1 | 2025, Deutschland, Indonesien,
Autor*in:

Politische Visionssuche

Indonesien, Ellwein, Politik

Warsito (2. von rechts) mit indonesischen Aktivist:innen 1999 im Asienhaus in Essen. © Hendra Pasuhuk

Indonesien/Deutschland: Harriet und Warsito Ellwein blicken auf ihr Engagement für die südostasien und auf vier Jahrzehnte Politik in Indonesien.

Als sich am 14. Februar 2024 der deutliche Sieg von Prabowo Subianto abzeichnete, saßen wir wie erstarrt vor dem Fernseher. Wir hatten nicht glauben wollen, was die Meinungsforschungsinstitute vorausgesagt hatten: Mit der Wahl des Ex-Generals zum Präsidenten der Republik Indonesien wurde der Demokratisierungsprozess in Indonesien, für den wir so lange gekämpft und gelebt hatten, stark gefährdet.

Als wir Mitte der 80er Jahre die ersten Artikel für die südostasien-Informationen schrieben, hatte sich die Suharto-Diktatur fest im Sattel befunden: Die sogenannten „Petrus“-Morde, außergerichtliche Exekutionen an Regimegegnern, waren auf dem Höhepunkt. Am Borobudur- und Prambanan-Tempel wehrten sich Händler und Dorfbewohner gegen ihre Vertreibung für die neuen Touristenparks. Die viel gefeierte erstmalige Selbstversorgung mit Reis wurde zum Teil mit militärischer Gewalt auf dem Rücken der Bauern ausgetragen.

Indonesien, Ellwein, Politik

Harriet Ellwein (rechts) mit Frithjof Schmidt 1984 im Redaktionsbüro. © Peter Franke

Vier Phasen haben wir in den 40 Jahren der südostasien (-Informationen) in der politischen Entwicklung Indonesiens ausgemacht: Suharto-Diktatur, Transitionsphase, Demokratisierungsphase und De-Demokratisierung. Dem Sturz der Suharto-Diktatur 1998 folgte eine etwa sechsjährige Transitionsphase, die 2004 von der eigentlichen Demokratisierungsphase mit der erstmaligen direkten Präsidentschaftswahl abgelöst wurde. Diese fand 2019 ihren Höhepunkt. Seit der Wiederwahl von Präsident Jokowi beobachten wir die zunächst schleichende und inzwischen deutliche Phase der De-Demokratisierung.

Netzwerk- und Lobbyarbeit

In den ersten beiden Phasen waren unsere Verbundenheit mit und unser Engagement für die Zeitschrift, die Südostasien-Informationsstelle und den dahinter stehenden Trägerverein am intensivsten (Harriet als Vorstandsmitglied, Warsito zum Teil als Geschäftsführer der Informationsstelle). Unter den Pseudonymen Erika Jung und Agus Setiawan füllten wir viele Artikel- und Nachrichtenspalten der Zeitschrift.

Trägerverein und Infostelle waren mit dem Ziel angetreten, der deutschsprachigen Öffentlichkeit ein deutlicheres Bild von den politischen Verhältnissen in Südostasien zu vermitteln, örtlichen Widerstandsbewegungen eine Lobby zu geben und ihnen ein verlässlicher Partner in Europa zu sein. Wir, insbesondere Warsito mit seinem festen Standbein in Yogyakarta und Zentraljava, sind dabei immer zweigleisig zwischen Solidaritäts- und Informationsarbeit sowie örtlichem Widerstand verfahren.

Dies lässt sich besonders gut an den Beziehungen zu Förderorganisationen, insbesondere Brot für die Welt (BfdW), Misereor und terre des hommes (tdh), ausmachen. Alle waren als Institutionen und/oder durch Einzelpersonen Mitglied des Trägervereins. In den Büros in Stuttgart oder Aachen lag die Zeitschrift aus. Vor Ort in Java haben sie Projekte unterstützt, hinter denen sich vorsichtig organisierter Widerstand gegen die Militärdiktatur verbarg.

Warsito (links) neben dem osttimoresischen Menschenrechtsaktivisten Luciano Valentim da Conceição 1996 beim Netzwerktreffen Indonesien/Osttimor. © Monika Schlicher

Als Brot für die Welt Warsito’s Stiftung für kulturelle Entwicklung eine finanzielle Zusage gab, förderten sie damit nicht nur eine nicht- kirchliche Organisation in Indonesien, sondern auch bewusstseinsbildendes libertäres Theater für die Dorfjugend. Und das von tdh finanzierte Projekt für kreative Kinder war für die Aktiven vor Ort ein Weg, deren Eltern für den Kampf gegen das Regime zu gewinnen. Vor allem die intensive Beziehung zu den Verantwortlichen von Brot für die Welt war für uns beide politisch und persönlich in den schweren Zeiten der Militärdiktatur von großer Bedeutung.

Netzwerke und Lobby für Indonesien fanden wir nicht nur bei diesen Organisationen, sondern auch bei Journalisten und Politikern. So waren Rüdiger Siebert von der Deutschen Welle oder Jürgen Dauth von der Frankfurter Rundschau ebenso Vereinsmitglieder oder Abonnenten der südostasien wie Ludger Volmer (MdB) oder Wilfried Telkämper (MdE). Die Journalisten haben wir in Zentraljava zu den Aktivisten-Netzwerken begleitet. Die Politiker waren ansprechbar für Themen wie Frauen- und vor allem Umweltpolitik. Letztere war auch Thema des Austauschprogramms der Südostasien-Infostelle mit Umwelt- Aktivist:innen indonesischer NGOs Anfang der 90er Jahre.

Wie geht nun eigentlich Demokratie?

Der Mai 1998 markierte das offizielle Ende der Suharto-Diktatur. Zu diesem Zeitpunkt war die Südostasien- Infostelle bereits ins 1995 gegründete Asienhaus nach Essen gezogen, was neue Synergien mit den anderen Gruppen sowie deutlich verbesserte Räumlichkeiten bedeutete. Ebenfalls seit 1995 hatte die Zeitschrift mit Saskia Busch 17 Jahre lang eine hauptamtliche Redakteurin, die sich nach der Jahrtausendwende mit Warsito ein Büro im Asienhaus teilte, so dass die Indonesien-Nachrichten immer auf sehr kurzem Weg bei ihr landeten. In einem ihrer Editorials wies Saskia darauf hin, dass der Autor Agus Setiawan nach Indonesien gefahren und als Warsito Ellwein zurückgekommen sei: Der Sturz Suhartos hatte unserer Pseudonyme unnötig gemacht.

Es begann eine Zeit, in der wir wieder entspannter in Indonesien einreisen und offener diskutieren konnten. Dies rief insbesondere eine Gruppe auf den Plan, die sich voller Eifer daranmachte, die ersten Schritte des Inselstaats auf dem Weg zur Demokratie genau unter die Lupe zu nehmen: die Wissenschaftler:innen. Einen Meilenstein für Zeitschrift, Vorstand und Infostelle markierte der Oktober 2002, als sich das von Genia Findeisen (später Vorstandsmitglied) gegründete Doktorand:innen-Netzwerk zu Indonesien mit der Infostelle traf. Dort referierte zum Beispiel Patrick Ziegenhain (später ebenfalls Vorstandsmitglied) zu den Verfassungsänderungen seit 1999, nach denen ab 2004 der/die Präsident:in direkt gewählt werden sollte, und zur zu erwartenden Machtbalance zwischen Parlament und Präsident. Diese hatte er richtig zugunsten einer gestärkten Exekutive vorausgesehen (siehe südostasien Ausgabe 4/2002 und, zur Fortsetzung der Netzwerktreffen, Ausgabe 2/2004).

Indonesien, Ellwein, Politik

Warsito leitete die indonesische Delegation bei den Special Olympics World Games 2023 in Berlin. © Warsito Ellwein

Aber nicht nur die Wissenschaftler:innen, sondern die über ganz Europa verstreuten indonesischen Alt-Aktivist:innen, Asylant:innen oder politisch aktiven Studierenden wollten sich auf den Weg machen. Sie waren sich unsicher, ob sie weiter gegen das jeweils herrschende Regime protestieren, sich einer Partei anschließen oder nur eine Beobachtungsposition einnehmen wollten. Um ein gemeinsames Grundverständnis zwischen den unterschiedlichsten Personen und Gruppen herzustellen, lud die Südostasien Informationsstelle im Jahr 2003 zusammen mit dem Arbeitskreis Dritte Welt Aachen, Imbas aus Frankfurt und Watch Indonesia! zum 2. Netzwerktreffen europäischer Indonesier:innen ins Asienhaus. Der damals älteste (inzwischen verstorbene) Teilnehmer Umar Said aus Paris kommentierte diese Veranstaltung mit den Worten: „Das ist das schönste Treffen meines Lebens“ (südostasien Ausgabe 4/2003).

Konsolidierung

Als 2004 die erste direkte Präsidentschaftswahl stattfand und sich Susilo Bambang Yudhoyono gegen Megawati Sukarnoputri durchsetzte, lebten wir in Indonesien. Warsito engagierte sich unmittelbar am Aufbau der jungen Demokratie. Dies tat er unter anderem im sogenannten „forum politisi“, in dem er in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Naumann-Stiftung (FNS) junge Politiker:innen an Partei- und Parlamentsarbeit heranführte. Harriet war Entsandte für ein GTZ-Projekt zur Regionalen Wirtschaftsförderung.

Die Kritik hagelte auf uns beide. Wie kann sich Harriet zur Vertreterin deutscher Unternehmen machen? Wieso ist Warsito unter die Neoliberalen gegangen? Beides verständlich, aber nicht so schwarz und weiß, wie gedacht. In südostasien Ausgabe 2/2009 resümiert Harriet unter dem Titel „Verlässliche Partner gefragt“ zur Rolle lokaler Ökonomie, dass es nicht um die Unterstützung einzelner Unternehmen gehe: Die globale Wirtschaft brauche globale Spielregeln. Die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit trügen dazu bei, diese in nachhaltigen Prozessen bei den Partnerländern zu verankern. Eine wirklich interessante Erfahrung!

Ausgabe der Südostasien-Informationen, Vorläufer der südostasien, aus dem Jahr 1985. © Hendra Pasuhuk

Während die GTZ für Harriet eine Episode war, blieb Warsito vor Ort beim Engagement für die Demokratisierung in Indonesien. Dies tat er in Kooperation mit unterschiedlichsten Organisationen – sowohl auf Regierungsseite als auch in klassischer NGO-Arbeit – und dies damals auch in größerer Entfernung von den Südostasienstrukturen in Deutschland. Der Fokus lag zum Beispiel auf der Gründung des Perguruan Rakyat Merdeka (= Bildungswerk für ein unabhängiges Volk), einem Netzwerk ehemaliger Suharto-Oppositioneller mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen vom Neuaufbau der Demokratie. Dieses Forum versuchte, durch Großaktionen mit Partner:innen aus allen Teilen der Gesellschaft an der Lösung drängender Probleme (Menschenrechte, Umwelt, Frauen) zu arbeiten.

Diese Aktivitäten mündeten schließlich im Aufbau von Parteistrukturen für die PDI-P und in aktiver Wahlkampfunterstützung – zunächst 2013 auf Provinzebene in Zentraljava und dann 2014 für die Wahl von Präsident Jokowi. Dabei verband Warsito – diesmal auf Regierungsseite in Zentraljava – klassische NGO-Arbeit mit Verwaltungsreform, Menschenrechtspolitik und Anti-Korruptionskampagnen. Dies führte unter dem damaligen Gouverneur Ganjar Pranowo zu sichtbaren Erfolgen.

De-Demokratisierung

Zu seiner Wiederwahl 2019 war Präsident Jokowi auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Der schleichende Niedergang der jungen Demokratie begann mit der Entfernung des Präsidenten von der Basis, die ihn immer unterstützt hatte. Er begann Schritt für Schritt, die demokratischen Errungenschaften zugunsten einer engen Kooperation mit dem Großkapital und der Stärkung von Polizei und Militär zurückzunehmen.

Der offensichtliche Turnaround von Präsident Jokowi zeigte sich im Oktober 2023. Bis dahin schienen die Wahlaussichten des Demokraten Ganjar Pranowo im Präsidentschaftswahlkampf von Erfolg gekrönt. Doch Jokowi wandte sich von Ganjar ab und schlug sich aktiv auf die Seite seines ehemaligen Widersachers Prabowo Subianto, dessen erfolgreiche Wahl auch durch dubiose Geschenke an die Bevölkerung und mit aktiver Unterstützung von Polizei und Militär garantiert wurde.

Indonesien, Ellwein, Politik

Warsito (sitzend, links) Anfang der 1990er Jahre in Zentraljava. © Warsito Ellwein

In einem Brief aus Indonesien hatte Warsito (südostasien Ausgabe 1/2004) von Fortschritten im sozialen Leben und in der Diskussionskultur in Indonesien berichtet. Gleichzeitig merkte er an: „Ein brennendes Problem ist allerdings, dass Intellektuelle, Aktivisten und Politiker noch keine politische Vision entwickelt haben, die von einer öffentlichen Mehrheit geteilt wird. Alle gehen nur von der eigenen Perspektive aus und diese ‚Wahrheit‘ wird dann der Öffentlichkeit aufgezwungen. „Diese politische Vision fehlt offensichtlich immer noch. Die individuellen Wahrheiten dominieren, und die Schwäche der Demokratie- Befürworter:innen wird genutzt, um die alten Strukturen wieder aufleben zu lassen.“

Im Zuge der De-Demokratisierung Indonesiens haben wir uns schon überlegt, ob Agus Setiawan und Erika Jung wieder neu aufleben müssen. Aber unsere Pseudonyme sind mit uns alt geworden. Die politischen Geschicke im Inselstaats müssen in neue und visionäre Hände gelegt werden. Dies sollte auch weiter in enger internationaler Zusammenarbeit demokratischer Kräfte und auf Augenhöhe geschehen, da die westlichen Länder sich gerade ebenfalls mit De-Demokratisierungs-Prozessen auseinandersetzen müssen.

Uns bleibt nach diesen 40 intensiven Jahren der Dank an all unsere Wegbegleiter:innen von Zeitschrift und Infostelle, die hier genannten und nicht genannten. Merdeka!

 

 

  • Artikel


Die Autorin


Harriet Ellwein ist Gründungs- und langjähriges Vorstandsmitglied der inzwischen aufgelösten Südostasien Informationsstelle (Verein für entwicklungsbezogene Bildung zu Südostasien). In den 1980er Jahren absolvierte sie ein post-graduate Studium der Indonesischen Sprache und Literatur an der Gadjah Mada Universität in Yogyakarta. 2004-2007 war sie für das Regionale Wirtschaftsförderungs-Programm in Zentraljava der GIZ tätig. Inzwischen verrentet, lebt sie in Dortmund und Semarang.

    The User does not have any posts

  • Artikel


Der Autor


Warsito Ellwein lebte mehr als 30 Jahre in Deutschland. Er war früher politischer Aktivist und langjähriges Vorstandsmitglied der Südostasien Informationsstelle. Nach dem Rücktritt von Diktator Suharto 1998 kehrte Warsito nach Indonesien zurück und engagierte sich in unterschiedlichen Initiativen zur Stärkung der Demokratie. Nach mehrjähriger Tätigkeit im Mitarbeiterstab des Gouverneurs von Zentraljava, Ganjar Pranowo, wurde Warsito 2019 zum Vorsitzenden des indonesischen Special Olympics Verbandes (SOINA) gewählt.

    The User does not have any posts

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2025, Deutschland, Indonesien,
Autor*in:

Politische Visionssuche

Deutschland/Südostasien: In 40 Jahren haben viele Menschen die „südostasien“ gemacht – und sie genutzt. Fünf von ihnen kommen hier zu Wort…

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2025, Deutschland, Indonesien,
Autor*in:

Politische Visionssuche

Indonesien/weltweit: Die Konferenz von Bandung markierte vor 70 Jahren den Beginn einer neuen Etappe der antikolonialen und Süd-Süd Solidarität. TEIL I

Die Konferenz von Bandung im Jahr 1955 erreichte den Stellenwert eines mythischen Moments in der Geschichte des Globalen Südens. Zahlreiche Berichte haben auf die Schattenseiten hingewiesen: die Unterrepräsentation von Führungspersönlichkeiten aus dem subsaharischen Afrika, das völlige Fehlen von Teilnehmern aus Lateinamerika sowie das Eindringen geopolitischer Rivalitäten des Kalten Krieges in das Treffen. Weiterhin kritisiert wurden die Legitimierung des Nationalstaats als zentrale Einheit der Interaktion in der postkolonialen Welt, die ‚Rivalität‘ zwischen dem indischen Premierminister Jawaharlal Nehru und dem chinesischen Premier- und Außenminister Zhou Enlai sowie das ernüchternde Nachspiel, das sich im Grenzkrieg zwischen Indien und China im Himalaya im Jahr 1962 manifestierte.

Trotz dieser – durchaus diskutablen – Unzulänglichkeiten hat der „Bandung-Moment“ seither einen mythischen Status erlangt. Sein Ausdruck in den Konferenzberichten mag nicht perfekt sein, doch der Geist postkolonialer Einheit unter den aufstrebenden Völkern des Globalen Südens erfüllte die Konferenz. Für die politischen Akteure war der „Geist von Bandung“ ein Anreiz, ihn in idealisierter Form zu reproduzieren, was wiederum zu Spannungen in darauffolgenden Manifestationen von Dritter-Welt-Solidarität führte.

Weibliche Delegierte bildeten die Mehrheit

Vor Bandung fanden drei große Konferenzen zur Feier der asiatischen Einheit statt, die das Gefühl der regionalen Solidarität schufen, das auf der Konferenz seinen Höhepunkt finden sollte. Die erste war die von Jawaharlal Nehru im März 1947 veranstaltete Konferenz über asiatische Beziehungen.

An der Asiatisch-Pazifischen Friedenskonferenz, die vom 2. bis 10. Oktober 1952 in Peking stattfand, nahmen fast 470 Delegierte teil – viele Diplomat:innen und Politiker:innen kamen aus Südostasien und Frauen waren in der Überzahl. Schließlich gab es noch die Erste Asiatische Sozialistische Konferenz, die vom 6. bis 15. Januar in Rangun stattfand.

Asiatische Einheit und Solidarität waren ein Konzept und ein ansteckendes Gefühl. Sie vermochten die im Entstehen begriffenen postkolonialen Staatsgrenzen ebenso zu überwinden wie den Kalten Krieg, den die USA in Asien, insbesondere in Korea und Indochina, durchzusetzen versuchten. Die Bandung-Konferenz war nicht der Anfang, sondern der Höhepunkt eines Prozesses, der bereits Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hatte und der weitergehen sollte.

Der Aufstieg der asiatischen Solidarität

Selbstverständlich betrachten viele Berichte die Konferenz von Bandung im Lichte der Dekolonisierung, die zu dieser Zeit stattfand. Es ist auch wichtig, das Gefühl der regionalen Solidarität zu berücksichtigen, das die nationalistischen, antikolonialen Bewegungen begleitete, die im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind. Wie der indische Wissenschaftler Sugata Bose aufzeigt, erhob der Märtyrertod von Jose Rizal, den die Spanier im Dezember 1896 hinrichteten, „ihn posthum zu einer Vorreiterfigur des asiatischen Widerstands“ (Sugata Bose, Asia after Europe, Cambridge, MA; Belknap Press, 2024, S. 34).

Im frühen 20. Jahrhundert erstarkten die nationalen und revolutionären Bewegungen in Asien. Eine wichtige Inspiration für die Region war der Sturz der Manchu-Dynastie und die Gründung der Republik China durch Sun Yat-sen. Ein kosmopolitisches Netzwerk asiatischer Revolutionäre wurde in den Küstenstädten von Tokio bis Shanghai, bis Kanton, Manila und Kalkutta geknüpft. Mit der bolschewistischen Revolution im Jahr 1917 und der Gründung der Kommunistischen Internationale im Jahr 1919 stellte diese Küstenverbindung im maritimen Asien die Mittel bereit, die kommunistische Revolutionäre wie Ho Chi Minh und Tan Malaka nutzten, um Revolutionen voranzutreiben, die koloniale Grenzen überschreiten sollten.

Die Konferenz wurde zu einem außergewöhnlichen Treffen. Mit der Rede von Präsident Sukarno, einem charismatischen Redner, wurde bereits zu Beginn einer der Höhepunkte erreicht: „Es ist ein Neubeginn in der Weltgeschichte, dass Führer asiatischer und afrikanischer Völker sich in ihren eigenen Ländern versammeln können, um Themen von gemeinsamem Interesse zu diskutieren und zu beraten. Noch wenige Jahrzehnte zuvor war es oft nötig, in andere Länder und sogar auf andere Kontinente zu reisen, damit die Vertreter unserer Völker konferieren konnten.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Konferenz der Liga gegen Imperialismus und Kolonialismus, die vor fast 30 Jahren in Brüssel stattfand. Auf dieser Konferenz trafen sich viele prominente Delegierte und fanden dort neue Kraft in ihrem Kampf für Unabhängigkeit. Dennoch war es ein tausende Kilometer entfernter Tagungsort, unter Fremden, in der Fremde. Nicht durch freie Wahl, sondern notgedrungen war man dort zusammengekommen.

Im Vergleich dazu stellt sich die Situation heute völlig anders dar. Unsere Nationen und Länder sind keine Kolonien mehr. Wir sind jetzt frei, souverän und unabhängig. Wir sind wieder Herr im eigenen Haus …“

Kalter Krieg prägt Reden und Handeln

Viele Historiker kommentieren auch einen anderen Teil der Rede von Sukarno, in dem er die Konferenz als direkten Nachfahren der amerikanischen Revolution positionierte. Er wies darauf hin, dass sie am 180. Jahrestag des Rittes von Paul Revere durch Boston stattfand – zur Warnung vor den anrückenden britischen Truppen, die einen vergeblichen Versuch unternahmen, das zu vernichten, was der indonesische Präsident als „den ersten antikolonialistischen Krieg der Weltgeschichte“ bezeichnete.

Es war ein kluger Versuch, den Vereinigten Staaten zu versichern, dass sie das Treffen nicht als Bedrohung ihrer Interessen sehen sollten. Als die Konferenz stattfand, war der Kalte Krieg in vollem Gange, und Sukarno sagte den USA im Wesentlichen, dass die Anwesenheit des chinesischen Premierministers Zhou En Lai bei dem Treffen sie nicht beunruhigen sollte. So wie Nehru die Blockade gegen Indonesien im Jahr 1949 beendet hatte, vermittelte Sukarno den Amerikanern und der ganzen Welt, dass Bandung auch das Ende der Blockade gegen China bedeutete. Denn China nahm nicht als ein ’sowjetischer Handlanger‘ teil, sondern als Teil seines eigenen antikolonialen Kampfes, der bereits 1775 begann.

Zehn Punkte der Abschlusserklärung

Die Konferenz schloss mit einer Abschlusserklärung, die als Vorlage für Neutralismus oder Blockfreiheit diente:

  1.  Die Achtung der grundlegenden Menschenrechte sowie der Ziele und Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen.
  2. Die Achtung der Souveränität und territorialen Integrität aller Nationen.
  3. Anerkennung der Gleichheit aller Ethnien und der Gleichheit aller großen und kleinen Nationen.
  4. Verzicht auf Intervention oder Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes.
  5. Achtung des Rechts jeder Nation, sich einzeln oder gemeinsam zu verteidigen, in Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen.
  6. Verzicht auf die Anwendung von Vereinbarungen zur kollektiven Verteidigung, die den besonderen Interessen einer der Großmächte dienen. Verzicht eines jeden Landes auf die Ausübung von Druck auf andere Länder.
  7. Verzicht auf Angriffshandlungen oder -drohungen oder die Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit oder politische Unabhängigkeit eines Landes.
  8. Beilegung aller internationalen Streitigkeiten durch friedliche Mittel wie Verhandlungen, Schlichtung, Schiedsverfahren oder gerichtliche Beilegung sowie andere friedliche Mittel nach Wahl der Parteien in Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen.
  9. Förderung der gemeinsamen Interessen und der Zusammenarbeit.
  10. Achtung des Rechts und internationaler Verpflichtungen.

Konkrete Forderungen zur Dekolonisierung

Hinsichtlich der Tatsache, dass es noch immer Territorien gab, die unter kolonialer Kontrolle verblieben waren, erklärt das Kommuniqué der Konferenz, dass „Kolonialismus in allen seinen Manifestationen ein Übel ist, das so schnell wie möglich beseitigt werden muss“, und fordert die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit Algeriens, Marokkos und Tunesiens von der französischen Herrschaft. Es war auch eine Erklärung uneingeschränkter Unterstützung für Palästina, was im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse ebenfalls eine bedeutende Angelegenheit darstellt: „Angesichts der bestehenden Spannungen im Nahen Osten, verursacht durch die Situation in Palästina, und der daraus resultierenden Gefahr für den Weltfrieden erklärt die Asiatisch-Afrikanische Konferenz ihre Unterstützung für die Rechte des arabischen Volkes in Palästina und ruft zur Umsetzung der Resolutionen der Vereinten Nationen (UN) in Bezug auf Palästina sowie zur Erreichung einer friedlichen Lösung der Palästina-Frage auf.“

Die sich abzeichnende Spaltung durch den Kalten Krieg, von der die Organisatoren befürchteten, dass sie die Konferenz gefährden würde, wurde vereitelt. Am Ende herrschte Kompromissbereitschaft, und der pro-westliche Block verzichtete darauf, die antikommunistische Agenda in der Abschlusserklärung aggressiv durchzusetzen.

Die ideologische Kluft war jedoch nicht verschwunden, sie wurde lediglich für den Moment eingedämmt.

Dies ist eine stark gekürzte Fassung des Artikels „The Long March from Bandung to the BRICS“, erschienen bei Focus on the Global South am 13. März 2025. Der Originalbeitrag entstand unter Mitarbeit von Shalimali Guttal.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Mustafa Kurşun und Jörg Schwieger

Dies ist Teil I des Artikels. Teil II ist hier zu finden.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2025, Deutschland, Indonesien,
Autor*in:

Politische Visionssuche

Vietnam/USA: Vor 50 Jahren endete der Vietnamkrieg mit dem in Washington lange für unmöglich gehaltenen Sieg des Vietcong. Ein Interview zu Fehlern und Lehren.

südostasien: Der Vietnamkrieg endete am 30. April 1975. Warum ist er so stark im Gedächtnis geblieben?

Bernd Greiner: Er war der längste heiße Krieg im Kalten Krieg; der mit den meisten Opfern, auf vietnamesischer Seite etwa drei Millionen, von denen mehr als die Hälfte Zivilisten waren. Prozentual war ihr Anteil an den Kriegstoten höher als im Zweiten Weltkrieg. Es war ein klassisch asymmetrischer Krieg, in dem materielle Überlegenheit nicht zählt und der vermeintlich Stärkere verliert.

Das waren die USA. Wie kam es dazu?

In asymmetrischen Kriegen ist die Zeit der stärkste Verbündete des vermeintlich Schwachen, also des Vietcong und der Armee Nordvietnams. Solange der Schwache nicht verliert, hat er gewonnen, er muss „nur“ durchhalten. Die Zeit arbeitet gegen den Starken. Die USA kamen immer stärker unter Druck der Öffentlichkeit und des Parlaments, insbesondere wegen der hohen Ausgaben für einen Krieg, der erkennbar nicht für die nationale Sicherheit geführt wurde. Später haben es die Taliban in Afghanistan so ausgedrückt: Ihr habt Uhren, aber wir haben Zeit. Die knappe Ressource Zeit führt beim Starken dazu, dass er immer weiter eskaliert, weil er sich davon ein vorzeitiges Ende verspricht. Das konnten die USA in Vietnam nicht erreichen. Ihre vermeintlich überlegene Streitmacht war auf die Bedingungen dort nicht vorbereitet.

Wie hielt der Vietcong so lange durch?

Der Vietcong wurde massiv von der gut ausgebildeten und ausgerüsteten Armee Nordvietnams unterstützt. Hinzu kam der psychologische Faktor, dass eine ausländische Macht in Vietnams innenpolitischen Konflikten intervenierte, was einen nachhaltigen Nationalismus auslöste. Die USA hatten keine Vorstellung davon, welche Kraft verletzter Stolz und Nationalismus entfesseln können. Zwar zögerte der Vietcong nicht, diejenigen massiv unter Druck zu setzen, die seinen Kampf nicht unterstützen wollten. Dies schloss auch politische Morde ein. Aber Repression allein, ohne den Nationalismus samt antikolonialer Grundhaltung und der Unterstützung aus dem Norden, hätte nicht den Ausschlag gegeben.

Welche Fehler machten die USA?

Sie hatten von Land und Leuten keine Ahnung und bemühten sich auch nicht darum. Man war geblendet von der eigenen Hybris und Übermacht sowie der Vorstellung, es hier mit einer viertklassigen Macht zu tun zu haben, die auf Dauer kein ernst zu nehmender Widersacher sein würde. Man war geblendet von den eigenen Ressourcen und der Vorstellung, man müsse nur genug davon einsetzen, um zu siegen. Dabei war man militärisch chancenlos, weil die eigene Armee nicht für einen Guerillakrieg vorbereitet war. Sie stand noch in der Tradition des Zweiten Weltkriegs und einer Zeit, in der es um große Feldschlachten und den Gewinn von Terrain ging, aber nicht um das Gewinnen der Sympathie und Unterstützung der Bevölkerung. Der übermäßige Einsatz von Gewalt samt der Taktik der verbrannten Erde in den Dörfern mit vermeintlichen Stellungen des Vietcong entfremdete die Bevölkerung, die man eigentlich gewinnen wollte.

Konnten sich sozialistische Länder wie die UdSSR, China oder die DDR durch den Krieg in Vietnam bestätigt fühlen?

Es war ein riesiger Propagandaerfolg für die sozialistischen Länder, eine Bestätigung ihrer Weltsicht und ihres antikolonialen Begehrens. Das half zu vertuschen, dass ihre Solidarität mit der Dritten Welt keineswegs immer selbstlos war.

Warum löste der Krieg in den USA und westlichen Ländern breite Proteste aus?

Das sorgsam gepflegte Selbstbild der USA nach dem Sieg über Nazideutschland wurde massiv beschädigt, also das Bild des moralisch Guten, der im Kampf gegen den Totalitarismus stets lautere Mittel anwendet und sich nicht die Exzesse zuschulden kommen lässt, die man von anderen Krieg führenden imperialistischen Nationen kannte. In großen Teilen der westlichen Welt bis nach Japan konnte man in der jungen Generation zu der Zeit auch eine Grundsympathie für antikoloniale Bewegungen beobachten.

Welche Rolle spielten die Medien?

Die amerikanischen Medien behaupten gern, sie hätten entscheidend zum Ende des Kriegs beigetragen – eine maßlose Selbstüberschätzung. Der Krieg wurde auf dem Schlachtfeld verloren, nicht in Schreibstuben. Die kritische Berichterstattung setzte sehr spät ein und war nur von kurzer Dauer.

Laut dem damaligen US-Oberbefehlshaber Westmoreland wurde der Krieg nicht militärisch in Vietnam verloren, sondern politisch an der Heimatfront.

Das ist eine klassische Dolchstoßlegende und Ablenkung von eigener Unfähigkeit. US-Truppen haben die eine oder andere Schlacht gewonnen, aber den Krieg verloren.

Welche Lehren zogen die USA aus ihrer Niederlage?

Die Selbstreflexion war von sehr kurzer Dauer, etwa von 1973 bis 1976. Doch das kam unter die Räder des rechten Flügels der Republikaner und der Neokonservativen. Ihnen war daran gelegen, Vietnam als einen nicht im Grundsatz verfehlten Krieg zu bezeichnen, sondern als richtigen Krieg, der mit falschen Mitteln geführt wurde. Die USA sollten als weltpolitischer Hegemon weiterhin bereit sein, ihre Interessen auch militärisch durchzusetzen.

Man sprach vom „Vietnamtrauma“.

Die politische Rechte führte eine Kampagne gegen das sogenannte Vietnamtrauma. Darunter verstand sie einen freiwilligen Rückzug aus weltpolitischen Konfliktherden und den Verzicht auf militärische Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen. Ronald Reagan hat dieses sogenannte Trauma zu „überwinden“ versucht mit einer starken Aufrüstung und Interventionen in den 1980er Jahren in Mittelamerika, zwar nicht mit eigenen Truppen, aber mit Stellvertretern. Real traumatisiert waren hingegen viele aus Vietnam zurückgekehrte GIs, etwa 25.000 begingen in den ersten 15 Jahren nach dem Krieg Suizid. Andere Veteranen schlossen sich aus Frust über die eigene Regierung und die vermeintlich lasche Unterstützung der Bevölkerung zu Milizen zusammen, die wir jetzt quasi als Prätorianergarde von Donald Trump kennen. Sie haben ihre Wurzeln im Vietnamkrieg.

1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein und China griff Vietnam an. Zogen Moskau und Peking keine Lehren aus der Niederlage der USA?

Der sowjetische Krieg in Afghanistan verlief nach dem gleichen Schema wie der amerikanische in Vietnam. Man ist in die gleichen selbst gestellten Fallen gestolpert, eine Guerilla mit einer Armee bekämpfen zu wollen, die dafür nicht motiviert und ausgerüstet war, und hat einen ähnlichen Preis gezahlt. Auch Chinas Grenzkrieg gegen Vietnam folgte einer imperialen Logik, die gewisse Ähnlichkeiten mit den in Washington gepflegten Ideen hatte. Peking hat sich aber nicht auf einen jahrelangen Krieg eingelassen.

Zum Vietnamkrieg gehören auf beiden Seiten Opfer des dioxinhaltigen Agent Orange. Amerikanische wurden entschädigt, vietnamesische gingen vor US-Gerichten leer aus.

In den Verfahren um Entschädigung spiegelt sich die Selbstbezogenheit der USA und ihr maßloser Egoismus samt Blindheit für das Schicksal und die Opfer der anderen. Schon während des Kriegs haben die Proteste dagegen erst sehr spät eingesetzt und gingen von den eigenen Opfern aus und nicht vom Leid der anderen.

Mehr als 1,6 Millionen Vietnamesen versuchten nach Kriegsende, per Boot ins Ausland zu fliehen. Warum?

Die ersten Jahre waren noch von Vietnams Bürgerkrieg geprägt, der seit den 1950er Jahren herrschte. Die Kommunisten wollten den Militär- und Polizeiapparat des korrupten Systems im Süden ausschalten, das Personal, wie es damals hieß, „umerziehen“. Das wurde mit Angst als Mittel der Macht und Terror als Mittel der Politik gemacht.

Trug Vietnams Einmarsch in Kambodscha 1979 zur desolaten Lage bei?

Kambodschas Rote Khmer spielten die aus amerikanischer Perspektive willkommene Rolle eines ständigen Unruheherds, der Vietnams innenpolitische Stabilisierung verhindern sollte. Deshalb hatten die USA kein Problem, mit einem Massenmörder wie Pol Pot punktuell zu kooperieren.

Die USA begründeten den Vietnamkrieg mit der Dominotheorie: Nach einem Sieg der Kommunisten würden auch andere Staaten zwangsläufig kommunistisch. Sehen Sie Parallelen zum heutigen Krieg in der Ukraine, bei dem europäische Politiker argumentieren, nach Russlands Sieg würden bald Angriffe auf die baltischen Staaten und Polen folgen?

Von der semantischen Adelung einer Theorie zu reden, verbietet sich. Wir haben es hier mit einem Bankrott politischen Denkens zu tun, mit dem Ersatz politischen Denkens durch Mechanik. Historische Prozesse verlaufen nicht mechanisch, folgen keinem Masterplan, es gibt immer Zufälle und Unvorhersehbares wie auch Korrekturmöglichkeiten. All das wird von der Dominotheorie für irrelevant erklärt. Man kann aber herbeireden, was man befürchtet.

Was lehrt uns der Vietnamkrieg?

Er ragt in unsere Gegenwart hinein. Die USA haben in Afghanistan, teilweise auch im Irak die gleichen Fehler gemacht. Wieder ist man in selbst gestellte Fallen gerannt und hat die durchaus präsenten Erkenntnisse, dass man diesen Krieg nicht gewinnen kann, in den Wind geschlagen. Ein vorzeitiger Rückzug würde Glaubwürdigkeit und Prestige der Weltmacht beschädigen, hieß es. Das könne man nicht riskieren, wohl aber, dass aufseiten des Gegners Hunderttausende getötet werden und tausende eigene Soldaten. Das mit Vietnam verwandte Debakel in Afghanistan hat nicht zum substanziellen Umdenken geführt, im Gegenteil. Jetzt, da die Rivalität zwischen konkurrierenden Weltmächten wieder die Oberhand gewinnt, also insbesondere diejenige zwischen China und den USA, scheint das Beharren auf Prestige, Glaubwürdigkeit und Renommee stark ausgeprägt.

Der Beitrag erschien zuerst am 30.04.2025 in der Tageszeitung taz. Wir bedanken uns für die Genehmigung zur Wiederveröffentlichung.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2025, Deutschland, Indonesien,
Autor*in:

Politische Visionssuche

Weltweit: Das Erbe der Konferenz von Bandung in Indonesien im Jahr 1955 setzt sich im aktuellen globalen Kampf um Gerechtigkeit und Selbstbestimmung fort. TEIL II

Der Name BRICS wurde bekanntlich von dem Goldman-Sachs-Analysten Jim O’Neill geprägt, um für das Finanzkapital vielversprechende Schwellenländer zu bezeichnen, die den Boom der Weltwirtschaft im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts verlängern würden. Aber auch wenn O’Neill den Namen nicht erfunden hätte, wären die BRICS – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – höchstwahrscheinlich als bewusste Formation großer, sich rasch entwickelnder Länder mit einem ambivalenten Verhältnis zu den traditionellen Wirtschaftszentren in Europa und den Vereinigten Staaten entstanden.

BRICS als neuer internationaler Akteur: Gemeinsame Anliegen und Widersprüche

Bei den BRICS Staaten handelt es sich um kapitalistische Regime. Die Rolle des Staates in der Wirtschaft ist in einigen Ländern ausgeprägter und erfolgreicher als in anderen. Eines der Hauptmerkmale, die sie gemeinsam hatten, war ihre ‚dialektische‘ Beziehung zu den Volkswirtschaften des ‚Zentrums‘. Einerseits profitierten sie von der Globalisierung und von ausländischen Investitionen. Andererseits haben alle Länder ausländisches Kapital genutzt, um sich technologisches und Management-Know-how anzueignen und so ihre Abhängigkeit von letzterem zu verringern. Während sie sich zu dynamischen Zentren der Kapitalakkumulation entwickelt haben, die den globalen Kapitalismus als Ganzes belebten oder wiederbelebten, verfolgten sie das Ziel, ihre geopolitische und geoökonomische Macht gegenüber den traditionellen Zentren der globalen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Macht zu stärken.

Die Bevölkerung der heute aus zehn Ländern bestehenden BRICS-Staaten macht über 48 Prozent der Weltbevölkerung aus. Sie tragen 39 Prozent zur Weltwirtschaftsleistung bei. Die Tatsache, dass so viele Länder, darunter Thailand und Malaysia, Schlange stehen, um beizutreten, zeigt, dass der globale Süden erkannt hat, dass sich die Waage immer mehr wider den Westen neigt, der zunehmend defensiv, mürrisch und unsicher geworden ist.

Da das von den USA dominierte globale multilaterale System unter Präsident Donald Trump mit Unsicherheiten konfrontiert ist, ist BRICS für den Globalen Süden sowohl als Quelle von Entwicklungsgeldern als auch als politisches Bündnis zunehmend attraktiv geworden. Dahinter steht etwas, was der UN-Generalversammlung trotz all ihrer Vorzüge als Ort der Bündnisbildung für die Entwicklungsländer fehlt: wirtschaftliche Schlagkraft.

Trump und der Globale Süden

Die aktuelle Situation ist für den Globalen Süden von großer Unsicherheit geprägt. Es gibt widersprüchliche Trends. In den USA, während Trumps zweiter Präsidentschaft, ist es sicher, dass die folgenden vier Jahre für das Klima, Frauen, Migranten und Minderheiten Verschlechterungen bringen werden. Wir haben einen Aufstieg faschistischer Bewegungen in den USA, in Europa, in Israel sowie in mehreren Ländern des Globalen Südens, darunter Indien und Brasilien, beobachtet. Einige dieser Bewegungen haben bereits die Macht übernommen.

Gleichzeitig gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass Trump die Paradigmen des liberalen Internationalismus und expansionistischen Imperialismus aufgibt, wonach die US-Eliten verpflichtet sind, an allen Fronten der Welt zu kämpfen, wenn sie die imperialen Interessen der USA bedroht sehen. Trump scheint sich auf den amerikanischen Kontinent zurückzuziehen und sich darauf zu konzentrieren, das ‚imperiale Kernland‘, Nordamerika, wieder zu stärken und gleichzeitig den Griff der USA auf Lateinamerika durch eine aggressive Wiederholung der Monroe-Doktrin zu verstärken.

Es entsteht ein defensiver Imperialismus, dessen Prioritäten darin bestehen, Zollmauern gegen ausländische Importe aufzubauen, harte Maßnahmen zu ergreifen, um die Einwanderung nicht-weißer Migranten zu verhindern und Arbeiter ohne Papiere auszuweisen. Des Weiteren geht es darum, die globalen Lieferketten, die von transnationalen Unternehmen der USA aufgebaut wurden, zu zerstören und ihre Produktionsstätten in die USA zurück zu verlagern.

Ära geoökonomischer Konkurrenz

Es ist wahrscheinlich, dass wir in eine Ära geoökonomischer Konkurrenz eintreten, in der der Freihandel und die freie Bewegung von Kapital durch eine enge Zusammenarbeit zwischen dem nationalen Kapital und dem Staat ersetzt werden, um das Eindringen ausländischer Akteure in den Binnenmarkt zu begrenzen und die Übernahme fortschrittlicher Technologien, insbesondere Künstlicher Intelligenz (KI), durch konkurrierende Akteure unternehmerisch-staatlicher Art zu verhindern. Einseitige wirtschaftspolitische Maßnahmen statt multilateraler Initiativen durch die Institutionen von Bretton Woods und einseitige militärische Einsätze statt gemeinsamer Angriffe unter der NATO scheinen der bevorzugte Ansatz der USA unter der Regierung von Trump zu sein.

Trotz der Komplexität des gegenwärtigen Moments kann man vielleicht vorsichtig die Behauptung aufstellen, dass die Bilanz der Fortschritte und Rückschläge im Kampf des Globalen Südens mit dem Globalen Norden in den siebzig Jahren seit Bandung zugunsten des Ersteren ausfällt. Es ist tatsächlich schwierig, der jüngsten Einschätzung des renommierten Wirtschaftshistorikers Adam Tooze zu widersprechen: …Wir befinden uns in einer multipolaren Welt…

Meiner Meinung nach ist es anachronistisch, sich an eine andere Perspektive zu klammern. Ich denke, dass wir die unipolare Phase in den 2010er Jahren bereits hinter uns gelassen haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine riesigen Bereiche der US-Macht und sogar eine Vormachtstellung der USA mehr gibt. Die drei offensichtlichsten Bereiche sind die militärische Macht, der globale Finanzmarkt und bestimmte Bereiche der Hochtechnologie.

Neue polyzentrische Ordnung

In einem allgemeineren Sinne können wir dennoch eine Fragmentierung der US-Macht beobachten. Ihre Legitimierung, die ‚Soft Power‘ der US-Hegemonie, hat einen erheblichen Substanzverlust erlitten. Die Fähigkeit der US-Eliten, die verschiedenen Dimensionen ihrer Macht klar zu formulieren, ist bereits fadenscheinig geworden.

Das schließt zwar populistische Versuche, die Vorherrschaft der USA wiederherzustellen, nicht aus. Noch verhindert es die nostalgischere Variante der Atlantiker, wie sie sich bei Joseph Biden zeigte. Doch stemmen sich solche Bemühungen gegen den Strom eines dramatischen Trends. Analytisch gesehen denke ich nicht monokausal, aber, wenn man einen Hauptfaktor benennen möchte, dann ist es das Ausmaß der globalen wirtschaftlichen Entwicklung, das zahlreiche wachsende Zentren für Kompetenz und Macht hervorgebracht hat. Das bedeutet, dass zahlreiche Akteure nun verschiedene Formen der Machtpolitik betreiben können, die ihnen zuvor nicht möglich waren. Der dramatischste Fall ist China, doch auch Indonesien, die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Brasilien überschreiten bestimmte Schwellenwerte und bilden eine neue polyzentrische Ordnung.

Der italienische Marxist Antonio Gramsci prägte den denkwürdigen Satz: „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue kämpft um ihre Geburt. Es ist die Zeit der Monster.“ Er versuchte zu erklären, dass man ohne Krise keine Gelegenheit haben kann.

Die Krise des globalen Kapitals und der Hegemonie der USA bedeutet sowohl große Risiken als auch große Chancen. Der geopolitische Konflikt zwischen den USA und China, der sich als zentrales Merkmal der kommenden Zeit herauskristallisiert, birgt die Gefahr eines Krieges. Er könnte jedoch auch den Weg zu einer Welt eröffnen, in der Macht dezentraler verteilt wird. In dieser Welt könnten kleine, traditionell benachteiligte Akteure aus dem Globalen Süden größere politische und wirtschaftliche Handlungsspielräume erhalten, indem sie die Supermächte gegeneinander ausspielen. Dadurch könnte durch Zusammenarbeit eine wirklich multilaterale Ordnung in einer multipolaren Welt entstehen, anstatt dass sie einseitig oder durch liberale Hegemonie aufgezwungen wird.

Wer in Bandung ungehört blieb…

Der Vorstoß des Globalen Südens zur Parität mit dem Globalen Norden seit Bandung hat Fortschritte und Rückschritte, offensive und defensive Phasen erlebt. Bandung entstand in einem Moment des antikolonialen Bewusstseins. Heute ist zwar der größte Teil der Welt von direkter kolonialen Kontrolle befreit, aber das Erbe des Siedlerkolonialismus behindert nach wie vor die Wirtschaft Südafrikas, Simbabwes und einiger anderer Länder in Afrika südlich der Sahara. Das ungeheuerlichste Beispiel für das Fortbestehen des Kolonialismus ist jedoch Israel, das nach wie vor mit massiver Gewalt die Rechte des palästinensischen Volkes verletzt, in Gaza einen Völkermord begeht und als äußerst destabilisierende Kraft im Nahen Osten wirkt. Israel wird von den Vereinigten Staaten, den ehemaligen Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien sowie von Deutschland massiv unterstützt – wie hervorgehoben werden muss.

Die antikoloniale Mission von Bandung bleibt unvollendet. Jedoch hat der Globale Süden das Gleichgewicht zu seinen Gunsten verschoben. Das bedeutet nicht, dass das Nord-Süd-Gefälle keine Rolle mehr spielt. Aber es bedeutet, dass es durchlässiger geworden ist und wahrscheinlich zunehmend von anderen Beziehungen in einer definitiv multipolaren Welt aufgewogen oder überschattet wird, da sich die USA und Europa zunehmend voneinander entfernen und die USA unter Trump ihre Energien wieder auf ihre Rolle als Regionalmacht konzentrieren.

Der beste Weg, den Geist von Bandung voranzubringen, besteht darin, über seine politischen, ideologischen und organisatorischen Grenzen hinauszugehen. Die meisten Regierungen des Globalen Südens sind zwar nicht mehr den Kolonialmächten verpflichtet, aber viele werden von politischen und wirtschaftlichen Eliten beherrscht, die den Großteil der Bevölkerung im Griff haben. Den Geist von Bandung aufrechtzuerhalten bedeutet, sich nicht nur zu verpflichten, das Land von Kolonialismus und Neokolonialismus zu befreien, sondern auch dafür zu sorgen, dass die Stimmen, die in Bandung unbeachtet blieben – die Stimmen der Frauen, der Bauern, der indigenen Gruppen, des Planeten – gehört werden und ihre Interessen an die erste Stelle der Agenda für den Wandel gestellt werden.

Dies ist eine stark gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung des Artikels „The Long March from Bandung to the BRICS„, erschienen bei Focus on the Global South am13. März 2025. Der Originalbeitrag entstand unter Mitarbeit von Shalimali Guttal.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Mustafa Kurşun und Jörg Schwieger

Dies ist Teil II des Artikels. Teil I ist hier zu finden.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2025, Deutschland, Indonesien,
Autor*in:

Politische Visionssuche

Indonesien/Südostasien/Deutschland: Das Indonesien-Programm der Deutschen Welle würdigt 40 Jahre südostasien. Wir haben den Beitrag aus dem Indonesischen für euch übersetzt.

Dieses deutsche Magazin verkauft keine Werbung, setzt nicht auf Clickbait – und besteht dennoch seit 40 Jahren. südostasien ist vielleicht kein Lieblingsmedium für Investor:innen, aber ein Zuhause für Aktivist:innen und die Stimmen von Minderheiten aus Südostasien.

Während viele Indonesier:innen begeistert Reels schauen oder durch TikTok scrollen, berichtet das Redaktionsteam von südostasien weiterhin über Sandabbau, Landraub und ähnliche Themen in Indonesien und weiteren Ländern Südostasiens.

Meilenstein für die südostasien

2025 markiert einen wichtigen Meilenstein für die südostasien. Das unabhängige Magazin feiert sein 40-jähriges Bestehen. Das Magazin wird von der Stiftung Asienhaus und dem philippinenbüro herausgegeben und versteht sich als ein beständiges öffentliches Forum, das wichtige Themen aus und über Südostasien an Leser:innen in Deutschland und Europa vermittelt.

Aus der Initiative der 1980 gegründeten „Südostasien Informationsstelle“, einer Institution für Information und Bildung, ging südostasien hervor. Die Nullnummer der Südostasien Informationen erschien 1984, die erste ‚offizielle‘ Ausgabe folgte 1985. Seither erscheint das Magazin periodisch und liefert Berichte und kritische Bewertungen aus Südostasien.

Die Stiftung Asienhaus ist bekannt für die Förderung des kulturübergreifenden Dialogs und globaler Solidarität mit Fokus auf Asien. Geschäftsführerin Monika Schlicher sagt, es habe in den letzten Jahren viele Veränderungen in den Ländern Südostasiens gegeben: „Wir begleiten die Zivilgesellschaften in der Region. Mit dem Magazin südostasien machen wir ihre Stimmen hörbar, indem wir sie interviewen und sie bitten, eigene Beiträge zu verfassen. Wir publizieren diese Beiträge für die deutschsprachige Gesellschaft.“

Perspektiven der Betroffenen

Das Magazin ist für seine direkte Zusammenarbeit mit Aktivist:innen, Akademiker:innen und Journalist:innen aus Südostasien sowie der südostasiatischen Diaspora in Europa bekannt. Die meisten Artikel berichten über direkte Erfahrungen vor Ort und enthalten exklusive Interviews, kritische Meinungen und Betrachtungen zu Kultur und Politik.

Raphael Göpel, in der Stiftung Asienhaus zuständig für Indonesien und Kambodscha, sagt: „Dieses Magazin ist einzigartig im deutschsprachigen Raum, weil es Berichte aus Indonesien und anderen Ländern Südostasiens direkt von Autor:innen der Region liefert.“

Anett Keller, Koordinationsredakteurin der südostasien, sagt, dass sich zu wenige Menschen in Deutschland für Indonesien interessierten. Jedoch verfolgten Vertreter:innen der Zivilgesellschaften beider Länder dasselbe Ziel: Sie wollen eine gerechtere Welt und setzen sich für Umwelt-, Menschenrechts- und Sozialthemen ein. „Die südostasien ist ein Medium, das in Solidarität mit den Zivilgesellschaften Indonesiens und weiterer Länder Südostasiens zusammenarbeitet. Die Menschen, die sich dort und hier engagieren, arbeiten gemeinsam für eine bessere Welt“, betont sie.

Raum für Länderübergreifende Themen

In jeder Ausgabe des Magazins stehen Länder wie Indonesien, die Philippinen, Thailand, Myanmar, Vietnam, Malaysia, Singapur, Laos und Timor-Leste im Mittelpunkt. Das Magazin bietet auch Raum für Länderübergreifende Themen wie die Klimakrise, Menschenrechte, Demokratisierung, Feminismus, Migration und den Widerstand gegen den Neoliberalismus.

Majid Lenz, Referent für Myanmar in der Stiftung Asienhaus, erklärt, warum sich Deutschland und Europa für die Probleme in Südostasien engagieren. Er nennt das Beispiel der häufig vorkommenden Ausbeutung im Bergbausektor, zum Beispiel in der Nickelindustrie in Indonesien.

„Europa ist auf Rohstoffe angewiesen. Doch im Bergbau gibt es Probleme für die Arbeiter:innen, die Vertriebenen und die schwindende Natur. Es braucht den progressiven Dialog, denn wir müssen gemeinsam einen Weg finden, eine grüne Transformation zu erreichen, ohne dabei Raubbau in Indonesien oder anderen Ländern zu betreiben“, erklärte er.

Offenes und partizipatives Redaktionsmodell

Das Redaktionsmodell ist partizipativ und setzt auf ehrenamtliche Mitwirkende sowie thematische Gruppen, die je nach Land oder Fragestellung variieren. Der redaktionelle Ablauf wird gemeinschaftlich und auf Basis von Inklusion, ohne strenge Hierarchie, durchgeführt. Anett Keller ist derzeit die Koordinatorin der Redaktion. Sie arbeitet zusammen mit einem Netzwerk aus Beitragenden verschiedener Professionen und Altersgruppen.

Das Magazin liefert nicht nur Berichte, sondern schafft auch einen Raum der Reflexion und Solidarität zwischen den Zivilgesellschaften Südostasiens und Europas. Dem Redaktionsteam der bis 2018 gedruckt erschienenen Ausgabe war bewusst, dass es im digitalen Zeitalter zunehmend schwierig ist, Menschen mit einem Printmedium für wichtige Themen, die sie betreffen, zu interessieren. 2018 wurde die südostasien daher zu einer digitalen Open-Access-Plattform gewandelt. Diese Veränderung ermöglicht einen breiteren und offenen Zugang ohne Abonnement und erweitert zugleich die Leserschaft auf die südostasiatische Diaspora sowie auf internationale Gemeinschaften, die an der Region interessiert sind.

40-jähriges Jubiläum

Das 40-jährige Jubiläum der südostasien fand am 5. Juli in Köln im Rahmen des Asientages statt, der den Titel „Macht, Medien und Menschenrechte“ trug. Es wurden verschiedene Themen diskutiert, darunter die Situation der Rohingya in Myanmar, Basisbewegungen auf den Philippinen, Geschlechterfragen in Timor-Leste sowie die Entwicklung der Medien in Indonesien. Es wurde Kritik an ungerechten globalen Wirtschaftsbeziehungen sowie an geopolitischen Veränderungen geäußert, die die Bevölkerung Südostasiens betreffen.

Das Jubiläum war nicht nur eine Gelegenheit, zurückzublicken, sondern auch, eine neue Vision zu entwickeln: Wie kann die südostasien in Zukunft im Kampf für Zivilrechte relevant bleiben?

Raphael Göpel, Mitglied des Redaktionsteams, betont, dass das Magazin nach 40 Jahren noch immer relevant ist, weil sich Fragen nach Umwelt, Landraub und Redefreiheit noch immer stellen und in den sozialen Medien weiterhin diskutiert werden. Er nennt das Beispiel Indonesien: „Es gibt selbstverständlich verschiedene Aspekte von Menschenrechten, aber wir sehen auch, dass es insbesondere in Papua in Bezug auf die Sicherheitslage und die Konflikte vor Ort bereits zu einer Eskalation gekommen ist. Wir betrachten dies mit großer Sorge und aus menschenrechtlicher Perspektive. Internationale Journalist:innen und Hilfsorganisationen sollten Zugang nach Papua erhalten dürfen“, betont er.

Ein Forum, das sich weiterbewegt

Während der Podiumsdiskussion zum Jubiläum der südostasien betont Hendra Pasuhuk, dass die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) großen Einfluss auf die Medien habe: „Wir müssen aufmerksam sein. Selbstverständlich kann sich die Medienbranche der Entwicklung der KI nicht entziehen. Allerdings ist die Rolle der Journalist:innen hinsichtlich ihrer Verantwortlichkeit für die Gesellschaft nach wie vor von großer Bedeutung, um die Demokratie zu fördern“, so Hendra.

In einer Welt, die zunehmend von schnellen und oberflächlichen Informationen dominiert wird, bleibt die südostasien ein Raum der Reflexion, in dem den Stimmen Gehör geschenkt wird, die selten eine Bühne bekommen. Mit seinem offenen und partizipativen Format zeigt das Magazin, dass alternative Medien nach wie vor sehr relevant sind. südostasien ist seit 40 Jahren nicht nur ein Magazin, sondern auch eine Brücke der Solidarität, eine Erinnerung an die Bedeutung der Perspektiven des Globalen Südens und ein lebendiger Dialograum zwischen Asien und Europa.

Dieser Artikel erschien zuerst am 11. Juli 2025 auf Indonesisch bei der Deutschen Welle (DW). Wir danken der DW für die freundliche Genehmigung zur Publikation in der südostasien.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Mustafa Kurşun

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2025, Deutschland, Indonesien,
Autor*in:

Politische Visionssuche

Südostasien: Vor 80 Jahren endete der zweite Weltkrieg. Die sexualisierte Gewalt japanischer Militärs ist bis heute kaum aufgearbeitet.

Vom 8. März bis 30. Juni 2025 war die Wanderausstellung „Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ erneut in Köln zu sehen. Knapp 16 Jahre nach dem Start bildete dies den Abschluss eines Langzeitprojekts von recherche international e.V. zur Erforschung der Folgen des Zweiten Weltkriegs für die Dritte Welt. Teile der Ausstellung sind in einer Online-Version weiterhin öffentlich zugänglich.

Die Ausstellung und das umfangreiche Begleitprogramm wurden mitgestaltet und getragen von einer Vielzahl von Organisationen, darunter die Stiftung Asienhaus und das philippinenbüro. Besonderer Raum wurde dabei den Leidenswegen der so genannten ‚Trostfrauen‘ gegeben.

Dieser euphemistische, durch japanische Beamte geprägte Begriff steht für etwa 200.000 Mädchen und Frauen aus China, Korea sowie von Japan besetzten südostasiatischen Ländern, die in Militärbordelle verschleppt und dort zwangsprostituiert wurden.

Bis heute keine Entschuldigung

Bis heute gibt es seitens der japanischen Regierung keine offizielle Entschuldigung gegenüber den Frauen.

Im Fall der am 8. März 2025 enthüllten Gedenkstatue vor dem Kölner NS-Dokumentationszentrum zeigte sich erneut die Haltung der japanischen Regierung, wenn es um die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit geht. Wie zuvor schon in Berlin, wurde Druck auf die örtlichen Behörden ausgeübt, die Friedensstatue – eine Kopie der ‚Trostfrauen‘-Skulptur des Künstlerehepaars Kim zum Gedenken an die 1000. Gedenkdemonstration vor der japanischen Botschaft in Seoul 2011 – nicht aufzustellen. Nach Protest der Veranstaltenden, wurde die Statue doch vor dem NS-Dokumentationszentrum aufgestellt und nicht, wie von der Stadt vorgesehen, hinter den Gemäuern der benachbarten Kirche St. Maria.

Das Erinnern muss weitergehen

Die Enthüllung der Statue begleitete den Auftakt der Ausstellung von Porträts indonesischer ‚Trostfrauen‘ des Fotografen Jan Banning und der Journalistin Hilde Janssen. Die Frauen, die auf diesen Bildern zu sehen sind, kommen im Dokumentarfilm „Because we were beautiful“ zu Wort. Für viele von ihnen war es die letzte Gelegenheit, öffentlich zu sprechen. Denn inzwischen sind die meisten der Frauen verstorben.

Im Film „Because we were beautiful“ kommen elf Frauen aus Indonesien zu Wort, die die sexualisierte Gewalt japanischer Militärs überlebt haben.

Auch die südostasien hat in ihrer 40jährigen Publikationszeit immer wieder der Aufarbeitung der Vergangenheit und den Lebenswegen der „Trostfrauen“ Raum gegeben. „Die 80-jährige Frau, die mir gegenübersitzt, lächelt entschuldigend. Wir sitzen auf der Terrasse eines ruhigen Hotels, malerisch am Fuß eines Vulkans in Zentraljava gelegen. Ihre Augen zwinkern nervös. Mir scheint, sie würde sich am liebsten in Luft auflösen. Sie war ein junges Mädchen, gerade mal 13, als sie in den Baracken neben ihrem Dorf festgehalten und regelmäßig von japanischen Soldaten vergewaltigt wurde. Immer wieder versagen ihr die Worte. Was löse ich aus bei diesen Frauen, während ich in einer Vergangenheit wühle, die sie seit Jahrzehnten versuchen zu vergessen. Warum tue ich das?“

Staatlich angeordnete sexualisierte Gewalt

Mit diesen Sätzen, erschienen in Ausgabe 3/2011 „Das kann’s doch nicht gewesen sein! Geschichte und Vergangenheitsbewältigung in Südostasien“ reflektiert die Journalistin und Anthropologin Hilde Janssen ihre Begegnungen mit betroffenen Zeitzeuginnen aus Indonesien. Sie beschreibt, wie die damals zum Teil erst elf oder 13 Jahre alten Mädchen Opfer der sexuellen Versklavung durch japanische Militärs wurden. Diese Versklavung wurde als Politik deklariert, die „den Geist der Truppe [] stärken, Recht und Gesetz aufrecht [] erhalten und Vergewaltigungen und Geschlechtskrankheiten [] vermeide[n]“ sollte.

Vergewaltigungen vermeiden? Angesichts des Leids der „Trostfrauen“ eine äußerst makabre Argumentation. Mädchen wie Ronasih* (* alle Namen wurden von Janssen zum Schutz der Frauen verändert), deren traumatisierende Erfahrungen im obenstehenden Zitat geschildert werden, wurden durch japanische Militärs entführt oder sie folgten dem falschen Versprechen eines Arbeitsplatzes. Letztendlich landeten sie alle in einem Apparat systematischer Vergewaltigung.

Scham sorgt für Ausgrenzung

Die 1927 geborene Iteng* berichtete im Gespräch mit Janssen, wie Sie im Alter von 15 Jahren von Soldaten verschleppt und in ein Bordell nach Sukabumi verschleppt wurde. Selbst nach schwerer Krankheit musste Sie einem Offizier, der sie „zur Heilung“ mit zu sich nach Hause genommen hatte, bis zum Kriegsende „dienen“. Danach kehrte sie nicht mehr in Ihr Dorf zurück. Denn es waren nicht etwa die Täter, die sich schämten, sondern die Opfer.

Viele ehemalige ‚Trostfrauen‘ wurden anschließend auch von ihrem sozialen Umfeld stigmatisiert. Als Reaktion darauf verschwiegen viele Frauen, was ihnen angetan worden war.

Staatliches Schweigen

Geschwiegen wurde auch von den Tätern, auf individueller und auf staatlicher Ebene. Zwar wurden durch die nach Indonesien zurückgekehrte niederländische Kolonialregierung etlichen japanischen Militärs vor dem Netherlands Temporary Court-Martial wegen der Zwangsprostitution von europäischen Frauen der Prozess gemacht. Allen nicht europäischen Betroffenen wurde jedoch keine Beachtung geschenkt.

Auch während der Reparationsverhandlungen zwischen den Nachfolgerstaaten der Leidtragenden (in den zuvor von Japan besetzten Gebieten) und der neuen japanischen Regierung in den Jahrzehnten danach, sei das Thema der ‚Trostfrauen‘ kein einziges Mal behandelt worden, kritisiert Janssen in ihrem Artikel.

Kollaborateure in politischen Ämtern

Eine der Ursachen für das staatliche Schweigen dürfte sein, so Karl Rössel in einem ebenfalls in südostasien 3/2011 erschienenen Artikel, dass in vielen der ehemals durch Japan besetzten Ländern in der Nachkriegszeit Kollaborateure politische Karriere machten.

Auch wurde infolge Japans wirtschaftlichem Aufschwung in vielen südostasiatischen Ländern auf eine Normalisierung der politischen Beziehungen hingearbeitet und Kritik unterdrückt.

Erst als 1991 die Koreanerin Kim Hak-sun in einer Fernsehsendung das Schweigen brach, wurde das Thema erstmals wieder wirklich öffentlich thematisiert. Im Kampf um ein offizielles Schuldeingeständnis, sowie einer Wiedergutmachung seitens Japans, blieb den Frauen lange (teilweise bis heute) die Unterstützung der eigenen Regierungen aus.

Staatliche Abkommen

Im Fall der indonesischen Regierung schloss 1996 die damalige Ministerin für Soziales, Inten Soeweno, mit dem im Vorjahr eingerichteten Asia Women Fonds (AWF) einen Vertrag, der anstelle von Zahlungen an die ehemaligen ‚Trostfrauen‘, einen Betrag von 380 Millionen Yen (rund fünf Millionen DM) an die Regierung beinhaltet. Der AWF ist ein von der japanischen Regierung eingerichteter Fonds, in welchen neben einer Summe von 4,8 Milliarden Yen (rund 65 Millionen DM) seitens der Regierung auch von nichtstaatlicher Seite eingezahlt wurde. Der Fonds war zunächst nur für Opfer aus Südkorea, Taiwan, den Philippinen und den Niederlanden gedacht. Während mit der damaligen chinesischen Regierung keine passende Vereinbarung getroffen werden konnte, wurde in Indonesien Protest durch Aktivist:innen laut, welche seitens der indonesischen Regierung zu eben jener Reaktion führte.

Reaktionärer Backlash in Japan

Der AWF stand seitens der Betroffenen und Unterstützerorganisationen stark unter Kritik. Diese bestand etwa aus den Vorwürfen, dass der Fonds keine offizielle Entschuldigung seitens der japanischen Regierung darstelle. Der AWF wurde schließlich am 31. Juli 2007 endgültig aufgelöst, ohne dass ernsthafte Bemühungen von offizieller Seite um eine aufrichtige Entschuldigung und Aufarbeitung stattfanden. Im Gegenteil: mit der Regierung unter Shinzo Abe wurden japanische Kriegsverbrechen, wie die sexuelle Versklavung, relativiert.

2014 wurde von einer der größten japanischen Zeitungen, Yomiuri Shinbun, eine Entschuldigung veröffentlicht, in der versprochen wurde, in der englischsprachigen Ausgabe den Begriff „Sexsklavinnen“ nicht mehr zu verwenden. Die Argumentation dahinter war, dass der Begriff irreführend sei und impliziere, dass die Frauen gegen ihren Willen in den Militär-Bordellen gearbeitet hätten; eine Tatsache die von der Yomiuri Shinbun Zeitung gleichlautend mit der Abe-Regierung als „nicht nachgewiesen“ abgetan wurde.

Im darauffolgenden Jahr einigten sich die japanische und die südkoreanische Regierung, vertreten durch die Außenminister Fumio Kishida und Yun Byung Se, auf ein Abkommen bezüglich der ‚Trostfrauen‘, welches einen Schlussstrich unter die Thematik setzen sollte. Dies war ein weiterer Rückschlag für die politische und gesellschaftliche Aufarbeitung. Vor allem wurde den überlebenden eine letzte Möglichkeit genommen, zu Lebzeiten eine angemessene Entschuldigung, sowie eine aufrichtige Anerkennung ihres Leids zu erfahren.

Bei den Regierungen Japans und der südostasiatischen Länder hat sich bis heute kaum etwas bewegt. Einzig in Südkorea konnten betroffene Frauen oder ihre Kinder erfolgreich vor Gericht klagen.

Solidarität mit den betroffenen Frauen

80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bleibt es wichtig, die Erinnerung an die Leidenswege der ‚Trostfrauen‘ wachzuhalten. Die meisten der Frauen sind inzwischen verstorben und können nicht mehr selbst als Augenzeug:innen berichten. Umso wichtiger ist es, so wie es in Deutschland die AG Trostfrauen des Korea Verbands tut, mit Statuen, Ausstellungen, Filmen, Artikeln und weiterer Informations- und Bildungsarbeit gegen sexualisierte Gewalt und für die Anerkennung des Leids der Opfer zu kämpfen.

Auch hierzulande, trotz der so oft gerühmten ‚deutschen Erinnerungskultur‘, wird die Arbeit dieser Verbände seitens des Staates kaum unterstützt; ganz im Gegenteil: Zu Beginn des Jahres musste der Korea Verband den weiteren Verbleib der Gedenkstatue „Ari“ gegen die Bezirksverwaltung Berlin-Mitte vor Gericht erkämpfen. Zwar entschied das Verwaltungsgericht Berlin, dass die Statue bis zum 28. September nicht entfernt werden darf. Für die Zeit danach besteht jedoch keine Sicherheit.

Friedensstatue im Bonner Frauenmuseum

Die bis Ende Juni vor dem Kölner NS-Dokumentationszentrum aufgestellte Statue „Đông Mai“ hat inzwischen einen dauerhaften Platz gefunden. Der vietnamesische Name Đông Mai steht für die widerstandsfähige Pflaumenblüte (Mai) und die Beständigkeit von Bronze (Đông). „Diese Verbindung steht für die unerschütterliche Stärke und das Durchhaltevermögen der Betroffenen, an die die Friedensstatue erinnert“, so der Korea-Verband.

Die Statue ist nun Teil der Dauerausstellung des Bonner Frauenmuseums. Das 1981 gegründete Museum – das erste seiner Art weltweit – macht Frauen und ihre Geschichten in Kunst, Geschichte und Gesellschaft sichtbar. Mit der Aufstellung im Innenhof des Frauenmuseums werde „Đông Mai“ Teil eines Ortes, der sich seit Jahrzehnten mit Widerstand, Gerechtigkeit und Aufarbeitung befasse, so der Korea Verband. Mit seinem Fokus auf feministische Perspektiven und kritische Erinnerungskultur böte das Museum der Friedensstatue einen besonders passenden Rahmen.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2025, Deutschland, Indonesien,
Autor*in:

Politische Visionssuche

Südostasien/Deutschland: Grußworte zum 40jährigen Jubiläum der südostasien – und Impressionen unserer Feier am 5. Juli in Köln

„Vier Jahrzehnte kritische Begleitung, lebendiger Austausch und politische Wachsamkeit, das ist alles andere als selbstverständlich.

Als die Südostasien Informationen vor 40 Jahre begannen, war die politische Welt noch eine andere: Kalter Krieg, Blockkonfrontation, autoritäre Regime, wirtschaftliche Interessen, die selten hinterfragt wurden. Wenn über den globalen Süden berichtet wurde, dann eher zu lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern. Entwicklungen in Hanoi, Jakarta oder Manila standen seltener im Mittelpunkt. Die Südostasien Informationen begannen konsequent diese Lücke zu füllen, nicht als neutrale Beobachterin, sondern als engagierte Stimme: für soziale Gerechtigkeit, für Menschenrechte, für die Perspektiven der Zivilgesellschaft in Südostasien. Und das ist bis heute so geblieben.

In diesem Sinne ist die südostasien kein bloßes Magazin, sondern auch ein Raum – früher physisch, gedruckt, heute online. Ein Resonanzraum für Stimmen aus der Region; nicht nur über Südostasien, sondern aus Südostasien. Mit Beiträgen von Aktivistinnen und Aktivisten, Forschenden, Kulturschaffenden und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die oft unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Und gerade das macht ihre Aussagen so wertvoll: Sie sind authentisch, sie sind kritisch, und sie kommen nicht selten aus Kontexten, in denen Mitbestimmung und Meinungsfreiheit keine Selbstverständlichkeit sind.

Gerade in Zeiten, in denen autoritäre Tendenzen, shrinking spaces und globale Krisen die Zivilgesellschaften unter Druck setzen, bietet die Zeitschrift einen dringend benötigten Raum für Austausch, kritische Perspektiven und solidarischen Dialog.

Mit ihrer bewusst niedrigschwelligen und offenen Struktur schafft sie es, ein Sammelbecken für engagierte Menschen mit Bezug zu Südostasien zu sein – von Journalist*innen über Wissenschaftler*innen bis hin zu Aktivist*innen.

Uns bei Misereor bereichert die südostasien durch fundierte und gut recherchierte Hintergrundanalysen, komprimiert und gut lesbar. Dabei gelingt es der südostasien immer wieder „blinde Flecken“ zu identifizieren, und Geschichten zu erzählen die außergewöhnlich sind, direkt von den Menschen vor Ort kommen und die sich mit Problemen und Themen beschäftigt, die sonst nicht viel Öffentlichkeit bekommen.

Die redaktionelle Arbeit, die sich weitgehend ehrenamtlich trägt, steht für inhaltliche Vielfalt und regionale Tiefe. Das Online-Format hat die Reichweite gesteigert – über 170.000 Zugriffe im vergangenen Jahr ist eine beeindruckende Zahl.

Auch die Themen, die hier aufgegriffen werden, treffen einen Nerv. Nicht nur bei Fachpublikum, sondern auch bei Studierenden, bei Engagierten in der Bildungsarbeit, bei politisch Interessierten. Und das ist gut so. Denn wenn wir über globale Gerechtigkeit reden, dann brauchen wir auch eine informierte Öffentlichkeit – hier und in Südostasien.

Zum 40. Geburtstag wünschen wir von Misereor der Zeitschrift südostasien, dass sie diese Haltung bewahrt: das kritische Auge, die solidarische Perspektive, den Mut zur Komplexität. Und wir wünschen allen, die an dieser Zeitschrift mitwirken – sei es als Autor:innen, als Leser:innen, als Redakteur:innen, als Kooperationspartner:innen – dass sie weiter Gehör finden, weitergelesen und weiter diskutiert werden.

Denn wenn wir eines gelernt haben, in der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, nicht nur, aber auch in Südostasien, dann, dass eine gerechte Zukunft gute Informationen braucht, ebenso wie eine engagierte Zivilgesellschaft Medien braucht, die ihre Stimmen transportieren und verstärken; ob gedruckt oder online. Zivilgesellschaft braucht offene Räume. Und die südostasien ist so ein Raum. Seit 40 Jahren.

Dafür ein herzliches Dankeschön – und alles Gute für die nächsten 40!!“

Elmar Noé, Abteilungsleitung Asien-Ozeanien, Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.V.

Informativ und belebend

„Herzlichen Glückwunsch für den langen Atem und die informativen wie belebenden Beiträge über vier Jahrzehnte aufmerksamer Arbeit!

Die Wahrnehmung und Beschäftigung mit Fragen aus und über Südostasien sind nach meiner Erinnerung an die 1980er Jahre damals lebhafter gewesen als heute. Es gab Initiativen, unter anderem in Bochum, die engagiert und kreativ Programme und Aktivitäten verfolgten (wie beispielsweise die Ellweins), um sowohl für interessierte Fachleute als auch die Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit auf die Region zu wecken und aufrecht zu erhalten.

Die Publikationen helfen uns durchzublicken. Vielen Dank!“

1984 erschienen die Südostasien-Informationen [später in südostasien umbenannt, d.R.], neben denen es aus Frankfurt noch IMBAS und aus Berlin SUARA von Watch Indonesia gab. Das Asienhaus trug mit seinen Publikationen ebenfalls zur kritischen Beschäftigung bei. Vor allem zu kulturellen Themen ergänzte von der Deutsch-Indonesischen Gesellschaft das Magazin kita.

Und südostasien entschied sich wegen der veränderten Kommunikationsstrukturen schließlich, nur noch online zu gehen. Ein wagemutiger und kluger Entschluss.

Ich weiß die aktuellen Berichte und Analysen zu schätzen. Die Publikationen helfen uns durchzublicken. Vielen Dank!“

Karl Mertes, ehemaliger Vorsitzender der Deutsch- Indonesischen-Gesellschaft Köln

Forum für marginalisierte Stimmen

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich und meine indonesischen Exil-Kollegen in Dortmund und Bochum von deutschen Freunden informiert wurden, die damals die Initiative zur Gründung der Südostasien Informationsstelle (SOAI) ergriffen. Natürlich haben wir die guten Absichten dieser deutschen Freunde sehr begrüßt und voll unterstützt und wir wurden schließlich Gründungsmitglieder.

Neben der Veröffentlichung einer Zeitschrift wurde die SOAI für uns indonesische Exilanten zu einem legalen Forum für Organisationen, um mit unseren Kampfgefährten in Indonesien in Kontakt zu treten. Nachdem die bestehenden politischen Parteien aufgelöst und durch Marionettenparteien unter der Kontrolle des Suharto-Regimes ersetzt worden waren, konnten wir legal nur noch über Nichtregierungsorganisationen miteinander kommunizieren. Dabei mussten wir jedoch mit großer Vorsicht vorgehen, um die Sicherheit unserer Familien in Indonesien nicht zu gefährden. Über das SOAI-Forum konnten wir dann sogar prodemokratische Aktivisten nach Europa einladen. In solchen Treffen versuchen wir, Vertreter indonesischer Studierender einzubeziehen, die in Europa studieren.

Wir sind uns bewusst, dass unsere Bewegungen und Aktivitäten im Ausland ein Spiegelbild der Demokratiebewegung in Indonesien sind und untrennbar mit ihr verbunden.

Abschließend möchte ich meinen Freunden, die sich weiterhin für die Herausgabe der Zeitschrift einsetzen und den treuen Leser:innen zum 40. Jubiläum der Zeitschrift südostasien gratulieren. Hoffentlich leistet die Zeitschrift auch weiterhin positive Beiträge, um den Demokratisierungsprozess in Südostasien voranzutreiben, eine demokratische, sozial gerechte Gesellschaft zu schaffen und einen nachhaltigen Umweltschutz zu gewährleisten.

Arif Harsana, Gründungsmitglied der Südostasien-Informationsstelle

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2025, Deutschland, Indonesien,
Autor*in:

Politische Visionssuche

Südostasien/Deutschland: Leser:innen, Autor:innen und Redakteur:innen der südostasien würdigen ihre ganz persönliche Lieblingsausgabe

Ausbalanciert, differenziert und scharfsinnig

Ganz besonders gut fand ich die Betrachtungen zu den Vorgängen auf der documenta, die ja wirklich schwierig und sehr komplex waren und wo es viele sehr extreme Ansichten gab sowohl von der einen wie auch von der anderen Seite. Und das finde ich herausragend, wie gut das ganze Thema in der südostasien behandelt wurde, wie ausbalanciert, wie differenziert und vor allem auch, wie scharfsinnig. Texte aus der Ausgabe 1/2022 „It´s the collective, stupid! – Zeitgenössische Kunst in Südostasien“ nutze ich sehr gerne, wenn jemand auf Indonesien vorbereitet wird und vor allem im politischen Bereich tätig ist, zum Beispiel jemand von einer politischen Stiftung. Das wird dann auch anerkannt, dass da in der südostasien hohe Qualität geliefert wird.

Sebastian Kelbling arbeitet freiberuflich als Dozent, Trainer und Berater für Interkulturelle Kompetenz und internationale Entwicklungszusammenarbeit und nutzt in diesem Zusammenhang regelmäßig die südostasien

Mutige, erfolgreiche, selbstbewusste Frauen

Ich mag die Ausgaben aus den späten 1990er und frühen 2000er Jahren, als Südostasien enorme politische Umbrüche verzeichnete. Die Titelwahl der Ausgaben fand ich besonders gelungen, so zum Beispiel „Miss Erfolg“, eine Ausgabe zu Frauen in Südostasien (Bd. 17 Nr. 3, 2001). Klug gewählte Titel erregen eine ganz besondere Aufmerksamkeit, so war das auch bei diesem Heft. Das Thema „Gender“ war damals noch recht stark von der geschlechtlichen Heteronormativität geprägt; erst später kamen, wenn ich es richtig erinnere, mehr Studien und Artikel zu LGBTQ+ und anderen, im weitesten Sinne queeren Themen in die südostasien. Die Ausgabe auf Frauen in Südostasien zu konzentrieren, war daher 2001 eine Initiative, die etliche wichtige und bis dato weithin vernachlässigte Schlaglichter auf die Situation von Akteurinnen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft richtete. Besonders gut fand ich, dass dabei die „Opferperspektive“, die bei dem Thema so oft im Vordergrund stand (und oft auch noch steht), nicht die dominante war. Im Gegenteil, das Heft enthält eine ausgewogene Anzahl an Beiträgen zu mutigen, erfolgreichen, selbstbewussten Frauen, die bis heute Relevanz haben.

Claudia Derichs, Professorin für Transregionale Südostasienstudien an der Humboldt Universität zu Berlin

Lokalen Akteur:innen eine Stimme geben

Eine meiner Lieblingsausgaben stammt aus dem Jahr 2018, dem ersten Online-Jahr der südostasien. „Bio, Fair und was noch? – Nachhaltige Produkte in Südostasien“ lautet ihr Titel. Die in der Ausgabe versammelten Beiträge – vom Interview mit Biogärtner:innen in Indonesien bis zum Porträt einer widerständigen indigenen Bauerngemeinschaft im Norden Thailands – zeigen die Diversität ökologischer Landwirtschaft in Südostasien und auch die Herausforderungen, denen ihre Protagonist:innen unter dem Druck globalen Wirtschaftens ausgesetzt sind. Für mich zeigt sich in dieser Ausgabe exemplarisch genau das, was die südostasien einzigartig macht: lokalen Akteur:innen und sozialen Bewegungen eine Stimme zu geben und Ansätze für eine ökologisch-soziale Transformation ‚von unten‘ zu beleuchten.

Anett Keller ist seit 2007 ehrenamtlich bei der südostasien aktiv und koordiniert seit 2018 die Redaktionsarbeit

Literatur zeigt die Seele eines Landes

Meine Lieblingsausgabe ist die Ausgabe 3/2015 „Räume der Imagination: Literatur im (Kont)text“ weil ich erinnere, wie sehr es mich gefreut hat, dass das so eine ganzheitliche Südostasien-Arbeit war, also nicht immer nur die „politischen Sachen“. Wir sagten damals, wir können auch etwas zeigen, was Menschen hier kaum kennen, nämlich Literatur, die ja die „Seele eines Landes“ repräsentiert und damit Zugang zu diesem Land ermöglicht. Es hat mich sehr gefreut, daran mitarbeiten zu können!

Niklas Reese, ehemaliger Geschäftsführer des philippinenbüro e.V., ehrenamtlicher Autor der südostasien und Teil der Redaktion der Ausgabe 3/2015

Medienpreis für die südostasien

1990 akquirierte ich Artikel für ein Heft zum Thema „Leben und Überleben in den Metropolen“, das im September 1990 als Nr. 3, Jg. 6 erschien, mit einem von mir geschriebenen Überblicksartikel zum Thema dieses Hefts. Anfang September 1991 erhalte ich unerwartet einen Anruf aus der Pressestelle des BMZ: Ob ich Ende September nach Bonn zur Preisverleihung des Journalistenpreises Entwicklungspolitik kommen könne? „Nein“, sage ich, da sei ich auf Dienstreise. „Ach, das können Sie doch dem Bundespräsidenten nicht antun!“ so die Antwort. Also verschiebe ich meine Dienstreise und nehme Ende September als dritter Preisträger den Journalistenpreis Entwicklungspolitik in Empfang. Natürlich freute ich mich riesig über diesen Preis, zumal ich in der Reihe der Ausgezeichneten der einzige nicht hauptberuflich als Journalist arbeitende Autor war. Und was bedeutete dieser Preis für die Infostelle und die Südostasien-Informationen? Schwer zu sagen. Aber in den nächsten Tagen erschien überall in den deutschen Regionalzeitungen, von Rostock über Nürnberg bis Passau, eine kurze Nachricht: Der Bundespräsident habe in Bonn die Journalistenpreise Entwicklungspolitik verliehen, den ersten Preis an einen Autor von GEO, zwei zweite Preise für einen Artikel in der Zeit und einen im Magazin der FAZ und einen dritten Preis für einen Artikel in den Südostasien-Informationen. Da waren also unsere Südostasien-Informationen – eigentlich immer noch ein Nischenprodukt, noch nicht einmal am Bahnhofskiosk erhältlich – sozusagen in einem Atemzug mit GEO, Zeit und FAZ genannt.

Einhard Schmidt-Kallert, von 1984 – 1986 Vorsitzender der Südostasien-Informationsstelle und Mitbegründer der Südostasien-Informationen (1997 umbenannt in südostasien)

„Ich habe unheimlich viel gelernt“

„Ich habe einige Ausgaben, die ich sehr gerne mochte. An der Ausgabe „#SOAToo. Sexualisierte Gewalt und feministische Gegenwehr in Südostasien“ (3/2020) durfte ich mitarbeiten und besonders war, dass auch meine Frau, Karin Griese (medica mondiale), daran mitgearbeitet hat und wir gemerkt haben, wie gut wir auch inhaltlich zusammenarbeiten können. Ich habe außerdem unheimlich viel darüber gelernt, welche tollen feministischen Ansätze es in Südostasien gibt. Diese „Me too“-Geschichte war eben nicht nur so ein ‚Hollywood-Ding‘ sondern etwas, das um die Welt ging, das überall aufgegriffen wurde. Ich habe zum Beispiel ein Interview geführt mit einer thailändischen Aktivistin, die thematisiert hat, wie stark Sexismus auch in der politischen Bewegung vorherrscht und wie Feminist:innen das herausfordern mit ihrer politischen Praxis.

Oliver Pye, Lehrbeauftragter für Südostasienwissenschaften an der Uni Bonn und langjähriges ehrenamtliches Redaktionsmitglied der südostasien

Einstieg für Klima-Recherche

südostasien, Jubiläum, LieblingsausgabenDie Ausgabe 4/2017 Klima, Kohle und Konzerne diente mir zur Einstiegsrecherche für meine Bachelor-Arbeit, die ich über das Thema „Klimagerechtigkeitsbewegung in Südostasien“ geschrieben habe. In dieser Ausgabe gab es sehr viele Texte, die mir beim Einstieg geholfen haben. Bevor ich wissenschaftliche Fachliteratur herangezogen habe, habe ich mir so einen Überblick verschafft zu den Fragen „Was sind aktuelle Themen?“, „Worin möchte ich mich vertiefen?“

Jessica Riffel hat Asienwissenschaften mit dem Schwerpunkt Südostasien an der Universität Bonn studiert

Plastik, Klimawandel und Diaspora

Die südostasien lese ich aktiv seit über 15 Jahren. Seit 2018 gestalte ich die südostasien aktiv mit – als Herausgeberin für das philippinenbüro und als Redakteurin. Jährlich arbeite ich in einer Kernredaktion mit und betreue maßgeblich die Philippinenartikel. Die Ausgabe 2/2019 „In aller Munde: Plastik in Südostasien“ war die erste Ausgabe, die ich als Teil der Kernredaktion mitgestaltet habe. Im März 2019 reiste ich in die Philippinen und führte Interviews mit zivilgesellschaftlichen Akteur:innen, besuchte Projekte und Communities, unter anderem den Baseco Compound in Manila, und befragte Menschen rund um das Thema Plastik in den Philippinen. Ein Highlight war damals die Rainbow Warrior III von Greenpeace, die im Hafen Manilas lag und als Teil der ‚Break Free From Plastic’-Bewegung auf die Auswirkungen der Plastikverschmutzung aufmerksam machte. Wochen später hielt die Beluga von Greenpeace in Köln als Teil der Kampagne an, sie fuhren den Rhein aufwärts zu Nestle (Schweiz), um das ‚Plastikmonster‘ zurückzubringen. Seit dieser Ausgabe hat sich mein persönlicher Umgang mit Einwegverpackungen und Plastik generell geändert.

Generell arbeite ich immer wieder gern in der südostasien zum Thema Klimawandel, aber auch die Ausgabe 4/2020 Diaspora – Community beyond borders hat mich sehr bewegt. Es ist mir ein großes Anliegen, in der südostasien die Perspektiven und Stimmen aus der südostasiatischen Diaspora in Deutschland und Europa zu verstärken.

Mirjam Overhoff ist seit 2018 Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. und Mitherausgeberin der südostasien; sie ist regelmäßig Autorin und Mitglied von Kernredaktionen

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2025, Deutschland, Indonesien,
Autor*in:

Politische Visionssuche

Vietnam: Der preisgekrönte Dokumentarfilm „Hair, Paper, Water…“ begleitet eine Rục-Frau und würdigt eine aussterbende Kultur und Sprache.

Wenn ich Cao Thị Hậu sprechen höre, entsteht in mir eine unbekannte Zusammenballung aus Vertrautheit und Neugierde. Ihre Sprache scheint vertraut, doch es ist nicht ihr gesprochenes Wort, es ist ihr Klang.

Mit diesem Klang beginnt der Dokumentarfilm „Hair, Paper, Water…“ (Tóc, Giấy và Nước…) Poetisch und rhythmisch benennt Cao Thị Hậu „Nacht, Feuer, Wasser“. Die Übersetzungen ins vietnamesische und englische werden eingeblendet und auch, dass sie Rục spricht. Das Flackern der Flammen, das Geräusch von Tropfen in einer Felshöhle, das Zirpen der Vögel und das Summen der Fliegen werden als ‚Hors d’oeuvre‘ serviert. Der Dokumentarfilm „Hair, Paper, Water…“ feierte beim 78. Filmfestival von Locarno am 14. August 2025 Premiere und gewann den Goldenen Leoparden – Filmmakers of the Present.

„Rục bedeutet Wasser, das durch Felsen und Höhlen sickert.“

Cao Thị Hậu ist eine Rục-Frau und spricht die Sprache, die nur noch wenige hundert Menschen beherrschen. Die Rục sind eine Gruppe des Chut-Volkes. Sie leben im Bezirk Minh Hóa in der Provinz Quảng Trị im nördlichen Zentralvietnam.

Die Farbe Grün

Dort bewegt sich die Protagonistin immer inmitten von Grün – wenn sie ihr dichtes schwarzes Haar in eleganten Handbewegungen bündelt, barfuß Holz auf dem Rücken transportiert, ihre offene Wunde am Knöchel mit Kräutern versorgt. Hier ist Cao Thị Hậu autark und weisungsfrei.

Wenn sie jedoch mitten in Saigon steht – hupende Motorräder und bohrende Baustellen um sie herum – wirkt sie anonym und abwesend. In einer Szene in Saigon sitzt sie lässig am Wasser und raucht, umgeben von Häusern „voller Löcher“, die den Himmel berühren. Dann stellt sie diese großartige Frage: „Was ist das für ein Ort?“ In ihrer Wahrnehmung ist das Leben in einer Höhle solider.

Während die Kaiserstadt Huế und auch die trockene Hạ Long-Bucht in Ninh Bình populäre Reiseziele sind, steht das restliche Zentralvietnam im Hintergrund. Dies geschieht zwar zu Unrecht, kommt jedoch der bisher weitgehend unberührten Landschaft zugute.

„Hair, Paper, Water…“ wurde mit einer Vintage Bolex-Kamera aufgezeichnet. Die verwackelten und gekörnten 16mm Aufnahmen geben den feucht-grünen immerzu nebeligen Berglandschaften etwas Mystisches. Nicolas Graux‘ Kinematographie würdigt seine Hauptdarstellerin, ohne sie zu erheben. Der belgische Filmemacher hat gemeinsam mit dem vietnamesischen Regisseur Minh Quý Trương, der zuletzt durch „Viêt and Nam“ internationale Bekanntheit erlangte, drei Jahre lang Momentaufnahmen aus dem Alltag von Cao Thị Hậu gesammelt. Bei beiden ist die lyrische Handschrift natürlich und ungeniert. Minh Quý Trương hat bereits für seinen 2019 erschienenen Dokumentarfilm Nhà Cây (Das Baumhaus) mit indigenen Gemeinschaften wie den Kor, Hmong und den Rục – so auch mit Cao Thị Hậu zusammengearbeitet.

Cao Thị Hậu ist Uroma. Ihre Enkelin lebt in der Stadt, die immerzu von hängender Wäsche verziert ist. Sie hat ein Kind bekommen. Im Laufe des Films erfahren wir, dass sie sie nicht nur mit ihrer Anwesenheit unterstützt, sondern auch finanziell. Denn das Geld, das die Enkelin und ihr Mann in der Fabrik verdienen, reicht nicht. Das spärlich eingerichtete Zuhause mit dem gefliesten Boden wirkt kühl und farblos. Das Baby mit vollem Haar schreit lautlos. Ein Mädchen auf dem Fahrrad kreuzt immer wieder das Bild. Während sie hintereinander auf kleinen Plastikhockern sitzen, kämmt Cao Thị Hậu ihrer Enkelin liebevoll das Haar.

Gegensätzliche Integration

Zurück an dem Ort, der für Cao Thị Hậu zuhause ist. Sie erzählt von einer (geträumten) Unterhaltung mit ihrer Mutter, die sie nach Hause zurückruft, es warten Arbeit und andere Enkel. Ein Junge erscheint, er hat schief geschnittenes Haar – trotz Besuch im Salon – und fehlende Vorderzähne. Er strahlt Leichtigkeit aus. Er ist der einzige männliche Nachkomme. Cao Thị Hậu ermutigt ihn, die Schule nicht zu versäumen, lesen und schreiben zu lernen, damit er alle Möglichkeiten habe. Er malt daraufhin ein Haus und lernt in der Schule englisch. Draußen vor der Klasse stehen die Schuhe der Kinder, während sie drinnen in Jacken sitzen.

Es sind diese vermeintlich kleinen Schnipsel, die den im 4:3-Format-Film so behutsam machen. Der Clash, der immer wieder willkürlich erscheint, aber wesentlich ist. Land und Stadt, nackte Füße kombiniert mit bunten Einwegregencapes bei der Holzarbeit für die Papierproduktion, das Perlen-Jade-Armband während die Ärmel ihres karierten Hemdes ausgefranst sind und sie sanft mit den Händen durchs Wasser gleitet. Nichts scheint zueinander zu passen, doch fügt es sich zu einer selbstverständlichen Gegenwart.

Denn diese offensichtlichen charakteristischen Unterschiede sind nicht essenziell für die Erzählung. Beinahe beiläufig wird gefilmt, dass die Bücher, die der Enkel liest, in vietnamesischer Sprache sind. Dass er, wie viele bilinguale Kinder, Gefahr läuft, die Mutterzunge zu verlieren. Die Bedrohung einer aussterbenden Sprache wird real. Einer Sprache, die es geschrieben kaum gibt.

Höhlenleben

1959 ‚fand‘ ein Grenzsoldat in Cà Xèng Menschen, die in wasserdurchlässigen Höhlen lebten und die er beschrieb als Menschen, die „mit der Wendigkeit wilder Tiere Klippen und Bäume erklimmen“. Fernab der Zivilisation lebend, ohne Schulen und Kliniken, sich durch Jagen und Sammeln selbst versorgend, habe das zurückgezogene und autonome Leben der Rục Rätselraten ausgelöst, so Đinh Thanh Dự (der sich auf die Kultur ethnischer Minderheiten in Quang Binh spezialisiert hat) und Võ Xuân Trang (Autor von „Die Rục in Vietnam“, 1998). In ihrem viel zitierten Aufsatz über „Das Leben des geheimnisvollsten Stammes der Welt in Vietnam“ wird geschildert, wie die Rục-Gemeinschaft „überzeugt“ wird, „sich im Tal niederzulassen und sich in der Gemeinde Kim Phú anzusiedeln“.

2013 wurden die Rục auf die Liste der zehn am wenigsten bekannten indigenen Völker aufgenommen. 2022 wurden in insgesamt 144 Haushalten 580 Angehörige der Rục gezählt. Trotz der Umsiedlung und der damit einhergehenden Veränderungen im wirtschaftlichen und soziokulturellen Leben, leben die Rục weiterhin im Glauben an die Beseeltheit aller Dinge. So zeigen Untersuchungen der Forschungsarbeit „Kultureller Wandel der Rục im Bezirk Minh Hóa, Provinz Quảng Bình, Vietnam“, dass die Rục sich sukzessive an Industrialisierung und Modernisierung anpassen, ohne dabei ihre kulturellen Werte zu verlieren.

Cao Thị Hậu wurde in einer Höhle geboren. Durch sie lernen wir im Film Pflanzen und ihre Heilkraft kennen, weswegen den Rục immer wieder etwas Magisches nachgesagt wird. Trotz der zurückhaltenden und andeutenden Dokumentation haben die Bilder etwas sehr Vertrautes und Intimes: wenn jede Pore ihrer Haut sichtbar wird, wenn sie voller Überzeugung wie ein Tiger brüllt. Sie ist hemmungsfrei, während sie in ihrer Erscheinung radikal nüchtern agiert. Manche erzählte Anekdoten sind erschütternd, wie die ihrer Geburt. Manche sind fast komisch, wie die des Haarverkaufs für Fischsauce. Oder auch, wenn sie eigenwillig ihren Enkel aus dem Nichts heraus fragt, wen er bei einer Trennung seiner Eltern bevorzugen würde.

Der Film fügt Haar, Papier und Wasser zu etwas Elementaren zusammen. Die Haare signalisieren immer wieder Zuneigung. Das Papier symbolisiert ihren Lebensunterhalt und auch die Zukunft des Enkels, der auf diesem schreibt und lernt. Und da ist das Wasser, von dem sie immer umgeben zu sein scheint. Verschwenderisch schön sind dabei die vielen Grünnuancen mit den lila-blau Pigmenten ihrer Kleidung, sei es das karierte Kopftuch oder das geblümte Áo bà ba (traditionelles Oberteil, welches als Großmutters Hemd übersetzt wird).

Cao Thị Hậu ist mit ihrem Enkel und einem Mann auf einem kleinen Boot unterwegs zu einer der Höhlen. Sie machen zusammen Rast und essen Maisbrot. Er klettert im Gestein herum. Sie lächelt. In einer späteren Szene in der sie nur noch zweit sind, liegen sie im Boot, sie krault ihm den Kopf. Sie spricht Rục, er spricht es nach.

Rezension zu „Hair, Paper, Water…“ (Tóc, Giấy và Nước… ), Nicolas Graux und Trương Minh Quý, 2025, 71 Minuten, Lights On Film

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz