3 | 2020, Indonesien,
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Feminismus als Klassenfrage (Teil I)

Indonesien Frauenbewegung GERWANI

Gerwani Kongress im ostjavanischen Madiun 1955, screenshot aus dem Doumentarfilm The women and the generals

Indonesien: Mit GERWANI entstand in den 1950er Jahren eine der größten feministischen Organisationen der Welt. Sie verband den Kampf um Frauenrechte mit der Befreiung vom Kolonialismus und einer sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft.

Die frühe Frauenbewegung in Indonesien entstand im Kontext der nationalen Befreiungsbewegung und wurde von nationalistischen, religiösen und sozialistischen Ideen beeinflusst. Die erste politische Frauenorganisation, Poetri Mardika, wurde 1912 auf der Insel Java gegründet und trat für die ‚nationale Emanzipation’ ein. Inspiriert von der feministischen Aristokratin Kartini, die unter dem niederländischen Kolonialismus Bildung für indigene Frauen forderte, folgten auf Poetri Mardika weitere Frauenorganisationen wie Poetri Sejati und Wanita Oetama. Diese Organisationen gaben Frauenzeitschriften heraus und sprachen sich gegen Kinderheirat und Polygamie aus.

Zahlreiche religiöse Massenorganisationen entstanden nach dem Ersten Weltkrieg, als revolutionäre Bewegungen die Welt eroberten. Aisyah, eine Frauenorganisation unter der Islamischen Reformbewegung Muhammadiyah, wurde 1920 gegründet. Darauf folgte die Gründung katholischer und protestantischer Frauenorganisationen. Gleichzeitig entwickelte sich eine Reihe regional verankerter Frauenorganisationen auf den Molukken, Sulawesi und Sumatra.

Die religiös orientierten Frauenorganisationen und die regionalen Gruppen teilten eine ähnliche Perspektive, die die Rolle der Frauen als ‚gute’ Ehefrau und Mutter betonte. Beliebte Aktivitäten waren Bildungskurse und das Beibringen von ‚typischen’ Fertigkeiten für Frauen wie Nähen, Kochen oder Kinderbetreuung. Diese Organisationen unterschieden sich hauptsächlich in ihrer Einstellung zur Polygamie. Die christlichen und regionalen Frauenorganisationen widersetzten sich der Polygamie, die sie als erniedrigend für Frauen betrachteten, während islamische Organisationen darauf abzielten, die Lage der Frauen in Polygamie-Ehen zu verbessern.

Indonesien Frauenbewegung GERWANI

Frauenaktivistinnen mit Präsident Sukarno, 1950 © Collectie Stichting Nationaal Museum van Wereldculturen, Wikimedia Commons CC-BY-SA-3.0

Die Anfänge der sozialistischen Frauenbewegung

Der sozialistische Flügel der Frauenbewegung hatte seinen Ursprung in der Radikalisierung der 1920er Jahre und insbesondere in der massenhaften Loslösung der linken Sarekat Rakyat (Volksunion) von der von Händlern dominierten Massenorganisation Sarekat Islam (Islamische Union). 1926 demonstrierten Arbeiterinnen, die Mitglieder der Sarekat Rakyat waren, in Semarang, um gleiche Löhne und eine gerechte Behandlung der Arbeiterinnen zu fordern. Die Eingliederung der Frauen in die Sarekat Rakyat war der Embryo der Beteiligung der Frauen an der linken und kommunistischen Bewegung. Viele Frauen waren 1926 an der kommunistischen Revolte gegen den niederländischen Kolonialismus beteiligt und wurden anschließend nach Boven Digul, einem Gefangenenlager in West-Irian [heute Westpapua], verbannt.

Der erste nationale indonesische Frauenkongress, an dem dreißig Frauenorganisationen teilnahmen, fand im Dezember 1928 in Yogyakarta statt. Der Schwerpunkt des indonesischen Frauenkongresses lag auf der Beseitigung der Polygamie und des Frauen- und Kinderhandels und der Ausweitung von Bildung für Frauen. Es kam jedoch zu Differenzen mit islamischen Frauenorganisationen, die gegen gemischtgeschlechtliche Schulen waren und die Polygamie nicht abschaffen wollten. Ein wichtiges Ergebnis des Kongresses von Yogyakarta 1928 war die Gründung der Föderation der indonesischen Frauenorganisationen mit dem Namen Persatoean Perempoean Indonesia (PPI). 1929 wurde aus PPI die Indonesische Frauenvereinigung (PPII). PPII gab eine Zeitschrift heraus, um die Bildung von Frauen zu verbessern, und bildete einen Ausschuss zur Beseitigung des Frauen- und Kinderhandels.

Während sich die meisten Frauenorganisationen auf die Bildung von Frauen und den Kampf gegen Polygamie konzentrieren, entstand 1930 die sozialistische Frauenorganisation Isteri Sedar (Erwachende Ehefrau), die sich auf den Kampf für nationale Emanzipation und Befreiung vom niederländischen Kolonialismus und auf antikapitalistische Strategien konzentrierte. Die Stimmen von Isteri Sedar für nationale Befreiung wurden beim Nationalen Frauenkongress in Jakarta und bei der Gründung des Indonesischen Frauenkongresses (KPI) lauter, der sich für die aktive Rolle von Frauen in der Politik und für die Unabhängigkeit Indonesiens einsetzte.

Der eindrucksvolle Dokumentarfilm The women and the generals schildert den Kampf der Frauenorganisation Gerwani und ihre Verfolgung während der Suharto-Diktatur, die Inhalt des zweiten Teils dieses Artikels sein wird

Der Frauenkongress KOWANI

Nach der Ausrufung der indonesischen Unabhängigkeit 1945 suchten die männlichen nationalen Führer aktiv die Unterstützung der Frauenorganisationen. In der indonesischen Verfassung von 1945 wurden den Frauen gleiche Rechte eingeräumt. Nach dem Nationalen Frauenkongress in Klaten im Dezember 1945 und dem Kongress in Solo 1946 wurde der Indonesische Frauenkongress (KOWANI) gegründet. KOWANI war ein Zusammenschluss von Frauenorganisationen, die die Unabhängigkeit Indonesiens unterstützten. Neben der Unabhängigkeit des indonesischen Volkes forderte der indonesische Frauenkongress auch gleiche Bezahlung und Rechte für Arbeiterinnen, Änderungen des Eherechts, gleiche Ausbildung wie für Männer, sowie die Bekämpfung des Kinder- und Frauenhandels.

Dieser gemeinsamere Kampf der Frauen, der sowohl antikolonial, antikapitalistisch und anti-polygamisch war und der die Gleichberechtigung bei Bildung und beim Arbeitslohn zusammenbrachte erreichte 1950 seinen Höhepunkt, erlitt aber dann einen Rückschlag. Dies geschah, als die politischen Parteien 1955 Frauenflügel in ihren Parteien einrichteten, die als Mittel zur Sammlung von Stimmen von Frauen bei Wahlen eingesetzt werden sollten. Die Bildung von Frauenflügeln durch die politischen Parteien im Vorfeld der allgemeinen Wahlen 1955 führte zu scharfen Spannungen zwischen den muslimischen, nationalistischen und sozialistischen Frauenorganisationen. Die Aktivitäten der Frauenorganisationen wurden von parteipolitischen und religiösen, von Männern geführten Organisationen instrumentalisiert, was die Zusammenarbeit zwischen den Frauen selbst erschwerte.

Die zunehmende Politisierung der Frauenbewegung wurde auch auf dem internationalen Parkett deutlich. Der indonesische Frauenkongress KOWANI trat 1946 der Internationalen Demokratischen Frauenföderation (IDFF) bei, hauptsächlich wegen der Unterstützung der IDFF für die Beendigung des Kolonialismus. Die IDFF wurde Ende November 1945 auf dem ersten internationalen Frauenkongress in Paris gegründet, einer Konferenz, an der über 800 Frauen aus 41 verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichem Klassenhintergrund teilnahmen. Die Gründerinnen vertraten vier Hauptprinzipien: Antifaschismus, dauerhafter Frieden, Frauenrechte und bessere Bedingungen für Kinder. Sie waren besorgt über die negativen Auswirkungen, die der Krieg sowohl auf Frauen als auch auf Kinder hatte. Aufgrund von Einwänden muslimischer Frauenorganisationen gegen die sozialistische Ausrichtung des IDFF zog KOWANI 1949 jedoch seine Mitgliedschaft zurück.

Indonesien Frauenbewegung GERWANI

Marwani Pardede, Mitglied der Indonesischen Frauenbewegung (Gerakan Wanita Indonesia, GERWANI) spricht 1960 in Berlin (Ost) zu den Delegierten des VII. Bundeskongresses des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD) © Bundesarchiv, Bild 183-78024-0016 / CC-BY-SA 3.0 / CC BY-SA 3.0 DE

Der Aufstieg von GERWANI

Im Juli 1950 gründeten etwa 500 Aktivistinnen – Mitglieder verschiedener Organisationen die gemeinsame Organisation GERWIS (Gerakan Wanita Indonesia Sedar, Bewegung der politisch bewussten Frauen). Ein Jahr später wurde auf dem ersten Kongress von GERWIS beschlossen, den Namen der Organisation in GERWANI (Gerakan Wanita Indonesia, Indonesische Frauenbewegung) zu ändern. GERWANI begann 1954 offiziell mit ihrem revolutionären Mandat. Sie kämpfte aktiv für die Gleichberechtigung der Frauen in der politischen Sphäre und engagierte sich in der neuen unabhängigen Nation mit vielen konkreten Programmen wie z.B. Kurse für Frauen in der Politik, Bekämpfung des Analphabetismus und die Einrichtung von Kindergärten. Als Mitglied des Indonesischen Frauenkongresses (KOWANI), arbeitete GERWANI mit anderen Frauenorganisationen mit unterschiedlichem politischen Hintergrund zusammen, um das Ehegesetz zu reformieren.

Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre war GERWANI eine der größten Frauenorganisationen der Welt. Statt sich auf ‚Frauenthemen’ zu beschränken, organisierte GERWANI die Massen. Die größten Sektionen der GERWANI-Anhänger waren Bauern und arbeitende Frauen. GERWANI-Frauen gingen auf die Plantagen und sprachen mit den Arbeiterinnen über Schlüsselthemen wie Menstruationspausen, Mutterschaftsurlaub und Schikanen von Plantagenbesitzern. Dann begannen sie, gemeinsam mit den Frauen eine Kampagne zu diesen Themen zu führen, um ihre Situation zu verbessern und sie über ihre Rechte als Arbeiterinnen aufzuklären. GERWANI kümmerte sich auch um das Familienleben dieser Frauen und um Probleme im Zusammenhang mit Ehe, Scheidung und Polygamie. GERWANI spielte eine wichtige Rolle bei der Kampagne zur Reform des Ehegesetzes und bei der Forderung nach einer stärkeren Vertretung von Frauen in lokalen Regierungsorganisationen, die sich direkt mit Fragen wie Scheidung und Verlassen der Ehefrauen durch Ehemänner befassen.

GERWANIs Kampagne, Frauen an nationalen politischen Aktivitäten zu beteiligen, verärgerte andere Frauenorganisationen, die sich auf soziale, Bildungs- und Gemeindeaktivitäten konzentrieren wollten. Die enge Beziehung zwischen GERWANI und der Kommunistischen Partei weckte den Verdacht, dass GERWANI die Parteipolitik über die Programme stellte, die mit der Unabhängigkeit und dem Wohlstand von Frauen zu tun hatten. GERWANI-Aktivistinnen wurden als Unterstützer der kommunistischen Parteipolitik angesehen, vor allem, als GERWANI sich am Agrargesetz beteiligte, um Land an die landlosen Bauern zu verteilen. Die Politik der Landverteilung war Teil des Programms der Kommunistischen Partei, die das Agrargesetz umsetzten versuchte. Dies rief den Zorn der Großgrundbesitzer hervor, von denen die meisten islamische Religionsführer waren.

Indonesien Frauenbewegung GERWANI

Die Vize-Vorsitzende des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD), Wilhelmine Schirmer-Pröscher (rechts) begrüßt Marwani Pardede (2.v.l.) und Mastiti Soeprapto, beide Mitglieder des Zentralvorstandes von Gerwani und Delegierte beim VII. Bundeskongress des DFD 1960 in Berlin (Ost), Hauptstadt der DDR © Bundesarchiv, Bild 183-77986-0003, Leske, Peter / Wikimedia Commons CC-BY-SA 3.0

Eine sozialistische Ausrichtung

GERWANI engagierte sich weiterhin beim IDFF, weil dessen Themen über die ‚Frauenthematik’ anderer Organisationen hinausgingen. GERWANI wandte sich zunehmend dem Kampf für die Rechte von Arbeiterinnen und gegen Preiserhöhungen zu. GERWANI setzte sich für den Frieden ein, indem sie Krieg als eine Beschneidung der Rechte der Frauen verstand. Sie forderte eine vollständige indonesische Unabhängigkeit und eine sozialistische Gesellschaft. Dies führte bei vielen Aktivistinnen von GERWANI zum Selbstverständnis einer ‚Vorhut der Frauenbewegung’.

Bis Anfang der 1960er Jahre intensivierte sich die Beziehung zwischen GERWANI und dem IDFF. Mindestens sechs indonesische Frauen waren für einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren im IDFF-Sekretariat in Ostberlin tätig. Viele dieser Frauen steuerten Artikel für die monatliche IDFF-Publikation Women of the Whole World bei. Darüber hinaus nahmen zahlreiche weitere indonesische Frauen an IDFF-Kongressen und an den Kongressen der Mitgliedsorganisationen auf der ganzen Welt teil und kamen durch ihre Reisen mit vielen Ideen in Berührung, die ihren Kampf für Frauenrechte relevant waren.

Bis Oktober 1965 war GERWANI trotz Meinungsverschiedenheiten und Spannungen mit anderen Frauenorganisationen immer noch Teil der indonesischen Frauenbewegung. 1965 gab GERWANI selbst an, über 1,7 Millionen Mitglieder zu verfügen, die bis auf die Dorfebenen reichten. Mit einer so großen Mitgliederzahl, die sich über ein so großes Gebiet erstreckte, wurde GERWANI als politische Macht wahrgenommen. Zusammen mit dem indonesischen Frauenkongress, der 1962 in die Regierung der Nationalen Front eingetreten war, war GERWANI aktiv an verschiedenen Regierungsaktivitäten beteiligt, wie z.B. an der Operation des Dreifachen Volkskommandos zur Befreiung West-Irians und an der Kampagne Crush Malaysia, an der sie an der Ausbildung von Freiwilligen teilnahm.

Die Massenbasis von GERWANI, die Art und Weise, wie sie einen intersektionellen Ansatz entwickelten, der Feminismus mit Klassenfragen verband, und die Radikalisierung und Politisierung ihrer Mitglieder sind bis heute eine Inspiration. Sie machte sie aber auch zur Zielscheibe schrecklicher Vergeltungsmaßnahmen und Gewalt durch das Militär und religiöse Organisationen. Die Zerschlagung von GERWANI und die brutale Verfolgung ihrer Mitglieder sind Thema des zweiten Teils dieses Artikels.

Übersetzung aus dem Englischen von: Oliver Pye

Das ist der erste Teil des Artikels „Feminismus als Klassenfrage“ (hier geht es zu Teil II)

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3 | 2020, Indonesien,
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Feminismus als Klassenfrage (Teil I)

Dies ist der zweite Teile des Artikels „Feminismus als Klassenfrage“ (hier geht es zu Teil I):

Indonesien: Bei den antikommunistischen Massakern von 1965 setzte die indonesische Armee sexualisierte Gewalt gezielt ein, um die linke, feministische Massenorganisation GERWANI zu vernichten.

Für die reaktionären Kräfte unter der Führung von General Suharto stellte die Massenbewegung der feministischen und sozialistischen Aktivistinnen, vertreten durch GERWANI, eine ernsthafte Bedrohung dar, die ausgerottet werden musste. Ende 1965 legte die Armee die Ermordung der obersten Armeeführung durch die Bewegung vom 30. September der Kommunistischen Partei Indonesiens (Partai Kommunis Indonesia, PKI) zur Last. Die Beteiligung von GERWANI an der Ausbildung von PKI-Freiwilligen wurde als Vorwand benutzt, ihr eine organisatorische Verbindung zur PKI und zum angeblichen Versuch der Machtergreifung zu unterstellen.

Zusammen mit antikommunistischen paramilitärischen Gruppierungen begann die Armee, einen gewalttätigen Angriff auf die PKI und alle ihr angeschlossenen oder nahe stehenden Organisationen, bei dem schätzungsweise 500.000 Menschen ermordet und Hunderttausende weitere ohne Gerichtsverfahren inhaftiert wurden. GERWANI-Frauen waren das Ziel dieser Angriffe, weil sie als Teil einer größeren kommunistischen Familie angesehen wurden, aber auch, weil ihre emanzipatorische Politik die ideologische Basis der Kräfte in Frage stellte, die dann das Regime der Neuen Ordnung [Eigenbezeichnung der Suharto-Diktatur, d.Red.] bilden sollten. Sexualisierte Gewalt wurde systematisch gegen diese mächtigen und feministischen Frauen angewandt, um ihren Willen zu zerstören und ihre Organisation zu vernichten.

Frauen, die verdächtigt wurden, Mitglieder oder Sympathisantinnen von GERWANI zu sein, wurden zur Zielscheibe von willkürlichen Verhaftungen, Folter, sexueller Gewalt, Vergewaltigungen, gewaltsamem Verschwinden lassen und Mord. Frauen, die in der Internationalen Demokratischen Frauenföderation (IDFF) aktiv gewesen waren, wie Sudjinah, Sulami, Maasje Siwi, Tanti Aidit und Umi Sardjono, waren lange Zeit im Frauengefängnis Bukit Duri in Jakarta inhaftiert und Folter und Missbrauch ausgesetzt.

Die Konstruktion des GERWANI-Bildes durch die Neue Ordnung

Bildquelle: Screenshots Pengkhianatan G30S/PKI, YouTube.

Ein Hauptstrang der Erzählung, die von militärischen und zivilen Propagandisten konstruiert wurde, um die Vernichtung der Linken zu legitimieren, war die Behauptung, dass während des Putschversuchs GERWANI-Frauen in Jakarta nackt vor den von den ‚PKI-Verschwörern’ entführten Generälen getanzt, sie später kastriert, ihnen die Augen ausgestochen und sie von ihren männlichen Kameraden töten lassen hätten. Die Zeitungen berichteten über GERWANI-Frauen, die sich im Tausch gegen Waffen an Angehörige des Militärs prostituiert hatten. In diesen Diskursen wurde die politische Handlungsfähigkeit von Frauen mit einer unkontrollierten und räuberischen Sexualität gleichgesetzt, wobei auf patrilineare Geschlechterideologien angespielt wurde, die die Sexualität und Reproduktion einer Frau als unter der Kontrolle ihrer männlichen Verwandten stehend betrachteten. Während männliche Kommunisten als böse Ideologen dargestellt wurden, die die politische Ordnung in Frage stellen, wurden weibliche Kommunisten als unmoralisch und unnatürlich dargestellt, die die Grundlagen von Religion, Tradition und Kultur in Frage stellen.

Anfang 1966, nachdem diese Geschichten über GERWANI monatelang in allen Ecken des Landes verbreitet worden waren, wurden Tausende von Frauen, meist junge, unverheiratete Teenager, deren männliche Verwandte bereits als angebliche Kommunisten getötet, inhaftiert oder bedroht worden waren, organisierten Kampagnen des sexuellen Terrors ausgesetzt. Paramilitärische Banden und das Militär zogen von Haus zu Haus und führten Leibesvisitationen durch. Sie behaupteten, sie suchten nach Beweisen für die kommunistischen Sympathien der Frauen in Form von Hammer- und Sicheltätowierungen auf der Vagina, dem Unterleib oder dem Oberschenkel. Häufig wurden diese ‚Durchsuchungen’ in Gegenwart verängstigter Familienmitglieder durchgeführt. Manchmal wurde den Frauen befohlen, sich bei Regierungs- und Militärbehörden für weitere ‚Untersuchungen’ zu melden, was oft in Vergewaltigung und Zwangsprostitution, die sich über Wochen, Monate oder sogar Jahre erstreckten, endete.

Indonesische Aktivisten haben festgestellt, dass solche ‚Durchsuchungen’ in vielen Orten stattfanden. Sie dienten als eine Technik des Terrors, die die Verwundbarkeit der inzwischen diskreditierten Hinterbliebenen sichtbar machte, indem sie sowohl die Körper der Frauen Erniedrigung und Misshandlung aussetzte als auch die Ohnmacht ihrer männlichen Verwandten und Kameraden, diese zu schützen, verdeutlichte. Die Gewalt und ihre Folgen waren in hohem Maße geschlechtsspezifisch, wobei Männer und Frauen in besonderer Weise ins Visier genommen und betroffen wurden und kulturelle Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität, Körper und Familie manipuliert und fetischisiert wurden.

Vor der Tragödie vom 1. Oktober 1965 war GERWANI eine legale Organisation, die ihre Aktivitäten in ähnlicher Weise wie andere Frauenorganisationen durchführte und Mitglied des Indonesischen Frauenkongresses war. Mehrere ihrer Führerinnen waren Mitglieder der gesetzgebenden Versammlung, und zwei von ihnen saßen in der Parlamentsfraktion der PKI. Doch die symbolischen und physischen Angriffe auf weibliche Aktivistinnen, die sich GERWANI oder anderen Massenorganisationen angeschlossen hatten, zerstörte die größte Frauenorganisation vollends. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Frauenbewegung vom Staat kontrolliert.

Auswirkungen auf die Frauenbewegung

Unter dem Suharto-Regime, der so genannten Neuen Ordnung, definierte der Staat die Identität und Rolle der Frauen in der Gesellschaft aktiv neu und schuf eine staatlich geförderte soziale Konstruktion von Geschlechterrollen. Die Neue Ordnung entwarf Politiken und Programme sowie landesweite Institutionen, die auf der Vorstellung von der Rolle der Frau als Ehefrau und Mutter basierten.

Die Rolle und Stellung der Frau stand in engem Zusammenhang mit der Politik der nationalen Entwicklung. In den 1970er Jahren wurde die nationale Entwicklung zur Verantwortung der gesamten indonesischen Bevölkerung, einschließlich der Frauen erklärt. Zu diesem Zweck verabschiedete die Regierung das Gesetz Nr. 5 von 1974. Dieses Gesetz stellte eine besondere Beziehung zwischen Frauen und dem Staat auf Regierungsebene her. Als soziale Gruppe wurde die Rolle der Frauen als wichtig für die erfolgreiche Umsetzung der nationalen Entwicklungsbemühungen angesehen. Das Regime der Neuen Ordnung definierte Frauen als Hausfrau und Mutter im häuslichen Bereich (vgl. dazu auch Artikel Das Heiratsgesetz macht Männer zu Hausherren von Lina Knorr auf suedostasien.net). Gleichzeitig wurden Frauen als Quelle billiger Arbeitskräfte für das Programm der raschen Industrialisierung und nationalen Entwicklung ausgebeutet. Zu diesem Zweck schuf der Staat die Geschlechternorm für indonesische Frauen mit dem Namen Panca Dharma Wanita Indonesia (Fünf Pflichten der indonesischen Frauen):

  1. Frauen als Ehefrau und Gesellschaft des Ehemannes.
  2. Frauen als Haushaltsmanagerinnen
  3. Frauen als Mütter und Reproduzentinnen der Kinder.
  4. Frauen als Erzieherinnen
  5. Frauen als indonesische Staatsbürger

Diese staatlich verordneten Frauenrollen wurden zu einer Ideologie für jede Frauenorganisation, unter dem Vorwand, dass Mütter oder Frauen dafür verantwortlich seien, eine harmonische Familie zu erhalten und die Entwicklung des Landes zu unterstützen. Die Vereinnahmung der Frauenrolle durch Frauenorganisationen, die vom Staat auferlegt wurde, war sehr effektiv.

Zusammen mit der Einführung dieser Geschlechternormen bezeichnete sich Präsident Suharto als ‚Vater der Nation’, und er verbot auch alle massen-basierten Frauenorganisationen und -politiken, wie z.B. GERWANI. Der Begriff GERWANI wurde selbst als Stigma benutzt, um Frauen daran zu hindern, sich an politischen Aktivitäten zu beteiligen, insbesondere jene, die für die Rechte von Frauen und Marginalisierten kämpften.

Die Reduzierung der politischen Rolle der Frau auf eine der Mütter und Ehefrauen durch das Regime der Neuen Ordnung sorgte dafür, dass Frauen ihre politischen und wirtschaftlichen Räume verloren. Frauen wurden systematisch domestiziert und von der politischen Sphäre ausgegrenzt und als Bürgerinnen entmachtet.

Erst in den 1980er Jahren entstanden neue unabhängige Frauenrechtsorganisationen, die sich mit Arbeitsrechten, Gewalt gegen Frauen und staatlicher Gewalt, Wanderarbeitern und Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung befassten. Einige der ersten Organisationen waren Kalyanamitra, Solidaritas Perempuan und YASANTI in Yogyakarta. Diese Frauenorganisationen spielten eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung des Sturzes des Suharto-Regimes im Jahr 1998.

Noch heute kämpft die Frauenbewegung mit dem Trauma der sexualisierten Gewalt, die gegen so viele Aktivistinnen verübt wurde. Es bleibt noch viel zu tun, um Gerechtigkeit für die an GERWANI und Anderen begangenen Verbrechen zu erreichen und die von der Neuen Ordnung etablierten Geschlechterstereotypen zu überwinden.

Übersetzung aus dem Englischen von: Oliver Pye

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3 | 2020, Indonesien,
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Feminismus als Klassenfrage (Teil I)

Thailand: Eine Ausstellung von 2017 erzählt die Geschichte von Frauen aus Bangkok, die sexualisierte Gewalt überlebt haben. Ihre Aussagen zeigen, dass der Nationale Frauen und Entwicklungsplan nur auf dem Papier existiert.

Ich versuche hier eine kritische Reflexion über die „#MeToo“-Bewegung im thailändischen Kontext, in dem ich drei verschiedene Prozesse in Beziehung setze. Erstens bin ich persönlich von dem Prozess inspiriert, bei dem ich mich mit einer Gruppe von (vergewaltigten und) misshandelten Frauen, Ehefrauen und Müttern, die in einem Frauenhaus am Stadtrand von Bangkok lebten, auseinandergesetzt und von ihnen gelernt hatte. Die aus dieser Arbeit entstandene Ausstellung, die als selbst gemachtes Archiv konzipiert wurde, beziehe ich zweitens auf den seit 1982 vom thailändischen Staat erstellten Nationalen Frauen und Entwicklungsplan. Dieser Plan ist eine ganz andere Art des Archivs, nämlich eine, die marginalisierte Stimmen im Prozess der Wissenskonstruktion zum Thema Gewalt gegen Frauen ausklammert. Drittens versuche ich, aus dieser Gegenüberstellung politische Schlussfolgerungen zu ziehen für die sich abzeichnende globale Agenda zu Gewalt gegen Frauen, die durch die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung 2030, Nr. 5.1, initiiert wurde und die sich ehrgeizig das Ziel der „Beendigung aller Formen der Diskriminierung aller Frauen und Mädchen überall“ gesetzt hat.

Das Erzählen von ‚#MeToo‘-Geschichten im thailändischen Kontext

Die Ausstellung der Frauen aus dem Frauenhaus ist durch ein Zusammentreffen mit einer NGO-Mitarbeitern (von der Social Equality Promotion Foundation) und einer MA-Studentin, Manee Khunpakdee entstanden. Für den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (25. November) organisierten sie 2017 die sehr kreative Ausstellung Stimmen und Ansichten der Überlebenden: Erzählen durch meine Archive. Die (experimentelle) Ausstellung wurde zusammen mit einer Vielzahl von Aktivitäten, unter anderem eine Podiumsdiskussion, ein Theaterstück und eine Musikshow, präsentiert.

Da jedoch das Konzept und die Praxis (oder sogar der Begriff) von ‚Archiven’ für diese Frauengruppe recht neu war, kam die Idee, ihre Präsentation auf ihre persönlichen Archive zu konzentrieren. Als Gruppe von Überlebenden erinnerte sich jede von ihnen an die intimen Gegenstände, die mit der erlebten Gewalt zu tun hatten, und identifizierte sie. Zu diesen Gegenständen gehörten zum Beispiel eine Busfahrkarte, die eine Überlebende während der Vergewaltigung noch in der Hand hielt, ein Kessel mit heißem Wasser, ein zerrissenes Tuch, ein Pyjama, der nach einem Angriff ihres Partners mit Blut befleckt war, sowie ein Schlagring. Alle wurden mit Bildunterschriften im Stil einer kritischen und alternativen Ausstellung ausgestellt. Zwei Beispiele seien hier vorgestellt:

Die obigen Geschichten kommen uns vertraut vor. Viele Ehemänner schlagen ihre Frauen brutal zusammen. Und Vergewaltiger lauern Frauen des Öfteren auf, indem sie ihnen im Bus folgen, während sie sich auf dem Weg zu ihrem Zuhause befinden, sei es in Mumbai, Nairobi, Jakarta oder sogar in Toronto und New York City (obwohl die meisten Vergewaltigungen von Personen begangen werden, die die Frau kennt). Es ist jedoch das erste Mal, dass ich solche Geschichten lese, in denen die Frauenarchive zusammen mit einer Busfahrkarte oder einem Schlagring in Form einer Ausstellung, die auf die Beendigung von Gewalt gegen Frauen abzielt, zu sehen sind. Hier findet eine Verwandlung von einem ‚Archiv-als-Quelle’ zu ‚Archiv-als-Subjekt’ statt.

Gewalt gegen Frauen im Frauen- und Entwicklungsplan der thailändischen Regierung

Wann und wie ist das Wissen über Gewalt gegen Frauen in Thailands Nationalen Frauen- und Entwicklungsplan hineingeschrieben worden? Frauenrelevante Themen wurden erst 1972, im 3. Nationalen Wirtschaftsplan, mit dem Schwerpunkt auf Familienplanung sowie auf der Hygiene von Müttern und Kindern behandelt. Es dauerte weitere zehn Jahre, bis der [erste] Fünfjahresplan für Frauen und Entwicklung (1982-1987) (im Rahmen des 5. Nationalen Wirtschaftsplans) auf den Weg gebracht wurde. Frauen werden hier vor allem als Input für das Wirtschaftswachstum betrachtet.

Gewalt gegen Frauen wird in keinem Abschnitt des Ersten Frauen- und Entwicklungsplans (1982) thematisiert. Es dauerte noch weitere 20 Jahre, bis das Thema im 9. Nationalen Wirtschafts- und Entwicklungsplan (2002-2006) unter dem Titel Förderung der Gleichstellung und des sozialen Schutzes behandelt wurde. Hier heißt es:

Gegenwärtig befinden wir uns im Rahmen des 12. Nationalen Wirtschafts- und Entwicklungsplans, der einen Abschnitt mit dem Titel Strategie für Frauen und Entwicklung (2017-2021) beinhaltet. Hier wird gefordert: „… einen Ansatz zum Schutz, zur Lösung und zur Hilfe der Betroffenen während des ganzen Prozesses … ein Prozess, der die Einschaltung eines Teams von berufsübergreifenden Experten erfordert“ (2560: 8).

Vom Opfer zum ermächtigten Subjekt

Siebzehn Jahre sind vergangen, in denen die Zahlen über Todesfälle und Überlebende häuslicher und sexualisierter Gewalt in die Höhe geschossen sind. Warum also haben die vielen Pläne, die von der Regierung formuliert wurden, diese Gewalt nicht eingedämmt?

Der Versuch, eine Neuausrichtung und Refokussierung der nationalen Pläne zu fordern, erfolgte während einer Versammlung der oben besprochenen Gruppe von Frauen im Jahr 2018. Sie verfasste eine Petition an die Regierung in ihrer eigenen Handschrift, in der sie Lösungen für Gewalt gegen Frauen forderten, die direkt auf die BEDÜRFNISSE der Überlebenden reagieren, anstatt Millionen für Werbeunternehmen auszugeben, die eine oberflächliche Medienkampagne veranstalteten.

Sie verlangten unter anderem:

  • Sobald Frauen, die häusliche Gewalt erlebt haben, ihre Beschwerden bei einer beliebigen Stelle (d.h. bei der Polizei) einreichen, sollte diese unverzüglich Maßnahmen ergreifen. Die Fälle sollten nicht als bloßer ‚Konflikt zwischen Mann und Frau’ abgetan werden […].
  • Im Krankenhaus sollten Frauen eine kostenlose DNA-Inspektion erhalten, entweder im Falle einer Vergewaltigung, eines sexuellen Übergriffs oder wenn Männer sich weigern, Verantwortung zu übernehmen […].
  • Öffentliche Mittel sollten für die Überlebenden [als finanzielle Unterstützung] entweder zwischen oder nach dem Heilungsprozess, dem Kampf vor Gericht und der Berufsausbildung zum Aufbau einer eigenen Karriere bereitgestellt werden.

Die Lektüre der Petitionen der Überlebenden erinnert mich an das, was von Gayatri Spivak (zitiert aus: Blunt, A. and Jane Wills. (2000): Dissident Geographies: An Introduction to Radical Ideas and Practice. Prentice Hall/Pearson Education, S. 16) diskutiert wurde, dass „… Praktiken des Sprechens und Schreibens nicht unschuldig sind, sondern Teil des Prozesses der ‚Weltbildung‘ oder der diskursiven Abgrenzung bestimmter Teile der Welt von anderen sind. Wissen ist eine Form der Macht und, daraus folgend, der Gewalt; es … verleiht dem Verarbeiter von Wissen Autorität“. In dieser Hinsicht bezieht sich Spivaks Einsicht nicht nur auf das ungleiche Verhältnis zwischen der ersten und der dritten Welt, sondern auch innerhalb der dritten Welt selbst.

Während auf der einen Seite ein vorherrschender Diskurs über Gewalt gegen Frauen in den Regierungsplänen, wie sie von den feministischen Bürokraten geschrieben wurden, festgehalten wird, gibt es auf der anderen Seite eine Bewegung einer Gruppe von Überlebenden (auf der Suche nach ihren eigenen Archiven), die ihren eigenen Vorschlag schreiben und die Behörden auffordern, das Problem an der richtigen Stelle zu lösen, um die Gewalt gegen sie (und andere Frauen) zu beenden. Es besteht kein Zweifel, dass dies eine monumentale und historische Herausforderung durch die ‚fehlenden Stimmen’ im Prozess der Wissenskonstruktion über Gewalt gegen Frauen in der thailändischen Frauenbewegung ist.

Übersetzung aus dem Englischen von: Oliver Pye

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