es diese Abneigung, verbunden mit paranoidem Isolationismus, die Yangons ‚Erhalt durch Vernachlässigung‘ ermöglichte. In den meisten südostasiatischen Großstädten wurden Kolonialbauten in zentralen Lagen schon lange durch Hochhäuser ersetzt. Seine Isolation ‚verschloss’ Myanmar für Investoren lange genug, um die koloniale Ästhetik und die mit ihr einhergehenden Spuren imperialer Herrschaft zu bewahren.

Doch die monumentalen Gebäude waren für die Stadtbevölkerung – abgesehen von der Bildungselite, die als Verwaltungskräfte und Politiker*innen dort ein- und ausgingen – keine wertvollen Erinnerungsorte. Die Bemühungen, mit der Unabhängigkeit 1948 eine neue nationale Identität zu gestalten, waren primär antikolonial und bezogen sich auf die Zeit der buddhistischen Königtümer. Über Jahrzehnte pflegte niemand die Wertschätzung kolonialer Architektur. Im Gegenteil: die urbane Bevölkerung wurde noch mehr von den Prachtbauten entfremdet, da diese (wenn auch widerwillig) von der ungeliebten Militärregierung genutzt wurden.

Der Kulturerbe-Boom ab 2013

Die kolonialen Prachtgebäude standen seit dem Umzug der Regierung nach Naypyidaw großenteils leer. Bald wurden die ersten in Hotels, Banken und Galerien umgewandelt. Der Trend zu Neubauten bedrohte die alten Gebäude, die so lange vor sich hingedämmert hatten. Doch ab 2012/13 erlebte Yangon einen heritage boom. Mit der so genannten ‚Öffnung‘ des Landes rückte die Kolonialarchitektur ins Zentrum der globalen Wahrnehmung der Stadt. Vor allem der 2012 gegründete Yangon Heritage Trust (YHT), eine Gruppe von Aktivist*innen unter der Schirmherrschaft des Historikers Thant Myint-U, bemühte sich, die Bekanntheit des Bauerbes zu steigern.

Bald stellten geführte Stadtspaziergänge Tourist*innen in Yangon die aus Reiseführer oder onboard-Magazin bereits bekannten Gebäude näher vor. Ausländische und lokale Expert*innen, Architekt*innen, Politiker*innen, Journalist*innen und auch Investoren arbeiteten an einer Umdeutung der Downtown, die die Bedeutsamkeit des Bauerbes betonte, aber historische Details und problematische Aspekte ausblendete. Heute zieren 36 blaue Plaketten ausgewählte Stätten in Yangon, die der YHT in Kooperation mit der Stadtverwaltung dort anbringen durfte.

Viele Organisationen, Unternehmen und Aktivist*innen wünschten der Stadt nach Jahrzehnten im Würgegriff des Militärs eine neue Chance. Dabei griffen sie oft auf ein nostalgisches Sehnen zurück, das bereits im kolonialen Namen von Yangon anklingt: Wer heute von Rangoon redet, beschwört etablierte Assoziationen zu einer früheren Zeit herauf, in der kultivierte Menschen aus aller Welt in Yangon ein- und ausgingen. Diese Zeit ist implizit die koloniale, wobei aber alles Negative (oder historisch allzu Komplexe) ausgeblendet wird. Damit prägt der globale Blick nun maßgeblich die Deutung dieser Hinterlassenschaften.

Endo- und Exo-Nostalgien

Stadtmarketing in Südostasien greift oft auf koloniales Bauerbe zurück. Auch in Myanmar verdrängten in den letzten Jahren die kolonialen Prachtbauten zusehends goldene Pagoden, Teakholzbrücken, Mönche und Fischer von Bildbänden und Broschüren. Diese Art von branding ist nach außen gerichtet. Der Ethnologe David Berliner hat dafür hilfreiche Begriffe geprägt:

Wer Exo-Nostalgie pflegt, kann sich demnach als Teil einer ‚transnationalen Gemeinschaft‘ fühlen, die durch einen gemeinsamen ‚Verlust‘ verbunden ist, ungeachtet eigener Betroffenheit (Berliner, ebd.: 783). In Yangon drückte sich der Erfolg von Exo-Nostalgie dadurch aus, dass koloniale Gebäude einer Nachnutzung zugeführt wurden, welche die touristisch gut konsumierbaren Fassaden erhielt – die Vergangenheit wurde ein ästhetisches Mittel zum kommerziellen Zweck. Besondere Bedeutung kommt dabei der Idee des Kosmopolitanismus zu. Unter Verweis auf die Vielfalt der Stadtbevölkerung und ihrer religiösen Stätten im Downtown evoziert dieses Wort erneut das alte Rangoon als lebhafte Hafenstadt voller Künstler*innen und Intellektueller. Dass diese Vielfalt ein Produkt imperialer Herrschaft war, bleibt außen vor. Zugleich erlaubt diese Idee des kosmopolitischen Rangoon auch Investor*innen, kommerzielle Nachnutzungsprojekte alter Bauten zu legitimieren – als Beitrag zur ‚Revitalisierung‘ der Stadt.

Das globale Interesse stand lokalem Desinteresse gegenüber: Die Stadtbevölkerung brachte den Gebäuden wenig Wertschätzung entgegen. Kann eine kommerziell und stadtplanerische nutzbare Exo-Nostalgie auch ohne korrespondierende Endo-Nostalgie funktionieren? Diese Frage stellte sich auch spätestens 2015 dem YHT und seinen globalen Partnern, wie das Beispiel der Initiative Heritage Works! (Erbe funktioniert!) verdeutlicht.

Die Tage von Heritage Works!

Eine Ende 2015 organisierte Veranstaltungsreihe in Yangon sollte öffentlichkeitswirksam demonstrieren, dass die Bewahrung von Bauerbe einen positiven Einfluss auf Stadtplanung hat. Heritage Works! diente darüber hinaus noch einem anderen Zweck: die Wertschätzung des kolonialen Bauerbes sollte in diesem Rahmen lokalen Kindern vermittelt werden. Was kann nachhaltiger zur Etablierung des aufkommenden Diskurses über diese Gebäude beitragen, als wenn bereits Kinder deren geschichtliche Bedeutsamkeit artikulieren?

‚Die Straßen durch Kinderaugen‘

Vor allem die Aktion Yangon streetscape through children’s eyes (Yangons Stadtlandschaft durch Kinderaugen) war aufschlussreich. Im Vorlauf zur Hauptveranstaltung im Dezember 2015 verteilte Heritage Works! vorbereitete Pappkarten an Schüler*innen innerstädtischer Schulen. Die Aufgabenstellung hatte zwei Teile: Auf die Vorderseite sollten die Schüler*innen ihren ‚Lieblingsort‘ in Yangon malen und auf der Rückseite die Zeichnung erläutern. Die Postkarten wurden eingesammelt und vor dem ansonsten nicht publikumsöffentlichen Rathaus aufgehängt. Eine Jury ehrte Sieger*innen.

Im Rahmen meiner Forschung konnte ich Hunderte dieser Karten sichten sowie Motivwahl und schriftliche Antworten der Kinder auswerten. Deutlich wurde hierbei, wie wenig diese mit der Aufgabenstellung anfangen konnten und wie eng viele Klassen beim Ausfüllen betreut wurden: ganze Stapel von Karten zeigten das gleiche (offenkundig von einem Foto abgezeichnete) Motiv. Viele der Texte reproduzierten die schlichten Wahrheiten des Denkmalschutzes oder Vorgaben der Lehrer*innen. Das Motiv des Hohen Gerichtshofs wurde unter anderem so kommentiert:

  • „Weil es ein altes Kolonialgebäude ist, sollte es bewahrt werden.“ (P10)
  • „Der Hohe Gerichtshof ist ein Gebäude, das vor vielen Jahren erbaut wurde.“ (P12)
  • „Ich malte dieses Bild, weil es ein historisch-kulturelles Erbe ist.“ (P15)
  • „Ich malte dieses Bild vom Hohen Gerichtshof, dem historischen Erbe, um zu betonen, dass Gerechtigkeit einer der wichtigsten Pfeiler von Myanmar ist.“ (P54)

Diese Sätze sind kein Zeugnis eines ‚authentischen‘ Empfindens. Wenn man die Postkartenaktion als Erinnerungsprojekt versteht, ist vor allem deren Entstehungsprozess bedeutsam: Was bedeutet es für das größere Anliegen, die Wertschätzung der Kolonialbauten zu erhöhen, wenn vor Yangons Rathaus Hunderte von bunten Postkarten im Wind baumeln, die vorgeblich demonstrieren, wie sehr bereits Kinder das Stadtbild und einzelne Gebäude schätzen? Meines Erachtens stellt die Postkartenaktion einen spannenden Versuch da, etwas zu demonstrieren, was man eigentlich erst erzeugen will – dass Kinder ihre Stadt und deren historische Gebäude schätzen. Es kann kaum eine bessere Rechtfertigung für eine umfassende stadtplanerische Neuausrichtung im Namen von heritage geben. Aber die Postkarten zeigten mitnichten die Lieblingsorte der Kinder – vielmehr demonstrierten sie den Mangel an Vertrautheit der Schüler*innen damit, auf diese Weise über eine Stadt (oder Streetscape) nachzudenken, oder öffentliche Gebäude als etwas zu verstehen, das man mögen kann.

Erbe und seine Träger*innen

Diese Beobachtungen zu Heritage Works! weisen darauf hin, dass Erinnerung oft erst verinnerlicht werden muss. Die Vermittlung von exo-nostalgisch geprägten Bildern und Ideen an Kinder, verbunden mit einer affektiven Botschaft, dass diese bedeutsam seien, kann man nun als Manipulation im Dienste neoliberaler Interessen verdammen oder als aufrichtige Bemühung um (Identitäts-)Bildung loben. So oder so: gegenüber öffentlichkeitswirksamen und instrumentalen Zurschaustellungen von kulturellem oder kollektivem Gedächtnis ist Vorsicht geboten.

Um den exo-nostalgischen Blick mittelfristig abzusichern, ist es hilfreich oder sogar notwendig zu demonstrieren, dass er nicht ausschließlich ‚exo‘ ist, sondern auch von den Menschen, deren eigene Vergangenheit er betrifft, geteilt wird. Wenn vorgebliches Erbe nur von Expert*innen so verstanden wird – von Laurajane Smith als elitärer „autorisierter Kulturerbe-Diskurs“ bezeichnet (Smith, Laurajane, 2006: Uses of heritage. Routledge) – verliert es seine Aura und die rhetorische Kraft, andere in seinem Namen zu aktivieren. Erbe muss von seinen Träger*innen geschätzt werden, damit es als legitimierendes Argument dienen kann – das, so könnte man sagen, ist die eigentliche Bedeutung des Namens ‚Heritage Works!‘

Postscriptum

Thant Myint-U, der langjährige Vorsitzende des Yangon Heritage Trust, kommentierte am 30. August 2021 auf Twitter eine Meldung über die schlechtmöglichste Einstufung von Yangon im Safe City Index 2021:

Angesichts des andauernden Ausnahmezustands im Anschluss an die Machtübernahme des Militärs im Februar 2021 ist abzusehen, dass städtisches Bauerbe und die Feinheiten von Erinnerungspolitik in der nächsten Zeit keine Rolle für das Land spielen werden.

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4 | 2020, Interviews, Philippinen, Sonderausgabe Buchmesse,
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„Identität ist wie ein Puzzle“

Philippinen/Österreich: Chelsea Amada, Gérard Rabara und Christel Joy Gaño, philippinisch-österreichische Künstler*innen reden im südostasien-Interview über Identität, Gemeinschaft und das zeitgenössische Kunst-Festival KUBŌ22.

südostasien: Welche Rolle spielt euer philippinischer Background in eurem Werdegang und in eurer Arbeit?

Chelsea Amada (CA): Ich bin philippinisch aufgewachsen – von der katholischen Community bis hin zum Familienalltag. Zu den Philippinen hatte ich immer eine starke Bindung. Ich lebte jedoch in einer ‚Blase‘, die sich rund um die philippinische Kirchengemeinde in Wien bildete, ohne Korrektiv von außen. Mit meinem provokanten und hinterfragenden Verhalten eckte ich in der Community an, schwänzte viel Schule und brach sie ab – ich habe meinem eigenen Weg gesucht. Für uns als Jugendliche waren unser Safe-Space die Freund*innen, die dieselben Erfahrungen zu Hause machten. Viele der 2. Generation innerhalb der philippinischen Community haben sich später von dem kirchlichen Diasporaleben abgewendet.

Meine Herkunft hat mich geprägt, meine Unabhängigkeit ist mir wichtig. Ich bin keine Aktivistin, kann aber Menschen mit meiner Kunst erreichen. Bei meiner ersten Ausstellung hatte ich nicht damit gerechnet, dass viele junge Filipin@s und ganz alte philippinische Freund*innen meine Ausstellung besuchen würden. Dort ist mir erstmals bewusst geworden, wie ich junge Filipin@s empowern kann, sich selbst zu verwirklichen, unabhängig von ihrer Herkunft.

Gerard Rabara (GR): Aufgewachsen bin ich mit Chelsea in der gleichen Kirchencommunity. Mein philippinischer Hintergrund dient oft als Inspiration und Motivation in meinem kreativen Streben, entweder bewusst oder unbewusst – eine Art moralischer Kompass, der mir hilft, zu entscheiden, wie ich bestimmte Dinge verfolgen möchte.

Christel Joy Gaño (CJG): Meine Eltern stammen aus Ilocos Norte und Tarlac, geboren und aufgewachsen bin ich in Wien. Dadurch haben sowohl die philippinische und österreichische Kultur und deren Werte einen Einfluss auf die Person, die ich heute bin. Mit meinem Streetwear-Label Ligaya Apparel will ich auf die philippinische Kultur und Sprache aufmerksam machen. Meine Designs stehen für Freude, Herkunft und Verbindung.

Mittlerweile gibt es bereits die 2. bzw. 3. Generation an philippinischen Migrant*innen in Österreich. Es wird immer wichtiger für uns, uns mit unserer Herkunft auseinanderzusetzen. Ich habe Unternehmensberatung studiert und arbeite in der IT-Branche. In meiner beruflichen Karriere war ich fast immer die einzige Asiatin, einzige Filipina und oft die Jüngste, daher sind mir Themen wie Gender und Diversity sehr wichtig.

Was hat euch motiviert, die Kunst zum Mittelpunkt zu machen?

CA: Als Kind habe ich angefangen zu malen. Ich war schon immer modeinteressiert und bin auf die Modeschule (Berufsschule) gegangen – die brach ich ab, um zu jobben. Mit Mitte 20 habe ich vermehrt fotografiert und Videos gedreht, so bin ich zur digitalen Kunst gekommen. Von Freund*innen hörte ich, dass man Kunst auch ohne Matura studieren könne und sie motivierten mich, die Bewerbung zu wagen. Für die Kunstakademie schrieb ich einen langen Brief über mein Leben, über meine Kunst, mit der ich meine und jüngere Generationen empowern möchte. Nun stehe ich mitten im Studium, fertige ich Kunstinstallationen an und beschäftige mich mit Fotografie, Videos und lerne, 3D-Gestaltung und Sounds zu kreieren.

GR: Mich hat schon immer die künstlerische Seite der Dinge angezogen. Mein Leben ist sehr viel eine Reise innerhalb der Kunst. Ich ging zur Modeschule, um Designer zu werden und ich habe in der Kreativindustrie mehrere Jahre gearbeitet. Selbst nachdem ich den Designbereich schließlich verließ und meine Karriere in Richtung Kommunikation verlagerte, fand ich mich in der zeitgenössischen Kunst wieder. Kunst ist einfach in meiner DNA.

Steht ihr mit zeitgenössischen philippinischen Künstler*innen in Verbindung?

CA: Mit Künstler*innen aus Brüssel, London, Barcelona, Berlin und den USA bin ich vernetzt, wir tauschen uns aus und identifizieren uns miteinander. Wir kennen uns schon ewig aus der philippinischen Diaspora und von gleichen Internetplattformen. Später hat sich herausgestellt, dass wir alle Künstler*innen geworden sind. Die philippinische Diaspora ist weltweit ähnlich, wir Millennials haben die gleichen Inspirationen aus der Popkultur, wie RnB, HipHop, Basketball. Wir wurden von der philippinischen Heimat unserer Eltern und dem Zwiespalt in der Diaspora geprägt. Wir haben ähnliche Leidenschaften und Erfahrungen gemacht und drücken die gleichen Themen in unserer Kunst aus – natürlich jede*r in ihrer*seiner Art.

CJG: Kunst ist in der philippinischen Kultur tief in der Geschichte verankert. Allerdings werden Berufe im Kunstbereich, speziell für Personen mit Migrationshintergrund, noch immer selten angestrebt. Hier braucht es noch mehr sichtbare Vorbilder.

GR: Andere Filipin@s in der Kunst in Österreich zu sehen, war so selten, aber ich wusste, dass dies nichts mit dem Mangel an künstlerischem Talent oder Kreativität in der Community zu tun hatte. Also waren Chelsea und ich entschlossen, diese funkelnden Sterne zu finden und sie strahlen zu lassen.

Inzwischen haben philippinische Künstler*innen in Wien ein Netzwerk gebildet. Wie kam es dazu?

CA: Im September 2021 hatte ich beim WienWoche Festival eine Ausstellung über die ersten philippinischen Krankenschwestern in Österreich. Es kamen viele philippinische Besucher*innen, darunter auch Arlene Castañeda, die Gründerin und Leiterin vom Kulturverein Zentrum für österreichische und philippinische Kultur und Sprachen (Sentro). Arlene arbeitet seit 2010 zum Thema philippinische Identitäten, Jugend und Kultur. Sie fördert junge Filipin@s, die in unserer Community etwas bewirken können. Ich hatte schon immer die Vorstellung, ein philippinisches Künstler*innen-Netzwerk zu gründen. Bislang war es üblich, dass philippinische Feste mit der Kirche oder Herkunftsvereinen gestaltet werden. Dem wollte ich etwas entgegensetzen. Durch die Begegnung mit Arlene haben wir uns mit anderen philippinischen Aktiven, Künstler*innen und Sentro-Mitarbeitenden getroffen und gemeinsam ist die Idee des KUBŌ22 Festivals entstanden.

Was steht hinter KUBŌ22?

GR: Das Festival heißt Kubo, wie die traditionellen philippinischen Hütten, das Zuhause vieler Filipin@s, bevor die Spanier*innen während der Kolonialzeit Steinhäuser eingeführten. KUBŌ22 ist ein Akronym für Kultur Bayanihan Österreich 2022. Bayanihan ist eine philippinische vorkoloniale Tradition, bei der die Gemeinschaft einander hilft, die Hütte einer Familie vom Sturm wegzubringen. Die Gemeinschaft hebt das Zuhause buchstäblich an und trägt sie auf den Schultern in Sicherheit. Wir sind eine Gruppe junger Kultur- und Kunstschaffender hier in Österreich, die an den Geist von Bayanihan glauben. Im Oktober 2021 begann Sentro mit Künstler*innen und anderen jungen Filipin@s am Konzept und der Umsetzung des Festivals zu arbeiten. KUBŌ22 wird von Künstler*innen kuratiert und durch Sentro organisiert. Mittlerweile sind wir ein Netzwerk von zwölf Wiener*innen, die aus den unterschiedlichsten kreativen Bereichen, wie Tanz, Mode und Musik, kommen.

Was möchtet ihr mit KUBŌ22 erreichen?

GR: Bayanihan ist der Wert, den wir innerhalb des KUBŌ22 Teams und des Netzwerks von Künstler*innen schaffen und projizieren möchten – sich gegenseitig als Gemeinschaft zu helfen. Wir möchten mit KUBŌ22 ein Zuhause für Kreative und Talente schaffen, die zu einer Gemeinschaft gehören möchten.

CA: Wir möchten den Kubo Spirit weitergeben. Das künstlerische Team beschäftigt sich gerade mit dem Begriff Kubo, als eine Suche nach Identität. Wir durchlaufen dabei einen Heilungsprozess, von der eigenen Identität bis hin zur Dekolonisierung. Viele Wiener Creatives mit philippinischen Wurzeln haben die Schule abgebrochen und keine gradlinigen Lebensläufe. Wir haben Einfluss auf unsere Generation und machen das, was wir lieben! Obwohl wir nicht auf unsere Familien, die Community oder die Gesellschaft gehört haben.

Bei KUBŌ22 stehen Identität, kulturelle Wertschätzung und das Selbstwertgefühl als Diaspora in Europa im Mittelpunkt. ‚Unbeleuchtete‘ Themen aus allen Richtungen abseits von Kirche oder Religion werden in verschiedenen Kunstformen und Workshops reflektiert. Der Fokus des Festivals wird auf der 2. Diaspora-Generation und ihrer Suche nach Identität liegen, auch die 1. Generation wird involviert. Durch die Verbindung verschiedenster Disziplinen, von Kunst bis Wissenschaft, werden verschiedene Workshops, Sprachkurse, Paneltalks, Kinder-/Jugendprogramm, Palengke (philippinischer Markt für Essen), DJ-Acts, Tanz-Performances und vor allem Kunstausstellungen angeboten. Wir wollen das kritische Denken unserer Besucher*innen, insbesondere der philippinischen Gemeinschaft, anregen und Identitätsfragen kritisch beleuchten.

CJG: Obwohl laut philippinischer Botschaft über 30,000 Filipin@-Österreicher*innen in Österreich leben, kennt man sich dennoch oft aus den verschiedensten Kreisen. Vor allem durch die sozialen Netzwerke haben wir mehr Möglichkeiten, auf Kunst aufmerksam zu machen und uns zu vernetzen. Aber auch unsere philippinische Kultur beruft sich darauf, sich gegenseitig zu unterstützen, man ist einfach stolz darauf, wenn jemand von uns Erfolge feiert.

Was werdet ihr zu KUBŌ22 beitragen?

CA: Mein Beitrag zu KUBŌ22 wird eine Fotoausstellung sein. Ich möchte meine Generation der philippinischen Diaspora portraitieren und Texte über ihre Einstellungen und Erfahrungen in Bezug auf Identität und gesellschaftliche Zugehörigkeit schreiben – womit ich Jugendliche und Erwachsene aller Diasporagruppen ansprechen möchte.

Wir sind offen für alle Kunstrichtungen und hoffen auf eine große Resonanz, über Österreich hinaus. Wir laden philippinische Künstler*innen aus ganz Europa ein, sich an KUBŌ22 zu beteiligen, gleichzeitig möchten wir unsere Creatives auch international vernetzen.

CJG: Ich freue mich, die Ligaya Apparel Community persönlich kennen zu lernen und meine neuesten Kollektionen vorzustellen. Doch am meisten freue ich mich auf ein Zusammenkommen und die Chance, nicht nur Filipin@s zu erreichen, sondern auch diejenigen die mit Filipin@s verbunden sind und auch alle Freunde der Filipin@-Community, egal welcher Abstammung sie angehören.

GR: Ich bin so ziemlich die ‚Dame für alles‘, aber mein Spezialgebiet ist Kommunikation. Also werden die meisten meiner Aufgaben bei Marketing, PR, Presse und Künstler*innenbeziehungen liegen. Ich will helfen und sicherstellen, dass wir das Beste aus dieser Gelegenheit machen. Das Festival dauert drei Tage (2. bis 4. September 2022) und wir erwarten über 1.000 Besucher*innen. Als Veranstaltungsort haben wir die Volkshochschule Großfeldsiedlung, das Haus der Begegnung, im 21. Bezirk in Wien ausgesucht. Wir sind sehr stolz, dass die Kulturabteilung der Stadt Wien das KUBŌ22 unterstützt. Für Sentro und uns ist es bisher das größte und längste Festival über die philippinische Kultur und Identität, was jemals in Österreich realisiert wird. Die Umsetzung ist ambitioniert und erfordert viel Arbeit von unserem Team. Aber im Geiste des Bayanihan-Gedankens werden wir unser Ziel erreichen.

Disclaimer: Dieses Interview wurde im Frühjahr 2022 geführt. In der Zwischenzeit haben SENTRO und Gérard Rabara die Kuration übernommen; Chelsea Amada hat sich aus persönlichen Gründen aus dem KUBŌ22-Team distanziert, hat aber ihre eigenen Arbeiten beim Festival ausgestellt; Christel Joy Gaño hat ihr Label Ligaya Apparel mit einem eigenen Stand bei KUBŌ22 präsentiert. Durch den großen Erfolg des Festivals bereitet SENTRO schon jetzt das nächste KUBŌ23 vor und freut sich auf noch stärkere Kooperationen mit vielen, neuen Organisationen und Künstler*innen.

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„Identität ist wie ein Puzzle“

Malaysia: Koloniale Einflüsse und das Erbe von Widerstandsbewegungen prägen den kulturellen Diskurs bis heute, so Historikerin Amrita Malhi im Interview.

Malaysias Kulturen, Religionen und ethnische Gruppen sind stark von seiner kolonialen Vergangenheit und dem Streben nach einer postkolonialen Identität geprägt. Nachdem der Staat 1957 die Unabhängigkeit erlangte, stand er vor der Herausforderung, die Interessen und Identitäten der drei größten ethnischen Gruppen – Malai*innen, Chines*innen und Inder*innen – in Einklang zu bringen.

Zugleich wurde eine nationale Identität gefördert, in deren Mittelpunkt die malaiische Kultur und der Islam stehen. Die Betonung der malaiischen Sprache als Nationalsprache und des Islam als offizieller Religion (für die Malai*innen) durch den Staat spielt dabei eine Schlüsselrolle. Dies wurde durch politische Maßnahmen wie die Neue Wirtschaftspolitik (NEP) von 1971, die auf die Verbesserung der sozioökonomischen Stellung der Malai*innen (bumiputera = „Söhne der Erde“) abzielt, verstärkt.

Es gibt nicht DIE postkoloniale Identität in Malaysia. Jede ethnische Gruppe pflegt ihre eigenen kulturellen und religiösen Praktiken, was zu einer multikulturellen, aber manchmal fragmentierten nationalen Identität führt. Amrita Malhi erklärt, wie historische Narrative aktuelle Debatten über kulturelle Identität prägen, wie traditionelle Praktiken wiederbelebt werden und welche Risiken nationalistische Geschichtsinterpretationen bergen. Mit ihren Einsichten schlägt sie eine Brücke zwischen Malaysias kolonialer Vergangenheit und seiner komplexen Gegenwart und bietet eine kritische Perspektive auf die Herausforderungen und Chancen einer wirklich inklusiven postkolonialen Identität.

südostasien: Wie verstehen Sie die postkoloniale Identität und das kulturelle Erbe in Malaysia?

Amrita Malhi: Seitdem UMNO [„United Malays National Organisation“, ehemalige Regierungspartei, d.R.] 2018 aus dem Zentrum der malaysischen Politik verdrängt wurde, hat sich eine lebhafte Debatte über postkoloniale Identität und kulturelles Erbe entwickelt. Vorher wurde diese Diskussion stark von UMNOs Dominanz geprägt. Nun füllen neue, manchmal polarisierende Perspektiven das entstandene Vakuum.

Einige Historiker*innen argumentieren, dass nicht-malaiische oder nicht-muslimische Einflüsse in Malaysia Überbleibsel der britischen Kolonialherrschaft seien und unterdrückt werden müssten, um eine echte Dekolonisierung zu erreichen. Andere wiederum betonen, dass die malaysische Gesellschaft nur gedeihen kann, wenn sie die Wechselwirkungen zwischen der malaiisch-muslimischen Kultur und anderen Einflüssen anerkennt und fördert.

Diese Debatte spiegelt größere globale Herausforderungen wider, wie den Klimawandel, geopolitische Konflikte und die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Covid-19. Diese Themen erfordern Zusammenarbeit und eine Anerkennung der vielfältigen kulturellen und historischen Landschaft Malaysias.

Wie würden Sie Ihre eigene kulturelle Identität beschreiben?

Ich wurde in Malaysia geboren und lebe seit meiner Kindheit in Australien. In den späten 1990er Jahren entschied ich mich, Süd- und Südostasienwissenschaften zu studieren. Ich absolvierte ein Studium der Asienstudien parallel zu einem Bachelor of Arts und einer Promotion in asiatischer Geschichte.

Das Leben zwischen zwei Kulturen hat meine Perspektive geprägt. Das Feld der „Asienstudien“ in Australien war in den 1990er Jahren von weißen, enthusiastischen Narrativen dominiert, die mir fremd erschienen. Meine Sichtweise ist von innen heraus geprägt, mit einer Mischung aus asiatischer und australischer Identität.

Ich setze mich kritisch mit Orientalismus und kulturellem Nationalismus auseinander, die postkoloniale Diskurse oft vereinfachen, besonders im diasporischen Kontext. Einige dekoloniale Ansätze konzentrieren sich auf Nostalgie und kulturellen Nationalismus, die jedoch auch populistische Agenden fördern können. Meine Arbeit versucht, Asiens Komplexität zu erfassen, ohne die Vergangenheit zu romantisieren, und eine differenzierte Sichtweise auf postkoloniale Fragestellungen zu bieten.

Welche Rolle spielen koloniale Einflüsse in Ihrer Wahrnehmung von kultureller Identität?

Menschen wie ich existieren, weil koloniale und neokoloniale Mächte die Region neu geformt haben. Diese Einflüsse sind internalisiert; sie haben uns geprägt.

Postkoloniale Identität bedeutet nicht, die Vergangenheit zu verleugnen, sondern anzuerkennen, wie stark koloniale Geschichten unsere heutigen Realitäten prägen.

Ungleichheit und globale Ungerechtigkeit sind tief in kolonialen Strukturen verwurzelt. Deshalb ist es entscheidend, diese historischen Einflüsse zu verstehen, um eine gerechtere Zukunft zu schaffen. Wir können diese Einflüsse nicht einfach beseitigen; wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie sie unsere Identität und Gesellschaft weiterhin beeinflussen, um gemeinsam eine neue Zukunft zu gestalten.

Wie haben koloniale Einflüsse die malaysische Gesellschaft und ihre kulturelle Identität geprägt?

Der Kolonialismus führte das Konzept der „Rasse“ ein, das bis heute das öffentliche Leben in Malaysia dominiert. Ethnische Kategorien wurden genutzt, um Menschen zu spalten und gesellschaftliche Rollen, Verhaltensweisen und Erwartungen zu formen. Diese Konstrukte bestehen fort und beeinflussen, wie Malaysier*innen miteinander umgehen.

Während viele Malaysier*innen die Vielfalt der Nation feiern und starre rassische Trennlinien ablehnen, perpetuieren andere koloniale „Rassenideologien“, getarnt als „Dekolonisierung“. Filme wie „Mat Kilau“ propagieren die Idee, dass der antikoloniale Widerstand ausschließlich Sache malaiischer Muslime und Muslima war und ignorieren dabei die Beiträge anderer Gemeinschaften. Diese Narrative reproduzieren koloniale Spaltungen und zeigen, wie schwer es ist, britische „Rassentheorien“ zu überwinden, ohne sie in neuer Form wiederzugeben.

Welche traditionellen Praktiken oder Rituale wurden in der postkolonialen Ära wiederbelebt oder neu interpretiert?

Filme wie „Mat Kilau“, der erfolgreichste Film Malaysias, haben kulturelle Wiederbelebungen angeregt, etwa das Tragen des Tanjak (Kopfbedeckung). Obwohl diese Praxis nicht per se chauvinistisch ist, wurde sie zunehmend mit nationalistischen Agenden verknüpft.

Die Wiederbelebung solcher kulturellen Praktiken, oft im Kontext antikolonialer Gefühle, kann sowohl die kulturelle Identität stärken als auch exkludierende Vorstellungen davon fördern, wer zu Malaysia gehört. Nationalistische Narrative stellen historische Figuren und Ereignisse selektiv dar, um ihre Agenda zu stützen. Die Herausforderung besteht darin, diese Bewegungen kritisch zu hinterfragen, damit sie nicht andere kulturelle Beiträge marginalisieren.

Meine Arbeit zu den Aufständen in Terengganu und Pahang zeigt, dass diese durch temporäre Koalitionen unterschiedlicher Interessengruppen getragen wurden, was simplen nationalistischen Interpretationen widerspricht. Diese Komplexität geht in nationalistischer Geschichtsschreibung oft verloren.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der malaysischen kulturellen Identität im Kontext globaler und postkolonialer Herausforderungen?

Angesichts des Aufstiegs Asiens und der zunehmenden geopolitischen Spannungen in der Region steht Malaysia vor Fragen wie dieser: Welchen Wert hat es, koloniales Wissen zu dekonstruieren, und was sollte an dessen Stelle treten?

Die Möglichkeit, eine wirklich progressive und integrative Identität zu schaffen, hängt davon ab, ob Malaysia sich über koloniale Denkmuster hinausentwickeln kann. Nur durch inklusive Ansätze kann das Land eine gerechtere kulturelle Identität aufbauen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Charlotte Mei Yee Chin

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„Identität ist wie ein Puzzle“

Timor-Leste: Anlässlich des Papst-Besuchs 2024 kritisiert Josh Trindade die kulturelle, spirituelle und identitätsbezogene Kolonisierung.

Im September 2024 besuchte Papst Franziskus Timor-Leste. Es war ein Ereignis, das seinesgleichen sucht. Über 600.000 Gläubige feierten mit ihm eine Messe unter freien Himmel. In seiner Rede betonte Papst Franziskus die „Inkulturation des Glaubens und Evangelisierung der Kultur“: Das Christentum, das in Asien entstand, sei durch europäische Missionare bis in diese entferntesten Ausläufer des Kontinents vorgedrungen und zeuge so von seiner universalen Berufung und seiner Fähigkeit, sich mit den unterschiedlichsten Kulturen in Einklang zu bringen, die durch die Begegnung mit dem Evangelium zu einer neuen, höheren und tiefgründigeren Synthese fänden.

Von „katholischer Kolonialisierung der timoresischen Kultur“ spricht der Anthropologe Josh Trindade und fordert eine Entschuldigung von Papst Franziskus. Mit einem offenen Brief wandte er sich im Vorfeld des Besuchs an den Papst. Er wollte nicht nur seine Willkommensgrüße übermitteln, sondern auch einige kritische Aspekte der Einrichtung und Arbeitsweise der katholischen Kirche ansprechen – Aspekte, die die kulturelle und spirituelle Identität der Menschen in Timor-Leste zutiefst beeinträchtigt haben. Wie zum Beispiel die Zwangsassimilierung zur Zeit der Missionierung während der Kolonialherrschaft.

südostasien: Welche Bedeutung hatte der Besuch des Papstes für die Menschen in Timor-Leste?

Josh Trindade: Sein Besuch wurde seit vielen Jahren sehnlichst erwartet. Unser Land hat eine tiefe Verbindung zum Heiligen Stuhl. 98 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als römisch-katholisch.

Die Menschen in Timor-Leste sind sehr dankbar für die Hilfe und den Schutz, die der Heilige Stuhl und die katholische Kirche im Laufe unserer Geschichte, insbesondere während der Kolonialzeit und der indonesischen Besatzung, geleistet haben. Dabei war eine der bedeutendsten Gesten der Unterstützung die Anerkennung der osttimoresischen Bischofskonferenz durch den Heiligen Stuhl als eigenständige Einheit innerhalb des Vatikans, getrennt von der indonesischen Bischofskonferenz. Diese Anerkennung war ein Leuchtfeuer der Hoffnung und hat unseren Kampf um Unabhängigkeit bestätigt. Die Beiträge der Kirche zum Gesundheits- und Bildungswesen werden ebenfalls zutiefst geschätzt.

In Ihrem offenen Brief thematisieren Sie dennoch eine intellektuelle Aneignung durch die Kirche. Worin besteht diese?

Die katholische Kirche hat intellektuelle Aneignung betrieben, indem sie sich indigene Begriffe wie „Maromak“ und „Maromak Oan“ zu eigen machte und sie in der christlichen Lehre zur Darstellung eines christlich-männlich-patriarchalischen Gottes umfunktionierte. Bei den Tetun Terik, der größten Ethnie Timors, bezieht sich „Maromak“ traditionell auf die Fruchtbarkeitsgöttin, eine zentrale Figur in ihrem spirituellen und landwirtschaftlichen Leben. In ähnlicher Weise ist „Maromak Oan“ der Titel des höchsten spirituellen Führers im Herrschaftsgebiet von Wehali, das vor der Ankunft der Europäer als rituelles Zentrum der Insel Timor diente. „Maromak Oan“ wird heute innerhalb der Kirche als Bezeichnung für Jesus Christus, also „Gottes Sohn“ verwendet.

Durch die Aneignung dieser Begriffe hat die Kirche das Glaubenssystem der Indigenen erheblich verändert und in den Schatten gestellt. Die spirituelle Landschaft wurde grundlegend neu definiert und die ursprünglichen Bedeutungen dieser Begriffe ausgelöscht. Die Kirche verschärfte die Situation noch, indem sie die Timoresen als „gottlose Wilde“ bezeichnete – ein Narrativ, das sich bis heute gehalten hat.

Dieses Erbe der Aneignung und Ausgrenzung hat nach wie vor tiefgreifende Auswirkungen. Der starke Einfluss der Kirche macht es schwierig, die Begriffe „Maromak“ und „Maromak Oan“ wieder im indigenen Kontext zu verwenden und in den schulischen Lehrplan aufzunehmen. So wirkt das historische Handeln der Kirche bis heute. Es behindert die Bemühungen, Kulturgut zu bewahren und lebendig zu halten.

In einem weiteren Punkt kritisieren Sie die Verwendung des Begriffs „Lulik“, den Sie als die Essenz des osttimoresischen Lebens und der Spiritualität beschreiben. Inwieweit fand hier eine Vereinnahmung und Aneignung statt?

Der Umgang der Kirche mit dem Begriff „Lulik“ verdeutlicht für mich ihre tief verwurzelte Heuchelei. Einerseits ermahnen die Kirchenführer die Gemeinden während der Sonntagsmesse und erklären: „Ihr dürft nicht an „Lulik“ glauben, ihr dürft „Lulik“ nicht verehren; das „Uma Lulik“ (Sakralhäuser) ist ein Ding des Teufels, des Satans, und ein Ort, an dem böse Geister angebetet werden.“ Diese Botschaft ist eindeutig: „Lulik“, das heilige Konzept, das die Grundlage der timoresischen Spiritualität bildet, wird als etwas mit den christlichen Lehren Unvereinbares verurteilt und verunglimpft.

In krassem Gegensatz zu dieser Verurteilung lassen sich die Kirchenführer selbst mit Titeln wie „Amu (Priester) Lulik“ oder „Nai Lulik“ (heiliger Herr) ansprechen. Das sind Titel, die die heilige Konnotation des Konzepts tragen, das sie anprangern. Diese Titel, die in der osttimoresischen Kultur mit Respekt und Ehrfurcht verbunden sind, werden von denselben Kirchenvertretern mit Stolz angenommen. Die Verwendung von „Lulik“ in ihren Titeln bedeutet einen tiefen Widerspruch: Während sie das Konzept öffentlich als heidnisch oder böse verurteilen, sonnen sie sich in der Ehre, die mit ihm verbunden ist.

Dieser Widerspruch ist nicht nur eine Frage der Semantik, sondern spiegelt die umfassende kulturelle und spirituelle Aneignung wider, die die Kirche praktiziert hat. „Lulik“, das ist nicht nur ein Wort, sondern es umfasst Glaubensvorstellungen, Praktiken und eine tiefe Verbindung mit dem Heiligen. Die selektive Verwendung des Begriffs durch die Kirche offenbart den Versuch, indigene Konzepte zu vereinnahmen und zu kontrollieren und sie gleichzeitig zu untergraben und zu dämonisieren.

Kolonialismus und Missionierung gingen vielfach Hand in Hand. Wie hat sich dies in Timor-Leste gezeigt?

Während der Zeit des portugiesischen Kolonialismus und der indonesischen Besatzung kollaborierte die katholische Kirche aktiv mit beiden Mächten und führte systematisch ein „Zwangsassimilierungsprogramm“ durch. Dieses Programm zielte darauf ab, den Osttimores*innen ihre indigene Identität zu nehmen und sie durch eine zu ersetzen, die den „zivilisatorischen“ Standards der Kolonisatoren entsprach. Eine der durchdringendsten und nachhaltigsten Auswirkungen dieses Programms ist die weit verbreitete Annahme portugiesischer Namen.

Während der Kolonialzeit weigerte sich die Kirche bei der Taufe kategorisch, indigene Namen zu akzeptieren. Sie bezeichnete sie als „unzivilisiert“, „wild“ oder „heidnisch“. Diese abwertenden Bezeichnungen wurden verwendet, um die Legitimität der kulturellen Identität der Menschen zu untergraben und sie zu zwingen, ihre angestammten Namen zugunsten von solchen aufzugeben, die von der Kirche und den Kolonialbehörden als akzeptabel angesehen wurden.

Welche Folgen hat das in der Gegenwart?

Die Auswirkungen dieses erzwungenen Assimilationsprogramms sind tiefgreifend. Viele Osttimores*innen tragen heute ganz selbstverständlich portugiesische Namen. Der Geschichte des Zwangs, der zur Annahme dieser Namen führte, sind sie sich oft gar nicht bewusst. Überdies hat die Stigmatisierung indigener Namen zu einem tiefsitzenden Schamgefühl geführt, das die Menschen dazu veranlasst, sich von ihren ursprünglichen Namen und damit auch von ihren kulturellen Wurzeln zu distanzieren. Diese verinnerlichte Scham zeigt die Wirksamkeit der Assimilationsstrategie der Kirche.

Die Rolle der Kirche in diesem erzwungenen Assimilationsprogramm verdeutlicht die komplexe und oft Komplizen-hafte Beziehung zwischen religiösen Institutionen und Kolonialmächten. Indem sie Hand in Hand mit den Kolonialherren arbeitete, förderte die Kirche nicht nur die Verbreitung des Christentums, sondern trug auch zur kulturellen Beherrschung und Unterwerfung der osttimoresischen Bevölkerung bei. Das Erbe dieser Zusammenarbeit prägt unsere Gesellschaft bis heute, da die Überbleibsel der Kolonialpolitik in Form von Namen, kulturellen Praktiken und Identitäten fortbestehen, die durch die jahrhundertelange Zwangsassimilation unauslöschlich verändert worden sind.

Wie sollte die katholische Kirche mit diesen Aspekten ihrer Geschichte der Missionierung umgehen? Was wären aus ihrer Sicht nötige Schritte?

Angesichts des oben skizzierten historischen Kontextes ist es offensichtlich, dass die Kirche eine bedeutende Rolle bei der kulturellen, spirituellen und identitätsbezogenen Unterdrückung des timoresischen Volkes gespielt hat. Ich finde es unerlässlich, dass die Kirche ihre Rolle bei diesen historischen Ungerechtigkeiten anerkennt. Die Kirche schuldet uns eine förmliche Entschuldigung, nicht nur für ihre Handlungen während der Kolonialzeit, sondern auch für die anhaltenden Auswirkungen dieser Handlungen auf die osttimoresische Identität und Kultur.

Eine Entschuldigung von höchster kirchlicher Ebene wäre ein starkes Zeichen der Versöhnung und des Respekts. Es würde unsern kulturellen Verlust anerkennen. Es wäre einer erneuerten Beziehung förderlich, die auf gegenseitigem Respekt, Verständnis und einer echten Wertschätzung des reichen kulturellen Erbes von Timor-Leste beruht.

Welche Reaktionen haben Sie auf den Brief erhalten?

Ich hatte mit Kritik, Gegenreaktionen oder sogar Drohungen von Seiten der Osttimoresen gerechnet, aber überraschenderweise ist nichts davon eingetreten. Die wenigen Antworten, die ich erhielt, waren positiv und unterstützend. Ich denke, der Grund dafür ist, dass das, was ich in dem Brief vorgebracht habe, die Lebenserfahrung Vieler während der Kolonialzeit widerspiegelt. Ich hätte erwartet, dass der Brief eine Debatte und Diskussionen zu diesem Thema auslösen würde. Aber das ist bislang noch nicht geschehen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Monika Schlicher

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„Identität ist wie ein Puzzle“

Malaysia: Historian Amrita Malhi explores how colonial influence and the legacy of resistance movements shape society and cultural discourse.

Malaysia’s cultures, religions and ethnic groups are strongly influenced by its colonial history and the search for a postcolonial identity. After gaining independence in 1957, the Malaysian state faced the challenge of reconciling the interests of its three largest ethnic groups: Malays, Chinese-Malaysians and Indian-Malaysians.

At the same time, it promoted a national identity based on Malay culture and the Islamic religion. Key measures were the emphasis on the Malay language as the national idiom and Islam as official religion (for Malays). This was further reinforced through political measures such as the New Economic Policy (NEP) in 1971, which aimed to improve the socio economic position of the Malays (bumiputera = “sons of the soil”)

There is no ONE postcolonial identity in Malaysia. Each ethnic group fosters its own cultural and religious practices. This results in a multicultural, but sometimes fragmented national identity. Amritha Malhi discusses how historical narratives shape present-day debates about cultural identity, the revival of traditional practices, and the risks of nationalist interpretations of history. Dr. Malhi’s insights bridge Malaysia’s colonial past and its complex present, offering a critical perspective on the challenges and possibilities of a truly inclusive postcolonial identity.

südostasien: How do you understand postcolonial identity and cultural heritage in Malaysia?

Amrita Malhi: Since UMNO [“United Malays National Organisation”, former ruling party, editor’s note] was ousted from the centre of Malaysian politics in 2018, a lively debate has emerged about postcolonial identity and cultural heritage. Before, UMNO’s dominance heavily shaped these discussions. Now, new, sometimes polarizing views are filling the void.

Some historians argue that non-Malay or non-Muslim influences in Malaysia are legacies of British colonialism and must be suppressed to achieve true decolonisation. Others argue that Malaysian society should embrace interdependencies between Malay-Muslim culture and other influences.

This debate reflects broader global challenges, such as climate change, geopolitical conflicts, and Covid-19’s socio-economic impacts. These issues demand collaboration across Malaysia’s diverse cultural and historical landscapes.

How would you describe your own cultural identity?

I was born in Malaysia and have lived in Australia since I was a child. In the late 1990s I chose to study South and Southeast Asian Studies. I completed an Asian Studies degree alongside a Bachelor of Arts and a PhD in Asian History.

Living between two cultures has influenced my perspective. The „Asian Studies“ field in Australia during the late 1990s, dominated by a white, enthusiastic narrative, felt alien to me. My perspective has always been shaped by viewing Asia from within, and the intertwining of Asian and Australian identity.

I engage critically with both Orientalism and cultural nationalism, which tend to oversimplify postcolonial discourse, especially in the diasporic context. While some decolonial approaches focus on nostalgia and cultural nationalism, they can also serve populist agendas. My work aims to recognize Asia’s complexities without romanticizing its past, and seeks to provide a more nuanced understanding of postcolonial issues.

What role do colonial influences play in your perception of cultural identity?

People like me exist because colonial and neocolonial powers reshaped the region. These influences are internalized; they’ve shaped who we are today. Postcolonial identity isn’t about rejecting the past but recognizing how deeply colonial histories continue to shape our present realities.

Inequality and global injustice are deeply rooted in colonial structures. Therefore, it is crucial to understand these historical influences for building a more equitable future. We can’t simply purge these influences; we must come to terms with how they continue to affect our identity and society, in order to shape a new future together.

How have colonial influences affected Malaysian society and its cultural identity?

Colonialism introduced the concept of „race,“ a notion that continues to dominate Malaysian public life. Racial categories were used to divide people and shape societal roles, behaviours, and expectations. These constructs have remained in place and continue to influence how Malaysians relate to one another.

While many Malaysians embrace the nation’s diversity and reject rigid racial divides, others perpetuate colonial racial ideologies, disguised as „decolonization“. Films like Mat Kilau promote the idea that anti-colonial resistance was solely the domain of Malay Muslims, ignoring the contributions of other communities. This narrative reproduces colonial-era divisions, showing how difficult it is to dismantle British race theory without reproducing it in new forms.

What traditional practices or rituals have been revived or reinterpreted in the postcolonial era?

Films like Mat Kilau, Malaysia’s highest-grossing film, have sparked cultural revivals, such as the wearing of the tanjak (headgear). While this practice isn’t inherently chauvinistic, it has become increasingly associated with nationalist agendas.

The revival of these cultural practices, often tied to anti-colonial sentiment, can both strengthen cultural identity or contribute to exclusionary ideas of who belongs to Malaysia. This is evident in the selective depiction of historical figures and events by certain nationalist narratives to support their agenda. The challenge is to critically engage with these movements to ensure that they don’t marginalize other cultural contributions.

My work on the uprisings in Terengganu and Pahang illustrates how temporary coalitions formed to drive them, challenging simplistic nationalist interpretations. These uprisings were complicated interactions between many varied interest groups, and drew on many sources. Their stories are often misrepresented in nationalist narratives.

How do you see the future development of Malaysia’s cultural identity in the context of global and postcolonial challenges?

Malaysia faces many critical questions about its cultural identity, especially in light of Asia’s rise and the increasing geopolitical tensions in the region. A key question that arises is: What is the value of deconstructing colonial knowledge? And perhaps more importantly, what should replace it?

At what point does Malaysia move beyond these colonial frameworks and constructs, allowing for a more inclusive and progressive identity to emerge? The country can only develop a fair cultural identity through inclusive approaches.

Interview by Charlotte Mei Yee Chin

 

 

 

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