1 | 2026, Foto-Stories, Philippinen,
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Bedrohtes kulturelles Erbe

Philippinen, Fischer, Fotostory

Die Identität der Sama ist eng mit dem Meer verbunden. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

Philippinen: Die Menschen von Samal leben im Spannungsfeld zwischen kultureller Eigenständigkeit und touristischer Vermarktung.

Die heutige Garden Island of Samal im Süden der Philippinen trug einst den Namen „Pu“. So nannten sie die indigenen Gemeinschaften, die die Insel seit unvordenklichen Zeiten bewohnen. Zu ihnen gehört das Volk der Sama, dessen Geschichte und Identität eng mit dem Meer verbunden sind. Trotz dieser tiefen Verwurzelung werden die Sama bis heute häufig missverstanden oder fälschlich anderen ethnischen Gruppen zugeordnet.

In der öffentlichen Wahrnehmung gelten die Sama oft als Abkömmlinge der Mandaya, Mansaka oder muslimischer Bevölkerungsgruppen. Tatsächlich finden sich im Sulu-Archipel mehrere indigene Gemeinschaften, die als Sama Bajau oder Sama Tawi-Tawi bezeichnet werden. Gemeinsam ist ihnen ein Leben in relativer Abgeschiedenheit auf kleinen Inseln oder in Küstennähe – geprägt von einem friedlichen Miteinander und einer starken maritimen Kultur.

Die Sama von Samal Island, die sich selbst als Igacos – Menschen von Samal – bezeichnen, wehren sich jedoch gegen jegliche vereinfachende Fremdbeschreibungen. Sie betonen ihre Eigenständigkeit als ethnische Gruppe mit unverwechselbaren Formen von Musik, künstlerischem Ausdruck und rituellen Traditionen. Diese kulturellen Praktiken sind Ausdruck einer Identität, die über Generationen hinweg weitergegeben wurde und wird.

Unsere Fotostory zeigt Eindrücke aus dem alltäglichen Leben aus verschiedenen Gegenden der Insel. Porträtiert werden Menschen, die sich aktiv in die Gemeinschaft einbringen und ihre Traditionen weitergeben. Dies geschieht durch Kleidung, Tänze, Rituale der Gezeiten. Es geschieht auch in Form der Pflanzenheilkunde und einem generell achtsamen Umgang mit der Natur. Da die Insel bislang nur über Schiffe erreichbar war, ist die Infrastruktur sehr ländlich geprägt. Dies erlaubt den Bewohner:innen, Land und Wasser in für sie üblicher Weise zu nutzen, zum Beispiel beim Baden oder Waschen von Wäsche im nächstgelegenen Fluss.

Doch das reiche kulturelle Erbe der Igacos ist zunehmend bedroht. Die Zuwanderung von Siedlern:innen, vor allem aus den Visayas, verändert die soziale und kulturelle Landschaft der Insel spürbar. Aktuell ist der Bau einer Brücke von der Millionenstadt Davao City nach Samal in Gange. Diese soll 2028 fertig gestellt werden und wird vermutlich mehr Tourismus auf die Insel bringen. Hinzu kommen wachsende Vorurteile gegenüber den Lumad, wie rund ein Dutzend ethnolinguistischer Gruppen in Mindanao bezeichnet werden. Viele Sama sind allein aufgrund ihrer Herkunft Diskriminierung und traumatischen Ausgrenzungen ausgesetzt.

Während Samal Island touristisch als „Garteninsel“ vermarktet wird, droht die ursprüngliche Kultur ihrer ersten Bewohner:innen langsam zu verschwinden. Die Frage ist: Wie lässt sich wirtschaftliche Entwicklung mit dem Schutz indigener Identitäten vereinbaren – bevor ein jahrhundertealtes kulturelles Wissen unwiederbringlich verloren geht?

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Malunggay gilt als alte medizinische Pflanze. Sie wird auch als Zutat in verschiedenen Gerichten, bevorzugt in Suppen, verwendet. Essbar sind die Blätter, Blüten, Früchte und Wurzeln. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Wasser für den Alltagsgebrauch, etwa zum Kochen und Wäsche waschen, erhalten die Bewohner:innen über manuell bedienbare Wasserpumpen. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Auch in ländlicher Umgebung nutzen Kinder und Jugendliche die landesweit beliebte Sportart Basketball gerne als Zeitvertreib. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

 

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Waschtag. Vielerorts waschen die Frauen die Kleidung per Hand in einem großen Bottich und im nächstgelegenen Fluss. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Die Insel Samal ist bisher nur über den Wasserweg erreichbar. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Die traditionelle Kleidung wird zu Festlichkeiten, wie Hochzeiten, Trauerfeiern oder Initiationsritualen, getragen, selten im Alltag. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Kochen mit Feuerholz in einer „dirty kitchen“, wie die Kochstellen im Freien genannt werden. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Bananenplantage auf Samal Island. Der größte Wirtschaftsfaktor auf der 300 km² großen Insel ist jedoch der Tourismus. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Bei der Kokosernte. Touristisch wird Samal Island als „Garteninsel“ vermarktet. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Die Muster der Kleidung sind angelehnt an die der Manobo, die in verschiedenen Regionen Mindanaos leben und lokal unterschiedliche Traditionen haben. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Die starke maritime Kultur wird auch im Umgang mit dem Meer und den Fischereimethoden sichtbar. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Auf der Suche nach Krabben und anderen Meeresfrüchten. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

 

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Bewohner:innen in ihrer Festkleidung, während ihre Alltagskleidung auf der Leine trocknet. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Die Älteren vermitteln Wissen, Tradition, sind moralische Autoritäten und können bei Konflikten vermitteln. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Dorfvorsteher Datu Jimenez und seine Frau zwischen Mangroven. Viele Küstenabschnitte der Insel stehen unter Naturschutz. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

 

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Die Älteren stärken den Zusammenhalt der Lumad. Sie sind das Gedächtnis der Gemeinschaft und die Hüter der Identität. © Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

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  • Die Autorin ist Ethnologin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V.

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Bedrohtes kulturelles Erbe

Philippinen: Indigene Kulturträger:innen geben über den Tanz ihr Wissen weiter und stärken so das Selbstbewusstsein ihrer Gemeinschaften.

„Wenn ich tanze, erzähle ich die Geschichte unserer Gemeinschaft“, sagt Nilda Mangilay. „Meine Schritte vermitteln meine Haltung und wer ich bin.“ Mangilay ist Mitglied der Subanen, einer indigenen Gruppe aus der Gemeinde Lapuyan in der Provinz Zamboanga del Sur im Süden der Philippinen. Die Vorfahren ihrer Großmutter väterlicherseits seien Anführer:innen gewesen, erzählt sie. Jene ihres Großvaters Heiler:innen, Balyan genannt. Als älteste Tochter erbte sie von ihrem Vater die Position als Anführerin. Darüber hinaus trägt sie den Titel „Cultural Master“, den ihr die Nationale Kommission für Kultur und Kunst (National Commission for Culture and the Arts, NCCA), verlieh. Sie unterrichtet Gesang, Tanz und Musik der Subanen, sowie Stickkunst, wie sie auf ihrer Kleidung zu sehen ist.

„Unsere traditionelle Kleidung ist sehr wichtig für uns. Wir müssen sie bewahren, denn mit ihr tragen wir auch unsere Kultur“, sagt Mangilay. Sie trägt ein rotes Kopftuch, Thorong genannt, und eine rote Bluse, Dlahu Dlibon. Die Kleidung der Subanen, die heutzutage nur zu bestimmten Anlässen getragen wird, kennt viele Farben. Jede hat eine Bedeutung: „Rot steht für Mut. Damit ist nicht nur der Kampf gemeint, sondern der Mut, jede Herausforderung im Leben zu meistern.“ Mangilay würde die Tänze der Subanen nie ohne traditionelle Kleidung durchführen und mit ihr keine anderen Tänze, sagt sie.

Mit den Wellen tanzen

Nursida Diamson Jaluddin trägt ein hellbraunes Kopftuch und eine gelbe Bluse. Die Farben gelb, grün und weiß stehen für die Sama-Dilaut. Jaluddin lebt in der Gemeinde Bongao auf Tawi-Tawi, der südlichsten Provinz der Philippinen. Das Leben der Sama und Sama-Dilaut ist eng mit dem Meer verbunden, was sich auch im Igal-Tanz zeigt. „Die Bewegungen sind an die Wellen und den Wind angelehnt. Wenn ich tanze, fliege ich wie ein Vogel, dorthin wo der Wind mich trägt.“ Igal sei für Jaluddin mehr als ein Tanz, betont sie. „Es ist mein Herzschlag, meine Seele, meine Quelle der Stärke und Identität.“ Die Bewegungen des Tanzes sind frei und fließend, ohne Anfang und ohne Ende. Es gibt kein Zählen und kein Muster. „Das macht die Schönheit von Igal aus.“

Nursida Diamson Jaluddin und Nilda Mangilay sind culture bearers, Kulturträger:innen. Sie geben ihr Wissen in ihren Gemeinschaften weiter, wollen ihre Traditionen aber auch außerhalb davon bekannt machen. „Wir zeigen der Welt, dass es uns gibt und dass wir das Recht haben unsere Kultur zu fördern und zu schützen“, sagt Nilda Mangilay. Beide arbeiten mit der philippinischen Volks- und Musikgruppe Parangal und dem künstlerischen Leiter Eric Solano in San Francisco zusammen. Das gemeinsame Gespräch fand online und über drei Zeitzonen statt.

Parangal wurde gegründet, um das philippinische Kulturerbe zu würdigen und versteht sich als Brücke zwischen den Mitgliedern der philippinischen Diaspora und ihren Wurzeln. Die Mitglieder forschen, führen Workshops durch und traten auf verschiedenen Tanzfestivals in den USA, Europa und in Japan auf „Wir verstehen uns als Medium und die Kulturträger:innen stehen im Vordergrund“, sagt Eric Solano. „Wir wollen vermitteln, dass indigene Gemeinschaften der Reichtum der Philippinen und jedes anderen Landes sind.“ Ihm gehe es auch darum, Bewusstsein für die Anliegen der indigenen Bevölkerung zu schaffen, sowie Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit zu fordern.

Lernen und verlernen

Die Künstler:innen holen für die Tänze, die sie in ihren Auftritten zeigen, das Wissen der Ältesten in den Gemeinschaften ein. „Wir lernen, wie wir sie präsentieren sollen, damit die Identität der Communities nicht verloren geht.“ Wichtig sei dabei auch zu ver-lernen, sagt Solano. „Viele von uns kennen die philippinische Volkstänze. Jetzt sind wir mehr darauf bedacht, ob die Älteren mit der Art, wie wir sie zeigen, einverstanden sind. Sie leiten uns an. Die Kultur gehört ihnen, wir leihen sie uns mit ihrer Erlaubnis.“

Die Erlaubnis einzuholen sei sehr wichtig, stimmt Nilda Mangilay zu. „Das bedeutet, dass du uns respektierst.“ Auf Einladung von Eric Solano reiste Mangilay im Jahr 2018 selbst nach San Francisco, um Studierenden und Mitgliedern der Diaspora ihre Traditionen und Tänze zu erklären. Auch in Japan war sie bereits. „Ich bin dankbar für solche Erfahrungen. Ich sah, dass alle ergriffen waren von unseren Bewegungen und Stimmen. Wir können auf unsere Kultur stolz sein.“ „Wir zeigen der ganzen Welt, wer die Sama und Sama-Dialaut sind“, ergänzt Nursida Diamson Jaluddin und lacht. „Ich bin glücklich, wenn ich meinen schönen Tanz teilen kann. So kann ich mein Erbe, die Seele meiner Vorfahren, die Wichtigkeit und Schönheit der Sama und Sama-Dilaut ausdrücken.“

Nicht immer gingen die beiden so selbstbewusst mit ihrer Kultur um. Anfangs war Nilda Mangilay außerhalb ihrer Gemeinschaft unsicher: „Aber ich sagte mir, ich habe keinen Grund mich zu schämen, denn Tanz ist ein Teil meines Lebens. Ich erzähle damit unsere Geschichte, meine eigene, die meiner Eltern und Großeltern.“

Mit dem Herzen tanzen

Jaluddin verdankt dem Tanzen, dass sie ihr Studium an der Mindanao State University in Tawi-Tawi beenden konnte. Mehrmals hatte sie ihre Bildungslaufbahn unterbrechen müssen, weil sich ihre alleinerziehende Mutter das Schulgeld nicht leisten konnte. Statt zur Schule zu gehen arbeitete Jaluddin immer wieder auf der Algenfarm oder sammelte Holz, um es zu verkaufen. An der Universität wurde sie Mitglied einer Tanzgruppe und bekam dadurch ein Stipendium. Mittlerweile habe sich der Zugang zu Bildung für die Sama-Dilaut verbessert. Immer mehr erhalten Stipendien, erklärt Jaluddin, die vor allem junge Menschen ermutigen möchte ihre Kultur zu zeigen und zu schützen. Sie unterrichtet rund dreißig Schüler:innen, die zwischen sieben und zwölf Jahre alt sind. Die neue Generation müsse trotz digitaler Innovationen und Social Media die Authentizität von Igal bewahren, betont sie. Was sie ihren Schüler:innen noch vermitteln will: „Tanze mit deinem Herzen, nicht für das Publikum.“

Nilda Mangilay unterrichtet an den Schools of Living Tradition, Bildungszentren der NCCA, in denen indigene Kunst und Traditionen gelehrt werden. Was sie ihren Schüler:innen vermittelt: immer respektvoll zu sein und die eigene Sprache nicht zu vergessen. „Nicht alle Subanen-Kinder kennen ihre Muttersprache“, bedauert sie. „Wenn ich Gesang unterrichte, muss ich den Text auf Tagalog, Visayan oder Englisch übersetzen, damit die Kinder ihn verstehen.“ Das Wissen und die Praktiken ihrer Gemeinschaft erwarb Mangilay, indem sie die Älteren beobachtete und zuhörte: „Ich lernte mit meinen Ohren, meinem Verstand und meinem Herzen.“ Heute gehört sie selbst zu den Ältesten. Kein Konflikt und kein Problem werden gelöst, ohne, dass ihr Rat eingeholt wird.

Was Eric Solano durch seine Zusammenarbeit mit den culture bearers gelernt hat: „Dass unsere Kultur unendlich reich ist. Es braucht mehr als ein Leben, um über die Diversität in den Philippinen zu lernen.“ Er möchte auch andere Künstler:innen und Organisationen in der Diaspora dazu inspirieren sich mit indigenen Älteren zu vernetzen und selbst zu erfahren, wie sie die Gemeinschaften stärken und unterstützen können. „Auf diese Weise fördern wir auch unsere eigene philippinische Identität.“

 

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  • Die Autorin ist Ethnologin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V.

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