1 | 2022, Interviews, Myanmar,
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„Die geisterhafte, unsichere Erinnerung“ – Teil II

Sawangwongse Yawnghwe, Myanmar, Kunst

Sawangwongse Yawnghwe – Tagesausflug zu den Southeast Asian Peninsular Games, Rangoon, 1961 No.2 aus der Einzelausstellung The Broken Umbrella in Bangkok. © Laura Faludi

Myanmar – Sawangwongse Yawnghwe’s Werke untersuchen die Bedeutung von anhaltendem Verlust und Trauma und den Kreislauf gebrochener Versprechen für eine bessere Zukunft. südostasien hat anlässlich seiner Ausstellung „The broken white umbrella“ im April 2022 in Bangkok mit dem Künstler gesprochen.

Dies ist Teil II des Interviews, zu Teil 1 geht es hier.

Was bedeutet Ihr Exil für Ihre Positionierung als Künstler aus Myanmar? Wie sehr sind Sie mit der dortigen zeitgenössischen Kunstszene verbunden?

Es gibt zwei Zitate, die mich bei diesem Thema ansprechen. Das eine stammt von R. B. Kitaj: „Der Diasporist fühlt sich unbehaglich, wachsam gegenüber seiner neuen Freiheit, grundlos, sogar fremd, bis er sich ganz zu Hause fühlt“. Der andere ist von Sidra Dekoven Ezrahi: „Das Exil ist immer der Anfang einer Erzählung – und die Diaspora ist der Ort, an dem die Menschen reden.“

Sawangwongse Yawnghwe, Myanmar, Kunst

Sawangwongse Yawnghwe – Brunnen in der Klosterschule St. Agnes aus der Einzelausstellung The Broken White Umbrella in Bangkok. © Laura Faludi

Mein Exil bedeutet, dass ich völlig von meinen Wurzeln abgeschnitten bin. Ich bin nicht mit der Kunstszene in Burma verbunden. Ich habe eher eine Verbindung zur thailändischen Kunstszene, weil ich in Chiang Mai aufgewachsen bin und mehr mit den Thais als mit den Burmes*innen gemein habe. Wenn Sie nach der zeitgenössischen Kunstszene fragen, frage ich mich, was damit gemeint ist – ist es die urbane Szene von Rangun (oder Yangon)? Ich sage das, weil meines Wissens die Kunstszene außerhalb Ranguns in den ethnischen Staaten kaum existiert oder sich entwickeln konnte, eine Folge des jahrzehntelangen Bürgerkriegs und Militarismus in diesen Ländern.

Die ‚Kunstszene‘, die in den letzten zehn Jahren in Burma entstand, ähnelt dem allgemeinen Bild, das die städtische Zivilgesellschaft widerspiegelt, die größtenteils aus ethnischen Burmes*innen aus Yangon und Mandalay besteht, mit nur einer Handvoll ethnischer Künstler*innen. Seit dem Staatsstreich im letzten Jahr ist der Bürgerkrieg, der jahrzehntelang in den ethnischen Staaten tobte, in die Städte und die burmesischen Mehrheitsgebiete übergetreten, und das Leben ist auch dort völlig auf den Kopf gestellt worden. Soweit ich weiß, gibt es die zeitgenössische Kunstszene, die während des so genannten ‚demokratischen Übergangs‘ entstanden ist, weitgehend nicht mehr. Viele Künstler*innen, Musiker*innen und Dichter*innen wurden in den Untergrund getrieben, sind ins Exil gegangen oder kämpfen vom Dschungel aus gegen das Militär. Was von dieser Szene übrig geblieben ist, sind ein paar Kumpels und ihre Finanziers [die so genannten Cronies sind eine Gruppe von Unternehmer*innen, die mit der vorherigen Militärregierung sehr enge Beziehungen führten und somit Reichtum anhäuften, d. R.], die sich betont cool geben.

Umgekehrt betrachtet: was bedeutet es, ein Künstler aus Südostasien zu sein, wenn man sich nicht in dieser Region befindet? Wie wird Ihre Arbeit vom Publikum wahrgenommen und geschätzt?

Ich habe das Glück, mit vielen Kurator*innen aus Asien und Europa zusammenzuarbeiten, darunter Max Seidel, Zasha Colah, Cosmin Costinas, Gridthiya Gaweewong, Diana Campbell Betancourt, Vivian Ziherl und Ho Tzu Nyen, denen ich zu Dank verpflichtet bin. Abgesehen von meiner ersten Ausstellung in Amsterdam im Stedelijk Museum Bureau und im Van Abbe Museum mit Ziherl habe ich nicht viel in Europa ausgestellt. Vor kurzem habe ich im Modka Beirut in Zutphen ausgestellt, einem von Mounira Al Solh, einer zwischen den Niederlanden und Beirut lebenden Künstlerin, organisierten Raum. Die Rijksakademie in Amsterdam ist für mich wie ein zweites Zuhause. Die Freundschaften und Verbindungen, die ich dort geknüpft habe, sind natürlich ein lebenslanges Unterfangen.

Was die amerikanische Kunstszene angeht, so habe ich nur einmal in der Jane Lombard Gallery ausgestellt. New York ist das Zentrum der Kunstwelt, und dort ausgestellt zu werden, gibt einem eine immense Erfahrung für die eigene Arbeit.

Sawangwongse Yawnghwe, Myanmar, Kunst

Sawangwongse Yawnghwe – Myanmar Peace Industrial Complex, Map III. © TKG+

Sie werden von Nova Contemporary in Bangkok und TKG+ in Tai Pei vertreten und Ihre Bilder befinden sich auch in Sammlungen in Singapur. Wie sehen und bewerten Sie die Rolle der Galerien und Sammler*innen in diesen Ländern in Bezug auf die zeitgenössische Kunst in der Region?

Die Rolle der Galerien und Sammler*innen in Asien ist sehr wichtig. Zu Beginn meiner Karriere spielten die Sammler*innen eine sehr wichtige Rolle – sie kauften meine Arbeiten privat und halfen mir so am Anfang, als ich noch kein Geld verdiente. Sammler wie Rudy Tseng, Disaphol Chansiri und Eric Booth spielten eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung meiner Arbeit. Mit Jai Inn hat mir geholfen, indem er mir ein Atelier in Chiang Mai zur Verfügung gestellt hat, wo ich meine Arbeit fortsetzen konnte, nachdem ich die EU wegen eines Visumsproblems vorübergehend verlassen musste.

In einem früheren Interview sprachen Sie über die Schwierigkeiten, als Künstler in Europa zu arbeiten und zu leben, so dass Sie für eine Weile nach Chiang Mai gezogen sind. Derzeit leben Sie in Amsterdam. Wie beeinflussen die wirtschaftlichen Bedingungen und die Finanzierung der Kunst Ihre Arbeitsweise?

Die wirtschaftlichen Bedingungen und die Finanzierung spielen eine große Rolle für die Art und Weise, wie die Arbeit gemacht wird. Natürlich kann man auch mit sehr wenig Geld arbeiten, aber im Westen ist Geld alles, das hat man uns von klein auf beigebracht und eingebläut. Ich glaube immer noch an die Funktion des Staates, aber diese ist in Gefahr, vom Großkapital übernommen zu werden.

In vielen Ihrer Werke ist das Persönliche immer auch politisch. Gibt es besondere Parallelen zwischen dem Kontext ihrer aktuellen Werke und der aktuellen Situation im Land, den Sie aufzeigen oder aufdecken wollten?

In den Gemälden von The Broken White Umbrella geht es um die Suche nach einer Art Versöhnung, um Erinnerung, um das Verfolgen von Erinnerungen. Der Putsch von 2021 wird eine weitere verlorene Generation hervorbringen. Das Leid und die Entrückung, die die Generationen meiner Großmutter und meiner Eltern erlitten haben, die sieben Jahrzehnte zerbrochener Familien, zerbrochener Erzählungen, werden wieder eine neue Generation treffen. Das Leid und die Qualen, die nicht-burmesische Volksgruppen seit langem erdulden mussten, werden nun von ihrem eigenen Militär auf die Burmes*innen übertragen. Der Volksaufstand von 1988 war eines der ersten Male, dass die burmesische Bevölkerung den Zorn ihres eigenen Militärs zu spüren bekam, und nun trifft es sie erneut. Ich hoffe, dass dies die Menschen in Burma gegen das Militär vereint. Wenn wir nicht daraus lernen, werden wir weiterhin unter der Hand des Militärs leiden, das die Spaltung nutzt, um zu herrschen.

Einige der verzerrten Gesichter auf den Gemälden erinnern an Goyas Schwarzes Haus, auch die Anordnung in der Galerie erinnert ein wenig daran. Ist das eine Konstante in den vergangenen Jahrzehnten der burmesischen Geschichte, diese ‚Banalität des Bösen‘?

Sawangwongse Yawnghwe, Myanmar, Kunst

Sawangwongse Yawnghwe – Die Gäste aus der Einzelausstellung The Broken Umbrella in Bangkok. © Laura Faludi

Es gibt eine Art Spaltung des Bildes im Falle des Gemäldes Brunnen in der Klosterschule St. Agnes. Uns bleibt das Geisterbild dieses Ereignisses. Der Brunnen ist wie eine Falle aufgebaut, in der das Bild befragt wird. Ich interessiere mich dafür, wie sich das Bild zu sich selbst verhält, wie es sich durch den Akt des Machens mit sich selbst in Verbindung bringt. Die Bilder in dieser Ausstellung sind für mich etwas, das aus einem Verlust entstanden ist, aber keine Heilung von diesem Verlust verspricht. Sie sind aus Hegels Konzept der reinen Diskontinuität geboren — Kunst, die ihr Ende erreicht hat oder „eine Sache der Vergangenheit“ ist (G.W.F. Hegel, Ästhetik. Vorlesungen über die Ästhetik, Bd. I, Trans. T. M. Knox. Oxford: Oxford University Press, 1975. S.11).

Ich verstehe, was Sie mit Goya meinen, der am Ende seines Lebens an einem Hörverlust litt. Ich kann das insofern nachvollziehen, als meine Mutter an Demenz erkrankt ist. Ihr Gedächtnisverlust und die Wahnvorstellungen über ihr traumatisches Leben haben sie wieder eingeholt. Das Trauma, das die Menschen in Burma erlitten haben, wird sie wieder heimsuchen. Das ist alles, was bleibt: die geisterhafte, unsichere Erinnerung an die Vergangenheit, der Spuk.

Können Sie sich unter diesen Umständen vorstellen, dass Ihre Werke wieder in Myanmar ausgestellt werden? Wie sieht die Zukunft der dortigen Kunstszene aus?

Solange das Militär an der Macht ist, werden meine Arbeiten dort sicher nicht ausgestellt werden. Schon vor dem Putsch wurde mein Gemälde Myanmar Peace Industrial Complex, Map III bei einer Ausstellung im Sekretariatsgebäude in Rangun zensiert, nicht etwa auf direkten Befehl des Militärs, sondern weil den Verantwortlichen des sponsernden Goethe-Instituts der Mut fehlte, dieses Werk dort zeigen zu lassen. Ich musste mich auch von einer von der EU gesponserten Ausstellung zurückziehen, weil deren Botschafter weiterhin seine Residenz von der Familie des verstorbenen Diktators Ne Win mietet. Meine Entscheidung war auch darauf zurückzuführen, dass der damalige EU-Botschafter, Kristian Schmidt, an einer Veranstaltung für ein von der burmesischen Regierung unterstütztes Unternehmen teilnahm, das versuchte, die Zerstörung von Rohingya-Dörfern im Rakhine-Staat zu vertuschen. Es gibt keine Zukunft in Burma, solange das Militär an der Macht ist.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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1 | 2022, Interviews, Myanmar,
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„Die geisterhafte, unsichere Erinnerung“ – Teil II

Myanmar: Was passiert tatsächlich in Myanmar? Was ist nur ein Gerücht? Welche Quellen sind vertrauenswürdig? Das Land ist nicht nur politisch, sondern auch medial zweigeteilt.

Für viele Menschen im Land herrscht seit dem Militärputsch im Februar 2021 immer weniger Klarheit darüber, ob Nachrichten wahr sind oder nicht. Auf der einen Seite gibt es die vom Militär kontrollierten Staatsmedien, auf der anderen Seite Zeitungen oder Medienunternehmen, die aus dem Untergrund oder dem Ausland im Sinne der demokratisch gewählten, aber entmachteten Regierung berichten.

Die Opposition besteht aus dem National Unity Government, aus der Bewegung des zivilen Ungehorsams und aus der Widerstandsarmee People’s Defense Force. Hinzu kommen ethnische Minderheiten und Milizen, die teils schon seit Jahrzehnten gegen die Zentralregierung kämpfen. Jede dieser Gruppen vertritt eigene Interessen. Dies zeigt auch die vollkommen unterschiedliche Berichterstattung der Staats- und Oppositionsmedien über Gefechte zwischen der Armee und Widerstandsgruppen oder Milizen. Was tatsächlich geschehen ist, ist meist kaum festzustellen.

Mit staatlicher Gewalt gegen freie Informationen

Das Militär setzt bei der Kontrolle des Informationsflusses auf Gesetze, Einschüchterung und Zensur. Seit dem Tag des Putsches ließ die Militärregierung etwa 100 Journalisten verhaften, die zwar zum Teil wieder freigelassen wurden, aber mit Prozessen rechnen müssen. Ihnen wird ein Verstoß gegen den neu eingefügten Abschnitt 505 des Strafgesetzbuchs vorgeworfen, der die Verbreitung von Erklärungen, Gerüchten oder Berichten, die die öffentliche Ordnung gefährden, verbietet. Bei Verstoß drohen bis zu drei Jahre Haft.

Kurz nach dem Putsch blockierte die Militärregierung auch den Zugang zu Sozialen Medien. Später kamen Internet-Shutdowns hinzu. Inzwischen ist das Internet zwar wieder verfügbar, aber viele Seiten sind blockiert und nur durch so genannte VPN-Tunnel und Umgehungssoftware abrufbar. Deren Verbreitung hat seit dem Putsch landesweit deutlich zugenommen. Das ist ein großer Unterschied zur Machtergreifung des Militärs im Jahr 1988. Damals kamen über das Radio nur spärlich Informationen nach Myanmar. Heute sind dank des Internets mehr Informationen zugänglich. Die Herausforderung besteht vor allem darin, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Aktivismus statt Journalismus

Auch die Opposition und die Medien, die sie unterstützen, wollen eine bestimmte Sicht der Dinge durchsetzen. Sie setzen auf soziale Kontrolle und Selbstzensur. Medien, die aus dem Untergrund berichten, können keine neutrale Position beziehen, ohne den Zorn der Opposition auf sich zu ziehen. Statt den selbst gewählten Namen der Militärregierung zu benutzen, State Administrative Council, schreiben sie State Terrorist Council. Menschen würden von Sicherheitskräften nicht „verhaftet“, sondern „entführt“.

Ein Journalist in Myanmar sagte der Deutschen Welle (DW): „Es ist nicht mehr möglich, einen Bericht oder eine Analyse zu schreiben, ohne ein klares Bekenntnis zur Revolution oder zum Militär abzugeben.“ Das Problem sei, dass viele Journalisten deswegen nicht schreiben, was passiert, sondern was die Leute lesen wollen.

Das Land ist nicht nur politisch, sondern auch medial zweigeteilt. Das Militär gibt Medienhäusern, die es wegen Umtriebe verboten hat, keine vermeintlich staatsfeindlicher Interviews. Journalisten, die mit dem National Unity Government (NUG) sprechen, machen sich unter Umständen strafbar, da das NUG vom Militär zu einer terroristischen Organisation erklärt wurde.

Einigermaßen verlässliche Quellen sind internationale Medien wie Channel News Asia, englischsprachige Medienhäuser wie Frontier Myanmar oder The Irrawaddy, die jetzt aus dem Untergrund oder von Thailand aus berichten, oder die BBC, die einen birmanischen Sprachendienst hat.

Mühsames Puzzlespiel

Nach dem Putsch in Myanmar sperrt der Internetgigant Meta sämtliche Facebook Konten mit Verbindungen zum Militär. Das Unternehmen reagierte damit auf die Kritik nicht genügend gegen Desinformation und Hate Speech in Myanmar zu tun.

Wer in Myanmar wissen will, was tatsächlich passiert, muss sowohl die Staats- als auch die Oppositionsmedien lesen und anschließend kleinteilige Informationen aus den Sozialen Medien und lokalen Zeitungen zusammentragen. Das können viele nicht leisten.

Zum einen mangelt es im Land an Medienkompetenz. Vielen fällt es schwer, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden, was auch damit zusammenhängt, dass sich eine einigermaßen funktionierende Presselandschaft erst in den letzten zehn Jahren entwickeln konnte. Zum zweiten sind viele damit beschäftigt, ihr Leben und ihren Alltag unter den Militärs, mitten in einer verheerenden Wirtschaftskrise und dem grassierenden Corona-Virus zu organisieren.

Dieser Artikel erschien zuerst in DW Weltzeit 3/2021, s. 36-39.

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„Die geisterhafte, unsichere Erinnerung“ – Teil II

Myanmar: Das Internet kann demokratische Kräfte mobilisieren helfen. Zugleich ist es Schauplatz für Zensur, Hate Speech und Falschmeldungen. Die Aktivistin Htaike Htaike Aung berichtet, wie sie sich für digitale Rechte und den Schutz der Bevölkerung einsetzt.

südostasien: Bereits zur Zeit der Anfänge des Internets in Myanmar waren Sie Bloggerin. Wie sah der digitale Raum damals aus?

Htaike Htaike Aung: Anfang der 2000er war das Internet teuer. Kaum jemand konnte es sich leisten. Die meisten nutzten es nur am Arbeitsplatz. 2006 trat ich einem Unternehmen bei, das Dienste im Internet, wie Gmail und Blogs, vorstellte. Ich begann, mich mit dem Bloggen zu beschäftigen und stieß auf viele burmesische Blogs, die ich interessant fand. Die meisten Blogs waren sehr persönlich, ein paar hatten aber auch politische oder technische Themen. Ich wollte es selber ausprobieren und bloggte über alltägliche persönliche Erlebnisse. Irgendwann hatten meine Freunde und ich dann die Idee, eine Community für Blogger*innen zu gründen und riefen 2007 die Myanmar Blogging Society ins Leben.

Wie sind Sie von einer Bloggerin zur Aktivistin für digitale Rechte geworden?

Als 2007 die Safran-Revolution begann, spielten Blogger*innen eine wichtige Rolle, da sie schnell Neuigkeiten im Internet verbreiteten. Als das Internet abgeschaltet wurde, war offensichtlich, dass Blogger*innen am Informationsaustausch gehindert werden sollten. Das war der erste politisch motivierte Internet-Shutdown in der Geschichte. Zwar wurde das Internet später wieder hergestellt, aber stark eingeschränkt. Einige Blogger*innen wurden vom Militär verhaftet. Logischerweise versuchten die Blogger*innen die Einschränkungen zu umgehen. Mir ging es genauso, also stieg ich in das Thema digitale Sicherheit ein, lernte, wie man Proxys benutzt, und brachte es anderen bei.

Zunächst ging es also um schnelle Lösungen für einzelnen Nutzer*innen. Welche weiteren Ebenen kamen dazu und warum?

Zu dieser Zeit begannen einige internationale Organisationen in Myanmar, sich mit dem digitalen Raum zu beschäftigen. Als Beraterin für digitale Sicherheit interessierte ich mich immer mehr für Internetfreiheit und digitale Rechte und warum Meinungs- und Informationsfreiheit im Internet eingeschränkt wird. Das führte dazu, dass ich 2012 gemeinsam mit anderen Blogger*innen MIDO (Myanmar ICT for Development Organization) gründete. Zunächst lag unser Fokus auf der Förderung digitaler Bildung. Außerdem wollten wir uns für Menschenrechte und Entwicklungsarbeit im digitalen Raum einsetzen, daher unser Name.

Was waren die größten Herausforderungen?

2013 unterstützte die Weltbank die Regierung unter Thein Sein bei der Ausarbeitung von Gesetzesentwürfen für die Regulierung des Telekommunikationssektors und organisierte offene Beratungsgespräche. Wir sahen die Möglichkeit, uns einzubringen und waren uns sicher, dass keine andere Organisation einen Beitrag leisten würde. Wir sahen uns das Gesetz an und versuchten Verordnungen zu finden, die die Meinungsfreiheit, den Zugang zu Informationen und das Recht auf Privatsphäre einschränkten.

Das war zu der Zeit, als die Ereignisse in Rakhine die Art und Weise, wie Menschen den digitalen Raum betrachteten, grundlegend änderten, richtig?

Es war der Beginn der Rohingya-Krise und viele Menschen gingen wegen der Telekommunikationsrevolution zum ersten Mal online und auf Facebook. Wir alle wissen, was danach geschah. Facebook wurde zur Brutstätte für Extremismus und Hate Speech. Wir wussten, dass wir nicht einfach nur untätig zusehen konnten, also starteten wir zusammen mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren 2014 die Kampagne Panzagar (Blumensprache). Hate Speech wurde in der Öffentlichkeit als Problem erkannt.

Wie sah diese Kampagne genau aus?

Im Burmesischen bedeutet Hate Speech “Amone zagar”, also ist “Panzagar”, Blumensprache, das Gegenteil. Als Kampagnenbild wählten wir eine Person, die eine Blume im Mund hält. Einflussreiche und prominente Persönlichkeiten beteiligten sich, und die Kampagne war sehr erfolgreich. Aber wir wurden auch angegriffen und beschuldigt, von der OIC (Organization of Islamic Cooperation) finanziert zu werden. Tatsächlich war die Kampagne ein guter Anfang. Aber leider adressierte sie nicht die Grundprobleme, die zum Teil von Social Media verursacht worden waren.

Was bedeutet das genau?

Es ist sehr einfach, Hate Speech in den sozialen Netzwerken zu verbreiten. Die bestehenden Maßnahmen, um dagegen vorzugehen, greifen nicht. Es gibt Community-Richtlinien und Meldefunktionen, die kaum jemand nutzt. Und selbst wenn, fällt Hate Speech fast nie unter diese Richtlinien und Beiträge werden nicht entfernt. Das sind Probleme von Social Media. Wir wollten den Unternehmen deutlich machen, wie sie selber zur Verbreitung von Hate Speech beitragen und wie sie sich verbessern können.

Myanmar ist inzwischen zu einem Pionier für progressive Regulierungen durch große Social Media Akteure wie Facebook geworden. Wie haben Sie das geschafft?

Schon 2012 trafen wir Vertreter*innen von Facebook im Rahmen verschiedener Konferenzen. Aber unsere Warnungen, dass Myanmar ein Problem mit Hate Speech auf der Plattform hat, wurden nicht ernst genommen. Als 2014 Falschmeldungen zu dem Aufstand in Mandalay führten, schaltete die Regierung Facebook für einige Tage ab. Daraufhin besuchte das Unternehmen das Land, um Vertreter der Regierung und Zivilgesellschaft zu treffen. Zu dem Zeitpunkt arbeiteten wir noch an unserer Blumenkampagne und sie wollten uns Facebook-Sticker-Packs zur Verfügung stellen. Das war zwar eine reine PR-Sache, aber wir stimmten zu, damit wir später mehr Unterstützung verlangen konnten.

Haben Sie diese Unterstützung auch bekommen?

Gemeinsam mit Facebook haben wir uns mit Meldefunktionen und der Eskalation von Hate Speech beschäftigt, kamen damit aber zunächst nicht sehr weit. Im Grunde erledigten wir kostenlos die Arbeit für sie. Erst 2018, als der Fact-Finding MissionBericht der Vereinten Nationen Facebooks Rolle in der Verbreitung von Gewalt aufzeigte, begannen sich die Dinge zu ändern. Wir schrieben einen offenen Brief an Mark Zuckerberg und forderten mehr Investitionen und tatsächliches Engagement in Myanmar.

Können Sie ein Beispiel für Verbesserungen geben, die Sie erreicht haben?

Wenn man ein Bild mit einer Bildunterschrift auf Facebook postet, aber das Bild nicht gegen die Community-Richtlinien verstößt, schauen sie sich die Bildunterschrift gar nicht erst an. Wenn also jemand ein Bild einer Aktivistin mit der Bildunterschrift „du solltest sie vergewaltigen“ postet, würde Facebook nur das Bild sehen und der Beitrag würde im Netz bleiben. Wir würden das dem Richtlinien-Team melden, die es wiederum an die Content-Moderator*innen weiterleiten. Dann erst würde es entfernt. Das ist kein gutes System. Niemand hat die Zeit, alles zu melden, und es ist auch nicht unsere Aufgabe. Der Bericht der Fact Finding Mission hat das geändert. Endlich kamen wir in Kontakt mit den richtigen Ansprechpartnern, das Unternehmen investierte mehr in Myanmar und hat jetzt auch ein auf das Land spezialisiertes Team. Als wir das erste Mal mit Facebook in Kontakt traten, gab es nur einen einzigen Content Moderator.

Es gibt immer noch Themen, denen sie zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Zum Beispiel der konsequente Ausschluss von gesperrten Usern, Clickbait-Monetarisierung oder Falschinformationen. Es gibt also noch viel zu tun.

Während Sie mit Social Media Giganten kämpften, arbeiteten Sie mit der Bevölkerung daran, Plattformen bewusster zu nutzen. Auf welche Schwierigkeiten sind Sie dabei gestoßen?

Nach dem Erfolg der Blumensprache-Kampagne folgten andere Akteure mit ähnlichen Kampagnen gegen Hate Speech. Daher richteten wir unsere Aufmerksamkeit stärker auf Falschmeldungen. Wir beobachteten die sozialen Medien und begannen, Muster und Strategien zu erkennen, die zum Beispiel pro-militärische Netzwerke oder der buddhistische Bamar-Nationalist Ma Ba Tha zur Verbreitung von Falschmeldungen nutzten.

Wie haben sie diese Strategien entlarvt?

Auf Facebook fanden wir viele Bilder über Myanmar, die aus anderen Ländern stammten und mit einem Myanmar-Narrativ versehen waren. Wir fanden heraus, woher diese Bilder stammten. So wurde die Faktencheck-Webseite Real or Not gegründet. Mittlerweile haben wir eine IFCN- Zertifizierung des International Fact-Checking Network und sind Teil des Third-Party Fact-Checking Programms von Facebook geworden. Wir waren die erste Organisation in Myanmar, die eine solche Qualifikation erworben hat. Leider wurde die Seite nach dem Putsch stillgelegt.

2021 ist nicht mit 1988 und nicht mit 2007 vergleichbar. Aktivismus spielt im digitalen Raum seitdem eine viel stärkere Rolle. Was hat sich zu Zeiten des Putsches von 2021 durch diese Rolle verändert?

Nach dem Putsch war der digitale Raum eine Domäne, in der wir weiter unser Recht auf freie Meinungsäußerung und Mobilisierung ausüben konnten. Das war 1988, als alle offline waren, viel schwieriger. Andererseits bietet er auch mehr Möglichkeiten für Einschränkungen und Überwachung, die schwer zu entschärfen sind. Ein Lichtblick ist, dass die Menschen technisch versierter und sich ihrer digitalen Rechte bewusster geworden sind.

Fast sofort reagierte das SAC (State Administration Council, die derzeitige Militärregierung) mit einer Einschränkung des digitalen Raumes – was Sie als „digitalen Coup“ bezeichnet haben. Gab es eine durchdachte Strategie seitens des Militärs, den Widerstand auf diese Weise zu bekämpfen?

Ich glaube nicht, dass die Junta anfangs eine Strategie hatte. Aber sie versuchte, mit allen Mitteln, diesen Raum zu begrenzen. Am Tag des Putsches wurde das Internet vollständig abgeschaltet. Es gab Online-Sperrstunden und Blacklists. Das passt in ein Muster, kam aber ziemlich ad hoc. Sie versuchte Gesetze zu erlassen, zuerst einen überraschend frühen Entwurf eines Cyber-Sicherheitsgesetzes. Außerdem waren die Telekommunikationsanbieter mit starken Einschränkungen konfrontiert und wurden unter Druck gesetzt, Informationen über die Nutzer*innen bereitzustellen, was zum Ausstieg von Telenor führte. Dazu kommt ein Anstieg der Datenpreise von aktuell bis zu 60 Prozent. Wenn man Erschwinglichkeit und Zugänglichkeit erschwert, kann man Menschen offline halten.

Wie wirkt sich das auf aktuelle Möglichkeiten des Aktivismus aus?

Sehr stark, denn die Menschen beziehen ihre Informationen fast ausschließlich online. Wir sehen immer mehr örtliche Internet-Shutdowns in Konfliktgebieten. Mit neuen Gesetze sind Mobiltelefone leichter zu identifizieren, zum Beispiel durch verpflichtende Registrierungen von SIM Karte und IMEI Nummer (International Mobile Equipment Identity), über die das Gerät identifiziert werden kann. VPNs (Virtual Private Network), die notwendig sind, um Einschränkungen im Netz umgehen zu können, wurden verboten. Ganz zu schweigen vom Mangel an verantwortungsbewussten und transparenten Telekommunikationsunternehmen.

Was können Sie unter diesen Umständen noch tun?

Wir versuchen, zu recherchieren und weiter eine Rechenschaftspflicht der Plattformen einzufordern. Nur weil die Plattformen offizielle Beziehungen zur Regierung abgebrochen haben, bedeutet das nicht, dass sie nicht zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Auf Telegram haben wir Kanäle dokumentiert, in denen Kopfgelder ausgeschrieben werden. Aktivist*innen, Journalist*innen und Mitglieder der NLD (Nationale Liga für Demokratie, Partei von Aung San Suu Kyi) sollen so gezielt getötet, verletzt oder verhaftet werden. Private Informationen wie Telefonnummern oder Bilder werden ebenfalls geteilt. So etwas bewahren wir als Beweismittel auf: Erstens um die Betreiber der Plattformen selbst darauf aufmerksam zu machen und zweitens für rechtliche Institutionen wie den Internationalen Gerichtshof oder das IIMM (Independent Investigative Mechanism for Myanmar). Vor einer Weile posteten Soldaten und Polizisten noch Videos auf TikTok, aber sie verschwanden, als das Unternehmen strengere Richtlinien einführte. Als wir später nach Hashtags wie „Army“ suchten, fanden wir nur Videos der K-Pop-Gruppe BTS, weil ihre Fanbase „Army“ genannt wird. Mir wäre viel lieber, wenn diese ‚Army‘ das Land übernehmen würde.

Das Interview führte Laura Faludi

Übersetzung aus dem Englischen von: Verena Wittrock

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„Die geisterhafte, unsichere Erinnerung“ – Teil II

Myanmar: Viele Aktivist*innen setzen sich auf Facebook für ein Ende des Konfliktes um die Rohingya ein. Gleichzeitig wird die Plattform beschuldigt, wesentlich zur Eskalation der Lage beigetragen zu haben.

Facebook wegen Rohingya-Genozid verklagt“, „A genocide incited on Facebook„, „UNO: Facebook trägt Mitschuld am möglichen Genozid in Myanmar“: So lauten die ersten drei Treffer einer Google-Suche mit den Stichworten „Facebook“ und „Genozid“. Das eskalierende Potenzial der Inhalte sozialer Medien im Konflikt um die muslimische Minderheit Rohingya hat in den vergangenen Jahren viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Facebook selbst hat zugegeben, dass es zu wenig unternommen hat, um Desinformationen und Hass auf der Plattform zu stoppen und damit der Gewalt zwischen den Bevölkerungsgruppen in Myanmars Rakhine-Staat etwas entgegenzusetzen.

Wissenschaftlich gilt als gut erforscht, wie soziale Medien Konflikte befeuern können, zum Beispiel durch Propaganda oder Desinformationen. Im Fall des Konfliktes um die Rohingya haben das Militär und extremistische buddhistische Gruppen gezielte Desinformationskampagnen auf Facebook durchgeführt und systematisch tausende islamfeindliche Postings und Kommentare veröffentlicht. Dazu zählen zum Beispiel falsche Berichte über Angriffe von Muslim*innen auf Buddhist*innen.

Sehr viel weniger wird jedoch darüber geforscht, ob die Social-Media-Plattformen Konflikte auch deeskalieren und ein friedliches Zusammenleben fördern können.

Soziale Medien als praktische Kommunikationskanäle

Soziale Medien werden im Konflikt um die Rohingya längst auch im Kontext von Antidiskriminierungsbemühungen genutzt. Aktivist*innen, Journalist*innen, NGO-Mitarbeiter*innen und Mitarbeiter*innen von Medienentwicklungsorganisationen setzen sich online für ein friedliches Zusammenleben ein:

„Das ist, was ich erreichen möchte: Etwas gegen den Konflikt tun und darüber hinaus eine Kultur des Friedens aufbauen, vor allem im immer wichtiger werdenden Raum der sozialen Medien.“ (Sanda, Pseudonym einer NGO-Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte)

Die Gründe, die zivilgesellschaftliche Akteur*innen für ihren Einsatz auf Facebook und anderen Plattformen nennen, ähneln denen, weshalb die Netzwerke generell so wichtig im Alltag von vielen Menschen geworden sind. Sie sind praktisch. Mithilfe von Facebook lässt sich eine potenziell große Zahl an Menschen erreichen und man kann von fast jedem Ort der Welt aus kommunizieren. Für viele Aktivist*innen ist dieser Punkt sehr wichtig, da sie Myanmar aufgrund des Militärputsches im Februar 2021 verlassen mussten:

„Während der Revolution musste ich aus Myanmar fliehen. Sechs Monate lang habe ich im Dschungel gelebt, jetzt bin ich in Thailand. Facebook und die anderen Social-Media-Plattformen sind der einzige Weg für mich, um mit den Menschen in Myanmar zu kommunizieren.“ (Thet Swe Win, Aktivist)

Digitale Aufklärung und Einsatz gegen Hate Speech

Die Covid-19-Pandemie hat die Verlegung zahlreicher Aktivitäten ins Digitale beschleunigt. Ein weiterer Grund für den Einsatz sozialer Medien ist, dass sie unkompliziert und mit geringem Aufwand bedienbar sind. Dies eröffnet den Netzwerken den Aktivist*innen viele verschiedene Möglichkeiten, sich für Frieden in Rakhine, der Region im Westen Myanmars, in der der Konflikt vor allem stattfindet, einzusetzen. Sie führen zum Beispiel Social-Media-Kampagnen durch, die für eine respektvolle Sprache im Netz sensibilisieren sollen:

„Wir haben die Menschen darum gebeten, Fotos von sich zu posten mit dem Versprechen, anderen Menschen nicht mit ihren Worten zu schaden. Dazu sollten sie ihre Freunde verlinken und sie auffordern, dasselbe zu tun. Auf diese Weise wurde die Kampagne immer weiterverbreitet.“ (Sanda)

Andere Aktivist*innen führen Fakten-Checks durch, um Desinformationen aufzudecken. Das Medienunternehmen von Journalist Aung Marm Oo hat beispielsweise Reporter*innen in verschiedenen Regionen des Konfliktgebiets stationiert, um Fakten vor Ort prüfen zu lassen:

„Wir verifizieren die Nachrichten, ob sie wahr sind und ob die Quellen vertrauenswürdig sind. Danach schreiben wir einen Bericht und veröffentlichen ihn in den sozialen Medien.“ (Aung Marm Oo, Journalist)

„Wir entwickeln eine Datenbank mit verschiedenen Social- Media- Seiten. Diese Seiten schauen wir uns jeden Tag an, ob dort jemand Hate Speech gegen eine der Konfliktparteien gepostet hat. Wir beobachten, wie viel Reichweite diese Postings bekommen und melden sie bei Facebook.“ (Thiri, Pseudonym einer NGO-Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte)

Risiken und Schwächen des Online-Aktivismus

Kann dieses virtuelle Engagement einen positiven Effekt auf den realen Konflikt haben? Tatsache ist, dass die Friedensaktivist*innen sich mit ihrem Tun selbst der Gewalt des Konflikts aussetzen. Alle berichten von Beleidigungen und Drohungen, die sie online infolge ihres Engagements erhalten. Fast alle von der Autor*in für diesen Artikel befragten Akteur*innen geben an, sich durch diese Drohungen stark belastet zu fühlen.

„Es findet sehr viel Mobbing statt. Die Atmosphäre in den sozialen Medien ist sehr giftig. Sie schadet unserer mentalen Gesundheit.“ (Thiri)

Dass die Akteur*innen ihre Arbeit trotzdem weiterführen, zeigt, dass sie an eine positive Wirkung glauben. Dennoch ziehen einige Akteur*innen Aktivitäten in der’echten‘ Welt dem Online-Engagement vor. Eine NGO-Mitarbeiterin, die sich in Rakhine dafür einsetzt, Mitglieder verschiedener Bevölkerungsgruppen zusammenzubringen, beschreibt den Unterschied von Online-Programmen und persönlichen Treffen:

„Bei den persönlichen Treffen lernen wir uns gegenseitig besser kennen und das erhöht das Vertrauen innerhalb der Gruppe. Wenn wir die gleichen Aktivitäten online abhalten, sind die Erfahrungen weniger intensiv.“ (Thiri)

Auch der Aktivist Thet Swe Win, der sowohl Social-Media-Kampagnen durchführt, als auch persönliche Protestaktionen organisiert, möchte auf den Austausch in der ‚echten‘ Welt nicht verzichten:

Sind die Friedensbemühungen in den sozialen Medien also eher ein ‚Aktivismus zweiter Klasse‘? Ein Aktivismus, auf den höchstens zurückgegriffen werden sollte, wenn persönliche Zusammenkünfte gerade nicht möglich sind? Sanda widerspricht:

„Wir können die sozialen Medien in unserer Arbeit nicht außen vor lassen, weil sie so ein wichtiger Teil im Leben vieler Menschen geworden sind. Facebook ist der ‚Ort‘, an dem sie sich informieren, wo sie für Unterhaltung und persönliche Kommunikation ‚hingehen‘. Wir können diesen ‚Ort‘ nicht ignorieren.“ (Sanda)

Aktivist*innen sind online ‚auf sich gestellt‘

Gerade in Myanmar, wo Facebook zum wichtigsten Medium geworden sei, so Sanda, dürfe dieser Raum nicht den Menschen überlassen werden, die Konflikte weiter anheizen. Es geht bei der Friedensarbeit in den sozialen Medien also auch darum, öffentlichen Raum zu ‚besetzen‘, ihn im Sinne eines gewaltfreien Zusammenlebens einzunehmen. Dass diese Aufgabe von Unternehmen wie Facebook weiterhin zu einem großen Teil auf lokale Aktivist*innen abgewälzt wird, die sich einem hohen Maß an Hass und verbaler Gewalt aussetzen müssen, ist ein Skandal. Es zeigt, dass das Unternehmen trotz öffentlicher Zugeständnisse im Zusammenhang mit dem Konflikt um die Rohingya noch einen weiten Weg vor sich hat.

Die Vorstellung, dass soziale Medien ausschließlich zu einer Eskalation des Konfliktes beitragen, ist dennoch falsch. Ihr Einsatz im Friedensprozess stößt aber an Grenzen, hinter denen die Akteur*innen nicht vor dem hohen Maß an persönlichen Bedrohungen und Hate Speech geschützt werden können. Außerdem können Social Media-Plattformen nur ein Teil der Lösung eines jahrhundertealten, hochkomplexen Konflikts sein. Die persönliche Kommunikation, außerhalb der virtuellen Welt, bleibt auch für die Social-Media-Aktivist*innen ein zentraler Bestandteil im Friedensprozess.

Zitate übersetzt aus dem Englischen von: Teresa Bechtold

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Südostasien: Wie Wirtschaftsinteressen und unternehmerisches Engagement des Militärs die Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung gefährden.

Das Militär ist eine Schöpfung und ein Instrument des Staates, um seine Autorität durchzusetzen. Aber was passiert, wenn das Militär zu einem Unternehmenskonglomerat wird und sich vor allem für Profit und Privilegien interessiert?

Wie in den Fällen von Myanmar, Thailand und den Philippinen ersichtlich ist, ähnelt das Militär, das sein eigenes Geld verdient, mehr und mehr einem Staat im Staate und ist gegenüber der Autorität demokratisch gewählter Parlamente zunehmend resistent. Die Demokratie wird untergraben; es entstehen Zweckbeziehungen mit einheimischen Plutokratien; Korruption im Beschaffungswesen herrscht vor; und der crony-Kapitalismus verfestigt sich.

Thailand: Boom der Milliardäre

In Thailand, der zweitgrößten Volkswirtschaft Südostasiens, führen Generäle den ‚Milliardärsboom‘ an, der es zum Land mit der größten Ungleichheit in der Region gemacht hat. [Der Terminus ‘Billionaire Boom’ stammt aus einem im November 2021 von Nikkei Asia veröffentlichten Bericht des Korrespondenten Marwaan Macan-Marker]

Das durchschnittliche monatliche Haushaltseinkommen liegt bei rund 22.000 Baht (588 €). Doch die 40 reichsten Personen Thailands – darunter junge, relativ unbekannte Magnaten, die in Militärfamilien geboren wurden – haben ein Vermögen von 151,7 Milliarden US-Dollar oder 28 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein Prozent der Menschen kontrollieren 67 Prozent des Reichtums des Landes. [Eine umfassende Darstellung dieser Ungleichheiten findet sich bei Phongpaichit and Baker (2016), Unequal Thailand: Aspects of Income, Wealth, and Power, National University of Singapore Press]

Myanmar: Waffenstillstandskapitalismus

Nach dem Waffenstillstand von 1989-1994 begannen Militäreinheiten, die in von Aufständen betroffene, rohstoffreiche Grenzgebiete zu China entsandt worden waren, Geschäftsabschlüsse (Holzeinschlag, Gummiplantagen, Bau, Wohnungsbau usw.) mit privaten, meist chinesischen Unternehmen, die der Myanmar-Kenner Kevin Woods „Waffenstillstandskapitalismus“ nannte.

Um Geschäfte zu machen, benötigte das Militär jedoch oft eine juristische Person – ein eingetragenes Unternehmen, das befugt war, Verträge abzuschließen, Bankkonten zu eröffnen, Mitarbeiter einzustellen oder Kreditbriefe auszustellen. Daher gründeten Generäle im April 1990 ein Unternehmen, das inzwischen in Myanmar Economic Holdings Limited (MEHL) umbenannt wurde und zur Kapitalbeschaffung zur Ausgabe von 20 Millionen Aktien ermächtigt wurde.

Bis zum 31. März 2002 hatte MEHL 11.235.497 Aktien im Besitz von 27.743 Militärangehörigen und 1371 institutionellen Aktionären, darunter das Verteidigungsministerium, die zwölf regionalen Kommandos, Bataillone und Organisationen von Veteranen. MEHL besaß 16 hundertprozentige Tochterunternehmen, die in den Bereichen Bergbau, Zementproduktion, Bankwesen, Tourismus und Transportdienstleistungen tätig waren, beteiligte sich außerdem an 22 Joint Ventures mit ausländischen Unternehmen und verpachtete Land an elf andere Firmen. [Die englische Übersetzung des Jahresberichts von MEHL März 2002 ist zugänglich: Online Burma/Myanmar Library]

Philippinen: Militarisierte Bürokratie

Der Verlauf des Militärkapitalismus auf den Philippinen ist ganz anders, obwohl der Militärapparat in ähnlicher Weise zunehmend zu einer Macht an sich wurde. Er hat nicht weniger Kontrolle über die Hebel in einer zunehmend ‚militarisierten Bürokratie‘, die Zugang zur Anhäufung von Reichtum bieten. Aktive oder pensionierte Militäroffiziere werden routinemäßig in die Vorstände staatseigener und staatlich kontrollierter Unternehmen berufen. Politiker, die bestrebt sind, deren Gunst zu gewinnen, geben Offizieren Zugriff zu Spitzenposten in der Bürokratie, insbesondere in Ämter mit Regulierungsbefugnissen über wirtschaftliche Transaktionen.

Weitere Einzelheiten zu den Fallbeispielen Thailand, Myanmar und Philippinen sind hier zu finden:

Regionaler Trend zu Khaki-Kapital

Der Trend einer Militär GmbH, KG oder AG hat sich in Südostasien so weit verbreitet, dass der Begriff Khaki-Kapital erfunden wurde, um die „wirtschaftlichen Vermögenswerte von Sicherheitskräften“ zu bezeichnen. Es ist ein Trend, der auch in Indonesien, Laos, Kambodscha und Vietnam zu beobachten ist, wenn auch mit anderen Merkmalen. Er führt zu Khaki-Kommerz oder formellen und informellen Formen des Militärkapitalismus.

Daher lässt sich fragen: Könnte die aktive Existenz des Militärs in der Geschäftswelt einer der Gründe sein, weshalb Südostasien nicht auf dem richtigen Weg ist, bis 2030 irgendeines der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG) zu erreichen, wie von der Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien und den Pazifik der Vereinten Nationen (Economic and Social Commission for Asia and the Pacific, ESCAP) vorhergesagt?

Geschäftsinteressen und Vermögenswerte

Ein Militär, das Profite und Privilegien kontrolliert, hat ernsthafte Auswirkungen. Der Putsch in Myanmar im Februar 2021 zum Beispiel scheint durch Schritte im von der nichtmilitärischen National League for Democracy dominierten Parlament ausgelöst worden zu sein, die Kontrolle über die Vermögenswerte und Geschäfte des Militärs wieder an die Regierung zu übertragen. Obwohl Myanmars Verfassung von 2008 25 Prozent der Sitze im Parlament dem Militär zusichert, starteten die Generäle offenbar lieber einen Putsch, anstatt zu riskieren, dass Politiker die Kontrolle über ihre riesigen Geschäftsinteressen und wirtschaftlichen Vermögenswerte übernehmen.

In Thailand endete 2006 der Versuch des damaligen Premierministers Thaksin Shinawatra, Militärunternehmen zu privatisieren, mit einem Militärputsch, der seine Regierung stürzte. In den Philippinen tun Präsidenten, die das Militär ignorieren oder herausfordern, dies ebenfalls auf eigene Gefahr, wodurch die Zivilregierung ständig von einer Beschwichtigung des militärischen Establishments abhängig ist.

Es hat sich auch gezeigt, dass Unternehmen in Militärbesitz nicht nur Finanzierung und Gewinne, sondern auch politische Deckung bieten. Beispielsweise wurde bei der Vertreibung muslimischer Rohingya aus dem Bundesstaat Rakhine in Myanmar im August 2017 festgestellt, dass 45 ausländische Unternehmen mit kommerziellen Verbindungen zur bereits genannten, von Generälen gegründeten Myanmar Economic Holdings Limited (MEHL) und zur Myanmar Economic Corporation (MEC) dem Militär ‚Entwicklungsprojekte‘ im Wert von 6,15 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt haben, um die ethnischen Säuberungen zu legitimieren. Eine Untersuchung der Vereinten Nationen zu den Gräueltaten bezeichnete diese Projekte als Aktivitäten, „die möglicherweise einen direkten Beitrag zur Begehung von Verbrechen nach internationalem Recht geleistet haben“, und empfahl eine strafrechtliche Untersuchung von MEHL und MEC. US-Sanktionen, die 2016 nach der Demokratisierung Myanmars aufgehoben wurden, wurden seitdem wieder verhängt, insbesondere gegen MEHL und MEC (siehe Box zu Myanmar).

Entpolitisierung oder Politisierung des Militärs?

In Südostasien sind in einem historischen Prozess, der viele Jahre gedauert hat, Militärs zu Bossen von Geschäftsabschlüssen und Empfänger von Privilegien geworden – und gleichzeitig zu Befehlshabern staatlich autorisierter Gewalt. Dieser Prozess wirkt sich eindeutig nicht nur auf demokratische Prozesse, sondern auch auf die Qualität der Entwicklung und das Wirtschaftswachstum in diesen Ländern aus. Ein Schlüsselindikator ist der Rückstand Südostasiens bei der Erreichung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung bis 2030.

Der Trend zur Militär GmbH muss genau beobachtet und zum Thema weiterer Forschung gemacht werden, um Wege zu finden, das Problem anzugehen. Folgt man der Argumentation des angesehenen philippinischen Politikwissenschaftlers Francisco Nemenzo Jr., dass diese Militärs nicht mehr entpolitisiert werden können, lautet die Forschungsfrage: Wie könnten diese politisch unternehmerisch tätigen Militärs wieder so politisiert werden, dass sie sich an demokratischen Institutionen und Traditionen ausrichten?

Aus dem Englischen übersetzt von: Jörg Schwieger

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1 | 2022, Interviews, Myanmar,
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„Die geisterhafte, unsichere Erinnerung“ – Teil II

Myanmar: Hla ist Rakhine Buddhistin und Nyo Nyo ist Muslim Rohingya. Im konfliktreichen Rakhine-Staat von Myanmar versuchen sie, friedlich miteinander zu leben und Leben zu retten. Wie das geht, zeigt der Dokumentarfilm „Midwives“.

Hla ist die Inhaberin einer einfachen Klinik. Es ist der einzige Ort in ihrer Umgebung, wo verfolgte muslimische Rohingya noch medizinische Behandlung erhalten können. Nyo Nyo ist Übersetzerin, Assistentin und Hebamme in Ausbildung, die die Öffnung ihrer eigenen Klinik anstrebt. Der Dokumentarfilm Midwives stellt die komplexe und besondere Beziehung dieser zwei Frauen dar. Midwives wurde 2022 auf dem Sundance Film Festival mit dem Special Jury Award: Excellence In Verité Filmmaking ausgezeichnet. In der Kategorie Dokumentarfilm zählt er zur Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis 2023.

Ungenaue Rahmung des komplexen Konfliktes

Bis Midwives (Hebammen) auf die Leinwand kam, vergingen Jahre. Schon bei der Gewalteskalation 2012 begann Regisseurin Snow Hnin Ei Hlaing der Frage nachzugehen, wie das einst friedliche Zusammenleben zwischen den buddhistischen Rakhine und der muslimischen Bevölkerung, an das sie sich aus ihrer Kindheit erinnerte, derart durch Gewalttaten zerstört werden konnte.

2016 war sie gerade in ihre Heimat zurückgekehrt, als eine neue Welle von Militärgewalt (so genannte ‚Säuberungsaktionen‘) mit der Unterstützung von den Rakhine ausgelöst wurde. Tausende von Rohingya wurden getötet oder ins angrenzende Bangladesch verjagt. Jene Rohingya, die geblieben sind, leben bis heute unter menschenunwürdigen Bedingungen isoliert in Vertriebenencamps.

Die Dreharbeiten zum Film wurden durch den Konflikt zwischen der Rakhine-nationalistische Arakan Army (AA) und der burmesische Armee/NLD-Regierung ab 2018 weiterhin verkompliziert. Die schweren Kämpfe hörten nur während des Militärputsches 2021 temporär auf. Aufgrund dieser Entwicklungen brauchte Snow Hnin Ei Hlaing sechs Jahre, um den Film fertig zu stellen.

Trotz des Anspruchs von der Regisseurin und dem Film, diese Komplexität herzustellen und den Ursprung des Konfliktes zu verstehen, bleibt die Rahmung ungenau. Gezeigt werden die bekannten Archiv-Bilder über der Flucht der Rohingya, dieses Mal mit persönlichen Erzählungen von Nyo Nyo ergänzt. Zu sehen sind außerdem die Rakhine Demos, deren Teilnehmer*innen die Vertreibung der Muslime aus ihrem Land fordern.

Nicht erklärt werden die Wahl des Drehortes und die immer wiederkehrenden Luftaufnahmen von den Tempelanlagen in Mrauk-U, der ehemaligen Hauptstadt des mächtigen Rakhine Königreichs. Diese Stadt ist nicht nur die Quelle enormen Stolzes für die lokale Bevölkerung sondern auch eine Gedenkstätte aus einer Zeit des Multikulturalismus und der Religionsfreiheit. Zufälligerweise (oder nicht), ist sie auch der Ort der heftigsten Kampfhandlungen zwischen der AA und der Regierung.

Zwei Frauen – zwei Welten

Letztendlich findet dieser Konflikt doch noch seinen Weg ins Narrativ: Aufnahmen der leeren Klinik folgen grobkörnige Bilder von Panzern und Kampfjets. Die größeren Zusammenhänge scheinen erst nach dem Militärputsch und nur Nyo Nyo klar geworden zu sein: die Verantwortung des Militärs, das die Kämpfe zwischen den Gruppen provoziert hat. Hla will unter diesen Umständen ihr Leben weiterzuführen, als sei nichts geschehen. Ihrer Assistentin Nyo Nyo ist diese luxuriöse Option nicht gegeben.

Ihr geschärftes politisches Bewusstsein ist ein Merkmal der krassen Unterschiede zwischen den Parallelwelten, die diese zwei Frauen bewohnen. Hla und ihr Mann ermutigen Nyo Nyo nach Yangon zu fahren, um dort weiter zu studieren. Sie kann aber ohne Personalausweis den Staat nicht verlassen und die Genehmigung ist schwer zu erhalten. Als sie endlich die Entscheidung trifft, zu gehen, ist sie schwanger und bleibt dadurch gebunden.

Trotzdem arbeitet sie unermüdlich für ihre Gemeinde. Mit ihrem Mann etabliert sie eine Schule, wo die aus der staatlichen Bildung ausgeschlossenen Rohingya-Kinder Burmesisch und Arakanesisch lernen können. Nyo Nyo ist auch Teil einer Spargruppe von Frauen, die ihr hilft, ihre eigene Klinik zu eröffnen. Zunächst wertet Hla diesen Versuch als Zeichen von Gier, anstatt als Ausdruck des mutigen Bemühens von Nyo Nyo, ihrer Familie und ihrem Dorf zu helfen. Hla sieht auch nicht, wie sie selbst, wenn auch in ihren Augen mit den besten Absichten, zum bestehenden Macht-System beiträgt.

Koexistenz von ‚Freundschaft‘ und Rassismus

Was der Film sehr deutlich zeigt, aber relativ unkommentiert lässt, ist der Alltagsrassismus Muslimen gegenüber, der die Mobilisierung der Rakhine-Bevölkerung zur Massengewalt erst ermöglicht hat. In den Augen der Rakhine- Demonstrierenden gilt die Familie von Hla als „Unterstützer der Muslime“ und deswegen als potenzielles Angriffsziel für die Nationalisten. Allmählich wird jedoch sichtbar, dass die Realität viel komplexer ist.

Obwohl der Mann von Hla meistens im Hintergrund bleibt, geht etwas Bedrohliches von ihm aus. In einer Szene erklärt er, dass er Nyo Nyo nicht erlaubt, buddhistische Patientinnen zu behandeln. Sie haben ohnehin nur drei buddhistische Patientinnen, der Rest sind „die Anderen“. In einer anderen Szene sitzt er entspannt in seinem Wohnzimmer und hört Rakhine-nationalistische Lieder („Sie konsumieren unser Fleisch und Blut/Sie nehmen uns alles weg“) und Hassreden im Radio an.

Irgendwann rastet Nyo Nyo aus, weil sie es nicht mehr aushalten kann. Sogar Hla beleidigt und beschimpft ihre Kollegin ständig, ihr Kommentar enthält oft einen rassistischen Ton. Das Wort „Kalar“ kommt häufig vor, ein Synonym für Fremdheit und Rückständigkeit.

Trotz des Machtungleichgewichts entwickelt sich eine Art ‚Freundschaft‘ zwischen den zwei Frauen. Auch wenn sie ihre Fähigkeiten kritisiert, vertraut Hla nur Nyo Nyo die Pflege ihrer kränklichen Mutter an. Sie und ihr Mann unterstützen die Rohingya-Gemeinde mit ad hoc Geschäften, auch nachdem die Klinik zumachen muss.

Als Hla Nyo Nyos kleines Behandlungszimmer betritt, verwandeln sich ihre Vorbehalte gegenüber der Selbständigkeit ihrer ehemaligen Assistentin schnell in Stolz. Bald posieren die beiden für Selfies „Gib mir einen Kuss, als ob Du mich liebst“ – ruft Hla. ‚Tu so als ob, bis du es kannst‘, scheint die Botschaft zu sein. Nur durch Zusammenleben, auch wenn es schwer und unbehaglich ist, kommen wir einem gegenseitigen Verständnis näher, das zu Akzeptanz und damit auch zu Frieden führen kann.

Rezension zu Midwives, Ein Dokumentarfilm von Snow Hnin El Hlaing, Myanmar, Kanada, Deutschland 2022, Laufzeit: 91 Minuten

Kinostart in Deutschland am 26. Januar 2023 (OmdUT), hier geht’s zum Trailer

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1 | 2022, Interviews, Myanmar,
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„Die geisterhafte, unsichere Erinnerung“ – Teil II

In Myanmar lautet ein Sprichwort: „Sport und Politik haben nichts miteinander zu tun“. Doch der Protest gegen die Militärjunta nach dem Putsch vom 1. Februar 2021 ist auch beim Fußball präsent. Viele Spieler zogen sich seitdem zurück.

„In Myanmar ist Fußball der Sport, den das ganze Land unterstützt. Sogar meine fast 70 Jahre alte Mutter sieht sich die Weltmeisterschaft an. Man könnte sagen, dass wir uns für nichts anderes interessieren als für Fußball“, so schildert es Sportkolumnist Ko Moe. Fußball ist in Myanmar durch alle Gesellschaftsschichten hindurch beliebt.

Als sich der ehemalige Fußballnationalspieler Ko Kha Yan nach dem Putsch der Junta von General Min Aung Hlaing erstmals entschloss, sich den Protesten anzuschließen, machte das landesweit Schlagzeilen. Später trat er aus der Nationalmannschaft zurück und streikte. Er spielte auch nicht mehr in der Myanmar National League (MNL). „Jeder Profisportler hat den ultimativen Traum, sein Land zu vertreten. Es ist aber beschämend, unser Land zu repräsentieren, während unser Volk stirbt und das Land in der Dunkelheit liegt. Wenn wir an internationalen Spielen teilnehmen und dort spielen, wird die ganze Welt denken, alles sei normal und nichts wird sich ändern.“

Boykott der Nationalmannschaft

Ko Kha Yan hat sich inzwischen vom Fußball verabschiedet und arbeitet im Familienunternehmen mit. Einige Spieler haben sich dafür entschieden, Myanmar zu verlassen und spielen nun in Thailand, Malaysia und Singapur. Andere wiederum schlossen sich wieder ihren lokalen Vereinen in Myanmar an. Ein Spieler der Mannschaft Yangon United sagt dazu, er habe sich für die Rückkehr entschieden, weil er nichts anderes tun könne, als Fußball zu spielen.

Für manche gab es noch gravierendere Folgen. Chan Bo Bo Nyein, 21, Kapitän der Jugendmannschaft von Hantharwady, wurde am 27. März 2021 bei Demonstrationen in Insein, Yangon, vom Militär erschossen. Der Fußballverband Myanmars (MFF) gab eine Erklärung ab, um sein Beileid auszudrücken, ließ die Todesursache jedoch unkommentiert.

Der erste internationale Auftritt der myanmarischen Fußballnationalmannschaft nach dem Putsch von 2021 war bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Das Team verlor das erste Spiel gegen Japan mit 0:10 — dem schlechtesten Ergebnis in der Geschichte der Mannschaft. Viele Spieler hatten die Teilnahme aus Protest gegen die Junta verweigert. „Es ist logisch, dass das schlechteste Ergebnis in der Geschichte des myanmarischen Fußballs zustande kommt, wenn die einzigen teilnehmenden Spieler solche sind, die den Diktator wie ihren Vater sehen. Es waren unqualifizierte Leute, die die Gelegenheit nutzten, während das Land in Trümmern lag und Unordnung herrschte“, sagt Ko Kha Yan.

Auch die Fans scheinen die Nationalmannschaft im Stich zu lassen. Die Mehrheit der Bevölkerung boykottiert alle Auftritte der Mannschaft, ob im In- oder Ausland. Seit dem Putsch hat Myanmars Nationalmannschaft 21 Länderspiele bestritten — und nur eines davon gewonnen. Während sie im Dezember 2020 noch auf Platz 137 der FIFA-Weltrangliste stand, fiel sie bis zum 22. Dezember 2022 auf Platz 159 zurück.

Bewunderung für Messi und Ronaldo

Die Abwendung vom nationalen Fußball bedeutet jedoch nicht, dass das Interesse am Fußball gänzlich erloschen ist. In Myanmar gibt es eine ausgeprägte Kultur der Unterstützung von Fußballmannschaften im Ausland. „Obwohl sich die Nationalmannschaft von Myanmar nie für die Weltmeisterschaft qualifiziert hat, haben wir Mannschaften, die wir bei der Weltmeisterschaft unterstützen. Argentinien und England sind in diesem Jahr die am meisten unterstützten Teams“, sagt Ko Moe im Vorfeld der Fußball-WM 2022.

Ko Ye Soe, ein Fan Argentiniens, der die Mannschaft seit mehr als zwei Jahrzehnten verfolgt, sagt: „Es geht nicht darum, dass wir Argentinien lieben oder dass wir Frankreich hassen. Es geht vor allem darum, dass wir den WM-Titel für Messi wollen. Wir wollen ihn, bevor er als bester Spieler der Geschichte in Rente geht. Jetzt ist unser Traum wahr geworden. Er hat die Weltmeisterschaft gewonnen.“ Französische Spieler werden in asiatischen Sportzeitschriften selten erwähnt. Die Region ist eher mit der englischen oder der südamerikanischen Fußballlandschaft vertraut.

Kein Wunder, dass die jahrzehntelange Rivalität zwischen Messi und Cristiano Ronaldo auch die Fans in Myanmar nicht unberührt lässt. Der 21-jährige Ko Chan Nyein Ko ist Anhänger von Portugal, der Mannschaft Ronaldos. „Unter den europäischen Vereinen unterstütze ich Real Madrid und was Nationalmannschaften angeht, unterstütze ich Portugal. Nicht nur wegen der Weltmeisterschaft, sondern weil ich sie schon immer unterstützt habe. Als Argentinien und Frankreich im Finale aufeinander trafen, habe ich Frankreich unterstützt. Ich wollte nicht, dass Messi die Weltmeisterschaft gewinnt.“

Premier League hat viele Fans in Myanmar

Ma Thu Thu Lwin studiert Russisch an der Yangon University of Foreign Languages. Ihr Interesse an der Premier League liegt woanders. „Der Grund dafür, dass ich ein weiblicher Fan der englischen Mannschaften bin, sind die gut aussehenden und hübschen britischen Jungs“, erklärt sie. Es ist nicht das erste Mal, dass englische Spieler eine solche Hingabe wecken. Vor zwei Jahrzehnten schwärmten viele Frauen in Myanmar für Michael Owen, den Starstürmer von Manchester United und der englischen Nationalmannschaft.

Manchester United ist wohl das europäische Team, das in Myanmar am stärksten unterstützt wird. Die meisten älteren Menschen haben sich für „Man U“ entschieden, weil sie in den 1990er und 2000er Jahren eine starke Mannschaft waren. Offizielle Fanklubs veranstalten üppige Partys in Luxushotels wie dem Novotel in Yangon für die Anhänger*innen von Man U, der auch der Lieblingsverein vieler Generäle in Myanmar ist.

Trikots und Schuhe entstehen in Sweatshops

Die Premier League ist bei weitem die beliebteste ausländische Fußballliga in Myanmar, wobei die Menschen ihre Loyalität zwischen den Mannschaften Manchester United, Arsenal, Liverpool und Chelsea verteilen. Die humorvolle Kurzdokumentation The Special One, die 2017 von Tagu Films unter der Regie von Filmemacher Lamin Oo produziert wurde, porträtiert „Den größten Chelsea-Fan aus Myanmar“.

Dieser Fan leitet ein Geschäfts auf dem San Pya Fischmarkt in Yangon und führt es wie eine Fußballmannschaft. Seine Arbeiter*innen tragen ein Chelsea-Trikot als ‚Uniform‘. Wie und wo all diese bunten Trikots hergestellt werden, ist jedoch alles andere als lustig.

Offizielle Trikots, produziert von bekannten Marken, kosten zwischen 90 und 150 US-Dollar. Die von den Spielern getragenen Stollenschuhe kosten mindestens 200 US-Dollar. Die Myanmar Pou Chen Company Limited ist Zulieferer bekannter Marken wie Adidas und Nike, für die einige dieser Kleidungsstücke hergestellt werden. Der Tageslohn der Angestellten beträgt 4800 MMK (etwa zwei US-Dollar).

Am 25. Oktober 2022 forderten rund 2000 Arbeiter*innen eine Erhöhung des Tageslohns auf 8000 Myanmar Kyat (MMK), was 3,80 US-Dollar entspricht. Insgesamt 26 von ihnen wurden von den Fabrikbesitzern entlassen, 16 wurden beschuldigt, einen Protest angeführt zu haben. Die niedrigen Löhne waren nicht der einzige Grund für den Protest, es ging auch um die Arbeitsbedingungen. Die Beschäftigten müssen täglich von weit entfernten Orten außerhalb Yangons anreisen und verlangten daher, dass die Fabrik einen Transport organisiert oder einen Teil ihrer Transportkosten übernimmt. Sie forderten außerdem das Ende unbezahlter Überstunden.

Nach zwei Monaten Arbeitslosigkeit bot die Fabrik an, die zuvor entlassenen Arbeiter*innen wieder einzustellen und stimmte einigen ihrer Forderungen zu. Der neue Vertrag sieht einen geringeren Arbeitsumfang und keine Überstunden vor. Es gibt jedoch andere Punkte, bei denen die neue Vereinbarung scheitert. „Die Arbeiter*innen erhalten den gleichen Lohn. Selbst wenn es viele Aufträge gibt und Überstunden erforderlich sind, wird der Lohn nicht erhöht. Wir werden jedoch mit der Forderung nach einer Lohnerhöhung schrittweise fortfahren“, sagt Ma Phyo Thida Win, eine Arbeitnehmervertreterin in der Fabrik.

In anderen Bekleidungsfabriken gibt es noch besorgniserregende Entwicklungen. Seit dem Putsch sind die meisten Gewerkschaftsführer*innen und viele Mitglieder entlassen worden. Die Rechte von Arbeiter*innen haben sich verschlechtert. Am 28. Februar 2023 wurden zwei Fabriken chinesischen Besitzes, die in Yangons Shwepyithar-Industriezone Kleidung für Primark herstellten, geschlossen. Dadurch wurden mehr als 2000 Arbeiter*innen arbeitslos. Die Schließung dieser Fabriken steht beispielhaft für die wirtschaftliche und soziale Krise, die sich nach der Machtübernahme durch das Militär entwickelt hat. Einem Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) zufolge hat ein Viertel der Bevölkerung in acht Townships in den Vororten von Yangon (darunter auch Shwepyithar) 2022 kaum ein Einkommen erzielen können.

K(l)icken für die Revolution

Trotz Boykott und Wirtschaftskrise lässt sich mit Fußball immer noch Geld verdienen, nicht nur mit den traditionellen Wett- und Glücksspielen. Junge Menschen unterstützen die Anti-Junta People’s Defense Forces (PDF), indem sie das Interesse am Fußball ausnutzen. Die Revolution kann jetzt durch das Anschauen eines Spiels finanziert werden. Dafür werden auf Webseiten, die Fußballspiele übertragen, Werbegelder gesammelt.

Andere Webseiten bieten Links an, über die Menschen Geld an eine bestimmte Organisation spenden können. Dieses Geld wird dann von den Inhaber*innen der Webseite an bewaffnete PDF- Gruppen überwiesen. Bei diesen Links muss niemand sein eigenes Geld spenden. Stattdessen müssen die Nutzer*innen lediglich auf eine Werbung klicken. Nach dem Anklicken zahlen die Werbetreibenden den Inhaber*innen der Webseite ein paar Cent für jeden Klick. Die Betreiber*innen der Webseite stellen sicher, dass täglich mehrere Links zur Verfügung stehen, sodass es leicht ist, Geld‚’zu spenden‘.

„Click to donate“ ist eine der bekanntesten Formen von Webseiten, mit denen Geld für die Revolution gesammelt wird. Nach Angaben des Betreibers einer solchen Website wurden innerhalb von anderthalb Jahren 1,4 Millionen Singapur-Dollar (1 Million US-Dollar) für Spenden über seine Website gesammelt. Der Erfolg dieser Methode des Spendensammelns zeigt, wie die Liebe der Menschen zum Fußball und der Zugang zum Internet kombiniert helfen können, die Bewegung gegen die Junta zu unterstützen, ohne die ohnehin schon mit finanziellen Problemen kämpfenden Menschen zu belasten.

Fußball und die Fußball-Industrie können als ein Raum betrachtet werden, in dem sich für bestimmte politische Themen eingesetzt werden kann. Fußball kann aber auch als reines Unterhaltungsmedium betrachtet werden. In einer Zeit, in der viele Menschen mit erdrückenden Problemen und Notlagen konfrontiert sind, kann Fußball ein Zufluchtsort sein. Die Frage bleibt, wie solch ein potenzieller Zufluchtsort zugleich Raum für politische Aussagen sein kann. Manch eine*r mag sich auch fragen, ob es überhaupt möglich ist, mit gutem Gewissen unpolitische Unterhaltung zu genießen und daran teilzunehmen, während Mitbürger*innen einen politischen Kampf führen, der Entbehrungen, Risikobereitschaft und Disziplin erfordert.

Übersetzung aus dem Englischen von: Linda Bowes

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1 | 2022, Interviews, Myanmar,
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„Die geisterhafte, unsichere Erinnerung“ – Teil II

Myanmar: In den 1960 und frühen 70er Jahren war Myanmars Nationalelf führend in Südostasien. Während der Militärherrschaft erlebte der Fußball einen Niedergang. Dieser setzt sich nach dem Putsch von 2021 fort.

Der 25-jährige Ko Kaung Htet Soe vom Verein Yangon United musste sich wie viele andere Profifußballer während der Covid-19-Pandemie einen Nebenjob suchen, als Benzinverkäufer im Geschäft seiner Familie. Sein Verein ist im Besitz von U Tay Za, einem Crony aus dem Dunstkreis des Militärs. Er zahlte ihm nur einen Teil seines schon geringen Profigehalts von rund einer Million Kyat monatlich aus, weniger als 800 US-Dollar beim damaligen Wechselkurs.

Die nationale Fußballliga in Myanmar hat unter der Pandemie gelitten. Die Wirtschaftskrise, verursacht durch den Staatsstreich von 2021, als das Militär die Macht von der gewählten National League for Democracy übernahm, hat sie noch weiter zurückgeworfen.

Kaung Htet Soe bestätigt, dass die Zuschauerzahlen seit dem Putsch deutlich zurückgegangen sind. Aber das liege nicht daran, dass sein Team einem Geschäftsmann gehöre, der als enger Partner der verpönten Militärjunta bekannt sei. „Die Fans haben vielleicht nicht die Zeit, um Fußballspiele anzusehen, oder es ist ihnen zu zeitaufwändig, zu den Stadien zu fahren. Trotzdem schauen einige die Spiele online per Live-Streaming“, sagt er. „Vor weniger Zuschauern zu spielen, ist ein bisschen enttäuschend, aber so ist die aktuelle Situation und wir müssen sie akzeptieren.“

Goldenes Zeitalter der 1960er und frühen 1970er Jahre

Der Fußball in Myanmar hat eine Achterbahnfahrt erlebt, oft zeitgleich mit den politischen Turbulenzen im Lande. Das goldene Zeitalter der 1960er und frühen 1970er Jahre ging über in eine jahrzehntelange Misere, als das Land unter der brutalen Militärdiktatur von Ne Win litt.

Die Nationalmannschaft gewann Gold bei den Asienspielen 1966 und 1970 und qualifizierte sich für die Olympischen Sommerspiele 1972. Myanmar war damals die dominierende Fußballnation in der Region und gewann zwischen 1965 und 1973 beeindruckende fünf Mal in Folge die zweijährlichen Südostasienspiele.

Doch als die Wirtschaft unter Ne Wins burmesischem Weg zum Sozialismus verfiel, litt auch der Fußball. Von 1973 bis heute konnte Myanmar nur noch ein einziges Mal eine Medaille bei den Südostasienspielen gewinnen und holte Silber bei den Spielen 1993.

Ab 2011 brachten politische und wirtschaftliche Reformen einen allmählichen Aufschwung, insbesondere bei den Jugendmannschaften. Zum ersten Mal in seiner Geschichte qualifizierte sich Myanmar 2015 für die U20-Weltmeisterschaft. Die U19-Mannschaft erreichte 2014 das Halbfinale des Asien-Pokals.

Trotz dieser Fortschritte war die A-Nationalmannschaft nicht sonderlich erfolgreich. Sie schied 2018 in der ersten Gruppenphase der WM-Qualifikation aus und erlitt eine demütigende 0:9-Niederlage gegen Kuwait.

Pandemie und Putsch schwächen den Fußball erneut

Die Turbulenzen durch Covid-19 und den Militärputsch haben den ohnehin schon angeschlagenen Sport noch einmal erschüttert. Alle Spiele der inländischen Vereine wurden zwei Jahre lang während der Pandemie suspendiert und viele Klubs konnten nach Angaben des 40-jährigen Spielervermittlers U Ye Naing Win ihre finanziellen Verpflichtungen gegenüber ihren Spielern nicht mehr erfüllen.

„Einige Vereine boten ihren Spielern zwar eine minimale Unterstützung an, aber das reichte angesichts der Verantwortung der Spieler für ihre Familien nicht aus. Es war eine äußerst schwierige Zeit für alle Beteiligten im Fußball“, sagt er. „Daher trafen einige Spieler die schwere Entscheidung, ihre Fußballkarriere aufzugeben und andere Möglichkeiten zu suchen, um die Zeit der Pandemie zu überstehen. Sie nahmen unterschiedliche Jobs an, zum Beispiel verkauften sie Kleidung über soziale Medien oder arbeiteten als Taxifahrer.“

Der Putsch (Anfang 2021) verstärkte diese Probleme noch, da die Wirtschaft weiter abstürzte. Aus Protest weigerten sich einige Schlüsselspieler zunächst, für die Nationalmannschaft Myanmars zu spielen. Der Kader war bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 stark dezimiert. Das gipfelte in der schlimmsten Niederlage, die Myanmar je in einem Wettbewerb erlitt, einer 0:10-Niederlage gegen Japan.

Crony-Liga ohne klares Ziel

Der Eigentümer des Clubs Yangon United, U Tay Za, ist von westlichen Ländern sanktioniert worden. Ihm wird die Beteiligung an Waffenlieferungen für das Militär vorgeworfen, das sie gegen Tausende von Zivilisten eingesetzt hat. In dieser Hinsicht ist der Verein kein Einzelfall. Viele Clubs sind im Besitz von Cronies oder Wirtschaftsmagnaten, die eng mit der Politik verbunden sind. So ist der Ayeyarwady FC im Besitz von U Zaw Win Shein, dem Gründer von Ayeyar Hinthar Holdings. Ihm wird vorgeworfen, als geschäftlicher Stellvertreter der Tatmadaw zu fungieren.

Shan United, der erfolgreichste Verein in jüngster Zeit, gehört der Unternehmensgruppe Kanbawza, die wegen ihrer mutmaßlichen Verbindungen zum Militär von den USA bis 2012 mit Sanktionen belegt war. Dagon Stars United ist im Besitz des Unternehmens Dagon, das von 2009 bis 2015 ebenfalls von den USA sanktioniert wurde.

„Soweit ich weiß, wurden entsprechende Leute von aufeinander folgenden Regierungen ausgesucht, um das Management der Clubs zu beaufsichtigen“, sagt Ye Naing Win, der Spielervermittler. Anfangs haben diese Tycoons die Projekte vielleicht als Investments zum Geldverdienen gesehen. Aber sie sind wohl eher fehlgeschlagene Prestigeprojekte. „Sie merkten bald, dass die Clubs keine Gewinne abwarfen und stattdessen mehr Kosten verursachten.“

Da ihnen diese Vereine jedoch von den vom Militär gestützten Regierungen aufgezwungen wurden, haben sie wohl kaum eine andere Wahl, als den Kopf einzuziehen und weiterhin Verluste hinzunehmen als Gegenleistung für andere aussichtsreiche Geschäftsmöglichkeiten.

Auch der Fußballverband Myanmars, der die nationale Liga und die Nationalmannschaft organisiert, wird von Militär-Cronies dominiert , einschließlich des amtierenden Präsidenten Zaw Zaw, Vorsitzender der Max Myanmar Unternehmensgruppe. Der Sohn des Besitzers von Yangon United, Pyae Phyo Tay Za, der ebenfalls von den USA sanktioniert wurde, ist Vorsitzender des Sportausschusses.

Erheblicher Einfluss der Politik

Die Myanmar National League hat mittlerweile den Spielbetrieb wieder aufgenommen, doch wegen der Instabilität in weiten Teilen des Landes werden die Spiele nur in der Region Yangon ausgetragen. Im Jahr 2020, der letzten vollständigen Saison vor der Pandemie und dem Putsch, wurden Spiele im ganzen Land ausgetragen, auch in der Region Sagaing und im Shan-Staat, wo es in den letzten Jahren schwere Konflikte gab.

Nach Ansicht von Ko Si Thu Hein*, einem ehemaligen Fußball-Experten, gibt es in Yangon nicht genügend Platz für alle Mannschaften, was sich negativ auf das Training und die allgemeine Qualität der Liga auswirke. Von internationalen Fußballorganisationen habe es einige Unterstützung gegeben, aber nicht von den wechselnden Regierungen im Inland.

„Die Politik hat erhebliche Auswirkungen auf die Fußballbranche in Myanmar, da sie die Beziehungen zwischen den Klubbesitzern und der Regierung beeinflusst sowie die Möglichkeit, Gewinne zu erzielen“, sagt er.

Das Publikumsinteresse ist deutlich zurückgegangen, wahrscheinlich durch politischen Boykott und die allgemeinen Umstände. Das Militär hat seit der Machtübernahme Schwierigkeiten, genügend Strom zur Verfügung zu stellen, und die Vereine haben nur begrenzte Budgets für Generatoren. Deshalb finden die Spiele früher am Tag statt, wenn viele Fans wahrscheinlich arbeiten. Und Fans von Mannschaften, die nicht in Yangon ansässig sind, reisen auch kaum zu den Spielen in die Wirtschaftsmetropole, insbesondere da in weiten Teilen des Landes Bürgerkrieg herrscht.

Fußballfan Ko Aung Ko Min erklärt, dass er zu keinem Spiel mehr gehe, obwohl er im Sanchaung Township in Yangon lebe, und nicht einmal mehr die Liga verfolge. „Ich habe lebhafte Erinnerungen daran, wie ich als Kind mit meinem Vater Fußballspiele in Myanmar gesehen habe. Früher war das eine Quelle für Spaß, Begeisterung und Freude“, sagt er. „Jetzt interessiert es mich kaum noch. Ich kenne nicht mal mehr die Spieler.“

Ko Naing Thu aus dem Tarmwe Township stimmt dem zu. „Ich interessiere mich nur noch für Spieler, die im Ausland aktiv sind, wie Aung Thu und Than Paing. Spiele innerhalb Myanmars sind nicht mehr so attraktiv, vor allem nicht unter der Herrschaft des Militärregimes“, sagt er.

Spieler verlassen das Land

Während die Liga verkümmert, verlassen immer mehr Spieler das Land. Ye Naing Win, der Spielervermittler, hat nach eigenen Angaben allein im letzten Jahr 14 Spielern aus Myanmar geholfen, in andere Länder der Region zu wechseln, etwa nach Südkorea, Thailand, Laos oder Malaysia. Selbst in der zweiten thailändischen Liga verdienten die Spieler mindestens 10 Millionen Kyat pro Monat, zehnmal so viel wie in Myanmars erster Liga. In Myanmar seien die Gehälter auch nicht angepasst worden, als die Währung nach dem Putsch fast die Hälfte ihres Wertes verlor.

Ko Aung Kaung Mann aus Myanmar, 26 Jahre alt, spielt jetzt für den thailändischen Klub Chonburi FC, wo er 14 Millionen Kyat pro Monat verdient, mehr als das 14-fache von dem, was er beim Ayeyarwady FC verdiente. „Ich möchte jetzt nicht viel über Politik reden“, sagt er. „Auf jeden Fall sind die Spielergehälter gesunken.“ Er bedauere das sehr für seine ehemaligen Mannschaftskameraden. „Ich tue mein Bestes, um sie auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen.“

Ko Myat Kaung Khant spielte 2019 kurzzeitig für den thailändischen Verein Trat FC, musste aber aufgrund der Covid-19-Pandemie nach Myanmar zurückkehren. Jetzt verdient er weit weniger als zuvor, obwohl er einer der herausragenden Spieler von Shan United ist, dem besten Team der Liga Myanmars. „Ich würde nach Thailand zurückkehren, um dort wieder zu spielen“, sagt er, „wenn ich in nächster Zeit eine neue Gelegenheit bekomme.“

* Name geändert und aus Sicherheitsgründen pseudonymisiert.

Übersetzung aus dem Englischen von: Norbert Schnorbach

Der Artikel erschien am 24. Juli 2023 im englischen Original bei Frontier Myanmar und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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1 | 2022, Interviews, Myanmar,
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„Die geisterhafte, unsichere Erinnerung“ – Teil II

Myanmar/Thailand: Zwei zentrale Folgen der Netflix-Serie FightWorld konzentrieren sich auf Südostasiens Kampfkunst. Beleuchtet werden Muay Thai (Thai-Boxen) und sein weniger bekanntes Pendant Lethwei aus Myanmar.

Frank Grillo, Moderator der Netflix-Serie FightWorld, ist vor allem Schauspieler, aber er ist auch ein Fan von Kampfkünsten aller Art. In der Serie FightWorld gibt er seinem Hobby Raum und stellt Kampfkunst-Profis ins Rampenlicht. Die Folgen Thailand: Der glückliche Sohn und Myanmar: Am Scheideweg führen die Zuschauer*innen nach Südostasien.

Bei Kampfkunst geht es nicht um die Stärken und Schwächen des Gegners, sondern um die eigenen. „Wir wollen nicht einander besiegen, sondern uns selbst“ erläutert ein Hobby-Straßenkämpfer aus Bangkok in Thailand: Der glückliche Sohn. Seine Einschätzung wird von vielen anderen Befragten geteilt. Jede*r Kämpfer*in strebt danach, aus Vergangenheit und/oder Gegenwart resultierende psychische oder auch physische Schwierigkeiten zu bewältigen.

Karriere, Bildung und Gemeinschaft

Armut ist oft die treibende Kraft hinter der Entscheidung junger Menschen in Thailand und Myanmar, sich im Kampf-Ring zu testen. Außer der Möglichkeit zu einer Karriere, bietet die Mitgliedschaft in einem Klub auch Bildung und Gemeinschaft. Das Training bringe junge Menschen aus unterschiedlichen ethnischen und religiösen Hintergründen zusammen, erzählt der Gym-Besitzer Win Zin Oo aus Yangon in Myanmar: Am Scheideweg. Das ist eine wichtige Leistung in einer gespaltenen und konfliktreichen Gesellschaft. Doch sie hat ihren Preis.

Die Kamera verweilt auf einem bis zur Unkenntlichkeit geprellten Gesicht, auf gebrochenen Nasen, zerschrammten Rippen. Obwohl Artur Saladiak, ein ausländischer Teilnehmer der Lethwei Weltmeisterschaft in Yangon betont, dieser Sport sei ungefährlich und nicht brutal, erzählen die Verletzungen nach seinem Sieg eine andere Geschichte.

Mit 25 Jahren sind Kampfsportler bereits ‚alt‘

Muay Thai ist als Kunst der acht Gliedmaßen bekannt ist (Füße, Hände, Ellbogen und Knie). Lethwei gilt als Kunst der neun Gliedmaßen, weil auch Kopfstoß erlaubt ist. Außerdem tragen Lethwei-Kämpfer keine Handschuhe, nur eine dünne Schicht aus Gaze-Band. Im Gegensatz zu Muay Thai, das sehr viel Ausdauer verlangt, endet Lethwei nach fünf Runden mit einem Gleichstand. Das passiert aber nur wenn kein KO oder TKO vorher stattfindet. Deshalb fangen beide, Muay Thai und Lethwei Kämpfer, bereits sehr jung an. Im Alter von 25 Jahren ist ihre Karriere meistens schon vorbei. Inseepayong, der Protagonist der Thailand-Episode, hat im Alter von 17 Jahren schon 200 Kämpfe hinter sich.

Wer Glück hat, kann eine gewisse finanzielle Stabilität für sich selbst und seine Familie erreichen. Obwohl illegal, wird bei Muay Thai Kämpfen viel gewettet und die Einsätze werden mit den Teams mit Handzeichnen kommuniziert. Das Versprechen einer größeren Summe treibt erschöpfte Kämpfer an.

Lebende Legenden und bescheidene Meister

Erfolg bringt Ruhm gefolgt. Grillo besucht die größten Meister ihres Faches. In Thailand kennt jeder den Namen von Buakaw, der mit 240 Gewinnen eine lebende Muay Thai-Legende ist. Er ist auch Unternehmer und besitzt seine eigene Trainingshalle. Anderseits in Myanmar: Lone Chaw, der unbestrittene Champion von Lethwei bleibt seinen bescheidenen Anfängen treu und unterrichtet die nächste Generation im kleinen Familien-Gym von Win Zin Oo weiter. Obwohl, wie der Titel der Myanmar-Episode ankündigt, Lethwei gerade an einem Scheideweg steht, besteht er darauf, dass die Sportart traditionell bleiben und nicht Berühmtheit, sondern Selbstentwicklung im Vordergrund stehen solle.

Phoe Taw sieht es anders. Er stammt aus einer Mittelschichtfamilie und studierte Elektrontechnik. Seine Eltern missbilligen seine Ambition. Phoe Taw strebt nach Geld und Berühmtheit. „Ich werde wie die Ei-Puppe sein, ich werde nie fallen“ verkündet der junge Mann in Bezug auf pyit taing htaung, die Myanmar-Version des Stehaufmännchens. Sein französischer Gegner in der Weltmeisterschaft behandelt ihn zunächst herablassend. Doch kurz darauf wird er von Phoe Taw KO geschlagen. Er sei ein richtiger Star, so lautet Grillos Loblied nach dem Kampf.

Leben am Scheideweg

Es gibt Umstände, aus denen man sich nicht rauskämpfen kann. Wenn Inseepayong seinen Boxkampf verliert, treffen ihn verletzenden Worte seines Trainers hart. Doch nach einer Umarmung von Grillo konzentriert er sich schon wieder auf das nächste Match und führt seinen um die Überwindung der eigenen Grenzen fort.

In welchem Umfang das Leben von Phoe Taw an einem Scheideweg stand, verstand in der Zeit der Dreharbeiten noch niemand. Als freimütiger Kritiker des Militärputsches von 2021, der Min Aung Hlaing zu einem Cagefight herausgefordert hat, wurde er nach einem Autobombenanschlag trotz schwerer Verletzungen inhaftiert und für Anstiftung gegen die Regierung unter dem berühmten Paragraf 505 des Strafgesetzbuchs angeklagt. Phoe Taw ist nach wie vor in Haft, wie es ihm geht, darüber ist laut Medienberichten nichts bekannt. Too Too, der Titelverteidiger von Lethwei der in FightWorld auch auftaucht, wurde ebenso festgenommen. Sein gewaltsamer Tod in der Haft wurde im April 2023 verkündet.

Rezension zu FightWorld. Die Serie ist verfügbar auf Netflix.

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1 | 2022, Interviews, Myanmar,
Autor*in:

„Die geisterhafte, unsichere Erinnerung“ – Teil II

Myanmars Geschichte ist von politischer Unterdrückung geprägt. Doch schon früh begannen auch die Kämpfe für Demokratie und ethnische Selbstverwaltung, die bis heute anhalten.

Myanmar hat eine lange Geschichte von gescheiterten demokratischen Regierungen, Putschen und autoritären Militärregierungen. Nach der politischen Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1948 herrschte zehn Jahre lang eine parlamentarische Demokratie, bis 1958 ein Militärputsch für 18 Monate eine geschäftsführende Regierung einsetzte. Anschließend wurde die Demokratie wiederhergestellt. Doch ein zweiter Staatsstreich im Jahr 1962 leitete den Beginn eines langen autoritären Militärregimes unter General Ne Win ein. Von 1962 bis 1988 wurde das Land von der Burma Socialist Programme Party (BSPP) regiert, die einen radikalen Sozialismus und eine isolationistische Außenpolitik verfolgte.

Der Zusammenbruch der BSPP-Regierung im Jahr 1988 fiel mit einem von Studierenden angeführten Aufstand für Demokratie zusammen, der gewaltsam niedergeschlagen wurde. Etwa 3.000 Demonstrant*innen kamen dabei ums Leben. Daraufhin setzte die Militärjunta 1990 Wahlen an. Die Nationale Liga für Demokratie (NLD) unter der Führung von Aung San Suu Kyi gewann diese Wahl. Das Militär weigerte sich jedoch, die Macht abzugeben, ließ die BSPP auflösen und installierte den Staatsrat für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung (State Law and Order Restoration Council, SLORC). 1992 übernahm General Than Shwe die Macht als Regierungschef, Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Unter Führung von General Than Shwe wurde schließlich ein Sieben-Punkte-Fahrplan zur Demokratie angekündigt.

Im Jahr 2008 veranstaltete das Militär eine landesweite Volksabstimmung und setzte eine neue Verfassung in Kraft. Dieses neue Dokument verlieh dem Militär erhebliche Befugnisse. Es erhielt 25 Prozent aller Sitze in Bundes- und Regionalparlamenten garantiert und kontrolliert das Ministerium für Grenzangelegenheiten, Verteidigung und Inneres. Es kann auch einen von drei Vizepräsidenten ernennen, von denen einer zum Präsidenten gewählt wird. Und schließlich, und das ist das Wichtigste, kann das Militär eine gewählte Zivilregierung stürzen, wenn diese eine Bedrohung für die nationale Sicherheit sieht.

Der Übergang zur Demokratie von 2010 bis 2020

Auf der Grundlage dieser Verfassung von 2008 kündigte die Militärjunta einen Übergang zur Demokratie an. Während des Übergangs wandelte das Militär seine Massenorganisation Union Solidarity Development Association (USDA) in eine politische Partei namens Union Solidarity and Development Party (USDP) um. Die NLD weigerte sich, zur Parlamentswahl im Jahr 2010 anzutreten, da ihr der frühere Sieg bei der Wahl im Jahr 1990 verwehrt worden war. Ohne nennenswerte Konkurrenz bei den Wahlen errang die USDP einen hohen Sieg. Viele hochrangige Militäroffiziere wurden in zivile Ministerämter berufen. Das Parlament wählte Thein Sein zum Präsidenten, der zuvor ebenfalls dem Militär angehört hatte. Diese neue Regierung führte einige weitreichende liberale Initiativen ein, darunter eine Amnestie für politische Exilanten, die Freilassung inhaftierter Mitglieder der politischen Opposition und die Deregulierung der Massenmedien und der Wirtschaft. Diese Initiativen führten auch zur Aufhebung der internationalen Sanktionen, die seit 1990 gegen das Land verhängt worden waren.

Bei der folgenden Wahl im Jahr 2015 errang die NLD einen überwältigenden Sieg mit einer klaren Mehrheit im Parlament. Der Wahlsiegerin Aung San Suu Kyi wurde das Präsidentenamt verweigert mit der Begründung, wer Ehepartner oder Familienangehörige mit einer ausländischen Staatsbürgerschaft habe, dürfe nicht Präsident*in werden. Daraufhin wurde für sie das Amt als Staatsberaterin geschaffen und die NLD wählte einen ihrer Vertrauten zum Präsidenten. Die von der NLD geführte Regierung versuchte, die Verfassung von 2008 zu ändern, blieb dabei aber erfolglos. Der Militärblock im Parlament stimmte stets dagegen und schützte seine eigenen Unternehmensinteressen. Die Verfassung zu ändern hätte ein positives Votum von mehr als 75 Prozent der Parlamentarier*innen benötigt.

Bei der Wahl im November 2020 errang die NLD einen noch größeren Sieg, während die USDP eine äußerst demütigende Niederlage erlitt. Inzwischen war den Militärs klargeworden, dass die NLD und Suu Kyi unter demokratischen Verhältnissen ihre Erfolge und ihr Ansehen steigerten. Am 1. Februar 2021 gab das Militär bekannt, dass es einen Staatsstreich durchgeführt und die Macht übernommen habe. Viele hochrangige neu gewählte Parlamentarier*innen wurden verhaftet, darunter Präsident Win Myint und Suu Kyi, andere flohen.

Entwicklungen nach dem Putsch

Als Grund für den Staatsstreich nannte Armeechef General Min Aung Hlaing weit verbreiteten Betrug bei der Wahl. Er beklagte zahlreiche Unstimmigkeiten, die von der Union Election Commission (UEC) nicht untersucht worden seien. Das Militär bestand auf der Legitimität der Verfassung von 2008 und bildete einen Staatsverwaltungsrat (SAC) unter Vorsitz von General Min Aung Hlaing. Der Widerstand gegen den Staatsstreich formierte sich schnell. Er begann mit friedlichen Demonstrationen und lautstarken Kundgebungen, bei denen auf den Straßen auf Töpfe und Pfannen geschlagen wurde. Das Militär reagierte mit Massenverhaftungen und dann auch mit Schüssen auf Demonstranten. In der Folge wuchs die Bewegung des zivilen Ungehorsams. Viele Staatsbedienstete weigerten sich, für die Militärregierung zu arbeiten. Vor allem im Gesundheits- und Bildungswesen war der Widerstand groß.

Exil-Parlamentarier*innen der NLD und Mitglieder von bewaffneten Organisationen der ethnischen Minderheiten (Ethnic Armed Organizations, EAO) kündigten daraufhin die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit (NUG) an, um die politische Legitimität des SAC anzufechten. Die NUG ernannte auch ein Schattenkabinett und knüpfte Kontakte zu ausländischen Regierungen. Darüber hinaus rief sie im Mai 2021 die lokale Bevölkerung dazu auf, den Widerstand gegen den SAC durch die Bildung von Volksverteidigungskräften (PDF) zu verstärken. Seitdem arbeiten die EAOs und die PDFs eng zusammen. Einige der größeren EAOs wie die Kachin Independence Organization (KIO) und die Karen National Union (KNU) halfen zusammen mit der Chin National Front (CNF) und der Karenni National Progressive Party (KNPP) bei der Ausbildung von Mitgliedern der PDFs. Diese Zusammenarbeit von PDF und Minderheitenorganisationen ist eine neue Entwicklung, da viele PDF-Mitglieder der ethnischen Mehrheitsgruppe der Bamar angehören.

Die NUG und die PDFs werden stark von Myanmaren im Ausland unterstützt, sowohl finanziell wie auch mit Informationen über die Entwicklungen im Land. Facebook ist das beliebteste soziale Medium, das sie nutzen.

Potenzielle Entwicklungstendenzen

Sowohl die NUG als auch der SAC sind nicht bereit, über eine Lösung zu verhandeln und wollen die Oberhand durch Waffengewalt gewinnen. Außerdem betrachten sie sich gegenseitig als Terroristen. Wenn es nicht zu einem radikalen Sinneswandel auf beiden Seiten kommt, wird der Konflikt weitergehen und damit auch der Verlust von Menschenleben und die Zerstörung von Eigentum.

Die EAOs und PDFs haben sich im Jahr 2023 gegen das Militär behauptet und kontrollieren nun große Teile der Bundesstaaten Chin, Kayah und Nord-Shan sowie die Regionen Sagaing und Magwe. Die Kämpfe im Kachin-Staat sind weiterhin heftig. Auch im Rakhine-Staat sind Kämpfe ausgebrochen, nachdem die Allianz der EAOs, bestehend aus der Arakan-Armee (AA), der Armee der Nationalen Demokratischen Allianz Myanmars (MNDAA) und der Nationalen Befreiungsfront von Ta’ang (TNLA), am 27. Oktober 2023 die Operation 1027 gestartet hat. Diese Operation und die folgenden Aktionen haben es der Allianz ermöglicht, viele Militärposten in den nördlichen Shan-Staaten einzunehmen, auch im Grenzgebiet zwischen China und Myanmar mit wichtigen Handelsrouten auf dem Landweg.

Das Militär leidet unter hohen Verlusten, zunehmend mehr Überläufern, geringen Rekrutierungszahlen und einer schwachen Legitimität der Macht. Die großen Städte wie Yangon und Mandalay sind trotz der Aktivitäten von PDF-Trupps nach wie vor relativ ruhig. Die meisten Mitglieder der Militärelite und ihre Anhänger befinden sich in der Hauptstadt Naypyitaw. Eine ernsthafte Bedrohung oder Belagerung dieser Stadt würde den SAC wahrscheinlich zu Verhandlungen zwingen. Die Entwicklung einer solchen Situation dürfte jedoch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Wenn die anhaltenden Kämpfe weiterhin zugunsten der EAOs und PDFs ausgehen und es ihnen gelingt, das Militär zu Verhandlungen zu zwingen, besteht die Möglichkeit, dass die Gewalt endet. Aber selbst wenn ein solch revolutionärer Weg zur Demokratie gelingen sollte, gäbe es danach viele Probleme. Dazu gehört, alle EAOs und PDFs in landesweite Verhandlungen für einen neu geordneten Staat einzubinden. Ein solcher Staat wird wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, alle bewaffneten Gruppen zu kontrollieren, und könnte durchaus zu einer Neuordnung der internen und vielleicht sogar der externen Staatsgrenzen führen. In dieser Hinsicht gehen die meisten Beobachtenden davon aus, dass Myanmar nach dem Konflikt eine langwierige und mühsame Aufgabe der nationalen Aussöhnung und politischen Entwicklung zu bewältigen haben wird.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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1 | 2022, Interviews, Myanmar,
Autor*in:

„Die geisterhafte, unsichere Erinnerung“ – Teil II

Myanmar: Das Militär behauptet sich an der Macht, wird aber zunehmend von ethnischen bewaffneten Gruppen unter Druck gesetzt. Fragen nach Staatsbürgerschaft und Verfassungswesen für eine Zeit ’nach der Junta‘ werden gestellt.

südostasien: Wie beurteilen Sie den derzeitigen Machtkampf in Myanmar?

Mikael Gravers: Bis Oktober 2023 hatte die Armee die Oberhand, aber seit dem Beginn der Gegenoffensive verliert sie viele Stützpunkte. Viele Truppen desertieren. Dennoch halte ich es für verfrüht, den Zusammenbruch des Militärregimes vorherzusagen. Sie werden bis zum Ende kämpfen, denn für sie geht es ums Überleben. Der Widerstand ist komplex. Es gibt bewaffnete ethnische Organisationen und etwa 200 Gruppen der Volksverteidigungskräfte [bewaffneter Arm der Widerstandsbewegung, Peoples Defence Force, PDF, d.R.].

Das Militär hat ein ruhendes Wehrpflichtgesetz wiederbelebt. Für Männer im Alter von 18 bis 35 Jahren und Frauen im Alter von 18 bis 27 Jahren bedeutet das zwei Jahre Wehrpflicht – oder Gefängnis. Der Hintergrund sind die zahlreichen Verluste der Armee. Nach Schätzungen der Regierung der Nationalen Einheit [National Unity Government (NUG), von Aktivist*innen und Politiker*innen der vom Militärregime verfolgten National League for Democracy (NLD) gegründete Exilregierung, d.R.] wurden rund 20.000 Menschen getötet. Die Wehrpflicht hat zu einem Ansturm auf Visa für das Ausland geführt. Das Militär zwingt nun junge Männer, sich zu melden. Das wird wahrscheinlich dazu führen, dass viele untertauchen oder zu den Volksverteidigungskräften gehen werden.

In Rakhine kontrolliert die Arakan-Armee den nördlichen Teil und greift Sittwe, die wichtigste Stadt, an. In Karenni hat der Widerstand die Kontrolle erlangt, und in Shan hat die Ta-ang National Liberation Army eine gewisse Kontrolle im Norden. Im Karen-Staat hat die Karen Border Guard Force (etwa 7000 Mann) die Unterstützung des Militärs eingestellt und lehnt dessen Sold und Versorgung ab. Inzwischen greifen die Kräfte der Karen National Union Militärposten entlang der Grenze zu Thailand an und räumen sie.

Gleichzeitig will Min Aung Hlaing „Mehrparteienwahlen“ abhalten. Er ignoriert, dass der Wert des Kyat stark gesunken und der Preis für Reis um 160 Prozent gestiegen ist. Er und die Militärelite leben in einer Parallelwelt in der befestigten Hauptstadt Naypyitaw. Sie ignorieren auch die Tötung von Zivilist*innen durch die Armee und die mehr als drei Millionen Binnenvertriebenen.

Gerüchten zufolge kommen die Waffen für den Widerstand aus China, obwohl das Land offiziell das Militär unterstützt. Aber China ist sehr unglücklich über die Situation und will seine Öl- und Gasvorkommen, seine Investitionen in den Shan-Staaten und anderen Orten sowie Minen und Straßen sichern.

Damit verweisen sie bereits auf die wirtschaftlichen Hintergründe des Konflikts…

Vor dem demokratischen Übergang gründete das Militär zwei Unternehmensholdings, die die Wirtschaft kontrollierten. Um eine Lizenz für die Einfuhr von Autos, Telefonen und anderen Gütern zu erhalten, musste man sich an diese Gesellschaften und damit an das Militär wenden. Das Regime steht dennoch kurz vor dem Bankrott. Es fehlt an Treibstoff und Devisen, niemand zahlt mehr Steuern. Das Netzwerk aus Soldaten und Milizen, aber auch Kumpanen, Geschäftsleuten und Mönchen, erhält keine großen Spenden mehr. Es ist also nicht nur das Schlachtfeld, es ist auch die soziale und wirtschaftliche Zerrüttung des Landes, die die Militärherrschaft herausfordert. Min Aung Hlaing stellt unrealistische Forderungen nach Produktionssteigerungen, zum Beispiel bei Baumwolle und Bekleidung, obwohl es an Treibstoff, Strom und Geld mangelt.

Wie können demokratische Perspektiven durch externe Akteure beeinflusst werden?

Min Aung Hlaing ist sehr zufrieden mit Putin und ist ziemlich anti-chinesisch. Er versucht, ein Gleichgewicht zwischen Russland und China herzustellen. Was die Waffen angeht, so werden die meisten von Russland geliefert, zum Beispiel Flugzeuge. Aber es bleibt abzuwarten, wie viel Russland wegen seines Krieges gegen die Ukraine liefern kann.

Die internationale Gemeinschaft, vor allem die USA und die EU, sollten den Widerstand unterstützen. Aber das Problem ist die Lieferung von militärischer Ausrüstung. Humanitäre Hilfe ist wichtig. Aber ich denke, dass es wahrscheinlich besser ist, Spenden zu machen, von denen der Widerstand Waffen in Thailand und China oder wo auch immer sie sie bekommen können, kaufen kann. Ich denke, es ist besser, die NUG-Regierung und ihren PDF-Widerstand anzuerkennen, indem man direkten Kontakt aufnimmt.

Die Verflechtung von Militär und Staat ist aber doch viel älter und weitreichender…

Das Militär bildet eine Art Parallelgesellschaft in Myanmar, einen Staat im Staat. Man kann es in der Verfassung nachlesen, die die Nichtauflösung der Nation, die Nichtauflösung der nationalen Solidarität, die Aufrechterhaltung der Souveränität und eine blühende, ‚disziplinierte Demokratie‘ vorsieht. Außerdem sollen die Streitkräfte in die Lage versetzt werden, sich an der nationalen Politik zu beteiligen, was Parteipolitik impliziert. Die Militärs sind demnach die ‚Hüter der Nation‘ und sollten diese übergeordnete Rolle einnehmen. Ihrer Ansicht nach sind politische Parteien instabil.

Wie wirkt sich das auf die zivile Bevölkerung aus?

Die Bevölkerung hat das Militär als ‚Wächter‘ zu unterstützen. Wann immer einer Armeeeinheit der Reis ausgeht, fordern sie ihn von der Zivilbevölkerung oder nehmen ihn sich einfach. Wenn sie ein Stück Land haben wollen, nehmen sie es sich. Andererseits bot das Militär für viele Menschen einen guten Karriereweg. Wenn man zum Militär ging, hatte man Zugang zu Bestechungsgeldern und einem großen Netzwerk.

Auch Aung San Suu Kyi hat den Einfluss des Militärs bis zu einem gewissen Grad akzeptiert und versucht, sich um diesen herum zu manövrieren. Aber das hatte immer seine Grenzen. Zum Beispiel ist die Reform des Justizsystems völlig gescheitert. Das Staatsbürgerschaftsgesetz wurde nie geändert. Wann putschten die Militärs? Sobald sie merkten, dass sie an Einfluss auf die Verwaltung, die Wirtschaft und den Friedensprozess mit den ethnischen Gruppen verlieren.

Hat Suu Kyis Nationale Liga für Demokratie (NLD) in der Zeit ihrer Machtausübung Demokratie gefördert?

Die NLD-Regierung unter Aung San Suu Kyi versuchte, demokratisch zu sein und die Zivilgesellschaft einzubeziehen. Aber die Art und Weise, wie Suu Kyi die Partei führte, war ‚von oben nach unten‘. Jeder Minister, jeder Posten im Stab musste über sie laufen. Loyalität war oft wichtiger als Qualifikation und Erfahrung. Die Generation der Studentenrebellen von 1988 und 1996 wurde nicht in ihre Regierung aufgenommen.

In Myanmar beruht die Macht im Allgemeinen auf den Fähigkeiten und dem Charisma einer Person. Macht, Status und Einfluss beruhen auf dem Karma einer Person. Dies sind traditionelle Konzepte, die aber von der langjährigen Militärherrschaft auf Grundlage von Befehlen innerhalb einer Hierarchie geprägt sind. Die junge Generation hat andere Erfahrungen und Meinungen dazu. Ihre zivile Ungehorsams-Bewegung hat sich ‚von unten‘ organisiert und erwartet, dass ihre Stimmen gehört werden.

Sie haben Traditionen erwähnt. Welche Rolle spielt die Religion bei der Wahrnehmung der Demokratie?

In der Wahrnehmung von Aung San Suu Kyi und der Mönche der Safran-Revolution von 2007 gelten liebende Güte, Mitgefühl und buddhistische Ethik für Alle. Aung San Suu Kyi und die aktivistischen Mönche verwiesen auf die zehn Regeln für einen rechtschaffenen buddhistischen Herrscher, zum Beispiel, das Eigentum Aller zu schützen, nichts zu beschädigen, die Moral aufrechtzuerhalten sowie Freundlichkeit und Gewaltlosigkeit zu zeigen. Fragt man jedoch die nationalistischen Mönche, so werden Gewaltlosigkeit und liebevolle Güte nicht auf Muslime ausgedehnt, weil sie als Anti-Buddhisten angesehen werden. Die nationalistischen Mönche sagen, die Muslime respektierten ihre Kultur, ihre Flagge und den Buddhismus nicht. Religion wurde 2012 zu einem wichtigen politischen Thema, nachdem das Militär und Präsident Thein Sein Ma Ba Tha (die Vereinigung zum Schutz von Rasse und Religion) unterstützt hatten.

Der Vorschlag für die NUG-Verfassung einer demokratischen föderalen Union ist säkular verfasst, so dass Politik und Religion getrennt sind. Geschlechtergleichheit, gleiche Rechte und Selbstbestimmung für alle ethnischen Nationalitäten sind vorgesehen. Dies ist ein wichtig: Ethnische Nationalitäten, nicht Minderheiten. Sie würden das Staatsbürgerschaftsgesetz ändern und alle ethnischen Gruppen, die während der Kolonialzeit nach Myanmar kamen, einbeziehen, wenn sie in Myanmar geboren sind.

Diese Ansicht ist natürlich umstritten, da einige Vertreter in Rakhine zum Beispiel erklärt haben, dass sie die Rohingya nicht akzeptieren werden. Aber die Verfassung wird im wahrsten Sinne des Wortes föderal sein. Das heißt, es gibt eine Unionsarmee und jeder Bundesstaat hat seine eigene Armee und eigene Polizeikräfte. Die Ressourcen und das Land sollen von den Menschen verwaltet werden, die in dem jeweiligen Staat leben.

Die Änderung der Religions- und Staatsbürgerschaftsgesetze wird die komplizierteste Reform für die revolutionäre Bewegung sein. Sie könnte auf den Widerstand des konservativeren Teils der Gesellschaft stoßen. So wird eine föderale Verfassung sehr umstritten sein, wenn man an die fortbestehende Dominanz der Bamar denkt. Aber auch dann, wenn Splitterparteien ethnische Interessen in den Vordergrund stellen, wird es sehr schwierig sein, mit dieser komplexen Verfassung umzugehen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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1 | 2022, Interviews, Myanmar,
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„Die geisterhafte, unsichere Erinnerung“ – Teil II

Myanmar: Das koloniale Burma bestand im Wesentlichen aus einem großen Eisenbahnnetz mit militärischen Hochburgen. Machtausübung durch Schienenbau blieb auch nach der Unabhängigkeit das Mittel der Wahl.

Im Jahr 2015 arbeitete Clare Hammond als Journalistin für die Myanmar Times und berichtete über die Wahlen, bei denen die von Aung San Suu Kyi geführte Nationale Liga für Demokratie (National League for Democracy, NLD) an die Macht kam. Beim Lesen eines Berichts über die Entwicklung der Eisenbahn in Myanmar stieß sie auf eine Karte, auf der das Land mit einem Netz von Bahnschienen überzogen war. Weder sie noch ihre Kolleg*innen aus Myanmar hatten diese Schienen je zuvor gesehen. Da es an verfügbaren Informationen mangelte, folgte sie diesen Gleis-Spuren und deckte ihre Geschichte auf, die eng mit der Geschichte von Besatzung und Widerstand verwoben ist. Das Ergebnis ihrer Recherchen ist in ihrem Buch „On the Shadow Tracks: A Journey Through Occupied Myanmar“ dokumentiert.

südostasien: Eisenbahnstrecken dienen in Ihrem Buch als einfache, aber kraftvolle Metapher für Kontrolle. Dabei betrachten Sie zwei Hauptperioden des Eisenbahnbaus, die erste ist die des Britischen Weltreichs im späten 19. Jahrhundert. Warum waren Eisenbahnlinien für die Kolonialherrschaft notwendig?

Clare Hammond: Nach dem dritten Anglo-Burmesischen Krieg 1885 standen die Briten bei der Besetzung des Landes vor einer gewaltigen Herausforderung. Sie mussten ein sehr unzugängliches Gebiet kontrollieren, das die Widerstandsgruppen viel besser kannten als sie. Sie brauchten einen militärischen Vorteil. Im Falle des Britischen Empire war das ein Eisenbahnnetz. Sobald der Krieg vorbei war, begannen sie mit dem Bau einer Eisenbahnlinie mitten durch das Land und zwangen die Bevölkerung dazu, für fast nichts daran zu arbeiten. Diese wurden von Sicherheitskräften „geschützt“, während Räumungsaktionen gegen Widerstandskämpfer durchgeführt wurden.

Entlang der Eisenbahnlinien ließen die Besatzer eine Infrastruktur errichten mit Kasernen, Gefängnissen und Gerichten. Das koloniale Burma bestand im Wesentlichen aus einem großen Schienennetz mit militärischen Hochburgen, während der Rest des Landes größtenteils Dschungel war. Die Eisenbahnen wurden zum Transport von Rohstoffen genutzt, von denen britische Unternehmen auf Kosten der Burmesen und anderer ethnischer Gruppen profitierten.

Die zweite Bauwelle wurde in den 1990er und frühen 2000er Jahren vom Militär Myanmars durchgeführt. Was kennzeichnete diese Zeit?

Nach dem Aufstand von 1988 erkannte das Militär, dass es die Randgebiete des Landes nicht wirklich kontrollierte, es fehlte ihnen an Zugang zu diesen Gebieten. Es musste also eine Infrastruktur geschaffen werden, die eine enorme Ausdehnung der Streitkräfte und Kampagnen gegen ethnische bewaffnete Gruppen ermöglichte. Allerdings waren sie nach dem sozialistischen Experiment von General Ne Win im Grunde bankrott. Im Laufe dieses Jahrzehnts mussten vermutlich Millionen von Menschen ihre Arbeitskraft „freiwillig“ für den Eisenbahnbau zur Verfügung stellen. Aus jedem Haushalt musste sich eine Person verpflichten, die ihr eigenes Werkzeug und eigene Lebensmittel mitbrachte. Es kam zu weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen. Am Ende dieser Phase gelang es dem Militär, eine dauerhafte Präsenz in den Grenzgebieten einzurichten.

Die zweite (Bau-)Phase war von Korruption geprägt und führte zu dem, was ein Experte als „schlimmstes Eisenbahnnetzwerk aller Zeiten“ bezeichnete. Aufträge wurden unter der Hand an Unternehmen vergeben, die nur über das ganze Land verstreute Bahnlinien-Bruchstücke verlegten, von denen die meisten bereits verschwunden sind, während dafür fast eine Milliarde Dollar ausgegeben wurde.

Welche Parallelen sehen Sie zwischen diesen beiden Projekten?

Eine der wichtigsten Parallelen betrifft die Abfolge: Es war die erste Phase mit gewaltsamer Besetzung des Landes und dem Aufbau der Infrastruktur, die eine langfristige Kontrolle ermöglichte. Darauf folgte die Ausbeutung, sei es durch Nepotismus – auch das Britische Weltreich basierte auf Vetternwirtschaft – oder durch die Plünderung wertvoller natürlicher Ressourcen. Eine weitere bedeutsame Parallele ist, dass die Projekte in beiden Fällen unter dem Deckmantel der Entwicklung durchgeführt wurden. Sowohl die Kolonialbeamten als auch die Generäle Myanmars eröffneten neue Eisenbahnstrecken mit großen Zeremonien und gewährten der einheimischen Bevölkerung kostenlose Zugfahrten, als ob dies eine Entschädigung für den Verlust ihrer Freiheiten darstellen könnte.

Ein weiterer Grund ist die Vernachlässigung von Aufzeichnungen. Wenn man Archiv-Aufzeichnungen von Beamten des Reiches liest, erfährt man nichts von den militärischen Aktivitäten, die zur gleichen Zeit stattfanden. Ebenso konzentriert sich die heutige offizielle Dokumentation auf die wirtschaftlichen Aspekte des Zugnetzes, auf Waggons, Passagiere und Güterverkehr, ohne die Konflikte zu erwähnen. Die vierte wichtige Parallele ist das Schweigen, das diese beiden Projekte umgibt. Die Geschichte des britischen Eisenbahnbaus in Myanmar wurde sowohl von den Generälen Myanmars, als auch von den Briten vergessen, die kein wirkliches Interesse hatten, sich daran zu erinnern.

Was war der Grund für dieses Schweigen?

In den 1990er Jahren gab es in Myanmar keine zivilgesellschaftlichen Gruppen, keine Telefone und kein Internet. Aufgrund der repressiven Gesetze aus der Kolonialzeit gab es auch kein Recht auf Protest. In Teilen des Landes, in denen Eisenbahnstrecken gebaut wurden, sprachen die Menschen oft kein Burmesisch, so dass Informationen über Missbräuche letztlich nur bruchstückhaft erhalten und auf kleine Gemeinschaften beschränkt blieben.

Es herrschte der Eindruck, dass die Zwangsarbeit bei der Eisenbahn für einige Menschen in den Grenzgebieten nicht das Schlimmste war, was ihnen damals, angesichts der weit verbreiteten Folterungen und außergerichtlichen Tötungen widerfuhr. Als Geflüchtete ihre Aussagen machten, war die Arbeit an der Eisenbahn ein Teil davon. Aber sie wurde von den Gruppen, die die Verstöße dokumentierten, nie ausdrücklich hervorgehoben, weshalb sie auf der Prioritätenliste nach unten rutschte.

2015 hat die Zivilregierung akzeptiert, dass sie die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit nicht mehr ausgraben würde. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Geschichten bis zur Rückkehr zu einer Zivilregierung bewahrt werden. Es ist ein Luxus der Friedenszeit, dass man sich (daran) erinnern kann.

Während Ihrer Reise in Myanmars Bundesstaat Rakhine kam es zu einer weiteren Welle massiver Gewalt gegen die Rohingya. Wie beeinflusst das koloniale Erbe die Art und Weise, wie verschiedene Bevölkerungsgruppen in Myanmar miteinander umgehen?

Vor der britischen Besetzung gab es die Burmesen als größte Gruppe im Zentrum. Dann gab es rivalisierende Königreiche wie Rakhine und Mon und in den Grenzgebieten lebten Hunderte verschiedener Stammesgruppen. Es gab Abgrenzung und Rivalität, aber die Identitäten waren viel fließender. Als die Briten das Gebiet besetzten, wurden diese Gruppen aus verwaltungstechnischen Gründen aufgeteilt, zahlenmäßig erfasst und verschiedenen Regierungsformen unterstellt. In Kachin und Shan wurde eine indirekte Herrschaft eingeführt, bei der lokalen Führern Autonomie gewährt wurde, während im burmesischen Kernland eine völlig fremde Verwaltung eingesetzt wurde, ähnlich wie in Indien. Am Ende des Britischen Empire stellten sich die Menschen selbst als getrennte Ethnien vor.

Das Imperium verschwand zwar, aber die Spaltungen blieben bestehen?

Die Briten hatten eine Hierarchie der Ethnien eingeführt. An der Spitze standen die britischen weißen Kolonialherren, dann kamen die Anglo-Burmesen und so weiter. Als die Generäle in den 60er Jahren die Macht übernahmen, setzten sie die Burmesen an die Spitze ihrer Hierarchie und behielten die Trennung zwischen den Gruppen bei. Die Art und Weise, wie sie das Land verwaltet haben, ist wirklich kolonial. Auch sie haben eine Strategie des Teilens und Herrschens verfolgt, indem sie verschiedene ethnische Gruppen gegeneinander ausgespielt und ihre Führer korrumpiert haben.

Die Folge ist verheerend: ein tiefes Misstrauen zwischen den Burmesen und anderen ethnischen Gruppen sowie zwischen verschiedenen anderen Gruppen. Am offensichtlichsten zeigt sich dies zwischen den Rakhine und den Rohingya. Die Vorstellung, dass bestimmte ethnische Gruppen immer in bestimmten Teilen des Landes ansässig waren und kein Recht haben, sich anderswo aufzuhalten, ist auch das Erbe des Britischen Empire.

Kann der gegenwärtige chinesische Infrastrukturausbau ebenfalls durch diese Linse der Ausweitung neokolonialer Kontrolle betrachtet werden? Passt dies in die Muster, denen das Britische Weltreich und das Militär folgen?

Es passt genau in diese Tradition, so funktioniert der Kapitalismus. Der Unterschied besteht darin, dass die Chinesen in Myanmar nicht in das Land eindringen und es besetzen, sondern durch Stellvertreter agieren, durch lokale Eliten. Oder durch die Armee Myanmars, die das Land roden und die Standorte sichern, an denen chinesische Wasserkraftwerke oder eine Hochgeschwindigkeits-Eisenbahn gebaut werden sollen. Letztere würde durch mehrere Konfliktzonen verlaufen. Nutznießer wären in erster Linie chinesische Unternehmen, andere ausländischen Unternehmen mit Fabriken in Wirtschaftszonen sowie burmesische Großkonzerne.

Die Menschen vor Ort würden vor allem Enteignung und Ausgrenzung erleben. Unter den Gruppen der Zivilgesellschaft gibt es seit langem eine Opposition gegen die von China unterstützte Entwicklung, was eine Fortsetzung historischer Proteste darstellt.

Sie betonen, dass in den Grenzgebieten Eisenbahnen als Symbol der Unterdrückung wahrgenommen werden und dass Angriffe auf sie in diesem größeren Rahmen verstanden werden müssen. Gleichzeitig zitieren Sie am Ende des Buches ein Gedicht, in dem die anhaltende Revolution mit einem Zug verglichen wird, der vorwärts zieht. Welche Bedeutung haben die Eisenbahnen im Myanmar nach dem Putsch im Februar 2021?

Es war für mich bemerkenswert, dass die Bahnangestellten in Myanmar an der Spitze der Bewegung des zivilen Ungehorsams standen. Sie wussten offensichtlich, wie wichtig die Eisenbahn für das Militär ist. Die Demonstrant*innen legten sich auf die Gleise um zu sagen: „Das gehört uns, und wir werden verhindern, dass ihr es wieder einnehmt.“ Das Militär reagierte natürlich mit Gewalt, was dazu führte, dass Widerstandsgruppen die Eisenbahnlinien in die Luft sprengten.

Der Widerstand tritt dafür ein, dass sie, wie die gesamte staatliche Infrastruktur, in zivile Hand gehören sollten. Ich denke, die Metapher der Revolution als Zug spiegelt dies wider. Was würde aus den Eisenbahnen werden? Ich hoffe, dass es eines Tages ein Projekt geben wird, das die Geschehnisse wirklich dokumentiert und an die Menschen erinnert, die ihr Leben verloren haben.

Zum Thema Erinnern gibt es natürlich auch die andere Seite der Geschichte. Wie steht es um die aktuelle britische Aufarbeitung des Erbes des Weltreichs und welchen Platz nimmt Myanmar in diesem Prozess ein?

In Großbritannien fangen wir gerade erst an, solche Gespräche zu führen. Das Thema lässt sich nicht mehr ignorieren. Es löst Kulturkriege aus und ist sehr spaltend. Es gibt diesen Satz, den alle immer sagen: „Was ist mit den Eisenbahnen?“, der verwendet wird, um Kritik am Empire entgegenzuwirken. Viele Menschen glauben, dass Großbritannien trotz all seiner Übel versucht hat, die von ihm besetzten Gebiete zu verbessern. Die Diskussionen, die wir jetzt führen, drehen sich um die Rolle Großbritanniens im Sklavenhandel und um Teile des Weltreichs wie Indien, die besser bekannt sind.

Über Burma weiß man kaum etwas. Was in der britischen Vorstellungswelt am stärksten präsent ist, ist ironischerweise die japanische Todesbahn [Thailand-Burma-Eisenbahn, d.R.], weil dort britische Kriegsgefangene versklavt wurden. Ansonsten interessiert es niemanden, was äußerst problematisch ist, nicht zuletzt angesichts der Art und Weise wie Großbritannien heute mit Ländern wie Myanmar umgeht. Es hat bislang keine wirkliche Auseinandersetzung mit unserer kolonialen Vergangenheit gegeben und mit dem, was sie für unsere Verantwortung in der heutigen Zeit bedeutet.

Interview von: Laura Faludi

Übersetzung aus dem Englischen von: Pia S. Ludwig

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