1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Regierungsprogramm zur Entwicklungspolitik © Monika Schlicher

Regierungsprogramm zur Entwicklungspolitik © Monika Schlicher

Die Wirtschaft von Timor-Leste ist geprägt von Ressourcenausbeutung und Infrastruktur-Großprojekten. Die Einnahmen fließen in die Taschen der Eliten.

 

Timor-Leste ist trotz reicher Öl- und Gasvorkommen eines der ärmsten Länder der Welt. 90 Prozent der staatlichen Einnahmen kommen aus der Erdöl- und Gasförderung. Andere Wirtschaftszweige sind kaum aufgebaut. Ihr Beitrag von ca. einem Viertel des Bruttoinlandsproduktes speist sich vor allem aus öffentlichen Ausgaben für Infrastrukturmaßnahmen, Verwaltung und Beschaffungswesen.

Das einzige weitere nennenswerte Exportgut Timor-Lestes ist Kaffee, der aufgrund des globalen Marktes jedoch ständigen Preisschwankungen ausgesetzt ist. Die Regierung sucht nach Möglichkeiten, die wirtschaftliche Diversität abseits des Ölsektors zu fördern, z. B. den Tourismussektor. Noch ist das internationale Interesse an Timor-Leste als Reiseziel jedoch gering.

Einnahmen aus Öl- und Gasfonds kommen Armen nicht zugute

Landarbeiterin in Timor-Leste © UN, Foto:  Martine Perret

Zur Verwaltung der Öl- und Gaseinnahmen richtete Timor-Leste kurz nach Erlangung seiner Unabhängigkeit von Indonesien 2002 einen Fond ein. Wie man mit den Erträgen umgehen soll, war von Anfang an umstritten: Sollten die Einkünfte für die Zukunft angelegt oder in aktuelle entwicklungsbedürftige Bereiche wie Bildung und Gesundheit, Ausbildung von Fachkräften etc. investiert werden? Obwohl also gesetzlich vorgeschrieben war, die Gewinne in den Fond einzuzahlen, konnte bis heute die Armut im Land mit diesen Einnahmen kaum gemildert werden.

Die Weltbank empfiehlt, dass das Land „seine Wirtschafts- und Einkommensquellen diversifiziert, die Qualität des Bildungs- und Gesundheitswesens erhöht und die Bevölkerung mit nützlichen Qualifikationen ausstattet.“ Dazu müsste eine Strategie verfolgt werden, zeitnah eine große Anzahl an Arbeitsplätzen zu schaffen. Die Berufsausbildung sollte den Absolventen dann einen leichten Einstieg in die produzierenden Gewerbe des Landes ermöglichen.

Im Einklang mit dem Strategischen Entwicklungsplan der Regierung für 2011 bis 2030 wurde der Großteil der staatlichen Mittel bisher für Infrastrukturmaßnahmen wie den Ausbau von Straßen, Brücken, den Flughäfen, Häfen, Elektrizitätsnetz verwendet. Die Maßnahmen sollen dazu dienen, die ländlichen Regionen mit städtischen Zentren zu verbinden und den Zugang zu Schulen, Gesundheitsdiensten, Märkten und damit auch zu Beschäftigung zu verbessern.

Seit die Partei CNRT 2007 Regierung übernahm, war das Argument, intensiv in die Infrastruktur investieren zu müssen, die Rechtfertigung dafür, Mittel aus dem Fond zu nehmen. 2016 schlug der damalige Premierminister Rui Araujo in seiner Rede zum Haushalt 2017 vor, den Fond über ein nachhaltiges Maß hinaus zu belasten. Einerseits werde zwar so die zukünftige Rendite des Fonds gesenkt, andererseits könne aber durch die Investition mittel- und langfristig höhere soziale, wirtschaftliche und finanzielle Erträge erzielt werden.

Schwache Anti-Korruptionsbehörde

Die Gefahr, dass dabei korruptionsanfällige Arbeitsprozesse entstehen, ist hoch. Geeignete Kontrollmechanismen und das dementsprechendes Personalwesen müssen sich erst noch entwickeln. 2009 wurde eine Anti-Korruptionsbehörde ins Leben gerufen. Doch im Parlament steht die Verabschiedung eines Anti-Korruptionsgesetzes noch aus.

Einmal jährlich berechnet das Finanzministerium das geschätzte nachhaltige Einkommen des Staates. Dieser Maßstab gibt an, wie viel Geld aus dem Erdölfond zur Finanzierung des Staatshaushalts abgeschöpft werden soll. Von 2008 bis 2012 sowie 2014 bis 2018 wurde diese Grenze jährlich überschritten. Diese Budgetüberschreitung hat die Bilanz des Fonds und dessen zukünftige Investmenteinnahmen (langfristig) gesenkt.

Zwei der kapitalintensivsten Projekte der Regierung befinden sich in abgelegenen Regionen und stehen unter starker Kritik. An erster Stelle steht das Tasi Mane Projekt, an der Südküste der Insel. Das Projekt basiert auf Plänen für eine zukünftige Erdölindustrie und sieht den Bau einer Raffinerie, eines Flüssiggaskraftwerkes, einer 156 km langen Straße und einer Ölpipeline vor. Ein Flughafen in Suai ist bereits gebaut. Kritikern zufolge wird dieses Megaprojekt Timor-Lestes Abhängigkeit von Öl und Gas nur weiter vorantreiben. Ein weiteres Großprojekt ist eine Sonderwirtschaftszone in Oecussi, einer osttimoresischen Enklave im indonesischen Westtimor. Diese geographisch isolierte Region soll zu einem Handels- und Tourismuszentrum ausgebaut werden. In Timor-Leste befürchten viele, dass dieses Vorhaben der lokalen Bevölkerung nicht zu Gute kommen wird, da es für die anliegenden Tätigkeiten kaum qualifiziertes Personal gibt.

Politiker und Unternehmer profitieren von Großprojekten

Wer profitiert von dieser Form des Tourismus? © Monika Schlicher

Die Projekte selbst sind berechtigterweise umstritten, denn wer von ihnen profitiert ist offensichtlich. Sie ermöglichen es vor allem Politiker*innen und regierungsnahen Unternehmen, sich daran zu bereichern. Nach 10 Jahren können wir deutlich die weit auseinander klaffende Wohlstandsschere in Timor-Leste ausmachen. Und innerhalb einer Dekade hat Timor-Leste eine eigene, sich auf politische und familiäre Beziehungen stützende Elite hervorgebracht, welche sich in zwei politische Lager aufteilen lässt. Im Zentrum dieser stehen Xanana Gusmão und Mari Alkatiri. Sie gelten als die Gründerväter des Landes. Alkatiri initiierte die Unabhängigkeitsbewegung mit seiner FRETILIN Partei und Gusmão führte das Land seit den 1980ern bis zum Referendum. Gusmão wurde auch kürzlich als Verteidiger der Souveränität Timor-Lestes bezeichnet, da er die maritimen Grenzverhandlungen mit Australien entscheiden konnte. Beiden Männern wird jedoch Korruption und Nepotismus unterstellt.

Gusmão soll dafür gesorgt haben, dass mit CNRT verbundene Unternehmen bei der Vergabe von Projekten bevorzugt wurden. Sowohl sein Neffe Nilton als auch seine Tochter Zenilda sind involviert. Nilton Gusmão besitzt seit 15 Jahren das Ölunternehmens ETO, das kein Eigenkapital ausgewiesen hat. ETO ist einer der wichtigsten Öllieferanten für die Regierung und für das mit Schweröl befeuerte Elektrizitätswerk in Hera. Nilton Gusmão besitzt zudem einen eigenen Fernsehsender mit der Lizenz, die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 zu übertragen. Er gründete die erste timoresische Fußballliga „Liga Futeball Amadora“, die von der Elite der Hauptstadt Dili gefördert wird. Darüber hinaus steht er als Käufer der Timor Telecom im Gespräch.

Zenilda Gusmão wurde beschuldigt, geheime Absprachen getroffen zu haben, um Reis mit Hilfe von staatlichen Subventionen zu importieren. Vor kurzem kam es außerdem zu Festnahmen in einem ihrer Bauunternehmen, da die 7. konstitutionelle Regierung unter Mari Alkatiri eine Nulltoleranzpolitik gegen Korruption ins Leben gerufen hatte. Die Firma wurde ins Visier genommen, nachdem das Parlament das Programm und den Haushaltsplan der Regierung nicht verabschiedet hat und die Regierung damit vor dem Aus stand. Bis heute gibt es keine weiteren Informationen über das Verfahren, es scheint im Sand zu verlaufen.

Mari Alkatiri wird zeitgleich beschuldigt bei Verhandlungen mit Australien im Jahr 2002 über das Konto seines Bruders Ahmed Alkatiri Bestechungsgelder von dem Energiekonzern ConocoPhilips erhalten zu haben. Selbst unter der von der CNRT geführten Regierung erhielt Mari Alkatiri einen großen Anteil vom „Kuchen“ der Infrastrukturprojekte. Ihm wurde die Leitung von ZEEMS, der Sonderwirtschaftszone in Oecussi, zuteil. Seine Tochter zog jüngst ins Parlament ein. Sie ist ebenfalls in die Ölversorgung sowie verschiedene Bauprojekte in Oecussi involviert.

Neue Hoffnung durch neue Partei?

Dörfliches Leben an der Grenze zu Indonesien © UN, Foto: Martine Perret

Keine der großen Parteien, die bei der vorgezogenen Wahl am 12. Mai 2018 antraten, wird die Armutsbekämpfung im Land drastisch verbessern. Die FRETILIN hätte unter Alkatiris strikt reglementierter Führung die Elite noch exklusiver gefördert. Auch Xanana Gusmão und die CNRT werden die Ausbreitung der Korruption im Land nicht unterbinden. Ein wenig Hoffnung auf Veränderung bietet die neue Partei PLP um Expräsidenten Taur Matan Ruak mit seinem überwiegend jungen Team.

Bereits vor dem Wahlkampf gab es zahlreiche politisch motivierte Eingriffe in die Wirtschaft. So hatte z.B. der Umweltminister die Arbeit auf Baustellen im Infrastrukturbereich einstellen lassen, weil diese angeblich nicht mit geltendem Umweltrecht übereinstimmen. Die involvierten Firmen gelten als finanzielle Unterstützer des CNRT. Allerdings hatten parteiassoziierte Baufirmen bereits vor dem offiziellen Wahlkampfbeginn begonnen, unter dem Deckmantel sozialer Verantwortung Straßen und ähnliches kostenfrei zu reparieren. Eine Geste, deren politische Motivation offensichtlich ist. Es gibt einige wenige Firmen die in sehr geringem Umfang versuchen, für den gesellschaftlichen Nutzen zu arbeiten. Diesen Unternehmen fällt es allerdings schwer, wettbewerbsfähig zu bleiben auf einem Markt, in dem die meisten Unternehmer mit mächtigen Politikern in direktem Kontakt stehen.

In diesem politisiertem Umfeld wird wirtschaftlicher Fortschritt gedämpft. Viele Menschen in Timor-Leste haben das Gefühl, Krise um Krise gemeistert zu haben, um sich ein geregeltes Leben aufzubauen, und nun sorgen die Konfrontationen der Eliten erneut für politische Instabilität. Die Aussicht der Bevölkerung auf eine steigende Lebensqualität nimmt ab. Seit einem Jahr stagniert die Wirtschaft. Eine Besserung ist auch in diesem Jahr nicht zu erwarten. Die Regierungsbildung nach der Wahl im Mai 2018 wird noch dauern, denn Präsident Guterres lehnte die Ernennung von elf Ministern und Vizeministern wegen Korruptionsverdacht ab.

Die prekäre Wirtschaftslage und das Überstrapazieren des Ölfonds sind Herausforderung, vor denen die neue Regierung steht. Eine Abkehr von der Ausgabenüberlastung des Fonds ist nicht in Sicht, gleichfalls hält man daran fest, Flüssiggastechnologie nach Timor zu bringen. So würde sich der Kreis schließen und dieselben Eliten würden erneut von den staatlichen Infrastrukturprojekten profitieren während der Rest der Bevölkerung leer ausgeht.

Ungleichmäßigen Vermögensverteilung

In der osttimoresischen Öffentlichkeit wird viel über den Reichtum Einzelner, die Verbindungen zu Regierungsparteien haben, gesprochen. Es gibt allerdings keine wissenschaftlich erhobenen Daten dazu. Die meisten Debatten beruhen auf Beobachtungen. Aufgrund der engen kulturellen und familiären Beziehungen ist die Bevölkerung Timor-Lestes sehr gut vernetzt. Leicht kann in Erfahrung gebracht werden wem etwas gehört und wie es beschafft wurde. In der politischen Debatte rückte der Fokus jedoch auffällig selten auf das Thema der ungleichmäßigen Vermögensverteilung. Auf Ebene der Zivilgesellschaft ist es schon eher ein Thema, aber nur selten werden die Ursachen oder gar ihre Bekämpfung in den Fokus gerückt. Dies liegt auch an dem geringen Vertrauen in das Justizwesen. Viele Verfahren, die mit Personen der Führungsriege in Verbindung stehen, wurden vorzeitig eingestellt.

Unser Kampf um Unabhängigkeit muss auch dafür sorgen, dass soziale Gerechtigkeit im Zentrum unserer Gesellschaft steht. Das Bildungs- und Gesundheitswesen ist zu verbessern. Die Regierung muss einen Weg finden, der den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft, wie den Alten, den Menschen mit Behinderung und den Opfern der vergangenen Krisen sowie aktueller Naturkatastrophen die notwendige Unterstützung zukommen lässt. Die Menschen erwarten von der neuen Regierung, dass ihre Grundbedürfnisse gesichert sind und gleichzeitig ein nachhaltiges Fundament für die Zukunft geschaffen wird

Übersetzung aus dem Englischen von: Rafael Klabisch.

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1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Interview mit Kiera Zen, studierter Landwirt und Gründer des Sozialen Marktforschungsinstituts „Insight“ in Dili. Seit 2007 unterstützt er eine Bauerngemeinschaft in Maliana, um den biologischen Anbau von Reis und Gemüse zu fördern. Dazu gehört auch die Beratung für das Marketing der Produkte.

 

In den ländlichen Regionen schlägt das Herz von Timor-Leste. 70% der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig, die vorwiegend als Bedarfswirtschaft betrieben wird. Die Förderung der ländlichen Entwicklung ist eine Priorität, doch dem gegenüber steht die Politik der Regierung billigere Nahrungsmittel zu importieren. Gibt es in Timor-Leste inzwischen eine Hinwendung zu mehr lokalen Produkten und ein wachsendes Bewusstsein für ökologischen Landbau?

Kiera Zen: In der Tat. Seit einiger Zeit finden lokale Produkte besseren Absatz. Sie kommen aus fast allen Distrikten und sind auf den Märkten und in den Geschäften der Hauptstadt erhältlich. Die Zahl der Menschen, die lokale Produkte wertschätzen und konsumieren, wächst.  Das ist sehr wichtig, denn es ist ein Ausdruck einer Identität stiftenden Verbundenheit mit dem Land. Aber der ökologische Landbau ist immer noch im Irgendwo. Es gibt eine Bewegung, aber sie ist noch sehr klein. Permatil, das von Ego Lemos [Umweltaktivist und der Bob Dylan von Timor-Leste] ins Leben gerufene Permakultur-Zentrum, engagiert sich für umwelt- und sozialverträgliche Landwirtschaft. Zur Sensibilisierung für diese damit verbundenen Anliegen, geht er in Schulen und arbeitet mit den Kindern in Schulgärten. Auch unsere Umweltorganisation Haburas wirkt in diese Richtung.

Wie arbeitet Haburas?

Haburas arbeitet zu Landrechten, ökonomischer Gerechtigkeit, ökologischer Landwirtschaft und Bio-Anbau. Sie sind aktiv in Maubisse, Maliana und in Aileu. Doch ist ihre Arbeit projektbasiert, was bedeutet, dass sie aufgrund der Förderpolitik der Geldgeber zeitlich begrenzt bleibt. Sie arbeiten mit kleineren Gruppen von Bauern in den Gemeinden, doch mit Beendigung der Projekte lösen sich diese wieder auf, bevor die Eigeninitiative ausreichend gestärkt werden und der Funke in die Gemeinde überspringen konnte. So ist zwar das Bewusstsein für den Konsum lokaler Produkte und speziell auch für biologisch angebaute gewachsen, aber es ist noch kein ganzheitlicher Ansatz daraus entstanden. Generell geht die Landwirtschaft noch immer in eine andere Richtung. Viele regionale Erzeugnisse, die angeboten werden, kommen nach wie vor aus dem konventionellen Anbau mit chemischem Dünger.

Welche Art der Landwirtschaft bevorzugt die Regierung? Was ist deren Politik und unterstützt die Regierung den ökologischen Landbau?

Zu biologischem Anbau sagt die Regierung nicht grundsätzlich nein, aber die Förderung hält sich sehr in Grenzen. Sie investiert viel in die Mechanisierung der Landwirtschaft, z.B. den Einsatz von modernen technischen Geräten und Traktoren. Für die Bauern heißt dies, spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben, um die Gerätschaften zu nutzen und auch mit den Anwendungen umzugehen. Unterstützung erhält die Regierung bei dem o.g. Ansatz durch die Entwicklungszusammenarbeit mit Deutschland, Thailand, Japan und auch China. Die Strategie der Regierung zielt auf den Export.

Wohingegen es uns in der Landwirtschaft darum geht, selbst ausreichend und gut versorgt zu sein. Wir sind weit davon entfernt, von einem industriellen Anbau in Timor-Leste zu sprechen. Die Regierung fördert den Reisanbau ein wenig hier und da. Aufgrund der günstigeren Reisimporte aus Thailand und Pakistan, findet der heimische Reis schwieriger Absatz. 2017 kaufte die Regierung den lokalen Reis auf, der zu großen Teilen verrottete. Sie hatten nicht sichergestellt, dass der Reis trocken genug für die Lagerung war, es gab keinen Kontrollmechanismus, der die Qualität garantierte, zudem wurde viel gestohlen. Dieses Jahr kauft die Regierung keinen Reis mehr auf.

Wie konkurrenzfähig ist der lokale Reis gegenüber dem importierten?

Die lokalen Produkte sind auf jeden Fall teurer. Der hohe Preis für Erzeugnisse aus biologischem Anbau ist etwas, womit wir seit Anbeginn zu kämpfen haben. Erst verlangten die Bauern für 25 Kilo 28 US-Dollar. Wir diskutierten fast zwei Jahre, um eine neue Kalkulation möglich zu machen und langsam den Preis zu senken. Jetzt verkaufen sie 25 Kilo hochqualitativen Bio-Reis für 20 USD. Die Bauern greifen aber dennoch lieber wieder auf chemischen Dünger zurück, um mehr Erträge zu bekommen. Doch der importierte Reis bleibt günstiger, für die gleiche Menge Reis zahlt man 13 oder 14 Dollar. Gleichzeitig ist dieser aber auch weniger wertvoll, da er zu 15% gebrochen ist. Die Umstellung auf biologischen Anbau braucht noch sehr viel Zeit.

Die Bevölkerung kann sich lokale Produkte also offenbar so schon kaum leisten. Wie lässt sich biologischer Anbau forcieren, wenn der Preis lokaler biologischer Erzeugnisse noch höher als der konventioneller ist?

Es bedarf einer umfassenden Marktanalyse. Hierzu wäre eine Studie hilfreich, um eine korrekte Kalkulation für einen angemessenen und gleichzeitig erschwinglichen Preis vornehmen zu können. An der Frage, wie wir diesen Kurs ändern können, arbeiten wir derzeit. Von Einfluss dabei ist nicht nur das Produkt selbst, sondern vor allem die Einstellung in Timor-Leste zum Wirtschaften: Die Timoresen sind in erster Linie Subsistenzbauern, d.h. Selbstversorger und denken wenig kundenorientiert. Zudem sind sie durch die gewaltvolle Geschichte von Fremdherrschaft und  Widerstand, die bestimmt war von Unsicherheit und Verlust, geprägt.

Dies führte zu einer Haltung, von der Hand in den Mund zu leben. Wir Timoresen machen uns Gedanken, was wir morgen essen und nicht darüber, was in drei, vier Monaten kommt. Das ist auch der Grund, warum wir mit Schwierigkeiten im Planen konfrontiert sind. Ebenso ist es die Antwort darauf, warum die meisten Timoresen den nationalen Entwicklungsplan der Regierung kaum verstehen. Wie kannst du darüber nachdenken, was in 20 Jahren geschehen soll, wenn selbst fünf Jahre schon zu weit voraus sind? Dieses Denken ist kulturell bedingt, es ist unser Erbe. Das Traumgeschäft für uns wäre, immer und heute den höchstmöglichen Preis zu erzielen. Marktwirtschaftliche Gesetze werden dabei allerdings nicht in Betracht gezogen.

Diese Mentalität begegnet uns sehr häufig und müsste sich ändern. Aber es ist nicht einfach, die Menschen dahingehend zu begleiten. Wir versuchen daher aufzuzeigen, was es bedeutet, zu investieren. Manchmal kann man sich glücklich schätzen, wenn man schon ein Jahr nach der Investition Gewinne erzielt. Investieren, Anlegen, Rentabilität sind keine Begriffe, die wirklich verstanden werden. Aber in den zahlreichen Gesprächen und Versammlungen bewegt sich etwas. Die Bauern werden offener und machen sich ihre Gedanken, wie sie langfristig investieren, auch in die Zukunft ihrer Kinder. Und die kleine Gemeinschaft dieser Bio-Bauern versucht, auch in ihren Gemeinden ihre Ideen weiterzugeben.

Dazu haben wir ein Café eingerichtet – ein Treffpunkt für die Bauern, bevor sie nach Hause gehen, wo sie sich austauschen über ihre Erfahrungen und ihre täglichen Anstrengungen. Für die jungen Leute gibt es Internetzugang. Nach inzwischen drei Jahren bewegt sich etwas in den Einstellungen, im Verhalten.

Wie kam es, dass die Kooperative, die ihr unterstützt, biologisch anbaut?

Wir haben mit einer kleinen Gruppe von Familien in Maliana angefangen, aber auf lange Sicht soll sich die Gruppe in der Gemeinde verankern und selbst führen. Sie wird Kooperative genannt, aber die Struktur dafür ist noch nicht wirklich gegeben. Letztlich ist es eine Gruppe von Bauern, die Reis und Gemüse biologisch anbaut. Wir etablierten zusätzlich eine Internet Plattform nur für biologisch angebaute Produkte, durch die sie nun ihre Waren anbieten und verkaufen können. Diese beinhaltet auch ein System, durch das die Bauern aufnehmen und erfassen können, wie groß ihre Gewinnspanne ist. Unterstützung erhielt die Gruppe auch von einem fachlichen Berater, der mit USAID und GIZ zusammenarbeitet. Er legte großen Wert darauf, dass die Marktplattform von Bauern selbst aufgebaut wurde. So ist sie auch kein Projekt, das nach Beendigung der Unterstützung wieder in sich zusammenfallen kann.

Was motiviert die Bauern, von konventionellem Anbau auf biologischen umzustellen?

Ausschlaggebend für die Umstellung auf biologischen Anbau das Verstehen der Wirkung auf ihr Leben, den Boden und das Land. Dazu brauchen sie aber Beispiele, die ihnen konkret zeigen und erlebbar machen, dass dies wirklich durchführbar ist. Mit der Umstellung auf biologischen Anbau sinkt zunächst der Ertrag und dieser baut sich erst langsam wieder auf. Es entsteht eine Lücke, die es zu überbrücken gilt. Natürlich ist es nicht einfach, die Bauern davon zu überzeugen, sich dieser Herausforderung zu stellen. Wir vermitteln, dass sich die Umstellung für die Zukunft dennoch lohnt. Sie können die Konsequenzen für ein besseres Leben, für ihre Kinder, für die Erde, die Familien tragen. Diejenigen, die die Bereitschaft zeigen und den Mut haben, mit dem biologischen Anbau zu beginnen, werden von uns unterstützt.

Gibt es Beispiele, dass sich die Lebenssituation der Bauern durch biologischen Landbau verbessert hat?

Für die wenigen, die diesen Schritt gewagt haben, ist eine sichtbare Verbesserung eingetreten. Bauern in Maubisse z.B. verkaufen ihre biologischen Produkte teurer und machen dadurch einen größeren Gewinn. Die Kinder gehen auf eine bessere Schule, sie investieren in ihre Haushalte für mehr Lebensqualität. Wenn man auf dem lokalen Markt einkaufen geht, bekommen die Leute auch erklärt, warum biologische Produkte gut sind, und wenn sie es verstehen, dann kaufen sie diese auch und zahlen dafür auch einen höheren Preis.

Umgekehrt haben wir kürzlich eine interessante Erfahrung mit einer Frau gemacht, die unsere Produkte auf dem Markt verkauft. Sie ist eine Wiederverkäuferin, die ihren Weg zu uns gefunden hat. Sie kauft unsere Produkte ein, bietet aber auch Produkte an, die nicht biologisch angebaut sind. Innerhalb von einer Woche hat sie die klassisch angebauten Produkte verkauft, unsere waren noch da. Es lag an der Art, wie sie den Reis angeboten hat. Tatsächlich kannte sie nur das konventionell Produzierte und wusste das biologisch Angebaute nicht zu präsentieren.

Aber wie gesagt, manchmal fehlt den Menschen der Geschäftssinn, dann werden für lokale Produkte völlig utopische Beträge verlangt, mit dem Risiko, die Ware nicht zu verkaufen. Haben sie die Ware verkauft, dann warten sie, bis das Geld aufgebraucht ist und bieten erst dann wieder die nächsten Produkte an. Die traditionelle Angewohnheit, mit den Erzeugnissen durch die Stadt zu laufen und zufällig Käufer zu finden, führt in der heutigen Zeit zu einem spärlichen Erfolg. Diese Verhaltensweisen schaffen kein kontinuierliches Einkommen. Wir verurteilen niemanden und sehen es als unsere Aufgabe an, das nötige Wissen über Geschäft und Handel zu vermitteln.

Zusammenfassend kann man sagen: Es gibt ein wachsendes ökologisches Bewusstsein, bei den Bauern wie auch innerhalb der Käuferschicht. Doch es steckt noch in den Kinderschuhen.

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1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Timor-Leste: Der Gebrauch von Einweg-Kunststoffprodukten soll künftig verboten werden. Bis 2030 möchte die sich entwickelnde Inselnation alle Kunststoffabfälle recyceln. Entsprechende Gesetzesentwürfe und Vereinbarungen hat der Staatssekretär für Umwelt des Landes, Demétrio do Amaral de Carvalho, jüngst auf den Weg gebracht.

„Wir wissen, dass Plastik ein großes Problem für die Umwelt ist. Wenn wir uns einig sind, dass unser Ozean unser Vermächtnis ist, dann liegt es in unseren Händen, den zukünftigen Generationen einen gesunden und produktiven Ozean zu hinterlassen“, betonte der Staatssekretär für Umwelt, Demétrio do Amaral de Carvalho, im Herbst 2018 auf der Our Ocean Conference (OOC2018) in Bali/Indonesien.

Wechsel in die Politik

Der frühere Direktor der Umweltorganisation HABURAS, ausgezeichnet mit dem Goldman Environmental Prize, war 2017 in die Politik gewechselt. Er ist Mitglied der Partidu Libertasaun Popular (PLP). Die von Taur Matan Ruak (Präsident von Timor-Leste 2012 – 2017) geführte Partei nahm erstmals bei den Parlamentswahlen 2017 teil und erreichte passable 10,58% der Stimmen. Zu den vorgezogenen Neuwahlen 2018 trat sie mit den Parteien CNRT und Khunto im Bündnis Aliança para Mudança e Progresso (AMP) an. Das Bündnis erreichte die absolute Mehrheit im Parlament und löste die von der FRETILIN und Partidu Demokratiku gebildete Minderheitsregierung ab. Nach fast einjährigem politischem Stillstand wurde Taur Matan Ruak im Juni 2018 als Premierminister vereidigt.

Im Wahlkampf prangerte die PLP die um sich greifende Korruption an. Auch setzte sie weniger auf Großprojekte zur Entwicklung des Landes als ihre politischen Gegenspieler. In der PLP finden sich auffallend viele, auch jüngere, Persönlichkeiten, die sich bislang aus politischen Ämtern fern gehalten hatten. In den von der „Generation 1975“ (Politiker*innen und Widerstandskämpfer*innen der ersten Stunde) geführten Parteien sahen sie keinen Platz für sich.

Demétrio do Amaral de Carvalho hat sich Besonderes vorgenommen: er möchte eine ‚Null Plastik Politik‘ einführen und das Land zur ersten plastik-neutralen Nation der Welt machen. Timor-Leste stehe vor großen Entwicklungsherausforderungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Armut. Doch das Land habe auch die Gefahr der Plastikbelastung erkannt und müsse sie angehen.

Wachsende Müllberge

„Allein in Dili (der Hauptstadt) wächst die tägliche Abfallproduktion von 190 Tonnen im Jahr 2015 auf 200 Tonnen 2018. Wenn wir diesen Trend fortsetzen, werden wir bis 2030 im ganzen Land täglich 400 Tonnen Abfall produzieren“, prognostiziert de Carvalho. Aktuell machen Kunststoffabfälle 20 Prozent des gesamten Abfalls aus. Auf das ganze Land gesehen erzeugt Timor-Leste täglich etwa 70 Tonnen Kunststoffabfälle, die größtenteils an Stränden und in städtischen Gebieten gesammelt und im Freien verbrannt werden. Und nicht wenige Kunststoffabfälle finden ihren Weg ins Meer.

Timor-Leste selbst produziert keinen Kunststoff. Die Geschäfte aber sind voll mit Produkten aus Plastik und solchen, die in Plastik verpackt sind. Mit dem Wiederaufbau des Landes nach dem Votum für die Unabhängigkeit 1999 und der damit einhergehenden wirtschaftlichen Entwicklung sind die Importe enorm gestiegen. Täglich werden Tonnen von Einweg-Wasserflaschen verkauft. Selbstverständlich sind alle Einkäufe in Einweg-Plastiktüten verpackt.

Hinzu kommen eine mangelnde Umweltbildung bei der Bevölkerung und ihr daraus folgender leichtfertiger Umgang mit Müll. Zwar stehen in Dili an öffentlichen Plätzen und in den Stadtvierteln gemauerte, offene Abfallsammelstellen bereit. Doch davon gibt es viel zu wenige. So verteilt sich rund um die Sammelstellen häufig der Müll. Er wird zu Timors einziger Müllkippe in Tibar, nahe der Hauptstadt Dili, gebracht und dort verbrannt. Mülltrennung gibt es nicht. Noch immer entsorgen viele Haushalte, aber auch Restaurants und Ladenbesitzer ihren Müll vor der Haustür oder werfen ihn in Bewässerungskanäle. In der Regenzeit wird der Müll dann ins Meer hinaus geschwemmt. Müllbrigaden sammeln zwar den Müll und räumen Strände, Straßen und Viertel, doch die derzeitige Abfallentsorgungswirtschaft kann den Anforderungen nicht ausreichend nachkommen.

Wachsendes Engagement

Mehr und mehr zivilgesellschaftliche Initiativen engagieren sich beim Säubern der Strände und in der Bildungsarbeit. So haben z.B. die Studierenden des Ajuda atu Estuda Stipendien-Programms, das durch die Stiftung Asienhaus unterstützt wird, eine öffentliche Umweltschutzaktion durchgeführt. Unter dem Motto: „Gemeinsam säubern wir unsere Küste – Eine sauberer Umwelt schützt unser Leben!“ befreiten sie Strandabschnitte vom Müll. „Wir hoffen, dass durch unsere kleine Aktion, das Bewusstsein für den Umweltschutz bei anderen Timores*innen wächst und den lokalen Behörden gestärkt wird“, betont Adilson da Costa, Koordinator des AAE Stipendienprogramms.

Damit die Gesellschaft bei der Entsorgung ihrer Abfälle mehr Sorgfalt walten lässt, möchte der Staatssekretär Demétrio do Amaral de Carvalho die Verordnung von 2008 über den Umweltschutz und die Abfallwirtschaft gezielter umsetzen. Dazu sollen in der Hauptstadt Kontrollen durchgeführt und Geldbußen für illegale Müllentsorgung verhängt werden.

Um die Menge an Plastik im Müll zu reduzieren, hat de Carvalho dem Ministerrat am 8. Mai 2019 eine Gesetzesverordnung über den Verkauf, die Einfuhr und die Produktion von Plastiktüten, Verpackungen und anderen Gegenständen vorgelegt. Die Verordnung setzt auf Verursacherprinzip, Wiederverwendung und Recycling.

Gesetzliche Weichenstellung

Der Gesetzesentwurf sieht eine schrittweise Umsetzung des Verbots von Einwegplastik vor. Zunächst müssen die Bedingungen geschaffen werden. Zu Anfang sollen die 500 ml Wasserflaschen im Import nicht mehr erlaubt sein und Einweg-Kunststoffe werden mit einer Sonderabgabe belegt. „In Zukunft muss jeder, der Einweg-Plastik, einschließlich Plastiktüten, importiert, eine spezielle Lizenz besitzen. Und wir werden eine Recyclingabgabe von etwa 30% auf den Wert dieser importierten Produkte erheben“, sagte Demétrio de Amaral. „Diese Maßnahme wird zumindest dazu beitragen, das Bewusstsein für die Umweltproblematik zu schärfen. Plastiktüten gehören zu den Dingen, die unsere Umwelt am meisten belasten.  Dieser Eingriff soll die Menge an Plastik im Müll reduzieren“.

Die Umstellung soll nicht nur Hand in Hand mit Maßnahmen zur Umweltbildung der Bevölkerung gehen, sondern auch die Privatwirtschaft ist konkret gefordert. „Bevor die Regierung interveniert, sollten die Unternehmen kreative Lösungen finden. Wir brauchen Verantwortlichkeit bei den Händlern. Die Regierung kann nicht für alles Lösungen anbieten“, erläutert de Carvalho gegenüber der Presse.

Unternehmen in der Pflicht

Bei den Unternehmen ist diese Botschaft angekommen. Die Kmanek-Supermarktgruppe bietet inzwischen ökologische Taschen aus Maniok an. Clarence Lim, Leiter der Kmanek-Gruppe, betont, dass dies zumindest ein Schritt seines Unternehmens zur Förderung eines besseren Umweltmanagements und ein Beitrag für die timoresische Gesellschaft sei. „Wenn ich ihnen eine Plastiktüte gebe, gebe ich ihnen etwas Giftiges, und das will ich nicht“, sagte er. Andere Supermärkte ziehen inzwischen mit. Sie setzen auf die Strategie: Müssen die umweltgerechten Taschen bezahlt werden, so gewinnen sie bei den Verbrauchern an Wert und werden mehrfach benutzt.

Bereits im September 2018 hat das Go Green Entwicklungsunternehmen Scope Asia Timor-Leste gemeinsam mit lokalen Unternehmen das Seminar ‚Weniger Kunststoff, mehr Lebensqualität’ ausgerichtet. Fachleute und engagierte Unternehmer stellten innovative Lösungsvorschläge vor. Sie diskutierten konkrete Maßnahmen wie z.B. zu ‚Maniok als ökologische Alternative’, ‚Lösungen für den Wasserverbrauch ohne Kunststoffflaschen` und ‚EcoBox für organische Abfälle, Biogas und organische Düngemittel‘. Staatssekretär de Carvalho vertrat die Regierungsseite und warb für seine ‚Zero Plastic Policy’, die eine nachhaltige Strategie für Unternehmen sei.

Erstes kunststoff-neutrales Land der Welt?

Timor-Leste sagt Plastik nicht nur beim Gebrauch und der Eindämmung von Importen den Kampf an. Sondern es möchte auch zum ersten Land der Welt werden, das alle anfallenden Kunststoffabfälle recycelt. Zum Einsatz kommen soll ein katalytischer hydrothermaler Reaktor (Cat-HTR), eine an der University of Sydney von den Professoren Thomas Maschmeyer und Len Humphreys neu entwickelte Technologie. Nach Angaben der Entwickler seien in der Anlage hocheffizient „praktisch alle Kunststoffabfälle“ zu recyceln.

Zur Vermarktung haben die beiden Forscher das Unternehmen Licella gegründet. Diese wiederum hat die Mura Technology LtD. lizenziert, die Technologie weltweit einzusetzen. Im Mai 2019 unterzeichnete die Regierung von Timor-Leste mit Mura eine Absichtserklärung zum Bau einer 40 Millionen US-Dollar teuren Anlage. Mura verzichtete dabei auf seine Lizenzgebühren. Die Regierung trägt Land und Logistik bei und betrieben werden soll die Anlage, so die Vereinbarung, von einer gemeinnützigen Organisation namens RESPECT. Geplant ist, die Anlage bereits Ende 2020 in Betrieb zu nehmen. Die Betriebskosten gehen nicht zu Lasten des Staates. Er muss aber zunächst die Mittel für den Bau der Recyclinganlage aufbringen. Mit den Gewinnen sollen Gemeindeprojekten zu Umweltschutz unterstützt werden. Und sie sollen in die Bereitstellung kostengünstiger Energie und sauberem Trinkwasser für die Bevölkerung fließen.

„Das ist eine spannende Zusammenarbeit für uns“, sagte Demetrio do Amaral de Carvalho. „Es wird einen großen Unterschied bei der Reduzierung von Kunststoffabfällen machen und den Schaden für unser geschätztes Meeresleben verringern. Timor-Leste kann auch ein Beispiel für den Rest der Welt sein.“

Bis zum Jahr 2030 möchte Timor-Leste kunststoff-neutral sein und den Anteil von Plastik im Müll auf unter 5% bringen. Demetrio de Carvalho ist zuversichtlich, dass der Ministerrat seinen Gesetzesentwurf in Kürze bewilligen wird. Auf der Sitzung am 8. Mai 2019 billigte der Rat bereits den vom Minister der Staatsverwaltung, Abílio José Caetano, vorgelegten Antrag für ein Vergabeverfahren zur Umsetzung einer Investitionsstrategie für die Bewirtschaftung fester Abfälle in Dili. Dieser sieht zur Verbesserung der städtischen Umwelt eine effiziente Abfallentsorgung mit Containern, Müllfahrzeugen und moderner Ausrüstung der Deponie Tibar vor. Zur Erreichung der ambitionierten Klima- und Umweltziele braucht es noch viele weitere Schritte und Anstrengungen von allen Seiten.

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1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Timor-Leste: Zusammen mit internationalen Gästen feierten Osttimores*innen den 20. Jahrestag des Referendums für die Unabhängigkeit und die Mission der Schutztruppe INTERFET. Unter dem Motto ‚20 Jahre in Freiheit’ würdigten sie den Weg zu Frieden, Stabilität und Demokratie. 

Am 30. August 1999 stimmten 78,5% der Bevölkerung von Timor-Leste für eine Loslösung von Indonesien. Die Osttimores*innen hatten einen hohen Preis für ihre Unabhängigkeit gezahlt. Fast 200.000 Menschen verloren während des Widerstandes gegen die Besatzung durch Indonesien 1975 – 1999 ihr Leben. Das Wüten der vom indonesischen Militär unterstützten Milizen nach dem von den Vereinten Nationen durchgeführten Referendum erschütterte die Welt. Sie töteten schätzungsweise 1.500 Menschen und vertrieben über 270.000 Menschen ins benachbarte Westtimor.

„Mehr als 80% der Infrastruktur wurde zerstört und in Trümmern zurückgelassen. Eine von Australien angeführte internationale Truppe (INTERFET) intervenierte, um die Sicherheit wiederherzustellen“ erinnert sich Mica Barreto Soares. In vielerlei Hinsicht habe die jüngste Nation Südostasiens seither positive Veränderungen vorgenommen, und in einigen Schlüsselbereichen mehr als nur bescheidene Fortschritte erzielt: Grundlagen für wichtige staatliche Institutionen sind gelegt, Voraussetzungen für Meinungsfreiheit sind geschaffen, ein Plan für die nationale Entwicklung ist aufgestellt und eine Grundversorgung ist aufgebaut worden.

Erfolge in Demokratie und Friedenskonsolidierung

Timor-Leste wird heute nicht mehr als ein fragiles Land in einer Krise wahrgenommen, wie das noch vor zehn Jahren der Fall war. Der Demokratieindex der Economist Intelligence Unit  hat Timor-Leste 2018 sogar als das demokratischste Land in Südostasien eingestuft. Die deutlichen Erfolge des Landes in Demokratie und Friedenskonsolidierung sind bemerkenswert. Und es ist unbestritten, dass noch eine ganze Menge an Arbeit zur Konsolidierung der demokratischen Entwicklung zu leisten ist: Weiterhin lehnt Präsident Guterres die Einsetzung von elf Ministern und Vizeministern wegen Korruptionsverdacht ab. Gespräche zwischen Präsident und Premierminister haben bislang zu keiner Einigung geführt.

Das schwarze Dreieck in der Flagge von Timor-Leste steht für all das ‚Schlechte und Dunkle’, das es im Land noch anzugehen und zu beenden gilt. „Wachsende Korruption und Nepotismus gehören zu diesen dunklen Seiten, die Timor-Leste in den heutigen Tagen vehement bekämpfen muss,“ mahnt João Boavida, Direktor von CEPAD, dem Centre of Studies for Peace and Development, bei einer Podiumsdiskussion gemeinsam mit der katholischen Kirche in Dili.

Die VIII. Regierung zeigt sich seit ihrem Amtsantritt im Juni 2018 schwach. Noch immer lebt ein Drittel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Hier hat es Verbesserungen gegeben: vor zehn Jahren betraf dies noch die Hälfte der Bevölkerung. Weiterhin sind viele junge Menschen arbeitslos und suchen nach Perspektiven. Die Herausforderungen liegen darin, die Abhängigkeit von Öl- und Gaseinnahmen zu mindern und wirtschaftliche Diversität zu fördern. Außerdem muss der ungleichen sozialen Entwicklung entgegengewirkt werden.

Die Kraft der Selbstbestimmung

Die einst negative Beurteilung hielt die Osttimores*innen in einem Gefühl von Bedürftigkeit. Das hat sich heute entschieden gewandelt: Mit großem Stolz blicken die Menschen auf die Entwicklung ihres Landes, für die sie mehr und mehr die Verantwortung übernommen haben. Ihr beständiger und erfolgreicher Kampf um Selbstbestimmung zeitigt Kraft und Selbstvertrauen. Wie zum Beispiel die Unterzeichnung eines neuen Vertrags über die Seegrenze mit Australien entlang der Mittellinie.

„Stolz bin ich alleine schon auf die Unabhängigkeit“, so Maria José Guterres, Direktorin der Frauenrechtsorganisation Fokupers. „Die Regierung hat in vielen Bereichen schon etliches erreicht und wir können wirklich zufrieden mit all dem sein.“ Keineswegs möchte sie damit sagen, dass schon alles erreicht ist. Vielmehr kommt hier eine veränderte Haltung gegenüber Entwicklung zum Ausdruck, wie wir sie häufig vernommen haben: Nicht mehr das Mangelerleben steht im Fokus, sondern vielmehr wird der Prozess gesehen und gewürdigt. Guterres fährt fort:

Aus dem Widerstand in die Entwicklungsprozesse

Der Widerstand in Timor-Leste war eine breite Bewegung, die von allen getragen wurde. Nach der Invasion durch das indonesische Militär im Jahr 1975 blieben einige Wenige als bewaffnete Guerillakämpfer*innen in den Bergen. Viele Zivilist*innen, die sich Indonesien aufgrund von weit verbreitetem Hunger und Krankheiten ergeben hatten, setzten ihren Widerstand fort. Sie arbeiteten in der geheimen Befreiungsbewegung.

Die Student*innen fanden ihre Identität im Kampf um ihr Land („mate ka moris – ukun rasik aan“ = übersetzt aus Tetum: „Tot oder lebendig – Selbstbestimmung“). Sie waren sogar bereit, ihr Leben für dieses Ziel hinzugeben, wie zum Beispiel beim Santa Cruz Massaker 1991. Junge Menschen spielten eine entscheidende Rolle im Widerstand. Heute gibt es ein großes Denkmal vor der Motael Kirche im Herzen der Hauptstadt Dili, das ihren Beitrag zum Unabhängigkeitskampf würdigt.

„Es gibt auch Proteste gegen die Regierung“

„Viele der jungen Aktivist*innen im Widerstand engagierten sich später im unabhängigen Timor-Leste in der NGO-Arbeit, die zum Entwicklungsprozess der Gemeinschaft beiträgt und die Nation von der Basis her aufbaut. Andere sind der Regierung beigetreten oder aktiv in Parteien. Wieder andere haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Arbeit der Regierung kritisch zu begleiten. Ebenso schauen Journalist*innen der Regierung auf die Finger. Es gibt auch Proteste gegen die Regierung“, resümiert Rui Muakandala, SJ, Direktor von Casa Produsaun Audiovisual (CPA), einer NGO, die seit 16 Jahren Einheit, Identität und Frieden in Timor-Leste durch Medienarbeit fördert.

Junge Generation fordert ihren Platz

Timor Leste ist nicht nur eine junge Nation, das Land hat auch eine sehr junge Bevölkerung: 53% der Osttimores*innen sind unter 17 Jahren alt. Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen, die den Kampf für die Unabhängigkeit nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kennt. Noch vor wenigen Jahren suchten junge Menschen ihre Identität und ihre Rolle in einer Gesellschaft, die von Held*innen und Kämpfer*innen der Vergangenheit bestimmt war. Wo blieb da Platz für sie? Heute nehmen sie sich ihren Raum mit einem neuen Selbstvertrauen.

„Ich bin ein Kind Timors. Meine Identität als Timoresin definiert sich durch meinen Beitrag, den ich für die Nation leiste. Timor-Leste gehört auch mir: Das heißt, ich bin mitverantwortlich für dieses Land und seine Entwicklung. Ich identifiziere mich mit meiner Kultur, unserem Handwerk und Traditionen. Das sind die äußeren Gegebenheiten. Aber für mich persönlich ist die Identifikation mit Timor-Leste, dass es MEIN Land ist. Ich muss dieses MEIN fühlen, und damit bin ich verantwortlich für mich in diesem Land und für das Land selbst“, erläutert uns Maria Filomena Soares Abrantes, 21 Jahre alt und Mitglied im Jugendparlament.

„Die letzten 20 Jahre waren für uns junge Menschen wie eine Suche nach uns selbst“, ergänzt Oktavianti Maria Nunes, 23 Jahre alt. „Es ist uns wichtig zu erfahren, was in der Geschichte unseres Landes wirklich passiert ist. So können wir einschätzen, was bis heute schon alles erreicht wurde. Und nur aus diesem Verständnis heraus können wir unseren Beitrag zur Entwicklung leisten.“

Umgang mit der belasteten Vergangenheit: Versöhnung und Frieden

Ihre Fragen nach der Geschichte trugen die jungen Menschen in viele Veranstaltungen rund um den 20. Jahrestag hinein. Sie drehten sich um Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden. Respekt und Anerkennung für die Beiträge der internationalen Solidaritätsbewegung wurden uns Aktiven nicht nur von den alten Weggefährten gezollt, sondern auch von der jungen Generation. Diese nutzten die Veranstaltungen ausgiebig, um in Dialog zu treten. Und zwar durchaus kritisch.

Eines dieser umstrittenen Themen ist der Umgang mit der belasteten Vergangenheit. Während manche internationale Aktivist*innen es als ein Versäumnis ansehen, dass Timor-Leste nicht auf die Strafverfolgung für die Generäle aus Indonesien gepocht hat, brachten junge Menschen einen anderen Blickwinkel ein. „Ich bewundere unsere politische Führung dafür, dass sie 1999 sogleich in einen Aussöhnungsprozess mit Indonesien getreten ist“, betont Matheus dos Santos, der aktiv im Jugendrat ist.

„Die Versöhnung zwischen Indonesien und Timor-Leste war ein Weg, um den Konflikt zu beenden und Frieden in Timor-Leste für die kommenden Generationen zu schaffen. Damit haben Xanana Gusmão, José Ramos-Horta und andere das Überleben unseres Landes gesichert. So konnte das Land wieder aufgebaut werden. Wir, die junge Generation, können nun die Chancen nutzen, unser Land weiter zu entwickeln, und die Unabhängigkeit genießen.“

Fehlende Gerechtigkeit – fehlende nationale Einheit

Auch in anderen Zusammenhängen haben wir den Stolz auf den Versöhnungsprozess zwischen Timor-Leste und Indonesien vernommen. Gerade anlässlich der 20 Jahres-Feierlichkeiten ist vielen nochmals bewusst geworden, wie gewichtig dieser für Timor-Leste war. Dennoch fügte sich ein ‚Aber’ an: Viele der Straftäter von damals seien in Timor-Leste bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen und viele Opfer noch nicht berücksichtigt worden. Dieser Prozess sei begonnen, doch mitten auf dem Weg abgebrochen worden. Dieses Ungleichgewicht bleibe bestehen.

Immer wieder wurde betont, dass eine noch fehlende Verständigung zwischen den Unabhängigkeitsbefürworter*innen und den Pro Autonomie Kräften der Einheit der Nation noch entgegenstehe. Es bleibt ein unbearbeitetes Thema. „Im Prozess des Aufbaus einer Nation muss sich der Identifikationsraum von einem „Ich und meine Gruppe“ zu einem einschließenden „Wir“ öffnen, um dem Kreislauf, immer jemand anderem die Verantwortung zuzuschieben, zu entkommen“, mahnt Hugo Fernandes, Direktor des Centro Nacional Chega! (CNC), der Nachfolgeinstitution der Wahrheitskommission.

Solidarität mit den Opfern

Das berührt auch die Fragen nach der Solidarität mit den Opfern und Überlebenden. „Bis zur Einrichtung des CNC 2017 gab es in der Regierungspolitik keinerlei Erwähnung der Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Beachtung fanden nur die Veteran*innen.“, fährt er fort. „Solidarität mit den Opfern ist eine unserer Aufgaben beim CNC, und es liegt noch ein langer Weg vor uns. Welchen Sinn macht es, die Wahrheit ans Licht zu bringen, wenn wir dann nicht darauf reagieren?“ Auch er verweist auf das Ungleichgewicht im historischen Narrativ, das seit 20 Jahren bestehe: „Während die Veteran*innen als Held*innen gefeiert werden, bleibt die vergewaltigte Frau, die drei Kinder von drei verschiedenen indonesischen Soldaten hat, ausgegrenzt.“

Adelia Guterres leitet die Abteilung für Konfliktprävention im Innenministerium. Sie arbeitet an der Umsetzung des Nationalen Plans zur UN Resolution 1325 zu Frauen, Frieden und Sicherheit. Am Rande der internationalen Konferenz Strengthening Solidarity for Justice and Peace sitzen wir mit ihr im Park Borja da Costa. Die Beziehung zur Basis hat die alte Widerstandskämpferin und Aktivistin nie verloren. In diesem Geiste engagiert sie sich nun in der Regierungsarbeit, immer zum Wohle aller, insbesondere für diejenigen, die Hilfe brauchen.

Ihr Traum für die Zukunft ist, dass die Frauen, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen wurden, endlich auch Gerechtigkeit erfahren. Damit meint sie zum Beispiel die Frauen, deren Männer im Dschungel kämpften, und die deshalb vom indonesischen Militär gefangen genommen, ins Gefängnis gebracht, gefoltert und vergewaltigt wurden. Nicht selten waren sie gezwungen ihre Peiniger zu heiraten.

Frauen haben einen enormen Beitrag zur Befreiung geleistet

So kam es auch, dass viele der Frauen über diese Vergehen nicht öffentlich Zeugnis ablegten, zum Beispiel bei den Anhörungen der Wahrheitskommission. Erst heute wagen sie diese Anklagen öffentlich zu machen.

Der Wiederaufbau eines Landes ist eine schwierige Aufgabe, unabhängig von seiner Größe und seinen Ressourcen. Zwanzig Jahre sind keine lange Zeit. „Aber es ist genug Zeit, um die Menschen in den Mittelpunkt der Entwicklung zu stellen“, fasst Mica Barreto Soares die Aufgabe zusammen.

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1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Timor-Leste: Joviana Guterres, Kiera Zen und Ego Lemos erklären in diesem Interview, wie nationale Identität, Kampf um die Befreiung, aktuelle politische Themen und einzigartige osttimoresische Ideale in traditionellen und neuen Liedern verständigt werden.

Zuallererst: Könnten Sie unseren Leser*innen etwas über sich erzählen? Wie würden Sie sich beschreiben?

Ego Lemos: Ich bin ein osttimoresischer Sänger und Songwriter. Ich wurde 1972 geboren. Im täglichen Leben bin ich Permakultur-Bauer und –Aktivist. Wir arbeiten daran, im ganzen Land Schulgärten und Wasserspeicher einzurichten, um die Umweltsysteme wiederherzustellen. Außerdem organisieren wir alle zwei Jahre ein Permakultur-Jugendcamp. Meine Musik ist von meiner Arbeit inspiriert und meine Arbeit ist von Musik inspiriert.

Kiera Zen: Ich bin ein gewöhnlicher Osttimorese, der versucht, etwas für sein Land zu tun. Ich bin auch Songwriter. Ich weiß nicht, ob man mich als Künstler bezeichnen könnte. Wir haben das erste Orchester in Timor gegründet, Berliku Fanu Rai (BFR). Wir wollen den jungen Timores*innen mehr Möglichkeiten geben, ihren Weg dorthin zu finden, wo sie hinpassen, in diese Gesellschaft.

 

Welche Musiktraditionen wurden im Widerstand gepflegt, auf welche Vorbilder konnte zurückgegriffen werden? Inwiefern hat die Musik die Identität und Einheit der Menschen in Timor-Leste gestärkt?

Ego Lemos: Viele traditionelle Lieder, beliebte Lieder, erhielten revolutionsbezogene Songtexte. Wie allgemein bekannt wurde das traditionelle Lied Kolele Mai (in der Fassung der australischen Band Midnight Oil zur solidarischen Unterstützung von Osttimors Kampf) von Fransisco Borja da Costa verändert [Anmerkung der Autorinnen: Borja da Costa wurde am 8. Dezember 1975, dem Tag nach Beginn der indonesischen Invasion in Osttimor, von indonesischen Streitkräften hingerichtet. Er war Mitglied im Zentralkomitee der Partei Fretilin]. Er hat dem Lied eine ausdrucksstarke revolutionäre Lyrik gegeben, um die Menschen damit aufzurufen, weiter für Unabhängigkeit zu kämpfen. Und so haben viele Lieder den Menschen geholfen. Musik war inspiriert von der Situation und dem politischen Druck. Also schrieben wir auch Lieder über Frieden und Einigkeit.

Ich war drei Jahre alt, als Indonesien 1975 einmarschierte. Während ich erwachsen wurde, war Kolele Mai Tanzmusik. Der Rhythmus war weiterhin derselbe, die Melodie ebenso, Menschen sangen es mit einem fröhlichen Text. Aber die meisten wussten, es ist ein Revolutionslied. Es ist ein sehr beliebtes Lied. ein traditionelles Lied aus Baucau. Nach demselben Prinzip schrieb ich 1999 das Lied Hadomi Timor (Liebe zu Timor). Der Liedtext ist nicht so freimütig, ich musste viele Metaphern benutzen. Aber alle Osttimores*innen verstanden, welches Gefühl mit diesem Lied zum Ausdruck gebracht wurde. Zum Beispiel hat Soe Isin Lemorai, einer unserer strahlendsten Singer-Songwriter, der bereits verstorben ist, ein Lied namens Hau hakarak kaer ba fitun geschrieben. Er schrieb es, als er im Gefängnis war. Die Menschen mögen denken, dass er damit einfach meinte, ‚Ich will nach den Sternen greifen.‘ Aber was er wirklich sagen wollte war, dass Timor-Leste früher oder später unabhängig werden würde.

Ich denke viele Songwriter*innen haben eine Menge Metaphern in ihrer Musik benutzt, um die Menschen damit in Richtung Unabhängigkeit zu bewegen. Selbst unser Unabhängigkeitsführer Maun Xanana schrieb Lieder während des Widerstands im Dschungel, auch wenn er sie nicht aufnahm. Und auch einige Guerillakämpfer*innen komponierten Lieder. Ich denke die Bedeutung der Lieder liegt darin, die Tatkraft und den Kampf für die Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten. Deshalb sind Musik und Kultur sehr wichtig. Sie haben einen großen Einfluss darauf, Menschen zusammenzubringen. Ob sie aus Los Palos, aus Tutuala, aus dem Osten, Süden, Norden und Westen von Osttimors kommen, der Rhythmus und die Bedeutung der Lieder bleiben die gleichen. Die Liedtexte mögen anders sein. Die Instrumente, die die Menschen benutzen, wie etwa die Trommel, bleiben die gleichen.

Auch wenn Indonesien ein mächtiges Land ist, so konnten sie uns nicht auseinanderdividieren, weil die Musik durch das gesamte Land floss. Es ist etwas Gutes, dass die Kultur in Timor sich noch bis heute so zeigt.

Kiera Zen: Musik als Mittel zum Widerstand begann mit Borja da Costa und seinen Gedichten über Timor-Leste. Sie waren sehr neu, inspirierend und motivierend für viele Osttimores*innen. Borja da Costa und Abilio Araujo sind für mich diejenigen, die die Basis dafür geschaffen haben, dass Musik als Teil der Bewegung genutzt wird. Und es gab die Band Cinco do Oriente (The 5 Do Oriente 1972). [Anmerkung der Autorinnen: Von den fünf Bandmitgliedern sind während der indonesischen Besetzung drei nach einem Auftritt vor dem Hotel Dili ‚verschwunden‘ und kehrten nie zurück. Toto Lebre gründete die Band 1995 neu. Heute hat die Band fünf neue Mitglieder und spielt weiterhin traditionelle timoresische Musik in Verbindung mit modernen Klängen]

In Australien schrieb beispielsweise Agostinho Moniz den romantischen Song Maria (das Original auf Youtube sowie eine Live-Coverversion der Dili Acoustic Community (DAC) von 2018). Deshalb dachten die Indonesier*innen, wenn wir dieses Lied sangen, ‚Oh, das ist ein Liebeslied‘, aber wir Osttimores*innen wussten, dass es ein Lied über Timor-Leste ist.

Die jüngere Generation hat sehr von diesen Künstler*innen gelernt. Und später in den 1980ern bis in die 1990er etablierten sich einige Musikgruppen. Lieder wurden einzig dafür geschrieben, die Bewegung zu mobilisieren und den Kampfgeist junger Osttimores*innen anzufachen. Eins der Lieder, an das ich mich erinnere, ist Lemorai. Es handelt davon, dass alle Osttimores*innen in die Welt hinausziehen, um für Unabhängigkeit zu kämpfen. Sie bringen sich mit allem in die Bewegung ein, was sie können. Und dann später, 1999, veröffentlichte die Lahane Group die Lieder Oras to’o ona (Die Zeit ist gekommen) – was das Lied der Mission der Vereinten Nationen in Osttimor (UNAMET) zur Durchführung der Volksbefragung 1999 war – und Loron aban hahu ohin (Das Morgen beginnt heute).

Das Lied erlange Kultstatus im Rahmen des Referendums 1999 und hielt alle dazu an, für unsere Freiheit wählen zu gehen. Musik spielt also verschiedene Rollen und hat eine Menge beigetragen. Um diesen Geist aufrechtzuerhalten und sich an diese Lieder und ihre Rollen im Kampf um die Befreiung zu erinnern, ließ ich unser Orchester Berliku Fanu Rai diese Lieder in Orchesterformaten schreiben. So werden sie an die jungen Generationen weitergegeben.

Ist Musik heute noch ein Instrument, um politische, soziale und ökologische Anliegen auszudrücken? Und ist Musik auch ein Mittel zur Förderung von Bildung?

Kiera Zen: Ich denke, Musiker*innen haben eine wichtige Aufgabe darin, Menschen mit ihrer Musik zu unterstützen und zu mobilisieren. Zwischen 2002 und 2005 war ich in einer Band namens Rai Nain (Indigene). In fünf Songs, die ich geschrieben habe, habe ich den damaligen Premierminister Mari Alkatiri von der Partei Fretilin kritisiert. Für mich war er ein ziemlicher Diktator, also habe ich mit einem Lied namens Keta protestiert. Er hat Menschen wie uns, die in Indonesien ihren Universitätsabschluss machten, beleidigt. Er nannte uns ‚Sarjana Supermie‘, also ‚Instantnudel-Absolvent*innen’. In einem meiner Lieder habe ich geantwortet, „Ja, wir sind ‚Sarjana Supermie‘, aber wir essen Pflanzen, die aus der Natur kommen. Aber Sie essen Käse, der vom Tier kommt. Deshalb ist Ihre Mentalität so verbittert im Umgang mit Menschen.“

Es ist wahr! Meine Eltern waren auf Seiten der Fretilin. Nun wurde ich so wahrgenommen, als wäre ich gegen die Partei. Ich habe ihnen gesagt: „Schaut, ich war mit euch drei oder vier Jahre im Dschungel. Und was ich während des Kampfes gelernt habe ist doch, dass es um Konsens und um Selbstkritik geht. Es geht darum, Unterschiede zu akzeptieren und zusammen eine Lösung zu finden. Man darf anderen die eigene Vorstellung als den richtigen Weg nicht diktieren.“ Ich sehe, dass diese Ansätze nicht mehr Teil des Geistes von Fretilin sind. Ich habe einen anderen Song namens Nasionalismo geschrieben, um diese Sorge, wie die Fretilin mit Menschen umgeht und welch unmenschliche Ansätze sie in der Politik verfolgt, auszudrücken.

Viele Musiker*innen in Timor-Leste sind und waren politisch motiviert. Glauben Sie, dass dies sich so fortsetzen wird, und engagieren sich junge Menschen?

Ego Lemos: Ja. Ich denke, während des Widerstands wurde Musik genutzt für Einigkeit und um die Menschen zusammenzubringen. Auch heute spielt Musik noch eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Landes. Ich glaube mittlerweile sind viele überrascht, wenn sie Singer-Songwriter*innen sehen, die inspirierende Lieder schreiben. Wir haben heute auch weibliche Singer-Songwriterinnen, wie Cidalia und Joviana. Es gibt viele weitere junge Talente, wie zum Beispiel Izu. Zuvor hat man nur Cinco do Oriente gehört. Es haben aber viele junge Bands wie etwa Alcatraz mehrere Songs über die sozialen Probleme von Timor-Leste geschrieben. Zum Beispiel haben junge Künstler*innen wie Otopsy sich kritisch mit der Korruption des Landes auseinandergesetzt. Und Izu und einige andere, darunter Alcatraz, schrieben Lieder darüber, wie die Leute Held*innen, die zur Unabhängigkeit beigetragen haben, respektlos behandeln. Verschiedene Künstler*innen tragen zu verschiedenen sozialen Entwicklungen bei.

Joviana, Sie gehören zu dieser neuen Generation von Singer-Songwriter*innen. Wie oder von was werden Sie inspiriert?

Joviana Guterres: Ich habe schon in der Schule mit der Musik angefangen. Für mich war und ist die Musik ein Segen. Mit 16 habe ich begonnen selbst Lieder zu schreiben. Mein erster Song handelte von einer Person, die sehr speziell ist. Das Lied erzählt davon, wie jemand viele und wichtige Botschaften weitergeben könnte, aber keine Gelegenheit dazu findet. Ich fing an, meine eigene Musik zu machen und ich suchte Inspiration. Zu dieser Zeit fing ich an bei AJAR Timor-Leste zu arbeiten. Ich interpretierte und vertonte einen Text in Tetum, in dem um die nach Indonesien verschleppten Kinder ging. In dem Lied Labarik Lakon (Verschleppte Kinder) (siehe der Film Nina & the Stolen Children of Timor-Leste). erzählte ich die Geschichte direkt aus der Sicht eines Kindes, das seine Mutter und die Liebe zu ihr wieder finden und nach Hause zurückkehren möchte.

Die Inspiration zu dem Song Feto Eroi (Heldinnen) habe ich aus den Geschichten, die ich von Frauen gehört habe, von den Überlebenden der vergangenen Zeit des Unabhängigkeitskampfes. Die Organisation ACbit sammelte diese Geschichten und veröffentlichte sie in einem Buch. Ich habe den Song dann bei der Buchveröffentlichung vorgetragen. Viele Inspiration und Impulse bekomme ich aus meiner Arbeit. Ich beobachte einfach das Leben, die Menschen, die Situationen. Ich brauche diese nur zu beschreiben, ich muss nichts erfinden. Meine Lieder haben alle einen Bezug zur Menschenrechtsarbeit. Momentan schreibe ich an einem Song zum Gedenken an das Marabia-Massaker (Marabia Community Exhibition), das sich am 10. Juni 1980 zutrug. Wieder erzähle ich die Geschichte aus der Sicht der Überlebenden, samt ihrer Klagen und ihrer Trauer. Musik hat eine starke Rolle während des Widerstandes gespielt und das tut sie auch heute noch.

Wie schätzen Sie die politische motivierte Musikszene ein? Denken Sie, sie wird weiter bestehen, und sind junge Menschen bereit, sich dort einzubringen?

Ich denke, dass dies sicher fortbestehen wird. Momentan haben wir ganz starke Bands, wie Galaxy, Klamar, Naran-Laek und weitere aufstrebende Gruppen. Viele Lieder erzählen von der Liebe, aber sie haben doch eine Botschaft, um Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit zu schaffen. Ich glaube fest daran, dass die politisch motivierte Musikszene weitergehen wird. Es gibt sehr viele junge Menschen, die Musik machen wollen und die Bands gründen. Da sind einige aus der Rap- und Hiphop-Szene, die viele soziale und politische Themen aufgreifen. So hat die Musikgruppe Black Jesus zum Beispiel Songs zu LGBTIQ*, zu den Geschichten der Überlebenden und der Opfer der Besatzungszeit und zu Menschenrechtsthemen.

Sehr viele junge Osttimores*innen sind Künstler*innen, auch wenn sie sich nicht als solche sehen, aber sie sind aktiv. Sie lernen das nicht, viele bringen das Talent für die Musik mit, können von Natur aus spielen, singen. Oft greifen sie die Lieder zum Beispiel von Ego Lemos auf, mit all den Themen in seinen Songs. Die Lieder werden verstanden und weiter getragen. Musik wird meiner Meinung nach weiterhin ein Instrument für das Eintreten für Menschenrechte und andere politische und soziale Themen, wie soziale Gerechtigkeit, Diskriminierung, Gendergleichheit, bleiben.

Was ist Ihr Traum, wie sieht Ihr perfektes Osttimor in der Zukunft aus? Und was lässt Sie stolz werden auf Timor-Leste, 20 Jahre nach dem Unabhängigkeitsreferendum?

Joviana Guterres: Ich wünsche mir ein demokratisches Timor-Leste. Eins, das auf einer inklusiven Gesellschaft fußt. Ich bin stolz darauf, dass wir heute über unser Schicksal bestimmen können und wir frei sind von Kolonisation und Fremdbestimmung.

Ego Lemos: Mein Traum ist, dass die Menschen in Timor-Leste ein Bewusstsein für ihre Umwelt haben, sodass wir im Einklang mit der Natur leben können. Ich denke, dass Natur die wichtigste Ressource ist, die wir schützen müssen. Und mein Traum ist auch, dass eine jüngere Generation den Kampf des Volkes für die Unabhängigkeit versteht und wertschätzt. Dass wir Timor-Leste als Ganzes schätzen, die Umwelt und Gemeinschaft, damit wir für das gesamte Land Harmonie schaffen können.

Kiera Zen: Ein Paradies. Wir hatten dies schon von 2002 bis 2004 erreicht. Also keine Kämpfe, keine Streitereien, keine Zusammenstöße, es war so friedlich. Und ich würde das wirklich gerne zurückbekommen.

Die Interviews führten die Autorinnen in Dili und Maliana, im September 2019.

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1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Timor-Leste: Viele Mitglieder der Filmcrew von „Beatriz’s War“ haben die Zeit der indonesischen Besatzung erlebt und ihre Erfahrungen in den Film eingebracht. Dieser erzählt von der Zeit des Widerstandes aus der Perspektive der Frauen.

Beatriz stolpert durch einen Haufen von Leichen, auf der Suche nach ihrem Ehemann. Dies ist eine der Schlüsselszenen in „Beatriz’s War“, dem ersten Spielfilm aus dem jungen Timor-Leste. Der Film erzählt die Liebesgeschichte von Beatriz und Tomas, die in der Zeit des osttimoresischen Widerstandskampfes gegen die indonesischen Besatzer spielt.

Beatriz beginnt zu kämpfen

Der Film beginnt im Jahr 1975, als indonesische Truppen in Osttimor einmarschierten, nachdem das Land seine Unabhängigkeit von Portugal erklärt hatte. Beatriz flieht als Kind mit ihrer Mutter aus ihrem Dorf in ein Versteck der Widerstandsbewegung in den Bergen. Im Alter von elf Jahren wird Beatriz dort mit dem gleichaltrigen, schwächlichen Jungen Tomas verheiratet. Die beiden wachsen auf in einer Zeit, die geprägt ist von Flucht, Hunger und Tod. Die junge Beatriz wird zur aktiven Widerstandskämpferin. Während eines Waffenstillstandes 1983 ergibt sie sich – müde und hochschwanger – den Besatzern. Sie wird mit ihren Mitstreitern in das Dorf Kraras umgesiedelt.

Kurz nach der Geburt von Beatriz‘ und Tomas‘ Sohn richten die Besatzer in Kraras ein Massaker an und erschießen nahezu alle männlichen Bewohner des Dorfes. Beatriz wird aus einem entfernten Versteck Zeugin der Gräueltat, kann aber ihren Ehemann unter den Toten nirgends finden. Bald ist Beatriz die einzige unter den überlebenden Frauen in Kraras, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, dass Tomas noch am Leben ist.

Beatriz wird zur Anführerin der Frauen. Um zu überleben, hält sie Tomas‘ Schwester Teresa dazu an, die Frau des indonesischen Captain Sumitro zu werden, der das Dorf in seiner Gewalt hat.

Filmtrailer: „Beatriz’s War“

Der verschollene Mann kehrt zurück

Sechzehn Jahre später taucht Tomas plötzlich wieder auf. Aus dem zurückhaltenden Jungen, der der tapferen Beatriz früher nie Schutz bieten konnte, ist ein kräftiger Mann geworden. Doch schon bald überkommen Beatriz Zweifel: Ist dieser Mann, zu dem sie sich von Tag zu Tag mehr hingezogen fühlt, wirklich ‚ihr Tomas’ oder ein Betrüger?

Der Plot dieser fiktiven Liebesgeschichte ist dem französischen Spielfilm Die Wiederkehr des Martin Guerre entliehen, der wiederum auf einer wahren Begebenheit beruht. Martin Guerre war ein französische Bauer, der im 16. Jahrhundert spurlos verschwand, bis sich viele Jahre später ein Mann, der sich als der vermisste Guerre ausgab, seinen Platz im Leben der Ehefrau und des Umfeldes für sich beanspruchte.

Die Geschichte ist eingebettet in einen Hintergrund historischer Fakten. Sie spielt während der 24 Jahre dauernden indonesischen Besatzung bis zum 1999 von den Vereinten Nationen durchgeführten Referendum, bei dem die Mehrheit der Bevölkerung für die Unabhängigkeit Timor-Lestes stimmte.

Das Leid der Frauen

Der Film beschäftigt sich mit der Rolle der Frauen im Widerstand – ein Thema mit weltweiten Parallelen – das das heutige Timor-Leste im Zuge seiner Vergangenheitsbewältigung und Geschichtsaufarbeitung direkt betrifft. Deutlich wird dies im Film unter anderem in der Szene, als der zurück gekehrte Tomas seine Schwester Teresa eine „Verräterin“ nennt, als er von ihrer Ehe mit dem indonesischen Unterdrücker erfährt.

In der Realität gibt es sie, die osttimoresischen Frauen, deren Männer tot oder untergetaucht waren und die gezwungen wurden, ihre indonesischen Vergewaltiger zu heiraten. Diese Frauen werden auch heute noch von ihrem sozialen Umfeld geächtet und ausgegrenzt. Der Film leistet einen Beitrag zur Aufarbeitung der Situation dieser Frauen und zur Solidarität mit ihnen.

Prominent erwähnt wird im Film auch die Untätigkeit Australiens und der USA im Wissen über die indonesische Invasion. [Indonesiens Truppen hatten mit stillschweigendem Einverständnis der westlichen Welt die ehemalige portugiesische Kolonie Osttimor besetzt. Vor allem die USA und Australien sahen in Osttimor einen möglichen, potentiell kommunistischen Unruheherd, ein ‚zweites Kuba’, Anm. d. Red.]

Zeitzeugen als Statisten

Das Dorf Kraras ist ein echter Schauplatz, in dessen Umgebung indonesische Soldaten tatsächlich Morde an Zivilisten verübten. Bei vielen der Statisten, die in der Massakerszene zum Einsatz kommen, handelt es sich um Überlebende aus Kraras, die ihre Erinnerungen an das Massaker in den Film einbrachten. Dazu gehört auch das Detail, dass die Indonesier die zusammengetriebenen Osttimoresen vor der Erschießung zwangen, die verbotene Hymne des Widerstandes, Foho Ramelau, zu singen. Dies wurde dann als Vorwand genutzt, um das Feuer zu eröffnen. Insgesamt wird von mehr als zweihundert ermordeten Osttimoresen in Kraras berichtet.

Viele Mitglieder des größtenteils osttimoresischen Filmteams haben die Zeit der indonesischen Besatzung noch selbst miterlebt, wie etwa der frühere Falantil-Widerstandskämpfer Funu Lakan (im Film in der Rolle des Celestino dos Anjo, der kurz nach dem Kraras-Massaker ermordet wird). Regie führten die Osttimoresin Bety Reis, die 16 Jahre alt war, als ihr Land sich per Referendum für die Unabhängigkeit entschied, und der australische Filmemacher Luigi Acquisito, der mehrere Dokumentarfilme über Timor-Leste produzierte. Das Drehbuch schrieb die osttimoresische Hauptdarstellerin Irim Tolentino, die im Film die erwachsene Beatriz spielt, gemeinsam mit Acquisito.

Tolentino und weitere Darsteller in „Beatriz’s War“ hatten schon in dem australischen Spielfilm Balibo (2009) mitgewirkt. Er erzählt die Geschichte von fünf australischen TV-Journalisten, die im Zuge der indonesischen Invasion in Timor-Leste ermordet wurden. „Balibo“ gilt als der erste Spielfilm, der in Timor-Leste gedreht wurde. [In Indonesien wurde „Balibo“ von der Zensurbehörde verboten, da er angeblich den Beziehungen zu Timor Leste und Australien schaden könne, Anm. d. Red.]

Von Osttimoresen erzählt

„Die timoresischen Politiker sagten ihrem Volk, sie sollen vergeben, sich versöhnen und sich ein neues Leben aufbauen“, schreiben die Produzenten des Films. „Beatriz beschließt zwar, ein neues Leben aufzubauen, verweigert jedoch die Vergebung der Verbrechen gegen sie und ihr Volk. Sie will Gerechtigkeit und dies ist die Dialektik, mit der das heutige Osttimor konfrontiert ist.“

Beatriz’s War ist ein wichtiger Film, weil darin die Geschichte Timor-Lestes von Osttimoresen selbst erzählt wird: kritisch und zuweilen auch selbstkritisch. Eine international viel zu wenig beachtete Geschichte aus einer oft vergessenen Perspektive.

Der Film lief im Rahmen der Filmreihe „Südostasien auf der Leinwand“, veranstaltet von Stiftung Asienhaus, Deutsch-Indonesischen Gesellschaft,  philippinenbüro im Asienhaus und dem Allerweltskino in Köln.

Rezension zu: Beatriz’s War (A Guerra da Beatriz), Luigi Acquisto, Bety Reis, Timor-Leste 2013, 105 min

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1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Timor-Leste – Traditionelle einheimische Lebensmittel sind in Timor-Leste in Vergessenheit geraten. Dabei ist traditionelle Nahrung gesund, ökologisch und Teil der Identität, und kann zur Ernährungssicherheit beitragen.

Osttimor, oder Timor-Leste, ist ein abgelegenes Land in Südostasien. Auf eine fast 500 Jahre dauernde Kolonisation durch Portugal folgten 24 Jahre brutaler militärischer Besetzung durch Indonesien. Nicht zuletzt dank der weltweiten solidarischen Unterstützung wurde Timor-Leste am 20. Mai 2002 eine unabhängige Nation. Doch die junge Nation war schwer gezeichnet: rund 180.000 Menschen waren an den Folgen des Krieges gestorben und etwa 80 Prozent der Infrastruktur des Landes wurden beim Rückzug Indonesiens 1999 zerstört.

Mit einheimischen und natürlichen Nahrungsmitteln konnten sich viele Menschen während der indonesischen Besatzungszeit ernähren. Die Mitglieder der Guerilla Falintil und die vielen Osttimores*innen, die diese in den Bergen unterstützten, litten Hungern und Unterernährung. Die lokalen Nahrungsmittel halfen ihnen dabei zu überleben, auch wenn das Wissen über die Zubereitung teilweise verloren gegangen war und die falsche Zubereitung auch für einige mit Vergiftungen einhergingen.

Essen heute

Der Botschafter der Europäischen Union in Timor-Leste, Andrew Jacobs, erklärte, dass „viele Kinder nicht das nahrhafte Essen und die Gesundheitsfürsorge erhalten, die sie brauchen“. Dies schadet nicht nur den Kindern selbst, sondern hat auch negative Auswirkungen auf die Gesellschaft“ (Antonio Sampaio 2020, Timorese government starts research on food and nutrition in the country, Antonio Sampaio (Lusa), 3 June, retrieved 18 June 2020).

Unter den ASEAN-Staaten (Verband Südostasiatischer Nationen Anm. d. Red.) haben Kinder in Timor-Leste unter fünf Jahren das höchste Risiko für Unterernährung. Laut Generaldirektion des Staates sind 46 Prozent der Kinder unter fünf Jahren fehlentwickelt (Stunting), 24 Prozent der Kinder sind stark untergewichtig (Wasting). Die Häufigkeit von Übergewicht beträgt 6 Prozent [1].

Dies ist darauf zurückzuführen, dass ihre Ernährung nicht über genug Nährstoffe verfügt. Ebenso ist Ernährungsunsicherheit ein Faktor, der die Gesundheit von Kindern und vieler erwachsener Menschen in Timor beeinträchtigt.

Im indigenen Australien, in Tonga und anderen Pazifikinseln sorgen einheimische und lokale Nahrungsmittel für eine gesunde Ernährung. Auch Timor-Leste sollte im Kampf gegen die hohe Unterernährung auf einheimische Lebensmittel als Nahrung zurückgreifen. Leider hat die Globalisierung negative Auswirkungen auf die Ernährung im Land. „Viele Menschen neigen heute dazu, die lokalen Nahrungsmitteln links liegen zu lassen. Sie kommen nicht mehr auf den Teller und sind somit den Kindern fremd“, erklärt meine Avo (Großmutter) Joana Guterres.

Avo Joana Guterres stammt aus Venilale bei Baucau. Sie ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Im Kreise einiger Nichten und Neffen war es faszinierend ihre Geschichten über unsere Nahrungsmittel und über das, was sie in Kriegszeiten gegessen haben, zu hören.

Essen während des Kriegs

Sie erklärte: „Es gab vier lebenswichtige Nahrungsmittel, die mich und meine Familie während des Krieges gerettet haben. Es sind gesunde, essbare Wildpflanzen. Wir hatten kein Geld, um Lebensmittel zu kaufen. Ich war dankbar, sie zu haben, um so meine Kinder und mich ernähren zu können.“

Mit traurigem Gesichtsausdruck erzählt sie von ihren Erfahrungen während des Krieges: „Während des Widerstandskampfes [Besatzung durch Indonesien 1975-1999, Anm. d. Red.] haben viele Menschen, darunter Ältere, Jugendliche und Kinder, nicht überlebt, weil sie nicht genug zu essen hatten. Wir aber aßen Maek (Knolle), Lehe (Bohnenart), Kali’i, Uhi (Süßkartoffeln), Koto-moruk (wilde, giftige Bohne) und einige andere Lebensmittel, um uns zu retten.

Maek, Uhi, Kali’i, Koto-moruk, Fehuk (Art von Kartoffel), Aifarina (Kassava) sind wilde Pflanzen. Viele Menschen wussten nicht, dass man sie essen kann. Auch einige osttimoresische Kämpfer begannen damit sie zu essen, weil es im Wald nicht genug Nahrung für sie gab. Sie erkannten, dass diese Pflanzen essbar waren und als Überlebensnahrung verwendet werden konnten. Sie betonte auch, dass, wenn Lebensmittel von Affen und anderen Tieren gegessen werden, es bedeutet, dass diese Lebensmittel für uns auch genießbar sind. Hungrig, wie wir waren, sahen wir wie diese Tiere sich davon ernähren. So haben wir die Pflanzen auch probiert.

Zum Beispiel Maek!

Maek war eine dieser Pflanzen, die die Menschen aßen, um zu überleben. Während des Krieges aßen Avo Joana und ihre Familie ausschließlich Maek und einige andere der „unbekannten Nahrungsmittel“, wie zum Beispiel Lehe und Kali’i.

Maek heißt in der Mediki-Sprache Bau. Es gibt zwei Arten von Maek: die essbare und die wilde Maek. Die essbare Maek wird saisonal im Garten angebaut. Sie hat einen helleren Stiel mit weißen und grünen Schattierungen. Die verzehrbare Knolle wird gesammelt und gegessen. Gekocht hat sie einen Geschmack ähnlich dem von Yamswurzeln. Die wilde Maek wächst überall im Wald, außer in sehr feuchten Gebieten. Sie hat einen anderen Stängel als die essbare, und sie kann Juckreiz im Mund verursachen, wenn sie nicht richtig gekocht wird. Maek wird in der Trockenzeit gepflanzt; im August oder September, nachdem der Reis geerntet wurde. Zu reifen beginnt sie, wenn im November die Wolkenbrüche einsetzen. Die Maek wird gekocht und geröstet und von den Bäuer*innen als Frühstücksnahrung verwendet“.

So sagt Avo Joana: „Maek hat immer eine wichtige Rolle bei unserer Zeremonie zur Reisernte gespielt. Es wurde zusammen mit Kali’i, Lehe und Uhi gekocht und den Teilnehmenden serviert. In Tetum [der lokalen Nationalsprache von Timor-Leste, Anm. d. Red.] wird die Zeremonie „Serimonia de Sama Hare“ genannt. Heute kommen nur noch wenige Menschen zur Zeremonie, leider wird sie zu einem verlorenen Brauch“.

Nicht nur Avo Joana Guterres weiß von der Bedeutung unserer lokalen Nahrung zu berichten. Der Guerilla-Kommandeur Santinho Mali-Lait ernannte
Mandioca é o pão do Maubere“ zum Brot der osttimoresischen Nationalist*innen [„Maubere“ steht für die einfache, ländliche Bevölkerung, Anm. d. Red.]. Dies spiegelt wider, wie die Guerillas und Widerstandsnetze mit indigener Nahrung überlebten. Und das muss wiederbelebt werden. Nur einige wenige dieser Nahrungsmittel werden noch immer gegessen, andere sind vergessen und durch importierte Nahrungsmittel ersetzt worden. Leider sind viele Osttimores*innen in dem Glauben aufgewachsen, dass nur arme Menschen Wildpflanzen essen.

Wiederbelebung der osttimoresischen Küche

Inzwischen erfahren die lokale Küche und Wildpflanzen eine Aufwertung durch eine noch kleine Bewegung im städtischen Zentrum von Dili. Einige wenige Cafés und Restaurants servieren in der Hauptstadt Gerichte, die auf lokalen Zutaten basieren und mit Wildpflanzen gekocht werden. Das Agora Food Studio und Restaurant bietet Schulungen an und begleitet junge Menschen beim Kochen und Servieren von nachhaltigem und gesundem timoresischem Essen. Das Restaurant Dilicious Timor, das dem jungen timoresischen Chefkoch Cesar Gaio gehört, bietet köstliches Essen von Timor-Leste an, zubereitet mit lokalen Zutaten. Damit trägt es zur Stärkung der einheimischen Landwirtschaft bei.

Junge, innovative Menschen, darunter junge Köch*innen, führen die neue Ernährungsbewegung an. Mit ihr hat die Wiederbelebung der osttimoresischen Küche begonnen. Statt in Dosen und Plastik verpackte Fertiggerichte zu essen, plädieren sie dafür, sich „bio“ zu ernähren und „das zu essen, was man anbaut“.

Adi Carvalho arbeitet in einem von Cardno durchgeführten und von USAID finanzierten Landwirtschaftsprojekt. Neben seiner Arbeit betreibt der junge Bauer auch seinen eigenen Gemüsegarten. Er postet regelmäßig auf Facebook die von ihm angebauten Lebensmittel. Den lokalen Bäuer*innen zeigt er, wie sich die heimischen Zutaten auf innovative Weise für Mahlzeiten, Snacks, Säfte und Desserts verarbeiten lassen. Dieser junge Landwirt liebt es, Menschen zum Verzehr von biologisch angebauter Nahrung zu ermutigen und stellt attraktive Mahlzeiten ins Internet, um die Menschen für seine neuen Rezepte zu begeistern. Ursprünglich wollte er nur seinen Freunden auf der Social-Media-Plattform mitteilen, was er in seinem Garten alles anbaut. Doch immer mehr Leute teilten seine Beiträge; das hat ihn inspiriert, noch mehr und regelmäßiger zu posten. Auf dem Foto präsentiert er seinen leckeren und gesunden Kuchen und Donuts aus Kürbis.

Kampf gegen die Unterernährung

Das Problem der Mangelernährung in Timor-Leste wird von vielen lokalen und internationalen NGOs, von der Regierung, insbesondere dem Gesundheitsministerium, aber auch von den lokalen Gemeinschaften selbst angegangen. Was sie essen und wie sie nahrhafte Mahlzeiten zubereiten können, um ihre Kinder gut zu ernähren, wird als ein wichtiges Thema angesehen. Wenn Kinder nicht mit ausreichend Nährstoffen versorgt werden, so hat das gravierende Folgen. Gemeinsam mit der Regierung führen NGOs und Ernährungsprogramme, die in den lokalen Gemeinschaften angesiedelt sind, durch. Die Programme, die auf lokale Nahrungsmittel setzten, sind die vielversprechendsten. All diese Beiträge haben bedeutende Veränderungen in den Gemeinden bewirkt. Jedes Jahr sinkt die Rate der Unterernährung um 1 bis 2 Prozent. Einige der Programme haben Ernährungslücken geschlossen und einige Gemeinden haben bereits die Ernährungsgewohnheiten ihrer Kinder verbessert.

Asosiasaun Halibur Inovador (AHI), Vereinigung von Innovator*innen, ist ein von der Regierung finanziertes Programm, das mit Gemeinden in ländlichen Gebieten zusammenarbeitet. Mit lokalen Nahrungsmitteln soll die Mangelernährung in Haushalten bekämpft werden. Dazu schulen die jungen Innovativen Gemeinden und wenden sich auch direkt an die Kinder mit der Botschaft: wertschätzt unsere einheimische Lebensmittel. Das Wissen um lokale Zutaten und Wildpflanzen ist in der Gesellschaft fast verloren gegangen.

„Vergesst nicht die alten Sorten, denn sie sind eure Wurzeln und eure Identität“

Es ist von entscheidender Bedeutung, die einheimische Sorten wiederzubeleben und ihre Geschichten für die jüngere Generation zu dokumentiert. Sie sind die wertvollen Lebensmittel unserer Vorfahren. Viele Menschen in Timor-Leste haben sich von ihnen abgewandt. Es fehlt ihnen an Informationen über den Nährwert dieser Nahrungsmittel. Stattdessen griffen sie zu billigen importierten Lebensmittel. Das hat zu einer ungesunden Ernährung geführt. Gesundes Essen zu fördern ist das Hauptziel von Ernährungsprogrammen.

Aus der einstigen Notnahrung im Krieg und zu Hungerzeiten werden heute innovative Gerichte zubereitet. Zwar gelten wilde Bohnen und Knollen als Nahrung in Notzeiten, doch in der traditionellen Ernährung der Timores*innen waren sie einst weit verbreitet.

Video: Erzählungen über Lebensmittel, die Timor-Leste definieren:

Anstatt importierte Lebensmittel von geringem Nährwert zu essen, ist es besser, aus der Vergangenheit zu lernen und den Kindern beizubringen, wie sie sich gesund ernähren können. Eine neue Ernährungsbewegung ist für unsere Nation zukunftsweisend.

Als Mitglied der jüngeren Generation fühle ich mich für die Bewahrung von traditioneller Nahrung verantwortlich. Wir sollten sie regelmäßig als Mahlzeit auf den Tisch bringen, sie Kindern und Gästen, die in unser Land kommen, servieren. Und nicht nur das: Lasst uns die Geschichten unserer Nahrungsmittel dokumentieren und sie für die nächsten Generationen lebendig halten.

Übersetzung aus dem Englischen von: Monika Schlicher

[1] General Directorate of State (GDS), Ministry of Health and ICF 2018, ‘Timor-Leste demographic and health survey 2016’ , Dili, Timor-Leste, and Rockville, Maryland, USA: GDS and ICF, S. 214

Zum Weiterlesen:

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1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Timor-Leste – Während der Besatzungszeit (1975 – 1999) wurden Frauen vom indonesischen Militär inhaftiert, vergewaltigt oder gezwungen, Soldaten „zu heiraten“. Betroffene von sexualisierter Gewalt und deren Kinder erfahren in der Gesellschaft damals wie heute Ausgrenzung. Armut bestimmt ihr Leben.

Mit breiter gesellschaftlicher Unterstützung hatte Osttimors Wahrheitskommission(Commissão de Acolhimento, Verdade e Reconciliação de Timor-Leste, CAVR) im Januar 2002 ihre Arbeit aufgenommen. Sie untersuchte die während der indonesischen Besatzungszeit (1975 – 1999) verübten Menschenrechtsverletzungen, gab den Opfern eine Stimme und führte auf Gemeindeebene Versöhnungsprozesse durch. Mit dem Abschlussbericht „Chega!“ (port. „Genug!“) sprach sie Empfehlungen aus, die zu Gerechtigkeit und Anerkennung beitragen sollten.

Frauen erhielten dort erstmalig den Raum, aus der Anonymität herauszutreten und die erlittenen Gräueltaten in die gesellschaftliche Wahrnehmung zu bringen. Dieser Schritt erforderte sehr viel Mut. Die bisher erlebten Schmähungen, Ausgrenzungen und Erniedrigungen in ihren Dörfern ließen sie befürchten, diese nun auch auf breiter Ebene zu erfahren. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, wiesen Familien den Frauen die Verantwortung und Schuld für das erfahrene Unrecht zu; sie hätten, so der Vorwurf, Schande über die Familie gebracht. Mit einer öffentlichen Aussage brüskierten die Frauen auch ihre Sippe.

Der Film Beatriz von der lokalen Organisation Asosiasaun Chega! Ba ita (ACbit) dokumentiert eindrücklich die Situation dieser Frauen. Er beginnt mit Beatriz Mirandas bewegender Geschichte, die sie bei der Anhörung der Wahrheitskommission zu Gewalt gegen Frauen 2003 in die Öffentlichkeit trug.

Filmdokumentation Beatriz, von ACbit, 18 Min, Timor-Leste 2018:

Beatriz Miranda ist eine Überlebende wie hunderte andere Frauen auch. Sie lebte 1983 im Ort Kraras, in dem die männliche Bevölkerung massakriert wurde. Ihr Ehemann gilt seitdem als verschwunden. Es gab keine offizielle Untersuchung zum Massaker von Kraras und zur genauen Zahl der Opfer. Es ist eines der berüchtigtsten Verbrechen der indonesischen Besatzung. Als „Dorf der Witwen“ erlangte der Ort traurige Berühmtheit.

In dieser Situation war Beatriz Miranda über einen Zeitraum von zehn Jahren gezwungen, mit drei verschiedenen indonesischen Soldaten zusammenzuleben. Aus diesen Verbindungen hat sie zwei Kinder, mit denen die Soldaten sie nach Ende ihrer Dienstzeit zurückließen. Den Anfang machte ein Soldat der Eliteeinheit Kopassus. Nachdem sie von ihm zusammengeschlagen worden war, rief ihr Schwager nach dem Dorfchef und den Nachbarn. In Anwesenheit des Elitesoldaten sagte ihr die Dorfversammlung, darunter ihre Schwiegereltern, sie möge ihn akzeptieren. Niemand würde über sie spotten. Alle wüssten, dass sie dazu gezwungen worden sei. Sie sagten, so Beatriz Miranda bei ihrer Aussage vor der Kommission: „Wenn du dich widersetzt, werden wir alle sterben. Es ist besser, du verkaufst deine Seele, um unseren Hals zu retten.“

Alleingelassen

Als sie gezwungen war, mit den nächsten Soldaten zu leben, sagte sie sich: „Also gut, ich teile mich selbst in zwei Hälften. Die untere Hälfte gebe ich ihm, aber die obere Hälfte, die gehört meinem Land, dem Land Osttimor.“ Obwohl die Familie und das Dorf ihr Verständnis zusicherten, wurde schon bald sehr schlecht über sie gesprochen. Sie beschimpften sie als „Armeeweib“ und verdächtigten sie auch als Spionin. Wütend stellte sie sich den Diffamierungen entgegen. Anschließend wagte zwar niemand mehr, sie direkt zu beschimpfen, doch die Ausgrenzung von ihr und ihren Kindern blieb bestehen.

Beatriz Miranda steht beispielhaft für das Schicksal vieler Frauen, die sexualisierte Gewalt und deren Folgen erleben mussten. Neben den physischen Verletzungen und psychischen Leiden, mit denen die Frauen gänzlich allein gelassen wurden, sahen sie sich oftmals zusätzlichen Belastungen ausgesetzt. Ihre Ehemänner wendeten sich von ihnen ab, insbesondere, wenn die Frauen als Ergebnis dieser sexualisierten Gewalt Kinder gebaren. Familien wiesen sie zurück. Viele der Opfer waren gezwungen, weiterhin als ‚Sexsklavin‘ zu dienen, um für sich und ihre Kinder sorgen zu können. Versuchte Abtreibungen kosteten viele Frauen das Leben.

Die Gesellschaft versagt

Ihre machtlose, untergeordnete Rolle in der Gesellschaft Osttimors ließ die Frauen in einen Kreislauf anhaltender Verletzung geraten. Ihnen wurde nicht nur von indonesischen Soldaten Gewalt angetan, sondern auch von osttimoresischen Männern. Dazu gehören Milizen und Mitglieder im Sicherheitsapparat der Indonesier ebenso wie Kämpfer der Forças Armadas de Libertação Nacional de Timor-Leste (FALINTIL), der militärischen Front des Widerstands, und Parteiangehörige von FRETILIN (Frente Revolucionária de Timor-Leste Independente) und UDT (União Democrática Timorense) während ihrer bewaffneten Auseinandersetzung 1975.

Frauen wurden von ihrer eigenen Gesellschaft und vielerorts auch von der örtlichen Kirche ausgegrenzt, die dabei versagten, den Frauen beizustehen. Schlimmer noch, die Gewalttaten wurden tabuisiert. Der Bericht der Wahrheitskommission gab im Kapitel zu „sexueller Gewalt“ auf über 100 Seiten Zeugnis des erlebten Grauens. Die Kommission formulierte Empfehlungen an Regierung, zivilgesellschaftliche und religiöse Organisationen, wie man den Bedürfnissen der Opfer gerecht und Gewalt gegen Frauen in der Gesellschaft gestoppt werden könnte.

Die Regierung wendet sich ab

Hugo Fernandez, der damalige Leiter der Abteilung für Wahrheitsfindung bei CAVR, sah 2004 eine sehr große Herausforderung in der Umsetzung der Empfehlungen durch die Regierung voraus (Schlicher, 2005, S. 82). Werden die Empfehlungen nicht oder nur ungenügend umgesetzt, kommt dies einer Bagatellisierung der Verbrechen gleich.

„Auf der politischen Ebene hat sich niemand die Mühe gemacht, den Bericht zu lesen und von den Empfehlungen sind nur ca. fünf Prozent umgesetzt“, prangert Hugo Fernandez heute an. Inzwischen leitet er das 2017 eingerichtete Centro Nacional Chega! (CNC), die Nachfolgeinstitution der Wahrheitskommission. „Solidarität mit den Opfern ist eine unserer Aufgaben beim CNC, und es liegt noch ein langer Weg vor uns. Während die Veteran*innen als Held*innen gefeiert werden, bleibt die vergewaltigte Frau, die drei Kinder von drei verschiedenen indonesischen Soldaten hat, ausgegrenzt.“ Und die Strafverfolgung für die Verbrechen während der Besatzungszeit ist längst eingestellt. Weiterhin ist Gewalt gegen Frauen, gesellschaftlich fast selbstverständlich akzeptiert, ein Problem von hoher Relevanz.

Solidarisch unterstützen sich die Frauen und fordern Anerkennung

2017, während der Produktion des Films, lebt Beatriz Miranda mit ihren Kindern weiterhin in ihrem Dorf. Die Erwartung von damals, dass sich mit ihrer Aussage vor der Wahrheitskommission ihre bedrückende Lebenssituation verändert, hat sich längst zerschlagen. Sie ist arm und das Leben als Witwe bleibt schwer. Ihre Tochter wurde vom Vater ihres Kindes mit der Begründung sitzen gelassen: „Ich werde dich nicht heiraten, denn dein Vater ist ein indonesischer Soldat.“ Beatriz sagt dazu im Film: „Ich bin ein Opfer, meine Tochter ist ebenso ein Opfer geworden. Wir brauchen die Unterstützung der Regierung für die Ausbildung der Kinder.“

Doch sie ist aktiv geblieben. 2015 hat sie die Selbsthilfegruppe Freundschaft unter Witwen gegründet. „Wir müssen nach vorne blicken“, erklärt sie den Mitgliedern, „und das, was in der Vergangenheit war, soll unser Leben nicht mehr bestimmen. Wir müssen den Herausforderungen von heute ohne Angst begegnen.“

Das ‚Unsagbare’ aussprechen

Die Frauen unterstützen sich gegenseitig beim Erwerb ihres Lebensunterhalts. Durch das Aussprechen des ‚Unsagbaren’ bewältigen sie Scham und Schuldgefühle und gewinnen wieder an Selbstrespekt. Den Widrigkeiten, mit denen die Gesellschaft ihnen begegnet, stellen sie sich entgegen: Indem sie sich nicht darauf konzentrieren was sie abwertet, sondern auf das, was sie glücklich macht. Dieses Glück geben sie an ihre Kinder weiter. Doch nicht alle Kinder erfahren dieses Glück: Viele Kinder aus den erzwungenen Verbindungen wurden von ihren verzweifelten Müttern aufgegeben.

Beistand erhalten die Gruppen der Witwen durch die lokale Organisation ACbit. Sie unterstützt die Frauen mit Programmen zu Trauma-Heilung. Die 2012 gegründete Organisation setzt sich für die Umsetzung der Empfehlungen der Wahrheitskommissionen ein.

Der Film Beatriz ist der Türöffner

„Der Film Beatriz ist eine Inspiration für uns alle“, berichtet uns Manuela Leong Pereira, Direktorin von ACbit, „und er hat eine sehr starke Wirkung.“ ACbit setzt den Film in der Arbeit mit Gemeinden und Frauen im ganzen Land ein. „Anfänglich sind die Frauen immer sehr zurückhaltend und voller Scham. Der Film ist dann der Türöffner, der sie ermutigt, zu erzählen. Die Frauen staunen vor allem, dass diese schrecklichen Dinge erzählbar sind, erzählt werden dürfen und Beatriz ihre Geschichte schon 2004 öffentlich gemacht hat. Sie sind überrascht und berührt, wie viele von ihnen – ob die Nachbarin im Dorf oder die Frau im entfernten Distrikt – diese Gewalt erfahren mussten.“

Die Geschichten werden erstmals als erfahrenes Unrecht anerkannt und bewegen nun auch die Gemeindemitglieder. Die Frauen erhalten Respekt. „Anfangs“, so Manuela Leong Pereira, „waren Männer empört, dass wir der Frauen wegen zu ihnen in die entferntesten Ecken des Landes kamen und diese und ihre ‚alten‘ Geschichten ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellten. Heute kommen die Männer auf uns zu und entschuldigen sich sogar dafür, dass sie früher nicht mit uns sprechen wollten.“ ACbit wird von dem Zuspruch zu ihrem Programm geradezu überrannt.

Auch wird der Film in der Lobbyarbeit gegenüber der Regierung bei Veranstaltungen genutzt. „Einige, vor allem jüngere Mitglieder in der Regierung haben durch diesen Film erstmals die Situation der Frauen, die damals Opfer geworden sind, erfasst. Anderen rufen wir sie wieder in Erinnerung.“

Frauen gewinnen an Respekt

Durch den Film Beatriz wurden viele Menschen erreicht. Die Thematik ist ins Bewusstsein gerückt. Doch noch immer haben viele der Frauen keine staatliche Hilfe erhalten, weiterhin sind sie schutzbedürftig. Zwar gibt es im Ministerium für Soziale Solidarität ein Hilfsprogramm, aber es erreicht die Menschen nicht, vor allem die nicht, die auf dem Land leben. Beatriz und die Frauen in ihrer Gruppe sprechen immer wieder im Ministerium vor, bleiben aber ungehört und ohne Unterstützung.

Bis heute arbeitet Beatriz mit den Witwen und betroffenen Frauen. Sie haben aus eigener Kraft Erfolge mit ihrer Arbeit, sie sind mutiger geworden und haben in der Gemeinde an Respekt gewonnen. Die Erfolge dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nach wie vor mit großen Herausforderungen konfrontiert werden und Probleme allein auf sich gestellt bewältigen müssen. Einmal mehr ist zu sehen, wie stark und notwendig die Arbeit von Frauen für Frauen ist.

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1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Timor-Leste/Indonesien: Unsere Autorin schildert berührende Begegnungen mit älteren Menschen aus Osttimor, die vor mehr als 20 Jahren nach Indonesien zwangsumgesiedelt wurden.

Ältere Menschen gehören zu den am meisten gefährdeten und oft unsichtbaren Gruppen von Vertriebenen. Ihre altersspezifischen Bedürfnisse erhalten weniger mediale und politische Aufmerksamkeit als die der jüngeren Generationen. Es gibt zunehmend Forschung zu älteren Geflüchteten. Jedoch ist Literatur über Vertreibung und diasporische Erfahrungen dieser Bevölkerungsgruppe im Globalen Süden rar.

Während der Vorbereitung auf eine Forschungsreise 2019 habe ich mir alte Fotos angesehen, die ich 2010 während einer Forschungsreise zum Haliwen-Lager geschossen habe. Das Lager lag in der Nähe des Flughafens in Atambua, einer indonesischen Stadt an der Grenze zu Timor-Leste. 1999 war der Höhepunkt der massiven Gewalt, die die Unabhängigkeit Timor-Lestes von Indonesien begleitete. Zu dieser Zeit beherbergte diese kleine Stadt viele osttimoresische Vertriebene.

Kein Displacement mehr?

Die Loslösung Timor-Lestes von Indonesien war geprägt von Gewalt, vielen Toten und der Zwangsumsiedlung von 240.000 Menschen nach Westtimor (Indonesien). Hinter diesen Gräueltaten steckten indonesische Sicherheitskräfte und deren osttimoresische Milizen. In den folgenden Jahren kehrten viele der Vertriebenen und Exilant*innen aus aller Welt nach Timor-Leste zurück und beteiligten sich am Wiederaufbau des Landes. Anfang 2003 hoben die Vereinten Nationen den Flüchtlingsstatus für die Osttimores*innen in Indonesien auf. Diejenigen, die sich entschieden, in den Siedlungen zu bleiben, erhielten die indonesische Staatsbürgerschaft und blieben mit dem Versprechen, dass ihre Loyalität belohnt werden würde. Mehr als zwei Jahrzehnte später leben weiterhin osttimoresische Mehrgenerationen-Familien in den zu Siedlungen umfunktionierten ehemaligen Geflüchtetenlagern. Ihr Alltag ist geprägt von Armut, dem Fehlen von Landbesitz und einer hohen Jugendarbeitslosigkeit.

Es gibt keine verlässlichen Daten über ihre Größe der Diaspora in Westtimor. Schätzungen gehen davon aus, dass derzeit mehr als 88.000 Osttimores*innen in Westtimor leben.

Die einstigen Geflüchtetensiedlungen von Osttimores*innen unterscheiden sich von Ort zu Ort. Einige Siedlungen liegen immer noch da, wo sie gegründet wurden. Andere wurden ganz oder teilweise umgesiedelt. Einige Familien zogen eigenständig in die Städte und mieteten Häuser oder Land von der lokalen Bevölkerung. In den ehemaligen Lagern sind die Planen-Zelte größtenteils durch vom Militär errichtete Unterkünfte ersetzt worden. Sie befinden sich innerhalb oder in der Nähe von militärischen Übungsgeländen oder staatlichem Land, oft abseits der lokalen Siedlungen und weit entfernt von Stadtzentren. Viele der Siedlungen sind um eine neue Generation gewachsen, sowohl an Größe und Dichte. Obwohl die osttimoresische Bevölkerung in Westtimor technisch gesehen keine Geflüchteten mehr sind, dauern die Erfahrungen des Vertriebenwerdens oft ein Leben lang an. In dieser Situation kommt Diaspora-Netzwerken eine besondere Bedeutung zu.

Adoptiveltern im Exil

An einem schwülen Aprilnachmittag im Jahr 2010 nahm mich Marco (Name geändert) nach einem Interview mit auf einen Spaziergang durch das Lager Haliwen. Von der Hauptstraße und dem Eingang des Lagers, wo sich sein Haus befand, gingen wir durch viele schmale Pfade, die die Reihen semi-permanenter und vom Militär errichteter Häuser miteinander verbanden. Marco zeigte nach links und rechts und erzählte von der Zeit, als er und seine Nachbarn vertrieben wurden. Vom Zustand des Lagers in den ersten Tagen und von Problemen beim Zugang zu Wasser, Strom und anderen grundlegenden Dingen. Er stellte mich allen Nachbar*innen vor, die sich zufällig draußen aufhielten.

Weit im Inneren des Lagers trafen wir uns mit einem älteren Ehepaar. Marco stellte sie mir aufgeregt als seine ‚adoptierten’ amaa (Mutter) und apaa (Vater) in der Vertreibung (pengungsian) vor. Er legte seinen Arm um die schmalen Schultern der älteren Frau und sagte: „Ich betrachte sie wie meine Eltern hier im Exil. Sie sind alt, allein und haben keine Kinder mehr. Sie haben nur ein Schwein und einen kleinen Garten, in dem sie Gemüse anbauen. Also kümmere ich mich um sie und behandle sie wie meine Familie.“

Momentaufnahmen

Marco ist ex-Mitglied einer Miliz aus Dili, der Hauptstadt von Timor-Leste. Während der Gewalt 1999 in Dili war er an schweren Verbrechen beteiligt. Aus Gründen der politischen Loyalität und um einer strafrechtlichen Verfolgung in der Heimat zu entgehen, entschied er sich, in Indonesien zu bleiben. Zum Zeitpunkt des Interviews setzte er sich aktiv für eine bessere Behandlung der Vertriebenen aus Osttimor in Indonesien ein.

Er erzählte mir, dass sein Apaa Mitte der 1970er Jahre ein ‚Kollaborateur’ für die indonesischen Sicherheitskräfte war, wodurch deren Einmarsch in die östliche Hälfte Timors zum Teil ermöglicht wurde. Er kommentierte, dass es nur fair sei, dass die indonesische Regierung sich jetzt um Leute wie seinen Apaa kümmere, aber auch um solche wie ihn, die seiner Meinung nach dafür kämpften, die indonesische Souveränität intakt zu halten. Marco wandte sich dann an seine Amaa und fragte sie, ob ich sie fotografieren dürfe. Im Laufe der Jahre hatte ich Porträts von Menschen und Orten gemacht, wenn sie zugestimmt hatten, und ihnen die Abzüge als Dankeschön für ihre Teilnahme an meiner Studie gegeben. Die ältere Frau sah mich vorsichtig an. Marcos Arm lag noch immer um ihre Schultern. Sie nickte vorsichtig mit dem Kopf.

Als ich gerade ein Foto von ihr machen wollte, sagte sie schnell, ich solle warten. Dann ordnete sie ihr langes schwarzes Haar zu einem ordentlichen Dutt auf dem Kopf und schaute direkt in die Kamera. Beim Posieren für das Bild legte sie ihre Hände zusammen und stand still an der Wand ihres Hauses. Dann forderte sie ihren Mann, der gerade sein Messer auf einem flachen Stein auf dem Boden vor ihrer Veranda schärfte, auf, zu ihr zu kommen und neben ihr zu posieren. Er weigerte sich: „Aiiyh, lass mich einfach hier bleiben. Mach es von dort, wo du bist.“ Auch er blickte direkt in die Kamera, wenn auch mit einem etwas weniger intensiven Ausdruck als die ältere Frau. Dann richtete er sich auf und zeigte mir seinen Schweinestall. „Das ist etwas, das Sie fotografieren können – ich beim Füttern unseres Schweins“.

Wertvolle Habseligkeiten am neuen Ort

Der ältere Mann führte mich um das Haus, einen halbfesten Ziegelbau mit Palmenstängelwänden und Blechdächern, bis zu einer Ecke, in der der Schweinestall stand. Er wollte mir etwas zeigen, von dem er dachte, dass ich es fotografieren könne. Die Häuser in der Siedlung standen auffallend dicht beieinander, anders als die die Anordnung der Häuser in den sonstigen ländlichen Gebieten von Timor-Leste. Meisten waren Häuser, Felder und Tiergehege eher über weite Landstriche verstreut.

Als wir am Schweinestall ankamen, fütterte er sein Schwein mit Speiseresten. Dann drehte er sich zu mir um und posierte mit einem breiten, offenen Lächeln. Er zeigte auf ein nahe gelegenes Stück Land, wo er Maniokbäume gepflanzt hatte, die ich pflichtbewusst fotografierte.

Danach kehrten wir zu den anderen zurück. Ich wollte mich noch eine Weile mit dem älteren Ehepaar unterhalten. Aber Marcos redete die meiste Zeit. Er sprach oft über und für sie. „Damals in Timor waren sie Bauern, aber hier haben sie kein Land, auf dem sie arbeiten können!“ Er wiederholte, was er mir schon gesagt hatte. “ Aiiyh, sie haben auch Angst (tauk), zurück nach Timor zu gehen! Hier sind sie bei mir sicher“, fügte er hinzu. Dann forderte Marco mich auf: „Mach ein Foto von mir und meinen Adoptiveltern!“ Er setzte sich zwischen das ältere Paar auf eine Bank und lächelte breit. Er schlang seine Arme um ihre kleinen Körper und zog sie näher in die Mitte.

Älter werden inmitten von anhaltendem Misstrauen

Meine Begegnung mit Marco und dem älteren Ehepaar war eindrücklich. Wie sie weit im Inneren des Lagers lebten, umgeben von ehemaligen Milizsoldaten wie Marco, ließ mich über die Machtverhältnisse nachdenken, die ihren Alltag in der Vertreibung geprägt und ihre Entscheidung, zu bleiben oder zurückzukehren, beeinflusst haben könnten. Wie Marco über und für seine ‚Adoptiveltern’ sprach, machte mich neugierig auf Raum und Zeit, in der die Stimmen der Älteren in den generationenübergreifenden Familienbeziehungen und unter den vertriebenen Gemeinschaften gehört werden.

Einige vorläufige Forschungsergebnisse

Ein vorläufiges Ergebnis meiner Forschung am Max-Planck-Institut ist, dass Entscheidungen und Erfahrungen älterer Menschen im Exil mit intergenerationellen Ambivalenzen verwoben sind. Außerdem übernehmen ältere Osttimores*innen, insbesondere Frauen, eine aktive Rolle bei der Aufrechterhaltung transnationaler Pflegebeziehungen zu Familienmitgliedern, den Ahnen und heiligen Stätten im Heimatland durch grenzüberschreitende Besuche. Die Asymmetrien, die die Pflegebeziehungen zwischen konfliktgetrennten Familien über die Grenzen hinweg prägen, können durch Erinnerungen an vergangenen Verrat weiter belastet werden. Ältere Osttimores*innen navigieren in der Vertreibung durch multiple Ungleichheiten des Alterns. Das kann sich auf ungleichen Zugang zu Sozialhilfeprogrammen, Gesundheitsversorgung und schlechte Lebensbedingungen beziehen. Fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten und alltägliche Diskriminierung von jüngeren Osttimores*innen in Westtimor führen dazu, dass ältere Menschen länger arbeiten müssen.

Die osttimoresische Diaspora in Indonesien ist ein Teil der Geschichte, den beide Länder lieber vergessen würden. Das Misstrauen der Menschen in Timor-Leste und in der Aufnahmebevölkerung gegenüber den ehemaligen Milizen ist nach wie vor groß. Die vertriebene Bevölkerung erfährt oft eine Form von Schuld oder Verdächtigung, indem sie mit den Milizen in Verbindung gebracht wird.

Eine kürzere Version dieses Artikel wurde auf Englisch im Dezember 2018 in der Blogreihe des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften veröffentlicht. Er wurde für südostasien von der Autorin überarbeitet, ins Deutsche übersetzt und redaktionell bearbeitet.

 

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1 | 2018, Osttimor, Timor-Leste,
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Ungleiche Vermögensverteilung in Timor-Leste: Wer hat, dem wird gegeben

Timor Leste: Das Kunstkollektiv „Arte Moris“ kämpft für eine ‚andere timoresische Identität‘. Bislang wurde diese von den Veteran*innen des Kampfes gegen die 24-jährige indonesische Besatzungszeit dominiert.

Am 1. Dezember 2021 wurde den Mitgliedern des Kunstkollektivs Arte Moris (Lebendige Kunst) mitgeteilt, dass sie aus den Räumlichkeiten vertrieben werden sollten, die sie 18 Jahre lang bewohnt und belebt hatten. Diese Räume wurden vom National Council of Combatants of National Liberation, einer Vereinigung für die alternden Veteran*innen von Timor-Leste, übernommen. Militärangehörige drangen in die Räumlichkeiten ein, in denen die Künstler*innen lebten, arbeiteten, lehrten und kreativ waren, und begannen mit der Räumung. Dabei wurden wertvolle Kunstwerke – darunter auch Porträts der Veteran*innen des Landes – wie Müll auf die Straße geworfen.

Mehrere Mitglieder waren gezwungen, sich von jetzt auf gleich eine neue Bleibe zu suchen, da die Gemeinschaft der Künstler*innen und Studierenden auseinander gerissen wurde. Mitglieder des Kunstkollektivs und der Öffentlichkeit waren gleichermaßen fassungslos über das Vorgehen der Regierung. Diese hatte bereits seit 2019 versucht, die Gruppe zu vertreiben, konnte dies aber aufgrund der intensiven Lobbyarbeit des Künstler*innen-Kollektivs zunächst nicht durchsetzen. Arte Moris hatte den Eindruck, dass die Suche nach einem geeigneten Standort noch lief, als das Kollektiv am 1. Dezember 2021 über die bevorstehende Räumung informiert wurde.

Eine neue Art des Ausdrucks

Das Kunstkollektiv, das an jenem schicksalhaften Tag aus seinen Räumlichkeiten vertrieben wurde, war im Februar 2003 mit finanzieller Unterstützung des Schweizer Künstlers Luca Gansser, seiner Frau Gabriela und einer kleinen Gruppe von timoresischen Künstler*innen gegründet worden. Die ursprüngliche Gründung basierte auf der Idee der Förderung von Straßenkunst und begann mit zwölf Studierenden. Bereits einen Monat nach der Gründung präsentierte die Gruppe ihre erste Ausstellung, die vom Instituto Camões, der portugiesischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit, finanziert wurde. Daraufhin traten mehr als 100 Studierende dem Kollektiv bei.

Arte Moris eröffnete den Menschen eine neue Lebensweise. Damals waren wir ein wenig verloren, wir waren eine Nation, die bis dahin nur Kampf und Besatzung kannte“, erinnert sich Iliwatu Danadere, Direktor von Arte Moris. Das Kollektiv und seine Lehrtätigkeit ermöglichten eine „neue Weise, uns auszudrücken. Vorher kannten wir nur den Kampf. Schon vor dem Konflikt, während der Kolonialzeit, waren die Dörfer so voneinander getrennt, dass Kämpfen fast die einzige Möglichkeit war, Probleme zu lösen“.

Über Jahre hinweg wuchs das Kollektiv. Es weitete seine Tätigkeit auf verschiedene Medien aus, von der Malerei über die Musik bis zu Multimedia. Arte Moris-Mitglieder unterrichteten im Laufe der Zeit über zehntausend Studierende. 2003 erkannte der Staatssekretär für Kunst und Kultur die wichtige und positive Rolle von Arte Moris in der Gesellschaft an und erlaubte der Gruppe, in ein Gebäude mit 40.000 Quadratmeter mietfrei einzuziehen, in dem zuvor das indonesische Museum untergebracht war. Arte Moris wurde quasi zu einem ‚künstlerischen Kloster‘, in dem Menschen aus Liebe zur Kunst und zur künstlerischen Gemeinschaft zusammenkamen und in einem gemeinschaftlichen Raum lebten, wo Ressourcen in der Gruppe geteilt wurden.

Seitdem hat sich Arte Moris kontinuierlich weiterentwickelt. Tausende von Künstler*innen durchliefen die Programme des Kollektivs und machten es zu einer Institution in der Gesellschaft von Timor-Leste. Jugendliche aus dem ganzen Land kamen dort zusammen, um das einführende sechsmonatige Programm zu absolvieren und dann auf ein höheres Niveau aufzusteigen. Sie schufen Kunstwerke, die sich durch einen besonderen Stil auszeichnen, der nationale Symbole mit zeitgenössischen Themen verbindet, um eine zutiefst traumatisierte Nation zu heilen.

Obwohl sich die Werke der Maler*innen und Bildhauer*innen von Arte Moris noch nicht auf dem privaten Kunstmarkt durchsetzen konnten, sieht und hört man ihre Arbeiten im ganzen Land. Zum Beispiel die Wandmalereien und Gemälde von Künstlern wie Tony Amaral und Alfeo Sanches, die in Australien leben. Oder die Musik der Arte-Moris-Absolventen Klamar und Galaxy, die aus den farbenfrohen Kleinbussen ertönen, den so genannten Mikrolets. Die Gruppe hat mehrfach internationale Freiwillige aufgenommen. Die Werke ihrer Künstler*innen schmücken nun Wandmalereien in Australien und haben das Leben vieler Ausländer berührt, die die Hauptstadt Dili besucht haben. Kurz gesagt: Arte Moris ist zu einer starken Stimme geworden, die die Kultur und die Identität des heutigen Timor Leste repräsentiert, als Produzent und Förderer des Images ihres Landes im In- und Ausland.

Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft

Um zu verstehen, was am Tag der Zwangsräumung geschah, ist es wichtig, die Rolle der Veteran*innen im Kontext zu sehen. Der kleine Inselstaat Timor-Leste war seit 1769 eine portugiesische Kolonie, die nach dem Zusammenbruch des Kolonialreichs im Jahr 1974 von Portugal weitestgehend aufgegeben wurde.

Es folgte eine kurzlebige Unabhängigkeit und darauf eine 24-jährige, brutale Besatzung durch den indonesischen Nachbarn, die schätzungsweise 200.000 timoresische Todesopfer forderte. Die Widerstandsarmee FALINTIL (Forças Armadas de Libertação Nacional de Timor-Leste), trat den Besatzungstruppen entgegen. Angesichts der weitaus besser ausgerüsteten und ausgebildeten indonesischen Armee verließ sich die FALINTIL auf Guerillataktiken, ihre Kenntnis des schwierigen Geländes und ihren schieren Willen und Mut, die Invasionstruppen zu bekämpfen. 24 Jahre lang führte die FALINTIL eine hartnäckige Guerillakampagne, um Druck auf die Besatzungstruppen auszuüben. 1999 erklärte Timor-Leste nach einem von den Vereinten Nationen unterstützten nationalen Referendum schließlich die Unabhängigkeit.

Die Gründung von Gemeinschaften und Nationalstaaten braucht Mythen, Symbole und Helden. Die mächtigsten Symbole sind natürlich jene, die die größten Opfer gebracht haben – allen voran diejenigen, die ihr Leben verloren, sowie die Veteran*innen, die für die Verteidigung des Landes und des Volkes gekämpft haben. Die Veteran*innen von Timor-Leste sind in der Gesellschaft hoch angesehen. Sie kontrollieren die höchsten Regierungsämter sowie die Wirtschaft und bilden einen entscheidenden Wählerblock, der über Erfolg oder Misserfolg politischer Projekte entscheidet. Außerdem profitieren sie von einem staatlichen Unterstützungsprogramm, das jedes Jahr rund 96 Millionen Dollar ausmacht und sich sogar auf die Kinder verstorbener Veteran*innen erstreckt.

Es wäre verlockend, die Geschichte der Vertreibung von Arte Moris in die große Sammlung von Beispielen für Verfolgung und Unterdrückung durch autoritäre Regierungen einzuordnen. Es scheint jedoch in diesem Fall so zu sein, dass hier eine Gruppe darauf vertraut, auf legitime Weise ein Monopol auf die Belohnungen des Staates zu beanspruchen. So sehr die Veteran*innen eine entscheidende Rolle bei der Gründung des Nationalstaates spielten, haben jetzt die Künstler*innen eine entscheidende Bedeutung für die Stärkung und Neudefinition des sich ständig weiterentwickelnden Verständnisses der nationalen Identität. Indem die Regierung den Ansprüchen der Veteran*innen Vorrang einräumt, sendet sie die klare Botschaft, dass die alternden Größen weiterhin die Politik der Nation dominieren.

Recht auf Repräsentation

Als sich die Nachrichten und Bilder von der Zwangsräumung in den sozialen Medien verbreiteten, erreichte Arte Moris eine Flut von Unterstützungsbekundungen. Zugleich erfuhren Regierung und Veteran*innen – bis dato eine unangreifbare Schicht der Gesellschaft – eine breite Kritik. Mehr als zehn Tage lang fanden täglich Mahnwachen mit Musik, Malerei und Tanz vor den Räumen von Arte Moris statt, bis am 13. Dezember 2021 eine Polizeikette errichtet wurde, um die Aktivitäten zu unterbinden.

Der ehemalige Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Jose Ramos-Horta erklärte: „Die Veteran*innen, die von legitimen und legalisierten Vereinigungen vertreten werden, haben alle Privilegien des Staates genossen, und das zu Recht. Sehen Sie sich nur die Budgets für die Veteran*innen seit 2007 und 2008 an“, betonte er. „Aber eine künstlerische und kulturelle Gruppe junger Menschen, die über 20 Jahre lang enorme Hingabe, Opfer und Engagement für die Kunst und die Belebung des kulturellen Lebens der Stadt und des Landes gezeigt hat, wird von niemandem beachtet“, ergänzte er.

Arte Moris-Direktor Iliwatu Danadere sieht es so: „24 Jahre lang haben sie [die Veteran*innen] ohne Lohn gekämpft, um das Land und die Menschen zu befreien, und wir wissen ihr Opfer zu schätzen. Jetzt tragen wir unseren Teil bei. Wir haben über 20 Jahre lang ohne Lohn gearbeitet, um die Köpfe der Menschen zu befreien. Lasst uns unseren Teil beitragen.“

Als der Verband der Veteran*innen erkannte, dass seine Position angefochten wurde, gab er zu bedenken, dass er keinen angemessenen Platz habe für seine Arbeit und die Unterbringung der Veteran*innen, die Dili besuchen. Laut Website der Regierung von Timor-Leste wurde der National Council of Combatants of National Liberation gegründet, „um den Kämpfern eine entscheidende Rolle bei der Förderung der nachhaltigen Entwicklung, des Friedens und der sozialen Stabilität in Timor-Leste zu geben, mit einer Beratungsfunktion für die Regierung.“ Angesichts der Kritik erinnerte der Verband der Veteran*innen daran, dass ihm nationale Helden sowie aktuelle und ehemalige Führungspersönlichkeiten angehören, darunter Xanana Gusmão, Taur Matan Ruak und Lú Olo. Die Verbindung der Gründer und Führer von Timor-Leste mit dem Verband [der Veteran*innen] zu betonen war ein kaum verhüllter Versuch, die Kritik der Öffentlichkeit an der Zwangsräumung zu verringern.

Das Ende einer Ära?

Arte Moris hat bislang [Stand: Mai 2022] noch keinen geeigneten Platz für seine Aktivitäten gefunden. Die Regierung von Timor-Leste hat dem Kunstkollektiv mehrere Räumlichkeiten angeboten, aber es gibt noch keine Einigung. Die bisherigen Angebote sind bei weitem nicht geeignet, ein Kunstkollektiv zu beherbergen: Es fehlt an angemessener Infrastruktur, sanitären Einrichtungen und auch an geeigneten Aufführungs- bzw. Ausstellungsräumen. Arte Moris wird zweifellos weiterarbeiten und eine Säule der künstlerischen Gemeinschaft bleiben. Nun sucht das Kollektiv nach Möglichkeiten, die nicht von staatlicher Unterstützung abhängen.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist dies eine Geschichte des Fortschritts. Ein ehemals unantastbarer Teil der Gesellschaft ging davon aus, dass er so wie bisher agieren könne, ohne darüber Rechenschaft ablegen zu müssen. Das Ergebnis war eine Mobilisierung der öffentlichen Meinung zur Unterstützung von Arte Moris. Die anerkannten Märtyrer*innen der Nation haben nun auch aus dem Kunstkollektiv Märtyrer*innen gemacht.

Bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen am 31. März 2022 gab es die bisher größte Anzahl und Vielfalt von Kandidat*innen. Das deutet darauf hin, dass die neue Generation bereit ist, sich von der Rivalität der beiden von Veteran*innen dominierten Parteien Fretilin und CNRT (Kongress des timoresischen Wiederaufbaus) zu lösen. Ramos-Horta als CNRT-Vertreter hat zwar die Präsidentschaft letztlich gewonnen, aber mehr als 30 Prozent der Stimmen gingen an eine Reihe von kleineren Parteien. In einer üblen Wendung der Ereignisse legte die alte Regierung am 26. April 2022 einen korrigierten Haushaltsplan für 2022 vor, der eine Milliarde US-Dollar für die Einrichtung eines Fonds für Veteran*innen vorsieht, so dass der diesjährige Gesamthaushalt mit 3,2 Mrd. US-Dollar der bei weitem größte in der Geschichte von Timor-Leste ist. Ramos-Horta, ein entschiedener Gegner der Vertreibung von Arte Moris, sagte, er werde nach dem Amtsantritt [Ende Mai 2022] sein Veto gegen diese Erhöhung einlegen.

Es wird spannend zu sehen, was sich daraus entwickelt, doch eines ist klar: Die Veteran*innen von Timor-Leste haben nicht länger das Monopol zu definieren, was es bedeutet, Timorese zu sein. Die Risse in der Gesellschaft werden durch die Räumung von Arte Moris, durch den hohen Prozentsatz von Wähler*innen für andere Parteien als CNRT und Fretilin sowie durch den Widerstand gegen die vorgeschlagene Haushaltsänderung sichtbar. Vielleicht sind diese Risse Teil eines umfassenderen Narrativs. Es bleibt abzuwarten, ob die antagonistische Beziehung zwischen den Veteran*innen und den Künstler*innen von Timor-Leste für lange Zeit bestehen bleiben wird.

Übersetzung aus dem Englischen von: Norbert Schnorbach

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