1 | 2026, Foto-Stories, Philippinen,
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Bedrohtes kulturelles Erbe

Philippinen, Fischer, Fotostory

Die Identität der Sama ist eng mit dem Meer verbunden. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

Philippinen: Die Menschen von Samal leben im Spannungsfeld zwischen kultureller Eigenständigkeit und touristischer Vermarktung.

Die heutige Garden Island of Samal im Süden der Philippinen trug einst den Namen „Pu“. So nannten sie die indigenen Gemeinschaften, die die Insel seit unvordenklichen Zeiten bewohnen. Zu ihnen gehört das Volk der Sama, dessen Geschichte und Identität eng mit dem Meer verbunden sind. Trotz dieser tiefen Verwurzelung werden die Sama bis heute häufig missverstanden oder fälschlich anderen ethnischen Gruppen zugeordnet.

In der öffentlichen Wahrnehmung gelten die Sama oft als Abkömmlinge der Mandaya, Mansaka oder muslimischer Bevölkerungsgruppen. Tatsächlich finden sich im Sulu-Archipel mehrere indigene Gemeinschaften, die als Sama Bajau oder Sama Tawi-Tawi bezeichnet werden. Gemeinsam ist ihnen ein Leben in relativer Abgeschiedenheit auf kleinen Inseln oder in Küstennähe – geprägt von einem friedlichen Miteinander und einer starken maritimen Kultur.

Die Sama von Samal Island, die sich selbst als Igacos – Menschen von Samal – bezeichnen, wehren sich jedoch gegen jegliche vereinfachende Fremdbeschreibungen. Sie betonen ihre Eigenständigkeit als ethnische Gruppe mit unverwechselbaren Formen von Musik, künstlerischem Ausdruck und rituellen Traditionen. Diese kulturellen Praktiken sind Ausdruck einer Identität, die über Generationen hinweg weitergegeben wurde und wird.

Unsere Fotostory zeigt Eindrücke aus dem alltäglichen Leben aus verschiedenen Gegenden der Insel. Porträtiert werden Menschen, die sich aktiv in die Gemeinschaft einbringen und ihre Traditionen weitergeben. Dies geschieht durch Kleidung, Tänze, Rituale der Gezeiten. Es geschieht auch in Form der Pflanzenheilkunde und einem generell achtsamen Umgang mit der Natur. Da die Insel bislang nur über Schiffe erreichbar war, ist die Infrastruktur sehr ländlich geprägt. Dies erlaubt den Bewohner:innen, Land und Wasser in für sie üblicher Weise zu nutzen, zum Beispiel beim Baden oder Waschen von Wäsche im nächstgelegenen Fluss.

Doch das reiche kulturelle Erbe der Igacos ist zunehmend bedroht. Die Zuwanderung von Siedlern:innen, vor allem aus den Visayas, verändert die soziale und kulturelle Landschaft der Insel spürbar. Aktuell ist der Bau einer Brücke von der Millionenstadt Davao City nach Samal in Gange. Diese soll 2028 fertig gestellt werden und wird vermutlich mehr Tourismus auf die Insel bringen. Hinzu kommen wachsende Vorurteile gegenüber den Lumad, wie rund ein Dutzend ethnolinguistischer Gruppen in Mindanao bezeichnet werden. Viele Sama sind allein aufgrund ihrer Herkunft Diskriminierung und traumatischen Ausgrenzungen ausgesetzt.

Während Samal Island touristisch als „Garteninsel“ vermarktet wird, droht die ursprüngliche Kultur ihrer ersten Bewohner:innen langsam zu verschwinden. Die Frage ist: Wie lässt sich wirtschaftliche Entwicklung mit dem Schutz indigener Identitäten vereinbaren – bevor ein jahrhundertealtes kulturelles Wissen unwiederbringlich verloren geht?

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Malunggay gilt als alte medizinische Pflanze. Sie wird auch als Zutat in verschiedenen Gerichten, bevorzugt in Suppen, verwendet. Essbar sind die Blätter, Blüten, Früchte und Wurzeln. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Wasser für den Alltagsgebrauch, etwa zum Kochen und Wäsche waschen, erhalten die Bewohner:innen über manuell bedienbare Wasserpumpen. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Auch in ländlicher Umgebung nutzen Kinder und Jugendliche die landesweit beliebte Sportart Basketball gerne als Zeitvertreib. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

 

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Waschtag. Vielerorts waschen die Frauen die Kleidung per Hand in einem großen Bottich und im nächstgelegenen Fluss. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Die Insel Samal ist bisher nur über den Wasserweg erreichbar. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Die traditionelle Kleidung wird zu Festlichkeiten, wie Hochzeiten, Trauerfeiern oder Initiationsritualen, getragen, selten im Alltag. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Kochen mit Feuerholz in einer „dirty kitchen“, wie die Kochstellen im Freien genannt werden. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Bananenplantage auf Samal Island. Der größte Wirtschaftsfaktor auf der 300 km² großen Insel ist jedoch der Tourismus. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Bei der Kokosernte. Touristisch wird Samal Island als „Garteninsel“ vermarktet. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Die Muster der Kleidung sind angelehnt an die der Manobo, die in verschiedenen Regionen Mindanaos leben und lokal unterschiedliche Traditionen haben. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Die starke maritime Kultur wird auch im Umgang mit dem Meer und den Fischereimethoden sichtbar. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Auf der Suche nach Krabben und anderen Meeresfrüchten. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

 

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Bewohner:innen in ihrer Festkleidung, während ihre Alltagskleidung auf der Leine trocknet. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Die Älteren vermitteln Wissen, Tradition, sind moralische Autoritäten und können bei Konflikten vermitteln. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Dorfvorsteher Datu Jimenez und seine Frau zwischen Mangroven. Viele Küstenabschnitte der Insel stehen unter Naturschutz. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Die Älteren stärken den Zusammenhalt der Lumad. Sie sind das Gedächtnis der Gemeinschaft und die Hüter der Identität. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

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  • Die Autorin ist Ethnologin und ehemalige Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V.

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Bedrohtes kulturelles Erbe

Philippinen: Indigene Kulturträger:innen geben über den Tanz ihr Wissen weiter und stärken so das Selbstbewusstsein ihrer Gemeinschaften.

„Wenn ich tanze, erzähle ich die Geschichte unserer Gemeinschaft“, sagt Nilda Mangilay. „Meine Schritte vermitteln meine Haltung und wer ich bin.“ Mangilay ist Mitglied der Subanen, einer indigenen Gruppe aus der Gemeinde Lapuyan in der Provinz Zamboanga del Sur im Süden der Philippinen. Die Vorfahren ihrer Großmutter väterlicherseits seien Anführer:innen gewesen, erzählt sie. Jene ihres Großvaters Heiler:innen, Balyan genannt. Als älteste Tochter erbte sie von ihrem Vater die Position als Anführerin. Darüber hinaus trägt sie den Titel „Cultural Master“, den ihr die Nationale Kommission für Kultur und Kunst (National Commission for Culture and the Arts, NCCA), verlieh. Sie unterrichtet Gesang, Tanz und Musik der Subanen, sowie Stickkunst, wie sie auf ihrer Kleidung zu sehen ist.

„Unsere traditionelle Kleidung ist sehr wichtig für uns. Wir müssen sie bewahren, denn mit ihr tragen wir auch unsere Kultur“, sagt Mangilay. Sie trägt ein rotes Kopftuch, Thorong genannt, und eine rote Bluse, Dlahu Dlibon. Die Kleidung der Subanen, die heutzutage nur zu bestimmten Anlässen getragen wird, kennt viele Farben. Jede hat eine Bedeutung: „Rot steht für Mut. Damit ist nicht nur der Kampf gemeint, sondern der Mut, jede Herausforderung im Leben zu meistern.“ Mangilay würde die Tänze der Subanen nie ohne traditionelle Kleidung durchführen und mit ihr keine anderen Tänze, sagt sie.

Mit den Wellen tanzen

Nursida Diamson Jaluddin trägt ein hellbraunes Kopftuch und eine gelbe Bluse. Die Farben gelb, grün und weiß stehen für die Sama-Dilaut. Jaluddin lebt in der Gemeinde Bongao auf Tawi-Tawi, der südlichsten Provinz der Philippinen. Das Leben der Sama und Sama-Dilaut ist eng mit dem Meer verbunden, was sich auch im Igal-Tanz zeigt. „Die Bewegungen sind an die Wellen und den Wind angelehnt. Wenn ich tanze, fliege ich wie ein Vogel, dorthin wo der Wind mich trägt.“ Igal sei für Jaluddin mehr als ein Tanz, betont sie. „Es ist mein Herzschlag, meine Seele, meine Quelle der Stärke und Identität.“ Die Bewegungen des Tanzes sind frei und fließend, ohne Anfang und ohne Ende. Es gibt kein Zählen und kein Muster. „Das macht die Schönheit von Igal aus.“

Nursida Diamson Jaluddin und Nilda Mangilay sind culture bearers, Kulturträger:innen. Sie geben ihr Wissen in ihren Gemeinschaften weiter, wollen ihre Traditionen aber auch außerhalb davon bekannt machen. „Wir zeigen der Welt, dass es uns gibt und dass wir das Recht haben unsere Kultur zu fördern und zu schützen“, sagt Nilda Mangilay. Beide arbeiten mit der philippinischen Volks- und Musikgruppe Parangal und dem künstlerischen Leiter Eric Solano in San Francisco zusammen. Das gemeinsame Gespräch fand online und über drei Zeitzonen statt.

Parangal wurde gegründet, um das philippinische Kulturerbe zu würdigen und versteht sich als Brücke zwischen den Mitgliedern der philippinischen Diaspora und ihren Wurzeln. Die Mitglieder forschen, führen Workshops durch und traten auf verschiedenen Tanzfestivals in den USA, Europa und in Japan auf „Wir verstehen uns als Medium und die Kulturträger:innen stehen im Vordergrund“, sagt Eric Solano. „Wir wollen vermitteln, dass indigene Gemeinschaften der Reichtum der Philippinen und jedes anderen Landes sind.“ Ihm gehe es auch darum, Bewusstsein für die Anliegen der indigenen Bevölkerung zu schaffen, sowie Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit zu fordern.

Lernen und verlernen

Die Künstler:innen holen für die Tänze, die sie in ihren Auftritten zeigen, das Wissen der Ältesten in den Gemeinschaften ein. „Wir lernen, wie wir sie präsentieren sollen, damit die Identität der Communities nicht verloren geht.“ Wichtig sei dabei auch zu ver-lernen, sagt Solano. „Viele von uns kennen die philippinische Volkstänze. Jetzt sind wir mehr darauf bedacht, ob die Älteren mit der Art, wie wir sie zeigen, einverstanden sind. Sie leiten uns an. Die Kultur gehört ihnen, wir leihen sie uns mit ihrer Erlaubnis.“

Die Erlaubnis einzuholen sei sehr wichtig, stimmt Nilda Mangilay zu. „Das bedeutet, dass du uns respektierst.“ Auf Einladung von Eric Solano reiste Mangilay im Jahr 2018 selbst nach San Francisco, um Studierenden und Mitgliedern der Diaspora ihre Traditionen und Tänze zu erklären. Auch in Japan war sie bereits. „Ich bin dankbar für solche Erfahrungen. Ich sah, dass alle ergriffen waren von unseren Bewegungen und Stimmen. Wir können auf unsere Kultur stolz sein.“ „Wir zeigen der ganzen Welt, wer die Sama und Sama-Dialaut sind“, ergänzt Nursida Diamson Jaluddin und lacht. „Ich bin glücklich, wenn ich meinen schönen Tanz teilen kann. So kann ich mein Erbe, die Seele meiner Vorfahren, die Wichtigkeit und Schönheit der Sama und Sama-Dilaut ausdrücken.“

Nicht immer gingen die beiden so selbstbewusst mit ihrer Kultur um. Anfangs war Nilda Mangilay außerhalb ihrer Gemeinschaft unsicher: „Aber ich sagte mir, ich habe keinen Grund mich zu schämen, denn Tanz ist ein Teil meines Lebens. Ich erzähle damit unsere Geschichte, meine eigene, die meiner Eltern und Großeltern.“

Mit dem Herzen tanzen

Jaluddin verdankt dem Tanzen, dass sie ihr Studium an der Mindanao State University in Tawi-Tawi beenden konnte. Mehrmals hatte sie ihre Bildungslaufbahn unterbrechen müssen, weil sich ihre alleinerziehende Mutter das Schulgeld nicht leisten konnte. Statt zur Schule zu gehen arbeitete Jaluddin immer wieder auf der Algenfarm oder sammelte Holz, um es zu verkaufen. An der Universität wurde sie Mitglied einer Tanzgruppe und bekam dadurch ein Stipendium. Mittlerweile habe sich der Zugang zu Bildung für die Sama-Dilaut verbessert. Immer mehr erhalten Stipendien, erklärt Jaluddin, die vor allem junge Menschen ermutigen möchte ihre Kultur zu zeigen und zu schützen. Sie unterrichtet rund dreißig Schüler:innen, die zwischen sieben und zwölf Jahre alt sind. Die neue Generation müsse trotz digitaler Innovationen und Social Media die Authentizität von Igal bewahren, betont sie. Was sie ihren Schüler:innen noch vermitteln will: „Tanze mit deinem Herzen, nicht für das Publikum.“

Nilda Mangilay unterrichtet an den Schools of Living Tradition, Bildungszentren der NCCA, in denen indigene Kunst und Traditionen gelehrt werden. Was sie ihren Schüler:innen vermittelt: immer respektvoll zu sein und die eigene Sprache nicht zu vergessen. „Nicht alle Subanen-Kinder kennen ihre Muttersprache“, bedauert sie. „Wenn ich Gesang unterrichte, muss ich den Text auf Tagalog, Visayan oder Englisch übersetzen, damit die Kinder ihn verstehen.“ Das Wissen und die Praktiken ihrer Gemeinschaft erwarb Mangilay, indem sie die Älteren beobachtete und zuhörte: „Ich lernte mit meinen Ohren, meinem Verstand und meinem Herzen.“ Heute gehört sie selbst zu den Ältesten. Kein Konflikt und kein Problem werden gelöst, ohne, dass ihr Rat eingeholt wird.

Was Eric Solano durch seine Zusammenarbeit mit den culture bearers gelernt hat: „Dass unsere Kultur unendlich reich ist. Es braucht mehr als ein Leben, um über die Diversität in den Philippinen zu lernen.“ Er möchte auch andere Künstler:innen und Organisationen in der Diaspora dazu inspirieren sich mit indigenen Älteren zu vernetzen und selbst zu erfahren, wie sie die Gemeinschaften stärken und unterstützen können. „Auf diese Weise fördern wir auch unsere eigene philippinische Identität.“

 

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Philippinen: Eine Fotostory über Wegwerfgesellschaft und Müllkrise

Die Philippinen gelten als eines der Epizentren der globalen Plastikkrise. Jedes Jahr fallen auf dem Archipel mehr als 2,7 Millionen Tonnen Plastikmüll an. Die Auswirkungen sind in den Städten ebenso sichtbar wie entlang der Küsten des Landes. Als Inselstaat mit mehr als 7.000 Inseln sind Flüsse, Küsten und Meere zentrale Lebensräume. Die Gewässer sind zugleich besonders anfällig für die Folgen der Plastikverschmutzung. Schätzungen zufolge gelangen davon etwa 20 Prozent in Flüsse und Meere.

Plastik ist aus dem philippinischen Alltag allerdings kaum wegzudenken. Besonders verbreitet sind sogenannte Sachets – kleine Einwegverpackungen für Shampoo, Kaffee, Gewürze oder Waschmittel. Händler bieten die Sachets in sogenannten Sari-Sari-Stores an. Das sind kleine Läden und Kioske. Die Sachets ermöglichen Menschen mit geringem Einkommen den Kauf kleiner Produktmengen, erzeugen jedoch enorme Müllmengen. Nach Angaben der Weltbank werden auf den Philippinen täglich rund 163 Millionen Sachets verbraucht.

Die Fotografien dieser Serie sind im Jahr 2026 entstanden, auf Reisen in Mindanao. Sie zeigen keine außergewöhnlichen Orte, sondern alltägliche Bilder: Straßenränder, Flussufer, Küsten und Wohngebiete. Die Bilder dokumentieren, wie tief Plastikmüll inzwischen in den Alltag eingeschrieben ist – und wie eng die Müllkrise mit Fragen von Infrastruktur, Konsum, Armut und globaler Verantwortung verbunden ist.

Müllberge überfordern die Städte

Während die Wirtschaft wächst und der Konsum zunimmt, geraten die Abfallsysteme vielerorts an ihre Grenzen. Größere Städte verfügen zwar über Müllabfuhrsysteme, diese sind allerdings oft überlastet. In vielen Städten gehören Plastikbeutel, Einwegbecher und Verpackungen daher längst zum Straßenbild. Das betrifft etwa die Metropolregion Metro Manila, aber auch Cagayan de Oro auf der Insel Mindanao, die Stadt Cebu City auf der gleichnamigen Insel oder Baguio auf der Insel Luzón.

Besonders sichtbar wird das Problem in Metro Manila. Der Pasig-Fluss (häufig Pasig River genannt), der durch die Metropolregion in die Manila-Bucht (häufig Manila Bay genannt) fließt, zählt seit Jahren zu den weltweit bedeutendsten Einfuhrwegen für Plastikmüll ins Meer. Eine Studie schätzt den jährlichen Plastikeintrag des Flusses auf knapp 39.000 Tonnen. Konkret bedeutet das zum Beispiel: An einer Pumpstation des Flusses in Metro Manila müssen täglich rund zwei Tonnen Abfall aus dem Wasser entfernt werden. Zeitweise war die Pumpstation trotzdem mit Müll verstopft. Während der Regenzeit verschlimmern Überschwemmungen die Situation zusätzlich. Die Wassermassen spülen große Mengen an Müll aus den Straßen, Kanälen und informellen sowie formellen Deponien in Flüsse und schließlich ins Meer.

In ländlichen Regionen fehlt die öffentliche Abfallbewirtschaftung

Außerhalb der städtischen Zentren spielt der informelle Recyclingsektor eine zentrale Rolle bei der Abfallbewirtschaftung. In ländlichen Regionen und informellen Siedlungen fehlt eine regelmäßige Abfallsammlung häufig ganz. Betroffene behelfen sich notdürftig, indem sie den Müll verbrennen, vergraben oder in Flüssen, Kanälen und an Straßenrändern entsorgen. Tausende Müllsammler:innen, Schrotthändler und sogenannte Junk Shops sammeln und sortieren verwertbare Materialien. Doch insbesondere mehrschichtige Verpackungen und Sachets besitzen kaum Marktwert und werden deshalb selten recycelt. Nach Angaben der Weltbank wurden 2019 lediglich rund 28 Prozent der wichtigsten Kunststoffarten recycelt.

Welche Maßnahmen gibt es?

Die philippinische Regierung hat das Problem in den vergangenen Jahren erkannt. Sie hat landesweit verschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung der Plastikverschmutzung beschlossen, darunter Regelungen zur erweiterten Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility). Auch zahlreiche Gemeinden, Umweltorganisationen und Bürgerinitiativen engagieren sich gegen die Vermüllung. So haben Betroffene beispielsweise schon einige Recyclinginitiativen erfolgreich gestartet. Dennoch bleibt die Herausforderung enorm. Das Wachstum von Konsum und Verpackungsmüll übersteigt vielerorts weiterhin die Kapazitäten der bestehenden Entsorgungs- und Recyclingsysteme.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Philippinen: In Zamboanguita sammeln Umweltschützer:innen Plastikmüll am Strand. Das ist nur die sichtbare Spur eines globalen Müllproblems.

Die Philippinen zählen zu den Ländern, in denen besonders viel Plastikmüll ins Meer gelangt, vor allem Verpackungsmüll. Einwegverpackungen wie Sachets, Tüten und Folien sind in den Philippinen üblich. Sie haben kaum Recyclingwert und sind schwer zu sammeln. Große Plastikmüllmengen treffen hier auf fehlende kommunale Infrastruktur, ein lückenhaftes Entsorgungssystem und die besonderen geografischen Herausforderungen des Archipels.

Für das Sammeln, Sortieren, den Transport und die Weiterverarbeitung des Abfalls entstehen auf Inseln längere Wege, höhere Kosten und mehr logistische Hürden. Wo aber keine verlässlichen Systeme bestehen, bleibt Müll liegen. Starkregen und Taifune spülen ihn von Straßen, Böschungen und Ufern über Kanäle und Flüsse ins Meer. Das Problem dabei: Wir Menschen können die Meere nicht einfach wieder reinigen. Ist Plastik erst im Meer, sinkt ein Großteil ab, zerfällt, treibt in allen Meeresschichten, verfängt sich in Algen oder Organismen und landet am Meeresboden. Meeresschutz beginnt daher nicht am Strand, sondern muss verhindern, dass Müll überhaupt erst ins Wasser gelangt.

Wenn die Müllabfuhr nicht bis zur Küste kommt

Zamboanguita im Süden der philippinischen Insel Negros gehört zu den eher einkommensschwächeren Gemeinden des Landes. Das zeigt sich in der Müllinfrastruktur: Es gibt zwar eine kommunale Müllabfuhr im Ortszentrum. In abgelegenen Siedlungen oder an den Küstenabschnitten ist die Situation jedoch deutlich uneinheitlicher. Dort erreicht die Abfallentsorgung nicht alle Haushalte zuverlässig. Siedlungen direkt am Meer oder ländlich gelegene Häuser liegen oft außerhalb der regulären Sammelrouten.

Wenn Müll nicht abgeholt wird, geraten die Menschen in eine schwierige Lage. Sie müssen ihn lagern, selbst wegbringen, irgendwo ablegen oder verbrennen. Letzteres ist gesetzlich verboten, mangels Alternativen aber oft der einzige Ausweg. Hier bräuchte es pragmatische Zwischenlösungen: Feste Sammelpunkte, klare Abholtage oder Vereinbarungen mit den Verwaltungen der jeweiligen Barangays (dt.: Stadtviertel), Müll zu bestimmten Zeiten an Straßen zu bringen.

Das Dilemma: Der Müll wird Teil des Ökosystems

Im Spülsaum, also den Ablagerungen, die das Meer bei höchstem Wasserstand anspült, wird das Problem sichtbar: Zwischen Seegras, Blättern, Kokosnüssen und organischem Material liegen Plastikverpackungen, Zigarettenfilter, Sachets, Flaschen, Deckel, Netze und kleine Kunststoffteile. Der Müll ist untrennbar mit dem verwoben, was das Meer an Land trägt. Besonders häufig liegen dort Materialien, die kaum recycelbar sind. Weitere Beispiele sind Netze, Angelschnüre sowie die Sohlen alter Flipflops. Der Müll stammt aus Haushalten, Siedlungen, Flüssen und der Fischerei. Strömungen spülen ihn auch über weite Distanzen an.

Wie viel und welcher Müll den Strand erreicht, hängt stark von Wetter, Saison und Strömungen ab. Nach Unwettern landet deutlich mehr Treibgut an den Stränden, meist mit Plastik durchsetzt. Während eines starken Südmonsuns etwa brachte die Strömung zahlreiche Flaschen aus Indonesien an die Strände der Südspitze von Negros. Der sichtbare Müll ist nur ein kleiner Teil des Problems. Denn: Plastikdeckel schwimmen, offene PET-Flaschen sinken. Zu jedem Deckel, der am Strand liegt, gehört eine Flasche, die längst am Meeresboden liegt. Mit der Zeit verbindet sich der Müll mit dem natürlichen Ökosystem. Muscheln, Algen oder andere Meeres-Organismen besiedeln Flaschen, Verpackungen und Kunststoffteile. Kleine Tiere nutzen Deckel oder Plastikteile als Unterschlupf. Das Dilemma: Wer den Müll später entfernt, greift daher ungewollt in kleinste Lebensräume ein.

Die Arbeit von Pro Ocean: Mehr als Sammeln

Die NGO (Nichtregierungsorganisation) Pro Ocean (siehe Infokasten) hat in den Philippinen bereits über 400 Tonnen Müll gesammelt. Jeden Morgen starten Sammler:innen zu verschiedenen Stränden. Je nach Route und Sammelgebiet sind bis zu drei Cleanups (Sammelaktionen) pro Tag und Team möglich. Am Strand trennen die Teams den Müll in zwei Säcke für wiederverwertbare Materialien und für nicht wiederverwertbare Abfälle. Am Fahrzeug sortieren sie nach, wiegen und dokumentieren.

Diese Arbeit bedeutet mehr als das Einsammeln von Müll. Die Mitarbeiter:innen von Pro Ocean sind geschult und am Strand täglich sichtbar. Sie begegnen Kindern, Familien, Fischer:innen und Menschen, die direkt an der Küste leben, und kommen ins Gespräch. Oft übernehmen sie eine Rolle, die an Bantay Dagat erinnert: Freiwillige, die sich zum Schutz der Meeresumwelt engagieren. Die Mitarbeiter:innen von Pro Ocean sehen Veränderungen an den Stränden, kennen lokale Hotspots und entwickeln ein genaues Gespür dafür, wo Müll entsteht, wo er anlandet und wo Handlungsbedarf besteht.

Nicht alles ist recycelbar

Pro Ocean sammelt alles, was der Umwelt schadet und nicht an den Strand gehört. Die gesammelten und sortierten Wertstoffe bringen die Teams zu einem lokalen Recycling-Partner, der sie bündelt, verdichtet und in bestehende Verwertungsketten eingespeist. Für Wertstoffe wie PET-Flaschen, Aluminium oder Glas gibt es ebenfalls Sammelstellen. Für viele Materialien fehlt aber ein funktionierender Markt. Nasses, salziges, sandiges oder bewachsenes Plastik lässt sich kaum recyceln. Das gilt vor allem für Sachets sowie verschmutzte Folien und Kunststoffteile.

Nicht verwertbare Abfälle landen auf Deponien, da es für diese derzeit auf der Insel keine Weiterverwertung gibt. Grundsätzlich ist nicht jeder Müll recycelbar. Auch in Ländern wie Deutschland gelingt Recycling nur unter dem Einsatz von viel Geld, Technologie, Infrastruktur und Regulierung. In den ländlichen Regionen des philippinischen Archipels sind die Hürden noch deutlich höher. Dennoch sucht Pro Ocean nach Lösungen, um mehr Materialien in Kreisläufe zurückzuführen: Ab dem Jahr 2027 arbeitet Pro Ocean mit dem Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik an einem Pilotprojekt. Das Ziel: Auch schwer zu recycelnde Materialien verarbeiten und möglichst lokal wieder in den Kreislauf bringen zu können.

Globale Marken, lokale Kosten

Der Globale Norden trägt Verantwortung für die Plastikmüllkrise in Ländern wie den Philippinen. Lange Zeit spielte direkter Müllexport eine große Rolle. Doch viele der gesammelten Verpackungen stammen heute von Marken großer Konsumgüterunternehmen. Diese Unternehmen bringen Produkte in kleinen Verkaufsgrößen wie den Sachets auf den Markt. Diese sind für viele Menschen erschwinglicher, die täglich und in kleinen Mengen einkaufen müssen. Die Ursachen sind unterschiedlich: Armut, Gelegenheitsjobs und nicht bezahlbare größere Packungen.

Unternehmen lagern die Verantwortung für die Entsorgung dabei schlicht aus. Sie wissen, dass es in vielen Regionen weder die Struktur, Kapazität oder Logistik gibt, um die Verpackungen zu recyceln. Der unternehmerische Gewinn entsteht beim Verkauf des Produkts, aber die Entsorgungskosten und Folgeschäden landen bei Kommunen, lokalen Gemeinschaften, Müllsammler:innen, privaten Organisationen und bei der Umwelt. Sachets und Flaschen sind nicht das Müllproblem einzelner Menschen, sondern die Folgekosten der Geschäftsmodelle internationaler Großkonzerne.

Das Müllproblem ist größer als individuelles Konsumverhalten. Unternehmen müssen stärker Produktverantwortung übernehmen, etwa im Rahmen von EPR-Systemen (EPR: Extended Producer Responsibility, dt.: Erweiterte Herstellerverantwortung). Ehrliche Entsorgungsfinanzierung auf Seiten der Unternehmen, weniger nicht oder schwer recycelbare Einwegverpackungen und bessere politische Rahmenbedingungen gehören dazu. Verpackungskosten dürfen nicht dort hängen bleiben, wo Menschen die geringsten Möglichkeiten haben, sie zu tragen.

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  • Die Autorin ist Ethnologin und ehemalige Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V.

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