2 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Timor-Leste – ökologischer Landbau im Irgendwo

In einem Trainingszentrum für Bioanbau werden Jungpflanzen pikiert © Kiera Zen

In einem Trainingszentrum für Bioanbau werden Jungpflanzen pikiert © Kiera Zen

Interview mit Kiera Zen, studierter Landwirt und Gründer des Sozialen Marktforschungsinstituts „Insight“ in Dili. Seit 2007 unterstützt er eine Bauerngemeinschaft in Maliana, um den biologischen Anbau von Reis und Gemüse zu fördern. Dazu gehört auch die Beratung für das Marketing der Produkte.

 

In den ländlichen Regionen schlägt das Herz von Timor-Leste. 70% der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig, die vorwiegend als Bedarfswirtschaft betrieben wird. Die Förderung der ländlichen Entwicklung ist eine Priorität, doch dem gegenüber steht die Politik der Regierung billigere Nahrungsmittel zu importieren. Gibt es in Timor-Leste inzwischen eine Hinwendung zu mehr lokalen Produkten und ein wachsendes Bewusstsein für ökologischen Landbau?

Kiera Zen: In der Tat. Seit einiger Zeit finden lokale Produkte besseren Absatz. Sie kommen aus fast allen Distrikten und sind auf den Märkten und in den Geschäften der Hauptstadt erhältlich. Die Zahl der Menschen, die lokale Produkte wertschätzen und konsumieren, wächst.  Das ist sehr wichtig, denn es ist ein Ausdruck einer Identität stiftenden Verbundenheit mit dem Land. Aber der ökologische Landbau ist immer noch im Irgendwo. Es gibt eine Bewegung, aber sie ist noch sehr klein. Permatil, das von Ego Lemos [Umweltaktivist und der Bob Dylan von Timor-Leste] ins Leben gerufene Permakultur-Zentrum, engagiert sich für umwelt- und sozialverträgliche Landwirtschaft. Zur Sensibilisierung für diese damit verbundenen Anliegen, geht er in Schulen und arbeitet mit den Kindern in Schulgärten. Auch unsere Umweltorganisation Haburas wirkt in diese Richtung.

Wie arbeitet Haburas?

Haburas arbeitet zu Landrechten, ökonomischer Gerechtigkeit, ökologischer Landwirtschaft und Bio-Anbau. Sie sind aktiv in Maubisse, Maliana und in Aileu. Doch ist ihre Arbeit projektbasiert, was bedeutet, dass sie aufgrund der Förderpolitik der Geldgeber zeitlich begrenzt bleibt. Sie arbeiten mit kleineren Gruppen von Bauern in den Gemeinden, doch mit Beendigung der Projekte lösen sich diese wieder auf, bevor die Eigeninitiative ausreichend gestärkt werden und der Funke in die Gemeinde überspringen konnte. So ist zwar das Bewusstsein für den Konsum lokaler Produkte und speziell auch für biologisch angebaute gewachsen, aber es ist noch kein ganzheitlicher Ansatz daraus entstanden. Generell geht die Landwirtschaft noch immer in eine andere Richtung. Viele regionale Erzeugnisse, die angeboten werden, kommen nach wie vor aus dem konventionellen Anbau mit chemischem Dünger.

Welche Art der Landwirtschaft bevorzugt die Regierung? Was ist deren Politik und unterstützt die Regierung den ökologischen Landbau?

Zu biologischem Anbau sagt die Regierung nicht grundsätzlich nein, aber die Förderung hält sich sehr in Grenzen. Sie investiert viel in die Mechanisierung der Landwirtschaft, z.B. den Einsatz von modernen technischen Geräten und Traktoren. Für die Bauern heißt dies, spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben, um die Gerätschaften zu nutzen und auch mit den Anwendungen umzugehen. Unterstützung erhält die Regierung bei dem o.g. Ansatz durch die Entwicklungszusammenarbeit mit Deutschland, Thailand, Japan und auch China. Die Strategie der Regierung zielt auf den Export.

Wohingegen es uns in der Landwirtschaft darum geht, selbst ausreichend und gut versorgt zu sein. Wir sind weit davon entfernt, von einem industriellen Anbau in Timor-Leste zu sprechen. Die Regierung fördert den Reisanbau ein wenig hier und da. Aufgrund der günstigeren Reisimporte aus Thailand und Pakistan, findet der heimische Reis schwieriger Absatz. 2017 kaufte die Regierung den lokalen Reis auf, der zu großen Teilen verrottete. Sie hatten nicht sichergestellt, dass der Reis trocken genug für die Lagerung war, es gab keinen Kontrollmechanismus, der die Qualität garantierte, zudem wurde viel gestohlen. Dieses Jahr kauft die Regierung keinen Reis mehr auf.

Wie konkurrenzfähig ist der lokale Reis gegenüber dem importierten?

Importierter Reis auf einem Markt in Timor-Leste. © Monika Schlicher

Die lokalen Produkte sind auf jeden Fall teurer. Der hohe Preis für Erzeugnisse aus biologischem Anbau ist etwas, womit wir seit Anbeginn zu kämpfen haben. Erst verlangten die Bauern für 25 Kilo 28 US-Dollar. Wir diskutierten fast zwei Jahre, um eine neue Kalkulation möglich zu machen und langsam den Preis zu senken. Jetzt verkaufen sie 25 Kilo hochqualitativen Bio-Reis für 20 USD. Die Bauern greifen aber dennoch lieber wieder auf chemischen Dünger zurück, um mehr Erträge zu bekommen. Doch der importierte Reis bleibt günstiger, für die gleiche Menge Reis zahlt man 13 oder 14 Dollar. Gleichzeitig ist dieser aber auch weniger wertvoll, da er zu 15% gebrochen ist. Die Umstellung auf biologischen Anbau braucht noch sehr viel Zeit.

Die Bevölkerung kann sich lokale Produkte also offenbar so schon kaum leisten. Wie lässt sich biologischer Anbau forcieren, wenn der Preis lokaler biologischer Erzeugnisse noch höher als der konventioneller ist?

Es bedarf einer umfassenden Marktanalyse. Hierzu wäre eine Studie hilfreich, um eine korrekte Kalkulation für einen angemessenen und gleichzeitig erschwinglichen Preis vornehmen zu können. An der Frage, wie wir diesen Kurs ändern können, arbeiten wir derzeit. Von Einfluss dabei ist nicht nur das Produkt selbst, sondern vor allem die Einstellung in Timor-Leste zum Wirtschaften: Die Timoresen sind in erster Linie Subsistenzbauern, d.h. Selbstversorger und denken wenig kundenorientiert. Zudem sind sie durch die gewaltvolle Geschichte von Fremdherrschaft und  Widerstand, die bestimmt war von Unsicherheit und Verlust, geprägt.

Dies führte zu einer Haltung, von der Hand in den Mund zu leben. Wir Timoresen machen uns Gedanken, was wir morgen essen und nicht darüber, was in drei, vier Monaten kommt. Das ist auch der Grund, warum wir mit Schwierigkeiten im Planen konfrontiert sind. Ebenso ist es die Antwort darauf, warum die meisten Timoresen den nationalen Entwicklungsplan der Regierung kaum verstehen. Wie kannst du darüber nachdenken, was in 20 Jahren geschehen soll, wenn selbst fünf Jahre schon zu weit voraus sind? Dieses Denken ist kulturell bedingt, es ist unser Erbe. Das Traumgeschäft für uns wäre, immer und heute den höchstmöglichen Preis zu erzielen. Marktwirtschaftliche Gesetze werden dabei allerdings nicht in Betracht gezogen.

Ökologischer Gemüseanbau in einem Haburas-Projekt © Kiera Zen

Diese Mentalität begegnet uns sehr häufig und müsste sich ändern. Aber es ist nicht einfach, die Menschen dahingehend zu begleiten. Wir versuchen daher aufzuzeigen, was es bedeutet, zu investieren. Manchmal kann man sich glücklich schätzen, wenn man schon ein Jahr nach der Investition Gewinne erzielt. Investieren, Anlegen, Rentabilität sind keine Begriffe, die wirklich verstanden werden. Aber in den zahlreichen Gesprächen und Versammlungen bewegt sich etwas. Die Bauern werden offener und machen sich ihre Gedanken, wie sie langfristig investieren, auch in die Zukunft ihrer Kinder. Und die kleine Gemeinschaft dieser Bio-Bauern versucht, auch in ihren Gemeinden ihre Ideen weiterzugeben.

Dazu haben wir ein Café eingerichtet – ein Treffpunkt für die Bauern, bevor sie nach Hause gehen, wo sie sich austauschen über ihre Erfahrungen und ihre täglichen Anstrengungen. Für die jungen Leute gibt es Internetzugang. Nach inzwischen drei Jahren bewegt sich etwas in den Einstellungen, im Verhalten.

Wie kam es, dass die Kooperative, die ihr unterstützt, biologisch anbaut?

Wir haben mit einer kleinen Gruppe von Familien in Maliana angefangen, aber auf lange Sicht soll sich die Gruppe in der Gemeinde verankern und selbst führen. Sie wird Kooperative genannt, aber die Struktur dafür ist noch nicht wirklich gegeben. Letztlich ist es eine Gruppe von Bauern, die Reis und Gemüse biologisch anbaut. Wir etablierten zusätzlich eine Internet Plattform nur für biologisch angebaute Produkte, durch die sie nun ihre Waren anbieten und verkaufen können. Diese beinhaltet auch ein System, durch das die Bauern aufnehmen und erfassen können, wie groß ihre Gewinnspanne ist. Unterstützung erhielt die Gruppe auch von einem fachlichen Berater, der mit USAID und GIZ zusammenarbeitet. Er legte großen Wert darauf, dass die Marktplattform von Bauern selbst aufgebaut wurde. So ist sie auch kein Projekt, das nach Beendigung der Unterstützung wieder in sich zusammenfallen kann.

Was motiviert die Bauern, von konventionellem Anbau auf biologischen umzustellen?

Ausschlaggebend für die Umstellung auf biologischen Anbau das Verstehen der Wirkung auf ihr Leben, den Boden und das Land. Dazu brauchen sie aber Beispiele, die ihnen konkret zeigen und erlebbar machen, dass dies wirklich durchführbar ist. Mit der Umstellung auf biologischen Anbau sinkt zunächst der Ertrag und dieser baut sich erst langsam wieder auf. Es entsteht eine Lücke, die es zu überbrücken gilt. Natürlich ist es nicht einfach, die Bauern davon zu überzeugen, sich dieser Herausforderung zu stellen. Wir vermitteln, dass sich die Umstellung für die Zukunft dennoch lohnt. Sie können die Konsequenzen für ein besseres Leben, für ihre Kinder, für die Erde, die Familien tragen. Diejenigen, die die Bereitschaft zeigen und den Mut haben, mit dem biologischen Anbau zu beginnen, werden von uns unterstützt.

Gibt es Beispiele, dass sich die Lebenssituation der Bauern durch biologischen Landbau verbessert hat?

Junge Gärtner*innen bereiten die nächste Pflanzengeneration für die Felder vor. © Kiera Zen

Für die wenigen, die diesen Schritt gewagt haben, ist eine sichtbare Verbesserung eingetreten. Bauern in Maubisse z.B. verkaufen ihre biologischen Produkte teurer und machen dadurch einen größeren Gewinn. Die Kinder gehen auf eine bessere Schule, sie investieren in ihre Haushalte für mehr Lebensqualität. Wenn man auf dem lokalen Markt einkaufen geht, bekommen die Leute auch erklärt, warum biologische Produkte gut sind, und wenn sie es verstehen, dann kaufen sie diese auch und zahlen dafür auch einen höheren Preis.

Umgekehrt haben wir kürzlich eine interessante Erfahrung mit einer Frau gemacht, die unsere Produkte auf dem Markt verkauft. Sie ist eine Wiederverkäuferin, die ihren Weg zu uns gefunden hat. Sie kauft unsere Produkte ein, bietet aber auch Produkte an, die nicht biologisch angebaut sind. Innerhalb von einer Woche hat sie die klassisch angebauten Produkte verkauft, unsere waren noch da. Es lag an der Art, wie sie den Reis angeboten hat. Tatsächlich kannte sie nur das konventionell Produzierte und wusste das biologisch Angebaute nicht zu präsentieren.

Aber wie gesagt, manchmal fehlt den Menschen der Geschäftssinn, dann werden für lokale Produkte völlig utopische Beträge verlangt, mit dem Risiko, die Ware nicht zu verkaufen. Haben sie die Ware verkauft, dann warten sie, bis das Geld aufgebraucht ist und bieten erst dann wieder die nächsten Produkte an. Die traditionelle Angewohnheit, mit den Erzeugnissen durch die Stadt zu laufen und zufällig Käufer zu finden, führt in der heutigen Zeit zu einem spärlichen Erfolg. Diese Verhaltensweisen schaffen kein kontinuierliches Einkommen. Wir verurteilen niemanden und sehen es als unsere Aufgabe an, das nötige Wissen über Geschäft und Handel zu vermitteln.

Zusammenfassend kann man sagen: Es gibt ein wachsendes ökologisches Bewusstsein, bei den Bauern wie auch innerhalb der Käuferschicht. Doch es steckt noch in den Kinderschuhen.

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Die Autorin


Maria Tschanz war von 2003-2007 als Fachkraft der AGEH im Zivilen Friedensdienst in Timor-Leste bei der Frauenorganisation Fokupers für psychosoziale Beratung, Coaching und Organisationsentwicklung tätig. Sie ist seither dem Land und seinen Menschen verbunden.

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Die Autorin

Monika Schlicher ist Geschäftsleiterin der Stiftung Asienhaus und zudem dort verantwortlich für das Programm zu Timor-Leste. Solidarisch steht die Politologin, Historikerin und Menschenrechtsaktivistin an der Seite Osttimors und engagiert sich im lebendigen Austausch mit seinen zivilgesellschaftlichen Kräften.

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2 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Timor-Leste – ökologischer Landbau im Irgendwo

Bio-Kokosblüten-Zucker aus Indonesien versüsst auch hierzulande vielen Menschen Getränke und Speisen.  Doch bei dessen Anbau, Vermarktung und Export zeigt sich, dass sich noch viel bewegen muss, wenn „Bio“ mehr sein soll als nur ein Fetisch von Verbraucher*innen.

Das Wort ‚Biobewegung‘ ist in aller Munde und viele Menschen sehen sich selbst als Teil davon. Das heißt, sie setzen sich – als Einzelpersonen oder Mitglied von Organisationen – für die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft durch ökologische Landwirtschaftspraktiken ein. Deutschland hat beim Aufbau dieser internationalen Bewegung sowohl als wohlhabender Importeur von Bioprodukten als auch als einflussreiches Mitglied der Gemeinschaft eine bedeutende Rolle gespielt. Viele deutsche Akteure teilen das Ziel der Bewegung, den ökologischen Landbau zu fördern und auszubauen und ihn von einer kleinen Nische zu einem breiteren, etablierteren Markt zu entwickeln, indem sie detaillierte Regelungen und effiziente, aber zugleich faire Zertifizierungs- und Kontrollsysteme etablieren. Die International Federation of Organic Agriculture Movements (IFOAM) mit Sitz in Bonn wurde 1980 gegründet, um die ersten internationalen Richtlinien für ökologischen Landbau festzulegen, und 1991 wurde die EU-Verordnung Ökologischer Landbau implementiert. Gegenwärtig sind mehr als 1000 Tochtergesellschaften in über 120 Ländern Mitglieder der IFOAM.

Angesichts dieser Erfolge erscheint das übergeordnete Ziel eines transparenten und nachhaltigen globalen Marktes für Bioprodukte heute realisierbarer. Immer mehr Länder weltweit akzeptieren und implementieren nationale und internationale Vorschriften und, was unter ‚bio‘ zu verstehen ist, wird zunehmend gesetzlich festgelegt. Eine Umfrage des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL) aus dem Jahr 2018 zeigt, dass in 87 Ländern nationale Bioverordnungen vorliegen [1].

Allerdings sind komplexe Vorschriften und Zertifizierungssysteme für den ökologischen Landbau und der wachsende internationale Markt für Bioprodukte nicht unproblematisch, insbesondere für Erzeuger*innen und Produktionsländer. In vielen Fällen haben lokale Landwirt*innen keinen Zugang zum Biomarkt, da sie Schwierigkeiten haben, internationale Vorschriften oder Anforderungen für die Zertifizierung zu erfüllen und die Beantragung der Biozertifizierung eine erhebliche finanzielle Belastung für sie darstellt. Darüber hinaus richten sich Bioprodukte häufig an reiche Importländer des Globalen Nordens, in denen sich die Biobranche teilweise entgegen den ursprünglichen Zielen, Transparenz sowie wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit, entwickelt.

Greenwashing als Perversion der Ziele der Bio-Bewegung

Das Hauptergebnis der aktuellen Verbraucherforschung GfK Consumer Index 2017 legt nahe, dass Bioprodukte in Deutschland bereits auf dem breiten Verbrauchermarkt angekommen sind. Man findet sie heute an vielen Orten: in kleinen Bioläden und Reformhäusern, aber auch in großen Bio-Supermarktketten. Darüber hinaus bieten die führenden Supermarktketten und Discounter eine Reihe von Bioprodukten an oder haben sogar eigene Biomarken eingeführt. Ein Bericht der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigt weiter, dass sich der Marktanteil von Biolebensmitteln in Deutschland in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat (von 2,6 auf 5,7 Prozent) und der Anteil der deutschen Haushalte mit „hohe[r] Affinität für gesunde, nachhaltige Ernährung“ mehr als 30 Prozent erreicht hat.

Diese Zahlen vermitteln jedoch ein unvollständiges Bild, was die Gesamtleistung hinsichtlich der Nachhaltigkeits- und Transparenzziele der Biobewegung betrifft. Problematisch an ‚Biomarken‘ in Deutschland ist, dass sie zur „fetishization of everything ‚bio’“ beitragen [2]. Sie schaffen also eine Marktnachfrage und sind inzwischen ein profitables Geschäftsfeld für Unternehmen, ohne dass diese jedoch ausreichende Informationen über die Produzent*innen zur Verfügung stellen. Viele Menschen in Deutschland kaufen Produkte, die als ‚bio‘ gekennzeichnet sind, ohne die Bedeutung und den Hintergrund dieses Konzepts zu kennen. Für ein umfassendes Verständnis der Biomärkte müssen finanzielle und ökonomische Strukturen, aber auch produktive und immaterielle Arbeit sowie Perspektiven und Lebenswelten von Hersteller*innen berücksichtigt werden. Nur wenn ethische, soziale und ökologische Verantwortung übernommen wird, kann das Ziel eines nachhaltigen globalen Marktes für Bioprodukte erreicht werden.

Im Gegensatz zu einem solchen Ideal stellen die jüngsten Fälle von Greenwashing eine Perversion der ursprünglichen Ziele und Bemühungen der Bio-Bewegung dar. Hier bieten Unternehmen unter eindeutig umweltschädlichen oder sozial ungerechten Rahmenbedingungen Produkte oder Dienstleistungen an (oder erwerben Rohstoffe), versuchen dabei aber, ein positives öffentliches Image als nachhaltig, umweltfreundlich und fair zu etablieren. Die Journalistin Kathrin Hartmann erläutert am Fall der Palmölproduktion in Indonesien ein Paradebeispiel solcher ‚grünen Lügen‘ und der negativen Auswirkungen des deutschen Biofetischs[3]. Palmöl wird als nachhaltiges und umweltfreundliches Produkt beworben, obwohl es in Wirklichkeit verheerende Auswirkungen auf die Biodiversität des Regenwaldes sowie Arbeits- und Lebensbedingungen der Lokalbevölkerung hat (siehe auch Artikel zum RSPO-Siegel in dieser Ausgabe der südostasien).

In den letzten Jahren wurde das öffentliche Bewusstsein für die grünen Lügen über nachhaltiges Palmöl aus Indonesien durch Medienberichte allmählich geschärft. Die Süddeutsche Zeitung berichtete unter dem Titel „Regenwald-Rodungen für den Supermarkt“ und der Spiegel über „Das schmutzige Geschäft der Palmöl-Produzenten“. Doch letztlich liegt die Hauptverantwortung bei den Importeur*innen und Verbraucher*innen vermeintlich biologischer Produkte. Verantwortungsbewusste Verbraucher*innen und Befürworter*innen der Biobewegung in Deutschland müssen über Biomarken und grüne Lügen hinausschauen und Mechanismen des Biomarktes und der Produzent*innen-Seite berücksichtigen.

Biolandwirtschaft in Indonesien

Deutschland und andere Länder des Globalen Nordens importieren eine Vielzahl von Bioprodukten aus Indonesien, wie zum Beispiel Bio-Reis, -Kaffee und -Kokosblütenzucker. Als Reaktion auf die schrittweise Ausweitung des Marktes für Bioprodukte im Laufe der 1990er Jahre formulierte die indonesische Regierung einen Nationalen Indonesischen Standard (SNI). Dieser definiert ökologischen Landbau als ein Produktionsmanagement-System, das die Gesundheit eines Agrarökosystems verbessert, den Einsatz von synthetischen Düngemitteln und Pestiziden vermeidet und standortspezifische Bewirtschaftungspraktiken nutzt, die an die jeweiligen lokalen Umweltbedingungen angepasst sind. Ziel des SNI ist es, den Qualitätsstandard von Bioprodukten zu sichern, um Verbraucher*innen und Produzent*innen zu schützen.

Die Hauptaufgaben des SNI besteht darin, ein Garantiesystem für die ökologische Wertschöpfungskette bereitzustellen, national und international anerkannte Zertifizierungen für Export- und Importzwecke zu entwickeln und auf lokaler und globaler Ebene zum Umweltschutz beizutragen. Die zunehmende staatliche Regulierung durch den SNI hat jedoch den Biolandbau in einen nationalen agroökonomischen Rahmen integriert, der auf einer produktivistischen Logik und neoliberalen Ideen der Marktexpansion basiert (siehe auch Interview: „Unser Garten ist ein Bildungsort“ in dieser Ausgabe). Die vom SNI geförderte rechtlich bindende Zertifizierung begrenzt den Marktzugang und zieht so (weitere) Produktionsbeschränkungen für die Produzent*innen nach sich, insbesondere für marginalisierte Kleinbauern und -bäuerinnen, die nicht über die Mittel verfügen, sich eine Zertifizierung zu leisten.

Zertifizierung als Privileg exportorientierter Großprojekte

Einige indonesische Hersteller*innen und Konsument*innen sehen die Biozertifizierung als Privilegierung großer, exportorientierter und hochprofitabler Projekte an und lehnen sie daher ab. Doch der ökologische Landbau in Indonesien kann auch als soziale Bewegung und als sozial-ökologisches Unterfangen verstanden werden, das vielfältige, aber häufig ineinander greifende Ziele anstrebt, wie beispielsweise gesunde Ernährung, nachhaltigen Lebensunterhalt, soziale Gerechtigkeit, Ernährungssicherheit und ökologische Integrität. Ökologischer Landbau meint nicht einfach nur eine Vielfalt landwirtschaftlicher Praktiken, die auf den Einsatz von petrochemischen Pestiziden und Düngemitteln sowie von gentechnisch verändertem Saatgut verzichten. Eine Zertifizierung nach bestimmten Standards, technischen Regeln und politischen Verfahren (als Folge der Institutionalisierung) ist daher kein geeignetes Mittel, um Nachhaltigkeit zu erreichen.

Anfang der 1990er Jahre wurde in Zentraljava der Welternährungstag der Vereinigung von Landwirt*innen und Fischer*innen (SPTNHPS), einer der ersten Pioniere des ökologischen Landbaus in Java, gegründet. Diese Organisation setzt sich für drei Prinzipien der nachhaltigen Landwirtschaft ein: ökologisch fundiert, ökonomisch machbar, kulturell angepasst. Während der ökologische Landbau als soziale Bewegung begann, die von einer Sorge um die Umwelt angetrieben wurde, hat er sich inzwischen zu einem stärker marktorientierten Sektor entwickelt:

„In der Anfangsphase haben wir uns vor allem darauf konzentriert, Landwirten beizubringen, wie sie ohne künstliche Pestizide und Düngemittel Nahrungsmittel anbauen können und wie sie für unsere Natur sorgen können“, sagt einer der Gründer von SPTNHPS. „Wir haben nicht an Marketing gedacht, aber inzwischen haben sich die Dinge geändert. Jetzt ist Marketing alles, vor allem seit die Regierung den SNI für ökologischen Landbau verabschiedet hat. Unsere Organisation ist inzwischen dabei, nach einem möglichen Marktzugang zu suchen.“

Selbst Landwirt*innen, die sich darauf konzentrieren, zertifizierte Bioprodukte als Premiumware zu verkaufen, stehen vor zahlreichen Herausforderungen, sobald sie in den globalen Markt eingebunden werden.

Biologischer Kokosblütenzuckeranbau in Zentraljava

Ein hagerer Mann mit einer geschliffenen Sichel an der Taille trägt zylindrische Behälter aus zurechtgeschnittenem Bambus. Diese Bambusbehältnisse, die zum Sammeln von Kokosblütennektar verwendet werden, sind an eine Stange gebunden, die auf seiner rechten Schulter liegt, und erzeugen ein „Tock, Tock, Tock“, wenn der Mann das unebene Gelände des Menoreh-Hügels westlich von Yogyakarta, Zentraljava, durchquert. Dieses Geräusch signalisiert vielen Kokosbäuer*innen oder – auf Indonesisch – ‚penderes‘ den Beginn und das Ende eines Tages. Kurz darauf dringt Rauch aus etlichen Häusern, weil die Frauen die gewohnten Klänge zum Zeichen nehmen, Feuerholz für den von ihren Männern gesammelten Kokosblütennektar zu entfachen. Gemeinsam sind sie die tragende Säule und die Bewahrer*innen der traditionellen Kokosblütenzucker-Herstellung, die auf menschlichen Einfallsreichtum und Anpassung an die Umwelt angewiesen ist.

Im Distrikt Kokap, Yogyakarta wurde Kokosblütenzucker schon immer mit einer klaren Arbeitsteilung produziert. Jeden Morgen und Nachmittag klettern die Männer mit bloßen Händen und nichts als einem kleinen Messer oder einer Sichel auf Kokospalmen, um die Kokosblüten zu schneiden. Dann wird der tropfende Nektar in Bambusbehältern oder ‚bumbung‘ gesammelt. Die Frauen kochen den Nektar anschließend einige Stunden lang in einem mit Holzfeuer betriebenen Herd, bis die Flüssigkeit die richtige Konsistenz erreicht und auf Kopras oder getrockneten Kokosnussschalen geformt werden kann. Die einzigen Zusätze sind Kokosmilch oder geriebene Kokosnuss, um ein Überlaufen der kochenden Flüssigkeit zu verhindern, und eine Mischung aus Kalkwasser und Mangostan-Pflanzensaft, der eine gelbliche Kruste auf der Schale der Frucht bildet. Alle Zutaten sind in der Region von Natur aus reichlich vorhanden.

„Ich weiß nicht, wer dieses Rezept erfunden hat, aber soweit ich weiß, hat sogar meine Großmutter schon auf diese Weise Kokosblütenzucker hergestellt“, sagt eine pensionierte Lehrerin und Kokosblütenzucker-Produzentin. „Es ist völlig natürlich und der geformte Kokosblütenzucker hat je nach Vorliebe der Hersteller*innen unterschiedliche Formen. Manche mögen sie klein, andere mögen sie groß. Es kommt natürlich auch auf die Kopras an.“

Seit gekörnter Bio-Kokosblütenzucker als Exportgut im Jahr 2008 erfunden wurde, ist das Einkommensniveau vieler Kokosnussbauern enorm angestiegen. „Wir haben biologischen Kokosblüten-Streuzucker für den Exportmarkt erfunden, um das Einkommen der Kokosnussbauern hier in Kokap zu steigern“, sagt ein Mitglied der Jatirogo Genossenschaft, der Pionierin dieses Produkts.

Heute hat sich der Export von Bio-Kokosblütenzucker zu einem profitablen Geschäftsfeld für die lokalen Bauern entwickelt. „In der Vergangenheit betrug der Preis für gekörnten Kokosblütenzucker 7000 Rupien (etwa 0,40 €) und für gewöhnlichen Kokosblütenzucker 3000 Rupien pro Kilo. Seitdem ist der Preis für Kokosblütenzucker auf bis zu 13.000 Rupien angestiegen, während der Preis für Granulat-Kokosblütenzucker 16.000 Rupien betrug“, so ein Kokosnussbauer. Diese Darstellung wird auch von anderen Menschen in der Region bestätigt, in der die Kokosblütenzucker-Produktion vielen ein stabiles Einkommen bietet, während es an anderen Erwerbsmöglichkeiten mangelt und Jugendarbeitslosigkeit weit verbreitet ist.

Exportorientierung bringt neue Probleme

Trotz dieses wirtschaftlichen Nutzens führte die Entwicklung von gekörntem Bio-Kokosblütenzucker, der speziell auf die Anforderungen des internationalen Marktes zugeschnitten ist, leider zu neuen Problemen. Zum einen ist die lange Wertschöpfungskette des Produktes internationalen Marktschwankungen unterworfen und schafft so Unsicherheiten für die Landwirte. Wenn die Nachfrage aussetzt, können die Bauern den Kokosblütenzucker, den sie täglich produzieren, nicht mehr verkaufen. Auf dem lokalen Markt ist die Nachfrage außerdem gering, da in Indonesien zwar für gewöhnlich Kokosblütenzucker konsumiert wird, nicht aber in Granulatform. In Zeiten geringer Nachfrage stapelt sich in den Ecken von Bauernhäusern der Streuzucker in durchsichtigen Kunststoffverpackungen. Im Gegensatz dazu kann „normaler“ Kokosblütenzucker regelmäßig auf dem lokalen Markt verkauft werden.

Zum anderen stellen die Kosten für Biozertifikate finanzielle Hürden für Landwirt*innen dar, die ihnen die wirtschaftlichen Vorteile des Biolandbaus vorenthalten. So liegen die Kosten für die Beantragung eines Biozertifikats für den europäischen Markt bei 200 Millionen Rupien (ca. 12.000 €) und weitere 70 Millionen müssen jährlich für die Rezertifizierung aufgebracht werden. Diese Zahlen liegen außerhalb der Reichweite vieler landloser Bäuer*innen, deren monatliche Ausgaben gemäß einer nationalen Statistik von 2015 in der Regel unter 5 Millionen Rupien (ca. 300 €) liegen.

Zudem erscheint die Aussicht Biolandwirt*in zu werden jungen Menschen angesichts der oben genannten Herausforderungen gerade in finanzieller Hinsicht noch immer nicht sonderlich ansprechend. In dieser Gegend findet die alternde Generation der Kokosnussbäuer*innen kaum noch Nachwuchs, der bereit ist, weiterhin Kokosblütennektar zu sammeln, da viele junge Leute auf der Suche nach prestigeträchtigeren Berufen lieber in benachbarte Städte abwandern.

Dieses gegenwärtige Beispiel von Bio-Kokosblütenzucker, der für den Exportmarkt produziert wird, zeigt die Herausforderungen auf, die sich Landwirt*innen stellen, wenn ihre Produkte für Verbraucher*innen in Tausenden von Kilometern Entfernung bestimmt sind.

Vom Biofetisch zur Nachhaltigkeit

Ausgehend von der globalen Biobewegung und ihrem Ziel, nachhaltige Landwirtschaft durch ökologische Landbaupraktiken zu fördern, haben wir gezeigt, dass sich die Biobranche teilweise entgegen diesem Ziel entwickelt hat. Am Beispiel Deutschlands und des deutschen ‚Biofetischs‘ wurde deutlich, dass Bioprodukte bereits den Mainstream-Verbrauchermarkt erreicht haben, ohne jedoch die Perspektiven und Lebenswelten der Produzent*innen angemessen zu berücksichtigen. Im Gegenteil, ‚grüne Lügen‘ über vermeintlich nachhaltige und umweltfreundliche Bioprodukte verschleiern miserable Arbeitsbedingungen und verheerende Umweltauswirkungen an den Produktionsstandorten.

Das Fallbeispiel der Produktion von Bio-Kokosblütenzucker in Indonesien zeigte eine weitere Perspektive auf, indem es die Hindernisse und Fallstricke veranschaulichte, mit denen Biobäuer*innen konfrontiert sind, vor allem wenn sie eine Beteiligung am globalen Biomarkt anstreben. Obwohl sich Bio-Kokosblütenzucker als profitables Exportgut bewährt hat, stellen internationale Marktschwankungen, finanzielle Hürden durch Biozertifikate sowie unsichere Zukunftsaussichten (insbesondere bezogen auf die jüngere Generation) seine Nachhaltigkeit in Frage.

Indonesien braucht als Exportland eine sektorübergreifende Integration zwischen Regierung und Produzent*innen, um die Entwicklung des ökologischen Landbaus zu unterstützen. In Importländern wie Deutschland müssen verantwortungsbewusste Verbraucher*innen versuchen, über Biomarken hinaus zu blicken und von Biolieferanten die Einhaltung ethischer Richtlinien zu fordern, die auch die Anliegen der Hersteller*innen berücksichtigen. Nur wenn sowohl die Erzeuger*innen- als auch die Verbraucher*innen-Seite diese Leitlinien in konkrete Maßnahmen umsetzen, können die Ziele der Transparenz sowie der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit erreicht werden.

Übersetzung aus dem Englischen von: Sophia Hornbacher-Schönleber.

[1] Willer, H und J. Lernoud (2018): „The World of Organic Agriculture Statistics and Emerging Trends 2018“. Research Institute of Organic Agriculture (FiBL), Frick, and IFOAM – Organics International, Bonn.

[2] Birch, K. und D. Tyfield (2012): „Theorizing the Bioeconomy: Biovalue, Biocapital, Bioeconomics or …What?“ In: Science, Technology, and Human Values 38(3): 299.

[3] Hartmann, K. (2018): „Die Grüne Lüge“. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. München: Karl Blessing Verlag.

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2 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Timor-Leste – ökologischer Landbau im Irgendwo

Traditionell kommt Reisanbau in Kambodscha mit wenig Chemie aus. Jasminreis zählt zum besten weltweit und erfreut sich – auch dank Zertifizierung – wachsender internationaler Beliebtheit

 

Reisanbau in Kambodscha – traditionelle Sorten und wenig Chemie

Auch in Kambodscha strömen immer mehr Menschen vom Land in die städtischen Zentren. Doch nach wie vor sind etwa 50 Prozent der Bevölkerung Kambodschas für ihren Lebensunterhalt vom Reisanbau abhängig. In den letzten zwanzig Jahren stiegen die durchschnittlichen Ernteerträge von Reis in Kambodscha um rund 45 Prozent. Gleichzeitig dehnten die kambodschanischen Reisproduzenten*innen die Flächen für den Reisanbau um über 40 Prozent aus. Etwa 75 Prozent des Ackerlandes sind dem Reisanbau verschrieben.

Im Vergleich zu den meisten asiatischen Ländern verwenden die kambodschanischen Reisbäuer*innen relativ wenig Chemie, und ein beträchtlicher Teil der Reisbäuer*innen hat noch nie Kunstdünger und Pestizide verwendet. Kambodscha exportiert zunehmende Mengen von zertifiziertem Bio-Reis. Im Allgemeinen pflanzen die Reisbäuer*innen in Kambodscha verschiedene traditionelle Sorten für den Eigenbedarf an. Daneben bauen sie vermehrt Duftreissorten an, die in den Städten und im Ausland gefragt sind. Jasminreis, wie die Sorte Phka Rumdul, der von zum Teil noch traditionell und damit nahezu biologisch angebaut wird, erbringt den höchsten Preis. 2012, 2013 und 2014 wurde kambodschanischer Jasminreis während der jeweiligen internationalen Reishandelskonferenz mit dem Preis „Bester Reis der Welt“ ausgezeichnet.

Jasminreissorten wachsen nur während der Regenzeit, die von Mai bis November währt, und eignen sich gut für nicht bewässerte Felder (knapp 85 Prozent der gesamten Nutzfläche). Trockenresistenz ermöglicht den Pflanzen längere Trockenperioden während der Regenzeit zu überbrücken. Kambodschanischer Bio-Jasminreis wird von Kleinbäuer*innen angebaut, die Flächen unter fünf Hektar mit Reis bewirtschaften, oft auch nur einen Hektar. Um die sandigen Böden zu düngen, wenden viele Kompost und Kuhdung an.

Der Staat fördert das Geschäft mit dem „weißen Gold“

Während der weltweiten Nahrungsmittelkrise im Jahr 2008, stiegen die Preise für Reis und andere Getreidearten in kurzer Zeit drastisch an. Dies veranlasste die kambodschanische Regierung dazu, dem Reissektor mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Plötzlich war Ernährungssicherheit (und Profitmöglichkeiten) von staatlicher Seite aus wieder im Fokus.

Aufgrund begrenzter Lager- und Verarbeitungseinrichtungen in Kambodscha wurde bis dato der Großteil des Überschusses, einschließlich des vorzüglichen Jasminreises, von Händler*innen aus Vietnam und Thailand als ungemahlener Reis (Paddy) gekauft. Bei jenen „informellen Exporten“ behielt der Staat auch keine Zölle ein.

Nach 2008 hatte die Regierung jedoch erkannt, dass Kambodscha viel mehr von seinem „weißen Gold“ profitieren könnte, nämlich wenn der Paddy im eigenen Land verarbeitet würde und der gemahlene Reis direkt exportiert werden könnte. Folglich wurden Investitionen in den Reissektor gefördert. So wurden erst zu Beginn des jetzigen Jahrzehnts beträchtliche Investitionen in Lagerhallen und hochwertige Reismühlen getätigt. Seither spielt Kambodscha eine zunehmend signifikante Rolle auf dem Weltmarkt für Reis, auch für Bio-Reis.

AMRU RICE als Vorreiter für biologisch zertifizierten Reishandel

Seit Beginn des neuen Jahrtausends hatten verschiedene Entwicklungsprojekte versucht, traditionell angebauten kambodschanischen Bio- und potenziellen Bio-Reis für den Weltmarkt zugänglich(er) zu machen und neue Absatzmärkte im Ausland zu finden. Einige Initiativen waren nicht erfolgreich, weil die erforderliche Qualität nicht eingehalten werden konnte. Andere blieben aufgrund mangelnden Betriebskapitals beschränkt. Deshalb konnten nur einige Container pro Jahr verschifft werden und nur wenige Bäuer*innen konnten von besseren Preisen profitieren. Dass Kambodscha tatsächlich eine Rolle im Markt für Bio-Reis einnehmen könnte, zeigt das Beispiel des Unternehmens AMRU RICE unter Führung des jungen Geschäftsführers Song Saran.

Saran war in einer Familie aufgewachsen, die in einer Kleinstadt mit Reis handelte. Er hingegen hatte nach dem Studium bei NGOs mit gearbeitet, bevor er 2011 AMRU Rice gründete. Bald hatte sich das Unternehmen zu einem der wichtigsten Reisexporteure entwickelt. Während seiner Reisen durch einige europäische Länder und die USA erkannte er, dass der Markt für Bio-Jasminreis ein Segment ist, das von kambodschanischen Bäuer*innen und Händler*innen genutzt werden könnte. Hier hätten sie weniger Konkurrenz als auf den Märkten für konventionellen Reis. Mit diesem Wissen schloss das Unternehmen im Jahr 2014 Verträge mit acht Genossenschaften von Reisbäuer*innen in der nördlichen Provinz Preah Vihear ab, die zusammen etwa 1.300 Mitglieder zählten. Diese Kooperation ermöglichte es AMRU Rice zum führenden Bio-Reisexporteur Kambodschas zu avancieren. Es war zugleich das erste Mal, dass ein kambodschanisches Unternehmen mit Genossenschaften zusammenarbeitete.

Ein Hindernis war das zu geringe verfügbare Betriebskapital, um den ungemahlenen Reis von den Bäuer*innen zu kaufen. Noch schwieriger war es, den Transport des Paddys über die Strecke von fast 300 Kilometer nach Phnom Penh zu organisieren.

Weitere Probleme wurden während des Ankaufs entdeckt. Für die meisten Bäuer*innen waren das Verständnis und die Anforderungen hinsichtlich Korneigenschaften und Mahlqualität etwas völlig Neues. Eine Erkenntnis war, dass die Sortenreinheit des Reises bei weitem nicht den Erwartungen entsprach.

Ebenso führt eine schlechte Behandlung nach der Ernte, wie das zu lange Lagern von feuchtem Paddy in Säcken, zu einem hohen Anteil von Bruchkornreis. Dies beeinträchtigte die Profitabilität. Bei Jasminreis erzielen nämlich die gebrochenen Körner nur die Hälfte des Preises von dem perfekt gemahlenen Reis, den wir auf unseren Tellern erwarten. Für die Rentabilität des Reisgeschäfts und die Gewährleistung eines guten Preises bei direktem Verkauf der Ware durch die Bäuer*innen an die Käufer*innen (Ab-Hof-Verkauf) ist es deshalb äußerst wichtig, dass Händler*innen und Bäuer*innen ein gemeinsames Verständnis für diese Qualitätsprobleme entwickeln. Das Gleiche gilt für die Bio-Zertifizierung, die verlangt, dass alle Beteiligten dem Standard folgen[1].

Nachdem sie die ersten Erfahrungen ausgewertet hatten, entwickelten AMRU und unterstützende NGOs rasch Schritte zur Lösung jener Probleme.

Neues Saatgut

Von Beginn an war die Reinheit des von den Bäuer*innen gelieferten ungemahlenen Reises eine der größten Herausforderungen. Daher bekommen seit 2015 die meisten der bei AMRU Rice neu aufgenommenen Bäuer*innen im Rahmen des Vertragsanbaus zertifiziertes Bio-Saatgut.

Inzwischen produzieren die Genossenschaften selbst Saatgut für ihre Mitglieder und investieren in Maschinen für die Reinigung von Saatgut. Auf diese Weise verbesserte sich nicht nur die Mahlqualität des Reises, sondern es nahmen auch die gehandelten Mengen von Bio-Reis von Jahr zu Jahr deutlich zu. Von den bescheidenen 1.500 Tonnen im Jahr 2014 wird AMRU sein Geschäft mit Bio-Reis in diesem Jahr auf 30.000 Tonnen ausweiten. Saran sieht Potenzial für weiteres Wachstum des Bio-Reissektors. Am Anfang arbeitete AMRU mit acht Genossenschaften zusammen, jetzt sind es bereits 27 Genossenschaften, die insgesamt rund 4.000 Bäuer*innen repräsentieren.

Ein begünstigender Umstand ist sicherlich, dass mehrere internationale Organisationen den Reissektor im Allgemeinen und – z.B. ein Projekt der Agence Française de Developpement (AFD) – Genossenschaften von Reisbäuer*innen im Besonderen unterstützten. Für alle Beteiligten ist es wesentlich, dass die Bio-Reisbäuer*innen im Gegensatz zu den meisten Reisbäuer*innen im Land in Genossenschaften zusammengeschlossen sind. Seit 2014 stimmen AMRU und die Genossenschaften zum Beispiel jedes Jahr gemeinsam die Rahmenbedingungen und die geplanten Mengen ab und unterzeichnen entsprechende Verträge.

Bio-Zertifizierung als Prozess

Herkömmlich werden die Betriebe der einzelnen Bäuer*innen direkt zertifiziert. Für Kleinbäuer*innen wäre dieses Verfahren aber zu aufwendig und teuer. Deshalb werden Kleinbäuer*innen als Gruppe zertifiziert. Somit ist die jeweilige Genossenschaft dafür verantwortlich, dass alle ihre Mitglieder, die am Bio-System teilnehmen, den Bio-Standard der Importländer, wie zum Beispiel die Verordnung für Biolandwirtschaft der Europäischen Union oder dem National Organic Program (NOP) der USA, vollständig einhalten.

Zur Prüfung werden ausgewählte Bäuer*innen zu „internen Inspektor*innen“ von Dienstleistern ausgebildet, die bis zu 15 Kolleg*innen betreuen. Dies beinhaltet, die Gruppe auch zu nachhaltigen Praktiken zu beraten. Ebenso müssen die internen Inspektor*innen die Ergebnisse bei ihren Kontrollen dokumentieren. Außerdem muss jede Bäuer*in alle wesentlichen landwirtschaftlichen Tätigkeiten, wie Pflügen, die Ausbringung von Kompost und die Aussaat aufzeichnen und ggf. den Kauf von zusätzlichen Bio-Dünger nachweisen.

Im Rahmen des internen Kontrollsystems muss die Genossenschaft all diese Unterlagen zusammenstellen und der Auditor*in der internationalen Zertifizierungsstelle, in diesem Fall ECOCERT, zur Verfügung stellen. Bei der Kontrolle der Dokumente und einer zufällig ausgewählten Stichprobe von Feldern kontrolliert die Prüfer*in, ob das interne Kontrollsystem der Genossenschaft in der Lage ist, sicherzustellen, dass alle Mitglieder die vorgegebenen Biostandards und Vorschriften einhalten. Die Ergebnisse der Überprüfung durch ECOCERT bildet die Grundlage für die Zertifizierung. Diese könnte verweigert werden, wenn Verstöße, wie die Anwendung von synthetischen Stickstoffdünger oder Mängel, wie fehlende Aufzeichnungen, festgestellt werden.

Die Zertifizierung ist mit erheblichen Kosten verbunden. Die Kosten für die Beantragung der Zertifizierung werden hier im Beispiel von AMRU vom Unternehmen selbst übernommen. Damit die Standards eingehalten werden, arbeitet AMRU mit NGOs zusammen, die Genossenschaften und Bäuer*innen dazu schulen. NGOs unterstützen ebenfalls die eingerichteten internen Kontrollsysteme, vor allem durch die Weiterbildung und Begleitung der internen Inspektor*innen. Die Genossenschaften tragen auch zu den Kosten der Trainings bei. Auf Unternehmensebene hat AMRU ein Qualitätsmanagementsystem eingeführt, das von einer beauftragten Mitarbeiter*in überwacht wird. Neben den Genossenschaften überprüft die Zertifizierungsstelle ECOCERT auch, ob das System des Unternehmens sicherstellen kann, dass es zu keiner Vermischung von Bio- und herkömmlichen Reis kommt.

Die Bio-Reisbäuer*innen aus Preah Vihear

Was bedeutet das für die eigentlichen Produzent*innen – für die Bäuer*innen in Preah Vihear? „Die Bäuer*innen haben durch das Unternehmen einen sicheren Markt. AMRU kauft ihre Produkte zu Preisen, die um 20-25 Prozent höher als die der lokalen Händler*innen sind. Darüber hinaus erhalten sie eine Prämie von 130-300 Riel pro Kilo (0,03-0,07 Euro) als Anreiz für die Einhaltung der Bio-Standards“, so AMRU-Business-Development-Manager Jake Abelardo Cruz.

So würden die Bäuer*innen den Nettopreis von 1.450 Riel bis 1.550 Riel pro Kilogramm (313-334 Euro pro Tonne) erhalten und die Transportkosten würden auch nicht bei den Bäuer*innen selbst, sondern bei AMRU liegen. Das zusätzliche Einkommen nutzen die meisten Bäuer*innen, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern, um Geräte zu kaufen oder die Ausbildung ihrer Kinder zu bezahlen, so Cruz.

AMRU Rice arbeitet auch mit Banken und Mikrofinanzinstitutionen zusammen, die den Bauerngenossenschaften Kredite gewähren. Diese würden, so der AMRU-Manager, den Bäuer*innen ermöglichen, ihren Mitgliedern Darlehen zu gewähren und das Kapital für den Reishandel aufzustocken. Diese Kredite könnten auch genutzt werden, um die Produktion effizienter zu machen. So hätten zum Beispiel mehrere Genossenschaften Handtraktoren gekauft, um sie an Mitglieder zu vermieten.

Außerdem sei der Wissenstransfer über die Produktion von Bio-Reis für die Bäuer*innen von Vorteil, weil sie damit ihre Erträge steigern könnten, so AMRU-Gründer Saran. Die Bäuer*innen könnten lernen, wie sie den optimalen Zeitpunkt der Reisernte bestimmen und wie sie die Effizienz der Erntearbeiten, wie Dreschen und Trocknen, verbessern könnten, um so Verluste zu vermindern. Saran weist darauf hin, dass es hier beträchtliche Fortschritte gegeben hätte. Im Jahr 2014 führten 1.500 Tonnen ungemahlener Reis mit meist geringer Qualität zu weniger als 20 Prozent ganze Körner. Im Jahr 2017 produzierten die Bäuer*innen erheblich bessere Qualität mit bis zu 30 Prozent lange Körner.

Bioreisanbau – ein Vorteil für Alle?

Attribute wie Duft- oder Jasmin- und Bio-Zertifizierung machen für alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette einen signifikanten Unterschied. Nur mit Hilfe der internationalen Zertifizierung konnten die Bäuer*innen den tatsächlichen Wert ihres biologisch angebauten Reises realisieren. Das Beispiel AMRU bietet nun einen Anreiz, Reis weiterhin nachhaltig anzubauen und somit auch ggf. zur Erhaltung einer gesunden Umwelt beitragen zu können. Neben der für Bio-Reis gezahlten Prämie haben laut AMRU auch explizit die Bäuer*innen aus Preah Vihear ihre Situation verbessern können, weil ihre Genossenschaften Funktionen übernommen haben, die zuvor Reishändler*innen hatten. Viele der Händler*innen hätten die Bäuer*innen zuvor unfair behandelt, da sie den Preis diktierten und z.B. manipulierte Waagen verwendeten.

Das Beispiel AMRU Rice zeigt auch, dass die anfängliche Marktnische für Bio-Reis sich zu einem wachsenden Segment im weltweiten Reisexport entwickelt (derzeit rund 5 Prozent). Das liegt zu einem an der wachsenden Nachfrage vor allem in Europa und in den USA. Aber auch in China steigt das Interesse an hochwertigen Bio-Reis. So hat inzwischen Bio-Reis einen Anteil von 30 Prozent an AMRUs Gesamtgeschäft. Für seine Bemühungen in der Kooperation mit den Genossenschaften von Bio-Bäuer*innen erhielt Saran 2016 in der Kategorie „Outstanding Project For Social Change“ den „Young Entrepreneurship Award“ der Takeda Foundation (Universität Tokio).

Saran wünscht sich, dass auch weiterhin viele kambodschanische Bäuer*innen von dieser Entwicklung profitieren. Daher arbeitet AMRU Rice seit 2017 mit der von internationalen Organisationen ins Leben gerufene Sustainable Rice Plattform (SRP) zusammen, die Reisbäuer*innen überzeugen möchte, die Anwendung von Pestiziden zu reduzieren.

 

[1] Aus Kambodscha eingeführter Bio-Reis wird mit dem EU Bio-Siegel gekennzeichnet. Damit verbunden sind die Codenummer der Kontrollstelle(Zertifizierungsstelle) sowie die Ursprungsangabe. Dadurch ist garantiert, dass der Reis

  • ohne gentechnisch veränderte/n Organismen
  • ohne Einsatz von synthetischen Pflanzenschutzmitteln sowie
  • ohne Anwendung von leicht löslichen mineralischen Düngern erzeugt wurde.

Darüber hinaus müssen die Produzenten nachweisen, dass sie Fruchtbarkeit des Bodens erhalten.

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2 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Timor-Leste – ökologischer Landbau im Irgendwo

Budi (30, oben im Bild) und Septi (25, unten im Bild) sind Bio-Gärtner in Cangkringan, im Norden von Yogyakarta am Fuß des Merapi-Vulkans. Mit ihrem fünfjährigen Sohn leben sie in einem Bambushäuschen am Rand ihres Gartens. Statt auf aufwendige und teure Zertifizierung setzen sie auf ein partizipatives Garantiesystem: Ihr Obst und Gemüse verkaufen sie auf dem Pasar Milas, einem alternativen Bio-Markt in Yogyakarta.

 

Wie kam es dazu, dass ihr Biogärtner wurdet?

Budi: Ich hab mich schon sehr lange für Bio-Anbau interessiert, sah aber lange kaum Möglichkeiten, vom Anbau von Bio-Gemüse leben zu können. Das änderte sich, als wir das Milas kennen lernten und feststellten, es gibt da eine Gemeinschaft von Menschen, die Wert auf gesunde Nahrung legt. 2010 begannen wir dann selbst mit dem biologischen Landbau. Ich hatte vorher schon Erfahrungen gesammelt, bei Familienmitgliedern und Freunden, die biologische Landwirtschaft betreiben.

Septi: Ich kam zum Gärtnern, als ich Budi kennen lernte. Mich erfüllt das Leben als Bio-Gärtnerin sehr, weil es ein sehr gesundes Leben für mich und meine Familie ist, aber auch etwas, das ich weiteren Menschen vermitteln kann.

Warum habt ihr euch für Bio-Anbau und nicht für den konventionellen Weg entschieden?

Budi: Ich wurde Bio-Gärtner, weil mich besorgt, dass Landwirtschaft heutzutage vor allem ein Geschäft ist, ein schnelles Geschäft, mit immer stärkerer Technisierung. Demgegenüber sehe ich das Betreiben eines Bio-Gartens als etwas sehr Gesundes an, etwas das mir und meiner Familie gut tut.

Septi: Das hat auch mit dem Wunsch zu tun, die Umwelt zu schützen. Warum sollten wir chemischen Dünger verwenden, der die Umwelt schädigt, wenn es organischen Dünger gibt, der die Umwelt nicht schädigt? Wir bekommen doch alles auf diese natürliche Weise, meine Familie kann sich gesund ernähren, wir können unser Wissen darüber mit anderen Menschen teilen und wir sorgen dafür, dass die Umwelt nicht verschmutzt wird. Das ist doch gut für unsere Zukunft. Leider gibt es aber bislang nur sehr wenige Menschen, die auf gesunde Weise Nahrungsmittel anbauen wollen.

Wie können wir uns einen typischen Tag in eurem Garten vorstellen?

Budi: Unser Garten ist etwa 800 Quadratmeter groß. Wir bauen nach der sogenannten tumpangsari-Tradition an, ganz ähnlich den Prinzipien der Permakultur. Unseren Dünger stellen wir selber her, aus Grasschnitt, Gemüseresten, Essensresten, die wir an einem speziellen Platz lagern, wo sie zu Komposterde werden. Außerdem stellen wir mittels Fermentationsprozessen in speziellen Behältern flüssigen Dünger her. Dafür verwenden wir Blätter, Grasschnitt und den Dung von Schafen, Kühen und von Hasen. All dies haben wir von alten, erfahrenen Bauern gelernt und von jüngeren Freunden, die Bio-Anbau betreiben.

Septi: Unsere Vorfahren wussten alles über Bio-Anbau. Für bestimmte Schädlinge mischten sie bestimmte Bekämpfungsmittel aus natürlichen Zutaten. Budi setzt diese Tradition fort, auch wenn diese Art von ‚Lösung‘ in einem modernen Labor vielleicht nicht als ‚beweisfähig’ gelten würde. Aber in der Praxis funktionieren die alten Rezepte.

Man könnte also sagen, Bio-Anbau ist schlicht eine Rückkehr zu den alten Traditionen?

Septi: Ja. Wenn man die Alten fragt, sagen sie, es gibt heutzutage so viele Schädlinge, weil so viel chemisch gedüngt wird. Wir sind aber nicht Bio-Gärtner geworden, weil wir gerne besonders traditionell sein wollten,sondern weil wir unsere Gesundheit erhalten und die Umwelt schützen wollten. Wir bauen vor allem Gemüse an, zum Beispiel Spinat, Tomaten, Gurken, Maniok, Moringa und Pandan. Aber auch verschiedene Wildkräuter, Gewürzpflanzen und Salatsorten, Basilikum und essbare Blüten wie Tagetes, Schmetterlingserbse und Rote Ingwerlilie, die übrigens hervorragend für Sambal-Saucen geeignet ist.

Wie können wir uns einen typischen Tag in eurem Garten vorstellen?

Septi: Normalerweise planen wir am Vorabend, was am nächsten Tag getan wird. Wir teilen unsere Zeit ein, setzen eine Art Tagesziel fest, das erreicht werden muss. Das kann dann so aussehen, dass morgens erstmal umgegraben und der Boden vorbereitet wird um Jungpflanzen auszusetzen, die dann bewässert und gedüngt werden und so weiter. Wir haben von morgens bis abends.zu tun mit Pflanzen, Pflegen und Ernten.

Zieht ihr eure Jungpflanzen aus eigenem Saatgut?

Septi: Einen Teil ziehen wir selbst aus unseren Pflanzen. Manches bekommen wir von Freund*innen, die ebenfalls Bio-Anbau betreiben. Einen Teil kaufen wir. Da es sehr schwer ist, Bio-Saatgut zu kaufen, müssen wir manchmal auch auf konventionelles Saatgut zurückgreifen, das wir dann aber ebenfalls biologisch anbauen.

Könnt ihr von den Erträgen eures Gartens leben?

Budi: Wir können sogar etwas ansparen. Einen Teil der Einnahmen investieren wir sofort wieder in unseren Garten. Einen Teil legen wir für Notfälle zurück. Der Rest fließt in Transportkosten und alle weiteren Lebenskosten. Ab und zu gönnen wir uns auch einen netten Ausflug. Es ist ja wichtig, das Leben zu genießen (lacht).
Septi: Momentan reicht es zum Leben. Und wenn es nicht mehr reicht, dann müssen wir uns etwas Neues einfallen lassen.

Wo und an wen verkauft ihr eure Ernte?

Septi: Es gibt ein paar Stammkund*innen, die oft zu unserem Garten kommen und direkt etwas einkaufen. Es gibt Besucher*innen, die spontan vorbei kommen und dann auch Gemüse mitnehmen. Das passiert sogar ziemlich oft. Viele Menschen kennen uns vom Milas-Markt, wo wir immer mittwochs und samstags Gemüse, Obst und Jungpflanzen verkaufen. Wir wollen vor allem lokale Pflanzen bekannt machen. Im Milas kaufen sowohl Einheimische als auch viele ausländische Besucher*innen ein.

Vermarktet ihr eure Erträge auch übers Internet?

Septi: Nein. Nicht weil wir das Internet per se ablehnen, es hat ja viel Fortschrittliches. Aber es ist eben etwas anderes, wenn man das Gemüse im Internet bestellt und dann geliefert bekommt. Wenn Besucher*innen direkt zu unserem Garten kommen, dann sehen sie, dass wir wirklich biologisch gärtnern, sie bekommen einen Eindruck, der wahrhaftig ist. Auch der Milas-Markt schafft einen Raum, wo man auf direkte Weise miteinander ins Gespräch kommt. Ein Gespräch von Mensch zu Mensch, das ist klar und direkt und das bereitet Freude. Und noch schöner ist es, wenn die Menschen uns dann in unserem Garten besuchen und sich selbst ein Bild machen wollen.

Bekommt ihr als Bio-Bäuer*innen und -Bauern Unterstützung von der Regierung?

Septi: Wir wollen keine Unterstützung von der Regierung. Es gibt so viele ‚Projekte‘ mit Regierungsunterstützung, deren Umsetzung überhaupt nicht gut läuft. Außerdem bräuchte es eine Gruppenstruktur, um von der Regierung unterstützt zu werden. Aber wir haben noch keine Gruppe gefunden, der wir vertrauen würden.

Budi: Die Regierungsprogramme helfen den Bäuer*innen nicht wirklich. Die Regierung führt zum Beispiel Programme für Bio-Anbau durch, aber sie setzten dafür Ertragsziele voraus, die mit Bio-Anbau nicht auf die Schnelle zu leisten sind, weil wirklicher Bio-Anbau Zeit braucht. Die Menschen, die in diesen Programmen mitarbeiten, wollen keine Verluste machen und versuchen, sich diesen Vorgaben zu beugen. Das geht aber auf Kosten der biologischen Landwirtschaft. Doch davon will die Regierung nichts hören. Es ist für die Bauern schwierig, das zu vermitteln. Zum einen haben sie alle Hände voll auf den Feldern zu tun. Zum anderen wissen sie zwar viel, sind aber nicht geschult darin, dieses Wissen weiter zu geben, vor allem wenn sie auf Regierungsvertreter*innen treffen.

Welche Herausforderungen gibt es seitens der Konsument*innen?

Budi: Viele von ihnen fragen, warum Bio-Gemüse so teuer ist, aber wenn man es ihnen erklärt, dann verstehen sie es auch. Es kommt vor, dass mich Kund*innen fragen, warum ein Bund Spinat bei mir 5000 Rupiah kostet und nicht 3000 Rupiah wie auf den anderen Märkten und sagen, das sei aber teuer. Dann erkläre ich ihnen, dass sie natürlich anderswo den Spinat für weniger Geld kaufen können, dass sie aber dann nicht wissen, wo er angebaut wurde, auf welche Weise und von wem. Und dass sie natürlich für sich entscheiden können, was ihnen wichtiger ist. Kommunikation mit den Kund*innen spielt eine wichtige Rolle.

Septi: Auf dem Milas-Markt bekommen die Kund*innen die Informationen direkt von den Erzeuger*innen. Das heißt, wir können ihnen alles erklären, vom Saatgut bis zur Ernte. Manche wollen am Anfang nicht verstehen, dass es einen großen Unterschied zwischen konventioneller Landwirtschaft und Bio-Anbau gibt, Aber spätestens wenn sie mal bei uns im Garten vorbei geschaut haben, verstehen sie den Unterschied.

Zu Anfang des Interviews hattet ihr gesagt, Bio-Anbau sei traditionell eigentlich der ‚normale‘ Weg des Anbaus gewesen. Warum wird diese Tradition eurer Meinung nach kaum noch gepflegt?

Septi: Da sind wir wieder bei dem Problem, dass schnell auf Masse produziert werden soll. Dabei wird nicht auf die langfristigen Umweltfolgen geachtet, sondern nur auf schnelle Erträge, die man sich unter anderem von chemischen Düngemitteln erhofft.

Budi: Natürlich sind wirtschaftliche Gründe wichtig. Aber was wir brauchen ist eine nachhaltige Wirtschaft. Für viele Menschen zählt nur das Geschäft, das schnelle Geld. Deswegen wird Bio-Anbau als zu zeitaufwendig abgelehnt. Dabei hängt doch alles mit allem zusammen. Wenn wir auf gesunde Weise für Nahrungsmittel sorgen, dann werden wir auch in weiteren Lebensbereichen nachhaltiger sein, zum Beispiel auch bezüglich Gesundheit und Bildung.

Was haltet ihr von Labels zur Zertifizierung von Bio-Produkten?

Budi: Ich glaube, Indonesien ist noch nicht so weit, dass das funktioniert. Unsere Umwelt ist so kaputt. Da müsste sich grundsätzlich etwas ändern. Die Richtlinien für den Bioanbau müssten verbessert und auch wirklich umgesetzt werden. Meiner Erfahrung nach ist das wie Schminke, die aufgelegt wird, es wird nur oberflächlich geschaut und dann zertifiziert. Was wir aber bräuchten sind tiefgreifende Diskussionen mit den Bäuer*innen und mit Anwohner*innen in ihrer Umgebung, um ein nachhaltiges Umweltbewusstsein zu entwickeln. Es sollte nicht nur um ein Label geben, das man seinem Produkt verpasst, ohne sich zu fragen, was man in einem größeren Rahmen gegen Umweltverschmutzung tun kann.

Septi: Bei der Zertifizierung sollte auch darauf geachtet werden, woher zum Beispiel das Wasser kommt, ob es sauber ist. Auch darauf, ob das was angebaut wird, für die Region, wo es angebaut wird, überhaupt sinnvoll ist. Da müsste viel mehr ins Detail gegangen werden. Ein weiteres Problem sind die hohen Kosten für die Zertifizierungen, Tausende von Euro. Das können Ein-Mann-Betriebe wie wir finanziell gar nicht stemmen.

Warum seid ihr nicht Teil einer Genossenschaft?

Septi: Wir suchen noch nach Mitstreiter*innen, denen wir wirklich vertrauen können. Wenn wir sie gefunden haben, würden wir sehr gerne eine Genossenschaft gründen, denn unsere Kapazitäten zu zweit sind begrenzt. Über eine Genossenschaft, wo es kollegial und ehrlich zugeht, wären wir sehr glücklich. Und dann könnten wir uns vielleicht sogar um Zertifizierungen bemühen. Aber wir sind auch erst vor einem Jahr an diesen Ort umgezogen. Wir haben noch viele Pläne. Einstweilen versuchen wir, mit dem, was wir haben und was wir tun, in unserer Gegend ein gutes Vorbild zu sein.

Gebt ihr euer Wissen in eurer Gegend auch über Schulen weiter und zeigt Kindern und Jugendlichen, wie man gesunde Nahrung anbauen kann?

Septi: In unserem alten Garten haben wir das gemacht, da kamen immer mal Schulklassen vorbei. Wir bereiten das hier auch gerade vor, wollen demnächst mit Broschüren zu einer nahe gelegenen Schule gehen. Vielleicht werden wir irgendwann auch eine Website anlegen, auf die alle Menschen zugreifen können. Denn wir glauben, dass unser Garten auch ein Bildungsort ist, wo man viel lernen kann: Über das Pflanzen, das Halten von Tieren, aber auch über unser familiäres Zusammenleben und über das Leben ganz allgemein.

Was sind eure Wünsche für die Zukunft?

Septi: Ich wünsche mir, dass viele Menschen unserem Beispiel folgen, dass sie sich vorstellen können, so zu leben wie wir. Ich möchte ein gutes Vorbild sein, in der Hoffnung, dass sich etwas ändern kann wenn wir viele sind. Dass wir wieder eine gesunde Umwelt bekommen, weil die Menschen verstehen warum das wichtig ist. Vielleicht schaffen wir es, hier eine Art Ökodorf aufzubauen. Von der Regierung wünsche ich mir, dass sie Kleinbäuer*innen wie uns wirklich zuhört. Und dass sie sich wirklich in den Gärten und auf den Feldern umschaut.
Budi: Bevor die Regierung Regelungen zum Thema Bio-Anbau erlässt, sollte sie sich wirklich eingehend damit beschäftigen, was das bedeutet. Dann wird es mit der Implementierung auch einfacher. Momentan habe ich das Gefühl, weder die, die die Gesetze machen, noch die, die sie implementieren sollen, verstehen wirklich etwas von der Materie. In der Praxis wirkt das wie ein Bumerang.

Was wünscht ihr euch von den Konsument*innen?

Budi: Ich wünsche mir ein ganzheitliches Interesse, nicht nur ein ‚Ich lebe bio, ich esse bio‘, weil es schick ist. Dabei wissen sie oft nicht einmal, ob wirklich `bio` drin ist, wo ´bio` drauf steht. Sie wollen zum Beispiel `bio` und kaufen lieber im Supermarkt ein, als auf dem Markt. Dabei würden sie auf den traditionellen Märkten und vor allem auf alternativen Märkten mehr Bio-Produkte finden und direkt mit den Erzeuger*innen ins Gespräch kommen.

Septi: Ich wünsche mir von unseren Kund*innen, dass sie verstehen, dass wir nicht alle Wünsche erfüllen können. Die Natur folgt ihren eigenen Gesetzen und wir folgen der Natur, in diesem Monat gibt sie uns diese Früchte, zu einer anderen Zeit andere. Ein System, in dem Bauern gezwungen werden, wider die Natur zu handeln, um jeden Konsument*innenwunsch zu erfüllen, ist ein falsches System.

Das könnten wir fast schon als Schlusswort stehen lassen…

Septi: Eins noch: Ich wünsche mir, dass ´bio´ mehr ist als nur ein Trend. Denn es ist eine Lebenshaltung. Wer ´bio´ einkauft, sollte zum Beispiel die Finger lassen von Einwegplastik. Hier in Indonesien ist so viel von Plastikmüll verschmutzt. Die Menschen über die Folgen zu informieren ist schwierig. Wenn ich auf dem Markt einkaufe, gehe ich da immer mit meinen eigenen Einkaufstaschen und Lebensmittelbehältern hin. Anfangs war das mühsam, ich konnte 100-mal sagen: `Ich will keine Plastiktüte` ich bekam trotzdem alles in die obligatorischen Einwegplastiktüten gepackt. Aber wenn ich mit den Marktfrauen rede und ihnen erkläre, dass ich Müll vermeiden will, verstehen sie es. Und dann sage ich: „Wenn es zehn Menschen gäbe wie mich oder 100, dann wären zehn oder 100 weniger von diesen Tüten in der Welt.“ Es macht mich wirklich traurig, den Zustand unserer Umwelt zu sehen. Aber wer soll etwas verändern, wenn nicht wir, die junge Generation?

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller

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2 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Timor-Leste – ökologischer Landbau im Irgendwo

Eine kleine Dorfgemeinschaft im Nord-Westen Thailands kämpft mit Hilfe von uralter Tradition und der Vermarktung naturschutzorientierter Bio-Produkte um Anerkennung ihrer Identität und die Erhaltung der Biodiversität. Was genau ist vorgefallen – und… kann es funktionieren?

Verborgen im dichten Regenwald des Wiang Pa Po Distriktes der Provinz Chiang Rai im Nord-Westen Thailands liegt das kleine Bergdorf Baan Huay Hin Lad Nai. Bereits ein großes Schild am Eingang des Dorfes verweist auf die Grundlagen, nach denen sich die Gemeinschaft in ihrer Lebensweise richtet: Ihre Kultur, ihren Glauben, traditionelles Wissen und Spiritualität zu bewahren und zu schützen. Die knapp 120 Bewohner sind ethnische Karen und betreiben primär Subsistenzwirtschaft auf Basis natürlicher Ressourcen auf einer Nutzfläche von knapp 567 Hektar. Die Gemeinschaft kultiviert Reis, Tee, Bambus, verschiedene Früchte und weitere Nutzpflanzen sowohl für den eigenen Nutzen, als auch für den Verkauf. Diese wachsen teils auf natürliche Weise, teils wurden sie spezifisch ausgesät, um die Vielfalt zu erhöhen. Es kommen weder Pestizide, noch künstliche Dünger zum Einsatz, und in verschiedenen Interviews wiesen die Menschen stets mit Nachdruck darauf hin, dass der Einsatz solcher Methoden auch nicht gewünscht sei. Der Erlös aus dem Verkauf geht in Teilen an die einzelnen Bauern und den so genannten Village Fund, mittels dessen größere Projekte im Dorf finanziert und realisiert werden.

Ein Unterfangen, das nicht immer ganz einfach ist, denn die Bewohner sind gezwungen um ihr Recht, im Regenwald zu bleiben, zu kämpfen. In den 1980er Jahren wurde der Regenwald durch in Chiang Rai angesiedelte Holzfällerunternehmen großflächig abgeholzt. Dies führte zu Zerstörung und Rückgang der verfügbaren natürlichen Ressourcen. Zwar verabschiedete die thailändische Regierung im Jahr 1989 ein Holzernteverbot, aber der Regenwald war da bereits in großen Teilen zerstört. Als Konsequenz begannen die Menschen aus Huay Hin Lad Nai für die Regeneration des Waldes zu arbeiten – mit Hilfe von Brandschneisen zwischen den für den Brandrodungsfeldbau vorgesehenen Feldern. Dabei handelt es sich jeweils um einen mehrere Meter breiten Streifen Wald, in dem die Menge des brennbaren Materials auf ein Minimum reduziert wird. Auf diese Weise können sich Waldbrände nicht mehr so schnell auf weite Teile des Waldes ausbreiten. Zusätzlich begann man das Areal gegen illegalen Forsteinschlag und illegale Jagdwirtschaft zu schützen, und Gemeinschaftsregeln für den Forstbetrieb zu etablieren.

Der Wald erholte sich nur langsam. Schließlich wurde das Gebiet im Jahr 1992 zu einem Teil des geplanten Khun Jae Nationalparks erklärt und die Dorfbewohner dazu beordert den Wald zu verlassen. Als Antwort schlossen sich die Menschen mit anderen davon betroffenen ethnischen Gruppen zusammen. Das Northern Farmer’s Network (NFN) war geboren. Gemeinsam mit der thailändischen NGO Assembly of the Poor wurden Proteste organisiert. Zeitgleich musste die Gemeinschaft der Regierung gegenüber beweisen, dass der traditionelle Anbau die Umweltbilanz keineswegs negativ beeinträchtigte. Auf diese Weise erlangte die Dorfgemeinschaft das Recht in ihrem Dorf zu bleiben, und das betroffene Areal wurde zu einem Grenzgebiet für den geplanten Nationalpark.

Politische Regularien vs. Traditionelle Landwirtschaft

Bestärkt durch die Ratifizierung des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCC) im Jahre 1994, schlossen sich Bewohner aus Huay Hin Lad Nais anderen Organisationen an ihren CO2-Fußabdruck zu messen. Die Studie bestand aus einer Kollaboration des Dorfes mit Forschern verschiedener Universitäten Thailands sowie der Northern Development Foundation und Oxfam Great Britain. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass sowohl Konsumptionsniveau als auch CO2-Emissionen weit unter der Tragekapazität der natürlichen Ressourcen liegen. Besonders in Bezug auf das durch die thailändische Regierung durchgesetzte Verbot von Brandrodungsfeldbau betonte der Report die Vorteile für Biodiversität sowie Prävention von Lauffeuern und Bodenerosionen. Dabei wird der Regenwald zur Gewinnung von Ackerland in kleinen Flächen kontrolliert abgebrannt. So gewinnt der Boden zunächst an Fruchtbarkeit, verliert im Laufe der Zeit jedoch stark an Nährstoffreichtum, so dass die Felder im Anschluss brachgelegt und – im Falle von Huay Hin Lad Nai – für einen Zyklus von insgesamt sieben Jahren ruhen gelassen werden.

Aber genau hier liegt heute das Problem. Die Regierung setzt weiter auf das Verbot von Brandrodungsfeldbau, der fest mit der Karen-Tradition verwurzelt ist. Entsprechend sieht sich Huay Hin Lad Nai strengen Regulationen gegenüber, die im schlimmsten Fall zu einer Räumung des Gebietes führen. Dorfgemeinschaften wie diesen wird vorgeworfen, zum globalen Klimawandel beizutragen, indem sie den Regenwald abholzen, Waldbrände fördern und natürliche Ressourcen zerstören – resultierend in hohen CO2-Emissionen. Diese Argumentation mag schlüssig sein, wenn Landwirte oder Großkonzerne Wälder zerstören und sie in Plantagen umwandeln. Die Farmer Huay Hin Lad Nais (und der umliegenden Karen-Gemeinschaften) aber achten insbesondere auf die Nachhaltigkeit des Brandrodungsfeldbaus, der den Einsatz künstlicher Dünger überflüssig macht. Aktuell dürfen bis Mitte April eines Jahres höchstens fünf Felder pro Tag in Brand gesetzt werden. Zeitlich ist das nicht immer ganz zu schaffen, auch wenn längst nicht mehr alle Felder von Brandrodung betroffen sind.

Lokale Identität als Vermarktungsstrategie

Die politischen Aktivisten sind des offenen Kampfes müde geworden und sehen aktuell kaum Chancen auf Erfolg im kosten- und zeitintensiven Widerstand. Die ursprünglichen Strategien des Northern Farmer’s Networks, wie die Organisation von Protesten, tragen kaum noch Früchte, weswegen sie vermehrt auf politisches Lobbying, Netzwerken und Aufbauarbeit setzen. In diesem Zusammenhang hat sich ein Wandel zur Konstruktion der lokalen Identität vollzogen, bis hin zur Festigung der eigenen Positionierung über lokale Güter. Man setzt gezielt auf die Vermarktung von Kaffee, Tee und Wildbienen-Honig als naturschutzorientierte Bio-Produkte. Dies geschieht einerseits über verschiedene Veranstaltungen, zu denen Repräsentanten des Dorfes reisen, um sowohl Produkte, als auch Lebensweise des Dorfes zu verbreiten. Einzelne Bewohner engagieren sich zudem im so genannten Slow Food Movement, das insbesondere Nachhaltigkeit fördert und die Produktion regionaler Produkte unterstützt. Diese Strategien öffnen Möglichkeiten die eigene Position gegenüber dem Staat sowie der transnationalen Agrarindustrie zu stärken. Die Dorfbewohner suchen das Gespräch mit Vertretern von Regierung und Provinz und laden diese auch zu lokalen Festlichkeiten ein, damit sie sich ein eigenes Bild der Lage zu verschaffen. Diese Bemühungen zielen darauf ab ihre lokalen und trans-lokalen Gemeinschaften zu stärken.

Dialog statt Widerstand

Baan Huay Hin Lad Nai sieht sich heute als Lernzentrum für den Austausch lokalen Wissens. Der Slogan Living in and with the Forest ist zum Leitbild für die politische Strategie geworden – man versucht mit Hilfe von uralter Tradition Verbindungen nach außen zu knüpfen und Außenstehenden die traditionelle Lebensweise näherzubringen. Dabei setzt die Gemeinschaft ganz bewusst nicht auf Öko-Tourismus, sondern betont im Dialog immer wieder den Wunsch nach Austausch und Kooperation. Die Menschen stehen schon seit jeher für eine bewusste Ernährungs- und Lebensweise ein und wollen dies nun gezielt durch die Vermarktung eigener Produkte und den offenen Wunsch nach Kommunikation mit der Außenwelt fördern. Dafür hat das Dorf auch schon einige Auszeichnungen erhalten.

Gleichzeitig hat auch der Staat seine Strategie geändert. Seit Thaksins erstmaligem Erdrutschsieg zu Beginn des Millenniums wurden einzelne Forderungen der Graswurzelbewegungen und der Zivilgesellschaftlichen Akteure ins Regierungsprogramm aufgenommen: Die Förderung der lokalen Wirtschaft mit dem Village Fund und dem OTOP-Programm, die bis heute die soziale und ökonomische Entwicklung landwirtschaftlichen Produzenten prägen.

 

Zum Weiterlesen:

  • AIPP, IWGIA, NDF, NORAD (Ed.) (1994): Climate Change, Trees, and Livelihood: A Case Study on the Carbon Footprint of a Karen Community in Northern Thailand.
  • Chris Baker (2000): Thailand’s Assembly of the Poor. Background, Drama, Reaction. Southeast Asia Research 8, 1, S. 5-29.

 

Die Autorin hatte im Rahmen des EU-geförderten Project Knots die Möglichkeit, sich vor Ort ein Bild der aktuellen Lage zu machen.

 

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2 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Timor-Leste – ökologischer Landbau im Irgendwo

Malaysia: Permakultur ist eine Anbau- und Lebensweise, die sich nach dem Kreislauf der Natur richtet. Unsere Autorin erzählt von ihrem Selbstversuch sich mit Gemüseanbau auf dem eigenen Hof der konventionellen Lebensmittelproduktion zu entziehen.

Chalin Food Forest ist ein acht Hektar großes Gelände in Jelebu, Negeri Sembilan, etwa anderthalb Autostunden von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur entfernt. Der Aufbau des Gehöfts begann im Jahr 2015. Ziel war es für die daran Beteiligten, die familiär eng miteinander verbunden sind, ein autarkes Gehöft zu schaffen. Die Idee dazu entstand aus unserem Drang heraus, uns von der völligen Abhängigkeit des komplexen Netzes aus Nahrungsmitteln, Wasser und Energie, das insbesondere in Großstädten besteht, zu befreien. Wir wollten von einem akzeptierenden zu einem aktiven Entscheidungsmodus für die Grundbedürfnisse unseres Alltags übergehen.

Abkehr von einem ungesunden System

Bevor wir Chalin Food Forest gründeten, waren wir als vierköpfige Familie in der Stadt auf Supermärkte und Lebensmittelgeschäfte angewiesen, um uns mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Wir wurden aufgerüttelt, als wir uns über die verschiedenen Chemikalien informierten, die für den Anbau von Pflanzen verwendet wurden, und über die unmenschlichen Praktiken, die in modernen Geflügel- und Milchviehbetrieben angewendet werden. Mit dem Wissen um die schädlichen Auswirkungen der gegenwärtigen konventionellen Ernährungspraktiken – sowohl für uns als Individuen als auch für die Erde und all ihre Bewohner – haben wir uns entschieden eine bessere und gesündere Alternative leben zu wollen.

Wir hatten zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnisse und Erfahrungen in der Lebensmittelproduktion. Daher wandten wir uns zunächst gekauften Bio-Lebensmitteln zu, die in Malaysia teuer und nicht leicht zu finden sind. Wir haben daraufhin mit urbanem Gärtnern in unserem Betonhaus begonnen, haben Blattgemüse und Buntbarsche (Tilapia) in unserem Teich gezogen, verschiedene Methoden der Kompostierung ausprobiert und festgestellt, dass wir viel mehr tun können, wenn wir Land haben, auf dem wir arbeiten können. Malaysia ist mit viel Land gesegnet, das je nach finanzieller Situation erschwinglich ist. Wir machten uns also auf die Suche nach einem Grundstück, um unser Ziel des eigenen Anbaus von Nahrungsmitteln in die Praxis umzusetzen und wurden fündig. Unseren Hof nannten wir Chalin Food Forest.

Sorge für die Erde, Sorge für die Menschen, Sorge für die Zukunft

Wir wurden von einem engen Freund in die so genannte Permakultur – oder permanente Landwirtschaft – eingeführt. Nachdem wir das Konzept sowohl theoretisch als auch praktisch gelernt hatten, entschieden wir uns, es als Grundlage für unsere Landgestaltung zu verwenden. Für alles was wir auf der Farm konstruieren, anbauen und aufziehen, haben wir viele Beobachtungen sowie Versuche und Irrtümer gemacht. Frei nach der Devise von Masanabu Fukuoka, einem Mitbegründer der Permakultur: Die Natur aufmerksam beobachten, statt gedankenlos zu arbeiten. Wir haben viele Beispiele aus ähnlichen Regionen auf der ganzen Welt studiert und einige davon umgesetzt. Zum Beispiel haben wir einige Arten aus dem subtropischen Australien ausgewählt, um sie auf der Farm zu pflanzen. Diese Arten sind ziemlich gut gewachsen. Andererseits hielten die mobilen Zäune für unsere Hühner nur zwei Monate. Die Wildschweine, die unsere Farm besuchten, rannten sie direkt nieder.

Wenn wir begreifen, wie man mit der Natur und nicht gegen sie arbeitet, erkennen wir ein kluges und langlebiges Konzept, das Geld, Energie und Zeit spart und dennoch Überfluss produziert. Viele Leute argumentierten, dass dieser Ansatz zeitaufwändig ist und zu spät und – wenn überhaupt – nur wenig Gewinn bringt. Ich würde zustimmen. Aber darum ging es uns nicht. Die Permakultur konzentriert sich auf drei ethische Regeln: Sorge für die Erde, Sorge für die Menschen und Sorge für die Zukunft. Es wird niemals einen echten Gewinner im Streit zwischen Qualität und Quantität geben, da diese auf unterschiedlichen Ebenen liegen. Darüber hinaus sind die versteckten Kosten der gegenwärtigen landwirtschaftlichen Produktionsweise zu hoch, um sie zu ignorieren und nicht stattdessen nach besseren Praktiken zum Wohle aller Lebewesen zu streben.

Wie produzieren wir nahrhafte Lebensmittel?

Wir haben uns auf drei Hauptfaktoren konzentriert, die uns dabei helfen, auf dem Land zu produzieren. Diese Faktoren sind Wasser, Boden und Artenauswahl. Wasser ist die Basis für alle Lebensformen. Wir bemühen uns, Wasserquellen für unsere Farm zu identifizieren, damit wir besonders während der Dürreperiode genug zur Verfügung haben. Unser Standort hat den niedrigsten durchschnittlichen Jahresniederschlag im Land. Unsere Hauptquelle ist Quellwasser von einem nahen gelegenen Hügel, zwei Kilometer von der Farm entfernt.

Das Quellwasser wird zu einem Lagertank geleitet und durch die Schwerkraft auf der Farm verteilt. Wir sammeln auch Regenwasser über unsere Dächer und lagern es für Notfälle in einem 30.000 Liter Tank. Wir haben mehrere Teiche für Fische angelegt, die nährstoffreiches Wasser liefern. Deshalb eignet sich dieses Wasser hervorragend für unsere Baumschule und die Bewässerung von Gemüse und Bäumen.

Die Permakultur legt Wert auf eine kontinuierliche Bodenanreicherung mit verschiedenen Methoden. Der Boden wird als das Medium verstanden, das die biologische Grundlage bildet und die letztendlich zum Gedeihen der Pflanzen beiträgt. Deshalb ist es unerlässlich, dass wir das Bodenbiom – das Ökosystem im Erdreich – um jeden Preis schützen.

Wir vermeiden die Verwendung schädlicher Chemikalien und reichern den Boden an, indem wir unseren eigenen hausgemachten Kompost hinzufügen. Diese spezielle Kompostierung erfordert drei Hauptkomponenten – Grasschnitt und Blätter von der Farm, und Kuh- oder Ziegenmist von nahe gelegenen Höfen. Wir helfen damit auch den Kuh- und Ziegenfarmern, die Abfälle von ihren Höfen zu beseitigen, die sonst nur in nahe gelegene Bäche abfließen. Wir minimieren zudem Bodenstörungen, indem wir auf schwere Maschinen verzichten, um den Boden luftdurchlässig zu halten. Wenn wir das Bodenleben gedeihen lassen, profitieren die Pflanzen auf natürlichem Weg von einer besseren Nährstoffaufnahme, was zu einem gesünderen, nährstoffreichen Ertrag führt. Wir verzichten auf Pestizide und Insektizide. Dafür werden wir beschenkt mit einer Vielzahl von bestäubenden und räuberischen Insekten wie zum Beispiel Gottesanbeterin, Wespen, Marienkäfer, Spinnen, aber auch Vögeln.

Anbau von heimischen Arten

Obwohl es wünschenswert ist, alles anzupflanzen, was im Supermarkt gekauft werden kann, werden diese Waren oft von weither eingeflogen. Darüber hinaus handelt es sich in den meisten Fällen um Gemüse, das in einem anderen Klima als in Malaysias Tropen angebaut wird. Infolgedessen wird viel Energie aufgewendet, um die Pflanzen vor starker Sonne oder starkem Regen und häufigem Schädlingsbefall zu schützen.

Wie wir in unserem Klima und in unserer Umgebung beobachtet haben, hat der lokale Salat – in der malaiischen Sprache Ulam genannt – kaum Probleme mit Wetter, Boden und Umwelt beim Wachsen und Gedeihen. Er ist weniger anfällig für Schädlingsbefall und enthält viel mehr Nährstoffe als importierte einjährige Pflanzen.

Wenn wir all diese Vorteile berücksichtigen, ist es effizienter, ähnliche Arten zu pflanzen, die mit minimalem Aufwand des Menschen gedeihen und Ertrag bringen, anstatt sich die Mühe zu machen, Gemüse nach Marktstandard zu produzieren. Gleichwohl haben wir auch mit dem Anbau verschiedener lokaler Gemüsesorten experimentiert und aufgezeichnet, welche in unserem Boden am besten gedeihen.

Tierfutter aus eigener Produktion

Chalin Food Forest sorgt für saubere und nahrhafte Nährstoffe für die Tiere und Pflanzen und baut beispielsweise Napiergras – auch Elefantengras genannt – für die Ziegen an. Dies ist eine der ersten Pflanzen, die wir nach unseren großen Erdarbeiten auf dem Land gepflanzt haben. Mit ihren weichen Stielen vermehrt, pflanzten wir es entlang des kleinen Baches durch unser Grundstück fließt und es ist seitdem gewachsen. So gut wir können versuchen wir, unser eigenes Futter für Hühner und Enten zu produzieren, indem wir Bananen, Papayas und lokale Zuckeräpfel pflanzen, die in der Umgebung leicht zu ziehen sind.

Wir füllen ein Fass mit übrig gebliebenen Früchten an jedem unserer Hühnergehege, in denen schwarze Soldatenfliegen nisten können. Diese Fliegen produzieren proteinreiche Larven und werden zur Delikatesse für unsere Hühner, sobald sie nach Erreichen der Reife aus dem Fass kommen. Obwohl der Kompost, den wir herstellen, hauptsächlich für unseren Kulturgarten und die Obstbäume bestimmt ist, dient er auch als Quelle von Insekten und Mikroorganismen, für die sich immer die Hühner und Enten interessieren!

Da wir auf dem Hof noch keine stetige Versorgung mit Früchten eingerichtet haben, wird der größte Teil des Geflügelfutters durch Fermentation von Kokosraspeln hergestellt, die auf großen Märkten in der Stadt zur Gewinnung von Kokosmilch ausgepresst wurden. Normalerweise bekommen wir zwei oder drei Säcke mit Kokosraspeln bei einem Wochenendbesuch auf dem Markt. Die zerkleinerten Kokosnüsse werden zuerst mit einer Mikroben-Lösung gemischt, bevor sie in ein Fass gepackt und dicht verschlossen werden, damit die Fermentierung stattfinden kann. Nach zwei bis drei Tagen ist die Fermentierung abgeschlossen und die Kokosraspel können an unsere Tiere verfüttert werden.

Wir haben auch eine Wurmfarm, auf der wir Wurmsaft für unseren Garten und die Baumschulpflanzen sammeln. Die Blumenerde unserer Baumschule wird aus dem Sand unseres Baches, hausgemachtem Kompost und dem Kot aus dem Wurmbehälter hergestellt. Sie ist sehr fein und voller Nährstoffe und nützlicher Mikroorganismen. Auf dem Hof gibt es mehrere Areale, auf denen sich die Tiere frei bewegen können, damit sie ihre natürlichen Bedürfnisse in der Natur leben können. Wenn sie sich frei bewegen, können die Hühner und Enten an Unkraut und anderen fruchtbaren Sträuchern und Insekten knabbern. Die Nachahmung der Komplexität des mächtigen Waldes, Begleitpflanzung, die Diversifizierung der Pflanzen und das Vorhandensein dynamischer Akkumulatorpflanzen sind einige der vielen Praktiken auf dem Gelände, um den Bedarf an Pflanzen zu decken und das natürliche Abwehrsystem der Pflanze zu stärken.

Künftige Herausforderungen

Obwohl der Hof derzeit im Minimalbetrieb operiert, konnte Chalin Food Forest uns zu Zeiten seiner Produktionsspitze mit Fleisch, Eiern, Obst und Gemüse versorgen. Darüber hinaus konnten wir Gemüse und Bananen vermarkten und Einführungs- und Fortgeschrittenen-Programme zur Selbstversorgung durchzuführen. Im Moment leben wir wieder in der Stadt, da wir noch kein festes Einkommen haben, um unsere Familie und den Bauernhof zu finanzieren. Obwohl es uns schwer fällt, sehen wir darin eine Gelegenheit, über die Praktiken auf dem Hof und seinen Erhalt in der Zukunft nachzudenken.

Zum Beispiel überlegen wir, dass wir vielleicht genauso gut Kaninchen züchten könnten, wenn wir weiterhin Futter für die Hühner beschaffen müssen, da diese Pflanzenfresser sind und sich kräftig vermehren. Während unseres Aufenthalts in der Stadt hoffen wir, unser Netzwerk zu erweitern, um die Vermarktung unserer Produkte in Zukunft zu vereinfachen. Wir versuchen auch, so viel Kapital wie möglich für weitere Ergänzungen des Gehöfts zu sammeln. Chalin Food Forest ist eine großartige Abenteuer- und Lernerfahrung für uns alle und wir können es kaum erwarten, wieder voll auf der Farm zu sein.

Aus dem Englischen übersetzt von: Jörg Schwieger

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2 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Timor-Leste – ökologischer Landbau im Irgendwo

Kambodscha: Im Grenzgebiet Prek Chrey brechen während der Corona-Pandemie die üblichen Einkommensquellen weg. Die Bewohner*innen ländlicher Gebiete stärken ihre Ernährungssicherheit, indem sie ökologischen Landbau wieder entdecken.

Die Corona-Pandemie hat sich auf verschiedene Aspekte menschlicher Sicherheit ausgewirkt. In Kambodscha, das vor allem in seinen ländlichen Gebieten immer noch als Entwicklungsland gilt, waren diese Auswirkungen erheblich. Viele Menschen verloren ihre Einkommensquellen. Ein Blick auf ein Fallbeispiel in der Gemeinde Prek Chrey im Süden der Provinz Kandal zeigt, wie ländliche Gemeinden in Kambodscha um ihre Ernährungssicherheit kämpfen.

Die Lage im Grenzgebiet Prek Chrey

Die Gemeinde Prek Chrey liegt im Süden der kambodschanischen Provinz Kandal neben der Flussgrenze zu Vietnam. Das Besondere an diesem Gebiet ist, dass es sowohl von ethnischen Khmer (Kambodschaner*innen) als auch von ethnischen Vietnames*innen bewohnt wird. Ethnische Vietnames*innen leben seit Generationen auf der kambodschanischen Seite der Grenze. Sowohl die Khmer als auch die ethnischen vietnamesischen Gemeinschaften sind weitgehend von der grenzüberschreitenden Verbindung mit Vietnam abhängig. Viele von ihnen haben ihre Arbeit auf der anderen Seite des Flusses, viele lokale Unternehmen sind auf den Import und Export von Waren angewiesen und die meisten Einheimischen kaufen ihre täglichen Lebensmittel auf dem Markt auf der vietnamesischen Seite.

Im März 2020 wurde die Grenze zwischen Kambodscha und Vietnam aufgrund der Bedrohung durch COVID-19 geschlossen, so dass die Dorfbewohner*innen nicht mehr zwischen den beiden Ländern pendeln konnten. Darüber hinaus wurden viele Unternehmen vorübergehend geschlossen, was zu wachsender Arbeitslosigkeit führte und somit die Wirtschafts- und Ernährungssicherheit in der Region bedrohte.

Ernährungssicherheit beginnt auf der Graswurzelebene

Khmer Community Development (KCD) ist eine kambodschanische Graswurzel-Nichtregierungsorganisation (NRO), die seit 2006 in der Gemeinde Prek Chrey tätig ist. Zu ihren Arbeitsbereichen gehören die Förderung von Kinderrechten (insbesondere das Recht auf Bildung), Friedenskonsolidierung zwischen Khmer und ethnischen Vietnames*innen in der Region sowie Gemeindeentwicklung und Ernährung. Als unmittelbare Reaktion auf die eskalierende Corona-Krise hat KCD beschlossen, seine Aktivitäten auf zwei Handlungsfelder zu konzentrieren: auf das Bewusstsein für Viren und Hygiene, um die Ausbreitung von Krankheiten in der Gemeinde zu verhindern, und auf die Stärkung des Bio-Gartenprojekts, das seit Jahren Teil der Aktivitäten der Organisation ist.

Um die Ernährungssicherheit in Prek Chrey zu gewährleisten und die Gemeinde widerstandsfähiger zu machen, hat KCD begonnen, Bio-Gemüsesaatgut an die Dorfbewohner*innen zu verteilen. Damit können die Dorfbewohner*innen Hausgärten anlegen beziehungsweise vorhandene Gärten verbessern, um die Produktion von eigenen Nahrungsmitteln zu sichern und zusätzliches Einkommen zu erzielen. Laut Rachany Mom, Projektleiter bei KCD, hat KCD seit Beginn der Pandemie Bio-Saatgut an mehr als 1.500 Haushalte in neun Dörfern der Gemeinde verteilt.

Hausgärten bewähren sich während der Pandemie

Da Personalbewegungen in den ersten Monaten der Corona-Krise in Kambodscha sehr begrenzt waren, hat KCD beschlossen, sich bei der Umsetzung der Hausgartenaktivitäten voll und ganz auf Außendienstmitarbeiter*innen zu verlassen. Die Außendienstmitarbeiter*innen der Organisation, die in der Gemeinde Prek Chrey wohnen, erhielten den Auftrag, an ihren Häusern Biogärten anzulegen, die als Vorbilder dienen und den Begünstigten Beratung und technische Unterstützung bieten sollen.

Ran Ren, KCD-Feldkoordinator für Projekte zur Ernährung und Gemeindeentwicklung, betont die Bedeutung dieser Praxis. „Früher hatte ich nicht viel Zeit, um in meinem Hausgarten zu arbeiten, aber ich habe versucht, mein Bestes zu geben. Während der Corona-Krise begann ich, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken und versuchte, die Gartenarbeit zu fördern, indem ich nicht nur Samen gab, sondern auch ein Vorbild war. Jetzt kommen Leute aus dem Dorf zu mir nach Hause, weil ich die Samen von KCD habe. Wenn sie kommen, gebe ich ihnen nicht nur Samen, sondern zeige ihnen auch den Garten und erkläre ihnen, wie man Gemüse anbaut. Ich bin auch froh, einen Garten zu haben, weil er beim täglichen Ernährungsbedarf meiner Familie hilft.“

Diese Praxis hat sich als effektiv erwiesen. Jikhiet, Rans Nachbarin aus dem Dorf Prek Chrey, sagt, dass Ran sie, nachdem er ihr die Samen gegeben hatte, ermutigt habe, einen Hausgarten in ihrem Hinterhof anzulegen. Inzwischen habe sie damit gute Ergebnisse erzielt. Sie sagt, dass sie jetzt den täglichen Bedarf ihrer Familie mit Gemüse decken könne und sehr froh sei, dass die Lebensmittel `bio` seien. Da Jikhiet im Ruhestand ist und viel Freizeit hat, findet sie in der Gartenarbeit auch ein neues Hobby. Jikhiet wird von ihrer Nachbarin Nachbarn Phan unterstützt, die aufgrund von COVID-19 ihren Job im Casino an der Grenze verloren und ebenfalls einen Hausgarten angelegt hat. Jetzt kann sie bereits Bio-Gemüse für ihre Familie genießen. Darüber hinaus erwähnen beide Frauen, dass sie einen Teil des von ihnen angebauten Gemüses verkaufen könnten, was zum Einkommen ihrer Familien beitrage.

„Es hilft mir sehr, weil ich kein Geld ausgeben muss, um Gemüse zu kaufen. Ich kaufe nur ein bisschen Fleisch. Und manchmal verkaufe ich mein Gemüse und benutze dieses Geld, um Fleisch zu kaufen “, sagt Phan. Beide sind bestrebt, auch dann weiter im Garten zu arbeiten, wenn sich die Situation in Bezug auf das Virus verbessert. Phan erklärt, dass sie vor der Pandemie in der Küche des Casinos gearbeitet habe und ihre Kunden immer Bio-Lebensmittel bevorzugt hätten. Daher hofft sie, in Zukunft Gemüse aus ihrem Garten an das Restaurant des Casinos verkaufen zu können, um ein zusätzliches Einkommen zu erzielen.

Wiederentdeckung des ökologischen Landbaus

KCD fördert seit vielen Jahren den ökologischen Gartenbau als Teil seiner Projektaktivitäten, aber gerade jetzt, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, haben die Menschen seinen Wert wiederentdeckt. „Ich sehe, dass dies eine gute Gelegenheit ist, die Gartenaktivitäten in der Gemeinde auszuweiten und den ökologischen Landbau zu fördern“, sagt Ran. „Früher war es schwierig, Menschen zum Hausgärtnern zu ermutigen, jetzt sind sie bestrebt, dies zu tun. Die Corona-Krise war der Grund, warum die Menschen damit begonnen haben.“ Er sei besonders besorgt über viele Landwirt*innen, die immer noch chemische Pestizide und Düngemittel verwenden, und wolle in seiner Gemeinde natürliche Düngemittel wie Kompost fördern. Er sei diesbezüglich sehr optimistisch und erwähnt, dass die Menschen während der Corona-Krise mehr über die Gesundheit nachgedacht hätten, Kompost und andere natürliche Düngemittel verwendeten, ihre Fähigkeiten im ökologischen Gartenbau verbesserten und ihre Erfahrungen mit anderen teilten.

Die Menschen verließen sich nicht nur auf die Hilfe von KCD, sondern sie ergriffen auch selbst Maßnahmen, sagt Horrong Kimmoy, KCD Koordinatorin für Kinderrechte, als sie die kleine Fischfarm ihres Onkels zeigt. Seit der Grenzschließung hättenen die Menschen begonnen, nach neuen Wegen zu suchen, um ihren täglichen Ernährungsbedarf zu decken. Dies habe dazu geführt, dass sie sich mehr auf die natürliche Wirtschaft verlassen und nach neuen Wegen der Lebensmittelproduktion suchen. Ran unterstützt das und sagt, dass die Hühnerproduktion in der Gemeinde jetzt auch gestiegen sei. Die Menschen in der Gemeinde seien jetzt mehr daran interessiert, etwas über die Fisch- und Hühnerzucht zu lernen, und die neue Aufgabe der NRO bestünde nun darin, diesen Wissensbedarf zu decken.

Die Mitarbeiter*innen von KCD betonen, dass die Gartenarbeit zu Hause weitgehend der Gemeinde zugute gekommen sei. Die Vertriebskampagne für Saatgut habe jedoch nicht immer ihr Ziel erreicht. Einige Dörfer in der Gemeinde liegen in der Nähe des Flusses und werden daher während der Regenzeit, die sich langsam Kambodscha nähert, überflutet. Hong Siv, Fußballtrainer der Khmer- und vietnamesischen Fußballmannschaften von KCD, bemerkt traurig, dass einige Menschen, insbesondere diejenigen, die in den Dörfern leben, die während der Regenzeit überflutet werden, beschlossen hätten, die Samen für die nächste Landwirtschaftssaison aufzubewahren, da sie sich nicht sicher waren genug Zeit zu haben, um ihr Gemüse zu ernten. Rachany erwähnt, dass rund 74 Prozent der Menschen, die Samen von KCD erhalten haben, diese verwendet hätten. Der Rest habe beschlossen, auf das nächste Jahr zu warten. Ran erwähnt auch, dass Hausgärten hauptsächlich von Menschen angelegt worden seien, die an Orten leben, die während des Monsuns nicht überflutet werden.

Neben anderen Herausforderungen bestand auch das Problem der sozialen Distanzierung: So konnte zum Beispiel kein Workshop über natürliche Landwirtschaft organisiert werden. Statt dessen mussten die KCD-Mitarbeiter*innen die Beratung einzeln von Haus zu Haus durchführen, was zeit- und arbeitsaufwendig war. Einige Menschen, vor allem diejenigen, die zuvor nicht viel über die Organisation und ihre Aktivitäten wussten, hatten ebenfalls Vertrauensprobleme: als ihnen kostenlos Saatgutpakete angeboten wurden. Zunächst glaubten sie, dass die KCD-Mitarbeiter*innen versuchten, ihnen diese zu verkaufen.

Lernen aus der Krise

Die Corona-Pandemie ist zu einer Herausforderung für die Gemeinde Prek Chrey geworden. Die Krise hat zur Unterbrechung grenzüberschreitender Verbindungen geführt, die zahlreichen Khmer- und vietnamesischen Familien als Einkommensquelle dienten, und zur Schließung vieler Unternehmen, was zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit geführt hat. Daher waren die Ernährung und die wirtschaftliche Sicherheit in der Gemeinde weitgehend bedroht.

Gleichzeitig hat die Krise das Resilienz-Potential der Gemeinschaft in Bezug auf Ernährungssicherheit aufgezeigt. Es dauerte nur kurze Zeit, bis die Dorfbewohner*innen ihre Prioritäten überdachten und Maßnahmen ergriffen, um ihre tägliche Lebensmittelversorgung sicherzustellen. Insbesondere die Wiederentdeckung des Werts von Hausgärten und ökologischem Landbau hat sich als wirksames Mittel zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung erwiesen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

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2 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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