2 | 2023, Interviews, Malaysia,
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„Wir brauchen mehr Energiewende und weniger Abholzung“

Malaysia, Jugend, Klimaschutz

Überschwemmungen im Klang Valley im Dezember 2021. Die ohnehin regelmäßig von Hochwasser betroffene Metropolregion um die Hauptstadt Kuala Lumpur wird in Zukunft noch mehr von Extremwetterereignissen betroffen sein. © AiMediaMY, CC BY 3.0

Malaysia: Jugendorganisationen engagieren sich vielfältig für den Klimaschutz, klären auf und bringen sich bei Konferenzen ein. Die Klima-Krise kann auch Chancen für die Zukunft beinhalten.

Klimawandelfolgen nehmen auch in Malaysia zu. Der Bevölkerung sind die Ursachen, Herausforderungen und Konsequenzen zunehmend bewusster. Daher übernehmen mehr Malaysier*innen, insbesondere junge Menschen, persönliche Verantwortung und fordern dies auch von ihrer Regierung ein. Zu Klimabewegungen in Malaysia und der Rolle von Jugendorganisationen haben wir den Klimaaktivisten Julian Theseira befragt.

MYD

Die Malaysian Youth Delegation (MYD) wurde 2015 gegründet, um malaysische Jugendliche auf den internationalen Klimakonferenzen zu repräsentieren. Seit der Pariser Klimakonferenz (COP21) hat MYD Jugenddelegierte zu allen folgenden UN-Klimakonferenzen (COPs) entsandt. Darüber hinaus setzt sich MYD dafür ein, das Wissen und Bewusstsein der malaysischen Jugend über den Klimawandel verbessert wird. Hierzu informiert sie über soziale Medien, organsiert lokale Jugendkonferenzen (MYLCOY) und macht Bildungsarbeit über öffentlichen Schulungsreihen. MYD engagiert sich auch gegenüber malaysischen Entscheidungsträgern für eine ambitionierte Klimapolitik.

südostasien: Wie ist Malaysia vom Klimawandel betroffen?

Unser Interviewpartner:

© Privat

Julian Theseira ist seit 2019 Mitglied der Malaysischen Jugenddelegation (MYD), Malaysias erster jugendgeführter Organisation für Klimapolitik und -diplomatie. Er koordiniert derzeit die Arbeitsgruppe des Climate Action Network (CAN) zum Global Stocktake (GST), der alle fünf Jahre stattfindenden weltweiten Bestandsaufnahme des Pariser Klimaabkommens. Der Klimaaktivist war Mitglied der CAN-Delegation bei der COP26 in Glasgow 2021 und COP27 in Sharm-el-Sheikh 2022. Julian Theseira war Erasmus-Mundus-Stipendiat und hat vor kurzem das gemeinsame Masterprogramm European Politics and Society (EPS) Václav Havel an der Charles University (Prag, Tschechien) und Jagiellonian University (Krakau, Polen) erfolgreich abgeschlossen. Julian schloss sein Studium am College of Social Studies an der Wesleyan University in den Vereinigten Staaten als Freeman-Asian-Stipendiat mit Phi Beta Kappa und hohen Auszeichnungen ab.

Julian Theseira: Die durchschnittliche Lufttemperatur in Malaysia wird zum Beispiel bis zum Jahr 2050 um bis zu 1,6 Grad Celsius wärmer sein. Der städtische ‚Hitzeinsel-Effekt‘ in dicht besiedelten Gebieten wird das noch verstärken und das Risiko von Gesundheitsfolgen wie Hitzeschlag erhöhen.

Generell werden für die malaiische Halbinsel im Zeitraum 2025-2035 und in den malaysischen Bundesstaaten Sabah und Sarawak auf der Insel Borneo im Zeitraum 2045-2055 schwere Trockenperioden prognostiziert. Malaysia wird voraussichtlich auch vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen sein. Diese und andere Auswirkungen zeigt der Bericht an das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) (Third National Communication and Second Biennial Update Report) aus dem Jahr 2018 auf.

Welche Region ist besonders betroffen?

Besonders das Klang Valley, die größte und wirtschaftlich bedeutendste Metropolregion, in der auch die Hauptstadt Kuala Lumpur liegt, ist anfällig für Klimaauswirkungen. Bis 2050 werden die jährlichen Niederschläge in der Region voraussichtlich 10,6 Prozent über dem historischen Durchschnitt liegen. Außerdem wird der durchschnittliche jährliche Abfluss im Einzugsgebiet des Klang-Flusses voraussichtlich um fünf Prozent über dem historischen Niveau liegen. Dies erhöht das Überschwemmungsrisiko in der ohnehin hochwassergefährdeten Region.

Wer ist in Malaysia in der Klimabewegung aktiv?

Malaysia, Jugend, Klimaschutz

Die Pandemie verstärkte die Online-Aktivitäten der Jugendorganisation MYD. © MYD

Seit seiner Gründung in den 1990er-Jahren engagieren sich malaysische Organisationen im Climate Action Network (CAN), dem weltweit größten Netzwerk von Klimaorganisationen. Auch die malaysische Jugend hat sich in den letzten Jahren zunehmend für den Klimaschutz engagiert. Im Jahr 2015 wurde im Vorfeld der COP 21 die Malaysian Youth Delegation (MYD), Malaysias erste jugendgeführte Klimaorganisation, gegründet, um die malaysische Jugend bei internationalen Klimaverhandlungen zu vertreten. Seitdem wurden auch andere jugendzentrierte Klimaorganisationen wie EcoKnights und Klima Action Malaysia (KAMY) gegründet.

Gibt es eine Fridays for Future-Bewegung in Malaysia?

Nein, und zwar aufgrund von gesetzlichen Einschränkungen für Streiks und Demonstrationen. Klimaaktivismus findet in anderen Formen statt.

Wo liegen stattdessen die Schwerpunkte?

Bei den Jugendorganisationen hat MYD den Fokus auf dem Aufbau von Klimakompetenzen, auf Politikforschung und auf Lobbyarbeit gegenüber politischen Entscheidungsträgern*innen und Verhandler*innen. KAMY konzentriert sich mehr auf die Interessenvertretung und Mobilisierung an der Basis. EcoKnights macht Bildungsarbeit und stärkt die Kompetenzen Jugendlicher.

Was sind die Hauptforderungen der Klimaaktivist*innen? Was möchte die Jugend?

Die malaysischen Klimaaktivist*innen fordern eine schnellere Energiewende und die Reduzierung der Abholzung, um die CO2-Emissionen Malaysias zu verringern. Die malaysische Regierung soll die Ausarbeitung eines Nationalen Anpassungsplans (National Adaptation Plan, NAP) beschleunigen. Dieser soll das Land auf die zunehmenden Klimawandelfolgen vorbereiten. Die Jugend-Klimaaktivist*innen fordern zudem die Einbeziehung des Themas Klimawandel in das Bildungssystem, zum Beispiel dessen Aufnahme in Lehrpläne. Außerdem sollte die Regierung mit Gruppen, die sich für Klimaschutz engagieren, zusammenarbeiten und sie unterstützen.

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Das Kernteam von MYD. Seit 2015 ermöglicht MYD malaysischen Jugendlichen an internationalen Klimakonferenzen teilzunehmen. © MYD, CC-BY-NC-ND 4.0

Welche Rolle spielen soziale Medien und das Internet für den Klimaaktivismus?

Soziale Medien sind sehr wichtig für die Klimabewegung. In einer UNICEF-Studie von 2020 nannten 83,6 Prozent der Befragten soziale Medien als ihre Hauptinformationsquelle zum Thema Klimawandel. Klimaorganisationen wie MYD nutzen soziale Medienplattformen zur öffentlichen Aufklärung und für Advocacy-Arbeit. Es gibt in der malaysischen Jugend auch ‚Klima-Influencer’, denen auf Social Media zahlreiche Menschen folgen.

Wie sind Aktivist*innen, Gruppen und die malaysische Klimabewegung mit anderen Bewegungen in Südostasien und anderen Teilen der Welt verbunden?

Mehrere malaysische Klimaorganisationen, darunter MYD, sind Mitglieder von CAN, dem weltweit größten Netzwerk von Klimaorganisationen. Sie koordinieren sich mit Klimaorganisationen in anderen Ländern bei Kampagnen, zum Beispiel zum Thema Klimaschäden und -verluste und bei Projekten zu Just Transition. MYD und andere Jugendorganisationen sind Mitglieder von YOUNGO, der offiziellen Jugendrepräsentanz der UNFCCC. Bei internationalen Klimakonferenzen koordiniert sich MYD mit YOUNGO und CAN. In Malaysia organisiert MYD die Lokale Jugendkonferenz (MYLCOY), um die malaysische Jugend über internationale Klimapolitik und -diplomatie zu informieren.

Wie wird in der Bevölkerung die Klimakrise wahrgenommen?

In der UNICEF-Umfrage hielten 92 Prozent der jugendlichen Befragten den Klimawandel für eine Krise. Neun von zehn der Teilnehmenden erklärten, dass sie persönlich etwas gegen den Klimawandel tun. Dabei überwogen Abfallreduzierung und Recycling. 86 Prozent einer von der Monash University Malaysia unter Erwachsenen durchgeführten Umfrage im Jahr 2022 sagten, dass die Regierung mehr Anreize für Menschen schaffen solle, die sich um die Eindämmung des Klimawandels bemühen.

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Malaysia sollte seine erneuerbare Energien ausbauen, fordert Julian Theseira © Flickr/Slices of Light, CC BY-NC-ND 2.0

Wie nehmen Malaysias Politiker*innen die Klimakrise wahr?

Für malaysische Politiker*innen hat das Thema Klima noch keine Priorität. Greenpeace Malaysia untersuchte 2022 das Abgeordnetenverhalten in der letzten Legislaturperiode von 2018 bis 2022. Nur 8,4 Prozent der parlamentarischen Anfragen betrafen Umweltthemen, einschließlich des Klimawandels.

Wird die Regierung ihre Klima-Ziele erreichen? Was könnte sie besser machen?

Malaysia könnte ehrgeiziger seine Emissionen reduzieren. Malaysias überarbeiteter Nationaler Klimabeitrag (Nationally determined contributions, NDC) betont die Reduzierung der Kohlenstoffintensität im Verhältnis zum BIP um 45 Prozent bis 2030 im Vergleich zum Niveau von 2005 [Erklärung d.R.: Die Menge an Emissionen von Kohlendioxid, die pro Einheit des Bruttoinlandsprodukt (BIP) freigesetzt wird, siehe UBA]. Doch selbst wenn Malaysia seine Kohlenstoffintensität erfolgreich reduziert, könnten Emissionen weiter ansteigen, wenn die Wirtschaft weiter wächst. Malaysia sollte daher eine absolute Verringerung seiner CO2-Emissionen anstreben. Malaysia ist immer noch auf fossile Brennstoffe wie Kohle, Gas und Öl angewiesen, um 80,96 Prozent seiner Elektrizität (2022) zu erzeugen. Durch die Transformation des Stromsektors hin zu erneuerbaren Energien könnten Emissionen verringert werden. Malaysia sollte seinen nationalen Anpassungsplan schnell finalisieren.

Konnten Sie und Ihre Organisation erfolgreich Einfluss auf die Klimapolitik der malaysischen Regierung nehmen?

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Die Hauptstadt Kuala Lumpur ächzt unter dem hohen Verkehrsaufkommen. Die Emissionen des Sektors sind auch in Malaysia hoch. © Flickr/Dennis Sylvester Hurd, CC0 1.0

MYD hatte einen gewissen Einfluss auf den aktualisierten Nationalen Beitrag (NDC) Malaysias. Einige MYD-Mitglieder, darunter auch ich, hatten einen Maßnahmenvorschlag für naturbasierten Hochwasserschutz im Klang Valley entwickelt. Der Entwurf kam in die Endrunde eines von der UNFCCC im Rahmen des Technical Examination Process on Adaptation (TEP-A) organisierten Wettbewerbs für Nachwuchspolitik. Einige Inhalte wurden dem malaysischen Umweltministerium während einer öffentlichen Konsultationssitzung mit der Zivilgesellschaft im Rahmen der Aktualisierung des malaysischen NDC mitgeteilt. In dessen Anhang werden nun die Umsetzung einer naturbasierten Infrastrukturgestaltung und die Annahme des Konzepts der grünen Stadt zur effizienten Bewältigung künftiger Klimarisiken erwähnt, was Ideen aus dem MYD-Papier aufgreift.

Was wünschen Sie sich von der Weltgemeinschaft im Umgang mit der Klimakrise? Was erwarten Sie von Deutschland?

Industrieländer tragen mehr historische Verantwortung für die Verursachung der Klimakrise, und haben mit der Nutzung fossiler Brennstoffe für Industrialisierung und Wirtschaftswachstum profitiert. Industriestaaten wie Deutschland sollten daher Finanzierung, Technologie und Fachwissen bereitstellen, um ‚Entwicklungsländern‘ wie Malaysia zu helfen, ihre Energiewende zu beschleunigen und Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Außerdem sollten sie Ressourcen bereitstellen, um ‚Entwicklungsländern‘ bei der Anpassung und beim Aufbau von Widerstandsfähigkeit gegen Klimawandelfolgen zu unterstützen.

Und was sollte Malaysia tun?

Malaysia und weitere ‚Entwicklungsländer‘ sollten die Klimakrise als Chance nutzen, um eine nachhaltigere Wirtschaft und Gesellschaft aufzubauen, in der die Menschen innerhalb der planetaren Grenzen Wohlstand genießen können. Sie sollten nicht die Fehler der Industrieländer wiederholen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Raphael Göpel

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„Wir brauchen mehr Energiewende und weniger Abholzung“

Malaysia: Der Roman „Echos der Stille“ von Chuah Guat Eng beschreibt, wie historische Ereignisse Menschen und ihren Alltag geprägt haben.

1974 in Malaysia. Die junge chinesischstämmige Malaysierin Lim Ai Lin kehrt mit ihrem Freund Michael nach knapp vier Jahren in Deutschland in ihr Heimatland zurück. Sie besuchen Michaels Vater Jonathan, einen älteren Plantagenbesitzer, der in einem ländlichen Anwesen residiert. Während ihres Besuches wird dessen Verlobte im Dickicht des nahe gelegenen Waldes erschossen. In detektivischer Manier von Sherlock Holmes und Dr. Watson stellen Ai Lin und Michael auf eigene Faust Nachforschungen an. Schnell wird klar: Alle sind verdächtig, inklusive Michael.

Wendepunkte Malaysias im 20. Jahrhundert

Was wie ein Krimi beginnt, führt bald durch historische Ereignisse Malaysias und durch die Entwicklung des Landes – verwoben in mehrere Familiengeschichten. Die malaysische Autorin Chuah Guat Eng lässt die Handlung in drei Zeiträumen spielen und verbindet sie miteinander: Das Ende der Kolonialzeit kurz vor der japanischen Besetzung Britisch-Malayas im Zweiten Weltkrieg, die ersten Jahre der New Economic Policy (NEP) in den 1970er Jahren und der wirtschaftliche Aufschwung Anfang der 1990er Jahre unter dem autoritären Premierminister Mahathir Mohamad.

Hauptfigur ist die Ich-Erzählerin Ai Lin. Sie ist geprägt von den Auswirkungen der schweren Unruhen nach den Parlamentswahlen am 13. Mai 1969 in Kuala Lumpur. Bei blutigen Auseinandersetzungen zwischen chinesischen und malaiischen Malaysier*innen gab es damals zahlreiche Tote. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen und die NEP implementiert – eine ethnozentrierte Wirtschaftspolitik, die vor allem Malaien stärkte und bevorzugte. Dies hatte erheblichen Einfluss auf die Gesellschaft und Wirtschaft des Landes.

Stellvertretend für die verunsicherten chinesischen Malaysier*innen dieser Zeit stehen Ai Lin und ihre Mutter. Sie zweifeln und hadern mit der Zukunft. Ai Lin geht nach München, um dort zu studieren. Für sie, wie für viele andere, ist ungewiss, wo ihr Platz in Malaysia ist und ob es überhaupt einen gibt. Ai Lin ist entwurzelt, fühlt keine Verbindung zu ihrem Heimatland, zu den Traditionen und ihrer Familie.

Macht und Kolonialisierung

Wie Politik, Geschichte, Kultur und Gesellschaft die Menschen prägt, zeigt nicht nur Ai Lins Geschichte, sondern auch die der weiteren Romanfiguren. Da sind zum Beispiel Yusuf, ein Malaie, der sich hochgearbeitet hat, und dessen Sohn Hafiz, ein Kindheitsfreund Michaels. Dieser kommt charmant daher, bleibt aber undurchsichtig. Seine Entwicklung zeigt den sozialen Wandel Malaysias und die Herausforderungen der jüngeren Generation, die unter dem Einfluss der Moderne ihre Traditionen und Normen in Frage stellt.

Autorin Eng schildert wie die ethnischen Gruppen Malaysias eher nebeneinander als miteinander leben (Indigene kommen allerdings nicht vor) und greift Themen wie Armut und die Rolle der (ehemaligen) Kolonialherren auf. Diese wirken dabei zunächst wohlwollend. Doch an einzelnen Stellen schimmern die Unterschiede sowie der Zusammenhang zwischen Herkunft und Machtposition durch. Denn wer Macht hat, kann es sich leisten, gönnerhaft und freundlich zu sein. Auch die verschiedenen Liebesbeziehungen sagen bei genauerem Blick viel über Macht, Geschlechterverhältnisse und Folgen der Kolonialisierung aus.

Schmöker mit Tiefgang

Chuah Guat Eng versteht es, die Protagonist*innen und ihre Beziehungen zueinander immer weiter zu entwickeln und vielschichtiger zu machen. Der Roman ist mit sprachlichen Finessen gespickt, oft bildhaft und doch mit klaren, einfachen Worten geschrieben. Die Handlung ist durch die facettenreichen Figuren und unterschiedlichen Zeitebenen abwechslungsreich und anspruchsvoll verflochten. Nur die Passagen mit längeren Dialogen – besonders die, in denen es um die Morduntersuchungen geht – sind etwas eintönig und halten leider nicht ganz das hohe Niveau, das den Rest des Roman auszeichnet.

Zwar folgt die Erzählung dem klassischen Krimi-Schema mit Verdächtigen, falschen Fährten, subtilen Andeutungen und neuen Spuren, doch die Suche nach dem Wer? und Warum? zündet nicht wirklich. Spannung entsteht vielmehr aus den Rückblicken und dem sich daraus entwickelnden Gesamtbild. Dieses entwickelt sich langsam aus den Figuren, ihren Familien und den Ereignissen der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reichen.

Echos der Stille erschien auf Englisch bereits 1994, damals von Chuah Guat Eng selbst herausgegeben. Der Heidelberger Verlag Das Wunderhorn hat den Roman mit Unterstützung des Goethe-Instituts ins Deutsche übersetzen lassen – und zwar großartig von Michael Kleeberg. Kritisch anzumerken ist, dass einige Wörter der Übersetzung wie zum Beispiel „Moslems“ nicht mehr zeitgemäß sind. Trotzdem liest sich das Buch wie aus einem Guss und ist wahrlich ein „kunstvoll komponierter, unterhaltsamer Gesellschaftsroman“, wie es der Verlag verspricht. Für diejenigen, die mit Malaysia nicht gut vertraut sind, gibt es übrigens im Anhang ein hilfreiches Glossar und einen kurzen Abriss der Landesgeschichte.

Rezension zu: Chuah Guat Eng. Echos der Stille. 2022. Das Wunderhorn. 464 Seiten

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„Wir brauchen mehr Energiewende und weniger Abholzung“

Philippinen: Wo die Landesregierung nicht ausreichend für Klimaschutz sorgt, tun Gemeinden gut daran, dies selbst in die Hand zu nehmen. Aktivistin Estrella Catarata erzählt im Interview mit der südostasien über ihr Engagement für gemeindebasierte, erneuerbare Energiesysteme.

Die Philippinen gehören zu den Ländern, die – aufgrund der schnellen Erderwärmung – am stärksten von extremen Wetterereignissen betroffen sind. Die steigende Nachfrage nach Strom in dem weitgehend von fossilen Energien abhängigen Land erschwert die Situation. Viele abgelegene Gemeinden sind bislang nicht an das Stromnetz angeschlossen, aber von zunehmender Umweltzerstörung durch große Bauvorhaben bedroht. Die Organisation SIBAT Inc. (Sibol ng Agham at Teknolohiya /Quelle der Wissenschaft und Technologie) unterstützt netzferne, abgelegene Gebiete mit Technologien für gemeindebasierte Mikrowasser-, Solar- und Windkraftanlagen. Estrella Catarata, Direktorin von SIBAT Inc. spricht über ihre Arbeit mit ländlichen und indigenen Gemeinschaften und die Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen im Hinblick auf Klimagerechtigkeit.

südostasien: Was sind die Ziele und Schwerpunkte von Sibol ng Agham at Teknolohiya (SIBAT)?

Estrella Catarata: SIBAT wurde 1985 in den Philippinen gegründet. Unser Ziel ist es, benachteiligten Gemeinschaften geeignete Technologien zur Verfügung zu stellen, die auf die Bedürfnisse der marginalisierten Gruppen zugeschnitten sind, insbesondere für Bäuerinnen, Bauern und Indigene Völker. Dabei unterstützen wir Gemeinden bei der Entwicklung und Beschaffung von Technologien, die die Umwelt nicht zerstören, sondern vielmehr die Biodiversität und die natürlichen Ressourcen in den Gemeinden erhalten und schützen. Der Grundsatz unseres Programms beruht auf der Beteiligung der Gemeinschaft bei der Umsetzung der Projekte, wobei die Gemeinschaft im Entscheidungsprozess mitbestimmt und aktiv an der Umsetzung dieser Projekte teilnimmt. SIBAT konzentriert sich auf den Transfer geeigneter Technologien für eine nachhaltige Landwirtschaft und das Community-Based Renewable Energy System (CBRES). Das CBRES-Projekt versorgt insbesondere netzferne, abgelegene Gebiete in den Philippinen mit Strom, indem es auf Mikrowasser-, Solar- und Windkraftanlagen setzt. Unsere Organisation ist bisher Partnerschaften mit verschiedenen Gemeinden eingegangen, insbesondere in der Cordillera Region sowie in den Provinzen Mindoro, Palawan und Samar.

Warum hat SIBAT einen gemeinschaftsbasierter Ansatz gewählt?

Uns ist wichtig, dass die Menschen sich der Bedürfnisse und Kapazitäten ihrer Gemeinde bewusst sind und an der Planung, Anwendung und Verwaltung der geeigneten Technologie beteiligt werden. Die Gemeinschaft darf nicht nur Empfänger*in, sondern muss vielmehr Partner*in und Teilnehmer*in sein. Auf diese Weise können sie sich aktiver für den Schutz ihrer Gemeinschaft engagieren, wenn ihnen eine geeignete Technologie vermittelt wird, die ihr tägliches Leben erleichtert. In der Tat ist eines der ersten Kriterien von SIBAT bei der Zusammenarbeit mit Partnergemeinden das Vorhandensein eigener Interessenvertretungen oder ein kollektiver Entscheidungswille der Gemeinde. Wenn es keines der beiden gibt, wird die Gemeinde immer ermutigt, zuerst eine Interessenvertretung zu gründen, bevor eine Studie für das Gebiet für ein potenzielles erneuerbares Energiesystem durchgeführt wird. Die Förderung einer kollektiven Entscheidung der Gemeinschaft stärkt nicht nur ihre Kapazitäten, sondern auch ihr Bewusstsein und das Erkennen der aktuellen Situation. Auf Grundlage der Gemeinschaftsbeteiligung wird die Umsetzung von Technologien ermöglicht, die auf die konkreten Bedürfnisse, insbesondere der Landwirte und der einheimischen Bevölkerung, eingehen.

Wie bringt SIBAT Initiativen zur Klimagerechtigkeit in die Partnergemeinden ein?

Die technische Arbeit zum Aufbau gemeindebasierter erneuerbarer Energien ist eine Möglichkeit, die Auswirkungen der Klimakrise zu mildern. Allerdings liegt der Fokus auf Zusammenarbeit und Vernetzung mit den Partnergemeinden, um die Kapazitäten der eigenen Organisationen oder Interessenvertretungen zu erhöhen. Wir halten die Aufklärungsdynamik der Organisationen aufrecht, damit sie erkennen, dass sie das Recht und die Pflicht haben, die biologische Vielfalt zu schützen. Mit der Stadt Cabugao (Provinz Apayao) hat SIBAT ein Projekt initiiert, bei dem mit den Bewohner*innen ein Mikrowasserkraftprojekt installiert wurde. Hintergrund des Projektes war die drohende Vertreibung durch den geplanten Bau von Dämmen. Die Provinzregierung rechtfertigte ihren Plan damit, dass der große Damm für erneuerbare Energien gebraucht würde.

Was wären die Folgen des Staudammbaus?

Dadurch würden die Gemeinden von Cabugao überflutet, die überwiegend von Indigenen bewohnt werden. Die indigenen Gemeinschaften und die LGU (local government unit/lokale Regierungseinheit) wehren sich gegen die existenzielle Bedrohung durch das Staudammprojekt. Bereits jetzt werden viele Gemeinden während der Regenzeiten, wenn die Dämme in Luzon Wasser ablassen, von den Fluten überschwemmt. Doch die Regierung bleibt weiterhin bei ihrem Plan, in Wasserkraft zu investieren. Wenn das Projekt verwirklicht würde, nähme die Not einfacher Leute und indigener Gruppen zu. Viele Menschen verlören ihre Heimat und fänden nirgendwo anders Unterkunft. Aus diesem Grund arbeiten SIBAT und lokale Organisationen mit Hilfe der lokalen Regierung von Cabugao zusammen, um ihre Gemeinden und ihre Wasserquellen durch eigene Mikrowasserkraftprojekte zu schützen. Die Gemeinden werden so nicht nur mit Strom versorgt, sondern schützen ihre Heimat und setzen sich aktiv für den Schutz der Artenvielfalt in ihrem Land ein.

Was bedeutet Klimagerechtigkeit für Sie?

Wenn es soziale Ungerechtigkeit gibt, gibt es auch Klima-Ungerechtigkeit. Und diese wird von Indigenen, Bäuer*innen, marginalisierten Menschen und Aktivist*innen am stärksten empfunden, erlebt und erlitten. In den Philippinen wird es ohne die Achtung der Menschenrechte durch die Regierung keine Klimagerechtigkeit geben. Menschenrechte und Klimagerechtigkeit sind untrennbar miteinander verbunden; die Menschenrechte sind inhärent und universell, und wir können Klimagerechtigkeit nicht durchsetzen, wenn unsere Menschenrechte verletzt werden. Die Menschenrechtsproblematik in den Philippinen behindert Klimaschutzmaßnahmen. Wenn Aktivist*innen versuchen Bedenken zu äußern, indem sie unser Recht auf Leben einfordern und sich kritisch mit der Politik auseinandersetzen, kann die Regierung sie leicht als Terrorist*innen abstempeln (red-taggen) und so abweichende Meinungen unterdrücken und sich der staatlichen Rechenschaftspflicht entziehen.

Hat SIBAT auch solche Erfahrungen gemacht?

Das Team von SIBAT hat red-tagging vor allem bei der Abriegelung von Gebieten während der Covid-Pandemie durch das Militär und die Polizei zu spüren bekommen [red-tagging ist eine Praxis, bei der Individuen und Organisationen beschuldigt werden, Mitglieder oder Unterstützer*innen der kommunistischen New People’s Army (NPA) zu sein, d.R.]. Unser technisches Personal, bestehend aus Ingenieur*innen, wurde regelmäßig verhört und sollte Fragen bezüglich ihrer Arbeit beantworten. Sie wurden als Staatsfeind*innen verdächtigt, da sie in entlegenen Gebieten mit den Einwohner*innen zusammenarbeiten. Ein SIBAT Mitarbeiter kündigte, weil er die Einschüchterung zu spüren bekam. Das Problem ist, wenn eine Person mit einem red-tagging Label versehen wird, kann ihr jederzeit und an jedem Ort alles passieren [Die Folgen von red-tagging können von fiktiven Anschuldigungen und daraus folgenden Schikanen, Verhaftungen, Anklagen, bis hin zu Verschleppungen und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen reichen, d.R.]. Ich kann die Schwierigkeiten verstehen, mit denen Mitarbeiter*innen in entlegenen Gebieten konfrontiert sind, wenn sie wissen, dass die staatlichen Behörden aggressiv handeln. Trotz des Drucks der nationalen Behörden und der ständigen Überwachung konnte SIBAT in diesen Jahren ihre Arbeit irgendwie fortsetzen, da es Lokalregierungen gab, die für das Programm bürgten.

Was könnten zukünftigen Schritte zum Klimaschutz für die Philippinen sein?

Auch wenn wir Gefahr laufen, mit einem red-tag versehen zu werden, müssen wir unsere Mission und Ziele zur Verteidigung der Menschenrechte und der Klimagerechtigkeit fortsetzen – trotz aller Gefahren und egal, wie schwierig die Situation im Moment ist – sonst wird es nie Klimagerechtigkeit in den Philippinen geben. Unsere technische Arbeit zum Aufbau gemeindebasierter erneuerbarer Energien mit Hilfe von Finanzmitteln und Partnerorganisationen wie Misereor oder Green Empowerment wird fortgesetzt. Mit diesem Projekt leisten wir einen Beitrag zu den Auswirkungen der Klimakrise. Aber die Arbeit von SIBAT allein reicht nicht aus. Wir alle müssen dafür Sorge tragen, die Kapazitäten von lokalen Organisationen und Interessensvertretungen zu stärken. Dazu sollten – sowohl international als auch lokal – Netzwerke aufgebaut werden, um eine Vielzahl an Menschen zu versammeln und zu organisieren, damit wir kollektiv Klimagerechtigkeit fordern können. Wir müssen so viele Gemeinschaften wie möglich erreichen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Josefine Schmidt und Mirjam Overhoff

 

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„Wir brauchen mehr Energiewende und weniger Abholzung“

Philippinen/Deutschland: Von der philippinischen Nationalmannschaft in die deutsche Basketball-Bundesliga. Diana Ramos Dehn spricht über ihre außergewöhnliche Karriere in den 70er Jahren in einer bis dahin von Männern dominierten Sportart.

südostasien: Wie kamen Sie dazu, in den Philippinen Basketball zu spielen?

Diana Ramos Dehn: Basketball ist in den Philippinen sehr populär und verbreitet; es ist unser Nationalsport. Seine Bedeutung in der Gesellschaft ist ähnlich wie Fußball in Deutschland. Fast an jeder Ecke, in jedem Dorf, in jeder Schule, an jeder Universität, auf allen öffentlichen Plätzen sieht man Street-Basketball oder sogar ein ganzes Basketballfeld. Street-Basketball wird anders gespielt als Turnierbasketball. Das Feld ist viel kleiner und beide Mannschaften spielen nur um einen Korb. Dementsprechend sind die Regeln natürlich anders. Allerdings sind vorwiegend Männer auf den Spielplätzen zu sehen; kaum Frauen.

Als Kind habe ich mit meinen Cousins viel Street-Basketball gespielt; damals hieß es Backyard-Basketball. Ich konnte relativ gut spielen, vor allem konnte ich präzise Körbe werfen. Während der High School habe ich auch an der Schule viel Basketball gespielt, aber damals war für mich Volleyball interessanter. Außerdem gab es in der Zeit keine Liga für Basketball. Freundschaftsspiele zwischen Schulmannschaften gab es schon. Unsere Schule hatte eine Volleyball-Mannschaft, aber kein Basketballteam. Damals galt Basketball für Mädchen als nicht schicklich und war mehr oder weniger Männern und Jungen vorbehalten. Im Volleyball spielte unsere Mannschaft gegen andere Schulen bis hin zur nationalen Ebene – in der Liga PAVA (Philippine Amateur Volleyball Association). Unsere Schulmannschaft hat mehrere Male den ersten Platz gewonnen.

Was war die nächste Station als Spielerin?

Dann studierte ich an der großen und renommierten University of the Philippines (UP). Dort mussten alle Studierenden Sport-Kurse belegen. Da ich bereits gut spielen konnte und sehr interessiert an Basketball war, immatrikulierte ich mich für einen Anfängerkurs. Meine Sportlehrerin erkannte sofort, dass ich leidenschaftlich und gut spielte und schlug mich für die Universitätsmannschaft vor. Daraufhin wurde ich für einen Probetermin eingeladen, bei dem neue Spielerinnen für die kommende Saison vorgestellt und ausgewählt wurden. Ich wurde ausgesucht und sollte sofort zum nächsten Training kommen. Das Training für das UP Varsity Team dauerte zwei Stunden und fand dreimal pro Woche statt. Während der Liga-Saison trainierten wir manchmal häufiger, aber das Zusatztraining war eher zur Übung der Korb-Würfe. Die Trainingseinheiten waren körperlich anstrengend, weit mehr als in einem normalen Sportkurs. Aber das ‚richtige Spielen‘ in einer Mannschaft fand ich viel attraktiver als Backyard-Basketball mit meinen Cousins.

Außerdem spielte die Universitätsmannschaft in der Zeit in zwei Ligen, der WNCAA (Women’s National Collegiate Athletic Association) und der UAAP (University Athletic Association of the Philippines). Während meiner Karriere in der Uni-Mannschaft gewannen wir in beiden Ligen konsequent den ersten Platz. In meinem allerersten Jahr in der Uni-Mannschaft hatte ich die Ehre, zur besten Spielerin der WNCAA Liga (most valuable player) ernannt zu werden.

Zu dem gab es die Palarong Bambamsa, in denen Basketball-Mannschaften aus den ganzen Philippinen miteinander spielten. Auch hier gewannen wir fast jedes Mal den ersten Platz. Die UP Marrons, wie unser Team hieß, wurden langsam bekannt, auch in manchen Zeitungen wurde über die Frauenspiele geschrieben – allerdings nicht so viel und ausführlich wie über die Männerliga. In dieser Zeit wurde ich auch von Zeitungen und Magazinen interviewt. Ich kann mich nicht erinnern, ob unsere Spiele auch im Fernsehen ausgestrahlt wurden, aber zumindest im Radio wurden sie kurz erwähnt.

Wie ging die Basketball-Karriere dann weiter?

In meinem dritten Jahr als Basketballspielerin gründeten die Philippinen eine Frauen-Nationalmannschaft, die an Spielen zwischen den ASEAN-Staaten teilnehmen sollte. Ich wurde als Nationalspielerin ausgesucht und sogar zur Kapitänin der Mannschaft gewählt. Die ASEAN-Member Games fanden damals in Hongkong statt. Allerdings mussten alle Spielerinnen für ihren Flug nach Hongkong selbst aufkommen, während für die Männermannschaft Sponsoren zahlten. Wir waren nicht so erfolgreich, aber immerhin nicht die letzte Mannschaft in der Tabelle.

Wie wurden die Spielerinnen in der männlichen Basketball-Welt der Philippinen und in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Basketball als Sportart für Frauen hatte einen holprigen Weg bis zur Anerkennung in der Gesellschaft. Es galt als unelegant, weil die Spielerinnen muskulöse Körper bekämen, was nicht dem philippinischen Schönheitsideal entspricht. Auch die Katholische Kirche in den Philippinen sprach sich gegen Frauenbasketball aus, weil die Spielerinnen in ihren Trikots nackte Arme und Beine zeigen. Bis heute ist Frauenbasketball gesellschaftlich nicht so gut akzeptiert wie Männerbasketball. Zur Stereotypisierung von Basketballerinnen gehört auch der Spruch, dass viele Basketballerinnen ‚Lesben‘ seien.

Im Vergleich zur Herren-Nationalmannschaft findet die Frauen-Nationalmannschaft bei lokalen Basketballfans weniger Anklang. Einheimische Spielerinnen haben auch keine nationale Liga, in der sie nach der College-Liga spielen können.

Dann kam ein Angebot aus Deutschland. Wie war das genau?

An der University of the Philippines studierte ich Volkswirtschaft. Eigentlich wollte ich das Studium abbrechen und auf Sportpädagogik umsatteln, um Sportlehrerin zu werden, Aber mein Vater war dagegen und meinte, „Als Lehrerin kannst du deine Familie nicht ernähren!“. Also beendete ich mein Volkswirtschaft-Studium.

Aber die Idee, Sportwissenschaft zu studieren, konnte ich nicht ganz aufgeben. Als ich im vierten College-Jahr war, kam über meinen Schwager, der damals in Göttingen promovierte, ein verlockendes Angebot aus Deutschland: ich könnte beim Verein Göttingen 04 und später BG74 in der ersten Frauen-Bundesliga spielen. Mein Schwager argumentierte, dass ich eine sehr gute Basketballerin sei, die Mitglied der philippinischen Nationalmannschaft und most valuable player war. Ich hatte ihm einige Zeitungsartikel über mich geschickt. Meine Bedingung war, dass ich in Deutschland ein Magister-Studium aufnehmen konnte. So kam es, dass ich Sportwissenschaft und Soziologie an der Universität Göttingen studierte und gleichzeitig Basketball in der ersten Bundesliga spielte. Ich wohnte bei meinem Manager und bekam kostenlose Verpflegung. Mein Manager stellte mir sogar ein Mofa zur Verfügung, mit dem ich zur Uni und zum Training fuhr. Das Training war sehr anstrengend, bis zu fünfmal pro Woche! Dazu kamen fast jedes Wochenende Heim- oder Auswärtsspiele! Nach zwei Jahren in der ersten Bundesliga hatte ich das Glück, ein Stipendium zu erhalten und damit meine finanzielle Abhängigkeit vom Basketball zu lösen. Ich spielte nicht mehr in der Bundesliga, sondern nur noch für die Universität Göttingen.

Was waren die Aufgaben bei Göttingen 04 und wie haben Sie die Spiele in Deutschland verglichen mit denen in den Philippinen erlebt?

Die Frauenmannschaft von Göttingen 04 holte mich ins Team als ‚forward‘ oder Korbmacherin. Im Vergleich zu anderen deutschen Spielerinnen war ich eigentlich zu klein, aber ich konnte schnell dribbeln, gut Körbe machen und relativ hoch springen. Außerdem hatte ich eine relativ hohe Quote, von außen Basketballkörbe zu erzielen. Damals gab es die Dreier-Regeln noch nicht [Wenn ein Korbwurf von außerhalb der Dreipunktlinie auf dem Spielfeld gelingt, zählt er drei Punkte statt sonst 2; d. Red.]. Hätte es sie gegeben, wäre dies noch ein Plus-Faktor für mich gewesen.

Basketball ist in Deutschland selbstverständlich anders als in den Philippinen. Das Training war intensiver und professioneller, die Spiele häufiger. In den Philippinen spielt eine Mannschaft gegen eine andere oft nur ein einziges Mal. In Deutschland gibt es das so genannte Heim- und das Auswärtsspiel. Trainiert wird häufig fünfmal pro Woche, während es in den Philippinen häufig nur dreimal pro Woche war.

Was sicherlich ganz anders war, war die Bedeutung des Basketballs für mein Leben in den Philippinen und hier in Deutschland. In den Philippinen waren die Spielerinnen gleichzeitig gute Freundinnen. Die Sporthalle war fast unser Zuhause. Nach jedem Unikurs ging ich dorthin und spielte mit den anderen Spielerinnen Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, oder wir warfen einfach Körbe. Wir gingen auch oft gemeinsam aus und sahen uns zusammen Filme an. Ich habe noch immer Kontakt mit Basketballerinnen von damals. Wenn ich die Philippinen besuche, treffen wir uns für eine ‚Reunion‘.

Im Rückblick: welche Bedeutung hat das Basketballspiel und Ihre ungewöhnliche Karriere für Ihr Leben insgesamt?

Basketball war ein guter Teil meines Lebens. Ich denke, als Gemeinschaftsspiel unterstützte es meine Fähigkeit, beruflich und ehrenamtlich in Teams zu arbeiten. Hinzu kommt das Einüben von Selbstdisziplin und Fairness sowie körperliche Fitness. Auch das Einhalten von Regeln und Grenzen ist mir bis zu einem gewissen Grad wichtig. Mein Selbstvertrauen ist in dieser Zeit meines Lebens sicherlich auch gewachsen.

Das Spiel in Deutschland ermöglichte mir ein Leben ohne Einfluss von meinen Eltern und der Großfamilie. Ich konnte eine große emotionale und finanzielle Selbständigkeit erreichen und mein Verhalten und Denken unabhängig entwickeln. Auch eine gewisse Distanz zu den Werten, Regeln und Denkweisen meiner recht konservativen Großfamilie wurde dadurch ermöglicht. Ich denke auch, dass meine politische Weiterentwicklung unabhängiger wurde.

Später habe ich sogar die ‚Kleinen‘ (Vorschulalter-Mannschaft) in Stuttgart trainiert. Meine Söhne waren auch in der Mannschaft. Hier habe ich versucht, Werte wie Zusammenhalt, Fairness, Kooperation und Diversität zu vermitteln. Beim Basketball geht es nicht zuerst um das Gewinnen, sondern um das Zusammenspiel – darum, Regeln und Grenzen zu lernen und das Beste aus jedem zu entwickeln und dabei Spaß am Sport zu haben.

Ich empfehle jedem jungen Menschen, irgendeinen Mannschaftssport zu treiben. Mannschaftssport wie ich ihn erlebt habe ist eine wunderbare Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln, Stärke und Resilienz zu gewinnen und für das Leben zu lernen.

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„Wir brauchen mehr Energiewende und weniger Abholzung“

Indonesien: Sumbawa ist bekannt für traditionelle Pferderennen, bei denen es um viel Geld geht. Die Kinder, die die kleinen Sumbawa-Pferde reiten, gehen hohe Risiken ein. Der Fotograf Romi Perbawa kämpft für ihre Rechte und ihre Sicherheit.

„Als ich zum ersten Mal bei einem Pferderennen auf Sumbawa war, konnte ich kaum glauben, wie klein die Jockeys waren. Ich machte Bilder, viele Bilder, und dann stürzte genau vor mir ein Junge vom Pferd“, erzählt der Fotograf Romi Perbawa. „Der Junge schrie vor Schmerz, er hatte sein Schlüsselbein gebrochen, es gab keine Ambulanz vor Ort. Also brachte ich ihn mit meinem Wagen in die nächste Klinik, wo er verbunden wurde. Bis heute bin ich mit seiner Familie befreundet.“ Seit diesem Erlebnis ließ den heute 52-Jährigen das Schicksal der Kinderjockeys nicht mehr los.

Perbawa, der auf Java lebt und selbst zwei Kinder hat, fuhr immer wieder zurück auf die 700 Kilometer weiter östlich gelegene Insel Sumbawa, um die Geschichten der kleinen Jockeys zu dokumentieren. Er ging zu ihren Familien, sprach mit Eltern, deren Söhne bei Rennen verletzt worden oder sogar gestorben waren. Er wollte herausfinden, was sie dazu trieb, ihre Söhne schon im Kleinkindalter einer solchen Gefahr auszusetzen. Er traf auch Pferdebesitzer, meist hohe Beamte oder reiche Geschäftsleute – teils aber auch echte Pferdefreaks – sowie deren Mittelsmänner, Trainer und Pferdepfleger. Und er lernte vor allem eines: Es gibt keine einfache Antwort.

Lange Tradition

Dass Jungen auf Sumbawa Pferderennen reiten, hat eine lange Tradition: Die stämmigen Sumbawa-Pferde werden nur 1,2 Meter hoch – zu klein für Erwachsene. Auf diese Tradition berufen sich lokale Politiker und Organisatoren, wenn es Proteste von Menschenrechtler*innen und Kinderschutzorganisationen gegen den brutalen Sport gibt, bei dem immer wieder Kinder verstümmelt werden oder gar umkommen. Erst im August 2023 gab es wieder einen tödlichen Unfall bei einem der Rennen, bei denen es um viel Geld geht.

Sumbawa ist eine der ärmsten Regionen Indonesiens, für Reisanbau ist es dort zu trocken. Doch die Menschen sind stolz auf ihre alte Kultur. Schon im einst mächtigen Sultanat Bima spielten Pferde eine wichtige Rolle. Wer heute etwas auf seinen sozialen Status hält, muss ein Rennpferd besitzen. Tatsächlich berichten die Dorfältesten überall auf Sumbawa davon, dass es schon in ihrer Jugend Pferderennen gab und in der Jugend ihrer Eltern ebenfalls.

Allerdings handelte es sich damals eher um eine Art Initiationsritus für Jungen, die in die Pubertät kamen – viele sprechen von mindestens 12- bis 14-Jährigen. Zudem fand das Kräftemessen auf einer geraden Strecke ohne Kurven und auf weichem Untergrund statt. Die ersten Rennen in einer festen Arena veranstalteten die niederländischen Kolonialherren in den 1930er-Jahren in Bima. Auch gewettet wurde erst später – was in der streng islamischen Kultur zumindest auf dem Papier noch heute illegal ist, aber dennoch eifrig bei jedem Rennen praktiziert wird.

Sicherheitsvorkehrungen für Kinderjockeys sind nötig

„Die Jockeys werden immer jünger – mittlerweile werden schon Vierjährige trainiert“, beklagt Romi Perbawa. „Je leichter die Jungen, desto schneller die Pferde, desto besser die Preisgelder, das ist die perfide Rechnung.“ Dabei kommt der Reiternachwuchs immer aus bedürftigen Familien. „Man kann es den Familien nicht übel nehmen, dass sie ihre Kinder aufs Pferd setzen – sie haben kaum andere Perspektiven, sich aus der Armut zu befreien“, erklärt Romi Perbawa. Er sagt aber auch: „Die Eltern verlassen sich vollkommen auf das Einkommen der Kinder. Die meisten suchen keine andere Arbeit mehr und nur wenige legen das Geld sinnvoll an – etwa in Landbesitz oder Tierzucht.“

Kein reicher Besitzer der bis zu 10.000 Euro teuren Pferde würde seine Söhne dem Risiko der gefährlichen Rennen aussetzen. Die Entschuldigung ist in der Regel, dass die eigenen Kinder „kein Talent“ hätten. Stattdessen ‚mieten’ sie die Jockeys an, die für jedes einzelne Rennen nach festen Sätzen bezahlt werden. Bei einem Sieg – wenn der Pferdebesitzer großzügig ist – dürfen sie vielleicht die Prämie behalten, etwa ein Moped, eine Kuh oder einen Kühlschrank.

Fotograf Perbawa versucht, mit Betroffenen und Menschenrechtler*innen eine stärkere Lobby für die Kinderjockeys aufzubauen. Unter anderem fordert er mehr Sicherheitsvorkehrungen: Die Jungen reiten barfuss und ohne Sattel, meist nur geschützt durch einen einfachen Helm. Oft ist nicht einmal eine Ambulanz vor Ort. „Es ist klar, dass man die Tradition der Pferderennen nicht verbieten lassen kann. Aber es müssen dringend ein Mindestalter für die Reiter und strengere Sicherheitsvorschriften festgelegt werden.“

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2 | 2023, Interviews, Malaysia,
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„Wir brauchen mehr Energiewende und weniger Abholzung“

Indonesien: Der Dokumentarfilm „Tonotwiyat [Der Wald der Frauen]“ von Yulika Anastasia Indrawati erzählt die bewegende Geschichte von Frauen aus Westpapua.

Seit Generationen sind die Frauen aus der Youtefa-Bucht in Westpapua eng mit einem Mangrovenwald verbunden. Der Wald ist wirtschaftliche Lebensgrundlage und zugleich essenzieller Ort des Austauschs und des Geschichtenerzählens. Der Film Tonotwiyat [Der Wald der Frauen] von Yulika Anastasia Indrawati hält bildliche Eindrücke aus dem Leben an diesem einzigartigen Ort fest und beleuchtet zugleich die Herausforderungen, vor denen die Frauen und ihr Wald stehen.

Der Dokumentarfilm begleitet drei Frauen unterschiedlichen Alters aus dem Dorf Enggros in ihrem alltäglichen Leben. Nachdem einige von ihnen ihre Kinder morgens per Boot zur Schule gebracht haben, fahren sie in Gruppen gemeinsam zum Frauenwald. Dort angekommen, legen sie ihre Kleidung ab, die sie beim Suchen nach Muscheln und anderen Meeresfrüchten behindern würde. Die Frauen stehen im flachen Wasser und suchen behutsam mit ihren Füßen nach den kostbaren bia noor-Muscheln, die sich durch eine besonders dünne Schale auszeichnen. Neben Meeresfrüchten sammeln sie auch Brennholz und fangen Fische. Alles, was sie nicht für den Eigenbedarf benötigen, verkaufen sie auf dem nahen gelegenen Markt, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Der Frauenwald ist ein zentraler Treffpunkt und Ort des Austauschs für die Frauen der Dorf-Gemeinschaft. Hier können sie frei miteinander sprechen, ohne von Männern gehört oder gesehen zu werden, da diesen der Zutritt zum Frauenwald untersagt ist. Bei Verstößen gegen dieses Verbot entscheidet der Dorfälteste über angemessene Strafen.

Der ungestörte Austausch der Frauen über persönliche Angelegenheiten und Gemeinschaftsbelange erfüllt eine entscheidende Funktion als Ausgleich für ihren Ausschluss von den Dorfentscheidungsprozessen, die als para-para bekannt sind. Während Frauen nicht an den Diskussionsforen im Dorf teilnehmen dürfen, bietet der Wald ihnen die Möglichkeit, ihre Geschichten und Erfahrungen zu teilen, Ratschläge zu geben und Unterstützung zu finden – was ihnen in anderen Bereichen des Dorflebens verwehrt bleibt.

Der Mangrovenwald ist jedoch gefährdet. Infrastrukturprojekte wie Landaufschüttungen, Straßen- und Brückenbau sowie die Verschmutzung durch enorme Mengen von Plastikmüll bedrohen seine Existenz. In den letzten 50 Jahren hat sich die Waldfläche bereits halbiert. Dies gefährdet nicht nur die Lebensgrundlage der Frauen, sondern auch die ökologische Stabilität der Küstenregion. Mangrovenwälder spielen eine zentrale Rolle bei der Erhaltung der Küstenumgebung, schützen vor Erosion und bieten Lebensraum für zahlreiche Arten. Die Schrumpfung des Waldes erschwert den Frauen die Suche nach Meeresfrüchten, was ihre wirtschaftliche Sicherheit und das Gemeinschaftsleben gefährdet. Mama Ani Meraudje verdeutlicht dies: „Früher füllten wir unser Boot mit Muscheln in einem halben Tag, jetzt brauchen wir den ganzen Tag und füllen kaum die Hälfte.“

Die Schwierigkeiten bei der Muschelsuche führen dazu, dass jüngere Frauen weniger Interesse an den Aktivitäten im Mangrovenwald haben und nach Alternativen suchen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Gleichzeitig sind ältere Frauen entschlossen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen in Gesprächen an die jüngere Generation weiterzugeben, um die Tradition des Tonotwiyat zu bewahren.

Mit Tonotwiyat hat Yulika Anastasia Indrawati einen unkonventionellen Dokumentarfilm geschaffen. Sie folgt keinem zuvor festgelegten Drehbuch und verzichtet auf Interviews und eine direkte Interaktion mit den Protagonistinnen. Stattdessen lebt der Film von den aufgezeichneten Gesprächen zwischen den Frauen. Der Film verzichtet auch auf umfangreiche Hintergrundinformationen und technische Effekte und konzentriert sich stattdessen auf die Darstellung des alltäglichen Lebens und der Umweltgeräusche in der Youtefa-Bucht. Trotz begrenzter technischer Ressourcen gelang es der Filmemacherin und ihrem Team, diesen eindrucksvollen Film in nur zwei Wochen aufzuzeichnen, wobei 95 Prozent der Aufnahmen auf dem Wasser gemacht wurden. Die Regisseurin führte oft selbst die Kamera, da ihr Kameramann den Wald nicht betreten durfte.

In papuanischen Online-Medien wird der Film dafür gelobt, dass er die jüngere Generation Westpapuas – über die Grenzen der Youtefa-Bucht hinaus – für lokale Traditionen und die Bedeutung des Umweltschutzes sensibilisiert. Doch nicht nur für die Jugend in Papua ist der Film lehrreich. Auf eindringliche Weise führt der Film vor Augen, dass es häufig gerade Frauen sind, die die negativen Auswirkungen von ‚Entwicklungs‘- und Infrastrukturprojekten besonders stark zu spüren bekommen. Damit unterstreicht er auch die Notwendigkeit, die Stimmen und Lebenswirklichkeiten von Frauen bereits ab dem Planungsbeginn solcher Projekte mit einzubeziehen.

Rezension zu: Tonotwiyat (Hutan Perempuan). Regie: Yulika Anastasia Indrawati, Indonesien, 2019. 92 Minuten.

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2 | 2023, Interviews, Malaysia,
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„Wir brauchen mehr Energiewende und weniger Abholzung“

Deutschland/Indonesien: Im Juni 2023 fanden die Olympics World Games 2023 zum ersten Mal in Deutschland statt. 2027 wird Indonesien der Gastgeber sein. Ein Interview mit Warsito Ellwein, Vorsitzender von Special Olympics Indonesia (SOINA).

südostasien: Was ist der Unterschied zwischen den Special Olympics und ‚anderen‘ Olympischen Spielen?

Warsito Ellwein: Die Special Olympics sind eine Bewegung, sie sind etwas Besonderes. Im Gegensatz zu den Olympischen und Paralympischen Spielen nehmen an den Special Olympics Athlet*innen teil, deren Beeinträchtigung meist auf das Down-Syndrom zurückzuführen ist. Menschen mit Down-Syndrom werden mit einer genetischen Störung, einer Chromosomenanomalie, geboren, die zur Entwicklung einer Intelligenz führt, die meist unter dem Durchschnitt liegt. Das Hauptziel der Special Olympics besteht nicht darin, Medaillen zu gewinnen, sondern in der Gemeinschaft und im Bemühen, Menschen ins gesellschaftliche Leben einzubeziehen.

Indonesien ist ja nicht zum ersten Mal dabei…

Indonesien ist seit 1986 Mitglied der weltweiten Special-Olympics-Bewegung. Deshalb nehmen wir auch immer an den Special Olympics World Games teil, 2019 in Abu Dhabi, 2023 in Berlin. Aber diese Beteiligung und die Spiele waren der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt. Wir hoffen, dass es künftig mehr mediale Aufmerksamkeit geben wird.

Was tut SOINA, der indonesische Verband für die Special Olympics, dafür?

Wir haben das Ganze in Indonesien dieses Mal anders aufgezogen, angefangen bei den sprachlichen Bezeichnungen. Die Athlet*innen bezeichnen wir nicht mehr als „Menschen mit Behinderung“, wie man sie früher nannte, sondern „Menschen mit speziellen Begabungen“, auf Indonesisch „orang bertalenta khusus“. Für Menschen mit (geistiger) Behinderung gibt es in Indonesien sehr große Hürden. Sie erleben häufig soziale Stigmatisierung, werden als Belastung oder sogar als Schande für die Familie angesehen. Oft wird ihr Zustand als eine ‚Strafe Gottes‘ angesehen, zum Beispiel wegen Verfehlungen der Eltern oder anderer Familienmitglieder. Sie werden verspottet und für dumm gehalten, auch von ihren eigenen Familien. Sie werden oft geschlagen oder sogar gefesselt, weil sich die Familien für sie schämen.

Kann man das verändern, indem man diese Menschen anders bezeichnet?

Ja. Als Erstes wollten wir die Bezeichnungen „behindert“ streichen. Denn für uns sind sie Menschen mit spezieller Begabung. Sie sind also besondere Menschen. Ja, sie haben einen niedrigeren Intelligenzquotienten als andere, aber dafür haben sie auch andere Stärken. Und das wirkt. Seit wir die Bezeichnung geändert haben, und für diese „Menschen mit spezieller Begabung“ werben, bekommen wir mehr Sponsoren aus der Wirtschaft. Plötzlich gibt es Sportbekleidungsfirmen und Schuhfirmen, die unsere Athlet*innen ausstatten wollen.

Gab es weitere Veränderungen, über die sprachliche Ebene hinaus?

Wie gesagt, früher geschah alles eher unter dem Radar. Der Verband wählte einige Athlet*innen, meistens aus Jakarta oder aus Westjava, und schickte die Delegation anschließend zu den Special Olympics World Games. Es gab kaum Publikationen darüber, keine Berichte in den Medien. Wir sind bei den Vorbereitungen dieses Mal in die Provinzen gereist, haben mit den Regionalregierungen gesprochen, und baten sie um Hilfe bei der Wahl der Athlet*innen mit speziellen Begabungen. Und siehe da, viele Provinzen machen mit und viele Eltern kommen, um ihre Kinder registrieren zu lassen. Städte und Provinzen haben dann zusammen mit uns regionale Special Olympics Games veranstaltet, die so genannten PESODA. Und die besten Athlet*innen kommen dann zu PESONAS, den nationalen Special Olympics, die wir im Juli 2022 mit Unterstützung der Provinz-Regierung in Semarang, der Hauptstadt von Zentraljava, organisierten.

Wie war der Zuspruch unter Athlet*innen und Zuschauer*innen?

Die Resonanz war unglaublich, wir konnten es fast nicht glauben. Es kamen über 1000 Athlet*innen aus den Provinzen. Viele Delegationen kamen von fernen Inseln mit Bussen oder mit Schiffen, weil sie nicht genug Geld für ein Flugticket hatten. Es gab Familien, die ihre Kinder eigens finanzieren. Ganze Familien kamen nach Semarang. Wir hatten ja als nationaler Verband kein Budget aus staatlichem Haushalt. Aber es kamen viele Spenden. Und in Semarang hatten wir viele, viele Freiwillige, die bei der Durchführung von PESONAS helfen wollten. Die Athlet*innen brauchen ja Betreuung, und zwar 24 Stunden am Tag. Sie dürfen nicht allein gelassen werden. Die Begeisterung war außergewöhnlich. So viele Sportler*innen und so viele Freiwillige wollten sich engagieren, auf regionaler und auf nationaler Ebene. Nach PESONAS fingen wir dann direkt mit der Vorbereitung für die Special Olympics in Berlin an. Die ausgewählten Athlet*innen aus 17 Provinzen wurden zunächst in ihren Heimatstädten betreut, und dann später in einem speziellen Trainingscamp in Semarang vorbereitet. Und dieses Mal haben viele Medien darüber berichtet, regionale und auch nationale Medien. Bevor wir nach Berlin flogen, wurden wir von Präsident Joko Widodo empfangen.

Du hast lange in Deutschland gelebt, wo man dich als politischen Aktivisten gegen das Suharto-Regime kannte. Wie kommst du zur Position als Vorsitzender des indonesischen Special Olympics-Verbandes SOINA?

Nach Suhartos-Rücktritt (1998) bin ich nach Indonesien gegangen und habe mit unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Gruppen gearbeitet, vor allem in Zentraljava. Als der langjährige Vorsitzende der SOINA aus gesundheitlichen Gründen sein Amt zur Verfügung stellte, hat man mich als einen der Kandidaten für dieses Amt nominiert. Anfangs wollte ich die Nominierung nicht annehmen, da ich, ehrlich gesagt, nicht viel von Sportorganisation verstehe. Aber viele Freunde haben mich dazu gedrängt. Ich habe dann verstanden, das Special Olympics anders ist, es ist kein Leistungssport. Hier ist vielmehr der Solidaritätsgedanke, das Miteinander, die Teilhabe an gesellschaftlichem Zusammenleben wichtig. Also habe ich zugestimmt. Und dann wurde ich tatsächlich auch gewählt, obwohl es andere Sportfunktionäre gab, die sich zur Wahl gestellt hatten. Vielleicht, weil die darauf folgenden World Games in Berlin stattfinden sollten. Ich hatte ja vorher an vielen deutsch-indonesischen Projekten mitgearbeitet.

Hast du das Gefühl, du kannst in dieser Funktion tatsächlich gesellschaftlich etwas ändern, zum Beispiel beim Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen in Indonesien?

Es ist ein langer Prozess, aber die Antwort ist: ja. Man sieht das jetzt schon, mit der Durchführung der nationalen Special Olympics (PESONAS) 2022. Plötzlich bekommen wir viel Aufmerksamkeit. Wir haben jetzt im Verband Sektionen in 34 Provinzen, die 35. ist in Vorbereitung. Wir haben jetzt über 4.700 aktive registrierte Sportler*innen. Außerdem fast 600 registrierte Trainer*innen und genauso viele registrierte Freiwillige, die sich freiwillig engagieren. Sie bekommen keine Bezahlung dafür.

Du sprichst über Solidaritätsgedanken und Miteinander. Wie wird das für dich spürbar?

Man spürt den Unterschied zwischen „Leistungssport“ und Special Olympics. Als wir mit über 1.000 Athlet*innen das Sportfest in Semarang veranstalteten, man muss sich erst einmal klarmachen, was das bedeutet. Diese Menschen sind ja etwas anders, sie vergessen sehr oft ihre Sachen und legen sie einfach auf einen Tisch oder eine Bank. Aber wir konnten ihre Smartphones, Uhren und andere Wertsachen immer wieder finden. Nichts wurde geklaut, alle waren fröhlich dabei.

Vielleicht noch eine kleine Geschichte… Am Anfang, als wir unser Fußballteam trainierten, ist uns aufgefallen, dass es den Spieler*innen anscheinend schwer fiel, Tore zu schießen. Jemand stand oft schon vor dem Tor, doch anstatt den Ball rein zu schießen, beförderte er den Ball ins Aus. Wir Trainer und Betreuer haben das am Anfang nicht verstanden, warum schießt er den Ball nicht ins Tor? Als wir den Spieler fragten, antwortete er: „Ich habe es nicht übers Herz gebracht, der Torwart ist doch mein Freund. Wenn ich den Ball ins Tor schieße, wird man nachher über ihn lachen oder ihn als schlechten Torwart bezeichnen. Das will ich nicht.“ So sind sie eben, diese speziellen Athlet*innen. So ist ihr Geist der Solidarität und des Miteinanders.

Und wie habt ihr dann trainiert? Beim Fußball müssen doch Tore fallen?

Wir haben ein Fußballspiel mit fünf Toren erfunden. Und die Spieler sollen Tore machen, egal in welches Tor. Und die anderen sollen die Tore verhindern. Das hat funktioniert.

Gab es bei den Special Olympics in Berlin für die indonesischen Athlet*innen ein Medaillenziel?

Ja, das Medaillenziel ist notwendig, um die Anforderungen der Gesellschaft und der Menschen in der Heimat gerecht zu werden. Es heißt eben Sport, und die Leute zu Hause wollen wissen, ob wir erfolgreich sind oder nicht. Deshalb haben wir von SOINA gesagt, wir wollen in Berlin neun Goldmedaillen gewinnen [die indonesischen Athlet*innen errangen zehn Mal Gold, fünf Mal Silber und acht Mal Bronze, d.R.] . Aber was für uns noch wichtiger ist, ist zu zeigen, dass die Sportler*innen herausragende Leistungen erbringen können und dass sie auch im Namen Indonesiens unterwegs sind. Wenn die Gesellschaft das erkennt, gibt es einen größeren Raum für ihre Teilhabe am Leben. Sie können mit weniger Diskriminierung und ohne Stigmatisierung leben. Zumindest ihre Familien sind jetzt sehr stolz auf diese talentierten Menschen, weil sie nach Berlin geflogen sind und dort Indonesien vertreten haben.

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen von: Hendra Pasuhuk

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2 | 2023, Interviews, Malaysia,
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„Wir brauchen mehr Energiewende und weniger Abholzung“

Indonesien: Der Sportjournalist Andrin Brändle verbrachte drei Monate mit den Ultras des Fußballvereins PSS Sleman. In seinem Buch „Ein Sommer mit Sleman“ beschreibt er den Alltag der Fußballfans und ihre Reisen zu Auswärtsspielen und gibt so einen lebendigen Eindruck der Fußball-Fan-Szene.

Hast du jemals gefühlt,
einen Lichtschimmer, einen Traum vor Augen zu sehen,
der javanische Super-Adler wird definitiv siegen.
Nach Jahren
fühlt man sich nicht mehr so müde,
Morgen folgt auf den Morgen,
und es gibt immer noch Wünsche.
Es ist eine Ehre,
dich als Helden zu begleiten,
immer weiter zu kämpfen,
Hoffnungen wahr werden zu lassen,
daran zu glauben, dass wir Freunde feiern werden…
Für diesen einen Namen,
voller Stolz in meiner Brust,
werde ich alles geben,
der javanische Super-Adler
wird der Sieger sein.
Ich werde alles opfern,
bis du es geschafft hast…

(Hymne des PSS Sleman)

Meine Familie und ich sind im Februar 2023 von Sleman, einem Regierungsbezirk im Norden der indonesischen Provinz Yogyakarta, in die ostdeutsche Stadt Leipzig gezogen. Vielleicht ist das kein Zufall: Beide Orte sind bekannt für ihre umstrittenen Fußballvereine. Über ‚meinen Verein‘, den PSS Sleman, ist 2020 ein Buch erschienen: Ein Sommer mit Sleman von Andrin Brändle, einem Schweizer Sportjournalisten und Fußballfan. 2019 hatte er den langen Weg nach Yogyakarta auf sich genommen, um dort drei Monate lang bei PSS Sleman die Fankultur im indonesischen Fußball kennen zu lernen. Anfangs habe er noch nicht den Plan gehabt, ein Buch zu schreiben, sagt Brändle in diesem Interview, doch dann habe er so viele Geschichten gefunden, wie die Fan- Subkultur dort gelebt wird, dass er sich entschieden habe, seine Erfahrungen niederzuschreiben.

2023 hat Brändle die indonesische Übersetzung des Buches in Berlin vorgestellt. Grund genug für mich als stolzer PSS Sleman-Fan, drei Stunden mit dem Regionalexpress von Leipzig nach Berlin zu fahren, um bei der Buchvorstellung dabei zu sein.

Indonesische Fankultur erforschen

In Ein Sommer mit Sleman untersucht der Autor die Fankultur der PSS-Sleman-Anhänger, insbesondere der Ultras der Brigata Curva Sud, kurz BCS. Diese hat sich in den 2000er-Jahren von der Kultur der Ultras in Italien inspirieren lassen. Tatsächlich wurde der Name „Brigata“ aus dem italienischen Film L’ultimo Ultras aus dem Jahr 2009 übernommen und später „Curva Sud“ hinzugefügt, weil die Südkurve des Maguwoharjo-Stadions in Yogyakarta als Heimtribüne des PSS Sleman gilt.

Die Fankultur der Ultras hat sich trotz der räumlichen, zeitlichen und kulturellen Entfernung von Italien in Indonesien weiterentwickelt. Auch hier gibt es manchmal Gewaltexzesse. Aber vor allem geht es BCS-Ultra darum, die Spieler nicht nur mit Anfeuern zu unterstützen, sondern auch außerhalb des Stadions zu helfen: etwa mit vitaminreichem Essen oder Fitnessgeräten, die sie durch den Verkauf von Werbeartikeln erstehen. Die Ultras sehen sich als die ‚ewigen Eigentümer‘ des Clubs: Spieler, Trainer und Management können kommen und gehen – aber die Fans bleiben.

Das Selbstverständnis der BCS basiert auf Werten wie Brüderlichkeit und Kampfeswillen, die sich zum Manifest entwickelt haben, das als Leitfaden für die Aktivitäten der Fans dient. Andrin Brändle beschreibt dies prägnant und sehr eindringlich. In der indonesischen Ausgabe Musim Panas Bersama Sleman behandelt er auch die Haltung und Reaktion der BCS-Ultras auf die Tragödie des indonesischen Fußballs im Stadion von Malang im Oktober 2022.

Verein und Ultras: mal Harmonie, mal Konflikte

Das Buch ist in elf Kapitel gegliedert und hat drei große Grundthemen: Das erste ist die Motivation des Autors, der sich bis zum letzten Moment immer wieder fragt, warum er den ganzen Weg aus der Schweiz nach Sleman gekommen war. Das zweite und größte Thema sind die Begegnungen zwischen den Ultras der Brigata Curva Sud und anderen Fans, die mal positiv und konstruktiv, mal aber auch konfliktreich sind. Als drittes beschreibt Brändle die Beziehung zwischen den Ultras der BCS und dem PSS Sleman. Auch hier gibt es mal Harmonie und mal Konflikte. Dabei geht der Autor auch auf Themen außerhalb des Spielfelds ein: auf den Alltag auf überfüllten Straßen, die beschwerliche Arbeit auf dem Land und um die Leichtigkeit, mit der Indonesier*innen neue Bekanntschaften machen.

Ein Sommer mit Sleman ist einfach und sachlich geschrieben, dennoch löste das Buch bei mir starke Emotionen aus. Brändle schreibt kurz und prägnant, ohne das Wesentliche zu reduzieren. Dass ein ausländischer Autor dieses Buch geschrieben hat, macht die indonesische Ausgabe besonders interessant. Das Layout und die Illustrationen sind ungewöhnlich, sie spiegeln ein tiefes Gefühl wieder und unterstützen die Erzählung [in der deutschen Ausgabe wird die Erzählung von den zahlreichen Fotos des Autors unterstützt, d.R.]. Das Buch wirkt außergewöhnlich inspirierend auf mich als Leser. Als ich es zu Ende gelesen hatte, habe ich mich als langjähriger PSS-Sleman-Fan berührt und stolz gefühlt.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Christina Schott

Rezension zu: Andrin Brändle. Ein Sommer mit Sleman. Burkhardt & Partner Verlag. 188 Seiten. 2020
Andrin Brändle. Musim Panas Bersama Sleman. Dibataspagar. 2023

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2 | 2023, Interviews, Malaysia,
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„Wir brauchen mehr Energiewende und weniger Abholzung“

 

 

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2 | 2023, Interviews, Malaysia,
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„Wir brauchen mehr Energiewende und weniger Abholzung“

Philippinen: Im Interview berichtet die Fußballspielerin Alyanna Yatco von ihrem Weg in die U15-Nationalmannschaft und ‚das Leben danach‘

südostasien: Wann und warum bist Du Fußballerin geworden?

Alyanna Yatco: Als ich anfing, war ich elf Jahre alt. Schon als Kind sah ich, wie mein Onkel für sein Highschool Team spielte. Er hatte früh zu spielen begonnen. Als ich ihn beobachtete, war er also richtig gut. Mich hat motiviert, ihn mit seinen Teamkameraden beim Training und den Spielen zu sehen. Zu sehen, wie sie zusammen abhängen, essen, spielen und sogar zusammen lernen – das hat mich dazu gebracht, auch in einem solchen Team sein zu wollen. Bevor ich mit Fußball anfing, bin ich geschwommen und habe Taekwondo gemacht. Allerdings waren das Einzelsportarten.

Welche Herausforderungen brachte der Umstieg in den Mannschaftssport?

Eine Herausforderung war, mit den anderen Spieler*innen während des Spiels zu kooperieren. Meine bisherige Erfahrung war: „Wenn ich nicht gut bin, enttäusche ich mich nur selbst.“ Aber beim Fußball leidet die ganze Mannschaft, wenn ich keine Leistung bringe. Es geht um das „Wir“ und nicht mehr um das „Ich“. Ein weiteres Hindernis war, dass Fußballturniere meist in älteren Altersklassen ausgetragen werden. Für Kinder unter 15 Jahren wird eine gemischte Mannschaft gebildet, in der sowohl Mädchen als auch Jungen spielen. In der Mannschaft sind auch immer mehr als 11 Spieler*innen zum Einwechseln. Gegen die Jungs anzutreten war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Du triffst auf Jungs, die wissen, wie sie ihren Körper einsetzen müssen, um dich zu blockieren oder dir den Ball abzunehmen.

Hat Deine Familie Dich ermutigt?

Da mein Onkel bereits spielte und wir unter einem Dach wohnen, waren sie sehr hilfsbereit. Die Schule, für die ich anfing zu spielen, war die Schule meines Onkels. Sie waren sehr entspannt, wenn es um das Programm, die Trainer und die Atmosphäre ging. Sie waren wirklich sehr ermutigend, als ich anfing – auch wenn sie lauter Fragen hatten, weil Fußball nicht wirklich als Mädchensport galt. Aber wir haben gemeinsam gezeigt, wie es funktionieren kann.

Wie haben deine Freunde reagiert?

Ich war erst in der fünften Klasse, also fanden meine Freunde es wirklich cool. Davor hatten wir keinen Fußball in der Schule. Meine Freunde und Lehrer fanden es erstaunlich, dass ich für eine andere Schulmannschaft spielte und einen Sport machte, von dem sie bisher nicht viel mitbekommen hatten. Sie gehen an Wochenenden ins Einkaufszentrum oder in die Kirche, während ich normalerweise zum Training oder zu Spielen gehe. Das fanden sie sehr interessant. Sie haben mich dann auch unterstützt und meine Spiele angeschaut.

Du wurdest später in den Kader der U15-Nationalmannschaft aufgenommen. Wie kam es dazu?

Als die älteren Spieler*innen meines Vereins über Fahrgemeinschaften zum Stadion sprachen, fragte ich sie, wohin sie fahren. Sie sagten: „Wir trainieren, um in die U-15 Nationalmannschaft zu kommen“. Damals war ich erst 13 Jahre alt, also habe ich sie gefragt, ob ich mitkommen kann. Sie antworteten: „Okay, aber das ist ein Spiel mit elf Spieler*innen und vielleicht bist du zu jung“. Also bin ich nach Hause gegangen und habe beim Abendessen mit meiner Familie darüber gesprochen. Sie sagten mir, mein Ziel sollte sein, einfach nur dabei zu sein, Spaß zu haben und etwas zu lernen – ohne zu erwarten, dass ich ausgewählt werde. Am nächsten Tag hatten die älteren Spieler*innen Training, dort habe ich gefragt, ob ich mitkommen kann. Sie waren sehr ermutigend und offen, also kam ich mit. Sie waren älter als ich, aber es gab auch andere junge Mädchen, die es auch einfach mal ausprobieren wollten. Ich habe es aber nicht in die Vorauswahl geschafft, ich habe es nicht einmal bis zum letzten Tag des Probetrainings geschafft. Aber ich habe nicht aufgegeben!

Wie ging es dann weiter?

Im darauf folgenden Jahr habe ich mich wieder für ein U-15-Team beworben und wieder waren die Spieler*innen ein Jahr älter als ich. Diesmal wusste ich aber, wie man in einer 11er-Mannschaft spielt, und ich wusste, für welche Position ich mich bewerben wollte. Ich habe es als Verteidigerin versucht, denn beim letzten Mal war ich Mittelfeldspielerin. Ich war so glücklich, als ich ins Trainingslager in Manila kam. Ich fuhr direkt von der Schule quer durch die Stadt, nur um am Nachmittagstraining teilzunehmen. Von zu Hause weg zu sein, war beängstigend und auch ganz neu für mich. Im Camp trainierten wir wochenlang zweimal am Tag. Es war eine Achterbahnfahrt! Bei der Endauswahl wird entschieden, wer zu den Wettkämpfen darf und wer zurück nach Hause geht. Ich kam nicht rein. Ich fing wieder an, hart zu arbeiten. Diesmal wusste ich, was ich verbessern sollte. Ein weiteres Jahr verging und ich versuchte es erneut. Dieses Mal schaffte ich es endlich in die Auswahl!

Was hat sich für Dich in der U-15 Nationalmannschaft geändert?

Nationalspielerin zu sein, ist schön. Aber es bringt auch eine Menge Verantwortung mit sich. Auch wenn du nicht die beste Spielerin im Team bist, schauen kleine Kinder zu dir auf. Wir sind keine Idole, aber ich denke, wir sind dennoch eine Inspiration oder Motivation für andere, noch härter zu arbeiten. Was sich für mich am meisten geändert hat, waren Faktoren abseits der Disziplin. Ich dachte immer, Disziplin sei der einzige Schlüsselfaktor als Spielerin. Aber wenn wir im Ausland an Wettkämpfen teilnahmen, war es wirklich schön, Menschen anderer Ethnien und Nationalitäten zu sehen.

Es war auch schön, in meinen Teamkameradinnen Werte zu sehen, die ich nicht von ihnen erwartet hätte, die aber in diesem Sport wichtig sind.

Um welche Werte geht es?

Entschlossenheit, Gelassenheit und Empathie gegenüber anderen Menschen. Wenn du entschlossen bist, etwas zu tun, bringst du das Beste in dir zum Vorschein, auch in deinen schlimmsten Zeiten. Du setzt dir Ziele, erreichst Lösungen und erreichst so deine Träume. Disziplin kann dich dabei nur unterstützen.

Gelassenheit hilft dir, unter Druck mit Herausforderungen umzugehen und dich unter Kontrolle zu halten. Da alle verschiedene Hintergründe, Umfelder und Erwartungen haben, muss das, was für dich funktioniert, nicht für die anderen funktionieren und andersherum. Empathie hat mir in solchen Situationen geholfen, die Menschen, mit denen ich täglich zu tun hatte, kennen zu lernen und zu verstehen.

Wie hat es sich für dich angefühlt, die Philippinen zu vertreten?

Es war eine Ehre, das Land zu vertreten. Wenn man die Nationalhymne singt und mit der Flagge auf der Brust spielt, ist das, als würde man für die 114 Millionen Filipin@s auf der ganzen Welt spielen. Es ist in vielerlei Hinsicht ein sehr sinnstiftendes Gefühl. Es erfordert eine gute innere Einstellung. Ins Ausland zu gehen, ist einfach, wenn man auf Reisen ist. Aber außerhalb des Landes zu spielen, ist Arbeit. Es erfordert Konzentration, Entschlossenheit und eine Menge Weisheit.

Meinst Du, dass es anders ist, in den Philippinen Fußball zu spielen als anderswo auf der Welt?

Unser Land ist sehr auf Basketball und Volleyball ausgerichtet. Fußball wird erst jetzt bekannt, seit die philippinische Frauen-Nationalmannschaft an der letzten FIFA-Frauen-Weltmeisterschaft teilgenommen hat. Ich finde, dass die Dynamik des Fußballs, die Regeln, die Spielweise und die Terminologie mit denen anderer Länder vergleichbar sind. Aber hinsichtlich Strategie, Bekanntheitsgrad und Technik sieht man eine große Lücke. In anderen Ländern sind die Regeln über Technologie klarer festgelegt, etwa über Videoassistenten, die die Fairness des Spiels erhöhen. Da der Sport hier nicht wirklich bekannt ist, gibt es auch keinen lokalen Fernsehsender, der ihn dauerhaft ausstrahlt. Was den Fußball in den Philippinen aber so interessant macht, ist die Tatsache, dass wir nicht so groß sind wie die Community der Basketballer und Volleyballer, so dass wir uns alle kennen. Die Fußball-Community ist so klein, dass es einfach ist, sich zu treffen und über die aktuellen Ereignisse in der Fußball-Community Bescheid zu wissen.

Seit 2021 studierst du Ingenieurwissenschaften. Wie kannst du Studium und Fußballtraining vereinbaren?

Wir haben von früh morgens bis 8:30 oder 9 Uhr Training. Es gibt Tage, an denen ich um 8:30 Uhr Unterricht habe, dann verlasse ich das Training früher, dusche und gehe direkt zum Unterricht. Ich kann froh sein, wenn ich dann noch einen Keks unterwegs essen kann, aber meistens gehe ich mit leerem Magen zum Unterricht, weil mir die Zeit fehlt. Der Trainingsteil ist eine festgelegte Routine, aber wenn ich eine Trainingseinheit verpasse, weil ich Unterricht habe, dann muss ich ein zusätzliches Training am Nachmittag nach dem Unterricht einschieben.

Der schwierige Teil sind die inhaltlichen Anforderungen im Studium. Denn wenn ich von der Uni nach Hause komme, bin ich meistens müde. Der Schlüssel zur Bewältigung von Fußballtraining und Studium liegt darin, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. Ich schaffe das, indem ich mich vorbereite, also einen Zeitplan aufstelle. „Wenn du nicht planst, dann planst du, zu scheitern“ – nach diesem Motto lebe ich jedes Mal, wenn ein neues Semester oder eine neue Saison beginnt.

Was sind deine Ziele?

Fußballprofi zu werden war eigentlich nie ein realistischer Traum für mich. Ich möchte einfach nur eine erfolgreiche, aber auch fitte Ingenieurin sein. Ich würde gerne meinen Doktor machen, hoffentlich bevor ich 35 Jahre alt bin.

Linus Nolte hat das Interview auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt.

 

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„Wir brauchen mehr Energiewende und weniger Abholzung“

Kambodscha: Der Dokumentarfilm „Lotus Sports Club“ erzählt von einer Fußballmannschaft, die offen für LGBTIQ- Spieler*innen ist. Teenager finden so im Sport eine stärkende Gemeinschaft und Selbstvertrauen.

„Der Sport hat mir geholfen, mit meinem Schmerz und meiner Trauer umzugehen und er gibt mir ein Gefühl der Freude und des Glücks“, sagt Leak, 18 Jahre, in der Eröffnungsszene von Lotus Sports Club. Man sieht ihn in Nahaufnahme: ein Junge mit feinen Gesichtszügen, glatter Haut und sanft dreinblickenden Augen. Er spricht langsam und schaut nachdenklich an der Kamera vorbei. Was seinen Schmerz und seine Trauer verursacht, lässt sich erahnen. Leak wurde als Mädchen geboren. Er habe schon mit sechs Jahren gewusst, dass er ein Mann sein wolle, erzählt er.

In Lotus Sports Club erzählen der kambodschanische Regisseur Vanna Hem und sein italienischer Co-Regisseur Tommaso Colognese vom einzigen Fußballteam in Kambodscha, das offen für LGBTIQ-Spieler*innen ist. Fast die Hälfte der 22 Mitglieder dieser U21 Fußballmannschaft der Frauen aus Kompong Chhnang sind queer, lesbisch oder trans*.

Pa Vann – Trainer, Vorbild, Vaterfigur

Trainiert wird das Team von Pa Vann, also Papa Vann. Dieser legt großen Wert darauf, dass die Mannschaft gemischt ist, denn das stärke das Team. „Im Sport kann man nicht allein erfolgreich sein“, sagt er beim Training zu seinen Spieler*innen. „Wir schaffen es nur als Team. Die wichtigsten Techniken bauen auf Zusammenhalt auf.“ Das bedeutet: Nur wenn man sich gegenseitig akzeptiert und unterstützt, ist man als Gruppe stark. Diese Erfahrung sollen die Jugendlichen in der Mannschaft machen.

Auch Pa Vann, Ende 50, wurde als Frau geboren. Er redet nicht viel über Identität und Rollenbilder – zumindest nicht im Film – sondern vermittelt den Jugendlichen Werte wie Disziplin, Teamgeist und Akzeptanz, um sie auf ihr Leben vorzubereiten. Dass gerade die queeren Spieler*innen es in einer Gesellschaft wie der kambodschanischen nicht leicht haben werden, weiß er aus Erfahrung. „Wenn queere Spieler*innen gute Leistungen bringen, dann wird das anerkannt“, sagt er in einer Szene mit Tränen in den Augen. In einer Szene kurz vorher hatte er bei einem Spiel seine Mannschaft lautstark gegen Beschimpfungen und Anfeindungen verteidigt. Pa Vann ist aber nicht immer nur nett sondern auch mal ruppig und macht beim Training auch harte Ansagen.

Seine Rolle im Leben der Jugendlichen ist mehr als die eines Trainers. „Viele queere Spieler*innen kommen zu mir nach Hause, weil sie Probleme haben und ich helfe ihnen, Lösungen zu finden“, sagt er. Drei junge Trans-Männer, darunter auch Leak, wohnen bei ihm. „Ich liebe sie wie meine eigenen Kinder“. Die innige Verbindung, ganz besonders zu Leak, zeigt der Film in anrührenden Bildern.

Kurze Momente der gesellschaftlichen Anerkennung

„Pa“ hat auch eine Partnerin, Sophorn. Die Jugendlichen nennen sie „Ma“. Während sie Pa Vann in einer Szene liebevoll graue Haare vom Kopf zupft, erzählt sie von ihrer Beziehung zu ihm und wie ihre Familie sie verstieß. Dass die eigene Familie oder die der Partnerin diese Beziehungen nicht akzeptieren, darüber sprechen verschiedene Protagonist*innen im Film. Der Sport und die Gemeinschaft federn den Schmerz ab, sorgen für Momente des Glücks. Die Kamera fängt einige davon ein. Sie ist beim ausgelassenen Training auf einem staubigen Platz dabei und auch bei der Qualifikationsrunde auf Nationalebene, wo es um Leistung geht und männliche Zuschauer von der Seitenlinie brüllen: „Pass auf, Mannweib“ oder „Brich der Lesbe die Beine.“ Die Mannschaft schlägt sich gut, belegt den dritten Platz. Eine kurze Szene zeigt einen glücklich-strahlenden Leak im kurzen Moment der gesellschaftlichen Anerkennung auf dem Bronze-Treppchen.

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Video-Link: https://vimeo.com/743532865

Der Film begleitet das Team über mehrere Jahre bis 2019. Sportlicher Höhepunkt sind die Nationalspiele 2016. Das Team fährt zum großen Wettkampf nach Phnom Penh und spielt im neuen Olympiastadion – allerdings vor leeren Rängen und bei strömendem Regen. Wie die Mannschaft dort abschneidet, lässt der Film offen und springt anderthalb Jahre weiter: Leak, mittlerweile zu alt für das Team, arbeitet in einem Mini-Markt in Phnom Penh. Er entdeckt das queere Großstadtleben und geht weiter seinen Weg. Er habe schon lange keinen Kontakt zu Pa Vann gehabt, sagt er, denke aber oft an ihn und die Zeit in der Fußball-Gemeinschaft.

LGBTIQ in Kambodscha – marginalisiert und diskriminiert

Im Sport – und vor allem im Fußball – werden Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen, oft diskriminiert. Pa Vann und sein Lotus Sports Club zeigen, wie es anders geht. Hier erleben die queeren Jugendlichen im Sport eine unterstützende Gemeinschaft, die sie anerkennt und wertschätzt, so wie sie sind. Daraus schöpfen sie die Kraft, ihren Weg zu gehen.

Obwohl Kambodscha gleichgeschlechtliche Beziehungen nie kriminalisiert hat, ist die gleichgeschlechtliche Ehe illegal. Seit Jahren versuchen LGBTIQ- Organisationen, im Dialog mit der Regierung eine Besserstellung zu erreichen. Zwar reagiert die Regierung freundlich und verspricht viel, hat aber bisher nichts getan. Lesben, Schwule, Bi-, Intersexuelle und Transgender (LGBTIQ) werden in Kambodschas Gesellschaft marginalisiert. Jobs werden ihnen vorenthalten, sie werden im Alltag beschimpft und belacht. Gesprochen wird über das Thema nur wenig.

Regisseur Vanna Hem, der sich als LGBTIQ identifiziert, möchte das ändern und hat schon einige Kurzfilme gemacht. Lotus Sports Club ist sein erster langer Film. Hier hat er die Zeit, ganz unterschiedliche Seiten seiner Protagonist*innen zu zeigen. Dabei wird immer wieder deutlich, wie schwer die Nicht-Anerkennung durch Familie und Gesellschaft für sie ist. Der Film zeigt ihre Traurigkeit und das Leid, das die Ablehnung verursacht hat. Er zeigt aber auch einen ganz normalen Alltag, Spaß beim Sport und die Geborgenheit, die die Gemeinschaft gibt. Alle Fäden laufen letzten Endes bei Pa Vann zusammen. Wie wichtig eine Person wie er als Identifikationsfigur und Unterstützer für die Jugendlichen ist, scheint eine Hauptaussage des Films sein.

Starke und berührende Hauptfiguren

Die persönlichen Geschichten der Protagonist*innen sind so eindringlich und berührend, dass sie die Erzählung über die Kraft des Zusammenhalts im Sport ein wenig verblassen lassen. Es ist sehr beeindruckend, wie offen sie über ihre Erfahrungen, Ängste und Zukunftswünsche sprechen. In diesen Szenen sind die Einstellungen lang und die Kamera ist sehr nah dran. Da es im Film keine zusätzliche Erzählinstanz gibt, die das Gesagte kommentiert, einordnet oder ergänzt, sprechen die Bilder oft für sich. Leise und langsame Szenen wechseln mit solchen, in denen man das Team in ausgelassener Stimmung auf dem Weg zu Wettkämpfen in Pa Vanns VW-Bus sieht oder mit schnellen Fußballszenen, die teilweise mit energetischer Musik unterlegt sind. Was nach dem Film noch lange in Erinnerung bleibt, sind die berührenden persönlichen Geschichten, verstärkt von den subtilen und doch starken Emotionen in den Gesichtern der Jugendlichen.

Rezension zu: Lotus Sports Club, Regie: Vanna Hem, Tommaso Colognese. Kambodscha, Niederlande. 2022. 72 Minuten. (zu sehen auf Festivals und bei Vimeo on demand)

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2 | 2023, Interviews, Malaysia,
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„Wir brauchen mehr Energiewende und weniger Abholzung“

Indonesien: Andrin Brändle ist Kenner des indonesischen Fußballs. Der Schweizer spricht über die Stadionkatastrophe von Malang im Oktober 2022, Ultras und strukturelle Gewalt in überfüllten Stadien.

südostasien: Herr Brändle, halten Sie die indonesische Liga für die gefährlichste der Welt?

Andrin Brändle: Ich bin kein Fan von pauschalisierenden Aussagen, aber es ist schon so, dass in Indonesien bei Tumulten immer wieder Menschen zu Tode kommen. Das passiert leider. Beim Spiel von Arema Malang gegen Persebaya Surabaya sind weit mehr als 100 Menschen, darunter viele Jugendliche, gestorben – nach Platzsturm und Tränengaseinsatz der Polizei. Es hat aber auch schon vor dieser Tragödie in jeder Fußballsaison Tote gegeben. Der ehemalige deutsche Torwart Lutz Pfannenstiel, der Ende der 1990er Jahre fast indonesischer Nationaltorhüter geworden wäre, sagte einmal, es würden jedes Jahr über 100 Menschen in indonesischen Stadien sterben. Das war übertrieben, aber es geht anders zu als in Europa.

Diese Vorfälle werden auch anders gewichtet. Wir sehen es daran, dass wenige Tage später schon wieder ein Qualifikationsspiel der indonesischen U17-Auswahl gegen die Vereinigten Arabischen Emirate gegeben hat. Das wäre in Europa undenkbar, wenn zum Beispiel in Deutschland drei Tage vorher so viele Leute zu Tode gekommen wären. Ich glaube nicht, dass der DFB in so einer Situation wieder gegen den Ball treten ließe.

Ein Menschenleben ist in Indonesien offensichtlich weniger wert, die Auseinandersetzung mit dem Tod im Stadion ist kein abstraktes Thema, sondern real. Hinzu kommt, dass Politik und Justiz in Indonesien nicht viel von den Fußballfans halten. Die Politiker und Funktionäre wollen sich über den Fußball in der Welt profilieren, Stichwort U20-WM 2023, der einfache Fan aber wird schnell übergangen. Es fehlen die Kapazitäten, es fehlt das Know-how, um den Todesfällen, auch Morden unter rivalisierenden Fangruppen nachzugehen, sie aufzuklären und investigativ aufzuarbeiten.

Unter welchen Umständen fand das Spiel zwischen Malang und Surabaya statt?

Das war DAS Derby im Osten Javas, der Hauptinsel. In Indonesien gibt es vier große Klubs: Persija Jakarta, Persib Bandung, Arema Malang und Persebaya Surabaya. Das Spiel hat etwas außerhalb von Malang stattgefunden, in Kepanjen. Die Anwesenden haben die erste Heimniederlage von Arema im Derby seit 23 Jahren vor eigenem Publikum erlebt. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass die immer gut gespielt haben, sondern Schiedsrichterentscheidungen wurden getroffen, um Menschenmassen im Zaum zu halten. Meine Erfahrung war: In jedem großen Spiel, das ich in Indonesien besucht habe, hat es einen Elfmeter fürs Heimteam gegeben.

Alle Beteiligten sind zufriedener, wenn sie nicht mit Tumulten rechnen müssen. Das Spiel von Malang gegen Surabaya endete 2:3, es fand unter Flutlicht statt. Der Gast hatte vergeblich versucht, die Partie auf den Nachmittag zu verlegen. Dann kommt hinzu, dass grundsätzlich mehr Tickets verkauft werden als erlaubt. Das verschärft die Situation bei Massenpaniken in Stadien, die infrastrukturell suboptimal ausgelegt sind.

Das Stadion in Kepanjen fasst nach offiziellen Angaben 38.000 Zuschauer, es sollen sich aber weit über 40.000 in der Arena aufgehalten haben. Nach der sich abzeichnenden Heimniederlage kam es zum Platzsturm. Die Polizei hat dann relativ rigoros den Innenraum freigeprügelt. Da waren teilweise brutale Szenen von Polizisten zu sehen, die Fans mit Kung-Fu-Tritten niederstreckten. Dann schoss die Polizei massiv Tränengas auf die Ränge. Die Zuschauer wollten fliehen, aber die Ausgänge waren versperrt.

In diesem Fall muss man auch relativierend sagen, dass das Gewaltpotenzial dieser Leute, die da aufs Spielfeld gestürmt sind, enorm ist. Sie haben in den meisten Fällen keine Strafverfolgung zu befürchten. Da geht es auch nicht nur darum, dem Polizisten einen Stein an den Helm zu werfen, sondern manchmal um mehr. Die Polizisten werden zum Feind auserkoren und hart attackiert. Das sind wilde Szenen, die man regelmäßig sieht. Die schlecht operierende indonesische Polizei ist schwer bewaffnet.

Sie hat scharfe Waffen, Reizgas, das in Stadien nach Fifa-Regularien grundsätzlich verboten ist. Problematisch waren auch die geschlossenen Ausgänge. Zudem gibt es in Malang etwa vier Meter hohe Zäune, die von einem gewalttätigen Randalierer problemlos überwunden werden können, aber nicht von einem Kind oder einer Frau im Tränengasdampf.

Sie haben 2019 über mehrere Monate Fans des indonesischen Erstligisten PSS Sleman begleitet, konkret die Gruppierung Brigata Curva Sud. Haben Sie damals ähnliche Szenen erlebt?

Bei Spielen von Sleman habe ich das Glück gehabt, dass es nie zu einer derartigen Situation gekommen ist. Doch ich habe andere Spiele erlebt, wo es zu Ausschreitungen kam und mehrere Menschen starben. Ich war stets als Fotograf am Spielfeld. Da ist mir bewusst geworden, wie wenig es braucht, damit ein friedliches Fußballspiel in ein totales Chaos mündet. Salopp gesagt, habe ich gedacht, naja, die Indonesier, die sind alle einen Kopf kleiner als ich, da kann ich mich auch in schwierigen Momenten zurechtfinden.

Aber ich habe da zum ersten Mal Angst gehabt. Zur schlechten Stadioninfrastruktur kommt die schlechte Koordination der Polizei hinzu – und die rohe Gewalt der Randalierer. Das ist eine krasse Mischung. Erlebt habe ich auch diese Lynchjustiz; ausgebrannte Polizeiautos hat es auch jetzt wieder gegeben. So etwas wie in Malang multipliziert die Wut auf die Obrigkeit.

Die indonesischen Fußballfans zitieren seit den 90er Jahren die italienische Ultra-Kultur und leben sie radikal aus. Was macht die Fankultur in dem Inselstaat aus?

Mit der Brigata Curva Sud haben wir den Pionier, was das Ausleben der Subkultur Ultra in Indonesien angeht, sie wurde 2011 gegründet, und das geht noch auf den Einfluss aus den 90er Jahren zurück, denn die italienische Serie A war die erste Liga, die ihre Fernsehrechte nach Indonesien verkauft hat. Die Fans von Arema nennen sich selbst Aremania und gelten als nicht weniger fanatisch als die Ultras. Die Aremania sind ein loser Zusammenschluss, da haben wir nicht diese Strukturen, wie man sie aus Ultra-Kreisen kennt. In Malang ist die Aremania bestimmend, da könnten auch Sie und ich mitmachen. Wenn der Ultra-Vorsänger in Sleman sagt „Ruhe“, dann ist auch Ruhe, und die Leute gehorchen. Die Aremania hat abertausende Vertreter, die dann im Stadion schon erpicht sind, gemeinsam zu singen oder zu tanzen, aber es gibt kein klares Subordinationsverhältnis gegenüber einem Vorsänger.

Was hat Sie eigentlich nach Indonesien gezogen?

Die italienische Prägung, die ist für Leute, die sich für Subkulturen interessieren, reizvoll. Mich interessieren die Kreativität und das unbändige Element in den Fankurven. Ich habe mich auf die Suche gemacht, weil ich das auch erleben wollte. In Indonesien bin ich fündig geworden. Die Indonesier sind Europäern gegenüber recht offen. Sie freuen sich, dass man sie besuchen kommt. Wenn ich die gleiche Reportage über den Fußball in Polen machen würde, dann würde es Jahre brauchen, bis ich überhaupt an die Leute rankomme. In Deutschland wäre es ähnlich.

Sie haben also schnell Nähe herstellen können?

Ich wollte in aller Zurückhaltung dokumentieren, ohne Sonderbehandlung. Das ist ziemlich gut angekommen. Ich war 2022 nochmals auf einer Urlaubsreise in Indonesien. Wenn Und ich ein bisschen länger geblieben wäre, hätte ich mir auch die Partie in Malang angeschaut.

Für mich ist das alles ein bisschen surreal, weil man das spezielle Umfeld schätzt mit übervollen Stadien und Flutlichtspielen, die anders sind als in Europa. Es gibt bis auf den letzten Platz gefüllte Ränge, und die Leute schreien sich die Lunge aus dem Leib, während sie auf Zäunen sitzen. Aus voyeuristischer Sicht spannend und interessant. Aber eben auch eine Gratwanderung. Einerseits sind Sie auf der Suche nach Authentizität und Versatzstücken der Ultra-Kultur, andererseits ist dieses schlummernde Gewaltpotenzial ständig vorhanden – und drängt auf Entladung.

Es hat mich daher nicht überrascht, dass diese Katastrophe passiert ist. Den Fans ist bewusst, dass sie ein gefährliches Hobby ausüben. Ein Fass, das irgendwann überlaufen musste – so kann man die Lage beschreiben. Dieses wilde Element findet sich nicht nur in der Fankultur, sondern auch im Verwaltungsapparat. Die Fifa hat den indonesischen Fußballverband abgestraft, wegen politischer Einmischung. Es gibt Korruption und Wettbetrug. Es gab auch immer wieder Liga-Umstrukturierungen.

Staatliche Institutionen haben sich wiederholt in die Machenschaften des Verbands eingemischt. Das ist ein Grundsatzproblem. Immer wieder gibt es Leute, die sich des Fußballs bemächtigen in einem Ausmaß, das in Deutschland unvorstellbar wäre. Wenn so etwas bei Ihnen passieren würde, hätte sich spätestens nach zwei Wochen ein Fanbündnis zusammengefunden, das dagegen vorgeht. Das passiert natürlich nicht in Indonesien.

Das Interview erschien zuerst am 10. Oktober 2022 in der tageszeitung und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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