2 | 2024, Vietnam,
Autor*in:

Gefährdetes Mekong-Delta

Vietnam, Mekong-Delta, Versalzung

Reisanbau im Mekong-Delta. © flickr / Mark Drautis

Vietnam: Menschliche Nutzung und der Klimawandel haben drastische Auswirkungen auf das Mekong-Delta. Nachhaltigkeit und Anpassung an den Klimawandel sind überfällig

Das Mekong-Delta im Süden Vietnams ist ein flaches Schwemmland mit einer Fläche von 40.5 Quadratkilometern und einer Bevölkerung von 21 Millionen Menschen. Die Geländehöhe liegt meist bei nur einem halben Meter über dem Meeresspiegel.

Das Mekong-Delta ist geprägt durch die mächtigen Mündungsarme des Mekong und ein dichtes Netzwerk künstlich angelegter Oberflächengewässer – Kanäle unterschiedlicher Dimensionen. Regenzeit mit Wasserüberschuss wechselt mit Trockenzeit ohne Niederschläge. Dabei stellt die jährliche Trockenzeit eine besonders große Herausforderung für die Region dar.

Mosaike aus Teichen

An den Wasserläufen und in den Straßen im Mekong-Delta sind Wohnhäuser, Läden, kleine Betriebe, Werkstätten aufgereiht. Dazwischen liegen großflächige Reisfelder mit bis zu drei Ernten pro Jahr, Obstplantagen und bereichsweise flächendeckende Mosaike aus Teichen für die Fisch- und Garnelenzucht. Zentrum des Mekong-Deltas ist die Stadt Can Tho mit 1,3 Millionen Einwohnern.

Vietnam, Mekong-Delta, Versalzung

System der Wasser- und Landnutzung im südwestlichen Teil des Mekong-Deltas in der Trockenzeit. Gelbe Symbole: Wehre und Schleusen zur Trennung der Salzwasser- und Süßwassergebiete; blaue Gebiete: Süßwassergebiete mit Reis- und Obstanbau; rote Gebiete: Salzwassergebiete mit Garnelen- und Fischzucht.  © Google Earth / Harro Stolpe

Das Mekong-Delta ist ein Übergangsbereich zwischen Süßwasser und Salzwasser mit dementsprechend unterschiedlichen Landnutzungen. Es gibt Restbestände von Mangrovenwäldern an der Südspitze und in einigen Küstenbereichen kleinere Naturschutzgebiete mit Baum-Vegetation. Die süßwassergeprägten landwirtschaftlichen Gebiete sind – vor allem in der Trockenzeit – abhängig von Süßwasserzufuhr aus den Mekong-Armen [in der Abbildung aus dem Hậu-Fluss]. Salzwassergeprägte Gebiete werden vom Meer durch die Tide gespeist. Beide Bereiche werden durch Wehre und Schifffahrts-Schleusen möglichst voneinander getrennt gehalten.

Ständige Koordination ist nötig

Die Dynamik des Oberflächenwassers im Mekong-Delta beruht auf dem Zusammenspiel natürlicher Faktoren wie dem Abfluss in den Mekong-Armen, der Tide im Meer, dem Wechsel von Regenzeit und Trockenzeit – sowie menschlichen Eingriffen. Diese reichen von Wehren und Schleusen über die Wasserentnahme- und Ableitung aus dem Mekong in das Meer, bis hin zu einigen Wasserbauwerken. Ein Beispiel ist das 2019 neu in Betrieb genommene Wehr- und Schleusenbauwerk Cái Lớn – Cái Bé.

Eine Besonderheit ist der inselartige Bereich (Lower U Minhh) mit überwiegend Reisanbau und einem Naturschutzgebiet. Es gibt keinen Süßwasserzufluss aus dem Mekong. Er wird allein von Regenwasser gespeist, in Trockenperioden ergänzt durch Grundwasser.

Vietnam, Mekong-Delta, Versalzung

Reis- und Garnelen-Aquakultur im Mekong-Delta © flickr / Climate Change, Agriculture and Food Security, Dr. Nhuong Tran (CCAFS)

Das komplexe System Mekong-Delta muss permanent koordiniert werden, damit es den unterschiedlichen Ansprüchen wie Süßwasserbedarf, Salzwasser-Zu- und Abflüsse, Trennung der Süßwasser- und Salzwasserbereiche, Erhaltung und Verbesserung der Oberflächenwasserqualität, Hochwasserschutz und Reaktion auf Extremereignisse genügt.

Zudem besteht die Aufgabe, durch internationale Zusammenarbeit zum Beispiel im Rahmen der Mekong River Kommission (MCR), vor allem in der Trockenzeit Mindestabflüsse des Mekong sicherzustellen, um eindringendes Salzwasser möglichst zurückzudrängen. Dieser Herausforderung kann in sehr trockenen Jahren nicht ausreichend entsprochen werden.

Übernutzung des Grundwassers

Die Komplexität und Dynamik des Systems Mekong-Delta ist zugleich Ursache seiner Empfindlichkeit. Interne und externe Faktoren führen vor allem in der Trockenzeit zu wachsenden Problemen. In den salzwassergeprägten Gebieten besteht ein permanenter Mangel an Süßwasser für die Trinkwasser- und Brauchwassernutzung. Daher wird verstärkt auf Grundwasser zurückgegriffen. Aber die verfügbare Süßwassermenge ist wegen geringer oder fehlender Grundwasserneubildung begrenzt.

Seit Langem findet eine Übernutzung des Grundwassers statt. Sie verursacht großflächige Bodenabsenkungen mit bis zu 2,5 Zentimetern pro Jahr. An vielen Brücken und Häusern sind diese Absenkungen erkennbar. Die Anschlüsse der Bauwerke an das umgebende Bodenniveau passen vielfach nicht mehr und müssen wiederholt nachgebessert werden. Die Bodenabsenkungen führen auch zu einer erhöhten Hochwasseranfälligkeit.

Bedrohte Wasserqualität

In den süßwassergeprägten Gebieten kommt es in Trockenperioden zu einem Mangel an Süßwasser für die Landwirtschaft und die Trinkwasserversorgung. Wenn der Mekong in Trockenperioden weniger Wasser führt, kann Salzwasser vom Meer in die Mekong-Arme eindringen, sodass bereichsweise nicht genügend Wasser für die Bewässerung und für Trinkwasser vorhanden ist.

Daneben bestehen gravierende Probleme mit der Wasserqualität durch zahlreiche Kontaminationspotenziale, zum Beispiel Mülldeponien, Tankstellen, Lagerplätze für landwirtschaftliche Chemikalien, Abwassereinleitungen in den Mekong und industrielle und gewerbliche Einleitungen in die Oberflächengewässer. Hinzu kommt die Landwirtschaft mit Düngemitteln und Pestiziden, sowie das belastete Abwasser der Fisch- und Garnelenzucht (Futtermittelreste, Medikamente). Es gibt generell zu wenig Abwasseraufbereitungsanlagen.

In vielen Gebieten gibt es in der Trockenzeit kaum Wasseraustausch in den Gewässern. Sie stagnieren und reichern sich mit den eingeleiteten Schadstoffen an. In der Regenzeit fließt das kontaminierte Wasser dann aber in die ufernahen Meeresbereiche und kann dort zu Problemen für die Flora und Fauna führen.

Vietnam, Mekong-Delta, Versalzung

Wasserdurchfluss an einem künstlichen Wehr. © flickr / Prince Roy

Die internen Probleme des Mekong-Deltas werden durch externe Einwirkungen weiter verschärft. Hierzu zählt die Wasserwirtschaft im Oberstrom (Laos, Kambodscha, China). Dortige Eingriffe in den Wasserhaushalt – zum Beispiel Talsperren – können zu verringerten Abflüssen in die Mekong Arme führen, wodurch die Häufigkeit und die Reichweite des Eindringens von Salzwasser zunimmt.

Die Auswirkungen verringerter Abflüsse im Mekong werden verstärkt durch den erwarteten klimabedingten Meerwasseranstieg. Es muss mit zukünftig weiter zunehmenden Schwierigkeiten bei der Bewässerung der landwirtschaftlichen Flächen gerechnet werden.

Akteure und Lösungsansätze

Viele vietnamesische staatliche Institutionen befassen sich mit der Wasser- und Landnutzung im Mekong-Delta: die Ministerien für Landwirtschaft, Umwelt, Bau, Planung sowie nachgeordnete Behörden und Forschungsinstitute und nicht zuletzt die 13 Provinzen im Mekong-Delta. Zudem sind zahlreiche internationale Institutionen aktiv. Überschneidungen und Defizite bei der Koordination sind erkennbar. Immerhin ermöglicht das seit 2017 geltende Planungsgesetz erstmals in Vietnam eine überprovinzielle Regionalplanung.

Der neu entwickelte Regionalplan (MDIRP 2022) befasst sich mit den zahlreichen Aspekten. Dabei ist die zukunftsfähige und umweltgerechte Planung der Nutzung Grundvoraussetzung für die Weiterentwicklung des Mekong-Deltas. Der MDIRP bietet Gelegenheit, die Problemfelder provinzübergreifend zu identifizieren, Untersuchungen gezielt durchzuführen und Maßnahmen zu koordinieren.

Zu den Hauptaufgaben gehören die ausreichende Versorgung mit Süßwasser sowohl in den salzwassergeprägten Gebieten mit Garnelenzucht als auch in den süßwassergeprägten landwirtschaftlichen Gebieten und ein wirksamer Gewässerschutz vor Verunreinigungen.

Für die salzwassergeprägten Gebiete mit Garnelenzucht werden verschiedene Konzepte diskutiert:

  • Süßwassertransfer vom Mekong (Hậu-Fluss) mithilfe von Pipelines, was bautechnisch und energetisch aufwendig ist.
  • Süßwassertransfer aus den landwirtschaftlich genutzten Gebieten, was aufgrund der Wasserverfügbarkeit und Verunreinigungen der Oberflächengewässer ebenfalls problematisch ist.
  • Grundwasseranreicherung durch Infiltration von Regenwasser: Hierfür bieten sich salzhaltige Grundwasserbereiche an, in denen das Salzwasser durch das infiltrierte Süßwasser verdrängt und dann wiedergefördert werden kann. Untersuchungen müssen zeigen, mit welchem Aufwand eine solche Untergrundspeicherung machbar ist.
  • Reduzierung der Grundwasserförderung: Süßwasser aus Grundwasser muss in erster Linie der Trinkwasserversorgung vorbehalten sein, Vermeidung von Rohrleitungsverlusten bei der Wasserversorgung, keine Nutzung für Brauchwasserzwecke.
  • Sammlung und Speicherung von Regenwasser in der Regenzeit in haushaltseigenen Tanks und größeren Reservoiren, was bereits ansatzweise, aber nicht ausreichend praktiziert wird. Problematisch ist die geringe Flächenverfügbarkeit für Reservoire. (der größte Flächenanteil wird für die Garnelenzucht verwendet), wirksamer Verdunstungsschutz und die Reinerhaltung des gespeicherten Regenwassers.

Vietnam, Mekong-Delta, Versalzung

Garnelen werden von Hand sortiert. © Harro Stolpe

Für die süßwassergeprägten landwirtschaftlichen Gebiete werden folgende Konzepte diskutiert oder bereits praktiziert:

  • Bei erhöhten Salzgehalten temporäre Unterbrechung der Wasserentnahmen aus den Mekong-Armen: Hierfür gibt es bereits geeignete Einlassbauwerke, weitere sind geplant. Aber je häufiger und weiterreichend Salzwasser in die Mekong-Arme eindringt, desto länger dauern Unterbrechungszeiten und desto gravierender wird der Süßwassermangel.
  • Sicherstellung von Mindestabflüssen im Mekong: Wichtig wären wirksame internationale Vereinbarungen und Maßnahmen zum Wassermanagement am Oberstrom und zur Sicherstellung von Mindestabflüssen in der Trockenzeit.

Darüber hinaus wird es wichtig sein, für eine Verringerung und Vermeidung von Schadstoffeinträgen und Schadstoffanreicherungen in den Oberflächengewässern zu sorgen, mit Hilfe von:

  • Systematischer Erfassung und Bewertung der Kontaminationspotenziale sowie Maßnahmen gegen Schadstoffimmissionen: zum Beispiel Verbesserung der Abfallablagerungen, chemieärmere und ökologischere Bewirtschaftung der Reisfelder und der Garnelenzuchten.
  • Verbesserung der Abwasserreinigung für industrielle, gewerbliche und häusliche Abwässer: Dabei geht es um die Erfassung und Bearbeitung von Hot Spots ebenso wie die Verbesserung der vielen häuslichen Einleitungen in die Oberflächengewässer (zum Beispiel septic tanks verbunden mit Sammelsystemen).
  • Unterhaltung der Oberflächengewässer: Zur Vermeidung von Stagnationen und Schadstoffanreicherung in den Gewässern kann die Intensivierung der Gewässerpflege durch Baggerung von Ablagerungen beitragen.

Nachhaltige Planung als Perspektive

Das Mekong-Delta hat eine herausragende ökonomische Bedeutung für Vietnam. Zugleich ist es besonders empfindlich gegenüber externen und internen Einwirkungen. Das erfordert ein koordiniertes Vorgehen, das sich nicht an kurzfristigen Höchsterträgen, sondern an einer langfristigen, nachhaltigen Nutzbarkeit und mehr Naturnähe orientiert.

Die betrachtete Wasser- und Landnutzung bedarf eines systematischen, provinzübergreifenden Untersuchungs- und Maßnahmen-Programms mit sinnvollen Prioritäten. Die Nutzung von Regenwasser, die Reduzierung der Grundwasserförderung, die Gewässerreinhaltung und die Sicherstellung von Mindestabflüssen im Mekong sollten dabei Vorrang haben.

Unterstützend würde dabei die Verbesserung der Planungs-Kommunikation wirken. Informationen zu Problemen, Defiziten und Potenzialen, zu Zielen, Maßnahmen und erreichten Verbesserungen sollten für die öffentliche Diskussion einfacher zugänglich sein.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


2 | 2024, Vietnam,
Autor*in:

Gefährdetes Mekong-Delta

Vietnam: Der neue Roman von Bestsellerautorin Nguyễn Phan Que Mai verbindet Fiktion mit wahrer Begebenheit.

Während der Stationierung amerikanischer Soldaten in Vietnam in den 1960er- und 70er-Jahren wurden viele Kinder von ihnen mit vietnamesischen Frauen gezeugt, die oft als „Amerasier*innen“ bezeichnet werden. Der Roman „Wo die Asche blüht“ (Titel der englischen Originalausgabe: „Dust Child“) der 1973 geborenen vietnamesischen Autorin Nguyễn Phan Que Mai widmet sich diesen Kindern. Er erzählt aber auch von ihren Müttern, die oft aus Armut oder aufgrund von Vertreibung Barmädchen und Sexarbeiterinnen geworden waren. Dazu wechseln sich in der Handlung zwei Zeiträume ab.

Ungewisse Vergangenheit, ungewisse Zukunft

Ho-Chí-Minh-Stadt, 2016: Der Amerasier Phong bemüht sich um ein Visum für die USA. Aufgrund seiner dunklen Hautfarbe erfährt er anhaltende Diskriminierung und lebt in Armut. Seine Familie wünscht sich ein besseres Leben in den Vereinigten Staaten, welche in den 1980er-Jahren ein Programm für Kinder wie Phong ins Leben riefen: den „Amerasian Homecoming Act“. Als im Prozess für das Visum Beweise für seine Verwandtschaft mit einem Amerikaner gefordert werden, die er nicht erbringen kann, begibt sich Phong auf die Suche nach Antworten.

Zur gleichen Zeit reisen auch Dan, ein weißer Amerikaner, und seine Frau Linda in die Stadt, um Jahrzehnte nach Dans Einsatz als Soldat seine Kriegstraumata aufzuarbeiten. Der Veteran hat im Geheimen einen weiteren Plan. Während seiner Stationierung hatte er eine intensive Beziehung mit der Vietnamesin Kim. Er kann nicht vergessen, was er der jungen Frau angetan hat, als sie an einem Tag vor vielen Jahren wichtige Neuigkeiten für ihn hatte.

Phú Mỹ und Sài Gòn, 1969/70: Trang und Quỳnh haben ihr Leben bisher vor allem auf dem Reisfeld ihrer Eltern verbracht, die viele Schulden haben. Als die beiden kaum erwachsenen Mädchen eines Tages das Angebot bekommen, eine Freundin in die Hauptstadt zu begleiten, zögern sie nicht. Die Freundin erzählt, sie würde sich für viel Geld mit amerikanischen Soldaten unterhalten, sie vom Krieg ablenken. Als sich diese Beschreibung als nur teilweise wahr herausstellt, hadert vor allem Trang mit den unerwarteten „Anforderungen“. Sie kämpft sich durch die folgenden Wochen – bis etwas Unerwartetes passiert.

Basierend auf wahren Geschichten

Die Romanautorin und Dichterin Nguyễn Phan Que Mai wurde mit ihrem 2021 auf Deutsch erschienenen Familienepos „Der Gesang der Berge“ mit zahlreichen Preisen geehrt. In dieses war ihre eigene Familiengeschichte eingeflossen. Für ihren neuen Roman bildete eine 2014 erschienene BBC-Reportage über einen amerikanischen Veteranen, der nach seiner früheren Freundin und dem gemeinsamen Sohn sucht, ihre Inspiration. Sie begann, journalistisch und ehrenamtlich zu dem Thema zu arbeiten und widmete sich diesem auch in ihrer Doktorarbeit. Die Vietnamesin spricht sich entschieden gegen bewaffnete Konflikte und für Frieden und Mitgefühl aus.

Orientalismus in den Köpfen

Der Roman zeigt die vielschichtige Realität kolonialer Kontinuitäten in Vietnam. Dans Zeit im Militär lehrte ihn, wie viel weniger wert „der Orientale“ sei, der dem Leben angeblich nicht so verbunden sei wie „der Westler“. Hinter Dans fiktiver „Lektion“ steht eine wahre Begebenheit: So sprach der damalige Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen in Vietnam, General Westmoreland, zu seinen Soldaten. Außerdem erinnert Dan sich in einer Szene an die Worte Robert McNamaras: Der ehemalige US-Verteidigungsminister hatte später eingeräumt, wie unwissend und simplifizierend sie sich dem Land genähert hätten.

Dan beschreibt im Buch ebenfalls, wie er sich Vietnam vor seinem Einsatz als exotisches Land vorgestellt hat. Dieser Orientalismus herrscht heutzutage immer noch in den Köpfen vieler Tourist*innen vor. Mit Vorstellungen von Exotik und anderen Stereotypen reisen sie in das „ferne Land“, befördert von einer Tourismusbranche, die diese Erwartungen nährt. Nguyễn Phan Que Mai beschreibt gleichermaßen, wie Hotelmitarbeitende sich vor „Westlern“ verbeugen, oder wie Dans Frau Linda willkürlich Einheimische fotografiert.

Schmerzhaftes Jubiläum und klare Botschaft

Dass die Originalausgabe im März 2023 erschien, ist kein Zufall: 50 Jahre zuvor hat der letzte amerikanische Soldat Vietnam verlassen. Die Autorin erinnert mit der Datierung daran, dass es sich hier zwar um eine erfundene Geschichte handelt, die Erfahrungen dahinter aber real und schmerzlich bleiben.

Nguyễn Phan Que Mai widmet sich fachkundig der Vergangenheit ihres Heimatlandes und macht es wunderbar schwer, diese (weiterhin) zu ignorieren. Ihre jahrelange wissenschaftliche und ehrenamtliche Arbeit hat es ihr ermöglicht, sich zugänglich mit den behandelten Themen zu befassen und sorgt dafür, dass Vietnam von innen betrachtet werden kann. Interessierte Leser*innen können auf ihrer Homepage weiterführende Informationen finden.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
Video-Link: https://www.youtube.com/live/yLe6hz2tGmg?si=UZ6_ZJ-RhJY6g7Q_

Nguyễn Phan Quế Mai präsentiert ihren Roman „Dust Child“ im April 2023 in der Martin-Luther-King-Gedenkbibliothek in Washington DC

Sowohl der Titel als auch das Buchcover der deutschen Übersetzung sind zwar ansprechend, spiegeln aber wenig die Tiefe des Themas wider. Mit Bergen, filigranen Pflanzen und Farben, die an einen Sonnenuntergang aus dem Bilderbuch erinnern, befördert der Umschlag eher „Fernwehstimmung“ und büßt damit leider erheblich an Seriosität ein.

Wer sich davon nicht abschrecken lässt, wird beim Lesen wenig auszusetzen haben. Die Autorin zeichnet auf ebenso spannende wie informative Weise lebendige Bilder. Ihre Charaktere wirken echt und menschlich, was auch bedeutet, dass man sie nicht immer mag. In klarer und zugleich poetischer Sprache zieht die Geschichte die Lesenden in ihren Bann – eine Abhandlung über Liebe jeder Art, über Leid und Hoffnung und das Grauen eines Krieges, in dem jegliche Grenzen verschwimmen.

Rezension zu: Nguyễn Phan Que Mai. Wo die Asche blüht. Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Feldmann. Suhrkamp Verlag. 443 Seiten. 2024.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


2 | 2024, Vietnam,
Autor*in:

Gefährdetes Mekong-Delta

Deutschland/Vietnam: Wie ein buddhistisches Ritual an Zwangsabtreibungen in der DDR erinnert und Raum zum Trauern schafft.

Die ehemalige Gastarbeiterin Quách Thị Hoa veröffentlichte 1990 in der südostasien einen offenen Brief. In eindringlichen Sätzen schilderte sie, wie vietnamesische Frauen in der DDR (Deutschen Demokratischen Republik) gezwungen wurden, ihre Schwangerschaften abzubrechen oder vorzeitig in ihr Heimatland zurückzukehren. „Uns wurde unmissverständlich klargemacht, dass Intimbeziehungen zwar als normal angesehen werden, wir jedoch unter keinen Umständen schwanger werden durften. Schwangere Frauen wurden unverzüglich nach Vietnam zurückgeschickt. Diese Bestimmung schwebte wie ein Damoklesschwert über unserem Schicksal.“

Mit diesem Brief rückte Hoa eine Geschichte ins Licht, die lange Zeit unsichtbar war. Die systematische Kontrolle der Körper vietnamesischer Vertragsarbeiterinnen durch die Behörden der DDR, gefördert und gebilligt von der sozialistischen Regierung in Hà Nội. Der Brief machte öffentlich, wie Frauen in den 1980er Jahren in der DDR zwischen zwei repressiven Systemen aufgerieben wurden: Auf der einen Seite drohte das Stigma in Việt Nam, wenn sie unverheiratet mit Kind zurückkehrten. Auf der anderen Seite standen die Betriebe und Behörden der DDR, die bei einer Schwangerschaft oftmals die sofortige Rückreise einleiteten – auf eigene Kosten.

Viele dieser Frauen kehrten nach dem Ende der DDR Anfang der 1990er Jahre nach Việt Nam zurück, oft belastet von mehrfachen Schwangerschaftsabbrüchen und den psychischen Folgen dieser Zwangsabtreibungen. Wer in Deutschland blieb, baute sich hier eine Existenz auf, schwieg aber oft weiterhin über das Erlebte. 40 Jahre nach dem Erscheinen von Hoas Brief beschreibt unser Autor ein Heilungsritual, mit dem Raum geschaffen wird für das Leid, das zuvor unsichtbar blieb.

Das Ritual der ungesagten Worte

Zwischen Plattenbauten, inmitten eines grauen Gewerbegebiets in Berlin-Lichtenberg, liegt in einem alten Pförtnerhäuschen die Phổ-Đà-Pagode. Lediglich das geschwungene Dach und ein kleiner geschmückter Vorhof deuten darauf hin, dass es sich hier nicht mehr um ein gewöhnlichen Industriekomplex, sondern einen religiösen Ort handelt.

Betritt man die Pagode, steigen einem sofort der Duft von Räucherstäbchen und gekochtem Klebreis in die Nase. Die Wände sind geschmückt mit goldenen Buddha-Statuen. Auf dem Ahnenaltar thronen die Fotos der Verstorbenen der Gemeinde.

Während offizielle Gedenkveranstaltungen oft auf nüchternen Podien stattfinden, ist diese Pagode ein Ort verschiedenster Sinneseindrücke. Hier finden nicht nur Andachten und Gemeindezusammenkünfte statt, sondern auch aufwendige Zeremonien, in denen die Pagodengemeinde Rituale für Verstorbene durchführt. Eines dieser Rituale ist das „Lễ Câu Siêu Thai Nhi Sản Nạn“, eine Gedenkzeremonie für ungeborene Kinder, die durch Abtreibung oder Totgeburt das Licht der Welt nicht erblicken konnten.

Jede Papiertafel symbolisiert ein totes Kind

„Wir wollten einen Raum schaffen, in dem Mütter und Väter ihre Trauer zeigen können“, erklärt der leitende Mönch der Pagode, Thích Pháp Nhẫn, der von allen nur respektvoll thây, also Lehrer genannt wird. Um ihn herum bereiten freiwillige Helfer:innen den Altar für diese besondere Zeremonie vor, in dem sie kleine Fläschchen mit Babymilch, Spielzeug und Schalen mit Speiseopfern aufstellen. Daneben leuchten Kerzen und Räucherstäbchen, deren Rauchschwaden sich wie Schleier über kleine Abbilder aus Papier legen — jede symbolisiert ein totes Kind. Der Altar, der extra für diesen Anlass aufgebaut wird, erstrahlt in warmem Kerzenlicht. Darauf thronen rund 120 Papiertafeln. Auf einigen Tafeln ist ein Name notiert, auf anderen nur ein Datum. In einer feierlichen Prozession werden buddhistische Texte rezitiert und abschließend die Papiertafeln verbrannt.

Viele der anwesenden Frauen und Männer sind bereits im Rentenalter, manche begleitet von ihren erwachsenen Kindern. Sie alle haben ihre ganz eigenen Geschichten. Doch an diesem Tag verbindet sie eine geteilte Trauer. Das Ritual schafft einen Raum für Gefühle, die in vielen Fällen jahrzehntelang verborgen blieben.

Von Việt Nam in die DDR

Um zu verstehen, warum dieses Ritual eine so besondere Bedeutung hat, braucht es den Blick in die Vergangenheit: In den 1980er Jahren holte die DDR tausende junge Vietnamesinnen und Vietnamesen als sogenannte ausländische Werktätige ins Land. Offiziell stärkten sie die ’sozialistische Bruderschaft‘ zwischen beiden Ländern. In der Praxis benötigte die DDR billige Arbeitskräfte für Textilfabriken und andere Industriebetriebe. Dabei wurde das Leben der vietnamesischen Werktätigen auf strengste kontrolliert: Geschlechtsgetrennte Unterbringungen in eigenen Wohnblöcken, Bespitzelung durch Stasi (Ministerium für Staatssicherheit) und Vertreter:innen der vietnamesischen Botschaft, Kontaktverbot zur ostdeutschen Bevölkerung.

Zwar galten die ostdeutschen Behörden im Vergleich zu westlichen Regierungen als aufgeschlossen gegenüber berufstätigen Frauen, doch diese Offenheit endete für ausländische Werktätige bei Schwangerschaft und Familienbildung. So wurde den vietnamesischen Arbeiterinnen sehr früh klargemacht, dass eine Schwangerschaft als Arbeitshindernis galt, welches strikt zu vermeiden war. Die DDR-Betriebe und der vietnamesische Staat duldeten kaum Schwangerschaften, denn sie galten — nach äußerst kapitalistischer Verwertungslogik — als produktivitätsmindernd und waren damit unerwünscht. Wer schwanger wurde, stand vor einer grausamen Wahl: Abtreibung oder Abschiebung.

Räucherstäbchen und Reuegebete

Die Zeremonie beginnt schon Tage zuvor mit der Rezitation eines traditionellen Sutras („Tụng Lương Hoàng Sám“), das zur spirituellen Reinigung dient und die Gemeinde auf die Gedenkfeier vorbereiten soll. Am Tag des eigentlichen Rituals versammeln sich alle Teilnehmenden im Hauptraum der kleinen Pagode. Das Reuegebet („Sám Hôi“) erklingt und schafft eine berührende Atmosphäre. Die Stimmen der Gläubigen verweben sich mit dem stetigen Takt einer kleinen Trommel, hin und wieder wird ein Gong geschlagen. In einem der Gebetstexte, der von einem Mitglied der Gemeinde vorgetragen wird, heißt es sinngemäß:

„Ich nahm dir das Leben, noch ehe du Gestalt annahmst, obwohl du mein eigenes Kind warst, habe ich dich abgeschnitten von meinem Herzen. […] Mögest du uns diese karmische Verstrickung verzeihen, uns vergeben und die alten Feindschaften lösen, auf dass du in eine höhere Existenzebene eingehen kannst.“

Während des Vortrags senken viele ihre Köpfe, andere halten die kleinen Papierbildnisse schützend vor ihre Brust, als ob sie das verlorene Kind nun endlich umarmen könnten. Manche lassen ihren Tränen freien Lauf, andere schluchzen leise. Der Raum ist erfüllt von einer Mischung aus Schmerz, Scham und vorsichtiger Erleichterung, endlich darüber sprechen und trauern zu dürfen.

Nach dem Vortrag beginnt das Klagen von „Xin Đừng Bỏ Con Mẹ Ơi“ („Bitte verlass mich nicht Mama“) im Hintergrund zu ertönen, ein Lied, in dem die Stimme eines Kindes die Mutter anfleht, es nicht abzutreiben. Diese Worte, teils flehend, teils bittend, treffen tief ins Herz vieler Anwesender. Ein Schluchzen geht durch die Reihen, Taschentücher werden gereicht. Als das Lied endet, herrscht für einen Moment andächtige Stille, die nur vom leisen Summen der Lüftung unterbrochen wird. Dann ertönt ein letztes Mantra, bevor die Anwesenden in den Vorgarten der kleinen Pagode gehen.

Reinigung durch Feuer und die Kraft der Gemeinschaft

Der Höhepunkt der Zeremonie ist das rituelle Verbrennen der Papiertafeln. In großen, feuerfesten Gefäßen werden sie nacheinander ins Feuer gegeben, begleitet von Gebeten und dem Klang kleiner Glocken. Die Flammen züngeln kurz auf und man kann förmlich spüren, wie sich eine Last löst – als wäre ein schwerer Vorhang ein Stück beiseitegeschoben worden. „In unserer Tradition glauben wir, dass die Seelen durch das Feuer transformiert werden“, sagt thây. „Aber auch psychologisch gesehen ist es ein Akt der Befreiung. Die Eltern verbrennen nicht nur ein Stück Papier, sondern symbolisch ihre langjährige stille Trauer und Schuld.“

Die Erfahrungen der 1980er Jahre wirken bis heute fort. Viele Frauen, die zu Zeiten der DDR mehrfach abtrieben, trugen körperliche und seelische Folgen davon. Manche litten unter Depressionen, Albträumen oder Schuldgefühlen, konnten aber nirgends Rat finden, weil das Thema nicht in die Öffentlichkeit drang. Gemeinschaftliches Gedenken, wie es in der Phổ-Đà-Pagode praktiziert wird, kann tiefe Wunden nicht ungeschehen machen. Doch es ermöglicht, die erlittene Gewalt zu benennen und sie in einem geschützten Raum zu verarbeiten. Hier entfaltet das Ritual seine besondere Kraft: Es verwebt das individuelle Leid nach einem erzwungenen Schwangerschaftsabbruch mit einer kollektiven Erinnerung an staatliche Willkür, Rassismus und die Last jahrzehntelangen Schweigens. Die Erfahrung der Menschen in der Pagode zeigt, wie notwendig es ist, diese Geschichte aufzuarbeiten.

Das Video eines viet-deutschen Nachrichtenportals zeigt Aufnahmen des „Lễ Câu Siêu Thai Nhi Sản Nạn“- Rituals aus dem Jahr 2023.

Der offene Brief von Quách Thị Hoa stand am Anfang dieser Suche nach Gerechtigkeit und Genesung. In der Phổ-Đà-Pagode findet sie eine ihrer eindrücklichsten Fortsetzungen. Sie bietet Menschen einen Raum, in dem ihre Erfahrungen nicht nur anerkannt, sondern aktiv verarbeitet werden können. Wer hierher kommt spürt: Die Folgen der Zwangsabtreibungen in der DDR sind noch immer präsent. Doch sie sind nicht länger unausgesprochen. Ihnen wird begegnet mit Ritualen, Liedern und Gemeinschaft, der für die Betroffenen Halt und Heilung verspricht.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


2 | 2024, Vietnam,
Autor*in:

Gefährdetes Mekong-Delta

Vietnam: In westlichen Reiseführern gilt Vinh als „hässlichste Stadt Vietnams“. Idee und Baumaterial lieferte die DDR.

Vor 50 Jahren endete der Krieg in Vietnam. Als die US-Armee sich im April 1975 aus der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon zurückzog, hinterließ sie ein verwüstetes Land. Besonders verheerend waren die Ausmaße der Zerstörung in der Hafenstadt Vinh. Wo sich Eisenbahnlinien und Nationalstraßen mit Transportrouten des geheimen Hô-Chí-Minh-Pfades kreuzten, hatte sich einst die logistische Schaltzentrale Nordvietnams befunden. Begraben unter Trümmern war die Infrastruktur nun restlos lahmgelegt.

„Es gibt schreckliche Bilder von dem zerstörten Minsk und Stalingrad, den Ruinenfeldern von Coventry und Dresden. Hier in Vinh gab es nicht einmal Ruinen“, schilderte Bauingenieur Gerhard Kosel aus der DDR seine Eindrücke vor Ort. „Vor dem Auge dehnte sich eine mit zahllosen Bombentrichtern wie mit Blattern übersäte und ausgebrannte Mondlandschaft“ („Vinh: Report über eine vietnamesische Heldenstadt“, Ag 231/56/74, Berlin 1974). Kosel war mit einer Regierungsdelegation aus Ost-Berlin im Juli 1973 nach Vietnam gereist. Ihre Mission: Vinh wiederaufzubauen.

Honecker schickte Geld und Freiwillige

Nach dem Abzug der USA ruhten die Hoffnungen der Nordvietnamesen auf der Hilfe aus den sozialistischen Bruderländern. Neben der mächtigen Sowjetunion kam der DDR dabei eine Sonderrolle zu. Durch die Rekonstruktion des zerbombten Dresdens und die Deutsche Arbeitsgruppe Hamhŭng, die schon in den 1950er Jahren in Nordkorea ein prestigeträchtiges Aufbauprojekt umgesetzt hatte, galten ostdeutsche Architekten und Ingenieure als technisch versiert und praxiserprobt im Wiederaufbau. Frei nach dem Topos ihrer Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ und als Fortsetzung der Vietnam-Unterstützung „Solidarität hilft siegen!“ entsandte Staatschef Erich Honecker helfende Hände aus der DDR.

Für die DDR war der Wiederaufbau des sozialistischen Vietnam moralische Verpflichtung und Profilierungschance zugleich. Auf internationalem Parkett konnte Ost-Berlin als eigenständiger Staat bislang nicht mit dem Klassenfeind aus Westdeutschland konkurrieren. Während die BRD im Vietnamkrieg bündnistreu als größter Geldgeber auf Seiten der US-amerikanischen Zerstörer gestanden hatte, bot sich für die DDR nun Gelegenheit, mit großer Symbolkraft einen konstruktiven Beitrag des Aufbaus zu leisten.

‚Internationale Solidarität‘ in Theorie und Praxis

Nachdem ostdeutsche Architekten unter der Leitung von Gerhard Kosel und Hans Grotewohl grünes Licht für die Projektierung gegeben hatten, schlossen die DDR und Vietnam am 23. Oktober 1973 das Abkommen über die Hilfe beim Wiederaufbau und der Projektierung der Stadt Vinh. So gelangten unter der sozialistischen Maxime der ‚internationalen Solidarität‘ zwischen 1974 und 1980 mehr als 200 Expert:innen aus der DDR in das außenpolitisch vollkommen abgeschottete Vietnam. Wie wenig die ‚internationale Solidarität‘ in der Lebenswirklichkeit verankert war, zeigt hingegen die strenge Segregation, der Vertragsarbeitende aus Vietnam später in der DDR unterworfen wurden.

Für Premierminister Phạm Văn Đông hatte der Wiederaufbau Nordvietnams auch eine symbolische Implikation. Während sich die Sowjetunion vor allem in der Hauptstadt Hanoi engagierte, wünschte er von den „Kindern von Karl Marx“ aus der DDR einen Einsatz in der Provinz Nghệ An – wo nur unweit von Vinh der Geburtsort des Revolutionärs und vietnamesischen Landesvaters Hô-Chí-Minh lag. Durch ihre eigene Teilungsgeschichte im Kalten Krieg hatte die DDR ohnehin schon eine starke Verbindung zu Nordvietnam entwickelt.

Kolonialismus architektonisch überwinden

Streng nach den Prinzipien des Funktionalismus entwarfen die Architekten am Reißbrett eine hybride Phantasiestadt mit einer tropischen Palmenallee und dem brutalistischen Wohnkomplex Quang Trung im Zentrum.

Zuvor waren die Stadtbilder Vietnams gekennzeichnet von der Fremdbestimmung kolonialer Architektur, die sich mit organischem Siedlungsbau vermischte. Nun sollte eine von den ‚Bruderländern‘ auf Augenhöhe geplante Modellstadt entstehen. Vietnamesische Ingenieure, die an Universitäten in der Sowjetunion oder in der Bauhaus-Stadt Weimar ausgebildet worden waren, tüftelten deshalb stets mit. „Ein neues, schöneres, ein sozialistisches Vinh zu bauen“, lautete die utopische Vision, die Vietnam-Korrespondent Knut-Rainer Barthel den Bürgern in der heimischen DDR 1977 in der Berliner Zeitung beschrieb (Barthel, Knut-Rainer: „Vinh wächst jetzt wieder“. Berliner Zeitung, 13./14. August 1977)

Zweiundsechzig Mal begaben sich Frachtschiffe von Rostock aus auf den Seeweg, um für das Vorhaben 41.500 Tonnen Baumaterial, Krane und Fahrzeuge in den Hafen von Vinh zu transportieren. Vor Ort mussten zunächst eine Zementfabrik, eine Ziegelei und ein eigenes Wasserwerk zur unabhängigen Energieversorgung errichtet werden.

Vorbild Halle-Neustadt

Vorbildcharakter für das technische Prinzip des Plattenbaus aus Betonfertigteilen fand der Komplex in der DDR-Planstadt Halle-Neustadt, die 1964 gegründet worden war. Durch die neue Bautechnik – auch im Hinblick der Nachhaltigkeit – stieg Vinh auf zur modernsten Stadt des Landes. Mit viel Tageslicht und einer entsprechend der Windbewegung ausgerichteten Belüftung waren die Apartments ein Musterbeispiel für klimagerechtes Wohnen. Für seine postkolonialistische Architektur erhielt Vinh landesweite Anerkennung. „Schon heute“, sagte Erich Honecker mit Blick auf die anwachsende Stadt im Dezember 1977 verheißungsvoll, „vermag man sich das blühende und starke sozialistische Vietnam von morgen vorzustellen.“

Die Wohnungen in den Plattenbauten von Quang Trung waren nach ihrer Fertigstellung Anfang der 1980er Jahre begehrt. Sie galten als Vorgeschmack für moderne Lebensart im Sozialismus. Mit der Unterstützung aus der DDR konnten 1.650 neue Wohnungen für 8.360 Bewohner gebaut werden. „Wer heute in das neu entstehende Vinh kommt, sieht im Zentrum eine leuchtend helle Fassadenfront neuer Wohnhäuser. Auf dem Dachfirst eines Blockes flattern zum Richtfest die Fahnen der DRV und der DDR im Winde“, berichtet Vietnam-Korrespondent Barthel mit Stolz über die Aufbruchstimmung (Ag 231/56/74, Berlin 1974 ebd.)

Zerfall einer gescheiterten Zukunftsvision

Zunächst war der neue Wohnkomfort privilegierten Bewohnern und deren Familien vorbehalten, die als Kader der kommunistischen Partei besondere Beiträge zum Aufbau der vietnamesischen Nation geleistet hatten. Heute hingegen, stehen die baufälligen Betonquader für Zerfall und eine gescheiterte Zukunftsvision.

Während sich einige ältere Bewohner noch für den Erhalt eines Teils der Plattenbauten stark machen, den sie als kulturelles Erbe der Wiederaufbauleistung nach dem Krieg und als Andenken an die besondere vietnamesisch-deutsche Freundschaft bewahren möchten, haben Abrissbagger schon erste Abschnitte dem Erdboden gleichgemacht. Sie schaffen Platz für neue Wohnflächen. Der frühere Bewohner Hoàng Nguyễn sieht das pragmatisch: „In ein paar Jahrzehnten würde es ohnehin zusammenbrechen.“

Im übertragenen Sinne spiegelt das architektonische Relikt somit auch den Zusammenbruch der DDR wider, die – ebenso wie viele ihrer Plattenbauten – den Wandel der Zeit nicht überdauert hat.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


2 | 2024, Vietnam,
Autor*in:

Gefährdetes Mekong-Delta

Vietnam: Spurensuche, ein Fahrrad, ein Notizbuch. Die Zartsinnigkeit des Zufälligen.

1981 kam meine Mutter als 15jährige mit Cap Anamur nach Deutschland. Das Leben in Südvietnam war nach dem Fall Saigons aussichtslos. Meine Mutter war 30 Jahre alt, als sie das erste Mal wieder ihre Heimat besuchte. Im Sommer 2025 – 50 Jahre nach Kriegsende – wird meine Mutter wieder nach Vietnam reisen.

2008 reise ich das erste Mal nach Vietnam. Ich bin beinahe 30…

2018 reise ich ein zweites Mal nach Vietnam, mit meinem Fahrrad und einem Notizbuch…

Be·we·gung
/Bewégung/

Substantiv, feminin [die]

Eine zeitliche Änderung des Zustandes / Bewegung für Fortschritt und Wandel

be·wegt
/bewégt/

Adjektiv

Befindlichkeit des Zustandes / Ereignisreich durch Fortschritt und Wandel

 

Der Dutt akkurat und tiefsitzend, eine Frisur, die die Eleganz des traditionellen Kleidungsstücks Áo dài potenzieren soll. Währenddessen symbolisiert diese Trageform der Haare bei der La Ha Minderheit im Nordwestens Vietnams das Unverheiratet sein. Das weiße Hemd, der schwarze Blazer, beides tadellos sitzend, Moderne. Tänzerisch elegant bewegt sie sich leise, das Gewusel um sie herum beirrt sie nicht. Sie nimmt Bestellungen auf, sie kontrolliert die Fahrscheine, sie ist hier und überall. Sie ist die einzige Frau im Team. Während der alte Zug ruckelt, werden die männlichen Kollegen betrunkener. Sie wollen ihre Kollegin verhökern. Am nächsten Morgen gibt es Wurst am Stiel. [irgendwo Richtung Da Nang]

Das Herz, das alte Stadtviertel, sagen sie, chaotisch, sei es. In der neuen Hauptstadt, die so ist, geordnet? Wortlos hält der Busfahrer eine Plastiktüte entgegen, die für gewöhnlich für Obst verwendet wird, sie ist für Schuhe. Sein Bus ist sein Zuhause und zuhause werden keine Schuhe getragen. [Hanoi]

Gerade eben hell geworden, ist die Luft in ihrer Annehmlichkeit für wenige Momente perfekt. Lautsprecher, Marschmusik, Gymnastikbänder in kommunistischem Rot. Sie tragen đôbộ – vietnamesische Zweiteiler [keine Pyjamas], beim Frühsport mit dem Onkel. [Hà Giang]

Zwischen einzelnen Dörfern, im vermeintlichen Nirgendwo, wo es dicht besiedelt ist. Die letzte Ruhestätte, in Frieden – statt ruhen – weilen Mensch und Müll. Die Passage der farbenfrohen Geister. [kurz vor Nam Phước]

Begegnung am Straßenrand. Einladung nach Hause. Ihr Sohn fahre gern Rad, sagt die spontane Gastgeberin, und sie esse gerne Eier, obwohl sie sie ängstigen, sie seien aus China, sie fälschten sie und „Big Brother is killing them“ – them, die Kinder, die Frauen, die entführt werden um den Kinderlosen als Gebärmaschinen zu dienen. Sie serviert Ca Phe mit Ei. [Kon Tum]

Ein ‚Ausruhhaus‘ Nhà Nghỉ / Auf dem Bildschirm kommunistisches Musikfernsehen. Stundenweise Liebeshotel. Wenn es hält, können wir heiraten? Draußen im Zelt trifft K-Pop auf Techno und Karaoke. Das Brautpaar vor lauter Beats nicht sehen [Lăng Cô]

Aufmerksam durchblickt er jede Ecke, jede Veränderung in den Räumen. Räumt jede dieser Auffälligkeiten beiseite. Alles glänzt. Die Handgriffe choreographiert, der Meister des Hauses. Außerhalb dieses Inneren befindet sich Lack an den Füßen, auf den Zehen, als Kunstlederschuh. Sie spucken ihre Essensreste auf den Boden als hätten sie Lack geschluckt, schnippen. Em ơi. [Huê]

Lautes Gebelle, die Schnauzen durch die Gitter gepresst, der Lastwagenanhänger steht in der Sonne. Der Fahrer macht Pause, das Schloss aus Stahl, hier stehen Stahlfabriken, hier stehen chinesische Schriftzeichen. Es gibt Fast Food und eine Mall. Es heißt, sie halten das Unglück fern. Sie werden von der Delikatesse zu Fast Food. Fünf Millionen Hunde werden jährlich verzehrt. [Đường Hô Chí Minh]

© für Fotos und Video: Du Pham, alle Rechte vorbehalten.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


2 | 2024, Vietnam,
Autor*in:

Gefährdetes Mekong-Delta

Vietnam/Deutschland: Ngoc Anh Nguyen aka ANOTHER NGUYEN, Sängerin, Songwriterin und Sozialarbeiterin, spricht über ihre Musik und ihre vietnamesisch-deutsche Herkunft.

südostasien: Wie würdest du dich unseren Leser:innen vorstellen?

Ngoc Anh Nguyen: Ich stelle mich immer gerne als Sängerin, Songwriterin und Sozialarbeiterin vor. Ich bin vietnamesisch-deutsch und bin in einem kleinen Dorf in Sachsen aufgewachsen. 2012 bin ich nach Berlin gezogen.

Wie beeinflussen dich diese Orte in deinem kreativen Schaffen?

Weil ich in der Kleinstadt so isoliert aufgewachsen bin – wir waren lange Zeit die einzige vietnamesische oder auch ausländische Familie – habe ich mich sehr allein gefühlt. Ich habe in meiner Jugendzeit ganz lange nach Vorbildern gesucht und mich gefragt, was ich beruflich später mal machen kann, welchen Lebensweg ich gehen kann. Aus dem Nicht-Vorhanden-Sein von Community oder Menschen, die durch das Gleiche gingen wie ich, habe ich diesen starken Drang, alles weiterzugeben, was ich gelernt habe und mir selbst erarbeiten musste.

Deswegen ist für mich das Musikmachen nicht nur ‚Spaß‘, sondern ich möchte damit auch zeigen, dass es möglich ist, diesen Lebensweg zu gehen. Tatsächlich bekomme ich jetzt auch immer öfter Konzertanfragen aus meiner Heimat in Sachsen, weil die Leute sich dran erinnern, dass ich schon immer gern gesungen habe. Berlin beeinflusst mich, weil ich das Gefühl habe, dass man hier sehr frei leben kann und Lebenswege nicht hinterfragt werden. Deswegen bin ich auch in der Lage, jetzt, mit 33 Jahren, mir freiberuflich etwas aufzubauen.

Was haben deine Wege als Sozialarbeiterin und als Musikerin gemeinsam? Was trennt sie?

Eine Gemeinsamkeit ist der Kontakt zu Menschen. Wenn ich ein Konzert spiele und vor den Menschen singe, dann geht’s darum, ihnen ein besseres Gefühl zu geben, sie zu berühren und zu ihrem Alltagsleben etwas beizutragen. Bei der Musik geht es darum, zu inspirieren, vielleicht auch abzulenken, sporadisch einen Beitrag zu leisten. Bei der sozialen Arbeit hingegen bist du wirklich direkt an einzelnen Menschen dran. Es ist eine intensivere Arbeit.

Du hast von fehlenden Vorbildern gesprochen. Mittlerweile gibt es zum Beispiel den Sänger Trong Hieu, mit dem bist du vor kurzem zusammen aufgetreten. Wie war das für dich, als er im Vorentscheid für den Eurovision Song Contest für Deutschland auftrat?

Ich habe auf jeden Fall extrem mitgefiebert als er da angetreten ist, weil ich ihn kurz zuvor das erste Mal persönlich kennengelernt hatte. Für mich war das voll der große Schritt: Es ist jemand mit vietdeutscher Herkunft in meinem Alter, der jetzt auf so einer Plattform auftreten kann. Das wäre für mich als Kind undenkbar gewesen Das hat mich sehr ergriffen und hat so ein Gefühl ausgelöst: vietdeutsche Geschichte schreitet voran. Ich fand es sehr schade, wie er abgeschnitten hat. Die Gesellschaft sollte mittlerweile so weit sein, zu sehen: Hey er steht für Vielfalt, er singt einen Song, in dem es darum geht, gemeinsam anders zu sein. Warum sieht man da nicht das Potenzial? Das ist auch etwas, was ich in der Musikindustrie beobachte. Es gibt schon viele People of Color als Künstler:innen im HipHop oder R ’n‘ B, die unter Vertrag genommen sind. Im Pop-Bereich ist es eher die klassische ‚Lea‘, mit der man sich identifizieren kann.

Eine gute Freundin von mir arbeitet bei Beatrice‘ Plattenfirma. Sie suchten nach einer Keyboarderin oder einem Keyboarder und sie hat mich gefragt, ob ich mitmachen möchte. Beatrice Egli macht ja Schlager und da gibt es ganz oft diese Kombi: du hast eine hübsche junge Sängerin und einen alten weißen Mann, der Klavier spielt. Der Gedanke meiner Freundin war, dass es doch cool wäre, wenn das mal anders ist. Nicht dieses klassische Bild von einem ‚Dieter‘, sondern ich als asiatische Frau. Weil ich durch meine eigenen Musikvideos sehr viel Dreherfahrung gesammelt hatte, hat es ganz gut gepasst. Die Reaktionen waren positiv. Alle fanden, dass die Chemie zwischen uns stimmte.

Du bist Sängerin und Songwriterin. Gibt es Themen, die dir ganz besonders wichtig sind beim Schreiben deiner Texte?

Wenn es darum geht, meine eigenen Songs zu schreiben, suche ich immer nach Gefühlen und Themen, die mich lange beschäftigen. Für mich ist das Songwriting kein Outlet zum Verarbeiten, was ich heute fühle und was morgen vielleicht vorbei ist. Sondern ich verarbeite gern mein Leben in meinem Leben, also starke Gefühle und Erfahrungen, zunächst für mich. Wenn ich merke, es gibt Themen, die immer wieder auftauchen oder etwas Langwieriges sind, dann halte ich das fest in meinen Songs.

„My friend“ betont Freundschaft und macht Menschen Mut, sich Hilfe zu suchen, wenn sie Gewalt von ihren Partner:innen erfahren

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass ich mehr politische Songs schreibe. Aber bisher bin ich da immer noch ein bisschen vorsichtig. Ich möchte nicht predigend daherkommen und selber darüber reflektieren, was meine Rolle als Künstlerin im politischen Bereich ist. Und irgendwie ist es mir wichtiger, Songs zu schreiben, die etwas zu Gemeinsamkeit und Zusammenhalt beitragen als Ärger und Wut zu erzeugen.

Wie kommt es, dass du auf Englisch singst?

Ich habe einfach irgendwann angefangen, mein Tagebuch auf Englisch zu schreiben, für potenzielle internationale Enkelkinder (lacht). Es hat auch damit zu tun, dass ich ein schwieriges Verhältnis zur deutschen Sprache habe. Nach und nach löst sich das. Aber mein Gedanke, als ich angefangen habe, Songs zu schreiben, war, dass deutsche Songs ja nur für ein deutschsprachiges Publikum und für die deutsche Gesellschaft sind. Ich möchte gerne ein größeres Publikum erreichen und versuche, an die vietnamesische Diaspora anzudocken, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA und weltweit. Tatsächlich ist auch mein persönliches Umfeld sehr international. Das heißt, in meinem Alltag spreche ich auch viel Englisch. Aber ich schließe es nicht aus, in der Zukunft vielleicht auch auf Deutsch zu schreiben. Langsam kommt ein Bedürfnis in mir auf, weil ich auf Deutsch eine ganz andere Tiefe ausmachen kann. Tatsächlich wurde ich Anfang 2025 auch gefragt, ein deutsch-vietnamesisches Kinderlied zu schreiben. Das ist fertig und wird im Herbst 2025 erscheinen.

War die Internationalität auch ein Gedanke hinter deinem Künstlernamen?

Als ich meinen Künstlernamen ausgewählt habe, habe ich noch nicht so weit gedacht. Nicht daran, wen ich erreichen möchte, sondern eher, dass es ja irgendwie seltsam ist, wenn ich nur für ein vietnamesisches Publikum singe, weil ich vietdeutsch bin. Je weiter ich mich entwickle, umso mehr merke ich, dass ich nicht alle erreichen muss und dass es okay ist, eine Nische für sich zu finden. Dass im Grunde genommen eine Fanbase einfach Menschen sind, mit denen du verbunden bist, weil sie ähnliche Lebenserfahrungen teilen oder ähnliche Werte haben. Da ist es für mich einfacher, an die vietnamesische Diaspora anzuknüpfen und ich werde dadurch auch viel gebucht. Der Name kommt also nicht von einem möglichen Zielpublikum. Ich wollte, dass der Nachname Nguyen bekannter wird. In meiner Schulzeit wurde der Name immer falsch geschrieben und ich wollte, dass der Name einfach so etabliert ist, wie es auch bei anderen Nachnamen der Fall ist und dass Menschen wissen, wie man ihn schreibt.

Dieses Jahr ist das 50-jährige diplomatische Jubiläum zwischen Westdeutschland/BRD und Vietnam. Wie empfindest du persönlich als vietnamesische Ostdeutsche die deutsch-vietnamesischen Beziehungen?

Ich bin sehr in einer vietdeutschen Bubble. Ich bin sehr viel davon umgeben, dass vietnamesische Kultur wertgeschätzt wird, dass es Kulturangebote gibt, wo vietnamesisch-deutsche Geschichten erzählt werden. Ich erlebe das Goethe-Institut in Vietnam, wo Veranstaltungen stattfinden. Wenn ich in Vietnam bin, erlebe ich Wertschätzung, weil es heißt: „Du bist eine Vietdeutsche, die nach Vietnam zurückkommt und hier arbeitet“.

Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte: „Motherland“ von ANOTHER NGUYEN.

Aber genauso weiß ich, dass es andere Ecken gibt, wo das vielleicht gar nicht präsent ist. Beispielsweise war ich letztes Jahr für eine Theaterproduktion in München für das Stück „Hörst du mich?“. Es war ein Stück, wo wir – eine Schauspielerin, eine Tänzerin und ich – alle vietdeutsch waren. In dem Stück haben wir Familiendynamiken aufgearbeitet. Es ging um Sprachlosigkeit, darum, Gespräche nicht zu führen.

Die Resonanz des Publikums war verrückt. Da waren sehr, sehr viele Vietdeutsche, die in München leben, die dann zu mir kamen und meinten, das wäre das erste Mal, dass sie etwas mit Vietdeutschen auf der Bühne gesehen haben. Die waren so unglaublich dankbar und man hat gemerkt, dass durch unser Stück erste Reflexionsprozesse angestoßen werden konnten. Bei mir selbst begannen die schon vor zehn Jahren. Hier in Berlin ist es für mich schon so normal, dass es ständig irgendwelche Vernetzungstreffen, Veranstaltungen, Podcasts, Screenings und Lesungen gibt. Deswegen lebe ich in einer Welt wo deutsch-vietnamesische Beziehungen blühen und sich immer weiterentwickeln. Aber ich kann nicht sagen, dass das für alle die Realität ist.

Wünschst du dir, dass mehr Menschen die Arbeit in der Kunst- und Kulturszene verstehen würden?

Da habe ich sehr viele Gedanken zu. Ich glaube, was viele nicht wissen ist, wie viel unbezahlte Arbeit hinter Kunst steckt. Selbst wenn ein krasses Musikvideo entstanden ist oder auf Social Media eine tolle Plattform da ist, bedeutet das nicht, dass man davon leben kann. In meinem Umfeld gibt es so viele talentierte Musiker:innen, die nicht von ihrer Musik leben können. Das ist tragisch. Ich merke dies auch selber an mir. Ich kann zwar von der Musik gerade so leben; Aber mich macht es müde, dass ich seit vielen Jahren wirklich mit einem sehr geringen Budget lebe. Ich muss immer schauen, wie ich mit meinem Geld umgehe.

Würde eine Person meine Musik neu entdecken und mein Profil sehen, meine Videos und so weiter, sie würde nicht vermuten, wie knapp es ist. Das soll die Gesellschaft wissen, wie viel in diesem Bereich unentgeltlich geleistet wird. Ich wünsche mir deshalb immer das Bedingungslose Grundeinkommen.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


2 | 2024, Vietnam,
Autor*in:

Gefährdetes Mekong-Delta

Vietnam/USA: Vor 50 Jahren endete der Vietnamkrieg mit dem in Washington lange für unmöglich gehaltenen Sieg des Vietcong. Ein Interview zu Fehlern und Lehren.

südostasien: Der Vietnamkrieg endete am 30. April 1975. Warum ist er so stark im Gedächtnis geblieben?

Bernd Greiner: Er war der längste heiße Krieg im Kalten Krieg; der mit den meisten Opfern, auf vietnamesischer Seite etwa drei Millionen, von denen mehr als die Hälfte Zivilisten waren. Prozentual war ihr Anteil an den Kriegstoten höher als im Zweiten Weltkrieg. Es war ein klassisch asymmetrischer Krieg, in dem materielle Überlegenheit nicht zählt und der vermeintlich Stärkere verliert.

Das waren die USA. Wie kam es dazu?

In asymmetrischen Kriegen ist die Zeit der stärkste Verbündete des vermeintlich Schwachen, also des Vietcong und der Armee Nordvietnams. Solange der Schwache nicht verliert, hat er gewonnen, er muss „nur“ durchhalten. Die Zeit arbeitet gegen den Starken. Die USA kamen immer stärker unter Druck der Öffentlichkeit und des Parlaments, insbesondere wegen der hohen Ausgaben für einen Krieg, der erkennbar nicht für die nationale Sicherheit geführt wurde. Später haben es die Taliban in Afghanistan so ausgedrückt: Ihr habt Uhren, aber wir haben Zeit. Die knappe Ressource Zeit führt beim Starken dazu, dass er immer weiter eskaliert, weil er sich davon ein vorzeitiges Ende verspricht. Das konnten die USA in Vietnam nicht erreichen. Ihre vermeintlich überlegene Streitmacht war auf die Bedingungen dort nicht vorbereitet.

Wie hielt der Vietcong so lange durch?

Der Vietcong wurde massiv von der gut ausgebildeten und ausgerüsteten Armee Nordvietnams unterstützt. Hinzu kam der psychologische Faktor, dass eine ausländische Macht in Vietnams innenpolitischen Konflikten intervenierte, was einen nachhaltigen Nationalismus auslöste. Die USA hatten keine Vorstellung davon, welche Kraft verletzter Stolz und Nationalismus entfesseln können. Zwar zögerte der Vietcong nicht, diejenigen massiv unter Druck zu setzen, die seinen Kampf nicht unterstützen wollten. Dies schloss auch politische Morde ein. Aber Repression allein, ohne den Nationalismus samt antikolonialer Grundhaltung und der Unterstützung aus dem Norden, hätte nicht den Ausschlag gegeben.

Welche Fehler machten die USA?

Sie hatten von Land und Leuten keine Ahnung und bemühten sich auch nicht darum. Man war geblendet von der eigenen Hybris und Übermacht sowie der Vorstellung, es hier mit einer viertklassigen Macht zu tun zu haben, die auf Dauer kein ernst zu nehmender Widersacher sein würde. Man war geblendet von den eigenen Ressourcen und der Vorstellung, man müsse nur genug davon einsetzen, um zu siegen. Dabei war man militärisch chancenlos, weil die eigene Armee nicht für einen Guerillakrieg vorbereitet war. Sie stand noch in der Tradition des Zweiten Weltkriegs und einer Zeit, in der es um große Feldschlachten und den Gewinn von Terrain ging, aber nicht um das Gewinnen der Sympathie und Unterstützung der Bevölkerung. Der übermäßige Einsatz von Gewalt samt der Taktik der verbrannten Erde in den Dörfern mit vermeintlichen Stellungen des Vietcong entfremdete die Bevölkerung, die man eigentlich gewinnen wollte.

Konnten sich sozialistische Länder wie die UdSSR, China oder die DDR durch den Krieg in Vietnam bestätigt fühlen?

Es war ein riesiger Propagandaerfolg für die sozialistischen Länder, eine Bestätigung ihrer Weltsicht und ihres antikolonialen Begehrens. Das half zu vertuschen, dass ihre Solidarität mit der Dritten Welt keineswegs immer selbstlos war.

Warum löste der Krieg in den USA und westlichen Ländern breite Proteste aus?

Das sorgsam gepflegte Selbstbild der USA nach dem Sieg über Nazideutschland wurde massiv beschädigt, also das Bild des moralisch Guten, der im Kampf gegen den Totalitarismus stets lautere Mittel anwendet und sich nicht die Exzesse zuschulden kommen lässt, die man von anderen Krieg führenden imperialistischen Nationen kannte. In großen Teilen der westlichen Welt bis nach Japan konnte man in der jungen Generation zu der Zeit auch eine Grundsympathie für antikoloniale Bewegungen beobachten.

Welche Rolle spielten die Medien?

Die amerikanischen Medien behaupten gern, sie hätten entscheidend zum Ende des Kriegs beigetragen – eine maßlose Selbstüberschätzung. Der Krieg wurde auf dem Schlachtfeld verloren, nicht in Schreibstuben. Die kritische Berichterstattung setzte sehr spät ein und war nur von kurzer Dauer.

Laut dem damaligen US-Oberbefehlshaber Westmoreland wurde der Krieg nicht militärisch in Vietnam verloren, sondern politisch an der Heimatfront.

Das ist eine klassische Dolchstoßlegende und Ablenkung von eigener Unfähigkeit. US-Truppen haben die eine oder andere Schlacht gewonnen, aber den Krieg verloren.

Welche Lehren zogen die USA aus ihrer Niederlage?

Die Selbstreflexion war von sehr kurzer Dauer, etwa von 1973 bis 1976. Doch das kam unter die Räder des rechten Flügels der Republikaner und der Neokonservativen. Ihnen war daran gelegen, Vietnam als einen nicht im Grundsatz verfehlten Krieg zu bezeichnen, sondern als richtigen Krieg, der mit falschen Mitteln geführt wurde. Die USA sollten als weltpolitischer Hegemon weiterhin bereit sein, ihre Interessen auch militärisch durchzusetzen.

Man sprach vom „Vietnamtrauma“.

Die politische Rechte führte eine Kampagne gegen das sogenannte Vietnamtrauma. Darunter verstand sie einen freiwilligen Rückzug aus weltpolitischen Konfliktherden und den Verzicht auf militärische Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen. Ronald Reagan hat dieses sogenannte Trauma zu „überwinden“ versucht mit einer starken Aufrüstung und Interventionen in den 1980er Jahren in Mittelamerika, zwar nicht mit eigenen Truppen, aber mit Stellvertretern. Real traumatisiert waren hingegen viele aus Vietnam zurückgekehrte GIs, etwa 25.000 begingen in den ersten 15 Jahren nach dem Krieg Suizid. Andere Veteranen schlossen sich aus Frust über die eigene Regierung und die vermeintlich lasche Unterstützung der Bevölkerung zu Milizen zusammen, die wir jetzt quasi als Prätorianergarde von Donald Trump kennen. Sie haben ihre Wurzeln im Vietnamkrieg.

1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein und China griff Vietnam an. Zogen Moskau und Peking keine Lehren aus der Niederlage der USA?

Der sowjetische Krieg in Afghanistan verlief nach dem gleichen Schema wie der amerikanische in Vietnam. Man ist in die gleichen selbst gestellten Fallen gestolpert, eine Guerilla mit einer Armee bekämpfen zu wollen, die dafür nicht motiviert und ausgerüstet war, und hat einen ähnlichen Preis gezahlt. Auch Chinas Grenzkrieg gegen Vietnam folgte einer imperialen Logik, die gewisse Ähnlichkeiten mit den in Washington gepflegten Ideen hatte. Peking hat sich aber nicht auf einen jahrelangen Krieg eingelassen.

Zum Vietnamkrieg gehören auf beiden Seiten Opfer des dioxinhaltigen Agent Orange. Amerikanische wurden entschädigt, vietnamesische gingen vor US-Gerichten leer aus.

In den Verfahren um Entschädigung spiegelt sich die Selbstbezogenheit der USA und ihr maßloser Egoismus samt Blindheit für das Schicksal und die Opfer der anderen. Schon während des Kriegs haben die Proteste dagegen erst sehr spät eingesetzt und gingen von den eigenen Opfern aus und nicht vom Leid der anderen.

Mehr als 1,6 Millionen Vietnamesen versuchten nach Kriegsende, per Boot ins Ausland zu fliehen. Warum?

Die ersten Jahre waren noch von Vietnams Bürgerkrieg geprägt, der seit den 1950er Jahren herrschte. Die Kommunisten wollten den Militär- und Polizeiapparat des korrupten Systems im Süden ausschalten, das Personal, wie es damals hieß, „umerziehen“. Das wurde mit Angst als Mittel der Macht und Terror als Mittel der Politik gemacht.

Trug Vietnams Einmarsch in Kambodscha 1979 zur desolaten Lage bei?

Kambodschas Rote Khmer spielten die aus amerikanischer Perspektive willkommene Rolle eines ständigen Unruheherds, der Vietnams innenpolitische Stabilisierung verhindern sollte. Deshalb hatten die USA kein Problem, mit einem Massenmörder wie Pol Pot punktuell zu kooperieren.

Die USA begründeten den Vietnamkrieg mit der Dominotheorie: Nach einem Sieg der Kommunisten würden auch andere Staaten zwangsläufig kommunistisch. Sehen Sie Parallelen zum heutigen Krieg in der Ukraine, bei dem europäische Politiker argumentieren, nach Russlands Sieg würden bald Angriffe auf die baltischen Staaten und Polen folgen?

Von der semantischen Adelung einer Theorie zu reden, verbietet sich. Wir haben es hier mit einem Bankrott politischen Denkens zu tun, mit dem Ersatz politischen Denkens durch Mechanik. Historische Prozesse verlaufen nicht mechanisch, folgen keinem Masterplan, es gibt immer Zufälle und Unvorhersehbares wie auch Korrekturmöglichkeiten. All das wird von der Dominotheorie für irrelevant erklärt. Man kann aber herbeireden, was man befürchtet.

Was lehrt uns der Vietnamkrieg?

Er ragt in unsere Gegenwart hinein. Die USA haben in Afghanistan, teilweise auch im Irak die gleichen Fehler gemacht. Wieder ist man in selbst gestellte Fallen gerannt und hat die durchaus präsenten Erkenntnisse, dass man diesen Krieg nicht gewinnen kann, in den Wind geschlagen. Ein vorzeitiger Rückzug würde Glaubwürdigkeit und Prestige der Weltmacht beschädigen, hieß es. Das könne man nicht riskieren, wohl aber, dass aufseiten des Gegners Hunderttausende getötet werden und tausende eigene Soldaten. Das mit Vietnam verwandte Debakel in Afghanistan hat nicht zum substanziellen Umdenken geführt, im Gegenteil. Jetzt, da die Rivalität zwischen konkurrierenden Weltmächten wieder die Oberhand gewinnt, also insbesondere diejenige zwischen China und den USA, scheint das Beharren auf Prestige, Glaubwürdigkeit und Renommee stark ausgeprägt.

Der Beitrag erschien zuerst am 30.04.2025 in der Tageszeitung taz. Wir bedanken uns für die Genehmigung zur Wiederveröffentlichung.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


2 | 2024, Vietnam,
Autor*in:

Gefährdetes Mekong-Delta

Vietnam: Das konfuzianisch geprägte Männer-Bild wird durch Idolkultur und Chick Lit im Mainstream besänftigt und neu geformt.

In Vietnam ist das Männerbild weiterhin sehr konfuzianisch geprägt: Die Lehre des chinesischen Philosophen steht für traditionelle Tugenden, getrennte Geschlechterrollen und die Unterordnung der Frau unter den Mann. Letzterer wird als autoritär und Stabilisator für Familie und Gesellschaft betrachtet.

Die vietnamesische Gesellschaft ist jung (der Altersdurchschnitt von 33,4 Jahren wird jedoch durch eine geringe Geburtenrate wieder ansteigen). Zudem leidet sie unter einem Männerüberschuss. Laut einer Statistik von UN Women von 2023 fehlt es vor allem im Alter der 20- bis 39-jährigen an Frauen. Daraus könnte ein höherer Status für Frauen resultieren, doch das Gegenteil ist der Fall: Zwangsverheiratung, sexuelle Ausbeutung, Menschenhandel sind nur einige der fatalen Folgen, denen Frauen noch mehr ausgesetzt sind.

Eine (noch) junge Bevölkerung erhöht die Chancen, gesamtgesellschaftlich ein Umdenken anzuregen und Bestehendes neu zu bewerten. Für eine Generation, in der Individualismus und Selbstverwirklichung zunehmend wichtig ist, ist Identität in einer globalisierten Gesellschaft ein substanzielles Gut. Der daraus entwachsene Ich-Zentrismus sollte entsprechend kritisch mit einbezogen werden. Dennoch: Popkultur kann ein Hilfsmittel sein, um eine breite Masse zu erreichen.

Gegensätzlich zur Hochkultur – in der die Rezipierenden häufig zwar aufgeschlossener, aber auch elitärer sind – kann sich die Popkultur in ihrer Dynamik schnell an gesellschaftliche Entwicklungen anpassen, sie anhand von Massenmedien vermitteln und somit zu einer offenen und gleichberechtigteren Gesellschaft beitragen. Ist ein Nischenprodukt erst einmal im Mainstream angekommen, geht damit auch Normalität und Zugänglichkeit einher.

Fließende Identitäten

Ein moderner Vokuhila, die Lippen schmollend und glossy, die Augen blau geschminkt. Während sich die Person im tief ausgeschnittenen, zartem Hemd und hoch geschnittener Hose mit Blumendekor auf einem blauen Plüschteppich räkelt, schaut sie in einen glitzernden Spiegel.

„Du, deine Wimpern sind nicht feucht, verbirgst so viel Schmerz in einem Herzen voller Kratzer. Du kannst nicht fallen, trotz vieler schlafloser Nächte, dein Körper ausgemergelt ist, die Tage zu schnell zu vergehen scheinen. Zu viele Worte lassen mich nicht an mich selbst glauben, aber machen mich stark, weil ich denke, ich kann mich selbst retten.“

Diese Zeilen zum dazugehörigen Musikvideo „đôi mi chẳng ướt“ veröffentlicht Pháp Kiêu am 14. November 2025 auf Youtube. Der Musiker ist einer der prominentesten Vertreter einer neuen, sanften Maskulinität in Vietnams Pop- beziehungsweise Idolkultur. 2023 nimmt Pháp Kiêu als erste offen LGBTIQ+ Person am Rap-Viet-Wettbewerb teil und sorgt im ansonsten sehr breitbeinigen Genre für offene Münder. In genderfluider und modebewusster Erscheinung überzeugen die Hooks und Flows. Die Jury – nicht weniger modebewusst, jedoch eher Genre-konform in Sweat-Zweiteiler und lässigen venglish (vietnamesisch-englisch) – bewundert die „Confidence“, stellt einen Vergleich zu Taylor Swift auf oder findet es einfach nur „fancy fancy fancy“.

Was in den Rückmeldungen fehlt, ist die Fähigkeit Pháp Kiêus, sich in den Texten sehr zerbrechlich zu zeigen und Selbstzweifel zu benennen.

Die Idolkultur ist vor allem in Asien, genauer Japan, seit den 1960ern ein Phänomen, in dem Personen – ob nun real oder fiktiv – eifernd verehrt werden. Die südkoreanische Variante macht daraus eine globale Erscheinung und wird mit der chinesischen für Vietnam zum Vorbild. Der vietnamesisch-deutsche Künstler (S)trong Trọng Hiếu etwa gewinnt 2015 den Vietnam-Idol-Wettbewerb und ist der erste vietnamesische und auch der erste asiatische Künstler überhaupt, der 2023 beim Finale des deutschen Vorentscheids für den Eurovision Song Contest antritt.

Seine am 24. September 2025 erschienene Single zeigt Trọng Hiêu ähnlich weichgezeichnet wie Pháp Kiêu, auch sein Hemd ist hell und weit geöffnet. „Es eignet sich auch sehr gut als Musik für Hochzeiten und Heiratsanträge“, ein solcher Community-Kommentar zeigt, wofür Idolkultur ebenfalls steht, nämlich Kommerzialisierung.

Es ist unverkennbar ein aktueller Trend in der vietnamesischen Medienlandschaft. Die Frage ist, ob die neue, sanfte Maskulinität eine tatsächliche Abkehr des bis dato geprägten Bildes eines Mannes ist, nämlich stark, nicht von Gefühlen geleitet, sich nicht für Mode interessierend? Oder ist es wie mit den verschiedenen Wellen des Feminismus – letztlich zweckentfremdet als nützliches Marketinginstrument? Erinnert sei an die Boyband-Zeit aus den 1990ern: künstlich zusammengestellte Jungs, die künstlich zusammengestellte Musik machten. Neben sehr viel Liebe, gab es auch sehr viel Hohn. Aber sie waren auch Auslöser für ein neues Männerbild. Einen ähnlichen Einfluss hat (S)Trong jetzt in Vietnam, wie eine im Dezember 2025 erschienene Doku zeigt: Als ‚deutscher Hotboy‘ wird sein Anderssein beim vietnamesischen Publikum positiv-exotisch betrachtet. Ein weiblicher Fan bezeichnet es in einer Interviewsequenz so: Er sei so europäisch und sogleich auch so vietnamesisch.

Das Private ist politisch

Im Westen würde diese Frage eine andere Komplexität und Kritik beinhalten. Doch auch wenn Vietnam bereits 1992 das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen aus der Verfassung gestrichen und das erste asiatische Land war, welches das Verbot homosexueller Beziehungen aufgehoben hat, hat es bis zum 2. August 2025 gedauert, bis das vietnamesische Gesundheitsministerium erklärt, dass „Homosexualität keine Krankheit ist, nicht ‚geheilt‘ werden kann und nicht ‚geheilt‘ werden muss“ und damit Mediziner:innen aufforderte, Diskriminierung in der Versorgung zu beenden.

Sexualität gehört in Vietnam in den privaten Raum. Pháp Kiều und andere Künstler:innen, die mit feminin gelesenen Merkmalen spielen, spielen erst einmal nur oberflächlich mit den Attributen. In den Musik-Shows „Anh trai say hi“ (Er sagt Hi) oder „Anh trai vượt ngàn chông gai“ (Er überwand tausende Hindernisse) treten jeweils 30 Männer singend gegeneinander an.

Während einige Künstler geschlechtsgetreu in schweren Lederjacken und Dollar-Ketten auftreten, Frau und Kind als Requisiten auf der Bühne platzieren und sich in einer Rede bei der Gattin fürs Kochen bedanken, bedienen sich andere Protagonisten anderer Ästhetik: Sie tragen dramatisches Make-up, Verzierungen wie Rüschen, Organza-Stoffe und – sie gestikulieren zart.

Der Erfolg gibt ihnen recht

Beide Konzert-Shows zeigen aus Sicht von Bui Hoai Son, Mitglied des Bildungs- und Kulturausschusses der Nationalversammlung, den Stolz auf die von Vietnames:innen geschaffenen Kulturprodukte. Weiter stellt er resümierend am 22. November 2025 im Gespräch mit dem Magazin Lao Động fest, dass es sich „um gut durchdachte Programme mit einer Geschichte, künstlerischem Anspruch und einer humanen Botschaft handelt, welche die Herzen des Publikums berühren und die Überzeugung wecken werden, dass Vietnam aus eigener Kraft kulturelle Phänomene von internationaler Bedeutung schaffen kann.“

Nach dem Erfolg der ersten Ausgabe von „Anh trai say hi“ brachte die Ankündigung für 2025 einige Kontroversen: Die biologisch weiblich geborene Künstler:in Vũ Cát Tường bekennt sich öffentlich als lesbisch, heiratet und nimmt bei „Anh trai say hi“ teil. Auf die Frage, wie das Publikum Vũ Cát Tường ansprechen solle, lautete die Antwort: „Es spielt keine Rolle, ob es anh (männliche Anrede) oder chị (weibliche Anrede) ist, denn es hat keinen Einfluss darauf, wer ich wirklich bin. Mich Anh zu nennen macht mich nicht männlicher. Ich fühle mich wohl mit beiden Varianten.“

Es sind diese humanen Botschaften, die öffentlich geäußert werden und die inhumanen Fragen etwas entgegnen können, zum Beispiel dieser: „Wie kann Vietnam die Übernahme globaler kultureller Trends in Einklang [mit der vietnamesischen, traditionellen] bringen und gleichzeitig seine eigene Identität bewahren? Künstler und Unterhaltungsunternehmen müssen raffinierte, kultursensible Wege finden, Individualität auszudrücken, ohne das inländische Publikum zu entfremden oder zu schockieren.“ (ein anonymer Autor bei VietNamNet).

Wie Bridget Jones doch noch feministisch wird

Der asiatische Mann wird in der westlichen Kulturlandschaft gern entweder als Nerd oder Kampfkünstler stigmatisiert. Klischeehafte geschlechtsspezifische Darstellungen sind auch in der Chick Lit keine Seltenheit. Während Chick Lit immer noch als anspruchslos gestempelt wird, kann sie ein feministisches Unterhaltungsformat sein.

In dem Aufsatz „From Dream Man to Hào Hoa: Masculinity in the Vietnamese Translation of Popular Fiction“ von Văn Trào Nguyên und Tuan Nhat Nguyen (erschienen im Band „Translating Words, Transferring Wisdom, Traversing Worlds“, Mimi Yang, September 2025) erörtern die Autorinnen, wie das Männlichkeitsbild durch Übersetzungen verändert werden kann und wie Übersetzungen zur Entwicklung des literarischen und kulturellen Systems beitragen können, indem sie unbekannte Diskurse importieren, die lokale Normen und Weltanschauungen beeinflussen können.

Chick Lit hat seinen Ursprung in den 1990ern im anglo-amerikanischen Raum. Bekannt sind etwa „Bridget Jones’s Diary“ oder auch die „Sex and the City“-Bücher von Candace Bushnell. Die Geschichten begleiten die Protagonistinnen in ihren 20er bis 40er Jahren zwischen Karriere, Traumpartnerschaft(en) und sonstigen Herausforderungen. Sie gelten als leicht und seicht und stehen in der Kritik, ein zu traditionelles Frauen- und Männerbild zu zeichnen.

Auch hier muss differenziert betrachtet werden. Was im anglo-amerikanischen Raum kritisiert wird, kann im südostasiatischen sehr weltverschiebend sein. Denn während es in der klassischen Chick Lit primär um die eigene Identität geht, lautet der Anspruch an vietnamesische Frauen nach wie vor, vorrangig das Wohl von Familie und Gemeinschaft im Blick zu haben.

Da es also kaum vietnamesische Chick Lit gibt, wächst das Aufkommen der übersetzten Unterhaltungsliteratur. Chick Lit kann nach Ansicht der Autorinnen des bereits genannten Aufsatzes einen starken Kontrast zu herkömmlichen vietnamesischen Darstellungen von Männern bilden und männliche Charaktere darstellen, die emotional ausdrucksstark sind und die Autonomie der Frauen unterstützen. Das bedeute, dass durch Wortwahl des übersetzten Textes die Darstellung von Männlichkeit subtil umgestaltet werden kann, so, dass sie dem vietnamesischen Publikum vertraut wirkt – und doch kulturelle Verhandlungen anstoßen kann, indem Geschlechternormen abgeschwächt, neu formuliert oder gar bekämpft werden.

Es zeigt, dass ein Trend in der Popkultur helfen kann, Identitäten frei und öffentlich zu leben, sie nicht in vorgefertigte Rollenbilder zu meißeln, sondern zu verflüssigen. Es zeigt, dass der Mann sanft sein darf.

Oder um es mit den Worten von Bui Hoai Son zu sagen: „Kultur hat, wenn sie mit Leidenschaft und Professionalität gepflegt wird, die Kraft, Menschen zu vereinen, zu inspirieren und Werte zu schaffen, die weit über unsere Vorstellungskraft hinausgehen.“

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


2 | 2024, Vietnam,
Autor*in:

Gefährdetes Mekong-Delta

Vietnam: „Mưa Đỏ“ zeigt den Krieg vor fünfzig Jahren aus neuer Perspektive. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Chu Lai hat Rekordsummen erzielt.

2025 feierte Vietnam bedeutende Jubiläen: Sowohl der 50. Jahrestag der Wiedervereinigung als auch das 80. Jahr der Unabhängigkeit wurden mit riesigen Militärparaden gewürdigt. Es kam daher gerade recht, dass das vietnamesische Kino mit der Veröffentlichung von „Mưa Đỏ“ („Roter Regen“) einen fulminanten Höhepunkt erreichte. Der historische Kriegsfilm handelt von Kameradschaft, Verlust, Aufopferung und Frieden. Mit einem Umsatz von über 700 Billionen Đông (23,3 Millionen Euro) gilt er als der erfolgreichste Film in der Geschichte des vietnamesischen Kinos. Auch bei der jüngeren Generation in Vietnam, für die der Krieg weit entfernt ist, hat er einen Nerv getroffen.

Wie aus Burschen Männer wurden

„Mưa Đỏ“ ist ein Kriegs-Epos, das auf dem gleichnamigen Roman von Chu Lai basiert, der das Drehbuch und die Dialoge selbst adaptierte. Der Film handelt von der 81 Tage dauernden Schlacht um die Zitadelle von Quảng Trị. Sie wurde im Zuge der Oster-Offensive 1972 von der nordvietnamesischen Armee eingenommen und anschließend gegen südvietnamesische Truppen verteidigt. Der Kampf um dieses kleine Areal entschied über den Verlauf der Pariser Friedensverhandlungen. Geschickt verwebt der Film die Ebenen internationaler Diplomatie mit der brutalen Realität des Kriegsschauplatzes. Er zeigt dabei, wie sehr das Leben junger Soldaten in den Händen politischer Entscheidungsträger liegt.

Die Handlung von „Mưa Đỏ“ kreist um sechs junge Soldaten der K3-Tam-Son-Einheit, die an die Front geschickt werden – Cường, Tạ, Sen, Tu, Bình und Hải. Kommandant Tạ, den der Schauspieler Phương Nam mit rauer Authentizität verkörpert, ist vom Krieg sichtlich abgestumpft. Was er mit all den unerfahrenen Jünglingen anfangen solle, die ihm wie die Fliegen wegsterben, fragt er. Und doch verwandelt sich etwa der verängstigte Kunststudent Bình, der angesichts einschlagender Bomben in Schockstarre verfällt, mit jedem weiteren gefallenen Kameraden in einen selbstlosen Kämpfer. Diese Entwicklung folgt dem Motiv der Mannwerdung inmitten gewaltvoller Umstände. Durch Aufopferung und Zusammenhalt wachsen die Soldaten über sich hinaus.

Ein neuer Blick auf den Krieg

An männlichem Heroismus fehlt es im Film nicht – doch der Krieg wird nicht idealisiert. Im Gegenteil: Mit einer überzeugenden Nachbildung des Schlachtfelds und aufwendigen Mitteln inszeniert der Film die nackte Brutalität des Lebens unter ständigem Bombenbeschuss auf eindrückliche Weise. Manchen Zuschauer:innen könnte die durchgehende Darstellung von Kampfszenen, Explosionen und zerfetzten Körperteilen zu viel werden. Dennoch zeichnet sich der Film dadurch aus, der massenhaften anonymen Gewalt ein menschliches Antlitz zu geben.

Die Kamera schwenkt auf das Leben, auf Tus verwundeten Vogel oder auf jene Momente, in denen sich die Soldaten dem Malen und Komponieren widmen, um das Erlebte zu verarbeiten. Diese poetische Bildsprache vermittelt dem Publikum, dass es trotz all des Leids der Wunsch nach Frieden ist, der die Soldaten am Leben hält.

Trailer von „Mưa Đỏ“ auf Youtube

Wenn es um die Darstellung der Schrecken und Sinnlosigkeit des Krieges geht, entfaltet „Mưa Đỏ“ eine ähnliche Wirkung wie „Im Westen nichts Neues“, die Oscar-prämierte Neu-Verfilmung des (im ersten Weltkrieg in Europa spielenden) Romans von Erich Maria Remarque. Der Unterschied ist jedoch, dass es sich mehr als 50 Jahre später in Vietnam um einen antikolonialen Widerstand handelt. Ganz ohne Klischees kommt „Mưa Đỏ“ jedoch nicht aus. Die Liebesbeziehung zwischen Cường und Hông bleibt leider flach und zeigt keine Tiefe oder Komplexität, die über weibliche Fürsorge und männlichen Heroismus hinausgeht.

Bemerkenswert ist, dass der Feind erstmals in einer staatlichen Produktion nicht nur als anonymer Aggressor erscheint. Mit Quang, einem Lieutenant der südvietnamesischen Armee aus Huế, erhält die Gegenseite ein eigenes Gesicht und eine eigene Geschichte. Obwohl sich Quang und Cường, ein Musikstudent aus Hanoi, unversöhnlich gegenüberstehen, betont der Film ihre Menschlichkeit und die Tragödien, die sie verbinden. Beide müssen sich von ihren Müttern verabschieden, die an der Hoffnung festhalten, ihre Söhne lebend zurückkehren zu sehen. Als sie sich im Nahkampf gegenüberstehen, gesteht Quang: „Wäre es nicht aufgrund des verdammten Krieges, hätten wir gute Freunde werden können.“ Der Film markiert hier einen Bruch mit dem historischen Narrativ: Er zeigt eine Geste der Versöhnung. Erstmals werden nach Jahrzehnten die geteilten Schmerzen und die gemeinsame Menschlichkeit beider Seiten anerkannt.

Renaissance des Revolutionären Kinos

Nach „Đào, phở và piano“ (2023) und „Địa đạo“ (2025) ist „Mưa Đỏ“ der endgültige Durchbruch des vietnamesischen revolutionären Kinos. Insbesondere für junge Menschen, die den Krieg nur aus den Geschichten älterer Generationen kennen, vermittelt der Film auf eindrückliche Weise, welcher Preis für den Frieden bezahlt wurde. Auf diesem Preis baut die heutige Gesellschaft auf. Doch ein neu aufkommender Patriotismus gewinnt unter jungen Menschen an Bedeutung. „Mưa Đỏ“ sollte eine Mahnung sein, dass dieser sich nicht in militaristischen Nationalismus verwandelt, sondern in einem friedensbasierten Verteidigungsgedanken verankert bleibt.

Rezension zu: Mưa Đỏ. Regie: Đặng Thái Huyên. Vietnam. 124 Minuten. 2025

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


2 | 2024, Vietnam,
Autor*in:

Gefährdetes Mekong-Delta

Vietnam: Viet und Nam (2024) setzt eine queere Liebesgeschichte in den Kontext von historischen Traumata und Modernisierungsdoktrin.

Dass der zweite Spielfilm von Trương Minh Quý (geb. 1990) nach seiner Erstaufführung in Cannes 2024 sofort Vergleiche mit den Werken von Apichatpong Weerasethakul hervorgerufen hat, überrascht kaum. Landschaftsaufnahmen mit üppigen Wäldern und eine traumhafte Atmosphäre in der die Grenze zwischen Realität und Fantasie verwischt, sind bestimmende Merkmale in den Filmen des thailändischen Meisters des ‚slow cinema‘. „Viet und Nam“ – im Originaltitel „Trong lòng đât“ (Herz der Erde) – allerdings lediglich als Imitation abzuwerten wäre ein Fehler. Denn es entfalten sich vielschichtige Interpretationsmöglichkeiten zu queeren Erfahrungen und zu den Spannungslinien zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart Vietnams.

Liebe in der Kohlengrube

Die Protagonisten des Films sind Viet und Nam, zwei junge Bergarbeiter an einem ungenannten Ort in Vietnam im Jahr 2001. Außer Arbeitskollegen sind sie vor allem ein Liebespaar, die in der Dunkelheit der Kohlenbergwerke einige glückliche Momente für sich stehlen können. Ihre gemeinsame Zeit soll jedoch bald enden. Nam plant, illegal ins Ausland zu gehen. Doch zuvor möchte er sich mit seinem Vater zu versöhnen. Es beginnt die Suche nach dessen letzter Ruhestätte, begleitet von Viet, Nams Mutter Hoa sowie Ba, Kriegsveteran und ehemaliger Kamerad seines Vaters.

Obwohl der Film als Queer-Story vermarktet wird, ist die Beziehung zwischen den zwei Hauptdarstellern nur eine Facette der Geschichte und nicht unbedingt der zentrale Fokus. Dass ihre Umgebung diese Liebe potenziell gegnerisch betrachten könnte, wird nur beiläufig oder durch Symboliken erwähnt. In einer komischen Szene erfragt Ba, wann sie beide planen zu heiraten. Für einige Sekunden glauben die zwei Männer, dass sich die Frage direkt auf ihre Verbindung bezieht. Aber die Unbestimmtheit des Dialoges ermöglicht Interpretationen in unterschiedliche Richtungen. Die Erkundigung enthält keine Bedrohung. Die Haltung von Nams Mutter zu Viet und seine Präsenz bei Familienangelegenheiten weisen darauf hin, dass ihr Zusammensein, auch wenn nicht explizit definiert, auf jeden Fall akzeptiert wird.

Fehlende Vaterfiguren

Dies bedeutet keinesfalls, dass Maskulinität nicht auf andere Weise befragt wird. Der Regisseur scheint mehr daran interessiert zu sein, wie beispielsweise Männlichkeitsvorstellungen durch die Abwesenheit eines Vaters beeinflusst werden können. Er stellt die Frage, inwiefern diese Abwesenheit sich in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung auswirkt. In einer Szene bekennt Nam, dass während ihres Liebesaktes die Gesichter von seinem Vater und Viet so überlagert werden, dass er den einen von dem anderen nicht mehr unterscheiden kann.

Verschwundene und fehlende Vaterfiguren sind im Film eine Konstante. Nicht nur haben die beiden Jugendlichen keine Väter mehr. Auch die Leerstellen, die diese, meistens im Krieg verstorbenen Männer hinterließen, sind überall im Land sichtbar: In einem Schädel in einer Gedenkstätte, in einem Foto in den Händen einer trauernden Tochter, in einer Handvoll Erde die vielleicht Überreste eines Geliebten enthält sowie im Gedröhn von Fernsehansagen, die nach Familienangehörigen suchen. Diese Art von Mangel in Familien wird mit dem daraus folgenden niedrigeren sozioökonomischen Status in Verbindung gebracht. Das Verschwinden von Nams Vater brachte sie an den Rand der Armut, was wahrscheinlich auch dazu beitrug, dass Nam sein Glück im Ausland versuchen will, um seine vorgeschriebene Rolle als Ernährer zu erfüllen.

Männerkörper – vernarbt, verworfen, vergraben

Während die Objektivierung von weiblichen Körpern in neuen Medien oft thematisiert wird, bekommen Männerkörper selten solche Aufmerksamkeit. In dem gesamten Film fokussiert sich Trương Minh Quý darauf, wie diese Körper durch die Wechselwirkung von diversen systemischen Gewaltformen zerstört werden. Das deutlichste Beispiel ist die durchdringende Totalität des Krieges, die überall ihre Merkmale hinterlässt. Da ist die bereits genannte Abwesenheit der Toten und Verschwunden. Es gibt aber auch sehr anwesende Wunden. Der Kriegsveteran Ba hat einen Arm verloren. Sein leerer Hemdsärmel erinnert uns ständig daran, was die realen Kosten des Krieges sind. In seinen Erzählungen taucht ein anderer Kamerad auf, der zwar einen Angriff knapp überlebt hat, der aber sobald der Wind weht, mit einem hohen Geräusch im Kopf zu kämpfen hat.

Auch mit dem Ende des Krieges sind die Umstände nicht sogleich positiver. Die kapitalistische Marktwirtschaft betrachtet besonders arme Männerkörper als wegwerfbar. Die Bergarbeiter plagen sich in Dunkelheit, in beschränkten Räume gequetscht, ihre Lunge und Haut bedeckt mit Kohlenstaub. Nichts bezeichnet aber die Kommodifizierung von Menschen besser als die Schmuggelszenen. Männer – und auch Frauen – werden wie Waren in Container verladen und in eine unsichere Zukunft verschickt. In einer traumähnlichen Sequenz verpacken die Schmuggler sie sogar in Plastiktüten, um sie den Fluss herunterzutreiben.

Die Hervorhebung der physischen Schönheit in der Beziehung von Viet und Nam und die Verehrung die sie füreinander haben, scheint das Zerstörerische ihrer Umgebung zu negieren. So kann Viets mit Kohlenstaub vermischter Ohrenschmalz als Symbol von institutionalisierter Gewalt betrachtet werden, der jedoch – von Nam geschätzt und konsumiert – zu etwas Liebenswertem wird.

Ein verwundetes Land

Die Auswirkungen von toxischer Männlichkeit sind im Film nicht nur auf und im Menschenkörper erkennbar. Trương Minh Quý stellt einen sehr direkten Zusammenhang zwischen militarisierter Maskulinität und der systematischen Zerstörung der Umwelt dar. Das Land in Vietnam bleibt weiterhin von zurückgelassenen Bomben und Minen zerrissen. Dass die Familie beim Graben an einer möglichen Ruhestätte von Nams Vater einen Blindgänger findet, ist aufschlussreich. Durch ungehinderte Modernisierung und Industrialisierung, wie zum Beispiel Bergbau, werden neue Wunden in die Erde geschlagen. Der Geschwistermord, der mit dem Krieg angefangen hat, setzt sich in anderen Formen fort. Nach dieser Interpretation kann das Zusammenkommen von Viet und Nam als eine Wiedervereinigung gesehen werden, in der zwei Konfliktparteien sich endlich versöhnen. Nicht diese hoffnungsvolle Botschaft und auch nicht die Queer-Beziehung, sondern die „düstere Atmosphäre“ veranlasste die Zensoren, den auf internationalen Festivals gefeierten Film in Vietnam zunächst zu verbieten.

Rezension zu: Viet und Nam, Trương Minh Quý, 2024, 129 Minuten

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


2 | 2024, Vietnam,
Autor*in:

Gefährdetes Mekong-Delta

Vietnam: Der preisgekrönte Dokumentarfilm „Hair, Paper, Water…“ begleitet eine Rục-Frau und würdigt eine aussterbende Kultur und Sprache.

Wenn ich Cao Thị Hậu sprechen höre, entsteht in mir eine unbekannte Zusammenballung aus Vertrautheit und Neugierde. Ihre Sprache scheint vertraut, doch es ist nicht ihr gesprochenes Wort, es ist ihr Klang.

Mit diesem Klang beginnt der Dokumentarfilm „Hair, Paper, Water…“ (Tóc, Giấy và Nước…) Poetisch und rhythmisch benennt Cao Thị Hậu „Nacht, Feuer, Wasser“. Die Übersetzungen ins vietnamesische und englische werden eingeblendet und auch, dass sie Rục spricht. Das Flackern der Flammen, das Geräusch von Tropfen in einer Felshöhle, das Zirpen der Vögel und das Summen der Fliegen werden als ‚Hors d’oeuvre‘ serviert. Der Dokumentarfilm „Hair, Paper, Water…“ feierte beim 78. Filmfestival von Locarno am 14. August 2025 Premiere und gewann den Goldenen Leoparden – Filmmakers of the Present.

„Rục bedeutet Wasser, das durch Felsen und Höhlen sickert.“

Cao Thị Hậu ist eine Rục-Frau und spricht die Sprache, die nur noch wenige hundert Menschen beherrschen. Die Rục sind eine Gruppe des Chut-Volkes. Sie leben im Bezirk Minh Hóa in der Provinz Quảng Trị im nördlichen Zentralvietnam.

Die Farbe Grün

Dort bewegt sich die Protagonistin immer inmitten von Grün – wenn sie ihr dichtes schwarzes Haar in eleganten Handbewegungen bündelt, barfuß Holz auf dem Rücken transportiert, ihre offene Wunde am Knöchel mit Kräutern versorgt. Hier ist Cao Thị Hậu autark und weisungsfrei.

Wenn sie jedoch mitten in Saigon steht – hupende Motorräder und bohrende Baustellen um sie herum – wirkt sie anonym und abwesend. In einer Szene in Saigon sitzt sie lässig am Wasser und raucht, umgeben von Häusern „voller Löcher“, die den Himmel berühren. Dann stellt sie diese großartige Frage: „Was ist das für ein Ort?“ In ihrer Wahrnehmung ist das Leben in einer Höhle solider.

Während die Kaiserstadt Huế und auch die trockene Hạ Long-Bucht in Ninh Bình populäre Reiseziele sind, steht das restliche Zentralvietnam im Hintergrund. Dies geschieht zwar zu Unrecht, kommt jedoch der bisher weitgehend unberührten Landschaft zugute.

„Hair, Paper, Water…“ wurde mit einer Vintage Bolex-Kamera aufgezeichnet. Die verwackelten und gekörnten 16mm Aufnahmen geben den feucht-grünen immerzu nebeligen Berglandschaften etwas Mystisches. Nicolas Graux‘ Kinematographie würdigt seine Hauptdarstellerin, ohne sie zu erheben. Der belgische Filmemacher hat gemeinsam mit dem vietnamesischen Regisseur Minh Quý Trương, der zuletzt durch „Viêt and Nam“ internationale Bekanntheit erlangte, drei Jahre lang Momentaufnahmen aus dem Alltag von Cao Thị Hậu gesammelt. Bei beiden ist die lyrische Handschrift natürlich und ungeniert. Minh Quý Trương hat bereits für seinen 2019 erschienenen Dokumentarfilm Nhà Cây (Das Baumhaus) mit indigenen Gemeinschaften wie den Kor, Hmong und den Rục – so auch mit Cao Thị Hậu zusammengearbeitet.

Cao Thị Hậu ist Uroma. Ihre Enkelin lebt in der Stadt, die immerzu von hängender Wäsche verziert ist. Sie hat ein Kind bekommen. Im Laufe des Films erfahren wir, dass sie sie nicht nur mit ihrer Anwesenheit unterstützt, sondern auch finanziell. Denn das Geld, das die Enkelin und ihr Mann in der Fabrik verdienen, reicht nicht. Das spärlich eingerichtete Zuhause mit dem gefliesten Boden wirkt kühl und farblos. Das Baby mit vollem Haar schreit lautlos. Ein Mädchen auf dem Fahrrad kreuzt immer wieder das Bild. Während sie hintereinander auf kleinen Plastikhockern sitzen, kämmt Cao Thị Hậu ihrer Enkelin liebevoll das Haar.

Gegensätzliche Integration

Zurück an dem Ort, der für Cao Thị Hậu zuhause ist. Sie erzählt von einer (geträumten) Unterhaltung mit ihrer Mutter, die sie nach Hause zurückruft, es warten Arbeit und andere Enkel. Ein Junge erscheint, er hat schief geschnittenes Haar – trotz Besuch im Salon – und fehlende Vorderzähne. Er strahlt Leichtigkeit aus. Er ist der einzige männliche Nachkomme. Cao Thị Hậu ermutigt ihn, die Schule nicht zu versäumen, lesen und schreiben zu lernen, damit er alle Möglichkeiten habe. Er malt daraufhin ein Haus und lernt in der Schule englisch. Draußen vor der Klasse stehen die Schuhe der Kinder, während sie drinnen in Jacken sitzen.

Es sind diese vermeintlich kleinen Schnipsel, die den im 4:3-Format-Film so behutsam machen. Der Clash, der immer wieder willkürlich erscheint, aber wesentlich ist. Land und Stadt, nackte Füße kombiniert mit bunten Einwegregencapes bei der Holzarbeit für die Papierproduktion, das Perlen-Jade-Armband während die Ärmel ihres karierten Hemdes ausgefranst sind und sie sanft mit den Händen durchs Wasser gleitet. Nichts scheint zueinander zu passen, doch fügt es sich zu einer selbstverständlichen Gegenwart.

Denn diese offensichtlichen charakteristischen Unterschiede sind nicht essenziell für die Erzählung. Beinahe beiläufig wird gefilmt, dass die Bücher, die der Enkel liest, in vietnamesischer Sprache sind. Dass er, wie viele bilinguale Kinder, Gefahr läuft, die Mutterzunge zu verlieren. Die Bedrohung einer aussterbenden Sprache wird real. Einer Sprache, die es geschrieben kaum gibt.

Höhlenleben

1959 ‚fand‘ ein Grenzsoldat in Cà Xèng Menschen, die in wasserdurchlässigen Höhlen lebten und die er beschrieb als Menschen, die „mit der Wendigkeit wilder Tiere Klippen und Bäume erklimmen“. Fernab der Zivilisation lebend, ohne Schulen und Kliniken, sich durch Jagen und Sammeln selbst versorgend, habe das zurückgezogene und autonome Leben der Rục Rätselraten ausgelöst, so Đinh Thanh Dự (der sich auf die Kultur ethnischer Minderheiten in Quang Binh spezialisiert hat) und Võ Xuân Trang (Autor von „Die Rục in Vietnam“, 1998). In ihrem viel zitierten Aufsatz über „Das Leben des geheimnisvollsten Stammes der Welt in Vietnam“ wird geschildert, wie die Rục-Gemeinschaft „überzeugt“ wird, „sich im Tal niederzulassen und sich in der Gemeinde Kim Phú anzusiedeln“.

2013 wurden die Rục auf die Liste der zehn am wenigsten bekannten indigenen Völker aufgenommen. 2022 wurden in insgesamt 144 Haushalten 580 Angehörige der Rục gezählt. Trotz der Umsiedlung und der damit einhergehenden Veränderungen im wirtschaftlichen und soziokulturellen Leben, leben die Rục weiterhin im Glauben an die Beseeltheit aller Dinge. So zeigen Untersuchungen der Forschungsarbeit „Kultureller Wandel der Rục im Bezirk Minh Hóa, Provinz Quảng Bình, Vietnam“, dass die Rục sich sukzessive an Industrialisierung und Modernisierung anpassen, ohne dabei ihre kulturellen Werte zu verlieren.

Cao Thị Hậu wurde in einer Höhle geboren. Durch sie lernen wir im Film Pflanzen und ihre Heilkraft kennen, weswegen den Rục immer wieder etwas Magisches nachgesagt wird. Trotz der zurückhaltenden und andeutenden Dokumentation haben die Bilder etwas sehr Vertrautes und Intimes: wenn jede Pore ihrer Haut sichtbar wird, wenn sie voller Überzeugung wie ein Tiger brüllt. Sie ist hemmungsfrei, während sie in ihrer Erscheinung radikal nüchtern agiert. Manche erzählte Anekdoten sind erschütternd, wie die ihrer Geburt. Manche sind fast komisch, wie die des Haarverkaufs für Fischsauce. Oder auch, wenn sie eigenwillig ihren Enkel aus dem Nichts heraus fragt, wen er bei einer Trennung seiner Eltern bevorzugen würde.

Der Film fügt Haar, Papier und Wasser zu etwas Elementaren zusammen. Die Haare signalisieren immer wieder Zuneigung. Das Papier symbolisiert ihren Lebensunterhalt und auch die Zukunft des Enkels, der auf diesem schreibt und lernt. Und da ist das Wasser, von dem sie immer umgeben zu sein scheint. Verschwenderisch schön sind dabei die vielen Grünnuancen mit den lila-blau Pigmenten ihrer Kleidung, sei es das karierte Kopftuch oder das geblümte Áo bà ba (traditionelles Oberteil, welches als Großmutters Hemd übersetzt wird).

Cao Thị Hậu ist mit ihrem Enkel und einem Mann auf einem kleinen Boot unterwegs zu einer der Höhlen. Sie machen zusammen Rast und essen Maisbrot. Er klettert im Gestein herum. Sie lächelt. In einer späteren Szene in der sie nur noch zweit sind, liegen sie im Boot, sie krault ihm den Kopf. Sie spricht Rục, er spricht es nach.

Rezension zu „Hair, Paper, Water…“ (Tóc, Giấy và Nước… ), Nicolas Graux und Trương Minh Quý, 2025, 71 Minuten, Lights On Film

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz