3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Trauerzeremonie am Brandenburger Tor in Berlin am 30. Oktober 2016 © Sorayut Aiemueayut

Trauerzeremonie am Brandenburger Tor in Berlin am 30. Oktober 2016 © Sorayut Aiemueayut

In Thailand werden monarchiekritische Personen nicht nur online ‚an den Pranger’ gestellt und diffamiert. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Übergriffen auf Andersdenkende. Auch im Ausland lebende Thailänder*innen sind betroffen. Gerade die Diaspora spielt eine wichtige Rolle bei der Identifizierung und Verbreitung der Identität von Kritiker*innen.

Am 13. Oktober 2016 verstarb König Bhumipol Adulyadej im Alter von 88 Jahren. Sein Tod stürzte das Land in tiefe Trauer und Ungewissheit. Ein 30 Tage geltendes Verbot für Unterhaltungsprogramme, Festlichkeiten und Wettbewerbe wurde verhängt. Die Militärregierung ordnete eine einjährige Staatstrauer an und forderte die Bevölkerung dazu auf, sich angemessen zu kleiden. Doch nicht alle hielten sich strikt an diese Anordnungen. Viele königsliebende Thailänder*innen empfanden dies als respektlos und sahen sich in ihren Gefühlen verletzt. Online wie offline versuchten sie, mit aller Härte gegen jene Menschen vorzugehen, die sich ihrer Meinung nach nicht angemessen verhielten.

Hetze, verbale Gewalt und körperliche Übergriffe

Besonders in den ersten drei Wochen nach dem Tod des Königs kam es zu verbalen und körperlichen Übergriffen gegen vermeintliche Kritiker*innen der Monarchie. Ihre persönlichen Daten und Fotos wurden im Internet veröffentlicht und weiterverbreitet. Im Internet entlud sich eine Welle von Hasskommentaren, Beschimpfungen und Morddrohungen. An verschiedenen Orten in Thailand zogen aufgebrachte Mobs vor die Häuser derer, die angeblich respektlose Kommentare gegenüber der thailändischen Monarchie gepostet hatten. Die Opfer wurden aus ihren Wohnungen gezerrt und gezwungen, öffentlich vor dem Porträt des Königs niederzuknien und sich für ihre ‚despektierlichen‘ Äußerungen oder ihr ‚unangemessenes‘ Verhalten zu entschuldigen.

Neben diesen organisierten Übergriffen kam es zu spontanen Aktionen einzelner Königstreuer. In Bangkok ohrfeigte eine Passantin vor den Augen mehrerer Polizist*innen eine ältere Frau, weil sich diese angeblich beleidigend gegenüber dem König geäußert hatte.

In einem anderen Video filmt sich ein mit Pistole bewaffneter Mann und kündigt an, Menschen zu erschießen, die sich verächtlich über den verstorbenen König äußern. Einige Königstreue machten heimliche Fotoaufnahmen von Personen, die sich nicht in schwarz kleideten, und prangerten sie im Internet an.

Die Diasporagemeinschaften wirken aktiv mit

Befeuert durch den Hass und die Hetze im Herkunftsland, welche in den sozialen Medien eine große Reichweite erzielte, erreichten die Spannungen schließlich ihre transnationale Dimension. Ein thailändischer Betreiber eines Restaurants in Australien wurde so unter Druck gesetzt, dass er einen Angestellten, der sich monarchiekritisch geäußert hatte, entließ. Namen und Adressen von in Belgien und Deutschland lebenden Kritiker*innen der Monarchie wurden gemeinsam mit Aufrufen zur Gewalt gegen sie auf facebook veröffentlicht. In Schweden folgten drei thailändische Monarchist*innen einer im Internet verbreiteten Aufforderung zu Gewalt und konfrontierten eine Thailänderin vor ihrer Wohnung. In Frankreich wurde eine wegen Majestätsbeleidigung angeklagte Geflüchtete in einem Schnellrestaurant von einem königstreuen Thai erkannt und gefilmt. Das auf facebook live übertragene Video animierte einige Royalist*innen, zum Restaurant zu eilen, um die Frau zu attackieren.

Rianthong: „Wer kennt den facebook-Nutzer mit dem Namen Charoenchai Sae Tang, gebt ihm einen Schlag auf sein Plappermaul. Bitte, tut es für mich. Klugscheißerisch und sympathisiert mit Aum Neko. Schlagt ihn nicht so fest oder tretet ihn nicht, bis er tot ist, sondern gebt ihm nur einen leichten Schlag als Symbol, nicht fest. Macht Fotos davon und schicke sie mir. Generalmajor Rienthong Nanna, 16.10.2016, um 13.00 Uhr“, Screenshot Facebook

Rianthong: „Wer kennt den facebook-Nutzer mit dem Namen Charoenchai Sae Tang, gebt ihm einen Schlag auf sein Plappermaul. Bitte, tut es für mich. Klugscheißerisch und sympathisiert mit Aum Neko. Schlagt ihn nicht so fest oder tretet ihn nicht, bis er tot ist, sondern gebt ihm nur einen leichten Schlag als Symbol, nicht fest. Macht Fotos davon und schicke sie mir. Generalmajor Rienthong Nanna, 16.10.2016, um 13.00 Uhr“, Screenshot Facebook

Selbstorganisierte Gruppen bedingungsloser Verfechter*innen der Monarchie

Es gibt noch eine Vielzahl von royalistischen facebook-Seiten, die während des Interregnums besonders intensiv zur Hetze im Internet beigetragen haben. Sie trugen mit hashtags und der Weiterverbreitung von posts dazu bei, Cybermobbing und eine wirksame Massenmobilisierung gegen Personen, die als ‚antimonarchistisch‘ gebrandmarkt wurden, zu unterstützen. Eine zentrale Rolle spielt der Militärarzt Rianthong Nanna und seine Rubbish Collection Organisation (RCO – Müllsammler-Organisation). In Rianthongs Augen sind Menschen mit kritischer Haltung zur Monarchie ‚sozialer Müll’. Sie würden Ideen verbreiten, die die nationale Sicherheit und die thailändische Monarchie gefährden. Rianthong gilt den königstreuen thailändischen Cyberaktivist*innen durch seine offenkundig autoritär-monarchistische Haltung als ‚guter Mensch‘ und Vorbild.

Die RCO steht an vorderster Front der Hexenjagd gegen die ‚Feinde der Monarchie’. Sie will Thailand innerhalb von zwei Jahren vom ‚sozialen Müll’ befreien. Ihre Maßnahmen bestehen darin, vermeintliche Majestätsbeleidigungen in den sozialen Netzwerken aufzuspüren, polizeilich zu melden und Personen auf der facebook-Seite der RCO öffentlich an den Pranger zu stellen.

Bereits kurz vor dem Ableben des Königs wurden persönliche Informationen zu Andersdenkenden und deren Helfer*innen auf der facebook-Seite der RCO veröffentlicht. Sie wurden beleidigt, dämonisiert und es wurde zu ihrer Verfolgung aufgerufen. Insbesondere wurde an die thailändischen Netzbürger*innen im Ausland appelliert, in ihren Kreisen Monarchie-Kritiker*innen und deren Helfer*innen zu identifizieren und sozial zu isolieren.

"Heute habe ich Zeit und mache Schießübungen" steht als Kommentar über einem Foto von Aum Neko, Antimonarchistin und Geflüchtete, Screenshot Facebook

„Heute habe ich Zeit und mache Schießübungen“ steht als Kommentar über einem Foto von Aum Neko, Antimonarchistin und Geflüchtete, Screenshot Facebook

‚Hilfssheriffs’ erhalten Unterstützung durch die thailändische Regierung

Online wie in der realen Welt waren selbst ernannte Hilfssheriffs unterwegs, die zur Jagd von Kritikern*innen der Monarchie bliesen und ihre Affinität zur Gewalt offen mit extremen Beschimpfungen zeigten. Die sozialen Medien wie auch die sonstige Öffentlichkeit wurden so zu einem rechtsfreien Raum. Viele Thailänder*innen griffen aus Selbstschutz zur Selbstzensur oder versuchten, ihre Trauer deutlich zur Schau zu stellen – zum Beispiel durch das Anbringen eines schwarzen Bands auf ihrer Kleidung.

Gegen die von den Royalist*innen ausgeübte Selbstjustiz unternahm die thailändische Militärregierung nichts. Sie appellierte vielmehr an die Öffentlichkeit, von monarchiekritischen Äußerungen abzusehen. Die Kompetenzen des Cyber Security Operating Center, der nationalen Behörde für Cybersicherheit, wurden erweitert und das Majestätsbeleidigungs- sowie das Computerkriminalitätsgesetz wurden vermehrt genutzt, um Kritiker*innen zu verfolgen und mundtot zu machen. Facebook, YouTube und Twitter wurden fortan nicht nur durch königstreue Privatleute, sondern auch vom Staat überwacht und monarchiekritische Äußerungen zum Beispiel durch das Blockieren von Webseiten sanktioniert.

Die Kontrolle der Militärregierung reicht bis in die Diaspora hinein, so dass es auch aus der Distanz nicht möglich ist, die thailändische Monarchie gefahrlos zu kritisieren. Zur Bekämpfung der Majestätsbeleidigung außerhalb der eigenen Staatsgrenzen hat die Regierung mehrere Länder dazu aufgefordert, Thailänder*innen, die sich der Diffamierung der Monarchie verdächtigt gemacht haben, nach Thailand auszuliefern.

Ideologie der thainess als eine Ursache für das Auftreten von ‚Hilfssheriffs’

Die Aktionen der ‚Hilfssheriffs’ lassen sich zum einen als spontane Reaktionen erklären, die sich aus einer tief empfundenen Liebe zum verstorbenen König und der Empörung über – aus ihrer Sicht – unangemessene Reaktionen auf dessen Tod speisen. Entscheidend für ihr Handeln ist die Frustration über die als unzureichend empfundenen Maßnahmen der Militärregierung gegen Majestätsbeleidigung.

Um das Phänomen der ‚Hilfssheriffs’ verstehen zu können, ist jedoch daneben der ideologische Rahmen, in dem sich die Akteure bewegen, von Bedeutung. Monarchie, Nation und Religion sind die ‚Drei Pfeiler des Thai-Seins (thainess)’ und für die Identität thailändischer Bürger*innen unabdingbar. Nach dieser Wertvorstellung bewahren und beschützen ‚gute Menschen‘ diese ‚Drei Pfeiler des Thai-Seins’. Menschen, die nur einen Stützpfeiler des Thai-Seins anzweifeln oder kritisieren, untergraben die wichtigsten Institutionen des Landes und gelten dann nicht nur nicht mehr als ‚thai‘, sondern sie gelten vielen gar als „lebensunwert“ und ihnen wird das Menschsein abgesprochen. Diese Auffassung kommt in den zahlreichen Beleidigungen und Aufforderungen zur Gewalt, die seit dem Tod des Königs in den sozialen Medien kursieren, zum Ausdruck. Dort finden sich Wörter wie „Hundezecke“, „Abschaum der Erde“, „hungriger Geist“, „Cholera“, „erschießen“, „zerhacken“, „ausrotten“. Das Vorgehen gegen Kritiker*innen der Monarchie begreifen ‚gute Menschen‘ als ihre patriotische Pflicht.

Zum ideologischen Rahmen gehört auch der Glaube an starke Führer*innen, die in Krisenzeiten auftreten und die Ordnung wiederherstellen. Diese tief im Denken verwurzelte Vorstellung kann den Erfolg von Rianthong und zahlreichen Organisator*innen von Aktionen gegen vermeintliche Monarchiekritiker*innen erklären. In ihrer radikalen Rhetorik und ihren Aufforderungen zur Gewalt finden viele Thailänder*innen Merkmale der starken Führer*innen, der sich in Abwesenheit einer durchsetzungsstarken Regierung in den Dienst der Wiederherstellung von Ordnung und Gerechtigkeit stellt.

 

Autoritäre Sozialisation und nationalistische Indoktrinierung tragen Früchte

Ein in Familien gelebter autoritärer Erziehungsstil und eine stark hierarchisch geprägte Gesellschaft begünstigen den Wunsch nach Führerfiguren. Dazu gesellt sich eine autoritär-nationalistische Indoktrinierung durch Bildung und staatliche Medien, welche die Monarchie zum Identitätsträger sowie zum Staats- und Lebensideal, die es zu bewahren und im Ernstfall zu verteidigen gilt, erklärt. In ihr werden Andersdenkende als Feinde, die die Fundamente der thailändischen Gesellschaft gefährden, dargestellt.

Vorfall in Chonburi. Ein Mann wurde aus seiner Wohnung gezerrt und gezwungen, sich öffentlich vor dem Protrait des Königs für seinen ‚respektlosen’ Kommentar zu entschuldigen, Screenshot der facebook-Seite “คนข่าวบางปะกง”

Vorfall in Chonburi. Ein Mann wurde aus seiner Wohnung gezerrt und gezwungen, sich öffentlich vor dem Protrait des Königs für seinen ‚respektlosen’ Kommentar zu entschuldigen, Screenshot der facebook-Seite “คนข่าวบางปะกง”

Zudem wurde in jüngster Zeit eine Liste von zwölf idealen ‚Grundwerten‘ für Thailänder*innen mit der Anweisung veröffentlicht, dass alle Kinder diese auswendig zu lernen haben. Zur Sensibilisierung der Bevölkerung für diese Werte werden im ganzen Land Jugendcamps gegründet. Diese Indoktrinierung schafft die Voraussetzungen dafür, dass sich gewaltbereite Royalist*innen als ‚gute Menschen‘ stilisieren und eine breite Gefolgschaft aufbauen können.

Von Seiten des Staates werden systematisch Methoden zur Unterdrückung und Überwachung von Andersdenkenden wie das Lèse-Majesté-Gesetz und das Gesetz zur Bekämpfung der Computerkriminalität entworfen. Ein im Jahr 2010 eingeführtes Cyberscout-Programm rekrutiert landesweit Schüler*innen zur Ausbildung zum ‚Cyber Scout‘, zum Spitzel, der die sozialen Medien auf Majestätsbeleidigungen überwacht und bei den Behörden meldet.

Gesellschaftliche Wertvorstellungen und staatliches Handeln tragen dazu bei, dass sich Personen mit nationalistischer Überzeugung leicht radikalisieren können. Die autoritäre Haltung in der Gesellschaft und die von Hysterie begleitete Angst vor antimonarchistischen Umtrieben können aus einem royalistisch-patriotischen ‚guten Menschen‘ eine tickende Zeitbombe werden lassen.

Ultranationalistische Diaspora

Diaspora-Thailänder*innen pflegen enge Kontakte mit und haben einen starken emotionalen Rückbezug zum Herkunftsland. Das Gefühl, im Zielland nicht akzeptiert zu sein, bewirkt häufig eine Betonung eigener Identifikationsmuster im Sinne einer öffentlich zur Schau gestellten Hinwendung zur eigenen Identität, die sich durch eine nationalistische Haltung und Verehrung des Königs ausdrückt. Es existieren zahlreiche Organisationen, die die thailändische Kultur und Identität in der Diaspora pflegen und lebendig halten. Auch unmittelbar an der Politik im Herkunftsland beteiligen sich Gruppen und Individuen in der Diaspora aktiv, zum Beispiel als Unterstützer*innen von Politiker*innen oder durch öffentliche Demonstrationen und Diskussionen.

Zu den negativen Folgen des Patriotismus von Diaspora-Thailänder*innen zählt die Überwachung der ‚Linientreue’ ihrer Landsleute in den sozialen Netzwerken und Kommunikationskanälen. Bei abweichenden Meinungen müssen Kritiker*innen und Dissident*innen mit emotionalen Reaktionen ihrer ultranationalistischen Landsleute rechnen, welche von Tadel und Kritik bis zur körperlichen Gewalt reichen. Der Tod des Monarchen führte zu einer Situation, in der autoritär erzogene und nationalistisch geprägte Diaspora-Thailänder*innen beträchtliche Energien für die Mobilmachung gegen Kritiker*innen der Monarchie während des Interregnums aufwandten.

‚Autoritäre gute Menschen‘: der ideale Nährboden für autoritäre Herrschaft

Die Ereignisse nach dem Tod des Monarchen Bhumipol Adulyadej im Jahr 2016 brachten Strukturen innerhalb der thailändischen Gesellschaft an die Oberfläche, die für Außenstehende zuvor so nicht deutlich sichtbar waren. Radikale Wortführer*innen machten im Internet wie vor Ort mobil gegen Landsleute, die vermeintlich kritisch zur Monarchie standen. Die starke Befürwortung von autoritären Werten macht die Mehrheit der Bevölkerung für diese Wortführer*innen hochgradig mobilisier- und instrumentalisierbar.

Die autoritären Einstellungen, die im Phänomen der Verfolgung von Monarchiekritiker*innen nach dem Tod des Königs zum Vorschein kamen, mögen auch erklären, wieso sich die autoritäre Herrschaft des Militärs keiner ernsthaften Bedrohung durch eine breite Opposition ausgesetzt sieht. Die Ursachen für das Funktionieren des Autoritarismus in Thailand liegen im Zusammenspiel von autoritären Einstellungen ‚von unten‘ und der autoritären Herrschaft ‚von oben‘. Geprägt von nationalistischer Ideologie und Untertanenmentalität ist die thailändische Gesellschaft empfänglich für ‚starke Führer*innen‘, die Ordnung und die Einhaltung der Gesetze – um jeden Preis – garantieren.

Viele Thais sehen im Militär weiterhin die einzige Institution, die für Ordnung sorgen kann. Unter dem Vorwand, die thailändische Identität und Einheit zu beschützen, tritt das Militär als Wächter der Nation, des Königs und des Volkes auf. Die Opposition wird systematisch mundtot gemacht. Demokratische Grundrechte und Freiräume werden massiv eingeschränkt. Den tief sitzenden Hass gegen Andersdenkende in der thailändischen Gesellschaft macht sich die Armeeführung zu Nutze, um ihre autoritäre Herrschaft zu konsolidieren.

 

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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Was passiert, wenn Menschen erzwungen / freiwillig ihre Heimat verlassen und in der oftmals weit entfernten neuen Heimat mit Menschen gleicher Wurzeln eine Gemeinschaft bilden? Wie gestaltet sich das Leben für sie in den sie umgebenden Mehrheitsgesellschaften und wie pflegen sie ihre Wurzeln?

Diaspora – ursprünglich eine Bezeichnung für jüdische Gemeinschaften in anderen Ländern, gewinnt in Zeiten von weltumspannenden Lebensrealitäten an Bedeutung. Auch für die Länder Südostasiens spielen Diasporagruppen sowohl im In- als auch im Ausland eine große Rolle. In Südostasien sind die finanziellen Rücküberweisungen (remittances) mehr als doppelt so hoch wie die offiziellen Entwicklungsgelder des Globalen Nordens (World Economy). Die Devisen prägen das Herkunftsland, unterstützen Familienangehörige und kurbeln die lokale Wirtschaft an. Allerdings schaffen Devisen auch Abhängigkeiten.

Diasporagemeinschaften sind Anlaufstelle für neu zugezogene Menschen und helfen durch bereits geknüpfte Netzwerkstrukturen. Verschiedene Gemeinschaften aus südostasiatischen Ländern finden sich in nahezu jeder Region der Welt. Temporäre Arbeitsmigrant*innen und permanente Migrant*innen werden gleichermaßen in die Diasporagemeinschaft integriert. Ob Bangkok, Berlin, Dubai, Kapstadt, New York, Mexiko-Stadt oder Sydney: Der Einfluss von Südostasiat*innen wächst nicht nur mit ihrer Zahl, sondern vor allem mit ihrer Organisierung und Teilhabe an gesellschaftlichen Strukturen. Auch innerhalb Südostasiens finden sich Diasporagemeinschaften aus der ganzen Welt zusammen.

Diesen Netzwerken und ihren Hintergründen widmen wir uns mit der vierten und letzten Ausgabe der südostasien im Jahr 2020. Einem Jahr, in dem Gemeinschaften durch die globale COVID-19 Krise für viele Belange noch einmal wichtiger geworden und enger zusammengerückt sind. Diese gewachsenen Strukturen werden in den folgenden drei Monaten in unserer Ausgabe näher beleuchtet. Dabei möchten wir sowohl ein Augenmerk auf politische als auch auf kulturelle sowie sozialintegrative Aspekte von Diasporastrukturen legen.

Teil einer Diasporagemeinschaft zu sein, bedeutet oft auch Selbsthilfe untereinander, um in der neuen Umgebung anzukommen. Infolgedessen bilden sich häufig tiefer gehende Strukturen, welche auch ökonomischen, politischen, kulturellen und sozialen Einfluss auf die Heimat nehmen. Gleichzeitig wird versucht, Diaspora-Communities zu instrumentalisieren, wie die Präsidentschaftswahlen in den Philippinen im Jahr 2016 zeigten. Beispiel Thailand: Die fortlaufenden Jugendproteste gegen die Regierung und für einen demokratischen Wandel werden auch von im Ausland lebenden Thailänder*innen weitergetragen und erfahren somit international Unterstützung.

Eine weitere Herausforderung, die sich aus der weltumspannenden Migration ergibt, ist das Fehlen der in der Diaspora lebenden Menschen auf den Arbeitsmärkten Südostasiens, beispielsweise im Gesundheitssektor. Die massenhafte Auswanderung von Fachkräften (Brain Drain) ist mittlerweile für viele Herkunftsländer zum Problem geworden. Arbeitsmigrant*innen wirken dem teilweise entgegen, indem sie im Ausland erworbene Fähigkeiten und Kenntnisse bei ihrer Rückkehr in ihr Heimatland mitbringen (Brain Gain und Brain Circulation).

Trotz oder gerade wegen dieser Erfahrungen gewinnen Diasporagemeinschaften an Einfluss. Projekte der Entwicklungszusammenarbeit adressieren mittlerweile Diasporagruppen und schätzen deren Expertise in kulturellen und politischen Fragen. Darüber hinaus werden Posten in der Lokalpolitik oder Sozialarbeit häufiger mit Menschen aus der Diaspora besetzt, da diese am besten die Perspektive ihrer jeweiligen Gemeinschaft einnehmen können. Dieser Form von Empowerment möchte unsere Ausgabe Ausdruck verleihen, indem sie diverse Stimmen der Diaspora versammelt und unseren Leser*innen näherbringt.

Im Interview mit drei Filipin@s der ersten und zweiten Generation in Österreich nimmt uns Jörg Schwieger mit in ein spannendes Projekt, bei dem es um die eigene Identität innerhalb der Diaspora und in der philippinischen Heimat geht. Unser Redaktionsmitglied Stefanie Zinn interviewte die vietdeutsche Podcasterin Minh Thu Tran zu ihren Vorbildern, ihrer vietdeutschen Community und anti-asiatischem Rassismus in Deutschland. Mit Andi Pratiwi sind wir zu Besuch beim indonesischen Seemansclub in Hamburg. Joan Chun hat für uns Parallelen zwischen anti-asiatischem und anti-Schwarzem Rassismus während der COVID-19 Pandemie in den USA analysiert und berichtet anhand der Cambodian American Literary Arts Association, wie Solidarität zwischen verschiedenen Diaspora-Gemeinschaften aussehen kann. Anas Ansar und Abdu Faisal Md. Khaled machen uns mit der aktiven Rolle von Frauen als transnationale Aktivist*innen in der weltweiten Rohingya-Diaspora bekannt.

Viele Artikel in dieser Ausgabe verdeutlichen, dass in der Diaspora zu leben auch immer bedeutet, Teil einer Minderheit innerhalb der dortigen Mehrheitsgesellschaft zu sein. Dies geht oft mit rassistischen Anfeindungen und Diskriminierungserfahrungen einher. Zu Anfang der COVID-19- Pandemie berichteten viele Menschen aus asiatischen Diasporagruppen darüber, wie sie in ihren europäischen Heimatländern offen angefeindet und mit dem Virus in Verbindung gebracht wurden. Diaspora hat hier auch die Funktion eines geschützten Raums, innerhalb dessen sich Betroffene geborgen fühlen und ihre Erfahrungen teilen können. Diesen und zahlreichen weiteren Facetten der Corona-Krise wird sich übrigens die nächste Ausgabe der südostasien widmen (zum Call for Paper Ausgabe 1/2021), für die noch Beiträge eingesendet werden können.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen unserer Ausgabe 4/2020.

Das Redaktionsteam

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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Myanmar/Asien/Europa/USA: Rohingya-Frauen übernehmen in der Diaspora häufig eine aktive Rolle im transnationalen Aktivismus. Für ihren Artikel interviewten unsere Autoren Rohingya-Aktivistinnen auf der ganzen Welt.

Jahrzehntelange Militärregierung, ethnische Konflikte und staatlich geförderte Gewalt haben einen massiven Exodus der Rohingya-Gemeinde aus dem Bundesstaat Rakhine in Myanmar ausgelöst. Heute befindet sich die Mehrheit der fast drei Millionen Rohingya im Exil.

Als Folge hat humanitäres Engagement für geflüchtete Rohingya stark zugenommen. Dies führt zu einem stärkeren Engagement bei humanitären Akteur*innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen der Rohingya selbst; insbesondere in Ländern, in denen sie eine beträchtliche Diaspora bilden. Das hat für viele Frauen eine Gelegenheit geschaffen, aus ihrer traditionellen Rolle auszubrechen und aktiv an der Mobilisierung der Rohingya-Diaspora mitzuwirken.

Humanitäre Hilfe bietet Chancen

Frauen der Rohingya-Diaspora sind, anders als im öffentlichen Diskurs oft dargestellt, aktive Akteur*innen, die in der Lage sind, aus traditionellen Rollen auszubrechen und gleichzeitig die Sache von Millionen vertriebener Rohingya voranzubringen. Wie verschaffen sie ihrer Stimme in den Ländern, in denen sie leben, Gehör und welche lokalen Faktoren begünstigen oder behindern diesen Prozess?

Wir haben dazu mit geflüchteten Rohingya-Aktivistinnen aus der ganzen Welt gesprochen. Wir wollten herausfinden, wie die Zwangsvertreibung und das Leben im Exil sie zu ihrer Rolle gebracht haben. Dabei wurde uns klar, dass der Konflikt in Myanmar und die daraus resultierende Vertreibung einen bedeutsamen Wandel in den traditionellen Geschlechterrollen der Rohingya ausgelöst und vielen Frauen die Möglichkeit gegeben hat, wichtige und sichtbare Akteur*innen der Zivilgesellschaft im Ausland zu sein. Dabei ist der intersektionale Rahmen zu berücksichtigen, da Race, Geschlecht, Alter, sozioökonomischer Status und die Situation im Gastland wichtige, sich überschneidende soziale Faktoren sind, die die Frauen in ihrem Aktivismus beeinflussen.

Geflüchteten-Lager als politische Räume

„Wir wollen, dass humanitäre Einsätze unseren spezifischen Bedürfnissen entsprechen und von unseren Stimmen geprägt werden“ sagt eine Rohingya-Aktivistin aus dem Geflüchtetenlager Kutupalong in Bangladesch.

Frauen engagieren sich überwiegend in der Selbstverwaltung von Geflüchteten und humanitären Hilfslieferungen. Sie übernehmen aber auch andere Aufgaben wie Journalismus, Online-Aktivismus, Menschenrechts-Aktivismus sowie pädagogisches und unternehmerisches Wirken.

Aufgrund der anhaltenden Vertreibungen der Rohingya sind die Geflüchteten-Lager in Thailand und Bangladesch ein Lebensraum, der über die zeitliche Begrenzung und den Notfallcharakter der Verwaltung hinausgeht. Daher sind Geflüchteten-Lager politische Räume, in denen ständig um das Recht gekämpft wird, das Leben in den Lagern zu gestalten und zu beeinflussen, wie sie verwaltet werden.

Einbringen in soziale Bewegungen am neuen Wohnort

In anderen Ländern, insbesondere in Malaysia, den USA und Kanada, weicht das Engagement von Frauen in den Gemeinden sehr von diesem Bild ab. Eine Rohingya-Journalistin aus Malaysia sagt:

Mehrere der interviewten Frauen sind Teil einer größeren Bewegung, deren Aktivismus sich nicht nur auf Themen beschränkt, die ausschließlich Rohingya-Gemeinschaft betreffen, sondern die Not von Minderheiten, anderen Geflüchteten und gefährdeten Bevölkerungsgruppen in ihren neuen Wohnorten vertritt. Einige der Aktivist*innen beteiligten sich auch an sozialen Bewegungen wie Fridays For Future in Schweden oder Black Lives Matter in den USA.

Bewahrung der Rohingya-Identität durch Online-Aktivismus

„Unser Ziel ist es, der globalen Rohingya-Gemeinschaft eine Plattform zu bieten, auf der sie sich selbst, über die aktuellen Mediennarrative hinausgehend, darstellen können“ sagt eine Digitaltrainerin aus Schottland.

Die zunehmenden Verbindungen zwischen den Diaspora-Mitgliedern bei zugleich großen räumlichen Distanzen zwischen ihnen, führten zu wachsendem Online-Aktivismus der Rohingya-Gemeinschaften. In den letzten Jahren haben mehrere Online-Kampagnen dazu beigetragen, Beziehungen zwischen den vertriebenen Rohingya-Gemeinschaften in verschiedenen Teilen der Welt wiederzubeleben, ihre Kultur neu zu gestalten und eine Plattform für den politischen Diskurs zu bieten.

Seit 2017 gibt es eine starke Zunahme von Rohingya-YouTube-Kanälen, Webseiten, Blogs und Fernsehkanälen. Eine beträchtliche Anzahl von Frauen ist Teil dieses Engagements. Es geht dabei nicht nur um die Behauptung einer kollektiven Identität, sondern auch um die Schaffung eines sozialen Bewusstseins. Zugleich wird dadurch die Sprache der Rohingya in gesprochener, aber auch geschriebener Form bewahrt. Eine junge Rohingya-Aktivistin, die als UNHCR-Freiwillige in Malaysia gearbeitet hat, sieht den Aktivismus in den sozialen Medien so:

Situation von Frauen in den Vordergrund rücken

Ein zentrales Ergebnis der aktiven Beteiligung von Frauen in der Diaspora ist, dass geschlechtsspezifischen Herausforderungen, denen die meisten Frauen ausgesetzt sind, Priorität eingeräumt wird. Oft fehlt es jedoch an konkreten Handlungen, die diese geschlechtsspezifische Dimension berücksichtigen. Aktivist*innen wollen sicherstellen, dass humanitäre Interventionen und die aufnehmenden Länder die besonderen Bedürfnisse von vertriebenen Frauen und Mädchen angemessen berücksichtigen. Mehrere Frauen leiten Organisationen, die sich für das Empowerment von Frauen und die durchgängige Berücksichtigung der Geschlechterperspektive in Fluchtprogrammen einsetzen. Auch wenn viele Menschen ihr ‚weibliches Engagement‘ in Frage stellen, wird im Diaspora-Aktivismus oft übersehen, dass häufig hierarchische Systeme fortbestehen, die Geschlechtergleichstellung ignorieren.

Kampf gegen Stereotype und festgefahrene Strukturen

Politische Partizipation und zivilgesellschaftliches Engagement von Rohingya-Frauen sind nie leicht, wie die Leiterin eines Rohingya-Frauenverbandes in Malaysia feststellt:

Es gab und gebe immer noch Stereotype darüber, was Frauen in der Gemeinschaft tun können und was nicht. Aber hier gelte es, selbstbewusst zu sein und nicht nachzugeben, so eine Befragte aus den USA. Die soziale und politische Teilhabe von Frauen wird dabei in erster Linie durch rechtliche und praktische Zwänge behindert. Die doppelte Verantwortung vieler Frauen in Familie und Aktivismus bringt sie oft in eine Situation, die viele als unlösbar bezeichnen. Weitere Faktoren sind mangelndes Wissen und Vertrauen, Sprachbarrieren, unzureichende Finanzierungsmöglichkeiten oder Mobilitätseinschränkungen.

Mobilisierung und transnationale Netzwerke

Für viele Frauen fühlen sich die Veränderungen, die sich im Diaspora-Aktivismus vollziehen, dennoch wie eine Zeitenwende an. Eine Befragte aus Bangladesch drückt dies so aus:

Als Konsequenz sind Rohingya-Frauen trotz erheblicher Fortschritte im Vergleich zu Männern nach wie vor unterrepräsentiert. Die Interviews zeigen, dass die Motivation der Frauen, sich zu mobilisieren und Netzwerke aufzubauen, vor allem von einem starken Gefühl des Transnationalismus abhängt. Ihre Handlungen werden dabei wesentlich von der Regierungspolitik Myanmars gegenüber den ethnischen Minderheiten der Rohingya geprägt. Darüber hinaus übt die Geflüchtetenpolitik der Regierung von Bangladesch und internationaler Organisationen Einfluss auf die Frauen aus.

Umfeld und soziales Kapital entscheidend für Diaspora Aktivität

Was erleichtert es einer transnationalen Diaspora, sich zu etablieren? Multikulturalismus ermöglicht es Diasporagruppen potenziell, ihre sozialen Bedürfnisse zu artikulieren und auf globale Probleme aufmerksam zu machen. Multikulturelle Städte bieten der Diaspora dringend benötigte sozioökonomische und politische Plattformen, die den Aufbau von Gemeinschaften und Netzwerken ermöglichen. Damit die Diaspora in der Lage ist, ihre Netzwerke zu erweitern und sich zu mobilisieren, muss die Politik der Zielländer sie mit einbeziehen. Nicht-restriktive Einwanderungsgesetze und die Akzeptanz anderer Kulturen sowie ein Arbeits- und Sozialumfeld ohne Diskriminierung sind dafür wesentliche Faktoren. Ein solches Umfeld ermöglicht es der Diaspora, Teil einer pluralistischen Gesellschaft zu sein, innerhalb derer sie sich engagieren und integrieren können. In den USA und in Europa beispielsweise engagieren sich Rohingya-Aktivist*innen für eine Vielfalt sozialer Fragen, im Falle Bangladeschs ist dies in hohem Maße geschlechtsspezifisch und begrenzt.

Ohne soziales Kapital und ein gewisses Maß an Bildung können diese Chancen nicht verwirklicht werden. Fast alle Befragten sind multilingual und sprechen sehr gut Englisch. Außerdem verfügt die Mehrheit der Befragten über einen hohen Bildungsgrad (höheren Sekundarschul- bis Universitätsabschluss). Geschlecht, Bildung und sozioökonomischer Status sind wichtige soziale Schnittmengen, die die Fähigkeit zur Teilnahme an zivilgesellschaftlichen Organisationen beeinflussen und in unterschiedlich privilegierte oder benachteiligte Positionen bringt.

Der technologische Fortschritt, insbesondere bei sozialen Medien, hat die Fähigkeit der Diasporagemeinden, ein Netzwerk aufzubauen, stark beeinflusst. Zudem hat die Internationalisierung vielen Frauen geholfen, nach vorne zu treten und die Debatte zu beeinflussen. In Myanmar hatten sie dazu oft keine Möglichkeit; es wurde ihnen nicht erlaubt, im öffentlichen Raum aktiv zu sein. Dies stellt eine neue Freiheit für viele Frauen dar und zeigt einmal mehr, wie wichtig der Zusammenhang zwischen sozialen Rechten und dem Zugang zur Zivilgesellschaft ist.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

 

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Indonesien/Deutschland: Auf hoher See um die Welt zu reisen und damit die Familie zu unterstützen, davon träumt so mancher Indonesier. Beim indonesischen Seemannsclub in Hamburg treffen sich Menschen, die dies in die Tat umgesetzt haben und denen die Hafenstadt zur zweiten Heimat wurde.

Hamburg gilt als Zentrum des internationalen Containerhandels und als ‚Tor zur Welt’. Es ist eine der großen Hafenstädte, in der auch indonesische Seeleute auf Landgang eine Pause einlegen. Manche bleiben für immer.

Einer dieser Seeleute ist Malik. 1974 verließ er als 21jähriger seine Heimatstadt Surabaya. Er konnte sein Architekturstudium aus finanziellen Gründen nicht fortsetzen. Obwohl seine damalige Freundin damit keine Schwierigkeiten hatte, waren der Abbruch seines Studiums und seine finanzielle Lage Grund genug für ihre Eltern, Malik als Schwiegersohn abzulehnen. Das frustrierte ihn.

Ein Freund, der Seemann war, fragte Malik, ob er daran interessiert wäre, mit ihm an Bord zu gehen. In Anbetracht der Umstände und seines gebrochenen Herzens willigte er ein. „Ich komme nur dann nach Hause zurück, wenn etwas aus mir wird“, sagte Malik, als er seine Familie verließ, ohne deren Einverständnis dafür zu haben. Die Schifffahrt gefiel ihm so gut, dass er weiter in unterschiedlichsten Bereichen auf Schiffen arbeitete. Als Seemann konnte er regelmäßig Geld an seine Eltern schicken und gleichzeitig ein abwechslungsreiches Leben genießen. Malik reiste acht Jahre um die Welt.

Per Schiff von Indonesien nach Hamburg

In den 1970er Jahren war es durchaus üblich, dass Seeleute nach durchschnittlich sechs Monaten Seefahrt in Hamburg von Bord gingen und einen monatelangen Landgang machten. Rund um die Reeperbahn gab es Bars und Diskotheken, in denen sie sich mit Frauen trafen, tranken und spielten.

Anfang der 1970er Jahre diente eine Wohngemeinschaft in der Hopfenstraße als Unterkunft für Seeleute auf Landgang. Die Wohnung umfasste vier Zimmer, in denen jeweils etwa zehn Seeleute untergebracht waren. Viele Seeleute reservierten Betten für ihren Landgang. Wenn sie den Ruf zum Einschiffen und Auslaufen erhielten, überließen sie ihr Stockbett einem neu angekommenen indonesischen Seemann.

Der ehemalige Seemann Bruri arbeitete für Hapag Lloyd in Jakarta und entschied sich, für die Arbeit mit seiner Familie nach Hamburg zu ziehen. Seeleuten, die für deutsche Reedereien arbeiteten, wurde schnell die deutsche Staatsbürgerschaft zugesprochen. Er kaufte ein Haus in der Seilerstraße. Einige Jahre später begann er, indonesische Seeleute während ihres Landgangs in seinem Haus schlafen zu lassen. Neben seiner Familie machten dort auf einmal etwa 40 Seeleute Rast, die verschiedenen Religionen und Ethnien Indonesiens angehörten. In den folgenden Jahren mieteten sich viele Seeleute in der Straße ein und boten damit auch ihren Mitfahrenden die Möglichkeit, sich im Stadtzentrum auszuruhen.

Kontakt zu anderen Diasporagruppen, aber auch der Polizei

Bei ihren Kneipenbesuchen auf der Reeperbahn machten die Seeleute viele Bekanntschaften. „Wir waren in den Augen der deutschen Frauen damals wegen unserer langen Haare und unserer braunen Haut sehr attraktiv“, sagte Malik. In einem Imbiss auf dem Spielbudenplatz trafen sich indonesische Seeleute auch mit Seeleuten aus anderen Ländern, wie etwa den Philippinen. Dabei kam es auch zu Spannungen zwischen den Gruppen, Auslöser waren meistens Glücksspiel oder Frauen. Als Folge grenzen sich viele indonesische Seeleute bis heute oft von Seeleuten anderer Nationalitäten ab.

Kontakt mit der Hamburger Polizei war für die Seeleute nicht ungewöhnlich. Probleme ergaben sich aus abgelaufenen Aufenthaltsgenehmigungen. Es bestanden Vorurteile seitens der Staatsgewalt. Einmal sagte ein Polizeibeamter zu Fadil, der wegen einer Schlägerei inhaftiert war: „Wenn ich eine Gruppe arbeitsloser Indonesier auf der Straße sehe, frage ich mich, wie sie überleben wollen.“ Fadil antwortete: „Wenn Sie eine Gruppe von zehn arbeitslosen Indonesiern auf der Straße sehen und einer von ihnen Geld hat, werden die anderen neun nicht hungern.“

Malik wurde verhaftet, weil er in eine Schlägerei in einer Diskothek involviert war. Als die Polizei seinen Reisepass kontrollierte, fand sich darin kein Stempel seiner Ankunft in Hamburg. In seiner Brieftasche befanden sich jedoch Zugfahrkarten aus den vergangenen sechs Monaten, die zeigten, dass er seine Aufenthaltsgenehmigung in Hamburg überschritten hatte. Daraufhin wurde er für drei Monate inhaftiert und ihm wurde mit der Ausweisung gedroht. Seine deutsche Freundin bot ihm Hilfe an, um seine Haft und Abschiebung zu verhindern. Malik willigte ein und heiratete sie. Gemeinsam bekamen sie zwei Kinder und haben mehrere Enkelkinder.

Viele der indonesischen Ex-Seeleute, die sich in Hamburg niederließen, erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft aufgrund ihrer Ehen mit deutschen Frauen. Andere setzten ihre Ausbildung in Deutschland fort, arbeiteten, zahlten Steuern und beantragten schließlich so die Staatsbürgerschaft.

Indonesische Identität in der hanseatischen Großstadt

Seit den 1970er Jahren treffen sich die ehemaligen Seeleute jeden Freitag in der Hamburger Innenstadt. Das erste Treffen fand auf St. Pauli statt, wo die meisten von ihnen früher wohnten. Anschließend zogen sie in die ehemalige Bibliothek in der Mönckebergstraße um.

Seit einigen Jahren treffen sie sich nun in einem Café in einer nahe gelegenen Einkaufspassage. Die Gemeinschaft nennt sich selbst Indonesia Seaman Club (INSEAC). Die Zusammenkünfte bieten ihnen die Gelegenheit, ihre indonesische Identität aufrechtzuerhalten: Indonesisch zu sprechen, indonesisches Essen zu teilen, über Politik zu diskutieren und persönliche Geschichten auszutauschen.

Regelmäßiger Austausch innerhalb der indonesischen Diaspora

Manchmal bringt jemand aus der Runde eine Gitarre mit. „Alle Ex-Seeleute hier können Gitarre spielen, alle können singen“, sagt Sapri Ambomasse, Vorsitzender des INSEAC. Es werden immer noch Lieder aus den 70ern gesungen, von Koes Plus, The Panber’s, The Mercy’s und D’lloyd. „Wir sind alle Teile einer Familie, die ihr Zuhause aus der gleichen Motivation heraus verließen, nämlich die wirtschaftliche Situation ihrer Verwandten daheim zu verbessern. Die um die Welt segelten, ähnliche Abenteuer erlebten und sich in der gleichen Stadt niederließen“, fügt er hinzu.

Anlässe wie Geburtstage, Hochzeiten, Idul Fitri (Fest zum Ende des muslimischen Fastenmonats) oder ein einfaches Buffet werden gemeinsam begangen. Auch interreligiöse sowie ethnisch und kulturell übergreifende Treffen fanden in der Kirche in der Ferdinandstraße oder bei Mitgliedern zu Hause statt. Am Weihnachtstag zeigt die Gemeinschaft ihre Gastfreundschaft, mit der sie Menschen verschiedenster Religionen im Generalkonsulat willkommen heißt.

Auch in Notfällen sind die Seeleute füreinander da. „Wenn jemand krank ist, statten wir ihm einen Besuch ab und unterhalten uns mit ihm, damit er sich nicht allein fühlt“, sagt Musa, einer der Ex-Seeleute. INSEAC hat in den letzten Jahren einen Teil seiner Stammbesetzung verloren, da viele Mitglieder älter geworden oder bereits verstorben sind.

Sapri Ambomasse erzählt, dass auch jährliche Versammlungen unter dem Namen Sabang Merauke abgehalten werden. Das Treffen wurde 2016 vom INSEAC ins Leben gerufen und wird vom indonesischen Konsulat unterstützt. Sabang Merauke ist ein nationalistischer Begriff Indonesiens, der Menschen unterschiedlicher ethnischer und religiöser Herkunft von Sabang (im westlichsten Teil Indonesiens) bis Merauke (im östlichsten Teil Indonesiens) zusammenbringen soll. Dieses Treffen ist auch für andere Menschen der indonesischen Diaspora in Hamburg offen. Es treten Musikgruppen einzelner Communitymitglieder auf, dazu wird indonesisches Essen serviert. Das Treffen ist somit Ankerpunkt für Solidarität und familiärer Atmosphäre innerhalb der Diaspora.

Fernweh nach der indonesischen Heimat

Viele der INSEAC Mitglieder vermissen ihr Heimatland und schwelgen in nostalgischen Erinnerungen an das Indonesien, das sie in den 1970er Jahren verlassen haben. Die meisten von ihnen besuchen das Land alle paar Jahre. Dann bringen sie traditionell Oleh-Oleh (Souvenirs) aus Deutschland für jedes Familienmitglied mit. Wenn sie Indonesien besuchen, müssen sich viele von ihnen wieder an die indonesische Kultur gewöhnen, die sie durch ihr Leben in Deutschland nicht mehr gewohnt sind.

„Du nimmst etwas von der deutschen Persönlichkeit in Dir auf, wenn Du jahrzehntelang in Deutschland gelebt hast. Während wir dort gelernt haben, im Umgang mit Menschen sehr geradlinig zu sein, würde dies Javaner*innen oft verletzen. Sie sind sehr höflich und empathisch. Ich muss meine Kritikpunkte manchmal etwas beschönigen“, erzählt Malik lachend, als er über seine Erfahrungen beim Besuch bei seiner Familie berichtet.

Auch was das Kulinarische angeht, müssen sich viele Heimkehrende umstellen. „Manchmal dauert es bis zu einer Woche, bis ich indonesisches Straßenessen essen kann, ohne dass mein Magen grummelt. Zum Zähneputzen verwende ich meist Trinkwasser aus Flaschen. Mein Körper ist anders eingestellt als vor 50 Jahren, als ich weggegangen bin.“

Deutsch-indonesisches Familienleben

Heute bestehen die Familien vieler Seeleute aus deutsch-indonesischen Kindern und Enkelkindern, die alle deutsch sprechen. Viele ihrer Urenkel*innen besuchen Indonesien kaum. Doch oft benötigen die ehemaligen Seeleute Hilfe ihrer deutschen Familie für bürokratische Angelegenheiten. Diejenigen, die Muslime sind, haben ihren Kindern den Glauben zwar nahe gebracht, ihn aber nicht aufgezwungen. Die Heirat ist für den Großteil ihrer Familie freiwillig und keine Pflicht.

Einige der ehemaligen Seeleute sind nach ihrer Pensionierung nach Indonesien zurückgekehrt, während andere in Hamburg geblieben sind. Eine Rückkehr nach Indonesien war auch der ursprüngliche Plan von Malik und seiner Frau. Dann erkrankte seine Frau und benötigt nun dauerhaft deutsche Gesundheitseinrichtungen. Den Traum, zusammen in Indonesien zu leben, mussten die beiden aufgeben. Stattdessen kümmert sich Malik heute im Ruhestand um seine Frau.

„Wir wollten erst zurückgehen, wenn etwas aus uns geworden ist. Wir haben Erfolg im Leben gehabt, weil wir unsere Familie zu Hause unterstützen konnten. Das ist unser Stolz“, sagt er.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Vietnam/Deutschland: Das Buch ‚Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind?’ sammelt nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse über die vietnamesische Diaspora sondern lässt junge Viet-Deutsche aus ihrem Leben berichten. Gerade diese Passagen machen das Buch besonders lesenswert.

Die Integration von Migranten ist eines der wichtigsten politischen Themen in Deutschland. Googelt man die Schlagworte Integration von Migranten findet man fast 90 Millionen Treffer. Gesprochen wird aber vor allem ÜBER Migrantinnen und Migranten – weniger MIT ihnen. Deshalb ist es verdienstvoll, dass das soziale Unternehmen VLab Berlin und die Rosa-Luxemburg Stiftung in dem Sammelband Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind? – Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel auch das Gespräch mit Menschen aus dieser Gruppe suchten. Im Mittelpunkt stehen Fragen zu Identität und Herkunft sowie zu Bildung, Kultur, Rassismus und zum Generationenkonflikt.

Das Narrativ vom Bildungswillen der Vietnamesen

Im ersten Kapitel befasst sich der Pädagoge Nguyen Minh Hoang mit grundlegenden Aspekten des interkulturellen Zusammenspiels. Bezogen auf Vietnam führt er, um Begriffe wie ‚Deutsch-Vietnamesen’ zu vermeiden, den Begriff ‚vietnamesische Diaspora’ ein, der im vorliegenden Band durchgängig verwendet wird. Anknüpfend an eine vielfach in den Medien verbreitete Erzählung über den vermeintlichen Bildungswillen der Vietnamesen befasst er sich ausführlich mit dieser These (vgl. dazu auch Interview mit Minh Thu Tran auf suedostasien.net). Hier finden sich neue Aspekte, die über den bloßen Hinweis auf Traditionen des Konfuzianismus hinausgehen. Er behauptet zum Beispiel, dass der Druck vietnamesischer Eltern auf ihre Kinder aus dem Wunsch resultiere, über den schulischen Erfolg der Kinder Anerkennung für sich selbst zu erlangen.

Mit der Frage, wie neu ankommende Eltern ihre Kinder erziehen können beziehungsweise sollen, setzt sich in einem weiteren Kapitel ein deutsch-vietnamesisches Team von vier Autor*innen auseinander. Im Rahmen des Sonderforschungsbereiches Affective Societies der Freien Universität Berlin erforschten sie, wie vietnamesische Eltern in Berlin die Erziehungshilfe und ihre einzelnen Angebote erleben und welche Einstellungen und Emotionen sie diesen entgegenbringen. Bei dem Forschungsprojekt ging es nicht darum, zu erkunden, welche Erziehungsziele oder -ideale vietnamesische Eltern haben, sondern darum, wie das im Jugendschutzgesetz normierte Erziehungsideal des Mittelstands den in Deutschland lebenden vietnamesischen Eltern beigebracht wird. Dass dies auf Vorbehalte und Ängste stößt, wird in dem Beitrag anschaulich dargelegt. Überraschend ist dies allerdings nicht, da es sicherlich kein Spezifikum der vietnamesischen Diaspora ist.

Ebenfalls mit wissenschaftlichen Methoden nähert sich Max Müller, ebenfalls Mitarbeiter der Forschungsgruppe Affective Societies in Berlin, dem Leben im vietnamesischen Berlin an. In seinem Beitrag über deutsch-vietnamesische Freundschaft befasst er sich mit der ‚Doppelfunktion als weißer Freund und Forscher’. Sein Fazit ist, dass er trotz persönlicher Freundschaften doch oftmals im Schema Wir und Sie verhaftet bleibe.

Vertreter*innen der Diaspora erzählen

Die wissenschaftlichen Beiträge werden ergänzt durch Aussagen von Menschen aus der vietnamesischen Diaspora. Diese Gesprächsmitschnitte, in denen sich Personen untereinander über ihre Erfahrungen unterhalten, waren für mich am interessantesten. Dazu gehören im Kapitel Über Grenzen Thuy Trang Nguyen, Thi Minh, Huyen Nguyen, Minh Duc Pham und Dieu Hao Do sowie die vier Geschwister Anh-Thu, Anh-Thy, Quang-Minh und Thuy Vi, die im Kapitel Wenn Eltern und Kinder keine Muttersprache teilen über ihre Vorbehalte reden, Vietnamesisch zu sprechen. Thuy Vi: „Ich war so sehr damit beschäftigt, mich zu integrieren und Deutsch zu fühlen, dass ich alles, was mit der vietnamesischen Kultur in Verbindung gebracht werden konnte, total abgelehnt habe und es als rückständig empfand, wenn man sich in der vietnamesischen Community bewegt.“ Hier begegnet man Passagen, die – wie diese Aussage – überraschen.

Das Kapitel Mein Name bedeutet Frieden erzählt Nhu Mi, Tochter eines Vertragsarbeiters, der 1987 in die DDR kam, aus dem Leben der Familie und wie sie nach dem Fall der Mauer erlebten, dass „die neu gewonnene Freiheit“ nicht für „die so genannten Schwarzköpfe“ galt. „Nur der Nachweis einer angemessenen Verwertung, d.h. eines Arbeitsverhältnisses, legitimiert(e) unser Dasein.“ Die Angst zu versagen, prägt die Kindheit des Mädchens. Sie erlebt extrem rassistische Anfeindungen – nicht nur von Klassenkamerad*innen sondern auch von Lehrkräften. Aber sie schafft es aufs Gymnasium und an die Hochschule und hat beruflichen Erfolg.

Weiße Mehrheitsgesellschaft mit Vorurteilen

Wie ein roter Faden zieht sich ein Gegensatz durch das Buch: „In einer weißen Mehrheitsgesellschaft stehen die People of Color permanent vor der Herausforderung, Grenzen zu hinterfragen und zu überschreiten.“ Die ‚weiße Mehrheitsgesellschaft’ jedoch bleibt auf ganz verschiedene Art in einer vorurteilsbehafteten Denkweise stecken. Dies geschieht nicht nur im rechten sondern auch im linken Lager. So erzählt eine Schülerin, wie eine Lehrerin als Kind zu ihr sagte: „Ihr Vietnamesen seid so stark, ihr habt die USA besiegt mit nur Bambusstöcken“. Das Mädchen hat den Krieg aber weder erlebt noch identifiziert sie sich mit ihm. Sie findet den gut gemeinten Hinweis alles andere als hilfreich.

Die unmittelbaren Aussagen der Personen der Diaspora machen die Stärke des Buches aus. Die wissenschaftlich orientierten Beiträge wirken manchmal steril und wie eine Bestätigung des schlechten Gewissens einer weißen akademisch geprägten Mittelstandsschicht, die im Westen der Bundesrepublik sozialisiert wurde.

Sowohl die persönlichen Aussagen als auch die sozialwissenschaftlichen Aspekte beziehen sich auf den Zeitraum nach 1990. Kapitel über die vietnamesische Diaspora in Tschechien und über die Neue Migration aus Vietnam nach Deutschland ergänzen den Sammelband.

Doch: Sowohl in der DDR als auch in der BRD gab es ein ‚Zuvor’. Genau diese Zeit vermisse ich in diesem Sammelband Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel. Genauso fehlen zumindest einige historische Erklärungen, ohne die Bemerkungen über den Kommunismus in (Süd)Vietnam, die ‚Bruderhilfe’ der DDR oder die Probleme nach dem Anschluss der DDR an den Westen leider nicht zu verstehen sind.

Rezension zu: VLab Berlin (Hg.). Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind? Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel. regiospectra Verlag. 2020. 136 Seiten

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

USA/Kambodscha: Die Rhetorik in der Corona-Krise hat erneut Parallelen zwischen anti-asiatischem und anti-Schwarzem Rassismus deutlich gemacht. Als Konsequenz begannen viele Gruppen, sich zu solidarisieren und ihre Kämpfe zu verbinden, zum Beispiel die Cambodian American Literary Arts Association

Das Alarmsignal für mehr Solidarität untereinander war in diesem Jahr laut und deutlich zu vernehmen. Während die Welt gegen eine globale Pandemie kämpft, haben viele von uns nach wie vor mit dem Kampf gegen rassistische Benachteiligung zu tun. Mit aufgesetzten Masken und handgeschriebenen Plakaten oder Schildern, die hoch in die Luft geschwenkt werden, entscheiden sich Gemeinschaften aus der ganzen Welt, einschließlich derer aus der kambodschanischen Diaspora, solidarisch zusammenzustehen. Das Adrenalin, das dabei freigesetzt wird und durch die Straßen schwappt, ist förmlich greifbar.

Anti-asiatischer Rassismus während der Corona-Pandemie

Sich zu engagieren und sich an den gegenwärtigen sozialen Bewegungen zu beteiligen, erfordert viel Mut, Opfer und das bewusste Eingehen von Risiken. Zu Beginn der Pandemie und aufgrund vermehrter rassistischer Rhetorik wurden asiatische Amerikaner*innen wiederholt angefeindet. Menschen mit asiatischen Wurzeln dienten als Zielscheibe und wurden Opfer hasserfüllter Taten. Antirassistische Bewegungen, die es zuvor bereits gab, wollten dem etwas entgegensetzen und klar machen, dass Asiat*innen – anders als so oft behauptet – eben kein Virus sind.

Die Spannung war bereits hoch. Als George Floyd am 25. Mai 2020 ermordet wurde, wuchs die antirassistische Bewegung noch einmal, da die Demonstrierenden nun auch gegen die Brutalität der Polizei kämpften. Viele Menschen aus der kambodschanischen Diaspora in Amerika stellten sich an die Seite der Schwarzen Bevölkerung, um gegen diese Ungerechtigkeiten aufzubegehren. Dies geschah jedoch nicht immer ohne Kritik von Mitgliedern aus unserer eigenen Gemeinschaft. „Ihr seid keine Schwarzen. Warum engagiert ihr euch dafür?“ hieß es oft. Unsere Antwort darauf lautet: „Das Leben von Kambodschaner*innen ist wichtig. Aber alle Leben sind gleich wichtig.“

Kämpfe gegen Diskriminierung verbinden

Häufig bekamen wir dennoch zu hören, dass wir zuerst unserer eigenen Gemeinschaft helfen sollten. Diese Reaktionen auf die Black Lives Matter-Bewegung (BLM) waren teilweise sehr entmutigend. Aber sie hielten diejenigen, die verstehen, dass die Befreiung von asiatischen Amerikaner*innen und Afroamerikaner*innen miteinander verbunden sind, nicht davon ab, weiter zu demonstrieren. Wie Dr. Martin Luther King Jr. sagte: „Niemand ist frei, bis wir alle frei sind“. Hätte die kambodschanische Diaspora in den USA dieselben Freiheiten ohne die Opfer, welche die Schwarze Gemeinschaft in der Geschichte erbracht hat und ohne die Bürgerrechtsbewegung? Wir müssen uns an diejenigen erinnern, die uns den Weg zum Schutz unserer eigenen Menschenrechte geebnet haben, lange bevor wir es konnten.

Ein weiterer Aspekt in der Debatte ist, dass uns klar werden muss, welche Vorurteile uns selbst beigebracht wurden. In dem Moment, als einige von uns auf ihre eigene Erziehung zurückblickten, wurde vielen klar: Anti-Schwarzer Rassismus wurde uns schon in jungen Jahren anerzogen. Man sah auf dunklere Haut herab, und hellere Haut wurde bewundert. Es wurde deutlich, dass genau dies ein Teil des Problems ist. Um eine stärkere Gemeinschaft aufzubauen und Verbündete im Kampf gegen Rassismus zu werden, müssen wir das Problem anerkennen und die toxischen Erzählungen, die man uns beigebracht hat, aktiv wieder verlernen. Dazu müssen wir in der Lage sein, miteinander zu kommunizieren und bereit dazu sein, neue Dinge zu erlernen.

Sich Sprache bewusst machen, um Rassismus zu verlernen

Die Cambodian American Literary Arts Association (CALAA) hat als Lehre aus diesen Erkenntnissen aktive Schritte unternommen, um das Gespräch über Anti-Schwarzen Rassismus und die Black Lives Matter-Bewegung zu unterstützen und zu fördern. Dank des Engagements und der Leitung von Lena Sarunn, der Exekutivdirektorin der CALAA, begann die Vereinigung, mit Gemeindepartner*innen in Massachusetts und Minnesota zusammenzuarbeiten, um das Black Lives Matter Translation Project zu entwickeln. Der erste Schritt, den die Menschen in unserer Gemeinde tun können, besteht darin, die verschiedenen Wörter und Sätze zu lernen, die nötig sind, um miteinander zu kommunizieren und sinnvolle Gespräche über Rassismus und Anti-Schwarze Diskriminierungsformen zu führen. Das Black Lives Matter Translation Project bietet Wörter und Redewendungen in Khmer und Englisch mit erläuternden Audiospuren in Khmer als Hilfsmittel für diese Gespräche an. Es besteht auch die Möglichkeit einer wörtlichen Übersetzung ins Englische, da es manchmal schwierig ist, Wort für Wort zu übersetzen. Die wörtliche Übersetzung von Black lives matter in Khmer lautet zum Beispiel: Schwarze Leben sind ebenso wichtig.

Nutzer*innen können dabei auch lernen, was Begriffe wie ‚Rassismus’, ‚weißes Privileg’ und ‚Allyship’ bedeuten und wie sie jeweils ausgesprochen werden. Die Hoffnung von CALAA ist, dass dieses Hilfsmittel eine nützliche Wirkung entfalten kann, sei es in Gesprächen mit der Familie, Freunden oder anderen Bekannten. Indem wir ein Wort nach dem anderen bestimmen, können wir positive, wünschenswerte Veränderungen für eine bessere, antirassistische Zukunft herbeiführen.

Wichtige Wörter und Phrasen zum Thema in Khmer können im Verzeichnis des Projektes nachgelesen werden.

Gemeinsame Diaspora-Erfahrungen teilen

Darüber hinaus sammelte CALAA verschiedene Perspektiven aus der kambodschanischen Diaspora im ganzen Land in Bezug auf die Black Lives Matter-Bewegung (BLM) und stellte sie in einer Publikation zusammen. Diese hat vor allem zum Ziel, das Thema in Südostasien bekannter zu machen. Wenn man die Möglichkeit hat, aufzuschreiben, wie man sich fühlt, und diese Gedanken austauschen kann, ist das ein wirkungsvoller Weg, um Verbindungen untereinander herzustellen. Wie die kambodschanisch-amerikanische Dichterin Sabrina Im als Teil ihrer Sichtweise der BLM feststellt: „Wir alle durchleben eine Pandemie und einen historischen Einschnitt. Aber wenn unsere südostasiatischen Gemeinschaften zusammenkommen können, vereint gegen Ungerechtigkeit, hoffe ich, dass wir uns alle daran erinnern, was Hoffnung und kollektive Solidarität bedeuten“.

Wie sehen Solidarität und Allyship in Zeiten wie diesen aus? Ein großer Teil davon besteht darin, Vordenker*innen von Schwarzen-Bewegungen und den Menschen in Schwarzen Gemeinschaften aktiv zuzuhören. Diese Form der Solidarität hebt schwarze Schriftsteller*innen, Künstler*innen und Kreative hervor. Sie nutzt Ihre Macht als Verbraucher*in, um Unternehmen, die von Schwarzen Menschen geführt werden, zu unterstützen. Sie stärkt auch ihre politische Stimme und geht an die Wahlurnen, um für diejenigen zu stimmen, die Rassismus verurteilen.

Erziehungsmuster verändern, um Gemeinschaft zu schaffen

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verständnis dafür, wie eng unsere Gemeinschaften miteinander verflochten sind. Ein afrikanisches Sprichwort besagt: „It takes a village to raise a child.” Alle Kinder, auch die mit bikulturellem oder multikulturellem Hintergrund, müssen wissen, dass wir alle zueinander stehen und dass sie in allen Räumen akzeptiert werden. Egal, ob sie sich nun als kambodschanisch, als Schwarz oder als Schwarze Kambodschaner*innen sehen.

Rassismus wird nicht über Nacht verschwinden. Wir können protestieren, wir können Artikel schreiben, wir können spenden. Aber am wichtigsten ist, dass wir immer solidarisch zusammenhalten müssen, damit in unserer nahen Zukunft und für kommende Generationen ein echter antirassistischer Wandel stattfinden kann.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Vietnam/Deutschland: Weil ihr die Repräsentation von vietnamesischen und vietdeutschen Menschen in der deutschen Öffentlichkeit und den Medien bisher gefehlt hat, nimmt Minh Thu Tran dies selbst in die Hand. Im Interview erzählt sie von Vorbildern, isoliertem Aufwachsen und alltäglichem Rassismus.

Wie würdest du vietdeutsche Diasporagemeinschaften in Deutschland beschreiben?

Sehr, sehr divers. Die vietnamesische Diaspora in Deutschland setzt sich aus verschiedenen Gruppen zusammen. Da wären die Boat People [Schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen flohen nach Ende des Vietnam-Krieges 1975 vor allem aus Südvietnam. Da sie zumeist über das offene Meer flüchteten, wurden sie als Boat People bekannt, d.R.], die Vertragsarbeiter*innen [Die DDR und Vietnam schlossen 1980 ein Abkommen zur Übernahme von Vertragsarbeiter*innen, von denen viele auch nach Ende der DDR in Deutschland geblieben sind, d.R.] und die zweite Generation, die eigentlich wenig zu tun hat mit den Konflikten ihrer Eltern. Diese Konflikte zwischen Nord und Süd spielen noch eine Rolle für bestimmte, auch nicht alle, älteren Gruppen, aber für uns Junge fast gar nicht mehr. Der Bezug zum Heimatland und der Bezug zu Deutschland ändert sich immer wieder, je nach dem, zu welcher Gruppe man gehört. Die jüngere Migration aus Vietnam nach Deutschland, das sind oft Menschen aus Zentralvietnam – viele aus den ärmeren Provinzen des Landes. Sie kommen her, um Arbeit zu suchen, zum Beispiel in Nagelstudios und Restaurants. Außerdem kommen einige Studierende aus Vietnam, die an deutschen Universitäten studieren wollen.

In eurem Podcast habt ihr erzählt, dass ihr beide in Kleinstädten groß geworden seid und deswegen weniger Kontakt mit vietdeutschen Communities hattet. Wo liegen die Unterschiede zwischen Diasporagemeinschaften auf dem Land und in der Stadt?

In der Stadt wächst man weniger isoliert auf. Dort gibt es oft eine Community, in der du dich spiegeln kannst. Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen wie man selbst. Auf dem Land bist du relativ alleine als Vietdeutsche*r.

Vanessa hat anfangs versucht, alles Vietnamesische von sich weg zu stoßen und zum Beispiel ihren Namen von ihrem Geburtsnamen Hồng Vân in Vanessa geändert. Diese Entwicklung ist Zeichen eines Wunsches nach Assimilation, den ich bei vielen Kindern und Jugendlichen, die isoliert von vietnamesischen Communities aufwachsen, beobachten kann.

Wie bist du heute in vietnamesische Diaspora-Communities eingebunden?

Ich habe mir im Studium aktiv diese Communities gesucht und meine eigene Community mit dem Rice-and-Shine-Podcast selbst geschaffen. Wenn man isoliert aufwächst, orientiert man sich an den Medien oder Sachen, die einen umgeben. Ich habe mir oft den Asian-American YouTube-Content angeguckt, Vanessa hat sich im Studium mit Vietnam beschäftigt und ist für ein halbes Jahr nach Vietnam gezogen. Jede*r sucht sich seinen/ihren Weg. Als wir uns kennen lernten, hatten wir eine unfassbare Spiegelfläche, weil wir sehr ähnlich aufwuchsen. Unsere Studienfächer Politikwissenschaften und Ethnologie sind themen-mäßig ähnlich. Auf dieser Basis haben wir mit dem Podcast angefangen, uns eine Community aufzubauen. Von Vietdeutschen bekommen wir fast täglich Feedback zu diesem Projekt. Da kommen Emails mit seitenlangen Lebensgeschichten von Leuten, die sich in unserem Podcast wieder finden oder andere Erfahrungen gemacht haben. Der Austauschbedarf ist groß.

Wie würdest du das Verhältnis zu Bekannten, Freund*innen und Verwandten in Vietnam selbst beschreiben?

Persönlich habe ich sehr intensiven Kontakt zu meiner Familie in Vietnam. Es gibt auch Familien mit schwierigeren Beziehungen untereinander, da sie so weit voneinander getrennt leben. Neid, Unverständnis und gewisse Erwartungen spielen eine Rolle. Die Situation ist von Familie zu Familie unterschiedlich und davon abhängig, ob die Familien aus der Stadt oder vom Land kommen, aber auch von persönlichen und politischen Hintergründen. Der Austausch zwischen dem Heimatland und der Diaspora ist sehr stark vorhanden.

Wie gestaltet sich die Vernetzung zu vietnamesischen Diasporagemeinschaften in anderen Ländern?

Viele vietnamesische Familien leben verstreut, vor allem die Boat-People-Familien: Da sind welche in Deutschland, in Frankreich, in Großbritannien oder in Amerika. Auf dieser Basis passiert der Austausch. Medialer Content aus Amerika gibt uns hier eine Orientierungsmöglichkeit, in welche Richtung sich die Community entwickeln kann, auch wenn sich nicht alles eins-zu-eins auf Deutschland übertragen lässt. Die machen dort schon sehr viel Community-Arbeit und das schon sehr lange.

Sind Vietdeutsche mittlerweile hierzulande besser repräsentiert, als es noch vor ein paar Jahrzehnten der Fall war?

Ja, ein bisschen mehr kommt schon. Wir schaffen uns unsere eigenen Möglichkeiten, es gibt Podcastmacher*innen, Theatermacher*innen und Schauspieler*innen, die eigene Stücke schreiben, aber noch sind sie nicht im Mainstream angekommen. Vor etwa 20 Jahren war die Moderatorin Minh-Khai Phan-Thi oft bei VIVA zu sehen; sie war ein vietnamesisches Gesicht, das ich im Fernsehen sah und dachte: „Wow die sieht aus wie ich.“ Ich denke, die vietnamesische Community war in den 1990er Jahren vor allem noch darauf erpicht, möglichst nicht aufzufallen, auch weil es viele rassistische Übergriffe gab.

Heute agiert vor allem die zweite Generation anders, nach dem Motto „Nein, wir sind hier, wir können laut sein, wir können sichtbar sein, wir sollen sichtbar sein“. Dafür steht unser Podcast, aber dafür stehen auch beispielsweise viele junge vietdeutsche TikToker*innen, mit einer zum Teil sehr großen Reichweite. Ein Beispiel wären die Geschwister Bao Chii und Henry, oder Saint Linh und ihr Bruder Son. Die haben eine unfassbar große Anzahl an Follower*innen auf TikTok und sagen einfach ganz selbstverständlich „Ja, wir sind vietdeutsch, wir machen auch Asian Content, wir sind Asian, wir machen das“. Das ist sehr erfrischend und unterhaltsam, das finde ich ganz schön.

Ihr habt in eurem Podcast über deutsche Ersatzverwandte gesprochen, die euer Leben begleitet haben, was hat es damit auf sich?

Nach der Wende, als für die Vertragsarbeiter*innen jegliche alltäglichen und staatlichen Strukturen zusammengebrochen sind und es keine Unterstützung gab, haben oft deutsche Menschen aus der Nachbarschaft eine Unterstützer*innenrolle eingenommen. Für viele sind diese auch zum Familienersatz geworden. Wir waren sonntäglich bei ihnen zu Kaffee und Kuchen, sie haben uns vom Kindergarten abgeholt, wir haben sie Oma/Opa oder Tante/Onkel genannt und in den Ferien waren wir oft zum Spielen dort. Dieses Phänomen ist tatsächlich sehr häufig vorgekommen. Zu meinen Ersatzverwandten habe ich auch heute immer noch Kontakt. Fast jedes Mal wenn ich zu Hause bin, versuche ich einmal vorbeizugucken, Hallo zu sagen und etwas mit ihnen zu essen.

In unserer letzten Folge haben wir über bikulturelles Aufwachsen in einer deutschen und einer vietnamesischen Familie gesprochen. Das Problem von Rassismus innerhalb dieser Familien gehört oft zum Alltag und ist eine Dynamik, die wir auch durch unsere Ersatzverwandten erfuhren: Sie fanden uns nett und haben uns geliebt und geholfen, dennoch fiel auch der ein oder andere Spruch.

Wie groß ist die Rolle, die Rassismus im Alltag von Vietdeutschen spielt?

Rassismus ist nicht messbar, er ist auf jeden Fall immer präsent. Wir haben in einem Interview mit Philipp Rösler gesprochen, der eindeutig rassistisch beschimpft wurde. Er hat gesagt „Das ist Politik, es passiert halt einfach“ und so gehen auch viele Vietdeutsche damit um. Jede*r muss selbst seinen Weg finden, mit Rassismus umzugehen. Aber vor allem die junge Generation ist unfassbar outspoken und spricht viel über Rassismus. Wir Vietdeutschen sind eine sogenannte Vorzeigeminderheit: Natürlich, wenn es Gewalt gegen Ausländer*innen gibt, sind wir auch mittendrin, dann zünden sie auch unsere Häuser an.

Aber wir erleben im Vergleich weniger Rassismus und rassistische Gewalttaten als zum Beispiel muslimisch gelesene Menschen oder auch Schwarze Menschen. Wir haben nicht das Problem, aufgrund unseres Namens keinen Job zu bekommen. Der Stereotyp des/der strebsamen und leistungsstarken Asiat*in existiert immer noch in der Gesellschaft und aus einer unterprivilegierten Position heraus haben viele Vietdeutsche diesem Stereotyp auch oft zugestimmt. Die asiatische oder die vietnamesische Community sollte sich hier hinterfragen. Das sind natürlich ganz normale Dynamiken, die ich nachvollziehen kann, aber man muss denen nicht in die Hände spielen.

Hast du im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie neue rassistische Erfahrungen gemacht?

Ich habe schon eine Maske getragen, als noch wenige eine trugen und wurde auf der Straße beschimpft mit „Schon wieder so eine, die das Virus hier rüber geschleppt hat.“ Ein Video ging um, in dem asiatische Jugendliche mit „Ihr Corona-Schlampen“ beschimpft wurden. Es gab auch gewalttätige Übergriffe – eine chinesische Frau in München wurde von ihrem Nachbarn mit Desinfektionsmittel attackiert und er drohte, sie umzubringen. Die rassistischen Übergriffe gab es vor allem im März und April 2020. Ich habe das Gefühl, das passiert jetzt nicht mehr so häufig, aber ein gewisser Unterton im Sinne von ‚das ist das China-Virus’, ‚diese Asiaten’, etc. ist weiter vorhanden.

Was würdest du dir als vietdeutsche Zukunftsperspektive wünschen?

Ich würde mir einfach wünschen, dass wir ein bisschen mutiger sind, laut zu sein und unsere Geschichten erzählen! Einfach das zu sagen, was wir wollen und nicht das was unsere Gesellschaft oder unsere Eltern von uns erwarten.

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Philippinen: Junge Filipin@s gehen gemeinsam auf Wurzelreise und erkunden ihre Identität innerhalb der Diaspora und der philippinischen Heimat. Das Buchprojekt „Gemeinsam verschieden“ fasst ihre Erfahrungen zusammen

Das Sentro (Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas), ein Zentrum für österreichische und philippinische Kultur und Sprache, das 2010 in Wien als eine gemeinnützige und nichtstaatliche Organisation gegründet wurde, arbeitet an verschiedenen Projekten. Dazu gehören Tagalog Sprachkurse, kulturelle Präsentationen, Vorträge über die Philippinen und die philippinische Gemeinschaft in Österreich sowie Sommercamps mit dem Ziel, die Bedeutung beider Kulturen für Kinder und Jugendliche hervorzuheben.

Aktuell hinzugekommen ist nun auch ein Buchprojekt. Dabei geht es um den Versuch, die eigene Identität zu definieren. Das Projekt zielt darauf ab, die Herausforderungen zu verstehen, denen sich junge philippinischen Österreicher*innen, philippinische Deutsche und Kinder aus bi-kulturellen Familien in einer Diaspora gegenübersehen. Arlene Castañeda, Ralph Chan und Joshua Makalintal sind Mitglieder des Teams, das die Herausgabe des Buches leitet und koordiniert. Sie geben im folgenden Interview nähere Auskunft über das Vorhaben.

Worum geht es in dem Buchprojekt inhaltlich?

Ralph Chan (RC): Personen mit Migrationshintergrund wie Austro-Filipinos und -Filipinas haben meist damit zu kämpfen, ihre eigene Identität bzw. ihr eigenes Ich zu entdecken. Es entstehen häufig Fragen wie: Wer bin ich, wo gehöre ich hin und was bin ich – ein Filipino oder eine Filipina oder doch ein Österreicher oder eine Österreicherin? Wann bin ich Europäerin und wann bin ich Asiate? Meine persönliche Ansicht ist, dass Identität wie ein Puzzle ist, das aus seltsam geformten, ineinander greifenden Mosaikteilen besteht, die zusammengesetzt gehören. In anderen Worten bedeutet dies: Um die eigene Identität verstehen zu können, muss jede*r die einzelnen Teile des Puzzles zusammensetzen, um das gesamte Bild zu sehen. Und das ist auch eines der Ziele unseres Sammelbandes mit dem Arbeitstitel Common diversities: Young Filipin@s in Austria and Europe/Gemeinsam verschieden. Junge Filipin@s in Österreich und Europa. Mit dieser Anthologie versuchen wir herauszufinden, wie die zweite und dritte Generation der österreichisch-philippinischen Gemeinschaft ihr tägliches Leben durch soziale, kulturelle, politische und wirtschaftliche Einflüsse erleben und wahrnehmen. Diese Veröffentlichung ist auch für den Herausgeber Sentro ein Meilenstein, da sie das 10-jährige Bestehen von Sentro markiert.

Welche Themen sollen insbesondere behandelt werden?

RC: Das Buch besteht aus drei Hauptkapiteln und mehreren Unterkapiteln, die in englischer, deutscher oder philippinischer Sprache verfasst werden, nämlich (1) Menschen & Gesellschaft, (2) Politik & Wirtschaft und (3) Kultur, die die Leser*innen als roter Faden durch das Buch führen sollen. Die Frage der Identität spielt in allen Kapiteln eine wichtige Rolle, da die Zielgruppen für dieses Buch die heutigen Jugendlichen und auch ihre Eltern sind. Die Kapitel sind sehr vielfältig: Es beginnt bei der Frage, warum es nur wenige österreichisch-philippinische Wissenschaftler*innen oder Expert*innen in Österreich gibt und geht weiter zum Thema, wie das Matriarchat die philippinische Gesellschaft wirklich beeinflusst. Weiter wird behandelt, wie politischer Aktivismus tatsächlich gelebt oder wie das philippinische Essen als food heritage in der österreichischen Küche neu interpretiert wird. Weitere Themen, die auch besprochen werden, sind zum Beispiel, wie wichtig ist es, dass Mütter ihren Kindern Tagalog beibringen oder wie relevant Pamahiins (Tagalog für Aberglaube) bis heute sind.

Joshua Makalintal (JM): Ein Beispielthema ist die Diasporapolitik. Unser Kapitel (Autoren Joshua Makalintal und Christopher Chanco) behandelt die Beziehung zwischen der philippinischen Diaspora und dem populistischen Autoritarismus auf den Philippinen. Wir analysieren, warum der derzeitige Präsident Rodrigo Duterte unter den Auslandsfilipinos und Auslandsfilipinas in Nordamerika, Europa und dem Nahen Osten große Unterstützung bekommt. Im Kapitel wird über den Diaspora-Nationalismus gesprochen, welcher eine Identitätspolitik ist, die im Kampf gegen soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit in den westlichen Demokratien mobilisiert wird. Diese Identitätspolitik kann sich auch in Richtung einer reaktionären Politik im Heimatland entwickeln. Zum Schluss kommen einige persönliche Reflexionen über die Erfahrungen der Autoren als first generation immigrants, die in Kanada und Österreich leben.

Wer sind weitere Autor*innen, die zum Buchprojekt beitragen?

RC: Die Autor*innenschaft setzt sich aus verschiedenen philippinischen, österreichischen und deutschen Akademiker*innen und Interessent*innen zusammen. Die Autor*innen kommen aus den Philippinen, Österreich oder Deutschland, manche leben aber auch in anderen Ländern wie Kanada. Das Buchprojekt wird inhaltlich wie auch organisatorisch von acht Wissenschaftler*innen und Expert*innen unterstützt, die weltweit an den verschiedensten Forschungsinstitutionen tätig sind wie der Universität Wien (Österreich), der Humboldt-Universität Berlin (Deutschland), der Universität Canberra (Australien), der Universität Ateneo de Manila und der Universität Santo Tomas (Philippinen). Sie helfen uns dabei, das Buchprojekt als wichtige Pionierarbeit der Diaspora Filipinos und Filipinas zu positionieren.

An wen wendet sich das Buch als Leser*innenschaft?

RC: An alle Interessierten der österreichisch-philippinischen Diaspora. Der Verein Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas beschäftigt sich schon lange mit Integrationsfragen. Junge Austro-Filipin@s der zweiten und dritten Generation berichten, wie die in der Diaspora lebenden Jugendlichen oder jungen Erwachsenen ihre Realität wahrnehmen und über ihr Leben nachdenken. Es werden Momentaufnahmen dargestellt und persönliche Geschichten erzählt. Der Sammelband bietet keine wissenschaftliche Publikation, sondern eine persönliche Reflexion basierend auf wissenschaftlichen Fakten, die aber aus den Augen der Autor*innen erzählt werden.

Warum hat Sentro dieses Projekt in Angriff genommen?

Arlene Castañeda (AC): Ich habe drei Kinder, die mittlerweile junge Erwachsene sind und ihren eigenen Weg gehen. Meine Kinder sind mit philippinischen und österreichischen Werten groß geworden. Es ist mir sehr wichtig, in der Familie Respekt und Toleranz für alle ungeachtet von Herkunft und Glauben zu leben und diese Werte vor allem an Kinder und Jugendliche zu übermitteln. Aber gerade in dieser Zeit erleben unsere Kinder die Gefährdung dieser Werte. Mit diesem Buch verbunden ist mein persönliches Anliegen, dass die Jugendlichen ihre Herkunft und ihre Geschichten selbst erzählen. Ich bin überzeugt, dass sie am besten ihre eigene Collage aus Überzeugungen, Träumen, Erfahrungen und Einsichten malen können. Ich möchte, dass andere Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Kulturen über Erfahrungen Bescheid wissen, um ein besseres Verständnis füreinander zu schaffen.

Welche Erwartungen und Ziele verbindet Sentro mit dem Buchprojekt?

AC: Ich erwarte, dass die Jugendlichen ihre eigene Herkunft und Geschichte reflektieren. Dieses Buch soll eine (kulturelle) Momentaufnahme für sie selbst und die Kinder anderer Kulturen sein und der Versuch, die eigene Identität zu definieren. Es geht um den Wunsch, anderen zu vermitteln: „Ich bin allein dafür verantwortlich, die Bestandteile meiner Identität zu bestimmen, und ich nehme jede Herausforderung an, ob äußerlich oder innerlich, um diese Identität zu formen und mit Stolz zu leben.“

Das Hauptanliegen von Sentro ist die Vermittlung der philippinischen Kultur an Kinder und Jugendliche und wir sind überzeugt, dass dieses Buchprojekt dies unterstützt. Zusätzlich hat dieses Buchprojekt eine neue Dynamik unter jungen Menschen und den Akademiker*innen und Wissenschaftler*innen erzeugt.

JM: Das Buchprojekt ist eine Anthologie, die die Erfahrungen und Gedanken der philippinischen Diaspora in Österreich und der deutschsprachigen philippinischen Community darstellt. Ein Teil des Buches konzentriert sich beispielsweise auf die Politik, wobei die gesellschaftlichen Konflikte und Diskurse rund um die aktuelle Situation auf den Philippinen in den Mittelpunkt gestellt werden. Die aktuellen Entwicklungen haben zu Spannungen unter den Filipinos und Filipinas sowohl im Land selbst als auch im Ausland geführt. Die Rolle der Diaspora ist daher besonders wichtig, da sie paradoxerweise eine der Schlüsselkräfte hinter dem Aufstieg von Duterte, als auch ein wichtiger Akteur des Dissenses ist. Dieses Buch, insbesondere das Kapitel von mir und Chanco, soll die Leser*innen über dieses wichtige Thema aufklären.

Wann und wie soll das Buch erscheinen?

RC: Das Buch wird im Herbst 2021 erscheinen. Weitere Informationen zum Buch gibt es beim Sentro. Spannende Infos zur europäisch-philippinischen Diaspora finden sich im e-Magazin Roots and Wings.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 4|2020 – Diaspora – Community beyond borders und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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3 | 2019, Thailand,
Autor*in:

Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Europa/Indonesien: Der politische Genozid von 1965 machte zahlreichen Indonesier*innen im Ausland eine Rückkehr unmöglich. Unsere Autorin befragte eine Familie zu ihrer Geschichte und ihren Erfahrungen in der Diaspora in Ungarn.

Die Massaker von 1965-66 und die fortgesetzte Verfolgung tatsächlicher und vermeintlicher Linker haben eine große Zahl von Indonesier*innen, die zu jener Zeit im Ausland lebten und studierten, staatenlos gemacht. Alle hier aufgeführten Namen sind Pseudonyme. Dies ist die Geschichte von Sri und Sasmita (verstorben) und ihren Kindern Adi, Ari und Alya. Mit diesem Text soll an ihr Leben in ihrer Diaspora erinnert werden. Ich habe für diesen Artikel Interviews mit Sri, Ari, Alya und Aris Kindern geführt.

Erste Generation indonesischer Studierender im Ausland

Staatenlosigkeit ist eine kollektive Erinnerung von Indonesier*innen im Exil. Ihr Studium und ihre Zukunftsplanung wurden plötzlich gestört. Jede*r dieser Exilant*innen hat dabei das eigene Gedächtnis auf individuelle Weise konstruiert.

Die Eltern Sri und Sasmita gehören zur ersten Generation der indonesischen Diaspora nach der Unabhängigkeit Indonesiens. Ihre Mitglieder waren zwar geographisch von Indonesien getrennt, wollten aber dorthin zurückkehren. Als das Regime der Neuen Ordnung [Eigenbezeichnung der Suharto-Diktatur, d.R.] an die Macht kam und Sukarno stürzte, waren ausländische indonesische Studierende gezwungen, in einem Zustand der Ungewissheit – zwischen Ablösung von der Heimat und Integration im Exil – zu leben.

Die Staatenlosigkeit von Sris Familie und die daraus resultierende Ungewissheit stellen eine riesige Herausforderung für ihre Identitätsfindung dar. Studien über im Exil lebende indonesische Studierende gibt es bislang kaum.

Die kollektiven Erinnerungen aus Ungarn: Ein Fragment von Sri

Sri zeigt mir Schwarz-Weiß-Fotos ihrer Familie und erinnert sich an ihr Leben in Yogyakarta. Sie studierte drei Jahre Medizin an der Gadjah-Mada-Universität. Sie brach ihr Studium ab, um zu heiraten und ihre Kinder großzuziehen. Alle ihrer drei Kinder haben einen Abschluss in Ingenieurwissenschaften. Zwei davon – Ari und Alya – leben heute in Budapest und arbeiten als Ingenieur*innen. Adi ist 1996 nach Indonesien zurückgekehrt.

Als siebtes Kind eines angesehenen javanischen Ehepaars wurde Sri 1932 während der niederländischen Kolonialzeit geboren. Sie heiratete Sasmita, der zu dieser Zeit Ingenieurstudent am heutigen Bandung Institute of Technology war. Das Paar beschloss, sich gemeinsam um Stipendien in Ungarn zu bewerben. Sasmita wurde zum Studium der Elektrotechnik an der heutigen Technischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität Budapest angenommen und Sri schrieb sich an der heutigen Semmelweis-Universität ein. Sie ließen ihre beiden Söhne bei den Eltern und Geschwistern von Sasmita in Indonesien.

Die meisten indonesischen Studierenden im Ausland waren unverheiratet oder verließen ihre Ehepartner*innen in Indonesien. Die Geschichte von Sasmita und Sri stellt somit eine Besonderheit dar. Bisher sind keine Studien über Ehepaare bekannt, die im Ausland gemeinsam studiert haben. Ebenso gibt es keinen Hinweis auf Familienzusammenführungen der im Exil lebenden indonesischen Studierenden mit ihren Familien außerhalb Indonesiens.

Aufbruch und Ankunft in Ungarn

Eine lange Reise– zunächst per Schiff nach Peking, anschließend per Zug durch Russland – führte das Paar von Yogyakarta nach Ungarn. Ende 1959 kamen sie mit einem großen Koffer in Budapest an. Ein Jahr lang lebten sie im Wohnheim für internationale Studierende, bevor sie im zweiten Studienjahr in eine Wohnung zogen, weil ihr drittes Kind, Alya, geboren wurde.

Sri reichte es nicht, nur ein Jahr lang die ungarische Sprache zu studieren, um den Sprachkurs zu bestehen. Als sie ihre Kurse an der Uni besuchte, hatte sie immer das Bedürfnis, zwei große Wörterbücher auf den Tisch zu legen; ein Ungarisch-Englisch Wörterbuch und eins für Englisch-Indonesisch.

Gemeinsames Essen als Erinnerung an die Heimat

Sri erhielt jeden Monat 800 ungarische Forint. Der damalige Preis für ein Kilo Reis betrug 16 Forint. Manchmal veranstalteten sie mit indonesischen Kommiliton*innen eine Dinnerparty. In ihrem Koffer brachten sie einen großen schweren Mörser und einen steinernen Stößel mit nach Ungarn, beide wiegen insgesamt etwa 5 Kilogramm. Sie dienen zur Herstellung eines indonesischen Chiligewürzes und Sri hielt es für notwendig, sie für den täglichen Gebrauch mitzubringen.

Im Ausland zu leben bedeutet nicht, das Zuhause zu verlieren. Das Zuhause befindet sich nicht an einem festen Ort, sondern ist ein idealisiertes Konzept. Das gemeinsame Essen ist eine Möglichkeit, die Heimat wieder aufleben zu lassen. Damals gab es mehr als zehn indonesische Studierende in Ungarn. Heute sind noch drei von ihnen da, Sri, Prasetya und Yudhistira. Yudhistira erinnert sich, das über indonesische Studierende gesagt wurde, dass diese immer hungrig seien.

In einem 1961 von einer ungarischen Zeitung veröffentlichten Artikel (siehe Titelbild) wird über Sasmita und Sri berichtet, dass Sasmita fünf Jahre lang für die Unabhängigkeit Indonesiens gekämpft hatte. Sri bestätigt dies und erklärt, dass sie durch ehrenamtliche Arbeit mit einheimischen Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen während der Revolution gegen die Niederlande von 1945 bis 1949 inspiriert wurde, Ärztin zu werden. Der Artikel beschreibt auch ihre Sehnsucht, ihre Söhne zu treffen, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Der Kampf um das Erinnern

Ari, einer der beiden Söhne, erinnerte sich zunächst nicht mehr an seine Eltern. Seine Tanten und Onkel erwähnten nur, dass seine Eltern in Europa studierten. Die einzigen Schwarz-Weiß-Fotos in seinem Haus zeigten Kinderbilder seiner Eltern. Sri und Sasmita hatten einige Familienfotos mit nach Ungarn genommen.

„Ich hatte wirklich keine Ahnung von meinen Eltern, da ich noch so klein war, als sie zum Studium weggingen. Es war mir sogar so egal, dass ich nicht einmal glaubte, dass ich Eltern habe. Sie waren unerreichbar für mich, deswegen konnte ich mich an nichts von ihnen erinnern.“

Der Völkermord

Ari, der das Massaker von 1965-66 in Yogyakarta überlebte, erinnert sich genau an die Nacht, als Militärs das Haus seines Großvaters durchsuchten. Es war mitten in der Nacht; einer von ihnen richtete ein Gewehr auf den Kopf seines Großvaters. Niemand wusste, wohin er in dieser Nacht gebracht wurde.

Ari war am Boden zerstört. Seine Eltern waren weit weg, der Großvater war verschwunden. Erst Jahre später wurde er wieder nach Hause gebracht, begleitet von Militärs. Ari weiß nur, dass er in mehreren Städten im Gefängnis saß, aber er hat nie ein offizielles Dokument dazu erhalten. Er erinnerte sich, dass er nicht der Einzige war, dessen Familienmitglied inhaftiert wurde. Viele seiner Klassenkamerad*innen teilten diese Erfahrung.

Sri, die sich damals in Budapest aufhielt, zitterte, als sie die Nachrichten aus ihrem Heimatland las. Telefongespräche waren teuer und konnten abgehört werden. Gleichzeitig mussten Sri und Sasmita ihre Abschlussarbeiten einreichen. Vor dem Putsch waren sie bereit gewesen, nach Indonesien zurückzukehren. Nach dem Staatsstreich und der Verhaftung ihres Schwiegervaters wollte Sri wegen der politischen Turbulenzen, zunächst lieber in Europa zu bleiben. Sie war im sechsten Jahr ihres Medizinstudiums und Sasmita arbeitete in einem Unternehmen in der Nähe von Széna tér.

Familienzusammenführung trotz Staatenlosigkeit

Als die indonesische Botschaft die Studierenden vorlud, um ihren Gehorsam gegenüber dem neuen Regime zu bezeugen (vgl. Artikel Suhartos langer Arm in der BRD auf suedostasien.net), beschlossen Sri und ihr Mann, nicht hinzugehen. Sie sahen den Staatsstreich als moralisch falsch an. Sie machten sich ‚unsichtbar’, da sie zu Hause in Indonesien Familie hatten. Nachdem ihre Pässe abgelaufen waren, wurden sie staatenlos. Nach dem Putsch lagen die zuvor guten bilateralen Beziehungen zwischen Indonesien und Ungarn auf Eis und erholten sich erst in den 1980er Jahren.

Während Sasmita arbeitete, absolvierte Sri eine Facharztausbildung zur Internistin und arbeitete parallel in Krankenhäusern. Ihr Leben änderte sich 1971, als ihnen vom Internationalen Roten Kreuz eine Familienzusammenführung mit ihren Söhnen in Europa angeboten wurde. Die Geschwister flogen im Januar 1972 von Jakarta nach Budapest. Ari erinnert sich, dass seine Großmutter beide zum örtlichen Schneider brachte. Sie wollte, dass sie auf dem Flug nach Europa ordentliche Anzüge trugen.

Sie mussten fünf Mal umsteigen, um Budapest zu erreichen, und es war das erste Mal, dass sie die Erde von oben sahen. Als die beiden Brüder schließlich landeten, freuten sie sich sehr über das kalte winterliche Klima. Doch die Anzüge aus indonesischem Stoff waren in Europa so gut wie unbrauchbar:

„Es war das erste Mal, dass ihnen so kalt war, dass sie es nicht einmal merken konnten. Ihre Kleidung war schick, aber sie waren durchnässt. Es war das erste Treffen meiner drei Kinder“, erinnert sich Sri.

Badminton-Pioniere und ungarische Staatsbürgerschaft

Ari und sein Bruder sehnten sich danach, Badminton zu spielen [wird in Indonesien auf öffentlichen Plätzen in beinahe jedem Wohnviertel gespielt, d.R.]. Der Vater gab dem Wunsch nach und die beiden wurden zu den ersten Spieler*innen Ungarns. Für Sasmita und seine Söhne war es eine Möglichkeit, sich an ihr Heimatland zu erinnern. Indonesien hatte immer einen Platz in ihren Herzen, bot ihnen aber keinen Platz zum Verweilen.

Die Söhne traten einem Verein bei und nahmen in mehreren Städten an Wettkämpfen teil. Aufgrund ihrer Staatenlosigkeit war es ihnen nicht möglich, an Spielen im Ausland teilzunehmen, obwohl Adi, der älteste Sohn, sogar dafür nominiert wurde.

In den 1980er Jahren wurde aus der staatenlosen Familie eine ungarische. Die ungarische Regierung wollte, dass die Brüder bei Badminton-Spielen im Ausland antreten konnten. Von da an zogen die beiden innerhalb Europas von einem Spiel zum nächsten. Sasmita ist in Ungarn bis heute als Badminton-Trainer bekannt.

Ungarisch-indonesische Diaspora heute

Die aktuelle, ausländerfeindliche Stimmung in Ungarn macht es dem indonesischen Botschafter unmöglich, bei Badminton-Tournieren dabei zu sein. Auch Ari wird immer wieder daran erinnert, dass er Ausländer ist. Die gegenwärtige ungarische Regierung erinnert ihn an das Leben unter dem Regime der Neuen Ordnung: „Ich kam von Orba (Orde Baru, Neue Ordnung unter Suharto) zu Orban (Viktor Orban); beide sind sich ähnlich.“

Übersetzung aus dem Englischen von: Anna Grimminger

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Philippinen/Deutschland: Die Fotografien unserer Autorin geben biografische Einblicke in das Leben einer German Filipina Mestiza (deutsch-philippinischen Herkunft). Sie sind zugleich eine Auseinandersetzung mit mehreren Identitäten.

„Sie sprechen aber gut deutsch.“, sagte ein Beamter neulich zu mir. „Danke, Sie auch“, erwiderte ich. „Wo kommen Sie her?“, fragte er dann. „Aus Lebach“, antwortete ich. „Nein, ich meine wo kommen Sie eigentlich her?“ Meistens sage ich, dass ich aus dem Saarland oder dem Supermarkt komme. Aber da er es wohl sehr ernst meinte, antwortete ich schließlich: „Meine Mutter kommt aus den Philippinen.“ Darauf antwortete er: „Ah, Migrationshintergrund.“

Obwohl mir diese Frage schon häufiger gestellt wurde, war ich überrascht, dass die Faszination des vermeintlich Anderen immer noch so präsent ist, zumal dies für die Beantragung meines Passes nicht relevant sein sollte. Ich bin hier geboren, in den Kindergarten und zur Schule gegangen, studierte, lebe und arbeite hier. Dennoch wird mir häufiger als meinen ‚weißen’ Freund*innen diese Frage gestellt. Manchmal ist es gar nicht so leicht zu unterscheiden: Ist es subtiler Rassismus oder eigentlich nur aufrichtiges Interesse?

Othering

Wenn mir zum Beispiel gesagt wird, wie exotisch ich aussähe, wenn ich gefragt werde, wo ich denn so gut Deutsch gelernt hätte oder wo ich herkomme, dann werde immer ich zur ‚Anderen’ gemacht. Die postkoloniale Theorie erklärt diese Zuschreibungen mit dem Konzept des Othering: Man definiert sich als Gruppe, indem man sich von anderen Gruppen abgrenzt. Die anderen Menschen dienen zur Beschreibung von all dem, was man selbst nicht ist. Ein wichtiger Aspekt der Identität ist die Abgrenzung. Nur wie verhält sich das, wenn ein Mensch mehrere Identitäten hat?

In den Philippinen erfahre ich eher eine umgekehrte Diskriminierung. Aufgrund meiner kleinen Nase und meiner vergleichbar helleren Haut werde ich bevorzugt behandelt. Als ich in der siebten Klasse war, verbrachte ich mit meinen Geschwistern die Sommerferien bei meiner Großmutter. Wir bekamen Schuluniformen und durften dann über sechs Wochen die lokale Schule besuchen, drei ‚weiße’ Kinder in den 1990er Jahren in einem philippinischen Dorf namens Bansalan. Jede*r in der Schule kannte unsere Namen, wir waren ständig von einer Schar Schüler*innen umgeben, wurden zu jeder Festlichkeit eingeladen und durften immer im Mittelpunkt stehen. Wir wurden wie Stars behandelt. Manchmal frage ich mich, wie sich wohl mein Selbstbewusstsein entwickelt hätte, wären wir dort hingezogen. In meinen ganz persönlichen Erfahrungen spiegeln sich auch die Machtverhältnisse und Geschichte der Länder wider. Deutschland repräsentiert eine größere Wirtschaftsmacht als die Philippinen, die durch ihre eigene koloniale Geschichte eine besondere Gasthöflichkeit entwickelt hatten.

Familiäre Vergangenheit und Gegenwart

Ich finde es interessant, meine Herkunft selbst zu erforschen. Die biografischen Einblicke sagen auch etwas darüber aus, wie Kultur weitergegeben wird. Und ich frage mich, ob eine deutsche, weiße, heterosexuelle und bürgerliche Person ebenso viel über ihre Vergangenheit weiß. Einige Bilder meiner deutschen Ahnen stammen aus den 1930er Jahren und ich vermute, meinen Großvater mit anderen Soldaten auf den Bildern zu sehen. Durch das Anschauen der Bilder wurde mir erst bewusst, welche Geschichte und kulturelle Bedeutung es hatte, dass wir einen altdeutschen Schäferhund hielten. Das Hakenkreuz und der Hitlergruß sind auch auf einigen Bildern zu sehen. Waren sie Anhänger*innen oder haben sie sich den Umständen gefügt? Die genaue Geschichte kann mir keiner mehr erzählen. Da sich der philippinische Präsident Rodrigo Duterte selbst auch schon mit Adolf Hitler verglichen hat, frage ich mich, wie es sich nun mit meinen Verwandten in den Philippinen verhält.

Die erhobene Faust der Duterte Anhänger, der Kampf gegen vermeintliche Drogenabhängige und der ausgedehnte Straßenbau in Davao wirken für viele Filipin@s überzeugend. Politik ist in den Philippinen ein sehr emotionales Thema. Die Blindheit und Gutgläubigkeit gegenüber Duterte hat fast schon Ausmaße wie beim philippinischen Sektenführer und Politiker Apollo Carreon Quiboloy angenommen, welcher sich als der „ernannte Sohn Gottes“ und der „Besitzer des Universums“ bezeichnet und damit sehr erfolgreich ist. Only in the Philippines? Erstaunlich wie viele Parallelen es doch gibt. Wenn ich die Fotos meiner Vorfahren ansehe, gibt es durchaus auch interkulturelle Ähnlichkeiten zu den Duterte-Anhänger*innen, zum Beispiel im Ausdruck und der Körperhaltung. Zumal die deutsche Geschichte des dritten Reichs auch erst rund 80 Jahre her ist und deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind.

Da ich in Deutschland aufgewachsen bin, fühle ich mich auch kulturell eher im deutschen Alltag zuhause. Gleichzeitig fühle ich mich mit den Philippinen sehr verbunden und habe über meine mütterliche Erziehung hinaus selbst viel über die Geschichte, Kultur und Politik der Philippinen geforscht und gelernt. Vielleicht weiß ich über das Land im ‚fernen Osten’ sogar mehr als über das Saarland. Das Erlernen der Sprache Bisaya allein hat mir sehr viel Einsicht in die Denkweise und die Kultur meiner Mutter gebracht. Doch ich selbst habe die kulturellen Werte der Philippinen nur indirekt erlebt, da ich nicht dort aufgewachsen bin.

Als zweite Generation oder Second Generation scheint es mir ein wenig befremdlich, etwas ‚zu sein’, zu dem ich selbst nur einen bestimmten Zugang habe. Obwohl die Welt durch die globale Vernetzung in einem regen Austausch steht, was was aktuell durch die Corona-Pandemie verdeutlicht wird, ist es erstaunlich wie langsam sich Weltbilder und Verhaltensweisen gegenüber fernen Ländern in der Gesellschaft anpassen. Menschen aus ähnlichen wirtschaftlichen Verhältnissen haben über die Ländergrenzen hinweg vielleicht mehr gemeinsam als Menschen aus unterschiedlichen Milieus im gleichen Land. Wenn ich mein Augenmerk weniger auf die Abgrenzung und mehr auf die Bereicherung lege, ist die bi-kulturelle Herkunft eine große Schatzkiste an Erfahrungen und Erkenntnissen.

Multilokalität

Der Hashtag #metwo macht darauf Aufmerksam, dass Menschen mehr als eine Identität haben können. Vielleicht ist es viel interessanter, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, statt über Othering Unterschiede hervorzuheben. In der heutigen Welt ist es nicht schwer, an verschiedenen Orten zuhause zu sein oder von verschiedenen Orten zu kommen. Die Schriftstellerin Taiye Selasie sagt, multinational sei ein Begriff für Unternehmen. Menschen erfahren eher eine ‚multi-lokale’ Zugehörigkeit. In diesem Sinne ist die Frage nach der nationalen Herkunft weniger aussagekräftig als die Frage: Wo fühlst du dich zuhause? Mit welchen Orten fühlst du dich verbunden? Ich bin Bürgerin mehrerer Orte, ich fühle mich in Berlin, Hannover, Köln, Saarbrücken und in Davao zuhause.

Es gibt einige Gewohnheiten, die ich bewusst und unbewusst aus der philippinischen Kultur mitgenommen habe. Das sind beispielsweise die Dankesschuld, utang na loob, die Wahrnehmung der subtilen Körpersprache wie ein Zustimmen mittels dem Heben der Augenbrauen oder das Abmessen vom Reis-Wasser-Verhältnis beim Kochen mittels des kleinen Fingers. Ich mag auch das Wetter, die Früchte und die täglichen Reisgerichte, aber die durchdringende Korruption widerstrebt mir. Ebenso mag ich die vier Jahreszeiten, sortierte Mülleimer, soziale Absicherung, die Freiheit zur Meinungsäußerung und meinen privaten Raum.

Die Musikerin Dota Kehr drückt es in ihrem Song Grenzen so aus: „Wieso schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht? Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen, sondern zwischen den Menschen. Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein, sondern aus Respekt. Es gibt Grenzen. Nennt mich naiv, es ist mir egal, aber ich finde es reicht, ich suche das Land in dem jeder dem Anderen in Staatsunangehörigkeit gleicht. Ich melde mich ab, ich will einen Pass, wo Erdenbewohnerin drin steht.“

In diesem Sinne ist die Frage nach der nationalen Herkunft weniger aussagekräftig als die Frage: Wo fühlst du dich zuhause? Mit welchen Orten fühlst du dich verbunden?

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Deutschland/Thailand/Philippinen: Die feministische Frauen-Beratungsstelle Ban Ying (= Haus der Frauen) setzt sich in Berlin gegen Ausbeutung und Menschenhandel ein.

Ban Ying kommt aus dem Thailändischen und bedeutet Haus der Frauen. Der Verein Ban Ying wurde 1989 von Sozialarbeiter*innen und Mitarbeiter*innen von Berliner Gesundheitsämtern gegründet. Grund war die zunehmende Zahl an thailändischen Frauen, die dort in die Gesundheitsberatung kamen und von sexueller Ausbeutung betroffen waren. Damals gab es keinen Ort, wo sie vor Verfolgung durch Zuhälter*innen und Schlepper*innen sicher waren. Vor allem Frauen aus Thailand und den Philippinen waren anfangs die Zielgruppe des Vereins. Inzwischen berät Ban Ying Menschen aus wesentlich mehr Ländern.

Mit einer anonymen Zufluchtswohnung sowie einer Beratungs- und Koordinationsstelle setzt sich Ban Ying mit Beratung, Unterbringung, Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit gegen Menschenhandel und für Migrant*innen ein, die von Ausbeutung, Gewalt und/oder Menschenhandel betroffen sind. Der Verein berät alle, die sich als Frau identifizieren.

Eine Zielgruppe von Ban Ying sind von Menschenhandel betroffene Frauen. Gibt es Menschenhandel überhaupt in Deutschland?

Ja, es gibt Menschenhandel in Deutschland, in anderen EU-Ländern, auf dem Weg nach Europa und im Herkunftsland. Es gibt immer mehr eine Schnittmenge von Geflüchteten, Asylsuchenden und Betroffenen von Menschenhandel in Deutschland und in anderen EU-Ländern. Unsere Zielgruppen sind speziell die Betroffenen von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen und Arbeitsausbeutung.

Bei der Gründung von Ban Ying lag der Fokus auf der Unterstützung von thailändischen Frauen. Ist Südostasien heute noch euer Arbeitsschwerpunkt?

Ban Ying wurde vor über 30 Jahren als Organisation für thailändische Frauen gegründet, die als Sexarbeiter*innen ausgebeutete wurden oder von Heiratshandel betroffen waren; später auch Hausangestellte. Die zehn ersten Jahre lag der Fokus auf Südostasien und besonders auf Thailand und den Philippinen. Nach der Wende kamen ausgebeutete Frauen aus Osteuropa dazu, in den letzten Jahren mehr und mehr Frauen aus afrikanischen Ländern und dem Nahen Osten. Ein großer Teil unser Klient*innen kommt heute immer noch aus Thailand und den Philippinen. Das zeigt sich auch durch unseren beiden Sprach- und Kulturmittler*innen, die Thai und Philippinisch sprechen.

Was sind die primären Zielgruppen von Ban Ying?

Unser Fokus liegt auf Frauen, die von Menschenhandel im Bereich Sexarbeit betroffen sind, oder die als Hausangestellte oder in andere Arbeitsbereiche wie die Gastronomie oder im Pflegebereich ausgebeutet werden. Wir sind eine Frauenorganisation. Die Arbeitsbereiche sind sehr gegendert. Wenn wir mit Männer die Ausbeutung erfahren, arbeiten würden, hätten wir vermutlich mit anderen Arbeitsbereichen zu tun, wie beispielsweise Bau, Schlachthöfe oder Gastronomie.

Welche Strukturen und Motive stecken hinter Menschenhandel?

Menschenhandel mit dem Ziel der sexuellen und/oder Arbeitsausbeutung geschieht oft im Kontext von Migration. Es gibt unterschiedliche Gründe warum Menschen migrieren. Zum einen sind es wirtschaftliche Gründe, aber auch politische wie Verfolgung. Es gibt einen politischen Rahmen, der Menschenhandel begünstigt. Verschärfte Migrationspolitik trägt dazu bei, dass es Menschenhandel gibt.

Wie kann Menschenhandel bekämpft werden?

Es ist problematisch, dass bei der Bekämpfung von Menschenhandel der Fokus nur auf Täter*innen, deren Bestrafung und Ermittlung, liegt. Es ist natürlich sehr wichtig, dass Täter*innen strafrechtlich verfolgt werden. Sichere Migration nach Europa und bessere Aufenthaltsperspektiven in Europa wären jedoch wirksamer und nachhaltiger, um Menschenhandel zu bekämpfen.

Ban Ying eine politische Organisation. Was sind eure konkreten Forderungen an die Politik?

Aktuell können Betroffene von Menschenhandel einen temporären Aufenthaltstitel bekommen, wenn sie bereit sind in einem Verfahren gegen die Täter*innen auszusagen. Dass der Aufenthaltstitel von der Kooperationsbereitschaft mit den Strafverfolgungsbehörden abhängig ist, ist aus verschiedenen Gründen problematisch.

Zum einen ist das Aufenthaltsrecht auf die Ermittlungen und das eventuell sich anschließende Verfahren begrenzt. Danach gibt es keine Garantie auf einen langfristigen Aufenthalt. Sie können nach einem Verfahren in ihr Heimatland zurückgeschickt werden. Das trägt dazu bei, dass viele Betroffene sich nicht bei der Polizei melden, nicht aussagen wollen oder können. Für die Betroffenen ist es sehr riskant, auszusagen, weil sie sich dadurch auch in die Gefahr begeben, ich ihrem Heimatland der Rache der Täter*innen und deren Netzwerken auszusetzen. Es geht aber auch anders: In Italien ist es möglich einen legalen Aufenthaltstitel zu erhalten, auch wenn Betroffene sich dagegen entscheiden in einem Verfahren auszusagen. Aufenthalt und die Unterstützung für Betroffene sind dort also entkoppelt von der Bereitschaft auszusagen. Wir fordern, dass Betroffene von Menschenhandel unabhängig davon, ob sie aussagen können oder wollen, einen Aufenthalt und Unterstützung in Deutschland bekommen.

Falls der Aufenthaltsstatus weiterhin an die Aussage vor Gericht gekoppelt bleibt, fordern wir zumindest, dass Betroffene, die aussagen, eine langfristige Bleibeperspektive bekommen. Es gibt schon jetzt die Möglichkeit, nach einem Verfahren aus humanitären Gründen einen Aufenthalt zu beantragen. Aber das funktioniert nicht immer.

Außerdem haben Betroffene von Menschenhandel eigentlich ein Recht auf eine Bedenk- und Stabilisierungszeit, um zu überlegen, ob sie überhaupt aussagen wollen oder können. Wir fordern, dass diese Bedenk- und Stabilisierungszeit besser umgesetzt wird.

Euer Ansatz ist die feministische Anti-Menschenhandelsarbeit. Was heißt das?

Wir sind auf der Seite der Betroffenen, wie auch immer sie sich entscheiden. Wir wollen keine herablassende und paternalistische Haltung in der Beratung, indem wir eine Person davon überzeugen, einen bestimmten Weg zu nehmen. In manchen Situationen müssen wir die Entscheidung der Frau akzeptieren. Wir nehmen ihre Entscheidung ernst und versuchen, sie nicht von etwas zu überzeugen.

Menschenhandel betrifft vor allem Frauen und Mädchen. Feministische Anti-Menschenhandelsarbeit bedeutet deshalb auch, dass wir Menschenhandel als Ergebnis von ungerechten und patriarchalischen Strukturen betrachten und bekämpfen in dem wir zusätzlich zu Beratung auch Öffentlichkeits- und Advocacy-Arbeit betreiben.

Kannst du das an konkreten Beispielen erklären?

Es gibt in Deutschland aber auch weltweit Hausangestellte, die unter schlimmen Bedingungen in Diplomatenhaushalten arbeiten. Hausangestellte von Diplomat*innen haben aufgrund der Immunität ihrer Arbeitgeber*innen kein Zugang zum Recht.

Trotzdem gab Situationen in denen Arbeitgeber*innen – wenn sie erfahren, dass ihre Mitarbeiter*innen bei uns in der Beratung sind – sich unter Druck fühlen und neue, fairere Arbeitsbedingungen anbieten. Diese neuen Bedingungen sind zwar besser, aber weiterhin ausbeuterisch. Es gibt Hausangestellte, die sich in dieser Situation trotzdem dafür entscheiden, dort weiter zu arbeiten. Das respektieren wir.

Ein weiteres Beispiel ist Ban Yings Einstellung gegenüber Sexarbeit. Es gibt Klient*innen die nie in der Sexindustrie arbeiten wollten und in Deutschland ausgebeutet wurden. Wir haben aber auch Klient*innen, die in ihren Heimatland Sexarbeiter*innen waren, hier in der Sexindustrie ausgebeutet wurden, gegen ihre Täter*innen in einen Prozess aussagen und weiterhin als selbständige Sexarbeiter*innen tätig sind. Viele Organisationen, die im Bereich Anti-Menschenhandel tätig sind, sind grundsätzlich gegen Sexarbeit. Bei Ban Ying setzen wir uns gegen sexuelle Ausbeutung, aber nicht gegen Sexarbeit ein. Es ist anti-feministisch, zu versuchen die Frauen zu überzeugen, nicht mehr als Sexarbeiter*innen tätig zu sein. Wir respektieren die Entscheidungen unserer Klient*innen und unterstützen sie.

Neben Menschenhandel habt ihr noch weitere Beratungsfelder. Worum geht es da konkret?

Eine weitere Zielgruppe sind Frauen, die nicht von Menschenhandel aber von anderen Formen von Gewalt betroffen sind. Zum Beispiel Frauen die häusliche Gewalt erfahren und deren Aufenthalt von der Ehe zu ihrem deutschen Mann abhängig ist. Wenn es Kinder in der Beziehung gibt, ist das Sorgerecht ein häufiges Thema. Frauen stehen nach der Trennung oft finanziell schlechter als ihre Ex-Männer da und können sich im Sorgerechtsstreit durch die Sprachbarriere nicht gut verteidigen. Wir beobachten, dass Frauen gegenüber ihren deutschen (Ex-)Männern sehr oft das Sorgerecht verlieren.

Gibt es Beispiele in euerer Arbeit, wie sich Migrant*innen zusammenfinden und unterstützen?

Es gibt ein breites Diasporaspektrum in unserer Arbeit. So gibt es Communities die besser vernetzt sind als andere. Die philippinische Community ist zum Beispiel sehr gut vernetzt. Es gibt auch Einzelkämpfer*innen, aber der Großteil unserer Klient*innen kommt durch ‚Mund-zu-Mund-Propaganda’ über ihre Communities zu uns.

Unsere Sprach- und Kulturmittler*innen für Thai und Philippinisch organisieren normalerweise regelmäßige Veranstaltungen mit den Frauen. Zum Teil, um die Frauen über ihre Rechte zu informieren, aber auch zu gemeinsamen Freizeitveranstaltungen, wie zusammen kochen, Museumsbesuche oder Boot fahren auf der Spree. Dadurch entwickelt sich auch eine Community innerhalb unseres Netzwerks. Sie machen das eigentlich einmal im Monat, aber wegen Corona pausiert derzeit das Angebot.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie noch auf eure Arbeit?

Unsere Arbeit wird sehr von der Pandemie erschwert. Wir machen weiterhin Beratungen vor Ort unter Sicherheitsauflagen. Die vor-Ort Beratung mussten wir aber stark beschränken. Wir machen jetzt mehr Online- und Telefon-Beratung. Das ist komplizierter und verlangsamt unsere Arbeit, weil es sehr viele Barrieren gibt. Sprachbarrieren sind größer und auch die Zusammenarbeit mit Behörden ist schwerer geworden. Alles verlangsamt sich.

Und welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Migrant*innen, die ihr beratet?

Viele unserer Klient*innen, insbesondere Sexarbeiter*innen, konnten sehr lange nicht arbeiten. Das hat ihre Situation noch prekärer gemacht als vor der Pandemie.

Bei den diplomatischen Hausangestellten haben wir eine sehr besorgniserregende Beobachtung gemacht. Dieses Jahr sind sehr viel weniger Hausangestellte zu uns gekommen. Wir glauben nicht, dass ihre Arbeitsbedingungen sich verbessert haben, sondern dass die Hausangestellten noch isolierter sind und uns weniger erreichen können.

Portraitserie ME IN THE MIDST OF CHANGING TIMES AND SOCIETIES von Krisanta Caguioa-Mönnich 2019 © Krisanta Caguioa-Mönnich mit Zitaten der portraitierten Frauen:

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Deutschland/Philippinen: Jede Identität wird erst in der Gemeinschaft erlebt und erfahren. Unsere Autorin Analie Gepulani Neiteler macht sich auf die Suche nach philippinisch-deutscher Identität.

Ich stand in einem Kreis zusammen mit deutschen Freunden sowie mir bis dahin unbekannten Freundesfreund*innen. Sie waren alle weiß. Plötzlich hörte ich eine „Hey, asiatisches Mädchen“, rufen. Ich wusste, sie meint mich. Sie rief mich mehrmals, aber ich ignorierte sie. Sie sollte meinen Namen wissen und wenn sie ihn nicht weiß, wollte ich sie dazu bringen, vernünftig mit mir zu sprechen. Sie fragte dann „Kann ich das so sagen? Du bist doch ein asiatisches Mädchen, oder?“. Ich versuchte, möglichst unaufgeregt und lässig zu sagen, dass ich stattdessen meinen Namen Analie bevorzuge. Sie war neugierig und fragte dann ganz konkret nach meiner Herkunft. Mittlerweile versuche ich nachsichtig damit umzugehen und störe mich nicht mehr per se an solchen Situationen.

Wie fühlt sich Othering an?

So etwas nennt man Othering. Othering bedeutet, jemanden zu etwas anderem, etwas Fremden zu machen (Ogette, 2017:  exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen). Durch solche Erfahrungen werden Menschen, wie ich, als Fremde in der Heimat markiert. Überraschend ist der Ort der Geschehnisse: Mitten in Berlin. Zwischen Görlitzer Bahnhof und Kottbusser Tor. Vermutlich eine der multikulturellsten Gegenden der ganzen Bundesrepublik. Ich bin in einer ländlichen Gegend aufgewachsen, und von Unbekannten Sprüche hinterhergerufen zu bekommen wie „Sching Schang Schong“ waren Alltag für mich. Vielen Frauen ist das beklemmende Gefühl sicherlich bekannt, welches fremde Männer auslösen können, die uns ungefragt hinterherrufen, pfeifen oder ein „Hey Süße“ beim Vorbeigehen ohne Blickkontakt ins Ohr zischen.

Zusätzlich zum offenen Sexismus auf der Straße, kommen bei mir rassistische Sprüche wie oben genannt noch dazu. Ich dachte lange, mit meinem Umzug in die Großstadt könnte ich solchen Sprüchen entfliehen, mich in der Anonymität und Unsichtbarkeit verstecken. Diese Person – für die ich bloß das asiatische Mädchen war – erinnerte mich daran, dass ich mich nicht verstecken konnte, aber auch nicht dazu gehören sollte. Manchmal habe ich trotzdem einen ganz guten Spruch parat, um das Othering meines Gegenübers zu enttarnen, ohne dass ich dieser Person Vorwürfe mache und sie im schlimmsten Fall auch noch defensiv reagiert und sich schämt. Ich bin wütend, aber Scham halte ich trotzdem für kein konstruktives Gefühl.

Viel mehr als ‚nur’ philippinisch-deutsch

Ich bin Filipina und ich bin Deutsche. Gleichzeitig bin ich viel mehr als das. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, aber die Deutschen haben mich nie vergessen lassen, dass ich so richtig nicht hierhin gehöre. Mein ganzes Leben versuche ich, mich zu beweisen. Ich versuche, zu beweisen, dass ich dazugehöre.

Ich bin keine Nationalistin. Daher muss ich Zugehörigkeit nicht durch meine gelebte Zugehörigkeit zu einer Nation erfahren. Ich strebe trotzdem nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Tut das nicht jede*r? Ich möchte dazugehören, aber lieber so, wie ich bin. Ich möchte mich nicht verstellen müssen. Oft habe ich aber das Gefühl, die Menschen wollen es nicht sehen.

Es gibt einen Spruch, an den ich oft denken muss: Gesagt ist nicht immer gehört, gehört heißt nicht immer verstanden, verstanden heißt nicht immer einverstanden, einverstanden heißt nicht immer umgesetzt und umgesetzt heißt nicht immer beibehalten. Der Weg zu einer nachhaltigen Veränderung ist also langwierig. Wir müssen immer wieder in Dialog treten mit unserer Gemeinschaft.

Philippinische Gemeinschaft I: Utang na loob

Für mich war Identität immer ein Kampf, bei dem es darum ging, dafür einzustehen, wer ich bin und mir nicht die Sicht verblenden zu lassen von denjenigen, die mich nicht sehen können oder wollen. Meine Identität ist vielschichtig. Ich bin Deutsch-Filipina und dadurch gehöre ich der philippinischen Diaspora in Deutschland an. In Deutschland und in den Philippinen waren meine Großeltern Bauern, auch meine Eltern hart arbeitend. Nur weil meine Vorfahren gewisse Lebensentscheidungen getroffen haben, bin ich wiederum hier. In den Philippinen nennt man so etwas wohl utang na loob: Ich bin meinen Vorfahren unermessliche „innerste Dankbarkeit“ schuldig – ganz buchstäblich. Die akkumulierten Erfahrungen meiner Vorfahren mit den darauf folgenden Entscheidungen und Erfahrungen, die ich in Abhängigkeit davon getroffen habe, machen aus, wer ich bin und brachten mich dorthin, wo ich jetzt gerade stehe.

 

Philippinische Gemeinschaft II: Kapwa

Seit meinem Umzug nach Berlin und dem Beginn des Studiums kann ich mich sehr glücklich schätzen, noch mehr philippinische Deutsche oder deutsche Filipin@s in ähnlichen Identitätskrisen, wie ich sie hatte, kennen zu lernen. Weil ich mich im Studium mit der Region Asien beschäftige – insbesondere den Philippinen – versuche ich, die Welt mit Hilfe von asiatischen Philosophien zu verstehen. Der Begriff Kapwa ist ein Konzept der philippinischen Psychologie und bedeutet so viel wie „geteilte Identität“, Gleichberechtigung oder „mit anderen sein“ (Concepcion 2016). Kapwa als Begriff zu lernen, war eine Lehre für mich. Durch Kapwa konnte ich endlich ausdrücken, was ich immer gesucht habe: Gemeinschaft.

Diskriminiert oder privilegiert?

In meiner Kindheit war ich zweimal in den Philippinen, mehr Reisen waren finanziell nicht drin. Bis zu unserer ersten Reise hatte meine Mutter ihre Familie 15 Jahre nicht gesehen. Fast bis zum Abschluss meines Bachelor- Studiums habe ich mich übermäßig negativ diskriminiert gefühlt. Ich habe viel darüber nachgedacht, was ich alles nicht hatte und was mir Steine in den Weg gelegt hat. Ich fange nun an, meine Privilegien zu sehen und statt mich derer zu schämen, sie zu nutzen. Für diejenigen, die weniger privilegiert sind.

Mein Privileg ist, dass ich gut überleben kann in dieser Welt, die vor Ungerechtigkeiten nur so strotzt. Ich kann auch besser überleben als das meine Vorfahren und Teile meiner erweiterten Familie tun können. Dass ich mich privilegiert fühle, löst in mir eine starke Solidarität aus mit denjenigen, die es nicht sind. Aber Privileg ist ein Gefühl so wie Solidarität ein Gefühl ist. Etwas schwer Greifbares, Abstraktes.

Intersektionalität: Positionierung als Empowering

Noch versuche ich selbst, mich im Netz der Intersektionalität zurechtzufinden. Intersektionalität ist ein Konzept, das von der Schwarzen Juristin Kimberlé Crenshaw entwickelt wurde, um die vielschichtige Diskriminierung in Gesellschaftsstrukturen darzustellen. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung schreibt darüber in einem Heft mit Bildungsmaterial zum Konzept Intersektionalität: „Viele Menschen sehen sich in ihrem alltäglichen Leben nicht nur mit einem einzelnen Unterdrückungsverhältnis, wie zum Beispiel sexistischen Strukturen, konfrontiert, sondern befinden sich zur selben Zeit in einer prekären ökonomischen Situation und sind zusätzlich als (Post-)Migrant_innen negativ von Rassismus betroffen.“

Zu erkennen, welche Diskriminierungsformen es gibt, ist allerdings nur der erste Schritt zu gesellschaftlicher Transformation. Sich nicht selbst zu lähmen und stattdessen selbst zu ermächtigen, das geht in meinen Augen nur, wenn wir auch darauf schauen, welche Privilegien wir haben. Diese Privilegien anzunehmen, statt sich ihrer zu schämen und sie einzusetzen, kann sehr selbst ermächtigend wirken.

Die philippinisch-US-amerikanische Rapperin Ruby Ibarra, hat in ihrem Song Us (feat. Rocky Rivera, Klassy & Faith Santilla) folgende Zeilen geschrieben:

YouTube Video: Ruby Ibarra: Us (feat. Rocky Rivera, Klassy & Faith Santilla):

Nur, weil wir als philippinische Diaspora in Deutschland unsere privilegierte Situation im Vergleich zu den Philippinen verstanden haben, konnten wir uns zusammentun und zu Beginn der Corona-Pandemie die Aktion Ayuda – Hoffnung durch Aktion ins Leben rufen. Damit haben wir benachteiligte Gruppen auf den Philippinen mit Lebensmitteln versorgt sowie ein Krankenhaus in Marawi mit Covid-Schutzausrüstung. Ohne unser philippinisches Verständnis von Kapwa – dass wir zusammengehören – wäre diese diasporische Solidarität wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Du bist nicht allein und du gehörst dazu

Lange habe ich mich allein gefühlt mit meiner Erfahrung. Das Teilen von Erfahrungen mit Menschen, die ähnliche Lebensgeschichten haben und das Gefühl eines kollektiven Empfindens haben mir sehr gut getan. Daher habe ich in meinem Beitrag für das Buchprojekt des Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas deutschsprachige sogenannte second generation Filipin@s nach ihren Erfahrungen befragt und diese zusammen getragen. Damit hoffe ich, jungen Menschen mit ähnlicher Ausgangsposition, wie ich sie hatte, Mut zu machen und ihnen das Gefühl zu geben, gehört zu werden. Ich möchte ihnen sagen: „Vielleicht haben wir beide eine ähnliche Geschichte und sei es nur die, dass deine Eltern oder ein Elternteil irgendwann nach Deutschland gekommen sind. Vielleicht hast du die Erfahrung der Migration sogar selbst gemacht und aus erster Hand miterlebt. Ganz sicher ist aber, du bist nicht allein und du gehörst dazu. Wir gehören hierher.“

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Indonesien/Thailand/Hongkong/Deutschland: Cassie Sukmana und Kwok-Fai Cheung haben sich in Köln mit dem Restaurant Daur Lang ihren Traum erfüllt, einen Mix aus Tradition und Nachhaltigkeit. Im Interview berichten sie über ihr Leben in der Diaspora – und natürlich über ihre Kochkünste.

Was hat euch beide in die Gastronomie geführt?

Cassie (C): Wir haben vorher lange in Berlin gelebt, wo wir uns auch kennen gelernt haben. In Köln wohnen wir jetzt seit fünf Jahren. Ich habe bereits zehn Jahre in der Gastronomie gearbeitet, mein Mann sogar noch länger. Es war schon immer mein Traum, ein eigenes Restaurant zu haben. Das haben wir nun zusammen umgesetzt.

Welche Einflüsse prägen die Küche, die ihr anbietet?

C: Wir haben unsere Vorstellungen in einem neuen Konzept verwirklicht. Dazu haben wir uns am Stil eines Asian Bistro orientiert, in dem wir eine Küche anbieten, die wir als ‚Hausmannskost’ bezeichnen würden. Also Gerichte, die sich in Deutschland sonst schwer finden lassen. Überwiegend servieren wir indonesische Speisen, da ich aus Indonesien komme und das dortige Essen sehr vermisst habe. Deswegen wollte ich für die Menschen das kochen, was ich selbst gern esse. Gerichte, die in Indonesien auf der Straße verkauft werden. Aber wir bedienen uns auch an Einflüssen aus der chinesischen und thailändischen Küche. Da mein Mann zur Hälfte Thailänder und zur Hälfte Hongkonger ist, überlasse ich das ihm.

Kwok-Fai (K-F): Wir wollten kein typisches 08/15-Restaurant mit Gerichten, die überall zu bekommen sind. Wir möchten den Menschen richtiges Heimatessen anbieten. Wichtig war uns auch ein wechselndes Menü, um für Abwechslung zu sorgen. Ansonsten wäre es schnell langweilig geworden.

War es für euch schwer, das Restaurant bekannt zu machen?

K-F: Ganz ehrlich: Restaurants wachsen wie Unkraut. An jeder Ecke entsteht etwas Neues, das macht es nicht einfacher. Ich würde nicht unbedingt als erstes ein Restaurant eröffnen, wenn ich neu nach Deutschland kommen würde. Aber durch unseren alternativen Ansatz sind wir in kurzer Zeit schon recht bekannt geworden und haben uns vor allem in der Südstadt von Köln einen Namen gemacht. Wir haben viele Stammkund*innen und kriegen oft Lob für das, was wir machen. Mich freut es sehr, dass die Menschen uns schon als Teil ihres Viertels betrachten.

Worauf habt ihr, neben der Menükarte, noch geachtet?

C: Uns war es wichtig, ein nachhaltiges Restaurant zu betreiben. Deswegen bieten wir, neben unserer Speisekarte, auch regionale Lebensmittel und wiederverwertete Dekorationsartikel in unserem Laden an. Diese werden beispielsweise aus Holz oder alter Pappe gefertigt und somit wiederverwertet. Zudem haben wir alle Möbel in unserem Laden gebraucht gekauft. Der Gedanke dahinter war, dass es bereits so viel Müll auf unserem Planeten gibt, dass wir nicht noch mehr davon produzieren, sondern vielmehr den vorhandenen dazu nutzen möchten, etwas Neues herzustellen.

Was bedeutet es euch, asiatische Gerichte anzubieten?

C: Wir kennen asiatische Gerichte durch unsere Familien und haben von deutscher Küche wenig Ahnung. Aber wir müssen auch kreativ sein, da wir vegetarische Gerichte anbieten. Fleisch kann man bei uns nur extra dazu bestellen. Typisch indonesische Gerichte wie Rendang [Rindfleisch mit speziellen Gewürzen in Kokosmilch, d.R.], sind schon schwer vegetarisch zu gestalten. Das Gericht wird in Indonesien mit Rindfleisch gekocht, bei uns mit Tofu. Allein für die Soße brauchen wir vier Stunden, deshalb bereiten wir es nur einmal im Monat zu. Viele unserer Gäste kannten das Gericht nicht, waren aber begeistert, nachdem sie es probiert hatten.

Wir bieten überwiegend vegetarisches und veganes Essen an, da übermäßiger Fleischkonsum einfach nicht nachhaltig ist. Unsere Karte spiegelt dabei genau das wider, was wir auch selbst zu Hause essen. Wir essen zwar Fleisch, aber sehr selten und ausgewählt. Deshalb möchten wir das Narrativ umkehren, dass vegetarisches Essen eine Besonderheit sei und Fleisch die Norm darstelle.

Was verbindet ihr mit indonesischem Essen?

C: Indonesisches Essen steht für mich für Heimat. Ich kann, wenn ich esse, gedanklich zu meiner Familie reisen und viele Erinnerungen in mir wecken. Aber auch bei den meisten Kund*innen, die zu uns kommen und beispielsweise schon auf Bali waren, weckt unser Essen Erinnerungen. Viele freuen sich und schwelgen in Nostalgie an ihre schöne Zeit in Indonesien.

Hast Du Kontakt zu anderen Indonesier*innen in Deutschland?

C: Wir sind kein Teil einer größeren Gruppe, aber haben einige indonesische Freund*innen in Köln. Hier gibt es nicht so viele Indonesier*innen wie zum Beispiel in Berlin. Als ich nach Deutschland kam, wohnte ich in Berlin, um International Business zu studieren. Internationale Studierende mussten vor der Uni ein Studienkolleg besuchen. Dabei handelt es sich um ein Schuljahr, in dem Kenntnisse in Deutsch, Englisch, Mathe oder auch Wirtschaft aufgefrischt werden. Dort haben sich viele Indonesier*innen kennengelernt, aber auch Menschen anderer Nationalitäten.

Später bin ich nach Köln umgezogen und habe dort mein Studium beendet. Mein Bruder hat dort gewohnt, so konnte ich ihm näher sein. Mittlerweile ist er wieder nach Indonesien gezogen. In Köln konnten wir uns sehr schnell einleben. Es geht uns gut hier, was auch ein Grund war, das Daur Lang zu eröffnen. Wenn alles nach Plan läuft, bleiben wir auch die nächsten Jahre hier.

Was bedeuten Restaurants für die indonesische Diaspora in Deutschland?

C: In Deutschland gibt es mehrere indonesische Restaurants. Vor allem in Berlin, aber auch in anderen Städten. In Köln sind es momentan noch drei weitere. Das älteste davon gibt es schon seit 35 Jahren. Das wurde schon von der Großmutter des jetzigen Inhabers geführt. Einige Indonesier*innen haben direkt, nachdem sie nach Deutschland kamen, indonesische Läden oder Restaurants eröffnet. In Hamburg gibt es auch ein Restaurant und sogar einen indonesischen Lebensmittelladen, den größten in Deutschland.

Wie ist Dein Verhältnis zu Deinen Verwandten in Indonesien?

C: Ich fliege circa einmal alle zwei Jahre nach Indonesien. Meine ganze Familie wohnt dort, deshalb wohne ich quasi alleine hier. Ich vermisse sie alle sehr. Aber der technische Fortschritt macht es auf jeden Fall einfacher, den Kontakt zu halten. Messenger Dienste haben es sehr viel leichter und günstiger gemacht, zu telefonieren. So ist es definitiv erträglicher. Aber sobald die Pandemiesituation es zulässt, würde ich gerne wieder nach Indonesien reisen.

K-F: Bei mir ist es, dadurch dass ich in Berlin aufgewachsen bin, etwas einfacher. Meine Eltern und der engste Familienkreis lebt noch dort. Meine Großeltern, Onkel und Tanten jedoch leben in Thailand und in Hongkong. Daher kann ich nachvollziehen, wie weit für Cassie die Distanz zu ihrer Familie ist.

Habt ihr das Gefühl, das Menschen aus Südostasien mittlerweile besser repräsentiert in Deutschland sind?

C: Die Repräsentation nimmt auf jeden Fall zu, wir fühlen uns mehr willkommen. Ich kann es natürlich nur bedingt vergleichen, da ich erst seit fünf Jahren in Köln lebe. Hier sind wir glücklicher als in Berlin, denn die Leute sind netter und aufgeschlossener. Mein Mann kann das allerdings besser einschätzen, da er in Deutschland aufgewachsen ist. Am Anfang der Corona-Zeit haben die Anfeindungen gegen uns deutlich zugenommen.

K-F: Da kamen teilweise richtig rassistische Sprüche. Das war schon sehr fies, nett gesagt. Mittlerweile schalte ich allerdings einfach auf stumm und höre solchen Sprüchen nicht mehr zu. Viel passiert auch durch fehlende Bildung und Falschinformationen. Da wird gerne ein Bild aus Boulevardmedien übernommen, dass das Virus von Asiat*innen stamme. Aber mal im Ernst: Es gab genug andere Krankheiten mit vielen Toten. Zum Beispiel die Influenza-Grippe. Nur stammte diese eben aus Europa, nicht aus Asien. Deswegen sorgte das nicht für eine vergleichbare Diskriminierung.

Habt ihr auch früher schon derart viele Diskriminierungserfahrungen gemacht?

K-F: Damals vor 25 Jahren, als Asiate in Berlin aufzuwachsen, war hart. Niemand hat Dich wahrgenommen. Ich hatte teilweise das Gefühl, ein Nichts zu sein. Aber mittlerweile hat sich einiges geändert. Jüngere Asiat*innen haben zum Glück nicht mehr die gleichen Probleme, wie ich damals. In der Großstadt gibt es so etwas heutzutage nur noch selten.

C: Ich glaube auch, dass sich das mediale Bild von Asien gewandelt hat. Heutzutage wird deutlich weniger rassistisch über Asiat*innen gesprochen, als es früher noch der Fall war.

Welche Herausforderungen bringt die Corona-Pandemie für das Restaurant mit sich?

C: Das Daur Lang haben wir seit circa einem Jahr. Leider haben wir kurz vor dem Beginn der Corona-Pandemie eröffnet, das war ein denkbar schlechter Zeitpunkt für uns. Und jetzt, ein Jahr später, befinden wir uns immer noch in der Pandemie. Es gibt wirklich leichteres, aber da müssen wir durch. Wir bieten weiterhin unsere Gerichte zum Abholen an und erhalten dafür auch viel Zuspruch. Wir hoffen natürlich, dass es wieder Richtung Normalzustand geht.

K-F: Ich bin mit unserem Restaurant an sich auf jeden Fall zufrieden. Mit dem was wir schon erreicht haben – Mit der aktuellen Situation natürlich weniger. Aber das geht wahrscheinlich Allen so. Viele Leute sprechen uns Mut zu und sagen uns, dass wir durchhalten sollen. Dafür lohnt es sich definitiv, weiterzumachen.

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Vietnam/Deutschland: Das Jahr 1990 war ein Jahr des Wandels, nicht nur für weiße Deutsche, sondern auch für Vietnames*innen, die zu der Zeit in Deutschland lebten. Dieser Artikel betrachtet anhand einer Biografie die deutsch-vietnamesische Migrationsgeschichte nach Ost-Deutschland

2020 war das Jahr einiger historischer Jubiläen, die das Leben von Menschen bereits vor Jahrzehnten drastisch änderten: 30 Jahre deutsche Wiedervereinigung, 45 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Vietnam, 40 Jahre Vertragsarbeiterabkommen zwischen der DDR und Vietnam. Diese Ereignisse form(t)en transnationale Geschichte(n) und setz(t)en Migrationswege in Gang – bis heute.

Von Vietnam in die Tschechoslowakei

„Ich wurde im Januar 1990 als Kind zweier vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen geboren. Mein Vater kam 1982 in die Tschechoslowakei, um in der Industriestadt Pardubice in einer Farbenfabrik zu arbeiten. Meine Mutter kam 1986 in die gleiche Stadt, sie wurde in einer Textilfabrik beschäftigt. Mein Vater integrierte sich schnell, lernte die tschechische Sprache und wurde den Kollegen und Vorgesetzten zu einer wertvollen Hilfe. Zudem half er seinen vietnamesischen Landsleuten dabei, sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden. Ende der 1980er Jahre lernten meine Eltern sich kennen und lieben. Als meine Mutter mit mir schwanger wurde, begannen erste Schwierigkeiten. Vertragsarbeiterinnen war es nicht erlaubt, während des Einsatzes schwanger zu werden.

Der freundschaftlichen Unterstützung eines tschechischen Arztes ist es zu verdanken, dass die Schwangerschaft nicht abgebrochen werden musste und dass meine Eltern in Pardubice bleiben durften. Er attestierte meiner Mutter, dass sie wegen ihrer Umstände nicht mehr reisefähig war. Zwischenzeitlich hatte die ‚friedliche Revolution’ in der Region zu veränderten politischen Verhältnissen geführt. Auch die Bedingungen für Vertragsarbeiter*innen änderten sich schrittweise. Das Bleiberecht wurde zunehmend restriktiver ausgelegt. Im November 1990 sollte meine Familie die Tschechische Republik endgültig verlassen, es drohte die Ausweisung. Doch meine Eltern hatten sich an das Leben in Europa gewöhnt und in Vietnam keine wirtschaftliche Basis mehr. Zu jener Zeit boten sich noch etwas bessere Möglichkeiten, um nach Deutschland zu migrieren. Sie versuchten ihr Glück und gelangten über Umwege in das Asylheim Falkensee bei Berlin.“

Zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung lebten rund 60.000 Vertragsarbeiter*innen in der DDR. Sie kamen aus sozialistischen ‚Bruderländern’, vor allem aus Angola, Mosambik und Vietnam. Durch Vertragsarbeit sollten die Sendeländer in der Lage sein, ihre Arbeiter*innen auszubilden, weiter zu qualifizieren und weniger Menschen im Land selbst versorgen zu müssen. Arbeiter*innen schickten Geld und industrielle Güter nach Hause und würden bei der Rückkehr in ihr Heimatland Fertigkeiten und Expertise mitbringen.

Vertragsarbeiterabkommen zwischen DDR und Vietnam

Die DDR und andere osteuropäische Länder hatten mit Arbeitskräftemangel zu kämpfen, besonders im Niedriglohnsektor. Viele Ostdeutsche waren nach Westdeutschland geflohen. Deshalb wurden zusätzliche Arbeitskräfte benötigt, um den Fünf-Jahres-Plan zu implementieren. 1980 wurde ein Abkommen zwischen Vietnam und der DDR unterzeichnet.

Migrant*innen aus Vietnam lockte eine Verbesserung der familiären ökonomischen Situation und die Möglichkeit zu reisen. Zu jener Zeit waren Erwerbsmöglichkeiten in Vietnam begrenzt. Hunger und Armut waren weit verbreitet, auch wenn sich die Lage Mitte der 1980er Jahre besserte. Ins Ausland zu reisen versprach Abenteuer und Prestige. Nicht alle, die wollten, durften das auch. Vertragsarbeiterinnen sahen zudem eine Chance, traditionellen Familienbildern zu entkommen, welche meist eine frühe Eheschließung bedeuteten.

Rückblickend beschreiben Vertragsarbeiter*innen ihre Zeit in der DDR fast glorifizierend und erwähnen selten die strikten Regulierungen, denen sie unterlagen. Ihnen stand beispielsweise nur ein Wohnraum von 5 m2 zu. Eine Schwangerschaft bedeutete die Wahl zwischen Abschiebung und Abtreibung. Zusätzlich erschwerte ihnen Rassismus das Leben in der DDR, auch wenn die Regierung dessen Existenz abstritt. Er reichte von Mikro-Aggressionen durch deutsche Kolleg*innen, die sich über vietnamesisches Essen lustig machten, bis hin zu rassistischer Gewalt im Zusammenhang mit der aufkommenden Skinhead-Kultur.

Unklare rechtliche Rahmenbedingungen nach dem Mauerfall

1990 kam die große Unsicherheit. Niemand wusste, was während des politischen Umbruchs mit den Vertragsarbeiter*innen in Deutschland geschehen würde. Viele akzeptierten die bezahlte Rückkehr nach Vietnam. Manche migrierten zwischen den ehemaligen Ostblock-Ländern. Für einige war Deutschland zu ihrem Zuhause geworden, wo sie bleiben wollten. Allerdings entschied die deutsche Politik erst 1997 über eine Bleiberechtsregelung. Bis dahin blieben rechtliche Rahmenbedingungen unklar, weshalb viele ehemalige Vertragsarbeiter*innen ihr Überleben in rechtlichen Grauzonen und selbständigen Arbeitsverhältnissen aushandelten.

„Hier [in Falkensee] verbrachte ich die erste Hälfte meiner Kindheit. Ich erinnere mich gern an das Leben im Wohnheim, das mir zunächst wie ein normales Zuhause vorkam. Erst später begriff ich, dass unser Leben immer von einer Duldung durch die Behörden abhing. Meine Eltern versuchten, uns durch Nebentätigkeiten ein angenehmes Leben zu sichern. Zudem genossen wir sehr viel Unterstützung durch deutsche Freund*innen und Nachbar*innen. Da meine Eltern jedoch nie studieren oder arbeiten durften, konnten sie sich keine langfristige Lebensgrundlage aufbauen und blieben immer im Status der geduldeten Asylsuchenden.

Ende der 1990er Jahre sollte das Asylheim Falkensee einer neuen Nutzung zugeführt werden. Alle Bewohner*innen wurden einer strengen Überprüfung unterzogen. Selbst die Tatsache, dass ich inzwischen drei jüngere Geschwister hatte, wurde bei der finalen Entscheidung nicht berücksichtigt. Im Jahre 2001 mussten wir nacheinander Deutschland verlassen, zunächst mein Vater, meine zwei Schwestern und ich, sechs Monate später meine Mutter und mein Bruder. Wir kamen vorerst bei Verwandten in Hanoi unter.“

Viet-Deutsche Identitäten sind harte Verhandlungsprozesse

Von den verbliebenen Vertragsarbeiter*innen überzeugten manche ihre Familien in Vietnam, ihnen nach Deutschland zu folgen. Viele hatten sich über Jahre nicht gesehen, die Kommunikation (damals noch ohne Internet und Smartphones) war eingeschränkt. Andere lernten ihre Partner*innen, sowohl deutsche, als auch vietnamesische, in Deutschland kennen und beschlossen, Deutschland zum Zuhause ihres Nachwuchses zu machen. Die Viet-Deutschen der so genannten 1 ½. Generation (geboren in Vietnam, aber jung nach Deutschland migriert) sowie der 2. und 3. Generation sind mit anderen Herausforderungen als ihre Elterngeneration konfrontiert. Dazu gehört der ständige Verhandlungsprozess zwischen Erwartungen der Eltern und der weißen deutschen Gesellschaft.

Mit zwei Kulturen aufzuwachsen ist ein Schatz, aber auch eine Belastung. Die eigene Identität zwischen oft traumatischen Familienbiografien, die den Lebensweg der Kinder als Wiedergutmachung für elterliche Entbehrungen sehen, ist eine Bürde. Erfolgreich und gehorsam zu sein steht oft im Konflikt mit der deutschen Umgebung in der Schule und mit Freund*innen. Zusätzlich zu diesen Spannungen und Erwartungen sind Viet-Deutsche weiterhin Rassismus und Stereotypen der weißen Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt. Trotz Selbstidentifizierung als Deutsch werden sie mit Fragen wie „Wo kommst du wirklich her?“ und „Warum sprichst du so gut Deutsch?“ konfrontiert. Dies zeigt die Kluft zwischen Fremd- und Selbstbestimmung und schließt Personen aus einer Gruppe aus, zu der sie eigentlich gehören.

Viet-Deutsche Identitäten sind harte Verhandlungsprozesse und ein Kampf an mehreren Fronten zugleich. Trotzdem bleiben diese Kämpfe oft unsichtbar, da sie vom Stereotyp der ‚Vorzeigemigrant*innen’ verdeckt werden. Dieses Vorurteil reduziert Viet-Deutsche auf ihren Bildungserfolg und vergisst dabei, über die Traumata und Opfer zu sprechen, die der Preis für die oberflächlich scheinbar gelungene Integration sind.

„Die ersten Wochen in Vietnam verliefen sehr abenteuerlich: Ich sprach fließend Deutsch, hatte aber kaum meine eigene Muttersprache gelernt. Doch ich lernte schnell und so konnte ich meine Schulzeit bald fortsetzen und ein Studium beginnen. In all den Jahren erinnerte ich mich immer wieder an meine Kindheit in Deutschland und versuchte auch, Kontakt zu wichtigen Freund*innen aufrecht zu halten. In meinem Herzen blieb Deutschland immer eine Art Sehnsuchtsort. Um mit der deutschen Kultur in Verbindung zu bleiben, arbeitete ich in Hanoi als Stadtführerin für deutsche Tourist*innen und Langzeitreisende.

Schließlich wurde mein Wunsch unbändig, wieder in Deutschland zu leben. 2015 begab ich mich als Au-Pair nach Deutschland. Schnell frischte ich meine deutschen Sprachkenntnisse auf und bereitete mich darauf vor, im folgenden Jahr eine Ausbildung zu beginnen. Ich sah mich plötzlich in einer ähnlichen Situation wie meine Eltern 15 Jahre zuvor. Ich wollte alles richtig machen und entschied mich für einen Beruf mit guten Zukunftsaussichten. Heute lebe ich in Berlin, ich liebe meine Arbeit als Altenpflegerin, genieße das Leben und schaue mit Freude und Zuversicht in die Zukunft.“

Die DDR existiert nicht mehr, auch die Vertragsarbeit ist Geschichte. Doch es gibt eine neue Form der Migration zwischen Deutschland und Vietnam, die erneut darauf basiert, Vietnames*innen für Arbeit zu rekrutieren, die Deutsche wegen schlechter Arbeitsbedingungen nicht machen wollen. Diesmal geht es um die Pflegebranche (vgl. Artikel Pflegekräfte in der Corona-Krise auf suedostasien.net).

Das Goethe Institut ist weltweiter Anbieter von Deutschkursen, seine größte Sprachabteilung befindet sich in Vietnam. Die Nachfrage, nach Deutschland zu gehen, ist ungebrochen. Historische Verbindungen bleiben stark und junge Vietnames*innen suchen Chancen in Deutschland. Gleichzeitig setzt die deutsche Regierung eine Tradition fort und begeht dabei alte Fehler: Laut dem Deutschen Wirtschaftsministerium sei diese Arbeitsmigration temporär, langfristige Aufenthalte werden nicht erlaubt und deshalb stünden Integration und Inklusion neu ankommender Fachkräfte nicht auf der Prioritätenliste. Statt Geschichten und Erfahrungen von Vertragsarbeiter*innen ernst zu nehmen, scheint es, als würde sich die Geschichte mit einer neuen Generation wiederholen. Oder können wir die Jubiläen als Anlass nehmen, Politik neu zu denken und Migrant*innen weniger Diskriminierung auszusetzen?

Dieser Artikel wurde erstmals im englischen Original am 29.10.2020 durch die Heinrich Böll Stiftung veröffentlicht. Er wurde für südostasien ins Deutsche übersetzt und redaktionell bearbeitet.

Übersetzung aus dem Englischen von: Julia Behrens

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Myanmar/weltweit: Rohingya leben wegen Vertreibung global verstreut. Unser Autor hat mit Mitgliedern der Diaspora Gemeinschaft weltweit gesprochen und sie nach der Bedeutung von Menschenrechten für sie gefragt.

Die Rohingya sind eine Minderheit aus Arakan [Anm.d.Red. heutiges Rakhine], einer Provinz im Nordwesten von Myanmar. Seit Jahrzehnten werden ihnen ihre Identität, grundlegenden Rechte auf Freizügigkeit, Arbeit, Bildung, medizinische Grundversorgung sowie das Recht, Kinder zu bekommen, verwehrt. 2017 wurden bei einer Militäroperation Myanmars fast 400 Rohingya-Dörfer niedergebrannt, was zu einem Exodus von fast 800.000 Menschen ins benachbarte Bangladesch führte.

Heute lebt die große Mehrheit der Rohingya weltweit verstreut. Menschenrechte sind ein großes Gesprächsthema unter ihnen. Dieser Artikel zeigt Interviewausschnitte von verschiedenen Vertreter*innen der weltweiten Rohingya Gemeinschaft. Sie berichten, was Menschenrechte für sie bedeuten.

Taslima, Bangladesch: „Was die einen bekommen, bekommen die anderen nicht“

Taslima lebt in einem der Geflüchtetenlager in Bangladesch. „Menschenrechte umfassen die grundlegenden Lebensrechte, wie z.B. Bildung. Das Recht auf Nahrung, denn die meisten Menschen hier können die elementarsten Dinge, die sie brauchen, nicht bekommen.“ Laut Taslima sind die Grundrechte der Rohingya in Bangladesch dauerhaft eingeschränkt. Es herrscht permanenter Mangel: „Was die einen bekommen, bekommen die anderen nicht. Wenn einige essen, bekommen andere nichts. Die einen bekommen Medikamente, die anderen nicht. Die einen bekommen Bildung, die anderen nicht.

Die meisten unserer Mädchen können nicht einmal rausgehen, um Bildung zu bekommen.“ Taslima leitet das Rohingya Women’s Projects, ein Trainingsprogramm zu Bildung, Unternehmertum und Bewusstseinsbildung für Frauen innerhalb von Geflüchtetenlagern. Sie leitet auch eine Reihe von Graswurzel-Schulen in Geflüchtetenlagern. Dort können Kinder vom Kindergarten bis zum Abitur Burmesisch, Englisch, Mathematik und mehr lernen.

Sabrina, Bangladesch: “Wir wollen keine symbolischen Menschenrechte“

Sabrina kommt aus Cox’s Bazar, und leitet Workshops zu Frauenbildung in Geflüchtetenlagern. Sie erklärt Menschenrechte als „drei wesentliche Bedürfnisse für uns: Wiedererlangung der vollen Staatsbürgerschaft; gleichberechtigte Teilhabe von Männern und Frauen in jedem Lebensbereich; und Gleichbehandlung mit anderen anerkannten ethnischen Gemeinschaften in Myanmar, was Wahlrecht, Zugang zu Arbeitsplätzen, Teilnahme an Wahlen usw. einschließt.“

Als Rohingya müsse ihr Volk sich damit auseinandersetzten, was Menschenrechte sind. Den meisten in der Gemeinschaft fehle der Zugang zu Bildung, so dass sie nicht verstehen könnten, was Menschenrechte wirklich sind. Deshalb plädiert Sabrina dafür „unsere Gemeinschaft durch Bildung aufzuklären.“ Dabei sollten die Frauen zusammen mit den Männern in allen Bereichen des Lebens Fortschritte machen. Sie betont immer wieder, wie wichtig die Bildung von Frauen sei. Dies werde viele Probleme lösen: „Wenn wir ungebildet bleiben und die Dinge nicht richtig verstehen, werden uns äußere Kräfte manipulieren und mit uns spielen.“ Sabrina möchte keine symbolischen Menschenrechte. Sie fordert echte Menschenrechte, die ihrer Gemeinschaft nützen und wirkliche Veränderungen in der Politik der Regierung Myanmars gegenüber den Rohingya bewirken.

Bo Min Naing, Malaysia: „Wir brauchen Schutz, Bildung und Gesundheitsversorgung“

Bo Min Naing lebt in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur. „Was die Menschenrechte angeht, brauchen wir drei Dinge sehr dringend: Schutz, Bildung und Gesundheitsversorgung.“ Ohne einen Ausweis des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR) hätten die Flüchtlinge in Malaysia überhaupt keinen Schutz. Seit dem Lockdown 2020, gebe es viele Hass-Verbrechen gegen Rohingya. „Wir wurden bei der Arbeit diskriminiert, wir werden leicht vertrieben, wir bekommen keine Unterkunft“ erklärt Bo Min Naing.

Es gebe nur eine Handvoll Schulen für Rohingya in Malaysia. Deshalb gründen sie eigene Schulen, in denen sie selbst Lehrer*innen anstellen, aber die Qualität sei oft nicht gut. Auch bei der Gesundheitsversorgung gibt es Probleme: „Da wir keine Papiere haben, müssen wir für die Gesundheitsfürsorge große Summen zahlen, genauso wie für die Anmeldung in einem Krankenhaus. Wenn man Papiere hat, zahlt man fast nichts.“ Bo Min Naing ist der Präsident der Rohingya Society of Malaysia. Er hilft Flüchtlingen ohne Papiere, indem er sie an den UNHCR und Nichtregierungsorganisationen vermittelt.

Shuja, Australien: “Für uns sind Menschenrechte nur ein Traum“

Shuja lebt in Australien und leitet von dort aus ein Rohingya-Gemeindezentrum in einem Vorort von Kuala Lumpur. Für ihn sind Menschenrechte Rechte „mit denen wir alle von Natur aus geboren werden, die uns göttlich gewährt werden und die uns nicht von anderen weggenommen oder gegeben werden können.“ Er teilt sie in die Kategorien Versorgung, Sicherheit und Gerechtigkeit ein. „Viele Dinge fallen in die Kategorie der Versorgung: Bildung, Unterhalt, körperliche und emotionale Bedürfnisse, die Möglichkeit, sich zu entfalten.

Was uns betrifft, so hat unser Volk seit der Unabhängigkeit Myanmars grobe Menschenrechtsverletzungen durch die burmesischen Behörden erlebt. Deshalb haben viele ihr Land verlassen, um anderswo Sicherheit zu suchen. Wenn wir in die Nachbarländer gehen, treffen wir leider auf ähnliche Misshandlungen. Für uns sind Menschenrechte deshalb wie ein Traum, etwas, das wir nicht in der Realität leben können.“

Ismail, Saudi Arabia: “In ein paar Jahren wird es keine Rohingya mehr in Myanmar geben“

Für Ismail, der in Saudi-Arabien lebt, sind „Menschenrechte grundlegende Rechte für jede*n.“ Laut Ismail gelten religiösen Ethnien in Burma als unbedeutend. Dies habe verschiedene Gründe, „für das buddhistische Volk ist es der religiöse Faktor, für die Regierung von Myanmar ist es auch ein wirtschaftlicher Faktor. Sie erkennen uns nicht einmal als Menschen an. Sie versuchen, uns zu eliminieren.“ In ein paar Jahren werde es laut Ismail in Myanmar keine Rohingya-Gemeinschaft mehr geben. „Und wenn einige übrigbleiben, werden sie sich aus Angst nicht als Rohingya bezeichnen.“ Ismail führt mit seiner Familie eine Sekundarschule für Rohingya in der Burma Colony in Karachi, Pakistan. Ismails Großfamilie ist Teil der Rohingya-Diaspora in Pakistan.

Ambia, Deutschland: “Unsere Grundrechte wurden uns durch die Apartheid-Verfassung in Myanmar systematisch genommen.“

Ambia ist Ärztin in Deutschland. Sie erklärt Menschenrechte als „grundlegende Freiheit, die jedem Menschen von der Geburt bis zum Tod zusteht.“ Laut Ambia sind sie „Werte wie Gleichheit, Unabhängigkeit, gesetzlich geschützte Minderheiten, Fairness und das Recht auf Genuss.“ Jeder Mensch auf dieser Welt habe diese Rechte, und ein Land, das seine Minderheiten nicht schützen kann, habe versagt. „Als Rohingya-Minderheiten fehlt uns alles, vom Tag unserer Geburt bis zum Tod. Wir haben nichts und sind Opfer von menschengemachter Staatenlosigkeit. Unsere Grundrechte wurden uns durch die Apartheid-Verfassung in Myanmar systematisch genommen.“

Ambia leitet den European Rohingya Council, eine Lobbyorganisation mit Sitz in Großbritannien. In ihrer Eigenschaft als Psychiaterin leitet sie Projekte in Flüchtlingslagern, wo sie medizinische Beratung und psychosoziale Unterstützung anbietet.

Yusuf, Kanada: “Wir können nichts dagegen tun“

Yusuf ist kürzlich aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgewandert und als Flüchtling in Kanada angekommen. Er erzählt von seiner Schulzeit in Akyab, der Hauptstadt von Arakan: „Sie nannten uns immer kalar, ein abfälliger Begriff für Dunkelhäutige. In der Schule hatten wir immer Angst vor den burmesischen Buddhisten. Wir konnten nicht einmal von einem Dorf ins nächste ziehen. Wir mussten Polizisten bestechen, um Papiere zu bekommen, damit wir umziehen durften. Meine Familie konnte nicht in die Moschee gehen, die meine Vorfahren gebaut hatten, um zu beten.“ Die Moschee in seinem Dorf wurde 1887 erbaut und 1951 von Yusufs Vater renoviert. Jetzt sei sie besetzt und in ein Polizeilager umgewandelt worden. Der Besitz seiner Eltern wurde beschlagnahmt. Ein Mönch, der früher bei Yusufs Familie zur Miete wohnte, hat ihnen das Grundstück weggenommen und es dann verkauft. „Wir konnten nichts dagegen tun.“

Nurbegum, USA: “Er ist einfach gestorben”

Nurbegum genießt heutzutage ihr ruhiges und friedliches Leben in Texas. Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Arakan. „Die, die in Maungdaw [Anm.d.Red. eine Stadt in der Provinz Rakhine] leben, leiden sehr darunter. Allein der Umzug von Maungdaw nach Yangon ist mit so viel Schmerz verbunden. Selbst wenn sie nach Sittwe [Anm.d.Red. Hauptstadt von Rakhine] gehen, haben sie viele Probleme. Die Kinder können nicht bis zur zehnten Klasse lernen. Wenn sie es doch schaffen, können sie danach nicht aufs College gehen. Die Menschen haben nicht die Möglichkeit, medizinische Hilfe zu bekommen.“ Nurbegum erinnert sich an ihre eigene Familiengeschichte: „Bevor mein Vater starb, versuchte er eine Behandlung zu bekommen. Er versuchte, nach Yangon zu gehen, aber er konnte nicht. Er versuchte, den Fluss zu überqueren, um nach Bangladesch zu kommen, aber er konnte nicht. Er ist einfach gestorben, weil er keine medizinische Behandlung bekommen konnte.“

Marginalisierung und Ausbeutung werden auch im Ausland fortgesetzt

Die obigen Interviews sprechen für sich selbst. Menschenrechte sind für Rohingya von enormer Bedeutung. Die Diskussion beschränkt sich nicht nur auf die extreme Verfolgung in Myanmar oder die fehlenden Rechte anderswo. Zum Beispiel sind die Rohingya auch Opfer des organisierten Menschenhandels in Südostasien. Angetrieben von Hoffnungslosigkeit in den Flüchtlingslagern und Dörfern, fallen viele in die Hände von Menschenhändlern, um dann im Dschungel von Thailand oder in klapprigen Booten auf dem Indischen Ozean umzukommen. Oft werden sie zur Sklavenarbeit in der Fischereiindustrie der Nachbarländer verkauft (vgl. Artikel Frischer Fisch dank Zwangsarbeit auf suedostasien.net).

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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Deutschland/Philippinen: Maite Hontiveros-Dittke erzählt von der gespaltenen Diaspora seit Rodrigo Duterte in den Philippinen an der Macht ist – aber auch von der verbindenden Kraft des Essens.

In der Übergangszeit 1986, nach dem friedlichen Sturz des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos durch die Peoples Power Revolution, nutzten viele Filipin@s ihre neue Freiheit, um das Ausland zu erkunden. Diese Umbruchsphase war besonders für die damalige jüngere philippinische Generation wegweisend. Die politische Zukunft der Philippinen war ungewiss und vielen fehlte die Perspektive auf dem heimischen Arbeitsmarkt.

So ging es auch der studierten Ernährungswissenschaftlerin Maite Hontiveros-Dittke, die in jener Zeit den deutschen Familienfreund und Honorarkonsul aus Düsseldorf Karl-Heinz Stockheim fragte, ob sie bei ihm arbeiten könne. So kam sie mit einem dreijährigen Praktikumsvisum zu Stockheims Unternehmen. Maite arbeitete in jeder Abteilung und sammelte viele Erfahrungen. Sie lernte fleißig in Abendkursen Deutsch. Ihr Arbeitgeber erwartete, dass sie sich integriere und nicht ‚nur’ mit philippinischen Freund*innen der Diaspora Zeit verbringe. Maite lernte 1988 ihren Freund kennen und flog nach dem Ende des Praktikums 1989 zurück in die Philippinen.

Zurück in Manila und mit gesammelter Arbeitserfahrung standen ihr alle beruflichen Türen offen. Doch der Auslandsaufenthalt hatte Maite verändert. Sie genoss die Rückkehr in ihre Heimat, aber ihre eigene Kultur war ihr fremd, wirkte bigott auf sie. Sie hatte Schwierigkeiten, wieder Fuß zu fassen. Nach kurzer Fernbeziehung beschlossen ihr Freund und sie, zu heiraten. 1990 kam Maite zurück nach Deutschland – und musste sich erneut anpassen. Immer wieder arbeitete Maite neben ihrem eigentlichen Beruf als Urlaubsvertretung im philippinischen Konsulat. Dabei lernte sie die philippinische Diaspora kennen und wurde selbst ein Teil davon.

Wie würdest du philippinische Diasporagemeinschaften in Deutschland beschreiben?

Die philippinische Diaspora ist sehr regional organisiert, nach Inseln (Regionen) und Sprachgruppen, wobei die einzelnen Dialekte der philippinischen Sprache sehr verschieden und vielfältig sind. Auch gibt es Unterschiede anhand der verschiedenen Regionen in Deutschland, beispielsweise die Diaspora aus Hamburg, Köln oder München. Aber auch innerhalb der deutschen Regionen teilen sich die Filipin@s oft nach Heimatregionen auf. Die Sprache Tagalog fungiert als Bindeglied innerhalb der Diaspora, mein Tagalog hat sich in Deutschland deutlich verbessert, da wir Zuhause nur Ilonggo und Englisch sprachen.

Der Grund der Migration und der soziale Hintergrund der*des Filipin@*s spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Diaspora. Die ersten Pflegekräfte kamen in den 1970er Jahren, wobei auch andere Berufsgruppen nach Deutschland migrierten. Mail-order Brides aus einfachen Verhältnissen kamen ebenfalls nach Deutschland. Zur späteren Familienzusammenführung wurden Verwandte zum Arbeiten oder zum Heiraten nach Deutschland geholt. Seit 2012 kommen die EU Bluecard Holders mit einem Arbeitsvisum für den Schengenraum, die für große Unternehmen arbeiten. Diese Filipin@s wohnen entsprechend an ihrem Arbeitsort und nicht dort, wo philippinische Verwandte oder Freunde wohnen.

Wie hat sich die philippinische Diaspora über die Jahre verändert?

In der Zeit von Cory Aquino bis Rodrigo Duterte hat sich die Diaspora massiv verändert. Lange hielten alle Filipin@s in der Diaspora zusammen. Seit dem Amtsantritt von Präsident Duterte im Juni 2016 ist die philippinische Diaspora politisch gespalten in Duterte Anhänger*innen und Ablehner*innen. Diese Spaltung vollzog sich über Nacht und ohne Übergang; in den Philippinen selbst, aber auch in der weltweiten philippinischen Diaspora.

Einen Lichtblick in Deutschland setzten die letzten beiden philippinischen Botschafterinnen mit ihrer inklusiven Diasporaarbeit. Mit Hilfe von Kultur versuchen sie, die Diaspora über die politischen Gräben hinweg zusammenzuhalten. Bei den philippinischen Botschaften in Deutschland und den Niederlanden und dem Konsulat in Frankfurt unterstütze ich die philippinische Diaspora, indem ich mich bei Projekten inhaltlich oder durch Kochen einbringe.

Du lebst seit etwa 35 Jahren in Deutschland. Wie hat sich dein Engagement in der Diaspora verändert?

Ich bin Individualistin, gehörte nie fest zu einer Diasporaorganisation und habe versucht, unabhängig zu bleiben. Viele Diasporaorganisationen haben sich in Diehard Duterte Supporter (DDS)-Gruppen verwandelt, davon grenze ich mich ab.

Seither engagiere ich mich persönlich mit eigenen Projekten und sammle für die philippinische Stiftung NVC (Negrense Volunteers for Change) Spenden. NVC hat mit innovativen Ernährungsprogrammen für Kleinkinder in Negros begonnen, Unterernährung zu bekämpfen. Ich verkaufe Brötchen oder Polvorón (philippinische Süßigkeit) auf Spendenbasis und möchte gleichzeitig ein Bewusstsein bei meinen Kund*innen für die Programme von NVC schaffen. Mittlerweile ist NVC in den ganzen Philippinen aktiv und hilft dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird: Beispielsweise bei dem Ausbruch des Taal Vulkans im Januar 2020 oder jetzt, während der Coronapandemie.

Spielt Rassismus eine Rolle im Alltag der philippinischen Diaspora in Deutschland? Welche Erfahrungen haben du oder dein Umfeld gemacht?

In der Diaspora habe ich keine direkten rassistischen Vorfälle mitbekommen. Rassismus innerhalb deutsch-philippinischer Ehen kommt vor, wenn ältere deutsche Männer sehr junge Filipinas heiraten – oft werden diese Frauen als Putzhilfen und Sexobjekte missbraucht. Wenn die Filipinas Kinder bekommen und diese aufwachsen, ist es für die Kinder oft schwierig, ihre eigene Identität zu finden. Manche schämen sich für ihre Eltern.

Die Anzahl an Heiratsmigrationen ist nicht mehr so gravierend, wie in den letzten Jahrzehnten. Stattdessen kommen mehr Filipin@s mit der BlueCard nach Deutschland, was natürlich einen Braindrain für die Philippinen zur Folge hat.

Wie hast du dich selbst seit dem Bruch in der Diaspora verändert?

Persönlich bin ich enttäuscht von der philippinischen Diaspora, dass Politik sich so auswirken kann. Angesichts der steigenden Mordzahlen in Präsident Dutertes so genanntem Drogenkrieg schrieb ich Papst Franziskus einen Brief und fragte ihn, wieso er in einem sehr katholischen Land, wie den Philippinen, ein derartiges Morden stillschweigend zulasse? Die Antwort war ein Standardbrief von einem Sekretär aus Deutschland. Bei einem Event mit dem ehemaligen philippinischen Erzbischof Luis Tagle in Berlin wurde er nach seiner Meinung zum ‚Drogenkrieg’ gefragt und er antwortete, dass er so viel reise und deshalb nicht Stellung dazu nehmen könne.

Ich war sehr enttäuscht von dieser Haltung, zumal er in seiner Position nicht stillschweigend diese Situation hinnehmen darf. Ich bin enttäuscht von der katholischen Kirche in den Philippinen und weltweit, es gibt nur wenige, die Dutertes Machenschaften offen kritisieren. Diese Bigotterie in den Philippinen macht mich sehr traurig, ich wünsche mir mehr Aufklärung und Hinterfragung der Religion.

Wie würdest du dein Verhältnis zu Bekannten, Freund*innen und Verwandten in den Philippinen beschreiben? Hat es Veränderungen oder Entwicklungen in diesen Verhältnissen gegeben?

Zu meiner Familie und meinen Freund*innen in den Philippinen habe ich ein enges Verhältnis. Neu in Deutschland, musste meine Familie mir gegenüber toleranter werden, da ich mich sehr verändert habe. Sieben meiner Geschwister leben/lebten (ein verstorbener Bruder) in Manila, ein Bruder lebt mit seiner Familie in den USA. Durch die sozialen Medien sind die Beziehungen enger geworden, spätestens seit dem Lockdown hat das virtuelle Kontakthalten mehr Bedeutung bekommen. Mit den Jahren und dem zunehmenden Alter wurden die Verbindungen tiefer und verständnisvoller.
Regulär versuche ich jedes Jahr für zwei bis vier Wochen in die Philippinen zu reisen. In den frühen Jahren ist meine Familie immer mitgekommen, aber mit der Schulpflicht konnten sie nicht mehr im Februar mitfliegen. Meine beiden Kinder sind nach dem Abitur für mehrere Monate in die Philippinen gereist, um Praktika zu machen, sie haben Erfahrungen gesammelt aber auch meine Kultur besser kennen gelernt. Diese Zeit war für beide sehr wichtig. Sie stammen aus einer multikulturellen Familie und hatten erstmals die Möglichkeit, ihre Wurzeln und Identität zu verstehen.

Welche Rolle spielt philippinisches Essen für die Diaspora und für dich?

Die Größte!!! Ein Treffen von Filipin@s ohne Essen ist undenkbar. Das gemeinsame Essen verbindet und bringt ein Heimatgefühl in die Diaspora. Bei Treffen bringt jede*r etwas zu Essen mit und trägt somit zum großen Buffett bei. Auch wenn es nur ein Keks ist, es ist wichtig, dass alle etwas mitbringen.

Essen war schon immer etwas Besonderes für mich. Ich bin mit acht Geschwistern mitten in Manila aufgewachsen, bei uns war immer Besuch und so gab es immer etwas zu essen, von morgens bis spät in die Nacht. Meine Mutter hat ständig Essen koordiniert, delegiert und gekocht. Essen hat und hatte in unserer Familie einen hohen Stellenwert. Meine Mutter hat mir das Backen beigebracht, deshalb war ich für die Backwaren zuständig.

Seit 30 Jahren arbeite ich nun als Köchin. Als ich nach Deutschland kam, habe ich selten philippinisch in meinem Beruf gekocht. Die Inhaberin von Mama Sita’s [philippinisches Lebensmittel-Unternehmen, das vor allem Würzpasten und Wok-Saucen herstellt, d.R.] lernte ich über das Konsulat kennen. Sie hat mich ermuntert, ihre philippinischen Produkte zu vermarkten und professionell philippinisch zu kochen. So bin ich 2013 in das asiatische Lebensmittelgeschäft eingestiegen und habe bis zuletzt viel für asiatische Lebensmittelhersteller*innen gearbeitet.

Wie hat sich dein Leben durch die Corona-Pandemie verändert?

Seit der Pandemie sind alle Projekte ausgefallen, Veranstaltungen, Messen, usw. Deshalb habe ich mir ab März 2020 eine persönliche Auszeit genommen und mich um meine Familie gekümmert. Doch irgendwann habe ich realisiert, dass ich meine Projekte nicht fortführen konnte und mir die Arbeit fehlte. Mit Onlinekochkursen und dem Kochen für Privatpersonen bin ich wieder eingestiegen, doch beides war sehr aufwendig, außerdem fehlte mir die Regelmäßigkeit der Arbeit.
Ein ehemaliger Projektpartner bot mir an, eine seiner Küchen zu nutzen, die Lockdown- bedingt geschlossen war. So ist mein Lieferservice im Raum Düsseldorf entstanden. Seit langem möchte ich die philippinische Küche bekannter machen, deshalb biete ich nun wöchentlich jeden Donnerstagabend ein philippinisches und ein asiatisches Menü an.

Wer zählt zu deinen Kund*innen beim Lieferservice Maite‘s Asiancuisine?

Ich bin sehr überrascht, wie schnell mein Lieferservice gewachsen ist. Vor Weihnachten habe ich wöchentlich rund 50 Essen ausgeliefert. Meine Kund*innen sind International, viele englischsprachige und philippinische Kund*innen, von denen viele regelmäßig bestellen. Die Filipin@s unterstützen meine Projekte besonders, beispielsweise die Polvorón-Christmas-Boxen [Polvorón = philippinische Süßigkeit]. Mit Beginn des Lieferservice habe ich mir überlegt, pro verkauftem Gericht 0,50€ an NVC (Negrense Volunteers for Change, siehe Teil I des Interviews) zu spenden. Ich freue mich über den Erfolg und darüber, dass ich NVC unterstützen kann. Der Lieferservice läuft gut und macht unheimlich viel Spaß – ist aber bisher eine Zwischenlösung.

Welche Zukunftsperspektive wünschst du dir für die philippinische Diaspora, für dich und deine Familie?

Der Diaspora wünsche ich mehr Zusammenhalt und Zwischenmenschlichkeit in jeder Hinsicht, ohne regionale und politische Vereinzelung und Hass gegeneinander. Der zweiten bis vierten Generation der philippinischen Diaspora wünsche ich, dass sie multikulturell und ohne Feindseligkeiten gegeneinander aufwachsen und leben.

Meiner Familie soll es weiterhin gut gehen und auch unser Zusammenhalt soll weiter bestehen. Nach der Pandemie hoffe ich, dass ich all meine Projekte wieder aufnehmen kann sowie dass die Zusammenarbeit mit der Botschaft und mit philippinischen Kulturinstitutionen wieder anläuft. Gern möchte ich wieder Veranstaltungen bekochen und den Lieferservice weiter betreiben – wer weiß, was sich daraus noch einmal ergibt. Ich finde immer neue Ideen und Energien dafür. Die Pandemie hat für mich in punkto Erholung und Reflexion viele positive Aspekte mit sich gebracht.

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Timor-Leste/Indonesien: Unsere Autorin schildert berührende Begegnungen mit älteren Menschen aus Osttimor, die vor mehr als 20 Jahren nach Indonesien zwangsumgesiedelt wurden.

Ältere Menschen gehören zu den am meisten gefährdeten und oft unsichtbaren Gruppen von Vertriebenen. Ihre altersspezifischen Bedürfnisse erhalten weniger mediale und politische Aufmerksamkeit als die der jüngeren Generationen. Es gibt zunehmend Forschung zu älteren Geflüchteten. Jedoch ist Literatur über Vertreibung und diasporische Erfahrungen dieser Bevölkerungsgruppe im Globalen Süden rar.

Während der Vorbereitung auf eine Forschungsreise 2019 habe ich mir alte Fotos angesehen, die ich 2010 während einer Forschungsreise zum Haliwen-Lager geschossen habe. Das Lager lag in der Nähe des Flughafens in Atambua, einer indonesischen Stadt an der Grenze zu Timor-Leste. 1999 war der Höhepunkt der massiven Gewalt, die die Unabhängigkeit Timor-Lestes von Indonesien begleitete. Zu dieser Zeit beherbergte diese kleine Stadt viele osttimoresische Vertriebene.

Kein Displacement mehr?

Die Loslösung Timor-Lestes von Indonesien war geprägt von Gewalt, vielen Toten und der Zwangsumsiedlung von 240.000 Menschen nach Westtimor (Indonesien). Hinter diesen Gräueltaten steckten indonesische Sicherheitskräfte und deren osttimoresische Milizen. In den folgenden Jahren kehrten viele der Vertriebenen und Exilant*innen aus aller Welt nach Timor-Leste zurück und beteiligten sich am Wiederaufbau des Landes. Anfang 2003 hoben die Vereinten Nationen den Flüchtlingsstatus für die Osttimores*innen in Indonesien auf. Diejenigen, die sich entschieden, in den Siedlungen zu bleiben, erhielten die indonesische Staatsbürgerschaft und blieben mit dem Versprechen, dass ihre Loyalität belohnt werden würde. Mehr als zwei Jahrzehnte später leben weiterhin osttimoresische Mehrgenerationen-Familien in den zu Siedlungen umfunktionierten ehemaligen Geflüchtetenlagern. Ihr Alltag ist geprägt von Armut, dem Fehlen von Landbesitz und einer hohen Jugendarbeitslosigkeit.

Es gibt keine verlässlichen Daten über ihre Größe der Diaspora in Westtimor. Schätzungen gehen davon aus, dass derzeit mehr als 88.000 Osttimores*innen in Westtimor leben.

Die einstigen Geflüchtetensiedlungen von Osttimores*innen unterscheiden sich von Ort zu Ort. Einige Siedlungen liegen immer noch da, wo sie gegründet wurden. Andere wurden ganz oder teilweise umgesiedelt. Einige Familien zogen eigenständig in die Städte und mieteten Häuser oder Land von der lokalen Bevölkerung. In den ehemaligen Lagern sind die Planen-Zelte größtenteils durch vom Militär errichtete Unterkünfte ersetzt worden. Sie befinden sich innerhalb oder in der Nähe von militärischen Übungsgeländen oder staatlichem Land, oft abseits der lokalen Siedlungen und weit entfernt von Stadtzentren. Viele der Siedlungen sind um eine neue Generation gewachsen, sowohl an Größe und Dichte. Obwohl die osttimoresische Bevölkerung in Westtimor technisch gesehen keine Geflüchteten mehr sind, dauern die Erfahrungen des Vertriebenwerdens oft ein Leben lang an. In dieser Situation kommt Diaspora-Netzwerken eine besondere Bedeutung zu.

Adoptiveltern im Exil

An einem schwülen Aprilnachmittag im Jahr 2010 nahm mich Marco (Name geändert) nach einem Interview mit auf einen Spaziergang durch das Lager Haliwen. Von der Hauptstraße und dem Eingang des Lagers, wo sich sein Haus befand, gingen wir durch viele schmale Pfade, die die Reihen semi-permanenter und vom Militär errichteter Häuser miteinander verbanden. Marco zeigte nach links und rechts und erzählte von der Zeit, als er und seine Nachbarn vertrieben wurden. Vom Zustand des Lagers in den ersten Tagen und von Problemen beim Zugang zu Wasser, Strom und anderen grundlegenden Dingen. Er stellte mich allen Nachbar*innen vor, die sich zufällig draußen aufhielten.

Weit im Inneren des Lagers trafen wir uns mit einem älteren Ehepaar. Marco stellte sie mir aufgeregt als seine ‚adoptierten’ amaa (Mutter) und apaa (Vater) in der Vertreibung (pengungsian) vor. Er legte seinen Arm um die schmalen Schultern der älteren Frau und sagte: „Ich betrachte sie wie meine Eltern hier im Exil. Sie sind alt, allein und haben keine Kinder mehr. Sie haben nur ein Schwein und einen kleinen Garten, in dem sie Gemüse anbauen. Also kümmere ich mich um sie und behandle sie wie meine Familie.“

Momentaufnahmen

Marco ist ex-Mitglied einer Miliz aus Dili, der Hauptstadt von Timor-Leste. Während der Gewalt 1999 in Dili war er an schweren Verbrechen beteiligt. Aus Gründen der politischen Loyalität und um einer strafrechtlichen Verfolgung in der Heimat zu entgehen, entschied er sich, in Indonesien zu bleiben. Zum Zeitpunkt des Interviews setzte er sich aktiv für eine bessere Behandlung der Vertriebenen aus Osttimor in Indonesien ein.

Er erzählte mir, dass sein Apaa Mitte der 1970er Jahre ein ‚Kollaborateur’ für die indonesischen Sicherheitskräfte war, wodurch deren Einmarsch in die östliche Hälfte Timors zum Teil ermöglicht wurde. Er kommentierte, dass es nur fair sei, dass die indonesische Regierung sich jetzt um Leute wie seinen Apaa kümmere, aber auch um solche wie ihn, die seiner Meinung nach dafür kämpften, die indonesische Souveränität intakt zu halten. Marco wandte sich dann an seine Amaa und fragte sie, ob ich sie fotografieren dürfe. Im Laufe der Jahre hatte ich Porträts von Menschen und Orten gemacht, wenn sie zugestimmt hatten, und ihnen die Abzüge als Dankeschön für ihre Teilnahme an meiner Studie gegeben. Die ältere Frau sah mich vorsichtig an. Marcos Arm lag noch immer um ihre Schultern. Sie nickte vorsichtig mit dem Kopf.

Als ich gerade ein Foto von ihr machen wollte, sagte sie schnell, ich solle warten. Dann ordnete sie ihr langes schwarzes Haar zu einem ordentlichen Dutt auf dem Kopf und schaute direkt in die Kamera. Beim Posieren für das Bild legte sie ihre Hände zusammen und stand still an der Wand ihres Hauses. Dann forderte sie ihren Mann, der gerade sein Messer auf einem flachen Stein auf dem Boden vor ihrer Veranda schärfte, auf, zu ihr zu kommen und neben ihr zu posieren. Er weigerte sich: „Aiiyh, lass mich einfach hier bleiben. Mach es von dort, wo du bist.“ Auch er blickte direkt in die Kamera, wenn auch mit einem etwas weniger intensiven Ausdruck als die ältere Frau. Dann richtete er sich auf und zeigte mir seinen Schweinestall. „Das ist etwas, das Sie fotografieren können – ich beim Füttern unseres Schweins“.

Wertvolle Habseligkeiten am neuen Ort

Der ältere Mann führte mich um das Haus, einen halbfesten Ziegelbau mit Palmenstängelwänden und Blechdächern, bis zu einer Ecke, in der der Schweinestall stand. Er wollte mir etwas zeigen, von dem er dachte, dass ich es fotografieren könne. Die Häuser in der Siedlung standen auffallend dicht beieinander, anders als die die Anordnung der Häuser in den sonstigen ländlichen Gebieten von Timor-Leste. Meisten waren Häuser, Felder und Tiergehege eher über weite Landstriche verstreut.

Als wir am Schweinestall ankamen, fütterte er sein Schwein mit Speiseresten. Dann drehte er sich zu mir um und posierte mit einem breiten, offenen Lächeln. Er zeigte auf ein nahe gelegenes Stück Land, wo er Maniokbäume gepflanzt hatte, die ich pflichtbewusst fotografierte.

Danach kehrten wir zu den anderen zurück. Ich wollte mich noch eine Weile mit dem älteren Ehepaar unterhalten. Aber Marcos redete die meiste Zeit. Er sprach oft über und für sie. „Damals in Timor waren sie Bauern, aber hier haben sie kein Land, auf dem sie arbeiten können!“ Er wiederholte, was er mir schon gesagt hatte. “ Aiiyh, sie haben auch Angst (tauk), zurück nach Timor zu gehen! Hier sind sie bei mir sicher“, fügte er hinzu. Dann forderte Marco mich auf: „Mach ein Foto von mir und meinen Adoptiveltern!“ Er setzte sich zwischen das ältere Paar auf eine Bank und lächelte breit. Er schlang seine Arme um ihre kleinen Körper und zog sie näher in die Mitte.

Älter werden inmitten von anhaltendem Misstrauen

Meine Begegnung mit Marco und dem älteren Ehepaar war eindrücklich. Wie sie weit im Inneren des Lagers lebten, umgeben von ehemaligen Milizsoldaten wie Marco, ließ mich über die Machtverhältnisse nachdenken, die ihren Alltag in der Vertreibung geprägt und ihre Entscheidung, zu bleiben oder zurückzukehren, beeinflusst haben könnten. Wie Marco über und für seine ‚Adoptiveltern’ sprach, machte mich neugierig auf Raum und Zeit, in der die Stimmen der Älteren in den generationenübergreifenden Familienbeziehungen und unter den vertriebenen Gemeinschaften gehört werden.

Einige vorläufige Forschungsergebnisse

Ein vorläufiges Ergebnis meiner Forschung am Max-Planck-Institut ist, dass Entscheidungen und Erfahrungen älterer Menschen im Exil mit intergenerationellen Ambivalenzen verwoben sind. Außerdem übernehmen ältere Osttimores*innen, insbesondere Frauen, eine aktive Rolle bei der Aufrechterhaltung transnationaler Pflegebeziehungen zu Familienmitgliedern, den Ahnen und heiligen Stätten im Heimatland durch grenzüberschreitende Besuche. Die Asymmetrien, die die Pflegebeziehungen zwischen konfliktgetrennten Familien über die Grenzen hinweg prägen, können durch Erinnerungen an vergangenen Verrat weiter belastet werden. Ältere Osttimores*innen navigieren in der Vertreibung durch multiple Ungleichheiten des Alterns. Das kann sich auf ungleichen Zugang zu Sozialhilfeprogrammen, Gesundheitsversorgung und schlechte Lebensbedingungen beziehen. Fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten und alltägliche Diskriminierung von jüngeren Osttimores*innen in Westtimor führen dazu, dass ältere Menschen länger arbeiten müssen.

Die osttimoresische Diaspora in Indonesien ist ein Teil der Geschichte, den beide Länder lieber vergessen würden. Das Misstrauen der Menschen in Timor-Leste und in der Aufnahmebevölkerung gegenüber den ehemaligen Milizen ist nach wie vor groß. Die vertriebene Bevölkerung erfährt oft eine Form von Schuld oder Verdächtigung, indem sie mit den Milizen in Verbindung gebracht wird.

Eine kürzere Version dieses Artikel wurde auf Englisch im Dezember 2018 in der Blogreihe des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften veröffentlicht. Er wurde für südostasien von der Autorin überarbeitet, ins Deutsche übersetzt und redaktionell bearbeitet.

 

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Deutschland/Philippinen – José Rizal, scharfer Kritiker der spanischen Kolonialherrschaft, lebte zeitweise in Heidelberg und Berlin. 1896 wurde er wegen Hochverrats in Manila hingerichtet. Mary Montemayor berichtet im Interview über das Erinnern an den philippinischen Nationalhelden in Deutschland.

Als Tochter philippinischer Eltern, die Anfang der 1980er Jahre nach Deutschland gekommen sind, bist Du in Rheinland-Pfalz aufgewachsen. Wann und wie bist Du auf José Rizal aufmerksam geworden?

Meine erste Erinnerung an das Rizal- Denkmal und nicht die Person José Rizals ist mit einem kleinen ‚Unfall‘ verbunden: Ich bin tatsächlich als Kind ‚in den Brunnen gefallen’ – in das Wasserbecken, in dem sich die Bronzestatue in Wilhelmsfeld befindet. Während die Erwachsenen die beste Lage für das Gruppenfoto um Rizal herum diskutierten, bin ich beim Herumtoben ausgerutscht und ins Wasser gefallen. Ich war drei Jahre alt und wir waren mit unserem Besuch aus den Philippinen in Wilhelmsfeld, um die ‚Rizal-Sehenswürdigkeiten’ zu besichtigen und viele Erinnerungsfotos zu machen. In meiner frühen Kindheit interessierte es mich natürlich nicht, wen wir da besuchten. Mir war später nur bewusst, dass er jemand Berühmtes aus unserem Heimatland gewesen sein muss, denn er sah nicht ‚typisch deutsch’ aus und hieß José – wie einer meiner philippinischen Cousins – und den Erwachsenen war es wichtig, ein Foto mit der Bronzestatue zu machen.

Was hat man Dir über José Rizal erzählt und welchen Eindruck hast Du davon in Erinnerung behalten?

Erst im Grundschulalter nach mehreren Ausflügen nach Wilhelmsfeld mit Familie und Freunden fragte ich meine Eltern, wer José Rizal eigentlich war. Damals gab es noch kein Internet! Das Gespräch ist mir in Erinnerung geblieben, weil meine Eltern mir zum ersten Mal etwas mehr über unser Heimatland erzählt haben: dass die Philippinen über 300 Jahre lang spanische Kolonie waren, dass José Rizal nicht nur Schriftsteller und Arzt, sondern auch Freiheitskämpfer war und dafür exekutiert wurde – unser Nationalheld. Und dass er nicht nur die Welt bereist, sondern auch hier in Deutschland gelebt, gelernt und gearbeitet hat. Meine Eltern haben mir ihre deutsche Fassung des Buches Noli me tangere direkt in die Hand gedrückt. Sie schienen begeistert und zugleich stolz zu sein, über ihn zu erzählen. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob das Rizal oder meinem Interesse galt. Vermutlich ein bisschen von beidem.

Du warst also mehrmals in Wilhelmsfeld bei Heidelberg, wo an Jose Rizal erinnert wird. Was hast Du dabei noch erlebt?

Tagesausflüge nach Wilhelmsfeld standen bei Besuchen von philippinischen Freunden und Familie (ob aus Deutschland, den Philippinen oder den USA) immer auf der Tagesordnung, da wir nur eine Stunde von Wilhelmsfeld entfernt wohnten. Einigen von ihnen war die Gedenkstätte Rizals in Deutschland bisher unbekannt, umso größer war die Begeisterung. Es wurde jedes ‚Monument‘ von Rizal fotografiert, ob Straßenschild, Gedenktafel, Gebäude oder Bronzestatue. Die Freude, sich für Fotos neben die Statue oder das Straßenschild zu stellen, hat mich immer amüsiert. Am meisten hat mir als Kind Spaß gemacht, mit den Erwachsenen und anderen Kindern die Haltung der Rizal Statue für Fotos nachzuahmen.

Welche Bedeutung haben Besuche an Rizal Gedenkstätten, zum Beipiel in Wilhelmsfeld oder in Berlin für die philippinische Diasporagemeinde in Deutschland?

Ich dachte früher, es ginge nur um ein schönes Erinnerungsfoto, aber meines Erachtens geht es auch darum, was Rizal symbolisiert: Freiheit, Unabhängigkeit und Erfolg – innerhalb sowie außerhalb des Heimatlandes. Rizal war der erste (und bisher einzige) Filipin@ dem als Anerkennung seiner Taten eine Straße, ein Park und ein Denkmal in Deutschland – im fremdsprachigen Ausland – gewidmet wurde (soweit mir bekannt ist). Gedenkt man Rizal, so gedenkt man vielleicht gleichzeitig der Philippinen und feiert seine eigene Herkunft. Meine Eltern haben noch heute eine sehr enge und innige Beziehung zu ihren Familien auf den Philippinen. Sie reisen, wenn möglich, regelmäßig ‚heim’. Die Gedenkstätte ist zugleich eine Erinnerung an die Philippinen, sozusagen ein Stück Heimat im Ausland oder ein Stück alte Heimat in der neuen.

Was ist in Deiner Wahrnehmung für die Diasporagemeinde das Besondere an der Person Rizals im Vergleich mit anderen bedeutenden historischen Persönlichkeiten?

Vielleicht könnte man Rizal als einen der ersten OFW (Overseas Filipino Worker) bezeichnen? Der philippinische Nationalheld teilt mit den Mitgliedern der deutschen Diasporagemeinde die Erfahrung, sich zwar ein neues Leben im Ausland aufzubauen und es zu bestreiten, aber dennoch eine enge Verbindung mit dem Herkunftsland zu pflegen.

Welche Bedeutung misst Du persönlich José Rizal inzwischen bei?

Persönlich habe ich zu Rizal eine ‚literaturwissenschaftliche’ Beziehung. Noli me tangere ist das erste Buch einer philippinischen Autor*in, das ich gelesen habe (auch wenn das Original in Spanisch verfasst wurde). Das Buch war ein Roman, der mir die Philippinen, ihre Geschichte und philippinische Charaktere näher gebracht hat. Da ich in Deutschland aufgewachsen bin, gehörten philippinische Texte nicht zu meiner Schul-Lektüre; daher war es besonders spannend für mich, die Philippinen auf diese Weise kennen zu lernen. Rizal folgten weitere philippinische / philippinisch-amerikanische Autor*innen, wie Bienvenido Santos, Marianne Villanueva, M. Evelina Galang und viele mehr. Ich habe daher – neben Kunstgeschichte – Amerikanistik und Romanistik (Schwerpunkt Spanisch) studiert und bei frei wählbaren Themen immer zu den Philippinen gearbeitet. Postkolonialismus, Interkulturalität und ethnic life writing waren Schwerpunkte meines Studiums. In meiner Magisterarbeit habe ich die (autobiographischen) Romane von Schriftsteller*innen aus der US-amerikanischen Diaspora, Carlos Bulosan und Jessica Hagedorn, diskutiert und analysiert. Selbst nach meinem Studium suche und lese ich noch Bücher von philippinischen Autoren, meist aus der Diaspora. Ich freue mich, wenn ich irgendwann vielleicht einen Roman von einer/einem deutsch-philippinschen Autor*in in Händen halte.

Hast Du Eurem Sohn von Rizal erzählt und war er auch schon in Wilhelmsfeld?

Meinen Sohn beschäftigt zurzeit eher der Klimawandel – neben LEGO, Videospielen, Comics, Star Wars und so weiter. Aber ein Ausflug nach Wilhelmsfeld wäre auf jeden Fall eine super Idee, ihm José Rizal vorzustellen und von ihm zu erzählen.

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Philippinen/Österreich: Chelsea Amada, Gérard Rabara und Christel Joy Gaño, philippinisch-österreichische Künstler*innen reden im südostasien-Interview über Identität, Gemeinschaft und das zeitgenössische Kunst-Festival KUBŌ22.

südostasien: Welche Rolle spielt euer philippinischer Background in eurem Werdegang und in eurer Arbeit?

Chelsea Amada (CA): Ich bin philippinisch aufgewachsen – von der katholischen Community bis hin zum Familienalltag. Zu den Philippinen hatte ich immer eine starke Bindung. Ich lebte jedoch in einer ‚Blase‘, die sich rund um die philippinische Kirchengemeinde in Wien bildete, ohne Korrektiv von außen. Mit meinem provokanten und hinterfragenden Verhalten eckte ich in der Community an, schwänzte viel Schule und brach sie ab – ich habe meinem eigenen Weg gesucht. Für uns als Jugendliche waren unser Safe-Space die Freund*innen, die dieselben Erfahrungen zu Hause machten. Viele der 2. Generation innerhalb der philippinischen Community haben sich später von dem kirchlichen Diasporaleben abgewendet.

Meine Herkunft hat mich geprägt, meine Unabhängigkeit ist mir wichtig. Ich bin keine Aktivistin, kann aber Menschen mit meiner Kunst erreichen. Bei meiner ersten Ausstellung hatte ich nicht damit gerechnet, dass viele junge Filipin@s und ganz alte philippinische Freund*innen meine Ausstellung besuchen würden. Dort ist mir erstmals bewusst geworden, wie ich junge Filipin@s empowern kann, sich selbst zu verwirklichen, unabhängig von ihrer Herkunft.

Gerard Rabara (GR): Aufgewachsen bin ich mit Chelsea in der gleichen Kirchencommunity. Mein philippinischer Hintergrund dient oft als Inspiration und Motivation in meinem kreativen Streben, entweder bewusst oder unbewusst – eine Art moralischer Kompass, der mir hilft, zu entscheiden, wie ich bestimmte Dinge verfolgen möchte.

Christel Joy Gaño (CJG): Meine Eltern stammen aus Ilocos Norte und Tarlac, geboren und aufgewachsen bin ich in Wien. Dadurch haben sowohl die philippinische und österreichische Kultur und deren Werte einen Einfluss auf die Person, die ich heute bin. Mit meinem Streetwear-Label Ligaya Apparel will ich auf die philippinische Kultur und Sprache aufmerksam machen. Meine Designs stehen für Freude, Herkunft und Verbindung.

Mittlerweile gibt es bereits die 2. bzw. 3. Generation an philippinischen Migrant*innen in Österreich. Es wird immer wichtiger für uns, uns mit unserer Herkunft auseinanderzusetzen. Ich habe Unternehmensberatung studiert und arbeite in der IT-Branche. In meiner beruflichen Karriere war ich fast immer die einzige Asiatin, einzige Filipina und oft die Jüngste, daher sind mir Themen wie Gender und Diversity sehr wichtig.

Was hat euch motiviert, die Kunst zum Mittelpunkt zu machen?

CA: Als Kind habe ich angefangen zu malen. Ich war schon immer modeinteressiert und bin auf die Modeschule (Berufsschule) gegangen – die brach ich ab, um zu jobben. Mit Mitte 20 habe ich vermehrt fotografiert und Videos gedreht, so bin ich zur digitalen Kunst gekommen. Von Freund*innen hörte ich, dass man Kunst auch ohne Matura studieren könne und sie motivierten mich, die Bewerbung zu wagen. Für die Kunstakademie schrieb ich einen langen Brief über mein Leben, über meine Kunst, mit der ich meine und jüngere Generationen empowern möchte. Nun stehe ich mitten im Studium, fertige ich Kunstinstallationen an und beschäftige mich mit Fotografie, Videos und lerne, 3D-Gestaltung und Sounds zu kreieren.

GR: Mich hat schon immer die künstlerische Seite der Dinge angezogen. Mein Leben ist sehr viel eine Reise innerhalb der Kunst. Ich ging zur Modeschule, um Designer zu werden und ich habe in der Kreativindustrie mehrere Jahre gearbeitet. Selbst nachdem ich den Designbereich schließlich verließ und meine Karriere in Richtung Kommunikation verlagerte, fand ich mich in der zeitgenössischen Kunst wieder. Kunst ist einfach in meiner DNA.

Steht ihr mit zeitgenössischen philippinischen Künstler*innen in Verbindung?

CA: Mit Künstler*innen aus Brüssel, London, Barcelona, Berlin und den USA bin ich vernetzt, wir tauschen uns aus und identifizieren uns miteinander. Wir kennen uns schon ewig aus der philippinischen Diaspora und von gleichen Internetplattformen. Später hat sich herausgestellt, dass wir alle Künstler*innen geworden sind. Die philippinische Diaspora ist weltweit ähnlich, wir Millennials haben die gleichen Inspirationen aus der Popkultur, wie RnB, HipHop, Basketball. Wir wurden von der philippinischen Heimat unserer Eltern und dem Zwiespalt in der Diaspora geprägt. Wir haben ähnliche Leidenschaften und Erfahrungen gemacht und drücken die gleichen Themen in unserer Kunst aus – natürlich jede*r in ihrer*seiner Art.

CJG: Kunst ist in der philippinischen Kultur tief in der Geschichte verankert. Allerdings werden Berufe im Kunstbereich, speziell für Personen mit Migrationshintergrund, noch immer selten angestrebt. Hier braucht es noch mehr sichtbare Vorbilder.

GR: Andere Filipin@s in der Kunst in Österreich zu sehen, war so selten, aber ich wusste, dass dies nichts mit dem Mangel an künstlerischem Talent oder Kreativität in der Community zu tun hatte. Also waren Chelsea und ich entschlossen, diese funkelnden Sterne zu finden und sie strahlen zu lassen.

Inzwischen haben philippinische Künstler*innen in Wien ein Netzwerk gebildet. Wie kam es dazu?

CA: Im September 2021 hatte ich beim WienWoche Festival eine Ausstellung über die ersten philippinischen Krankenschwestern in Österreich. Es kamen viele philippinische Besucher*innen, darunter auch Arlene Castañeda, die Gründerin und Leiterin vom Kulturverein Zentrum für österreichische und philippinische Kultur und Sprachen (Sentro). Arlene arbeitet seit 2010 zum Thema philippinische Identitäten, Jugend und Kultur. Sie fördert junge Filipin@s, die in unserer Community etwas bewirken können. Ich hatte schon immer die Vorstellung, ein philippinisches Künstler*innen-Netzwerk zu gründen. Bislang war es üblich, dass philippinische Feste mit der Kirche oder Herkunftsvereinen gestaltet werden. Dem wollte ich etwas entgegensetzen. Durch die Begegnung mit Arlene haben wir uns mit anderen philippinischen Aktiven, Künstler*innen und Sentro-Mitarbeitenden getroffen und gemeinsam ist die Idee des KUBŌ22 Festivals entstanden.

Was steht hinter KUBŌ22?

GR: Das Festival heißt Kubo, wie die traditionellen philippinischen Hütten, das Zuhause vieler Filipin@s, bevor die Spanier*innen während der Kolonialzeit Steinhäuser eingeführten. KUBŌ22 ist ein Akronym für Kultur Bayanihan Österreich 2022. Bayanihan ist eine philippinische vorkoloniale Tradition, bei der die Gemeinschaft einander hilft, die Hütte einer Familie vom Sturm wegzubringen. Die Gemeinschaft hebt das Zuhause buchstäblich an und trägt sie auf den Schultern in Sicherheit. Wir sind eine Gruppe junger Kultur- und Kunstschaffender hier in Österreich, die an den Geist von Bayanihan glauben. Im Oktober 2021 begann Sentro mit Künstler*innen und anderen jungen Filipin@s am Konzept und der Umsetzung des Festivals zu arbeiten. KUBŌ22 wird von Künstler*innen kuratiert und durch Sentro organisiert. Mittlerweile sind wir ein Netzwerk von zwölf Wiener*innen, die aus den unterschiedlichsten kreativen Bereichen, wie Tanz, Mode und Musik, kommen.

Was möchtet ihr mit KUBŌ22 erreichen?

GR: Bayanihan ist der Wert, den wir innerhalb des KUBŌ22 Teams und des Netzwerks von Künstler*innen schaffen und projizieren möchten – sich gegenseitig als Gemeinschaft zu helfen. Wir möchten mit KUBŌ22 ein Zuhause für Kreative und Talente schaffen, die zu einer Gemeinschaft gehören möchten.

CA: Wir möchten den Kubo Spirit weitergeben. Das künstlerische Team beschäftigt sich gerade mit dem Begriff Kubo, als eine Suche nach Identität. Wir durchlaufen dabei einen Heilungsprozess, von der eigenen Identität bis hin zur Dekolonisierung. Viele Wiener Creatives mit philippinischen Wurzeln haben die Schule abgebrochen und keine gradlinigen Lebensläufe. Wir haben Einfluss auf unsere Generation und machen das, was wir lieben! Obwohl wir nicht auf unsere Familien, die Community oder die Gesellschaft gehört haben.

Bei KUBŌ22 stehen Identität, kulturelle Wertschätzung und das Selbstwertgefühl als Diaspora in Europa im Mittelpunkt. ‚Unbeleuchtete‘ Themen aus allen Richtungen abseits von Kirche oder Religion werden in verschiedenen Kunstformen und Workshops reflektiert. Der Fokus des Festivals wird auf der 2. Diaspora-Generation und ihrer Suche nach Identität liegen, auch die 1. Generation wird involviert. Durch die Verbindung verschiedenster Disziplinen, von Kunst bis Wissenschaft, werden verschiedene Workshops, Sprachkurse, Paneltalks, Kinder-/Jugendprogramm, Palengke (philippinischer Markt für Essen), DJ-Acts, Tanz-Performances und vor allem Kunstausstellungen angeboten. Wir wollen das kritische Denken unserer Besucher*innen, insbesondere der philippinischen Gemeinschaft, anregen und Identitätsfragen kritisch beleuchten.

CJG: Obwohl laut philippinischer Botschaft über 30,000 Filipin@-Österreicher*innen in Österreich leben, kennt man sich dennoch oft aus den verschiedensten Kreisen. Vor allem durch die sozialen Netzwerke haben wir mehr Möglichkeiten, auf Kunst aufmerksam zu machen und uns zu vernetzen. Aber auch unsere philippinische Kultur beruft sich darauf, sich gegenseitig zu unterstützen, man ist einfach stolz darauf, wenn jemand von uns Erfolge feiert.

Was werdet ihr zu KUBŌ22 beitragen?

CA: Mein Beitrag zu KUBŌ22 wird eine Fotoausstellung sein. Ich möchte meine Generation der philippinischen Diaspora portraitieren und Texte über ihre Einstellungen und Erfahrungen in Bezug auf Identität und gesellschaftliche Zugehörigkeit schreiben – womit ich Jugendliche und Erwachsene aller Diasporagruppen ansprechen möchte.

Wir sind offen für alle Kunstrichtungen und hoffen auf eine große Resonanz, über Österreich hinaus. Wir laden philippinische Künstler*innen aus ganz Europa ein, sich an KUBŌ22 zu beteiligen, gleichzeitig möchten wir unsere Creatives auch international vernetzen.

CJG: Ich freue mich, die Ligaya Apparel Community persönlich kennen zu lernen und meine neuesten Kollektionen vorzustellen. Doch am meisten freue ich mich auf ein Zusammenkommen und die Chance, nicht nur Filipin@s zu erreichen, sondern auch diejenigen die mit Filipin@s verbunden sind und auch alle Freunde der Filipin@-Community, egal welcher Abstammung sie angehören.

GR: Ich bin so ziemlich die ‚Dame für alles‘, aber mein Spezialgebiet ist Kommunikation. Also werden die meisten meiner Aufgaben bei Marketing, PR, Presse und Künstler*innenbeziehungen liegen. Ich will helfen und sicherstellen, dass wir das Beste aus dieser Gelegenheit machen. Das Festival dauert drei Tage (2. bis 4. September 2022) und wir erwarten über 1.000 Besucher*innen. Als Veranstaltungsort haben wir die Volkshochschule Großfeldsiedlung, das Haus der Begegnung, im 21. Bezirk in Wien ausgesucht. Wir sind sehr stolz, dass die Kulturabteilung der Stadt Wien das KUBŌ22 unterstützt. Für Sentro und uns ist es bisher das größte und längste Festival über die philippinische Kultur und Identität, was jemals in Österreich realisiert wird. Die Umsetzung ist ambitioniert und erfordert viel Arbeit von unserem Team. Aber im Geiste des Bayanihan-Gedankens werden wir unser Ziel erreichen.

Disclaimer: Dieses Interview wurde im Frühjahr 2022 geführt. In der Zwischenzeit haben SENTRO und Gérard Rabara die Kuration übernommen; Chelsea Amada hat sich aus persönlichen Gründen aus dem KUBŌ22-Team distanziert, hat aber ihre eigenen Arbeiten beim Festival ausgestellt; Christel Joy Gaño hat ihr Label Ligaya Apparel mit einem eigenen Stand bei KUBŌ22 präsentiert. Durch den großen Erfolg des Festivals bereitet SENTRO schon jetzt das nächste KUBŌ23 vor und freut sich auf noch stärkere Kooperationen mit vielen, neuen Organisationen und Künstler*innen.

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3 | 2019, Thailand,
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Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Indonesien/Deutschland: In einer postkolonialen Gesellschaft müssen ethnologische Museen ihre Sammlungen den Herkunftsgesellschaften zugänglich machen.

In ethnologischen Museen finden sich zahlreiche Sammlungsstücke, die während der Kolonialzeit gesammelt wurden. Darüber, wie man mit diesen Objekten umgehen soll, sind mittlerweile teils heftige Kontroversen entbrannt. Ob sie rechtmäßig erworben wurden oder nicht, ist in vielen Fällen nicht mehr nachvollziehbar. Auch durch Herkunftsforschung lassen sich oft nur im begrenzten Umfang Rückschlüsse auf den Erwerbskontext oder auf die Bedeutung der Objekte ziehen. Wer hat also das Recht, über diese Sammlungsstücke zu verfügen? Wer darf sie für wen ausstellen? Und vor allem: Wer kann und darf sie deuten?

In diesem Kontext ist die Zusammenarbeit mit den Herkunftsgesellschaften von besonderer Bedeutung, um die oft vielstimmigen Geschichten der Objekte zu ergründen. Auch die Diaspora-Gemeinschaften, also Menschen, die ihre Herkunftsorte verlassen haben und nun an einem anderen Ort leben, sind hierbei wichtig. Ihre Anfänge stehen häufig im Zusammenhang mit der jeweiligen Kolonialgeschichte. Durch die räumliche wie zeitliche Distanz haben die Mitglieder der Diaspora meist einen eigenen Blick auf kulturelle Prozesse in ihren Herkunftsländern – teils distanziert und kritisch, teils aber auch romantisierend. Gleichzeitig ist der Kontakt zu den Diaspora-Gemeinschaften durch die oft räumliche Nähe relativ einfach herzustellen.

In den vergangenen Jahren habe ich eng mit Vertreter*innen der molukkischen Diaspora in den Niederlanden zusammengearbeitet, allen voran mit Jaïr Pattipeilohy und dem Künstlerkollektiv Teru. So eröffneten sich neue Perspektiven auf die umfangreiche Molukken-Sammlung des Weltkulturen Museums in Frankfurt am Main, die ich als Kustodin für Südostasien betreue. Die Zusammenarbeit mit der Diaspora ist für mich ein wichtiger Baustein in der Aufarbeitung der Sammlung und ihrer kolonialen Kontexte.

Das Künstlerkollektiv Teru und das Fotoprojekt Mahina

Anfang 2018 erhielt ich von einer Bekannten die Anfrage, ob ihr Neffe Jaïr Pattipeilohy aus den Niederlanden sich die Molukken-Sammlung des Weltkulturen Museums in Frankfurt am Main anschauen könne. Bei der Besichtigung wurde schnell klar, dass Jaïr sich sehr gut mit der Kultur der Molukken auskannte. Er hatte auch die Forschungsberichte der Frankfurter Frobenius-Expedition in die Molukken und nach West-Neuguinea (1937-1938) ausführlich studiert. In den Niederlanden war es schwer bis unmöglich für ihn, als Laie Zugang zu Museumssammlungen zu erhalten. Neben seinem eigentlichen Beruf als Bestatter betätigt sich Jaïr im kuratorisch-künstlerischen Bereich und entwickelt zum Beispiel Konzepte für Ausstellungen oder Erinnerungsmonumente mit Bezug zur molukkischen Diaspora. Gemeinsam mit Atêf Sitanala und Leslie Taihuttu bildet er das Künstlerkollektiv Teru, das 2016 die Fotoausstellung Mahina – Eine Ode an die Frau organisiert hat, die an verschiedenen Orten in den Niederlanden zu sehen war.

Manchmal ereignen sich Begegnungen im Museumsalltag genau zur richtigen Zeit – und so integrierten wir das Projekt Mahina in die Ausstellung Weltenbewegend. Migration macht Geschichten, die von Oktober 2019 bis Januar 2021 im Weltkulturen Museum zu sehen war. Für Mahina hatte Teru molukkische Frauen fotografiert, die in zweiter oder dritter Generation in den Niederlanden leben. Diese Frauen begreifen sich als Bewahrerinnen der Kultur, da sie Sprache, Geschichten und Traditionen an die nächste Generation weitergeben. Selbstbestimmt haben sie sich auf den Fotos inszeniert und in persönlichen Geschichten erzählt, wie sie ihre Rolle in der molukkischen Diaspora sehen. Die Frage war nun, wie wir diese Geschichten in Bezug zu unserer historischen Sammlung aus den Molukken setzen könnten. Schließlich ließen wir die Frauen Objekte auswählen, zu denen sie einen besonderen Bezug hatten. Die ausgewählten Objekte zeigten wir dann gemeinsam mit den Porträts der Frauen und ihren Geschichten.

Diese vor rund 100 Jahren gesammelten Objekte, die aus der molukkischen Heimat ihrer Eltern und Großeltern stammen, besitzen häufig eine sehr persönliche Bedeutung für die Frauen. Danny Kolanus beispielsweise suchte sich einen Hausaltar aus Tanimbar aus, der dazu dient, den Kontakt mit den Ahnen herzustellen. Danny hatte sich von den Teru-Künstlern beim Tanz des Tnabar Fanewa von den Tanimbar-Inseln in einer Pose fotografieren lassen, die einen fliegenden Adler nachahmt. Der Tanz dient ebenfalls dazu, Kontakt mit den Ahnen aufzunehmen. Sie hatte ihn von der Familie ihrer Mutter erlernt. Gleichzeitig spiegelt die Tanzpose auch die Form des Hausaltars wieder. Danny suchte außerdem Ikat-Webstoffe und Schmuck aus, ähnlich der Kleidung, die sie auf dem Foto trägt.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Objekte in den Sammlungen für Mitglieder der Diaspora eine persönliche und emotionale Bedeutung haben, die sich erst im Dialog mit ihnen erschließt. Neben den persönlichen Geschichten zu Sammlungsobjekten gab es auch wiederkehrende Motive: Ikat-Stoffe spielen für viele Mitglieder der Diaspora eine wichtige Rolle, ebenso wie das Schneckenhorn (tahuri) und die tifa-Trommel. Unser Austausch führte zu einem tieferen historischen Verständnis der Objekte sowie deren weiterhin anhaltende Bedeutung bis in die Gegenwart.

Kolonialgeschichte der Molukken

Bei der Ausstellungsvorbereitung ergaben sich neue Diskussionsfelder, die mit der Aufarbeitung der niederländischen Kolonialgeschichte im heutigen Indonesien zusammenhängen. Die Molukken waren die erste Region im malaiischen Archipel, die von niederländischen Händlern besetzt wurde. Als die Niederlande eine Kolonialarmee aufbauten, rekrutierten sie auch viele molukkische Soldaten. Dies – und eine Politik des ‚Teile und herrsche‘ – führte gegen Ende der Kolonialzeit dazu, dass viele Molukker*innen in anderen Teilen des Archipels als Kollaborateure angesehen wurden. Gleichzeitig versuchten die Niederländer*innen ihre Herrschaft zu sichern und verbreiteten die Idee eines ostindonesischen Staates als Gegenpol zur indonesischen Republik der nationalen Unabhängigkeitsbewegung. Dies markiert den Beginn der Sezessionsbewegung der Republik Südmolukken (Republik Maluku Selatan, kurz RMS), die bis heute in der molukkischen Diaspora viele Anhänger hat – vermutlich mehr als auf den Molukken selbst.

Dieser kurze historische Abriss deutet bereits an, dass es auf die postkoloniale Entwicklung durchaus verschiedene Perspektiven gibt. In den Niederlanden wird die Migration der Molukker*innen beispielsweise als freiwillig betrachtet, während Teru mich darauf hinwies, dass die Ausreise von rund 12.000 Menschen von den Molukken in die Niederlande von der Diaspora als Zwangsmigration verstanden wird. Im unabhängigen Indonesien nicht erwünscht, gab es keine andere Lösung als Auswanderung für jene Molukker, die zuvor in der Kolonialarmee gedient hatten. Ganz konkret resultierte daraus der Wunsch, in unserer Ausstellung nicht von Indonesien zu schreiben, sondern nur von den Molukken. Dies erschien allerdings didaktisch schwierig. Die Lösung war schließlich – neben einer Darstellung der Perspektive aus Sicht der Diaspora – immer vom „heutigen Ostindonesien“ zu sprechen.

Sammlung „von essentieller Bedeutung“

Im Rahmen von Mahina haben sich auch mir persönlich neue Perspektiven auf die Molukken und die historische Sammlung eröffnet. Dies war der Auftakt einer bis heute währenden vertrauensvollen Zusammenarbeit. Als ich 2023 jemanden suchte, der ein Schneckenhorn für die Ausstellung Klangquellen. Everything is music! einspielen könnte, fiel mir sofort die molukkische Diaspora ein. Über Jaïr wusste ich, dass etwa die Gruppe Tiga Batang Rumah nicht nur tifa-Trommeln in ihrer Musik einsetzt, sondern auch das Schneckenhorn spielt. Jaïr kümmerte sich um eine Aufnahme und ließ es sich nicht nehmen, bei der Eröffnung selbst mit dem tahuri zur Versammlung zu rufen.

Seit Anfang 2024 arbeitet Jaïr tageweise für die Stiftung Buah Hati im niederländischen Tiel, die die Belange der molukkischen Diaspora vertritt. Gemeinsam organisierten wir Anfang Juli 2024 den Besuch einer 15-köpfigen, generationsübergreifenden Gruppe aus der Diaspora im Archiv des Weltkulturen Museums. Wir tauschten uns über die mehr als 1.000 Objekte aus den Molukken aus, betrachteten sie gemeinsam und lernten voneinander. Während des Besuchs fragten viele: „Gibt es auch Objekte aus meinem Dorf?“ Daher arbeite ich aktuell an einem Verzeichnis der Orte, die vermerkt sind. Gemeinsam mit Mitgliedern der Diaspora sollen die Objektdatensätze dann zurück in die Molukken gespielt werden, um gemeinsam die Hintergründe der Objekte zu ergründen. „Die Molukken-Sammlungen zu besuchen, ist für uns als Mitglieder der molukkischen Diasporagemeinschaft von essenzieller Bedeutung. Es ist wichtig für unsere kulturelle Bildung, unsere Sichtbarkeit und die (Wieder)verbindung zu unserem kulturellen Erbe“, erklärt Jaïr Pattipeilohy dazu.

In einer postkolonialen Gesellschaft gehört es zu den Aufgaben eines ethnologischen Museums, Sammlungen für Herkunftsgesellschaften zugänglich zu machen. Die Arbeit mit Diaspora-Gruppen ist dabei ein möglicher Weg, sich den Sammlungen auf neue Weise zu nähern. Es ist ein langfristiger und von zeitintensiver Beziehungsarbeit geprägter Weg, der stark an persönliche Kontakte geknüpft ist. Für die Arbeit ethnologischer Museen bedeutet dies eine Kombination verschiedener Ansätze. Nur wenn historische Aufarbeitung, Provenienzforschung, ethnologische Forschung und die Zusammenarbeit sowohl mit Herkunfts- als auch Diasporagemeinschaften mit zeitgemäßen und künstlerisch zeitgenössischen Ausstellungsmethoden verknüpft werden, ergibt sich ein mehrstimmiges Bild zu den Sammlungsbeständen. Dies ist ein langer und holperiger Weg, der sich jedoch lohnt – da nur so ein Austausch auf Augenhöhe gelingen kann.

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3 | 2019, Thailand,
Autor*in:

Wenn ‚gute Menschen‘ Hilfssheriff spielen – Ein Beispiel für Autoritarismus ‚von unten’

Vietnam: Spurensuche, ein Fahrrad, ein Notizbuch. Die Zartsinnigkeit des Zufälligen.

1981 kam meine Mutter als 15jährige mit Cap Anamur nach Deutschland. Das Leben in Südvietnam war nach dem Fall Saigons aussichtslos. Meine Mutter war 30 Jahre alt, als sie das erste Mal wieder ihre Heimat besuchte. Im Sommer 2025 – 50 Jahre nach Kriegsende – wird meine Mutter wieder nach Vietnam reisen.

2008 reise ich das erste Mal nach Vietnam. Ich bin beinahe 30…

2018 reise ich ein zweites Mal nach Vietnam, mit meinem Fahrrad und einem Notizbuch…

Be·we·gung
/Bewégung/

Substantiv, feminin [die]

Eine zeitliche Änderung des Zustandes / Bewegung für Fortschritt und Wandel

be·wegt
/bewégt/

Adjektiv

Befindlichkeit des Zustandes / Ereignisreich durch Fortschritt und Wandel

 

Der Dutt akkurat und tiefsitzend, eine Frisur, die die Eleganz des traditionellen Kleidungsstücks Áo dài potenzieren soll. Währenddessen symbolisiert diese Trageform der Haare bei der La Ha Minderheit im Nordwestens Vietnams das Unverheiratet sein. Das weiße Hemd, der schwarze Blazer, beides tadellos sitzend, Moderne. Tänzerisch elegant bewegt sie sich leise, das Gewusel um sie herum beirrt sie nicht. Sie nimmt Bestellungen auf, sie kontrolliert die Fahrscheine, sie ist hier und überall. Sie ist die einzige Frau im Team. Während der alte Zug ruckelt, werden die männlichen Kollegen betrunkener. Sie wollen ihre Kollegin verhökern. Am nächsten Morgen gibt es Wurst am Stiel. [irgendwo Richtung Da Nang]

Das Herz, das alte Stadtviertel, sagen sie, chaotisch, sei es. In der neuen Hauptstadt, die so ist, geordnet? Wortlos hält der Busfahrer eine Plastiktüte entgegen, die für gewöhnlich für Obst verwendet wird, sie ist für Schuhe. Sein Bus ist sein Zuhause und zuhause werden keine Schuhe getragen. [Hanoi]

Gerade eben hell geworden, ist die Luft in ihrer Annehmlichkeit für wenige Momente perfekt. Lautsprecher, Marschmusik, Gymnastikbänder in kommunistischem Rot. Sie tragen đôbộ – vietnamesische Zweiteiler [keine Pyjamas], beim Frühsport mit dem Onkel. [Hà Giang]

Zwischen einzelnen Dörfern, im vermeintlichen Nirgendwo, wo es dicht besiedelt ist. Die letzte Ruhestätte, in Frieden – statt ruhen – weilen Mensch und Müll. Die Passage der farbenfrohen Geister. [kurz vor Nam Phước]

Begegnung am Straßenrand. Einladung nach Hause. Ihr Sohn fahre gern Rad, sagt die spontane Gastgeberin, und sie esse gerne Eier, obwohl sie sie ängstigen, sie seien aus China, sie fälschten sie und „Big Brother is killing them“ – them, die Kinder, die Frauen, die entführt werden um den Kinderlosen als Gebärmaschinen zu dienen. Sie serviert Ca Phe mit Ei. [Kon Tum]

Ein ‚Ausruhhaus‘ Nhà Nghỉ / Auf dem Bildschirm kommunistisches Musikfernsehen. Stundenweise Liebeshotel. Wenn es hält, können wir heiraten? Draußen im Zelt trifft K-Pop auf Techno und Karaoke. Das Brautpaar vor lauter Beats nicht sehen [Lăng Cô]

Aufmerksam durchblickt er jede Ecke, jede Veränderung in den Räumen. Räumt jede dieser Auffälligkeiten beiseite. Alles glänzt. Die Handgriffe choreographiert, der Meister des Hauses. Außerhalb dieses Inneren befindet sich Lack an den Füßen, auf den Zehen, als Kunstlederschuh. Sie spucken ihre Essensreste auf den Boden als hätten sie Lack geschluckt, schnippen. Em ơi. [Huê]

Lautes Gebelle, die Schnauzen durch die Gitter gepresst, der Lastwagenanhänger steht in der Sonne. Der Fahrer macht Pause, das Schloss aus Stahl, hier stehen Stahlfabriken, hier stehen chinesische Schriftzeichen. Es gibt Fast Food und eine Mall. Es heißt, sie halten das Unglück fern. Sie werden von der Delikatesse zu Fast Food. Fünf Millionen Hunde werden jährlich verzehrt. [Đường Hô Chí Minh]

© für Fotos und Video: Du Pham, alle Rechte vorbehalten.

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