EDITORIALS,
Autor*in:

Editorial südostasien 4/2021:
Vielschichtige Unterdrückung: Rassismus und staatliche Gewalt in Südostasien

Rassismus Gewalt Südostasien

Großen Mengen an Stacheldraht werden an einem Regierungsgebäude in Bangkok aufgestellt – als Vorbereitung auf Proteste im Dezember 2013. © Kenneth Lu, Flickr, CC BY 2.0

Staatliche Gewalt und Rassismus sind auch in den Staaten Südostasiens allgegenwärtig. Während Staaten vorgeben, mit ihrem Gewaltmonopol die Grundrechte der Bürger*innen zu schützen, stellen sie dieses Gewaltmonopol oft systematisch in den Dienst von Kapital- und Machtinteressen der wirtschaftlichen und politischen Eliten. Die Gewaltenteilung innerhalb des Staats ordnet lediglich die Aufgaben zur Aufrechterhaltung des Status quo zu. Dass Gerichte oder Polizeieinheiten im Zweifel die herrschende Klasse verteidigen, wird in dieser Ausgabe der südostasien äußerst deutlich.

„Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“, brachte es bereits Karl Marx auf den Punkt und betonte zugleich: „Die politische Gewalt im eigentlichen Sinn ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen.“ Somit erleben Arbeiter*innen, Aktivist*innen, Gewerkschafter*innen und weitere zivilgesellschaftliche Akteur*innen staatliche Repression, wenn sie sich gegen die vorherrschenden Ausbeutungs-Zustände wehren. Wer diese Zustände thematisiert und bekämpft, wird auch in Südostasien immer wieder zur Zielscheibe und ist von Kriminalisierung und Gewalt bedroht.

Durch die Sichtbarmachung einer digitalen Mediengesellschaft erscheint rassistische staatliche Gewalt heute oft unmittelbarer und präsenter als zuvor. Dabei handelt es nicht um ein neues Phänomen. Wirft man einen Blick in die Vergangenheit von Südostasien wird schnell klar: Staatliche Gewalt und Rassismus haben System; und dieses ­ist – wie im gesamten Globalen Süden – eng mit der kolonialen Vergangenheit verknüpft (vgl. dazu Ausgabe 3/2021: Kolonialismus in Südostasien). Mit der Verbreitung des kapitalistischen Systems in Südostasien durch den Imperialismus der westlichen Nationen fanden auch seine gewaltsamen Unterdrückungsmechanismen Einzug in die Gesellschaften – und prägen diese bis heute.

Rassismus diente und dient als Herrschaftslegitimation und als Instrument zur Spaltung der unterdrückten Klasse. In Südostasien sind insbesondere indigene Bevölkerungsgruppen und/oder ethnische Minderheiten immer wieder von struktureller Gewalt und Marginalisierung betroffen. Die Nutzung und Kontrolle von Lebensräumen und Rohstoffen durch Staaten und wirtschaftliche Eliten sind Ausdruck der kolonialen Strukturen und kapitalistischen Machtverhältnisse, die die Nationalstaaten bis heute prägen.

In dieser Ausgabe der südostasien beschäftigen wir uns mit den verschiedenen Formen und Ebenen von staatlicher Gewalt und Rassismus in Südostasien. Dabei schauen wir näher auf die Institutionen, Akteure und Strukturen, die das System gestaltet haben und bis heute ihren Einfluss darauf ausüben.

Ein prominentes Beispiel ist die direkte brutale Gewalt von Militär- und Polizeiapparaten, wie etwa im so genannten ‚Krieg gegen die Drogen’ auf den Philippinen. Dazu schildert uns Josh Makalintal in seinem Artikel, wie die Repressionsmethoden der Duterte-Regierung zur Unterdrückung politischen Widerstands genutzt werden und beleuchtet ihre Ursprünge im Polizeiapparat der US-Amerikanischen Besatzung. Im Interview mit Jeremy Kuzmarov erfahren wir mehr zu den durch die USA implementierten Sicherheitsstrukturen in der Region und ihren rassistischen und anti-kommunistischen Ursprüngen.

Jemma Purdey erläutert im Interview, wie sich der in den kolonialen Strukturen verwurzelte Rassismus und die Gewalt gegenüber ethnischen Chines*innen in Indonesien durch die Geschichte des Nationalstaates bis in die Moderne zieht.

Neben brutaler physischer Gewalt existieren auch andere Formen der Gewaltausübung. So sprechen Gerichte ‚Recht’ häufig im Interesse von Regierungen, lokalen Eliten und Unternehmen. Aninna Aeberli gibt uns kritische Einblicke dazu, wie rassistische Narrative gegen ethnische Minderheiten im Bundestaat Sarawak in Malaysia bis heute Landraub legitimieren und die Betroffenen politisch, ökonomisch und sozial massiv unterdrücken.

Trang Vu setzt sich mit den Erfahrungen von Frauen auseinander, die von sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz betroffen sind. Das Beispiel zeigt, wie fehlende staatliche Schutzmechanismen und nicht ausreichende Gesetzgebung systemische Gewalt und Unterdrückung begünstigen können.

Es gibt jedoch eine Antwort auf staatliche Unterdrückung und die heißt: Solidarität und Widerstand. Wie beispielsweise Gewerkschafter*innen sich gegen ausbeuterische Unternehmen mit Streiks zur Wehr setzen, erfahrt ihr von unserer Autorin Trisha Adelia.

Diese und weitere Artikel mit verschiedensten Blickwinkeln auf Rassismus und staatliche Gewalt stellen wir in der in den nächsten drei Monaten fortlaufenden Ausgabe für euch zusammen. Wir wünschen eine erkenntnisreiche Lektüre und weisen zudem auf die danach folgende Ausgabe 1/2022 der südostasien hin. Zum Thema Zeitgenössische Kunst in Südostasien können potenzielle Autor*innen noch Artikel einreichen. Hier geht’s zum Call for Papers.

Das Redaktionsteam

zur Ausgabe

  • Artikel


Der Autor


Robin Eberhardt hat Südostasienwissenschaften und Politik an der Uni Hamburg studiert und dann einige Jahre in Phnom Penh für verschiedene englischsprachige Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Seit seiner Rückkehr nach Deutschland ist er als freier Journalist und wissenschaftlicher Lektor tätig. Sein Fokus liegt auf Kambodschas neuer Geschichte und Politik sowie dem tagesaktuellen Geschehen auf dem südostasiatischen Festland.

  • Südostasien, Gewalt, Repression

    Repressionen zur Durchsetzung von Staatlichkeit

    Südostasien – Die Übernahme der europäischen Idee des Staates führt in den Ländern des südostasiatischen Festlandes zu Gewalt der Herrscher gegenüber ihren Bürgern. Im Interview erläutert der Südostasienwissenschaftler Boike Rehbein die historischen Hintergründe.

  • Vietnam, Hörspiel, Atlas

    Globale Machtverhältnisse und rassistische Ausgrenzung

    Deutschland/Vietnam – Das preisgekrönte Hörspiel „Atlas“ erzählt von drei Generationen vietnamesischer Frauen. Thematisiert werden die Flucht vor staatlicher Gewalt, Arbeitsmigration und die Suche nach der eigenen Familiengeschichte.

  • Artikel


Der Autor


Dominik Hofzumahaus ist Südostasienwissenschaftler mit Schwerpunkt auf den Beziehungen zwischen China und Südostasien. Dabei beschäftigt er sich besonders mit den Auswirkungen der Belt- and Road-Initiative auf die Region.

  • Thailand Faiyen Exil Interview

    Der Funke, der nicht erlischt

    Thailand – Die aktivistische Band Faiyen agiert seit dem Militärputsch 2014 aus dem politischen Exil – erst in Laos und seit 2019 in Frankreich. Im Interview mit der südostasien berichten sie über ihre Musik als Protestmittel, ihre Zeit im Exil, und warum sie nicht bereit sind, aufzugeben.

  • Artikel


Der Autor


Simon Kaack absolviert seinen Master in Human Rights Studies an der Universität Lund. Besonderen Fokus legt er in seinem Studium auf die Institutionalisierung der ASEAN sowie auf Kambodscha und Myanmar. Zudem ist er Mitglied der ASEAN Youth Organization Germany

  • Amy Lee Sanford, Kambodscha, Kunst

    Kunst als Prozess gemeinschaftlicher Heilung

    Kambodscha – Viele kambodschanische US-Amerikaner*innen teilen Fluchterfahrungen und Traumata. Amy Lee Sanford adressiert diese mit ihrer Kunst und versucht so, gemeinsame Heilungsprozesse anzustoßen.

  • Kambodscha, Kunst, Leang Seckon

    “Zur Schönheit zurückkehren”

    Kambodscha – In seinen Werken verarbeitet Leang Seckon persönliche Erinnerungen sowie historische und aktuelle Ereignisse. Die Umwelt sei Zeuge von Verbrechen, die ideologische und globale Ursachen hätten, sagt er im Interview.

  • Indonesien China Rassismus

    „Die Bedrohung bleibt bestehen“

    Indonesien – Die Ausschreitungen gegen ethnische Chines*innen im Jahr 1998 schockierten Menschen auf der ganzen Welt. Von der vorkolonialen Zeit bis zum unabhängigen Indonesien gab es immer wieder Fälle von anti-chinesischer Gewalt.

  • Repressive Polizeiprogramme - made in the USA

    Repressive Polizeiprogramme – made in the USA

    Südostasien – Viele Missstände in den Polizei- und Sicherheitsapparaten Südostasiens gehen auf ausländische Einflussnahme zurück. Die USA betrieben, vor allem im Rahmen des Kalten Krieges, aggressive und repressive Sicherheitskooperationen, oft getarnt als Entwicklungszusammenarbeit.

  • Zwischen den Stühlen: Kambodschas Diplomatie

    Zwischen den Stühlen: Kambodschas Diplomatie

    Kambodscha – Der große chinesische Einfluss auf das Königreich ist bekannt. Doch auch die Anrainerstaaten und das Erbe der Roten Khmer beeinflussen Kambodschas Außenpolitik stark, wie der Politikwissenschaftler Sovinda Po im Interview berichtet.

  • Artikel


Die Autorin

Kathrin Spenna ist Südostasienwissenschaftlerin und Vorstandsmitglied des philippinenbuero e.V.

  • Mit Kugeln gegen das Virus

    Mit Kugeln gegen das Virus

    Philippinen – Die Corona-Pandemie wird auf den Philippinen hauptsächlich mit Einschüchterung und Waffengewalt ‚bekämpft’. Die Arte-Reportage „Dutertes Methoden im Schatten des Virus“ gibt einen Überblick.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz