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Editorial südostasien 3/2021:
Kolonialismus in Südostasien – Das Aushandeln von Erinnerung

Kolonialismus Südostasien

Die Tafel Tribut aus den Kolonien auf der Goldenen Kutsche der niederländischen Königsfamilie. Das Gemälde von Nicolaas van der Waay (1898) zeigt links Bewohner*innen aus den karibischen Kolonien, rechts aus Niederländisch-Ostindien (heutiges Indonesien) und in der Mitte thronend die ‚holländische Jungfrau‘. Die Kutsche ist Teil der Ausstellung The Golden Coach noch bis zum 27. Februar 2022 im Amsterdam Museum. Foto © Arthur van der Vlies

Südostasien ist von seiner beinahe 500-jährigen Kolonialgeschichte geprägt, während der die heutigen Nationalstaaten der Region (in verschiedenem Maße) den politischen und wirtschaftlichen Interessen von Mächten des globalen Nordens unterworfen waren. Auch Jahrzehnte nach Ende des westlichen Kolonialismus in der Region – als letzter Staat erklärte 1984 Brunei seine Unabhängigkeit von Großbritannien – finden sich Spuren dieser Kolonialgeschichte überall in Südostasien, etwa in Sprache, Architektur, Gesetzestexten, Küchen oder Denkmälern.

Darüber hinaus manifestieren sich Hinterlassenschaften des Kolonialismus in der Kontinuität von kolonialen Machtstrukturen (vgl. dazu südostasien Ausgabe 2/2021 zum Thema Hegemonie), beispielsweise in wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen sowie Migrationsströmen und Diaspora-Gemeinschaften zwischen ehemaligen kolonisierenden und kolonisierten Staaten (vgl. dazu südostasien Ausgabe 4/2020 zum Thema Diaspora).

Auch in vielen Ländern des globalen Nordens finden sich zahlreiche Spuren dieser wechselseitig verflochtenen Geschichte – unabhängig davon, ob sie selbst Kolonien beherrschten oder von kolonialen Strukturen profitierten. Nicht immer werden etwa Artefakte in europäischen Museen in diesem Kontext betrachtet. Doch inzwischen findet in vielen Ländern des globalen Nordens eine zunehmend kritische Auseinandersetzung mit der eigenen unterdrückerischen und ausbeuterischen Vergangenheit statt.

Die vorliegende Ausgabe der südostasien befasst sich aus unterschiedlichen Perspektiven und auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen mit Spuren des Kolonialismus in Südostasien und Europa. Thematisiert werden Diskurse zur Erinnerung an die koloniale Vergangenheit ebenso wie zu den Beziehungen zwischen ehemaligen Kolonialmächten und Kolonien.

Die Erinnerung an den Kolonialismus spielt eine wichtige Rolle im postkolonialen Südostasien. Dieses Jahr ist für die Philippinen besonders bedeutend, wo ein 500-jähriges Jubiläum verschiedene Ereignisse in die kollektive Erinnerung bringt, von der Einführung des Christentums über die Rolle des Landes bei der Magellan-Elcano-Weltumsegelung bis hin zum Sieg von Lapulapu in der Schlacht von Mactan gegen die spanischen Invasoren. In ihren Artikeln geben Luis Zuriel Domingo und John Lee Candelaria kritische Einblicke in die Quincentennial Commemorations 2021. Das Gedenken an diese historischen Ereignisse wurde nicht nur dafür kritisiert, dass es alternative und lokalisierte Perspektiven auf die Geschichte der Philippinen ignoriert, sondern auch, weil es von Rodrigo Dutertes verzerrter Geschichtspolitik überschattet wurde.

Oliver Tappe befasst sich in seinem Artikel mit den fragmentierten Diskursen zum französischen Kolonialismus und dem Unabhängigkeitskampf im heutigen Laos, in welchem die Erinnerung fortbesteht, auch wenn die Zeitzeug*innen der Kolonialherrschaft inzwischen verstorben sind. In Gladhys Ellionas Artikel setzt sich die Autorin mit dem 2018 eröffneten Multatuli-Museum in West-Java, Indonesien, auseinander. Das Museum behandelt Leben und Werk des gleichnamigen Autors – ein Pseudonym des niederländischen Kolonialbeamten Douwes Dekker – und die koloniale Ausbeutung, die er in seinem 1860 erschienenen Roman Max Havelaar anprangerte.

Fritz Möller und Simon Barthel führen die Stadtentwicklung Jakartas entlang ethnischer und sozialer Linien auf die Politik der holländischen Kolonialverwaltung zurück. Sie zeigen wie diese historisch gewachsene urbane Segregation von sozialen Klassen und Ethnien derzeit in Gestalt neuer Superblocks für die wachsende Mittelschicht eine Renaissance erlebt.

Im Zuge zivilgesellschaftlicher Kritik und immer wieder auch Rückgabeforderungen aus ehemaligen Kolonien müssen sich ethnologische Museen und Sammlungen im globalen Norden heute zunehmend selbstkritisch mit ihrer eigenen kolonialen Geschichte auseinandersetzen. Sonja Mohr, Annabelle Springer, Caroline Bräuer und Carl Deußen geben aus ihrer kuratorischen Arbeit im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln Einblicke in die Provenienzforschung zu Objekten, die während der Kolonialzeit erworben wurden, und in die Bemühungen, in diesem Zusammenhang eine (selbst-)kritische Ausstellungspraxis zu kreieren. Im Interview mit Stefanie Zinn diskutieren Ashley Thompson und Stephen Murphy über die Rückgabe von geraubten Kulturgütern und über die Frage, was Restitution leisten kann.

Dies sind einige Einblicke in die fortlaufend wachsende Zahl von Artikeln, die Sie/Ihr in den kommenden drei Monaten in dieser Ausgabe zu Kolonialismus und kollektiver Erinnerung hier bei der südostasien lesen können/könnt.

Wir wünschen Ihnen/Euch eine spannende Lektüre und interessante Erkenntnisse. Zudem möchten wir auf die kommende Ausgabe 4/2021 der südostasien zum Thema Rassismus und Polizeigewalt verweisen, für die potenzielle Autor*innen noch Artikel einreichen können. Hier geht’s zum Call for Papers.

Das Redaktionsteam

zur Ausgabe

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Die Autorin


Sophia Hornbacher-Schönleber promovierte in Social Anthropology zu linkem muslimischem Agraraktivismus in Indonesien an der University of Cambridge, wo sie weiterhin lehrt und forscht. Zuvor studierte sie Ethnologie und Philosophie in Freiburg und Frankfurt. Ihre Forschung befasst sich schwerpunktmäßig mit politischem Aktivismus, Ethik, Agrarpolitik und Religion.

  • Indonesien Cultural Violence

    Indonesien – In seinem Buch ‚Cultural Violence‘ analysiert Wijaya Herlambang, wie kulturelle Gewalt vom Suharto-Regime in Indonesien zur Legitimierung physischer Gewalt genutzt wurde. Dazu untersucht er einen einflussreichen Propagandafilm des Regimes und weitere Werke und gesellschaftliche Debatten.

  • Indonesien – Die Regierung setzt der Ausbeutung von Ressourcen durch Unternehmen wenig entgegen. Landnahmen beeinträchtigen insbesondere indigene Frauen. Die NGO Perempuan AMAN stärkt deren Selbstbewusstsein, indem sie ihnen Frauen- und Indigenenrechte vermittelt. Ein Interview mit der Aktivistin Afina Nurul Faizah.

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Der Autor


Joshua Makalintal studierte Politikwissenschaft und arbeitet derzeit an der Universität Innsbruck in Österreich. Er schreibt über die politischen Entwicklungen in den Philippinen unter Präsident Rodrigo Duterte. Seine letzten Artikel wurden in Al Jazeera, New Mandala und im Austrian Journal of South-East Asian Studies veröffentlicht.

  • Philippinen Repressionen Kolonialismus

    Philippinen – Die Repressionsmethoden des philippinischen Staates haben sich in den vergangenen Jahren verschärft. Neu sind sie jedoch nicht. Ihre strukturellen Wurzeln sind in der Kolonialherrschaft zu finden.

  • Philippinen – „Addicted to killing“ ist eine der Eigenschaften, die Rodrigo Duterte kennzeichnen, so Jonathan Miller in seiner vor kurzem erschienenen Biographie des philippinischen Präsidenten. In „Duterte Harry: Fire and Fury in the Philippines“, gibt der erfahrene Journalist einen ausführlichen Bericht über die brutale und blutige Geschichte des philippinischen Präsidenten als ehemaligem Bürgermeister von Davao City.

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Der Autor


Janis Wicke hat in Hamburg und Jena Soziologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Für seine Masterarbeit hat er in Indonesien die Interaktion lokaler Communities und NGOs im Kontext der Zertifizierung von „nachhaltigem“ Palmöl untersucht.

  • Südostasien Interviews Klimawandel

    Südostasien – Wenn Indonesiens Wälder großflächig brennen, wird die ganze Region mit einer Dunstglocke aus giftigem Qualm (Haze) überzogen. Helena Varkkey von der University of Malaya in Kuala Lumpur erforscht die Ursachen der Waldzerstörung und erklärt, warum der Schutz von Torfböden entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel ist.

  • Plastikmüll vor einer Palmölplantage © Greenpeace Malaysia

    Malaysia – Heng Kiah Chun hat für Greenpeace Malaysia die Untersuchungen zu den Auswirkungen der groß angelegten Plastikmüllimporte aus dem Globalen Norden geleitet. Im Interview spricht er über die Folgen für Mensch und Umwelt und den Widerstand von betroffenen Communities.

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Der Autor


Hendra Pasuhuk, geboren 1961 in Indonesien, ist Journalist and Trainer für Interkulturelle Kommunikation und Management. Hendra hat viele Jahre als Leitender Redakteur des Indonesien-Programms des Deutsche Welle-Radios (DW) gearbeitet und ist derzeit Redakteur der Asien-Redaktion der DW.

  • Indonesien, Timor-Leste, Geschichte

    Indonesien/Timor-Leste – Die Beziehungen zwischen Timor-Leste und der ehemaligen Besatzungsmacht Indonesien haben sich erheblich verbessert

  • Südostasien, Deutschland, Außenpolitik

    Deutschland/Südostasien – Seit ihrer Gründung vor vierzig Jahren ist die „südostasien“ ein kritischer Begleiter der Asienpolitik der Bundesregierung.

  • südoastasien, Jubiläum, Myanmar

    Südostasien hat sich seit den 1980er Jahren stark verändert. Einige Länder machten demokratische Fortschritte, andere blieben unter autoritärer Kontrolle.

  • Indonesien, Car free Day, Umwelt

    Indonesien – Wöchentlich gibt es einen car free day in einigen Straßen Jakartas und anderer Städte. Unsere Fotostory nimmt euch mit auf die – autofreie – Reise…

  • Indonesien, Deutschland, Special Olympics

    Deutschland/Indonesien – Im Juni 2023 fanden die Olympics World Games 2023 zum ersten Mal in Deutschland statt. 2027 wird Indonesien der Gastgeber sein. Ein Interview mit Warsito Ellwein, Vorsitzender von Special Olympics Indonesia (SOINA).

  • Artikel


Die Autorin


Anna Grimminger studiert an der Universität Duisburg-Essen Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik. Zuvor hat sie an Universität Bonn ihr Bachelorstudium in Politik- und Südostasienwissenschaft mit Fokus Indonesien abgeschlossen. Sie ist Vorstandsmitglied der Stiftung Asienhaus.

  • Kambodscha – Der Mekong ist eine Lebensader. Der ungleiche Zugang zu sauberem Wasser wurde während der COVID-19 Pandemie erneut deutlich. Ein Interview mit der Wissenschaftlerin Chanvoitey Horn zum Thema Wasser(un)sicherheit.

  • Menschenhandel

    Deutschland/Thailand/Philippinen – Die feministische Frauen-Beratungsstelle Ban Ying (= Haus der Frauen) setzt sich in Berlin gegen Ausbeutung und Menschenhandel ein.

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Kolonialismus in Südostasien – Das Aushandeln von Erinnerung

Philippinen: Die jüngsten Gedenkfeiern zum fünfhundertjährigen Jubiläum der ersten antikolonialen Revolte wurden mit historischen Fälschungen überhäuft. Präsident Rodrigo Duterte hat sie gezielt für seine politischen Zwecke genutzt.

1521 landete Ferdinand Magellan auf der Suche nach den Gewürzinseln im Pazifik in den Philippinen. Auf der Insel Cebu trafen Magellan und seine Crew Rajah Humabon. Das malaiische Oberhaupt, das auf Handel angewiesen war, schloss mit Magellan ein Abkommen über die Annahme des christlichen Glaubens und Treue zum König von Spanien. Aber ein anderer Anführer namens Lapulapu weigerte sich, die neu gebildete Allianz zu akzeptieren. Magellan suchte daraufhin Lapulapu auf der Insel Mactan auf. Die Schlacht von Mactan überlebten Magellan und einige aus seiner Mannschaft nicht.

Die Bedeutung der Schlacht von Mactan

Historisch betrachtet ist dies vielleicht nicht die erste Begegnung vorkolonialer Ureinwohner*innen der Inseln mit ausländischen Invasoren oder Händlern, aber Lapulapus Tapferkeit in Mactan wurde zu einem wegweisenden Klassiker in der philippinischen Geschichte. Einige Historiker*innen betrachteten die Schlacht von Mactan als die erste philippinische antikoloniale Revolte – auch wenn der Begriff Filipino erst spät im 19. Jahrhundert aufkam.

500 Jahre nach den historischen Ereignissen in Mactan wurden in den Philippinen Gedenkfeiern und Anerkennungen begangen. Für philippinische Katholik*innen markierte die Ankunft von Magellan die Grundlagen des Christentums im Land. Dieser Umstand ist bedeutsam, da jüngste Daten zeigen, dass in einem Land mit 109 Millionen Einwohner*innen 70 Millionen römisch-katholisch sind. Für einige Filipin@s, insbesondere für Cebuan@s, symbolisiert die Niederlage von Magellan in Mactan die Tapferkeit der „vorkolonialen Filipin@s“. Aber für andere markiert Magellans Ankunft in den Philippinen den Beginn der jahrhundertelangen Kolonialisierung.

Die Gedenkfeiern unter Aufsicht von Präsident Rodrigo Duterte fielen diesbezüglich wenig umsichtig aus. Als Nationalist, der einen harten Kerl mimt, ist Duterte bekannt dafür, Ausländer*innen und dem Christentum gegenüber kritisch eingestellt zu sein. Berüchtigt für seine polternde und verunglimpfende Haltung, bezeichnete er einst Gott als „dumm“. 2019 kritisierte er die Idee der Gedenkfeiern und argumentierte, dass Spanien das Christentum in die Philippinen gebracht habe, um die Filipin@s „dem Joch des Imperialismus“ zu unterwerfen.

Ganz zu schweigen davon, dass er in seiner frühen Zeit als Präsident die Vereinigten Staaten und die Europäische Union häufig dafür kritisierte, sich zu sehr in philippinische Angelegenheiten einzumischen. Seine Kritiker betrachteten dies als eine Form antiimperialistischer Überheblichkeit.

Philippinische Geschichte: Tagalog-zentriert?

Während seiner Präsidentschaftskampagne versprach Duterte, Lapulapu und anderen Helden der Visayas nationale Anerkennung im Pantheon der philippinischen Helden zu verleihen. Im Januar 2016 nutzte Duterte vor Ort in Cebu den Visayan-Stolz seines Publikums aus und prügelte verbal auf die Tagalogs in Manila ein. Er erinnerte an die Tapferkeit von Lapulapu und daran, wie jene in Manila den Namen ihres Vorfahren mit der Bezeichnung für einen Fisch in Verbindung brachten. Dutertes Fixierung auf Lapulapu kann jedoch nicht nur als bloßes Ressentiment gegenüber Tagalog-Helden interpretiert werden, die lange Zeit die Narrative der philippinischen Geschichtsschreibung dominierten, sondern auch als eine politische Strategie, die philippinische Geschichtsschreibung zu ändern.

Manila, eine Region, in der Tagalog gesprochen wird, ist seit 1571 das Machtzentrum der Philippinen. Daraus ist die Vorstellung entstanden, dass Manila und die angrenzenden Regionen die einzigen Gebiete waren, die politisch und wirtschaftlich von der nationalen Regierung profitiert haben. Rollin Tusalem argumentiert, dass die weiter von der Hauptstadt Manila entfernten Provinzen jahrzehntelang benachteiligt worden seien, weil weniger Budgets für Wachstum und Entwicklung zur Verfügung standen. Auf Grundlage dieser Argumente versprach Duterte, ein föderales Regierungssystem einzuführen. Er versprach, die Macht und den Reichtum Manilas auf die Provinzen zu verteilen. Gleichzeitig versuchte er, die philippinische Geschichte zu dezentralisieren, indem er Narrative aus der Peripherie einbezog.

Hegemoniale Elemente der nationalistischen Geschichtsschreibung

Dieses Thema ist in der Psyche der Filipin@s tief verwurzelt. Rommel Curaming, der hegemoniale Elemente des Nationalismus in philippinischen Lehrbüchern von 1900 bis 2000 untersucht hat, entdeckte, dass die ersten Geschichtslehrbücher im Kontext der amerikanischen Kolonialpolitik geschrieben wurden, für die Bildungsmaterialien „als Werkzeug für die Kolonisierung gewichtig“ gewesen seien. Diese Lehrbücher schlossen Nichtchristen im nationalen Narrativ aus.

Nach 1946 behandelte eine Reihe neuer Lehrbücher die nationale Geschichte anders, aber bestimmte Elemente, die für das Schreiben einer allumfassenden Geschichte wichtig sind, wurden weiter marginalisiert. Nur in einem Lehrbuch werden Muslime als Teil der Nation anerkannt, was auf „die starken christlichen Elemente im nationalistischen Diskurs und auf den hegemonialen Einfluss der Kirche bei der Gestaltung der nationalen Identität“ hinweist.

Im Endeffekt führte dies zu Desinteresse gegenüber dem muslimischen Mindanao und dem philippinischen Islam im Allgemeinen. Patricio Abinales argumentiert ähnlich. Die Marginalisierung der Muslime sei nicht nur durch die koloniale Perspektive amerikanischer Historiker*innen, sondern auch durch Tagalog-Manila-zentrierte Historiker*innen verursacht worden.

Philippinische Held*innen und die Peripherie

Im nationalistischen Diskurs konzentriert sich die Anerkennung auf die revolutionären Helden der Tagalog-Regionen. Jose Rizal, Emilio Aguinaldo und Andres Bonifacio haben unter anderem das Gespräch über philippinischen Nationalismus und Heldentum bestimmt. Dies zeigt sich auch in der philippinischen Populärkultur. In den letzten zehn Jahren wurden in den Philippinen vier historische Filme produziert – alle drehten sich um das Leben von Tagalog-Helden während der philippinischen Revolution.

Die jüngste Forschung hat jedoch diese langjährige Vormachtstellung von Tagalog-Kultur und -Gesellschaften dezentralisiert. Geschichten aus den Visayas und Mindanao hinter den Kulissen von Nation und Imperium fanden Beachtung. Michael Hawkins bietet beispielsweise „neue und innovative Blickwinkel“ auf die philippinischen Muslime und die südlichen Philippinen durch umfangreiche historische Interpretationen über Mindanao und den philippinischen Islam. Resil Mojares will über eine einfache Kriegsdichotomie hinausgehen, indem er sich auf eine „vollständige und umfassende Geschichte des Krieges“ in der Cebuano Gesellschaft und Geschichte konzentriert. Die Werke von Hawkins und Mojares sind nur zwei in der vielfältigen neueren Wissenschaft, die sehr wichtig ist, da lokale Geschichte in den Peripherien kaum in die philippinische Geschichtsschreibung aufgenommen wurde.

Obwohl diese Geschichten in den Visayas und Mindanao florieren, werden sie weiterhin aus dem nationalen Narrativ ausgeschlossen. Mindanao wird größtenteils immer noch als weniger wichtig angesehen – obwohl es eine lange Geschichte des Widerstands gegen ausländische Invasoren wie Spanien und die Vereinigten Staaten hat.

Dutertismo und die Geschichtspolitik

Dutertes Benutzung von Geschichte erreichte ihren Höhepunkt bei den jüngsten Gedenkfeiern. Am 500. Jahrestag der Schlacht von Mactan nahm Senator Christopher („Bong“) Go, Dutertes engster Vertrauter, im Namen des Präsidenten – inoffiziell – an der Gedenkfeier teil. Eine einfache Rede zum Leben von Lapulapu führte jedoch zu einem Fiasko entstellte.

In seiner Rede zitierte Go die unbestätigte Behauptung, Lapulapu sei ein Muslim aus Mindanao, der vom „ehemaligen Ostkönigreich Sulu“ ersucht worden sei, die Mactan bedrohenden ausländischen Invasoren abzuwehren. Go erzählte, dass Lapulapu Tausug-Krieger mitgebracht habe, um gegen Magellan in Cebu zu kämpfen. Go hat damit nicht nur widerlegte Mythen über Lapulapu wiederbelebt, sondern für diese neue Version von Geschichte fälschlicherweise die ethnische Gruppe der Tausug aus dem muslimischen Mindanao in die Erzählung eingebaut.

Mit der Erzählung beleidigte Go sowohl die Einheimischen von Cebu als auch die ethnischen Tausugs von Mindanao. Duterte und Go versuchten – mit Blick auf die landesweiten Wahlen im nächsten Jahr – Narrative aus den Visayas und aus Mindanao zu kombinieren. Aber die einzige Originalquelle über die Existenz von Lapulapu ist der Bericht von Antonio Pigafetta, der Magellans ‚Abenteuer’ im Archipel dokumentierte. In dieser Chronik sind weder Mindanao, das Königreich Sulu, die Tausug noch Lapulapus muslimische Vorfahren erwähnt.

Nach dem Vorfall in Mactan gab die Nationale Historische Kommission der Philippinen eine Erklärung heraus, in der Gos Äußerungen als spekulativ und folkloristisch bezeichnet werden. Go entschuldigte sich daraufhin, aber Duterte hält weiterhin an seiner verzerrten Geschichte fest. Er verbreitet diese falsche Darstellung, weil es die Version von Geschichte ist, an die er glauben will und die er der Nation zu vermitteln versucht.

Entmenschlichendes Geschichtsverständnis

Seit Beginn seiner Präsidentschaft benutzt Duterte die Geschichte und nutzt die Ressentiments der philippinischen Bevölkerung für seine politischen Zwecke. Vicente Rafael interpretiert Dutertes Geschichtsverständnis als „entmenschlichend“, da er sich damit um die Nationalisierung persönlicher Traumata bemühe. Sein Wahlkampfslogan „Change is Coming“ scheint auch den Lauf der philippinischen Geschichte zu verändern. Was seiner Politik dient, soll für wahr und akzeptabel gehalten werden – trotz der Existenz gegenteiliger wissenschaftlicher Belege.

Dutertes Amtszeit endet nächstes Jahr. Aber fast fünf Jahre lang hat er Fakten verändert und verzerrt – und tut dies weiterhin. Wird die/der nächste Präsident*in die Geschichte wieder für politische Zwecke benutzen, um die philippinische Gesellschaft zu polarisieren? All dies bleibt bis zum Wahlkampf und den Wahlen im nächsten Jahr abzuwarten. Die philippinische Bevölkerung wird Richter und Zeuge dieser entscheidenden Ereignisse sein.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

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Editorial südostasien 3/2021:
Kolonialismus in Südostasien – Das Aushandeln von Erinnerung

Philippinen: Staatliches Gedenken ist mächtig. Unser Autor wirft einen kritischen Blick auf die Philippinen unter Präsident Duterte und die Quincentennial Commemorations 2021.

2020 wurden im Zuge der Black Lives Matter Bewegung Denkmäler, die Unterdrückern und Kolonisatoren gewidmet waren, umgestürzt. Im selben Jahr ehrte Manilas Bürgermeister Isko Moreno Domagoso den spanischen Eroberer Miguel Lopez de Legazpi am Gründungstag von Manila. Es wurden Kränze niedergelegt und Tribut gezollt, als der Bürgermeister „ehrfürchtig“ seine Hand, wie zum Gebet, über Legazpis Grab in der San Agustin Kirche in Intramuros, Manila, legte.

Ob Ignoranz oder Fauxpas: das Bild des Bürgermeisters der Hauptstadt, der die Kolonisierung von Manila ehrt, hat große Bedeutung. Gedenken ist ein mächtiges Instrument. Während des Fehlverhaltens des Bürgermeisters von Manila war das Nationale Komitee zur Fünfhundertjahrfeier (National Quincentennial Committee ), das durch Präsident Rodrigo Dutertes Exekutive Verordnung Nr. 55 ins Leben gerufen wurde, mitten in den Vorbereitungen für eine Reihe von Veranstaltungen zum Gedenken an ein weiteres historisches Jahr: 1521.

„Sieg und Menschlichkeit“: Das Gedenken an 1521

1521 ist das Jahr, in dem die Magellan-Expedition das Gebiet erreichte, das später die Philippinen werden sollte; und in dem der Anführer der Expedition, Ferdinand Magellan, an den Stränden von Mactan in den Händen der Lapulapu-Krieger sein Ende fand (vgl. auch Artikel von Luis Zuriel P. Domingo auf suedostasien.net).

Viele Expeditionen folgten auf Magellan und waren erfolgreicher bei der Unterwerfung der Inseln. Doch es ist 1521, an das man sich erinnert. 1521 passt zur Erzählung einer indigenen Bevölkerung, die sich einem fremden Eindringling widersetzt. Das Thema ist zentral für den nationalen Mythos und den Aufbau der Nation. In dieser Geschichte des Widerstands gewinnt die indigene Bevölkerung. Diese Geschichte täuscht über das hinweg, was darauf folgte: die gewaltsame Eroberung der Inseln und ihre Konsolidierung als Kolonie des spanischen Reiches.

2021 feiern die Philippinen ‚500 Jahre seit 1521’. Die nationalen Feierlichkeiten standen unter dem Motto „Sieg und Menschlichkeit“, um drei Ereignisse hervorzuheben: erstens den Sieg von Lapulapu in der Schlacht von Mactan, zweitens die Einführung des Christentums auf den Philippinen und drittens die Solidarität mit den Magellan-500-Feierlichkeiten in Spanien und Portugal, die sich auf die Errungenschaft der Weltumsegelung konzentrieren. Die Katholische Bischofskonferenz der Philippinen (CBCP) veranstaltet ihre eigenen Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag der Ankunft des Christentums auf den Inseln. Seit fast einem Jahrzehnt bereitet sie sich darauf vor. Papst Franziskus leitete am 14. März 2021 eine Messe, die den Feierlichkeiten gewidmet war.

Das Erschaffen einer ‚brauchbaren Vergangenheit’

Kritiker*innen machten schnell auf die Probleme aufmerksam. Patricio Abinales weist darauf hin, dass das Gedenken eine koloniale Denkweise verstärkt, die die lokale und globale Geschichte ignoriert, die im 16. Jahrhundert stattfand. Die Schlacht von Mactan zu feiern bedeute, die Entstehung der philippinischen nationalistischen Geschichte, die in Mactan begann, zu formalisieren, die Dominanz des Katholizismus im Land zu betonen und die stetige Ausbreitung des Islam zu ignorieren – einer Religion, die mehr als hundert Jahre vor Magellans Landung in Cebu ankam.

Eine weitere gängige Kritik an den Feierlichkeiten: sie beschönigen, dass das Christentum als Instrument des Kolonialismus benutzt wurde. Selbst wenn die Religion akzeptiert, angenommen und philippinisiert wurde, ist sie immer noch für die Härten verantwortlich unter denen Filipin@s jahrhundertelang litten. Der Staat schafft in seinem Bestreben, aus historischen Ereignissen eine ‚brauchbare Vergangenheit’ zur Festigung der Grundlagen der Nation zu extrahieren, Meistererzählungen oder offizielle Geschichten, die definieren, wie wir uns als Nation erinnern.

In seiner Verteidigung der Fünfhundertjahrfeierlichkeiten betont Michael Charleston Chua, dass es nicht darum gehe „die Misshandlungen, die Filipin@s unter Spanien erlebt haben“ zu leugnen. Er stellt fest, dass das staatliche Gedenken immer „geradlinig sauber“ ist, was zu erwarten ist, da er niemals „komplizierte und turbulente Erzählungen vom Staat“ erwartet. Daher stellt sich die Frage, was der Staat mit dem Gedenken an das Jahr 1521 gewinnt.

Historisches Gedenken in Zeiten von Duterte

Präsident Duterte kam mit zahlreichen Versprechen an die Macht. Eines davon war, die falsche Sichtweise der Filipin@s auf Lapulapu zu „korrigieren“ und seine Leistung als erster Eingeborener, der die Imperialisten bekämpft und getötet habe, zu ehren. Ein Jahr nach Beginn seiner Amtszeit erließ er die Exekutive Verordnung Nr. 17, die den Lapulapu-Orden ins Leben rief, um „unschätzbare oder außergewöhnliche Verdienste im Zusammenhang mit einer Kampagne oder Fürsprache des Präsidenten zu ehren.“ Während der Feierlichkeiten zum Nationalen Heldentag im Jahr 2018 bezeichnete Duterte Lapulapu als den „ersten Nationalhelden“, der verbannt wurde, weil er Visayan oder sogar Moro war – Sammelbegriffe für die islamisierten ethnolinguistischen Gruppen Mindanaos. 2021 wiederholte er diese Aussagen und sagte, dass Lapulapu ein Tausug sei – eine islamisierte ethnische Gruppe aus den südlichen Philippinen und dem nördlichen, zu Malaysia gehörenden, Teil Borneos.

Zahlreiche Historiker*innen, Wissenschaftler*innen und Expert*innen widerlegten diese Behauptung. Aber es ging hier nicht nur um historische Genauigkeit. Die falsche historische Behauptung diente, um eine Verbindung zwischen dem Gedenken und der Agenda des Präsidenten herzustellen. Duterte vertrat die Abneigung Mindanaos gegen das „imperiale Manila“. Das staatliche Gedenken war eine geeignete Gelegenheit, um die Agenda des Präsidenten voranzutreiben, die auf Manila oder Luzon zentrierte Präsidentschaft und die ungleiche Entwicklung des Archipels neu auszurichten.

Staatliches Erinnern folgt der Agenda des Präsidenten

Auf dem Höhepunkt seiner Tiraden gegen die Vereinigten Staaten und deren Beziehung zu den Philippinen, ließ Duterte plötzlich die Debatte um die Balangiga-Glocken wieder aufleben, die während des Philippinisch-Amerikanischen Krieges von 1899 bis 1913 von der US-Armee als Kriegsbeute aus einer ländlichen Stadt in Ost- Samar beschlagnahmt worden waren. Als Vergeltung für einen Hinterhalt von US-Soldaten in Balangiga im Jahr 1902 massakrierten die amerikanischen Streitkräfte die Stadt: Alle Personen über zehn Jahre wurden getötet, die Stadt niedergebrannt und geplündert, einschließlich der Glocken ihrer Kirche.

Es hat zahlreiche Bemühungen gegeben, die Glocken zurückzuholen. Zuletzt in den 1990er Jahren, als Präsident Fidel Ramos sich erfolglos für die Rückkehr der Glocken einsetzte. Duterte forderte die Rückgabe der Glocken im Rahmen seiner Ankündigungen, sich China und Russland anzunähern, während er erklärte, mit den Vereinigten Staaten brechen zu wollen. Die Glocken fungierten als Symbol für seine Agenda gegen die Vereinigten Staaten. Die Glocken wurden ein Jahr nach Dutertes Antrag an die Philippinen zurückgegeben. Die Unterstützer*innen des Präsidenten schrieben die Rückkehr der Glocken seinem politischen Willen zu, obwohl es klar ist, dass die Geste der Vereinigten Staaten dazu diente, die anti-amerikanischen Ermahnungen von Duterte zu beschwichtigen.

Die Erinnerung an den Philippinisch-Amerikanischen Krieg wurde mit den Balangiga-Glocken verknüpft. Genauso wurde die Erinnerung an 1521 weitergesponnen, um Dutertes Agenda zu bedienen. Das Erzwingen der Verbindung von Duterte und Lapulapu dient dazu, den Präsidenten zu heroisieren. Die Bemühungen, die historische Erinnerung durch das Gedenken zu transformieren, dienen nicht nur der Nation und der Meistererzählung, die der Staat voranzutreiben versucht, sondern auch den Regierenden.

Was und wie gedenken?

Staatliches Gedenken ist mächtig, da es eine Legitimation für die historische Erinnerung gibt, Traditionen formalisiert und die Nation imaginiert. Das Gedenken muss die Komplexität der Vergangenheit darstellen. Es muss die Menschen zwingen, die Vielfalt der Perspektiven zu verstehen, wenn es um Geschichte geht. Es muss uns klar sein, wer vom staatlichen Gedenken profitiert. Der Staat ist eine mächtige Kraft, die die Schaffung offizieller Narrative der Vergangenheit beeinflussen kann.

2022 ist ein weiteres Jahr des historischen Gedenkens: 150 Jahre seit der Cavite-Meuterei und der Hinrichtung der philippinischen Märtyrer-Priester Mariano Gomez, Jose Burgos und Jacinto Zamora. Es ist ein wichtiges Ereignis, das einen unauslöschbaren Eindruck in den Köpfen vieler Filipin@s hinterlassen hat, insbesondere bei Jose Rizal. Bei diesem Ereignis sind die katholische Kirche und der spanische Kolonialstaat klare Täter. Was und wie wird der Staat gedenken? Wie wird er ein solch umstrittenes historisches Ereignis darstellen? Wir müssen sicherstellen, dass das Erinnern die Komplexität der Vergangenheit darstellt und nicht bestimmten egoistischen Agenden dient.

Übersetzung aus dem Englischen von: Anna Grimminger

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Kolonialismus in Südostasien – Das Aushandeln von Erinnerung

Philippinen: Staatliche Gedenkfeiern haben das Ziel, nationalistische Gefühle zu fördern und Narrative über eine kollektive Vergangenheit zu entwerfen. Die Jahre 1998 und 2021 sind für die Philippinen in dieser Hinsicht von großer Bedeutung.

In den späten 1990er Jahren als Grundschüler in einer öffentlichen Schule in Manila wuchs ich mit dem Schulmotto Quality Education Towards Philippines 2000 (Hochwertige Bildung für die Philippinen 2000) auf. Einfach und idealistisch beschrieb dieser Slogan das nationale Ziel der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung durch ein produktives Bildungswesen. Im Mittelpunkt stand die Vorstellung des Staates von einer Gesellschaft mit einer gebildeten Bevölkerung, die bereit war, die Herausforderungen des kommenden Jahrtausends anzunehmen.

Darüber hinaus brachte die Planung der Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen der philippinischen Unabhängigkeit (1898-1998), die Regierung dazu, ein ‚neues Land’ zu visualisieren. Es ging darum, die nationalen Gefühle der Bevölkerung anzusprechen und nutzbar zu machen. So sollten die kollektiven Kämpfe und gesellschaftlichen Härten des 20. Jahrhunderts verblassen und stattdessen das Versprechen von nationaler Größe im 21. Jahrhundert sichtbar werden.

Kontextualisierung nationaler Feierlichkeiten

Die Hundertjahrfeier 1998 markierte eine neue Ära der Wahrnehmung der Geschichte und der Instrumentalisierung der Vergangenheit. Der Staat betonte die Bedeutung des Kampfes der Filipin@s für Freiheit und Selbstverwaltung, um Menschen zu überzeugen, die Zukunft des Landes zu gestalten. Die Feierlichkeiten im Jahr 2021 zum fünfhundertsten Jahrestag des ersten antikolonialen Aufstands im Land können in eine ähnliche historische Dynamik eingeordnet werden.

Die Hundertjahrfeier der Philippinen (Philippine Centennial Celebration) 1998 festigte den Platz der philippinischen Revolution im nationalen Gedächtnis und in der Geschichtsschreibung. Die Gedenkfeiern zum fünfhundertjährigen Jubiläum (Quincentennial Commemorations) hingegen schlagen einen neuen Anfang der philippinischen Nation vor – die vorkoloniale Zeit, insbesondere 1521, als staatlich anerkannte Genese einer nationalen Geschichte.

Bei der Erschaffung eines Nationalfeiertags, der vorschreibt, woran erinnert werden soll, identifizieren Staaten ein Ereignis oder einen Zeitraum. Sie untersuchen dessen historische Bedeutung und projizieren seinen öffentlichen Wert auf die Bevölkerung. Nationalfeiertage, die auf spezifischen historischen Ereignissen basieren, schaffen eine Form des historischen Dialogs, die vom Staat gefördert wird. Öffentliche Diskurse werden in Form von Ritualen und Zeremonien, Seminaren und Konferenzen geführt, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu wecken und sie dazu zu bringen, die lange, mühsame Vergangenheit des Landes zu würdigen.

Eine erkennbare Gemeinsamkeit der Hundertjahrfeier und der Fünfhundertjahrfeier besteht darin, dass sie einen bestimmten historischen Zeitraum als Repräsentation einer bedeutenden gemeinsamen Vergangenheit behandeln, die von der Nation anerkannt, akzeptiert und gewürdigt werden sollte.

Die Suche nach dem Sinn von Nationalfeiern

Der Nationalismus als Gegenstand historischer Untersuchungen in der philippinischen Geschichte konzentrierte sich bislang auf die philippinische Revolution von 1896 und auf die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Diese Zeit war sowohl von einem Zusammenfluss von als auch von Konflikten um nationalistische Gefühle, Nationenbildung und Heldenmythen geprägt.

Es ist daher nicht überraschend, dass die Revolution, die im Jahr 1898 endete, als nationales Spektakel behandelt wurde. Unter dem Motto „Kalayaan: Kayamanan ng Bayan“ („Freiheit: Reichtum der Nation“) bildete die Hundertjahrfeier 1998 für die Philippinen einen bedeutungsvollen Abschluss des 20. Jahrhunderts. Die kritische Betrachtung durch Greg Bankoff und Kathleen Weekley unterstreicht, dass die Feier „sorgfältig ausgearbeitet wurde, um den politischen, sozialen und kulturellen Anforderungen der Nation im späten 20. Jahrhundert gerecht zu werden, die sich aus den fortschreitenden Globalisierungsprozessen ergaben.“

Die Feierlichkeiten 2021 zum fünfhundertsten Jahrestag bestehen aus wohlüberlegten und sorgfältig nuancierten nationalen Veranstaltungen zur weltweiten Anerkennung der ‚ersten Weltumseglung‘ als Ausdruck des Triumphs der menschlichen Wissenschaft. Die Gedenkfeiern unterstreichen auch die kritische Würdigung der Ankunft des Christentums auf den Philippinen (trotz des umstrittenen Vermächtnisses der Religion als Instrument kolonialer Unterwerfung). Des Weiteren heben sie den Sieg in der Schlacht von Mactan als überragenden historischen Wendepunkt in der nationalen Geschichte des Landes hervor.

Da antikoloniale und nationalistische Perspektiven die populäre philippinische Geschichtsschreibung stark prägen, war die Organisation der Feierlichkeiten ein Balanceakt. Die Ankunft einer der Symbolfiguren der spanischen Kolonisierung – Ferdinand Magellan – zu ‚feiern‘, hätte für Widerstand gesorgt. Auch ein positives Gedenken an die Ankunft des Christentums als umstrittenes Erbe der spanischen Eroberung wäre auf Kritik gestoßen.

Das Nationale Erinnerungsprojekt Philippinen

Bemerkenswert ist, dass die Vermächtnisprojekte solcher Feiern den Aspekt der Wissensproduktion betreffen. Dabei geht es um die Überarbeitung der historischen Literatur und ihres Nachlebens sowie die Erschließung neuer Perspektiven zur historischen Bedeutung der Feierlichkeiten für das nationale Leben. Für die Feierlichkeiten zu den Quincentennial Commemorations organisierten die Philippinen regelmäßig öffentliche Vorträge und richteten Konferenzen in Zusammenarbeit mit staatlichen und akademischen Einrichtungen aus. Die Regierung hat auch ein Projekt ins Leben gerufen, das sie als eines ihrer wichtigsten Vermächtnisse betrachtet: das National Memory Project Philippines (Nationales Erinnerungsprojekt Philippinen), ein Projekt zur Digitalisierung des Katalogs der Bibliotheks- und Museumssammlungen der Nationalen Historischen Kommission sowie der Kataloge anderer Bibliotheken und Archive im ganzen Land.

Nationale Gedenkfeiern und das Schweigen

Benedict Andersons bahnbrechendes Konzept der Nation als eine „imaginäre Gemeinschaft“ findet immer dann Relevanz, wenn es um Fragen von nationaler Geschichte und Gedächtnis geht. Wer diktiert, was die Nation als Emblem ihrer Vergangenheit anerkennen soll? Wie funktioniert die Idee einer gemeinsamen Geschichte? Wie umfassend und vielfältig ist die Idee eines nationalen Gedächtnisses? Die Liste der Fragen ließe sich fortsetzen. Klar ist, dass die nationalistische Geschichtsschreibung die Geschichte ungewollt als Wandel von einer schrecklichen Vergangenheit zu einer wunderbaren Gegenwart darstellen könnte.

Trotz des Versuchs, im Rahmen der Feierlichkeiten einen umfassenden historischen Überblick zu schaffen, der verschiedene Erfahrungen berücksichtigt, bleibt die Perspektive des Staates darin zentral und sogar dominant. In der Folge kommt es zu Spannungen und unbewussten Ausschlüssen. Das Schweigen als ‚historisches Standardproblem’ (oder -phänomen) kommt dabei zum Vorschein: Wann immer nationale Feierlichkeiten stattfinden, die darauf abzielen, eine allumfassende Geschichte für nationale Einheit und Integration zu etablieren, werden bewusst oder unbewusst bestimmte Perspektiven marginalisiert oder ausgeblendet und so das Konzept einer inklusiven Nation verwischt, dass der Staat nach eigenen Angaben verfolgt.

Sichtbar machen der marginalisierten Perspektiven

1999 veröffentlichte Jamali Kamtian einen Artikel über die offensichtliche Gleichgültigkeit der Lumad- und Bangsamoro-Bevölkerung in Mindanao und Sulu gegenüber den Hundertjahrfeiern. Er argumentierte, dass sie sich nicht mit den Gedenkfeiern identifizieren könnten, weil sie ihrer Ansicht nach eigene erfolgreiche Kämpfe gegen die Spanier hatten, die sich von der philippinischen Revolution unterschieden.

Seitdem sind mehr als zwanzig Jahre vergangen, doch die Frage ist noch immer nicht endgültig geklärt. Der Kampf um Selbstbestimmung ist in Mindanao immer noch nicht abgeschlossen. Denn die jahrzehntelangen bewaffneten Konflikte, die durch das Ziel der politischen Anerkennung und Autonomie ausgelöst wurden, kosteten nicht nur Menschenleben, sondern führten auch zu Misstrauen und anhaltender religiöser und ethnischer Diskriminierung.

Die Etablierung der autonomen Region Bangsamoro ist ein großer Schritt zur Anerkennung dieser historischen Perspektive, der Rolle der philippinischen Muslime in der nationalen Geschichte. Das Schreiben und das Umschreiben der nationalen Geschichte werden wahrscheinlich noch Jahre dauern. Aber es gibt viele Bemühungen, dies auszuhandeln und sich der Aufgabe zu verpflichten, vielfältige Stimmen und Narrative anzuerkennen.

Im September 2021 sprach Rene Escalante, der Vorsitzende der Nationalen Historischen Kommission der Philippinen, in seiner Rede anlässlich der Enthüllung des Quincentennial Historical Marker in der Inselprovinz Tawi-Tawi über die differenzierte Bedeutung eines solchen Denkmals in einer historischen muslimischen Siedlung. Er betonte, dass damit nicht die Ankunft der Spanier*innen gefeiert werden sollte, sondern vielmehr „die Stimme einer Bevölkerung, die in unserer nationalen und internationalen Geschichte lange vergessen war“, hörbar gemacht werden sollte.

Nicht selten beobachte ich die Themen des nationalen Gedächtnisses und des Nationalismus als historische Klischees. Ich halte sie für zu pauschal und verallgemeinernd. Manchmal verstehen die Menschen darunter nur banale Aussagen oder Schlagworte und nicht die verborgenen historischen Bedeutungen und Fragen. Aber ich glaube, dass diese Themen immer noch aktuell und relevant für die Philippinen, eine bemerkenswert junge und blühende Demokratie, sind. Die Gespräche über Geschichte müssen fortgesetzt werden. Je mehr wir uns erinnern, desto mehr sollten wir mit der klaren Absicht feiern, vertretbare Ergebnisse zu erzielen. Das Ziel sollte nicht nur sein, kollektive Geschichten in die Köpfe der Menschen zu pressen, wie es so oft bei jährlichen Feiertagen der Fall ist.

Übersetzung aus dem Englischen von: Valerie Heim

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EDITORIALS,
Autor*in:

Editorial südostasien 3/2021:
Kolonialismus in Südostasien – Das Aushandeln von Erinnerung

Südostasien/Deutschland: Was geschrieben ist, bleibt. Nina Dederichs und Marlene Weck betrachten den immensen Schatz im Archiv der südostasien.

97 Stufen, 98, 99. Geschafft. Keuchend schaust du von den letzten Stufen der Wendeltreppe hoch ins oberste Stockwerk. Vor dir eine weiße, unscheinbare Tür. Du drückst sie auf, stehst in einem einladenden Besprechungsraum und schaust geradeaus auf eine zweite Tür. Klick. Du drückst den Lichtschalter nach unten und schaust in einen drei Quadratmeter großen Raum. Deckenhohe Regale an beiden Seiten. Viel Sauerstoff gibt es hier nicht. Kein Wunder, denn hier lagern Gedanken der letzten 40 Jahre. Du befindest dich im physischen Archiv der südostasien, einem Ort des Erinnerns. Zwei Schritte vorwärts, der Blick nach links und du stehst vor den gesammelten Printausgaben der Jahre 1984 bis 2018. Was sich in ihnen wohl alles verbirgt?

Mit einem Finger streifst du entlang der Zeitschriftenrücken: 2014, 2003, 1995 und dann: 1984. Nein, hier liegt keine Ausgabe von George Orwells Klassiker. Stattdessen ziehst du die allererste Ausgabe der Südostasien Informationen [Vorgänger der südostasien, d.R.] aus dem Regal. Du betrachtest die abgebildete Lupe, in der sich eine Weltkugel mit Asien im Zentrum befindet, und streichst den imaginären Staub von der Zeitschrift. Was den Menschen damals wohl durch den Kopf gegangen ist?

Neugierig liest du die ersten Seiten: „Wir hoffen, die ‚Südostasien Informationen‚ ab Ende dieses Jahres/ Anfang nächsten Jahres regelmäßig herausgeben zu können, um damit eine kontinuierliche Informations-Basis über SOA zu schaffen, die es interessierten Einzelpersonen und Gruppen ermöglicht, sich mit den Ländern dieser Region zu beschäftigen und auseinanderzusetzen.“ So beendet Peter Franke als damaliges Redaktionsmitglied das Editorial dieser ersten Ausgabe. Wer hätte damals gedacht, dass diese erste Ausgabe der Beginn für eine Zeitschrift sein würde, die nun ihr 40-jähriges Jubiläum feiert? Und wer hätte geahnt, dass ihr Anliegen Jahrzehnte später erneut aufgegriffen wird – digital, um uns die ersten Schritte der südostasien zurück in unser Gedächtnis zu rufen. Aber WER sind WIR? Und WAS ist UNSER Gedächtnis?

Die Gedächtnisforschung

Insbesondere Soziolog:innen und Kulturwissenschaftler:innen haben sich mit dem Gedächtnis von Gemeinschaften und Kulturen und mit Fragen nach Erinnern und Vergessen auseinandergesetzt. Der Soziologe Maurice Halbwachs, Begründer der kollektiven Psychologie, entwickelte die Idee des kollektiven Gedächtnisses, auf dessen Grundlage die heutige Erinnerungsforschung basiert. Halbwachs zufolge sind individuelle Erinnerungen einzelner Personen immer nur kurzlebig und ein Puzzleteil eines größeren dauerhaften Gedächtnisses einer Gemeinschaft. Unser Wissen, unsere Erinnerungen und unsere Identität formen sich demnach erst durch unser soziales Bewusstsein innerhalb eines Kollektivs. Indem wir Erzählungen, Praktiken oder Traditionen mit anderen Personen teilen, entstehen gemeinsame Erinnerungen, die in einer sozialen Gruppe zu einem kollektiven Gedächtnis heranwachsen können.

Jan und Aleida Assmann führten den Gedanken des kollektiven Gedächtnisses weiter und schlugen eine Differenzierung zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis vor. Während das kommunikative Gedächtnis über etwa drei Generationen auf informellen Wegen weitergetragen werden kann, kann ein kulturelles Gedächtnis insbesondere mithilfe von Institutionen, Traditionen und Medien sowie Orten, Ritualen oder Büchern quasi unendlich weiter existieren.

Im Wandel der Zeit

Auch die südostasien kann als Medium eines kollektiven Erinnerungsprozesses verstanden werden. Über die letzten vier Jahrzehnte hat sie ökonomische, ökologische und soziale Entwicklungen in Bezug auf Südostasien beobachtet und an eine deutschsprachige Leser:innenschaft vermittelt. Als Zeitschrift werden Erinnerungen hier nicht nur in ein kommunikatives, sondern auch in ein kulturelles Gedächtnis eingeschrieben. Die Digitalisierung der Zeitschrift im Online-Archiv trägt dazu bei, indem sie den Zugriff auf alle Ausgaben der südostasien für zukünftige Generationen zugänglich macht.

Erinnern ist immer auch selektiv und wandelbar. Was erinnert wird, hängt von gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten ab und ist oft Gegenstand von Aushandlungsprozessen – sowohl innerhalb als auch zwischen Gemeinschaften. Was einmal wichtig erschien, kann später neu bewertet oder verdrängt werden. So auch bei der südostasien.

Zum einen hat sich der Blick nach ‚Außen‘ gewandelt: Die thematischen Schwerpunkte der Zeitschrift waren immer eng mit gesamtgesellschaftlichen Diskussionen verknüpft. Zum anderen haben sich Selbstverständnis sowie konzeptionelle Vorstellungen der südostasien verändert damit die Frage, wie und aus welcher Perspektive gearbeitet und schließlich auch erinnert werden soll. „Früher war die Arbeit für mich klarer. Wir haben uns für den Schutz von Aktivist:innen eingesetzt, Statements veröffentlicht und gingen gegen die Regime Südostasiens auf die Straße. Früher waren wir auf Demos, heute gehen wir mehr in den Diskurs“, erinnert sich Hendra Pasuhuk, langjähriges Redaktionsmitglied und als Autor bereits für die Südostasien-Informationen aktiv. „Wir werden alle älter; auch unsere Leser:innenschaft. Um weiter aktiv sein zu können, müssen wir jetzt neue Ziele definieren: Wen wollen wir mit unseren Texten erreichen? Und wie kann unsere Arbeit in fünf oder zehn Jahren aussehen?“

Menschen-gemachtes mediales Gedächtnis

Das kollektive Gedächtnis der südostasien wurde über die Jahre nicht nur durch neues Wissen und aktuelle Themen geprägt, sondern vor allem auch durch die Menschen dahinter. Ideen, Beobachtungen und Perspektiven wurden genauso eingebracht wie persönliche Kontakte und Beziehungen. Die südostasien stellt zugleich einen Begegnungs- und Kommunikationsort für Menschen dar, die sich in ihrem alltäglichen Leben durch räumliche Barrieren vermutlich nicht ‚einfach so‘ getroffen hätten. Da sind zum einen die wechselnde Autor:innen aus Deutschland und Südostasien, die das Gedächtnis der Zeitschrift mit vielschichtigen und reflektierten Artikeln füllen und gefüllt haben. Da sind die zahlreichen Redaktionsmitglieder, von denen einige die südostasien über viele Jahre hinweg mit ihren individuellen Perspektiven bereichert haben. Und da ist auch die Leser:innenschaft, die das Gedächtnis seit 40 Jahren durch kritische Anmerkungen, durch Leser:innenbriefe und aktiven Austausch lebendig hält.

Die Diskussionen, die innerhalb der südostasien geführt werden – über Themen, Perspektiven und Darstellungsweisen – zeugen von den vielfältigen, manchmal divergierenden Interessen, die die Zeitschrift prägen. Zum 10-jährigen Jubiläum stellt die Redaktion transparent dar, dass es nicht der Anspruch der Zeitschrift sei, „(vermeintlich) ’neutral‘ und ‚wertfrei‘ über kulturelle Verhältnisse Südostasiens“ zu berichten, sondern dass sie sich eine „grundsätzlichen Parteilichkeit zu Gunsten von emanzipativen Kräften und Bewegungen“ herausnimmt.

Was in Vergessenheit gerät

Erinnerung ist selektiv – und das bedeutet, dass manches nicht erinnert wird. Personen, Ereignisse und Perspektiven, die nicht ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben werden, geraten in Vergessenheit. Dies kann auch absichtlich geschehen, wenn Staaten beispielsweise Erinnerung politisch instrumentalisieren und widerständige Geschichten unterdrücken.

Um politischen Unterdrückungsinstrumenten zu begegnen, versucht die südostasien ein Ort für Gegen-Geschichten zu sein – eine Plattform, auf der unterdrückte Stimmen Gehör finden und sichtbar werden. Postkoloniale Strukturen, sprachliche Barrieren und mangelnde Aufmerksamkeit gegenüber komplexen Machthierarchien führen jedoch dazu, dass die Vielzahl marginalisierter Lebensrealitäten nicht angemessen berücksichtigt wurde und wird.

Immer wieder versucht sich die wandelnde Redaktion jedoch mit den eigenen blinden Flecken auseinanderzusetzen. Die (unbeabsichtigte) Reproduktion diskriminierender Denk- und Sprachmuster wird fortlaufend zwischen den Redaktionsmitgliedern verhandelt. „Wir haben zweimal im Jahr persönliche Treffen und es gibt einen regen Austausch innerhalb der Teams, die die einzelnen Ausgaben gestalten. Bei diesem Austausch passiert sehr viel an Lernprozessen in Bezug auf koloniale Denk- und Sprachmuster“, schildert Redakteurin Anett Keller ihre Erfahrungen. „Plakativ gesagt: da treffen junge Redakteur:innen mit migrantischem Hintergrund auf ‚altgediente Weiße‘, die durchaus viel Erfahrung in und mit Südostasien haben, die sich aber immer wieder auch ihre eigenen Privilegien bewusst machen dürfen“, so Keller weiter. Herkunft sei dabei aber nur eine Kategorie. „Intersektionalität ist das Stichwort. Ich kann mich an eine lebhafte Diskussion mit einem indonesischen Kollegen erinnern, dem ich erklärte, warum ich ein Wort aus einem Text gestrichen habe, welches Frauen diskriminiert. Er sagte, das sei nun mal so in Indonesien, so wäre nun mal die Bezeichnung. Ist das dann Kultur-unsensibel von mir? Oder darf ich als mit feministischen Bewegungen in Indonesien verbundene Frau fragen, wessen Kultur da von einem Mann verteidigt wird?“

Viel Raum also für Aushandlungsprozesse und die Suche nach Antworten auf die Frage, wie sich die Zeitschrift zukünftig verändern kann (oder muss), um ein sicherer Ort für Menschen mit unsicheren Lebensrealitäten zu werden und dem eigenen Anspruch nach sozialer Bewegung gerecht zu werden.

Um Erinnerungen lebendig zu halten, müssen sie wiederholt, reaktiviert, re-inszeniert, umgedeutet und erneuert werden. Dabei nehmen Jubiläen eine wichtige Rolle ein. Doch es ist keine leichte Aufgabe, zu entscheiden, woran nach 40 Jahren südostasien erinnert werden soll. Welche Menschen sollen zu Wort kommen, welche Themen, Konflikte, welcher Wandel aufgearbeitet werden? Woran wollen wir uns erinnern, woran müssen wir uns erinnern, auch wenn es schmerzhaft ist, um aus Vergangenem zu lernen und was vergessen wir dabei?

Die ehemaligen und zukünftigen Autor:innen und Redaktionsmitglieder ebenso wie die Leser:innenschaft – sie alle gestalten das gemeinsame und kollektive Gedächtnis dieser Zeitschrift. In einem Interview sagte Aleida Assmann 2021: „Kein Mensch lebt im Augenblick. Aus physikalischer Sicht betrachtet ist Gegenwart nur der Augenblick des Umschlagens von Zukunft in Vergangenheit“. Wir entscheiden darüber, was wir heute aus der Vergangenheit festschreiben, um es in die Zukunft und in ein kulturelles Gedächtnis mitzunehmen. Es ist wichtig, sich der damit einhergehenden Verantwortung immer wieder bewusst zu werden und darüber nachzudenken, welche gesammelten Gedanken und Beobachtungen wir in der Zukunft aus Archiven hervorholen wollen.

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EDITORIALS,
Autor*in:

Editorial südostasien 3/2021:
Kolonialismus in Südostasien – Das Aushandeln von Erinnerung

Deutschland/Südostasien: In 40 Jahren haben viele Menschen die „südostasien“ gemacht – und sie genutzt. Fünf von ihnen kommen hier zu Wort…

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