2 | 2026, Vietnam,
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Das Rückgrat des Recyclingsystems

Vietnam, Müll, Müllsammler

© Man Fong Wong, Creative Commons

Vietnam: Müllsammlerinnen haben raue Arbeitsbedingungen. Dabei ist ihre Arbeit wichtig für den Umweltschutz. 

„Für ein zivilisiertes Vietnam trotz Abfall“, so die Vision. Abfallumwandlung, so die Mission. Die Sprache, der sich das Kunststoffrecyclingunternehmen VietCycle bedient, ist eine sehr pathetische: „Abfall wird oft als ‚Sünder der Umweltverschmutzung‘ bezeichnet, da ihm – anders als allem anderen im Universum – keine Wiedergeburt zuteilwurde. Er muss gerettet werden, er braucht einen Wandel im menschlichen Bewusstsein.“

64 Prozent vietnamesischer Waren werden in Plastik verpackt, während das allgemeine Abfallwirtschaftssystem aufgrund fehlender Kapazitäten kaum funktional ist und dem Ausmaß kaum standhalten kann. Einem Bericht des United Nations Development Programme nach, werden jährlich etwa 2,9 bis 3,7 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle verursacht, 35 Prozent werden verbrannt oder auf Deponien gebracht. Nur elf Prozent werden recycelt. 54 Prozent der Kunststoffabfälle landen einfach in der Umwelt. Vietnam gehört im weltweiten Vergleich zu den fünf größten Verursachern von Plastikmüll in den Ozeanen.

Sogenannte informelle Müllsammler:innen sind das Rückgrat des Abfallwirtschaftssystems. Sie machen die maßlosen Mengen an recyclebaren Materialien überhaupt erst ausfindig. Das Recyclingunternehmen VietCycle hat 2020 nach eigener Aussage ‚einen Wandel angestoßen‘. Es unterstützt die Arbeiter:innen – und poliert so das eigene Image auf.

Prekäre und zugleich allgegenwärtige Arbeit

Vietnam, Müll, Müllsammler

Ein Ufer voll Müll © Screenshot „Invisible Warriors: The Force behind Viet Nam’s Plastic Action“

Dafür hat das Unternehmen im August 2025 gemeinsam mit dem World Economic Forum die Kurzdokumentation (richtigerweise: das Werbevideo) „Invisible Warriors: The Force behind Viet Nam’s Plastic Action“ veröffentlicht. Darin werden zwei Frauen bei der Arbeit begleitet. Eine davon ist Nguyễn Thị Lành, seit 20 Jahren Müllsammlerin. Während Drohnen über ihr Plastikflaschen auf einem Plastikdach abfilmen, schiebt sie ihr Fahrrad durch enge und volle Straßen. Hinten auf ihrer blauen Arbeitsjacke steht „Kunststoffabfallrecycling“ und „The Plastic Reborn“. Jeden Morgen startet sie um sieben Uhr. Wenn sie mit dem Fahrrad nichts mehr transportieren kann, sortiert sie zuhause das Sammelsurium, um es anschließend an eine Wertstoffsammelstelle zu verkaufen.

Während die wenigen Sequenzen die unendlichen Dimensionen plastisch machen und die Schwere der Arbeit deutlich wird, besteht Nguyễn Thị Lành darauf, dass ihre Arbeit als gute Arbeit angesehen wird. Ihre Arbeit helfe, das Umfeld sauber und grün zu halten. So wie sie sind allein in Hanoi 10.000 Müllsammler:innen tätig. 90 Prozent des recycelbaren Plastiks werden durch sie aufgelesen und Recyclingunternehmen zur Verfügung gestellt. Auch die 75-jährige Nguyễn Thị Kênh gehört zu ihnen. Ihr graues Haar scheint durch ihren Dutt als sie sich den Nón Lá (vietnamesischer Kegelhut) aufsetzt. Ihre Schritte sind langsam, wirken gebrechlich. Ihre Motivation: Sie zieht ihre zwei Enkelkinder groß, deren Vater an Spielsucht erkrankt ist und deren Mutter sie verlassen hat. Nguyễn Thị Kênh verdient ein bis zwei Euro am Tag – gerade genug, damit die Kinder „essen und lernen können“.

Die Arbeiter:innen haben viele Namen. Mal werden sie nach dem Material, welches sie sammeln, benannt, wie ve chai (Flaschen) oder Đông nát (Kupfer). Manche nennen sie auch „Die Armee der Schrottsammler:innen“, „Umweltaktivist:innen“ oder wie in der genannten Dokumentation „Unsichtbare Käpmfer:innen“. Doch diese seit Jahrzehnten prekär ausgeführte Arbeit als unsichtbar zu bezeichnen, ist heuchlerisch. Bestätigen die vielen Artikel und Portraits über die Müllsammler:innen nicht eher, dass sie eben nicht unsichtbar sind, sondern vielmehr von der Gesellschaft nicht gesehen werden wollen?

Die Journalistin Nguyen Khánh Dương, die für eine Reportage in der Zeitung Vietnam News einige der Frauen bei der Arbeit begleitet hat, erzählt im Interview mit mir, dass sie dadurch „ein tieferes Verständnis für ihr Leben und die bisher unerzählten Facetten ihres Alltags“gewonnen hat. Sie sagt: „Nachdem ich ihre Entbehrungen kennengelernt habe, bringe ich ihnen (noch) mehr Respekt entgegen.“ Vielerorts fehlt es hingegen genau an diesem Respekt. Lương Thị Hoa, seit mehr als 30 Jahren Müllsammlerin, sagt, sie habe schon alles gesehen und gehört und sei mit allen möglichen Namen beschimpft worden. Dass sich vor allem Frauen diesem Alltag aussetzen, erklärt Hoa damit, dass Frauen Demütigungen besser ertragen könnten, während Männer dazu neigten, ein zu großes Ego zu haben.

Grüne Arbeit, green Socialwashing?

Vietnam, Müll, Müllsammler

Ständige Sortieraufgaben © Screenshot „Invisible Warriors: The Force behind Viet Nam’s Plastic Action“

Im Rahmen des eigens initiierten Projekts „Green Warriors“ stattet VietCycle die Arbeiter:innen mit Arbeits- und Schutzkleidung aus und ermöglicht Fortbildungen, wie Materialkunde, Kompetenztraining und Finanzmanagement. Bessere Arbeitsbedingungen sind allerdings wohl kein Thema. Dang Nguyet Anh von National Plastic Action Partnership erklärt – in einer sauberen und hellen Umgebung sitzend – warum Angebote, die Frauen anzustellen, abgelehnt werden: „Viele wollen das nicht, sie wollen die Arbeit saisonal und in Teilzeit machen. Sie wollen sich frei darin fühlen, zu entscheiden, wann sie die Arbeit machen.“ Doch diese selbstständige Arbeit bedeutet: keine Krankenversicherung und keine Sozialleistungen.

Auch wenn sich VietCycle den Verdienst zuschreibt, das Ansehen der Müllsammler:innen grundlegend gewandelt zu haben, sind es die Frauen selbst, die die dringend benötigte Aufklärungsarbeit leisten. Sie gehen ihrer Arbeit nach, ohne sie schönzureden. Sie sind es, die in den Wohnvierteln unterwegs sind und mit Bewohner:innen über Wertstoffe sprechen. Sie machen wiederverwertbaren Müll als solchen erkennbar. Auf ihren Jacken prangt vorne das VietCycle Logo und daneben das Logo von Unilever, einem multinationalen Konzern, der die ‚Green Warriors‘ finanziert.

Unilever ist bekannt für Steuervermeidungstaktiken und für besonders umweltunfreundliche Verpackungen. Ein Bericht von Greenpeace aus dem Jahr 2023 führt aus: „Der Konsumgüterriese Unilever ist für den Verkauf von 1.700 hochgradig umweltschädlichen Plastik Sachets pro Sekunde verantwortlich, was die Krise der globale Plastikverschmutzung verschärft und riesige Abfallmengen in Ländern des globalen Südens verursacht.”

Anerkennung und Umdenken

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Ihnen vergeht das Lachen nicht © Screenshot „Invisible Warriors: The Force behind Viet Nam’s Plastic Action“

Nguyễn Đình Thọ, Vize-Chef des Instituts für Strategie und Politik für Landwirtschaft und Umwelt des Agrar- und Entwicklungsministeriums, erläutert gegenüber Việt Nam News, Plastikmüll habe die schädlichsten Auswirkungen auf die Umwelt und zugleich sei die Arbeit der Frauen immer noch viel zu unterbewertet und unterbezahlt. Er weist auf das Umweltschutzgesetz von 2020 hin, mit dem Unternehmen, die Plastik herstellen oder verwenden, durch Gebühren in die Verantwortung gezogen werden. Auch habe er die Hoffnung, dass die eingenommenen Mittel den Frauen zugutekommen.

Die International Alliance of Waste Pickers zeigt anlässlich des Internationalen Tags der Müllsammler:innen am 1. März 2026 ein existenzbedrohendes Problem auf: „In ganz Afrika und im asiatisch-pazifischen Raum sehen sich eine wachsende Zahl unserer Mitgliedsorganisationen mit der Schließung von Mülldeponien konfrontiert, ohne dass ein Rahmen für einen angemessenen Umstieg gibt. In vielen Fällen werden Müllsammler:innen dadurch abrupt ihrer Lebensgrundlage beraubt und geraten noch tiefer in die Armut, ohne dass ihnen tragfähige oder menschenwürdige Alternativen bleiben. Verschärft wird diese ohnehin schon kritische Situation durch das nahezu vollständige Fehlen sozialer Absicherung für die Frauen und Männer, die nicht nur täglich darum kämpfen, ihre Familien zu ernähren, sondern auch unverzichtbare Umweltleistungen erbringen […] und den Lebenszyklus von Ressourcen verlängern“.

So stellt sich erneut die Frage, ob die informelle Freiberuflichkeit freiwillig ist. Fraglich ist auch, wie Vietnam sein Unterziel der Sustainable Development Goals (SDG), die Verringerung des Abfalls bis 2030 durch Vermeidung, Verminderung, Verwertung und Wiederverwendung, erreichen möchte.

Erste Schritte

Vietnam, Müll, Müllsammler

„Bitte Müll hier hinein“ © Tuan Vy, Creative Commons

Modellprojekte wollen Mülltrennung bereits in den Haushalten etablieren. In Zusammenarbeit mit der örtlichen Behörde Donre, hat der World Wide Fund For Nature (WWF) am nördlichen Küstenstreifen Thanh Hóa untersucht, inwieweit „die getrennten Müllbestandteile im Markt aufgenommen werden, welche Absatzkanäle für den Kompost oder andere Wertstoffe existieren und sinnvoll genutzt werden können. Anschließend sollen spezielle Müllkarren mit getrennten Sammelbehältern beschafft werden, um von den Haushalten die einzelnen Wertstoff-Fraktionen getrennt einzusammeln. So wird die Menge des verbleibenden Restmülls deutlich reduziert und die neu geschaffenen Kapazitäten können dafür genutzt werden, die in der Landschaft herumliegenden Müllhaufen zu entfernen.“

Eigenverantwortliches Recycling kann einen Perspektivwandel anregen. Es kann die Arbeit der Müllsammelnden schon im Vorfeld durch alle Gesellschaftsschichten greifbarer machen. Das brächte ihnen vielleicht mehr gesellschaftliche Anerkennung als die sprachliche Heroisierung ihrer Arbeit. Denn nur durch die unermüdliche Arbeit der Müllsammlenden ist der verwertbare Müll überhaupt zur Ressource geworden.

VietCycle und Unilever haben auf mehrere Interview-Anfragen der Autorin leider nicht reagiert

Autor:in

  • Du Pham ist interdisziplinäre Arbeiterin. www.dupham.com

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