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„Der Wald ist unser Zuhause“

Indonesien, unkontaktierte Völker, Bergbau

Ngigoro (hier in Berlin) machte während seiner Reise nach Europa auf die Folgen des Nickelabbaus in Halmahera (Indonesien) aufmerksam. © Survivak International

Indonesien: Ngigoro, Angehöriger der Hongana Manyawa, spricht über das Leben im Wald, Nickelbergbau und die Bedeutung indigener Selbstbestimmung.

Ngigoro gehört den Hongana Manyawa an, einem indigenen Volk, das auf der indonesischen Insel Halmahera lebt. Er wurde vor rund 60 Jahren im Regenwald geboren, wo er mit seiner Gemeinschaft ohne Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft lebte (siehe Infobox: Unkontaktierte Völker). Ngigoro wuchs im Wald auf, wo seine Gemeinschaft jagte, Früchte sammelte, Unterkünfte aus Ästen baute und Pflanzen für medizinische Zwecke nutzte. Dabei spielt der Respekt gegenüber der Natur eine große Rolle. Ihr Wissen über die schonende Nutzung ihres Landes geben die Hongana Manyawa von Generation zu Generation weiter. Bis heute prägt dieses Wissen Ngigoros Verantwortungsbewusstsein für sein Land.

Im Winter 2025 reiste Ngigoro erstmals nach Europa, um Unternehmen und Regierungen auf die Folgen des Nickelbergbaus auf dem Gebiet der Hongana Manyawa aufmerksam zu machen. In diesem Interview spricht er über das Leben im Regenwald, über indigene Wissenssysteme und den Kampf für Selbstbestimmung. Denn das Verhältnis der Hongana Manyawa zu ihrem Land gründet auf einem Wissen, das praktisch, kulturell und spirituell zugleich ist, und das der Logik des extraktiven Rohstoffabbaus grundlegend widerspricht.

südostasien: Ngigoro, du bist bis nach Europa gereist, um für die Rechte der Hongana Manyawa einzutreten. Was war der Grund für diesen Schritt?

Ngigoro: Ich muss mich gegen den Bergbau und die Zerstörung wehren. Ein Bergbauunternehmen will uns auslöschen. Wir lebten im Wald von Halmahera und waren dort wirklich sicher, es gab keine Probleme. Wir haben den Wald nie verlassen, aber wir waren sicher. Jetzt gibt es jedoch so viele Probleme im Wald. Ich bin den ganzen Weg gekommen, um zu fordern, den Bergbau zu stoppen.

Unkontaktierte Völker

Der Begriff unkontaktierte Völker beschreibt indigene Völker, die den Kontakt zur Außenwelt bewusst ablehnen. Einige dieser Völker sind vollständig unkontaktiert, darunter die Sentinelesen in Indien. Andere Völker, wie die Hongana Manyawa, haben kontaktierte und unkontaktierte Gruppen. Die unkontaktierten Hongana Manyawa umfassen etwa 500 Menschen und bilden damit eine der größten unkontaktierten Gruppen weltweit.

Unkontaktierte Völker wissen, dass um sie herum andere Menschen leben, entscheiden sich jedoch aktiv und immer wieder gegen den Kontakt. Diese Entscheidung beruht oft auf Erfahrungen von Übergriffen und Gewalt. Sie ist Ausdruck ihres Rechts auf Selbstbestimmung sowie ein Mittel, ihre Lebensweise und ihr Land zu bewahren.

Survival International geht von weltweit mindestens 196 unkontaktierten Völkern und Gruppen aus. Alle von ihnen sind Bedrohungen wie Abholzung, Bergbau oder Zwangsmissionierung ausgesetzt.

Es gibt keinen unproblematischen Begriff, um unkontaktierte Völker zu beschreiben. Die meisten Bezeichnungen haben die ‚Außenwelt‘ als Bezugspunkt oder sie verschleiern Bedrohungen, die die Wahl, unkontaktiert zu leben, beeinflussen. Survival International nutzt in der Regel den weitverbreiteten Begriff „unkontaktiert“. Dass es überhaupt einen Begriff gibt, hängt mit der besonderen Situation dieser Gruppen zusammen. Beispielsweise haben sie ein Recht auf Schutz vor Zwangskontakt, das sich aus fatalen Erfahrungen der Vergangenheit ergeben hat: Im brasilianischen Amazonasgebiet starben Studien zufolge mehr als 80 Prozent der Angehörigen unkontaktierter Völker nach dem Erstkontakt mit Menschen aus der ‚Außenwelt‘ an Krankheiten wie Grippe oder Masern.

Der erste umfassende Bericht zur Lage unkontaktierter Völker erschien im Oktober 2025 und ist auf www.unkontaktiert.de verfügbar.

Kannst du uns etwas vom Leben im Wald und von deiner Kindheit erzählen?

Als wir klein waren, drehte sich unser Leben ums Spielen. Meine Geschwister, Freunde und ich kletterten auf Bäume, schwammen in den Flüssen und suchten nach Garnelen und Fischen. In der Sprache der Hongana Manyawa nennen wir das o’dongiri – Fischen für unser Leben.

Indonesien, unkontaktierte Völker, Bergbau

Der Wald war ein sicherer Ort für die Hongana Manyawa – bis das Bergbauunternehmen kam. © Survival International

Als ich älter wurde, ging ich mit meinem Vater auf die Jagd. Wenn wir jagten, lehrten uns unsere Eltern, wie man es richtig macht. Jagen war unser Lebensweg, wir jagten in Flüssen und auf Hügeln. Dort jagten wir Hirsche und Wildschweine. Alles wurde uns von unseren Eltern beigebracht. Wir benutzten einen Bogen und schossen damit. Danach schnitten wir das Fleisch in Stücke und füllten es in Bambus. Wir kochen damit, das nennen wir o’tiba. Seit Anbeginn unserer Existenz kochen wir nur damit.

Bambus ist für die Hongana Manyawa von zentraler Bedeutung, er ist Teil unseres Lebens. Für die Hongana Manyawa bedeutet das: Wenn man Wasser kochen oder Fleisch zubereiten will, nutzt man Bambus und nichts anderes. Wir pflanzen auch selber Bambus, denn ein wesentlicher Teil des Lebens der Hongana Manyawa ist untrennbar mit dem Bambus verbunden. Bambus hat viele Vorteile. Wir verwenden ihn auch zum Hausbau oder für Körbe.

Welche Sicht auf Umwelt, Menschen und Leben ist für dich als Hongana Manyawa wichtig?

Bei uns Hongana Manyawa gibt es eine Geschichte, nach der wir zu den ältesten Menschen der Welt gehören. Das ist Teil unseres Verständnisses von Wirklichkeit. Niemand darf unsere Orte stören; sie wurden von den Hongana Manyawa geschaffen. In unserer Geschichte sprechen wir von sieben Generationen, daher darf dieses Land nicht infrage gestellt werden.

Für die Hongana Manyawa gibt es nur wenige grundlegende Regeln: den Wald schützen, bewahren, wiederherstellen und nicht zerstören. Für mich und die unkontaktierten Hongana Manyawa, die weiterhin im Wald leben, sind dies die vier Prinzipien, nach denen wir den Wald erhalten. Wir müssen den Wald verteidigen; er darf nicht gestört oder zerstört werden, denn wir als Hüter des Waldes teilen dasselbe Blut mit ihm. Der Wald ist unser Leben.

Die unkontaktierten Hongana Manyawa dürfen nicht das gleiche Schicksal erleiden wie ich. Bevor weiterer Bergbau auf ihrem Gebiet beginnt, wiederhole ich: Sie dürfen durch diese Projekte nicht von ihrem Land vertrieben werden.

Dass der Wald Lebensgrundlage ist, ist leicht verständlich. Aber was bedeutet es, wenn du sagst, die Hongana Manyawa teilen ihr Blut mit dem Wald?

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Ngigoro spricht bei einer Protestaktion vor der Zentrale von Eramet in Paris, das auf dem Land seines Volkes die größte Nickelmine der Welt betreibt. © Survival International

Oft legen wir die Körper unserer Verstorbenen in die größten Bäume. Nach einigen Jahren nehmen wir den Körper wieder herunter und begraben ihn. Wir suchen einen großen Baum und bestatten die Knochen dort. Die großen Bäume sind ein Zeichen, dass hier ein Grab der Hongana Manyawa ist. Dieser Ort ist Teil unseres Landes, des Landes der Hongana Manyawa. Er ist ein Zeugnis unserer Anwesenheit. Ich kann nicht verstehen, wie die Nickelunternehmen uns vertreiben können, wenn diese Knochen als heiliger Bund im Wald begraben wurden.

Dies ist unser Zuhause. Wir sind eins mit dem Wald. Von meinem Vater, von Generation zu Generation wurde uns gesagt: „Dies ist euer Land“. Wie können andere uns einfach vertreiben? Ich bin überzeugt: Das darf nicht geschehen.

Warum musstest du dein Land verlassen? Was ist passiert?

1970 oder 1971 starb mein Vater. 1972, nach seinem Tod, suchte meine Mutter einen Weg zur Küste. Schließlich kamen wir nach Lelilef. Dort blieben wir bei den Geschwistern meiner Mutter, deren Name Cecaki war. Nach einer Woche holten uns Verwandte aus Fritu. Wir nahmen ein Kanu und ruderten. Mein ganzes Leben im Wald lang war jedes Wasser – ob klein oder groß – ein Fluss gewesen. Als wir dann an die Küste kamen, trank ich Meerwasser. Da sagte ich: „Mutter, was ist das? Dieses Wasser ist anders!“ Meine Mutter sagte: „Oh, das ist kein Trinkwasser! Das ist Meerwasser!“

Das ist die Geschichte meines Lebens, aber heute fühle ich mich gequält. Als der Bergbau auf unser Land kam, dachte ich an unser Land und entschied: Egal was passiert, dies ist unser Zuhause, auf dem wir immer gelebt haben. Ich werde gegen diesen Bergbau und jeden neuen Bergbau kämpfen. Als die Mine eröffnet wurde, zerstörten sie die Natur, die die Hongana Manyawa zum Überleben brauchen.

Als der Bergbau auf unser Gebiet kam, übernahmen wir weiterhin Verantwortung für dieses Land und schützten es. Doch vier heilige Gräber unserer Ahnen wurden bereits zerstört: Rupia, Tutumu, Wiwo und Bakoro. Diese vier Gräber wurden von dem Unternehmen Weda Bay Nickel zerstört.

Ich empfinde Mitgefühl für mich und meine Cousins Bokumu und Nuhu. Dieses Gebiet ist unser Zuhause, und mein Onkel Mustika ließ uns versprechen, dieses Land niemals zu verlassen, weil es unser Mutterland und unsere Lebensgrundlage ist.

Nickelbergbau auf Halmahera

In den letzten Jahren wurde Indonesien zum größten Nickelproduzenten der Welt. Eine nationale Strategie soll Wohlstand bringen und vom globalen Elektroauto-Boom profitieren. Die zu den Molukken gehörende Insel Halmahera, ihre riesigen Nickelvorkommen und der dort befindliche Industriepark IWIP spielen dabei eine zentrale Rolle. Weda Bay Nickel – ein Joint-Venture zwischen dem französischen Bergbauunternehmen Eramet und dem chinesischen Stahlkonzern Tsingshan – betreibt dort die größte Nickelmine der Welt – viermal so groß wie Paris – und einen dazugehörigen Industriekomplex, in dem das Erz weiterverarbeitet wird.

Halmahera ist jedoch das angestammte Territorium der indigenen Hongana Manyawa und weiterer lokaler Gemeinschaften. Die meisten Dörfer befinden sich an der Küste, während die Hongana Manyawa vorrangig im Landesinneren leben – genau dort, wo sich auch die Bergbaukonzessionen befinden.

Seit der Bergbau 2019 begann, wurden große Teile des Waldes zerstört. Satellitenbilder belegen die Geschwindigkeit, mit der die Lebensgrundlage der Hongana Manyawa für Profitinteressen zerstört wird. Medienberichte und unabhängige Untersuchungen belegen, wie zerstörerisch die Industrietätigkeiten auf der Insel für die Menschen, aber auch das gesamte Ökosystem sind.

Auch das deutsche Chemieunternehmen BASF plante vor Ort eine Raffinerie zur Verarbeitung des Nickels. Survival International setzte sich mit einer Kampagne dagegen ein. 2024 gab BASF das Vorhaben auf.

Wenn du bestimmen könntest, was jetzt passiert, was würdest du dir wünschen?

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Die Nickelmine Weda Bay von Eramet auf dem Territorium der Hongana Manyawa auf der indonesischen Insel Halmahera. © Survival International

Ich bin der Meinung, dass Weda Bay Nickel seine Tätigkeit einstellen sollte, denn sie verursacht großes Leid für die Hongana Manyawa. Mehrere Menschen wurden inhaftiert, mein Cousin Nuhu starb im Gefängnis infolge der Machenschaften des Bergbauunternehmens. Die Hongana Manyawa haben bereits viele Opfer gebracht: Menschen, die zu Unrecht kriminalisiert und inhaftiert wurden, sowie andere, die durch die Auswirkungen des Bergbaus auf unserem Land Schaden erlitten haben.

Früher waren die Flüsse unversehrt und in gutem Zustand. Heute sind sie vollständig zerstört: Sie sind keine Flüsse mehr, sondern zugeschüttet für den Bergbau. Meine Brüder und Schwestern, die im Wald leben, können nichts dagegen tun. Ich empfinde großes Mitgefühl für sie. Ich hoffe, dass unsere Verbündeten auf der ganzen Welt uns dabei unterstützen, geltendes Recht durchzusetzen, damit das Unternehmen seine Aktivitäten beendet und die Hongana Manyawa wieder so leben können, wie sie es seit Generationen tun.

Was vermisst du am meisten am Wald deiner Kindheit?

Ich vermisse die Flüsse und die Hügel, als sie noch grün waren. Das ist es, was mir fehlt. Doch als der Bergbau kam, wurde alles schrecklich. Dort, wo die Hongana Manyawa leben, zerstört der Bergbau die Natur auf grausame Weise. Die Schönheit der Natur, die Schönheit des Lebens in Flüssen und Hügeln, ist verloren. Das macht mich traurig.

Das Gespräch führte das Team von Survival International in Berlin im Dezember 2025.

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Survival International ist eine globale Bewegung für die Rechte indigener Völker. Die Organisation setzt sich weltweit auch für die Rechte unkontaktierter Völker ein und kämpft seit Jahren mit den Hongana Manyawa gegen den zerstörerischen Nickelbergbau auf ihrem angestammten Land.

  • Indonesien, unkontaktierte Völker, Bergbau

    Indonesien – Ngigoro, Angehöriger der Hongana Manyawa, spricht über das Leben im Wald, Nickelbergbau und die Bedeutung indigener Selbstbestimmung

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