1 | 2018, Indonesien,
Autor*in:

Der Thunfischmogul aus Indonesiens Osten

Fischhändler Win (li) mit seiner Tochter und einem seiner Fischer (re) © Geger Riyanto

Der Thunfischhändler Win Yananda kann wohl als der reichste Mann im Landkreis Nord-Seram (Molukken) gelten. Zwar hat noch nie jemand Statistiken über den Reichtum der Einwohner Nord-Serams geführt. Aber seine Verwandten, Geschäftspartner und die, die für ihn arbeiten, waren oft fassungslos, wenn sie mit eigenen Augen sahen, wie er sein Geld für immer neue Investitionen ausgeben konnte. Es scheint, als versiegten die Quellen seines Kapitals nie. Viele, die mit Win zu tun haben, sind es gewohnt, mit großen Geldmengen umzugehen. Für diese Leute besteht ihr Geschäft darin, Fischkäufer aus Seram, anderen Molukken-Inseln und sogar aus der Hauptstadt Jakarta oder dem Nachbarland Philippinen zu treffen, die dann tief in ihre Taschen greifen um den Thunfisch zu kaufen, den die Fischer an Land gezogen hatten. Aber Win stellt diese Leute alle in den Schatten. Er ist ein Unternehmer der in einer ganz eigenen Liga spielt.

Eine Geschichte, die in Nord-Seram oft über den Reichtum Wins erzählt wird, handelt von seiner Art Geschäfte zu machen: Seine Rechnungen wurden von den Warenhäusern, an die er seine Fische weiterverkaufte, oft über Monate nicht beglichen. In Nord-Seram ist es so, dass die Zwischenhändler die Fische direkt von den Fischern kaufen und diese in bar bezahlen. Sie lagern die Fische dann so gut wie möglich, um die Qualität des Fisches zu erhalten. Wenn genug Fisch gesammelt wurde, was oft ein paar Tage dauert, verkauft Win den Fisch an Warenhäuser in weiter entfernte Städte weiter. Es kam sogar vor, dass ein Warenhaus, das Win die Fische abkaufte, mit seinen Zahlungen drei Monate im Rückstand war. Win hatte den Fischern für diese Fische schon etwa 1,8 Milliarden Rupiah gezahlt. Trotz dieser Situation kaufte Win den Fischern weiter ihren Fisch ab. Währenddessen bemühte sich Win, durch seine Leute Druck auf das Warenhaus auszuüben, damit es seine Schulden begleicht.

Der Fischhändler als Hobbyangler mit einem Barsch, © Geger Riyanto

Es kam auch oft vor, dass Win 20 bis 30 Millionen Rupiah an Fischer verlieh, damit diese sich Motorbote kaufen konnten. Und dann gab es immer wieder Fischer, die das Geld nicht zurückzahlen konnten. Aber das war für ihn nie ein Problem. Nach Angaben von Leuten, die ihm nahe stehen, hat er nicht einmal versucht, die Schulden einzutreiben. Irgendwann haben die Fischer dann das Geld von sich aus zurückgezahlt.

Die Frage ist, wie Win, der in Nord-Seram, also in einem abgelegenen Gebiet Indonesiens, lebt, es schaffen konnte, so viel Reichtum anzuhäufen. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir in seine Vergangenheit schauen. Win, ein Indonesier mit chinesischen Vorfahren, wurde in Makassar auf der Insel Sulawesi geboren. Nachdem er sein Technik-Diplom von der Universität dort erhalten hatte, wollte er in Makassar eine Werkstatt mit seinem Cousin eröffnen. Aber stattdessen eröffnete sein Cousin ein Vertragsunternehmen im Bezirk Kobisonta auf der Molukkeninsel Seram, einem Gebiet, in dem Transmigranten angesiedelt wurden. In den 80ern zog Win von Makassar nach Kobisonta und arbeitete für seinen Cousin.

Reich werden mit Regierungsgeschäften

Als Kontraktunternehmer war Win später für Brückenbauprojekte der Regierung auf Seram verantwortlich. Aufgrund der schwierigen Topographie der Insel hatte Seram bis in die 90er Jahre nur sehr wenige asphaltierte Straßen. Die Einwohner nutzten für gewöhnlich Boote um die abgelegenen Dörfer zu erreichen. Der Ausbau der Infrastruktur, vor allem von Straßen und Brücken, wurde daher zu einem wichtigen Projekt. Win hat niemals erzählt, wie seine Firma das Vertrauen der Regierung gewonnen hat, um die Projekte durchzuführen. Wenn wir uns jedoch viele andere Fälle als Präzedenzfälle sowohl auf nationaler als auch auf regionaler Ebene anschauen, sehen wir, dass indonesische Unternehmer Aufträge oft durch Patronatsbeziehungen mit Regierungsbeamten erhalten (Chua 2008; Borsuk & Chng 2014; Van Klinken 2014; Savirani 2014). Persönliche Nähe führt dann dazu, dass Unternehmer staatliche Projekte ausführen dürfen, es bedeutet allerdings auch, dass die Regierenden dann von den Unternehmern Unterstützung für ihre politischen Kampagnen einfordern und Gewinne mit ihnen teilen.

Was Win preisgab war, dass er sorgfältig jedes Detail studierte, das beim Bau einer Brücke nötig war. Seine Genauigkeit ermöglichte es ihm, unnötige Ausgaben zu vermeiden und herauszufinden, wie er effektiver arbeiten konnte. Nachdem sein Unternehmen ein paar Jahre lief, kaufte er sein eigenes schweres Gerät. Das ermöglichte ihm, noch größere Gewinne aus seinen Projekten zu erzielen.

Win prüft die Qualität des Fisches © Geger Riyanto

In den 2000er Jahren ergab sich für Win eine weitere viel versprechende Geschäftsmöglichkeit. In dieser Zeit lebte er in Wahai, dem Regierungssitz des Landkreises Nord-Seram. Nicht weit von Wahai liegt das Dorf Parigi, das in dieser Zeit Bekanntheit erlangte als Thunfisch-Dorf. Die Zwischenhändler kamen in das Dorf und kauften die Fische zu verlockenden Preisen ab. Win bot zwei Dorfbewohnern seine Zusammenarbeit an: Sie sollten die Fische für ihn an Ort und Stelle kaufen, er stattete sie dafür mit der nötigen Ausrüstung aus.

Obwohl das Sammeln von Thunfischen von den Fischern, das in den Molukken klostor genannt wird, einfach erscheint, ist es in Wahrheit eine komplizierte und sogar riskante Angelegenheit. Thunfische verlieren bei unsachgemäßer Behandlung schnell an Qualität. Wenn die Qualität des Thunfischs abnimmt, werden die Zwischenhändler nicht so viel für den Weiterverkauf erhalten wie sie investiert haben. Was die ganze Sache noch schwieriger macht, ist die bereits erwähnte Tatsache, dass, dass die, die den Fisch dann von den Zwischenhändlern kaufen, ihn oft erst nach Wochen oder sogar Monaten bezahlen.

Dank der Gewinne aus seinen früheren Geschäften verfügte Win über genug Kapital, um sein neues Geschäft trotz dieser Risiken aufrecht zu erhalten. Es kam vor, dass er nicht voll bezahlt wurde, weil der Fisch schon seine Qualität eingebüßt hatte. Es gab auch eine Zeit, in der der schon erworbene Fisch verdarb weil es Schwierigkeiten gab bei der Errichtung von Lagerungsmöglichkeiten in dem Dorf, in dem es keine ausreichende Stromversorgung gab. Aufgrund seiner Hartnäckigkeit und seines großen Kapitals ist Win dennoch heute der älteste und einflussreichste Thunfischzwischenhändler in Parigi.

Gewachsene Geschäftsbeziehungen

Als ich 2015 für eine Forschung nach Paringi kam, hatte er schon enge Beziehungen mit den klostor dort. Die Qualität des Thunfischs wird nicht so streng geprüft von den anderen Zwischenhändlern, ganz zu schweigen von den neuen Zwischenhändlern, da die klostor normalerweise viele Schulden bei Win haben. Seine Person ist bei den Fischern und den klostor bekannt als ein Händler, der zuverlässig in seiner Bezahlung ist. Win lieh den Fischern Geld, so dass sie sich bessere Motorboote kaufen konnten. Damit hat er die Fischer nicht nur an sich und seine klostor gebunden, er hat ihnen auch mehr Fische abkaufen können. Obwohl es keine schriftlichen Verträge gab, behandelten Wins Mittelmänner die Fischer als „ihre Fischer“. Wenn es um die Fähigkeit geht, die Unternehmen mit Thunfisch zu versorgen, sagen Wins Leute, dass sie 30 Fischer haben, die bereit sind, jeden Tag ihren Fang an sie zu verkaufen.

Zwar ist das Geschäft mit den Thunfischen Wins ertragreichstes. Doch er besitzt darüber hinaus auch einige Ölpalmen-Plantagen, die in Partnerschaft mit Nusaina, dem Unternehmen des Geschäftsmanns Sihar Sitorus bewirtschaftet werden. Er besitzt auch Kopragärten und vertreibt Waren für Gemischtwarenläden der Familie seiner Frau. Als Unternehmer muss Win einige Steuern zahlen.

Win hat in vielen Bereichen großen Einfluss. Die Fischer, die für ihn arbeiten, sind Leute, die jederzeit für alle möglichen Aufgaben eingesetzt werden können. Wenn er jemanden benötigt, der ihm mit geschäftlichen oder persönlichen Angelegenheiten hilft, die nicht direkt mit dem Thunfischgeschäft zu tun haben, kann er ebenfalls auf die Hilfe „seiner Männer“ zählen. In Wahlkampfzeiten, in der die Parteien oder die Politiker Stimmen aus Dörfern in Nord-Seram brauchen, kann Win die Wahl zu Gunsten „seines Kandidaten“ beeinflussen. Sihar Sitorus, ein Palmöl-Geschäftsmann und Politiker auf nationaler Ebene, bat Win um Hilfe, als er sein Geschäft nach Nord-Seram ausweitete. Win half Sihar, indem er Dorfvorsteher versammelte und ihnen Sihar als Investor mit guten Absichten vorstellte, dem es darum gehe, ihren Bezirk zu entwickeln. Win gab aber auch den Dorfbewohnern finanzielle Unterstützung in für sie schwierigen Zeiten. Diese Maßnahmen stärkten die Beziehung zwischen ihm und den Dorfbewohnern. Als ich vor Ort war, hatte das Dorf zum Beispiel ein Problem mit dem Dach der Moschee, das undicht war. Win kaufte daraufhin in der Molukken-Hauptstadt Ambon für das Dorf eine neue Moschee-Kuppel.

Es gibt einige „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichten in Südostasien, in denen Menschen aus einfachen Familien, reich wurden und nun ein Vermögen besitzen. Zu ihnen gehören Leute wie Mochtar Riyadi, Charoen Sirivadhanaabhakdi und Henry Sy. Ich kann nicht sagen, dass Win auch aus einfachen Verhältnissen kommt, da er für die damaligen Verhältnisse eine gute Ausbildung genießen konnte. Eines ist jedoch klar: Er hat es geschafft, seine Geschäfte aufzubauen, respektiert zu werden und einen nicht unerheblichen Reichtum anzuhäufen. Obwohl die Art und Weise, wie er zu seinem Reichtum kam, nicht von der Praxis der Vetternwirtschaft getrennt werden kann, die auch für andere Unternehmen in Indonesien typisch ist, ist festzuhalten, dass er seinen Reichtum nicht einfach durch Erbschaft erwarb.

Sein Fall zeigt außerdem, wie ein Geschäftsmann in Indonesiens Außenregionen erfolgreich sein kann in einem Umfeld, das für geschäftliche und politische Netzwerke nicht leicht zugänglich sind, aber über großes wirtschaftliche Potenzial verfügt. Was Win tat, um sein Geschäft aufzubauen, ist vergleichbar mit den Manövern anderer Unternehmer in Indonesien. Er zog seinen anfänglichen Reichtum aus Projekten, die höchstwahrscheinlich in Zusammenarbeit mit Regierungsbeamten ausgeführt wurden, die sich auch persönlich an den Geschäftsbeziehungen bereicherten. Als nächstes tat er alles, um sicherzustellen, dass er so viel Geld wie möglich anhäufen konnte und dann, als er genügend Investitionskapital hatte, hielt er die Augen offen nach Gelegenheiten um in der Nähe Geschäfte zu machen. Immer wieder stieg Win in immer neue Geschäfte ein. Er bedauerte es nie, wenn eine Investition fehlschlug. Er hatte den Grundstock für seinen Erfolg im Thunfisch-Geschäft gelegt. Es gab einerseits eine hohe Nachfrage sowohl am indonesischen als auch am ausländischen Markt, außerdem bestand auch von Seiten der Fischer Bedarf an Leuten, die ihnen die Fische abkauften. Das alles waren gute Vorrausetzungen, um Gewinne zu machen. Umso mehr, da Win an einem Ort operiert, an dem Thunfisch nie als knappes Gut wahrgenommen wurde. Ein Diskurs über die Bedrohung von Fischarten hat sich in Indonesien bislang kaum entwickelt, vor allem nicht in abgelegenen Gebieten wie Nord-Seram.

Win ist ein Porträt eines Akteurs des sozialen Lebens, die nicht zögern, sich in das zu vertiefen, was Pierre Bourdieu (1986:47) “the games of society“ nannte. Er war entschlossen, „den großen Pokal“ zu gewinnen und musste dafür die Trophäen verpfänden, die er schon gewonnen hatte. Wie schillernd auch eine Gelegenheit vor ihm lag, sie würde verpuffen, wenn er nicht sein Kapital einsetzte. Aber letztlich gewann Win nicht nur ökonomisch gesehen. Er gewann auch Ansehen in seinem sozialen Umfeld. Seine Möglichkeiten, auch mit einem weiter entfernten Umfeld in Kontakt zu kommen – und aus diesem Kapital zu erhalten – öffneten sich auch mit dem gesellschaftlichen Einfluss, den er heute besitzt.

 

Übersetzung aus dem Indonesischen von Timo Duile.

 

Zum Weiterlesen:

  • Borsuk, R., & Chng, N. (2014). Liem Sioe Liong’s Salim Group: The Business Pillar of Soeharto’s Indonesia. Singapore: Instute of Southeast Asian Studies.
  • Bourdieu, P. (1986). The Forms of Capital. In J. E. Richardson (Ed.), Handbook of Theory of Research for the Sociology of Education. Santa Barbara, California: Greenword Press.
  • Chua, C. (2008). Chinese Big Business in Indonesia: The State of Capital. Oxon: Routledge.
  • Savirani, A. (2014). Resisting Reforms: The Persistence of Patrimonialism in Pekalongan’s Construction Sector. In G.
  • Van Klinken & W. Berenschot (Eds.), Middle Classes in Provincial Towns (pp. 133-144). Leiden: Brill.
  • Van Klinken, G. (2014). The Making of Middle Indonesia: Middle Classes in Kupang Town, 1930s-1980s. Leiden: Brill.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2018, Indonesien,
Autor*in:

Der Thunfischmogul aus Indonesiens Osten

Gütesiegel und Biozertifikate sollen das Gewissen von Verbraucher*innen beruhigen. Eine besondere Rolle spielt hierbei der Panda. Das süße Bärchen ist das Logo des World Wide Fund For Nature (WWF), bekannt als Interessenvertreter für die Umwelt. Der WWF ist aber auch ein Wirtschaftsunternehmen. Zu seinen Produkten gehören Gütesiegel, um Holz, Fisch und Lebensmittel zu zertifizieren. Eines der bekanntesten ist das ASC Label, zum Beispiel für Pangasius und Garnelen aus Vietnam.

 

Anlass für die Entstehung des ASC-Labels war 2009 eine heftige Diskussion über Pangasius aus Vietnam. Nachdem der Süßwasserfisch in Deutschland immer mehr Konsument*innen gefunden hatte, nutzten Fischer*innen im Mekong-Delta die Chance und züchteten Pangasius. Die Erfolgsgeschichte drohte Vietnam jedoch auf die Füße zu fallen. Der WWF fuhr im November 2010 nach Vietnam, um die Aufzucht des Pangasius zu untersuchen. Anschließend wurde der Fisch auf die ‚rote Liste’ mit Lebensmitteln, die nicht gekauft werden sollten, gesetzt. Die Gründe für die massive Kritik lagen in den katastrophalen Bedingungen, unter denen der Fisch in Vietnam gezüchtet wird. Der Besatz ist extrem hoch, daher wird massiv Antibiotika eingesetzt. Da der Pangasius ein Allesfresser ist, wird er mit nahezu allem gefüttert, was den Fisch rasch fett werden lässt.

Die Probleme um die Aufzucht des Pangasius waren (und sind) in Vietnam längst bekannt. Bereits 2010 hatten sich Vietnams Pangasiuszüchter*innen deshalb in Ho-Chi-Minh-Stadt zusammengesetzt, um über ‚verantwortungsvolle’ Fischzucht zu diskutieren. Die Gespräche fanden im Rahmen des „Pangasius Aquaculture Dialogue“ statt – einem Netzwerk aus über 600 Fischzüchter*innen, Fisch verarbeitende Fabriken, europäischen Lebensmittelkonzernen sowie Wissenschaftler*innen und Naturschützer*innen. Initiator war der WWF. Im Herbst 2010 verabschiedete das Gremium dann einen Standard für die Pangasius-Zucht aus dem schließlich das ASC-Label hervorging. Vergeben wird dieses Zertifikat heute durch den Aquaculture Stewardship Council (ASC) einem so genannten Nonprofit-Unternehmen aus WWF und der niederländischen „Nachhaltigen Handelsinitiative“ (IDH).

Seither ist viel passiert. Der WWF hat erreicht, dass sich Vietnams Regierung und Fischindustrie verpflichteten, die gesamte Produktion ab 2015 auf umweltverträgliche Methoden umzurüsten. Ohne dieses Label haben sie in den deutschen Supermärkten keine Chance. Beim Pangasius haben nach Angaben von Philipp Kanstinger, einem ASC-Experten beim WWF, ca. 17 Prozent der Zuchtbetriebe das ASC-Label. Weitere 15-20 Prozent haben andere Zertifikate. Kanstinger schildert die positiven Entwicklungen im August 2018 in einem Interview mit dem Autor. „Der Medikamentenverbrauch ist gesunken, wie wir durch regelmäßige Überprüfung der Dokumentationen der Züchter sowie Stichproben beim Import feststellen konnten.“ Das ASC- und andere Siegel haben den Marktzugang nach Deutschland und in andere Regionen der Welt geöffnet. Der Export von Pangasius und Shrimps wurde so zu einer der Lebensgrundlagen im Mekong-Delta und einem erheblichen Wirtschaftsfaktor für Vietnam.

Die deutsche „Supermarkt-Mafia“

Die großen Supermarktkonzerne haben das ASC-Label seit jeher begrüßt und vorangetrieben, versprechen der beliebte Pangasius und neuerdings Garnelen aus Vietnam doch große Gewinne. Die Preise werden von den Einkäufern dieser weltweit agierenden Unternehmen diktiert. „Sie schreiben die Produktions-, Preis- und Lieferbedingungen vor und werden so zum ‘Gatekeeper‘ im Lebensmittelhandel,“ so eine Studie von OXFAM vom Juni 2018. Dort heißt es weiter: „In der EU wird der Einzelhandel zunehmend dominiert von einer immer kleiner werdenden Anzahl von Supermarktketten. In Deutschland teilen sich vier große Ketten 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels. Die Zulieferer, die oft abhängig von einigen wenigen Supermärkten sind, geben den Preisdruck an ihre Arbeiterinnen und Arbeiter weiter. Akkordarbeit, längere Arbeitszeiten, schlechtere Arbeitsbedingungen und eine unsichere Arbeitssituation sind die Folge. In der Produktion der Lebensmittel kommt es zu gravierenden Menschen- und Arbeitsrechtsverstößen, vielerorts können die Menschen, die unsere Lebensmittel herstellen, von ihren Einkommen kaum leben.“ Eine ebenfalls von OXFAM publizierte Studie weist nach, dass deutsche Supermärkte 36,5 Protzent des Verbraucherpreises von Garnelen aus Vietnam erhalten. Produzent*innen werden hingegen mit 1,5 Prozent abgespeist.

Schaut man sich die ASC etwas genauer an, kommt man ins Staunen. Man muss dazu nur die Homepage besuchen. Sie wird vom WWF und der IDH gemeinsam betreiben und zeigt eine Liste der Unterstützer des ASC-Labels. Dort findet man rund 25 der größten Lebensmittelkonzerne aus der Branche Fisch und Meeresfrüchte wie Bofrost, Costa, Edeka, Frosta, Lidl, Metro Group oder Real. Welche finanziellen Berührungspunkte zwischen WWF, dem ASC und den Partner-Firmen bestehen, ist schwer zu durchschauen. Auf vielen Packungen von Edeka prangt z. B. der Panda und animiert zum Kauf und zum Spenden an den WWF. Dessen Einnahmen aus Geschäften mit seinen Kooperationspartner*innen betrugen im vergangenen Jahr rund 13,4 Mio. Euro (Vorjahr 12,2 Mio. Euro). Das sind rund 17 Prozent der Gesamteinnahmen. „Die strategische Partnerschaft mit dem genossenschaftlich geprägten Einkaufsverbund EDEKA spielt hier eine herausragende Rolle.“ heißt es im Jahresbericht 2016/17 des WWF.

Dass und inwieweit der WWF an Einnahmen aus den Zertifizierungsverfahren für von ihm initiierte Umweltlabels beteiligt ist, ist nicht unmittelbar zu erkennen. „Das Zertifizierungsverfahren für die Fischer ist unabhängig und transparent und wird von zugelassenen, unabhängigen Prüfungsfirmen durchgeführt“, so der WWF. Wer diesen ‚unabhängigen Zertifizierern‘ aber erlaubt, diesen Job zu machen ist ebenfalls nicht transparent. Eine Zertifizierung ist aufwändig, sie dauert ca. vier Monate und ist dann drei Jahre gültig. Jährlich findet eine Überprüfung statt. Für das ASC-Label bezahlen müssen die Fischzüchter*innen – geschätzt zwischen 5.000 und 20.000 Euro. Ein hohes Eintrittsgeld für den Zugang in die europäischen Supermärkte.

Die Fischer und Züchter am Mekong

Die Pangasius- und Garnelen-Züchter*innen im Mekong-Delta stehen am Anfang der Lieferkette. Bei ihnen bleibt von dem Riesengeschäft mit zertifizierten Garnelen und Pangasius trotzdem am wenigsten hängen.

Der Kampf um ein menschenwürdiges Dasein ist in den letzten Jahren härter denn je geworden. Es ist nicht nur der Kampf um die landwirtschaftlichen Güter. Es ist heute auch ein Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels und gegen die Bedingungen des Weltmarktes. Derzeit sind die Preise für Garnelen auf dem Weltmarkt im Keller und zwar so tief, dass der vietnamesische Verband der Seafood-Exporteure und -Produzenten im Mai 2018 dazu aufrief, die Produktion von Garnelen zu drosseln. Statt auf eine weitere Erhöhung der Mengen zu setzen, ruft der Verband seine Mitglieder auf, besser auf die Qualität zu achten und sich nach dem ASC-Label zu zertifizieren. Um Zertifikate zu erhalten, sollen sich die landwirtschaftlichen Haushalte in Genossenschaften zusammenschließen. Immer mehr Betriebe und Genossenschaften tun dies auch. „30 Kooperativen in den Provinzen Soc Trang, Bac Lieu und Ca Mau haben die Zertifizierung des Aquaculture Stewardship Council (ASC) beantragt“ meldet die vietnamesische Nachrichtenagentur VOV im Juni 2017.

Der Rat zur ASC Zertifizierung kann dazu beitragen, feste und sichere Lieferketten zu den Supermarktketten aufzubauen. Gegen den Verfall der Weltmarktpreise hilft das Label allerdings gar nichts – vor allem wenn die Produktionskosten durch das Label ansteigen. Egal, um welches Lebensmittel es sich handelt, unter einer rein gewinnorientierten Lebensmittelindustrie wird kein Gütesiegel wirklich dazu beitragen, dass einerseits die Erzeuger*innen genug Geld zum Leben haben und andererseits die Verbraucher*innen saubere Lebensmittel bekommen. Ändern müsste sich in allen Bereichen der globalen Lieferkette etwas: Verbraucher*innen müssten bereit sein, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben. Die Handelsketten müssen wiederum den Erzeuger*innen mehr bezahlen. Dies würde ihnen tatsächlich eine Chance eröffnen, die Bedingungen der Zertifikate auch dauerhaft einhalten.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2018, Indonesien,
Autor*in:

Der Thunfischmogul aus Indonesiens Osten

Vietnam/Deutschland: So lange deutsche Verbraucher*innen nicht bereit sind, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben, zahlen Produzent*innen und die Umwelt die Zeche für Fisch und Garnelen auf unseren Tischen.

Gütesiegel und Biozertifikate sollen das Gewissen von Verbraucher*innen beruhigen. Eine besondere Rolle spielt hierbei der Panda. Das süße Bärchen ist das Logo des World Wide Fund For Nature (WWF), bekannt als Interessenvertreter für die Umwelt. Der WWF ist aber auch ein Wirtschaftsunternehmen. Zu seinen Produkten gehören Gütesiegel, um Holz, Fisch und Lebensmittel zu zertifizieren. Eines der bekanntesten ist das ASC-Label (Aquaculture Stewardship Council) zum Beispiel für Pangasius und Garnelen aus Vietnam.

Anlass für die Entstehung des ASC-Labels war 2009 eine heftige Diskussion über Pangasius aus Vietnam. Nachdem der Süßwasserfisch in Deutschland immer mehr Konsument*innen gefunden hatte, nutzten Fischer*innen im Mekong-Delta die Chance und züchteten Pangasius. Die Erfolgsgeschichte drohte Vietnam jedoch auf die Füße zu fallen. Der WWF fuhr im November 2010 nach Vietnam, um die Aufzucht des Pangasius zu untersuchen. Anschließend wurde der Fisch auf die ‚rote Liste‘ mit Lebensmitteln, die nicht gekauft werden sollten, gesetzt. Die Gründe für die massive Kritik lagen in den katastrophalen Bedingungen, unter denen der Fisch in Vietnam gezüchtet wird. Der Besatz ist extrem hoch, daher wird massiv Antibiotika eingesetzt. Da der Pangasius ein Allesfresser ist, wird er mit nahezu allem gefüttert, was den Fisch rasch fett werden lässt.

Die Probleme um die Aufzucht des Pangasius waren (und sind) in Vietnam längst bekannt. Bereits 2010 hatten sich Vietnams Pangasiuszüchter*innen deshalb in Ho-Chi-Minh-Stadt zusammengesetzt, um über ‚verantwortungsvolle‘ Fischzucht zu diskutieren. Die Gespräche fanden im Rahmen des Pangasius Aquaculture Dialogue statt – einem Netzwerk aus über 600 Fischzüchter*innen, Fisch verarbeitende Fabriken, europäischen Lebensmittelkonzernen sowie Wissenschaftler*innen und Naturschützer*innen. Initiator war der WWF. Im Herbst 2010 verabschiedete das Gremium dann einen Standard für die Pangasius-Zucht aus dem schließlich das ASC-Label hervorging. Vergeben wird dieses Zertifikat heute durch den Aquaculture Stewardship Council (ASC) einem so genannten Nonprofit- Unternehmen aus WWF und der niederländischen Nachhaltigen Handelsinitiative (IDH).

Seit dem wichtigen Meilenstein der ersten ASC-Zertifizierung von Pangasius-Farmen im Jahr 2012 sind nicht nur die Anzahl an zertifizierten Zuchtbetrieben, sondern auch die jährlichen Produktionsmengen kontinuierlich gestiegen. Allein in Vietnam gibt es inzwischen mehr als 50 ASC zertifizierte Zuchtbetriebe, welche fast 85.000 Tonnen Pangasius jährlich produzieren (Stand November 2023). Trotz der positiven Entwicklungen stuft der WWF-Fischratgeber Pangasius aus konventionellen Teichkulturen Vietnams weiterhin unverändert im gelben Bereich ein, also in der Kategorie „Zweite Wahl“. Laut Fischratgeber kommt es durch die hohe Besatzdichte der Aquakulturen vor allem zu Umweltauswirkungen durch den Zusatz an Chemikalien und Medikamenten. Auch die ungeklärte Abwasser- und Schlammentsorgung hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack.

Supermarktketten diktieren Preise

Die großen Supermarktkonzerne haben das ASC-Label nichtsdestotrotz seit jeher begrüßt und vorangetrieben, versprechen Pangasius und Garnelen aus Vietnam doch große Gewinne. Die Preise werden von den Einkäufern dieser weltweit agierenden Unternehmen diktiert. „Sie schreiben die Produktions-, Preis- und Lieferbedingungen vor und werden so zum ‚Gatekeeper‘ im Lebensmittelhandel,“ so Oxfams erste Supermarkt-Check Studie vom Juni 2018. Dort heißt es weiter: „In der EU wird der Einzelhandel zunehmend dominiert von einer immer kleiner werdenden Anzahl von Supermarktketten.

In Deutschland teilen sich vier große Ketten 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels. Die Zulieferer, die oft abhängig von einigen wenigen Supermärkten sind, geben den Preisdruck an ihre Arbeiterinnen und Arbeiter weiter. Akkordarbeit, längere Arbeitszeiten, schlechtere Arbeitsbedingungen und eine unsichere Arbeitssituation sind die Folge. In der Produktion der Lebensmittel kommt es zu gravierenden Menschen- und Arbeitsrechtsverstößen, vielerorts können die Menschen, die unsere Lebensmittel herstellen, von ihren Einkommen kaum leben.“ Eine ebenfalls von Oxfam publizierte Studie weist nach, dass deutsche Supermärkte 36,5 Prozent des Verbraucherpreises von Garnelen aus Vietnam erhalten. Produzent*innen werden hingegen mit 1,5 Prozent abgespeist.

Seit Oxfams erstem Supermarkt-Check hat sich einiges getan. Wie die gleichnamige Studie aus dem Jahr 2022 zeigt, haben ein Großteil der Supermärkte nicht nur begonnen, Menschenrechtspolitik ernst zu nehmen, sondern auch signifikante Fortschritte gemacht. Einst im internationalen Vergleich Schlusslichter, so zählen drei der vier marktstärksten deutschen Supermarktketten mittlerweile zu den Spitzenreitern. Doch noch immer erfüllen selbst diese Supermarkt-Giganten nur rund 50 bis 60 Prozent der Kriterien für eine gute Menschenrechtspolitik.

Lukrative Konzern-Partnerschaften

Schaut man sich die ASC etwas genauer an, kommt man ins Staunen. Man muss dazu nur die Homepage besuchen. Dort findet man einen Liste der Unterstützer des ASC-Labels mit 36 der größten Lebensmittelkonzerne aus der Branche Fisch und Meeresfrüchte wie Bofrost, Costa, Edeka, Frosta, Lidl, Metro Group oder Real, aber auch andere Größen wie die internationale Hilton Hotelkette oder der Fast-Food-Riese McDonald‘s.

Welche finanziellen Berührungspunkte zwischen WWF, dem ASC und den Partner-Firmen bestehen, ist schwer zu durchschauen. Auf vielen Packungen in diversen Supermärkten prangt der Panda und animiert zum Kauf und zum Spenden an den WWF. Dessen Einnahmen aus Geschäften mit Kooperationspartner*innen betrugen 2023 rund 17,6 Millionen Euro. Das sind rund 14 Prozent der Gesamteinnahmen. „Aus Sicht des WWF liegen in der kritisch-konstruktiven Zusammenarbeit mit Unternehmen die besten Chancen für den schnellen und tiefgreifenden Wandel, den wir so dringend brauchen“, so heißt es im Jahresbericht 2022/23 des WWF.

Hohe Zertifizierungskosten für Fischer und Züchter am Mekong

„Das Zertifizierungsverfahren für die Fischer ist unabhängig und transparent und wird von zugelassenen, unabhängigen Prüfungsfirmen durchgeführt“, so der WWF. Wer diesen „zugelassenen, unabhängigen Prüfungsfirmen“ aber erlaubt, diesen Job zu machen ist ebenfalls nicht transparent. Eine Zertifizierung ist aufwändig, dauert vier bis sechs Monate und ist dann drei Jahre gültig. Jährlich findet eine Überprüfung statt. Für das ASC-Label bezahlen müssen die Fischzüchter*innen – geschätzt zwischen 5.000 und 20.000 Euro (Stand 2018). Abhängig sind diese Kosten von Standort, Größe und Komplexität des Aquakulturbetriebs. Ein hohes Eintrittsgeld für den Zugang in die europäischen Supermärkte.

Die Pangasius- und Garnelen-Züchter*innen im Mekong-Delta stehen am Anfang der Lieferkette. Bei ihnen bleibt von dem Riesengeschäft mit zertifizierten Garnelen und Pangasius trotzdem am wenigsten hängen. Der Kampf um ein menschenwürdiges Dasein ist in den letzten Jahren härter denn je geworden. Es ist nicht nur der Kampf um die landwirtschaftlichen Güter. Es ist heute auch ein Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels und gegen die Bedingungen des Weltmarktes. 2018 waren Preise für Garnelen auf dem Weltmarkt im Keller und zwar so tief, dass der vietnamesische Verband der Seafood- Exporteure und -Produzenten im Mai desselben Jahres dazu aufrief, die Produktion von Garnelen zu drosseln.

Statt auf eine weitere Erhöhung der Mengen zu setzen, rief der Verband seine Mitglieder auf, besser auf die Qualität zu achten und sich nach dem ASC-Label zu zertifizieren. Um Zertifikate zu erhalten, sollten sich die landwirtschaftlichen Haushalte in Genossenschaften zusammenschließen, was daraufhin auch immer mehr Betriebe taten. Der Rat zur ASC-Zertifizierung konnte zwar dazu beitragen, feste und sichere Lieferketten zu den Supermarktketten aufzubauen. Gegen den Verfall der Weltmarktpreise hilft das Label allerdings nichts – vor allem wenn die Produktionskosten durch die Zertifizierungskosten ansteigen.

Inzwischen steigen die Pandemie-bedingt gesunkenen Importe an Fisch- und Meeresfrüchten wieder. „Das Gesamtaufkommen an Fischerei- und Aquakulturerzeugnissen in Deutschland betrug im Jahr 2022 2,2 Millionen Tonnen. Die größte Bedeutung für die Versorgung des deutschen Marktes haben weiterhin die Importe mit einem Volumen von 2,0 Millionen Tonnen und einem Anteil von 91 Prozent“, bilanziert das Fisch-Informationszentrum.

Egal, um welches Lebensmittel es sich handelt: Unter einer rein gewinnorientierten Lebensmittelindustrie wird kein Gütesiegel wirklich dazu beitragen, dass die Erzeuger*innen genug Geld zum Leben haben und die Verbraucher*innen saubere Lebensmittel bekommen. Ändern müsste sich in allen Bereichen der globalen Lieferkette etwas: Verbraucher*innen müssten bereit sein, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben. Die Handelsketten müssen wiederum den Erzeuger*innen mehr bezahlen. Dies würde ihnen tatsächlich eine Chance eröffnen, die Bedingungen der Zertifikate auch dauerhaft einhalten.

Dieser Artikel erschien zuerst im Oktober 2018 in der südostasien und wurde von Eileen Kristiansen redaktionell bearbeitet und aktualisiert.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2018, Indonesien,
Autor*in:

Der Thunfischmogul aus Indonesiens Osten

Indonesien: „Frauen am Rande des Sees“ spielt am Toba-See. Es erzählt von dessen Schönheit, Fruchtbarkeit – und seiner Zerstörung durch menschliche Gier. Regisseurin Lena Simanjuntak teilt Auszüge aus ihrem Theaterstück mit uns…

ERZÄHLER

Der Toba-See ist ein vulkanischer See mit 100 Kilometern Länge und 30 Kilometern Breite, in der Provinz Nordsumatra gelegen. Er ist der größte See Südostasiens. In seiner Mitte liegt eine vulkanische Insel, Pulau Samosir. Der Geschichte bei Wikipedia zufolge …, entschuldigt, liebe Zuschauer, ich muss mich auf die Angaben bei Wikipedia berufen, sodass sich die Daten für den modernen Menschen akkurat und dem Kontext entsprechend darstellen … Es wird geschätzt, dass der Toba-See bei einer Eruption vor 75.000 Jahren entstand, die auf den jüngsten Ausbruch eines Supervulkans zurückging.

Bill Rose und Craig Chesner von der Michigan Technological University schätzen, dass aus dem Berginneren etwa 2.800 km³ vulkanisches Material geschleudert wurde, das sich wiederum aus 800 km³ Ignimbrit-Gestein und 2.000 km³ vulkanischem Staub zusammensetzte. Der Staub wurde vermutlich mit dem Wind über einen Zeitraum von zwei Wochen in Richtung Westen geweht und verteilte sich auf der halben Erdoberfläche, von China bis nach Südafrika. Der Ausbruch dauerte eine Woche, und die Aschewolke erreichte eine Höhe von zehn Kilometern über dem Meeresspiegel.

Was für eine Gewalt, oder, liebe Zuschauer? Nur schade, dass dieser gewaltige Toba-See nie als das Erbe eines Naturwunders betrachtet wurde, als eine Quelle der Inspiration, aus der verschiedene Wissenschaften schöpfen könnten. Versucht den Leuten einmal vom Toba-See zu erzählen, die denken zuerst an Urlaub… so scheint das Schicksal des Sees als touristisches Objekt besiegelt zu sein…

FISCHMUTTER

Eine Frau seufzt, ein Säugling weint, Kinder lärmen, all das dringt in mein Herz wie der Klang der großen Genderang-Trommel. Ich kann nicht länger still sitzen auf meinem Thron der Einsamkeit. Heiser sind die Seufzer vor Durst, das Weinen der Säuglinge und Kinder, das Schwimmen im verschmutzen Wasser bereitet Schmerzen.

Samosir! Samosir! Wo bist du?

SAMOSIR

Hier bin ich. Was gibt es?

FISCHMUTTER

Hast du nicht versprochen, die Sauberkeit und die Reinheit des Seewassers zu schützen? Wolltest du nicht bei jedem Vollmond den Schatten deiner Frau sehen und alle Bewohner des Sees sowie dessen Schönheit? Sollte dieser See nicht die Quelle deines Lebens und das deiner Nachfahren sein? Warum also wehklagen die Frauen am Rande des Sees und warum weinen die Säuglinge und Kinder? Warum geht das Seewasser mehr und mehr zurück und warum nimmt die Verschmutzung zu?

SAMOSIR

Das Wunder des Sees bei Vollmond zog die Menschen an, sie kamen in Strömen aus allen Himmelsrichtungen, um es zu sehen. Alle Anwohner waren stolz am Ufer des wundersamen Sees zu leben. Und der Besuch vieler Menschen brachte den Anwohnern großen Nutzen. War das nicht, was meine Frau sich wünschte? Die Quelle des Lebens zu sein?

FISCHMUTTER

Aber warum beklagen die Frauen am Rande des Sees den Verlust der Lebensquelle? Sie müssen heute aus ihrer Heimat fliehen, weil ihr Land in die Hände anderer gefallen ist. Das Wasser ist verschmutzt, überall ist Müll. Bäume werden gefällt und die Wälder um den See gerodet.

SAMOSIR

Ist die Schönheit des Sees nicht für alle Menschen da? Schau dich um am Ufer des Sees, früher wurden hier Häuser, Ställe und Reisspeicher ohne jede Ordnung errichtet. Heute ist alles wohl strukturiert, die Gebäude wurden geschaffen, damit es die Menschen komfortabel haben und den See genießen können. Tatsächlich sind viele der Bäume gefällt, aber ein Teil wurde auch verbrannt, da die Anwohner Brandrodung betreiben. Tatsächlich existieren Holzunternehmen, die das Holz schlagen. Doch wir bemühen uns darum, die kahl gerodeten Wälder wiederaufzuforsten, indem wir neue Bäume anpflanzen. Ist das etwa kein Fortschritt?

ERZÄHLER

Auch werden heute viele Fischreusen gebaut und Fischaufzuchten eingerichtet. Weil das Wasser zurückgeht, werden auch die Fische weniger. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung. Der Bedarf an Fisch wird zunehmend steigen. Aber nicht nur das, wir sind auch stolz darauf, dass wir für den Wohlstand der Menschen die Tierzucht um den See weiterentwickeln. Und es gibt eine Menge Experten, die ständig den Zustand des Sees untersuchen, so dass die Nachhaltigkeit gewahrt bleibt.

FISCHMUTTER

Wenn es wirklich dem Wohl der Menschen dient und im Interesse vieler liegt, warum sind dann die Klagen der Frauen am Rande des Sees zu hören? Das Weinen hält an und klingt laut nach. Tränen steigen in die Augen, die noch nicht völlig versiegt sind. Die Flüsse verändern ihre Gestalt, sie sind nur mehr Abwasserkanäle und ihre Strömung verlangsamt sich zunehmend, verliert an Kraft. Früher leuchteten die Täler, saugten das Wasser auf, ließen es hindurchfließen; heute halten sie die Hitze, weil der Wald bis zum letzten Baum gerodet ist. Allerorts stinken das Abwasser und der Müll zum Himmel.

ERZÄHLER

Oh weh, ihr seid der Zeit wirklich hinterher! Wir leben heute doch schon in Zeiten der Globalisierung. Der Anspruch auf das Versprechen ist längst abgelaufen. Das ist so, als fordere man die Schatten der Vergangenheit auf, sich in der Zukunft zu bilden. In der Globalisierung brauchen wir Produktionsmittel oder Kapital, wie es gut ausgedrückt heißt. Sind Produktionsmittel vorhanden, dann sind die Menschen frei, um jede Art von Unternehmen an jedem Ort zu realisieren. Das heißt, der Markt ist frei…

FISCHMUTTER

Rede keinen Unsinn! Du sprichst von der Kraft der Produktionsmittel und dem freien Markt? Was wird aus den Menschen, die keine Produktionsmittel besitzen? Wo sollen sie deiner Meinung nach hin? In der Mythologie der Batak ist dieser See das mahnende Symbol dafür, dass ein gemeinsames Versprechen gebrochen wurde. Doch dieser See ist auch eine göttliche Gabe, die den Menschen ohne Gegenleistung geschenkt wurde und ihnen allen gemeinsam gehören sollte. Das hat sich inzwischen geändert. Der See ist nun Privatbesitz, er wird von Leuten beherrscht, die Produktionsmittel besitzen. Es ist doch so, oder? Das nennst du Fortschritt, der viele Menschen vorwärtsbringt, so dass sie in Wohlstand leben können? Geh!

Samosir… Samosir, wo bist du?

SAMOSIR

Hier bin ich.

FISCHMUTTER

Wo? Warum versteckst du dich?

SAMOSIR

Ich schäme mich und ich habe Angst. Weil ich das Versprechen nicht gehalten habe.

FISCHMUTTER

Warum hast du das Versprechen nicht gehalten? Du weißt was es bedeutet, Erde und Wasser zu verlieren.

SAMOSIR

Aber die Gebäude dienen dem Fortschritt und helfen der Bevölkerung, vor allem der armen und rückständigen Bevölkerung.

FISCHMUTTER

In der Tat, deine Antwort ist schlau. Stammt der Satz von dir oder von jemand, dem du nacheifern willst?

SAMOSIR

Verzeiht mir, wenn ich mich unpassend ausdrücke. Doch wir brauchen den Fortschritt, um die Bedürfnisse vieler Menschen zu decken.

FISCHMUTTER

Wessen Bedürfnisse? Was meinst du mit den Bedürfnissen vieler Menschen?

Warum weinen die Frauen am Rande des Sees, warum jammern die Kinder und Säuglinge? Sie sind krank durch den Mangel an sauberem Wasser und den Mangel an Nährstoffen. Das nennst du Fortschritt? Überall verdingen sich die Menschen nun als Diener oder Arbeiter auf dem ehemals eigenen Land. Das nennst du Fortschritt, wenn die Menschen in unmittelbarer Nähe der Wasserquelle leben, aber das Wasser kaufen und aus Plastikflaschen trinken müssen? Das meinst du mit Fortschritt?

Seht, wie die Frauen sich schinden, allein um das tägliche Leben zu bewältigen, weil es kein sauberes Wasser mehr gibt. Und nicht nur das: Das verschmutzte Wasser wird den Schoß der Frauen verunreinigen, die Gemächer der nachfolgenden Generationen. Ihr tretet für den Wohlstand vieler Menschen ein, doch was ist das Ergebnis? Ihr schwächt das Volk!

ERZÄHLER

Wah… wah das ist gefährlich. So kann ein Krieg entstehen. Die Frau leistet Widerstand, ohne dabei an die Gefahr zu denken. Falls es zu einem Krieg kommt, verfügen die anderen über Geld, Macht und Waffen. Sie hingegen hat nur ihren Mut und ihre Moral. Wahhh… ich bin erledigt. Was soll ich nur tun?

FISCHMUTTER

Was sagst du da? Krieg? Ganz sicher kommt ein Krieg. Nicht durch mich, sondern durch den Kampf um sauberes Wasser, so wie damals, als sie den Krieg um Öl führten. Über sauberes Wasser und Land herrschen nur ganz bestimmte Menschen. Die Bevölkerung hat ihr Recht auf sauberes Wasser und auf Land verloren.

ERZÄHLER

Die Frau ist klug. Womöglich googelt sie viel, oder?

Hei Frau, schon gut, wir verstehen deinen Zorn und deine Klage. Das hier sind auch kluge Leute, die die Probleme kennen. Sie sind nicht blind gegenüber den bestehenden Problemen . . .

FISCHMUTTER

Ihre Augen sind in der Tat nicht blind, aber ihr Gewissen ist es. Land, Wasser, Luft und der Reichtum der Natur gehören allen gleichermaßen. Doch alles ist verschmutzt aufgrund ihrer maßlosen Gier. Nicht nur das Weinen und Jammern der Menschen, auch die Stimmen der Tiere werden immer leiser, ersterben fast, das Zwitschern der Vögel wird heiserer. Der Tanz und die Musik der Bäume, vom Wind gestimmt, werden schwächer. Das Lächeln der wilden Blumen zum Gruß der Sonne, zum Schmuck des Waldes ist bereits verschwunden.

ERZÄHLER

Frau, dein Klagen ist grundlos. Was ist falsch daran, wenn wir voranschreiten und die vorhandenen Potentiale im Interesse vieler Menschen entwickeln. Wir dürfen nicht in der Vergangenheit stehen bleiben.

FISCHMUTTER

Ich spreche nicht über die Vergangenheit, sondern über die Wasserverschmutzung. Kannst du dir vorstellen, wie ein Fötus im schmutzigen Fruchtwasser heranwächst? Was fühlst du, wenn das Kind, das aus deinem Schoß kommt, in schmutzigem Wasser gebadet wird?

He Frauen, hört auf zu jammern und zu weinen. Trocknet eure Tränen, flechtet das Haar, erhebt das Haupt. Schlagt die Trommel, lasst euer Lächeln strahlen und singt lautstark das Lied zur Mahnung auf allen Straßen, allen Gassen und in jedem Winkel der Erde. Sagt jedem, den ihr trefft, dass wir die Situation noch verändern können.

ERZÄHLER

Ich habe einen Brief aus dem Internet erhalten, weiß allerdings nicht wer sein Verfasser ist. Diesen bitte ich daher, bevor ich seinen Brief nun vorlese, um seine Zustimmung. Der Titel lautet Brief aus der Zukunft. Lasst mich nun lesen:

„Ich lebe im Jahr 2050, bin 50 Jahre alt und fühle mich wie 85. Mir geht es nicht gut, ich habe Probleme mit dem Stoffwechsel und den Nieren, weil ich zu wenig Wasser trinke. Hier, wo ich lebe, gibt es keine Bäume und grüne Pflanzen mehr, weil es nicht mehr regnet. Und wenn es regnet, ist der Regen sauer. Infektionen in Magen und Darm, auf der Haut und im Harn sind heute die häufigsten Todesursachen. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 35 Jahren. Ich habe wohl nicht mehr lange zu leben, denn ich bin der Älteste in meiner kleinen Welt.

Als ich fünf war, war alles ganz anders. Es gab noch Bäume im Wald und Blumen auf der Weide. Keiner glaubt mir heute mehr, dass wir Wasser im Überfluss für Hof und Garten hatten. Wir konnten noch im Wasser spielen und in Seen baden. Heute reinigen wir uns mit Einweg-Handtüchern. Frauen und Männer müssen sich das Haar kahlscheren, um unsern Kopf ohne Wasser reinigen zu können. Wir waschen keine Kleidung mehr, wir werfen sie einfach weg. „Verschwende kein Wasser“ – keiner gab damals etwas auf dieses Motto, weil niemand glauben wollte, dass Wasser jemals versiegen könnte. Der Vorrat an Wasser in Regenwäldern und Gletschern war schier unerschöpflich.

Heute sind die Gletscher geschmolzen, Flüsse und Seen ausgetrocknet oder verschmutzt, unwirtliche Sandwüsten umgeben uns. Früher konnte ich täglich acht bis zehn Glas Wasser täglich trinken; heute wird der Arbeitstag mit einem Glas Wasser entlohnt. Wer nicht arbeitet, erhält nur ein halbes Glas Wasser; ansonsten ernähren wir uns von synthetischen Lebensmitteln.

Der Mangel an Regenwäldern und Bäumen hinterlässt ein Loch in der Photosynthese: Sauerstoff ist Mangelware; darob verringern sich die geistigen Fähigkeiten der Menschen. Missgeburten nehmen rapide zu. Nur die Machteliten erhalten Atemgeräte, die Sauerstoff erzeugen. Der Bürger zahlt Steuern für die Luft, die er verbraucht. Wo es noch Wasserquellen gibt, werden sie von bewaffneten Streitkräften bewacht. Wasser ist wertvoller als Gold oder Edelsteine; Wasser ist ein Machtfaktor.

Wälder und Wasser kommen nur noch in den Märchen vor, die ich meinen Enkeln erzähle. Und wenn sie mich fragen „Wo ist denn das schöne Wasser?“ schnürt es mir die Kehle zu. Denn meine Generation hat die Warnungen in den Wind geschlagen und so getan, als ob diese Welt nur uns gehört und wir sie ohne Nachteile für unsere Nachkommen einfach ausrauben können.

Ich fühle meine Schuld und leugne sie gleichzeitig, weil ich mich hinter dem Streit der wissenschaftlichen Mietmäuler verschanze; in Wirklichkeit schäme ich mich über mein unverantwortliches Handeln, das den Kampf gegen die Ausbeutung der Erde gescheut hat. Manchmal wünsche ich mich zurück in jene Zeit, in der wir noch eine Chance hatten, unsere Erde für unsere Kinder lebenswert zu bewahren. Lebe wohl…“

Welch ein Zynismus schwingt heute in dem Wort!

 

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Sabine Müller

Frauen am Rande des Sees erschien als Buch viersprachig deutsch/indonesisch/englisch/Batak-Sprache (auch in Batak-Schrift) 2013 bei Katakita, Yogyakarta (ISBN 978-979-3778-73-0)

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz