1 | 2021, Indonesien,
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Solidarität in Pandemie-Zeiten (Teil II)

Solidarität

Kollektiv angebaut und geerntet: ‚Kostprobe’ der Gemüseernte aus einem Garten der Gewerkschaft der städtischen Bäuer*innen Semarangs © STKS

Dies ist der zweite Teile des Artikels „Solidarität in Pandemie-Zeiten“ (hier geht es zu Teil I):

Indonesien: In Anbetracht einer drohenden Nahrungsmittelkrise fanden Aktivist*innen neue Wege der solidarischen Unterstützung. In Semarang enstand ein Netzwerk zum kollektiven Anbau von Gemüse. In Yogyakarta wurde in Gemeinschaftsküchen für die besonders betroffene Bevölkerung gekocht.

Weltweit gab und gibt es die Befürchtung, dass die Covid-19-Krise zu einer Nahrungsmittelkrise führen könnte. Die Welternährungsorganisation (FAO) warnte bereits im März 2020 vor dieser Gefahr. Die Sorge war groß, dass Länder wie Thailand und Vietnam, aus denen Indonesien bislang (über die eigene Produktion hinaus) Reis bezogen hatte, ihre Exporte beschränken würden. In Semarang, der Hauptstadt der Provinz Zentraljava, wurde diese Sorge noch durch Unwetter und Missernten verstärkt. Außerdem reagierten zahlreiche Unternehmen auf die Pandemie mit Massenentlassungen, was für fehlende Einkommen der Lohnarbeiter*innen und damit für verringerte Kaufkraft sorgte. Die städtische Bevölkerung stand inmitten dieser Situation vor der Frage, wie sie sich dennoch in ausreichender Weise mit Grundnahrungsmitteln versorgen kann.

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Das Konzept der STKS ist die Nutzung von brachliegenden Flächen innerhalb der Stadt und deren gemeinschaftliche Nutzung für Gemüseanbau © STKS

Semarang: Ein Gemeinschaftsgarten entsteht

Einige Aktivist*innen in Zentraljavas Provinzhauptstadt Semarang wollten nicht in Angst und Ohnmacht verharren. Sie gründeten Anfang Mai 2020 die Gewerkschaft der städtischen Bäuer*innen Semarangs (STKS) und begannen im Stadtgebiet mit dem Anbau von Gemüse. Dafür nutzten sie – in Absprache mit den Besitzer*innen – deren zuvor brachliegende und mit Wildpflanzen zugewucherte Flächen. Anwohner*innen und STKS- Aktivist*innen machten diese Flächen gemeinsam nutzbar. Sie säuberten sie vom Wildwuchs und legten Beete an. Die nötigen Werkzeuge wurden, soweit vorhanden, mitgebracht und/oder von Anwohner*innen geliehen und gemeinschaftlich genutzt.

Modell des kollektiven Gemüse-Anbaus

So entstand ein Modell des kollektiven Anbaus. Wer in welchem Maße wo mitarbeitete, entschieden die Beteiligten gemeinsam auf der Basis, wie viel und in welchen Bereichen sich jede/r Einzelne einbringen konnte. Wer Erfahrung im Umgraben/Pflügen hatte, bereitete den Boden für die Aussaat vor und brachte zugleich jenen ohne Erfahrung diese Fähigkeiten bei. Diese Aktivitäten des kollektiven Anbaus weckten viel Aufmerksamkeit bei den Anwohner*innen und zogen weitere Kreise. Bald schon bekam STKS aus verschiedenen Stadtteilen mehr Angebote, brach liegende Flächen zu nutzen, als sie personell umsetzen konnte. Die STKS-Mitglieder versorgten schließlich vier Gemeinschaftsgärten, in denen sie Mais, Kürbis, Hülsenfrüchte und Auberginen anbauten.

Versetzte Anbauzeiten und verschiedenen Fruchtfolgen sorgten dafür, dass nicht an allen Orten zur selben Zeit das Gleiche zu tun war. Auf einigen Beeten wurde gerade gesät, während auf anderen geerntet wurde. Was wann wo zu tun war, all das war Ergebnis eines kollektiven Abstimmungsprozesses. Die Ernte sorgte dafür, dass die Mitglieder der STKS jeden Tag ausreichend Gemüse auf dem Tisch hatten. Und das obwohl die Hälfte der Ernte an die Anwohner*innen ging, die ihr Land zur Verfügung gestellt hatten.

Neben den praktischen Tätigkeiten in den Gärten veranstaltete STKS auch Diskussionsforen unter dem Motto Schule auf dem Feld (Sekolah di lahan, SDL). In diesen Foren tauschten sich die Beteiligten des STKS- Projektes darüber aus, wie sie den Anbau geplant und umgesetzt haben. Auch weitergehende Themen rund um Landwirtschaft und damit verbundene Aspekte kamen bei SDL zur Sprache.

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Dapur Umum lawan Corona = Mit KüfAs gegen Corona. Soli-Plakat der Nahrungsmittel- Solidarität Jogja (Solidaritas Pangan Jogja, SPJ) als Unterstützung während der Corona-Pandemie © SPJ

Herausforderungen und Lernen für die Zukunft

Leider dauerte das regelmäßig städtische Gärtnern im Rahmen von STKS nur etwa ein Jahr lang. Nach Aussage eines Mitglieds mangelte es an der konsequenten Beteiligung einer für Anbau und Ernte notwendigen Zahl von Menschen. Regenzeitbedingt findet derzeit [März 2021] nur noch in zwei der vier Gärten Anbau statt. Einerseits gab es seitens der STKS keinen ‚Plan’ oder keine Entscheidung für eine feste, andauernde Organisationsstruktur. Diese Offenheit hat zunächst dazu geführt, dass sich viele Menschen auf eine freie und niedrigschwellige Weise beteiligen konnten. Andererseits steht und fällt eine solche Initiative mit dem Engagement der Beteiligten. Da die befürchtete Nahrungsmittelkrise nicht eingetreten sei, so Eka, eine der Initiator*innen des Projektes (Interview 20. März 2021), zögen sich einige Beteiligte nun wieder aus dem eigenen Anbau zurück.

Dennoch sehen Eka und weitere STKS- Beteiligte viel Potenzial im Modell des kollektiven Anbauens und Erntens. Auf diese Weise könne Selbstversorgung in Zeiten von Missernten oder anderweitig verursachten Versorgungsengpässen ermöglicht werden. Wenn es gelinge, das STKS- Modell weiterzuentwickeln und kontinuierlicher zu gestalten, könne sich die Stadtbevölkerung mit begrenztem Zugang zu eigenen Anbauflächen unabhängiger machen, wenn es – wie im Fall der aktuellen Pandemie – zu Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung komme. Zudem biete es stadtsozialisierten Menschen mit Hilfe der praktischen Erfahrung des Gemüseanbaus die Möglichkeit, mehr Bewusstsein und mehr Selbstbestimmtheit in Bezug auf die eigene Nahrungsmittelversorgung zu erlangen.

Yogyakarta: Solidarisches Kochen

Als Stadt, deren Ökonomie stark auf Tourismus baut, war und ist Yogyakarta heftig von der Covid-19-Krise betroffen. Die Regierungsvorgaben schränkten die Mobilität ein und sorgten dafür, dass sich die Zahl der touristischen Besucher*innen stark verringerte. Die Folgen spürten auch Menschen, die zum marginalisierten Teil der Bevölkerung gehören und deren Gelegenheitseinkommen von Tourist*innen abhängt, zum Beispiel Becak [Fahrradrikscha] – Fahrer oder die Souvenirverkäufer*innen in den Straßen. Yogyakarta ist nicht nur Tourismus- sondern auch Universitätsstadt. Doch auch an den zahlreichen Hochschulen und Unis mussten die Aktivitäten pausieren.

Wie an anderen Orten auch, war das „normale Leben“ der Bürger*innen stark eingeschränkt. Wie sollte man sich anders schützen, als zu Hause zu bleiben? Doch wer nicht von zu Hause aus arbeiten konnte, musste „raus“ und zur Arbeit gehen, vor allem Menschen im informellen Sektor wie Becak-Fahrer und Marktverkäufer*innen.

Gemeinschaftsküche in Yogyakarta in Zeiten der Corona-Pandemie © SPJ

Diese Situation veranlasste eine Gruppe von Aktivist*innen zu einer kollektiven Aktion, in deren Rahmen Essen für marginalisierte Bevölkerungsschichten bereitgestellt wurde, die von der Pandemie besonders betroffen waren. Micha, eine der Initiator*innen, berichtet, wie die Bewegung entstand. Ende März 2020 sei bei Diskussionen in den sozialen Medien die Frage immer drängender geworden, wie eine direkte Hilfe für jene aussehen kann, die besonders stark von den ökonomischen Folgen der Pandemie betroffen waren. Eine Idee, die daraus entstand, war die einer Küche für Alle (KüfA, Indonesisch: dapur umum).

Nahrung für Bedürftige mit Hilfe von Spenden und KüfAs

Die daraus entstehende Initiative nannte sich Nahrungsmittel- Solidarität Jogja (Solidaritas Pangan Jogja, SPJ), in der sich NGO- Mitarbeiter*innen, Büroangestellte, Künstler*innen und Studierende gemeinsam engagierten. Ein Soli-Poster wurde gestaltet, eine Bankverbindung eröffnet und die Menschen der Stadt wurden zum Spenden eingeladen. So kamen am ersten Abend unter dem Hashtag #RakyatBantuRakyat (= Das Volk hilft dem Volk) rund 2,5 Millionen IDR (~ 140 Euro) zusammen [Anm. d. R.: Der offizielle monatliche Mindestlohn in Yogyakarta lag zu dem Zeitpunkt bei zwei Millionen IDR]. Dieses Geld wurde genutzt, um an drei verschiedenen Standorten in der Stadt eine KüfA zu eröffnen. Zusätzlich zu den Geldspenden brachten viele Menschen Lebensmittelspenden wie Reis, Brat-Öl und Gemüse direkt zu den KüfAs, deren Zahl in den Folgetagen von vier auf zwölf stieg.

Dort begann der Tag damit, auf dem nächstgelegenen traditionellen Markt einzukaufen, was noch nicht vorhanden, aber zum Kochen gebraucht wurde. Ähnlich wie in Jakarta konnten auch die Aktivist*innen in Yogyakarta in punkto Nahrungsmittelversorgung auf gewachsene Solidaritätsnetzwerke mit Kleinbäuer*innen zurückgreifen. Regelmäßig konnten sie Gemüse abholen, das ihnen die Vereinigung der Bäuer*innen auf den Feldern der Küste (PPLP) aus dem nahe gelegenen Kulon Progo zur Verfügung stellte. PPLP hatte in den letzten Jahren energischen Protest gegen die Vertreibung von Kleinbäuer*innen für den Bau des New Yogyakarta International Airport (NYIA) geleistet, den viele Aktivist*innen aus Yogyakarta unterstützt hatten.

Zurück in die Küchen der SPJ: Dort wurde peinlich genau darauf geachtet, dass alle Beteiligten das nötige Gesundheitsprotokoll erfüllen. Diejenigen, die Essenspakete zu den Bedürftigen brachten, wurden mit Masken und Handschuhen ausgestattet. Sich selbst mit Vitamin C zu versorgen, Hände zu waschen und – soweit möglich – Abstand zu halten, war obligatorisch.

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Reispakete aus den KüfAs der SPJ in Yogyakarta als Unterstützung für besonders Bedürftige während der Corona-Pandemie © SPJ

Nachdem das Essen gekocht und in Papier verpackt war, machte sich eine Gruppe von Verteiler*innen auf den Weg. Um größere Menschenaufläufe zu vermeiden, wurden keine Verteilstellen eingerichtet, sondern die Freiwilligen von SPJ fuhren in Gebieten herum, wo viele arme und marginalisierte Menschen leben. Dort teilten sie es an jene aus, die es anscheinend brauchten. Dieses Vorgehen wurde zwar bei der SPJ intern als nicht ausreichend beschrieben, weil nicht sicher war, ob das Essen auf diese Weise wirklich die am meisten Bedürftigen erreichte. Zugleich sah sich die SPJ aber auch nicht in der Lage, erst eine umfangreiche Datenbank anzulegen, da es ihnen um schnelle und direkte Hilfe ging und sie mit dem Kochen und Verteilen vollauf beschäftigt waren.

Schließlich wurde auch die Regierung auf die SPJ- Initiative #RakyatBantuRakyat aufmerksam und lobte diese als innovative öffentliche Dienstleistung, die eine Ehrung verdiene. Als die SPJ- Akteur*innen erfuhren, das Ministerium für die Nutzung von Staatsapparaten und die Reform der Bürokratie wolle sie im Rahmen einer Pressekonferenz auszeichnen, gaben diese wiederum in einer Pressemitteilung bekannt, dass sie die Ehrung nicht annehmen werden. Zur Begründung erklärte SPJ, ihre Aktivitäten seien schließlich Ausdruck der Kritik an einer Regierung, die gleichgültig gegenüber den Menschen sei und diese in Zeiten der Pandemie nicht ausreichend schütze.

Nach einem Jahr schloss die SPJ ihre KüfAs und ihren Spenden-Kanal. Fahin, einer der SPJ-Aktiven begründet das damit, dass die Aktivitäten der SPJ vor allem eine Lücke schließen sollten für jene Menschen, die von der Pandemie besonders schwer getroffen waren und denen keine schnelle Anpassung möglich war (Interview des Autors am 16. März 2021). Zugleich setzte aber eine andere Gruppe ähnliche Aktivitäten fort, indem sie Nahrungsmittelspenden für die Frauen sammelt, die auf den traditionellen Märkten Yogyakartas als Lastenträgerinnen arbeiten.

Ausblick

Aus dem Geschehen während der Covid-19-Pandemie entwickelten sich verschiedene Formen der Solidarität. Sie entstanden aus dem Willen zur gegenseitigen Hilfe in einer Zeit, in der der Staat seine Bürger*innen nicht schnell genug geschützt und versorgt hat. Diese Solidaritäts-Initiativen entstanden durch spontane Zusammenschlüsse von Menschen, die ihre Zeit, Energie und materielle Ressourcen zur Verfügung stellten, um andere Menschen mit dem zu versorgen, was am dringendsten benötigt wurde. Auch wenn diese Initiativen nicht als Teil einer größeren und gefestigten Bewegung agierten, konnten ihre Akteur*innen Netzwerke gründen. Dort konnten wertvolle Erfahrungen gesammelt werden, wie sie sich in Krisensituationen schneller helfen können als der Staat dies tat. Lang lebe die Solidarität!

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller.

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1 | 2021, Indonesien,
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Solidarität in Pandemie-Zeiten (Teil II)

Philippinen: Die globale Ernährungskrise ist eine Folge der industriellen Landwirtschaft. Aktivist Joseph Purugganan spricht im Interview über die Auswirkungen der ‚Grünen Revolution‘ und ihre kontinuierliche Anwendung bis heute.

Lebensmittelknappheit, Preise auf Rekordhöhe, steigender Hunger. International scheint es Einigkeit darüber zu geben, dass sich die Welt in einer Ernährungskrise befindet. Die vorherrschende Meinung sieht drei Hauptgründe dafür: die COVID-19-Pandemie, den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und den Klimawandel. Für die NGO Focus on the Global South geht diese Analyse nicht weit genug: „Wir sehen eine Krise der industriellen Landwirtschaft“, sagt Joseph Purugganan, Programmkoordinator von Focus on the Global South Philippines. In einem Dossier unter dem Titel The Global Food Crisis, this time widmet sich die Organisation den systemischen und strukturellen Gründen der Ernährungskrise. Joseph Purugganan schildert im Interview die Situation in den Philippinen.

südostasien: Wie reagiert die philippinische Politik auf die aktuelle Ernährungskrise?

Joseph Purugganan: In vielen Teilen der Welt, auch in den Philippinen, drückt sich die Krise in höheren Lebensmittelpreisen aus. Der neu gewählte Präsident Ferdinand Marcos Jr. ist zugleich Landwirtschaftsminister. Das ist eine politische Botschaft. Einerseits wurde die Bewältigung der Krise zur Chefsache erklärt. Es gibt Bemühungen, das Budget für die Landwirtschaft und die Produktion zu erhöhen. Dafür wurden die Programme Masagana 150 und Masagana 200 ins Leben gerufen, die vor allem die Reisproduktion ankurbeln sollen.

Mit welchen Mitteln soll die Produktion gesteigert werden?

Die Programme sehen vor allem den Einsatz hybrider Sorten vor. Das ist eine Rückkehr zur Landwirtschaftspolitik von Marcos Sr. in den 1970er-Jahren, die Zeit der ‚Grünen Revolution‘. Damals hat alles begonnen. Die ‚Grüne Revolution‘ hat die Bäuer*innen vom Einsatz chemischer Mittel abhängig gemacht. Die Folgen sehen wir heute: schlechtere Bodenqualität und die Schwierigkeiten in Bezug auf den Klimawandel.

Grundsätzlich ist es zwar gut, dass die Landwirtschaft Aufmerksamkeit bekommt, aber die Lösungsansätze gehen in eine wirtschaftsorientierte Richtung.

Ein Kernproblem, das ungelöst bleibt, ist außerdem die Agrarreform. Sie ist ein unerfülltes Versprechen. Das Agrarreformprogramm endete im Jahr 2014, obwohl es landwirtschaftliche Flächen gibt, die noch nicht erfasst worden sind. Es bräuchte ein neues Gesetz. Entwürfe dazu liegen im Kongress und im Senat bereits vor, aber sie fokussieren sich darauf, wie Land produktiver bewirtschaftet werden kann. Das ist wichtig, aber auch die Umverteilung muss weitergeführt werden. Außerdem werden in den Diskussionen große Probleme nicht angesprochen: verstärkter Landraub sowie die Umwidmung von landwirtschaftlichen Flächen in Siedlungs- und Tourismusgebiete.

Das Agrarreformgesetz von 1988 ist zustande gekommen, weil die Zivilgesellschaft stark dafür mobilisiert hat. Welche Handlungsräume hat sie heute, um politische Entscheidungen zu beeinflussen?

Derzeit ist es sehr schwierig. Landrechtsorganisationen hatten in den vergangenen Jahren mit vielen Bedrohungen zu kämpfen, angefangen mit massivem Landraub und Umwidmungen bis zu Drohungen gegen Bäuer*innen und Landrechtsverteidiger*innen. Vormals starke Bauernorganisationen, die sowohl auf lokaler als auch auf nationaler politischer Ebene Einfluss nehmen konnten, erleben eine Demobilisierung. Das hat verschiedene Gründe: die erwähnten Bedrohungen, die Pandemie und die verstärkte Militarisierung und Aufstandsbekämpfung auf dem Land.

Die Situation hat sich in den vergangenen sechs Jahren unter der Regierung Duterte verschlechtert. Laut einem Bericht von Global Witness gehören die Philippinen zu den tödlichsten Ländern für Umwelt- und Landrechtsaktivist*innen.

Eine weitere Herausforderung ist das vorherrschende Verständnis von Entwicklung. In früheren Diskursen war die Landfrage eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Es wurde damit argumentiert, dass jene Bäuer*innen, die Agrarflächen bewirtschaften, diese auch besitzen sollten. Mittlerweile wurde das Argument der sozialen Gerechtigkeit von jenem der Wirtschaftlichkeit ersetzt. Es geht nur mehr darum, wie man den größten Profit erzielen kann: Sollen dafür Agrarflächen erhalten bleiben oder ist es profitabler, wenn sie anders genutzt werden?

Das sind die großen Herausforderungen, mit denen Landrechtsbewegungen zu kämpfen haben. Aber es gibt auch positive Entwicklungen, wie die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte von Kleinbäuer*innen, die Organisationen wie Via Campesina als Grundlage für ihre Arbeit nutzen.

Welchen Einfluss haben multilaterale und internationale Finanzinstitutionen in den Philippinen?

Viel Aufmerksamkeit wird dem Thema „Innovation für die Zukunft der Landwirtschaft“ gewidmet, etwa neue Technologien, das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz oder Digitalisierung. Dahin geht der aktuelle Trend. Sogar die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) hat ein Programm zur Förderung von klimaschonender Landwirtschaft und Produktionssteigerung. Bäuer*innen fordern hingegen unverändert eine Agrarreform und finanzielle Unterstützung.

Da sehen wir also eine große Diskrepanz: Auf der einen Seite das Streben nach Innovation, das aber zu einer Landwirtschaft ohne Bäuer*innen führen wird. Das ist keineswegs mehr Science Fiction. Die große Herausforderung in der Zukunft ist die Frage, ob diese Innovationen und neuen Technologien jene Nahrung produzieren können, die wir brauchen. Auf der anderen Seite: was wird mit den Kleinbäuer*innen? Seit so vielen Jahren sind es kleinbäuerliche Betriebe, die die Welt ernähren. [Anm. d. R.: Kleinbäuerliche Produzent*innen sorgen für rund 70 Prozent der Nahrung weltweit] Dennoch liegt der Fokus auf den Interessen weniger großer Konzerne.

Das heißt, diese Innovationen gehen an den Lebensrealitäten der Kleinbäuer*innen vorbei?

Ich glaube, wenn man ihnen die Chance und die Unterstützung gibt, können die Bäuer*innen sehr wohl neue Technologien nutzen, um ihre Produktion und ihren Lebensunterhalt zu verbessern. Dazu müssen die Technologien aber tatsächlich in ihren Händen liegen und nicht in jenen der großen Konzerne.

Gibt es dafür Ansätze?

Nein. Mehr Produktion, aber mit weniger Ressourcen – das ist die vorherrschende Idee. Dafür sind große Agrarflächen nötig, was ein Argument gegen die Umverteilung im Rahmen einer Agrarreform darstellt. Anstatt Land umzuverteilen, bräuchte man laut diesem Modell nur bestehende Agrarflächen produktiver zu machen – mit dem Einsatz von Gentechnik oder mittels Digitalisierung. Das ist nicht im Interesse der kleinbäuerlichen Betriebe, sondern fördert die industrielle Landwirtschaft.

Internationale Finanzinstitutionen sprechen viel von „klimafreundlichen Investitionen“. Ist das alles nur green washing?

Auch das philippinische Landwirtschaftsministerium will „klimaschonende Technologien“ fördern. Ich habe mir die Details noch nicht angesehen. Aber, wie erwähnt, ist die aktuelle Politik stark wirtschaftsorientiert. Beispielsweise wurde ein Beratungsgremium ins Leben gerufen, das große philippinische Konzerne als Partner vorsieht. Für den Bereich Ernährung etwa soll ein Immobilienkonzern beratend tätig werden. Grob betrachtet, stimme ich der Aussage zu, dass die Rede von Investitionen in klimaschonende Landwirtschaft wirklich nur green washing ist und die aktuelle Politik eher dazu dient, die Tore für Konzerninteressen zu öffnen.

Welche Lösungen und Forderungen gibt es von Seiten der Zivilgesellschaft?

Zum einen geht es darum, die Liberalisierung der Wirtschaft abzuwehren. Zum anderen haben alte Forderungen weiterhin Gültigkeit: staatliche Unterstützung für die Landwirtschaft, die Weiterführung der Agrarreform, Infrastruktur wie Straßen oder Bewässerungssysteme. Diese Forderungen gibt es seit Jahren. Doch statt ihnen nachzugehen, hat die Regierung über Jahre die Landwirtschaft vernachlässigt. Jetzt ist Landwirtschaft wieder in den Fokus gerückt; was gut ist, aber auch Gefahren birgt. Denn wie auf der globalen Ebene, wo von einer Transformation der Ernährungssystems die Rede ist, stellt sich die Frage: in wessen Interesse?

Der Grund, warum die Philippinen so anfällig für steigende Lebensmittelpreise sind, ist in den politischen Entscheidungen zu finden. Hier gab es im Gegensatz zu anderen Ländern keine Schutz-Maßnahmen, wie Preiskontrollen oder Barrieren für billige Importe. Die Abhängigkeit von Importen ist ein großes Problem. Die Lösung würde darin liegen, die lokale Produktion zu fördern. Aber wie kann das gehen, wenn Agrarflächen aufgrund von Umwidmungen schrumpfen? Wie kann das gehen, wenn die Agrarreform nur unvollständig umgesetzt worden ist?

Die Philippinen sind landwirtschaftlich geprägt. Viele Bäuer*innen sind auf ihr Land angewiesen, um zu überleben. Unsere Abhängigkeit von Importen wird die Ernährungskrise nicht lösen. Sie macht uns erst recht anfällig dafür.

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1 | 2021, Indonesien,
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Solidarität in Pandemie-Zeiten (Teil II)

Ein Autor*innen-Team der nicht-staatlichen, gemeinnützigen philippinischen Stiftung für sozio-ökonomische Forschung (IBON ) analysiert und kommentiert das vorherrschende Entwicklungskonzept Südostasiens.

Teil 1 von 2

1971 veröffentlichte der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano das Buch Die offenen Adern Lateinamerikas, eine Chronik des Kolonialismus und Imperialismus in der Region. Das Bild der offenen Adern ist wörtlich zu nehmen, denn es handelt sich um Adern von Erzen, Mineralien und anderen natürlichen Ressourcen, die aus Lateinamerika in die Vereinigten Staaten und nach Europa exportiert werden. Eine offene Ader bedeutet auch eine Blutung, wie bei einem Körper. In diesem Fall ist es ein Kontinent, der ausgeblutet wird.

Mehr als fünfzig Jahre später erkennen die reichen Länder an, dass sich Entwicklungskonzepte ändern müssen. Der Globale Süden sollte ein größeres Mitspracherecht dabei haben, wie wirtschaftliche Unterstützung Leben verbessern kann. Doch die Machthaber*innen übersehen immer noch das vorherrschende Wirtschaftssystem, das Entwicklungskonzepte geprägt hat.

Ausgeblutete Regionen

Offene Adern sind auch heute noch eine Realität im Globalen Süden. Ende 2022 hieß es in einer Presseerklärung der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung: „Die Entwicklungsländer finanzieren die entwickelten Länder„. Ähnlich lauten die Ergebnisse der Studie Plunder in the Post-Colonial Era: Quantifying Drain from the Global South Through Unequal Exchange, 1960–2018 aus dem Jahr 2021, in der festgestellt wird, dass zwischen 1960 und 2017 Ressourcen im Wert von 152 Billionen US-Dollar (142,5 Billionen Euro) aus dem Globalen Süden abgezogen wurden.

Auch Südostasien hat seine offenen Adern. Laut der genannten Studie wurden in Südostasien und im pazifischen Raum elf Billionen US-Dollar (10,3 Billionen Euro) an Reichtum abgezogen. Vietnam, Indonesien, Malaysia und Thailand gehören zu den zehn Entwicklungsländern, die am meisten Wohlstand verloren haben.

Für die Region bedeuteten die verlorenen Billionen verpasste Möglichkeiten, um das Leben der Menschen zu verbessern. Insbesondere in einer von zahlreichen Krisen betroffenen Welt könnten mit Hilfe dieses Geldes Gesundheitsversorgung, öffentliche Dienstleistungen, Lohnerhöhungen, Reaktionen auf Katastrophen und extreme Wetterbedingungen sowie die Beseitigung der Armut finanziert werden.

Gewinner*innen und Verlierer*innen des herrschenden Systems

Inmitten der heutigen Herausforderungen sind die Probleme unserer Wirtschaftssysteme offenkundig geworden. Der anhaltende Abfluss von Reichtum zeigt, dass wir in einem System leben, das Gewinner*innen und Verlierer*innen schafft. Genauer gesagt, in einer Welt, in der einige wenige von der Arbeit der Mehrheit leben. Die vergangenen Jahre – geprägt von steigenden Lebenshaltungskosten, Inflation und sinkendem Wert der Löhne sowie staatlicher Gewalt in Zeiten der Pandemie – haben soziale Unruhen ausgelöst.

Entwicklungspolitiker*innen räumen ein, dass die derzeitige globale Entwicklungsagenda der Vereinten Nationen, die Agenda 2030 und ihre 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs), sieben Jahre vor dem Ablauf der Frist nicht auf dem richtigen Weg sind.

Sogar für die ‚Geberstaaten‘ ist die Unruhe sichtbar geworden. ‚Geber‘, die den Auftrag haben, mit öffentlichen Geldern Armut und Ungleichheit im Globalen Süden zu bekämpfen, sind langsam gezwungen, über Macht zu sprechen. Im Jahr 2023 verwies ein Bericht des Ausschusses für Entwicklungshilfe der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD-DAC), des Zusammenschlusses der wichtigsten ‚Geber‘ der Welt, auf die Herausforderungen durch „koloniales Erbe, Entscheidungsfindung von oben nach unten und Machtungleichgewichte“. Nach Ansicht der Entwicklungsagentur der US-Regierung (USAID) sollte Unterstützung heutzutage zu einem Südostasien führen, das frei ist, „seinen eigenen Entwicklungsweg“ zu gehen.

Ein Zeichen der Zeit: Entwicklung unter lokaler Führung und eine Neugewichtung der Machtverhältnisse in der internationalen Entscheidungsfindung nehmen in der offiziellen Rhetorik einen breiten Raum ein. Doch die Entwicklungszusammenarbeit muss der wirtschaftlichen Vorherrschaft, die auf Regionen wie Südostasien ausgeübt wird, und dem daraus resultierenden Schaden in vollem Umfang Rechnung tragen.

Umverteilung vom Globalen Süden zum Globalen Norden

Laut der Studie Plunder in the Post-Colonial Era entsteht der Schaden durch ungleichen Austausch, das heißt, wenn Unternehmen und Staaten des Nordens weniger für Arbeitskraft und Ressourcen im Globalen Süden zahlen, als sie es getan hätten, wenn diese aus dem Globalen Norden stammen würden. Wohin ist der verlorene, oft unersetzliche Reichtum geflossen? Die USA, gefolgt von Japan und Deutschland, waren die drei stärksten Gewinner.

Die Studie zeigt auch, dass der Reichtumsverlust während der Ära der ‚Strukturanpassung‘ zunahm. Dies waren die Jahrzehnte nach den 1980er Jahren, als die von den USA geführten Institutionen, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbankgruppe (WBG), die Länder des Südens dazu brachten, sich den Prioritäten der Privatisierung von Staatsvermögen, der Deregulierung der Wirtschaft und der Liberalisierung ihrer Märkte für ausländisches Kapital anzupassen. Dadurch wurde der Globale Süden tief in die Weltwirtschaft integriert, und zwar in einer Weise, die den dominanten Interessen zugute kommt und zu den Ungleichgewichten beiträgt, die die heutigen ‚Geber‘ von Entwicklungshilfe zu beheben versuchen.

Kann also unter Beibehaltung der politisch-wirtschaftlichen Strukturen, die den Reichtum von den Entwicklungsländern in die Industrieländer lenken, überhaupt Entwicklung auf lokaler Ebene erreicht werden?

Niedrige Löhne und prekäre Jobs

In Südostasien sind die Mindestlöhne im Vergleich zu den meisten nördlichen Ländern niedriger. So liegen die monatlichen Mindestlöhne in der Europäischen Union im Jahr 2021 zwischen 332 Euro in Bulgarien und 2.200 Euro in Luxemburg. Im Vergleich liegen die offiziellen Monatslöhne in Südostasien zwischen 103 USD (95 Euro) in Myanmar und 330 USD (307 Euro) in Thailand oder in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Hinzu kommt das geschlechtsspezifische Lohngefälle in der Region, wodurch Frauen 30 bis 40 Prozent weniger verdienen als Männer.

In den Philippinen, einem Land ohne nationalen Mindestlohn, sinken die Löhne der Arbeitnehmer*innen, je weiter sie von der Hauptstadt entfernt leben. Aber selbst in Manila ist die Lage schwierig. Im Zuge der Digitalisierung und der Pandemie bedingten Entlassungen haben viele Menschen App-basierte Dienstleistungsjobs angenommen, wie etwa Zustellung von Lebensmitteln und Paketen. Da sie als ‚Partner‘ und nicht als Angestellte behandelt werden, haben diese Beschäftigten der Internet-Plattformen nicht einmal auf dem Papier Rechte.

Eine Studie dokumentierte Fälle von Einkommen von nur vier USD pro Tag (~ 112 Euro im Monat) – ein mickriger Betrag im Vergleich zum Gesamtumsatz von Grab, Südostasiens führendem Unternehmen im Bereich Internet-Plattformen, von 501 Millionen USD (470 Millionen Euro) Anfang 2021.

Kupfer und Konzerne

In Westpapua betreibt das US-Unternehmen Freeport-McMoran seit 1967 eine der größten Gold- und Kupferminen der Welt. Heute rechnet Freeport mit einer steigenden Nachfrage nach Kupfer, da es in Elektrofahrzeugen verwendet wird. „Das von uns produzierte Kupfer ist wesentlich für die neuen und bestehenden Technologien, die die weltweiten Bemühungen um Dekarbonisierung unterstützen“, erklärte das Unternehmen im Jahr 2022. Nach jahrzehntelangem Raubbau des US-Konzerns hat die indonesische Regierung in den letzten Jahren die staatlichen Anteile und Steuern an der Mine erhöht.

Aber um welchen Preis? Von 1990 bis 2019 hat Freeport in West-Papua 33 Milliarden Pfund Kupfer und 53 Millionen Unzen Gold abgebaut. Die Menschen vor Ort leiden gleichzeitig stark unter Armut und Unterernährung. Der Betrieb von Freeport ist ein Folge der Kolonialgeschichte und der militärischen Besetzung Westpapuas durch die indonesische Regierung entgegen seiner Selbstbestimmung. Der Abbau wird trotz Pandemie und Krisen fortgesetzt und könnte bis 2041 andauern. Angesichts anhaltenden bewaffneten Widerstands in Westpapua dauern Forderungen nach Schließung der Mine an.

Der Abbau von Ressourcen ist nicht auf Westpapua beschränkt. Unter dem herrschenden System sind ganze Länder so geformt worden, dass sie vom Handel mit Rohstoffen abhängig sind. Landwirtschaftliche Güter, Mineralien und Brennstoffe machen etwa 6o Prozent der gesamten Exporte von Myanmar und Indonesien aus.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

Dies ist Teil 1 des Artikels. Hier geht’s zu Teil 2

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