1 | 2023, Deutschland, Südostasien,
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‚Zeitenwende‘ in der Entwicklungspolitik?

BMZ, feministische Entwicklungspolitik, Zeitenwende

Treffen der Mitglieder des Netzwerks indigener Frauen aus Südostasien mit indigenen Dorfbewohnerinnen bei Chiang Mai in Thailand (2012). Das Thema: Durch Entwicklung erzeugte Gewalt gegen Frauen. © UN Women.Jo Baker.flickr.CC BY-NC-ND 2.0

Südostasien/Deutschland: Im März 2023 veröffentlichte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sein Strategiepapier „Feministische Entwicklungspolitik“. Die Kernaussagen werden hier kritisch gewürdigt.

Die Ampelkoalition befindet sich im Frühjahr 2023 in einem spannungsreichen politischen Spagat zwischen der Rückkehr zu einer überwunden geglaubten militärischen Logik im Zeichen des Ukraine-Kriegs einerseits und der Einführung des Feminismus in der Außen- und Entwicklungspolitik andererseits. Feministische Entwicklungspolitik – Für gerechte und starke Gesellschaften weltweit lautet der Titel des im März 2023 erschienenen Strategiepapiers des BMZ. Das Papier signalisiert einen Paradigmenwechsel in der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit (EZ), der bis vor kurzem noch undenkbar schien.

Nach sechs Dekaden, in denen Entwicklung trotz vieler innovativer Initiativen weitgehend entlang patriarchal geprägter Vorstellungen des globalen Nordens ausgerichtet blieb, sollen nun feministische Perspektiven die Richtung neu bestimmen. So lautet zumindest der Anspruch von Entwicklungsministerin Svenja Schulze in ihrem Begleitschreiben: Feministische Entwicklungspolitik sei keine „Politik von Frauen für Frauen“, sondern fördere „globale Gerechtigkeit, Wohlstand und gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Davon, so die Ministerin, „profitieren alle“. Ein hoher Anspruch.

Stehen wir damit auch in der Entwicklungspolitik vor einer ‚Zeitenwende‘? Welches Verständnis von Feminismus liegt der neuen Strategie zugrunde? Was sind die konkreten Ziele und wie sollen sie erreicht werden? Geht es um feministische Alternativen zum globalen Wachstumsmodell, das strukturell Ungleichheit und Armut hervorbringt, oder lediglich um eine stärkere Beteiligung von Frauen an Macht und Wohlstand? Um diese und andere Fragen soll es in diesem Artikel gehen.

Überwindung patriarchaler Machtstrukturen

BMZ, feministische Entwicklungspolitik, Zeitenwende

Teilnehmer*innen am ersten Pride March in Timor Leste 2017] © UN Women.Felix Maia.flickr. CC BY-NC-ND 2.0

Die neue feministische Entwicklungspolitik sieht eine der Hauptursachen von Ungleichheit, Marginalisierung und Menschenrechtsverletzungen weltweit in patriarchalen Machtstrukturen. Diese trügen wesentlich zu instabilen Gesellschaften, Krisen und Konflikten bei, so das BMZ- Strategiepapier. Als strukturell benachteiligt werden vor allem Frauen und Mädchen, indigene Völker und lokale Gemeinschaften, Menschen mit Behinderungen sowie LGBTQI+-zugehörige Personen identifiziert. Sie alle stellen aus Sicht des BMZ ein großes Potenzial dar für die Bewältigung globaler Krisen – Klimakrise, Verlust der Biodiversität, Ernährungsunsicherheit, Destabilisierung von Gesellschaften, Kriege und Konflikte – und für die Sicherung des Wohlstands. Davon, dieses Potenzial zu nutzen, würden alle profitieren, so das Papier.

Feminismus wird nicht als einheitliches Konzept eurozentristischer Prägung verstanden. Vielmehr handele es sich um eine Vielfalt unterschiedlicher Feminismen, die sich über 200 Jahre weltweit herausgebildet haben und sich dynamisch dem jeweiligen Kontext entsprechend verändern. Feministische Entwicklungspolitik, so das übergreifende Ziel, soll dazu beitragen, dass „alle Menschen gleichermaßen und selbst bestimmt am sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben teilhaben können“, so das Strategiepapier.

Intersektionaler Ansatz und selbstkritische Reflexion

Frauen und Mädchen machen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Geschlechtergerechtigkeit steht somit im Fokus. Erweitert wird der Fokus durch ein Bekenntnis zur „Diversität“, die sich in „vielfältigen Identitäten und Lebensrealitäten“ ausdrücke, und in einem „inklusiven, nicht-binären Verständnis von Geschlecht“. So werden aktuelle Debatten um Gender und Identität einbezogen. Angestrebt wird ein „gendertransformatives“ Vorgehen, das an den Ursachen von Diskriminierung (Gesetze, Normen, Praktiken, Einstellungen) ansetzt. Begrüßenswert ist auch die Betonung des intersektionalen Ansatzes, der verschiedene, einander überschneidende und sich gegenseitig verstärkende Kategorien von Diskriminierung in den Blick nimmt. Ein weiteres positives Novum ist die selbstkritische Reflexion fortwirkender kolonialer und rassistischer Sichtweisen und Mechanismen, die zu Ungleichheit und Ausgrenzung beitragen.

Die Umsetzung soll nach dem Modell der „3 R“ – Rechte, Ressourcen, Repräsentanz – erfolgen, die für Rechte, Ressourcen und Repräsentanz stehen. Diskriminierende Rechte und Normen sollen abgebaut werden, Frauen und Mädchen sollen gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen und zu gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen (Repräsentanz) erhalten. Bis 2025 sollen immerhin 93 Prozent aller neu bewilligten Mittel in Projekte fließen, in denen Gleichstellung als Haupt- oder Nebenziel genannt ist.

Systemwandel oder Krisenbewältigung?

BMZ, feministische Entwicklungspolitik, Zeitenwende

Indigene Frauen aus Thailands Bergregion demonstrieren gegen Geschlechterdiskriminierung. © Mongkhonsawat Luengvorapant.Oxfam.flickr.CC BY-NC-ND 2.0

Das vorliegende Konzept einer feministischen Entwicklungspolitik verspricht eine radikale Neuorientierung. Vieles von dem, was unter den „3 R“ in Kapitel 4 konkret aufgelistet wird, ist in diesem Sinne positiv zu bewerten. Auf den zweiten Blick stellen sich jedoch einige kritische Fragen im Hinblick auf die tatsächliche beziehungsweise intendierte Reichweite der Ziele. Ist hier ein dringend notwendiger Paradigmenwechsel in Sicht? Geht es darum, unter feministischer Perspektive einen Prozess in Gang zu setzen, der auf die Umgestaltung eines Entwicklungsmodells abzielt, das Armut, Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung der Natur hervorgebracht hat? Oder erschöpft sich das hier skizzierte Vorhaben der Geschlechtergleichstellung darin, ein bisher vernachlässigtes Bevölkerungspotential effizienter zu nutzen, um die globalen Krisen besser abfedern und damit das herrschende Entwicklungsmodell retten zu können? Immerhin wäre ein Abbau der eklatanten Ungleichheit – eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der zweiten Variante – an sich bereits ein großer Fortschritt für Frauen, Mädchen und andere diskriminierte Gruppen.

Die Entdeckung des Wissens indigener Völker

Positiv fällt auf, welch große Bedeutung indigenen Bevölkerungsgruppen und lokalen Gemeinschaften weltweit in dem neuen Papier beigemessen wird. Besonders wichtig ist hier der kritisch-selbstreflexive Bezug zum Kolonialismus mit der bis heute fortwirkenden Abwertung indigenen Wissens. Zu Recht wird die Relevanz dieses Wissens über Natur und Lebensräume für die Überwindung von Umwelt-, Wasser- und Klimakrise und den Erhalt der Biodiversität hervorgehoben. Allerdings scheint auch hier die effizientere Nutzung eines Potentials im Vordergrund zu stehen. Die wertschätzende Befassung mit angestammten Lebensräumen, Rechten, kulturellen Identitäten und Wertesystemen indigener Völker und lokaler Gemeinschaften nimmt eher wenig Raum ein. Positiv zu werten ist die erklärte Absicht, sich für effektive Beschwerdemechanismen gegen Land- und Ressourcenraub einsetzen zu wollen. Durch strukturell verankerte Mitspracherechte, zum Beispiel bei Verhandlungen zu Freihandelsabkommen oder zum Umgang mit tropischen Regenwäldern, hätten Betroffene im Vergleich zu Beschwerden allerdings deutlich wirksamere Einflussmöglichkeiten. Im Übrigen drängt sich die Frage auf, was wir von den indigenen Völkern im Hinblick auf einen globalen Werte- und Systemwandel, ein alternatives, nachhaltiges Entwicklungsmodell lernen könnten. Hierzu schweigt sich das Strategiepapier leider aus.

Schlüsselrolle der Zivilgesellschaft

Deutlich sichtbar wird im Papier des BMZ, wie sich die Rolle und Bedeutung der Zivilgesellschaft in der Wahrnehmung staatlicher Institutionen in den letzten Jahren verändert hat. Nachdem die Forderungen und Appelle nichtstaatlicher Organisationen, Netzwerke und Bewegungen in früheren Dekaden oft ungehört verhallten, ist die Zivilgesellschaft offenbar mittlerweile für Regierungen, multilaterale und internationale Organisationen zu einem wichtigen Gegenüber auf Augenhöhe geworden. Im Vorfeld der Veröffentlichung der Strategie zu einer feministischen Entwicklungspolitik fand ein breit angelegter Konsultationsprozess statt, zu dem das BMZ zivilgesellschaftliche Organisationen im Globalen Süden wie im Globalen Norden eingeladen hatte. Zu einem Parlamentarischen Frühstück zu Anfang März legte das Bündnis Internationale Advocacy Netzwerke (IAN), in dem auch die Stiftung Asienhaus vertreten ist, ein Diskussionspapier vor. Eine Reihe wichtiger Impulse und Forderungen daraus haben dank intensiver Lobby- und Advocacyarbeit Eingang in die Strategie des BMZ gefunden. Dazu gehört der Anspruch, dass feministische Entwicklungspolitik nachhaltige globale Gerechtigkeit, Demokratieförderung und Menschenrechtsschutz zum Ziel haben soll. Des Weiteren zählen dazu wichtige inhaltlich-programmatische Forderungen und Ansätze wie Intersektionalität, Repräsentanz und Partizipation, Dekolonisierung und menschliche Sicherheit.

Nicht zuletzt sollten wir das BMZ beim Wort und in die Pflicht nehmen hinsichtlich seiner Aussagen im Strategiepapier zur künftigen Einbeziehung der Zivilgesellschaft in nationale und internationale Entscheidungsprozesse:

  • Zivilgesellschaftliche Organisationen sollen eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der Ziele der Feministischen Entwicklungspolitik spielen (S.7- 9). Dabei will man insbesondere mit Frauenrechts-, LGBTQI+- und weiteren Menschenrechtsorganisationen zusammenarbeiten und aktiv nach Wegen suchen, deren schrumpfende Handlungsspielräume (shrinking spaces) zu schützen und zu erweitern (S. 18). Konsequenterweise sollte die Zivilgesellschaft auch an der für 2025 geplanten Auswertung teilnehmen.
  • Die offizielle Aufnahme von Vertreter*innen der feministischen Zivilgesellschaft in die deutsche Delegation bei globalen Konferenzen will das BMZ zur Bedingung für die eigene Teilnahme machen (S. 32).
  • Das BMZ verpflichtet sich dazu, sich für die Einbeziehung zivilgesellschaftlichen Wissens in politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse einzusetzen. Die Zusammenarbeit mit Organisationen, die indigene Völker und lokale Gemeinschaften vertreten, soll intensiviert werden (S. 32). Ihre Perspektiven sollen sich verstärkt in Planungs- und Strategieprozessen wieder finden (S. 33).
  • Eine direkte Finanzierung von Aktivitäten lokaler zivilgesellschaftlicher Organisationen und Menschenrechtsaktivist*innen wird ins Auge gefasst (S. 33).

BMZ, feministische Entwicklungspolitik, Zeitenwende

Frauen aus den Philippinen und Indonesien protestieren anlässlich der 9. Ministerkonferenz der World Trade Organization 2013 auf der Insel Bali. Coolloud.flickr.CC BY-NC-ND 2.0

Mit seinem Papier zur feministischen Entwicklungspolitik hat das Ministerium ein positives Signal gesetzt und Weichen für die Zukunft gestellt. Ob damit wirklich eine ‚Zeitenwende’ eingeläutet ist, bleibt abzuwarten. Das wird wesentlich davon abhängen, wie ernst das BMZ die selbst formulierten hohen Ansprüche nimmt. Eine Erhöhung des Etats wäre beispielsweise ein wichtiges Zeichen.

Die konkrete Umsetzung wird zeigen, ob es bei Absichtserklärungen bleibt oder ob mutige Schritte in eine radikal neue Richtung unternommen werden – auch gegen mögliche Widerstände von Seiten anderer Ressorts oder Regierungen von Partnerländern im Globalen Süden. Dabei ist die Kooperation und Kohärenz mit dem Außenministerium im Rahmen der feministischen Außenpolitik von großer Bedeutung. Konsequent wäre es, auf eine solche Kohärenz auch mit dem Wirtschafts- und Klimaministerium hinzuarbeiten.

Nicht zuletzt wird es entscheidend auf eine starke Zivilgesellschaft ankommen, die die Umsetzung der Vorhaben kontinuierlich begleitet und wirksam einfordert. Und die sich dafür einsetzt, dass Frauen und andere marginalisierte Gruppen den gleichberechtigten Zugang zu Rechten, Ressourcen und Repräsentanz tatsächlich für die Verwirklichung eigener Vorstellungen nutzen können. Nur dann rückt eine ‚Zeitenwende‘ in der Entwicklungspolitik in den Bereich des Möglichen.

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1 | 2023, Deutschland, Südostasien,
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‚Zeitenwende‘ in der Entwicklungspolitik?

Schweiz/Deutschland: Annette Hug spricht im Interview über koloniale Erinnerungen, transnationale Perspektiven und die Kraft philippinischer Literatur als kulturelle Brücke.

südostasien: Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse im Oktober 2025 stehen die Philippinen als Ehrengast im Zentrum. Frau Hug, wie war die Zeit der Vorbereitung?

Annette Hug: Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. In den letzten Monaten habe ich vier philippinische Bücher übersetzt und war mit fünf Verlagen parallel in Produktionsphasen. Jetzt steht vor allem die Pressearbeit im Vordergrund. Ich bin Mitglied der philippinischen Delegation und werde täglich an zwei bis drei Veranstaltungen teilnehmen. Die Buchmessen an sich besuche ich schon seit langem, das gehört zur Arbeit als Autorin und freischaffende Übersetzerin dazu.

Sie haben eine langjährige Verbindung zu den Philippinen und haben in den 1990er Jahren dort studiert. Wie kommt es, dass Sie sich bis heute sehr intensiv mit den Philippinen befassen?

Ich war in der Schweiz im feministischen und antimilitaristischen Kontext engagiert, als ich 1991 an der Frauenkonferenz WISAP 91 in den Philippinen teilnahm, die von GABRIELA organisiert wurde. Die internationale Konferenz befasste sich mit der Unterdrückung der Frauen im Zusammenhang mit der Rolle des US-Militärs und den Militärbasen im Land. Damals wurde in Manila der Studiengang Women and Development Studies angeboten, sodass ich anschließend drei Jahre blieb. Einiges war aber auch desillusionierend, besonders die politische Situation war wahnsinnig schwierig.

2012 bewegte ich mich wieder thematisch auf die Philippinen zu, als ich entschied, einen Roman über José Rizal zu schreiben. Seine Übersetzung von Friedrich Schillers Wilhelm Tell interessierte mich sehr. Als ich daran arbeitete, merkte ich schnell, dass mein Tagalog viel zu schlecht für dieses Projekt war. So fuhr ich zurück in die Philippinen, um ein “malalim na Tagalog“ (vertieftes Tagalog bzw. Filipino) zu lernen. Ich tauchte diesmal anders in die Sprache ein und fand über die Literatur einen neuen Zugang zum Land.

Wenn Sie heute auf die Literaturszene der Philippinen blicken: Welche Themen, Genres oder Entwicklungen bewegen diese besonders?

Das ist schwierig zu sagen, weil es lebendige Literaturen in vielen verschiedenen philippinischen Sprachen gibt, von denen ich nur Filipino kann. Beispielsweise nehme ich eine sehr lebendige Literaturszene in Bicolano wahr, aber das kann ich nicht lesen. Was in Manila ankommt, ist mehrheitlich auf Englisch aber punktuell auch einiges auf Filipino.

Aktuell erscheinen viele Bücher, die sich thematisch mit Ökologie befassen; auch einige Übersetzungen werden aktuell dazu veröffentlicht. Dieses Jahr sind zwei Romane von Caroline Hau und Daryll Delgado erschienen, die beide im Kontext von Taifun Haiyan spielen.

Ein zweites wichtiges Thema ist nach wie vor die politische Aufarbeitung der Ferdinand Marcos Sr.-Diktatur (1972-1986) und der Präsidentschaft Rodrigo Dutertes (2016-2022). Kaum jemand hat bisher begriffen, was mit Land und Leuten in der Duterte-Zeit passiert ist. Die literarische Aufarbeitung der Duterte-Zeit, z.B. durch Patricia Evangelista, ist der Versuch des Verstehens.

Seit 2022 ist mit Ferdinand Marcos Jr., der Sohn des früheren Diktators, zum Präsidenten gewählt worden. Spiegelt sich diese politische Kontinuität auch im aktuellen Literaturgeschehen wider? Und wie könnte man dem entgegenwirken?

Im Wahlkampf hat Ferdinand Marcos Jr. ein geschöntes Bild der Regierungszeit seiner Eltern gezeichnet. Die Literatur spricht eine andere Sprache. Sie wird so eine Art historisches Gedächtnis. Umso wichtiger ist es, dass Jugendliche und Erwachsene Zugang zu dieser Literatur haben.

Das Booknook-Projekt des National Book Development Boards ist ein spannendes Projekt. Sie kaufen lokale Bücher und bringen diese in kleine Bibliotheken. Zusätzlich werden viele Aktivitäten für Kinder angeboten, sozusagen Bibliotheksarbeit in einem sehr modernen Sinn: Bibliotheken als Treffpunkte, als lebendige Orte für den Austausch mit und zu Büchern.

Zur Buchmesse erscheinen drei neue Übersetzungen von Ihnen. Eine davon ist „Das Meer der Aswang“, eine Geschichte über die magischen Wesen der philippinischen Mythologie. Was hat Sie an diesen Texten besonders fasziniert?

„Das Meer der Aswang“ hat mich als literarisches Projekt fasziniert. Der Autor Allan Derain nimmt die alte mündliche Literatur auf und antwortet mit einem sehr modernen literarischen Roman. Zuvor habe ich von epischer Literatur immer etwas Abstand gehalten, da mir der Zugang fehlte. Doch Allan Derain schreibt über eine Geschichte voller Gewalt und Lebenskunst, die er anhand von vielen Wortspielen und Witzen auch lustig erzählt. In der Übersetzung habe ich sehr an den Wortspielen geknobelt.

Der andere Roman, den Sie im Rahmen der Buchmesse aus dem Tagalog ins Deutsche übersetzt haben, lautet „Die 70er“ und ist eine sozialrealistische, feministische Erzählung. Inwiefern spiegelt sich darin Ihre persönliche Verbindung zu den Philippinen?

Zu Lualhati Bautista habe ich eine sehr persönliche Beziehung. Ihre Bücher waren die ersten Bücher auf Filipino, die ich selbst in den 1990ern las. Meine feministischen Mütter in den Philippinen kannten Bautista ebenfalls. Mir war es ein persönliches Anliegen, eine Stimme aus dieser Generation auf Deutsch lesbar zu machen. Es ist die lebendige Stimme einer Frau, die sich schalkhaft und klug den schönen und furchterregenden Momenten im Leben einer Mutter unter Kriegsrecht stellt.

Während meines Studiums der Women and Development Studies beschäftigten wir uns mit Fachliteratur, in der es darum ging, dass es kein Scheidungsrecht gab, oder dass Abtreibungen verboten und deshalb sehr gefährlich waren. Die Situation hat sich etwas verbessert, da wenigstens Verhütung nicht mehr verboten ist. Doch Gewalt gegen Frauen, Inzest und sexuelle Ausbeutung sind weiterhin präsent.

Das Schöne an der Literatur ist, dass das Leben nicht auf eine solche Liste von Problemen reduziert wird.

Gibt es Autor:innen oder Bücher von den Philippinen, die Sie dem deutschsprachigen Publikum besonders ans Herz legen würden?

Ich würde „Die 70er“ von Lualhati Bautista und Die Kollaborateure von Katrina Tuvera empfehlen. Auch halte ich Die Rebellion von Jose Rizal für besonders empfehlenswert – mehr noch als Noli Me Tangere. In Die Rebellion zeigt sich Rizal deutlich moderner, er wirkt wesentlich wütender und zugleich desillusionierter von Europa. Interessanterweise entsteht dadurch eine Komik, getragen von Rizals Wut und Witz.

In welche Richtung wird sich Ihrer Ansicht nach die philippinische Literaturszene in den nächsten Jahren bewegen?

Der „philippinische Roman“ im Sinne einer realistischen Auseinandersetzung mit den sozialen Realitäten des Landes, der die gesellschaftlichen Strukturen und Entwicklungen widerspiegelt, wird wohl weiterhin Bestand haben, aber vielleicht weniger dominant sein. Heute boomt das Horror-Grusel- und Fantasy-Genre. Besonders beliebt sind derzeit Adaptionen der vorchristlichen Philippinen. Ausgehend von der Lyrik, die mir persönlich am Herzen liegt, etwa in Form von Hip-Hop oder Spoken Word sowie von Autorinnen und Autoren wie Alan Derain, beobachte ich einen zunehmenden Experimentierwillen in neuen literarischen Formen.

Wie groß ist der Einfluss der Frankfurter Buchmesse in den Philippinen?

Meinem Eindruck nach wird dort der Frankfurter Buchmesse eine große Bedeutung beigemessen. Auch zahlreiche Akteur:innen des Literaturbetriebs, die offiziell nicht Teil der Delegation sind, werden nach Frankfurt reisen. Die Buchmesse wird als ein Anlass gesehen, bei dem die philippinische Literaturszene zusammenkommt und sichtbar wird.

Natürlich besteht die Gefahr, dass nun Autor:innen verstärkt Werke für den internationalen statt für den philippinischen Markt schreiben; das wäre ein langweiliger und bedauerlicher Nebeneffekt. Gleichermaßen wäre es für die Philippinen von großer Bedeutung, eine international anerkannte Stimme, einen literarischen Weltstar hervorzubringen, wie Chimamanda Ngozi Adichie oder Elif Shafak. Aber eigentlich hoffe ich, dass die Messe den Wert der Literatur in den Philippinen selbst stärkt. Und dass die Bevölkerung sich fragt: „Warum gibt es bei uns so viele amerikanische Bücher und kaum philippinische Bücher zu kaufen?!“ Ein solcher Impuls wäre sehr zu begrüßen.

Das Interview wurde am 5. September 2025 geführt

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1 | 2023, Deutschland, Südostasien,
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‚Zeitenwende‘ in der Entwicklungspolitik?

Thailand: Aktivist:innen hinterfragen die Rolle von Männlichkeit und Führungsvorbildern in politischen Organisationen.

„Lasst es mit unserer Generation enden“, war einer der Slogans der Proteste 2020-2021 in Thailand. Aber was genau ist „es“? Kann „es“ wirklich in einer Generation beendet werden?

Seit 2021 haben die Proteste nachgelassen. Nach einer Eskalation des thailändisch-kambodschanischen Grenzkonflikts 2025 wächst in Thailand erneut die Unterstützung für eine Militärherrschaft. Manche fordern sogar die Rückkehr des ehemaligen Militärmachthabers Prayut Chan-o-cha an die Macht.

Was ist mit den jungen Menschen passiert, die vor einem halben Jahrzehnt auf die Straße gegangen sind? Wie hat sich die Bewegung verändert und wie geht es weiter? Um diese Fragen aus einer Genderperspektive zu verstehen, haben wir Stimmen aus der Bewegung gesammelt.

Ein Weckruf

Thailands jüngste prodemokratische Bewegung war einzigartig. Noch nie wurde so offen über die Monarchie diskutiert. Zugleich legt die Jugend auf den Straßen immer mehr Wert auf die Intersektionalität ihres Aktivismus. Forderungen nach Gleichstellung führten schließlich zur kürzlichen Verabschiedung des Gesetzes der Ehe für Alle.

Doch nicht alle Forderungen waren von diesen Idealen geprägt. Lertsak Kumkonesak („Lert“), Gründer des Project for Public Policy on Mineral Resources, beschreibt einen deutlichen Unterschied zwischen den jüngsten Protesten und der Bewegung von 1973-76 in Thailand. Er erinnert sich: „Sexuelle Belästigung oder Missbrauch wurde damals privat gehalten und vertuscht. Das Ziel war Demokratie. Die vorherrschende Meinung war, dass diese ‚kleinen Dinge‘, die ‚kleinen Fehler der Männer‘, nicht angesprochen werden sollten.“

2021, als einige bekannte Aktivisten öffentlich der sexuellen Belästigung beschuldigt wurden, war dies ein Weckruf. Die Bewegung konnte den Kampf für Demokratie nicht mehr über die Prinzipien der Gleichberechtigung stellen.

Politische Bewegungen und maskuline Räume

Lert, der sich seit fast 30 Jahren für den Schutz natürlicher Ressourcen im Isaan im Nordosten Thailands einsetzt, hat erlebt, wie Gender die Bewegung beeinflusst. Er beobachtete, wie Frauen an Versammlungen teilnahmen, aber oft danach gingen, um sich um Hausarbeit oder Familie zu kümmern. Die Männer blieben zurück, um zu trinken. In diesen maskulinen Räumen wurden neue Beschlüsse getroffen, die den Männern mehr Macht über die endgültigen Entscheidungen gaben.

„Unsere Organisation lehnt dies ab. Wir haben eine Regel: Wer trinken will, trinkt aus Spaß. Entscheidungen werden aber in den Versammlungen getroffen“, erklärt Lert. Dieses Thema war ein Ausgangspunkt für die Analyse weiterer Genderfragen. Doch Lert selbst sieht sich nicht als Teil der „thailändischen Feministinnen“, die er aus früheren Zeiten als „aggressiv“ in Erinnerung hat. Das bedeutet nicht, dass Lert konfrontative Strategien ablehnt. Im Gegenteil, er betont den historisch „heißen“ Aktivismus als Stärke: „Die Bewegung im Isaan war besonders stark. Die Menschen gingen auf die Straßen… Es gab eine klare Bewegung gegen die Regierung und die Kapitalisten.“

Dao Din ist eine bekannte Aktivistengruppe im Isaan, die für Konfrontation bekannt ist. Einer ihrer Gründer, Pop*, beschreibt seine Frustration angesichts des derzeitigen Stillstands der Bewegung: „Die Mechanismen machen Veränderungen schwierig. Es braucht also etwas außerhalb des Parlaments, wie Proteste – aber es passiert nichts. Es gibt den Willen, aber… es fehlt an Leuten.“ Ähnlich wie Lert steht auch Pop dem Feminismus kritisch gegenüber. Er hat zum Beispiel Probleme mit der Idee einer Frauenquote. „Ich finde, Gleichheit ist genug“, sagt er. „Keiner von uns braucht mehr Rechte als jemand anderes.“

Maskulinität: Stärke oder Hindernis?

Yajai von Thalu Fah, einer aus der Demokratiebewegung entstandenen Aktivist:innengruppe, sieht dagegen, wie geschlechtsspezifische Erwartungen sowohl seine Entwicklung als meinungsstarker Anführer als auch die Dynamik der Bewegung beeinflusst haben. Obwohl er als Student wenig Selbstbewusstsein beim Sprechen vor hunderten Leuten hatte, stellten ihn seine Kommiliton:innen häufig ins Rampenlicht – und so gewann er an Selbstvertrauen. In der Regel sind es die Männer bei Thalu Fah, die zum Mikrofon greifen. „Männer riskieren weniger. Wenn wir zum Beispiel verhaftet werden, kommen wir ins Männergefängnis… Für Frauen ist das anders, sie sind angreifbarer. Deshalb haben wir das Gefühl, dass wir diejenigen sein müssen, die sprechen und führen“, erklärt er.

Starke männliche Anführer stärken die Bewegung in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit, sagt Yajai. Gleichzeitig „haben manche Frauen dann das Gefühl, sie könnten nicht mitwirken. Es verwehrt ihnen den Einstieg in die Bewegung.“ „Im Kern der Männlichkeit“, erklärt er weiter, „liegt die Haltung: ich habe recht… die Weigerung, eigene Schwächen einzugestehen.“

Keine Konsequenzen bei Grenzüberschreitungen

Jintana Srinudet („Kung“) arbeitet seit 18 Jahren für die Foundation for Consumers. Sie kennt die Auswirkungen maskuliner Räume in der Graswurzelarbeit – vom Land, wo Frauen auf Kochen und Putzen reduziert werden, bis hin zu Büros, in denen Männer in Anwesenheit ihrer weiblichen Kolleginnen offen Pornos am Handy schauen. Nur wenige Frauen würden den Mut aufbringen, selbst eine Führungsrolle zu übernehmen, nachdem sie mit bestimmten Männern zusammengearbeitet hätten, berichtet sie. „Wenn die Männer glauben, sie wissen es besser, respektieren sie die Entscheidungen der Gruppe nicht. Sie tun sich zusammen und machen einen neuen Plan… Sie verweisen auf ihre umfangreiche Erfahrung und sagen den Frauen, sie hätten keine Ahnung.“

Das übergroße Selbstvertrauen der Männer spiegelt sich auch in Kungs Erfahrung mit anzüglichen Kollegen wider. Zu Beginn ihrer Tätigkeit zeigte sie einem älteren NGO-Kollegen eine Chatnachricht als Beweis und wurde nicht ernst genommen: „Nein, das ist nicht so einer. Ich glaube nicht, dass er das machen würde“, sagte er, „obwohl die Nachricht direkt vor seinen Augen war!“ Seitdem weist Kung alle sofort zurecht, die Grenzen überschreiten. „Ich musste mich einfach selbst schützen“, sagt sie. Nach vielen Jahren weiß sie, wen sie meiden muss.

„Weil der Bewegung klare Prinzipien fehlen, wie mit Übergriffen umzugehen ist, passiert am Ende – wenn es einen Vorfall gibt – nichts, es gibt keine Konsequenzen. Einige kehren der Bewegung ganz den Rücken. Das führt zu weniger Ressourcen, weniger Wirkungskraft“, sagt Yajai.

Langsamer Wandel

Erst in den letzten vier bis fünf Jahren sieht Kung einen Wandel der Bewegung: „Die Leute wurden aufmerksamer… weil sich diese Themen mit der Frage der Geschlechtervielfalt überschnitten und ein Teil davon wurden.“ Phakwilai Sahunalu („Kai“), prominenter Aktivist aus Surin und Berater des Isaan Gender Diversity Network, reflektiert nach fast vier Jahrzehnten Bewegungserfahrung: „Ich sehe, wie Frauen eine größere Rolle spielen und mehr Anerkennung bekommen. Aber das Patriarchat ist nicht verschwunden.“

Phoen*, der seine Aktivistenlaufbahn erst kürzlich in der Schule begann und dann der Modindaeng Revolutionary Party an der Universität beitrat, kritisiert den Fortbestand patriarchaler Strukturen, die selbst in solchen Jugendorganisationen vorherrschen. Er sagt, dass diese den Raum für Innovationen blockierten und ein Klima der Ent- statt Ermutigung schufen. „Als ich mich mit feminineren Ideen auseinandersetzte, fühlte ich mich nicht akzeptiert. Besonders bei Männern, die sich sehr maskulin gaben, fühlte ich mich nicht sicher“, erklärt Phoen. Sexistische Witze verstärkten dieses Gefühl. Phoen glaubt, die patriarchale Kultur sei einer der Gründe für die Auflösung der studentischen Gruppe an der Universität.

Eine Armee oder eine Bewegung?

Einige jüngere Aktivist:innen sind bemüht, innovative und inklusive Räume zu schaffen – um neue Wege zu finden, die nächste Generation für die Bewegung zu gewinnen.

Jirajade Wisetdonwail („Maprang“), Mitgründerin von Feminist Pladaek, ist eine davon. Sie hinterfragt, wie thailändische Graswurzelbewegungen oftmals die Machtstrukturen reproduzieren, die sie zu überwinden versuchen. Ihr traditionelles „Armee-Modell“ sei nicht nachhaltig und spiegele die unterdrückenden Strukturen wider, vor denen viele fliehen wollen. „Diese Aufopferungspolitik ist spirituelle Gewalt. Gründen wir hier eine Armee oder eine Bewegung?“, fragt Maprang. „Unter männlicher Führung wird erwartet, dass man alles für die Bewegung gibt – bereit ist, ins Gefängnis zu gehen oder auf der Straße zu sterben. Nur wenige können sich das leisten.“

Die Entscheidung zwischen dem eigenen Wohl und dem kollektiven Wandel schafft geschlossene Räume für Privilegierte. Um dem entgegenzuwirken, ließ sich Maprang von den Feministinnen wie Bell Hooks und Starhawk inspirieren und schuf Räume für lebensbejahenden Widerstand – das Herzstück revolutionärer Liebe. Ähnlich nimmt sich das Feminist Friend Meeting and Zine Collective in Khon Kaen die Pionierarbeit früher lesbischer Aktivistinnen, vor allem aber deren Zine-Kultur, zum Vorbild. Gründerin Zoom sieht einen großen Nachteil der Männlichkeit: „Sie lässt uns andere Aspekte unserer Menschlichkeit vernachlässigen.“ Feminist Friend Meeting and Zine Collective arbeitet basisdemokratisch und bedürfnisorientiert und setzt auf radikales Vertrauen sowie kollektive Entscheidungen.

Alte Muster

Trotz der Bemühungen um eine Dezentralisierung politischer Macht zugunsten benachteiligter, marginalisierter Gruppen, droht der thailändisch-kambodschanische Grenzkonflikt das Land in alte Muster zurückzuwerfen: „Am Ende entscheiden wieder nur Männer unter sich“, sagt Kai.

Der Funke, der das Pulverfass entzündete? Eine Frau. „Die Leute kritisierten die Premierministerin, die versuchte, das Problem im Dialog, durch vernünftigen Austausch zu lösen. Sie griffen sie an, weil sie keinen konfrontativen Führungsstil zeigte“, berichtet Irene*, Mitglied von Feminist Pladaek. Ähnlich wie Yingluck Shinawatra ein Jahrzehnt zuvor erschien auch Paetongtarn Shinawatra („Ung Ing“) vielen zu versöhnlich, sanft, ja sogar verräterisch, in einer Bevölkerung, die ‚maskuline Herrschaft‘ nach wie vor schätzt.

Für manche junge Menschen, die nur unter Militärherrschaft aufgewachsen sind, wirken Rufe nach einer Rückkehr zu nationalistisch-autoritären Führungskräften, unter denen sie sozialisiert wurden, ganz natürlich. Doch unter Aktivist:innen bildet sich ein Konsens: Gute Führung heißt zuhören, Raum geben statt Raum einnehmen.

Die Zukunft

Was also hofften die Protestierenden in ihrer Generation zu beenden? War „es“ der Kreislauf der Militärputsche unter den Überbleibseln des Feudalsystems? Oder meint „es“ auch das Patriarchat? Wird „es“ trotz des Aufschreis der Jugend an die nächste Generation weitergegeben – an viele, die heute gezwungen sind, Botschaften aus dem Gefängnis an die Öffentlichkeit zu schmuggeln?

Feministische und LGBTQIA+-Gruppen hoffen weiterhin, „es“ zu beenden. Doch hat ihr Aufkommen tatsächlich genug Raum geschaffen, damit ausreichend Menschen ihren Platz in der Bewegung finden? Falls nicht, sind die Protestierenden vielleicht dazu verdammt, dass die Bewegung mit ihrer Generation endet – noch bevor die Demokratie das Parlament erreicht – geschweige denn die breite Bevölkerung.

*Einige Interviewpartner:innen haben darum gebeten, im Rahmen dieser Veröffentlichung lediglich mit ihrem Spitznamen und nicht mit ihrem vollständigen Namen genannt zu werden.

Übersetzung aus dem Englischen von: Sophie Marijam Grobe

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‚Zeitenwende‘ in der Entwicklungspolitik?

Myanmar: Wir sprechen mit Aktivistin Nandar über Geschlechterrollen, militarisierte Männlichkeiten und Feminismus.

südostasien: Du arbeitest seit vielen Jahren im Bereich Gender und Feminismus in Myanmar, auch während des aktuell andauernden Widerstands gegen das Militär. Wie würdest du die vorherrschenden Ideen zu Männlichkeit in Myanmar heute beschreiben?

Nandar: Ich möchte glauben, dass sich die Definition oder zumindest der Wert eines Mannes zunehmend verändert hat. In unserer Gesellschaft praktizieren wir traditionelle männliche Rollen nicht mehr wirklich. Hättest du mich vor zehn Jahren gefragt, ob ich meine männlichen Freunde, Kollegen und Familienmitglieder jemals weinen gesehen habe, hätte ich mit Nein geantwortet. Aber mittlerweile – ich weiß nicht, ob das an meiner Arbeit liegt – hat fast jeder Mann, den ich kenne, kein Problem mehr damit, seine Verletzlichkeit zu zeigen. Sie sehen das nicht als etwas Schlechtes an. Sie fühlen sich befreit, wenn sie in der Öffentlichkeit, vor ihren Kolleg:innen, Schwestern, Freunden und Freundinnen weinen können. Wenn ich das sage, meine ich damit jedoch nicht, dass dies auf alle Männer zutrifft. Es gibt viele Menschen, insbesondere in den Streitkräften, die nach wie vor großen Wert auf traditionelle Männerrollen legen.

Wie haben die Frühlingsrevolution 2021 und die Machtergreifung durch das Militär Männerbilder verändert?

Wir können beobachten, dass Männer aufgrund der Revolution ein verstärktes Bedürfnis haben, ihre Männlichkeit durch körperliche Stärke zu demonstrieren. Hätte es keine Revolution gegeben, wäre der Bedarf an sogenannten männlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten geringer gewesen. Viele Menschen, insbesondere junge Männer, schlossen sich freiwillig den PDFs (People’s Defense Forces – bewaffnete Widerstandsgruppen gegen die Militärjunta) an, weil sie Demokratie wollen. Aber ich glaube, ein Grund dafür ist auch, dass es für Männer immer weniger Raum gibt, ihre Männlichkeit – insbesondere eine toxische – in unserem Umfeld auszuleben. Auch wenn einige von ihnen revolutionäre Anführer sind und wichtige demokratische Ämter bekleiden, ist die Art und Weise, wie sie die Revolution durchführen, von toxischer Männlichkeit und einem Ego geprägt, das die Demokratie auf missverständliche Weise befeuert. Sie arbeiten für eine Revolution, halten jedoch die Sexualisierung von Frauen für akzeptabel, weil Männer Triebe haben. Sie rechtfertigen Fehlverhalten mit Männlichkeit, was ziemlich gefährlich ist.

Es gibt also in Bezug auf Rollenbilder eine ähnliche Logik beim Militär und den PDF?

Ich erinnere mich, dass mir einer der Anführer einer PDF gesagt hat, dass sie sich zwar im Namen der Revolution angeschlossen haben, ihnen aber klargeworden ist, dass all diese Männer, die zu den PDFs gegangen sind, nicht wissen, wie man sich gegenüber Frauen verhält. Sie sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der Frauen abgewertet und objektiviert werden, und diese Sichtweise auf Frauen tragen sie mit in die PDFs. Ihr einziges Ziel ist es, die Junta zu besiegen, nicht langfristig eine gesündere Denkweise zu entwickeln. Einige männliche PDF-Kämpfer wollen nicht über Fragen sexueller Einwilligung und Einverständnis sprechen, weil sie denken, dass das Anstarren, die Sexualisierung und die Objektivierung von Frauen ihr gutes Recht sind und sie das genießen dürfen sollten. Aber ich kenne viele Frauen aus den PDFs, die wegen dieser Denkweise vor der Revolution geflohen sind. Wir wollen nicht, dass Männer denken, sie müssten zu den Waffen greifen, um eine Nation zu kontrollieren. Wir brauchen solche Männer nicht mehr. Wir haben genug von ihnen.

Welche Auswirkungen hat diese Haltung auf den Demokratisierungsprozess?

In der populär-kulturellen Wahrnehmung Myanmars wird Aung San Suu Kyi oft als ‚Mutter der Nation‘ angesehen, während Min Aung Hlaing als ‚Vater der Nation‘ gilt. Nun sagen viele Menschen, dass der Vater das Land übernehmen musste, weil die Mutter sich nicht richtig um ihre Kinder gekümmert habe. Der Vater ist also männlich, wie der Militärgeneral, und die Mutter ist Aung San Suu Kyi, die ihre Aufgabe nicht gut erfüllt hat. Allein diese Aussage, Politiker als Mutter und Vater zu betrachten, ist sehr problematisch. Zu sagen, dass ein Mann die Macht übernommen hat, weil Aung San Suu Kyi als Frau versagt hat, sagt viel darüber aus, wie wir Männlichkeit sehen. Es suggeriert, dass nur Männer die Kontrolle über eine Nation übernehmen können.

Wie können diese Einstellungen verändert werden?

Ich denke, Männer brauchen mehr Bildung. Wir haben bei der Bildung von Frauen wirklich gute Arbeit geleistet. Jetzt sollten wir uns etwas mehr auf Männer konzentrieren. Nicht dass wir Männer retten müssten und uns die Last aufbürden müssten, sie zu erziehen. Ich denke, wir müssen ihnen nur den Weg zeigen, den sie gehen können, damit sie selbst herausfinden und lernen können. Ich ermutige Menschen, mit feministischen Werten zu leben und ohne sie zu leben und dann zu vergleichen. Welche Praxis bringt das Beste aus ihnen heraus, für Ihre Gemeinschaft, für ihr Land? Welche Lebensweise ist für ihr Wohlbefinden am vorteilhaftesten? Und ich denke, diese Antwort wird ihnen den Weg für ihr Leben weisen.

Wie setzt sich die feministische Bewegung in Myanmar für eine gesunde Männlichkeit ein?

Was ich beobachten kann, ist, dass die ältere Generation, die Menschen, die Teil der Revolution von 1988 waren, nun offener für die Ideen junger Menschen und deren Engagement in ihrer Arbeit sind. Die feministische Bewegung im Allgemeinen hat sich mittlerweile zu kreativeren Ansätzen für langfristige Veränderungen entwickelt. Ich finde es schockierend, dass ich zu mehreren internationalen Konferenzen eingeladen wurde, nur um Gedichte vorzutragen, anstatt an den inhaltlichen Diskussionen teilzunehmen. Wir sehen jetzt, dass es nicht ausreicht, nur über politische Themen zu debattieren. Es ist auch wichtig, Menschen zu inspirieren, hoffnungsvoll zu sein und gleichzeitig die Wahrheit zu sagen. Ich denke, es gibt noch viel zu tun, um Männer einzubeziehen. Es gibt ältere Männer, die sich für die Bildung junger Männer engagieren, aber ich denke, das ist noch begrenzt. Ich möchte hoffnungsvoll sein, denn es geht Schritt für Schritt voran. Ich denke, Männer müssen aufwachen und verstehen, dass es Arbeit kostet, ein guter Mann zu sein. Sie können nicht einfach dasitzen und dafür belohnt werden, dass sie als Mann existieren.

Zumindest nicht mehr…

Um ein gutes Mitglied der Gemeinschaft zu sein, musst du an dir selbst arbeiten. Du musst ein besseres Mitglied der Gesellschaft sein, damit du dich nicht von Feministinnen und starken Frauen bedroht fühlst. Ich glaube, Männer haben große Angst, weil sie dies nicht als einen positiven und schönen Fortschritt der Gesellschaft sehen, sondern als etwas, das sie verlieren. Ich denke, wir müssen mehr mit ihnen reden und ihnen sagen, dass dies kein Verlust ist. Wir sollten sie fragen, warum genau sie sich bedroht und verängstigt fühlen, was bei ihnen los ist. Damit wir toxische Männlichkeit in unserer Gemeinschaft wirklich abbauen können, müssen wir schon in sehr jungen Jahren damit beginnen. Auf diese Weise wäre es auch für diese jungen Männer einfacher, im Leben voranzukommen. Andernfalls würden sie aufgrund mangelnder Aufklärung über Männlichkeit wirklich eine Menge psychischer Probleme durchmachen.

Du hast zuvor die Auswirkungen toxischer Männlichkeit auf die Beteiligung von Frauen an den revolutionären Kräften erwähnt. Kannst du etwas mehr über den Zusammenhang zwischen Männlichkeit und geschlechtsspezifischer Gewalt sagen?

Geschlechtsspezifische Gewalt nimmt vor allem deshalb zu, weil es keine Rechtsstaatlichkeit gibt. Angenommen, eine Frau erlebt häusliche Gewalt. Wenn sie zur Polizei geht, verlangt diese als Erstes Beweise, obwohl sie Narben im ganzen Gesicht hat. Selbst wenn sie Beweise hat, kostet es viel Zeit, Geld und Energie, vor Gericht zu gehen. Und es gibt kein zuverlässiges Justizsystem, das sicherstellt, dass der Täter es nicht wieder tut. Zweitens gibt es eine Militarisierung, die eine Spaltung zwischen den Geschlechtern fördert und Gewalt ermöglicht. Wenn Frauen und Männer sich den PDFs anschließen, haben beide kein militärisches Wissen. Das lernen sie dann, aber die Frauen erreichen dennoch keine höheren Positionen. In diesem Zusammenhang müssen Männer stark sein und sogar andere unterdrücken, um ihre Stärke zu zeigen. Und oft sind die Opfer Frauen, sogar in Familien.

Hast du unter den revolutionären Kräften irgendwelche ermutigenden Beispiele gesehen?

Einige Gruppen entscheiden sich bewusst dafür, Frauen in alle Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Die BPLA (Bamar People’s Liberation Army) leistet dabei bessere Arbeit als jede andere mir bekannte Gruppe, zumindest was den Umgang mit Geschlechterfragen, Beziehungsfragen und anderen Positionsfragen aus einer Genderperspektive angeht. Der Anführer bezeichnet sich selbst als Feminist. Deshalb trifft er bessere Entscheidungen für sich selbst, seine Gemeinschaft und seine Teamkolleg:innen. Seine Truppen sind glücklicher, weil sie ihre Rechte so ausüben, wie sie sich die Gesellschaft wünschen.

Wie stellst du dir die Zukunft deines Landes in Bezug auf Geschlechtergleichstellung und Männlichkeit vor?

Ich bin wirklich der Meinung, dass wir aufhören sollten, uns Gedanken darüber zu machen, ob wir weiblich oder männlich sind. Wir müssen vergessen, was die Gesellschaft von mir als Frau erwartet, und wir müssen anfangen, darüber zu sprechen, was ich für die Gesellschaft bin. Wie kann ich die beste Version meiner selbst sein? Wir müssen all diese gesellschaftlich konstruierten Schubladen beseitigen, die wir uns seit langem in den Kopf gesetzt haben. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Geschlecht überhaupt kein Thema ist. Ich sage nicht, dass wir nicht über geschlechtsspezifische Gewalt sprechen dürfen. Aber ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der das nicht nötig ist, weil es keine geschlechtsspezifischen Gewalttaten gibt. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der wir über Filme, Philosophien, Bücher und Kunst sprechen. Wo wir picknicken, Spaß haben, uns sicher fühlen und nach Hause gehen können, wann immer wir wollen. Natürlich wird es Probleme geben, aber du bittest mich, so weit zu gehen, wie ich kann. Also entscheide ich mich für diese fiktive Realität, die ich mir selbst ausgedacht habe.

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1 | 2023, Deutschland, Südostasien,
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‚Zeitenwende‘ in der Entwicklungspolitik?

Deutschland: Zwischen Bücherdiversität, Politik und Staunen, ein Erlebnisbericht vom Gastlandauftritt der Philippinen bei der Frankfurter Buchmesse 2025.

„Ruhige Inseln der philippinischen Bücherdiversität“, dies waren die ersten Gedanken, die mir in den Sinn kamen, als ich den Pavillion des Ehrengasts Philippinen auf der Frankfurter Buchmesse betrat. Am Samstag, den 18. Oktober, machte ich mich morgens früh von Köln auf den Weg nach Frankfurt. Mein letzter Besuch der Buchmesse lag bis dahin bereits 10 Jahre zurück, was meine Freude und Aufregung an diesem Tag noch steigerte.

Zu Beginn war ich durch die schiere Größe und die vielen Menschen, die aus allen Richtungen in die verschiedenen Messehallen strömten, etwas überfordert – hatte ich dies doch anders in Erinnerung. „Fantasie beseelt die Luft“, das Motto des Ehrengasts Philippinen, konnte ich jedoch beim Betreten des Pavillions direkt spüren.

Im Gegensatz zu den anderen Messehallen war der Philippinen Pavillon weitläufig, hell und offen, aber gleichzeitig intim. Dieses Gefühl entstand durch die sechs, wie an Inseln erinnernde Bereiche, viele Sitzmöglichkeiten, zwei offen konstruierte Bühnen und die Verwendung von Naturmaterialien (Kapis-Muscheln, Bambus, Textilien, Ananasgewebe und leichter Stahl).

Ein sich im hinteren Teil des Pavillons befindendes Café lud zusätzlich zum Verweilen, Nachdenken und Austauschen ein.

Wandern „von Insel zu Insel“

Im Pavillon gab es die Möglichkeit, von Bereich zu Bereich, von Insel zu Insel zu „wandern“ und die reiche kulturelle und literarische Vielfalt des Ehrengasts kennen zu lernen. So wurde zum Beispiel eine „Insel“ nationalen Künstler:innen und Kulturschätzen gewidmet. Eine andere hob Bücher hervor, die in den letzten 100 Jahren in und über Themen zu den Philippinen publiziert wurden. Eine Bücherinsel präsentierte eine Auswahl an ausländischen Veröffentlichungen der letzten fünf Jahre über die Philippinen. Ein Nachbau eines Gebäudes, welches unter anderem von den indigenen T’boli aus den Südphilippinen für Versammlungen genutzt wird, lud zum Reflektieren und Ausruhen ein. Künstlerische Videoprojektionen an den Außenwänden der Inseln, beseelte die Messeatmosphäre zusätzlich.

Von kolonialem Erbe bis zur queeren Literatur

Ein vielfältiges Programm zu den Themenschwerpunkten Geschichte, Politik und Kultur in Mindanao, Schreiben in der Diaspora, Reflexion über das koloniale Erbe und der philippinischen Kinderliteratur konnten die Besucher:innen im philippinischen Ehrengastpavillon am 18. Oktober erleben.

Besonders interessiert verfolgte ich eine Diskussionsrunde über die Entwicklung der queeren Literatur in den Philippinen. Dabei wurde anhand von Bucherscheinungen, die Geschichte dieser nachgezeichnet und erläutert. In den 1990er Jahren war das Mitwirken an der Ladlad-Reihe (coming out-Reihe) für schwule und queere philippinische Autor:innen ein öffentliches Bekennen zu ihrer Queerness und keine leichte Entscheidung beteiligter Schriftsteller:innen. Damals wurden die Bücher wie verbotene Gegenstände von ihrer Leser:innenschaft in braunes Papier eingeschlagen, um sie vor neugierigen Blicken und den (katholischen) Eltern zu verstecken. Die LGBTIQ+-Community in den Philippinen ist damals wie heute eine marginalisierte gesellschaftliche Gruppe, umso wichtiger ist es, queere Literatur zu publizieren und zu fördern.

Auf der Bühne war unter anderem der philippinische Autor Blaise Campo Gacoscos, der mit seinem 2025 auf Deutsch erschienenen Roman „Der Junge aus Ilocos“ auf der Buchmesse präsent war.

Aufmerksamkeit für Frauenperspektiven in asiatischer Literatur schaffen

Auch in der Internationalen Halle 5.1 der Buchmesse waren die Philippinen auf der „Asia Stage“ vertreten. So hatte das Land einen großen, ähnlich hell und aus Naturmaterialien gestalteten Stand in der Messehalle, in der asiatische Verlage und Literatur ausgestellt waren. Hier verfolgte ich auf der „Asia Stage“ eine interessante Podiumsdiskussion über „Women‘s writing in Asia“. Dabei waren neben der aus dem Iran stammenden Autorin Nastaran Makaremi und der singapurischen Autorin mit malaysischen Wurzeln, Hidayah Amin auch zwei philippinische Autorinnen/Verlegerinnen auf der Bühne vertreten: Ester Topia und Bevely Siy. In der von der Moderatorin Rochit Tañedo geführten Diskussion sprachen die Schriftstellerinnen über geschlechterspezifische Vorurteile, den Druck, bestimmten Bildern zu entsprechen und den Herausforderungen, Themen über Frauen und Frauen in der Literatur im Allgemeinen neu darzustellen.

Ester Topia sprach in diesem Zusammenhang über den „male gaze“ in der philippinischen Literatur: Frauenfiguren in philippinischen Büchern hätten lange Zeit vermehrt traditionellen Rollenverständnissen entsprochen oder wurden als „objects of dreams“ stilisiert. Aus diesem Grund sehe sie es als ihre Aufgabe, „awarness of women perspectives in literature“ zu schaffen. Auch Bevely Siy prangerte an, dass die philippinische Literaturszene männlich dominiert sei. Deswegen kritisiert sie öffentlich Verlage, Schreibwerkstätten etc., die zum Beispiel Schreibworkshops ohne Frauen anbieten, oder Preise verleihen, bei denen die Jury keine weiblichen Autorinnen oder Expertinnen mit einbeziehen. „I call them out in Social Media“, sagte sie lachend auf der Veranstaltung. Dabei soll die Problematik dahinter nicht heruntergespielt werden. Angehenden Autorinnen fehle es an „safe spaces”, so werden bestimmte Themen in der Literatur nicht besprochen. Dies ist auch ein Grund, warum Bevely Siy genau diese verschwiegenen Themen anspricht. Sie schreibt und spricht über Diskriminierung von Frauen und Tabuisierungen wie die Menstruation. „My books talk about women bodies”, fasst sie es auf dem Podium zusammen.

Die Philippinen über die Literatur hinaus erleben

Vor Beginn der Frankfurter Buchmesse 2025 sprach sich die Senatorin Loren Legarda zum Auftritt der Philippinen als Gastland wie folgt aus:
„The Philippines’ presence in Germany is more than a literary offering. It is a call to journey through stories that sail across oceans, voices that weave connections between cultures, and ideas that know no boundaries “. („Die Präsenz der Philippinen in Deutschland ist mehr als nur ein literarisches Angebot. Sie ist eine Einladung zu einer Reise durch Geschichten, die Ozeane überqueren, Stimmen, die Verbindungen zwischen Kulturen knüpfen, und Ideen, die keine Grenzen kennen.“)

Auf mich machten der Auftritt und das Programm des Gastlands ebenfalls den Eindruck, dass hier nicht nur philippinische Literatur auf der Buchmesse präsentiert wurde, sondern den Besucher:innen auch durch Literatur Einblicke in die Geschichte und kulturelle Diversität des Inselstaats gewährt wurden.

Meinem Empfinden nach ist dies etwas, was Literatur für mich leisten kann und soll: Neue, andere Perspektiven kennen lernen, zum Nachdenken und Hinterfragen anregen und Begegnung ermöglichen.

Insofern konnte ich mich selbst nicht zurückhalten, ein paar vielversprechende Buchneuheiten zu erwerben. Nachdem ich die Rezension von „Stille im August“ von Caroline Hau in der südostasien gelesen hatte, war mein Interesse groß, mir dieses Buch zu kaufen. Am Stand vor dem Gastpavillons war es allerdings leider bereits ausverkauft. Beim Kauf des Buches am Messestand des herausgebenden Verlags wurde mir das Buch schließlich mit den Worten „ein guter Einstieg in die kulturelle Welt der Philippinen“ übergeben.

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