2 | 2026, Rezensionen,
Autor*in:

Die Geschichte hinter Plastik: Wer trägt die Verantwortung?

Plastik, Film, Rezension

Screenshot © Pale Blue Dot Media 2019

Menschen und Umwelt leiden, wenige profitieren: Die Doku „The Story of Plastic” beleuchtet die Ursachen der globalen Plastikmüllkrise

„Today will be a better day for a lot of people, simply because of a material we call plastic”, sagt eine Werbestimme aus dem Off (dt.: Heute wird für viele Menschen ein besser Tag sein, einfach wegen eines Materials, das wir Plastik nennen). Auf dem Bildschirm sieht man währenddessen Personen, die in Plastikmüllbergen graben. Die ersten Sequenzen des preisgekrönten Films „The Story of Plastic“ (dt.: Die Geschichte des Plastik) der US-amerikanischen Dokumentarfilmerin Deia Schlosberg von 2019 erzielen Wirkung. Sie zeigen eindrücklich den Wandel des einst vermeintlichen Wundermaterials hin zu einem Umweltproblem nie dagewesenen Ausmaßes. Der Schnitt wechselt von nostalgisch wirkenden Werbeclips, die die Fortschrittlichkeit von Plastik loben, hin zu Szenen starker Umweltverschmutzung. Damit gibt Schlosberg bereits einen Hinweis auf die Kernaussage ihrer Dokumentation: Plastik ist kein isoliertes Abfallproblem einzelner Personengruppen oder Orte. Vielmehr ist die Plastikmüllkrise das Ergebnis weltweiter politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen und Entwicklungen.

Globale Zusammenhänge der Plastikproduktion

Schlosberg begleitet unterschiedliche Akteur:innen entlang der globalen Wertschöpfungskette von Kunststoff. Zu Wort kommen Umweltorganisationen, Bürgerinitiativen und direkt Betroffene – etwa Anwohner:innen, deren Straßen in direkter Nähe zu einer Müllverbrennungsanlage liegen. Die Dokumentation begleitet ihre Protagonist:innen zu Fracking-Anlagen in den USA sowie zu Müllhalden und Recyclinganlagen in Indien und Ländern Südostasiens (Fracking: Methode zur Förderung von Erdgas und Erdöl aus tiefen Gesteinsschichten. Fracking ist mit erheblichen Umweltrisiken und Umweltzerstörung verbunden). So vermittelt der Film ein vollständiges Bild der globalen Plastikwertschöpfungskette und ihrer Folgen. „Die Plastikkrise beginnt nicht erst, wenn das Plastik ins Meer gelangt“, sagt etwa Carroll Muffet, Geschäftsführer der Stiftung für internationales Umweltrecht (Foundation for International Law for the Environmental) im Film. „Sie beginnt bereits, wenn das Öl und das Gas die Bohrlochquelle verlassen: Und sie bleibt auf jedem Schritt dieses Weges ein Problem“, sagt Muffet.

Plastikmüll: nur ein Problem schlechter Entsorgung?

Plastik, Film, Rezension

Filmplakat „The Story of Plastic“. Screenshot © Pale Blue Dot Media 2019

Plastikhersteller haben sich lange aus der Verantwortung gezogen, wenn es um die langfristigen Umweltfolgen ihrer Produkte ging. Die Unternehmen verbreiteten die Idee, Plastikmüll und Umweltverschmutzung seien die Folge schlechten Abfallmanagements. Der Film zeigt ein anderes Bild: Dokumentarfilmerin Schlosberg zeichnet nach, dass die weltweite Plastikkrise eng verbunden ist mit einem Wirtschaftssystem, dass auf stetiges Wachstum setzt. Unternehmen sollen immer mehr Kunststoff produzieren. Denn: Die meisten Kunststoffe bestehen aus fossilen Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas. Somit haben mächtige Industrien, wie Öl- und Gasfirmen, ein grundlegendes Interesse an einer hohen Plastikproduktion und -nachfrage. Zunehmende Umweltverschmutzung und Müllberge sind die Folge, für die weder die Produzenten noch die Rohstofflieferanten Verantwortung übernehmen.

Die angebliche Wunderwaffe: Recycling

Weltweit kämpfen Länder mit den Ausmaßen der Plastikmüll-Krise. Recycling gilt als Lösung für das Müllproblem. Praktisch, denn falls das zutrifft, könnten Unternehmen weiter Plastik produzieren und Verbraucher:innen weiter Plastik konsumieren. Stark vereinfacht würde es bedeuten: Wer den Müll korrekt trennt, löst das Problem. Schuld an der Müllkrise haben in dieser Logik diejenigen Verbraucher:innen oder Ländern, bei denen alles in einem Müllsack oder gar auf der Straße landet.

Schlosberg deckt hingegen auf, dass es nicht ausreicht, das Plastikproblem mit Recycling zu bekämpfen. Nicht nur ist Recycling mit enormen Kosten verbunden, und die tragen meist nicht die Hersteller. Das größere Problem ist: Ein Großteil des Plastiks kann gar nicht recycelt werden. Tiza Mafira, eine Aktivistin aus Indonesien, sagt:

„Viele der Einwegkunststoffe, die unseren Planeten verschmutzen, werden nur ein einziges Mal verwendet und bleiben dann für immer bestehen. Sie bestehen aus einem Material, das praktisch ewig hält. (…) Was mich am meisten frustriert ist, dass die Industrie die Vorstellung verbreitet, dies alles sei lediglich eine Folge schlechten Abfallmanagements. Nach dem Motto: Der Müll ist nur deshalb da, weil die Regierungen nicht genug Geld in eine ordnungsgemäße Abfallwirtschaft investieren. Doch damit lenken sie von der eigentlichen Wahrheit ab. Die Wahrheit ist, dass es keine Möglichkeit gibt, diese Abfallmengen wirklich zu bewältigen. Dieses System ist gar nicht darauf ausgelegt, bewältigt zu werden.“

Vom Recycling zum Reduzieren

„The Story of Plastic“ zeigt so, dass die Müllkrise auch eine Krise struktureller Ungleichheit ist: Auf der einen Seite die Unternehmen, die von der steigende Produktion profitieren. Auf der anderen Seite die Gemeinschaften überall auf der Welt, die mit den Folgen der Vermüllung leben müssen. Wer die Plastikkrise lösen will, muss deshalb auch Fragen der Umweltgerechtigkeit im Blick behalten. Die Dokumentation hilft dabei, indem sie zeigt, wie eng ökologische Probleme mit wirtschaftlichen und politischen Interessen verflochten sind.

Der Film fordert: Politische Debatten müssen dazu führen, dass Unternehmen weniger Plastik, insbesondere weniger Einwegplastik produzieren. Umweltrechts-Experte Muffet sagt direkt an die Zuschauer:innen gewandt in die Kamera: „(…) setzen Sie sich dafür ein, die Subventionen für fossile Brennstoffe abzuschaffen. Machen Sie die Unternehmen für die Auswirkungen ihrer Produkte über den gesamten Lebenszyklus hinweg verantwortlich.“

Plastik, Film, Rezension

Tiza Mafira, auf dem Ci Liwag Fluss entlang des vermüllten Flussufers. Screenshot © Pale Blue Dot Media 2019

Das Statement des Films ist klar: Die Ursache des Problems liegt nicht in den Müllbergen am Straßenrand. Verantwortlich sind Entscheidungsträger:innen in Wirtschaft und Politik, deren Prioritäten die Plastikkrise verstärken. Sie müssten selbst Verantwortung übernehmen oder die Profiteur:innen zur Verantwortung ziehen. Denn nur gemeinsam können Manager:innen, Politiker:innen, Verbraucher:innen, Aktivist:innen, Expert:innen und direkt Betroffenen die Plastikkrise bewältigen.

„The Story of Plastic“ ist ein politisches Statement

Die Stärke des Films liegt in seiner konsequent globalen Perspektive. Schlosberg legt den Fokus nicht auf das Offensichtliche – die Umweltverschmutzung durch Plastikmüll. Stattdessen zeigt sie dem Publikum die Ursachen der Plastikverschmutzung und die Entwicklung hin zu einer veritablen Plastikmüllkrise. Der Film behandelt mehr als nur Müll. Er zeigt die Folgen eines weltweiten Wirtschaftssystems, von dem wenige Mächtige profitieren, während viele unter den Folgen leiden.

Kritisch anzumerken ist der einseitige Schwerpunkt des Films, denn es geht vor allem um Einwegplastik. Es finden kaum Stimmen aus der Plastikindustrie Gehör, was argumentativ einseitig wirken könnte. Schlosberg verzichtet auf Marketing-, Lobby- und Branchenverbände aus der Plastikindustrie. Es geht ihr nicht darum, unterschiedliche Sichtweisen in ausgewogenem Verhältnis zu erfassen. Der Vorteil: Auf diese Weise gelingt ihr eine Darstellung, die inhaltlich stark verdichtet und in die Tiefe geht. Sie legt den Fokus auf das Problem und lässt keine Relativierung zu. Dem Publikum gibt sie so die Chance, tief in die Materie einzutauchen und das Ausmaß der Plastikverschmutzung zu verstehen. Ihr Film ist deshalb durchaus auch als politisches Statement zu verstehen.

Die Dokumentation ist mit Untertiteln in bis zu 30 Sprachen einem internationalem Publikum zugänglich. Besonders für Menschen, die sich mit Themen der nachhaltigen Entwicklung und mit globalen Zusammenhängen von Umweltverschmutzungen beschäftigen wollen, bietet die Dokumentation interessante Denkanstöße.

Rezension zu: The Story of Plastic. Regie: Deia Schlosberg. 2019. 95 min. Pale Blue Dot Media

Autor:in

  • Kathrin Stopp studiert im Master Interkulturelle Kommunikation und Bildung an der Universität zu Köln. Davor absolvierte sie ihren Bachelor in Ethnologie mit dem Schwerpunkt auf Südostasien in Heidelberg und verbrachte einige Zeit in Indonesien.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz