1 | 2026

Die verbindende Kraft des Lulik

Die Ältesten der Familie besprechen die Rituale über Dutzenden von Körben mit Opfergaben. © Nicholas Bernardo

Timor-Leste: Nicholas Bernardo berichtet von familiären Ritualen, die auf Jahrhunderte alten indigenen Traditionen beruhen.

Bei einem Besuch in Suco Lebos, einer kleinen Gemeinde in Timor-Leste, aus der meine Familie stammt, versammelten wir uns zu einem Ritual, um unsere Vorfahren um Rat zu bitten. Ein Schwein wurde geopfert, seine Leber gedeutet und Kalkpulver verwendet, um ihre Botschaften zu interpretieren. Für manche mag dies wie eine überholte Tradition erscheinen. Ich kann es aber auch so verstehen, dass die timoresische Kultur nicht nur vergangene Historie ist, sondern seit Generationen weitergegeben wurde und bis heute in den Familien bewahrt wird.

Kurze Geschichte der Identität von Timor-Leste

Timor-Leste wird oft mit der Geschichte von Kolonialisierung, Besetzung und Kampf um die Unabhängigkeit in Verbindung gebracht. Doch seine Identität entstand schon lange zuvor. Hinter der Geschichte der Fremdherrschaft verbirgt sich eine viel ältere Geschichte von Migration in alten Zeiten, von sakralem Land, Verwandtschaftsbeziehungen, Handel und einer starken kulturellen Identität.

Die komplexe Migration der Papua und die austronesische Ausbreitung früher Siedlungen in Timor lassen sich noch heute anhand der Sprachen erkennen, die in Timor gesprochen werden. Tetun zum Beispiel ist eine auf dem Austronesischen basierende Sprache, die sich über Generationen hinweg entwickelt hat. Nach wie vor bildet sie die wichtigste gemeinsame Alltagssprache in Timor-Leste. Daneben wachsen viele Timoresen auch mit lokalen Sprachen auf. Einige davon sind austronesisch wie Mambae und Kemak, während andere papuanisch sind, wie Bunak, Fataluku und Makasae.

Sprachen bestehen fort

Meine Familie in Suco Lebos ist traditionell mit der Bunak-Sprache verbunden. Einige ältere Verwandte sprechen noch Bunak zuhause, während viele jüngere Verwandte, wie ich, oft mehrsprachig aufgewachsen sind. Sie nutzen Tetun im Alltag, Portugiesisch in der Schule sowie Indonesisch und Englisch in den Medien. Auch wenn die jüngeren Generationen die lokalen Sprachen nicht immer fließend sprechen, werden sie dennoch durch Familie, Gemeinden, Rituale und kulturelles Gedächtnis weitergegeben. Die Sprachen bestehen fort und leben in der modernen timoresischen Gesellschaft weiter.

Uma Lulik in Uani Uma, Timor-Leste © Isabel Nolasco, Wikimedia Commons

Zwar hat sich die Denkweise der Timoresen in der modernen Zeit verändert. Doch die starke Beständigkeit unserer kulturellen Identität gegenüber fremden Mächten und Einflüssen ermöglicht es den jüngeren Generationen von Timoresen, mich eingeschlossen, unsere Wurzeln zu verstehen und unsere timoresische Identität zu ergründen.

Lulik, die Grundlage der timoresischen Kultur

Ab etwa 3000 v. Chr. ließen sich verschiedene Bevölkerungsgruppen in Timor nieder und besiedelten das Land. Der genaue Zeitraum der Entstehung der Uma Lulik (der traditionellen Reliquienhäuser) ist nach Ansicht von Historikern ungewiss. Doch diese heiligen Häuser wurden für die neu zugewanderten Gemeinschaften zu einem Mittelpunkt der Erinnerung und der Zugehörigkeit. Sie dienten als Orte ritueller Autorität und verbanden eine Gemeinschaft mit ihren Vorfahren. Die Bewahrung von mündlichen Überlieferungen, sakralen Gegenstände und Ahnenritualen stärkte die Verbindung einer Familie zum Land und half, die Ansprüche darauf zu begründen.

Die Gemeinschaften betrachteten Land nicht als Territorium, das man besitzen konnte, sondern als etwas Heiliges, das es zu ehren galt. Dies kam in den Uma Lulik zum Ausdruck, die die umfassende Weltanschauung des Lulik verkörperten.

Lulik ist in der timoresischen Tradition der Dreh- und Angelpunkt für Identität, Moral und Stärke. Lulik umfasst Ideen von spiritueller Kraft, Tabu, moralischer Ordnung, Ahnen und den Beziehungen zwischen Menschen, Land und Geistern. Lulik begründet Land nicht als Eigentum, Ahnen nicht nur als Erinnerungen und Häuser nicht einfach als Gebäude. Lulik versteht alles als Teil einer moralischen und spirituellen Ordnung, die die Lebenden, die Toten und die Natur miteinander verbindet. Die Idee von Lulik diente als sakrale Grundlage der vorkolonialen timoresischen Gesellschaft, aber sie existiert auch heute noch in unserem täglichen Leben, in Ritualen und im Umgang mit der Natur.

Gegenstände, insbesondere solche, die als Familienerbstücke über Generationen weitergegeben wurden, können ebenfalls Lulik sein, in dem Sinne, dass sie überlieferte Bedeutungen oder spirituelle Kraft in sich tragen. Diese Gegenstände können in Ritualen mit Opfergaben, Gebeten und Tieropfern verwendet werden, um die Ahnen zu ehren, um Schutz zu erbitten, Streitigkeiten zu lösen oder wichtige Lebensereignisse hervorzuheben.

Meine Familie und unsere Luliks

In meiner Familie besitzen wir geflochtene Körbe, Schwerter (Surik) und Tais (traditionelle handgewebte Tücher), die über Generationen weitergegeben wurden. Diese Gegenstände sind dunkel, von Rauch geschwärzt und seit Generationen in unserem Uma Lulik aufbewahrt. In der timoresischen Tradition symbolisieren schwarze Gegenstände Stärke, Schutz, Sicherheit und Männlichkeit.

Unser Familienritual, um die Ahnen um Rat zu bitten. Ein schwarzer Korb steht auf einem Latafik (flachen Korb) und enthält Utensilien aus Bambus. Diese Lulik-Gegenstände werden beim Ritual zum Mischen von Reis benutzt, der zusammen mit Betelblättern als Opfergabe verwendet wird. © Nicholas Bernardo

Meine Familie hat ihre Wurzeln in Lebos, einem Suco (einer kleinen lokalen Gemeinschaft) in der Gemeinde Bobonaro nahe Maliana im Westen von Timor-Leste. Die Gegend ist eng mit dem Volk der Bunak verbunden, einer der ethnolinguistischen Gruppen in Timor-Leste, deren Sprache und Traditionen sich aus der papuanisch geprägten Migration entwickelt haben.

Matrilineare Tradition von Suco Lebos

Diese Verbindung zu Lebos ist nicht nur historischer Natur, sondern für mich auch sehr persönlich. Meine Familie führt ihre Abstammung auf die erste Generation der Familie Bernardo in Lebos zurück, und zwar über Dom Candido Bernardo, einen Liurai (lokalen Führer), der 1948 von den Portugiesen zum Oberhaupt von Lebos ernannt wurde. Er heiratete eine Frau namens Veronica Fàtima Silveira, die aus Suco Lebos stammte.

Suco Lebos Gesellschaftssystem ist matrilinear ausgerichtet, weshalb Erbschaft und rituelle Zugehörigkeit stark mit Frauen verbunden ist. Dieses matrilineare System in Suco Lebo ist etwas Besonderes in Timor-Leste und im Vergleich zu anderen Sucos einzigartig. Auch wenn mein Ururgroßvater den Suco Lebos regierte und leitete, wird jegliches Erbe immer nur mütterlicherseits weitergegeben.

Suco Lebos Gesellschaftssystem ist matrilinear ausgerichtet, weshalb Erbschaft und rituelle Zugehörigkeit stark mit Frauen verbunden ist. Dieses matrilineare System in Suco Lebo ist etwas Besonderes in Timor-Leste und im Vergleich zu anderen Sucos einzigartig. Auch wenn mein Ururgroßvater den Suco Lebos regierte und leitete, wird jegliches Erbe immer nur mütterlicherseits weitergegeben.

Die portugiesische Kolonialherrschaft hat die politische Ordnung durch die Ernennung lokaler Führer wie die Liurai neugestaltet, doch sie hat die bestehenden älteren Systeme nicht ausgelöscht. Die Traditionen von Lulik und Ehrfurcht vor den Ahnen sind nicht bloße Relikte aus der Vergangenheit, sondern prägen in vielen Familien weiterhin das Verständnis von Identität, Verantwortung und Verbundenheit zum Land. An Orten wie Lebos bestimmen die Verbindungen zu den Vorfahren, die matrilineare Identität und Lulik weiterhin die Art und Weise, wie die Gemeinschaft miteinander umgeht und ermöglichen es meiner Familie, ihre Bindung durch Rituale zu stärken.

Kommunikation mit unseren Vorfahren

Nach timoresischem Glauben werden diese Rituale durchgeführt, um die Harmonie zwischen den Lebenden und jenen Vorfahren zu bewahren, von denen man glaubt, dass sie das Familien- und Gemeinschaftsleben weiterhin beschützen, leiten und beeinflussen. Den Altar dafür gibt es schon seit Generationen und er dient bis heute als Ort für Familienrituale. Als ich dort stand und das Ritual beobachtete, spürte ich die familiären Bindungen durch dieses Zusammensein. Die Ältesten leiteten das Ritual, die Männer opferten die Tiere, die Frauen bereiteten das Essen zu und erledigten Besorgungen. Die Kinder halfen mit oder lauschten den mündlich überlieferten Geschichten über unsere Familie. Rituale sind nicht nur etwa Spirituelles, sondern sie verbinden die Familie, indem sie die seit Jahrhunderten bestehenden Traditionen und Kulturen bewahren.

Älteste in Suco Lebos interpretieren Schweineleber und Kalksteinpulver, um Rat von den Vorfahren zu erhalten. © Nicholas Bernardo

Durch die Traditionen in meiner Familie in Lebos wird die timoresische Kultur mehr als nur eine nationale Historie. Sie wird zu etwas Persönlichem durch die Geschichten, Rituale und Gegenstände meiner Vorfahren. Von der Migration in alten Zeiten über die Uma Luliks bis hin zur Familie Bernardo und schließlich zu dem Ritual, das ich miterlebt habe, zeigt die timoresische Identität ihre Stärke durch Kontinuität. Kolonialisierung, Besatzung und moderner Wandel mögen Timor-Leste neu geformt haben, aber sie haben die tieferen Wurzeln nicht ausgelöscht, die das Volk zusammenhalten. Für mich beginnt das Verständnis von Timor mit der Geschichte, doch es wird durch die Familie lebendig. In Lebos, durch Lulik und das Vermächtnis der Tradition beginne ich zu verstehen, woher ich komme.

Übersetzung aus dem Englischen: Norbert Schnorbach

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Autor:in

  • Nicholas Bernardo lebt als timoresisch-indonesischer Student derzeit in Deutschland und schreibt aus einer persönlichen Perspektive tagebuchartig über Kultur, Identität und Erbe. Aufgewachsen zwischen verschiedenen Kulturen erkundet er, woher er stammt und was es bedeutet, die timoresischen Wurzeln über Grenzen hinweg mit sich zu tragen. Mittels Familiengeschichten, Erinnerungen und eigenen Erfahrungen führt sein Schreiben zum Verständnis für die Traditionen, Landschaften und Menschen, die Timor-Leste mit ihm persönlich verbinden.

Nicholas Bernardo

Nicholas Bernardo lebt als timoresisch-indonesischer Student derzeit in Deutschland und schreibt aus einer persönlichen Perspektive tagebuchartig über Kultur, Identität und Erbe. Aufgewachsen zwischen verschiedenen Kulturen erkundet er, woher er stammt und was es bedeutet, die timoresischen Wurzeln über Grenzen hinweg mit sich zu tragen. Mittels Familiengeschichten, Erinnerungen und eigenen Erfahrungen führt sein Schreiben zum Verständnis für die Traditionen, Landschaften und Menschen, die Timor-Leste mit ihm persönlich verbinden.

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