1 | 2026, Indonesien, Interviews,
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„Dein Lernen wird niemals enden”

Indonesien, Baduy, Interview

Narman in seinem Dorf Kampung Gajeboh mit einer seiner vielen Goldmedaillen. © Narman

Indonesien: Narman aus dem indigenen Gebiet der Baduy erzählt von seiner Kindheit und seiner Läuferkarriere in der Welt außerhalb seines Dorfes.

Die Baduy in der Provinz Banten in Westjava sind für ihre Lebensweise im Einklang mit der Natur bekannt. Daraus folgt ihre Ablehnung moderner Technologie und ihre Isolation von der Außenwelt. Am stärksten gilt das für die Menschen, die im “inneren” Baduy- Gebiet (Baduy dalam) leben, das ihnen als heilig gilt. Die Bewohner:innen des “äußeren” Baduy-Gebietes (Baduy luar) fungiern als Hüter:innen des inneren Gebietes und als Brücke zur Außenwelt. Narmans Dorf Kampung Gajeboh liegt im äußeren Baduy-Gebiet. Entsprechend der Tradition war Narman von klein auf stets zu Fuß unterwegs.

südostasien: Du bist in einer indigenen Gemeinschaft aufgewachsen. Fühlst du dich noch als Teil davon?

Unser Interviewpartner

Narman wurde 1989 in Lebak als Mitglied der Adat-Gemeinschaft seines Dorfes geboren. Er ging nie in eine staatliche Schule, da dies nicht der Tradition seiner Gemeinschaft entspricht. Sein Vater sagte: „Wenn du nach Weisheit suchst, musst du nicht anderswo danach suchen. Dein Lernen hier wird niemals enden.“ Diese Erfahrung hat Narman gemacht: in seinem Dorf und außerhalb davon. Heute ist er Vater von zwei Kindern, Profitathlet und wirbt als solcher für Sport-Marken-Artikel.

südostasien: Du bist in einer indigenen Gemeinschaft aufgewachsen. Fühlst du dich noch als Teil davon?

Narman: Ich hatte immer das Gefühl, dass mein Zuhause, meine Eltern und meine indigene Gemeinschaft die wichtigsten Bestandteile meiner Identität waren. Egal, was ich in meinem Alltag mache, ich fühle mich als Teil dieser Gemeinschaft. Ich fühle mich durch die Adat-Gesetze geschützt.

Ich habe keine formale Ausbildung genossen. Das ist nach dem Adat gewissermaßen nicht erlaubt. Aber ich habe versucht, mit dem Leben Schritt zu halten und mir grundlegendes Wissen aus Büchern, Artikeln und anderen frei zugänglichen Quellen anzueignen. Gleichzeitig habe ich verstanden, dass mir meine Adat-Gemeinschaft die notwendigen Leitlinien für das Leben gibt. Diese kann ich nicht einfach beiseitelassen. Als Menschen sind unsere Bedürfnisse eigentlich sehr einfach. Aber im modernen Leben versuchen Menschen, viel zu viel zu erreichen.

Baduy und Adat

Der Begriff Adat stammt aus dem Arabischen. Er wird häufig in muslimisch geprägten Ländern verwendet. Er bezeichnet ein ungeschriebenes System des Gewohnheitsrechts. Indigene Gemeinschaften wie die Baduy werden auf Indonesisch „Suku Adat“ genannt, was wörtlich „indigene Gemeinschaft“ bedeutet.

Die Region der Baduy besteht aus Ortschaften, die in „äußeres Baduy“ (22 Dörfer) und „inneres Baduy“ (drei Dörfer) geteilt sind. Sie sind für Fahrzeuge, Betonbauten und Medientechnologie tabu, da sie eine Bedrohung für die Natur darstellen könnten. Die Regierung respektiert die Identität, Kultur und Religion der Baduy. Das äußere Baduy ist für Besucher:innen offener, während das innere Baduy insbesondere für Ausländer:innen geschlossen bleibt.

Du hast keine reguläre Schule besucht. Welche Werte haben dich in deiner Kindheit geprägt?

Im Adat ist der Anführer auch dafür verantwortlich, dass Kinder ein grundlegendes Verständnis entwickeln. Eltern, Nachbarn und Angehörige der Gemeinschaft sind die Lehrenden. Wir helfen einander, zu lernen und zu verstehen. So erwerben Kinder die Fähigkeiten, um ein menschenwürdiges Leben in der Gemeinschaft zu führen. In Baduy gibt es keine Forschung zur Entwicklung. Das ist tatsächlich nicht erlaubt. Zunächst müssen wir friedlich atmen, schlafen und essen. Die Philosophie der Menschen in Baduy lautet: „Wir sind Menschen, nichts weiter.” Deshalb führen wir ein einfaches Leben.

Welche Aktivitäten haben deine Kindheit geprägt?

Bis zu meinem achten Lebensjahr war ich immer mit meinen Eltern zusammen, egal, wohin sie gingen oder was sie taten. Meistens begleitete ich meinen Vater bei der Arbeit. Ich nahm auch an den Adat-Zeremonien und Versammlungen teil und beobachtete, was alle gemeinsam taten. Das war meine Kindheit. Ansonsten spielte ich mit meinen Freunden. Die Arbeit meiner Eltern hat meine handwerklichen Fertigkeiten geprägt. So wurden meine Muskeln schon in jungen Jahren stärker.

Indonesien, Baduy, Interview

Im Baduy-Gebiet ist Beton ein Tabu. Gebäude werden dort nach traditionellen Methoden aus Holz errichtet. © Mustafa Kurşun

Mit 14 wurde ich unabhängiger. Ich musste ohne die Anweisungen anderer leben. Meine Aufgaben lagen jedoch nicht weit entfernt von Forstwirtschaft, Bauwesen und Landwirtschaft. In Baduy tauschen die Menschen bei diesen täglichen Aktivitäten Wissen und Geschichten miteinander aus. Dadurch habe ich viel über das Leben gelernt.

Was hat dich dazu bewogen, dich nach Möglichkeiten außerhalb der Gemeinschaft umzusehen? Haben Erwartungen aus deinem Umfeld diese Entscheidung beeinflusst?

In meiner Kindheit hatte ich ein Privileg: Gajeboh war ein beliebter Ort für Wissenschaftler:innen und Tourist:innen, darunter auch Ausländer:innen. Meine Eltern boten im Dorf eine Dienstleistung an. Die Gäste benötigten Hilfe bei der Logistik. So lernte ich die unterschiedlichsten Menschen kennen – mit dunkler oder heller Haut, mit lockigem oder glattem Haar… Meine Eltern erlaubten mir, meine Zeit frei mit ihnen zu verbringen. Ich verband diese beiden Erfahrungen: meine Kindheit mit meinen Eltern und den Umgang mit Menschen, die nicht dem Adat angehörten. Ich erlebte das Leben inmitten der Natur mit den Adat-Lebensregeln, während ich mit Menschen unterschiedlicher Herkunft zu tun hatte. Mir wurde klar, wie aufregend mein Leben war.

Meine Tätigkeiten außerhalb des Adats begannen 2016. Ich war verheiratet und hatte familiäre Verpflichtungen. Ich führte Besucher:innen und begann, lokale Produkte aus Baduy, zum Beispiel handgewebte Taschen, online zu verkaufen. So entdeckte ich die sozialen Medien und fand dort viele Laufgruppen. [In Baduy Luar gelten weniger strenge Regeln als in Baduy Dalam. Die Nutzung von Handys und sozialen Medien ist dort üblich, d.R.]. Die Laufgemeinschaft war sehr interessant. Mir war bewusst, dass ich nicht offiziell in einer Fabrik oder bei der Regierung arbeiten konnte. Ich erkannte das Potenzial von Laufgruppen. Ich lernte diese Gruppen kennen und stellte fest, dass ich mit ihnen mithalten und ihr Training sowie ihre Wettkämpfe verfolgen konnte, ohne mein Adat zu verlassen.

Wie hat die Gemeinschaft auf diese Entscheidung reagiert?

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Narman ist seit seiner Kindheit in seinem Dorf in der Land- und Forstwirtschaft tätig. © Narman

Adat hat bestimmte Regeln. Diese Grenzen überschreite ich nicht. So darf ich beispielsweise nicht länger als eine Woche außerhalb von Baduy bleiben. Dann muss ich zurückkehren. Wenn ich innerhalb dieser Zeit nach Hause komme, ist alles in Ordnung. Denn wir haben wöchentliche Pflichten. Wir müssen auf die Häuser aufpassen, vor allem wegen der Brandgefahr. Die Leute verbrennen Holz zum Kochen und jede Woche werden einige von uns damit beauftragt, das Dorf zu bewachen.

Hast du Fähigkeiten oder Gewohnheiten aus deiner Gemeinschaft genutzt, um das Leben außerhalb deines Dorfes zu meistern?

Ein Beispiel dafür sind die Essgewohnheiten. Wir müssen das Essen immer dämpfen oder kochen. Es gibt keine frittierten Speisen. Was mir meine Eltern beigebracht haben und was ich heute befolge, trägt dazu bei, alle notwendigen Nährstoffe zu erhalten. Das hat mir dabei geholfen, kräftige Muskeln aufzubauen. Mich gesund zu ernähren, ist für mich keine Last, sondern ich genieße es.

Ich werde auch nicht so schnell müde. Ich kann mich selbst gut motivieren, da ich schon seit meiner Kindheit hart gearbeitet habe. Deshalb fühle ich mich beim Training wohl, auch wenn ich körperlich erschöpft bin. Ich möchte bis zu meinem Tod unabhängig bleiben. Mit 50 oder 60 möchte ich nicht auf einen Gehstock angewiesen sein. Als Kind dachte ich immer, es sei eine Schande, einen Gehstock zu benutzen. Überrascht war ich, als ich außerhalb meines Dorfes Menschen mit Gehstöcken sah.

Wie hat deine Läuferkarriere begonnen und sich entwickelt?

In den Jahren 2016/17 habe ich mit dem Laufen angefangen. Damals hatte ich schon meinen Onlinehandel @baduycraft. Für Bestellungen musste ich 12 Kilometer zurücklegen, um sie beim Versanddienst abzugeben. Ich fuhr meistens mit dem Motorradtaxi hin und lief die zwölf Kilometer zurück, fünf bis sechs Mal pro Woche.

Danach wollte ich Freunde mit dem gleichen Hobby finden, um Erfahrungen auszutauschen. So fand ich @serangrunners auf Instagram sowie mehrere WhatsApp- und NRC-Gruppen (Nike Running Club). Seitdem habe ich klarere Ziele im Laufen. Ich suchte mir einen Trainer, trainierte etwa drei Monate lang mit ihm und erwarb so die nötige Grundlage. In den folgenden Jahren nahm ich an vielen Wettbewerben teil. Unter anderem wurde ich 2021 Erster bei den Leichtathletik-Meisterschaften der Provinz Banten, 2024 Erster bei der PON-Trailrunning-Exhibition in der 12-km-Kategorie und 2025 Erster beim BTN Jakarta International Marathon.

Indonesien, Baduy, Interview

Narman beim Training. © Narman

Das letzte Beispiel ist mir besonders wichtig. Als ich mit dem Laufen anfing, inspirierte mich der Nationalathlet Agus Prayogo. Er ist ein großartiger Sportler, der auch bei den SEA Games Medaillen gewonnen hat. Ich trat dort gegen ihn an – als sein Fan. Es war ein 42 km langer Lauf. Ich wurde Sieger, er wurde Zweiter. Ein Traum wurde wahr. Wir stehen uns jetzt nahe und haben oft Kontakt.

Inzwischen verdienst du mit dem Laufen auch Geld…

Ja. Soziale Medien spielen in Indonesien eine große Rolle. Viele Unternehmen suchen nach Influencer:innen, die für ihre Produkte werben können. Schließlich habe ich im Jahr 2025 ein Sponsoring-Angebot von einem Unternehmen erhalten. Es zahlt mir ein monatliches Gehalt und sendet mir seine Produkte zu. Nebenbei arbeite ich mit weiteren Sportbekleidungsfirmen zusammen.

Was können – deiner Meinung nach – Menschen in Deutschland von den Traditionen und Werten der Baduy lernen?

Unter anderem verschwenden wir nichts. Das Wort „Nachhaltigkeit“ habe ich zwar außerhalb meiner Gemeinschaft kennengelernt. Doch schon bevor ich Begriffe wie Re-use oder Re-cycle kannte, habe ich sie in die Praxis umgesetzt. Wir werfen nichts leichtfertig weg, sei es Essen, Kleidung oder Werkzeuge. Wir nutzen alles, bis es nicht mehr brauchbar ist. Wir kaufen nichts, nur weil wir es wollen, sondern nur, wenn wir es tatsächlich brauchen. In meiner Gemeinschaft ist das völlig normal. Ich glaube, dass alle Katastrophen, alle Schäden an der Natur, wie Verschmutzung der Flüsse und Abholzung, auf diese Verschwendung zurückzuführen sind. Ich sehe viele nutzlose Gebäude, die nicht ordnungsgemäß gebaut wurden. Viele Kleidungsstücke werden weggeworfen. Indonesien importiert sogar gebrauchte Kleidung aus dem Ausland. Das darf in meiner Gemeinschaft nicht passieren.

Vielen Dank für deine Zeit. Ich hoffe, wir sehen uns eines Tages wieder in Indonesien.

Gern geschehen. Oder ich komme zum Berlin-Marathon nach Deutschland. Das ist einer meiner Wünsche.

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen: Mustafa Kursun

Autor:in

  • Mustafa Kurşun wurde in der Türkei geboren und studierte Übersetzen und Dolmetschen (Englisch) an der Hacettepe‑Universität in Ankara und Asian Studies an der Middle East Technical University (METU). Bereits vor und nach seinem Abschluss arbeitete er als Übersetzer, Dolmetscher und Englischlehrer. Später lebte er mehrere Jahre in Indonesien, wo er seine Begeisterung für die Kultur, Geschichte und gesellschaftliche Themen des Landes sowie für Entwicklungen in Südostasien vertiefte. Dort erweiterte er auch beruflich sein Profil und arbeitete als Softwareentwickler und Projektleiter. Heute lebt er mit seiner aus Indonesien kommenden Frau und den beiden gemeinsamen Kindern in Deutschland.

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„Dein Lernen wird niemals enden”

Südostasien/Europa: Joan Carling setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte indigener Menschen ein. Sie fordert eine Abkehr vom Kapitalismus.

südostasien: Frau Carling, müssten wir im Westen wieder indigener werden?

Joan Carling: Es würde helfen. Rechtspopulismus, Ungleichheit, Überkonsum, Klimakrise – im Zentrum all dieser Probleme sehe ich ein fehlendes Verständnis für unsere Lebensgrundlagen als Menschen.

Was meinen Sie damit?

Ich bin gerade in Dänemark. Wenn ich ein kleines Kind hier frage: „Woher kommt dein Essen?“, dann sagt es …

… aus dem Supermarkt.

Genau. Das ist das Problem. Dieses Abgetrenntsein von der eigenen Umwelt, von dem Land und den Menschen um einen herum.

Was bedeutet Indigensein für Sie?

Eine indigene Person lebt in Verbundenheit. Verbundenheit mit der eigenen Kultur, dem eigenen Land, den Mitmenschen. Und diese Verbundenheit führt zu einer gegenseitigen Beziehung, einem respektvollen Geben und Nehmen.

Wir nehmen von der Natur und gleichzeitig pflegen und schützen wir sie. Ich selbst bin vom Volk der Kankanaey im Norden der Philippinen. Wir haben zum Beispiel eine besondere Verbindung zur Süßkartoffel. Sie ist für uns ein Lebensmittel, dessen Frucht wir essen, dessen Blätter wir an die Schweine verfüttern, aus dem meine Großmutter Mehl machte. Als Kind habe ich Lieder gesungen, die die Lebenskraft, die uns die Süßkartoffel gibt, feiern und ihr danken.

Es geht also um ein besseres Verständnis dafür, wie wir in unsere Umwelt eingebettet sind?

Ja, und gleichzeitig geht es um viel mehr. Ein Grundpfeiler indigenen Denkens ist, dass wir nicht alleine existieren. Wir existieren als Teil einer Gemeinschaft, als Teil eines Clans. Unsere Tänze, unsere Musik, unser Ressourcenmanagement: Sie funktionieren nur im Kollektiv.

Wie war Ihre Kindheit? Sicherlich ganz anders bei jemandem, der in einer deutschen Großstadt aufwächst.

Na ja, erst einmal bin ich jeden Tag 3 Kilometer zur Schule gelaufen. Das mag hart klingen, aber wir waren immer mit mehreren Kindern unterwegs und meistens hat es Spaß gemacht. An den Wochenenden haben wir im Wald Kiefernzapfen gesammelt und sie an die Gärtnerei verkauft, um Taschengeld für Süßigkeiten zu haben. Und wenn es gedonnert hat, sind wir wieder in den Wald, um Pilze zu ernten. Im Sommer haben wir Guaven geerntet und am Fluss gespielt. Diese innere Freiheit, die ich als Kind mit meinen Freunden in der Natur erlebt habe, begleitet mich noch heute.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass dieser Lebensstil unter Druck steht?

Politisiert hat mich der Kampf der indigenen Stämme gegen den Chico-Damm auf der Nordinsel der Philippinen. Damals wollte die Regierung sie vertreiben, um einen Staudamm zur Elektrizitätsgewinnung zu bauen. Der Damm hätte ihre Reisfelder und Dörfer geflutet. Indigene Menschen von ihrem Land zu vertreiben ist aber so, wie Fische aus dem Wasser zu nehmen. Ohne ihr Land verlieren sie ihre Identität, können nicht mehr als die Menschen überleben, die sie sind.

Wie hat die Bevölkerung auf die Pläne reagiert?

Die betroffenen Stämme haben damals ihre jahrelangen Konflikte beiseitegelegt und gemeinsam gegen das Projekt demonstriert. Von einem anderen Dammprojekt in der Nähe wussten sie, dass hier ihre Zukunft auf dem Spiel stand. Denn bei dem vorherigen Projekt war die indigene Bevölkerung auf eine Insel umgesiedelt worden, auf der viele von ihnen an Malaria starben. Und von der Elektrizität kam auch nichts bei den umliegenden Stämmen an.

Wie ging der Konflikt am Ende aus?

Am Ende einer monatelangen Kampagne haben sie sich durchgesetzt: Die Weltbank zog ihre Finanzierung für den Damm zurück und die Menschen konnten weiter auf ihrem Land leben. Sie haben sich trotz Drohungen von Firmen und Regierung gewehrt und für ihre Kultur und ihr Überleben gekämpft. Das hat mich inspiriert.

Im Grunde klingt das nach einem Konflikt, der auch heute noch überall auf der Welt ausgetragen wird. Es geht um Solarfarmen, Minen …

… Windparks, Tourismus, Agribusiness.

Das Dilemma: Gerade seltene Erden und erneuerbare Energien werden für die Energiewende dringend benötigt.

Ich verstehe, dass Rohstoffe und Flächen gebraucht werden. Weltweit liegen mehr als 50 Prozent der für Techprodukte dringend benötigten kritischen Mineralien auf dem Territorium indigener Menschen. Es kann nicht sein, dass wir kein Mitspracherecht haben, wie diese Rohstoffe abgebaut und wie sie verwendet werden. Zum Beispiel in Norwegen. Dort hat die Regierung auf dem traditionellen Rentierweideland der Samen 2010 Windparkkonzessionen erteilt. Die Samen haben sich gewehrt und gefragt: Warum baut ihr die Windparks nicht außerhalb von Oslo? Aber große Windparks in der Nähe der Hauptstadt: Das wollte man den Menschen dort nicht zumuten. Die Anlagen wurden gebaut. 2021 erklärte der Oberste Gerichtshof sie dann für illegal. Aber erst nachdem junge Samen ein Jahr lang vor dem Parlament protestiert hatten, konnten sie einen Kompromiss mit der Regierung erkämpfen. Die Geschichte zeigt: Die Interessen indigener Menschen opfern Regierungen oft als Erstes. Das ist für mich Ausdruck eines tief sitzenden Rassismus.

Was könnten westliche Gesellschaften von indigenen Denkweisen lernen?

Als erstes: nur die Ressourcen von der Natur zu nehmen, die man tatsächlich braucht. Wir fällen auch Holz in unseren Wäldern, um unsere Häuser und Möbel zu bauen. Aber wir nehmen nicht mehr, als wir tatsächlich brauchen. Und vor allem pflanzen wir für jeden Baum, den wir fällen, drei neue Bäume. Was auch immer du nimmst, du füllst es wieder auf. Allein dieses Prinzip würde bei Produktion und Konsum schon viel verändern. Im Kern geht es um die Frage, ob wir wirtschaften, um Profit zu machen oder um uns gut zu versorgen. Massentierhaltung, Kurzstreckenflüge, Kryptowährungen – worum geht es da wirklich? Ein indigener Weg wäre am Ende wohl auch einer, der mit einem einfacheren Leben einhergeht.

Aus unserer heutigen Konsumgesellschaft heraus scheint ein solcher Weg schwer vorstellbar.

Menschen in Deutschland verbrauchen dreimal so viele Ressourcen, wie die Erde Kapazitäten hätte, um zu regenerieren. Ganz ohne Verzicht kommen wir da nicht in Richtung Nachhaltigkeit. Insbesondere im globalen Norden, wo die Ober- und Mittelschicht mit Privilegien lebt, die auf der Ausbeutung des globalen Südens beruhen. Letztens habe ich bei einem Vortrag gefragt: „Wer von Ihnen trägt einen Goldring?“

Und dann?

Fast alle verheirateten Menschen haben sich stolz gemeldet. Aber niemand von ihnen wusste, dass ein Goldring fast acht Tonnen toxischen Müll verursacht. Dass die meisten Goldminen von Kinderarbeit oder der Vertreibung indigener Völker profitieren. Aber wenn wir diese Zusammenhänge wirklich verstehen, können wir echte Solidarität miteinander aufbauen.

Geht es hier denn wirklich nur ums Verstehen? Fast Fashion, Handys, Laptops – die meisten Menschen wissen, dass solche Dinge unter ausbeuterischen Bedingungen hergestellt werden. Das eigene Verhalten zu ändern, fällt trotzdem schwer.

Es geht nicht nur um individuellen Verzicht, es geht auch darum, dass Menschen ihre Regierungen und Firmen hinterfragen: Haltet ihr euch an Menschenrechte? Arbeitet ihr innerhalb der Belastungsgrenzen unserer Erde? Und wenn wir uns die Geschichte anschauen, finde ich es noch absurder, dass die wohlhabenden Mittelschichten in Europa keine Bereitschaft haben, auch ein wenig zu verzichten. Ihr Reichtum beruht auf Jahrhunderten von kolonialer Ausbeutung.

Derzeit befinden wir uns auf einem langsamen Pfad hin zu einem grünen Kapitalismus, der Wirtschaftswachstum und Profitorientierung beibehält, dabei aber versucht, klimaneutral zu werden. Angesichts des Zeitdrucks der Klimakrise: Ist dieser Weg nicht realistischer, als das gesamte System umbauen zu wollen?

Für mich ist das kein nachhaltiger Weg. Mit ihm halten wir an Ausbeutung, Landraub und Ungleichheit fest. Wenn wir nur von fossilen auf erneuerbare Energien umsteigen, lassen wir die vielen Menschen im Stich, die unter diesen Ungerechtigkeiten leiden. Wir haben eine gemeinsame Verantwortung, dieses System zu ändern.

In den Naturschutzkonzepten von westlichen Ländern wie Deutschland ging man lange davon aus, dass die Natur sich ohne Menschen am besten entwickelt. Was halten Sie von dieser Idee?

Ich halte das für gefährlichen Blödsinn. Wohin er führt, sehen wir in Tansania, wo 82.000 indigene Maasai aus der Ngorongoro Crater Conservation Area vertrieben werden sollen. Angeblich, um die Natur dort zu schützen. Dabei zeigen Studien, dass ihre nomadische Viehzucht zu einer höheren Biodiversität führt, weil sie invasive Arten in Schach halten. Ähnliche Prozesse sehen wir in Kambodscha, Thailand und Indonesien, wo indigene Menschen kriminalisiert werden, weil sie in ihren angestammten Wäldern Holz schlagen oder jagen. Anstatt das eigene Wirtschaften zu hinterfragen, wird hier angeblicher Naturschutz auf Kosten marginalisierter Gruppen gemacht.

Auf Konferenzen der Vereinten Nationen werden indigene Personen manchmal „Federn“ genannt …

…oh, wie ich dieses Wort hasse.

Gemeint ist, dass man indigene Menschen gerne auf Panels sprechen lässt, sich mit ihnen schmückt. Aber dass die Entscheidungen doch woanders gefällt werden.

Es gibt diese Art von Tokenism, bei dem Einzelne von uns auf die Bühne geholt werden, um sich als inklusiv zu präsentieren, während unsere Interessen ignoriert werden. Aber über die vergangenen Jahre haben wir uns auf internationaler Ebene auch Räume erkämpfen können, in denen wir den Ton angeben. Letztlich misst sich der Erfolg unserer Bewegung daran, was wir vor Ort durchsetzen. Wir wollen ein gutes Leben im Einklang mit der Natur und unseren Mitmenschen. Erst wenn dieses Recht für uns alle realisiert ist, haben wir unser Ziel erreicht.

Dieser Artikel erschien am 26. April 2025 in der taz und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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  • Mustafa Kurşun wurde in der Türkei geboren und studierte Übersetzen und Dolmetschen (Englisch) an der Hacettepe‑Universität in Ankara und Asian Studies an der Middle East Technical University (METU). Bereits vor und nach seinem Abschluss arbeitete er als Übersetzer, Dolmetscher und Englischlehrer. Später lebte er mehrere Jahre in Indonesien, wo er seine Begeisterung für die Kultur, Geschichte und gesellschaftliche Themen des Landes sowie für Entwicklungen in Südostasien vertiefte. Dort erweiterte er auch beruflich sein Profil und arbeitete als Softwareentwickler und Projektleiter. Heute lebt er mit seiner aus Indonesien kommenden Frau und den beiden gemeinsamen Kindern in Deutschland.

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„Dein Lernen wird niemals enden”

Brunei: Kuro Roi aus der indigenen Iban/Dusun-Gemeinschaft schafft mit künstlerischen Mitteln Bewusstsein.

südostasien: Wie hast du es erlebt, queer in Brunei aufzuwachsen?

Kuro Roi: Bei einer Google-Suche nach Brunei und der LGBTQIA+-Community tauchen vor allem Ergebnisse zur Scharia und dazu auf, wie dort Menschen gesteinigt werden. Menschen sind zwar aufgrund der gesetzlichen Vorschriften vorsichtiger, was ihr Verhalten und ihre Äußerungen angeht. Aber es ist nicht so, dass Menschen gesteinigt oder ihnen die Hände abgehackt werden.

Einerseits sind wir vorsichtig und haben gelernt, uns selbst zu zensieren, noch bevor wir etwas überhaupt ausgesprochen haben. Das sagt uns zwar niemand explizit, aber es gibt gesellschaftliche Kommentare und Sichtweisen, was eine Belastung sein kann. Es ist nicht direkt verletzend, aber es beschäftigt einen im Kopf. Der Gedanke „Oh, so sollte ich eigentlich nicht sein“ ist immer da. Persönlich stört es mich nicht, denn ich achte nicht darauf, was andere sagen.

Zugleich ist es ermutigend zu sehen, dass immer mehr Menschen sich frei ausdrücken können und dass auch Menschen, die nicht zur Queer-Community gehören, ihnen diesen Raum geben.

Das gilt auch für heterosexuelle Menschen: Wie ermöglichen sie es anderen, diesen Raum zu haben? Denn viele kennen kaum Menschen der queeren Community und wissen nicht, dass sie auch einen mentalen Einfluss haben. Ich versuche durch Gespräche und künstlerischen Ausdruck Bewusstsein zu schaffen.

In den benachbarten Ländern Südostasiens gibt es auch queere Gemeinschaften, die beispielsweise durch koloniale Gesetze unterdrückt wurden. Inwieweit trifft dies auf Brunei zu?

Es wurde oft die Scharia herangezogen. Vor der Einführung der Scharia stammten viele unserer Gesetze von der Kolonialmacht, also von den Briten. Diese Gesetze unterdrückten ebenfalls queere Menschen – ähnlich wie in Singapur und Malaysia, die auch unter britischer Kolonialherrschaft standen.

Es gibt keine Spielräume, um dieses koloniale und, homophobe Gesetz abzuschaffen. Außerdem sind viele hier in Brunei unpolitisch und nicht besonders gut informiert. Aus diesem Grund sind wir uns dieses Gesetzes zwar bewusst, wissen aber nicht ganz genau, was wir für dessen Aufhebung machen sollen.

In welchem Zusammenhang stehen künstlerischer Ausdruck und Queerness?

Wenn es um das Schaffen von Kunst und Ausstellungen geht, gibt es auch beim Thema Vielfalt und Inklusion eine gewisse Zensur und Unterdrückung insgesamt. Wie ich damit umgehe ist, dass ich nicht direkt sage, dass es eine queere Sache ist, aber Menschen kommen vor Ort darüber ins Gespräch. Man ordnet die Kunst nicht dem Thema Queerness zu, sondern vermittelt den Leuten ein Gefühl dafür.

Kunst ist subjektiv. Wenn Leute sagen: „Hey, das ist eine queere Kunstentscheidung“, dann widerlegen wir das immer: „Nein, das ist es nicht. Das stand dort nicht. Das wurde nicht ausgedrückt. Warum interpretierst du es so?“ Und genau da entsteht das Gespräch. Oft läuft diese Einbindung sehr gut. Aber da die Leute gerade erst anfangen, das zu begreifen, hat mir das ein Gefühl der Verletzlichkeit gegeben, dass ich im Visier der staatlichen Bestimmungen stehe. Das sind also weitere Gründe, warum ich denke, dass ich mich einschränken muss. Aber jetzt ist sich die Community dessen bewusst, dass es andere Wege und Begriffe gibt, um das auszudrücken.

Würdest du sagen, dass Storytelling eine wichtige Rolle spielt in den Communities?

Gerade jetzt in den sozialen Medien fühlen sich viele Menschen von Geschichten angezogen, die ihnen ein Gefühl von Identifikation und Resonanz vermitteln. Menschen in der queeren Community erkennen, dass sie damit nicht allein sind oder sich damit identifizieren können.

Also hilft es sicherlich, diese Geschichten in den sozialen Medien zu veröffentlichen, damit die Menschen sich dessen bewusstwerden. Aber ob diese Geschichten sie dazu bringen, selbst zu erzählen, wer sie sind, ist nicht sicher, denn sobald man das tut, macht man sich angreifbar und gerät ins Visier.

Aber die Menschen lieben es, diese Geschichten zu teilen. Viele melden sich bei mir und sagen: „Hey, ich bin so froh, dass du das so ausdrücken kannst“. Sie entscheiden sich zwar trotzdem, selbst zu schweigen, aber zumindest wissen sie, dass sie nicht allein sind.

Würdest du sagen, dass die Gesellschaft einen entscheidenden Einfluss darauf hat, wie sich Menschen verhalten?

Die Gesellschaft sieht Kultur und Queerness als Konflikt und hat vergessen, dass Queerness in der indigenen Kultur schon lange existiert hat. Was die islamische Gesellschaft betrifft: die Religion ist ein Teil ihrer Kultur. Das gilt genauso für Christ:innen. Die queere Identität wurde aus ihren Erfahrungen „gelöscht“. Es ist auch deshalb schwierig, Queerness mit unserer Kultur zu verbinden, weil viele Menschen bereits eine koloniale Perspektive in ihrer Sichtweise verankert haben. Als wir darlegten, dass Queerness seit langem in der indigenen Kultur verwurzelt ist, wollten sie es nicht akzeptieren.

Ich glaube jedoch, dass kulturelle Innovation möglich ist. Aber leider können wir uns nicht auf vergangene Kulturen stützen, da diese verschwunden sind. Wir müssen die kulturellen Wurzeln der Vergangenheit neu erfinden.

Wie geben indigene Traditionen Queerness Raum?

Ich finde, dass viele indigene Menschen gegenüber queeren Personen recht tolerant sind. Wir sprechen von femininen Männern und maskulinen Frauen – damit haben sie kein Problem. Das Interessante daran ist, dass diese Menschen existieren —man definiert es nur nicht. Und die Definition ist das Problem: Man darf nicht so sein, sonst geht es einem schlecht, oder man darf es niemandem sagen, sonst tun einem die Leute weh. Sie unterdrücken das also nicht, weil sie die Person hassen, sondern aus Sorge und zum Schutz. Denn wenn man sich outet, gerät man ins Visier. Ich denke, queere Identitäten zu definieren und zu etikettieren, ist ein westliches Konstrukt. In den indigenen Kulturen gibt es einige geschlechtsspezifische Traditionen und Praktiken, aber wir definieren sie nicht.

Gab es schwerwiegende negative Erfahrungen, die du aufgrund deiner queeren Identität in Brunei gemacht hast?

Es gab eine Kunstausstellung mit dem Titel „Artwave“ und es waren viele queere Menschen da. Und natürlich kennen sich queere Menschen untereinander. Es ist in Brunei illegal, Veranstaltungen durchzuführen, wenn man keine Genehmigung hat. Das ist nicht nur eine Frage der Queerness, sondern auch eine Frage der freien Meinungsäußerung. Daher werden Ausstellungen geprüft. Wenn eine nicht-genehmigte Ausstellung nach 23 Uhr stattfindet, kann Anzeige erstattet werden.

Das war für die Polizei der Grund, die offene Kunstausstellung zu stürmen. Und einer der Künstler war tatsächlich ein Trans-Darsteller, ein Mann, der sich als Frau gekleidet hat (Cross-Dressing). So ist die Razzia also zu einer LGBTQIA+-Razzia geworden. Alle wurden festgehalten und befragt. Es war eine beängstigende Erfahrung für viele Menschen, die zur Ausstellung gekommen waren. Der Veranstalter hat nicht dazu beigetragen, die Community zu schützen, obwohl ihm bewusst war, dass es sich um einen queeren Raum handeln würde. Und viele Menschen wussten nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollten. Alles war ziemlich neu für uns. Es gab davor noch nie eine Festnahme.

Leider wurden zwei Transfrauen über Nacht in Gewahrsam genommen. Sie wurden so lange befragt, bis sie vor Gericht mussten. Eine ist mittlerweile als Asylbewerberin in Frankreich, und die andere ist in Brunei, hält sich aber immer noch versteckt. Es war traumatisch und schwierig für sie.

Wie können Allies ihre Unterstützung für die queere Community in Brunei zeigen?

Ich denke, das ist schwierig. Aber es geht darum, zu wissen und zu akzeptieren, dass Queerness in Brunei schon lange existiert. Und es geht darum, inwieweit diese Menschen bereit sind, sich damit wohlzufühlen, sie existieren und wachsen zu lassen.

Allies könnten auch dabei helfen, ein System zu schaffen, das es ihnen ermöglicht, sich selbst zurückzunehmen, damit andere Menschen sich ausdrücken können und ihnen zugehört wird. Im Allgemeinen geht es darum, in der eigenen Gemeinschaft einen sicheren Raum zu schaffen, in dem Menschen sich äußern können, auch wenn sie anderer Meinung sind.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Trishinia Daos

Autor:in

  • Mustafa Kurşun wurde in der Türkei geboren und studierte Übersetzen und Dolmetschen (Englisch) an der Hacettepe‑Universität in Ankara und Asian Studies an der Middle East Technical University (METU). Bereits vor und nach seinem Abschluss arbeitete er als Übersetzer, Dolmetscher und Englischlehrer. Später lebte er mehrere Jahre in Indonesien, wo er seine Begeisterung für die Kultur, Geschichte und gesellschaftliche Themen des Landes sowie für Entwicklungen in Südostasien vertiefte. Dort erweiterte er auch beruflich sein Profil und arbeitete als Softwareentwickler und Projektleiter. Heute lebt er mit seiner aus Indonesien kommenden Frau und den beiden gemeinsamen Kindern in Deutschland.

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