3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
Autor*in:

„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Kambodscha Frauen

Vartey Ganiva im Video ihres aktuellen Songs ‚Chob Cher‘ © Yab Moung Records

Kambodscha: Vartey Ganiva macht in ihren Songs auf Gewalt gegen Frauen und die Situation von Sexarbeiter*innen aufmerksam. Die Aktivistin Un Samphors leitet die Organisation ‚Moms Against Poverty’. Beide Frauen machen Themen öffentlich, die sonst selten gehört werden.

Unsere Interviewpartnerinnen:

Kambodscha Frauen

Visal Sorn, Un Samphors und Vartey Ganiva als Rednerinnen der Podiumsdiskussion: Frauen Gehör verschaffen © Vartey Ganiva

Vartey Ganiva ist eine kambodschanische Sängerin und Songwriterin. Ihre Musik behandelt verschiedene soziale Themen, wie z.B. Armut, Umweltschutz oder sexualisierte Gewalt.

Un Samphors ist die Landesdirektorin von Moms Against Poverty (MAP). Im Rahmen ihrer Arbeit legt sie einen Schwerpunkt auf die Stärkung der Rolle von Frauen und Bildung zu Gendergerechtigkeit.

Beide arbeiten seit mehreren Jahren zusammen und organisierten Anfang 2020 gemeinsam mit dem forumZFD Podiumsdiskussionen zu den Themen Gender, Stereotypen und Women Empowerment in Battambang und Phnom Penh.

Als die #metoo-Bewegung 2017 ins Rollen kam, fand sie zunächst in den USA statt und verbreitete sich dann global weiter. Hatte die Entwicklung auch Auswirkungen auf Kambodscha?

Vartey Ganiva: Um ehrlich zu sein, habe ich das erste Mal davon gehört, als mich ein Journalist nach #metoo fragte. Ich habe es dann gegoogelt und ein Gefühl dafür bekommen, worum es bei #metoo geht und was Frauen einfordern.

Un Samphors: Die Bewegung war nicht sehr bekannt. Obwohl wir natürlich auch von den Strukturen betroffen sind, die die Bewegung verändern will. Die meisten Frauen hier haben vor einigen Jahren begonnen, sich über Gendergerechtigkeit zu informieren und versuchen, die Denkmuster, mit denen sie aufgewachsen sind, zu hinterfragen.

Kambodscha hat in den vergangenen Jahrzehnten schwierige Zeiten durchlebt. Was wisst ihr über die Erfahrungen von Frauen in diesen Konflikten?

VG: Meine Mutter und meine Großmutter haben erst vor kurzem begonnen, über diese Zeit zu sprechen. Ich glaube, die Menschen neigen dazu, mehr zu reden, je älter sie werden. Viele Frauen besaßen nach den Roten Khmer keinerlei Bildung. Wenn Eltern entscheiden mussten, welches ihrer Kinder zur Schule gehen durfte, fiel die Wahl immer auf den Jungen.

Als Folge daraus war der Frauenanteil innerhalb der Regierung sehr gering. Auch meine Mutter durfte nicht studieren. Meine Großmutter sagte immer, dass es ihre einzige Tochter sei, weshalb sie sich große Sorgen um sie mache. Sobald die Frauen verheiratet waren, stand immer der Mann im Mittelpunkt, als Ernährer der Familie.

Darüber hinaus hatten viele Familien Angst vor Vergewaltigung und Missbrauch während der Zeit der vietnamesischen Besetzung. Deshalb wurde den Mädchen nicht erlaubt, das Haus allein zu verlassen. Dadurch, dass nicht klar war, wer das Land regiert, wäre niemand dafür verantwortlich gewesen, wenn etwas passiert wäre.

US: Diese Geschichten zu hören, macht mich wirklich traurig und wütend. Männer hatten immer das Recht, zu tun was sie wollten. Sie konnten ihre Frauen schlagen, sie konnten ihre Affären mit zu sich nach Hause nehmen und kein Mensch hätte sich beschwert. Die Menschen hatten immer nur Angst, wenn es um die Sicherheit der Frauen ging.

In traditionellen kambodschanischen Vorstellungen von Familienbildern werden Frauen oft nur als die Personen angesehen, die für die Hausarbeit verantwortlich sind. Wenn Frauen mit einem Mann ausgegangen wären, hätten die Nachbar*innen sich gefragt, ob sie sich verkaufen. Es wäre ihnen schlicht nicht erlaubt worden, sich ihren Freund oder Ehemann selbst auszusuchen.

Studierende bei einer Podiumsveranstaltung zum Thema Gendergerechtigkeit in Battambang © Vartey Ganiva

VG: Selbst ich durfte, als ich 15 Jahre alt war, nicht allein ausgehen. Vielen Frauen wird gesagt, dass sie keinen Ehemann finden, wenn sie sich nicht an die Regeln halten.

Das hängt auch mit dem Glauben an die Jungfräulichkeit zusammen: Wenn eine Frau keine Jungfrau mehr ist, wird sie als nutzlos betrachtet.

Aber heutzutage gibt es eine Menge Veränderungen in Kambodscha. Frauen sind stark genug, für sich selbst einzustehen und streben danach, zukünftig in vielen Bereichen Führungsrollen einzunehmen. Den Eindruck hatten wir auch bei den Podiumsdiskussionen, die wir geführt haben.

In welchen Kontexten ist Gewalt gegen Frauen heute Teil des Alltags? Welche Machtstrukturen gehen dieser Gewalt voraus?

VG: Kambodschanische Männer neigen oft dazu, ihre Privilegien als selbstverständlich anzusehen. Ein Beispiel dazu von unserem Vortrag in Battambang: Ein Mann dort meldete sich und fragte uns, ob es überhaupt nötig sei, dieses Thema zu behandeln. Es war offensichtlich, dass er sich unwohl damit fühlte, dass nur Frauen auf dem Podium saßen. Er verstand die Diskussion als einen Angriff gegen alle Männer und als einen Versuch, die Männer in Kambodscha zu unterdrücken.

Aber das ist es nicht, was wir wollen. Wir fordern einfach Gleichberechtigung, damit Frauen nicht von ihren Ehemännern, Brüdern oder Vätern abhängig sind. Wir wollen, dass auch Männer Frauen unterstützen, damit diese für sich selbst entscheiden können. Ich muss sagen, dass ich in Kambodscha viele Fortschritte sehe, was das angeht. Auch für Männer gibt es mehr Bildungsangebote zu Gendergerechtigkeit und viele von ihnen unterstützen Frauen. Und auf der anderen Seite zögern Frauen nun weniger, kritische Fragen zu stellen und die Ziele, die sie sich gesetzt haben, zu erreichen.

US: Gendergerechtigkeit kann so viel schneller und besser erreicht werden, wenn sowohl Männer als auch Frauen an diesen Themen arbeiten. Wir wissen, dass Frauen gute Führungspersönlichkeiten sein können, das sehen wir schon von klein auf. Heutzutage ist der Anteil von Frauen an Universitäten in Kambodscha höher als der von Männern.

Männer neigen dazu, Bildungschancen weniger wahrzunehmen, weil sie gewohnt sind, Machtpositionen innerhalb der Gesellschaft zu besitzen. Frauen fordern einfach die gleiche Stellung innerhalb unserer Gesellschaft ein. Das ist das Einzige, was wir versuchen zu erklären.

Ihr wollt, dass Menschen über Fragen nachdenken, die Umwelt, Armut oder andere soziale Probleme betreffen. Kann Musik dabei ein besonderes Mittel sein, diese Anliegen zum Ausdruck zu bringen?

VG: Die Art von Musik, die ich mache, unterscheidet sich von vielen anderen Künstler*innen in Kambodscha. Ich möchte die sozialen Entwicklungen in meinem Land widerspiegeln und die Probleme ansprechen, die ich sehe. Wenn meine Videos im Fernsehen gespielt werden, kann ich damit viele Menschen erreichen. Darüber hinaus teile ich viele meiner Gedanken über soziale Medien mit anderen Menschen.

Musikvideo ,Chob Cher‘ (Stopp den Schmerz) von Vartey Ganiva:

Wovon handelt dein letztes Musikvideo, das im Februar veröffentlicht wurde?

VG: Einer der Schwerpunkte meines neuesten Songs, ,Chob Cher‘ (Stopp den Schmerz), ist Sexualaufklärung und insbesondere Aufklärung über Sexarbeiter*innen in Kambodscha. Ich habe versucht, diese Themen mit einigen Szenen im Video abzubilden. Oft wurde ich gefragt: Wofür steht bitte dieser Büffel in deinem Video? Warum interessierst du dich für Sexarbeit? Vor allem Teenager konnten den Kontext anfangs nicht verstehen.

US: Die Botschaft, die wir vermitteln wollten, richtet sich vor allem an junge Frauen: Habt keine Angst, seid mutig, geht hinaus und setzt eure Träume in die Tat um! Es ist an der Zeit, euer Potenzial zu nutzen und optimistisch in die Zukunft zu schauen.

VG: Natürlich habe ich gutes und schlechtes Feedback für den Song bekommen. Das Argument einiger Menschen war, dass es so viele andere Berufe gibt, dass es keinen Grund gebe, Sexarbeiter*in zu werden. Aber viele bedenken dabei nicht, dass dieser Job leicht zugänglich ist und schnell Geld einbringt. Andere Jobs bringen vielleicht nicht genug Geld, um die Familie zu unterstützen. Daher bleibt vielen Frauen oft nichts Anderes übrig, als ihren Körper zu verkaufen.

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Rotlichtszene aus ,Chob Cher‘: „Viele blicken auf Sexarbeit herab“ © Yab Moung Records

US: Viele Menschen in Kambodscha blicken auf Sexarbeiter*innen herab. Selbst wenn sie ihre Arbeit wechseln wollen, gibt es wenig andere Berufe, in denen sie akzeptiert würden. Viele von ihnen leiden aufgrund der Situation unter psychischen Problemen.

Diese Umstände verschlimmern sich durch die Covid-19 Krise gerade. Einige der Frauen, die vorher in KTVs (Karaoke Bars) oder Restaurants gearbeitet haben, haben ihren Arbeitsplatz verloren und wurden so in die Sexarbeit gezwungen. Sie haben einiges an Geld verdient, das sie nach Hause zu ihren Familien schicken konnten. Diese waren froh darüber, Unterstützung zu erhalten. Aber wenn die Familien erfahren, womit die Frauen ihr Geld verdienen, werden viele von ihnen verstoßen. Dabei kann Sexarbeit eine Basis dafür sein, Geld anzusparen und anschließend eine andere Arbeit zu wählen.

VG: Während unserer Veranstaltung in Battambang fragte ein Mann, warum Frauen einen Job mit einem so schlechten Ruf wählen würden. Eine Frau antwortete: „Nun, an wen verkaufen Frauen denn diese Dienstleistung? Wenn Männer diese Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen würden, wäre diese Art von Einkommen gar keine Option für uns.“

Dazu passt auch das Victim-Blaming in Kambodscha gegenüber Frauen, die vergewaltigt werden. Oft wird Frauen vorgeworfen, zu kurze Röcke zu tragen, anstatt von Männern zu verlangen, sich zu beherrschen. Das ist kein Problem der Frauen, sondern ein Problem der männlichen Bevölkerung. Über lange Zeit wurden diese Denktraditionen einfach nicht in Frage gestellt. Deshalb wollte ich in meinem Video einen Fokus darauf legen, um Sexarbeiter*innen zu repräsentieren.

Was für Reaktionen gab es von den Menschen, die zu euren Veranstaltungen in Battambang und Phnom Penh gekommen sind?

VG: Wir waren sehr beeindruckt von dem Feedback, das wir von den Menschen erhalten haben. Überraschenderweise beteiligten sich viele Mönche an der Diskussion. Ich dachte vorher immer, dass diese Themen für Menschen, die in den Pagoden dienen, eine Art Tabu darstellen.

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Teilnehmer*innen der Veranstaltung: Gendergerechtigkeit durch Bildungsarbeit © Vartey Ganiva

US: Ich war froh zu sehen, wie die Gespräche die Frauen motiviert haben. Sie wirkten nicht nervös oder schüchtern und stellten viele Fragen oder teilten ihre Ansichten über geschlechtsspezifische Ungleichgewichte. Da nicht viele Frauen in Kambodscha in der Lage sind, sich Gehör zu verschaffen, ermutigten uns viele Teilnehmerinnen dazu, ihre Position zu vertreten und mit unserer Arbeit fortzufahren. Sie unterstützen uns sehr und geben uns ein gutes Gefühl bei dem, was wir tun.

Habt ihr Angst davor, durch die Regierung in eurer Arbeit eingeschränkt zu werden?

VG: Eins meiner Lieder, ,Evil Husband‘, durfte tatsächlich nicht im nationalen Fernsehen gespielt werden. Um die Erlaubnis zu bekommen, es zu senden, hätte ich den Titel ändern müssen. Das kam für mich zu keinem Zeitpunkt in Frage. Bei ,Chob Cher‘ sah ich mich keinerlei Einschränkungen durch die Behörden ausgesetzt. Das mag auch daran liegen, dass das Thema Liebe, welches der Song aufgreift, nicht allzu viel mit Politik zu tun hat.

US: Das Verbot von ,Evil Husband‘ ist wirklich sehr ironisch. Das Video enthält eine aufmunternde Botschaft, denn am Ende des Liedes verändert sich der Ehemann zum Besseren. Aber das war für die Behörden scheinbar nicht genug, um den Song zu senden.

VG: Ich werde immer versuchen, meine Texte mit der Situation in Kambodscha und dem politischen Status quo zu verbinden. Mein Hauptanliegen dabei ist es, junge Menschen dafür zu begeistern, Veränderungen für eine bessere Zukunft zu fordern.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Myanmar: Der Schutz vor häuslicher und sexualisierter Gewalt und die Beteiligung von Frauen an sozialen und politischen Veränderungsprozessen stehen im Fokus der Arbeit des Frauenrechtsnetzwerks ‚Women’s League of Burma’ (WLB). Ein Gespräch mit der Vorsitzenden Lway Poe Ngeal über Herausforderungen und Entwicklungen

Welche Erfahrungen haben dazu geführt, dass du dich für Frauenrechte einsetzt?

Ich gehöre zu den Ta’ang, einer ethnischen Gruppe aus Nord-Burma. Seit ich denken kann, gibt es in meinem Dorf Kämpfe zwischen Rebellengruppen und dem burmesischen Militär. Meine Familie und alle Dorfbewohner*innen wurden vertrieben, das Militär brannte unsere Reisfelder nieder und beschlagnahmte unser Eigentum.

In meinem Dorf gab es keine weiterführende Schule. Mädchen konnten nur zur Grundschule gehen. Die Jungen wurden auf weiterführende Schulen geschickt, aber die Mädchen mussten auf den Reis- und Teefeldern arbeiten gehen. Die Eltern hielten es für zu gefährlich, wenn ihre Töchter weite Wege zurücklegen müssen. Außerdem würden sie sowieso heiraten und von ihren Ehemännern versorgt. Ich habe mich schon immer gefragt, warum das so ist und fand es ungerecht. Ich selbst hatte Glück. Als erstes Mädchen in unserem Dorf konnte ich die Oberschule besuchen. Nach meinem Abschluss habe ich die Kinder im Dorf unterrichtet.

Dann bekam ich die Chance, bei der Ta’ang Women Organization (TWO), die die Bildung junger Frauen fördert, Workshops über Menschenrechte zu besuchen. Das hat mich motiviert und ich wollte herauszufinden, warum Frauen sich in unserem Land nicht aktiv an der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung beteiligen können. TWO schickte mich 2004/2005 nach Thailand, wo ich an Kursen über Menschen- und Frauenrechte, Demokratie und Föderalismus teilnahm und Englisch und die Arbeit mit dem Computer lernte. In Thailand traf ich zum ersten Mal Menschen anderer ethnischer Gruppen aus Burma. Wegen der staatlichen Propaganda hatte ich vorher nie etwas über die ethnische Vielfalt in unserem Land gehört. In dieser Zeit wurde mir auch erst bewusst, dass Frauen im ganzen Land unter sexueller und häuslicher Gewalt leiden. Vorher hatte ich angenommen, dass das nur in meinem Dorf passiert. Danach war mir klar, dass ich mich für Frauen, Geschlechtergerechtigkeit und für ein Ende der Gewalt gegen Frauen einsetzen wollte.

Wie verlief dein beruflicher Einstieg in die Frauenrechtsarbeit?

Ich arbeite seit zehn Jahren für TWO. Zunächst war ich Trainerin für Frauen- und Menschenrechte und Demokratie. Ich habe auch Menschenrechtsverletzungen des burmesischen Militärs dokumentiert. Das war eine sehr gefährliche Arbeit, die wir heimlich durchführen mussten. Die Ergebnisse haben wir veröffentlicht und für Advocacy für den Schutz vor Menschenrechtsverletzungen durch das Militär genutzt. Später habe ich dann die Leitung von TWO übernommen. Heute vertrete ich TWO in der WLB, einem Dachverband von 13 ethnischen Frauenorganisationen, und bin eine der drei Vorsitzenden.

Welche Zielsetzungen hat die WLB?

Wir setzen uns für eine föderale demokratische Union und für soziale Gerechtigkeit in Burma ein. Unser Ziel ist es, besondere die Beteiligung von Frauen an öffentlichen Entscheidungsprozessen zu stärken. Außerdem wollen wir eine feministische Bewegung im Land schaffen.

Wie ist die Situation von Frauen in den ethnischen Staaten?

Die Diskriminierung von Frauen im ganzen Land ist gewaltig und systemisch verankert. Häusliche und sexuelle Gewalt ist allgegenwärtig. Zwar können Vergewaltigungen vor ein Gericht gebracht werden, aber es gibt keine wirkliche Gerechtigkeit.

Frauen in den abgelegenen Gebieten der ethnischen Staaten leiden oft mehrfach, sowohl unter der Ungleichbehandlung in Traditionen und Bräuchen als auch unter sozialer und rechtlicher Benachteiligung und sexueller Gewalt. Besonders schlimm ist die Situation in den Gebieten, in denen ethnische bewaffnete Gruppen für föderale Strukturen oder gar Autonomie gegen das burmesische Militär kämpfen. Die zahlreichen Vergewaltigungen und anderen sexuellen Straftaten durch das staatliche Militär können nicht vor ein Zivilgericht gebracht werden. Das ist die größte Herausforderung, vor der wir zurzeit stehen.

Wie reagieren Familie und Freunde, wenn eine Frau sexuell belästigt, missbraucht oder vergewaltigt wurde?

Die meisten Überlebenden von sexueller Gewalt, Vergewaltigung und Menschenhandel können nicht mehr in ihre Dörfer zurückkehren. Die Gemeinschaft akzeptiert sie nicht mehr. Sie werden verspottet und selbst die Familie und Verwandten lästern über sie. Die meisten Männer schauen auf diese Frauen herab und denken: „Aha, sie wurde vergewaltigt; dann können wir das auch mit ihr machen.“ Viele der Frauen bekommen psychische Probleme. Um ihren Lebensunterhalt verdienen zu können, ziehen die meisten schließlich weg.

Wie stehen die religiösen Führer*innen zu geschlechtsspezifischer Gewalt?

Buddhistische Institutionen diskriminieren Frauen, unabhängig davon, wo praktiziert wird. Das sieht man am ungleichen Umgang mit Mönchen und Nonnen. Jeder, der eine Mönchsrobe trägt, wird von der Gemeinde verehrt. Nonnen wird aber nicht der gleiche Respekt entgegengebracht. In meiner Arbeit habe ich mit vielen Überlebenden zu tun, die von Mönchen vergewaltigt wurden. Aber die Menschen in den Gemeinden halten weiter daran fest, sie zu verehren.

Wie werden Frauen- und Geschlechterfragen auf politischer und rechtlicher Ebene behandelt?

Seit Jahrzehnten leiden Frauen, die über 50 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, unter systemischer Gewalt. Auf der politischen Entscheidungsebene sind sie nicht angemessen vertreten. Nur 13 Prozent der Unions-Abgeordneten sind Frauen. Ohne eine parlamentarische Repräsentation sind Frauen in der Hand von Männern und können nicht über ihre Interessen entscheiden.

Einen rechtlichen Schutz für Frauen gibt es nicht. Sexuelle Gewalt, sogar die Vergewaltigung von Kindern, nimmt zu. Die meisten Frauenrechtsaktivist*innen setzen sich für ein Gesetz zur Prävention und zum Schutz von Frauen vor Gewalt ein. Ein entsprechender Entwurf wird seit über sieben Jahren diskutiert. Der erste Entwurf, der gemeinsam mit der Zivilgesellschaft erarbeitete wurde, schloss alle sexuellen Straftaten im ganzen Land ein. Aber nach der Überarbeitung durch Rechtsberater der Regierung, können Militärangehörige für Vergewaltigungen und andere sexuelle Straftaten nicht belangt werden. Das würde bedeuten, dass Frauen aus den ethnischen Staaten und besonders aus den umkämpften Gebieten immer noch keinen rechtlichen Schutz hätten.

Zudem erkennt der Gesetzesentwurf nur eine Vergewaltigung als Straftat an, aber keine anderen sexuellen Übergriffe. Und die Beweislast liegt beim Opfer. Das halten wir nicht für richtig. Deshalb wollen wir nicht, dass das Gesetz in der vorliegenden Form verabschiedet wird. Die Frauenorganisationen, die das Gesetz vorgeschlagen haben, versuchen, es nun zu verhindern.

Welche Rolle spielt Aung San Suu Kyi als Staatsrätin für die Gleichstellung von Frauen?

Aung San Suu Kyi ist keine Feministin. Sie spricht nie über die Gleichstellung der Geschlechter, die Beteiligung von Frauen an politischen Entscheidungsprozessen und ihren Schutz. Sie scheint keine Perspektive für unser Land zu haben, die Geschlechter-Fragen berücksichtigt. Sie sagte einmal, wenn Frauen die entsprechende Qualifikation hätten, könnten sie auch Führungskräfte werden und politische Ämter übernehmen. Die NLD [National League for Democracy, die Partei Aung San Suu Kyi’s, d.Red.] hat diese Haltung in ihre Politik integriert und fördert die Beteiligung von Frauen nicht aktiv.

Als Frauenorganisation setzen wir uns für eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent auf den politischen Entscheidungsebenen ein. Die meisten Männer machen Witze über die Quote, auch Aung San Suu Kyi. Ihr fehlt der Wille, die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern. Sie hat keinen Plan, das Leiden von Frauen, auch in den ethnischen Staaten, zu beenden.

Aber es geht nicht nur um Frauen. Im jetzigen Parlament gibt es auch keine Vertretung von Muslim*innen, der LGBT-Community oder von Menschen mit Behinderung. Ohne ihre Einbeziehung kann man das Land nicht zu Versöhnung und Gerechtigkeit führen.

Wie könnte sich die Enttäuschung von Frauen über Aung San Suu Kyi auf die Parlamentswahlen im November 2020 auswirken?

Viele Menschen aus den ethnischen Staaten, nicht nur Frauen, sind verärgert. Wir haben viel Hoffnung in Aung San Suu Kyi gesetzt. Als sie unter Hausarrest stand, haben wir uns für sie eingesetzt und mit der internationalen Gemeinschaft für ihre Freilassung gearbeitet. Nicht nur ethnische Frauen, auch Burmaninnen denken so. Wir haben auch gehofft, dass die NLD Geschlechterfragen und die Gleichstellung der ethnischen Gruppen in den Regierungsgremien thematisiert.

Andererseits gibt es viele Menschen in Burma die immer noch auf Aung San Suu Kyi setzen.

Treten Frauenaktivist*innen trotz ihrer unterschiedlichen ethnischen Herkunft gemeinsam auf?

Wir arbeiten in einem losen Netzwerk zusammen. Wir treffen uns monatlich mit anderen Organisationen in Rangun und arbeiten zum Beispiel an dem erwähnten Gesetzesentwurf. Die WLB beteiligt sich aber nicht an direkten Gesprächen mit der Regierung, sondern wir bringen uns durch unsere Bündnisse ein.

Wir haben auch eine Allianz zur UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau gegründet und fordern die Regierung auf, sie umzusetzen. Wir machen gemeinsame Advocacy für Frauenrechte beim Unionsparlament in Nay Pyi Taw, aber auch in den Staaten und Regionen von Burma. Die meisten Abgeordneten sind Männer. Wir mussten feststellen, dass die meisten die UN-Frauenrechtskonvention nicht kannten, ebenso andere UN-Resolutionen, die Burma unterzeichnet hat. Unsere Arbeit besteht in erster Linie in Sensibilisierung und Empowerment.

Dann konzentriert Ihr Euch gerade mehr auf Männer in öffentlichen Ämtern?

Ja, in letzter Zeit haben wir darüber nachgedacht, uns mehr auf die Bewusstseinsbildung von Männern zu konzentrieren, da sie nicht viel über Frauenfragen und die Rechte von Frauen wissen und sie nicht berücksichtigen. Dadurch hoffen wir, dass sie unsere Forderungen akzeptieren.

Welche Fortschritte siehst Du in Eurer Arbeit?

In der Vergangenheit hatten die Menschen noch nie von der Frauenrechtskonvention gehört, wussten nichts über die Auswirkungen von Geschlechterfragen oder über Demokratie und Föderalismus. Heute spricht man über diese Themen.

Außerdem können Frauenorganisationen endlich Fragen der Gleichstellung ansprechen und den rechtlichen Schutz von Frauen diskutieren. Informationen in den sozialen Medien wirken sich ebenfalls positiv aus. Immer mehr Frauen wagen es, sich an Organisationen zu wenden, um Vergewaltigungen, sexuelle und häusliche Gewalt zu melden. In der Vergangenheit trauten sich Frauen nicht, offen darüber zu sprechen. Es war eine verbreitete Haltung, die Familie zu schützen. Niemand hätte sich über einen gewalttätigen Ehemann beschwert.

Das ist heute anders. Weil Organisationen wie die WLB das Bewusstsein der Gemeinden geweckt hat, sind immer mehr Menschen bereit, Vorfälle zu melden. So können wir Fälle von Gewalt gegen Frauen für unsere Berichte dokumentieren. Das sind positive Entwicklungen.

Auf nationaler Ebene haben wir noch nicht erreicht, dass Frauen in den Friedensprozess und in politische Entscheidungen einbezogen werden. Aber es ist eine Errungenschaft, dass wir zumindest mit den Abgeordneten sprechen können.

Wir müssen Schritt für Schritt vorangehen. Im Moment kämpfen wir noch immer für ein Gesetz zum Schutz von Frauen vor Gewalt. 2013 hat die Regierung den Nationalen Strategieplan zur Förderung der Frauen verabschiedet, der bis 2022 umgesetzt werden soll. Bis jetzt gibt es nicht einmal eine Durchführungsstelle. Wir wissen noch nicht, ob die Regierung den Plan verlängern wird, aber es ist dennoch eine Chance, sie zur Umsetzung zu drängen, selbst wenn Frauen aus den Konfliktgebieten ausgeschlossen sind.

Eine Verbesserung sehe ich auch in der Kooperation der Zivilgesellschaft mit dem öffentlichen Dienst, besonders der Polizei und Justiz. Früher waren sie lediglich eine Säule im Regierungssystem, das die Zivilbevölkerung unterdrückte. Heute können wir mit ihnen sprechen und ihnen Wissen über Menschen- und Frauenrechte vermitteln, so dass ihre Arbeit den Menschen mehr zu Gute kommt. Allerdings ist es noch immer schwierig, Richter zu erreichen, da sie vielen Einschränkungen durch die Regierung unterliegen.

Welche Rolle spielen internationale Frauenrechts- und Feminismusbewegungen für die Unterstützung von Frauenrechtsaktivist*innen in Myanmar?

Die WLB war die erste zivilgesellschaftliche Organisation, die Schattenberichte für die UN- Frauenrechtskonvention und die universelle periodische Überprüfung an die Vereinten Nationen übermittelte. Wir arbeiten auch mit verschiedenen internationalen Organisationen und der Menschenrechtskommission der ASEAN-Staaten zusammen. Unsere Verbindung zu europäischen und globalen Frauenrechtsbewegungen ist aber immer noch schwach. Wir sollten einen weltweiten Austausch feministischer Bewegungen schaffen, beispielsweise ein jährliches Frauenforum für Austausch und Advocacy. Lokal und regional stehen wir vor unterschiedlichen Herausforderungen. Deshalb wäre es wichtig, voneinander zu lernen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Judith Kunze

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Kambodscha: Genderbasierte Gewalt zieht sich durch Familien, Traditionen und Generationen. Engagierte Bewegungen sorgen für Veränderung. Doch alte Rollenbilder sind gesellschaftlich und kulturell stark verankert. Ein Interview mit der Friedensaktivistin Suyheang Kry.

Welche Formen und welches Ausmaß hat genderbasierte Gewalt in Kambodscha?

Wenn es in Kambodscha um genderbasierte Gewalt geht, redet man zumeist über Gewalt gegen Frauen. Es gibt daneben Gewalt gegen andere Gender wie LGBTIQ. Wichtig ist zudem Intersektionalität, also die Verschränkung verschiedener Formen von Diskriminierung. Eine nationale Umfrage von 2015 stellte fest, dass jede fünfte Frau im Laufe ihres Lebens sexuelle und physische Gewalt durch ihren Partner erlebte. Jede dritte kambodschanische Frau erleidet emotionale Gewalt.

In einer länderübergreifenden UN-Studie (2013) gaben 33% der befragten kambodschanischen Männer zu, dass sie körperliche und sexuelle Gewalt gegenüber ihrer Partnerin ausübten. 20% vergewaltigte ihre Partnerinnen. Solche Daten sind wirklich alarmierend.

Außerdem finde ich es wichtig, nicht nur über sichtbare Gewalt zu sprechen, sondern auch über die nicht sichtbare, wie die soziale Stigmatisierung von Frauen. Die Ursachen von genderbasierter Gewalt liegen im Machtungleichgewicht und der Genderungleichheit. Sie wird durch negative Gendernormen, Stereotypen sowie traditionellen Praktiken und Bräuche aufrechterhalten.

Wie zeigen sich diese Normen und Werte im Alltag konkret?

Diese tief verwurzelte Ungleichheit zeigt sich in einem Sprichwort der Khmer: „Männer sind Gold, Frauen sind Stoff“. Es offenbart den niedrigeren sozialen Wert, der Frauen zugeschrieben wird.

Ein anderes Beispiel ist der Chbap Srey, eine Art traditioneller Khmer-Verhaltenskodex für Frauen in Form eines Gedichtes. Darin befinden sich die grundlegenden kulturellen Normen, die zur Verletzung der Rechte von Frauen in Kambodscha beitragen. Obwohl es sich nicht mehr [nach umfassender gesellschaftlicher Kritik, Anm. d. Red.] in den Lehrplänen der Schulen findet, ist sein Einfluss immer noch groß. Der Chbap Srey beschreibt, wie sich Frauen zu Hause oder im öffentlichen Raum verhalten sollen. Dabei wird die Rolle der Frauen als minderwertig dargestellt und unter dem Mann eingeordnet. Solche traditionellen und negativen Normen sowie Stereotype von Frauen sind allgegenwärtig in der ganzen Gesellschaft und reichen bis in die Politik und sogar ins Justizsystem.

Diese Umstände machen es für Überlebende von Gewalt noch schwieriger, Hilfe zu finden. Laut der Studie hat fast die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, dies nicht angezeigt. Einige davon fanden, dass Gewalt normal sei, während andere sich fürchten oder schämen. Hinzu kommt laut einem Bericht des Frauenministeriums (2010), das mehr als ein Drittel der lokalen Behörden glaubt, dass Gewalt gegenüber Frauen gerechtfertigt ist. Nur 24% der von physischer und sexueller Gewalt betroffenen Frauen suchte Hilfe.

Du sagst, Intersektionalität sei wichtig. Was heißt das genau?

LGBTIQ, Sexarbeiter*innen, Hausangestellte, Arbeiter*innen in Bekleidungsfabriken, Migrant*innen vom Land, Minderheiten und Indigene, um nur einige Gruppen zu nennen, sind generell verletzlicher, genderbasierte Gewalt trifft sie stärker.

Frauen mit Behinderung erfahren eher Gewalt in ihrem Haushalt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in eine Notlage kommen, emotionale Gewalt erleben oder von Haushaltmitgliedern kontrolliert werden, ist höher. LGBTIQ-Frauen erleiden mehr häusliche Gewalt, wobei die Gemeinschaft bei ihnen oft darüber hinwegsieht. Frauen und Mädchen der Khmer Krom und der ethnischen vietnamesischen Minderheit haben oft mit einer anti-vietnamesischen Haltung und auch strukturellen Herausforderungen zu kämpfen. Dazu zählen ihr rechtlicher Status sowie der Zugang zu Rechten und sozialen Diensten. Andere Minderheiten wie die muslimischen Cham und die 24 indigenen Gruppen sind mit sozialer Stigmatisierung und Diskriminierung konfrontiert. Arbeitsmigrant*innen vom Land kommen oft nach Phnom Penh, da es dort Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Sie erhalten aber nur Jobs, die einen niedrigen sozialen Status haben. Intersektionelle Marginalisierung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie genderbasierte Gewalt erleben.

Bei genderbasierter Gewalt, gibt es da Unterschiede zwischen dem ländlichen und urbanen Raum?

Ja. Etwa 80% der Bevölkerung lebt auf dem Land. Dort gib es weniger Infrastruktur, Gesundheitseinrichtungen und verfügbare Dienste als in den Städten. Darüber hinaus ist es schwieriger, an aktuelle Informationen zu kommen, da es an Zugang zu Technologie oder dem Internet fehlt. Ein damit verbundenes Problem ist Armut, die auf dem Land größer ist. Weiter sind die dort häufiger vorkommenden, von Frauen geführten Haushalte aufgrund der sozialen Normen sowie der begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten verletzlicher.

In ländlichen Gebieten neigen Mädchen dazu, früher zu heiraten und es gibt höhere Schulabbruchquoten. Letzteres aus mehreren Gründen, aber es ist meist verknüpft mit Armut. An Orten mit nahe gelegenen Fabriken brechen mehr Mädchen die Schule ab, weil ein Job ‚vor der Haustüre liegt’. Andere Gründe sind weite Schulwege, Ablehnung im Elternhaus gegenüber dem Schulbesuch oder ein Mangel an Informationen über die Bedeutung von Bildung.

Unabhängig von solchen Unterschieden findet sich genderbasierte Gewalt überall: In reichen und armen Familien, in allen Klassen, Kulturen, sie existiert in der Stadt und auf dem Land.

Ist Kinderheirat in Kambodscha weit verbreitet?

Darüber haben wir landesweit leider nicht ausreichende Daten. Aber es gibt sie. Und wir wissen, dass sie eher in ländlichen Gebieten stattfindet. Laut dem Cambodia Demographic and Health Survey 2014 haben 1,9% der Frauen im Alter von 20-24 Jahren mit 15 geheiratet, und 19% bevor sie 18 Jahre alt waren.

Was sind die Folgen genderbasierter Gewalt für die Betroffenen und die Gesellschaft?

Gewalt gegen Frauen und Mädchen wirkt sich nicht nur auf ihre Leben aus, sondern auf die Familien, die Gemeinschaften, die Nation und auf die ganze Welt, einfach, weil Frauen die ‚Hälfte des Himmels tragen‘ und gleichberechtigt sind. Abgesehen von den physischen und psychischen Verletzungen und auch Todesfällen stellt genderbasierte Gewalt für das Land und die Welt eine enorme wirtschaftliche Belastung dar, die Kosten belaufen sich auf fast 2% des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Die Folgen der Gewalt sind besonders verheerend für die Familien. Kinder werden Zeugen der Gewalt und wachsen mit ihr auf. Sie lernen die Muster, handeln irgendwann selbst so und geben es an die nächste Generation weiter. Das wird zu einem nicht enden wollenden Kreislauf der Gewalt. Manchmal führt sie sogar zum Tod.

Wo können betroffene Frauen* und LGBTIQ Hilfe finden? Gibt es staatliche Anlaufstellen?

Ja, es gibt zuständige Anlaufstellen, aber nur begrenzt. Bei häuslicher Gewalt wenden sich Betroffene normalerweise zunächst an ihre Familie, Freund*innen und Verwandte. Manchmal wenn es ‚ernst’ wird, gehen sie direkt zu den lokalen Behörden. Zu den verfügbaren staatlichen Diensten gehören z.B. Community-Gesundheitszentren, Polizeistationen und kommunale Streitbeilegungsausschüsse.

Besorgniserregend ist das Fehlen staatlich geführter Frauenhäuser. Eine nationale Hotline für Hilfe suchende Frauen ist noch nicht richtig eingerichtet. In jeder Provinz gibt es jedoch zumindest eine persönliche Kontaktstelle innerhalb des Department of Women’s Affairs, die Frauen ebenfalls unterstützt.

Gibt es psychologische Hilfsangebote für betroffene Frauen* und Mädchen*?

Selten. Nach dem Bürgerkrieg gab es nur wenige Psycholog*innen. Der Bereich entwickelt sich erst seit zwei Jahrzehnten. Nur einige Organisationen bieten dies an und psychiatrische Einrichtungen sowie Krankenhäuser sind rar und nur in größeren Städten zu finden.

Das Frauenministerium arbeitet mit den wichtigsten Interessenvertreter*innen zusammen, um eine Umsetzung des Mindeststandards für die Beratung von Gewaltüberlebenden zu entwickeln und zu stärken. Aber das deckt noch nicht das gesamte Land ab.

Welche Rolle spielt die Jugend Kambodschas bei der Friedensförderung und der Bekämpfung genderbasierter Gewalt?

Die Jugend ist der Schlüssel. Die mit Gewalt zusammenhängenden Normen, Werte und Verhaltensweisen sind über Generationen weitergegeben worden. Wir müssen all diese negativen Stereotypen verlernen. Das ist eine große Herausforderung.

Die Jugend vertritt die kommende Generation und trägt ein starkes Potenzial in sich. Sie kann kulturelle Normen, negative geschlechtsspezifische Einstellungen sowie Stereotypen über „die Andere/den Anderen“ und damit verbundene gewalttätige Verhaltensweisen verändern.

Kambodscha ist ein sehr junges Land. Über 70% der Bevölkerung wurde nach dem Khmer-Rouge-Regime geboren. Die Jugend kann Veränderung bewirken und Gendergerechtigkeit ermöglichen. Aber die Jugend kann sie auch verhindern. Als treibende Kraft für Veränderungen, mit Energie, Leidenschaft, Neugierde und Fähigkeiten, können junge Menschen einen entscheidenden Einfluss auf Gleichaltrige und ihre Familie ausüben.

Bei WPM arbeitet ihr viel mit der Jugend. Wie bezieht ihr dort Jungen* und junge Männer* in eure Projekte ein?

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen versuchen wir, kreativ heranzugehen und konzentrieren uns auf interaktive Übungen, oft im Freien. Wir bieten ihnen Wissen an, aber keine Theorien. Gewöhnlich bringen wir in Workshops eine große Gruppe zusammen, darunter Khmer, Indigene und Minderheiten, und LGBTIQ.

Übungen wie Forumtheater oder der Privilege Walk sind regelmäßig Augenöffner für junge Männer. Manche Teilnehmer sind erschüttert, wenn sie sich ihrer Privilegien bewusst werden und wie es ist, eine Frau zu sein. Danach ändern sie ihre Denkweise, Einstellungen und letztlich ihr Verhalten. So beginnt Wandel.

Bei erwachsenen Männern gehen wir anders vor. Mit ihnen machen wir eine Art Männerdialog, bei dem wir über ihr Leben sprechen. Darüber, wie sie in bestimmen Situation handelten oder warum sie dies und jenes tun. So helfen wir ihnen, Geschlechterrollen und Stereotypen zu reflektieren und zu hinterfragen. Bei dem Prozess braucht man aber einen langen Atem.

Wie ermächtigt ihr junge Frauen* und Mädchen*?

Zurzeit arbeiten wir vor allem mit grassroots women leaders [d.h. Frauen, die in dörflichen Gemeinden führende Positionen innehaben, d. Red.] und mit Frauen* aus marginalisierten Gruppen. Wir glauben, dass Frauen bereits eine Stimme haben. Sie brauchen Chancen, Fähigkeiten und Räume. Wir schaffen ihnen diesen Raum und unterstützen sie auf ihrem Weg dabei, ihre Stimme zu erheben, sich austauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und auf ihre Weise zu führen.

Hat sich in Kambodscha in den letzten Jahren etwas verändert?

Genderarbeit begann Anfang der 1990er Jahre. Damals wurde der Begriff noch gar nicht benutzt. In den 2000er Jahren änderte sich das allmählich, als Gender in nationalen Strategieplänen und Gesetzen verwendet wurde.

Das Gesetz zur Verhinderung häuslicher Gewalt und zum Schutz von Opfern wurde 2005 verabschiedet, und in der Folge wurden beispielsweise Richtlinien wie Neary Ratanak (5-Jahresplan für die Gendergleichberechtigung und Empowerment von Frauen in Kambodscha), der Nationale Aktionsplan zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen, eine nationale Genderpolitik entwickelt.

Im Vergleich zum letzten Jahrzehnt haben wir heute mehr Frauen mit höherer Bildung. Frauen haben Stellen inne, in denen sie selbst etwas bewirken können. Eine Entwicklung ist sichtbar, aber es muss noch viel mehr getan werden.

Video: Weaving Women’s Leadership for Change, Women Peace Makers:

Welche weiteren Entwicklungen sollte es in den nächsten Jahren geben?

Die wirksame Umsetzung von Gesetzen, Richtlinien und nationalen Aktionsplänen ist noch verbesserungsfähig. Ein weiteres Problem ist der Mangel an weiblichen Führungskräften. Es sollte Mechanismen und Maßnahmen geben, um hier Veränderungen zu bewirken. Die Strafverfolgung sollte gestärkt werden. Soziale Dienste, einschließlich Rechtshilfe, Streitbeilegung, Frauenhäuser und Beratung, sollten kostenlos für Überlebende von genderbasierter Gewalt sein. Und zwar in einer gendersensiblen und -gerechten Weise.

Was ist entscheidend, um diese Ziele zu erreichen?

Information ist Macht. Der Zugang zu Informationen und zu Bildung wird die Möglichkeiten der nächsten Generationen Kambodschas bestimmen. Eine Zukunft mit besser ausgebildeten Frauen wird dieses Land zum Besseren verändern. Es gibt noch viele Herausforderungen und Widerstände, aber wir glauben, ein gerechteres Kambodscha für alle Gender, Minderheiten und Ethnien schaffen zu können.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Raphael Göpel

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Indonesien: Mithilfe sozialer Medien stellen sich Menschen der Herrschaft traditioneller Maskulinität entgegen.

Auf den ersten Blick erscheint das Instagram-Konto von Dhamang Pangaribawan wie ein Koch-Channel. Seine kurzen Videos dauern weniger als eine Minute. Zu sehen ist ein Mann mit langen Haaren und legerer Kleidung, der für seine Frau kocht. Er beginnt jedes Video mit den Worten: „Was kann ich für dich kochen, mein Schatz?“

Die Aufmerksamkeit der Zuschauer wird nicht nur durch das Rezept, sondern auch durch die unterschwellige Botschaft geweckt. Diese lautet, dass Männer in der Küche sein können oder sollten. „Ich habe lange Haare und ich liebe schwere Musik. Aber ich kann trotzdem kochen und meiner Frau das Essen servieren“, sagte Pangaribawan. „Maskulinität sollte kein Grund sein, sich vor Hausarbeit zu drücken.“

Der auf Bali lebende Pangaribawan ist im Alltag kein Koch, sondern 3D-Charakter-Modellierer und Texturkünstler. Aus seiner Küche heraus führt er via soziale Medien den Kampf gegen toxische Männlichkeit, die das Leben vieler indonesischer Männer – und Frauen – noch immer beherrscht.

Kochen als Geschlechtersymbol

Die Idee für die Koch-Videos basiert weder auf algorithmischen Berechnungen noch auf Branding-Strategien. „Es hat mit Gesprächen zwischen meiner Frau und mir zu Hause angefangen, in denen es um Gleichberechtigung und geteilte Rollen ging“, sagt er. Doch als eines seiner Kochvideos viral ging, sah er seine Chance: „Kochen ist ein starkes Geschlechtersymbol. Da die Hausarbeit seit Langem als ‚Frauensache‘ betrachtet wird, habe ich diese Gelegenheit genutzt, um die Gleichberechtigung anzusprechen.“

Allmählich begann seine Botschaft, die Küchen seiner männlichen Anhänger zu erreichen. Seine Freunde fingen an den Preis von Chilis zu kennen, einkaufen zu gehen und sogar in der Küche zu helfen. Pangaribawan sagt, viele seiner Kollegen fühlten sich ausschließlich fürs Geld verdienen (‚Ernährer sein‘) zuständig. „Sie sind der Meinung, dass Kinderbetreuung nur eine Aufgabe für Frauen ist“, sagt er. „Ein weiteres Problem ist, dass auch Männer einen Raum zum Sprechen und Mitteilen brauchen. Aufgrund von Ego, Stolz und gesellschaftlichen Erwartungen behalten sie jedoch alles für sich.“

Dies, so erklärt er, führe zu einem umfassenderen Problem: schlechter psychischer Gesundheit bei Männern – manchmal mit tragischen Folgen. Er beschrieb das Phänomen der „Einsamkeitskrise unter Männern“ („Lonely Male Epidemic“) in Bali, wo Männer unter extremem Druck stehen. Manche würden ihrem Leben selbst ein Ende setzen, sagt Pangaribawan, „weil sie kein emotionales Ventil haben. Sie können nicht einmal ihre emotionalen Belastungen mit ihren Frauen teilen.“

Macht, Gewalt und legitimierte Herrschaft

Pangaribawan zufolge ist toxische Maskulinität direkt mit häuslicher Gewalt verbunden. Wenn Maskulinität mit Überlegenheit gleichgesetzt wird, dann treibt sie Männer zum Dominieren und Bezwingen – sogar durch Gewalt. „Dennoch betrachtet die Gesellschaft dies als eine private und familiäre Angelegenheit, in die man sich nicht einmischen sollte. Das ist gefährlich,“ sagt er.

Er weist auch darauf hin, dass selbst, wenn der Mann offensichtlich im Unrecht ist, in Fällen von Untreue immer noch die Frauen beschuldigt würden. Was noch schlimmer sei, sagte er, sei, dass selbst die Frauen dieses Narrativ oft unbewusst aufrechterhalten, indem sie Frauen, die kochen und sich um das Haus kümmern, als „ideale Frauen“ loben und jene, die weniger traditionellen Rollen folgen, verspotten.

Pangaribawan zufolge werden männliche Stimmen mehr gehört als weibliche – auch wenn es um Gleichheit geht. „Daher bin ich der Meinung, dass Männer sich beteiligen müssen, um dieses Thema anzusprechen. Wenn ich mit meinen männlichen Freunden über Feminismus spreche, könnten sie mir zuhören. Aber wenn meine Frau dasselbe sagt, würden sie sie vielleicht abtun.“

Mit seinem Koch-Content nimmt Pangaribawan seine Rolle als Verbündeter im Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter wahr. Er erwähnt auch, dass neben seinem eigenen viele weitere Accounts in den sozialen Medien, wie zum Beispiel die der Allianz der neuen Männer (ALLB), eine wichtige Rolle gespielt hätten, die Gesellschaft über den Abbau toxischer Maskulinität aufzuklären.

Gemeinsam für neue Narrative

Nur Hasyim, Mitglied von ALB, ist als Autor, Geschlechter-Aktivist und Dozent an der Walisongo State Islamic University in Semarang tätig. ALB bringe Menschen zusammen, so Hasyim, um über die seit ihrer Kindheit ‚hergestellte‘ Maskulinität, Gewalt erzeugende soziale und kulturelle Strukturen, sowie die aktive Rolle, die Männer bei der Auflösung der Geschlechterbeherrschung spielen können, nachzudenken.

Hasyim zufolge sind Männer von kleinauf darauf geprägt, die Verletzung der körperlichen Autonomie von Frauen zu normalisieren. „Jungen wird selten etwas über Einwilligung beigebracht“, sagt er. „Das führt dazu, dass sie aufwachsen, ohne die Bedeutung des Respekts gegenüber den körperlichen Grenzen und der physischen Unversehrtheit von Frauen zu verstehen.“ Er fügt hinzu, dass diese Unwissenheit zu hohen Raten sexueller und häuslicher Gewalt beitrage.

„In Alumni-Gruppen oder Treffs, in denen sexistische Witze und frauenfeindliche Kommentare an der Tagesordnung sind, haben viele Männer das Gefühl, ihr ‚männliches Image‘ aufrechterhalten zu müssen, um dazuzugehören.“ In Kooperationen mit Frauenorganisationen und anderen Instituten entwickelt ALB deshalb Bildungsmaterialien zu den Themen Maskulinität und Gleichberechtigung.

Räume der Transformation

Auch andere männliche Influencer auf Instagram sprechen sich gegen toxische Maskulinität aus. Einer davon ist @lawan_toxicmasculinity, der vom Psychologen Yovinus Guntur betrieben wird. Er verfolgt einen lehrreichen und empathischen Ansatz, um toxische maskuline Ideale wie das Verbot des Weinens, den Druck, ein ‚Ernährer‘ zu sein, und die Gewohnheit, Gefühle zu verdrängen, aufzulösen.

Andere Accounts wie @masculinrepair und @laki_laki_feminis haben zwar weniger Follower, entwickeln sich aber ebenfalls zu Räumen, in denen junge Männer mehr über Geschlechterrollen, Privilegien und den Aufbau gesünderer, gerechter Beziehungen lernen können.

„Auch Männer sind Opfer dieses Systems“

Die Autorin und Genderaktivistin Kalis Mardiasih betont, es sei entscheidend, dass Männer, die sich dieser Probleme bereits bewusst seien, ihre Stimme erhöben, da ihre Stimmen in einem zutiefst patriarchalen System oft mehr gehört würden. „Es ist ironisch, aber die Stimmen von Männern werden oft als legitimer betrachtet, wenn es um Feminismus geht“, sagte sie.

Diese progressiven Accounts stellen sich einer Welle frauenfeindlicher Inhalte entgegen, die viral gehen und oft als Ausdruck ‚echter Männlichkeit‘, zum Teil in religiöse und nationalistische Rhetorik verpackt, auftreten. Ein anschauliches Beispiel dafür ist Andrew Tate, der ein Image von dominanter, aggressiver und frauenfeindlicher Männlichkeit fördert. Laut Mardiasih hat sich sein Einfluss auch in Indonesien verbreitet, wo lokale Content– Creator ähnliche Werte reproduzieren – auch auf vulgäre Weise.

Sie beschreibt diese Situation als „Tsunami der toxischen Maskulinität“, eine massive Identitätskrise der Männer, die sich fühlen, als würden sie die Kontrolle über eine sich wandelnde Welt verlieren. „Viele dieser Creator sind sich gar nicht bewusst, dass sie strukturelle Gewalt verbreiten. Sie glauben, dass sie Männer nur dazu motivieren, ‚Führungskräfte‘ zu werden“, sagt sie. Tatsächlich verstärken solche Narrative bestehende Herrschaftsmuster, marginalisieren Frauen und können Gewalt fördern.

Inmitten dieser Entwicklung werden Männerstimmen, die alte Normen in Frage stellen, umso wichtiger. „Auch Männer sind Opfer dieses Systems“, erklärt Mardiasih. „Ihnen wird nicht beigebracht, ihre eigenen Emotionen zu erkennen. Am Ende sind sie isoliert, gestresst und können sich selbst oder anderen schaden.“

Toxische Maskulinität in militärischer Kultur

Alle drei – Pangaribawan, Hasyim und Mardiasih – sind sich einig, dass toxische Maskulinität tief in politischen und militärischen Symbolen Indonesiens verwurzelt ist. Männliche Herrschaft zeigt sich auch in staatlichen Maßnahmen, in einem Regierungshandeln, das Mensch und Umwelt ausbeutet und dabei Fürsorge und Mitgefühl vernachlässigt.

„Nach ihrer Amtseinführung werden neue Gouverneure an die Militärakademie in Magelang geschickt, wo sie Armeeuniformen tragen müssen. Diese Zeremonie symbolisiert: Unser Land ist stolz auf Muskeln und Waffen, mehr als auf Empathie und soziale Fürsorge“, sagt Mardiasih.

Unter der aktuellen Regierung sei diese Form der toxischen Maskulinität noch sichtbarer geworden, fügte sie hinzu. „Schaut euch Prabowo Subiantos Kabinett an – voller alter Männer, die über Bergbau und Ressourcenausbeutung reden, ohne Perspektive auf Fürsorge oder Nachhaltigkeit. Das ist nicht nur maskuliner Stil – das ist ausbeuterische Maskulinität.“

Hoffnung und Lösungen im Kampf gegen toxische Maskulinität

Obwohl sich immer mehr Social-Media-Accounts gegen toxische Männlichkeit aussprechen, räumt Mardiasih ein, dass diese Stimmen nicht immer positiv aufgenommen werden. Dennoch glaubt sie, dass jede Stimme für Gleichberechtigung kleine Kreise des Wandels inspirieren kann.

Sie drängt darauf, dass die Lehre der Geschlechtergleichberechtigung so früh wie möglich beginnen muss – zu Hause, in der Schule und in Glaubensgemeinschaften. „Ansonsten wird die kommende Generation im selben Zyklus aufwachsen: Den Männern wird beigebracht, zu ‚ernähren‘, die Frauen werden dazu erzogen, zu dienen, und die Gesellschaft wird diese Ungleichheit weiter normalisieren“, sagte sie.

Pangaribawan glaubt, dass der Wandel mit kleinen Schritten beginnen muss – vom Kochen und dem Austausch über Gefühle am Esstisch bis hin zur Erkenntnis, dass Mannsein nicht Überlegenheit, sondern Gleichberechtigung bedeutet.

„Als Männer müssen wir anfangen zu reden, zuzuhören und einen Raum zu schaffen“, so Pangaribawan. „Denn wenn wir schweigen, werden wir Teil des Systems, das toxische Männlichkeit fördert. Wir müssen die patriarchalen Muster für das Gemeinwohl auflösen.“

Übersetzung aus dem Englischen von: Mustafa Kurşun

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3 | 2020, Interviews, Kambodscha,
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„Habt keine Angst, eure Träume zu verwirklichen!“

Thailands Einberufungslotterie ist ein riskantes Glücksspiel. Genderdiversen Menschen bietet sie jedoch die Chance, Geschlechternormen öffentlich zu hinterfragen.

Jedes Jahr warten in Thailand Tausende von Menschen, die in ihren Ausweispapieren als Mann eingetragen sind, gespannt auf ihre Teilnahme an der Wehrpflichtlotterie. Wer zwischen 21 und 26 Jahre alt ist und sich nicht freiwillig zum Wehrdienst meldet, muss in einem Rekrutierungszentrum öffentlich eine Karte ziehen. Eine rote Karte bedeutet Einberufung, eine schwarze Karte die Befreiung vom Wehrdienst.

Wer sich freiwillig zum Militärdienst meldet, wird für sechs Monate eingezogen – deutlich kürzer als diejenigen, die per Losverfahren eingezogen werden und zwei Jahre dienen müssen. Das thailändische Militär hat eine jährliche Quote an Wehrpflichtigen, die erfüllt werden muss. Melden sich nicht genügend Freiwillige, wird in jeder Region des Landes eine Auslosung durchgeführt, um die vorgeschriebene Zahl zu erreichen. Daher variiert die Anzahl der per Losverfahren Eingezogenen von Jahr zu Jahr.

Freiwillige vertreten patriarchale Normen

Die Folgen der Nichtteilnahme an der Auslosung sind drastisch: Wehrdienstverweigerer müssen mit bis zu drei Jahren Haft rechnen. Die Struktur der Wehrpflicht, die zwischen Freiwilligen und Wehrdienstverweigerern unterscheidet, führt dazu, dass sich diejenigen, die dem Militär nahestehen und damit höchstwahrscheinlich einem vom Militär verkörperten Männlichkeitsideal entsprechen, in der Regel freiwillig melden.

Das Militär, als eindeutig männlich geprägte Organisation mit stark hierarchischer Struktur, legt Wert auf körperliche und mentale Stärke. Die Uniform entspricht maskulinen visuellen Codes, wie beispielsweise dem obligatorischen extrem kurzen Haarschnitt. Man kann davon ausgehen, dass Freiwillige diesem Ideal entweder bereits entsprechen oder zumindest für sechs Monate keine Probleme damit haben, sich daran anzupassen. Tatsächlich hat eine Studie gezeigt, dass Menschen mit stark patriarchalischen Werten eher dazu neigen, sich freiwillig zum Militärdienst zu melden und diese Werte somit innerhalb der Institution zu verstärken.

In diesem Zusammenhang gehen Personen, die in ihren Ausweisdokumenten als männlich eingetragen sind, sich aber nicht mit den traditionellen Geschlechterrollen identifizieren, ein erhebliches Risiko ein, wenn sie an der Lotterie teilnehmen. Sie riskieren, zwei Jahre lang Dienst zu leisten, in der Hoffnung, Glück zu haben und befreit zu werden.

Gender-Nonkonformität als Akt des Widerstands

Da die Auslosung öffentlich stattfindet, wandelt sich das Ritual zu einem Ereignis, bei dem einige potenzielle Wehrpflichtige die Gelegenheit nutzen, ihren Widerstand gegen die von den ausrichtenden Soldaten verkörperten männlichen Geschlechterrollen zu demonstrieren. Dies äußert sich in Kostümen, übertriebenen Manierismen und theatralischen Gefühlsausbrüchen, sobald das Ergebnis bekannt wird. Sie nutzen somit die Öffentlichkeit der Auslosung, um durch die visuelle Kommunikation ihrer Gefühle und ihrer Identität in einem Ritual, das sie eigentlich einschüchtern soll, ihre Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.

In den vergangenen Jahren wurde dem Schicksal von Transfrauen besondere Aufmerksamkeit zuteil, was sich in Artikeln nationaler und internationaler Medien widerspiegelte. In Thailand ist es nicht möglich, den Geschlechtseintrag in Ausweisdokumenten zu ändern, weshalb Transfrauen an der Wehrpflichtlotterie teilnehmen müssen. Obwohl Frauen, die sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen haben, aufgrund ihrer sogenannten „Geschlechtsidentitätsstörung“ standardmäßig vom Wehrdienst befreit sind, nutzen sie die öffentliche Aufmerksamkeit, um auf die Absurdität ihrer Anwesenheit bei einer Wehrpflichtveranstaltung für Männer aufmerksam zu machen. Sie tragen aufwendiges Make-up und feminine Kleidung wie Spitzenminiröcke und Blusen mit Schleifen.

Weniger Beachtung fanden bisher potenzielle Wehrpflichtige, die nicht offen Transfrauen sind, aber dennoch nicht den männlichen Geschlechtererwartungen entsprechen. Die virale Verbreitung von Social-Media-Videos über die Auslosung rückt die offen geouteten Personen in den Vordergrund und verschafft ihnen eine beispiellose Öffentlichkeit, die sie nutzen, um ihre eigene Geschichte zu erzählen und ihre Individualität zu präsentieren.

Inszenierung als Empowerment

Die Zeremonie beginnt üblicherweise damit, dass ein potenzieller Rekrut auf die Urne mit den Karten zugeht. Dieser Gang ist der erste Moment, in dem er seine Persönlichkeit, Identität und Gefühle zum Ausdruck bringen kann. Manche schreiten selbstbewusst und trotzig mit erhobenem Kopf auf die Urne zu, andere hüpfen, tanzen oder wirbeln herum. Auch wenn diese Rekruten in der Regel keine offenkundig feminine Kleidung tragen (zum Beispiel Röcke, Kleider oder lange Haare), tragen viele von ihnen mindestens ein Accessoire, das ihre Abkehr vom traditionellen Männerbild signalisiert: eine Handtasche, Haarschmuck oder ein hochgezogenes Hemd, das den Bauchnabel freilegt.

Sobald sie die Karte aus der Urne gezogen haben, geben sie sie einem der Soldaten und gehen zu der Seite, wo andere Soldaten sie an den Schultern festhalten, während sie auf die Bekanntgabe der Kartenfarbe warten. Einige halten sich die Ohren zu und schließen die Augen, andere winken der Menge zu und werfen Luftküsse, wieder andere posieren für die Kameras, indem sie die Hände in die Hüften stemmen und zur Seite schwingen. Die Leistung der Wehrpflichtigen steigert sich bis zu diesem Zeitpunkt zu einer Spannung, die ihren Höhepunkt in dem Moment erreicht, kurz bevor das Ergebnis laut verkündet wird – ein Wendepunkt in der Aufführung.

Sobald die Farbe bekanntgegeben wird, sind die Reaktionen der Kandidaten stets deutlich sichtbar. Die Eingezogenen versuchen mitunter zu fliehen, fallen in Ohnmacht oder täuschen sogar eine Ohnmacht vor, während die Befreiten lautstarke Freude zeigen, etwa durch Aufspringen, akrobatische Posen oder Schreie.

Bemerkenswert ist, dass die Soldaten, die die Lotterie durchführen, aktiv an der Aufführung teilnehmen und auf das Verhalten der potenziellen Wehrpflichtigen eingehen. So sieht man sie beispielsweise lachen und die Teilnehmer an den Schultern festhalten, um sie am Weglaufen zu hindern, während ihr Schicksal verkündet wird und sie manchmal sogar umarmen.

Kürzlich kursierten hunderte Videos von Wehrpflichtigen, die an der Militärlotterie teilnahmen, in sozialen Medien wie TikTok. Einige Videos erreichten über 500.000 Likes. Diese Videos bieten die Möglichkeit, die Mechanismen der Lotterie zu verstehen. Die theatralische Inszenierung der Veranstaltung lässt sich zwei Zwecken zuordnen. Erstens demonstrieren potenzielle Wehrpflichtige die Absurdität der Einberufung von Personen, die nicht zum Militärdienst einberufen werden wollen, indem sie deren Abweichung von traditionellen Männlichkeitsidealen hervorheben. Zweitens ermöglicht die virale Verbreitung der Videos der Aufführungen eine öffentliche Kritik am thailändischen Wehrpflichtsystem, indem im In- und Ausland das Bewusstsein für den Prozess geschärft wird.

Unbeschwerte Theatralik verbirgt brutale Realität

Andererseits ist die vordergründige Unbeschwertheit der Veranstaltung für das thailändische Militär strategisch vorteilhaft, da sie die Gewalt verschleiert, die hinter verschlossenen Türen stattfindet, sobald die Wehrpflichtigen eingezogen wurden. Dies erklärt, warum Soldaten bereitwillig an den Späßen der potenziellen Rekruten teilnehmen.

Die Analogie zur Bühne endet also nicht mit dem öffentlichen Auftritt der Teilnehmer. Wer das Pech hat, eingezogen zu werden, muss nicht nur zwei Jahre dienen – anderthalb Jahre länger als Freiwillige –, sondern erleidet während seiner Militärzeit auch schwere psychische und physische Gewalt. Ein wissenschaftlicher Artikel aus dem Jahr 2019 identifizierte und beschrieb mehrere Vorfälle mit Todesfolge. Zwischen 2009 und 2018 wurden elf Todesfälle registriert, die meisten davon verursacht durch schwere Misshandlungen oder körperliche Überanstrengung. Im Jahr 2015 ertrank Oberleutnant Sanan Thongdeenok , nachdem er gezwungen worden war, ohne Pause im Schwimmbad Bahnen zu schwimmen. Allein im Jahr 2017 starben drei Soldaten, Yutthanikun Boonniam, Noppadol Worakitpan und Pakapong Tanyakan wurden in drei separaten Vorfällen zu Tode geprügelt und gefoltert.

Selbst wenn der Wehrdienst nicht zum Tod führt, können schwere physische und psychische Gewalt langfristige gesundheitliche Folgen haben. Im Extremfall des Gefreiten Nattaphun Choochum wurde ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er gezwungen worden war, 400 Mal mit einem gebrochenen Bein zu springen. Die psychischen Belastungen, die durch das Miterleben solcher Ereignisse und die ständige Angst davor entstehen, können auch zu dauerhaften psychischen Problemen wie Angstzuständen oder einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen.

Es fällt schwer, die längere Dienstzeit für Wehrdienstverweigerer nicht als Bestrafung für die Nichterfüllung des männlichen Soldatenideals zu interpretieren, insbesondere angesichts der Gewalt, der sie im Militär ausgesetzt sein können. Obwohl das thailändische Militär die Inszenierung der Lotterie für sein zivileres Image nutzt, bietet sie nicht-binären Personen mit männlichem Geschlechtseintrag eine seltene Gelegenheit, sich zu zeigen und ihre Identität in einem Umfeld zu präsentieren, in dem sie das vom Militär verkörperte Ideal männlicher Männlichkeit direkt infrage stellen können. Diese Personen nutzen die öffentliche Bühne, um die Veranstaltung ihren eigenen Identitäten und Erzählungen anzupassen und so zu verhindern, dass militaristische Männlichkeit ihre Persönlichkeit und ihren Lebensstil auslöscht.

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