3 | 2021, Deutschland,
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Museen als Verhandlungsorte für Dekolonisierungsprozesse

Objekte Kolonialzeit

Zierkämme vom Babar- und Tanimbar-Archipel, Südliche Molukken, Indonesien, im Depot des RJM. © RJM/Kristina Hopp

Deutschland: Die Sammlungen des Rautenstrauch-Joest-Museums (RJM) in Köln umfassen rund 10.000 Objekte aus Südostasien. Mehr als die Hälfte wurden während der Kolonialzeit erworben. Museumsmitarbeiter*innen geben Einblicke in die (selbst-)kritische Aufarbeitung der kolonialen Verflechtungen des RJM.

Hinweis: Begriffe in einfachen Anführungszeichen geben die weit verbreitete rassistische Sprache und Denkweise im Europa des 19. Jahrhunderts wieder und werden einzig in diesem geschichtswissenschaftlichen Zusammenhang verwendet.

Die Geschichte des Rautenstrauch-Joest-Museums – Kulturen der Welt (RJM) beginnt mit Wilhelm Joest (1852-1897), der Ende des 19. Jahrhunderts auf mehreren Reisen eine umfassende ethnografische Sammlung angelegt hatte. Nach dessen Tod schenkte seine Schwester, Adele Rautenstrauch (1850-1903), der Stadt Köln seine Privatsammlung und finanzierte den Bau des RJM, das 1906 eröffnet wurde.

Wilhelm Joest in traditioneller Kleidung auf Sansibar, 1884. Neben dem Sammeln von Objekten eignete Joest sich auch über Kleidung und Fotografie Aspekte fremder Kulturen an. © Wilhelm Joest, Um Afrika (1885)

Wilhelm Joest, Sohn eines Kölner Zuckerfabrikanten, nutzte das Familienvermögen, um zu reisen und zu sammeln. Seine wissenschaftliche Karriere in der Ethnologie begann mit einer Asienreise von 1879 bis 1882. Auf Java traf Joest den deutschen Ethnologen Adolf Bastian, der ihn anhielt, eine umfassende Sammlung der ‚Naturvölker‘ anzulegen. Joest kam dem nach und sammelte auf verschiedenen Inseln des malaiischen Archipels. Durch Empfehlungsschreiben hoher deutscher Diplomaten stand er in der Gunst des niederländischen Kolonialapparats. Joest zeigt in seinem Tagebuch die typisch ambivalente Haltung vieler weißer Europäer*innen zur voranschreitenden Kolonisierung: auf der einen Seite bedauert er das ‚Dahinschwinden‘ und die Christianisierung der von ihm romantisierten ‚Wilden‘, auf der anderen Seite lobt er die Ordnung der niederländischen Kolonialstützpunkte und das militärische Vorgehen etwa gegen die ‚barbarische‘ Kopfjagd. Tatsächlich erhielt Joest die für ihn wertvollsten Objekte, menschliche Schädel und Schüsseln mit Seladonglasur, 1880 im Kontext einer Militäraktion auf Seram.

Koloniale Gewalt, globale imperiale Netzwerke und ethnografisches Sammeln

Das verdeutlicht, dass Joest koloniale Gewalt zumindest dann guthieß, wenn sie ihm materielle Vorteile verschaffte. Zudem zeigt Joests Kooperation mit den niederländischen Truppen, dass sich der Zusammenhang zwischen kolonialer Gewalt und ethnografischem Sammeln nicht auf die nationale Ebene reduzieren lässt: Sammler agierten in globalen imperialen Netzwerken und konnten sich auch außerhalb der kolonialen Territorien ihrer Heimatnationen auf die Unterstützung lokaler Kolonialstrukturen verlassen. Joest kehrte mit seiner Sammlung aus gekauften, getauschten und erbeuteten Objekten nach Deutschland zurück und begann auf deren Basis seine wissenschaftliche Laufbahn. Die Objekte seiner Südostasien-Sammlung befinden sich heute in verschiedenen deutschen Museen, die Mehrzahl davon (332 Objekte) im RJM in Köln.

Insgesamt umfassen die Sammlungsbestände aus den Regionen Südostasiens im RJM heute rund 10.000 Objekte mit einem Schwerpunkt auf Indonesien. Nach aktuellem Kenntnisstand wurde mehr als die Hälfte der Bestände noch während der Kolonialzeit erworben. Ein Großteil der Objekte kam als Schenkungen oder durch Nachlässe von Privatpersonen, aber auch über den Ethnographica– [ethnographische Objekte, d. R.] und Kunsthandel, durch das Engagement des Fördervereins, als von Mäzenen finanzierte Ankäufe sowie den so genannten Dublettentausch mit anderen Museen ins RJM. Unter welchen Umständen Forschungsreisende, Kolonialbeamte, Militärangehörige, Missionare und andere Personen, die in den Kolonien tätig waren oder reisten, an die Objekte gelangten, ist in vielen Fällen noch unklar.

Objekte Kolonialzeit

Ban Chiang-Keramiken im Steindepot des RJM. © RJM/Kristina Hopp

Unrechtskontexte und sensible Objekte

Unter den Ethnographica in den Sammlungen des RJM befindet sich heute neben Alltagsgegenständen auch eine Vielzahl kulturell sensibler Objekte, die in kolonialen aber auch anderen Unrechtskontexten erworben wurden. Dazu gehören archäologische Grabungen und die Ausfuhr in Zeiten instabiler politischer Situationen. Im RJM betrifft das insbesondere etwa 60 über den Kunsthandel erworbene Khmer-Objekte sowie Keramiken aus dem Nordosten Thailands, die aufgrund ihrer Identität stiftenden Bedeutung zu den sensiblen Objekten zählen. Die Ausgrabungsstätte Ban Chiang ist eine der bedeutendsten prähistorischen Siedlungen, die bisher in Südostasien entdeckt wurden. Die Funde gehören zu den ältesten weltweit und sind Beleg für frühe ausgefeilte Techniken in der Metall- und Keramikverarbeitung sowie raffiniertes Kunst-/Handwerk. Sie fallen unter das 1972 erlassene Verbot, archäologische Funde aus den Provinzen Udon Thani und Sakon Nakhon zu beschädigen, zu entwenden und zu handeln. 1992 wurde die Siedlung als Weltkulturerbe anerkannt und steht damit unter dem Schutz der UNESCO. Im gleichen Jahr erhielt das RJM etwa 40 Ban Chiang-Keramiken aus dem Kölner Museum für Ostasiatische Kunst.

Einen besonders sensiblen Umgang erfordern auch so genannte Human Remains. Im RJM befinden sich fünf bearbeitete menschliche Schädel aus Indonesien und von den Philippinen. Bei allen sensiblen Objekten sowie bei Human Remains ist es dem RJM ein Anliegen, im Austausch mit den Herkunftsgesellschaften zu diskutieren, wie ein respektvoller Umgang aussehen kann und ob eine Rückführung gewünscht ist. So hat das RJM 2018 über das Karanga Aotearoa Repatriation Programme, koordiniert durch das Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa, einen tätowierten Schädel nach Neuseeland zurückgegeben.

Objekte Kolonialzeit

Vishnu-Kopf aus dem Prasat Bakong, Angkor, Kambodscha im Bayon-Stil (1181-1200), RJM 51587. © Rheinisches Bildarchiv Köln, Fotograf: Wolfgang A. Meier

Forschung und Transparenz als wichtige Schritte

In den letzten Jahren wird das koloniale Erbe ethnologischer Museen in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert, Aufarbeitung wird gefordert und durch neue Strukturen in Politik, Forschung und Förderinstitutionen zunehmend ermöglicht. Das RJM versteht seinen Dekolonisierungsprozess als Auseinandersetzung mit dem Fortbestehen kolonialer Strukturen auf verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ebenen. Das bedeutet insbesondere eine Öffnung für verschiedene Perspektiven auf Sammlungen und Museumsarbeit, enge Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften und das Sichtbarmachen von Vielstimmigkeit. Die Erforschung und transparente Kommunikation von Objektprovenienzen ist ein zentraler Baustein dieses Prozesses.

Im Rahmen der Provenienzforschung widmen wir uns der möglichst lückenlosen Erschließung der Herkunft unserer Sammlungsbestände von der Entstehung bis zum heutigen Aufbewahrungsort. Die Erschließung der Provenienz kann zeigen, dass Objekte auf rechtlich und moralisch unbedenklichem Weg Eingang in die Sammlung fanden. Ebenso kann sie bedenkliche Erwerbsumstände aufdecken und ein erster Schritt auf dem Weg zur Aufarbeitung historischen Unrechts und gegebenenfalls einer Restitution (Rückgabe) sein (Rautenstrauch-Joest-Museum Köln | Repatriierung toi moko).

Restitution: Vishnu-Kopf von Prasat Bakong (Kambodscha)

Ein aktuelles Restitutionsprojekt wurde 2020 vom RJM mit Unterstützung der Stadt Köln initiiert: Intensive Forschungen zur Khmer-Sammlung deckten auf, dass der Kopf einer Vishnu- Skulptur sehr wahrscheinlich in den 1960er Jahren illegal außer Landes gebracht wurde und über den Kunstmarkt ins RJM fand. Damals war Kambodscha bereits in gewaltsame Auseinandersetzungen des Zweiten Indochina-Krieges verstrickt, gefolgt von einem verheerenden Bürgerkrieg. Davon blieben auch Tempelanlagen, insbesondere die von Angkor, nicht verschont: viele wurden zerstört und sakrale Objekte geraubt. Über den Kunstmarkt gelangten sie in private Sammlungen und Museen. Als eine Drehscheibe fungiert dabei bis heute Bangkok, wo auch der besagte Vishnu- Kopf 1968 von dem Schweizer Sammler Wilhelm Siegel erstanden wurde. Ans RJM gelangte das Objekt 1984 zuerst als Leihgabe für die Sonderausstellung Das zeitlose Bildnis. Der Mitkurator und Katalogautor Piriya Krairiksh wies damals bereits auf eine starke Ähnlichkeit mit einem verschwundenen Vishnu vom Prasat Bakong hin.

1986 kaufte das RJM den Kopf als Teil einer Sammlung von Khmer- und Thai-Skulpturen. Seit der Neueröffnung des Museums 2010 wird er in der Dauerausstellung präsentiert. Inzwischen hat sich eine kritische Betrachtung sensibler Objekte in Museen durchgesetzt. Als Beispiel für die Aufarbeitung von Objektbiografien war der Vishnu-Kopf in der Ausstellung Die Schatten der Dinge #1 zu sehen und befindet sich aktuell noch im RJM. Nach der formellen Zustimmung des Rats der Stadt Köln, der Klärung des Protokolls auf beiden staatlichen Seiten und Erleichterungen der Corona-bedingten Reiseeinschränkungen kann er nach Kambodscha zurückkehren.

Screenshot der Website: Snare for Birds. © Kiri Dalena [29.06.2021]

Vielstimmigkeit und Partizipation in Ausstellungen

Ansätze zu partizipativen Ausstellungsformaten finden sich aktuell unter anderem in der Sonderausstellung RESIST! Die Kunst des Widerstands. Sie beleuchtet 500 Jahre antikolonialen Widerstand im Globalen Süden und zeigt koloniale Unterdrückung und ihre Auswirkungen bis heute. Mit RESIST! verfolgt die Direktorin des RJM, Nanette Snoep, einen vielstimmigen Ansatz. Die Ausstellung ist experimentell und partizipativ angelegt und entwickelt sich während ihrer Laufzeit weiter. Beteiligt sind über 40 zeitgenössische Künstler*innen aus dem Globalen Süden und der Diaspora, darunter auch die philippinische Filmemacherin und Aktivistin Kiri Dalena. Für ihr Projekt arbeitet Dalena mit einem digitalisierten Bestand von 3.781 Fotografien des RJM, die von 1887 bis 1907 auf den Philippinen aufgenommen wurden, viele davon zur Zeit der US-amerikanischen Kolonialzeit.

„Ich hoffe durch meine Rückkehr zu diesen Fotos und dadurch, dass ich sie neu schreibe, meinen Beitrag zum Ausdruck eines lebendigen Widerstands leisten zu können,“ schreibt Dalena in der Einführung zu ihrem Blog Snare for Birds, den sie zusammen mit den Künstlerinnen Lizza May David und Jaclyn Reyes gestaltet.

Für Dalena spielt ein behutsamer Umgang mit den Fotos, der deren (visuelle) Unterdrückung nicht reproduziert, eine wichtige Rolle. Daher setzt sie sich tiefgehend mit einzelnen Porträts, Datenbankeinträgen sowie Primär- und Sekundärliteratur zum Thema auseinander. Die Arbeit basiert auf einem Rewriting des kolonialen Kontextes, indem sie die Fotografien bearbeitet und eigene kritische Kommentare ergänzt. Mit dieser Herangehensweise rückt Dalena die Bilder in einen anderen Kontext der Erinnerung. Ihre künstlerische Arbeit zeigt Zusammenhänge zwischen dem kolonialen Erbe und der politischen Situation in den Philippinen heute auf. Als Beispiel nennt sie Porträts von Männern der Philippine Constabulary (1901 bis 1991), einer Polizeitruppe, die in der Kolonialzeit gegründet wurde und deren Nachfolgeorganisation die heutige Philippine National Police ist. Die Auseinandersetzung mit diesem Material ermöglicht es Dalena, die koloniale Vergangenheit der philippinischen Polizei aufzuzeigen und so eine Vermutung über den Ursprung der anhaltenden unterdrückenden Machtstrukturen aufzustellen.

Durch die Erforschung von Provenienzen, transparente Kommunikation, eine Öffnung für vielfältige Perspektiven und eine kritische Ausstellungspraxis können Sammlungsbestände aus kolonialen Kontexten eine wichtige Rolle in den Dekolonisierungsprozessen ethnologischer Museen und anderer gesellschaftlicher Institutionen in Deutschland sowie den Herkunftsregionen der Objekte spielen.

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3 | 2021, Deutschland,
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Museen als Verhandlungsorte für Dekolonisierungsprozesse

Indonesien/Niederlande: Die aktuelle Restitutionsdebatte ist in den Niederlanden stark auf Exponate in Museen fokussiert. Die Geschichte der in den ehemaligen Kolonien beschlagnahmten Archive, zu denen kaum Zugang besteht, findet bisher wenig Beachtung.

In den Niederlanden wird die Debatte über die Rückgabe von kolonialem Kulturerbe zurzeit intensiv geführt, nachdem die niederländische Regierung die Empfehlung der nationalen Beraterkommission zur bedingungslosen Rückgabe von geraubten Objekten angenommen hat. Die Beraterkommission zum Umgang mit kolonialer Kollektion wurde von der Regierung berufen und hatte ihre Empfehlungen am 7. Oktober 2020 der Ministerin für Kultur und Wissenschaft, Ingrid van Engelshoven übergeben. Die meiste Aufmerksamkeit wird Objekten in den niederländischen Museen gewidmet, die aus verschiedensten Teilen der ehemaligen niederländischen Kolonien einschließlich Indonesien stammen. Was in dieser aktuellen Debatte aber noch fehlt, ist der Umgang mit Archiven, die vom niederländischen Kolonialregime beschlagnahmt und dann versteckt wurden.

Begleiterscheinung der holländischen Kolonialherrschaft war eine penible Dokumentation ihrer Aktivitäten. Jede Akte, jedes Dokument, jede Karte, jedes Bild, das die koloniale Verwaltung und ihre Aktivitäten belegen konnte, wurde in einem sehr gut strukturierten und reglementierten kolonialen Archivsystem aufbewahrt. Auch als das niederländische Militär 1945 nach Indonesien zurückkehrte, gab es Aufzeichnungen über dessen Aktionen.

Diese Archive enthalten eine Vielzahl von Dokumenten und Aufzeichnungen, die während des ‚Dekolonisierungskrieges’ 1945-1949 bei niederländischen Militäroperationen beschafft, beschlagnahmt oder geplündert wurden. Da viele indonesische Archive in die Niederlande gebracht wurden, ist die Existenz der versteckten Archive den meisten Indonesier*innen, mit Ausnahme von Archivaren und Historikern, kaum bekannt.

Aufzeichnungen über die Dynamik des Unabhängigkeitskampfes

Es waren die niederländischen Geheimdienste, Netherlands Forces Intelligence Service (NEFIS) und Centrale Militaire Inlichtingendienst (CMI), die die bei ihren administrativen, nachrichtendienstlichen und militärischen Operationen erbeuteten Dokumente und Aufzeichnungen archivierten und aufbereiteten. In ihren – heute als NEFIS/CMI-Archiven bezeichneten – Sammlungen finden wir Aufzeichnungen, die die Dynamik der frühen indonesischen republikanischen Regierung belegen, geschrieben von den republikanischen Führern und Institutionen.

Die Archive enthalten auch wertvolle Aufzeichnungen von indonesischen gesellschaftspolitischen Organisationen mit unterschiedlichsten Positionen zum Unabhängigkeitskampf. Es gibt zum Beispiel Briefe indonesischer Informanten an den niederländischen Geheimdienst oder Dokumente, die verschiedene Konflikte und Dissonanzen unter den Indonesiern darstellen, die in den offiziellen indonesischen Geschichtsbüchern nicht erörtert werden. Andere Aufzeichnungen enthalten sehr persönliche Dokumente: Tagebücher, Fotos, private Briefe und persönliche Gegenstände verschiedener Personen, von Freiheitskämpfern, Politikern, Schriftstellern und Journalisten.

Geraubte Archive, gelenkte öffentliche Meinung

Diese versteckten Archive waren wichtige Ressourcen für die damalige niederländische Kolonialregierung. Sie wurden verwendet, um die internationale Meinung und Diplomatie in Bezug auf die niederländische Re-Kolonisierung Indonesiens zu beeinflussen. Darüber hinaus dienten die versteckten Archive, wie von Okeu Yulianasari (Deciphering the NEFIS Archives: Investigating Dutch Information Gathering in Indonesia, 1945-1949, MA Thesis, University of Leiden, 2012) recherchiert und später von Michael Karabinos (The Djogdja Documenten: The Dutch-Indonesian Relationship Following Independence through an Archival Lens, 2015) erweitert, als dokumentarischer Beweis für die Anschuldigung der Niederländer über die vermeintlich dysfunktionale indonesische republikanische Regierung, insbesondere indem sie diese mit Opiumhandel, Aufstand und Kommunismus in Verbindung brachten. Zu diesem Zweck wurden die Berichte, die das Original und die Kopie oder die übersetzte Version der Original-Dokumente enthielten, an verschiedene niederländische und internationale Stellen geschickt. Dies ist einer der Gründe, warum die versteckten Aufzeichnungen an mehreren Orten, das heißt nicht ausschließlich in den NEFIS/CMI-Archiven zu finden waren. Sie waren zum Beispiel im Archiv des Algemeene Secretarie, Procureur General, Rapportage Indonesia und sogar in den Archiven internationaler Organisationen und anderer Länder außerhalb der Niederlande verstreut.

Historisch gesehen wurde die Rückgabe der geraubten Kulturgüter auf der von den Vereinten Nationen gesponserten Round Table Conference (RTC), der Verhandlungsrunde über die Souveränität des ehemaligen Niederländisch-Indien im Jahr 1949, in einem Kulturabkommen vereinbart. Artikel 19 des Abkommens sah vor, dass Kulturgüter indonesischer Herkunft an die indonesische Regierung übergeben werden sollten.

Die Archive von NEFIS und CMI wurden jedoch vor der Unterzeichnung des Abkommens zur Übertragung der Souveränität am 27. Dezember 1949 per Schiff in die Niederlande transportiert. Danach wurden sie viele Male zwischen verschiedenen niederländischen Ministerien hin und her verlegt und vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Diese Archive wurden schließlich im Nationalarchiv untergebracht und 1990 zum Teil der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Hier wurden sie als inbeslaggenomen, gevonden en buitgemaakte (beschlagnahmt, gefunden und gestohlen) bezeichnet und unter einem größeren Inventar von NEFIS/CMI Archive abgelegt (Zugangsnummer 2.10.62). Die gesamten NEFIS/CMI-Archive bestehen aus 75 Metern Akten und sind in 7334 Inventarnummern geordnet, während die versteckten Archive aus 3099 Akten bestehen.

Indonesien besitzt kaum Archive aus den ersten Jahren der Unabhängigkeit

Für Indonesien sind die versteckten Archive von Bedeutung, weil sie eine entscheidende Dekolonisierungsperiode dokumentieren, den Befreiungsprozesses, aus dem ein neuer Nationalstaat hervorging. Außerdem sind Archive aus dieser Zeit im Land selbst sehr rar. Sie wurden entweder entsorgt, verbrannt oder sind in verschiedenen Einzelbeständen verstreut. Der ‚Dekolonisationskrieg’ 1945- 1949 hat nicht nur Leben und Orte zerstört, sondern auch viele Archive. Im Einführungsdokument des Arsip Nasional Indonesia (ANRI) für das statische Archiv in den Jahren 1945- 1950, heißt es, dass Informationen über verschiedene Ereignisse in den frühen Jahren der Unabhängigkeit unvollständig sind. ANRI besitz zum Beispiel aus dieser Zeit nur drei Kisten mit Archiven des indonesischen Innenministeriums.

ANRI hat jedoch von der niederländischen Nationaal Archief (NAN) Archive erhalten. Eine Auswahl, nämlich die Djogdja Documenten, wurden nach Indonesien zurückgegeben. Diese umfassen 356 Inventarnummern – eine kleine Zahl im Vergleich zu den Tausenden von NEFIS versteckten Archiven. Es waren Dokumente, die von den staatlichen Institutionen und von den Führern der Republik Indonesiens geschrieben und beim Angriff der niederländischen Truppen 1948 auf die damalige republikanische Hauptstadt Yogyakarta beschlagnahmt wurden.

Diese besondere Rückführung entstand aus einem Antrag Indonesiens, der eher informell während des frühen Mikrofilmaustauschprojekts zwischen den beiden Nationalarchiven gestellt wurde. Nach einer Reihe von formellen und informellen Verhandlungen gab Den Haag 1976 die Akten schließlich in zwei Durchgängen an Jakarta zurück. 1987 erfolgte eine weitere Übergabe, einschließlich der Papiere von Abdul Gafar Pringgodigdo, der die Verfassung Indonesiens aufzeichnete.

Die meisten geraubten Dokumente werden versteckt aufbewahrt

Die Rückführung von Djogdja Documenten gilt als eine der wenigen Erfolgsgeschichten von Archivansprüchen weltweit. Dennoch bleiben viele Lücken. So sind beispielsweise die Angaben zu Auswahlkriterien und Ablauf der Rückgabe von Archiven nicht in der Archivbeschreibung bei NAN zu finden. Außerdem gibt es aus Yogyakarta immer noch viele indonesische Regierungsarchive, die bislang in den Niederlanden verbleiben. Wenn die Rückgabe der indonesischen Regierungsarchive aus Yogyakarta möglich ist, wie sieht es dann mit anderen geraubten indonesischen Regierungsarchiven aus, die von 1945 bis 1949 aus verschiedenen Gegenden beschlagnahmt wurden?

Außerdem unterliegt die Nutzung der in den Niederlanden befindlichen Archive durch Indonesier*innen großen Hürden. Man muss nach Den Haag kommen, um sie einsehen zu können. Bei der Fülle der Akten in den NEFIS/CMI-Archiven ist es nicht einfach, sich im Online-Katalog zurechtzufinden. Denn obwohl die meisten Archive in indonesischer Sprache verfasst wurden, ist der Katalog nur auf Niederländisch verfügbar. Da die versteckten Archive unter den NEFIS/CMI-Archive abgelegt sind, gibt die Beschreibung meistens nur die NEFIS und den Geheimdienst als Ersteller dieser Archive an. Sie erzählt wenig über die indonesischen Verfasser. Zweitens muss man, um diese Dokumente zu finden, wissen, dass sie sich im Teilbestand Documentatie unter den Inventarnummern 3013 bis 7112 befinden. In der an NEFIS/CMI orientierten Archivanordnung sind die geraubten Archive nämlich versteckt. Darüber hinaus wird in der Beschreibung immer noch eindeutig „Politioneel actie“ verwendet, ein alter umstrittener Begriff, der die Gewalt der holländischen Invasion ohne jede Erklärung verschleiert.

Erste Verbesserungen für eine leichtere Aktensuche

Trotz dieser erheblichen Probleme wurde das Suchmittel der NEFIS/CMI-Archive tatsächlich verbessert. Im Jahr 2016 erweiterte der Historiker der Universität Leiden, Harry Poeze, die Beschreibung jedes Datensatzes um Personennamen, Organisationsnamen und Ortsnamen. Dies macht die Aktensuche einfacher als mit dem bisherigen Katalog, der nur die Aktennummer ohne individuelle Aktenbeschreibung auflistet.

Der Fall der versteckten Archive zeigt, dass der Besitz von kolonialen und kolonisierten Archiven einen großen Einfluss darüber gibt, wie auf die Archive zugegriffen wird und wie sie verwendet werden können. Die fehlende Zugänglichkeit und Inklusivität des Suchvorgangs weisen auf das anhaltende Erbe der kolonialen Archivinfrastruktur hin. Wir sollten uns um die Rückgabe dieser geraubten Archive bemühen. Aber zunächst brauchen wir konkrete Maßnahmen, um diese Archive für die Menschen des Ursprungslandes überhaupt auffindbar und zugänglich zu machen.

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Museen als Verhandlungsorte für Dekolonisierungsprozesse

Philippinen/Deutschland/USA: In der Performance „Snare for Birds“ interagieren und intervenieren die Künstlerinnen Lizza May David (Berlin), Kiri Dalena (Manila) und Jaclyn Reyes (NewYork) mit philippinischen kolonialen Photographien, die sich im Besitz des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln befinden.

Seit fast 200 Jahren werden Fotografien gemacht, vervielfältigt und ausgestellt. Das damals neue Medium war unter anderem eng mit dem Kolonialismus verknüpft. Fotograf*innen machten vermeintlich objektive Bilder von Menschen und trugen somit zur rassenanthropologischen Wissenschaft bei, die sich bis heute in wirksamen Stereotypen widerspiegeln.

Das seit 2020 bestehende Projekt Snare for Birds (Vogelfalle) wurde in Auszügen beim Jahresseminar des philippinenbüros und beim gemeinsamen Asientag des Asienhauses 2021 gezeigt. Im Fokus von Snare for Birds steht die Wirkmächtigkeit von Bildern. Stereotype und überlieferte Geschichten werden hinterfragt sowie koloniale Verflechtungen der fotografischen Sammlung aufgezeigt.

Seit Dezember 2021 ist Snare for Birds Teil der Ausstellungsreihe Counter Images | Gegenbilder des Rautenstrauch-Joest-Museums (RJM). Die Reihe Counter Images | Gegenbilder ist eine wachsende Plattform für eine gemeinsame, multiperspektivische und dekoloniale Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie und der Fotografischen Sammlung des RJM. Heute lagern allein zu den Philippinen viele tausende Fotografien in den Archiven des RJM, mit ihnen haben sich die Künstlerinnen Lizza May David, Kiri Dalena und Jaclyn Reyes kritisch auseinandergesetzt. Im Folgenden schildern sie diesen künstlerischen und kolonialkritischen Prozess, dokumentiert von Caroline Bräuer.

Jaclyn Reyes: Dekoloniale Trübungen

„Als Filipina, die in den Vereinigten Staaten geboren und aufgewachsen ist, hielt ich es für wichtig, mich mit einem US-amerikanischen Archiv zu beschäftigen, insbesondere mit Bildern, die sich in der Library of Congress befinden. Ich beschloss, Zeichnungen anzufertigen, um eine Intimität mit den fotografischen Bildern aufzubauen und zu versuchen, Zugang zum Inneren der Figuren zu erhalten. Gleichzeitig war diese Erkundung eine Übung in dekolonialer Praxis, um dem Einfluss des kolonialen Archivs zu widerstehen.

Als ausgebildete Analogfotografin beschloss ich, meine Beziehung zu den Materialien und Werkzeugen für dieses Projekt zu überdenken und mehr über die Materialität der Filmfotografie nachzudenken. Ich erinnere mich, dass mir im Archiv phantomartige Gestalten im Hintergrund einiger Bilder aufgefallen sind, bei denen eine unsachgemäße Filmbelichtung offensichtlich war. Bei zu dunklen oder schattigen Fotos ist das ein Zeichen dafür, dass das Filmnegativ unterbelichtet und dadurch dünn war. Umgekehrt ist ein zu helles Foto ein Zeichen dafür, dass der Film überbelichtet oder überentwickelt wurde, so dass er zu dicht ist. Da Fotografie bedeutet, ‚mit Licht zu schreiben‘, interessierte ich mich mehr für das Filmnegativ — seine Funktion, Materialität und Dichte — als einen Ort, an dem ich über die Spuren im kolonialen Archiv nachdenken konnte.

Ich habe versucht, den negativen Raum in den Archivfotos zu dimensionalisieren. Als Teil einer Minderheit in den Vereinigten Staaten erkenne ich dies als mein eigenes ‚doppeltes Bewusstsein‘, wie W.E.B. Dubois es beschreiben würde, oder meinen inneren Konflikt, „mich immer durch die Augen der weißen Gesellschaft zu betrachten“. Ich wollte diesen inneren Konflikt beim Betrachten dieser Archivbilder darstellen, als Filipina, die sich Bilder von Filipin@s ansieht, die sich vielleicht gegen die Besetzung durch das Land gewehrt haben, das ich jetzt meine Heimat nenne.

Die Verwendung dieser Materialien verlangte mehr Körperlichkeit, um Schichten aus weißem Wachs zu bilden, um die Zeichnung zu komponieren – den Schleier zu bilden, durch den ich meine eigene Geschichte sehe. Wenn ich darüber nachdenke, sehe ich in dieser Zeit, in der ich in New York City den Anstieg der vorurteilsbehafteten Angriffe gegen Asiat*innen miterlebt habe, wie die Unsichtbarkeit der Asiat*innen in der Vorstellung der US-Amerikaner*innen weiter besteht. Dabei obliegt es nicht nur uns als Beobachter*innen, unsere Protagonist*innen vollständig zu sehen, sondern auch unsere eigenen blinden Flecken zu erkennen.“

Kiri Dalena: Tagalog Women

„Gibt es eine Erlösung in diesen Fotos? Würde ich lügen, wenn ich zustimme, dass diese Fotografien — die als Instrumente zur Unterdrückung und Herabsetzung benutzt wurden — in Werkzeuge zur Selbstermächtigung umgewandelt werden können?“

„Wenn wir verstehen, dass diese Fotografien gewaltsam entstanden und in Gewalt eingebettet sind, warum lassen wir sie nicht weiter ungestört in ihren Kisten und Holzverschlägen schlummern, verschlossen hinter und unter den Stahltoren eines Lagerhauses?“

„Ich habe die helle Kleidung der philippinischen Frauen mit schwarzer Tinte übermalt. Ich wollte damit Trauer ausdrücken – aber war Schwarz nicht auch schon damals eine Farbe des Widerstands?“

In ihrer kollaborativen künstlerischen Arbeit taucht die philippinische Menschenrechtsaktivistin und Filmemacherin Kiri Dalena tief in das historische Fotoarchiv des Rautenstrauch-Joest-Museums ein. Sie interagiert mit Fotos von den Philippinen, die während der US-amerikanischen kolonialen Besetzung vor über hundert Jahren aufgenommen wurden. Dabei nimmt sie die Bilder, die oft einen kolonialrassistischen Blick widerspiegeln, genau unter die Lupe und schafft neue Perspektiven. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Bildmaterial unter Einbeziehung von zahlreichen Primär- und Sekundärquellen zieht Dalena wichtige Rückschlüsse auf die heutige politische Lage in den Philippinen.

Lizza May David: Negative Space

„Anlass war meine Verweigerung der Repräsentation im Umgang mit diesen Fotografien. Ich richte stattdessen meinen Blick auf das architektonische Umfeld, indem diese Fotografien aufbewahrt und für uns zugänglich wurden. Lässt sich durch diese Offenlegung der Strukturen Machtkritik ausüben? Die Maße der Malerei ist den Aufbewahrungsboxen des Archivs in situ entlehnt. Die dabei entstehende Fläche nutze ich als Membran, um intuitive Momente, die sich während der Auseinandersetzung mit diesen Fotografien zeigen in farbliche Verdichtungen zu übersetzen: Dunkelrot für Wut, Silber für Verweigerung oder Dunkelblau für Melancholie.

Können wir die Leinwand als etwas Widerständiges zu verstehen, auf dem sich das Private als gleichzeitig Politische formuliert? Erfasst sie diesen Moment in dem sich das Subjekt gleichzeitig als Gemeinschaftskörper empfindet? Erfasst sie diesen Moment, in dem das Gefühl für Verantwortung sich in Kameradschaft verbindet?“

Teile dieses Artikels sind erstmals in der Broschüre Monolog oder Dialog? Perspektiven auf Entwicklung und Zusammenarbeit, Eurozentrismus und Solidarität herausgegeben von der Stiftung Asienhaus und dem philippinenbüro e.V. im Dezember 2021 erschienen.

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Museen als Verhandlungsorte für Dekolonisierungsprozesse

Deutschland/Indonesien: Die Diskussionen um das Kunstwerk People’s Justice des indonesischen Kollektivs Taring Padi haben die documenta gelähmt. Mitglieder von Taring Padi berichten im Interview über ihre Lernprozesse und betonen ihre Bereitschaft zum Dialog.

Kate Brown: Können Sie mehr über den Entscheidungsprozess erzählen, der zur Entfernung des Kunstwerkes geführt hat?

Alexander Supartono (AS): Als Hestu, ich und ein weiteres Mitglied von Taring Padi an jenem Montag im Juni zum Treffen mit ruangrupa und der documenta-Leitung kamen, hatten wir eine hitzige Debatte darüber, ob wir das Werk verhüllen sollten oder nicht. Einige waren sehr aufgebracht wegen der Verhüllung des Werks und drohten damit, die Ausstellung zu verlassen. Als jemand von der documenta-Leitung sagte, dass niemand wüsste, ob sie am nächsten Tag noch einen Job hätten oder nicht, war uns sofort klar, was wir zu tun hatten. Wir können nicht die Existenz von jemand anderem wegen unserer Arbeit aufs Spiel setzen. Bei unserer Arbeit geht es um Menschlichkeit.

Hestu Nugroho (HN): Der schwarze Stoff war ein Symbol der Trauer, ein erstes Statement. Es ist jedoch auch wichtig, dass wir die lumbung-Gemeinschaft [der Künstlerkollektive, die von ruangrupa für die documenta fifteen zusammengebracht wurden] respektieren. Hätten wir einfach vor unserer Arbeit gestanden und uns geweigert, sie zu entfernen, hätten wir auch das Fortbestehen der gesamten documenta fifteen und aller daran beteiligten Gruppen riskiert.

Sie sagten, der schwarze Stoff sei ein Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs. Sie versuchen, diesen Dialog zu finden. Das ist interessant zu hören, denn das haben wir auch von anderen relevanten Parteien gehört. Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, der als externer Berater hinzugezogen wurde (und schließlich zurücktrat), sagte ebenfalls, dass es schwierig gewesen sei, einen Dialog zu führen. Dasselbe hatte ich schon vor diesen Ereignissen von jüdischen Kunstschaffenden in Deutschland gehört. Warum war es aus Ihrer Sicht so schwer?

AS: Das ist sehr interessant, dass Sie das auch hören. Wir wollen reden. Nachdem entschieden worden war, das Werk zu verhüllen, gab es keine weiteren Diskussionen. Der Vorstand hat uns per E-Mail mitgeteilt, dass einstimmig beschlossen wurde, das Werk innerhalb von zwei Stunden abzubauen.

Wir hören hier und dort etwas, aber ein Dialog findet weiterhin nicht statt. Jetzt sind wir dabei, selbst einen Dialog anzustoßen, ohne die documenta. Wir hoffen, dass sie sich daran beteiligen wird, und vielleicht versuchen sie es auch anderswo, ohne Erfolg und ohne uns darüber zu informieren. Aber lassen Sie uns niemandem die Schuld geben. Machen wir es einfach selbst.

In Kassel hat es auch positive Entwicklungen gegeben. Mitglieder der jüdischen Gemeinde und von ruangrupa haben zusammen Abend gegessen und planen ein gemeinsames Fußballspiel. Das ist der beste Weg, etwas zu unternehmen – dem Zirkus in den Medien und im Bundestag den Rücken zu kehren und wirklich den Menschen zu begegnen, die betroffen sind.

Es gab auch für uns Solidarität. Leute kamen zu uns und haben uns erzählt, was in den lokalen und nationalen Zeitungen geschrieben wurde oder was im Radio diskutiert wurde, weil sie wussten, dass wir kein Deutsch sprechen.

Es gab eine Podiumsdiskussion, die von Meron Mendel organisiert wurde. Haben Sie daran teilgenommen und was haben Sie dort gelernt?

HN: Wir haben viel über die Komplexität von Antisemitismus im Verhältnis zu Antirassismus gelernt – und viel über die postkoloniale Diskussion im deutschen Kontext.

Dort wurde über blinde Flecken in der dekolonialen Diskussion gesprochen, wenn es um jüdische Themen geht.

AS: Ja, und das stimmt auch. Es gibt einen blinden Fleck, der mit kühlem Kopf überdacht werden muss. Wie haben sich die antisemitischen Ansichten der Niederländer während der Kolonisierung Indonesiens auf die Menschen dort ausgewirkt? Welche Vergleiche lassen sich zwischen den Bildern, die die Nazis von Jüd*innen mitbrachten, und der Darstellung der Chines*innen in den 1910er und 1920er-Jahren ziehen? Wir recherchieren aktiv dazu und lernen.

Lassen Sie uns nochmals über das Werk sprechen, das von der documenta-Leitung entfernt wurde. Wie kam es dazu, dass diese Figuren in Ihrer Arbeit People’s Justice erschienen?

AS: Diese Frage wollen wir gerne beantworten, aber wir sind uns nicht hundertprozentig sicher, wer sie gemalt hat, auch wenn es in den Medien dazu einige Spekulationen gab. Wir arbeiten alle zusammen mit großen Stoffbahnen auf dem Boden. Einige Leute zeichnen die Umrisse, und dann kann sie jede*r ‚ausmalen’. Zu der Zeit als das Werk entstand, im Jahr 2002, hatten wir das alte Gebäude unserer Kunsthochschule besetzt. Wer auch immer auftauchte, konnte helfen und etwas zum Bild beitragen. Jemand hat vielleicht die Figur gemalt und ein*e andere*r die rote Farbe aufgetragen. Wieder jemand anders könnte die Reißzähne dazugefügt haben und so weiter. Wir glauben, dass mehr als eine Person daran gemalt haben.

Die Militärfigur [des Mossad] ist leichter zu verstehen. Wir wollten die Beteiligung der westlichen Staaten darstellen, die die Militärdiktatur Suhartos unterstützt haben. Wir machen keine Satire. Wir wollen Menschen, die wir als Unterdrückende ansehen, ‚entmenschlichen‘. Also ‚verwandeln‘ wir sie in andere Dinge, wie Tiere oder Roboter. Wenn wir auf Indonesisch fluchen, bezeichnen wir die Leute mit Tiernamen, also verfluchen wir sie in gewisser Weise.

Das Porträt des orthodoxen Juden mit den scharfen Zähnen und all diesen Details ist Teil einer Gruppe weiterer ‚dämonischer‘ Figuren. Warum befindet es sich dort? Was hat sich der- oder diejenige dabei gedacht, der oder die das gemalt hat? Welche Art von kollektivem Bewusstsein hat diese Figur dorthin gebracht? Was wissen wir über antisemitische Bilder und die Art und Weise, wie Nazis jüdische Menschen in abwertender Weise dargestellt haben? In den historischen Traditionen der wayang-Puppen Indonesiens werden antagonistische Figuren immer mit solchen roten Augen und Reißzähnen ‚entmenschlicht‘. Das war lange vor der Art und Weise, wie die Nazis Jüd*innen darstellten. Wir versuchen zu verstehen, wie diese verschiedenen Elemente hier alle kombiniert wurden.

HN: Wir hatten das Werk schon vorher ausgestellt, sodass wir die Figuren aus unserer Perspektive kannten. Wir wussten nicht, welche starke Reaktion sie in Deutschland auslösen würden. Wenn Menschen Elemente in eine Arbeit einbringen, wollen wir sie nicht auslöschen. Wir wollen sie und den Kontext diskutieren. Das ist unsere Art zu arbeiten.

AS: Ja, wir haben noch nie jemanden zensiert, der an unseren Stücken arbeitet, aber vielleicht müssen wir diese Regel noch einmal überdenken. Vielleicht ist es zu naiv, solche Dinge zu tun.

Also wussten Sie, dass diese Figuren da waren?

AS: Ja, das wussten wir. Wir übernehmen die Verantwortung. Aber wir haben sie in den vergangenen 21 Jahren so häufig gesehen. Das ist wie mit Dingen in deinem Wohnzimmer – irgendwann hörst du auf, sie dir wirklich anzuschauen und darüber nachzudenken, weil du an sie gewöhnt bist. Also haben wir nie angenommen, dass diese Figuren in einem anderen Kontext eine so große Wirkung haben könnten. Wir haben sie irgendwie nie richtig wahrgenommen, wenn wir sie in anderen Ausstellungen präsentiert haben, weil wir nie nach ihnen gesucht haben.

Nichts davon ist eine Entschuldigung für das, was passiert ist. Als wir unsere Werke auf der documenta aufgebaut haben, waren wir, ehrlich gesagt, mehr wegen der roten Sterne besorgt, die überall auf unseren Arbeiten verteilt sind – wegen Russlands Krieg in der Ukraine.

HN: Ja, wir haben uns nie wirklich über eine einzelne Figur in unseren Werken Sorgen gemacht, weil es vorher nie Probleme gab. Wir haben stattdessen immer die großen Narrative diskutiert.

Was werden Sie nun mit dem Kunstwerk machen?

AS: Wir wissen noch nicht genau, was wir damit machen sollen. Natürlich wollen wir das Werk nicht zensieren. Wir haben einen Fehler gemacht, aber wir wollen unsere Fehler nicht auslöschen. Fehler sollten uns als Ermahnung dienen, aber auch als Ausgangspunkt für Diskussionen. Wenn wir die Arbeit zerstören, würden wir bloß die islamischen Fundamentalisten kopieren, die unser Werk verbrannt haben. Aber ganz sicher werden wir das Banner nicht noch mal auf dieselbe Weise in der Öffentlichkeit präsentieren.

Dies ist Teil II des Interviews. Hier geht’s zu Teil I.

Übersetzt aus dem Englischen von: Nora Drohne und Christina Schott

Das Interview erschien auf Englisch im Online-Magazin artnet und wurde für die Broschüre Indonesien auf der documenta fifteen: Von der Kunst, in Dialog zu treten herausgegeben von der Stiftung Asienhaus und der Abteilung für Südostasienwissenschaft der Universität Bonn ins Deutsche übersetzt. Für die südostasien wurde diese Übersetzung redaktionell bearbeitet.

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3 | 2021, Deutschland,
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Museen als Verhandlungsorte für Dekolonisierungsprozesse

Philippinen/Schweiz: Die kolonialen Verstrickungen der Schweiz werden selten thematisiert. Ein Verein setzt sich dafür ein, dass philippinische Objekte aus Museumsdepots sichtbar gemacht werden.

Seit Mitte September 2024 widmet sich das Schweizer Landesmuseum in Zürich mit der Ausstellung Kolonial für vier Monate der Schweizer Kolonialgeschichte. Denn beim Thema Kolonialismus genießt die Schweiz im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn keineswegs einen Sonderstatus, auch wenn dieser Aspekt ihrer Geschichte nur selten zur Sprache kommt. Ab dem 16. Jahrhundert beteiligten sich Schweizer Akteur*innen nicht nur am Handel mit Kolonialprodukten. Sie waren auch als Söldner oder Forschende unterwegs, was nicht selten auch mit der Ausbeutung von Menschen einherging.

Vereinsarbeit zur De-Kolonisierung von Museen

Die kolonialen Verstrickungen der Schweiz haben Spuren hinterlassen, die zum Teil sichtbar sind, oftmals aber im Verborgenen liegen. Teil dieses unsichtbaren kolonialen Erbes sind die abertausenden Objekte, die unbeachtet in Schweizer Museumsdepots lagern. Für das Rahmenprogramm der Ausstellung Kolonial wurde der Verein studiyo filipino zu einem Podiumsgespräch über die Dekolonisierung dieser Sammlungen eingeladen. studiyo filipino setzt sich seit längerem dafür ein, dass quasi vergessene philippinische Museumsobjekte, unter anderem im Völkerkundemuseum Zürich, für eine breite Öffentlichkeit zugänglich werden.

Das Völkerkundemuseum der Universität Zürich (VMZ) entstand ursprünglich aus der botanischen und ethnographischen Sammlung des Schweizer Forschungsreisenden Hans Schinz (1858-1941). Sie wurde unter der Führung der Ethnographischen Gesellschaft Zürich 1889 erstmals zugänglich gemacht und in den 1910er-Jahren dem Kanton und damit der Universität Zürich geschenkt. Während frühere Objekte aus Expeditionen nach Südwestafrika und Indien sowie aus Schenkungen von Schweizer Handelsreisenden stammten, unternahm das Museum unter Direktor Alfred Steinmann auch eigene Forschungsreisen nach Indonesien (1941-1963). Südostasien galt für die Schweiz damals bereits als wichtiger Handelsplatz. Da sich an der Universität (sehr langsam) die Ethnologie als Forschungsbereich etablierte, zählten allmählich auch Studierende zum Zielpublikum.

Ein Großteil der 300 Objekte in der Philippinen-Sammlung wurde von Emil Sprüngli (1851-1910) und Mathilde Labhart-Lutz (1836-1911) geschenkt. Sprüngli arbeitete zunächst für die Seidenfabrik seines Onkels und zog später nach Manila, wo er sein eigenes Handelsunternehmen gründete. Er bewegte sich rund 37 Jahre lang zwischen Zürich und Manila und war von 1888-1910 Schweizer Ehrenkonsul in den Philippinen. Mathilde Labhart-Lutz gilt als erste Schweizerin, die sich in Manila niederließ. Sie war die Witwe von Johann Conrad Labhard (1825-1887), der ebenfalls für verschiedene Schweizer Handelsunternehmen arbeitete und lange als Konsul für Österreich-Ungarn diente. Mit ihm pflegte der österreichische Intellektuelle Ferdinand Blumentritt, der als guter Freund des philippinischen Nationalhelden José Rizal bekannt ist, ebenfalls eine rege Brieffreundschaft.

Die Objekte beider Sammlungen, darunter Textilien, Alltagsgegenstände, Kleidungsstücke, persönliche Gegenstände und Rohstoffe, liegen im Archiv des VMZ und sind für die Öffentlichkeit seit jeher nicht zugänglich. Weil das Museum gegenwärtig auch noch dabei ist, sein Archiv zu verlagern, ist es äußerst schwierig, auf die Objekte zuzugreifen. Allerdings verfügt das Museum über eine digitale Kartei, die von einigen Objekten eine Photographie und eine Beschreibung enthält.

Weltkarte philippinischer Objekte

Im Jahr 2014 wurde ich erstmals auf die Sammlung von Emil-Sprüngli aufmerksam, als eine meiner Studentinnen mir gegenüber erwähnte, dass sie dazu eine Seminararbeit bei Dr. Andreas Isler, ehemals Kurator des VMZ für Südostasien, geschrieben hatte. Daraufhin setzte ich mich mit diesem in Verbindung, um gemeinsam Möglichkeiten zu erwägen, wie diese Sammlung bekannt und vielleicht sogar zugänglich gemacht werden könnte.

Es sollten aber mehrere Jahre verstreichen, bis sich diese Vision verwirklichen konnte. Dafür musste ich zuerst die Historikerin Annette Hug kennenlernen, die lange in den Philippinen gelebt hat. Unsere geteilte Leidenschaft für die philippinische Nationalsprache und das Übersetzen brachte uns immer wieder zusammen und wir beschlossen mit einer weiteren Freundin, der Anthropologin Doris Bacalzo, einen Verein zu gründen. Mit studiyo filipino wollten wir einen neuartigen Austausch zwischen der Schweiz und den Philippinen vorantreiben und die Verbindung zwischen den beiden Ländern historisch, aber auch über Literatur, Kunst und andere Themen beleuchten.

Annette Hug war damals schon mit Dr. Cristina Juan in Kontakt, die an der SOAS Universität London ihr Projekt Mapping Philippine Material Culture entwickelt. Ihre Plattform hat zum primären Ziel, verstreute philippinische Museumsobjekte auf einer digitalen Weltkarte abzubilden. Historische Artefakte, die von einem Ort entfernt wurden, können so von ihrer Ursprungs-Community wiedergefunden, betrachtet und diskutiert werden. Ein gewollter Nebeneffekt ist zudem, dass die mitwirkenden Museen nicht darum herumkommen, sich mit ihrem jeweiligen Bestand auseinanderzusetzen: Wie sind die Objekte dorthin gekommen? In welchem historischen, aber auch politischen Kontext? Wer hat heute (noch) Interesse an diesen Objekten? Manche Informationen liegen den Museen schon vor. Für die meisten Einträge soll die Plattform jedoch den Ausgangspunkt für weitere Recherchen bieten, um sie in einem weiteren Schritt zu ergänzen und nötigenfalls zu korrigieren.

Digitale Puzzle-Arbeit

Zum Launching von studiyo filipino im Jahr 2022 kam Cristina Juan nach Zürich. Wir organisierten mit ihr, Andreas Isler und dem VMZ einen Workshop, der Kurator*innen und anderen Interessierten Einblick in das Mapping-Projekt gewährte. Dies legte den Grundstein unserer Zusammenarbeit mit dem VMZ und wir haben seither, insbesondere dank des Einsatzes von Daten-Analyst Patrick Wirz, eine erste Tranche der Objekte aus der digitalen Kartei hochladen können. Diese ist jetzt auf der Plattform von SOAS ersichtlich, wenn man das Stichwort „Zürich“ eingibt. Als Linguistin übersetzte ich die Einträge ins Englische; die Begleittexte verfassten Annette Hug und Stephanie Willi, ein weiteres Vereinsmitglied sowie Historikerin und Archivarin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule.

Zwar wird die Plattform hauptsächlich von Cristina Juan und der SOAS betrieben, doch gehört es zum Beitrag von studiyo filipino herauszufinden, welche Museen hierzulande philippinische Objekte beherbergen. Darüber hinaus geht es darum, mit diesen Museen ins Gespräch zu kommen und sie von der Bedeutung des Mapping-Projekts zu überzeugen. Darin steckt auch viel Beziehungsarbeit. Nebst dem Musée d’ethnographie de Genève, welches seine Objekte bereits im Jahr 2021 auf die SOAS-Plattform hochgeladen hat, konnten wir auch das Museum der Kulturen Basel (MKB) und das Kulturmuseum St. Gallen für das Projekt gewinnen.

Heidelberger Erklärung zu musealer Selbstkritik und Restitution

Mit der Anbindung an die Universität im frühen 20. Jahrhundert versteht sich das VMZ heute noch als „ethnologisches Wissenschaftsmuseum“ mit Schwerpunkt auf den menschlichen Kompetenzen in „materiell-technischen“ und „gesellschaftlichen Bereichen“. Direktorin Mareile Flitsch hat aber auch die Heidelberger Erklärung von 2019 mitunterzeichnet, mit welcher ein Bündnis Ethnologischer Museen im deutschsprachigen Raum zu selbstkritischen Fragen der Restitution Stellung nimmt. So sieht sich das VMZ ebenso als Ort des kritischen Dialogs und verpflichtet sich dazu, „dass alle, die aufgrund ihrer Geschichte und kulturellen Praktiken mit den Sammlungen verbunden sind, wenn irgend möglich von den Aufbewahrungsorten sie betreffender Sammlungen erfahren. “ Seit 2023 steht zur Diskussion, ob der Name Völkerkundemuseum überhaupt noch zeitgemäß ist, weshalb alle Werbeartikel des Museums zurzeit mit einem Fragezeichen versehen sind (Völkerkunde?museum).

Zu seiner neuen Namensfindung veranstaltete das Museum eine ganze Werkstattreihe. Dass studiyo filipino im Rahmen dessen an einer Podiumsdiskussion teilnahm, war einem Zufall zu verdanken. Trotz des Credos in der Heidelberger Erklärung und einer wohlwollenden Zusammenarbeit mit dem VMZ, steht unsere Vereinsarbeit noch lange nicht auf der Prioritätenliste. Der Moderator des Abends, Dr. Rohit Jain, erkannte die Relevanz unseres Projekts für Fragen der Restitution und lud uns ein.

Einbeziehen der Source-Communities

Im Verlauf der Veranstaltung wurde klar, dass die Repräsentation auf der SOAS-Plattform dem VMZ im Sinne einer kooperativen Provenienzforschung und im Auftrag der Transparenz als geeignetes Aushängeschild diente. Dank des positiven Echos auf unseren Podiumsbeitrag, aber auch aufgrund des Drängens jener Stimmen, die das Museum schon länger zu einer partizipativeren Praxis ermahnen, welche auch die Teilhabe der eingewanderten Bevölkerung zulässt, ließ sich unsere Projekt-Partnerschaft mit dem VMZ konsolidieren. Nach mehreren Folgegesprächen konnten wir erzielen, dass unsere Arbeit mit einer kleinen monetären Wertschätzung honoriert werden soll.

Wir ziehen bis hierher eine positive Bilanz, was unseren Einsatz betrifft, die Spuren kolonialer Verstrickungen zwischen der Schweiz und den Philippinen anhand vergessener Museumsobjekte aufzuarbeiten. Im Bestreben um Dekolonisierung ist Reflexion nötig. Diese Reflexion ist kein selbstloser Akt. Das Museum sieht sich zunehmend mit der Frage konfrontiert, wie es relevant bleibt und in einer post-migrantischen Stadt wie Zürich weiterhin Besucher*innen anziehen kann. Wer soll da eigentlich wen schauen gehen? Unter welchen Machtverhältnissen wurden die Objekte beschlagnahmt? Wie sieht eine angemessene Wiedergutmachung aus und wie können die Source-Communities in dieser Diskussion miteinbezogen werden? Viele wichtige Antworten müssen noch gefunden werden.

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3 | 2021, Deutschland,
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Museen als Verhandlungsorte für Dekolonisierungsprozesse

Südostasien/Indonesien: Mithilfe digitaler Medien stellen Künstler*innen Nutzung, Wahrheitswert und Macht kolonialer Fotoarchive infrage.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert nutzten koloniale Staaten und Unternehmen die Fotografie, um Wissen über die von ihnen besetzten Kolonien zu sammeln und den Erfolg von Infrastrukturprojekten zu dokumentieren. Ausländische Wanderfotografen und lokale Fotostudios fertigten Porträts von kolonialen Motiven an, sowohl in schlichten Abbildern als auch in Genre-Szenen. Damit befriedigten sie die touristische Nachfrage nach fotografischen Souvenirs ebenso wie die Neugierde des großstädtischen Publikums, das die Bilder in Form von Postkarten, Drucken und Buchillustrationen zu sehen bekam.

Ob in privatem oder staatlichem Besitz: Ein Großteil dieser Bilder ist heute Teil der „kolonialen Sammlungen“ in Museen, Bibliotheken, Archivzentren und Universitäten der ehemaligen Kolonialmächte. Diese wissensproduzierenden Institutionen definierten, welche Art von historischer Erinnerung bewahrt werden sollte.

Die postkoloniale Wissenschaft hat dieses Fotomaterial erneut untersucht und in einen neuen Kontext gestellt, indem sie die Perspektive der ehemaligen kolonialen Subjekte eingenommen hat – anstatt diejenige des Kolonisators, der auf die Kolonisierten schaut. Zugleich hat sie damit die Künstlichkeit und Konstruiertheit kolonialer Archivaufzeichnungen aufgedeckt.

Digitalisierung von Archiven eröffnet neue Möglichkeiten

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erweiterte die Digitalisierung die Leistungen kolonialer Archive. Dadurch wird heute einem viel größeren und geografisch weit verstreuten Publikum der Zugang zu solchen Sammlungen ermöglicht – jenseits deren physischer Grenzen. Dennoch neigt der Prozess der digitalen Standardisierung dazu, Fotografien ihres „sozialen Lebens“ zu berauben: Die Biografie und die aktive Rolle in der Geschichte solcher Bilder bleiben oft hinter den einheitlichen Klassifikationssystemen verborgen.

Die Open-Access-Veröffentlichung von Archivsammlungen erzeugt nicht nur Bedenken hinsichtlich der Erhaltung von materieller Kultur. Sie wirft auch Fragen zu Eigentum, Urheberschaft und Copyright für die Wiederveröffentlichung auf. Zeitgenössische südostasiatische Künstler wie Dow Wasiksiri (Thailand), Yee-I-Lann (Malaysia), Robert Zhao (Singapur), Kiri Dalena (Philippinen) und Agan Harahap (Indonesien) nutzen die Formbarkeit und Flexibilität digitaler Archivalien und die Vielseitigkeit digitaler Software, um koloniale Repräsentationen zu stören, zu untergraben und ihre Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.

Dieser Artikel untersucht die Art und Weise, wie der indonesische Künstler Agan Harahap Fotografien umwidmet und manipuliert, um die Verwendung, den Wahrheitswert, die Urheberschaft und das Eigentum kolonialer Archive infrage zu stellen.

Agan Harahap studierte Grafikdesign in der westjavanischen Metropole Bandung. 2008 zog er nach Jakarta, wo er als Fotograf und Illustrator für ein bekanntes Musikmagazin arbeitete. Seine Bilderserie „Superhistory“ erregte 2010 internationale Aufmerksamkeit, als sie über die sozialen Medien verbreitet wurde. Harahap adaptierte dafür ikonische Fotografien von bedeutenden Momenten der Weltgeschichte, in die er fiktive Superhelden integrierte. So lässt er etwa Spiderman an der Invasion in der Normandie teilnehmen. In einem anderen Bild beschattet Darth Vader die Staatsoberhäupter der Alliierten auf der Konferenz von Jalta 1945. Die makellosen digitalen Collagen verblüffen die Betrachtenden – jedoch nicht, um Geschichte zu karikieren.

Bei einem Workshop der niederländischen Fotografie-Plattform Noorderlicht in Yogyakarta wurde der 1980 geborene Harahap zum ersten Mal mit kolonialem Archivmaterial aus Niederländisch-Ostindien [koloniale Bezeichnung für das heutige Indonesien] konfrontiert. Ein Jahr später floss diese Begegnung in sein fiktives koloniales Fotostudio „Mardjiker“ ein.

Infrage stellen von Autorität und Typisierung historischer Fotografien

Das Wort „Mardjiker“ leitet sich vom Sanskrit-Wort Mahardika ab und bedeutet wörtlich „Befreite“. Dies war die Bezeichnung für getaufte ehemalige Sklav*innen und ihre Nachkommen in Batavia [kolonialer Name Jakartas]. Zunächst arbeiteten sie für die Portugiesen und konvertierten dann unter niederländischer Herrschaft zum Katholizismus und später zum Protestantismus. Diese Bevölkerungsgruppe nahm zwar die westliche Kultur und Religion an, aber aufgrund ihrer Hautfarbe blieb ihnen der Zugang zu einem höheren sozialen Status in der Kolonialgesellschaft verwehrt.

Harahap thematisiert diese soziale Identität des „Dazwischen“ bewusst in den gemischten Porträts von Europäer*innen und Einheimischen. Im selben subversiven Geist, mit der er die Autorität historischer Fotografien infrage stellt, hinterfragt der Künstler auch visuelle und kulturelle Gemeinplätze der kolonialen Studioporträts. Um sozial bedingte Stereotypen in der Darstellung von Europäer*innen und Einheimischen hervorzuheben, setzt er digitale Manipulationen ein.

Karikierte Darstellung der „exotischen Frau“ und des „exotischen Tieres“

Der indische Ethnologe Arjun Appadurai hat argumentiert, dass das koloniale Fotostudio für die Einheimischen ein Ort gewesen sei, an dem sie gleichermaßen mit „dokumentarischem Realismus“ und „Modernität experimentieren“ konnten. Denn die Studioporträts der Einheimischen hätten sowohl „Typen“ als auch „Merkmale“ dargestellt.

Harahap thematisiert diesen ambivalenten Status der kolonialen Studioporträts in „Sutirah: Die erste Tierbändigerin“. In diesem digital zusammengesetzten Porträt karikiert der Künstler die koloniale Darstellung der exotischen Frau und des exotischen Tieres aus den Tropen. Sutirah ist in einem weißen Kleid im westlichen Stil abgebildet, wobei ihr langes schwarzes Haar über ihre Brust fließt. Sie hält ein Krokodil wie ein Haustier in den Armen – eine Anspielung auf Europäer*innen, die sich mit ihren Haushunden ablichten ließen.

Das Porträt von Sutirah, die das gefährliche Reptil furchtlos in die Kamera hält, entspricht natürlich nicht den üblichen kolonialen Studioporträts einheimischer Frauen. Es bezieht sich vielmehr auf Mythen von Frauengestalten mit übernatürlichen Kräften, wie sie in den lokalen Folkloretraditionen Indonesiens häufig zu finden sind.

Harahap unterlegt das Porträt von Sutirah mit fiktiven und faktischen Informationen: Neben dem erfundenen Geburtsdatum seiner fiktiven Heldin nennt er ihr angebliches Talent, mit Tieren zu kommunizieren. Zudem erwähnt er ihre angebliche Zusammenarbeit mit einer realen historischen Figur – nämlich dem deutsch-holländischen Zoologen Carl Wilhelm Weber (1852-1937), der 1899 eine wissenschaftliche Expedition nach Sumatra unternahm.

Die Bildunterschrift des Sutirah-Porträts bietet so einen reichen kulturellen Kontext für die benannte Person. Das steht im krassen Gegensatz zu den generischen Bildunterschriften der sogenannten Typus-Porträts, die dazu dienten, anonyme Personen zu typisieren – zum Beispiel „javanische Frau“, „chinesischer Schmied“, „balinesische Tänzerin“ – und so eine Vermarktung der Bilder zu ermöglichen.

Postkoloniales Archiv – eine Sammlung von Verhaltensweisen online und offline

Es folgten regelmäßige Posts von Porträts aus dem Mardijker Photo Studio auf Facebook, Instagram und X [früher Twitter] unter dem Namen Sejarah X (Geschichte X). Indem Harahap sein pseudo-archivalisches Material über die sozialen Medien verbreitete, trat er mit seinem Publikum auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene in Kontakt und belebte so die Diskussion über den Kolonialismus neu. Im Oktober 2024 hatte Sejarah_X mehr als 26.000 Follower auf Instagram und 1500 auf Facebook.

Der Künstler macht sich also die Dynamik der sozialen Medien in Südostasien zunutze, um die Mechanismen kolonialer Archivierung zu entwirren. Indem er die Öffentlichkeit online zur aktiven Teilnahme ermutigt, unterbricht Harahap die Autorität und Integrität dieser Archive. Stattdessen bietet er den Nutzer*innen die Möglichkeit, das Material zu prüfen, zu verbreiten, auszutauschen, zu manipulieren und neu zu verwenden: ein aktiver Prozess des bürgerschaftlichen Engagements. Seine Arbeit legt nahe, dass das postkoloniale Archiv modular und fließend ist und nicht nur aus materiellen Objekten besteht. Vielmehr setzt es sich aus all den Verhaltensweisen zusammen, die sich um gesellschaftliche Beziehungen und den Austausch von Informationen entwickeln, online und offline.

Übersetzung aus dem Englischen von: Christina Schott

Auszüge dieses Artikels wurden ursprünglich veröffentlicht in: Moschovi, Alexandra und Supartono, Alexander (2020): „Contesting colonial (hi)stories: (Post)colonial imaginings of Southeast Asia“, Journal of Southeast Asian Studies, 51 (3), 343 – 371.

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3 | 2021, Deutschland,
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Museen als Verhandlungsorte für Dekolonisierungsprozesse

Malaysia: Das britische Imperium verschleppte Arbeitskräfte aus China und Indien nach Malaya. Rassismus und regressive Arbeitspolitik sind bis heute präsent.

In seinem 1971 erschienenen Buch „War of the Running Dogs“ beschrieb der britische Schriftsteller Noel Barber die ehemalige britische Kolonie Malaya als „eines der schönsten Länder der Welt“. Er zeichnete das Bild eines friedlichen Zufluchtsortes, an dem „Menschen vieler Hautfarben und Glaubensrichtungen in Harmonie“ lebten. Voll imperialistischem Paternalismus bezeichnete er Menschen allein aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit als „sanftmütig“, „fleißig“ oder „lustlos“.

Das Bild von Malaysia als harmonischem Schmelztiegel hat sich in der politischen Rhetorik und im nationalen Branding lange gehalten – genauso wie die koloniale Konstruktion von Rassenideologie: Die Klischees des ‚trägen Malaien‘, des ‚käuflichen Chinesen‘ und des ‚aggressiven Inders‘ sind ein Vermächtnis, das das Empire überdauert hat, wie der Sozialdemograph Charles Hirschman in „The Making of Race in Colonial Malaya“ anmerkt.

Diese Ideologie wurde erstmals im kolonial-kapitalistischen Malaya des 19. Jahrhunderts entwickelt, als chinesische und indische Arbeiter in Zinnminen, auf Plantagen, auf Straßen und bei der Eisenbahn schufteten. Der britischen Kolonialregierung war es zuvor nicht gelungen, die malaiische Bevölkerung vollständig als Lohnarbeiter*innen in die koloniale Wirtschaft zu integrieren. Doch im Krieg stieg die Nachfrage nach Zinn und Kautschuk, die in Malaya reichlich vorhanden waren – und so importierten die Kolonialmächte Arbeitskräfte aus China und Indien. Die verschiedenen Aufgaben wurden häufig nach Nationalitäten aufgeteilt und je nach ethnischer oder kastenmäßiger Zugehörigkeit noch weiter unterteilt.

Verschuldung und Zwangsarbeit

Chinesische Kulis etwa wurden in Gruppen nach Malaya gebracht, mussten Schwerstarbeit verrichten, wurden geschlagen, schlecht ernährt und konnten sich nicht frei bewegen. Auch die indischen Arbeiter*innen mussten solche Misshandlungen ertragen: Zwangsarbeit, harte Lebens- und Arbeitsbedingungen und noch schlimmere Strafen. Diese Arbeiter*innen hatten sich durch die Überfahrt nach Malaysia verschuldet – doch die Schulden abzuarbeiten, erwies sich bei einem Lohn von nur einigen Cents pro Tag als Sisyphusarbeit. Auf Aktionen und Proteste der Arbeiterschaft wurde mit drakonischen Maßnahmen reagiert: Entlassungen, Deportationen, Kürzungen der Lebensmittelrationen und staatlicher Gewalt. Nur langsam konnten die Arbeitergruppen im Laufe der Zeit bessere Löhne und Bedingungen durchsetzen.

1957 entließen die Briten Malaysia in die „Unabhängigkeit“, indem sie die Macht an Mitglieder der malaysischen Elite übergaben, die den Kolonialherren freundlich gesinnt waren. Doch die Maßnahmen, die die Großbritannien zur Unterdrückung von Arbeitern und Arbeiterbewegungen ergriffen hatten, waren längst zur Blaupause geworden für die Ausbeutung von Arbeitskräften sowie ein regressives Arbeitsrecht. Dies sei ein Kennzeichen von Regionen, in denen zuvor europäische Kolonialherren extraktive Strategien eingesetzt haben, so der amerikanische Ökonom Daron Acemoglu in seinem Artikel „The Colonial Origins of Comparative Development: An Empirical Investigation“.

Koloniale Unterdrückung als Blaupause

Autoritäre Kontrolle und Unterdrückung von Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften waren ebenfalls Merkmale der Kolonialverwaltung. Die postkoloniale Kontinuität dieser Zustände sehen wir in den heutigen Gesetzen: Nachdem es zu Aufständen der verschleppten und eingewanderten Arbeiter *innen gekommen war, erließ das britische Regime in den 1940er-Jahren Verordnungen, die uneingeschränkte Befugnisse zum Verbot von Gewerkschaften vorsahen. Gewerkschaftsführer, die als „kommunistische Sympathisanten“ galten, wurden hingerichtet.

Bis heute ist es Wanderarbeiter*innen nicht gestattet, neue Gewerkschaften zu gründen oder Funktionen in zivilgesellschaftlich gegründeten Gewerkschaften zu übernehmen – obwohl sie schätzungsweise 2,2 Millionen der insgesamt 14,4 Millionen Beschäftigten ausmachen. Schätzungen zufolge liegt die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Wanderarbeitnehmer*innen bei lediglich zehn Prozent. Einige werden gezwungen, rechtlich nicht durchsetzbare Vereinbarungen zu unterzeichnen, in denen sie sich verpflichten, keiner Gewerkschaft beizutreten.

Migrantische Hausangestellte sind von verschiedenen Schutzmaßnahmen des Arbeitsgesetzes ausgeschlossen und können sich daher nicht gewerkschaftlich organisieren. Dies schafft günstige Bedingungen für Prekarität und Missbrauch unter registrierten wie illegalen Wanderarbeitnehmer*innen, deren Zahl nach Schätzungen bis zu 5,5 Millionen betragen könnte. Diese Arbeitnehmer*innen kommen unter anderem aus Bangladesch, Myanmar, Kambodscha, Indien, Indonesien, Laos, Nepal, Pakistan, den Philippinen und Vietnam.

Koloniale Rassenideologie in alltäglichen Vorurteilen

Arbeitsmigrant*innen, auf die Malaysia angewiesen ist, übernehmen Jobs, die als „3D“ gelten: dirty, difficult and dangerous (schmutzig, schwierig und gefährlich). Daher sind diese Jobs bei Malaysier*innen unbeliebt. Mit der Misshandlung seiner ausländischen Arbeitskräfte jedoch wird das Land zum Beispiel für einen postkolonialen Migrationsstaat, der „durch die Überwachung und Kontrolle segmentierter Migrationsströme, die die Arbeitskräfte für die globale Wirtschaft umverteilen, tropische Kolonialreiche reproduziert“, schreiben die Politologen Kamal Sadiq und Gerasimos Tsourapas in ihrer Studie „Labour coercion and commodification: from the British Empire to postcolonial migration states“.

Als Folge der von den Kolonisatoren übernommenen Rassenideologien sind diese Arbeiter*innen alltäglicher und normalisierter Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt, sowohl institutionell als auch gesellschaftlich. Während der Corona-Pandemie etwa wurden Arbeitsmigrant*innen regelmäßig zusammengetrieben, abgespritzt und in überfüllte Haftanstalten verfrachtet. Migrationsgemeinschaften wurden strengeren Bewegungskontrollen unterworfen als der Rest der Bevölkerung. Ihre Wohnorte wurden sogar mit Stacheldraht abgesperrt.

Im Internet werden Wanderarbeiter*innen regelmäßig verspottet und verhöhnt, wenn sie sich an freien Tagen im öffentlichen Raum aufhalten. Die Medienberichterstattung über ausländische Arbeitnehmer*innen, die in Straftaten verwickelt sind, ist meist reißerisch, obwohl laut Jahresstatistik nur 0,1 Prozent der Ausländer*innen wegen Straftaten inhaftiert werden.

Zwangsarbeit und moderne Sklaverei sind ein ständiges und drängendes Problem, bei dem die Arbeiter*innen einen Hungerlohn verdienen und unter schlechten Lebensbedingungen leben müssen. Im Bericht des US-Außenministeriums über internationalen Menschenhandel in 2024 wurde Malaysia wegen Praktiken, die auf Zwangsarbeit hindeuten, in die Kategorie 2 eingestuft: „Vertragsbruch, Lohnbetrug, Körperverletzung, Abschiebungsdrohungen, Auferlegung hoher Schulden und Einbehaltung von Pässen“ sind nach wie vor weit verbreitet.

Eliten führen „Kolonialität ohne Kolonialismus“ weiter

Die Parallelen zwischen der heutigen Behandlung von Wanderarbeiter*innen und dem kapitalistischen Kolonialismus der britischen Regierung in Malaya sind ein klares Beispiel für postkoloniale Kontinuität. Die Fortführung der Wirtschaftspolitik auf ethnischer Basis führt zu einem Vetternwirtschaft-Kapitalismus. Damit haben die Eliten die Kolonialherren abgelöst, um dieselben „Bedingungen der Kolonialität ohne Kolonialismus“ aufrechtzuerhalten, wie der malaysische Autor Syed Farid Alatas kritisiert. Der Politologe Christopher Choong schreibt, es gehe darum, das „postkoloniale nationale Repertoire“ des neoliberalen Erfolgs fortzusetzen. Arbeitszwang und Kommerzialisierung waren Kennzeichen des kolonialen Kapitalismus, eines imperialen Erbes, das bis heute sowohl durch gesetzliche Überbleibsel als auch durch das institutionelle Gedächtnis aufrechterhalten wird.

In alten Interviews mit chinesischen Zwangsarbeitern, die noch zur Kolonialzeit in die Region verschleppt wurden, ist dokumentiert, dass ihnen bei der Anwerbung ein gutes Leben versprochen wurde. Liest man heute eine Nachrichtenmeldung über den Menschenhandel mit Arbeitskräften aus dem modernen Malaysia, werden die Parallelen deutlich: Agenturen locken Arbeiter*innen aus anderen Ländern mit dem Versprechen, ein beträchtliches Einkommen zu erzielen, mit dem sie sich und ihre Familien über Generationen hinweg aus der Armut befreien könnten.

Letztendlich ist die Haltung gegenüber Arbeitsmigranten im heutigen Malaysia – ebenso wie in der Kolonialzeit – geprägt durch Ausbeutung und Kontrolle billiger Arbeitskräfte, die für die wirtschaftliche Entwicklung als notwendig angesehen werden. Das Erbe des Imperiums hat sich bis in die moderne Politik erhalten, die zwar anders in Erscheinung tritt, für die Marginalisierten jedoch dieselben Konsequenzen hat.

Übersetzung aus dem Englischen von: Christina Schott und Norbert Schnorbach

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3 | 2021, Deutschland,
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Indonesien/weltweit: Die Konferenz von Bandung markierte vor 70 Jahren den Beginn einer neuen Etappe der antikolonialen und Süd-Süd Solidarität. TEIL I

Die Konferenz von Bandung im Jahr 1955 erreichte den Stellenwert eines mythischen Moments in der Geschichte des Globalen Südens. Zahlreiche Berichte haben auf die Schattenseiten hingewiesen: die Unterrepräsentation von Führungspersönlichkeiten aus dem subsaharischen Afrika, das völlige Fehlen von Teilnehmern aus Lateinamerika sowie das Eindringen geopolitischer Rivalitäten des Kalten Krieges in das Treffen. Weiterhin kritisiert wurden die Legitimierung des Nationalstaats als zentrale Einheit der Interaktion in der postkolonialen Welt, die ‚Rivalität‘ zwischen dem indischen Premierminister Jawaharlal Nehru und dem chinesischen Premier- und Außenminister Zhou Enlai sowie das ernüchternde Nachspiel, das sich im Grenzkrieg zwischen Indien und China im Himalaya im Jahr 1962 manifestierte.

Trotz dieser – durchaus diskutablen – Unzulänglichkeiten hat der „Bandung-Moment“ seither einen mythischen Status erlangt. Sein Ausdruck in den Konferenzberichten mag nicht perfekt sein, doch der Geist postkolonialer Einheit unter den aufstrebenden Völkern des Globalen Südens erfüllte die Konferenz. Für die politischen Akteure war der „Geist von Bandung“ ein Anreiz, ihn in idealisierter Form zu reproduzieren, was wiederum zu Spannungen in darauffolgenden Manifestationen von Dritter-Welt-Solidarität führte.

Weibliche Delegierte bildeten die Mehrheit

Vor Bandung fanden drei große Konferenzen zur Feier der asiatischen Einheit statt, die das Gefühl der regionalen Solidarität schufen, das auf der Konferenz seinen Höhepunkt finden sollte. Die erste war die von Jawaharlal Nehru im März 1947 veranstaltete Konferenz über asiatische Beziehungen.

An der Asiatisch-Pazifischen Friedenskonferenz, die vom 2. bis 10. Oktober 1952 in Peking stattfand, nahmen fast 470 Delegierte teil – viele Diplomat:innen und Politiker:innen kamen aus Südostasien und Frauen waren in der Überzahl. Schließlich gab es noch die Erste Asiatische Sozialistische Konferenz, die vom 6. bis 15. Januar in Rangun stattfand.

Asiatische Einheit und Solidarität waren ein Konzept und ein ansteckendes Gefühl. Sie vermochten die im Entstehen begriffenen postkolonialen Staatsgrenzen ebenso zu überwinden wie den Kalten Krieg, den die USA in Asien, insbesondere in Korea und Indochina, durchzusetzen versuchten. Die Bandung-Konferenz war nicht der Anfang, sondern der Höhepunkt eines Prozesses, der bereits Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hatte und der weitergehen sollte.

Der Aufstieg der asiatischen Solidarität

Selbstverständlich betrachten viele Berichte die Konferenz von Bandung im Lichte der Dekolonisierung, die zu dieser Zeit stattfand. Es ist auch wichtig, das Gefühl der regionalen Solidarität zu berücksichtigen, das die nationalistischen, antikolonialen Bewegungen begleitete, die im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind. Wie der indische Wissenschaftler Sugata Bose aufzeigt, erhob der Märtyrertod von Jose Rizal, den die Spanier im Dezember 1896 hinrichteten, „ihn posthum zu einer Vorreiterfigur des asiatischen Widerstands“ (Sugata Bose, Asia after Europe, Cambridge, MA; Belknap Press, 2024, S. 34).

Im frühen 20. Jahrhundert erstarkten die nationalen und revolutionären Bewegungen in Asien. Eine wichtige Inspiration für die Region war der Sturz der Manchu-Dynastie und die Gründung der Republik China durch Sun Yat-sen. Ein kosmopolitisches Netzwerk asiatischer Revolutionäre wurde in den Küstenstädten von Tokio bis Shanghai, bis Kanton, Manila und Kalkutta geknüpft. Mit der bolschewistischen Revolution im Jahr 1917 und der Gründung der Kommunistischen Internationale im Jahr 1919 stellte diese Küstenverbindung im maritimen Asien die Mittel bereit, die kommunistische Revolutionäre wie Ho Chi Minh und Tan Malaka nutzten, um Revolutionen voranzutreiben, die koloniale Grenzen überschreiten sollten.

Die Konferenz wurde zu einem außergewöhnlichen Treffen. Mit der Rede von Präsident Sukarno, einem charismatischen Redner, wurde bereits zu Beginn einer der Höhepunkte erreicht: „Es ist ein Neubeginn in der Weltgeschichte, dass Führer asiatischer und afrikanischer Völker sich in ihren eigenen Ländern versammeln können, um Themen von gemeinsamem Interesse zu diskutieren und zu beraten. Noch wenige Jahrzehnte zuvor war es oft nötig, in andere Länder und sogar auf andere Kontinente zu reisen, damit die Vertreter unserer Völker konferieren konnten.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Konferenz der Liga gegen Imperialismus und Kolonialismus, die vor fast 30 Jahren in Brüssel stattfand. Auf dieser Konferenz trafen sich viele prominente Delegierte und fanden dort neue Kraft in ihrem Kampf für Unabhängigkeit. Dennoch war es ein tausende Kilometer entfernter Tagungsort, unter Fremden, in der Fremde. Nicht durch freie Wahl, sondern notgedrungen war man dort zusammengekommen.

Im Vergleich dazu stellt sich die Situation heute völlig anders dar. Unsere Nationen und Länder sind keine Kolonien mehr. Wir sind jetzt frei, souverän und unabhängig. Wir sind wieder Herr im eigenen Haus …“

Kalter Krieg prägt Reden und Handeln

Viele Historiker kommentieren auch einen anderen Teil der Rede von Sukarno, in dem er die Konferenz als direkten Nachfahren der amerikanischen Revolution positionierte. Er wies darauf hin, dass sie am 180. Jahrestag des Rittes von Paul Revere durch Boston stattfand – zur Warnung vor den anrückenden britischen Truppen, die einen vergeblichen Versuch unternahmen, das zu vernichten, was der indonesische Präsident als „den ersten antikolonialistischen Krieg der Weltgeschichte“ bezeichnete.

Es war ein kluger Versuch, den Vereinigten Staaten zu versichern, dass sie das Treffen nicht als Bedrohung ihrer Interessen sehen sollten. Als die Konferenz stattfand, war der Kalte Krieg in vollem Gange, und Sukarno sagte den USA im Wesentlichen, dass die Anwesenheit des chinesischen Premierministers Zhou En Lai bei dem Treffen sie nicht beunruhigen sollte. So wie Nehru die Blockade gegen Indonesien im Jahr 1949 beendet hatte, vermittelte Sukarno den Amerikanern und der ganzen Welt, dass Bandung auch das Ende der Blockade gegen China bedeutete. Denn China nahm nicht als ein ’sowjetischer Handlanger‘ teil, sondern als Teil seines eigenen antikolonialen Kampfes, der bereits 1775 begann.

Zehn Punkte der Abschlusserklärung

Die Konferenz schloss mit einer Abschlusserklärung, die als Vorlage für Neutralismus oder Blockfreiheit diente:

  1.  Die Achtung der grundlegenden Menschenrechte sowie der Ziele und Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen.
  2. Die Achtung der Souveränität und territorialen Integrität aller Nationen.
  3. Anerkennung der Gleichheit aller Ethnien und der Gleichheit aller großen und kleinen Nationen.
  4. Verzicht auf Intervention oder Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes.
  5. Achtung des Rechts jeder Nation, sich einzeln oder gemeinsam zu verteidigen, in Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen.
  6. Verzicht auf die Anwendung von Vereinbarungen zur kollektiven Verteidigung, die den besonderen Interessen einer der Großmächte dienen. Verzicht eines jeden Landes auf die Ausübung von Druck auf andere Länder.
  7. Verzicht auf Angriffshandlungen oder -drohungen oder die Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit oder politische Unabhängigkeit eines Landes.
  8. Beilegung aller internationalen Streitigkeiten durch friedliche Mittel wie Verhandlungen, Schlichtung, Schiedsverfahren oder gerichtliche Beilegung sowie andere friedliche Mittel nach Wahl der Parteien in Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen.
  9. Förderung der gemeinsamen Interessen und der Zusammenarbeit.
  10. Achtung des Rechts und internationaler Verpflichtungen.

Konkrete Forderungen zur Dekolonisierung

Hinsichtlich der Tatsache, dass es noch immer Territorien gab, die unter kolonialer Kontrolle verblieben waren, erklärt das Kommuniqué der Konferenz, dass „Kolonialismus in allen seinen Manifestationen ein Übel ist, das so schnell wie möglich beseitigt werden muss“, und fordert die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit Algeriens, Marokkos und Tunesiens von der französischen Herrschaft. Es war auch eine Erklärung uneingeschränkter Unterstützung für Palästina, was im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse ebenfalls eine bedeutende Angelegenheit darstellt: „Angesichts der bestehenden Spannungen im Nahen Osten, verursacht durch die Situation in Palästina, und der daraus resultierenden Gefahr für den Weltfrieden erklärt die Asiatisch-Afrikanische Konferenz ihre Unterstützung für die Rechte des arabischen Volkes in Palästina und ruft zur Umsetzung der Resolutionen der Vereinten Nationen (UN) in Bezug auf Palästina sowie zur Erreichung einer friedlichen Lösung der Palästina-Frage auf.“

Die sich abzeichnende Spaltung durch den Kalten Krieg, von der die Organisatoren befürchteten, dass sie die Konferenz gefährden würde, wurde vereitelt. Am Ende herrschte Kompromissbereitschaft, und der pro-westliche Block verzichtete darauf, die antikommunistische Agenda in der Abschlusserklärung aggressiv durchzusetzen.

Die ideologische Kluft war jedoch nicht verschwunden, sie wurde lediglich für den Moment eingedämmt.

Dies ist eine stark gekürzte Fassung des Artikels „The Long March from Bandung to the BRICS“, erschienen bei Focus on the Global South am 13. März 2025. Der Originalbeitrag entstand unter Mitarbeit von Shalimali Guttal.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Mustafa Kurşun und Jörg Schwieger

Dies ist Teil I des Artikels. Teil II ist hier zu finden.

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3 | 2021, Deutschland,
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Museen als Verhandlungsorte für Dekolonisierungsprozesse

Weltweit: Das Erbe der Konferenz von Bandung in Indonesien im Jahr 1955 setzt sich im aktuellen globalen Kampf um Gerechtigkeit und Selbstbestimmung fort. TEIL II

Der Name BRICS wurde bekanntlich von dem Goldman-Sachs-Analysten Jim O’Neill geprägt, um für das Finanzkapital vielversprechende Schwellenländer zu bezeichnen, die den Boom der Weltwirtschaft im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts verlängern würden. Aber auch wenn O’Neill den Namen nicht erfunden hätte, wären die BRICS – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – höchstwahrscheinlich als bewusste Formation großer, sich rasch entwickelnder Länder mit einem ambivalenten Verhältnis zu den traditionellen Wirtschaftszentren in Europa und den Vereinigten Staaten entstanden.

BRICS als neuer internationaler Akteur: Gemeinsame Anliegen und Widersprüche

Bei den BRICS Staaten handelt es sich um kapitalistische Regime. Die Rolle des Staates in der Wirtschaft ist in einigen Ländern ausgeprägter und erfolgreicher als in anderen. Eines der Hauptmerkmale, die sie gemeinsam hatten, war ihre ‚dialektische‘ Beziehung zu den Volkswirtschaften des ‚Zentrums‘. Einerseits profitierten sie von der Globalisierung und von ausländischen Investitionen. Andererseits haben alle Länder ausländisches Kapital genutzt, um sich technologisches und Management-Know-how anzueignen und so ihre Abhängigkeit von letzterem zu verringern. Während sie sich zu dynamischen Zentren der Kapitalakkumulation entwickelt haben, die den globalen Kapitalismus als Ganzes belebten oder wiederbelebten, verfolgten sie das Ziel, ihre geopolitische und geoökonomische Macht gegenüber den traditionellen Zentren der globalen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Macht zu stärken.

Die Bevölkerung der heute aus zehn Ländern bestehenden BRICS-Staaten macht über 48 Prozent der Weltbevölkerung aus. Sie tragen 39 Prozent zur Weltwirtschaftsleistung bei. Die Tatsache, dass so viele Länder, darunter Thailand und Malaysia, Schlange stehen, um beizutreten, zeigt, dass der globale Süden erkannt hat, dass sich die Waage immer mehr wider den Westen neigt, der zunehmend defensiv, mürrisch und unsicher geworden ist.

Da das von den USA dominierte globale multilaterale System unter Präsident Donald Trump mit Unsicherheiten konfrontiert ist, ist BRICS für den Globalen Süden sowohl als Quelle von Entwicklungsgeldern als auch als politisches Bündnis zunehmend attraktiv geworden. Dahinter steht etwas, was der UN-Generalversammlung trotz all ihrer Vorzüge als Ort der Bündnisbildung für die Entwicklungsländer fehlt: wirtschaftliche Schlagkraft.

Trump und der Globale Süden

Die aktuelle Situation ist für den Globalen Süden von großer Unsicherheit geprägt. Es gibt widersprüchliche Trends. In den USA, während Trumps zweiter Präsidentschaft, ist es sicher, dass die folgenden vier Jahre für das Klima, Frauen, Migranten und Minderheiten Verschlechterungen bringen werden. Wir haben einen Aufstieg faschistischer Bewegungen in den USA, in Europa, in Israel sowie in mehreren Ländern des Globalen Südens, darunter Indien und Brasilien, beobachtet. Einige dieser Bewegungen haben bereits die Macht übernommen.

Gleichzeitig gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass Trump die Paradigmen des liberalen Internationalismus und expansionistischen Imperialismus aufgibt, wonach die US-Eliten verpflichtet sind, an allen Fronten der Welt zu kämpfen, wenn sie die imperialen Interessen der USA bedroht sehen. Trump scheint sich auf den amerikanischen Kontinent zurückzuziehen und sich darauf zu konzentrieren, das ‚imperiale Kernland‘, Nordamerika, wieder zu stärken und gleichzeitig den Griff der USA auf Lateinamerika durch eine aggressive Wiederholung der Monroe-Doktrin zu verstärken.

Es entsteht ein defensiver Imperialismus, dessen Prioritäten darin bestehen, Zollmauern gegen ausländische Importe aufzubauen, harte Maßnahmen zu ergreifen, um die Einwanderung nicht-weißer Migranten zu verhindern und Arbeiter ohne Papiere auszuweisen. Des Weiteren geht es darum, die globalen Lieferketten, die von transnationalen Unternehmen der USA aufgebaut wurden, zu zerstören und ihre Produktionsstätten in die USA zurück zu verlagern.

Ära geoökonomischer Konkurrenz

Es ist wahrscheinlich, dass wir in eine Ära geoökonomischer Konkurrenz eintreten, in der der Freihandel und die freie Bewegung von Kapital durch eine enge Zusammenarbeit zwischen dem nationalen Kapital und dem Staat ersetzt werden, um das Eindringen ausländischer Akteure in den Binnenmarkt zu begrenzen und die Übernahme fortschrittlicher Technologien, insbesondere Künstlicher Intelligenz (KI), durch konkurrierende Akteure unternehmerisch-staatlicher Art zu verhindern. Einseitige wirtschaftspolitische Maßnahmen statt multilateraler Initiativen durch die Institutionen von Bretton Woods und einseitige militärische Einsätze statt gemeinsamer Angriffe unter der NATO scheinen der bevorzugte Ansatz der USA unter der Regierung von Trump zu sein.

Trotz der Komplexität des gegenwärtigen Moments kann man vielleicht vorsichtig die Behauptung aufstellen, dass die Bilanz der Fortschritte und Rückschläge im Kampf des Globalen Südens mit dem Globalen Norden in den siebzig Jahren seit Bandung zugunsten des Ersteren ausfällt. Es ist tatsächlich schwierig, der jüngsten Einschätzung des renommierten Wirtschaftshistorikers Adam Tooze zu widersprechen: …Wir befinden uns in einer multipolaren Welt…

Meiner Meinung nach ist es anachronistisch, sich an eine andere Perspektive zu klammern. Ich denke, dass wir die unipolare Phase in den 2010er Jahren bereits hinter uns gelassen haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine riesigen Bereiche der US-Macht und sogar eine Vormachtstellung der USA mehr gibt. Die drei offensichtlichsten Bereiche sind die militärische Macht, der globale Finanzmarkt und bestimmte Bereiche der Hochtechnologie.

Neue polyzentrische Ordnung

In einem allgemeineren Sinne können wir dennoch eine Fragmentierung der US-Macht beobachten. Ihre Legitimierung, die ‚Soft Power‘ der US-Hegemonie, hat einen erheblichen Substanzverlust erlitten. Die Fähigkeit der US-Eliten, die verschiedenen Dimensionen ihrer Macht klar zu formulieren, ist bereits fadenscheinig geworden.

Das schließt zwar populistische Versuche, die Vorherrschaft der USA wiederherzustellen, nicht aus. Noch verhindert es die nostalgischere Variante der Atlantiker, wie sie sich bei Joseph Biden zeigte. Doch stemmen sich solche Bemühungen gegen den Strom eines dramatischen Trends. Analytisch gesehen denke ich nicht monokausal, aber, wenn man einen Hauptfaktor benennen möchte, dann ist es das Ausmaß der globalen wirtschaftlichen Entwicklung, das zahlreiche wachsende Zentren für Kompetenz und Macht hervorgebracht hat. Das bedeutet, dass zahlreiche Akteure nun verschiedene Formen der Machtpolitik betreiben können, die ihnen zuvor nicht möglich waren. Der dramatischste Fall ist China, doch auch Indonesien, die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Brasilien überschreiten bestimmte Schwellenwerte und bilden eine neue polyzentrische Ordnung.

Der italienische Marxist Antonio Gramsci prägte den denkwürdigen Satz: „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue kämpft um ihre Geburt. Es ist die Zeit der Monster.“ Er versuchte zu erklären, dass man ohne Krise keine Gelegenheit haben kann.

Die Krise des globalen Kapitals und der Hegemonie der USA bedeutet sowohl große Risiken als auch große Chancen. Der geopolitische Konflikt zwischen den USA und China, der sich als zentrales Merkmal der kommenden Zeit herauskristallisiert, birgt die Gefahr eines Krieges. Er könnte jedoch auch den Weg zu einer Welt eröffnen, in der Macht dezentraler verteilt wird. In dieser Welt könnten kleine, traditionell benachteiligte Akteure aus dem Globalen Süden größere politische und wirtschaftliche Handlungsspielräume erhalten, indem sie die Supermächte gegeneinander ausspielen. Dadurch könnte durch Zusammenarbeit eine wirklich multilaterale Ordnung in einer multipolaren Welt entstehen, anstatt dass sie einseitig oder durch liberale Hegemonie aufgezwungen wird.

Wer in Bandung ungehört blieb…

Der Vorstoß des Globalen Südens zur Parität mit dem Globalen Norden seit Bandung hat Fortschritte und Rückschritte, offensive und defensive Phasen erlebt. Bandung entstand in einem Moment des antikolonialen Bewusstseins. Heute ist zwar der größte Teil der Welt von direkter kolonialen Kontrolle befreit, aber das Erbe des Siedlerkolonialismus behindert nach wie vor die Wirtschaft Südafrikas, Simbabwes und einiger anderer Länder in Afrika südlich der Sahara. Das ungeheuerlichste Beispiel für das Fortbestehen des Kolonialismus ist jedoch Israel, das nach wie vor mit massiver Gewalt die Rechte des palästinensischen Volkes verletzt, in Gaza einen Völkermord begeht und als äußerst destabilisierende Kraft im Nahen Osten wirkt. Israel wird von den Vereinigten Staaten, den ehemaligen Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien sowie von Deutschland massiv unterstützt – wie hervorgehoben werden muss.

Die antikoloniale Mission von Bandung bleibt unvollendet. Jedoch hat der Globale Süden das Gleichgewicht zu seinen Gunsten verschoben. Das bedeutet nicht, dass das Nord-Süd-Gefälle keine Rolle mehr spielt. Aber es bedeutet, dass es durchlässiger geworden ist und wahrscheinlich zunehmend von anderen Beziehungen in einer definitiv multipolaren Welt aufgewogen oder überschattet wird, da sich die USA und Europa zunehmend voneinander entfernen und die USA unter Trump ihre Energien wieder auf ihre Rolle als Regionalmacht konzentrieren.

Der beste Weg, den Geist von Bandung voranzubringen, besteht darin, über seine politischen, ideologischen und organisatorischen Grenzen hinauszugehen. Die meisten Regierungen des Globalen Südens sind zwar nicht mehr den Kolonialmächten verpflichtet, aber viele werden von politischen und wirtschaftlichen Eliten beherrscht, die den Großteil der Bevölkerung im Griff haben. Den Geist von Bandung aufrechtzuerhalten bedeutet, sich nicht nur zu verpflichten, das Land von Kolonialismus und Neokolonialismus zu befreien, sondern auch dafür zu sorgen, dass die Stimmen, die in Bandung unbeachtet blieben – die Stimmen der Frauen, der Bauern, der indigenen Gruppen, des Planeten – gehört werden und ihre Interessen an die erste Stelle der Agenda für den Wandel gestellt werden.

Dies ist eine stark gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung des Artikels „The Long March from Bandung to the BRICS„, erschienen bei Focus on the Global South am13. März 2025. Der Originalbeitrag entstand unter Mitarbeit von Shalimali Guttal.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Mustafa Kurşun und Jörg Schwieger

Dies ist Teil II des Artikels. Teil I ist hier zu finden.

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