3 | 2023, Interviews, Kambodscha,
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„Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen“

Kambodscha, Kun Khmer, Eh Phouthong

Aufwärmtraining vor Eh Phouthongs neuer Boxschule in der nähe von Phnom Penh. © Robin Eberhardt

Kambodscha: Im Interview berichtet der Kickbox-Meister Eh Phouthong über seine Karriere als Profi-Sportler und seine heutige Arbeit als Boxtrainer.

südostasien: In welchem Alter hast du mit Boxen angefangen?

Unser Interviewpartner:

© Robin Eberhardt

Eh Phouthong wurde 1975 in der kambodschanischen Provinz Koh Kong geboren und ist ein ehemaliger kambodschanischer Profi-Kickboxer und heutiger Trainer. Eh Phouthong war für seinen kraftvollen rechten Kick bekannt, der viele Arme brach. Er ist der berühmteste Kickboxer Kambodschas. Die Agence France Press bezeichnete Eh Phouthong als „Muhammad Ali Kambodschas“.

Eh Phouthong: Als ich zehn Jahre alt war habe ich angefangen Kun Khmer [die kambodschanische Form des Kickboxens, d.R.] zu trainieren.

Wie ging es danach weiter?

Mit 18 Jahren hatte ich meinen ersten professionellen Kampf. Obwohl ich in der Provinz Koh Kong geboren wurde und dort meine ersten Jahre verbracht habe, fand dieser Kampf in der Provinz Prey Veng statt. Für diesen Kampf, den ich auch gewonnen haben, wurden mir rund fünf Dollar bezahlt.

Wie konntest du mit so wenig Geld als Profiboxer überleben?

Damals habe ich noch bei meinen Eltern in der Provinz Koh Kong gelebt und musste nicht arbeiten gehen. Nachdem ich den ersten Profi-Kampf gleich gewonnen habe, hat mein Vater für die nächsten Kämpfe bessere Konditionen ausgehandelt und ich habe mehr und mehr Geld verdient.

Was waren die größten Hindernisse auf deinem Weg?

Kambodscha, Kun Khmer, Eh Phouthong

Eh Phouthong vor seinem ersten Kampf 1993. © Eh Phouthong

Nach dem ersten Profi-Kampf zog ich in die Provinz Prey Veng und lebte bei meinem Onkel. Dort fühlte ich mich oft alleine. Außerdem habe ich mich so auf das Trainieren und Boxen fokussiert, dass ich nicht zur Schule gegangen bin. Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen, etwas Anderes kann ich nicht. Deswegen bin ich immer noch in diesem Business tätig.

Was war dein größter Sieg? Wann fühltest du dich am glücklichsten?

Das war nach meinem ersten Sieg in Prey Veng. Ich habe gegen einen Gegner aus Battambang [eine Hochburg des Kun Khmer, d.R.] gewonnen. Ich war so glücklich und hatte das Gefühl, nur Kun Khmer kann mich glücklich machen. Außerdem hatte ich dann auch bald das Gefühl, dass ich von dem Sport leben kann.

Hierzulande ist vor allem das Thai-Boxen bekannt. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen Kun Khmer und Muay Thai?

Kun Khmer und Muay Thai sind sich ziemlich ähnlich. Kun Khmer hat eine ältere Tradition als Muay Thai. Aber während des Krieges [Kambodschas Bürgerkrieg, die Zeit unter den Khmer Rouge und dem anschließenden Bürgerkrieg bis 1991, d.R.] ging die Tradition im Land verloren. Zur gleichen Zeit haben die Thailänder Muay Thai gefördert und auf der ganzen Welt bekannt gemacht. Sie haben es zu ‚ihrem Sport‘ gemacht. Mittlerweile kämpfen die Khmer darum, dass der kambodschanische Ursprung des Sports anerkannt wird, weil es ein wichtiger Teil der Khmer-Kultur ist.

Kun Khmer
Kun Khmer oder Pradal Serey ist ein Kampfsport, der seinen Ursprung in Kambodscha hat. Der offizielle Name der Sportart ist Kbach Kun Pradal Khmer. Auf Khmer bedeutet pradal Kampf oder Boxen und serey bedeutet frei. Pradal Serey kann also mit „freies Kämpfen“ oder „freies Boxen“ übersetzt werden. Ähnlich wie Thai-Boxen besteht Kun Khmer aus Schlägen und Tritten, Ellenbogentechniken, Nahkampf sowie Knietechniken.

Im Vorfeld der Südostasien-Spiele 2023 gab es Streit zwischen Kambodscha und Thailand um die Benennung des Sports. Weil sich das Gastgeberland Kambodscha durchsetzte, hat Thailand die Kun Khmer-Wettkämpfe boykottiert. Was hältst du davon?

Ich hätte es gerne gesehen, wenn die Thais bei den Kämpfen mitgemacht hätten, weil es um den Spaß am Sport geht. Außerdem sollten auch die Besten daran teilnehmen. Wegen des Streits haben sich die Menschen über Khmer und die thailändische Kultur unterhalten. Die beiden Kulturen sind sich sehr ähnlich. Aber trotz aller Gemeinsamkeiten ist die Art, wie wir Boxen lernen und es praktizieren, doch noch eine andere.

Was muss geschehen um Kun Khmer auf internationaler Ebene mehr zu fördern?

Wir müssen von Thailand lernen und sehr viel mehr auf die sozialen Medien setzen. Außerdem müssen wir den jungen Menschen mehr Möglichkeiten geben, das Boxen als Leistungssport auszuüben.

Warum hast du nach deiner Karriere als Kämpfer eine Boxschule aufgemacht?

Ich habe die Schule gegründet, weil es keine Gegner mehr für mich gab. Ich war zu gut. Wenn mich heute ein anderer herausfordern würde, ginge ich sofort wieder in den Ring, um zu kämpfen.

Wie vielen Schülern bringst du Kun Khmer bei?

Kambodscha, Kun Khmer, Eh Phouthong

Training in der alten Schule in der nähe des Old Stadiums. © antjeverena/flickr CC BY-NC-ND 2.0

Als ich 2003 meine erste Schule in der Stadt eröffnete, hatte ich rund 20 Schüler. Mittlerweile habe ich zwei Schulen und um die 40 Schüler. Vor vier Jahren musste ich eine der Schulen in der Stadt schließen, weil es Ärger um die Landrechte gab. Ich bin deshalb aus der Stadt herausgezogen, wo ich jetzt auch wohne [Die Schule befindet sich rund eine halbe Stunde außerhalb Phnom Penhs, d.R.].

Gibt es unter deinen Schülern auch Kämpfer, die an dein Talent heranreichen?

Unter meinen 40 Schülern haben vielleicht vier oder fünf großes Talent und sie können eine erfolgreiche Zukunft haben, wenn sie sich voll auf das Boxen konzentrieren.

Wenn einer dieser Schüler kämpft, zieht es dich dann selbst wieder in den Ring?

Immer (lacht schallend!) Ja, manchmal will ich wirklich wieder zurück in den Ring und kämpfen.

Kuch Sikol hat während des Interviews aus dem Khmer ins Englische übersetzt.

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3 | 2023, Interviews, Kambodscha,
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„Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen“

Kambodscha: Von politischen Unruhen über Einschränkungen der Meinungsfreiheit bis zu Massenprozessen gegen Oppositionsmitglieder – der demokratische Raum schwindet.

Kambodscha blickt auf eine lange Geschichte politischer Unruhen zurück, darunter die Zeit der Kolonisierung durch Frankreich, die Herrschaft der Roten Khmer, die Zeit des Bürgerkriegs und der gewalttätige Fraktionszwang, der die Zeit der Kambodschanischen Volkspartei (CPP) geprägt hat. 1991 wurden die Pariser Friedensabkommen unterzeichnet, die den Weg für freie und faire Wahlen ebneten und Kambodscha zu einer konstitutionellen Monarchie machten. Nach der Einrichtung der UN-Übergangsbehörde für Kambodscha traf der angestrebte Übergang des Landes zur Demokratie auf zahlreiche Herausforderungen, darunter Korruption, Gewalt und politische Instabilität.

Der anhaltende Niedergang der Demokratie

Die erste große Beeinträchtigung der Demokratie in Kambodscha erfolgte direkt nach den Wahlen von 1993, als sich die derzeitige Regierungspartei CPP weigerte, ihre Wahlniederlage zu akzeptieren und mit Sezession und Gewalt drohte. Seitdem präsentiert sich die CPP als Garant des Friedens und beweist gleichzeitig immer wieder, dass sie grundsätzlich in der Lage ist, Gewalt gegen die politische Opposition und zivilgesellschaftliche Strukturen anzuwenden, sobald ihre Herrschaft in Frage gestellt wird. Während der langen Zeit ihrer Vorherrschaft hat die CPP jede nationale Wahl gewonnen, ohne dass ein Klima des offenen politischen Wettbewerbs und des Pluralismus herrschte. Vorwürfe gegen die CPP umfassen dabei Wahlmanipulation, die Unterdrückung der politischen Opposition und massive Menschenrechtsverletzungen.

Eine kurzzeitige Ausweitung demokratischer Spielräume infolge großer Stimmgewinne der Opposition bei den Wahlen 2013 wurde zunichte gemacht, als die Oppositionspartei Cambodia National Rescue Party (CNRP) 2017 vom Obersten Gerichtshof aufgelöst wurde und die CPP als einzige politische Kraft im Land zurückblieb. Infolgedessen steht die Zivilgesellschaft in Kambodscha vor großen Herausforderungen bei der Förderung demokratischer Ideale und dem Schutz der Menschenrechte.

Einschränkungen der Meinungsfreiheit

Die Regierung hat sukzessive das Recht auf freie Meinungsäußerung eingeschränkt, unter anderem durch die Schließung unabhängiger Medien und die Inhaftierung von Journalisten und politischen Dissidenten. Nichtregierungsorganisationen, die sich mit Menschenrechten, Demokratie und Umweltschutz befassen, wurden ebenfalls ins Visier genommen, viele von ihnen sind verstärkter Kontrolle und Schikane seitens der Regierung ausgesetzt. Kambodscha entwickelt sich zu einem dynastischen System, in dem eine Gruppe von Herrscherfamilien die Kontrolle über kritische Bereiche der Industrie und Wirtschaft sowie über die Ministerien des Staates monopolisiert, in dem Wahlen immer unfairer werden und in dem die Justiz verstärkt zur Bestrafung Andersdenkender eingesetzt wird. Dies wirkt sich negativ auf die Qualität der Staatsführung aus. Außerdem wird die Fähigkeit der Regierung, auf strukturelle und gesellschaftliche Herausforderungen wie Korruption, Ungleichheit, unzureichende Infrastruktur, Umweltzerstörung und geschlechtsspezifische Gewalt zu reagieren, immer weiter eingeschränkt.

Politische Opposition unter Anklage

Die Demokratie in Kambodscha ist aufgrund des harten Vorgehens der Regierung gegen die Opposition, Nichtregierungsorganisationen und unabhängige Medien in einem ständigen Niedergang begriffen, was zur Schließung des zivilen Raums und zur Aushöhlung des Kontrollsystems des Landes geführt hat. 2022 fanden drei separate Massenprozesse statt, die zur Verurteilung mehrerer Mitglieder und Aktivisten der Oppositionsparteien führten. Die Prozesse wurden wegen mangelnder Unabhängigkeit kritisiert. Im August 2022 wurde ein weiterer Massenprozess eingeleitet, bei dem 37 ehemalige Mitglieder der Oppositionspartei wegen „Verschwörung“ angeklagt wurden. Der Prozess begann im September 2022. Im Dezember 2022 wurden 36 hochrangige Funktionäre der verbotenen CNRP zu Haftstrafen verurteilt, weil sie den Versuch eines Vizepräsidenten unterstützt hatten, nach Kambodscha zurückzukehren. Die meisten verurteilten Funktionäre waren bereits aus dem Land geflohen und lebten im Exil. Diese Prozesse wurden als unzureichend und politisch motiviert kritisiert.

Auswirkungen auf die Medienlandschaft

Die Regierung setzt repressive Maßnahmen ein, um die Presse- und Meinungsfreiheit einzuschränken. Journalisten sind Gewalt, Schikanen, gerichtlicher Verfolgung und Zensur ausgesetzt. Im November 2022 forderten 32 Organisationen in einer gemeinsamen Erklärung mehr Respekt und Schutz für Journalisten. Nach Angaben der Cambodian Journalists Alliance Association (CamboJA) wurden allein in den zehn Monaten zwischen Januar und Oktober 2022 57 Journalist*innen belästigt, 23 waren Gewalt und Drohungen ausgesetzt, 12 wurden verhaftet, 12 wurden gerichtlich verfolgt, und vier Medienunternehmen wurde die Lizenz entzogen. In einem Bericht des Büros des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte wird festgestellt, dass Journalist*innen zunehmend Druck, Schikanen und Gewalt ausgesetzt sind.

Medien befinden sich überwiegend in den Händen von Mitgliedern der Regierungspartei. Freedom House stufte Kambodscha in Bezug auf die Internetfreiheit als „teilweise frei“ ein, wobei der Zugang und die Inhalte eingeschränkt sind, und die Rechte der Nutzer verletzt werden. Das Kambodschanische Zentrum für Menschenrechte stellte keine Verbesserungen in Bezug auf die Pressefreiheit fest. Einschüchterungen, Überwachung, Drohungen und gerichtliche Schikanen werden regelmäßig gegen diejenigen eingesetzt, die ihre Meinung sagen. Von September 2021 bis August 2022 wurden gegen 20 Journalist*innen und 13 Menschenrechtsverteidiger*innen gerichtliche Schritte eingeleitet. Die Schließung kritischer Medien hat dazu geführt, dass den Bürger*innen weniger zuverlässige Nachrichtenquellen zur Verfügung stehen.

Der Arbeitsmarkt und die fehlende Unabhängigkeit

Der Arbeitsmarkt in Kambodscha steht weiterhin vor Herausforderungen, darunter die Unterdrückung unabhängiger Gewerkschaften und der Mobilisierung von Arbeitnehmer*innen. Das kurz- und langfristige Wohlergehen von Arbeitnehmer*innen wird vernachlässigt. Wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Fähigkeiten von Arbeitnehmer*innen, den sich ändernden Anforderungen der Industrie gerecht zu werden und im internationalen Wettbewerb zu bestehen, fehlen.

Die Regierung hat sich dafür entschieden, unabhängige Gewerkschaften zu isolieren und die Mobilisierung der Arbeitnehmer durch Gewalt und Rechtsstaatlichkeit zu verhindern. Trotz Verhandlungen wurde der Mindestlohn lediglich auf 202 USD (rund 186 Euro) pro Monat angehoben, was nicht als existenzsichernder Lohn für die Beschäftigten angesehen wird. Das Nagaworld-Kasino weigerte sich, Entschädigungen gemäß den Arbeitsgesetzen zu zahlen, was zur Entlassung von 365 Beschäftigten führte. Der Gewerkschafter Chhim Sithar von der Gewerkschaft Labor Rights Supported Union of Khmer Employees of Nagaworld (LRSU) wurde verhaftet und angeklagt, viele streikende Arbeitnehmer ebenfalls. Diese Maßnahmen sind mit den Grundprinzipien der Rechtsstaatlichkeit unvereinbar und stellen eine Herausforderung für die Arbeitnehmerrechte in Kambodscha dar.

Wahlen ohne Pluralismus

Das politische System beinhaltet Wahlen ohne liberalen Pluralismus und ohne echte Wahlmöglichkeiten für die Bürger*innen. Die Menschen müssen ihre Selbstzensur aus Angst vor Strafverfolgung und Gewalt ständig verstärken. Viele Nichtregierungsorganisationen (NRO) erbringen Dienstleistungen, bemühen sich aber nicht um strukturelle Reformen oder politische Lösungen für die eigentlichen Ursachen der Probleme.

Das derzeitige politische System hat schrittweise Gesetze und Praktiken institutionalisiert, die dem liberalen demokratischen Pluralismus und den politischen Rechten zuwiderlaufen. Die politischen Behörden in Kambodscha setzen auf eine Mischung aus Kooptation und Zwang, wobei die Kontrolle über die Sicherheitsdienste und die Streitkräfte gewährleistet, dass jede Herausforderung der Machthaber durch repressive Maßnahmen beseitigt wird. Seit der Ausschaltung der wichtigsten Oppositionspartei im Jahr 2017 ist das Regime zunehmend zu einer Taktik der Rechtsstaatlichkeit übergegangen, die der Repression den Anschein der Legalität verleiht. Offensichtlich wurde das 2022 bei den Massenprozessen gegen Mitglieder politischer Oppositionsparteien, bei denen grundlegende Ausdrucksformen der Grundfreiheiten (Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit) von den Behörden als schwere Straftaten eingestuft wurden, von Aufwiegelung bis hin zu Rebellion und Hochverrat.

Menschenrechte und Demokratie

Der Zustand der Demokratie in Kambodscha ist prekär. Ernsthafte Besorgnis über politische Instabilität, Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der Meinungsfreiheit ist angebracht. Gleichzeitig ist das Interesse der Öffentlichkeit an der Demokratie ungebrochen, was sich in den regelmäßig wiederkehrenden Wahlergebnissen und der Wahlbeteiligung widerspiegelt (was ein erhebliches Risiko für die finanzielle und persönliche Sicherheit des Einzelnen darstellt). Eine demokratischere Zukunft für Kambodscha wird von einer verstärkten internationalen Unterstützung, dem Engagement der Zivilgesellschaft und der Reform der Regierung abhängen. Wenn wir zusammenarbeiten, ist es möglich, eine demokratischere und gerechtere Gesellschaft in Kambodscha zu fördern.

Die Förderung der Demokratie hängt ab von der Stärkung der Rechtsstaatlichkeit und der Förderung der Rechenschaftspflicht bei Menschenrechtsverletzungen, der Unterstützung unabhängiger Medien und dem Schutz der Meinungsfreiheit, der Ermutigung der Regierung zum Dialog mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und Oppositionsparteien. Weiterhin bedarf es der Förderung fairer und transparenter Wahlen, einschließlich internationaler Überwachung, sowie der finanziellen und technischen Unterstützung zivilgesellschaftlicher Organisationen, die sich mit Demokratie- und Menschenrechtsfragen befassen.

Aktiver Ansatz der internationalen Gemeinschaft

Will die internationale Gemeinschaft die Demokratisierung unterstützen, muss sie einen aktiveren und selbstbewussteren Ansatz verfolgen. Auch Kambodschas Demokraten und wichtige Akteure, die eine verantwortungsvolle Regierungsführung anstreben, müssen neue Wege finden, um in dem begrenzten zivilgesellschaftlichen Raum neue Strategien zur Verbreitung demokratischer Normen zu entwickeln und die Zusammenarbeit in ihren Bemühungen zu verbessern.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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3 | 2023, Interviews, Kambodscha,
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„Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen“

Kambodscha: Auf die Wahlen 2023 folgte ein Generationenwechsel in der politischen Führungsriege. Unklar bleibt, ob dies wirkliche Veränderungen für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie bringt.

Die Kambodschanische Volkspartei (CPP) hat ihre politische Vorherrschaft bei den Wahlen 2023 gefestigt. Sie bekam 120 der 125 Sitze im Parlament und überließ die restlichen fünf Sitze der royalistischen FUNCINPEC-Partei. Diese überwältigende Mehrheit ist ein deutlicher Unterschied zu den ersten, von den Vereinten Nationen unterstützten, Wahlen in Kambodscha im Jahr 1993. Damals gewann die FUNCINPEC die meisten Sitze. Bei den Wahlen 2013 und 2018 konnte sie hingegen keinen einzigen Sitz erringen. Im Jahr 2018, nachdem sie alle 125 Sitze gewonnen hatte, versuchte die CPP, dass Ein-Parteien-Parlament als legitim zu rechtfertigen.

Eine solche Rechtfertigung ist nun nicht mehr nötig. Der überwältigende Sieg der CPP könnte dazu führen, dass die politische Landschaft Kambodschas stärker zentralisiert und weniger vielfältig wird, was sich in einer geringeren politischen Opposition und einer möglichen Infragestellung der demokratischen Grundsätze niederschlägt.

Zweifel an Fairness der Wahl

Die Wahlen in Kambodscha im Jahr 2023 waren nicht unumstritten. Der Nationale Wahlausschuss (NEC) traf die umstrittene Entscheidung, den einzigen glaubwürdigen Mitbewerber, die Candle Light Party (CLP), von der Teilnahme auszuschließen. Die CLP, die als Nachfolgerin der gerichtlich aufgelösten Cambodia National Rescue Party (CNRP) gilt und für ihre fortschrittliche Politik und ihr entschiedenes Eintreten für die Menschenrechte bekannt ist, hätte die politische Landschaft grundlegend verändern können. Als Grund für den Ausschluss wurde angegeben, dass die Partei es versäumt habe, die erforderlichen Unterlagen einzureichen. Dieselbe Partei durfte jedoch ein Jahr zuvor, 2022, an den Kommunalwahlen teilnehmen. Diese Entscheidung hat ernsthafte Zweifel an der Fairness der Wahl und der Unparteilichkeit des NEC aufkommen lassen.

Die Wahlen 2023 in Kambodscha sind ein entscheidender Moment in der politischen Geschichte des Landes. Nach 38 Jahren Regierungszeit ist der dienstälteste Premierminister Asiens, Hun Sen, zurückgetreten. Seine Partei, die CPP, hat sich eine Position gesichert, die sie wahrscheinlich für mindestens weitere fünf Jahre behalten wird. Der erfolgreiche Übergang des Ministerpräsidentenamtes vom Vater auf den Sohn, vom ehemaligen Premierminister Hun Sen auf seinen ältesten Sohn Hun Manet, kann als eine ‚erfüllte Mission‘ betrachtet werden. Diese Machtübergabe innerhalb der CPP könnte weitreichende Auswirkungen auf die Zukunft der kambodschanischen Politik haben und die Kontrolle der Partei für die absehbare Zukunft sichern. Da Hun Manet, ein hochrangiger Militäroffizier und Mitglied des Zentralkomitees der CPP, voraussichtlich die Politik seines Vaters fortsetzen wird, scheint die CPP-Vorherrschaft in der kambodschanischen Politik weiterhin gesichert zu sein.

Neues Amt, alte Macht

Hun Sen hatte nach dem vorläufigen Ergebnis der Wahlen vom Juli 2023, deutlich gemacht, dass er möglicherweise von seinem Amt als Premierminister zurücktreten würde. Dennoch war er noch nicht bereit, sich aus der Politik zurückzuziehen, insbesondere nicht aus seiner Machtposition. Er erklärte nicht nur seinen Rücktritt, sondern auch, dass er nach der Ernennung seines Sohnes zum Premierminister den Vorsitz des Obersten Geheimen Rates des Königs übernehmen würde. Außerdem erklärte er, dass er Präsident des Senats, des höchsten gesetzgebenden Organs, werden würde, eine Position, die ihn zum amtierenden Staatsoberhaupt macht, wenn Seine Majestät, der König, das Land verlässt. Als derzeitiger Vorsitzender der CPP hat er die Macht, seine Parteimitglieder zu führen und Personen nach Belieben zu ernennen oder von ihren Posten zu entfernen. Diese Faktoren bedeuten realistischerweise, dass er noch jahrelang im Amt sein wird.

Politische Dynastien ziehen die Fäden

Der Premierminister trat nicht nur als Premierminister zurück, sondern auch seine alten Feinde gehörten zu denjenigen, die von ihren Posten entbunden werden mussten, darunter der Innenminister und der Verteidigungsminister. Die Söhne des ehemaligen Premierministers, des Innenministers und des Verteidigungsministers übernahmen die Ämter ihrer Väter. Auch in anderen Ministerien haben Söhne, Töchter und Verwandte in ähnlicher Weise Positionen im gesamten Kabinett erhalten.

Im Gegensatz zu ihren Eltern, die das völkermörderische Regime der Roten Khmer überlebt hatten und nur eine geringe formale Bildung genossen und während des Krieges aufgestiegen waren, verfügt die neue Generation über eine höhere Ausbildung in Ländern wie Australien, Europa und den USA, um nur einige zu nennen. Der derzeitige Premierminister, Hun Manet, war beispielsweise Absolvent der Militärakademie West Point in den USA und hat einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften aus dem Vereinigten Königreich. Die meisten von ihnen beherrschen die englische Sprache fließend. Es folgte ein Medienrummel, der diese Referenzen wiederholt aufzählte, um Glaubwürdigkeit zu schaffen und Vertrauen und Hoffnung in der Öffentlichkeit zu wecken.

Der öffentliche Dialog war in Hoffnung und Verzweiflung geteilt. Die Hoffnung galt dem Wechsel an der Spitze des Landes, der durch junge Kulturen und westliche Bildung ersetzt wurde. Die Verzweiflung war die Enttäuschung darüber, dass das Land zu einem Land geworden war, in dem die Macht unter Familienmitgliedern mit engen Beziehungen aufgeteilt wurde, sodass die Menschen den Mangel an Möglichkeiten für Söhne und Töchter einfacher Bürger*innen beklagten.

Hoffnung auf Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit?

Die Öffentlichkeit war auch geteilter Meinung über den Weg des Landes zur Wiederherstellung von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit. Einige sehen die erfolgreiche Machtübergabe von Hun Sen an Hun Manet als vollendete Mission und als Licht am Ende des Tunnels, weil die Praxis autoritärer Regime ein Versuch war, den erfolgreichen Machtwechsel zu sichern, und die junge Führungsriege zumeist westlich gebildet war. Nun, da die ‚Mission‘ erfüllt ist, würden sie ihren Griff lockern und die jüngere Generation die im Westen gelehrten Theorien von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit umsetzen lassen.

Andere glauben nicht, dass die neuen jungen Führungskräfte das Land in absehbarer Zeit in eine echte Demokratie verwandeln werden, da die Positionen zum Teil auf die mangelnde Beteiligung der Opposition, den schrumpfenden zivilen und politischen Raum, einschließlich der Beseitigung von Medien, die als regierungsfeindlich gelten, und den Druck auf zivilgesellschaftliche Organisationen zurückzuführen sind. Wenn Fragen zu dieser Praxis aufgeworfen wurden, lautete die Antwort, dass es sich um die rechtmäßige Anwendung des Gesetzes handele.

Die Frage lautet weiter: Wenn die Machtübergabe vom Vater auf den Sohn eine Folge der Untergrabung demokratischer Grundsätze war und den Erfolg garantiert, wie kann es dann zur Rückkehr zu einem vollwertigen demokratischen Weg kommen, nachdem die Opposition 2013 fast die Hälfte der Parlamentssitze errungen hatte?

Bei den letzten beiden Parlamentswahlen 2018 und 2023 war die glaubwürdige Opposition aufgelöst und gewann automatisch keine Sitze. Bei den Wahlen 2013 gewann die Oppositionspartei CNRP 55 Sitze, während die CPP 68 Sitze erhielt. Dies geschah vor dem Hintergrund einer der letzten Kontroversen nach der Wahl, bei der es monatelang Proteste und Verhandlungen gegeben hatte, bevor sich die beiden Parteien auf einen Sitz im Parlament einigen konnten.

Mein Wunsch ist mein Befehl!

Der Wunsch, die Macht vom Vater auf den Sohn zu übertragen, wurde erfüllt. Der Wunsch, dem König als Vorsitzender des Obersten Geheimen Rates vorzustehen, wurde erfüllt. Der letzte Wunsch, Präsident des Senats zu werden, musste bis zur Senatswahl im Februar 2024 warten. In einer indirekten Wahl wird der Senat von den derzeit 125 Parlamentsmitgliedern und den 2022 gewählten mehr als 11.000 Gemeinde-/Sangkat-Räten gewählt. Wenn die gewählten Gemeinde-/Sangkat-Räte für ihre Parteien gestimmt hätten, was höchstwahrscheinlich nicht der Fall ist, hätte Hun Sen einen weiteren Sieg seiner Partei CPP voraussagen können, der ihm seinen Status als Senatspräsident garantiert hätte. Die Opposition hätte weniger als zehn der 58 umstrittenen Sitze gewinnen können, wenn die gewählten Ratsmitglieder ihrer Partei den berechneten Plänen zugestimmt hätten. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Opposition nur drei Sitze erhielt. Der kambodschanische Senat besteht aus 62 Sitzen. Zusätzlich zu den 58 umstrittenen Sitzen wurden zwei weitere vom Parlament und zwei von Seiner Majestät, dem König, ernannt.

Obwohl im Vorfeld der Senatswahlen kein Risiko auftrat, das diesen letzten Wunsch hätte gefährden können, war die Wahl nicht unumstritten. Die Hoffnung auf einen offeneren Raum für Wettbewerb erfüllte sich bei den jungen Kräften in der Exekutive nicht wie erwartet. Hun Sen wollte nichts dem Zufall überlassen. Sein Wunsch sollte nicht der Befehl eines anderen sein. Sein Wunsch musste sein Befehl sein. Und er hat es wieder einmal geschafft. Das Ergebnis zeigte, dass seine Partei mehr als genug Stimmen erhalten hatte, um ihn zum Präsidenten des Senats zu wählen, was am 3. April 2024 offiziell Realität wurde.

In welche Richtung wird es gehen?

Werden der amtierende Premierminister und seine jungen Kabinettsmitglieder die Herausforderung annehmen, echte Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit zu fördern, wie es in der Verfassung und den internationalen Menschenrechtsverpflichtungen vorgesehen ist? Haben sie die richtige Einstellung, um das Steuer zu übernehmen? Oder wird die neue Generation weiterhin das Erbe der Eltern bewahren und um jeden Preis an der Macht festhalten?

In Kambodscha steht nun ein Sohn als Premierminister an der Spitze der Exekutive und sein Vater als Präsident des Senats an der Spitze der Legislative. Wie die Grundsätze der Kontrolle und des Gleichgewichts umgesetzt werden, lässt sich in den kommenden Monaten und Jahren beobachten.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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3 | 2023, Interviews, Kambodscha,
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„Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen“

Kambodscha: In „Troubling the Water“ schildert die Journalistin Abby Seiff, wie sich der vom Mekong gespeiste Tonle Sap drastisch verändert – und das Leben der Menschen an seinen Ufern.

Der Tonle Sap in Kambodscha ist das größte Süßwasserreservoir in Südostasien und eines der fischreichsten Binnengewässer weltweit. Der See ist ein einzigartiges Ökosystem, das durch seinen Rhythmus und sein Fischreichtum das Leben und die Geschichte Kambodschas seit Jahrhunderten beeinflusst.

Er speist sich aus dem Mekong und dient dem Fluss als natürliches Rückstaubecken. Zwei Mal im Jahr wechselt er seine Fließrichtung. Während der Regenzeit vergrößert sich seine Fläche um rund das Dreifache und spült kostbare Nährstoffe auf die Felder. Daher spielt der Tonle Sap eine wichtige Rolle in Kambodschas Alltag und Geschichte. Schon im Ursprungsmythos der Khmer wird auf den See angespielt. Die Tempelanlagen Angkors sind in der Nähe erbaut worden und deren einzigartiges Bewässerungssystem, das bis zu drei Reisernten im Jahr ermöglichte, wurde aus dem Tonle Sap gespeist.

Vom Zeitungsartikel zum Buch

Die amerikanische Journalistin Abby Seiff beschreibt in ihrem Buch Troubling the Water: A Dying Lake and a Vanishing World in Cambodia das System Tonle Sap und erklärt, was den See bedroht. Die Autorin hat viele Jahre als Redakteurin bei den Zeitungen Cambodia Daily und Phnom Penh Post gearbeitet und bereits 2016 über die Trockenheit am Tonle Sap berichtet. Danach ist sie immer wieder an die Ufer des Sees zurückgekehrt, um mit den Menschen über die Folgen zu sprechen.

Die Ergebnisse dieser Gespräche und weitere umfassende Recherchen hat sie in ihrem Buch zusammengefasst. Die Fotos stammen vom Fotografen Nick Axelrod, der sie auf ihren Recherchen meist begleitet hat. Seiff erklärt leicht verständlich, wie sich die drei von Menschen hervorgerufenen Faktoren Klimawandel, illegale Fischerei und Staudämme für Wasserkraftwerke auf das Ökosystem Tonle Sap und das Leben der Menschen am und auf dem See auswirken.

Rückgang der Fischbestände

Der Fisch aus dem Tonle ist eine wichtige Nahrungsquelle für die kambodschanische Bevölkerung und deckt etwa 80 Prozent des Proteinbedarfs der Bevölkerung. Doch der Fischbestand sinkt seit rund zehn Jahren dramatisch. Obwohl die Regierung Schutzzonen eingerichtet hat, bleibt die illegale Fischerei ein Problem. Zum einen werden diese Schutzzonen nur unzureichend eingehalten, zum anderen sind die Behörden, die die Einhaltung kontrollieren sollten, bestechlich.

Durch die illegale Fischerei reduziert sich der Bestand drastisch und verhindert das Nachwachsen, weil in den Schutzzonen auch Jungfische in die Netze gehen. Seiff hat mit vielen Fischern vor Ort gesprochen, die von den früheren besseren Zeiten erzählen, während sie heute kaum noch von ihren Fängen leben können.

Staudämme und Klimawandel verändern Wasserstände

Auch die Staudämme der Wasserkraftwerke am Lauf des Mekong – vor allem in China, wo der Fluss Lancang genannt wird – und seiner Nebenarme beeinflussen das Ökosystem Tonle Sap stark. Sie verhindern nicht nur die Fischwanderung, sondern ändern auch die Wassermengen, da sie am Oberlauf in China große Mengen Wasser zurückhalten und so den natürlichen Wasserkreislauf unterbrechen.

Zu guter Letzt hat auch der Klimawandel negative Auswirkungen auf den Tonle Sap. Die Dürreperioden in der Region haben sich verlängert und die Regenmengen nehmen zusehends ab. Wegen des fehlenden Niederschlags sind die Wasserstände des Mekong und damit auch des Tonle Sap stetig gesunken. Zu ersten Mal erleben die Menschen während der Trockenzeit auch Waldbrände.

Langzeitstudie des Lebens vor Ort

Die Autorin beschreibt sehr eindrücklich, wie sich das Leben der Menschen am Tonle Sap verändert – gestützt auf viele Interviews, die sie zum Teil mit denselben Personen in zeitlichen Abständen geführt hat. Weil der Fischfang als Lebensgrundlage wegfällt, verschulden sich viele Menschen oder ziehen weg. Vor allem die junge Generation sieht vor Ort keine Zukunft und sucht sich Jobs in der Tourismusindustrie oder im aufstrebenden Baugewerbe in Phnom Penh.

Besonders lesenswert ist das Buch, weil die Autorin nicht nur die aktuelle Situation aufzeigt, sondern auch historische Berichte von Entdeckungsreisenden und alte Mythen miteinbezieht und dadurch die Bedeutung des Tonle Sap auch in früheren Zeiten unterstreicht.

Rezension zu: Abby Seiff. Troubling the Water. A Dying Lake and a Vanishing World in Cambodia. Potomac Books. 168 Seiten. 2022

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3 | 2023, Interviews, Kambodscha,
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„Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen“

Kambodscha: In der Provinz Kompong Chhnang sind die Menschen abhängig vom Ökosystem des Tonle Sap. Lokale Gemeinschaften müssen bei Antworten auf die Klima-Krise einbezogen werden

Der Klimawandel könnte zu einer katastrophalen Zukunft führen, wenn er nicht eingedämmt wird. Steigende globale Temperaturen führen zu Wirbelstürmen, Dürren, Überschwemmungen und Waldbränden. Diese Ereignisse können Gemeinden zerstören, Lebensräume verwüsten. Sie bedrohen Menschen, Wildtiere sowie Ökosysteme. Darüber hinaus kann der Klimawandel zu Bevölkerungsverschiebungen, einer verstärkten Ausbreitung von Krankheiten, Nahrungsmittel- und Wasserknappheit sowie instabilen Volkswirtschaften führen. Die Auswirkungen sind weitreichend und können bereits bestehende sozioökonomische Ungleichheiten und Ungleichheit noch verschärfen.

Ungewisse Zukunft

Seit Generationen verlassen sich die Menschen um den Tonle Sap auf seine saisonalen Überschwemmungen, um das Land mit nährendem Schlamm zu fluten, sowie die Fischbestände und die landwirtschaftlichen Kreisläufe aufrechtzuerhalten. Das einzigartige Ökosystem des Sees liefert Nahrung, Wasser und Einkommen und ist damit von zentraler Bedeutung für das kulturelle und wirtschaftliche Gefüge der Region. In Kampong Chhnang dient der Tonle Sap mit seinem Fisch-Reichtum für viele Familien als wichtigste Protein- und Einkommensquelle.

Wirtschaftliche Zwänge, soziale Hindernisse und Umweltveränderungen tragen jedoch zu einer ungewissen Zukunft für die lokale Bevölkerung bei. Zu den Bedrohungen gehören Überfischung, Abholzung, Verschmutzung und Klimawandel. Sie bedrohen den Tonle Sap, der wegen seiner biologischen Vielfalt und seiner Bedeutung für den Lebensunterhalt der umliegenden Gemeinden geschätzt wird.

Der 43-jährige Le Yang Kor lebt in dem Dorf Chhnuk Trou in der Provinz Kampong Chhnang, einem Gebiet, das jedes halbe Jahr überschwemmt wird. „Seit ich ein kleines Kind war, wohne ich hier. Jetzt kann ich sehen, wie sich die Umwelt in meinem Dorf verändert hat: starke Stürme und heftige Regenfälle in der Regenzeit und extreme Hitze und Trockenheit in der Trockenzeit“, sagt er.

Immer weniger Fisch

Das allgemeine Wohlergehen der Gemeinschaften, die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, Wasser und Einkommensquellen werden durch diese Veränderungen direkt beeinträchtigt. Die 29-jährige Vietnamesin Wang Thi Yong aus der Provinz Kampong Chhnang erklärt: „Ich sehe, dass es immer weniger Fische gibt. Das macht es für die Dorfbewohner*innen, von denen die meisten Fischer*innen sind, schwierig, ihr tägliches Einkommen zu sichern.“ Schwankungen des Wasserstands, Rückgang der Fischpopulationen und die Zerstörung natürlicher Ökosysteme erschweren das Überleben der Menschen am See.

Generell sind die ethnischen vietnamesischen Gemeinschaften in Kambodscha oft mit Staatenlosigkeit und Rechtsverletzungen konfrontiert. Viele von ihnen leben seit Generationen im Land. Doch ihre Wurzeln und historischen Bindungen werden von den Behörden oft nicht beachtet. Meist fehlen Geburtsurkunden und Staatsbürgerschaft, was ihren Zugang zu wichtigen staatlichen Dienstleistungen in den Bereichen Bildung, Gesundheitsversorgung und Beschäftigung stark einschränkt. Diskriminierung, Vorurteile und soziale Ausgrenzung verschärfen diesen Zustand und behindern gesellschaftliche Teilhabe.

Frauen und Kinder besonders betroffen

Die Umweltprobleme, mit denen die gesamte lokale Bevölkerung konfrontiert ist, werden durch die wirtschaftliche Instabilität, die eingeschränkten Beschäftigungsmöglichkeiten und den begrenzten Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung noch verschärft. Frauen, Kinder und am Fluss lebende Gemeinschaften sind von diesen Problemen unverhältnismäßig stark betroffen. Him Srey Pich, eine 17-jährige Verkäuferin im Dorf Chroy in der Provinz Kampong Chhnang, äußert sich besorgt über den Rückgang der Fischpopulation, sinkende Erträge und Preise für ihre Ernte sowie über die unbeständigen Wetterverhältnisse.

Trotz dieser Hindernisse haben die Gemeinschaften rund um den Tonle Sap Hoffnung auf eine widerstandsfähigere und nachhaltigere Zukunft. Srey Pich meint, dass Nichtregierungsorganisationen und die junge Generation Schulungen zur Flussfischerei, zum Schutz der biologischen Vielfalt und zur Erhaltung der Umwelt des Tonle Sap erhalten sollten. Wang Thi Yong wünscht sich, dass die Regierungsbehörden streng gegen illegalen Fischfang und illegale Abholzung vorgehen.

Gemeinsam auf Veränderungen vorbereiten

Durch Initiativen, die den Aufbau von beruflichen Fähigkeiten, gemeindebasierten Tourismus, nachhaltige Fischereimethoden und die Erhaltung des Ökosystems unterstützen, können die Menschen am Tonle Sap gestärkt und ihre Lebensweise geschützt werden. Die Zusammenarbeit zwischen Regierungsbehörden, Unternehmen, gemeinnützigen Organisationen und lokaler Bevölkerung kann den Mitgliedern der Gemeinden Kampong Chhnangs helfen, auf eine sicherere und wohlhabendere Zukunft hinzuarbeiten.

Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung zu berücksichtigen, sie dabei zu unterstützen, widerstandsfähiger und anpassungsfähiger zu werden sowie sicherzustellen, dass ihre Rechte und ihr Wohlergehen bei allen Entscheidungsprozessen Vorrang haben. Diese Zusammenarbeit kann die Gemeinschaften am Tonle Sap besser auf klimatische Veränderungen vorbereiten und ihr so Hoffnung für eine bessere Zukunft geben.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

Die Zitate stammen von Teilnehmer*innen eines von Khmer Community Development durchgeführten Projekts.

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3 | 2023, Interviews, Kambodscha,
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„Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen“

Kambodscha: Klimawandel und Wasserkraftwerke bedrohen nicht nur die Flora und Fauna des Mekong, sondern auch die Lebensgrundlage von Millionen Menschen

Der Mekong, Lebensader für Millionen Menschen in Südostasien, befindet sich in einer ökologischen Krise. Unberechenbare Wasserfluten, sinkende Fischbestände und das Verschwinden der legendären Irrawaddy-Delfine bedrohen Lebensgrundlagen und Traditionen der Bevölkerung entlang des Flusses.

Der mächtige Strom bahnt sich seinen Weg durch Kambodschas nördliche Provinz Stung Treng an der Grenze zu Laos. Seine tiefen Wasserbecken beherbergen eine einzigartige Wasserfauna, darunter den riesigen Stachelrochen. Die lokale Bevölkerung lebt seit langem vom Reichtum des Flusses. Die Menschen werfen ihre Netze in den schlammigen Gewässern aus, um Nahrung und Einkommen zu erhalten.

Der 58-Jährige Phoy Vanna, Mitglied der Ökotourismus-Gemeinde Preah Rumkel, ist Augenzeuge der Krise des Mekong. Er weist auf die schwankenden Wasserstände hin, die durch den Bau von Staudämmen und den Klimawandel verursacht werden. „Diese Veränderungen vernichten die Überschwemmungswälder, die für das Ökosystem des Flusses von entscheidender Bedeutung sind“, erklärt er.

Trotz dieser Herausforderungen bleibt Vanna von der natürlichen Schönheit des Mekong begeistert. „Wasserfälle, Inseln, eine vielfältige Tierwelt – das waren schon immer unsere Schätze“, sagt er. Das Verschwinden der berühmten Irrawaddy-Delphine, die viele Touristen anzogen, sei ein enormer Verlust. „Die Staudämme und der Klimawandel haben sie vertrieben, damit fällt auch ein großer Teil unserer Einkünfte aus dem Tourismus weg“, beklagt er. In Preah Rumkel ist der Tourismus mit dem Verschwinden der Delfine um 70 Prozent zurückgegangen.

Staudämme bedrohen das gesamte Ökosystem

Mit Fischerei seinen Lebensunterhalt zu sichern, wird ebenfalls schwieriger. WDie Fischbestände schwinden wegen der Staudämme, durch illegalen Fischfang und die gestörten Wasserverhältnisse.“ Die Folgen sind gravierend. „Familien, die seit Generationen hier gefischt haben, kommen nicht mehr über die Runden“, sagt Vanna. Einige Dorfbewohner haben keine andere Wahl, als ihr Land zu verlassen und anderswo Arbeit zu suchen.

Die Zahlen der nationalen Fischereiverwaltung untermauern das. Sie verzeichnen einen Rückgang um 13,7 Prozent von 2019 bis 2020 und ein weiteres Minus von 7,3 Prozent im Jahr 2021. Phoy Vanna sieht diesen Rückgang in direkter Verbindung mit den flussaufwärts gelegenen Dämmen. „Die Staudämme bedrohen Fische, Delfine und das gesamte Ökosystem“, betont er. „Wir haben Abhilfe gefordert, aber sie haben die Felsen gesprengt und Umweltschäden verursacht, die der Tierwelt und den Menschen gleichermaßen schaden.“

Vanna weist auch auf die Untätigkeit der Regierung hin. „Die Behörden ignorieren die Einwände und setzen das Recht nicht durch“, sagt er. „Sie vernachlässigen ihre Pflicht und die Menschen leiden darunter.“

Gespräche mit Dorfbewohnern bestätigen Vannas Aussagen. Delfine gibt es in Anlong Chheu Teal seit 2022 nicht mehr. „Es wird immer schlimmer“, klagt ein Dorfbewohner. „Der Tourismus geht zurück, Ernten fallen aus und das Wasser fließt spärlich. Es ist schwer, sich den Lebensunterhalt zu verdienen.“

Das Don Sahong Hydropower Project

Seit 2020 gibt es flussaufwärts den Don Sahong-Staudamm im Süden von Laos, keine zwei Kilometer von der kambodschanischen Grenze entfernt. Wissenschaftler sehen das Gebiet als wichtige Passage für Fische im gesamten unteren Mekong-Becken.

Der Damm ist ein Gemeinschaftsprojekt der malaysischen Mega First Corporation Berhad und der Regierung von Laos. Im Jahr 2006 wurden Machbarkeitsstudien durchgeführt, 2015 erfolgte eine Vereinbarung über den Bau und Betrieb der Anlage, 2020 begann der Betrieb des Wasserkraftwerks.

Das Don Sahong Hydropower Project erzeugt 260 Megawatt Strom in einem der verzweigten Arme des Mekong im Siphandone-Gebiet im Süden von Laos. Das Projekt nutzt 15 Prozent des gesamten Mekong-Flusswassers.

Earthrights International, eine Non-Profit-Organisation für Menschenrechte und Umweltschutz, sieht im Don Sahong-Damm eine ernsthafte Bedrohung für die kommerzielle Fischerei wie auch für den Fischfang zum Eigenbedarf der Bevölkerung im unteren Mekong-Becken.

Dabei gibt es am Mekong bereits Beispiele, aus denen sich lernen ließe. Das kambodschanische Forschungs- und Entwicklungsinstitut für Binnenfischerei (IFReDI) hat in einer Studie aus dem Jahr 2012 eine Verringerung der Fischereierträge durch den Bau des Stung Treng-Staudamms aufgezeigt. Dieser Damm reduziere die Erträge an Fischen und anderen Wassertieren bis 2030 voraussichtlich um sechs bis 24 Prozent bzw. um 34.000 bis 145.000 Tonnen.

Überschwemmungen zerstören Landwirtschaft

Horm, eine 40-jährige Mutter von vier Kindern aus Koh Chheuteal Thom, hebt die lebenswichtige Rolle des Mekong für ihr Dorf hervor: „Der Fluss ist alles“. Sie weist auf die jüngsten ökologischen Veränderungen hin, mit schwankenden Wasserständen, zunehmender Hitze, überschwemmter Vegetation und Rückgang der Fischpopulationen und der Delfin- Sichtungen.

Horm sieht diese Veränderungen in direktem Zusammenhang mit dem Bau des Don Sahong-Damms. „In der Nähe des Flussufers Gemüse anzubauen ist nicht mehr möglich“, klagt sie. „Manchmal lassen sie Wasser ab und verursachen Überschwemmungen. Ich muss dann Samen kaufen und neu pflanzen, das ist ein großes Problem.“

Dem Umweltverträglichkeitsbericht der Staudamm-Investoren zufolge hat das Don Sahong Hydropower Project nur minimale Auswirkungen flussabwärts in Kambodscha und im Mekong-Delta. Das Projekt würde die Ökologie und die Ökonomie des vom Mekong gespeisten Tonle Sap und die Menge des eindringenden Salzwassers in das Flussdelta nicht beeinträchtigen, heißt es dort.

Kein Lebewesen wird verschont

Eam Sam Un, Forschungsleiter für Biodiversität beim World Wildlife Fund (WWF), beobachtet die weitreichenden Auswirkungen des Klimawandels. Dazu gehören der globale Temperaturanstieg, veränderte Wettermuster und schwankende Wasserverhältnisse des Mekong. Er stellt fest, dass sich diese Veränderungen direkt auf die Fortpflanzung, Verbreitung und Ernährungsgewohnheiten der Fische auswirken.

„Wir haben dramatische Veränderungen beim Wasserstand und der Strömung des Mekong festgestellt“, berichtet Sam Un. „Das hat zu flacheren Stellen im Fluss, höheren Temperaturen des Wassers und einer allgemeinen Beeinträchtigung von Fischen, Delfinen und anderen Arten, die vom Fluss abhängen, geführt.“

Die Großregion Mekong ist in hohem Maße vom Fluss abhängig. Er ist auch eine Fundgrube für die biologische Vielfalt, denn in nur zehn Jahren wurden über tausend neue Arten entdeckt. Der Strom beherbergt eine Vielzahl außergewöhnlicher und seltener Lebewesen, darunter der gigantische Mekong-Wels, riesige Süßwasserrochen, gewaltige Cantor-Schildkröten und Irrawaddy-Flussdelfine.

Schädliche Auswirkungen der Dämme sind bekannt

In einem Online-Webinar des Center of Khmer Studies wurden im Jahr 2022 die schädlichen Auswirkungen der stromaufwärts gelegenen Wasserkraftdämme in China und Laos erläutert. Diese Staudämme stören die natürlichen Zyklen des Mekong, verändern die wichtigen Trockenperioden der Überflutungswälder und beeinträchtigen viele Tier- und Pflanzenarten.

Ke Van Sai, 73, Dorfvorsteher von Koh Chheuteal Thom, beklagt den Verlust von Fischen und Delfinen in der Region von Preah Rumkel. Der ökologische Niedergang habe zu einem drastischen Rückgang des Fremdenverkehrs und zu wirtschaftlicher Not geführt, sodass etwa 40 Prozent der Dorfbewohner gezwungen seien, auf der Suche nach Arbeit fortzuziehen.

Van Sai vermutet geheime Absprachen zwischen illegalen Fischern und lokalen Amtsträgern. Er erklärt: „Die Leute fischen illegal, weil sie Beziehungen zu den Behörden haben. Wenn jemand diese umstrittene Verbindung kappt, würde niemand mehr wagen, das zu tun. Ich mache niemandem einen Vorwurf, aber es ist wahr.“

Yan Suntak, 69, Dorfvorsteher von Preah Rumkel, ist traurig über den Rückgang der Delfine in Anlong Chheu Teal. Er beobachtet auch das Absterben großer Bäume im Überschwemmungsgebiet aufgrund der unregelmäßigen Schwankungen des Mekong. Wechselnde Wasserstände verhindern das Wurzelwachstum und führen zum Absterben der Bäume.

Wer ist verantwortlich?

Ian Baird, Professor für Geografie an der Universität von Wisconsin-Madison in den USA, erklärt, was sich in den vergangenen Jahrzehnten durch Staudämme in China verändert hat. Sie speicherten während der Regenzeit das Wasser und ließen es in der Trockenzeit wieder ab. Dadurch komme es dazu, dass der Mekong in der Trockenzeit mehr Wasser führe. Das Mehr an Wasser schädige die Ökologie des Mekong in Kambodscha und verursache die saisonale Überflutung von Wäldern zwischen der laotisch-kambodschanischen Grenze und Stung Treng im Nordosten Kambodschas. „Das wirkt sich negativ auf viele Wasserlebewesen und auch auf die Lebensgrundlagen der Menschen vor Ort aus.“

Nach Angaben von Baird gibt es flussaufwärts am Mekong in Südchina 13 Staudämme, von denen zwei über sehr große Stauseen verfügen, die das Wasser während der Regenzeit speichern und in der Trockenzeit wieder abgeben können. So sei es nicht in erster Linie der Don Sahong-Damm, der die Flüsse und Überschwemmungsgebiete beeinträchtige. „Der Don Sahong-Damm hat ein relativ kleines Reservoir und ist nicht in der Lage, Wasser in der Regenzeit zu speichern und in der Trockenzeit wieder abzugeben. Er kann tageweise Wasserschwankungen verursachen, aber er kann nicht die saisonalen Wasserstände verändern“, sagt Baird.

Baird ist insbesondere besorgt über die Wasserstände in der Trockenzeit. „Der beste Weg, die ökologischen Auswirkungen zu mildern, wäre es, das Wasser in einer Weise abzulassen, die dem natürlichen Abfluss entspricht“, meint er.

Rückgang der Wälder

Pun Chanthyda aus der Gemeinde Preah Rumkel beobachtet einen kontinuierlichen Rückgang der Wälder und eine erhebliche Verringerung der Fischbestände. Sie führt dies auf die vermehrte Wasserflut und die ausgedehnten Überschwemmungen zurück, die das Wurzelwachstum der Bäume beeinträchtigen. „Der Wald wird überflutet, weil die Wassermengen größer sind als früher. Außerdem stehen die Bäume schon fünf Jahre lang in der Nässe. Das Flusswasser geht nicht zurück, deshalb können die Bäume keine Wurzeln schlagen“, sagt sie.

Eam Sam Un vom WWF berichtet, dass es laut einer Untersuchung im Jahr 2020 eine Population von 89 Irrawaddy-Delfinen gab. Er stellt einen Schwund bei der Zahl der Delfine und auch bei ihrem Verbreitungsgebiet fest. Sie seien eine symbolträchtige Spezies und zugleich auch ein Indikator für den Zustand des Ökosystems.

Phoy Vanna betrachtet die toten Delfinskelette, die im Tourismusbüro von Preah Rumkel ausgestellt sind. „Das ist alles, was den Touristen und unseren Kindern bleibt, die vielleicht davon träumen, einen lebenden Delfin zu sehen“, sagt Vanna.

Übersetzung aus dem Englischen von: Norbert Schnorbach

Der Artikel erschien am 26. April 2023 im englischen Original bei CamboJa News und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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3 | 2023, Interviews, Kambodscha,
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„Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen“

Kambodscha/Südostasien: Schamanismus kann indigenen Völkern helfen, ihre Identität und ihr Territorium gegen den globalen Kolonialismus zu verteidigen

Das Konzept des Schamanismus als anthropologisches Konstrukt sorgt auch nach Jahrhunderten vor allem unter westlichen Gelehrten für Debatten. Wie die US-amerikanische feministische Anthropologin und Archäologin Alice Beck Kehoe in ihrer Abhandlung Schamanen und Religion betont, „ist die Beschreibung von Schamanen und anderen ein wichtiges Thema, um die westliche Konstruktion eines stereotypen, mythischen Anderen zu erkennen. Die Zusammenfassung von Heilern, Wahrsagern und Priestern außerhalb der globalen ‚Buchreligionen‘ unter dem Etikett ‚Schamanen‘ zeigt, wie schwierig es für uns Westler ist, das stereotype Andere zu erkennen, das in unsere Erziehung eingebettet ist.“

Ich stamme aus Südamerika, wo indigene Gemeinschaften – insbesondere in den Amazonas-Gebieten – das Wort Schamanismus ablehnen, um unsere spirituellen Ahnentraditionen zu beschreiben. Daher verwende ich dieses Wort mit Vorsicht und Respekt, da ich weiß, dass nur die ernsthafte ethnografische Erfahrung von Wissenschaftler*innen zu wirklichem Verständnis einer indigenen Gruppe führen kann.

Für mich ist das Leben in Kambodscha seit 1999 zu einer ethnografischen Erfahrung geworden, einschließlich des Erlernens der Sprache und des Zusammenlebens mit einer reichen tausendjährigen Kultur, die nicht nur das Volk der Khmer, sondern auch ein riesiges Netzwerk indigener Völker in ganz Asien umfasst. Im Bewusstsein meiner eigenen Identität als Ureinwohner Amerikas und Opfer jahrhundertelanger blutiger Eroberungen und Kolonisation habe ich die Existenz indigener Gruppen in Südostasien und insbesondere in Kambodscha verfolgt.

Globaler Feldzug über alle Kontinente

Die westliche Kolonisierung wurde zu einem globalen Feldzug, der alle Kontinente erfasste und auch Gebiete beeinflusste, die nicht direkt von ausländischen Mächten unterworfen wurden. Mit der Gründung der UNO endete jedoch nicht die Kolonisierung. Es änderte sich lediglich die Art der Einflussnahme, die zur Schaffung einer neuen Weltordnung führte. Die ehemaligen Kolonien wurden zur ‚Dritten Welt‘, dem heutigen ‚Globalen Süden‘. Nichtsdestotrotz halten die ehemaligen Kolonialmächte weiterhin an Machtbeziehungen, Ausbeutung und militärisch-politisch-kulturellen Interventionen unter der Flagge der Demokratie fest.

In der Geschichte der Eroberung und Kolonisierung von Regionen wie Südostasien ist es wichtig zu sehen, wie große ethnische Mehrheiten und Minderheiten unterschiedliche Wege gingen. Während die Mehrheiten von den eindringenden Eroberern militärisch unterworfen wurden, erfuhren ethnische Minderheiten zusätzliche Demütigungen und galten als primitiver und wilder. In Indochina etwa wurde deutlich, wie Frankreich und andere westliche Mächte die Gebiete nach ihren eigenen Interessen aufteilten, ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung zu nehmen, was zu Konflikten führte, die auch nach den Unabhängigkeitsereignissen fortbestanden.

Für die Kolonialmächte spielten die heiligen angestammten Gebiete der von ihnen unterworfenen Völker keine Rolle, da sie überhaupt keine Rechte besaßen – sie waren keine zivilisierten Menschen im Sinne des westlichen Standards. Weniger als ein Jahrhundert nach der Französischen Revolution eroberte Frankreich Cochinchina und versklavte Vietnam, Laos und Kambodscha. Damit machten sie deutlich, dass ihr Konzept von „Liberte, Egalité, Fraternite“ (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) definitiv nur für Europäer*innen galt, während das ‚Andere‘, das Nichtwestliche, immer noch barbarisch war und von den ‚echten Zivilisierten‘ unterworfen werden musste.

Alte Konflikte um Territorien bestehen fort

Die Umwandlung der europäischen Kolonien in unabhängige Länder zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert verlief nicht unumstritten. Der Beweis dafür ist, dass heute – nach Jahrzehnten der Unabhängigkeit und Souveränität – viele ehemalige Kolonien politisch instabil sind. Alte Konflikte um Territorien bestehen fort, einschließlich der Macht kleiner Eliten, die ihre Länder im Sinne ehemaliger Kolonialmächte verwalten.

Obwohl der indigenen Bevölkerung von offizieller Seite viel Aufmerksamkeit zuteilwird, weil sie ihre Rechte und Identität schützen wollen, gibt es in Südostasien noch viel zu tun. Während indigene Völker in Süd- und Nordamerika über legale Rechte verfügen und Souveränität über ihre Gebiete besitzen, ist dies in Südostasien nicht der Fall. Hier ist der Staat der Eigentümer der indigenen Gebiete, was den Weg für jede Art von Missbrauch wie Enteignung und Landraub öffnet.

„Welch Arroganz zu behaupten, das Land gehöre Ihnen, wenn sie doch dem Land gehören! Wie kann man etwas besitzen, das einen selbst überlebt? Nur die Ethnie besitzt das Land, weil die Ethnie ewig lebt. Einen Platz zu beanspruchen, ist das Geburtsrecht eines jeden“, sagte einst Macli-ing Dulag, Stammesführer der Butbut in der philippinischen Provinz Kalinga. Wegen seines Widerstands gegen ein Staudammprojekt auf dem Territorium seines Volkes wurde er von Soldaten des Diktators Marcos erschossen. Seine Worte leben jedoch weiter.

Indigene brauchen souveräne Gebiete

Für Indigene gehört das Land ihrer Vorfahren zu ihrer Identität. Wie eine junge Kreng-Frau Anfang 2024 bei einem Treffen indigener Völker im kambodschanischen Kep sagte: „Ohne das Land können wir nicht mehr sein, unsere eigene Existenz ist in Gefahr und wir haben kein Territorium, in dem die Asche unserer Vorfahren begraben ist.“ Die Schaffung von souveränen Gebieten könnte eine große Hilfe für die indigene Bevölkerung in Südostasien sein. Doch dies würde den guten Willen der jeweiligen Staaten voraussetzen, in denen es eine natürliche Tendenz zur erzwungenen kulturellen Assimilation gibt.

Weil in den Schulen keine ethnischen Sprachen gelehrt werden, sind Kinder und Jugendliche gezwungen, in der Landessprache zu sprechen. So finden es kambodschanische Jugendliche faszinierend, Englisch und Koreanisch zu lernen, während sie über die Sprachen der Jarai, Kreng oder Tampoung als etwas ‚Komisches‘ und ‚Seltsames‘ lachen. Damit sind wir beim Thema Diskriminierung von Minderheiten angelangt. Resilienz ist jedoch eine Stärke der indigenen Gemeinschaften, die als Erben und Bewahrer*innen alter Kulturen gelten. Um diese Kulturen und Sprachen zu bewahren, spielt die indigene Spiritualität eine sehr wichtige Rolle.

Schamanen stärken die Identität indigener Gemeinschaften

In diesem Sinne stellt die Figur des Schamanen ein Element des Zusammenhalts unter indigenen Menschen dar. Die Rolle des Cha Thom zum Beispiel, wie die Schaman*innen von den meisten indigenen Völkern Kambodschas genannt werden, ist für die dortigen Gemeinschaften sehr bedeutsam. Es hat für mich sogar den Anschein, dass eine Gemeinschaft eher der Gefahr kultureller Assimilierung und damit dem Aussterben der eigenen Kultur ausgesetzt ist, wenn es keine Schaman*innen mehr gibt. Wie einer meiner Studierenden sagte: „Unser Cha Thom ist derjenige, der die Geheimnisse unserer Vorfahren vermittelt, er oder sie kennt die Geister der Wälder, die Kraft der Pflanzenmedizin und der Tiere.“

Aber auch dieses wichtige kulturelle Element ist im Niedergang begriffen, und ein Hauptgrund dafür ist die engagierte Kampagne westlicher Missionare, die versuchen, die indigene Bevölkerung mit fundamentalistischen Annahmen zu bekehren. Auch wenn wir die Religionsfreiheit fördern und respektieren, müssen die indigenen Völker tief in ihre eigene Kultur eintauchen und sie verteidigen. Deshalb müssen auch ihre Schaman*innen gefördert werden, denn sie sind die Führer*innen ihrer Gemeinschaften und stellen ein Bindeglied zwischen ihrem Volk und der spirituellen Welt dar.

Missionare als Vorhut des Extraktivismus

Wenn ausländische Missionare versuchen, indigene Völker in Ländern wie Kambodscha zu ‚bekehren‘, kommt ihnen das Fehlen von Schriftsystemen in einheimischen Sprachen wie etwa Jarai zugute. So können die Missionen Gelder in spezielle Projekte zur Schaffung von Schriftsystemen investieren, um Bibeln und religiöse Texte in den einheimischen Sprachen zu veröffentlichen. Für Missionare in den Amazonasgebieten hat sich diese Methode bereits als erfolgreich erwiesen. Das beweist zwei Dinge: erstens das mangelnde Interesse ehemals kolonisierter Staaten, in kulturelle, ethnische und Bildungsprojekte zu investieren, die ihrer eigenen indigenen Bevölkerung zugutekommen. Und zweitens das Profitieren religiöser Sekten von diesen Unzulänglichkeiten. Wie wir in Brasilien anhand der umstrittenen Regierung von Jair Bolsonaro beobachten konnten, sind Aktionen von Missionaren, die die Indigenen mit ihrer religiösen Propaganda fügsam machen, für die Durchsetzung des Extraktivismus nützlich.

Cha Thom (wörtlich: älterer Mensch) dagegen ist der/die natürliche Führer*in der Indigenen. Er oder sie hat eine besondere Beziehung zum Dschungel, zur indigenen Spiritualität und zur Gemeinschaft, ist Heiler*in, aber auch der weise ältere Mensch, der die Gemeinschaft durch die Herausforderungen des Lebens und die Entscheidungen führt. Die Bedeutung von Cha Thom, von den Khmer Kru Thiey genannt, lässt sich nur schwer in einer kurzen Beschreibung zusammenfassen, da sie ein komplexes kulturelles Umfeld umfasst. So verhält es sich auch mit dem Konzept des Schamanismus, das – aus dem ursprünglichen sibirischen Kontext herausgelöst – reduziert wird, wenn es auf andere Kulturen angewandt wird.

Schaman*innen als Schlüssel zu Identitätssuche und Selbstschutz

Im Sinne von Resilienz und Dekolonialisierung halten die Cha Thom/Kruy Thiey in Kambodscha – wie auch die Schaman*innen in anderen Gebieten Südostasiens – den Schlüssel zu Identitätssuche und Selbstschutz. Das sind die grundlegenden Elemente für das Überleben von Kulturen und die Suche nach Ursprüngen und Werten ihrer Vorfahren, die meist in vorkolonialen Zeiten liegen. Wenn Indigene von der Bedeutung ihres Territoriums sprechen, geht es nicht um eine bloße Idee oder um ein menschliches Bedürfnis nach Lebensraum zu wirtschaftlichen Zwecken. Wir sprechen über den Sinn des Territoriums im Sinne dessen, was westliche Anthropolog*innen „Weltanschauung“ oder „Kosmologie“ der indigenen Bevölkerung nennen. Ich würde es jedoch als die Philosophie der Indigenen bezeichnen, die das Recht der nicht-westlichen Kulturen und Gesellschaften beinhaltet, ihre eigenen Anschauungen zu präsentieren.

Unter den vielen Elementen, die koloniale Mentalitäten und Systeme infrage stellen, erscheint mir die Rolle der Schaman*innen in indigenen Gemeinschaften deshalb so wichtig, weil sie die wichtigsten autorisierten Führer der Gemeinschaft sind: Durch ihre Suche nach Visionen bringen sie die Gemeinschaft zu ihren Ursprüngen zurück und inspirieren sie auf ihren Wegen in die Zukunft.

Übersetzung aus dem Englischen von: Christina Schott

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3 | 2023, Interviews, Kambodscha,
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„Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen“

Kambodscha: Nachhaltiger Wandel beginnt damit, Männlichkeit neu zu definieren, Traditionen infrage zu stellen und Gleichberechtigung auf allen Ebenen zu fördern.

Von Geburt an werden uns binäre Geschlechtsnormen vermittelt. Wenn wir als Mädchen geboren werden, wird von uns erwartet, sich an die traditionellen Lehren des Chbab Srey (Verhaltenskodex für Frauen) zu halten. Dieser schreibt Sanftmut, Gehorsam und Bescheidenheit vor. Jungen hingegen lernen dem Chbab Proh (Verhaltenskodex für Männer) entsprechend, stark zu sein und keine Emotionen zu zeigen. Diese geschlechtsspezifische Erziehung verstärkt ein patriarchalisches System, in dem Männlichkeit der Weiblichkeit übergeordnet ist.

Gewalt als akzeptierte Ausdrucksform

Eine Studie der NGO Gender and Development in Cambodia (GADC) aus dem Jahr 2010 bestätigt, dass Männer in Kambodscha davon ausgehen, die Rolle des Familienoberhaupts einnehmen, den Lebensunterhalt sichern und Frauen dominieren zu müssen. Dadurch wird die Handlungsfähigkeit von Frauen untergraben. Die Studie „Partner for Prevention“ (P4P) von 2014 ergab, dass 62,6 Prozent der Männer und 57,1 Prozent der Frauen der Ansicht sind, dass Männer in allen Familienangelegenheiten das letzte Wort haben sollten. Sowohl Männer als auch Frauen sind überzeugt, dass Männer in der Familie mehr Entscheidungsrechte besitzen. Zudem neigen Frauen und die Gesellschaft insgesamt dazu, toxisches Verhalten von Männern zu tolerieren und zu befürworten, was oft zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen führt. Viele Menschen halten es für akzeptabel, wenn ein Ehemann seine Ehefrau in bestimmten Situation schlägt.

Da Männer als stark gelten, stimmen viele Menschen der Aussage zu, dass „es normal ist, dass Männer gewalttätig werden, wenn sie wütend sind“. Eine Studie der The Good Men Campaign zeigt, dass 88 Prozent der kambodschanischen Männer dieser Aussage zustimmen; 40 Prozent von ihnen wären bereit, Gewalt gegen eine andere Person anzuwenden, wenn sie sich beleidigt fühlen. Zudem ergab ein Bericht des kambodschanischen Frauenministeriums, dass viele Menschen es für akzeptabel halten, wenn ein Ehemann seine Ehefrau in bestimmten Situationen schlägt, etwa wenn sie ohne sein Wissen das Haus verlässt, die Kinder vernachlässigt, mit ihm streitet, Sex verweigert oder nicht gut kocht. Noch gravierender ist, dass die meisten Frauen solche Gewalt hinnehmen, um die Familie zusammenzuhalten.

Fortschritte für Frauenrechte

Die Frauenrechte in Kambodscha haben bedeutende Fortschritte gemacht. Mindestens 16 internationale Organisationen sowie lokale NGOs setzen sich aktiv für mehr Geschlechtergleichheit ein. Dennoch zeigt sich weiterhin ein starkes Gegenwirken durch strukturelle Diskriminierung und eine stereotype Vorstellung von Männlichkeit, sowohl innerhalb der Familie als auch in sozialen und wirtschaftlichen Strukturen.

Es kommt zu familiären Spannungen, wenn Frauen jene traditionellen sozialen Normen infrage stellen. Frauen wird beigebracht, ein ‚braves Mädchen‘ zu sein, so heißt es etwa im Report on Virginity Culture (2021): „Wenn ein Mädchen oder eine Frau ihre Jungfräulichkeit bis zur Heirat bewahrt, spiegelt es ihr gutes und rücksichtvolles Verhalten sowie ihren Respekt gegenüber den Eltern wider. […]“. Wenn Frauen jedoch vor der Heirat ihre Jungfräulichkeit verlieren, werden sie von ihren Familien beschuldigt, sie würden „Schande über die Familie bringen und deren Ruf schädigen“.

Männer wiederum stehen unter dem starken Druck, ein ‚richtiger Mann‘ zu sein, auch wenn sie diese Vorstellung nicht unbedingt unterstützen. Männer werden als „Feiglinge“ bezeichnet, wenn sie sich ihren Ehefrauen gegenüber fügsam und respektvoll verhalten. Das impliziert, sie hätten Angst vor ihrer Ehefrau, was gesellschaftlich nicht akzeptiert ist.

Wer sich als Feminist:in oder Frauenrechtsaktivist:in bezeichnet, wird als Gegner:in der Regierung wahrgenommen. Sum Dany, Mitglied des Cambodia Young Women Empowerment Network (CYWEN), berichtete: „Meine Nachbarn denken, dass ich, weil ich eine Frauenrechtsaktivistin bin, mich gegen die Regierung stelle. Sie glauben, ich sei auch eine Aktivistin der Oppositionspartei. […] Meine Familie wiederum meint, dass Genderfragen auch politische Fragen seien. Sie sagen: „Es ist Aufgabe von Männern mit hohem gesellschaftlichen Status, sich in der Politik zu engagieren. […].“

Zudem tragen wirtschaftliche Faktoren dazu bei, dass Männer Gleichberechtigung als Bedrohung ihrer Privilegien sowie ihrer Macht und ihres Status empfinden. Ein verheirateter Mann aus der Stadt schildert: „Wenn seine Frau das Einkommen verdient und der Mann nur zu Hause bleibt, den Abwasch macht und das Gehalt seiner Frau für Alkohol ausgibt, gilt er nicht als richtiger Mann. Er gilt als ein nutzloser Mann in der Gesellschaft.“

Wege zu mehr Gleichberechtigung

Seit den von der UNTAC unterstützten Wahlen im Jahr 1993 hat sich die Frauenrechtsbewegung in Kambodscha deutlich weiterentwickelt und erhebliche Fortschritte erzielt. Dank der Bemühungen der Regierung, von NGOs, Gleichstellungsbeauftragten und anderen zivilgesellschaftlichen Akteur:innen wurde Chbab Srey (Verhaltenskodex für Frauen) seit 2007 aus dem schulischen Lehrplan gestrichen. Das ist das Ergebnis jahrelanger Aufklärungsarbeit und eines landesweiten Plan zur Bekämpfung von Gewalt und Diskriminierung gegen Frauen.

Für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern bedarf es das Engagement aller Einzelpersonen, Familien und der Gesellschaft. Männer spielen eine ebenso wichtige Rolle wie Frauen. Auf politischer Ebene sind verschiedene Initiativen denkbar, um traditionellen Geschlechternormen und -rollen entgegenzuwirken, so beispielsweise die Integration von Gender Studies in den Schulunterricht. Alle tragen die Verantwortung, stereotype Vorstellungen in positive Formen von Männlichkeit und Weiblichkeit umzuwandeln.

Anstatt zu glauben, dass…

  • Männer, die sich emotional und verletzlich zeigen, schwach und erbärmlich sind
  • Männer, die nicht für ihre Familie sorgen können oder damit Schwierigkeiten haben, nutzlos sind
  • Männer, die zuhause bleiben, keine echten Männer sind
  • Männer, die körperlich schwach sind, keine Männer sind
  • es normal sei, dass Männer gewalttätig werden, wenn sie wütend sind, und es in Ordnung sei, wenn sie andere verletzten

…sollten wir Folgendes fördern:

  • Männer, die emotional oder verletzlich sind, zeigen Stärke. Emotionen zu zeigen ist eine menschliche und intelligente Eigenschaft.
  • Der Wert eines Mannes bemisst sich nicht nur am Einkommen. Männer können ihre Familien emotional, mental und physisch unterstützen.
  • Väter oder Ehemänner, die zweitweise zuhause bleiben, zeigen Stärke, indem sie Fürsorge, Liebe und Verantwortung dann priorisieren, wenn ihre Familie es braucht.
  • Wut ist ein legitimes Gefühl, aber Gewalt ist niemals akzeptabel. Wahre Männer übernehmen Verantwortung und lernen, wie sie gesund mit ihren Emotionen umgehen.

Geschlechterdissonanzen miteinander lösen

In jüngerer Zeit haben junge Frauen, insbesondere aus den Millennial- und Gen-Z-Generationen, einen besseren Zugang zu Bildung erlangt und den Eintritt in den Arbeitsmarkt auf allen Ebenen geschafft. Dennoch müssen sie in vielen Fällen wesentlich härter arbeiten als Männer, um die gleichen Positionen zu erreichen. Trotz dieser Hürden eröffnen sich jungen Frauen neue Möglichkeiten, die ihnen wirtschaftliche Unabhängigkeit und mehr Selbstständigkeit verschaffen. Gleichzeitig zeigt sich, dass viele junge Männer mit diesem Wandel nicht Schritt halten, insbesondere was ihre Einstellungen und ihr Verhalten angeht. Das führt zu einer wachsenden Geschlechterdissonanz, die dringend angegangen werden muss, damit Männer mit den raschen gesellschaftlichen Veränderungen der Geschlechterrollen mithalten können.

Anstatt nur die Frage zu stellen: „Wie können wir Frauen und Mädchen stärken?“, ist es ebenso entscheidend, eine Antwort auf die Frage zu finden: „Was machen wir mit den Männern?“. Die Entwicklung und Umsetzung frühkindlicher Bildungsstrategien ist von zentraler Bedeutung, um bereits in jungen Jahren Denkweisen zu fördern, die Geschlechtergerechtigkeit befürworten. Darüber hinaus sind Maßnahmen notwendig, die Offenheit ermöglichen und beispielsweise Paaren strukturelle Unterstützung für eine geschlechtergerechte Work-Life-Balance bieten.

Unter Frauen – insbesondere jüngere aus einer urbanen, mittelständischen Umgebung – ist eine deutliche Ablehnung traditioneller Praktiken zu beobachten, etwa von arrangierten Ehen mit Männern, die konservative Geschlechterrollen vertreten. Doch selbst mit der Freiheit, den Partner selbst wählen zu können, haben viele dieser Frauen Schwierigkeiten, den ‚idealen kambodschanischen Mann‘ zu finden, der ihren Erwartungen an eine gleichberechtigte oder zumindest ausgewogenere Partnerschaft entspricht, insbesondere wenn es um die Aufteilung von Aufgaben wie Kindererziehung und Hausarbeit geht.

Übersetzung aus dem Englischen von: Viktoria Szostakowski

Der Artikel erschien zuerst am 8. September 2025 in englischer Sprache im Dossier „Masculinities in Asia: What About the Boys?“ der Heinrich-Böll-Stiftung, mit der wir für diese Ausgabe der südostasien kooperieren.

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3 | 2023, Interviews, Kambodscha,
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„Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen“

Kambodscha/Laos/USA: Vorkoloniale Geschlechterrollen waren fließender als spätere christliche Prägungen. Marginalisierung ist vielschichtig.

Geprägt von Religion, kolonialen Eingriffen, sozialistischen Transformationsprozessen und aktuellen globalen Strömungen durchlaufen Konzepte von „Mannsein“ stetige Anpassungen. Drei Perspektiven – historische Grundlagen, diasporische Krisenerfahrungen und queere Identitäten – zeigen die Entwicklung dieser Ideale.

Momentaufnahme 1: Prekoloniale und koloniale Einflüsse

Vorkolonial orientierten sich Männlichkeitsnormen an Theravāda-Buddhismus, Hinduismus, Islam und lokalen spirituellen Praktiken. Ein zentrales Ideal war die zeitweilige Ordination als Novize, verstanden als moralische Disziplinierung. Werte wie Selbstbeherrschung, Mitgefühl und Verantwortung galten als Kern männlicher Tugend. Das Chbab Proh und Chbab Srey kodifizierten geschlechtsspezifisches Verhalten: Beide Traditionen betonten jedoch stärker weibliche Pflichten als männliche.

Die stärksten religiösen Prägungen auf Männlichkeitsbilder hatte der Hinduismus in Kambodscha: Könige und Krieger wurden als Manifestationen göttlicher Ordnung dargestellt, was Vorstellungen von männlicher Stärke und heroischem Pflichtbewusstsein formte. In Laos waren diese Einflüsse schwächer und eher buddhistisch gefiltert. Gemeinsam war beiden Ländern die Erwartung, dass Männer als Haushaltsvorstände Ahnenlinien und spirituelle Verantwortung aufrechterhalten. Unter Eliten gehörten Bildung, Poesie, Musik und Kampffertigkeiten ebenfalls zu männlichen Idealen. Bei den Cham-Muslimen prägten islamische Normen religiöse Autorität und familiäre Führungsrollen.

Darstellungen und Texte aus der Angkor-Zeit zeugen von einer früheren Offenheit gegenüber Sexualität, Lust und nicht-monogamen Beziehungen. Die französische Kolonialherrschaft hingegen führte christliche Moralvorstellungen und westliche Heteronormativität ein. Sie delegitimierte die zuvor existierende Flexibilität in Geschlechterrollen und Sexualität.

Mit dem Machtantritt der Roten Khmer in Kambodscha und des Pathet Lao 1975 wurden traditionelle Geschlechterrollen massiv destabilisiert. Familie und häusliche Autorität verloren an Bedeutung, staatliche Loyalität ersetzte die männliche Funktion als Beschützer und Versorger. Diese sozialistischen Eingriffe zerstörten langfristig gewachsene Strukturen und bereiteten den Boden für spätere Identitätskrisen.

 

Momentaufnahme 2: Männlichkeiten in der US-Diaspora

Welten und Jahrzehnte später, weit entfernt von der Heimat, sind Fragen der Männlichkeit für Kambodschaner und Laoten sowie deren Nachkommen in den USA zu einem zentralen Thema geworden.

Unter kambodschanisch-laotisch-amerikanischen Männern wird das Männlichkeitsbild heute durch ein Spannungsverhältnis zwischen traditionellen kulturell-religiösen Erwartungen und den Normen der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft geprägt. Ältere Generationen halten an Werten fest, die in ihrer Heimat verwurzelt sind. Sie betonen Männlichkeit durch familiäre Verantwortung, Respekt vor Älteren und die Rolle als Versorger und Beschützer der Familie.

In der Diaspora war die Möglichkeit, aufgrund des Mangels an Tempeln eine befristete Ordination zum buddhistischen Mönch zu erhalten, für viele im Jugendalter begrenzt. Ältere führen den wahrgenommenen Mangel an moralischen Tugenden bei den Jungen oft auf deren Unfähigkeit zurück, sich vorübergehend zum Mönch weihen zu lassen. Junge Männer, die in den USA geboren oder aufgewachsen sind, werden von amerikanischen Idealen beeinflusst, die materiellen Erfolg und Individualismus hochhalten.

Die Kluft zwischen den Generationen erzeugt Spannungen, da die Männer mit den widersprüchlichen Erwartungen umgehen müssen. Kambodschanisch-laotisch-amerikanische Männer sehen sich zudem mit rassistischen Stereotypen konfrontiert, die häufig mit asiatisch-amerikanischen Männern in Verbindung gebracht werden, darunter die Wahrnehmung von Passivität oder mangelnder Männlichkeit. Diese Stereotypen können Druck erzeugen, sich westlichen Männlichkeitsidealen anzupassen, was sich oft in der Verwendung von Hautaufhellungscremes und der Ablehnung traditioneller Kleidung äußert. Kambodschanisch- und laotisch-amerikanische Männlichkeitsbilder werden zudem durch den Erfolg ihrer weiblichen Pendants infrage gestellt, die in der Schule oft bessere Leistungen erbringen und berufliche Karrieren anstreben.

 

Geschlechtsspezifischer Doppelstandard

Gleichzeitig besteht weiterhin ein geschlechtsspezifischer Doppelstandard: Jungen Männern wird sexuelle Aktivität erlaubt und mit dem Argument „Jungen sind eben Jungen“ entschuldigt, während von jungen Frauen erwartet wird, dass sie bis zur Ehe ‚sexuelle Reinheit‘ bewahren, um keine Schande über ihre Familien zu bringen. Dieser Doppelstandard, gepaart mit dem Wunsch nach sozialem Aufstieg, hat einige Frauen der Diaspora dazu veranlasst, weiße Euroamerikaner zu heiraten. Dies stellt eine Abkehr von der nach traditionell asiatischen Werten empfundenen weiblichen Unterlegenheit, während die ‚Heirat mit dem Westen‘ Befreiung symbolisiert – insbesondere in der Sexualität.

Die mangelnden schulischen Leistungen kambodschanischer und laotischer Männer der Diaspora stellen eine weitere Krise der Männlichkeit dar, da sie ihre Fähigkeit untergräbt, traditionelle Geschlechterrollen als Familienoberhäupter aufrechtzuerhalten. Verschärft wird die Situation dadurch, dass junge Männer Gangs beitreten und die Gang-Kultur als Ausdruck ihrer Männlichkeit annehmen. Dies führt zu Konflikten mit den Strafverfolgungsbehörden und in der Folge zu Abschiebungen – ein Problem, das während der zweiten Amtszeit Trumps durch verstärkte Razzien der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) wieder an Brisanz gewann. Die erneute Staatenlosigkeit (nachdem sie zum ersten Mal als Flüchtlinge aus ihrer Heimat geflohen waren) – sie gehören weder Kambodscha, Laos noch den Vereinigten Staaten an – wirkt wie eine symbolische Kastration, da sich diese Männer oft machtlos und handlungsunfähig fühlen.

Momentaufnahme 3: Queere Männlichkeiten

Queere Sexualität war weder verboten noch tabu, da es in den heiligen Schriften des Buddhismus und Hinduismus keine derartigen Verbote gibt. Der Buddhismus betrachtet jegliche sexuelle Aktivität als Zeichen der Anhaftung an die materielle Welt und somit als etwas, das durch Selbstdisziplin überwunden werden muss. Im Theravāda-Buddhismus galten nur Männer als fähig, sich durch asketische Praktiken von der materiellen Welt zu lösen und Erleuchtung oder Nirvana zu erlangen. Der Hinduismus hingegen verbietet queeren Sex nicht. Die Veden und das Kama Sutra bekräftigen gleichgeschlechtliche Beziehungen als natürlich und beschreiben geschlechtsfluide Gottheiten. Diese Weltanschauungen manifestierten sich im Alltag in einer relativen Akzeptanz queerer Individuen und queere Sexualität wurde in die Gesellschaft integriert. Auch das Klosterleben bot Raum für queeren Sex. Dies wiederum verkomplizierte jedoch die Männlichkeitsideale buddhistischer Mönche, da diejenigen, die queere Sexualität praktizierten, als weniger spirituell gebildet und noch der materiellen Welt verhaftet galten.

Unterscheidungen zwischen heterosexuellen und homosexuellen Identitäten und Praktiken waren den vorkolonialen Kulturen weitgehend fremd. Beide Gesellschaften vertraten fließendere, kontextbezogene Ansichten, in denen geschlechtsuntypische Rollen – wie Schamanen und Geistermedien – im religiösen Bereich akzeptiert wurden und diejenigen, die sowohl männliche als auch weibliche Attribute besaßen, als besonders und mit spiritueller Kraft ausgestattet galten.

Französische Missionare und Kolonialbeamte propagierten katholische Moralvorstellungen, die heterosexuelle Monogamie und Sexualität zur Fortpflanzung betonten, indigene Praktiken als unmoralisch und unzivilisiert brandmarkten und zuvor akzeptierte Ausdrucksformen von Geschlecht, Sexualität und traditioneller Männlichkeit delegitimierten. Obwohl das Christentum nie dominant wurde, trug die koloniale Auferlegung starrer, binärer westlicher Normen zur langfristigen Marginalisierung von queerer Sexualität und zur Verfestigung sexueller Regulierung und moralischer Überwachung bei – Entwicklungen, die die Männlichkeit bis in die postkoloniale Ära prägten. Queere Menschen in Kambodscha und Laos nutzen jedoch weiterhin kulturelle Aspekte von Weiblichkeit und Männlichkeit, um ihre Sexualität in Umfeldern auszudrücken, in denen sie oft in der Minderheit sind.

Interessanterweise werden traditionelle Kulturformen wie der kambodschanische klassische Tanz gerade in queeren Räumen innerhalb der kambodschanischen und laotischen Diaspora bewahrt und gefeiert. Queere Kambodschaner:innen und Laot:innen haben zudem nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatländer transnationale Gemeinschaften gegründet, um HIV-Prävention und Safer Sex zu fördern. Unter Jugendlichen gewinnen unterschiedliche Formen männlicher Sexualität wieder an Akzeptanz, wie die wachsende Zahl von Pride-Veranstaltungen in beiden Ländern und der Diaspora belegt.

Diese drei Momentaufnahmen fangen die vielschichtige und komplexe Geschichte der Geschlechternormen und -erwartungen kambodschanischer und laotischer Männer ein, auch in der US-amerikanischen Diaspora. Viele in der Diaspora ringen darum, ein Gleichgewicht zwischen ihrem kulturellen Erbe und den Erwartungen der US-amerikanischen Gesellschaft zu finden und geraten dadurch in prekäre Situationen. Obwohl sie weiterhin Vorurteilen und Diskriminierungen ausgesetzt sind, haben es gerade Männer mit queeren Männlichkeitsbildern geschafft, neue Wege zu finden, die zeitgenössische Möglichkeiten kreativ mit vorkolonialen Traditionen und Wurzeln verbinden – sowohl in der Diaspora als auch in Kambodscha und Laos.

Übersetzung aus dem Englischen von: Du Pham

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