3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Die Jugend ist der Schlüssel“

Kambodscha genderbasierte Gewalt

Bei Workshops mit jungen Menschen setzt WPM auf kreative und partizipative Methoden. © Women Peace Makers

Kambodscha: Genderbasierte Gewalt zieht sich durch Familien, Traditionen und Generationen. Engagierte Bewegungen sorgen für Veränderung. Doch alte Rollenbilder sind gesellschaftlich und kulturell stark verankert. Ein Interview mit der Friedensaktivistin Suyheang Kry.

Unsere Interviewpartnerin:

Suyheang Kry ist Expertin in Konflikttransformation, Transnational Justice, Gender Mainstreaming und gendersensible Mediation © privat

Suyheang Kry ist die Geschäftsführerin der kambodschanischen NGO Women Peace Makers (WPM). Sie stammt aus einer konservativen Familie und wuchs in der Postkonfliktzeit auf. In ihrem Bestreben, den Status quo traditioneller Geschlechterrollen in Frage zu stellen und zu ändern, widmet sie ihr Berufsleben seit einem Jahrzehnt der Gender- und Friedensförderung. Sie ist Expertin für partizipatorische Ansätze und hat eine Friedensforschungsmethodik, bekannt als Facilitative Listening Design (FLD), mitentwickelt. WPM legt in ihrer Friedensarbeit einen Schwerpunkt auf interethnische Fragen aus der Überzeugung heraus, dass darin eine der Hauptursachen für Konflikte in Kambodscha liegt.

Welche Formen und welches Ausmaß hat genderbasierte Gewalt in Kambodscha?

Wenn es in Kambodscha um genderbasierte Gewalt geht, redet man zumeist über Gewalt gegen Frauen. Es gibt daneben Gewalt gegen andere Gender wie LGBTIQ. Wichtig ist zudem Intersektionalität, also die Verschränkung verschiedener Formen von Diskriminierung. Eine nationale Umfrage von 2015 stellte fest, dass jede fünfte Frau im Laufe ihres Lebens sexuelle und physische Gewalt durch ihren Partner erlebte. Jede dritte kambodschanische Frau erleidet emotionale Gewalt.

In einer länderübergreifenden UN-Studie (2013) gaben 33% der befragten kambodschanischen Männer zu, dass sie körperliche und sexuelle Gewalt gegenüber ihrer Partnerin ausübten. 20% vergewaltigte ihre Partnerinnen. Solche Daten sind wirklich alarmierend.

Außerdem finde ich es wichtig, nicht nur über sichtbare Gewalt zu sprechen, sondern auch über die nicht sichtbare, wie die soziale Stigmatisierung von Frauen. Die Ursachen von genderbasierter Gewalt liegen im Machtungleichgewicht und der Genderungleichheit. Sie wird durch negative Gendernormen, Stereotypen sowie traditionellen Praktiken und Bräuche aufrechterhalten.

Wie zeigen sich diese Normen und Werte im Alltag konkret?

Diese tief verwurzelte Ungleichheit zeigt sich in einem Sprichwort der Khmer: „Männer sind Gold, Frauen sind Stoff“. Es offenbart den niedrigeren sozialen Wert, der Frauen zugeschrieben wird.

Ein anderes Beispiel ist der Chbap Srey, eine Art traditioneller Khmer-Verhaltenskodex für Frauen in Form eines Gedichtes. Darin befinden sich die grundlegenden kulturellen Normen, die zur Verletzung der Rechte von Frauen in Kambodscha beitragen. Obwohl es sich nicht mehr [nach umfassender gesellschaftlicher Kritik, Anm. d. Red.] in den Lehrplänen der Schulen findet, ist sein Einfluss immer noch groß. Der Chbap Srey beschreibt, wie sich Frauen zu Hause oder im öffentlichen Raum verhalten sollen. Dabei wird die Rolle der Frauen als minderwertig dargestellt und unter dem Mann eingeordnet. Solche traditionellen und negativen Normen sowie Stereotype von Frauen sind allgegenwärtig in der ganzen Gesellschaft und reichen bis in die Politik und sogar ins Justizsystem.

Diese Umstände machen es für Überlebende von Gewalt noch schwieriger, Hilfe zu finden. Laut der Studie hat fast die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, dies nicht angezeigt. Einige davon fanden, dass Gewalt normal sei, während andere sich fürchten oder schämen. Hinzu kommt laut einem Bericht des Frauenministeriums (2010), das mehr als ein Drittel der lokalen Behörden glaubt, dass Gewalt gegenüber Frauen gerechtfertigt ist. Nur 24% der von physischer und sexueller Gewalt betroffenen Frauen suchte Hilfe.

Kambodscha genderbasierte Gewalt

Zum Internationalen Frauentag 2020 führte WPM eine erfolgreiche Kampagne in der Provinz Kampot durch © Women Peace Makers

Du sagst, Intersektionalität sei wichtig. Was heißt das genau?

LGBTIQ, Sexarbeiter*innen, Hausangestellte, Arbeiter*innen in Bekleidungsfabriken, Migrant*innen vom Land, Minderheiten und Indigene, um nur einige Gruppen zu nennen, sind generell verletzlicher, genderbasierte Gewalt trifft sie stärker.

Frauen mit Behinderung erfahren eher Gewalt in ihrem Haushalt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in eine Notlage kommen, emotionale Gewalt erleben oder von Haushaltmitgliedern kontrolliert werden, ist höher. LGBTIQ-Frauen erleiden mehr häusliche Gewalt, wobei die Gemeinschaft bei ihnen oft darüber hinwegsieht. Frauen und Mädchen der Khmer Krom und der ethnischen vietnamesischen Minderheit haben oft mit einer anti-vietnamesischen Haltung und auch strukturellen Herausforderungen zu kämpfen. Dazu zählen ihr rechtlicher Status sowie der Zugang zu Rechten und sozialen Diensten. Andere Minderheiten wie die muslimischen Cham und die 24 indigenen Gruppen sind mit sozialer Stigmatisierung und Diskriminierung konfrontiert. Arbeitsmigrant*innen vom Land kommen oft nach Phnom Penh, da es dort Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Sie erhalten aber nur Jobs, die einen niedrigen sozialen Status haben. Intersektionelle Marginalisierung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie genderbasierte Gewalt erleben.

Bei genderbasierter Gewalt, gibt es da Unterschiede zwischen dem ländlichen und urbanen Raum?

Ja. Etwa 80% der Bevölkerung lebt auf dem Land. Dort gib es weniger Infrastruktur, Gesundheitseinrichtungen und verfügbare Dienste als in den Städten. Darüber hinaus ist es schwieriger, an aktuelle Informationen zu kommen, da es an Zugang zu Technologie oder dem Internet fehlt. Ein damit verbundenes Problem ist Armut, die auf dem Land größer ist. Weiter sind die dort häufiger vorkommenden, von Frauen geführten Haushalte aufgrund der sozialen Normen sowie der begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten verletzlicher.

In ländlichen Gebieten neigen Mädchen dazu, früher zu heiraten und es gibt höhere Schulabbruchquoten. Letzteres aus mehreren Gründen, aber es ist meist verknüpft mit Armut. An Orten mit nahe gelegenen Fabriken brechen mehr Mädchen die Schule ab, weil ein Job ‚vor der Haustüre liegt’. Andere Gründe sind weite Schulwege, Ablehnung im Elternhaus gegenüber dem Schulbesuch oder ein Mangel an Informationen über die Bedeutung von Bildung.

Unabhängig von solchen Unterschieden findet sich genderbasierte Gewalt überall: In reichen und armen Familien, in allen Klassen, Kulturen, sie existiert in der Stadt und auf dem Land.

Ist Kinderheirat in Kambodscha weit verbreitet?

Darüber haben wir landesweit leider nicht ausreichende Daten. Aber es gibt sie. Und wir wissen, dass sie eher in ländlichen Gebieten stattfindet. Laut dem Cambodia Demographic and Health Survey 2014 haben 1,9% der Frauen im Alter von 20-24 Jahren mit 15 geheiratet, und 19% bevor sie 18 Jahre alt waren.

Workshop mit Mädchen von Minderheiten und Indigenen in der Provinz Mondulkiri. WPM versucht möglichst viele Gruppen in ihrer Arbeit zusammenzubringen © Women Peace Makers

Was sind die Folgen genderbasierter Gewalt für die Betroffenen und die Gesellschaft?

Gewalt gegen Frauen und Mädchen wirkt sich nicht nur auf ihre Leben aus, sondern auf die Familien, die Gemeinschaften, die Nation und auf die ganze Welt, einfach, weil Frauen die ‚Hälfte des Himmels tragen‘ und gleichberechtigt sind. Abgesehen von den physischen und psychischen Verletzungen und auch Todesfällen stellt genderbasierte Gewalt für das Land und die Welt eine enorme wirtschaftliche Belastung dar, die Kosten belaufen sich auf fast 2% des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Die Folgen der Gewalt sind besonders verheerend für die Familien. Kinder werden Zeugen der Gewalt und wachsen mit ihr auf. Sie lernen die Muster, handeln irgendwann selbst so und geben es an die nächste Generation weiter. Das wird zu einem nicht enden wollenden Kreislauf der Gewalt. Manchmal führt sie sogar zum Tod.

Wo können betroffene Frauen* und LGBTIQ Hilfe finden? Gibt es staatliche Anlaufstellen?

Ja, es gibt zuständige Anlaufstellen, aber nur begrenzt. Bei häuslicher Gewalt wenden sich Betroffene normalerweise zunächst an ihre Familie, Freund*innen und Verwandte. Manchmal wenn es ‚ernst’ wird, gehen sie direkt zu den lokalen Behörden. Zu den verfügbaren staatlichen Diensten gehören z.B. Community-Gesundheitszentren, Polizeistationen und kommunale Streitbeilegungsausschüsse.

Besorgniserregend ist das Fehlen staatlich geführter Frauenhäuser. Eine nationale Hotline für Hilfe suchende Frauen ist noch nicht richtig eingerichtet. In jeder Provinz gibt es jedoch zumindest eine persönliche Kontaktstelle innerhalb des Department of Women’s Affairs, die Frauen ebenfalls unterstützt.

Gibt es psychologische Hilfsangebote für betroffene Frauen* und Mädchen*?

Selten. Nach dem Bürgerkrieg gab es nur wenige Psycholog*innen. Der Bereich entwickelt sich erst seit zwei Jahrzehnten. Nur einige Organisationen bieten dies an und psychiatrische Einrichtungen sowie Krankenhäuser sind rar und nur in größeren Städten zu finden.

Das Frauenministerium arbeitet mit den wichtigsten Interessenvertreter*innen zusammen, um eine Umsetzung des Mindeststandards für die Beratung von Gewaltüberlebenden zu entwickeln und zu stärken. Aber das deckt noch nicht das gesamte Land ab.

Welche Rolle spielt die Jugend Kambodschas bei der Friedensförderung und der Bekämpfung genderbasierter Gewalt?

Die Jugend ist der Schlüssel. Die mit Gewalt zusammenhängenden Normen, Werte und Verhaltensweisen sind über Generationen weitergegeben worden. Wir müssen all diese negativen Stereotypen verlernen. Das ist eine große Herausforderung.

Die Jugend vertritt die kommende Generation und trägt ein starkes Potenzial in sich. Sie kann kulturelle Normen, negative geschlechtsspezifische Einstellungen sowie Stereotypen über „die Andere/den Anderen“ und damit verbundene gewalttätige Verhaltensweisen verändern.

Kambodscha ist ein sehr junges Land. Über 70% der Bevölkerung wurde nach dem Khmer-Rouge-Regime geboren. Die Jugend kann Veränderung bewirken und Gendergerechtigkeit ermöglichen. Aber die Jugend kann sie auch verhindern. Als treibende Kraft für Veränderungen, mit Energie, Leidenschaft, Neugierde und Fähigkeiten, können junge Menschen einen entscheidenden Einfluss auf Gleichaltrige und ihre Familie ausüben.

Kambodscha genderbasierte Gewalt

Workshop mit Frauen aus vier verschiedenen marginalisierten Gruppen © Women Peace Makers

Bei WPM arbeitet ihr viel mit der Jugend. Wie bezieht ihr dort Jungen* und junge Männer* in eure Projekte ein?

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen versuchen wir, kreativ heranzugehen und konzentrieren uns auf interaktive Übungen, oft im Freien. Wir bieten ihnen Wissen an, aber keine Theorien. Gewöhnlich bringen wir in Workshops eine große Gruppe zusammen, darunter Khmer, Indigene und Minderheiten, und LGBTIQ.

Übungen wie Forumtheater oder der Privilege Walk sind regelmäßig Augenöffner für junge Männer. Manche Teilnehmer sind erschüttert, wenn sie sich ihrer Privilegien bewusst werden und wie es ist, eine Frau zu sein. Danach ändern sie ihre Denkweise, Einstellungen und letztlich ihr Verhalten. So beginnt Wandel.

Bei erwachsenen Männern gehen wir anders vor. Mit ihnen machen wir eine Art Männerdialog, bei dem wir über ihr Leben sprechen. Darüber, wie sie in bestimmen Situation handelten oder warum sie dies und jenes tun. So helfen wir ihnen, Geschlechterrollen und Stereotypen zu reflektieren und zu hinterfragen. Bei dem Prozess braucht man aber einen langen Atem.

Wie ermächtigt ihr junge Frauen* und Mädchen*?

Zurzeit arbeiten wir vor allem mit grassroots women leaders [d.h. Frauen, die in dörflichen Gemeinden führende Positionen innehaben, d. Red.] und mit Frauen* aus marginalisierten Gruppen. Wir glauben, dass Frauen bereits eine Stimme haben. Sie brauchen Chancen, Fähigkeiten und Räume. Wir schaffen ihnen diesen Raum und unterstützen sie auf ihrem Weg dabei, ihre Stimme zu erheben, sich austauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und auf ihre Weise zu führen.

Hat sich in Kambodscha in den letzten Jahren etwas verändert?

Genderarbeit begann Anfang der 1990er Jahre. Damals wurde der Begriff noch gar nicht benutzt. In den 2000er Jahren änderte sich das allmählich, als Gender in nationalen Strategieplänen und Gesetzen verwendet wurde.

Das Gesetz zur Verhinderung häuslicher Gewalt und zum Schutz von Opfern wurde 2005 verabschiedet, und in der Folge wurden beispielsweise Richtlinien wie Neary Ratanak (5-Jahresplan für die Gendergleichberechtigung und Empowerment von Frauen in Kambodscha), der Nationale Aktionsplan zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen, eine nationale Genderpolitik entwickelt.

Im Vergleich zum letzten Jahrzehnt haben wir heute mehr Frauen mit höherer Bildung. Frauen haben Stellen inne, in denen sie selbst etwas bewirken können. Eine Entwicklung ist sichtbar, aber es muss noch viel mehr getan werden.

Video: Weaving Women’s Leadership for Change, Women Peace Makers:

Welche weiteren Entwicklungen sollte es in den nächsten Jahren geben?

Die wirksame Umsetzung von Gesetzen, Richtlinien und nationalen Aktionsplänen ist noch verbesserungsfähig. Ein weiteres Problem ist der Mangel an weiblichen Führungskräften. Es sollte Mechanismen und Maßnahmen geben, um hier Veränderungen zu bewirken. Die Strafverfolgung sollte gestärkt werden. Soziale Dienste, einschließlich Rechtshilfe, Streitbeilegung, Frauenhäuser und Beratung, sollten kostenlos für Überlebende von genderbasierter Gewalt sein. Und zwar in einer gendersensiblen und -gerechten Weise.

Was ist entscheidend, um diese Ziele zu erreichen?

Information ist Macht. Der Zugang zu Informationen und zu Bildung wird die Möglichkeiten der nächsten Generationen Kambodschas bestimmen. Eine Zukunft mit besser ausgebildeten Frauen wird dieses Land zum Besseren verändern. Es gibt noch viele Herausforderungen und Widerstände, aber wir glauben, ein gerechteres Kambodscha für alle Gender, Minderheiten und Ethnien schaffen zu können.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Raphael Göpel

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Die Jugend ist der Schlüssel“

Kambodscha: Das Theaterprojekt „I am a daughter“ bricht Rollenbilder von Frauen in der kambodschanischen Gesellschaft auf. Unsere Autorin unterstützt die Initiative. Auch sie musste darum kämpfen, ein selbst bestimmtes Leben führen zu dürfen.

Es gibt ein altes Khmer-Sprichwort: „Srey chlad ot pidey“. Das bedeutet: „Eine kluge Frau bekommt keinen Mann“. Ich habe gelernt, diesen Spruch zu ignorieren. Ich bin eine gebildete Frau. Und ich möchte keinen Mann heiraten, der mich für dumm hält. Fast jedes fünfte Mädchen in Kambodscha heiratet vor ihrem 18. Geburtstag. Viele kambodschanische Eltern arrangieren immer noch Hochzeiten gegen Brautgabe, weil man Mädchen die künftige Rolle der Mutter und Hausfrau zuweist. Der Ausbildung von Frauen kommt damit weitaus geringere Wichtigkeit zu; der Mann soll besser ausgebildet sein, weil er nach traditionellem Verständnis für das Einkommen der Familie zuständig ist.

Nur 15 Prozent der Frauen haben einen Realschulabschluss

Über die Hälfte der Bevölkerung Kambodschas lebt an oder unter der Armutsgrenze. Ich hatte Glück und wuchs in einer Mittelstandsfamilie in der Hauptstadt Phnom Penh auf. Schon als Teenager erzählte ich meiner Mutter, dass ich Journalistin werden möchte. Sie sagte das sei ein schrecklicher Beruf. Redakteur*innen seien oft arm, manche würden gar wegen ihrer Arbeit getötet. Ich fragte sie, was ich stattdessen tun solle. Meine Mutter antwortete nur, ich solle an meine Identität als Frau denken. Später bat sie mich das Haus zu putzen und Abendessen zu kochen.

Ich nehme es ihr nicht übel. Wegen des Völkermordes unter dem Regiment der Roten Khmer vor über 40 Jahren konnte sie nicht einmal die Grundschule abschließen. Der 30-jährige Bürgerkrieg endete erst 1998. Bis 2019 verfügten nur 15 Prozent der erwachsenen Frauen in Kambodscha über einen Sekundarabschluss [entspricht dem deutschen Realschulabschluss]. Bei den erwachsenen Männern waren es 28,1 Prozent. Das geht aus Daten des United Nations Development Program (UNDP) hervor.

Diskriminierung in der Arbeitswelt

Mit den ersten freien Wahlen im Jahr 1993 veränderten sich Kambodschas Gesellschaft und Wirtschaft. Als ein Kind der ‚Babyboom-Generation’ der Nachkriegszeit, habe ich diese Phase miterlebt. Die meisten kambodschanischen Jugendlichen werden aber von ihren Eltern so erzogen, wie deren Eltern es zuvor getan hatten. Von den Frauen wird erwartet, den gesellschaftlichen Normen zu folgen. Ihre Aufgabe liegt darin, sich um die Kinder und ältere Menschen zu kümmern. Die Potentiale und Fähigkeiten von Frauen werden nicht gesehen oder klein geredet. Der Gedanke, dass wir Frauen nie gut genug sein werden, um mit Männern zu konkurrieren, verunsichert uns. Mein Leben hat sich erst verbessert, nachdem ich in Dänemark und England meinen Master im Fach Finanzjournalismus abgeschlossen hatte. Ich begann danach als Reporterin bei der Zeitung The Phnom Penh Post zu arbeiten.

Trotz einiger Verbesserungen, sind Männer und Frauen in der Arbeitswelt nicht gleichgestellt. Frauen sind ständig mit Diskriminierung und fehlender sozialer Absicherung konfrontiert. Kambodscha steht vor der Aufgabe, mehr Jobs zu schaffen, prekäre Beschäftigung zu reduzieren und dafür zu sorgen, dass Arbeit unter menschenwürdigen Bedingungen stattfindet. Es braucht Gesetze, die Arbeitsbedingungen und die soziale Absicherung verbessern, damit ein Arbeitsmarkt entstehen kann, in dem Männer und Frauen gleichermaßen gefördert und bezahlt werden.

80 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre

Seit 2018 arbeite ich mit kambodschanischen Schüler*innen im Rahmen des Gemeinschaftstheaters und Multimediaprojekts I am a Daughter, einer Initiative des Kulturzentrum Meta House) in Phnom Penh und seinem Dachverband, der Kambodschanisch-Deutschen Kulturvereinigung (KDKG). In den letzten sechs Jahren hat das Meta House insgesamt drei verschiedene Schultheaterprojekte, in Zusammenarbeit mit lokalen Bühnenautor*innen und der NGO für darstellende Künste, Khmer Art Action, durchgeführt.

Landesweit haben bisher über 80.000 kambodschanische Gymnasiast*innen an den Theateraufführungen teilgenommen. In kambodschanischer Sprache behandeln die Stücke Themen wie den laufenden Versöhnungsprozess nach dem Völkermord, den Alkoholismus unter Minderjährigen und die Stärkung der Rolle von Mädchen. Entscheidend für den Erfolg des Projektes ist die Unterstützung des kambodschanischen Ministeriums für Bildung und Sport, welches die Aktivitäten von NGOs in Schulen und Universitäten sehr genau beobachtet. In westlichen Ländern gehört Schultheater zum Standard. Dagegen ist dieses Projekt für Kambodscha ein Novum, denn neben dem Schulunterricht gibt es normalerweise so gut wie keine Aktivitäten um die Schüler*innen zu fördern.

„Über 80 Prozent der Bevölkerung Kambodschas sind jünger als 30 Jahre alt. Deshalb müssen wir uns auf die Erziehung der jungen Generation konzentrieren, um die Entwicklung des Landes voranzutreiben. Das Theater schafft einen sicheren Raum für Schüler*innen und Studierende. Sie können dort offen über drängende soziale Fragen diskutieren. Das Ergebnis sind bessere kognitive Fähigkeiten und ein höheres Maß an Selbstvertrauen. Kinder und junge Erwachsene lernen, ihre eigenen Probleme auf unterhaltsame Weise zu lösen“, erklärt die Programmmanagerin und Filmemacherin des Meta House, Sao Sopheak, selbst Mutter von zwei Kindern.

Männer müssen bei der Gleichstellung eine aktive Rolle einnehmen

Das Stück I am a Daughter schrieb Kim Dyna, eine ehemalige TV-Nachrichtenmoderatorin. Es zeigt Situationen, in denen Frauen versuchen die für sich besten Lösungen zu finden. Die Schauspieler*innen schlüpfen in dem Stück in verschiedene Rollen – die der Großmutter, Enkelin, Ehefrau und des Ehemannes, die manchmal die Geschlechterrollen tauschen. I am a Daughter zeigt den Weg einer Frau zur Universität und ihre Suche nach einem Partner, der sie unterstützt und bereit ist, auf die Heirat bis nach ihrem Abschluss zu warten.

„Unser männliches Publikum scheint sehr motiviert, die Frauenrechte im modernen Kambodscha zu unterstützen. Sie müssen jedoch auch eine aktivere Rolle bei der Verwirklichung der Gleichstellung spielen“, erzählt die Moderatorin des Theaterstückes, Vouchleng, über die Reaktionen bei den Aufführungen. Sie hat bislang über 100 Darbietungen in zehn kambodschanischen Provinzen moderiert.

Theaterstück thematisiert häusliche Gewalt und Frauenrechte

„Ein großer Teil der Geschichte stammt aus meiner eigenen Erfahrung“, sagt Kim Dyna. „Meine Familie wollte auch, dass ich einen reichen Mann heirate. Ich sagte `Nein`, als ich erfuhr, dass er nicht wollte, dass ich studiere oder arbeite.“ Dyna erklärt weiter: „Die Theaterstücke binden die Zuhörenden ein. So entstehen ein gemeinsames Wissen, eine gemeinsame Erfahrung und die Möglichkeit, Wahrnehmungen und Einstellungen zu verändern.“

Das Theaterstück porträtiert Figuren, die mit Themen wie Frauenrechten, Ablehnung aus der Familie und häuslicher Gewalt konfrontiert sind. Teile basieren auf Interviews, die Dyna mit Gymnasiastinnen aus Phnom Penh und dem ländlichen Raum Kambodschas geführt hat. „In der Stadt haben Frauen mehr Zugang zu Informationen“, sagt Dyna. „Sie sind sich ihrer Rechte bewusster und streben nach Gleichberechtigung. Frauen auf dem Land fehlt es oft an Bildung und sie haben nur begrenzten Zugang zum Internet oder zu sozialen Medien. Entscheidungen lassen sie oft ihre Familien für sich treffen.“, fasst sie ihre Erkenntnisse zusammen.

Zu jeder Aufführung gehören Frage-und-Antwort-Runden mit weiblichen Vorbildern. Die Frauen erzählen den jungen Schüler*innen aus ihrem Leben und davon, was sie erreicht haben. Auf der Webseite des Theaterprojekts werden Diskussionsrunden, Live-Streams, Workshops, Kunstausstellungen, Filmproduktionen und Blogeinträge online gestellt. Hier können sich junge Frauen über Unterstützungsmöglichkeiten informieren und werden ermutigt, ihre eigenen Wege zu gehen, finanziell unabhängig zu leben und sich eigenständig für einen Beruf zu entscheiden.

Kambodschanische Frauen verlassen sich nicht mehr auf die Ehe

I am a daughter lehrt die Bedeutung von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Junge Frauen sollten sich entfalten können, bevor sie eine Ehe eingehen und Kinder bekommen. Die alte Norm, nach der sich Frauen allein auf die Ehe verlassen sollen, ist überholt. Moderne kambodschanische Frauen folgen dem nicht mehr. Jene, die selbst bestimmte Frauen fürchten, fürchten sie aus eigener Unsicherheit. Sie verlachen dich und gehen davon aus, dass du scheitern wirst. Aber jene, die Freiheit zu schätzen wissen, werden dich ermutigen und unterstützen. Und sich vielleicht von dir inspirieren lassen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Die Jugend ist der Schlüssel“

Südostasien: Männlichkeitsideale im privaten wie auch im politischen Raum verändern sich und können zu einem Kulturwandel führen.

Männlichkeitsbilder sind in Südostasien so vielfältig, dynamisch und historisch vielschichtig wie die Region selbst. Wenn ich jedoch Menschen danach frage, was es bedeutet, ein Mann zu sein, sind die Antworten oft eindimensional und stereotypisch, wie es eben auch in anderen Regionen der Welt häufig der Fall ist.

Die Antworten – die manchmal mit Stolz und manchmal als Kritik vorgetragen werden – verknüpfen Männlichkeit mit einer Vorstellung von Stärke, Kontrolle, Handlungsfähigkeit, Respekt, und mit der Rolle des Ernährers der Familie. Diese scheinbar einfachen Antworten verschleiern jedoch die Komplexität, die inhärenten Widersprüche und Spannungen des „Mannseins“ in Südostasien, insbesondere in der heutigen Zeit, in der Geschlechterrollen mehr denn je zu einem politischen Thema geworden sind.

Maskulinität sollte, wie Geschlechterrollen im Allgemeinen, intersektional mit weiteren Faktoren wie Alter, sozioökonomischer Hintergrund, sexuelle Orientierung, Behinderung, Familienstand sowie ethnisch-religiösen Hintergründen betrachtet werden. Diese Wechselwirkungen führen zu Status- und Machtunterschieden zwischen Männern, wie auch zu unterschiedlichen Erwartungen was das Ausleben der Geschlechterrollen angeht. Männlichkeit wird meist mit dem Körper verbunden, der bei der Geburt als männlich eingestuft wird.

Männlichkeiten können aber auch von Menschen, die bei ihrer Geburt nicht als männlich eingestuft wurden, dargestellt, ausgelebt und verkörpert werden. Männlichkeiten können auch von Geistern oder Gottheiten ‚verkörpert‘ werden. Zudem können heilige und profane Objekte mit ‚männlicher Energie‘ aufgeladen oder als männlich angesehen werden. Auch Menschen, die als spirituelle Medien wirken, also rituell (Ahnen-) Geister oder Gottheiten verkörpern, zeichnen diverse Bilder von Männlichkeit. Menschen, die bei der Geburt als weiblich eingestuft wurden und sich nun als Tomboys identifizieren, erweitern das Spektrum von Männlichkeits-Bildern. Und auch Frauen, die in maskulinisierten Umgebungen wie dem Militär oder in Vorstandsetagen von Firmen arbeiten, verkörpern möglicherweise ‚männliche‘ Sozialisierungen. Denn Männlichkeiten – die Vorstellungen davon, was es beinhaltet, ‚ein Mann sein‘ – sind immer auch soziokulturelle und politische Konzepte.

Hegemoniale Männlichkeit und Populismus

In Südostasien sind die Einflüsse vormoderner und vorkolonialer Dorf- und Familienstrukturen, je nach Kontext gepaart mit Einflüssen des Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus, Islam oder Christentums, in den alltäglichen Geschlechterrollen weiterhin deutlich sichtbar. Soziale Hierarchien und der damit verbundene Respekt sind nach wie vor stark ausgeprägt, ebenso wie familiäre, gemeinschaftliche und gesellschaftliche Verpflichtungen. Geschlechterrollen sind eng mit Erwartungen verknüpft, wie man mit Geschwistern und Eltern, Großeltern und Vorfahren, Tanten und Onkeln, Lehrenden und Vorgesetzten, der unmittelbaren Nachbarschaft, aber auch mit der Sangha [buddhistische Gemeinschaft], Ummah [muslimische Gemeinschaft] oder christlichen Gemeinschaften umgehen soll. Selbst jene Männer, die in der Peripherie südostasiatischer Gesellschaften – sei es in Bikerclubs, Straßengangs, oder in der Punkrock-Szene – sichtbar gegenhegemoniale, subkulturelle Männlichkeiten praktizieren, behalten meiner Erfahrung nach oft viele dieser Verpflichtungen und die damit verbundene Ehrerbietung und weitere Verhaltensweisen bei.

Obwohl es in Südostasien auch einige matriarchalische Kulturen gibt, sind die Gesellschaften in der Region größtenteils hierarchisch patriarchal und gerontokratisch ausgeprägt. Besonders sichtbar ist dies in der Politik, wo trotz der zunehmenden Rolle der Frauen im öffentlichen Leben ältere Männer in Führungspositionen nach wie vor die Norm sind. Zwar gab und gibt es in der Region eine bemerkenswerte Anzahl weiblicher Staats- und Regierungschefs, doch handelt es sich dabei meist um Ehefrauen, Schwestern oder Töchter bedeutender Männer. Umfragen in der gesamten Region spiegeln die nach wie vor verbreitete Überzeugung wider, dass Männer die besseren Führungspersönlichkeiten seien. Politik wird oft als ‚schmutziges Spiel‘ angesehen, in dem man ,Manns genug‘ sein muss, um sich in schummrigen Hinterzimmern durchzusetzen, in denen politische und wirtschaftliche Deals abgeschlossen werden. Dieses Politikverständnis hat in der südostasiatischen Politik zum Aufstieg – oder in manchen Fällen zu einer Renaissance – des ‚starken Mannes‘ geführt, der oft explizit Machismo, das Versprechen einer militarisierten ‚eisernen Faust‘ und populistische Politik vermischt. Doch trotz der Attraktivität dieser Politik, gibt es auch Widerstand, wie Rodrigo Duterte auf den Philippinen und Prabowo Subianto in Indonesien gerade feststellen müssen.

Mehr Einflüsse und veränderte Lebensbedingungen

Auf Familienebene ist das ‚Ideal‘ des Patriarchen als Haupternährer und Entscheidungsträger nach wie vor stark ausgeprägt, auch wenn es bei weitem nicht mehr das einzige Modell ist. Die Verbreitung des Internets und weiterer Technologien hat in den letzten Jahrzehnten die Vorstellungen von Geschlechterrollen stark pluralisiert: von Queer Studies und Feminismus über Salafismus und Neoliberalismus bis hin zu K-Pop und Superheld:innenfilmen.

Gleichzeitig haben sich die strukturellen Lebensbedingungen in Südostasien dramatisch verändert. Dazu gehören die schnelle Urbanisierung, ein verbesserter Zugang zu Bildung (insbesondere für Frauen) und der Aufstieg von Hunderten Millionen Menschen Südostasiens aus der Armut, auch wenn weiterhin enorme Unterschiede bestehen. Eine weitere, weniger sichtbare Entwicklung ist die ‚Vergreisung‘ vieler Gesellschaften in der Region. Diese stellt die traditionellen Geschlechterrollen älterer Menschen in Frage, da es immer weniger jüngere Menschen gibt, welche sie pflegen könnten.

Diese Dynamiken haben widersprüchliche Auswirkungen auf Männlichkeitsvorstellungen. Während einige Männer geschlechtergerechtere Männlichkeiten ausleben, halten andere an noch rigideren Patriarchatsvorstellungen fest, oft durchmischt mit einer fundamentalistischeren Auslegung der jeweiligen Religion. In Südostasien ist jedoch noch kein ähnlich aggressiv frauenfeindlicher politischer Maskulinismus wie in vielen westlichen Gesellschaften und beispielsweise in Südkorea, entstanden. Da diese Radikalisierung jedoch größtenteils online stattfindet, ist dies möglicherweise nur eine Frage der Zeit.

Entzerren von Männlichkeitsmodellen

Wie einige Beiträge dieser Ausgabe der südostasien zeigen, gibt es in der Region positive Veränderungen der Männlichkeit. Einige Einflüsse der Populärkultur betonen weniger dominante Männlichkeiten. Wir lernen soziale Bewegungen in zahlreichen Ländern kennen, die aktiv Praktiken und Vorstellungen von männlichem Anspruchsdenken oder gar männlicher Überlegenheit, von Patriarchat und Heteronormativität, hinterfragen. Die sich verändernden sozioökonomischen Kontexte, in denen sich Männer befinden, wie etwa die zunehmende Bildung und Erwerbsbeteiligung von Frauen, die gestiegene Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt und auch der von #MeToo inspirierte Widerstand gegen männliches Anspruchsdenken, führen zu einem Umdenken darüber, was es im heutigen Südostasien bedeutet, ein Mann zu sein.

Südostasiatische Aktivist:innen drängen auf ein Umdenken in Bezug auf Männlichkeit, um auch die problematische Beziehung zwischen Männlichkeit und Gewalt zu thematisieren. In Südostasien wie anderswo sind Männer die Haupttäter von Gewalt, sei es im öffentlichen oder im privaten Bereich, online oder offline. Zu den Ursachen dieser Gewalt zählen die problematische Verknüpfung von Männlichkeit mit Stärke und Kontrolle, männlichem Anspruchsdenken und Privilegien sowie die gesellschaftliche Akzeptanz von Gewalt zur Aufrechterhaltung ungleicher Beziehungen, insbesondere zwischen den Geschlechtern.

Besonders in südostasiatischen Gesellschaften ist diese Beziehung zwischen Männlichkeit und Gewalt jedoch nicht ganz selbstverständlich. Zum Männlichkeitsideal gehört nämlich auch oft die Kontrolle von Emotionen, das Ego nicht zur Schau zu stellen und stattdessen Selbstbeherrschung sowie Mitgefühl mit Bedürftigen zu üben. Dieses schließt jedoch den starken Glauben an die Überlegenheit des Männlichen gegenüber dem Weiblichen nicht unbedingt aus. Und doch können kulturelle Werte zu einer Transformation von Maskulinität führen, die ein respektvolles Miteinander zwischen allen Geschlechtern fördert sowie zu Gleichberechtigung und Gewaltlosigkeit führen.

Diese Ausgabe der südostasien betrachtet die große Bandbreite an Maskulinität und der damit verbundenen Bedeutungen in der Region. Jenseits der oft politisch mobilisierten stereotypen Vorstellungen von männlicher Stärke und vermeintlichen Führungsqualitäten zeigen die Artikel auch andere Wege auf, was es bedeutet, in Südostasien ‚ein Mann zu sein‘.

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Die Jugend ist der Schlüssel“

Myanmar/Thailand: Aktivist:innen im Exil reflektieren über die veränderte Bedeutung von Männlichkeit inmitten der andauernden Frühlingsrevolution.

„In meiner Gemeinschaft wird von Männern erwartet, dass sie Führungsrollen übernehmen. Es scheint, als hätten sie mehr Möglichkeiten und Privilegien, aber gleichzeitig wird ihnen auch beigebracht, dass sie bereit sein müssen, sich für ihre Familie zu opfern“, erklärt Nyein, eine ehemalige Lehrerin aus der Region Sagaing, als sie zu traditionellen Geschlechterrollen befragt wird. Stärke, Führungsqualitäten, Macht, das Oberhaupt der Familie und Ernährer zu sein: Diese Eigenschaften werden in Myanmar gemeinhin als männlich angesehen.

Viele davon sind im Konzept von bhone verwurzelt, dass Männern aufgrund ihrer Geburt mit dem männlichen Geschlecht eine höhere Macht und einen höheren Status zuschreibt: „Diese Denkweise wurde über Generationen hinweg weitergegeben und verstärkt. Uns wurde beigebracht, dass Männer irgendwie näher an Gott sind – dass Führung und Macht ihnen zustehen. Frauen und andere wurden nie als gleichberechtigt angesehen oder mit derselben Autorität ausgestattet“, erklärt Nicolas Thant, ein:e nicht-binärer Kunstaktivist:in.

Im Exil an der thailändischen Grenze haben sich einige dieser Rollen aufgrund der prekären Situation verändert. Nan Hseng (Name aus Sicherheitsgründen geändert), die für eine lokale NGO in Mae Sot arbeitet, erklärt, dass sie nun die Hauptverdienerin ist: „Als Frau aus Myanmar zögerte ich immer noch, mich als Ernährerin zu bezeichnen. Für Männer kann es sehr schwer sein, zu akzeptieren, dass sie nicht die Versorger sind. Das gibt ihnen das Gefühl, ‚klein‘ zu sein. Auch wenn mein Mann es nie direkt gesagt hat, zeigten seine Handlungen und seine Art zu sprechen, dass es ihm unangenehm ist. Also versuche ich, es vor anderen geheim zu halten.“

Frauen scheinen in Mae Sot leichter Arbeit zu finden als Männer, beispielsweise im Dienstleistungsbereich, im Bildungswesen oder in Fabriken. Einige Männer übernehmen die Hausarbeit und Care Arbeit, die traditionell – und für viele vor ihrem Exil ausschließlich – von ihren Frauen, Freundinnen oder Töchtern erledigt wurden.

Auswirkungen auf Männer

Für manche Männer ist der Verlust von Einkommen und Status eine Herausforderung, da dies ihren Vorstellungen von Männlichkeit und ihrem Selbstwertgefühl widerspricht. Pandora, eine Aktivistin und ehemalige Kämpferin der bewaffneten Opposition berichtet, dass sie die psychologischen und schädlichen Auswirkungen, die dies haben kann, miterlebt hat: „Manchmal werden Männer depressiv, wenn sie arbeitslos sind. In Myanmar war ihr Leben stabiler, als sie noch einen guten Job hatten. Aber in Mae Sot hat sich ihr Leben verändert. Sie haben Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu kontrollieren, weil die Gesellschaft von ihnen erwartet, dass sie ihre Familie finanziell unterstützen.“

Im Gegensatz dazu haben einige Männer emotionale Offenheit und Ausdrucksfähigkeit angenommen und teilen ihre Ängste und Sorgen offener als vor der Revolution. Einige Männer fühlen sich wohler dabei, vor anderen zu weinen, was Pandora auf die Veränderungen der Geschlechterrollen und Erwartungen zurückführt, die durch die Revolution entstanden sind.

Progressive Online-Räume vs. Realitäten vor Ort

Die Meinungen darüber, ob die Revolution die Vorstellungen von Geschlechterrollen und Männlichkeit verändert hat, scheinen geteilt zu sein. Für einige gibt es deutliche Fortschritte in Richtung mehr Geschlechtergleichheit. Feministische Ideen werden vor allem in Online-Räumen geteilt und diskutiert, was von vielen eindeutig als positive Entwicklung angesehen wird. Pandora formuliert es so: „Während dieser Revolution hatte ich die Gelegenheit, mehr über Geschlechtergerechtigkeit zu lernen. Ich kam mit verschiedenen Gruppen in Kontakt, darunter LGBTIQ+- und nicht-binäre Personen. Ich habe gelernt, viel mehr zu verstehen und zu akzeptieren als vor dem Putsch.“

Viele Nichtregierungsorganisationen und feministische Gruppen setzen für Bildungs- und Advocacy-Arbeit auf Online-Diskussionen und -Seminare. Die Frage ist jedoch, wie wirkungsvoll diese Ansätze sind, wenn viele Menschen keinen einfachen Zugang zum Internet haben. Han Htet, ein 27-jährige, aus Yangon stammender Aktivist, erklärt: „In Sagaing und anderen Konfliktgebieten können die Menschen nicht lange online bleiben. Sie haben keinen Zugang zu aktuellen Nachrichten und konzentrieren sich darauf, einfach nur den Alltag zu überstehen.“ Er sieht die Progressivität der Online-Debatten als unzureichend an, da sie keinen Bezug zu den Entwicklungen vor Ort haben: „Die meisten jungen Menschen, mit denen ich an vorderster Front gegen die Junta kämpfe, stehen ‚auf der anderen Seite‘, würde ich sagen. Es ist nicht so, dass sie nicht bereit wären, ihre Sichtweise zu ändern – sie haben nur das Gefühl, dass solche Diskussionen in der Realität nicht dazu beitragen, die Junta zu schwächen.“

Wie viele Debatten und tatsächliche Veränderungen Menschen mitmachen können und wollen, kann auch durch schwierige Lebenssituationen und Existenzprobleme eingeschränkt sein. Ko Htet, Aktivist und Mitbegründer der lokalen Organisation Mae Sot Eain, meint, dass Online-Diskussionen oft nicht zu mehr Verständnis für Gender-Themen führen, sondern Spaltungen und Konflikte schüren können: „Heute sind die Menschen wegen des politischen Drucks und der täglichen Probleme erschöpft und finden es schwierig, sich intensiv mit wichtigen Themen auseinanderzusetzen. Wenn ein neues Thema aufkommt, nehmen sich nur wenige die Zeit, sich die unterschiedlichen Perspektiven beider Seiten anzuhören. Stattdessen neigen die Menschen dazu, schnell und emotional zu reagieren, oft mit Wut. Die meisten Debatten enden online auf halbem Wege und lösen nur eine weitere Runde von Online-Konflikten aus. Der Kreislauf setzt sich ohne Lösung fort.“

Militarisierte Männlichkeit auf dem Vormarsch

Krieg und bewaffnete Konflikte haben dazu geführt, dass Männlichkeit zunehmend militarisiert wird. Nan Hseng erklärte: „Seit dem Putsch hat sich das Mannsein in Myanmar komplett verändert – vom Ernährer der Familie zum Soldaten oder Helden im Kampf für die Revolution.“

In Myanmar ist dies nichts Neues. Viele wichtige historische Persönlichkeiten waren Männer, weshalb das Militär sie oft als Helden darstellte. Militarisierte Männlichkeit erhält darüber hinaus unterdrückende Strukturen und Verhaltensweisen aufrecht. „In den vom Konflikt betroffenen Gebieten kann man wirklich sehen, wie tief diese Ideen verwurzelt sind. Viele Menschen tragen Waffen. Eine Waffe zu besitzen gibt ihnen Macht“, veranschaulicht Pandora.

Han Htet räumt ein, dass Eigenschaften wie Mut, Durchsetzungskraft und Beschützerinstinkt notwendig seien, um gegen die Junta zu kämpfen. Er sieht aber auch die negativen Auswirkungen einer militarisierten Männlichkeit auf Zivilisten und lokale Einheiten der People Defence Forces (PDF): „Vor allem in Sagaing führen die PDF ähnliche Aktionen durch wie das Militär, darunter auch die Tötung von Zivilisten. Solche Eigenschaften mögen zwar für den Kampf gegen den Feind nützlich sein, in anderen Kontexten sind sie jedoch nicht gut, insbesondere für Menschen, die nicht in den Krieg verwickelt sind.“

Geschlechtergerechtigkeit als Säule der Demokratie?

Im Positionspapier zur Geschlechtergleichstellung des National Unity Consultative Council (NUCC), dem politischen Beratungsgremium der Regierung der Nationalen Einheit (NUG), wird die Geschlechtergleichstellung als integraler Bestandteil der Menschenrechte und als eines der Grundelemente der Demokratie bezeichnet. Dies scheint widerzuspiegeln, dass für viele Menschen ein Aspekt der aktuellen Revolution der Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen ist. Nicholas Thant erklärt: „Die Revolution richtet sich nicht nur gegen die Diktatur. Es ist auch eine Revolution der Ideologie. Wir kämpfen gegen tief verwurzelte Systeme (toxischer) Männlichkeit, Patriarchat und veraltete Denkweisen. Diese Strukturen dominieren die Gesellschaft seit so langer Zeit, und diese Revolution zielt darauf ab, alle in ihre Veränderung einzubeziehen.“

Ko Htet erklärt: „Die Herausforderung besteht darin, dass die Menschen zwar versuchen, Geschlechtergerechtigkeit zu akzeptieren und zu fördern, […] viele aber aufgrund des sozialen Drucks nur so tun, als würden sie sie verstehen. In Wirklichkeit widersprechen ihre Handlungen oft den Grundsätzen der Gleichstellung der Geschlechter.“ Diese Ansichten kamen häufig in kritischen Online-Debatten zum Ausdruck, in denen feministische Ideen von Menschen diskreditiert wurden.

Einige fragen sich, ob dies ein einheitliches Verständnis von Geschlechtergleichstellung ist: „Es ist jetzt widersprüchlich – es scheint, als würden sogar Menschen aus den revolutionären Gruppen die alten Machtstrukturen verteidigen, die ihnen einst zugutekamen“, sagte Nyein. Han Htet bestätigt diese Beobachtung: „Es gibt Männer in der Demokratiebewegung, die fast allergisch auf Geschlechtergleichstellung reagieren.“

Ausblick – Männlichkeiten in Myanmar

Die Perspektiven auf Männlichkeit in Myanmar befinden sich eindeutig im Wandel. Neue Ideen setzen sich durch, während alte Ideen mit neuer Bedeutung gefüllt werden. Positiv ist, dass die Gleichstellung der Geschlechter weiterhin ein Thema ist, allerdings nehmen auch gegensätzliche Meinungen zu. Darüber hinaus lassen die Schwierigkeiten, mit denen die Menschen in Konfliktgebieten und im Exil zu kämpfen haben, wenig Raum, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Nan Hseng ist dennoch optimistisch: „Ich glaube nicht, dass dieser Wandel aufhören wird. Selbst in nur wenigen Jahren hat es in Myanmar bereits viele positive Veränderungen gegeben. Und wenn wir jemals die Chance bekommen, zurückzukehren – auch wenn es lange dauern sollte –, glaube ich, dass wir weitere Fortschritte sehen werden.“

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Die Jugend ist der Schlüssel“

Thailand: Der Roman „Behind the Painting“ erschien erstmals 1937. Er zeichnet ein vielschichtiges Bild von Männlichkeit, das bis heute aktuell ist.

Bei Penguin Modern Classics erscheinen für gewöhnlich Werke, die zum literarischen Kanon gehören – oder auf dem Weg dorthin sind. Mit dem Roman „Behind the Painting“ fand 2024 ein thailändisches Werk Eingang in diese Reihe. Im Original heißt der Roman „Khang Lang Phap“ („Hinter dem Bild“) und erschien erstmals 1937. Er entfaltet ein vielschichtiges Bild von Männlichkeit und Herkunft innerhalb der thailändischen Gesellschaft der damaligen Zeit – Themen, deren Nachhall bis in unsere Gegenwart reicht und neue Resonanzräume eröffnet.

Standesgemäße Verlobung und ’skandalöse‘ Beziehung

Der schüchterne und zurückhaltende Napporn zieht für sein Studium nach Japan, um die dortigen Bildungschancen zu nutzen und eine Karriere als Banker zu verfolgen. Sein Leben erscheint auf mehreren Ebenen vorgeplant: Der Vater drängt den Sohn, noch vor der Reise nach Japan eine aus seiner Sicht geeignete und standesgemäße Verlobung einzugehen und nach Abschluss seines Studiums unverzüglich nach Thailand zurückzukehren.

Auf Wunsch seines Vaters betreut Napporn während seiner Zeit in Japan den aristokratischen Khunying Atthikanbodi und seine Ehefrau Mom Ratchawong Kirati, ein mit seiner Familie befreundetes thailändisches Ehepaar. Die Ehe der beiden ist nicht von Liebe geprägt, sondern aus Zweckmäßigkeit entstanden. Denn Mom war im Alter von 34 Jahren noch nicht verheiratet – ein Umstand, der im gesellschaftlichen Kontext der damaligen Zeit als skandalös galt.

Napporn fühlt sich sofort zu der eleganten und charmanten Mom hingezogen. Während ihr Ehemann sich in thailändisch-japanischen Aristokratenkreisen bewegt, entwickelt sich zwischen den beiden eine intime Beziehung. Trotz des Standes- und Altersunterschiedes sucht Napporn immer wieder Moms Gegenwart. Seine jugendliche Naivität und seine wachsenden Gefühle bringen die fragile Beziehung zunehmend ins Wanken.

Literatur und Widerstand

Autor Kulap Saipradit (1905-1974), besser bekannt unter dem Namen Siburapha, war ein bekannter Zeitungsredakteur und Schriftsteller. Als Journalist arbeitete er unter anderem für die Zeitungen Thai Mai, Si Krung und The Nation. Seine sozialkritische und humanistische Haltung war dem autokratischen Regime von Ministerpräsident Plaek Phibun Songkhram ein ständiger Dorn im Auge, weshalb er mehrfach längere Gefängnisstrafen absitzen musste. Während Siburapha 1958 an einer afro-asiatischen Schriftstellerkonferenz in China teilnahm, putschte das Militär in Thailand. Siburapha blieb in China, wo er thailändische Literatur an der Peking University lehrte und 1974 im Exil starb. Der Roman „Behind the Painting“ gehört zu seinen berühmtesten Werken und wurde mehrfach verfilmt. Noch heute ist er Pflichtlektüre an thailändischen Schulen und zählt zu den modernen Klassikern in Thailand.

Mehr als ein Liebesroman

Was sich auf den ersten Blick als klassische Liebesgeschichte zeigt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als weit mehr. Vielmehr sind der innere Konflikt Napporns und seine glühende Sehnsucht die zentralen Themen. Der junge Mann steht im Konflikt mit den familiären und gesellschaftlichen Erwartungen, die ein traditionell-patriarchales Rollenverständnis von Männlichkeit prägen. Napporn hinterfragt immer wieder die gesellschaftlichen Konventionen, die für ihn als jungen Mann gelten, wie etwa die Erwartung, eine arrangierte Ehe einzugehen oder sein Leben vollkommen der Arbeit zu verschreiben. Doch dieser Widerstand hält nicht langfristig an: Napporn scheint zu resignieren. Bei einem Wiedersehen nach längerer Zeit erklärt er auf Moms Frage nach seinen Idealen für die Ehe, dass er nur Ideale für die Arbeit habe und eine Liebesheirat zu kompliziert sei, da sie nur Probleme verursache.

Zwar haben sich die Vorstellungen von Männlichkeit im Laufe der Jahrzehnte teilweise verändert, doch das enge Zusammenspiel von sozialer Herkunft und männlicher Selbstdefinition wirkt bis in die Gegenwart fort. Die sozialkritische Dimension des Romans entfaltet sich vor allem in Siburaphas Darstellung starrer Standes- und Klassenzwänge und der damit verbundenen Erwartungen an Napporn und Mom Kirati, die deren Freiheit und Selbstbestimmung einschränken. Für beide bedeutet dies konkret, ihre Gefühle zu verdrängen und eine förmliche Distanz zu wahren:

„You and I will soon have to part, and each of us will have to mix in society, which is strict on matters of reason and morality.“

Mom muss ihre Rolle als loyale Ehefrau Chao Khans erfüllen und ihren häuslichen Pflichten nachgehen, während Napporn sich ganz seinen Studien und Zukunftsambitionen widmen muss, um ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen persönlichen Gefühlen und gesellschaftlichen Erwartungen, das ihre Beziehung und individuelle Entwicklung prägt.

Lost in Translation?

Der Roman lebt von einer poetischen Sprache, in der man sich als Leser:in mühelos verlieren kann:

„Can’t you see how lovely the fresh green colour of the leaves is in the pale sunlight? They’re like velvet. And all those young chocolate-coloured aubergines. Don’t they make you feel like they’re friends, of your own age? And beyond those, don’t the tall vegetables with slender leaves blowing in the gentle breeze make your spirits soar with them?“

Insbesondere Napporns innere Monologe und die Darstellung seiner leidenschaftlichen Gefühle beeindrucken durch ihre Intensität und verleihen dem Roman Eindrücklichkeit und eine tragische Erzählkraft. David Symths Übersetzung tut dieser poetischen Sprachlichkeit keinen Abbruch. Im Gegenteil: Sie öffnet die Tür für ein breiteres Publikum, das nun Zugang zu jener sprachlichen Feinsinnigkeit erhält, die den Roman und ebenso thailändische Literatur auszeichnet.

Auch wenn im Roman inhaltlich wenig geschieht, eröffnet er einen faszinierenden Einblick in das Thailand jener Zeit und in das kontrastreiche Spannungsfeld von Männlichkeit. Ein kurzer aber zugleich intensiver Lesegenuss, der vor allem von der Schönheit seiner Sprache und der subtilen Kraft seiner Poetik lebt.

Rezension zu: Siburapha. Behind the Painting. Aus dem Thailändischen von David Symth. Penguin Classics. 119 Seiten. 2024

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Die Jugend ist der Schlüssel“

Myanmar/Thailand: Members of the exiled activist community in Thailand reflect on how the Spring Revolution has changed the meaning of masculinity.

“In my community, men are expected to be leaders. It seems like they have more opportunities and privileges, but at the same time, they’re also taught to be ready to sacrifice themselves for their family.” explains Nyein, a former teacher from the Sagaing Region when asked about traditional gender norms. Strong leader, powerholder, head of the household and the breadwinner: these are the most common markers of traditional masculinity in Myanmar.

Many of these are rooted in the concept of bhone, that ascribes higher power and status to men just by virtue of being born male: “When it comes to decision-making and leadership roles, those were always seen as positions meant only for men. This kind of mindset has been passed down and reinforced through generations. We were taught that men are somehow closer to God – that leadership and power belong to them. Women and others were never seen as having that same connection or authority.” explains Nicolas Thant, a non-binary art activist.

Challenges to traditional beliefs

Being in exile at the Thai border, some of these roles have changed due to the precarious situation people often find themselves in. Nan Hseng (name changed for security) who works for a local NGO in Mae Sot explains how she is now the main income earner: “As a woman from Myanmar, I still felt hesitant to call myself the breadwinner. It’s deeply rooted in our beliefs. It can be very difficult for men to accept that they’re not the ones providing for the family. It makes the men feel small. Even though my husband never said it outright, his actions and the way he spoke showed that he wasn’t comfortable. So I tried not to let others know.”

Women seem to be able to find jobs easier than men, doing service jobs, cleaning, teaching or factory work in Mae Sot. Some men step in and take over the household chores and care work which traditionally – and for many before going into exile exclusively – was done by their wives, girlfriends or daughters.

The impacts on men

For some men, the loss of income and status is challenging, as it goes against deeply held beliefs about masculinity and their sense of self-worth. Pandora, an activist and former PDF (People’s Defence Force, armed opposition to the military) fighter shared that she has witnessed the psychological and harmful effects this can have: “Sometimes, men become depressed when they are unemployed. In Myanmar, when they had a good job, life was more stable. But in Mae Sot, their lives have changed. They struggle to control their emotions when jobless, because society expects them to support their family financially, and take on leadership roles.”

In contrast, some men have embraced emotional openness and expression and are sharing their fears and worries more openly than before the revolution. They are more comfortable with crying in front of others, something that Pandora attributes to the changes of gender roles and expectations coming from the revolution.

Progressive online spaces vs realities on the ground

Views on whether the revolution has changed ideas about gender roles and masculinity seem divided. For some, there is a clear progress towards more gender equality. Feminist ideas are being shared and debated especially in online spaces, which is clearly regarded by many as a positive development. Pandora is one of them: “During this revolution, I had the opportunity to learn more about gender justice. I got to interact with different communities, including LGBTIQ+ and non-binary individuals, and I could speak with them directly. I learned to understand and accept much more than I did before the coup.”

Many non-governmental organizations and feminist groups rely on online discussions and seminars for education and advocacy. The question is, however, how impactful are these approaches when many people can’t access the internet easily. As Han Htet explains: “In Sagaing and other conflict-affected areas, people can’t stay online for long. They don’t have access to updated news and are focused on day-to-day survival. Even if they do get online, I’m not sure the discussions on Facebook ever reach them.” He sees the progressiveness of online debates lacking the connection to developments on the ground: “Most of the young people I work with on the frontlines, fighting the junta, are on the other side, I’d say. It’s not that they’re unwilling to change their perspectives – they just feel that those kinds of discussions don’t actually help weaken the junta in real life.”

How many debates and actual change people are able and willing to contribute to, might also be limited by the challenging life situation they are experiencing. Ko Htet, activist and founder of the local organisation Mae Sot Eain, reflects that online discussions often don’t lead to more understanding of gender issues but can fuel division and conflict: “Today, because of political pressure and daily struggles, people are exhausted and find it difficult to engage deeply with important issues or topics. When a new issue arises, few take the time to listen to different perspectives from both sides. Instead, people tend to respond quickly and emotionally, often with anger. As a result, discussions rarely lead to real solutions. Most debates end halfway through online, only to spark another round of online conflict. The cycle continues without resolution.”

Militarized masculinities on the rise

In online and offline spaces, war and armed conflict have increased the equation of masculinity with the military. Nan Hseng explained: “Being a man in Myanmar has completely changed since the coup. The role has shifted – from being the breadwinner to becoming a soldier or a hero in the fight for the revolution. “

This is nothing new in Myanmar`s militarized past. Many important historical figures have been men, which was why the military often portrayed them as heroes. Militarized masculinities furthermore sustain oppressive structures and behaviour. “In areas affected by the conflict, you can really see how deeply these ideas are rooted. Many people carry guns, and having a gun gives them power” Pandora illustrates.

Han Htet acknowledges that attributes like bravery, assertiveness, and protectiveness are necessary to fight the junta, but he also sees the negative effects of militarized masculinity on civilians and local PDFs: “Especially in Sagaing the PDFs are engaging in activities similar to what the military does, including killing civilians. These actions are harmful. So, while such traits may be useful for fighting the enemy, they are not good in other contexts, especially for people who are not involved in the war.”

Gender equality as a pillar of democracy?

In the Gender Equality Position Paper of the National Unity Consultative Council (NUCC), the political consultative body of the National Unity Government, gender equality is said to be an integral part of human rights and one of the basic elements of democracy. This seems to reflect how for many people one aspect of the current revolution is the fight against gender oppression. Nicholas Thant explains: “The revolution is not only against the dictatorship. It’s also a revolution of ideology. We are fighting to challenge deeply rooted systems of (toxic) masculinity, patriarchy, and outdated ways of thinking. These structures have dominated society for so long, and this revolution seeks to include everyone in changing them.”

Ko Htet explained that “the challenge is that while people try to accept and promote gender equality, […] many only pretend to understand it due to social pressure. In reality, their actions often go against the principles of gender equality.” These views surface frequently during critical online debates in which feminist ideas are being discredited.

Some question whether this is a unified understanding about gender equality: “It’s contradictory now – it seems like even people from the revolutionary groups are defending the old power structures that once favored them.”, said Nyein. Han Htet confirms this view: “There are also some men in the pro-democracy movement who seem almost allergic to gender equality.”

Outlook – Myanmar masculinities

Myanmar masculinities are clearly in transition. New ideas take hold, while old ones are being filled with more meaning. On the positive side, gender equality remains a topic of discussion, opposing views however are also on the rise. Moreover, the hardship people are experiencing through life in conflict zones and exile, don’t leave much space for engagement with these topics. Nan Hseng is nevertheless optimistic: “I don’t think this change will stop. Even in just a few years, there have already been many positive changes in Myanmar. And if we ever get the chance to go back – even if it takes a long time – I believe we’ll see more progress.”

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Die Jugend ist der Schlüssel“

Kambodscha/Laos/USA: Vorkoloniale Geschlechterrollen waren fließender als spätere christliche Prägungen. Marginalisierung ist vielschichtig.

Geprägt von Religion, kolonialen Eingriffen, sozialistischen Transformationsprozessen und aktuellen globalen Strömungen durchlaufen Konzepte von „Mannsein“ stetige Anpassungen. Drei Perspektiven – historische Grundlagen, diasporische Krisenerfahrungen und queere Identitäten – zeigen die Entwicklung dieser Ideale.

Momentaufnahme 1: Prekoloniale und koloniale Einflüsse

Vorkolonial orientierten sich Männlichkeitsnormen an Theravāda-Buddhismus, Hinduismus, Islam und lokalen spirituellen Praktiken. Ein zentrales Ideal war die zeitweilige Ordination als Novize, verstanden als moralische Disziplinierung. Werte wie Selbstbeherrschung, Mitgefühl und Verantwortung galten als Kern männlicher Tugend. Das Chbab Proh und Chbab Srey kodifizierten geschlechtsspezifisches Verhalten: Beide Traditionen betonten jedoch stärker weibliche Pflichten als männliche.

Die stärksten religiösen Prägungen auf Männlichkeitsbilder hatte der Hinduismus in Kambodscha: Könige und Krieger wurden als Manifestationen göttlicher Ordnung dargestellt, was Vorstellungen von männlicher Stärke und heroischem Pflichtbewusstsein formte. In Laos waren diese Einflüsse schwächer und eher buddhistisch gefiltert. Gemeinsam war beiden Ländern die Erwartung, dass Männer als Haushaltsvorstände Ahnenlinien und spirituelle Verantwortung aufrechterhalten. Unter Eliten gehörten Bildung, Poesie, Musik und Kampffertigkeiten ebenfalls zu männlichen Idealen. Bei den Cham-Muslimen prägten islamische Normen religiöse Autorität und familiäre Führungsrollen.

Darstellungen und Texte aus der Angkor-Zeit zeugen von einer früheren Offenheit gegenüber Sexualität, Lust und nicht-monogamen Beziehungen. Die französische Kolonialherrschaft hingegen führte christliche Moralvorstellungen und westliche Heteronormativität ein. Sie delegitimierte die zuvor existierende Flexibilität in Geschlechterrollen und Sexualität.

Mit dem Machtantritt der Roten Khmer in Kambodscha und des Pathet Lao 1975 wurden traditionelle Geschlechterrollen massiv destabilisiert. Familie und häusliche Autorität verloren an Bedeutung, staatliche Loyalität ersetzte die männliche Funktion als Beschützer und Versorger. Diese sozialistischen Eingriffe zerstörten langfristig gewachsene Strukturen und bereiteten den Boden für spätere Identitätskrisen.

 

Momentaufnahme 2: Männlichkeiten in der US-Diaspora

Welten und Jahrzehnte später, weit entfernt von der Heimat, sind Fragen der Männlichkeit für Kambodschaner und Laoten sowie deren Nachkommen in den USA zu einem zentralen Thema geworden.

Unter kambodschanisch-laotisch-amerikanischen Männern wird das Männlichkeitsbild heute durch ein Spannungsverhältnis zwischen traditionellen kulturell-religiösen Erwartungen und den Normen der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft geprägt. Ältere Generationen halten an Werten fest, die in ihrer Heimat verwurzelt sind. Sie betonen Männlichkeit durch familiäre Verantwortung, Respekt vor Älteren und die Rolle als Versorger und Beschützer der Familie.

In der Diaspora war die Möglichkeit, aufgrund des Mangels an Tempeln eine befristete Ordination zum buddhistischen Mönch zu erhalten, für viele im Jugendalter begrenzt. Ältere führen den wahrgenommenen Mangel an moralischen Tugenden bei den Jungen oft auf deren Unfähigkeit zurück, sich vorübergehend zum Mönch weihen zu lassen. Junge Männer, die in den USA geboren oder aufgewachsen sind, werden von amerikanischen Idealen beeinflusst, die materiellen Erfolg und Individualismus hochhalten.

Die Kluft zwischen den Generationen erzeugt Spannungen, da die Männer mit den widersprüchlichen Erwartungen umgehen müssen. Kambodschanisch-laotisch-amerikanische Männer sehen sich zudem mit rassistischen Stereotypen konfrontiert, die häufig mit asiatisch-amerikanischen Männern in Verbindung gebracht werden, darunter die Wahrnehmung von Passivität oder mangelnder Männlichkeit. Diese Stereotypen können Druck erzeugen, sich westlichen Männlichkeitsidealen anzupassen, was sich oft in der Verwendung von Hautaufhellungscremes und der Ablehnung traditioneller Kleidung äußert. Kambodschanisch- und laotisch-amerikanische Männlichkeitsbilder werden zudem durch den Erfolg ihrer weiblichen Pendants infrage gestellt, die in der Schule oft bessere Leistungen erbringen und berufliche Karrieren anstreben.

 

Geschlechtsspezifischer Doppelstandard

Gleichzeitig besteht weiterhin ein geschlechtsspezifischer Doppelstandard: Jungen Männern wird sexuelle Aktivität erlaubt und mit dem Argument „Jungen sind eben Jungen“ entschuldigt, während von jungen Frauen erwartet wird, dass sie bis zur Ehe ‚sexuelle Reinheit‘ bewahren, um keine Schande über ihre Familien zu bringen. Dieser Doppelstandard, gepaart mit dem Wunsch nach sozialem Aufstieg, hat einige Frauen der Diaspora dazu veranlasst, weiße Euroamerikaner zu heiraten. Dies stellt eine Abkehr von der nach traditionell asiatischen Werten empfundenen weiblichen Unterlegenheit, während die ‚Heirat mit dem Westen‘ Befreiung symbolisiert – insbesondere in der Sexualität.

Die mangelnden schulischen Leistungen kambodschanischer und laotischer Männer der Diaspora stellen eine weitere Krise der Männlichkeit dar, da sie ihre Fähigkeit untergräbt, traditionelle Geschlechterrollen als Familienoberhäupter aufrechtzuerhalten. Verschärft wird die Situation dadurch, dass junge Männer Gangs beitreten und die Gang-Kultur als Ausdruck ihrer Männlichkeit annehmen. Dies führt zu Konflikten mit den Strafverfolgungsbehörden und in der Folge zu Abschiebungen – ein Problem, das während der zweiten Amtszeit Trumps durch verstärkte Razzien der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) wieder an Brisanz gewann. Die erneute Staatenlosigkeit (nachdem sie zum ersten Mal als Flüchtlinge aus ihrer Heimat geflohen waren) – sie gehören weder Kambodscha, Laos noch den Vereinigten Staaten an – wirkt wie eine symbolische Kastration, da sich diese Männer oft machtlos und handlungsunfähig fühlen.

Momentaufnahme 3: Queere Männlichkeiten

Queere Sexualität war weder verboten noch tabu, da es in den heiligen Schriften des Buddhismus und Hinduismus keine derartigen Verbote gibt. Der Buddhismus betrachtet jegliche sexuelle Aktivität als Zeichen der Anhaftung an die materielle Welt und somit als etwas, das durch Selbstdisziplin überwunden werden muss. Im Theravāda-Buddhismus galten nur Männer als fähig, sich durch asketische Praktiken von der materiellen Welt zu lösen und Erleuchtung oder Nirvana zu erlangen. Der Hinduismus hingegen verbietet queeren Sex nicht. Die Veden und das Kama Sutra bekräftigen gleichgeschlechtliche Beziehungen als natürlich und beschreiben geschlechtsfluide Gottheiten. Diese Weltanschauungen manifestierten sich im Alltag in einer relativen Akzeptanz queerer Individuen und queere Sexualität wurde in die Gesellschaft integriert. Auch das Klosterleben bot Raum für queeren Sex. Dies wiederum verkomplizierte jedoch die Männlichkeitsideale buddhistischer Mönche, da diejenigen, die queere Sexualität praktizierten, als weniger spirituell gebildet und noch der materiellen Welt verhaftet galten.

Unterscheidungen zwischen heterosexuellen und homosexuellen Identitäten und Praktiken waren den vorkolonialen Kulturen weitgehend fremd. Beide Gesellschaften vertraten fließendere, kontextbezogene Ansichten, in denen geschlechtsuntypische Rollen – wie Schamanen und Geistermedien – im religiösen Bereich akzeptiert wurden und diejenigen, die sowohl männliche als auch weibliche Attribute besaßen, als besonders und mit spiritueller Kraft ausgestattet galten.

Französische Missionare und Kolonialbeamte propagierten katholische Moralvorstellungen, die heterosexuelle Monogamie und Sexualität zur Fortpflanzung betonten, indigene Praktiken als unmoralisch und unzivilisiert brandmarkten und zuvor akzeptierte Ausdrucksformen von Geschlecht, Sexualität und traditioneller Männlichkeit delegitimierten. Obwohl das Christentum nie dominant wurde, trug die koloniale Auferlegung starrer, binärer westlicher Normen zur langfristigen Marginalisierung von queerer Sexualität und zur Verfestigung sexueller Regulierung und moralischer Überwachung bei – Entwicklungen, die die Männlichkeit bis in die postkoloniale Ära prägten. Queere Menschen in Kambodscha und Laos nutzen jedoch weiterhin kulturelle Aspekte von Weiblichkeit und Männlichkeit, um ihre Sexualität in Umfeldern auszudrücken, in denen sie oft in der Minderheit sind.

Interessanterweise werden traditionelle Kulturformen wie der kambodschanische klassische Tanz gerade in queeren Räumen innerhalb der kambodschanischen und laotischen Diaspora bewahrt und gefeiert. Queere Kambodschaner:innen und Laot:innen haben zudem nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatländer transnationale Gemeinschaften gegründet, um HIV-Prävention und Safer Sex zu fördern. Unter Jugendlichen gewinnen unterschiedliche Formen männlicher Sexualität wieder an Akzeptanz, wie die wachsende Zahl von Pride-Veranstaltungen in beiden Ländern und der Diaspora belegt.

Diese drei Momentaufnahmen fangen die vielschichtige und komplexe Geschichte der Geschlechternormen und -erwartungen kambodschanischer und laotischer Männer ein, auch in der US-amerikanischen Diaspora. Viele in der Diaspora ringen darum, ein Gleichgewicht zwischen ihrem kulturellen Erbe und den Erwartungen der US-amerikanischen Gesellschaft zu finden und geraten dadurch in prekäre Situationen. Obwohl sie weiterhin Vorurteilen und Diskriminierungen ausgesetzt sind, haben es gerade Männer mit queeren Männlichkeitsbildern geschafft, neue Wege zu finden, die zeitgenössische Möglichkeiten kreativ mit vorkolonialen Traditionen und Wurzeln verbinden – sowohl in der Diaspora als auch in Kambodscha und Laos.

Übersetzung aus dem Englischen von: Du Pham

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