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Zwischen zwei Welten

Indonesien Herbstkind

Die Vorgeschichte von Herbstkind steht im Erfolgsroman Alle Farben Rot. Laksmi Pamuntjak in Jakarta 2015 © Hendra Pasuhuk

Hier die hippe Kunstszene Berlins samt kosmopolitischem Lebensstil und dort familiäre Wurzeln in Jakarta samt erstarkendem Islamismus. Laksmi Pamuntjaks Protagonistin im Roman „Herbstkind“ pendelt zwischen den beiden Städten und sucht nach Heimat.

Mit der Frankfurter Buchmesse 2015, auf der Indonesien Gastland war, begann eine breitere deutsche Öffentlichkeit Literatur aus Indonesien verstärkt wahrzunehmen. Besonders beeindruckt war das Messepublikum von Laksmi Pamuntjak und ihrem Debütroman Alle Farben Rot, der ein Erfolg auf dem deutschen Buchmarkt wurde. Darin behandelt die Essayistin, Lyrikerin und Schriftstellerin Pamuntjak das dunkelste Kapitel der neueren indonesischen Geschichte: die anti-kommunistischen Massaker von 1965.

Hunderttausende Menschen wurden damals getötet, weitere Hunderttausende ohne Prozess in Straflager verschleppt. Diktator Suharto begründete darauf seine Macht, die sich dreißig Jahre lang hielt, immer legitimiert durch die ‚kommunistische Gefahr’. Aufgearbeitet hat der indonesische Staat die Verbrechen bis heute nicht.

Die Handlung von Alle Farben Rot ist als Vorgeschichte wichtig, um Pamuntjaks zweiten auf Deutsch veröffentlichten Roman Herbstkind verstehen zu können. In Alle Farben Rot erzählt Pamuntjak die Geschichte von Amba. Als junge Frau verliert sie in jenem Herbst 1965 bei einer politischen Veranstaltung und deren Stürmung durch die Polizei ihre große Liebe, Bhisma. Sie wird ihn nie wieder sehen. Dass er verhaftet und auf die Gefängnisinsel Buru verschleppt wurde, erfährt sie erst vierzig Jahre später.

Fast 60jährig und bereits verwitwet, reist sie nach Buru und sucht nach Spuren ihrer Jugendliebe. Pamuntjak hat daraus eine große Erzählung gemacht: sprachgewaltig, poetisch und ein wenig übersinnlich. Der offiziellen Geschichtsschreibung, die die Mörder immer noch verherrlicht und die Opfer brandmarkt, setzt sie Einzelschicksale und individuelles Leid entgegen.

Indonesien Herbstkind

Buchcover Herbstkind © Ullstein Verlag

Die entwurzelte Künstlerin

Herbstkind knüpft an diese Geschichte an. Protagonistin ist nun die Tochter von Amba und Bhisma, Srikandi, genannt Siri. Von ihrem Vater Bhisma und seinem Schicksal als politischer Gefangener erfährt sie erst als Erwachsene. Aufgewachsen ist sie mit einem liebevollen Adoptivvater. Mittlerweile ist Siri fast 50 Jahre alt, eine bekannte Künstlerin. Schon lange ist sie nicht mehr in Jakarta zu Hause, sondern in den angesagten Metropolen der Welt: London, Madrid, New York, Berlin.

Gerade erst ist sie nach Berlin gezogen und vollauf damit beschäftigt, in der hippen Berliner Kunstszene Fuß zu fassen. Ausschweifend erzählt Laksmi Pamuntjak, wie Siri Galerien, Ausstellungen und Empfänge besucht, dort Leute beobachtet und netzwerkt. Das ist teilweise noch recht amüsant. Doch Pamuntjak ergänzt das durch seitenlange essayistische Abhandlungen über diverse Kunstwerke und Künstler. Auf Leser*innen ohne Affinität zur Kunstwelt wirkt das einfach nur ermüdend.

Die Vergangenheit abschütteln – unmöglich

Zurück nach Indonesien zieht es Siri nur selten. Die physische und emotionale Distanz zu Familie und Geburtsland ist groß. Beinahe unüberwindbar scheint die Kluft zu ihrer Mutter, jener Amba aus Alle Farben Rot, die nach dem Verschwinden des Geliebten zwar heiratete, doch nie mehr richtig glücklich wurde.

Siri erinnert sich an das „verlässliche, aber meist nüchterne Interesse“ der Mutter an ihr, an „eine Gleichgültigkeit, die, wie mir erst später klar wurde, von Trauer und Liebeskummer angetrieben war.“

Erst als Siris Adoptivtochter aus ihrer geschiedenen Ehe in Schwierigkeiten gerät, muss sie nach Jakarta zurück und sich der Familiengeschichte stellen. Dort erwartet sie nicht nur die komplizierte Vergangenheit. Sie muss sich auch mit den neuen muslimischen Sittenwächtern auseinandersetzen, die eine Ausstellung ihrer sexuell eher freizügigen Skulpturen verhindern wollen.

Zwei Hälften eines Geistes

Wirklich interessant wird der Roman erst im zweiten Teil. Dann ist nicht mehr Siri die Ich-Erzählerin sondern Dara, ihre beste Freundin aus Schulzeiten und jetzt politische Aktivistin in Jakarta. Dara stammt aus einfachen Verhältnissen, ist aufgewachsen in einem Viertel, in dem sie sich ohne Kopftuch nicht auf die Straße traute.

In Siri sieht sie mittlerweile die „verhätschelte Prinzessin“ aus einer liberal denkenden „bourgeoisen Familie“. „Doch aller Unterschiede zum Trotz“, erinnert sich Dara an ihre Freundschaft, als beide Anfang Zwanzig waren, „waren wir wie zwei Hälften eines Geistes. Zumindest glaubte ich das.“

Freundinnen sind die zwei schon lange nicht mehr. Dara, die bodenständige, politische Kämpferin, ist fest verwurzelt in Jakarta und blickt nun kritisch auf Siri und deren Lebensweise: ihre Heimatlosigkeit, ihre „lächerliche“ Kunst und „gespielte“ gesellschaftliche Sorge. Das ist ein schöner Kunstgriff Pamuntjaks, um auch einen anderen Blick auf Künstlerin und Kunstszene zu bieten.

Nach 14 Jahren begegnen sich beide zum ersten Mal wieder und müssen zusammen Entscheidungen treffen. Dabei arbeitet Siri nicht nur ihr Verhältnis zu Dara auf, sondern auch zu ihrer Mutter und ihrer Vergangenheit. Siri tut sich schwer damit, die zwei Welten zusammenzubringen: ihre Wurzeln in Indonesien und ihr eher europäisches Lebensgefühl als Künstlerin.

Eine zerstückelte Geschichte

Laksmi Pamuntjak reißt in diesem Roman leider zu viele Themen an: die Berliner Kunstszene, die erstarkenden Islamisten in Jakarta und deren Einfluss auf Kunst und Gesellschaft, die Gleichberechtigung der Frauen, das Verhältnis von Adoptiveltern und -kindern, die Geschehnisse von 1965 und ihre Folgen.

Die Geschichte wirkt reichlich zerstückelt, es will kein angenehmer Erzählfluss entstehen, von der erzählerischen Wucht von Alle Farben Rot ganz zu schweigen. Stellenweise funkelt sie aber auf, diese Kraft der Erzählerin, in einzelnen Szenen der Rückblicke, die sich hervorragend lesen und die Leser*innen für kurze Zeit in einen Teil der Geschichte abtauchen lassen.

Die autobiografischen Züge sind in diesem Buch unverkennbar: Die Autorin hat in den vergangenen Jahren immer wieder längere Zeit in Berlin verbracht und wohl etliche Stadtbeschreibungen und Erlebnisse in den ersten Teil des Romans eingearbeitet. Vielleicht ist er sogar teilweise in Berlin entstanden. Vielleicht wurde er – auf Englisch geschrieben – zügig ins Deutsche übersetzt, um dem deutschen Publikum nach dem Erfolg von Alle Farben Rot schnell einen Nachfolger zu präsentieren. Die englische Originalausgabe erschien erst ein Jahr nach der deutschen Übersetzung.

Rezension zu: Laksmi Pamuntjak: Herbstkind. Ullstein, 2018, 496 S., 24 Euro

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Zwischen zwei Welten

Was passiert, wenn Menschen erzwungen / freiwillig ihre Heimat verlassen und in der oftmals weit entfernten neuen Heimat mit Menschen gleicher Wurzeln eine Gemeinschaft bilden? Wie gestaltet sich das Leben für sie in den sie umgebenden Mehrheitsgesellschaften und wie pflegen sie ihre Wurzeln?

Diaspora – ursprünglich eine Bezeichnung für jüdische Gemeinschaften in anderen Ländern, gewinnt in Zeiten von weltumspannenden Lebensrealitäten an Bedeutung. Auch für die Länder Südostasiens spielen Diasporagruppen sowohl im In- als auch im Ausland eine große Rolle. In Südostasien sind die finanziellen Rücküberweisungen (remittances) mehr als doppelt so hoch wie die offiziellen Entwicklungsgelder des Globalen Nordens (World Economy). Die Devisen prägen das Herkunftsland, unterstützen Familienangehörige und kurbeln die lokale Wirtschaft an. Allerdings schaffen Devisen auch Abhängigkeiten.

Diasporagemeinschaften sind Anlaufstelle für neu zugezogene Menschen und helfen durch bereits geknüpfte Netzwerkstrukturen. Verschiedene Gemeinschaften aus südostasiatischen Ländern finden sich in nahezu jeder Region der Welt. Temporäre Arbeitsmigrant*innen und permanente Migrant*innen werden gleichermaßen in die Diasporagemeinschaft integriert. Ob Bangkok, Berlin, Dubai, Kapstadt, New York, Mexiko-Stadt oder Sydney: Der Einfluss von Südostasiat*innen wächst nicht nur mit ihrer Zahl, sondern vor allem mit ihrer Organisierung und Teilhabe an gesellschaftlichen Strukturen. Auch innerhalb Südostasiens finden sich Diasporagemeinschaften aus der ganzen Welt zusammen.

Diesen Netzwerken und ihren Hintergründen widmen wir uns mit der vierten und letzten Ausgabe der südostasien im Jahr 2020. Einem Jahr, in dem Gemeinschaften durch die globale COVID-19 Krise für viele Belange noch einmal wichtiger geworden und enger zusammengerückt sind. Diese gewachsenen Strukturen werden in den folgenden drei Monaten in unserer Ausgabe näher beleuchtet. Dabei möchten wir sowohl ein Augenmerk auf politische als auch auf kulturelle sowie sozialintegrative Aspekte von Diasporastrukturen legen.

Teil einer Diasporagemeinschaft zu sein, bedeutet oft auch Selbsthilfe untereinander, um in der neuen Umgebung anzukommen. Infolgedessen bilden sich häufig tiefer gehende Strukturen, welche auch ökonomischen, politischen, kulturellen und sozialen Einfluss auf die Heimat nehmen. Gleichzeitig wird versucht, Diaspora-Communities zu instrumentalisieren, wie die Präsidentschaftswahlen in den Philippinen im Jahr 2016 zeigten. Beispiel Thailand: Die fortlaufenden Jugendproteste gegen die Regierung und für einen demokratischen Wandel werden auch von im Ausland lebenden Thailänder*innen weitergetragen und erfahren somit international Unterstützung.

Eine weitere Herausforderung, die sich aus der weltumspannenden Migration ergibt, ist das Fehlen der in der Diaspora lebenden Menschen auf den Arbeitsmärkten Südostasiens, beispielsweise im Gesundheitssektor. Die massenhafte Auswanderung von Fachkräften (Brain Drain) ist mittlerweile für viele Herkunftsländer zum Problem geworden. Arbeitsmigrant*innen wirken dem teilweise entgegen, indem sie im Ausland erworbene Fähigkeiten und Kenntnisse bei ihrer Rückkehr in ihr Heimatland mitbringen (Brain Gain und Brain Circulation).

Trotz oder gerade wegen dieser Erfahrungen gewinnen Diasporagemeinschaften an Einfluss. Projekte der Entwicklungszusammenarbeit adressieren mittlerweile Diasporagruppen und schätzen deren Expertise in kulturellen und politischen Fragen. Darüber hinaus werden Posten in der Lokalpolitik oder Sozialarbeit häufiger mit Menschen aus der Diaspora besetzt, da diese am besten die Perspektive ihrer jeweiligen Gemeinschaft einnehmen können. Dieser Form von Empowerment möchte unsere Ausgabe Ausdruck verleihen, indem sie diverse Stimmen der Diaspora versammelt und unseren Leser*innen näherbringt.

Im Interview mit drei Filipin@s der ersten und zweiten Generation in Österreich nimmt uns Jörg Schwieger mit in ein spannendes Projekt, bei dem es um die eigene Identität innerhalb der Diaspora und in der philippinischen Heimat geht. Unser Redaktionsmitglied Stefanie Zinn interviewte die vietdeutsche Podcasterin Minh Thu Tran zu ihren Vorbildern, ihrer vietdeutschen Community und anti-asiatischem Rassismus in Deutschland. Mit Andi Pratiwi sind wir zu Besuch beim indonesischen Seemansclub in Hamburg. Joan Chun hat für uns Parallelen zwischen anti-asiatischem und anti-Schwarzem Rassismus während der COVID-19 Pandemie in den USA analysiert und berichtet anhand der Cambodian American Literary Arts Association, wie Solidarität zwischen verschiedenen Diaspora-Gemeinschaften aussehen kann. Anas Ansar und Abdu Faisal Md. Khaled machen uns mit der aktiven Rolle von Frauen als transnationale Aktivist*innen in der weltweiten Rohingya-Diaspora bekannt.

Viele Artikel in dieser Ausgabe verdeutlichen, dass in der Diaspora zu leben auch immer bedeutet, Teil einer Minderheit innerhalb der dortigen Mehrheitsgesellschaft zu sein. Dies geht oft mit rassistischen Anfeindungen und Diskriminierungserfahrungen einher. Zu Anfang der COVID-19- Pandemie berichteten viele Menschen aus asiatischen Diasporagruppen darüber, wie sie in ihren europäischen Heimatländern offen angefeindet und mit dem Virus in Verbindung gebracht wurden. Diaspora hat hier auch die Funktion eines geschützten Raums, innerhalb dessen sich Betroffene geborgen fühlen und ihre Erfahrungen teilen können. Diesen und zahlreichen weiteren Facetten der Corona-Krise wird sich übrigens die nächste Ausgabe der südostasien widmen (zum Call for Paper Ausgabe 1/2021), für die noch Beiträge eingesendet werden können.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen unserer Ausgabe 4/2020.

Das Redaktionsteam

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Zwischen zwei Welten

Indonesien/Deutschland: Auf hoher See um die Welt zu reisen und damit die Familie zu unterstützen, davon träumt so mancher Indonesier. Beim indonesischen Seemannsclub in Hamburg treffen sich Menschen, die dies in die Tat umgesetzt haben und denen die Hafenstadt zur zweiten Heimat wurde.

Hamburg gilt als Zentrum des internationalen Containerhandels und als ‚Tor zur Welt’. Es ist eine der großen Hafenstädte, in der auch indonesische Seeleute auf Landgang eine Pause einlegen. Manche bleiben für immer.

Einer dieser Seeleute ist Malik. 1974 verließ er als 21jähriger seine Heimatstadt Surabaya. Er konnte sein Architekturstudium aus finanziellen Gründen nicht fortsetzen. Obwohl seine damalige Freundin damit keine Schwierigkeiten hatte, waren der Abbruch seines Studiums und seine finanzielle Lage Grund genug für ihre Eltern, Malik als Schwiegersohn abzulehnen. Das frustrierte ihn.

Ein Freund, der Seemann war, fragte Malik, ob er daran interessiert wäre, mit ihm an Bord zu gehen. In Anbetracht der Umstände und seines gebrochenen Herzens willigte er ein. „Ich komme nur dann nach Hause zurück, wenn etwas aus mir wird“, sagte Malik, als er seine Familie verließ, ohne deren Einverständnis dafür zu haben. Die Schifffahrt gefiel ihm so gut, dass er weiter in unterschiedlichsten Bereichen auf Schiffen arbeitete. Als Seemann konnte er regelmäßig Geld an seine Eltern schicken und gleichzeitig ein abwechslungsreiches Leben genießen. Malik reiste acht Jahre um die Welt.

Per Schiff von Indonesien nach Hamburg

In den 1970er Jahren war es durchaus üblich, dass Seeleute nach durchschnittlich sechs Monaten Seefahrt in Hamburg von Bord gingen und einen monatelangen Landgang machten. Rund um die Reeperbahn gab es Bars und Diskotheken, in denen sie sich mit Frauen trafen, tranken und spielten.

Anfang der 1970er Jahre diente eine Wohngemeinschaft in der Hopfenstraße als Unterkunft für Seeleute auf Landgang. Die Wohnung umfasste vier Zimmer, in denen jeweils etwa zehn Seeleute untergebracht waren. Viele Seeleute reservierten Betten für ihren Landgang. Wenn sie den Ruf zum Einschiffen und Auslaufen erhielten, überließen sie ihr Stockbett einem neu angekommenen indonesischen Seemann.

Der ehemalige Seemann Bruri arbeitete für Hapag Lloyd in Jakarta und entschied sich, für die Arbeit mit seiner Familie nach Hamburg zu ziehen. Seeleuten, die für deutsche Reedereien arbeiteten, wurde schnell die deutsche Staatsbürgerschaft zugesprochen. Er kaufte ein Haus in der Seilerstraße. Einige Jahre später begann er, indonesische Seeleute während ihres Landgangs in seinem Haus schlafen zu lassen. Neben seiner Familie machten dort auf einmal etwa 40 Seeleute Rast, die verschiedenen Religionen und Ethnien Indonesiens angehörten. In den folgenden Jahren mieteten sich viele Seeleute in der Straße ein und boten damit auch ihren Mitfahrenden die Möglichkeit, sich im Stadtzentrum auszuruhen.

Kontakt zu anderen Diasporagruppen, aber auch der Polizei

Bei ihren Kneipenbesuchen auf der Reeperbahn machten die Seeleute viele Bekanntschaften. „Wir waren in den Augen der deutschen Frauen damals wegen unserer langen Haare und unserer braunen Haut sehr attraktiv“, sagte Malik. In einem Imbiss auf dem Spielbudenplatz trafen sich indonesische Seeleute auch mit Seeleuten aus anderen Ländern, wie etwa den Philippinen. Dabei kam es auch zu Spannungen zwischen den Gruppen, Auslöser waren meistens Glücksspiel oder Frauen. Als Folge grenzen sich viele indonesische Seeleute bis heute oft von Seeleuten anderer Nationalitäten ab.

Kontakt mit der Hamburger Polizei war für die Seeleute nicht ungewöhnlich. Probleme ergaben sich aus abgelaufenen Aufenthaltsgenehmigungen. Es bestanden Vorurteile seitens der Staatsgewalt. Einmal sagte ein Polizeibeamter zu Fadil, der wegen einer Schlägerei inhaftiert war: „Wenn ich eine Gruppe arbeitsloser Indonesier auf der Straße sehe, frage ich mich, wie sie überleben wollen.“ Fadil antwortete: „Wenn Sie eine Gruppe von zehn arbeitslosen Indonesiern auf der Straße sehen und einer von ihnen Geld hat, werden die anderen neun nicht hungern.“

Malik wurde verhaftet, weil er in eine Schlägerei in einer Diskothek involviert war. Als die Polizei seinen Reisepass kontrollierte, fand sich darin kein Stempel seiner Ankunft in Hamburg. In seiner Brieftasche befanden sich jedoch Zugfahrkarten aus den vergangenen sechs Monaten, die zeigten, dass er seine Aufenthaltsgenehmigung in Hamburg überschritten hatte. Daraufhin wurde er für drei Monate inhaftiert und ihm wurde mit der Ausweisung gedroht. Seine deutsche Freundin bot ihm Hilfe an, um seine Haft und Abschiebung zu verhindern. Malik willigte ein und heiratete sie. Gemeinsam bekamen sie zwei Kinder und haben mehrere Enkelkinder.

Viele der indonesischen Ex-Seeleute, die sich in Hamburg niederließen, erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft aufgrund ihrer Ehen mit deutschen Frauen. Andere setzten ihre Ausbildung in Deutschland fort, arbeiteten, zahlten Steuern und beantragten schließlich so die Staatsbürgerschaft.

Indonesische Identität in der hanseatischen Großstadt

Seit den 1970er Jahren treffen sich die ehemaligen Seeleute jeden Freitag in der Hamburger Innenstadt. Das erste Treffen fand auf St. Pauli statt, wo die meisten von ihnen früher wohnten. Anschließend zogen sie in die ehemalige Bibliothek in der Mönckebergstraße um.

Seit einigen Jahren treffen sie sich nun in einem Café in einer nahe gelegenen Einkaufspassage. Die Gemeinschaft nennt sich selbst Indonesia Seaman Club (INSEAC). Die Zusammenkünfte bieten ihnen die Gelegenheit, ihre indonesische Identität aufrechtzuerhalten: Indonesisch zu sprechen, indonesisches Essen zu teilen, über Politik zu diskutieren und persönliche Geschichten auszutauschen.

Regelmäßiger Austausch innerhalb der indonesischen Diaspora

Manchmal bringt jemand aus der Runde eine Gitarre mit. „Alle Ex-Seeleute hier können Gitarre spielen, alle können singen“, sagt Sapri Ambomasse, Vorsitzender des INSEAC. Es werden immer noch Lieder aus den 70ern gesungen, von Koes Plus, The Panber’s, The Mercy’s und D’lloyd. „Wir sind alle Teile einer Familie, die ihr Zuhause aus der gleichen Motivation heraus verließen, nämlich die wirtschaftliche Situation ihrer Verwandten daheim zu verbessern. Die um die Welt segelten, ähnliche Abenteuer erlebten und sich in der gleichen Stadt niederließen“, fügt er hinzu.

Anlässe wie Geburtstage, Hochzeiten, Idul Fitri (Fest zum Ende des muslimischen Fastenmonats) oder ein einfaches Buffet werden gemeinsam begangen. Auch interreligiöse sowie ethnisch und kulturell übergreifende Treffen fanden in der Kirche in der Ferdinandstraße oder bei Mitgliedern zu Hause statt. Am Weihnachtstag zeigt die Gemeinschaft ihre Gastfreundschaft, mit der sie Menschen verschiedenster Religionen im Generalkonsulat willkommen heißt.

Auch in Notfällen sind die Seeleute füreinander da. „Wenn jemand krank ist, statten wir ihm einen Besuch ab und unterhalten uns mit ihm, damit er sich nicht allein fühlt“, sagt Musa, einer der Ex-Seeleute. INSEAC hat in den letzten Jahren einen Teil seiner Stammbesetzung verloren, da viele Mitglieder älter geworden oder bereits verstorben sind.

Sapri Ambomasse erzählt, dass auch jährliche Versammlungen unter dem Namen Sabang Merauke abgehalten werden. Das Treffen wurde 2016 vom INSEAC ins Leben gerufen und wird vom indonesischen Konsulat unterstützt. Sabang Merauke ist ein nationalistischer Begriff Indonesiens, der Menschen unterschiedlicher ethnischer und religiöser Herkunft von Sabang (im westlichsten Teil Indonesiens) bis Merauke (im östlichsten Teil Indonesiens) zusammenbringen soll. Dieses Treffen ist auch für andere Menschen der indonesischen Diaspora in Hamburg offen. Es treten Musikgruppen einzelner Communitymitglieder auf, dazu wird indonesisches Essen serviert. Das Treffen ist somit Ankerpunkt für Solidarität und familiärer Atmosphäre innerhalb der Diaspora.

Fernweh nach der indonesischen Heimat

Viele der INSEAC Mitglieder vermissen ihr Heimatland und schwelgen in nostalgischen Erinnerungen an das Indonesien, das sie in den 1970er Jahren verlassen haben. Die meisten von ihnen besuchen das Land alle paar Jahre. Dann bringen sie traditionell Oleh-Oleh (Souvenirs) aus Deutschland für jedes Familienmitglied mit. Wenn sie Indonesien besuchen, müssen sich viele von ihnen wieder an die indonesische Kultur gewöhnen, die sie durch ihr Leben in Deutschland nicht mehr gewohnt sind.

„Du nimmst etwas von der deutschen Persönlichkeit in Dir auf, wenn Du jahrzehntelang in Deutschland gelebt hast. Während wir dort gelernt haben, im Umgang mit Menschen sehr geradlinig zu sein, würde dies Javaner*innen oft verletzen. Sie sind sehr höflich und empathisch. Ich muss meine Kritikpunkte manchmal etwas beschönigen“, erzählt Malik lachend, als er über seine Erfahrungen beim Besuch bei seiner Familie berichtet.

Auch was das Kulinarische angeht, müssen sich viele Heimkehrende umstellen. „Manchmal dauert es bis zu einer Woche, bis ich indonesisches Straßenessen essen kann, ohne dass mein Magen grummelt. Zum Zähneputzen verwende ich meist Trinkwasser aus Flaschen. Mein Körper ist anders eingestellt als vor 50 Jahren, als ich weggegangen bin.“

Deutsch-indonesisches Familienleben

Heute bestehen die Familien vieler Seeleute aus deutsch-indonesischen Kindern und Enkelkindern, die alle deutsch sprechen. Viele ihrer Urenkel*innen besuchen Indonesien kaum. Doch oft benötigen die ehemaligen Seeleute Hilfe ihrer deutschen Familie für bürokratische Angelegenheiten. Diejenigen, die Muslime sind, haben ihren Kindern den Glauben zwar nahe gebracht, ihn aber nicht aufgezwungen. Die Heirat ist für den Großteil ihrer Familie freiwillig und keine Pflicht.

Einige der ehemaligen Seeleute sind nach ihrer Pensionierung nach Indonesien zurückgekehrt, während andere in Hamburg geblieben sind. Eine Rückkehr nach Indonesien war auch der ursprüngliche Plan von Malik und seiner Frau. Dann erkrankte seine Frau und benötigt nun dauerhaft deutsche Gesundheitseinrichtungen. Den Traum, zusammen in Indonesien zu leben, mussten die beiden aufgeben. Stattdessen kümmert sich Malik heute im Ruhestand um seine Frau.

„Wir wollten erst zurückgehen, wenn etwas aus uns geworden ist. Wir haben Erfolg im Leben gehabt, weil wir unsere Familie zu Hause unterstützen konnten. Das ist unser Stolz“, sagt er.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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Zwischen zwei Welten

Vietnam: Die Kurzgeschichten in „Mein Vietnam“ sollen das Land ‚unverfälscht’ darstellen und dem deutschen Publikum junge Autor*innen vorstellen. Ein lobenswertes Projekt. Doch sind die Geschichten weder unverfälscht noch eine gute Einführung in vietnamesische Literatur.

Vor drei Jahren rief das Goethe-Institut vietnamesische Autor*innen dazu auf, Kurzgeschichten einzuschicken, die ein ‚unverfälschtes Bild’ ihrer Heimat zeichnen. Aus 150 Texten wählte eine Jury zehn Beiträge aus. Nun sind sie in dem Band Mein Vietnam erschienenen.

Die fünf Autoren und fünf Autorinnen untersuchen in ihren Geschichten sehr wohl ihr Verhältnis zu Vietnam, allerdings nähern sie sich dem Begriff von Heimat meist durch abgenutzte Konzepte wie der mütterlichen Liebe oder der nostalgischen Sehnsucht nach einer unerreichbaren Vergangenheit. Trotz des relativ jungen Alters der meisten Autor*innen (oder vielleicht gerade deswegen) bringen sie die Vorstellung zum Ausdruck, dass früher alles besser war, und mit der lang erwünschten Modernisierung des Landes etwas unwiederbringlich verloren ging.

In den Geschichten Mutters Dampfgarer von Vu Thi Cam Dao und Der Gast von Vu Tung Lam kehren ausgewanderte Vietnamesen in ihre Heimat zurück, nur um zu ihrer Enttäuschung herauszufinden, dass ‚ihr Vietnam’ nur in ihren Erinnerungen weiterlebt. In einer anderen Geschichte ist die Heimat tatsächlich komplett verschwunden: In Den Weg hinaufgehen von Ninh Nguyen ist die Protagonistin Loan gezwungen, in eine neue Siedlung zu ziehen, nachdem ihr Dorf wegen eines neuen Staudamms komplett überflutet wurde.

Früher war alles besser – wirklich?

Anderseits ist die Vergangenheit grausam und trostlos, nämlich dort, wo unter dem Deckmantel der Tradition barbarische Bräuche herrschen. In den Geschichten Brauchtum von Dang Thu Ha und Der Stellvertreter von Nguyen Thu Hien verüben unidentifizierte Angehörige ethnischer Minderheiten unsägliche Gewalt und fungieren so als Vertreter kultureller Rückständigkeit. Lebendig begrabene Babys, Mord und Vergewaltigung sind an der Tagesordnung. Nachdem man diese Szenen gelesen hat – sie kommen im Fiebertraum eines Missionars aus dem 16. Jahrhundert vor – , stellt sich die Frage, ob das Ziel dieser Geschichte wirklich die Darstellung eines unverfälschten Bildes ist. Oder ob es nicht eher um die Unterwürfigkeit gegenüber der unerbittlichen Regierungspropaganda geht, die die Unterjochung von ethnischen Minderheiten mit deren angeblichem ‚Aufholbedarf’ rechtfertigt.

Die Folgen der Modernisierung

Moralische Degradierung beschränkt sich nicht auf abgelegene Berg-Regionen. Die rasante Modernisierung seit dem Beginn der Doi Moi-Reformen 1986 eröffnete neuen Raum für die Ausbreitung von so genannten sozialen Missständen (te nan xa hoi). Ein besonders treffendes Beispiel dafür ist die Geschichte Konzession des Journalisten Tran Minh Tam. Das im Titel der Geschichte erwähnte Entwicklungsprojekt eröffnet neue wirtschaftliche Möglichkeiten, verschärft aber auch die sozialen Unterschiede zwischen Insidern und Outsidern und wird zum Magneten unzähliger Laster. Drogen, Glücksspiel und Prostitution verbreiten sich im Gebiet der Konzession hemmungslos. In einer erschütternden, an Nguyen Huy Thieps Der pensionierte General erinnernden Szene, betreten wir einen Friedhof für abgetriebene Föten und erfahren, dass diese laut lokaler Gerüchte manchmal in Ha Nam-Brühe für die Einwohner*innen verarbeitet werden.

Die Geschichte Sein Leben wird bald ganz anders sein von Le Thi Huang Giang beginnt mit einem anderen grotesken Bild; mit einer in einem Schrank versteckten Leiche. Dort bewahrt der Protagonist seinen toten Vater auf. Im Gegensatz zur traditionellen Eltern-Kind-Beziehung, die stark vom Respekt für ältere Menschen gekennzeichnet ist, wälzt der Sohn seine Verantwortung ab und lebt monatelang mit der Leiche im Haus – um weiterhin die Rente des Vaters zu beziehen und Arbeit zu vermeiden.

Der Blick auf strukturelle Ursachen für menschliches Leid fehlt

Das Problematische an den Geschichten ist nicht, dass die gezeigten Beobachtungen illegitim wären, sondern dass die Autor*innen selten versuchen, unter die Oberfläche zu blicken. Vergehen werden als Folgen individueller Mängel behandelt und strukturelle Missstände werden wenig oder kaum thematisiert. Am deutlichsten wird das in der Darstellung ethnischer Minderheiten: Deren Armut, die mangelnde Ausbildung und die rückständigen Bräuche werden allesamt sichtbar gemacht, die Rolle des kinh-vietnamesischen Staates dabei aber nicht.

Auch in der wohl beachtlichsten Geschichte des Bands, Den Weg hinaufgehen, wird die Protagonistin Loan, die wegen des neuen Staudamms ihr Dorf verlassen muss, selbst für ihr Unglück verantwortlich gemacht und nicht etwa die unzureichenden Entschädigungen oder die vom Staat geförderte Vertreibung. Natürlich müssen die Werke nicht zwingend politische oder gesellschaftliche Themen aufarbeiten, aber sie sollten zumindest spannende Geschichten mit möglichst innovativen und vielfältigen Methoden erzählen. Außer in Den Weg hinaufgehen und Sein Leben wird bald ganz anders sein finden sich in den Geschichten nur wenige Versuche der Reflexion oder Neuerung.

Vietnam, Mutterland

Stattdessen gibt es in den Geschichten zahlreiche Repräsentationen des moralisch Guten – natürlich im starken Kontrast zu den Untugenden. Das Gute kristallisiert sich in der Figur der Mutter. Leibliche Mütter, Adoptivmütter, verschwundene Mütter und zurückgelassene Mütter finden sich im Mittelpunkt fast aller Geschichten. Diese Frauen tragen ausnahmslos eine schwere Bürde und versuchen trotz tragischer Schicksalsschläge die Familie zusammenzuhalten und eine bessere Zukunft für ihre Kindern zu schaffen. In Mutters Dampfgarer gelingt es der Mutter, immer wieder aufzustehen und neu zu starten. Andere, wie zum Beispiel Frau Sechs in Ein kleines Haus am Fluss von Nguyen Le Kim Yen oder auch Loan in Den Weg hinaufgehen, haben nicht das gleiche Glück. Sie verlieren ihre Lieben und können deren Verlust nicht verarbeiten.

Die kleinere, gewöhnlichere Tragödie der Elternschaft ist die unvermeidliche Separation von den erwachsenen Kindern: Tante Ba My in Mutter vom Land von Le Duc Quang und Frau Sechs in Ein kleines Haus am Fluss warten vergeblich auf die Rückkehr der erwachsenen Kinder. Glaubt man den Autor*innen der Erzählungen in Mein Vietnam, dann bedeutet vietnamesische Frau und Mutter zu sein, ein ständiges, unaufhörliches Leiden. Die Männer sind meistens tot oder abwesend, und falls sie zufällig doch da sind, wäre es eigentlich besser, wenn sie es nicht wären. Eine Ausnahme ist der Opa aus Der alte Englisch sprechende Herr war mein Großvater von An Dai Trang, der für den Erzähler positiver Einfluss und Inspiration ist.

Ich esse, also bin ich

Neben der Figur der Mutter ist eine andere offensichtliche Verbindung zur Heimat das Essen. Tante Ba My nimmt einen Kredit auf, um örtliche Spezialitäten zubereiten zu können und sie ihrem Sohn zu geben, der in der Großstadt lebt. Frau Sechs drückt ihre mütterliche Fürsorge für ihren ausländischen Gast durch bescheidene und doch leckere Gerichte aus. Der Klebreis in Mutters Dampfgarer wird sogar zur Touristenattraktion einer Hanoi-Führung. Der Wert des Essens – genau wie der des Herkunftslandes – wird aus der Entfernung noch höher gestellt. Heimkehrende Vietnamesen versuchen ihre Erinnerungen in einer dampfenden Schüssel Pho wieder zu finden.

Die Bedeutung des Essens für die Gesellschaft wird sehr schön verdeutlicht, doch in Verbindung mit der Darstellung von Müttern und mit dem Konzept Heimat ist es etwas klischeehaft umgesetzt und wirkt nach einer Weile auch repetitiv. Das ist weniger eine Kritik an den Autor*innen sondern liegt eher in der Verantwortung des Herausgebers. Worauf dieser mehr Einfluss hätte ausüben können, sind die oft langwierigen und überflüssigen Fußnoten, die den Rhythmus der Geschichten oft unterbrechen. Auch die Übersetzungen zeugen wenig von der potenziellen Schönheit der Originale oder der individuellen Schreibstile der Autor*innen. Alles in allem ist dieses Buch ein lobenswerter Versuch, der aber keine der versprochenen Bestrebungen wirklich erfüllt. Vietnam oder die vietnamesische Literatur nach diesem Sammelband zu beurteilen, wäre ein Fehler.

Rezension zu: Goethe-Institut Vietnam (Hg.). Mein Vietnam. Erzählungen. Mitteldeutscher Verlag. 2020. 220 Seiten

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Zwischen zwei Welten

Timor-Leste/Indonesien: Unsere Autorin schildert berührende Begegnungen mit älteren Menschen aus Osttimor, die vor mehr als 20 Jahren nach Indonesien zwangsumgesiedelt wurden.

Ältere Menschen gehören zu den am meisten gefährdeten und oft unsichtbaren Gruppen von Vertriebenen. Ihre altersspezifischen Bedürfnisse erhalten weniger mediale und politische Aufmerksamkeit als die der jüngeren Generationen. Es gibt zunehmend Forschung zu älteren Geflüchteten. Jedoch ist Literatur über Vertreibung und diasporische Erfahrungen dieser Bevölkerungsgruppe im Globalen Süden rar.

Während der Vorbereitung auf eine Forschungsreise 2019 habe ich mir alte Fotos angesehen, die ich 2010 während einer Forschungsreise zum Haliwen-Lager geschossen habe. Das Lager lag in der Nähe des Flughafens in Atambua, einer indonesischen Stadt an der Grenze zu Timor-Leste. 1999 war der Höhepunkt der massiven Gewalt, die die Unabhängigkeit Timor-Lestes von Indonesien begleitete. Zu dieser Zeit beherbergte diese kleine Stadt viele osttimoresische Vertriebene.

Kein Displacement mehr?

Die Loslösung Timor-Lestes von Indonesien war geprägt von Gewalt, vielen Toten und der Zwangsumsiedlung von 240.000 Menschen nach Westtimor (Indonesien). Hinter diesen Gräueltaten steckten indonesische Sicherheitskräfte und deren osttimoresische Milizen. In den folgenden Jahren kehrten viele der Vertriebenen und Exilant*innen aus aller Welt nach Timor-Leste zurück und beteiligten sich am Wiederaufbau des Landes. Anfang 2003 hoben die Vereinten Nationen den Flüchtlingsstatus für die Osttimores*innen in Indonesien auf. Diejenigen, die sich entschieden, in den Siedlungen zu bleiben, erhielten die indonesische Staatsbürgerschaft und blieben mit dem Versprechen, dass ihre Loyalität belohnt werden würde. Mehr als zwei Jahrzehnte später leben weiterhin osttimoresische Mehrgenerationen-Familien in den zu Siedlungen umfunktionierten ehemaligen Geflüchtetenlagern. Ihr Alltag ist geprägt von Armut, dem Fehlen von Landbesitz und einer hohen Jugendarbeitslosigkeit.

Es gibt keine verlässlichen Daten über ihre Größe der Diaspora in Westtimor. Schätzungen gehen davon aus, dass derzeit mehr als 88.000 Osttimores*innen in Westtimor leben.

Die einstigen Geflüchtetensiedlungen von Osttimores*innen unterscheiden sich von Ort zu Ort. Einige Siedlungen liegen immer noch da, wo sie gegründet wurden. Andere wurden ganz oder teilweise umgesiedelt. Einige Familien zogen eigenständig in die Städte und mieteten Häuser oder Land von der lokalen Bevölkerung. In den ehemaligen Lagern sind die Planen-Zelte größtenteils durch vom Militär errichtete Unterkünfte ersetzt worden. Sie befinden sich innerhalb oder in der Nähe von militärischen Übungsgeländen oder staatlichem Land, oft abseits der lokalen Siedlungen und weit entfernt von Stadtzentren. Viele der Siedlungen sind um eine neue Generation gewachsen, sowohl an Größe und Dichte. Obwohl die osttimoresische Bevölkerung in Westtimor technisch gesehen keine Geflüchteten mehr sind, dauern die Erfahrungen des Vertriebenwerdens oft ein Leben lang an. In dieser Situation kommt Diaspora-Netzwerken eine besondere Bedeutung zu.

Adoptiveltern im Exil

An einem schwülen Aprilnachmittag im Jahr 2010 nahm mich Marco (Name geändert) nach einem Interview mit auf einen Spaziergang durch das Lager Haliwen. Von der Hauptstraße und dem Eingang des Lagers, wo sich sein Haus befand, gingen wir durch viele schmale Pfade, die die Reihen semi-permanenter und vom Militär errichteter Häuser miteinander verbanden. Marco zeigte nach links und rechts und erzählte von der Zeit, als er und seine Nachbarn vertrieben wurden. Vom Zustand des Lagers in den ersten Tagen und von Problemen beim Zugang zu Wasser, Strom und anderen grundlegenden Dingen. Er stellte mich allen Nachbar*innen vor, die sich zufällig draußen aufhielten.

Weit im Inneren des Lagers trafen wir uns mit einem älteren Ehepaar. Marco stellte sie mir aufgeregt als seine ‚adoptierten’ amaa (Mutter) und apaa (Vater) in der Vertreibung (pengungsian) vor. Er legte seinen Arm um die schmalen Schultern der älteren Frau und sagte: „Ich betrachte sie wie meine Eltern hier im Exil. Sie sind alt, allein und haben keine Kinder mehr. Sie haben nur ein Schwein und einen kleinen Garten, in dem sie Gemüse anbauen. Also kümmere ich mich um sie und behandle sie wie meine Familie.“

Momentaufnahmen

Marco ist ex-Mitglied einer Miliz aus Dili, der Hauptstadt von Timor-Leste. Während der Gewalt 1999 in Dili war er an schweren Verbrechen beteiligt. Aus Gründen der politischen Loyalität und um einer strafrechtlichen Verfolgung in der Heimat zu entgehen, entschied er sich, in Indonesien zu bleiben. Zum Zeitpunkt des Interviews setzte er sich aktiv für eine bessere Behandlung der Vertriebenen aus Osttimor in Indonesien ein.

Er erzählte mir, dass sein Apaa Mitte der 1970er Jahre ein ‚Kollaborateur’ für die indonesischen Sicherheitskräfte war, wodurch deren Einmarsch in die östliche Hälfte Timors zum Teil ermöglicht wurde. Er kommentierte, dass es nur fair sei, dass die indonesische Regierung sich jetzt um Leute wie seinen Apaa kümmere, aber auch um solche wie ihn, die seiner Meinung nach dafür kämpften, die indonesische Souveränität intakt zu halten. Marco wandte sich dann an seine Amaa und fragte sie, ob ich sie fotografieren dürfe. Im Laufe der Jahre hatte ich Porträts von Menschen und Orten gemacht, wenn sie zugestimmt hatten, und ihnen die Abzüge als Dankeschön für ihre Teilnahme an meiner Studie gegeben. Die ältere Frau sah mich vorsichtig an. Marcos Arm lag noch immer um ihre Schultern. Sie nickte vorsichtig mit dem Kopf.

Als ich gerade ein Foto von ihr machen wollte, sagte sie schnell, ich solle warten. Dann ordnete sie ihr langes schwarzes Haar zu einem ordentlichen Dutt auf dem Kopf und schaute direkt in die Kamera. Beim Posieren für das Bild legte sie ihre Hände zusammen und stand still an der Wand ihres Hauses. Dann forderte sie ihren Mann, der gerade sein Messer auf einem flachen Stein auf dem Boden vor ihrer Veranda schärfte, auf, zu ihr zu kommen und neben ihr zu posieren. Er weigerte sich: „Aiiyh, lass mich einfach hier bleiben. Mach es von dort, wo du bist.“ Auch er blickte direkt in die Kamera, wenn auch mit einem etwas weniger intensiven Ausdruck als die ältere Frau. Dann richtete er sich auf und zeigte mir seinen Schweinestall. „Das ist etwas, das Sie fotografieren können – ich beim Füttern unseres Schweins“.

Wertvolle Habseligkeiten am neuen Ort

Der ältere Mann führte mich um das Haus, einen halbfesten Ziegelbau mit Palmenstängelwänden und Blechdächern, bis zu einer Ecke, in der der Schweinestall stand. Er wollte mir etwas zeigen, von dem er dachte, dass ich es fotografieren könne. Die Häuser in der Siedlung standen auffallend dicht beieinander, anders als die die Anordnung der Häuser in den sonstigen ländlichen Gebieten von Timor-Leste. Meisten waren Häuser, Felder und Tiergehege eher über weite Landstriche verstreut.

Als wir am Schweinestall ankamen, fütterte er sein Schwein mit Speiseresten. Dann drehte er sich zu mir um und posierte mit einem breiten, offenen Lächeln. Er zeigte auf ein nahe gelegenes Stück Land, wo er Maniokbäume gepflanzt hatte, die ich pflichtbewusst fotografierte.

Danach kehrten wir zu den anderen zurück. Ich wollte mich noch eine Weile mit dem älteren Ehepaar unterhalten. Aber Marcos redete die meiste Zeit. Er sprach oft über und für sie. „Damals in Timor waren sie Bauern, aber hier haben sie kein Land, auf dem sie arbeiten können!“ Er wiederholte, was er mir schon gesagt hatte. “ Aiiyh, sie haben auch Angst (tauk), zurück nach Timor zu gehen! Hier sind sie bei mir sicher“, fügte er hinzu. Dann forderte Marco mich auf: „Mach ein Foto von mir und meinen Adoptiveltern!“ Er setzte sich zwischen das ältere Paar auf eine Bank und lächelte breit. Er schlang seine Arme um ihre kleinen Körper und zog sie näher in die Mitte.

Älter werden inmitten von anhaltendem Misstrauen

Meine Begegnung mit Marco und dem älteren Ehepaar war eindrücklich. Wie sie weit im Inneren des Lagers lebten, umgeben von ehemaligen Milizsoldaten wie Marco, ließ mich über die Machtverhältnisse nachdenken, die ihren Alltag in der Vertreibung geprägt und ihre Entscheidung, zu bleiben oder zurückzukehren, beeinflusst haben könnten. Wie Marco über und für seine ‚Adoptiveltern’ sprach, machte mich neugierig auf Raum und Zeit, in der die Stimmen der Älteren in den generationenübergreifenden Familienbeziehungen und unter den vertriebenen Gemeinschaften gehört werden.

Einige vorläufige Forschungsergebnisse

Ein vorläufiges Ergebnis meiner Forschung am Max-Planck-Institut ist, dass Entscheidungen und Erfahrungen älterer Menschen im Exil mit intergenerationellen Ambivalenzen verwoben sind. Außerdem übernehmen ältere Osttimores*innen, insbesondere Frauen, eine aktive Rolle bei der Aufrechterhaltung transnationaler Pflegebeziehungen zu Familienmitgliedern, den Ahnen und heiligen Stätten im Heimatland durch grenzüberschreitende Besuche. Die Asymmetrien, die die Pflegebeziehungen zwischen konfliktgetrennten Familien über die Grenzen hinweg prägen, können durch Erinnerungen an vergangenen Verrat weiter belastet werden. Ältere Osttimores*innen navigieren in der Vertreibung durch multiple Ungleichheiten des Alterns. Das kann sich auf ungleichen Zugang zu Sozialhilfeprogrammen, Gesundheitsversorgung und schlechte Lebensbedingungen beziehen. Fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten und alltägliche Diskriminierung von jüngeren Osttimores*innen in Westtimor führen dazu, dass ältere Menschen länger arbeiten müssen.

Die osttimoresische Diaspora in Indonesien ist ein Teil der Geschichte, den beide Länder lieber vergessen würden. Das Misstrauen der Menschen in Timor-Leste und in der Aufnahmebevölkerung gegenüber den ehemaligen Milizen ist nach wie vor groß. Die vertriebene Bevölkerung erfährt oft eine Form von Schuld oder Verdächtigung, indem sie mit den Milizen in Verbindung gebracht wird.

Eine kürzere Version dieses Artikel wurde auf Englisch im Dezember 2018 in der Blogreihe des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften veröffentlicht. Er wurde für südostasien von der Autorin überarbeitet, ins Deutsche übersetzt und redaktionell bearbeitet.

 

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