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Philippinisch-europäische Identitäten

Philippinen, Diaspora, Rezension

„Common Diversities 2“ positioniert sich klar als Fortsetzung zu „Common Diversities“ – wie auch die beinahe identischen Buchcover bezeugen. © Christian Namiss.

Philippinen/Europa: „Common Diversities 2“ gibt Raum für die Erfahrungen mehrerer Generationen philippinischer Diaspora.

Als Angehörige einer Diaspora sagen wir häufig: Ich bin halb deutsch, halb philippinisch. Was wäre, wenn wir stattdessen sagen: Ich bin deutsch UND philippinisch – ich trage nicht nur die Hälfte dieser Kulturen in mir, sondern beide?

Der Sammelband „Common Diversities 2“ widmet sich Fragen von Identität, Zugehörigkeit und den Erfahrungen philippinischer Diaspora-Gemeinschaften in Europa. Inhaltlich gliedert sich das Buch in drei große Themenfelder: „Diaspora & Belonging“ (Diaspora und Zugehörigkeit), „Participation & Advocacy“ (Teilhabe und Fürsprache) sowie „Transnational Connections & Contributions“ (transnationale Verbindungen und Beiträge). Die Einleitung fasst alle Kapitel zusammen und erleichtert so die Orientierung. Die Beiträge behandeln vielfältige Themen von Aktivismus, Erziehung, Bildung, Gastronomie, Marketing bis hin zu Kunst, Musik und Sport.

Der Sammelband knüpft an seinen Vorgänger „Common Diversities“ an, der sich mit der philippinischen Diaspora in Deutschland – insbesondere mit der Nachfolgegeneration – beschäftigte und auf Deutsch erschien. Der zweite Band ist nun auf Englisch verfasst und betont erneut, dass das Aufwachsen mit zwei Kulturen eine Bereicherung sein kann – zugleich aber auch Spannungen erzeugt. Je nach Persönlichkeit und Prägung fühlen sich manche zwischen zwei Welten hin- und hergerissen.

Identität zwischen Generationen und Kulturen

Verschiedene Autor:innen erwähnen das tief in der philippinischen Kultur verwurzelte Konzept „Kapwa“ (S. 75, 197 und 212). Es bezeichnet das innere Selbst als Teil des gemeinsamen Selbst, also der Gemeinschaft („unity of self and other“, S. 197). Jeder Filipino, jede Filipina ist ein Teil der Gesellschaft, und das Zurückgeben an Familie oder Freunde zeigt Dankbarkeit. So wird beispielsweise oft Geld nach Hause geschickt, um dort zu unterstützen und aus der Entfernung Liebe zu zeigen.

Philippinen, Diaspora, Rezension

Der Sammelband erschien pünktlich zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 2025, wo die Philippinen das Gastland waren. © Regiospectra Verlag.

Ein zentrales Thema ist die Unterscheidung zwischen erster Generation – also denjenigen, die selbst migriert sind – und der zweiten oder dritten Generation, die im europäischen Kontext sozialisiert wurde. Während die erste Generation unmittelbare Erfahrungen mit dem Herkunftsland verbindet, kennt die Nachfolgegeneration die Philippinen oft vor allem aus Erzählungen von philippinischen Freunden und Bekannten (falls vorhanden) oder von gelegentlichen Besuchen. Sie selbst sind mit westlichen Gewohnheiten in einem völlig anderen Kontext aufgewachsen.

Familie als Ort gelebter Zugehörigkeit

In mehreren Beiträgen steht das Thema Familie im Mittelpunkt. Beispielsweise beleuchten Marijo und John Eleazar in „Cultivating Family Flourishing among Filipino Entrepreneurs through Intergenerational Storytelling” das Thema intergenerationelles Geschichtenerzählen im Kontext europäischer Migrationserfahrungen. Anhand von Unternehmer:innen aus Gastronomie, Gewerbe, Marketing und IT wird gezeigt, wie sich durch gemeinsames wirtschaftliches Engagement eine neue, transnationale Familienidentität herausbilden kann.

Gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen spielen eine zentrale Rolle für die Familienidentität der Unternehmer:innen in der Diaspora. Idealerweise gibt es in der Familie jemanden, der Geschichten weitergibt und damit kollektive Erinnerung stiftet – unterstützt durch Fotos oder andere Dokumente.

Die Autor:innen betonen, dass es weniger um Konflikte zwischen Generationen geht als um Kontinuität und Zusammenarbeit. In einigen Beispielen wird die Haltung des „agree to disagree“ (S.237) beschrieben: Familienmitglieder akzeptieren unterschiedliche Sichtweisen, ohne den Anspruch, einander verändern zu müssen. Diese Form des Umgangs kann helfen, Spannungen zu reduzieren.

Darüber hinaus wird deutlich, wie wichtig Gemeinschaft in der philippinischen Kultur ist. Feste wie Geburtstage oder Hochzeiten erhalten einen höheren Stellenwert als in westlichen Gesellschaften. Marijo und John Eleazar führen dazu auch den Begriff des „emotional backing“ (S. 230) ein: Gemeint ist die emotionale Unterstützung innerhalb der Familie – die in guten wie in schlechten Zeiten selbstverständlich ist.

Vielfalt der Stimmen – und offene Fragen

Der Band bewegt sich zwischen wissenschaftlicher Analyse und persönlichen Erzählungen. Viele Autor:innen sind selbst Teil der Diaspora und lassen eigene Perspektiven einfließen. Das führt einerseits zu großer Authentizität, andererseits wirkt der Band stellenweise zu wenig distanziert und dadurch subjektiv.

Philippinen, Diaspora, Rezension

Die Autor:innen und Herausgeber:innen von Common Diversities 2 am 18.10.2025 während einer Lesung anlässlich der Frankfurter Buchmesse. © Christian Namiss.

Einige Beiträge – etwa „Following my Duende“ von Kerstin Liwayway Dopp-Rexrodt oder „Prince Charming is White: The Effects of Marriage Migration throughthe Eyes of a Second-Generation Filipina German“ von Jennifer Lagbas Merx – sind akademisch strukturiert, enden jedoch mit persönlichen Reflexionen. Auch der Beitrag „Swim, Bike, Run in the Philippines“ von John Rueth verbindet analytische Passagen mit autobiografischen Elementen und einem emotionalen Zielfoto.

Diese Mischung aus wissenschaftlicher Argumentation und subjektiver Erzählung macht die Lektüre abwechslungsreich, aber auch stilistisch uneinheitlich. Einige Vergleiche zwischen der philippinischen und westlichen Kulturen könnten auch differenzierter ausfallen, um nicht zu pauschalisieren oder zu romantisieren.

Empfehlenswert ist der Band für alle, die mit mehreren Kulturen aufwachsen und alle weiteren weltoffenen Leser:innen. Auch für Soziolog:innen und Psycholog:innen, die sich mit dem Themenbereich Identität beschäftigen, kann das Buch interessant sein. Zugleich macht die Vielfalt der Perspektiven deutlich: Die Auseinandersetzung mit Diaspora ist nicht abgeschlossen. Im Gegenteil – sie lädt dazu ein, weiter zu fragen, zu vergleichen und neue Entwicklungen zu beobachten. Die Idee eines dritten Bandes liegt daher nahe.

Rezension zu: Common Diversities 2. Filipino Europeans Remaking the Past, Shaping the Future. Herausgegeben von Arlene D. Castañeda und Ralph Chan. Regiospectra. 274 Seiten. 2025.

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Bella Fuerst ist gebürtige Berlinerin und Mitglied des ‚Halo-Halo‘-Netzwerks. Mit ihrer philippinischen Mutter (†) aus Manila und ihrem Berliner Vater hat sie bereits viele schöne Philippinenreisen erlebt. Mit ihrem Mann ist sie Ende 2007 nach England gezogen. Der Austausch mit Gleichgesinnten ist ihr wichtig, und auch das Erbe ihrer philippinischen Vorfahr:innen liegt ihr am Herzen.

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