3 | 2021, Analyse, Laos,
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Laos und der französische Kolonialismus

Das Monument des Antikolonialen Kampfes in Vientiane. © Oliver Tappe

In Laos zieht die regierende Laotische Revolutionäre Volkspartei ihre Legitimation aus dem historischen Kampf gegen französische Kolonialisten und amerikanische ‚Neo-Kolonialisten‘. Die Erinnerungsdiskurse sind allerdings komplexer, als die staatliche Kampfrhetorik suggeriert.

Der Kampf gegen Kolonialismus und Imperialismus prägt die Staatsrhetorik in der Laotischen Demokratischen Volksrepublik. In Geschichtsbüchern, Museen sowie über diverse Denkmäler wird dem „nationalen Befreiungskampf“ des „laotischen multi-ethnischen Volkes“ gedacht. Dieser Jahrhunderte lange, mythisch verklärte Kampf ‚David gegen Goliath’ reicht von den Kriegen gegen Birmanen, Siamesen und Vietnamesen seit dem 15. Jahrhundert bis zum antikolonialen Kampf gegen die Franzosen (1. Indochinakrieg) und dem Kampf gegen die amerikanischen „Neo-Kolonialisten“ (so die Sprechweise gemäß der offiziellen Geschichte Pawatsat Lao zum so genannten „amerikanischen Krieg“/2. Indochinakrieg).

Kolonialismus und Imperialismus sind somit in der laotischen Geschichtsschreibung und Gedenkpolitik nicht immer trennscharf formuliert. In erster Linie wird die longue durée des „nationalen Befreiungskampfes“ diskursiv genutzt, um die kommunistische Revolution von 1975 zu legitimieren. Der mit dem „amerikanischen Krieg“ einhergehende Bürgerkrieg hatte tiefe Wunden in der laotischen Gesellschaft hinterlassen, die durch die folgenden Wirtschaftskrisen, Umerziehungskampagnen und Flüchtlingsströme verstärkt wurden.

Befreiung aus kolonialer Unterdrückung bleibt zentrales Motiv im laotischen Staatsdiskurs

Entsprechend versuchte sich die Laotische Revolutionäre Volkspartei nach 1975 als Sieger der Geschichte und Befreier des so genannten „laotischen multi-ethnischen Volkes“ (pasason lao banda phao) zu inszenieren – als legitime Nachfolger von historischen „patriotischen“ Königen wie Chao Setthathilat und Chao Anuvong in ihrem tapferen Kampf gegen birmanische bzw. siamesische „Imperialisten“ (während frühere Kriege mit dem „großen Bruder“ Vietnam heute eher verschwiegen werden…).

Der letzte König von Laos, Sisavang Vatthana, starb alt und krank in einem kommunistischen Umerziehungslager. Er und sein Vater Sisavang Vong werden in der offiziellen Geschichtsschreibung als „Marionetten“ der französischen und amerikanischen (Neo-)Kolonialisten diffamiert. Entsprechend bleibt der Kolonialismus bis heute ein zentrales Motiv im laotischen Staatsdiskurs, vor allem um bestehende Legitimationsdefizite zu übertünchen. Die „Partei“ habe „das Volk“ aus der Unterdrückung gerettet, so verkürzt die zentrale Botschaft der offiziellen Geschichts- und Gedenkpolitik.

Französische Kampfflugzeuge attackieren Prinz Souphanouvong. Bild im Provincial Museum Thakhaek. © Oliver Tappe

Dass die französische Kolonialherrschaft tatsächlich tiefe Spuren und Ressentiments hinterlassen hatte, steht dabei außer Frage. Vor allem die erneute, gewaltsame Machtübernahme der Franzosen nach der japanischen Besatzung und der kurzlebigen ersten laotischen Unabhängigkeitsbewegung unter Prinz Phetsalat hat sich im kollektiven Gedächtnis der Laoten eingebrannt. Im Jahre 1946 wurden die letzten laotischen Befreiungstruppen um den ‚roten Prinzen’ Souphanouvong in der Stadt Thakhaek besiegt und über den Mekong getrieben, begleitet von brutaler Gewalt gegenüber der laotischen Zivilbevölkerung.

Hier wurde auch die gewaltvolle Saat des laotischen Bürgerkriegs gesät. Während sich Souphanouvong und sein Gefolge dem antikolonialen Kampf der Vietminh unter Ho Chi Minh anschlossen, arrangierten sich viele Mitglieder der politischen Elite und des Königshauses mit der französischen Herrschaft – eine Steilvorlage für die spätere kommunistische Propaganda. Der antikoloniale Kampf im 1. Indochinakrieg spielte sich in Laos in erster Linie im von diversen ethnischen Gruppen bevölkerten Hochland, im laotisch-vietnamesischen Grenzgebiet ab. Einige ethnische Gruppen, gebeutelt von Zwangsarbeit im kolonialen Straßenbau und übermäßiger Besteuerung, ließen sich von den Vietminh und ihren laotischen Genossen besonders gut mobilisieren.

Spannungen in der laotischen Gesellschaft als Folge des Kolonialismus

Die Kolonialzeit führte aber auch zu Spannungen innerhalb einzelner ethnischer Gruppen, die bis heute nachwirken. So wurde ein Klanchef der Hmong in der Provinz Xieng Khouang mit Privilegien in der Steuereintreibung – in Form von Roh-Opium – ausgestattet, was zu erbittertem Widerstand anderer lokaler Hmong-Führer führte. Als er es mit Ausbeutung und Machtmissbrauch übertrieb, setzten die Franzosen später einen seiner Konkurrenten als Provinzfürst ein. Die Söhne und Neffen des einstigen kolonialen Günstlings gingen in den bewaffneten Widerstand. Einer von ihnen, Faydang Lobliayao, sollte der wichtigste Vertreter der Hmong in der laotischen kommunistischen Bewegung werden.

Unzählige kleine Geschichten erinnern an die französische Kolonialzeit, teilweise lokal begrenzt und auf Staatsebene wenig beachtet. Vor einigen Jahren besuchte ich das Dorf Muang Soi in der nordöstlichen Provinz Houaphan, berühmt als die „Wiege der Revolution“ und Kampfbasis der kommunistischen Bewegung in den beiden Indochinakriegen. Ich war auf der Suche nach den Ruinen eines alten buddhistischen Tempels, der in der 1960er Jahren von amerikanischen Bomben dem Erdboden gleichgemacht wurde (die große Buddhastatue überstand den Angriff und befindet sich heute im Tempel der Provinzhauptstadt Sam Neua).

Die Region barg aber noch eine tiefere, tragische Geschichte, die erst nach und nach in den Gesprächen mit der lokalen Bevölkerung, mehrheitlich animistischen Tai Deng, aufbrach: Zu Beginn der französischen Kolonialherrschaft kam es immer wieder zu Konflikten zwischen buddhistischen Lao (auch „Tai Neua“/Nord-Tai genannt) und den Tai Deng. Während den Laoten von den Franzosen – nicht zuletzt um die Loyalität des Königs von Luang Prabang zu sichern – wichtige Posten in der lokalen Verwaltung zugesprochen wurden, fanden die Tai Deng wichtige Bundesgenossen in den französischen katholischen Missionaren. Von der vietnamesischen Provinz Thanh Hoa aus hatten jene seit Ende des 19. Jahrhunderts Teile der verschiedenen Hochland-Tai-Gruppen zum Christentum bekehrt.

Tempelruinen in Muang Soi, Houaphan Provinz. © Oliver Tappe

Missionare und Zwangsumsiedlungen

Im Jahre 1934 schrieb der hoch motivierte Provinzchef in Sam Neua, André Boutin, dem Missionar Mironneau: „Je vais règler définitivement la question Thay Rouges et Neua.“ („Die Frage von Thay Rouges und Neua werde ich auf jeden Fall klären.“) Der Bezirk von Muang Soi solle den (inzwischen überwiegend katholischen) Tai Deng vorbehalten sein, die buddhistischen Lao entsprechend in die Gegend von Xieng Mène in Richtung Sam Neua umgesiedelt werden. Während die Lao ihre Felder und ihren Tempel aufgeben mussten, wurden Tai Deng aus Xieng Mène und Sam Neua in den Raum Muang Soi zwangsumgesiedelt. Dieser Bevölkerungsaustausch mag damals kurzfristig ein ‚administratives Ärgernis’ behoben haben, wird aber heute als kolonialer Gewaltakt erinnert.

Zeitzeug*innen gibt es zwar keine mehr, aber einige greise Dorfbewohner*innen kennen die Geschichte aus den Erzählungen ihrer Eltern. Was die Tai Deng heute in Muang Soi ärgert: Sie leben weit weg vom bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung der Region Sam Neua. Der Grundtenor ist entsprechend, dass die Lao die guten Felder und Verkehrsanbindungen bekommen hätten sowie heute von der Nähe zur Provinzhauptstadt Sam Neua profitierten, wären die Tai Deng in ihrer gerade in der Regenzeit schwer zugänglichen Peripherie ‚versauern’ würden.

Im Übrigen ist die Geschichte der katholischen Mission heute ein Tabuthema: Die Gemeinde der Tai Deng floh vor der kommunistischen Herrschaft erst in die Hauptstadt Vientiane (wo es noch eine kleine katholische Kirche gibt) und dann mehrheitlich weiter nach Thailand, Frankreich oder in die USA. Andere Tai Deng arrangierten sich mit den neuen Machthabern, schworen dem Katholizismus ab oder hatten sich ohnehin nur aus Opportunismus taufen lassen. Zudem wanderten Tai Deng aus Vietnam ein. Somit findet sich in der Region Muang Soi heute weiterhin eine Bevölkerungsmehrheit der Tai Deng. Während die Ruinen des von amerikanischen „Neo-Kolonialisten“ zerbombten Lao-buddhistischen Tempels überwuchern und als Steinbruch geplündert werden, ist die französische Kolonialzeit weiterhin ein Gesprächsthema.

Koloniale Architektur in Luang Prabang. © Oliver Tappe

Die UNESCO, koloniale Architektur und chinesische Investoren

Während einem der Kolonialismus in Laos also oft als Erzählung von Fremdherrschaft und Unterdrückung sowie des glorifizierten laotischen „Befreiungskampfes“ begegnet, tritt dieses Kapitel in der alten Königsstadt Luang Prabang in ganz anderer Gestalt auf: Als nostalgisch verklärtes Weltkulturerbe mit ‚kolonialem Charme’. In erster Linie ist damit zweifellos die Architektur gemeint, Wohnhäuser mit Fachwerkanmutung, welche die UNESCO neben der spektakulären Tempellandschaft ausdrücklich ins Kulturerbe einbezieht.

Dies birgt natürlich Konfliktpotenzial, wenn beispielsweise französische UNESCO-Experten der lokalen Bevölkerung Vorschriften hinsichtlich Renovierung und Neubau machen, immer die ‚Keule’ des Entzugs des Kulturerbe-Status in der Hinterhand. Zudem wurden viele Einheimische durch den Preisanstieg im Zuge des Tourismusbooms verdrängt. Teure Hotels und Restaurants (gerne mit französischer Gourmetküche für die westlichen Kulturtouristen) wurden teilweise von finanzkräftigen Exil-Laot*innen gegründet. Eine interessante Gemengelage, wenn die kommunistische Stadtverwaltung einerseits den Wirtschaftsaufschwung fördern und andererseits ihre Basis der lokalen Bauern und Staatsbediensteten nicht vergraulen will.

Seit einigen Jahren wirbelt mit China ein neuer Faktor dieses fragile System gründlich durcheinander. Vor der Corona-Pandemie dominierten chinesische Reisegruppen zunehmend die touristischen Zentren – zum Entsetzen vor allem der französischen Tourist*innen, die um ‚ihr’ idyllisches Luang Prabang bangten. Chinesische Investoren ließen große Hotels errichten und pfiffen auf die Warnungen der UNESCO. Auch ohne offiziellen Weltkulturerbestatus wäre Luang Prabang in China weiterhin vermarktbar, als im Wettbewerb mit den eher an Themenparks gemahnenden ‚historischen’ Städten in Yunnan stehende ‚authentische’ Reise- Erfahrung für die wachsende chinesische Mittelklasse.

Die neue Zugverbindung zwischen Kunming und Vientiane über Luang Prabang wird diese Tendenz aller Voraussicht nach verstärken. Schon jetzt versuchen viele von der Pandemie gebeutelte Lao aus Luang Prabang und Umgebung ihr Land gewinnbringend an chinesische Investoren zu verkaufen, die an der neuen Bahnstrecke, angelockt von Steuervergünstigungen und andere Freiheiten, zunehmend ihre ökonomischen Ansprüche abstecken. Die Ironie der Geschichte: Französische selbst ernannte Kulturbewahrer bezichtigen die Chinesen des Kolonialismus in Laos…

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3 | 2021, Analyse, Laos,
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Laos und der französische Kolonialismus

Indonesien: Die Entwicklung der Hauptstadt Jakarta entlang ethnischer und sozialer Linien wurde schon im 17. Jahrhundert durch die Kolonialregierung forciert. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

In Jakarta entstand unter dem Einfluss der niederländischen Kolonialmacht, eine so genannte Plural Society (Pluralgesellschaft), welche die damaligen Gesellschaftsschichten und Ethnien voneinander trennte. Im Jakarta des 21. Jahrhunderts kehren die Formen dieser Segregation zurück, mit der Erbauung von Superblocks als prägnantes Beispiel. Diese Superblocks stehen im Kontrast zu den informellen Räumen so genannter Urban-Kampungs. In diesem Konflikt spielen bis heute koloniale Strukturen eine zentrale Rolle im urbanen Raum Jakartas und sorgen für die Etablierung einer Neo-Plural Society.

Kolonialgeschichte Indonesiens

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts begann für die Inselwelt Indonesiens eine lange Epoche der europäischen Herrschaft. Was mit der Eroberung durch Portugal begann, gipfelte in der Kolonialherrschaft der Niederlande, welche nach einem blutigen Unabhängigkeitskrieg, erst Mitte des 20. Jahrhunderts offiziell beendet wurde. Der britische Ökonom J.S. Furnivall veröffentlichte 1936 sein Werk unter dem Titel Netherlands India – A Study of Plural Economy, indem er eine so genannte Plural Society beschrieb, die, seiner Beschreibung nach, im Indonesien der damaligen Zeit geherrscht habe: „Eine Gesellschaft, die aus zwei oder mehr sozialen Ordnungen besteht, die nebeneinander existieren, ohne sich zu vermischen“.

Diese Pluralgesellschaft entstand aus der gezielten Trennung und räumlichen Abschottung der sozialen und kulturellen Gruppen. Diese teilten, so die Vorstellung, nur wenig bis keine sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Gemeinsamkeiten. Eine segregierte Siedlungsstruktur erlaubte es, eine Verwaltung der Kolonialgesellschaft aufzubauen, welche essentialistische Gruppenidentitäten hervorbrachte und eine soziale Hierarchie produzierte, an deren Spitze die weißen Kolonialherren thronten.

Gerade in Jakarta, vormals Batavia, ist eine solche Pluralgesellschaft entstanden. Eine Entwicklung der Stadt entlang ethnischer und sozialer Linien wurde schon im 17. Jahrhundert forciert, als die Vereinigte Ostindische Kompanie (V.O.C.) mit chinesischen Architekten zusammenarbeitete und Batavia so plante, dass die jeweiligen ethnischen und sozialen Gruppen ihr eigenes Siedlungsgebiet hatten. Somit gab es Wohnblocks ausschließlich für Europäer*innen, die chinesische Community und bestimmte Berufsgruppen. Diese geplante Stadtstruktur, deren Grundlage die Trennung der einzelnen Ethnien war, wurde sogar in Gesetzen fixiert.

Urbanisierung Jakartas

Diese Siedlungsstruktur war in Jakarta allerdings auf die Räume innerhalb der alten Stadtmauern beschränkt. Außerhalb dieser Stadtmauern siedelte die koloniale und ethnisch sehr diverse Unterschicht. Diese Menschen stammten aus dem gesamten Archipel. Es waren Nachfahren von Sklaven, von Kindern aus Mischehen zwischen Europäern und indonesischen Frauen, von Arbeitern, Tagelöhnern und Söldnern in den Diensten der V.O.C. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich aus dieser ethnisch diversen Bevölkerung eine Kreolkultur, die später als Orang Betawi, als ethnische Gruppe anerkannt wurde. Diese Bildung einer Mischkultur wurde nicht zuletzt durch die niedrige soziale Stellung der betreffenden Menschen innerhalb der urbanen Gesamtgesellschaft stark beeinflusst.

Im Zuge der Expansion der niederländischen Kolonialunternehmungen wuchs die Stadt rasch gen Süden, weit über die alte Stadtmauer hinaus. Die strikte ethnische und soziale Segregation war nicht mehr durchsetzbar und die entsprechenden Gesetze bald obsolet.

Im Kontext dieser Expansion wurden die peripheren Siedlungen der Betawi bald zu Stadtteilen im Zentrum Batavias. Heute werden diese Siedlungen als Urban-Kampung bezeichnet. Sie prägten lange das Bild der Stadt, bestehend aus unzähligen Gässchen, (selbstgebauten) Häusern und kleineren Plätzen. Dabei ist der Zusammenhalt innerhalb der Kampungs groß und das Zusammenleben komplex. In diesen informellen Räumen agitieren oft Preman-Gruppen (Gangs). Diese sind vom Staat geduldet bzw. kooperieren mit staatlichen Akteuren und übernehmen sogar staatliche Aufgaben, sind dabei jedoch auch in kriminelle Handlungen verstrickt, was ihre Rolle in den Kampungs sehr facettenreich macht.

Stadtentwicklung als Repräsentation staatlicher Macht

Nach der Unabhängigkeit unter Präsident Sukarno (1949 – 1965) sollte die koloniale Pluralgesellschaft möglichst überwunden werden. Batavia wurde in Jakarta umbenannt und zum Zentrum des neuen, post-kolonialen, Staates. Dieser junge indonesische Nationalstaat war jedoch in den ersten zwei Jahrzehnten seines Bestehens instabil. Die Bevölkerung verarmte vor dem Hintergrund von Wirtschaftskrisen und bewaffneten Konflikten, dies löste Migrationsbewegungen in die Städte aus. In den Urban Kampungs diversifizierte sich so die kulturelle Prägung, die Orang-Betawi wurden numerisch zur Minderheit und Jakarta zur multi-ethnischen Metropole mit mehreren Millionen Einwohner*innen.

1965 putschte sich General Suharto an die Macht. Das Suharto-Regime zeichnete sich durch einen unbarmherzigen Autoritarismus aus, was damit gerechtfertigt und legitimiert wurde, Entwicklung und Wohlstand nach Indonesien zu bringen. Beginnend in den 1970er Jahren erlebte das Land tatsächlich einen rapiden wirtschaftlichen Aufschwung (BIP in 1980: 190 Milliarden US-Dollar, BIP in 2020: 3,328 Milliarden US-Dollar) und setzte eine massive Verstädterung im Großraum Jakarta in Gang, die bis heute anhält. Die Folge war das Anschwellen der Urban-Kampung, die sich in sehr dicht besiedelte Räume entwickelten. Gleichzeitig entstand eine urbane Mittel- und Oberschicht, der inzwischen mehr als 20% der Gesellschaft angehören.

Superblocks vs. Urban Kampungs

Die Legitimierung der Macht durch Entwicklung und Wohlstand benötigt Symbole und Repräsentationen, die sich vor allem an die sich konstituierende Mittelschicht richten. In diesem Kontext ist das Aufkommen so genannter Superblocks zu verstehen. Superblocks bilden eine Art gewaltige Gated Community innerhalb der Großstädte. In diesen riesigen Hochhauskomplexen, die oft eine Grundfläche von mehreren Fußballfeldern haben, befinden sich nicht nur Wohnungen, Hotels und Bars, sondern auch Shoppingmalls. Solche Superblocks werden dabei immer wieder inmitten von Kampungs erbaut, bzw. an Orten wo sich zuvor ein Kampung befand. Bei dieser Form der Stadtentwicklung wird von der Leapfrog Development (Bocksprung-Entwicklung) gesprochen. Die Stadtentwicklung überspringt hierbei alle Stufen der Entwicklung, welche High-Tech Bauten in der Regel voraus gehen.

Flankiert wurde das Aufkommen der Superblocks mit Narrativen, die Kampungs als rückständig und nicht der Gesellschaft zuträglich beschrieben. Zusätzlich werden sie nicht als wichtiger Teil der Stadtstruktur gesehen, welcher umstrukturiert werden könne, sondern als nicht reformierbar betitelt, unpassend der neuen Zeit und Gesellschaft des modernen Jakarta.

Urban-Kampungs haben sich spontan entwickelt, allerdings oft informell, im Zeitraum von Jahrzehnten und selten mit der Genehmigung staatlicher Akteure. Mit der Entwicklung von Superblocks geht eine Verstaatlichung und Kontrolle einher. Entsprechend wurden die Bewohner*innen der Urban-Kampungs marginalisiert. Sie mussten sich der starken Law and Order-Politik der Suharto Ära beugen. Die gesamte Art und Weise, wie sie leben, wurde als rückständig stigmatisiert. Der Stadtentwicklung nach den Vorstellungen der besser Gestellten mussten sie sich fügen. Bei den Umsiedlungen aus den Kampungs wurde nicht nur das persönliche Umfeld der Betroffenen zerrüttet, sondern auch ihre finanzielle Lebensgrundlage. Viele arbeiteten als Fischer, Straßenhändler, Handwerker, oder hatten eine kleine Garküche und haben direkt in oder zumindest in der Nähe ihres Kampungs gearbeitet.

Hier soll nicht das Leben in den Urban-Kampungs romantisiert werden, da die Sozialbauten meist in einem besseren Zustand sind und eine solidere sanitäre Ausstattung haben, sowie Strom und fließend Wasser, was in den Kampungs nicht selbstverständlich ist. Jedoch gestalten sich durch den längeren Arbeitsweg und das neue soziale Umfeld die Wohnverhältnisse im gesellschaftlichen Gesamtverhältnis als sehr schwierig.

Die Entstehung der Neo-Plural Society

Das Phänomen der Gated Communities findet sich in vielen Metropolen der Welt wieder. Mit ihrer sich abgrenzenden Bauweise und kostspieliger Unterbringung vermitteln sie ein klares Bild nach außen: Wer hier wohnt, gehört zu den Bevorteilten der Gesellschaft und hat es zu etwas gebracht. Innerhalb einer kapitalistischen Logik geht das Konzept hervorragend auf. In Jakarta führt diese Herangehensweise zu einer sozialen und elitären Segregation.

Mit der gezielten Errichtung von Superblocks in ökonomisch schwachen Vierteln setzen die Planer Jakartas ein deutliches Zeichen. Jene, die sich nicht in die Lebensweise einer strebsamen Mittelschicht eingliedern können, werden aus den Entwicklungsprozessen und sogar physisch aus der Innenstadt ausgeschlossen. Das sorgt für tief greifende gesellschaftliche Spaltungen, entlang der Strukturen aus der kolonialen Vergangenheit. Was die niederländische Kolonialmacht als Machtinstrument etablierte, um einzelne Gruppierungen besser kontrollieren und gegeneinander ausspielen zu können, geschieht nun 150 Jahre später durch neo-liberale Regierungs- und Wirtschaftsformen. Dass dabei die Schere zwischen Arm und Reich, sowie entlang der Ethnien weiter aufgeht, sind nur zwei Besorgnis erregende Faktoren innerhalb der postkolonialen Gesellschaft Jakartas.

Wir schreiben von einer Neo-Plural Society, weil die Gründe für ihre Entstehung und Profiteure zwar andere sind, die Folgen aber ähnliche bleiben und mitunter auf denselben ökonomischen Mustern basieren. Die Prägungen der indonesischen Gesellschaft durch ihre koloniale Vergangenheit brechen im neo-liberalen Zeitalter wieder zunehmend hervor und bedeuten eine Verschärfung der Vulnerabilität für die Marginalisierten.

Fortschreiben kolonialer Strukturen

Immobilieninvestor*innen in Indonesien gehören oftmals Konglomeraten an, deren Struktur auf der Ausbeutung und dem Export natürlicher Ressourcen (Bergbau, Plantagenwirtschaft) beruht (Extraktivismus), den klassischen Formen einer kolonialen Wirtschaft.

Dieses Kapital wird in den Städten über angegliederte Immobilienfirmen re-investiert. Die Tycoons und Spitzen dieser indonesischen Konglomerate sind oft in Jahrzehnte alte Patronage-Netzwerke eingebettet. Immobilienmakler*innen und Investor*innen bekommen so Zugang zu Politiker*innen, nehmen Einfluss auf die Gestaltung der Stadtentwicklungsprozesse und erhalten dadurch Baugenehmigungen für Großprojekte wie die Superblocks.

Politiker*innen können sich im Gegenzug mit diesen Prestigeprojekten schmücken. Der indonesische Urbanist Abidin Kusno beschreibt diese Entwicklung als eine lokale Ausprägung des Neoliberalismus, in der Immobilien-/Palmöl-Tycoons über Patronage Beziehungen noch enger mit staatlichen Akteuren verknüpft sind als in anderen Ländern und in Prozesse des Entwicklungsregimes eingebunden werden, die ihre Macht legimitieren.

Die Superblocks stehen an der Spitze einer radikalen Gentrifizierung, in der die Kampungs komplett abgerissen und seine Bewohner*innen an die Ränder der Stadt umgesiedelt werden. Die Gemeinschaften der Kampungs haben kaum Möglichkeiten, sich gegen die massive Gentrifizierung zu wehren. Sie versuchen jedoch, sich mit urbanen sozialen Bewegungen Gehör zu verschaffen. Sie fordern, dass ihre Interessen in die Stadtentwicklung mit einfließen.

Der Right to the City-Diskurs muss demnach sowohl als ein anti-kolonialer und anti-kapitalistischer Kampf verstanden werden, der im neokolonialen und neo-pluralen Jakarta der 2020er Jahre über die Souveränität um Räume ausgetragen wird.

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3 | 2021, Analyse, Laos,
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Laos und der französische Kolonialismus

Philippinen: Staatliches Gedenken ist mächtig. Unser Autor wirft einen kritischen Blick auf die Philippinen unter Präsident Duterte und die Quincentennial Commemorations 2021.

2020 wurden im Zuge der Black Lives Matter Bewegung Denkmäler, die Unterdrückern und Kolonisatoren gewidmet waren, umgestürzt. Im selben Jahr ehrte Manilas Bürgermeister Isko Moreno Domagoso den spanischen Eroberer Miguel Lopez de Legazpi am Gründungstag von Manila. Es wurden Kränze niedergelegt und Tribut gezollt, als der Bürgermeister „ehrfürchtig“ seine Hand, wie zum Gebet, über Legazpis Grab in der San Agustin Kirche in Intramuros, Manila, legte.

Ob Ignoranz oder Fauxpas: das Bild des Bürgermeisters der Hauptstadt, der die Kolonisierung von Manila ehrt, hat große Bedeutung. Gedenken ist ein mächtiges Instrument. Während des Fehlverhaltens des Bürgermeisters von Manila war das Nationale Komitee zur Fünfhundertjahrfeier (National Quincentennial Committee ), das durch Präsident Rodrigo Dutertes Exekutive Verordnung Nr. 55 ins Leben gerufen wurde, mitten in den Vorbereitungen für eine Reihe von Veranstaltungen zum Gedenken an ein weiteres historisches Jahr: 1521.

„Sieg und Menschlichkeit“: Das Gedenken an 1521

1521 ist das Jahr, in dem die Magellan-Expedition das Gebiet erreichte, das später die Philippinen werden sollte; und in dem der Anführer der Expedition, Ferdinand Magellan, an den Stränden von Mactan in den Händen der Lapulapu-Krieger sein Ende fand (vgl. auch Artikel von Luis Zuriel P. Domingo auf suedostasien.net).

Viele Expeditionen folgten auf Magellan und waren erfolgreicher bei der Unterwerfung der Inseln. Doch es ist 1521, an das man sich erinnert. 1521 passt zur Erzählung einer indigenen Bevölkerung, die sich einem fremden Eindringling widersetzt. Das Thema ist zentral für den nationalen Mythos und den Aufbau der Nation. In dieser Geschichte des Widerstands gewinnt die indigene Bevölkerung. Diese Geschichte täuscht über das hinweg, was darauf folgte: die gewaltsame Eroberung der Inseln und ihre Konsolidierung als Kolonie des spanischen Reiches.

2021 feiern die Philippinen ‚500 Jahre seit 1521’. Die nationalen Feierlichkeiten standen unter dem Motto „Sieg und Menschlichkeit“, um drei Ereignisse hervorzuheben: erstens den Sieg von Lapulapu in der Schlacht von Mactan, zweitens die Einführung des Christentums auf den Philippinen und drittens die Solidarität mit den Magellan-500-Feierlichkeiten in Spanien und Portugal, die sich auf die Errungenschaft der Weltumsegelung konzentrieren. Die Katholische Bischofskonferenz der Philippinen (CBCP) veranstaltet ihre eigenen Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag der Ankunft des Christentums auf den Inseln. Seit fast einem Jahrzehnt bereitet sie sich darauf vor. Papst Franziskus leitete am 14. März 2021 eine Messe, die den Feierlichkeiten gewidmet war.

Das Erschaffen einer ‚brauchbaren Vergangenheit’

Kritiker*innen machten schnell auf die Probleme aufmerksam. Patricio Abinales weist darauf hin, dass das Gedenken eine koloniale Denkweise verstärkt, die die lokale und globale Geschichte ignoriert, die im 16. Jahrhundert stattfand. Die Schlacht von Mactan zu feiern bedeute, die Entstehung der philippinischen nationalistischen Geschichte, die in Mactan begann, zu formalisieren, die Dominanz des Katholizismus im Land zu betonen und die stetige Ausbreitung des Islam zu ignorieren – einer Religion, die mehr als hundert Jahre vor Magellans Landung in Cebu ankam.

Eine weitere gängige Kritik an den Feierlichkeiten: sie beschönigen, dass das Christentum als Instrument des Kolonialismus benutzt wurde. Selbst wenn die Religion akzeptiert, angenommen und philippinisiert wurde, ist sie immer noch für die Härten verantwortlich unter denen Filipin@s jahrhundertelang litten. Der Staat schafft in seinem Bestreben, aus historischen Ereignissen eine ‚brauchbare Vergangenheit’ zur Festigung der Grundlagen der Nation zu extrahieren, Meistererzählungen oder offizielle Geschichten, die definieren, wie wir uns als Nation erinnern.

In seiner Verteidigung der Fünfhundertjahrfeierlichkeiten betont Michael Charleston Chua, dass es nicht darum gehe „die Misshandlungen, die Filipin@s unter Spanien erlebt haben“ zu leugnen. Er stellt fest, dass das staatliche Gedenken immer „geradlinig sauber“ ist, was zu erwarten ist, da er niemals „komplizierte und turbulente Erzählungen vom Staat“ erwartet. Daher stellt sich die Frage, was der Staat mit dem Gedenken an das Jahr 1521 gewinnt.

Historisches Gedenken in Zeiten von Duterte

Präsident Duterte kam mit zahlreichen Versprechen an die Macht. Eines davon war, die falsche Sichtweise der Filipin@s auf Lapulapu zu „korrigieren“ und seine Leistung als erster Eingeborener, der die Imperialisten bekämpft und getötet habe, zu ehren. Ein Jahr nach Beginn seiner Amtszeit erließ er die Exekutive Verordnung Nr. 17, die den Lapulapu-Orden ins Leben rief, um „unschätzbare oder außergewöhnliche Verdienste im Zusammenhang mit einer Kampagne oder Fürsprache des Präsidenten zu ehren.“ Während der Feierlichkeiten zum Nationalen Heldentag im Jahr 2018 bezeichnete Duterte Lapulapu als den „ersten Nationalhelden“, der verbannt wurde, weil er Visayan oder sogar Moro war – Sammelbegriffe für die islamisierten ethnolinguistischen Gruppen Mindanaos. 2021 wiederholte er diese Aussagen und sagte, dass Lapulapu ein Tausug sei – eine islamisierte ethnische Gruppe aus den südlichen Philippinen und dem nördlichen, zu Malaysia gehörenden, Teil Borneos.

Zahlreiche Historiker*innen, Wissenschaftler*innen und Expert*innen widerlegten diese Behauptung. Aber es ging hier nicht nur um historische Genauigkeit. Die falsche historische Behauptung diente, um eine Verbindung zwischen dem Gedenken und der Agenda des Präsidenten herzustellen. Duterte vertrat die Abneigung Mindanaos gegen das „imperiale Manila“. Das staatliche Gedenken war eine geeignete Gelegenheit, um die Agenda des Präsidenten voranzutreiben, die auf Manila oder Luzon zentrierte Präsidentschaft und die ungleiche Entwicklung des Archipels neu auszurichten.

Staatliches Erinnern folgt der Agenda des Präsidenten

Auf dem Höhepunkt seiner Tiraden gegen die Vereinigten Staaten und deren Beziehung zu den Philippinen, ließ Duterte plötzlich die Debatte um die Balangiga-Glocken wieder aufleben, die während des Philippinisch-Amerikanischen Krieges von 1899 bis 1913 von der US-Armee als Kriegsbeute aus einer ländlichen Stadt in Ost- Samar beschlagnahmt worden waren. Als Vergeltung für einen Hinterhalt von US-Soldaten in Balangiga im Jahr 1902 massakrierten die amerikanischen Streitkräfte die Stadt: Alle Personen über zehn Jahre wurden getötet, die Stadt niedergebrannt und geplündert, einschließlich der Glocken ihrer Kirche.

Es hat zahlreiche Bemühungen gegeben, die Glocken zurückzuholen. Zuletzt in den 1990er Jahren, als Präsident Fidel Ramos sich erfolglos für die Rückkehr der Glocken einsetzte. Duterte forderte die Rückgabe der Glocken im Rahmen seiner Ankündigungen, sich China und Russland anzunähern, während er erklärte, mit den Vereinigten Staaten brechen zu wollen. Die Glocken fungierten als Symbol für seine Agenda gegen die Vereinigten Staaten. Die Glocken wurden ein Jahr nach Dutertes Antrag an die Philippinen zurückgegeben. Die Unterstützer*innen des Präsidenten schrieben die Rückkehr der Glocken seinem politischen Willen zu, obwohl es klar ist, dass die Geste der Vereinigten Staaten dazu diente, die anti-amerikanischen Ermahnungen von Duterte zu beschwichtigen.

Die Erinnerung an den Philippinisch-Amerikanischen Krieg wurde mit den Balangiga-Glocken verknüpft. Genauso wurde die Erinnerung an 1521 weitergesponnen, um Dutertes Agenda zu bedienen. Das Erzwingen der Verbindung von Duterte und Lapulapu dient dazu, den Präsidenten zu heroisieren. Die Bemühungen, die historische Erinnerung durch das Gedenken zu transformieren, dienen nicht nur der Nation und der Meistererzählung, die der Staat voranzutreiben versucht, sondern auch den Regierenden.

Was und wie gedenken?

Staatliches Gedenken ist mächtig, da es eine Legitimation für die historische Erinnerung gibt, Traditionen formalisiert und die Nation imaginiert. Das Gedenken muss die Komplexität der Vergangenheit darstellen. Es muss die Menschen zwingen, die Vielfalt der Perspektiven zu verstehen, wenn es um Geschichte geht. Es muss uns klar sein, wer vom staatlichen Gedenken profitiert. Der Staat ist eine mächtige Kraft, die die Schaffung offizieller Narrative der Vergangenheit beeinflussen kann.

2022 ist ein weiteres Jahr des historischen Gedenkens: 150 Jahre seit der Cavite-Meuterei und der Hinrichtung der philippinischen Märtyrer-Priester Mariano Gomez, Jose Burgos und Jacinto Zamora. Es ist ein wichtiges Ereignis, das einen unauslöschbaren Eindruck in den Köpfen vieler Filipin@s hinterlassen hat, insbesondere bei Jose Rizal. Bei diesem Ereignis sind die katholische Kirche und der spanische Kolonialstaat klare Täter. Was und wie wird der Staat gedenken? Wie wird er ein solch umstrittenes historisches Ereignis darstellen? Wir müssen sicherstellen, dass das Erinnern die Komplexität der Vergangenheit darstellt und nicht bestimmten egoistischen Agenden dient.

Übersetzung aus dem Englischen von: Anna Grimminger

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