1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Ausschnitt Buchcover: Spielmann: Indonesische Kunst der Gegenwart © Logos Verlag Berlin

Rezension zu:
Yvonne Spielmann: Indonesische Kunst der Gegenwart
Logos Verlag, Berlin, 2015, 204 Seiten, 49 €

S­pätestens seit 2008, als Sotheby’s und Christie’s Werke indonesischer Künstler für bis zu einer Million US-Dollar versteigerten, hat die indonesische Kunstszene international einen neuen Stellenwert erhalten. Yvonne Spielmann beschreibt, wie sich Künstler seit den 1990er Jahren von den Zwängen der Suharto-Diktatur befreiten und den Weg aus der Moderne in die Gegenwart fanden.

Wie in vielen postkolonialen Staaten zeugt ein Großteil der Werke von der Suche nach einer eigenen Identität: Die Künstler behaupten sich gegen ein postkoloniales Kulturverständnis, das den globalen Kunstmarkt weltweit immer noch bestimmt. Dazu experimentieren sie häufig mit traditionellen Elementen wie Batik und Schattentheater, Kunsthandwerk oder Performance Art – und mischen diese mit Medien und Produkten der Gegenwartskultur wie Comics oder Werbung. Weil Indonesien aufgrund der unterdrückten Ausdrucksfreiheit auch in der neuen Medienrealität erst verzögert ankam, dominieren die Malerei und Mixed-Media-Werke aus low-tech-Alltagsmaterialien.

Trotz des internationalen Erfolgs und obwohl heimische Biennalen und andere regelmäßige Ausstellungen immer beliebter werden, gibt Indonesien bis heute kaum öffentliche Gelder für die Kunst. So entstehen Abhängigkeiten von Sammlern und privaten Förderern – aber auch zahlreiche unabhängige Initiativen, in denen sich die Künstler in Gruppen oder Kollektiven zusammentun, um ihre Vorstellungen gemeinsam zu verwirklichen. Die Autorin gibt an einigen Stellen Einsicht in die Arbeitsweisen einflussreicher Gruppen, wie etwa Ruang Rupa. Man hätte sich hier als Leser allerdings gern noch etwas mehr Hintergründe gewünscht. Ein eigenes Kapitel widmet sie den Künstlerinnen, die bis heute signifikant unterrepräsentiert sind, wie Spielmann wiederholt feststellt.

Das letzte Drittel des Buches bietet einen tieferen Einblick in die Arbeit von zwölf ausgewählten Künstlern, darunter FX Harsono, Eko Nugroho und Melati Suryodarmo, und vertieft so das Verständnis für deren Motivation und die gesamte Entwicklung der Kunstszene in Indonesien. Mit ihrer umfassenden Analyse zur indonesischen Gegenwartskunst zeigt Spielmann vor allem, wie eng diese mit historischen und sozial-politischen Entwicklungen – im eigenen Land und weltweit – verwoben ist.

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Der Thunfischhändler Win Yananda kann wohl als der reichste Mann im Landkreis Nord-Seram (Molukken) gelten. Zwar hat noch nie jemand Statistiken über den Reichtum der Einwohner Nord-Serams geführt. Aber seine Verwandten, Geschäftspartner und die, die für ihn arbeiten, waren oft fassungslos, wenn sie mit eigenen Augen sahen, wie er sein Geld für immer neue Investitionen ausgeben konnte. Es scheint, als versiegten die Quellen seines Kapitals nie. Viele, die mit Win zu tun haben, sind es gewohnt, mit großen Geldmengen umzugehen. Für diese Leute besteht ihr Geschäft darin, Fischkäufer aus Seram, anderen Molukken-Inseln und sogar aus der Hauptstadt Jakarta oder dem Nachbarland Philippinen zu treffen, die dann tief in ihre Taschen greifen um den Thunfisch zu kaufen, den die Fischer an Land gezogen hatten. Aber Win stellt diese Leute alle in den Schatten. Er ist ein Unternehmer der in einer ganz eigenen Liga spielt.

Eine Geschichte, die in Nord-Seram oft über den Reichtum Wins erzählt wird, handelt von seiner Art Geschäfte zu machen: Seine Rechnungen wurden von den Warenhäusern, an die er seine Fische weiterverkaufte, oft über Monate nicht beglichen. In Nord-Seram ist es so, dass die Zwischenhändler die Fische direkt von den Fischern kaufen und diese in bar bezahlen. Sie lagern die Fische dann so gut wie möglich, um die Qualität des Fisches zu erhalten. Wenn genug Fisch gesammelt wurde, was oft ein paar Tage dauert, verkauft Win den Fisch an Warenhäuser in weiter entfernte Städte weiter. Es kam sogar vor, dass ein Warenhaus, das Win die Fische abkaufte, mit seinen Zahlungen drei Monate im Rückstand war. Win hatte den Fischern für diese Fische schon etwa 1,8 Milliarden Rupiah gezahlt. Trotz dieser Situation kaufte Win den Fischern weiter ihren Fisch ab. Währenddessen bemühte sich Win, durch seine Leute Druck auf das Warenhaus auszuüben, damit es seine Schulden begleicht.

Es kam auch oft vor, dass Win 20 bis 30 Millionen Rupiah an Fischer verlieh, damit diese sich Motorbote kaufen konnten. Und dann gab es immer wieder Fischer, die das Geld nicht zurückzahlen konnten. Aber das war für ihn nie ein Problem. Nach Angaben von Leuten, die ihm nahe stehen, hat er nicht einmal versucht, die Schulden einzutreiben. Irgendwann haben die Fischer dann das Geld von sich aus zurückgezahlt.

Die Frage ist, wie Win, der in Nord-Seram, also in einem abgelegenen Gebiet Indonesiens, lebt, es schaffen konnte, so viel Reichtum anzuhäufen. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir in seine Vergangenheit schauen. Win, ein Indonesier mit chinesischen Vorfahren, wurde in Makassar auf der Insel Sulawesi geboren. Nachdem er sein Technik-Diplom von der Universität dort erhalten hatte, wollte er in Makassar eine Werkstatt mit seinem Cousin eröffnen. Aber stattdessen eröffnete sein Cousin ein Vertragsunternehmen im Bezirk Kobisonta auf der Molukkeninsel Seram, einem Gebiet, in dem Transmigranten angesiedelt wurden. In den 80ern zog Win von Makassar nach Kobisonta und arbeitete für seinen Cousin.

Reich werden mit Regierungsgeschäften

Als Kontraktunternehmer war Win später für Brückenbauprojekte der Regierung auf Seram verantwortlich. Aufgrund der schwierigen Topographie der Insel hatte Seram bis in die 90er Jahre nur sehr wenige asphaltierte Straßen. Die Einwohner nutzten für gewöhnlich Boote um die abgelegenen Dörfer zu erreichen. Der Ausbau der Infrastruktur, vor allem von Straßen und Brücken, wurde daher zu einem wichtigen Projekt. Win hat niemals erzählt, wie seine Firma das Vertrauen der Regierung gewonnen hat, um die Projekte durchzuführen. Wenn wir uns jedoch viele andere Fälle als Präzedenzfälle sowohl auf nationaler als auch auf regionaler Ebene anschauen, sehen wir, dass indonesische Unternehmer Aufträge oft durch Patronatsbeziehungen mit Regierungsbeamten erhalten (Chua 2008; Borsuk & Chng 2014; Van Klinken 2014; Savirani 2014). Persönliche Nähe führt dann dazu, dass Unternehmer staatliche Projekte ausführen dürfen, es bedeutet allerdings auch, dass die Regierenden dann von den Unternehmern Unterstützung für ihre politischen Kampagnen einfordern und Gewinne mit ihnen teilen.

Was Win preisgab war, dass er sorgfältig jedes Detail studierte, das beim Bau einer Brücke nötig war. Seine Genauigkeit ermöglichte es ihm, unnötige Ausgaben zu vermeiden und herauszufinden, wie er effektiver arbeiten konnte. Nachdem sein Unternehmen ein paar Jahre lief, kaufte er sein eigenes schweres Gerät. Das ermöglichte ihm, noch größere Gewinne aus seinen Projekten zu erzielen.

In den 2000er Jahren ergab sich für Win eine weitere viel versprechende Geschäftsmöglichkeit. In dieser Zeit lebte er in Wahai, dem Regierungssitz des Landkreises Nord-Seram. Nicht weit von Wahai liegt das Dorf Parigi, das in dieser Zeit Bekanntheit erlangte als Thunfisch-Dorf. Die Zwischenhändler kamen in das Dorf und kauften die Fische zu verlockenden Preisen ab. Win bot zwei Dorfbewohnern seine Zusammenarbeit an: Sie sollten die Fische für ihn an Ort und Stelle kaufen, er stattete sie dafür mit der nötigen Ausrüstung aus.

Obwohl das Sammeln von Thunfischen von den Fischern, das in den Molukken klostor genannt wird, einfach erscheint, ist es in Wahrheit eine komplizierte und sogar riskante Angelegenheit. Thunfische verlieren bei unsachgemäßer Behandlung schnell an Qualität. Wenn die Qualität des Thunfischs abnimmt, werden die Zwischenhändler nicht so viel für den Weiterverkauf erhalten wie sie investiert haben. Was die ganze Sache noch schwieriger macht, ist die bereits erwähnte Tatsache, dass, dass die, die den Fisch dann von den Zwischenhändlern kaufen, ihn oft erst nach Wochen oder sogar Monaten bezahlen.

Dank der Gewinne aus seinen früheren Geschäften verfügte Win über genug Kapital, um sein neues Geschäft trotz dieser Risiken aufrecht zu erhalten. Es kam vor, dass er nicht voll bezahlt wurde, weil der Fisch schon seine Qualität eingebüßt hatte. Es gab auch eine Zeit, in der der schon erworbene Fisch verdarb weil es Schwierigkeiten gab bei der Errichtung von Lagerungsmöglichkeiten in dem Dorf, in dem es keine ausreichende Stromversorgung gab. Aufgrund seiner Hartnäckigkeit und seines großen Kapitals ist Win dennoch heute der älteste und einflussreichste Thunfischzwischenhändler in Parigi.

Gewachsene Geschäftsbeziehungen

Als ich 2015 für eine Forschung nach Paringi kam, hatte er schon enge Beziehungen mit den klostor dort. Die Qualität des Thunfischs wird nicht so streng geprüft von den anderen Zwischenhändlern, ganz zu schweigen von den neuen Zwischenhändlern, da die klostor normalerweise viele Schulden bei Win haben. Seine Person ist bei den Fischern und den klostor bekannt als ein Händler, der zuverlässig in seiner Bezahlung ist. Win lieh den Fischern Geld, so dass sie sich bessere Motorboote kaufen konnten. Damit hat er die Fischer nicht nur an sich und seine klostor gebunden, er hat ihnen auch mehr Fische abkaufen können. Obwohl es keine schriftlichen Verträge gab, behandelten Wins Mittelmänner die Fischer als „ihre Fischer“. Wenn es um die Fähigkeit geht, die Unternehmen mit Thunfisch zu versorgen, sagen Wins Leute, dass sie 30 Fischer haben, die bereit sind, jeden Tag ihren Fang an sie zu verkaufen.

Zwar ist das Geschäft mit den Thunfischen Wins ertragreichstes. Doch er besitzt darüber hinaus auch einige Ölpalmen-Plantagen, die in Partnerschaft mit Nusaina, dem Unternehmen des Geschäftsmanns Sihar Sitorus bewirtschaftet werden. Er besitzt auch Kopragärten und vertreibt Waren für Gemischtwarenläden der Familie seiner Frau. Als Unternehmer muss Win einige Steuern zahlen.

Win hat in vielen Bereichen großen Einfluss. Die Fischer, die für ihn arbeiten, sind Leute, die jederzeit für alle möglichen Aufgaben eingesetzt werden können. Wenn er jemanden benötigt, der ihm mit geschäftlichen oder persönlichen Angelegenheiten hilft, die nicht direkt mit dem Thunfischgeschäft zu tun haben, kann er ebenfalls auf die Hilfe „seiner Männer“ zählen. In Wahlkampfzeiten, in der die Parteien oder die Politiker Stimmen aus Dörfern in Nord-Seram brauchen, kann Win die Wahl zu Gunsten „seines Kandidaten“ beeinflussen. Sihar Sitorus, ein Palmöl-Geschäftsmann und Politiker auf nationaler Ebene, bat Win um Hilfe, als er sein Geschäft nach Nord-Seram ausweitete. Win half Sihar, indem er Dorfvorsteher versammelte und ihnen Sihar als Investor mit guten Absichten vorstellte, dem es darum gehe, ihren Bezirk zu entwickeln. Win gab aber auch den Dorfbewohnern finanzielle Unterstützung in für sie schwierigen Zeiten. Diese Maßnahmen stärkten die Beziehung zwischen ihm und den Dorfbewohnern. Als ich vor Ort war, hatte das Dorf zum Beispiel ein Problem mit dem Dach der Moschee, das undicht war. Win kaufte daraufhin in der Molukken-Hauptstadt Ambon für das Dorf eine neue Moschee-Kuppel.

Es gibt einige „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichten in Südostasien, in denen Menschen aus einfachen Familien, reich wurden und nun ein Vermögen besitzen. Zu ihnen gehören Leute wie Mochtar Riyadi, Charoen Sirivadhanaabhakdi und Henry Sy. Ich kann nicht sagen, dass Win auch aus einfachen Verhältnissen kommt, da er für die damaligen Verhältnisse eine gute Ausbildung genießen konnte. Eines ist jedoch klar: Er hat es geschafft, seine Geschäfte aufzubauen, respektiert zu werden und einen nicht unerheblichen Reichtum anzuhäufen. Obwohl die Art und Weise, wie er zu seinem Reichtum kam, nicht von der Praxis der Vetternwirtschaft getrennt werden kann, die auch für andere Unternehmen in Indonesien typisch ist, ist festzuhalten, dass er seinen Reichtum nicht einfach durch Erbschaft erwarb.

Sein Fall zeigt außerdem, wie ein Geschäftsmann in Indonesiens Außenregionen erfolgreich sein kann in einem Umfeld, das für geschäftliche und politische Netzwerke nicht leicht zugänglich sind, aber über großes wirtschaftliche Potenzial verfügt. Was Win tat, um sein Geschäft aufzubauen, ist vergleichbar mit den Manövern anderer Unternehmer in Indonesien. Er zog seinen anfänglichen Reichtum aus Projekten, die höchstwahrscheinlich in Zusammenarbeit mit Regierungsbeamten ausgeführt wurden, die sich auch persönlich an den Geschäftsbeziehungen bereicherten. Als nächstes tat er alles, um sicherzustellen, dass er so viel Geld wie möglich anhäufen konnte und dann, als er genügend Investitionskapital hatte, hielt er die Augen offen nach Gelegenheiten um in der Nähe Geschäfte zu machen. Immer wieder stieg Win in immer neue Geschäfte ein. Er bedauerte es nie, wenn eine Investition fehlschlug. Er hatte den Grundstock für seinen Erfolg im Thunfisch-Geschäft gelegt. Es gab einerseits eine hohe Nachfrage sowohl am indonesischen als auch am ausländischen Markt, außerdem bestand auch von Seiten der Fischer Bedarf an Leuten, die ihnen die Fische abkauften. Das alles waren gute Vorrausetzungen, um Gewinne zu machen. Umso mehr, da Win an einem Ort operiert, an dem Thunfisch nie als knappes Gut wahrgenommen wurde. Ein Diskurs über die Bedrohung von Fischarten hat sich in Indonesien bislang kaum entwickelt, vor allem nicht in abgelegenen Gebieten wie Nord-Seram.

Win ist ein Porträt eines Akteurs des sozialen Lebens, die nicht zögern, sich in das zu vertiefen, was Pierre Bourdieu (1986:47) “the games of society“ nannte. Er war entschlossen, „den großen Pokal“ zu gewinnen und musste dafür die Trophäen verpfänden, die er schon gewonnen hatte. Wie schillernd auch eine Gelegenheit vor ihm lag, sie würde verpuffen, wenn er nicht sein Kapital einsetzte. Aber letztlich gewann Win nicht nur ökonomisch gesehen. Er gewann auch Ansehen in seinem sozialen Umfeld. Seine Möglichkeiten, auch mit einem weiter entfernten Umfeld in Kontakt zu kommen – und aus diesem Kapital zu erhalten – öffneten sich auch mit dem gesellschaftlichen Einfluss, den er heute besitzt.

 

Übersetzung aus dem Indonesischen von Timo Duile.

 

Zum Weiterlesen:

  • Borsuk, R., & Chng, N. (2014). Liem Sioe Liong’s Salim Group: The Business Pillar of Soeharto’s Indonesia. Singapore: Instute of Southeast Asian Studies.
  • Bourdieu, P. (1986). The Forms of Capital. In J. E. Richardson (Ed.), Handbook of Theory of Research for the Sociology of Education. Santa Barbara, California: Greenword Press.
  • Chua, C. (2008). Chinese Big Business in Indonesia: The State of Capital. Oxon: Routledge.
  • Savirani, A. (2014). Resisting Reforms: The Persistence of Patrimonialism in Pekalongan’s Construction Sector. In G.
  • Van Klinken & W. Berenschot (Eds.), Middle Classes in Provincial Towns (pp. 133-144). Leiden: Brill.
  • Van Klinken, G. (2014). The Making of Middle Indonesia: Middle Classes in Kupang Town, 1930s-1980s. Leiden: Brill.

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Ich heiße Bento, bin stinkreich
Hab viele Limousinen, Immobilien
Die Leute nennen mich Big Boss
Bin einer von denen, die über allem steh’n
Wie geil!

Ich seh gut aus, hab viele Mädels
Ein Blick genügt, und ich hab sie
Für mein Business geh ich über Leichen
Hauptsache, mir gefällt’s, der Sieg ist mein!

Was scher’n mich meine Opfer,
Es geht um mein Vergnügen, um nichts and’res
Wie geil!

Moralblabla, Gerechtigkeitsgerede,
Das ist mein Frühstück
Betrügen, Manipulieren und Bestechen,
Darin bin ich Meister!

Kleinganoven, Vorstadtgangster
Absolut lächerlich!
Wer von mir lernen will
Der rufe dreimal meinen Namen
Bento, Bento, Bento!
Wie geil!

Übersetzung aus dem Indonesischen von Bettina David.

 

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesischer Milliardär schafft mit dubiosen Geschäftspraktiken neue Palmölplantagen – unterstützt von internationalen Banken und Nahrungsmittelkonzernen.

Der Besitzer des größten indonesischen Konzerns wurde beschuldigt, an der illegalen Abholzung von Borneos Ketungau Torfmoor beteiligt zu sein, um dieses als Land für Palmöl-Plantagen nutzen zu können. Der Großunternehmer Anthoni Salim, der laut Forbes viertreichste Mann Indonesiens, steht einem Bericht zufolge entweder als Besitzer oder Kooperationspartner mit zwei Unternehmen in Verbindung, die eine Fläche von fast 10.000 Hektar geschütztem Regenwald zerstört haben.

Zur Salim Group gehört auch Indofood, ein Unternehmen das mit PepsiCo und Nestle kooperiert, sowie First Pacific, ein Teilhaber des führenden Lebensmittelproduzenten der asiatischen und pazifischen Region Goodman Fielder. In einem neuen Bericht deckt die Nachhaltigkeitsberatung Aidenvironment die Zusammenarbeit der Salim Group mit „Schattenunternehmen“ auf, durch die rechtliche Überwachung umgangen werden kann. Fragwürdig ist dabei auch die Beteiligung führender Banken wie Citibank, Mizuho, Standard Chartered, BNP Paribas und die Rabobank, die zu den Geldgebern der Salim Group zählen.

Durch Banken finanzierte Abholzung

„Dieser Bericht liefert klare Beweise für dubiose Geschäftspraktiken und Unterlassungen auf den höchsten Ebenen der Unternehmen, während tropische Regenwälder weiterhin dem, in die Kritik gekommenen, Palmöl weichen müssen“, sagte Gemma Tillack, Direktorin für Forstpolitik des Rainforest Action Network (RAN), welches die Forschung gemeinsam mit der Rainforest Foundation Norway (RFN) und SumOfUs in Auftrag gegeben hatte.

Der Bericht mit dem Titel „Beurteilung der Nachhaltigkeitdes Palmöl-Anbaus von mit Salim in Verbindung stehenden Unternehmen in Borneos Torfwäldern“ behauptet auch, dass die Salim Group zu Beginn des Jahres 2016 auf die Abholzung aufmerksam gemacht wurde, welche durch die PT Duta Rendra Mulya – Mehrheitseigner ist die Salim Group – und die PT Sawit Khatulistiwa Lestari – durch Geschäftspartnerschaften mit dem Konzern verknüpft – durchgeführt wurden. Entgegen wiederholten Interventionsversuchen der Regierung sah der Konzern von jedweder Handlung ab. Es stellt sich heraus, dass eines der Unternehmen, PT Sawit Khatulistiwa Lestari, erfolgreich eine kartografische Veränderung des staatlichen Moratoriums für die Torfmoore beantragt hatte – trotz der Einstufung der Torfmoore als besonders schutzbedürftig.

„Die Geschäftspartner und Geldgeber der Salim Group – wie PepsiCo – machen sich  der illegalen Rodungen mitschuldig, wenn sie weiterhin ihren Geschäften mit Salim nachgehen. PepsiCo, Nestle und Wilmar müssen ihre Geschäftspartner dazu bringen, die indonesischen Gesetze und Nachhaltigkeitsnormen der abholzungsfreien Entwicklung einzuhalten oder aus den geschäftlichen Beziehungen zurücktreten“, so Tillack.

Durch dubiose Firmenstrukturen ist keiner für die Abholzung verantwortlich

Der Bericht argumentiert, dass das Konglomerat der Salim Group – mit einer Basis an öffentlich gelisteten Unternehmen mit ausgewiesenem Engagement für Nachhaltigkeit sowie die illegal agierenden mit der Salim Group verknüpften „Schattenunternehmen“ – für ernsthafte Bedenken bei Investoren und Geschäftspartner sorgen sollte.

„Dies ist nicht das erste Mal, dass Unternehmen innerhalb der Salim Group aufgrund ihrer zerstörerischen Praktiken entlarvt wurde“, äußerte Kiki Taufik, Chef der Greenpeace-Kampagne zum Schutz von indonesischen Wäldern. „Die Salim Group zählt zu den schlimmsten Straftätern und hat ihre zerstörerischen Unternehmungen von der öffentlichen Darstellung des Indofood Imperiums getrennt gehalten. Aus diesem Grund müssen Unternehmen Verantwortung dafür übernehmen, sicherzustellen, dass nur Palmöl von verantwortlichen Herstellern verwendet wird, die den Regenwald schützen und Menschenrechte respektieren.“

Die Salim Group hat nicht sofort auf die Anfrage von Mongabay reagiert, sich in einer Stellungnahme zu äußern. Das Ketungau Torfmoor in der indonesischen Region von Borneo Sintang, ist Gegenstand spezieller Schutzmaßnahmen der indonesischen Regierung. In Torfwäldern ist die Waldbrandgefahr besonders hoch und sie unterstehen im Rahmen der globalen Klimabestimmungen besonderen Gesetzen als natürliche Speicher für Kohlenstoff. Die jährlichen CO2-Emissionen des trockengelegten Moors Ketungau wird laut der Zahlen des World Resources Institute der jährlichen Emission von 110.000 Kraftfahrzeugen entsprechen.

Die Trockenlegung des Moors entspricht Emissionen von 110.000 PKWs

Von Greenpeace ausgewerteten neuen Daten über Lieferketten zufolge beziehen Unternehmen weiterhin Produkte von umstrittenen Palmöl-Fabriken, die mit der Salim Group in Verbindung gebracht werden können. „Trotz Herrn Salims bestehenden Verwicklungen in illegale Waldrodungen, fließen Kredite in Milliardenhöhe sowie Finanzierungen durch Wertpapiere und Aktien weiterhin in den Großkonzern“, sagte Vermund Olsen von RFN. „Banken müssen für ihre Verpflichtungen gegenüber dem Klimawandel einstehen und die Finanzierung, der Zerstörung von Mooren einstellen.“

Als Antwort auf die Erkenntnisse des Berichts von Aidenvironment sagte Citigroup, dass sie alle Kreditvereinbarungen mit IndoAgri, dem agrarwirtschaftlichen Zweig der Salim Group, sofort beenden würden. Zusätzlich wird eine Untersuchung der Beteiligung an schmutzigem Palmöl durch andere an Indofood gewährte Kreditrahmen eingeleitet.

Standard Chartered, HSBC, Rabobank und DBS bekräftigen, dass sie sich weiterhin der Nachhaltigkeit der Palmöl-Industrie verpflichtet fühlen und gegebenenfalls auch Darlehensübereinkommen erneut prüfen würden. BNP Paribas und SMFG weisen jegliche Verantwortung zurück, da PT Duta Rendra Mulya und PT Sawit Khatulistiwa Lestari nicht ihrem Kundenkreis angehören.

Salim Group nicht nur in Borneo aktiv

Im Jahr 2016 wurde die Salim Group angeklagt, hinter vier Unternehmen zu stehen, die zu den Wegbereitern der Erweiterung der illegalen Palmöl-Industrie in Papua zählen. Dabei wurde ein komplexes Netzwerk von gemeinsamen Unternehmensvorständen und offshore-Firmen genutzt, um die Verantwortung zu verschleiern.

Aktuellen Recherchen des investigativen Blogs awas MIFEE zufolge, wird auch der Indogunta-Konzern, ein Unternehmen, das mehrere Plantagen in Kalimantan und Papua besitzt, von der Salim Group kontrolliert wird.

Selwyn Moran von awas MIFEE räumt ein, dass es eine Herausforderung für die Umweltbewegung darstellt, eine Kampagne gegen die Finanzierung und Unterstützung von Unternehmen wie die Salim Group zu führen, da diese ihre Lieferketten verschleiern.

„Es ist nicht nur die Salim Group; die meisten der Palmöl-Konzerne agieren „im Dunkeln“ und roden weiterhin“, sagt er Mongabay. „Wenn Händler und Käufer sich generell gegen Rodungen von Wäldern aussprechen möchten, müssen sie diesen Unternehmen mit ungeklärten Beteiligungsverhältnissen geschlossen entgegentreten. Es gibt gute Gründe davon auszugehen, dass ein gewinnbeteiligter Besitzer nicht auf der Liste der Anteilseigner zu finden ist.“

„Es sollte wirklich im Aufgabenbereich der Handelsgesellschaften liegen, ihre Zulieferer zu prüfen und die Zusammenarbeit mit Wald abholzenden Unternehmen auszuschließen. Vor allem wenn diese auf bei derselben Adresse gemeldet sind, wie im Falle von Salim.“

Übersetzung aus dem Englischen: Angela La Cognata (Watch Indonesia!) und Franziska Blum (SOAI)
Das Original dieses Artikels erschien am 11. April 2018 bei Mongabay

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Während Suhartos über 30-jähriger Herrschaft in Indonesien gelang es seinen Kindern ein Geschäftsimperium aufzubauen und viele Millionen US-Dollar auf privaten Konten im In- und Ausland zu verstecken.

 

Nur ein Jahr nachdem die Panama Papers die versteckten Millionen und Investitionen von Prominenten in der Steueroase enthüllten, tauchten die Paradise Papers auf, die weitere Details von verdeckten Investitionen zur Steuervermeidung offen legten.

Die Panama Papers stammen von einem Offshore-Rechtsdienstleister namens Mossack Fonseca, die Paradise Papers von der Firma Appleby. Die Süddeutsche Zeitung war eines der ersten Medien, die die durchgesickerten Dokumente erhielten und sie dann an das Internationale Netzwerk Investigativer Journalisten (ICIJ) verteilten.

„Sie (Mossack Fonseca und Appleby) sind beide Anwaltskanzleien, die ihren Kunden helfen, eine Briefkastenfirma in Übersee zu eröffnen. Also, wenn man etwas im Ausland kaufen will, und seinen eigenen Namen nicht verwenden will, dann eröffnet man eine Briefkastenfirma. Je vertraulicher, desto teurer der Tarif“, sagte ICIJ-Gründungsmitglied Andreas Harsono der indonesischen Nachrichtenagentur Antara.

Große Namen, die in den Paradise Papers erwähnt werden, sind unter anderem die britische Königin Elizabeth II., U2-Sänger Bono und Weltstar Madonna. Einige indonesische Prominente tauchen hier ebenfalls auf, so etwa der ehemalige General und Politiker Prabowo Subianto [ein Ex-Schwiegersohn von Diktator Suharto, d.R.] und zwei von Suhartos Kindern, Hutomo Mandala Putra (Tommy) und Siti Hutami Endang Adiningsih (Mamiek).

Tommy Suharto wird als der Kopf der Humpuss-Gruppe sowie Aufsichtsratsvorsitzender der Asia Markt Investments Ltd. genannt, ein in Bermuda 1997 registriertes Unternehmen. Tommy ist außerdem einer der Großaktionäre des italienischen Sportwagen-Unternehmen Lamborghini. Laut Applebys Bericht kam 1997 in Bermuda ein Joint Venture zustande, das aus Tochtergesellschaften der Humpuss-Gruppe und der australischen Werbeagentur NLD bestand. Das Unternehmen betrieb Straßenwerbungen auf den Philippinen sowie in Malaysia, Myanmar und China.

Mamiek Suharto wird in dem Dokument als Vizepräsident von Golden Spike Pasiriaman Ltd. und Besitzerin von Golden Spike South Sumatra Ltd erwähnt. Dem ICIJ-Bericht zufolge wurden beide Unternehmen in den 1990er Jahren in Bermuda registriert, existieren aber jetzt nicht mehr. Die Nennung von Suhartos Kinder in den Paradise Papers wirft die alte Frage nach dem Vermögen der Suhartos wieder auf.

Suhartos Vermögen

Nach einem Bericht des Time-Magazine von 1999 hat die Suharto-Familie ein Geschäftsimperium aufgebaut und Milliarden von US-Dollar im In- und Ausland angehäuft. Zum Auslandsvermögen der Familie gehören unter anderem ein vier Millionen Dollar teurer Jagdpark in Neuseeland und anteilig ein ebenso teures Kreuzfahrtschiff, das in der Nähe von Darwin, Australien, vor Anker liegt. Milliarden von Suhartos Geld liegen zudem auf Schweizer Bankkonten. Als Suharto sein Amt 1998 niederlegte, soll er sein Vermögen in Sicherheit gebracht haben, indem er neun Milliarden Dollar von einer Schweizer Bank auf ein österreichisches Bankkonto übertrug.

Laut dem Bericht des Nationalen Grundbuchamts, den das Time-Magazine zitiert, kontrollierte die Suharto-Familie rund 3,6 Millionen Hektar Land mit Immobilien sowie 100.000 Quadratmeter Bürofläche in Jakarta. Suharto wies den Bericht jedoch zurück. Ihm zufolge besaß er nur 19 ha Land in Indonesien sowie Ersparnisse in Höhe von 2,4 Millionen Dollar. Die Zeitung New York Times schätzte das Vermögen Suhartos auf 30 Milliarden Dollar.

Einem Bericht des Wirtschaftsmagazins The Economist zufolge „schrumpfte“ Suhartos Privatvermögen auf „nur noch“ ca. 16 Milliarden Dollar, da die anderen Vermögensteile auf seine sechs Kinder, die Enkelkinder und einen Bruder verteilt wurden. Laut Transparency Interantional beliefen sich Suhartos Vermögen auf geschätzte 15 bis 35 Milliarden US-Dollar.

Suhartos vermögende Kinder

Nach dem Bericht des Time Magazine besitzen Suhartos Kinder Anteile an rund 564 indonesischen Unternehmen und haben außerdem „Beziehungen“ zu Hunderten anderen ausländischen Unternehmen aus den Vereinigten Staaten, Usbekistan, den Niederlanden, Nigeria, Vanuatu und anderen Ländern.

So besitzt Suhartos jüngster Sohn Tommy einen Anteil von 75 Prozent an einem Golfplatz mit 22 Luxuswohnungen in Ascot, Großbritannien. In Jakarta baute Tommy laut einem Bericht der New York Times auf einer Fläche von 425 Hektar eine Auto-Rennstrecke mit Kosten von bis zu 50 Millionen Dollar.

Tommys älterer Bruder Bambang Trihatmodjo hat ein Luxus-Ferienhaus im Wert von acht Millionen US-Dollar in Singapur und ein weiteres Haus im Wert von 12 Millionen Dollar in einer exklusiven Nachbarschaft in Los Angeles, nicht weit entfernt vom Haus seines Bruders Sigit Harjoyudanto, dem zweiten Sohn Suhartos, dessen geschätzter Wert neun Millionen Dollar beträgt. Im Jahr 2007 krönte das Wirtschaftsmagazin Forbes Bambang Trihatmodjo zum 33. reichsten Mann Indonesiens mit einem Vermögen von 200 Millionen US-Dollar.

Suhartos Töchter sind nicht weniger vermögend. Siti Hardijanti Rukmana, genannt Tutut, soll einige Flugzeuge besitzen, darunter eine Boeing 737, eine Challenger 601, eine BAC 1-11, eine McDonnell Douglas DC-10 und ein Exemplar des Modells Royal Squadron.

Woher kommt das Vermögen?

Bevor Suharto und seine Frau Siti Hartinah (Ibu Tien) an die erste Stelle im indonesischen Staat vorrückten, führten sie in Menteng, Zentral-Jakarta, ein relativ bescheidenes Leben. Zu dieser Zeit fuhr Suharto noch einen Ford Galaxy. Sein Wunsch an Geld zu kommen machte sich bereits in den 1950er Jahren bemerkbar: Damals war er am Zuckerschmuggel und anderen ‚außermilitärischen’ Aktivitäten in Zentral-Java beteiligt. Dies führte dazu, dass er 1959 von seiner Position als Kommandeur des Militärkommandos Diponegoro [Zentraljava und Yogyakarta, d.R.] suspendiert wurde.

Bevor Suharto und seine Frau Siti Hartinah (Ibu Tien) an die erste Stelle im indonesischen Staat vorrückten, führten sie in Menteng, Zentral-Jakarta, ein relativ bescheidenes Leben. Zu dieser Zeit fuhr Suharto noch einen Ford Galaxy. Sein Wunsch an Geld zu kommen machte sich bereits in den 1950er Jahren bemerkbar: Damals war er am Zuckerschmuggel und anderen ‚außermilitärischen’ Aktivitäten in Zentral-Java beteiligt. Dies führte dazu, dass er 1959 von seiner Position als Kommandeur des Militärkommandos Diponegoro [Zentraljava und Yogyakarta, d.R.] suspendiert wurde.

Sieben Jahre später, 1966, erließ Suharto – nun als Präsident – die Regierungsverordnung Nr. 8, um zwei von seinem Vorgänger Sukarno kontrollierte Unternehmenszusammenschlüsse im Wert von zwei Milliarden Dollar zu übernehmen. Suharto kontrollierte außerdem das Unternehmen PT-Pilot Project Berdikari, das von Achmad Tirtosudiro, einem pensionierten General, geleitet wurde. Diese Firma wurde zu einem der wichtigsten Motoren von Suhartos Geschäftsimperium. Gemeinsam mit seinen engen Freunden Liem Siu Liong (Salim Group) und The Kian Seng, besser bekannt als Mohammad „Bob“ Hasan, wurde er immer erfolgreicher. So übertrug Suharto etwa dem Unternehmen PT Bogasari Flour Mills, das von der Salim Gruppe kontrolliert wurde, nach und nach das Monopol für den Import und Vertrieb von Mehl und Weizen.

Um seine Geschäftsaktivitäten zu verschleiern, gründete Suharto ‚gemeinnützige’ Stiftungen, die Krankenhäuser, Moscheen und Schulen finanzierten. Laut Laut dem [inzwischen verstorbenen, d.R.] bekannten indonesischen Soziologen George Junus Aditjondro gab es 79 Stiftungen in den Händen Suhartos, seiner Familie und seiner Freunde. „Diese Stiftungen kaufen Aktien, gründen Firmen, verleihen Geld an Unternehmer“, so Adnan Buyung Nasution, ein Menschenrechtsanwalt, seinerzeit zum Time Magazine.

1978 erlangte eine von Suhartos Stiftungen die Kontrolle über 60 Prozent Aktienanteile der Bank Duta. Nach und nach stieg Suhartos Anteil auf 87 Prozent der Aktien dieser Bank. Die Fonds investierten Suhartos Stiftungen wiederum in etliche Privatunternehmen seiner Familienmitglieder und Freunde.

Eine der wichtigsten Geldmaschinen des Suharto-Clans war PT Nusantara Ampera Bakti oder Nusamba, ein Unternehmen, das 1981 von drei Stiftungen Suhartos mit einem Kapital von rund 1,5 Millionen US-Dollar gegründet wurde. Sein Freund Bob Hasan und sein Sohn Sigit Suharto erwarben jeweils zehn Prozent der Aktien. Das Unternehmen eröffnete ein Netzwerk von 30 Tochtergesellschaften in den Bereichen Finanzen, Energie, Zellstoff und Papier sowie Stahl und Automobil. Nusamba besaß einen Anteil von 4,7 Prozent an Freeport Indonesia, einem US-amerikanischen Goldminenunternehmen in Papua.

Als Suhartos Kinder erwachsen wurden, stiegen sie im großen Stil in die Geschäfte ihres Vaters ein. Der Time-Bericht nennt hier Tommy und Bambang als Besitzer der Unternehmen Perta Oil Marketing und Permindo Oil Trading in den 1980er Jahren. Beide Firmen wurden zu offiziellen Öllieferanten der staatlichen Ölgesellschaft Pertamina. Sie erhielten jeweils eine Provision von ca. 30-35 Cent (US-Dollar) pro Barrel Öl. Darüber hinaus wurden Suhartos Familie insgesamt 170 Verträge mit Pertamina für Versicherungen, Sicherheit, Nahrungsmittel und andere Dienstleistungen zugeschustert.

Darüber hinaus kontrollierte Bambang Suharto die staatliche Logistik-Agentur (BULOG), die das Monopol für bestimmte Lebensmittel innehatte, z.B. für den Handel von Reis. Die Agentur erzielte Gewinne von drei bis fünf Milliarden Dollar aus staatlichen Programmen zur Stabilisierung der Reispreise. Bambang kontrollierte auch Satelindo, ein Kommunikationsunternehmen, das 1995 2,3 Milliarden Dollar wert war. Suhartos Tochter Tutut kontrollierte derweil etliche Telekommunikationsunternehmen, das Bankwesen, außerdem Plantagen, Getreidemühlen, Bauunternehmen, Forstwirtschaft, Raffinerien und den Zuckerhandel.

Suhartos Familienvermögen stammt nicht nur aus Regierungsverträgen, sondern auch aus der Beschlagnahmung von Land, wie am Beispiel einer Rinderfarm in West-Java ersichtlich wird, die auf einer sich über fünf Dörfer erstreckenden Fläche von über 750 ha beschlagnahmtem Land, errichtet wurde. 1996 beschlagnahmte Tommys Firma 650 Hektar Land auf der Touristeninsel Bali für den Bau eines Luxusferienressorts. Das Unternehmen hatte ursprünglich nur die Genehmigung für 130 ha Land erhalten, dieses Gebiet wurde aber im Laufe der Zeit illegal erweitert.

Im Jahr 2016 fanden sich die Namen von Tommy Suharto, Bambang und Tutut auf der Liste der 150 reichsten Indonesier von The Globe Asia. Das Vermögen von Tommy Suharto [Platz 56 der Globe-Liste, d.R.] kam von der Humpuss Group, vor allem vom großen Energielogistiker PT Humpuss Intermoda. Außerdem besaß er unter der Schirmherrschaft von KG Property Eigentum, darunter den Mangkuluhur City Superblock in Semanggi in Zentral-Jakarta und den Jayanti City Apartmentkomplex.

Währenddessen lag Bambang Trihatmodjo mit einem Gesamtvermögen von 240 Millionen US-Dollar auf Platz 124 auf der Liste von The Globe Asia und Tutut mit insgesamt 190 Millionen US-Dollar auf Platz 132.

Tututs Vermögen kam vor allem von Citra Marga Nusaphala Persada, dem profitabelsten Autobahnbetreiber in Indonesien, obwohl sie dieses Unternehmen schließlich an ihre Tochter Danty Indriastuty Purnamasari abgab.

Siti „Tutut“ Rukmana baute gemeinsam mit der San Miguel Corp. aus den Philippinen auch das Joint-Venture-Unternehmen Citra Lamtoro auf, um indirekt Anteile an South Luzon Tollway Corporation (SLTC) und Manila Toll Expressway Systems Inc. zu erwerben. CMNP, die Holdinggesellschaft von Citra Lamtoro, ist auch am Bau der der Trans-Java-Autobahn beteiligt.

Suharto contra Time Magazine

Der ausführliche Bericht des Time Magazine über die Vermögensverhältnisse Suhartos brachte Ärger. Durch seinen Anwalt reichte Suharto eine zivilrechtliche Klage beim Bezirksgericht von Zentraljakarta ein. Gegenstand der Klage war der Bericht der asiatischen Ausgabe des Time Magazine vom 24. Mai 1999 mit der Titelgeschichte ‘SUHARTO INC. How Indonesia’s longtime boss built a family fortune’. Der Bericht sei tendenziös, suggestiv und provokativ, so die Anklage.

Im Jahr 2000 wies das Bezirksgericht in Jakarta jedoch alle Klagen zurück mit der Begründung, dass der Bericht von Time nicht den Vorwurf rechtswidriger Handlungen im Sinne der Artikeln 1365 und 1372 des Zivilgesetzbuchs erfüllte.

Suharto reichte daraufhin Berufung ein. Das übergeordnete Provinzgericht von Jakarta bestätigte zwar 2001 das Urteil des Bezirksgerichts von Jakarta. Im Jahr 2007 entschied jedoch der Oberste Gerichtshof Indonesiens, dass sich das Time Magazine der Verleumdung schuldig gemacht hatte und verhängte eine Entschädigungsstrafe von einer Billion Indonesische Rupiah [106 Mio. US-Dollar, d.R.]. Außerdem sollte das Time Magazine eine Entschuldigungsanzeige in verschiedenen indonesischen Medien sowie in drei internationalen Ausgaben der eigenen Zeitschrift schalten.

Zwei Jahre später wurde die Entscheidung des Obersten Gerichthofes aufgehoben. Der Oberste Gerichtshof erklärte, Time Magazine müsse keine Entschädigung an Suhartos-Familie zahlen. Im selben Jahr bezeichneten die Weltbank und die Vereinten Nationen in ihren Berichten Suharto als „korruptestes Staatsoberhaupt der Welt“.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Hendra Pasuhuk

Der Orginalartikel erschien im November 2017 im indonesischen Online-Magazin Tirto

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

1998 wurde nach dem Rücktritt von Suharto, der das Land 33 Jahre lang beherrscht hatte, mit der reformasi mehr Raum für Medienfreiheit geschaffen. Doch zu einem strukturellen Wandel in der Medienindustrie kam es nicht. Die Medien in Indonesien werden von Oligarchen beherrscht, die ein enges Verhältnis zur politischen Macht haben. Sie nutzen ihre Medien exzessiv für den eigenen Wahlkampf.

 

Die oligarchische Struktur in Indonesiens Medienindustrie weist trotz einiger wechselnder Akteure vor allem Kontinuitäten auf. Problematisch ist vor allem, dass diese Oligarchen neben ökonomischen auch politische Interessen haben. Sie sind in politischen Parteien aktiv und nutzen ihre Medienmacht für diese Interessen. Einige wichtige Vertreter hier sind Aburizal Bakrie, Surya Paloh und Hary Tanoesoedibyo. Wer sind diese Persönlichkeiten, was sind ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen, vor allem in Hinblick auf die im nächsten Jahr anstehenden Wahlen?

Medienoligarch und Minister in Personalunion

Aburizal Bakrie (*1946) ist ein Unternehmer aus Jakarta, der von 2009 bis 2014 auch Vorsitzender der Golkar-Partei war. Bakrie hat eine lange Karriere sowohl als Geschäftsmann als auch als Politiker hinter sich. Während der so genannten Neuen Ordnung unter Suharto war er ein junger Unternehmer, dem sich aufgrund seiner Nähe zu Suhartos Familie zahlreiche Geschäftsmöglichkeiten boten. So bekam er eine Lizenz für seinen privaten Fernsehsender ANTV, danach kaufte er einen weiteren Sender, der heute TV One heißt.

Im Mai 2006 kam es in einem der Erdgas-Bohrunternehmen der Bakrie-Gruppe zu einem Unfall, in dessen Folge im Gebiet von Sidoarjo in Ost-Java nicht weniger als 180.000 Kubikmeter heißer Schlamm pro Tag aus der Erde traten. Dieser heiße Schlammvulkan zerstörte die Häuser von mindestens 13.000 Familien in der Umgebung der Bohrung [1]. Zu dieser Zeit war Aburizal Bakrie Sozialminister unter Präsident Susilo Bambang Yudhoyono.

Bakrie [2007 vom Forbes Magazin als reichster Indonesier bezeichnet, d.R.] schaffte es, die Regierung dazu zu bringen, die Menschen, die ihre Häuser verloren hatten, zu entschädigen. Aber nicht nur das. Seine Medien berichteten unentwegt davon, dass nicht sein Unternehmen, sondern ein Erdbeben, das sich zwei Tage zuvor in Yogyakarta ereignet hatte, verantwortlich für die Schlammkatastrophe sei. Heute beschreiben Medien wie Bakries Fernsehsender TV One das Problem der von den Anwohnern nach dem Namen des Unternehmens genannten Lapindo-Schlammkatastrophe als gelöst, obwohl es immer noch Probleme mit der Entschädigung der Opfer gibt und obwohl der Schlammfluss noch immer nicht gestoppt ist.

2014 kandidierte Bakrie bei der Präsidentschaftswahl. Er und seine Golkar-Partei, die während der Neuen Ordnung herrschte, waren jeden Tag in seinen Medien zu sehen. Es ist unbestreitbar, dass alle Medien unter seiner Kontrolle nur Wahlkampf für Bakrie und seine Partei betrieben. Für ihn und die Partei ungünstige Ereignisse wurden entsprechend Bakries Interessen von seinen Medien heruntergespielt.

Medienmaschinen für die eigenen Interessen

Ein weiterer Medienoligarch ist Surya Paloh, der 1951 in Aceh geboren wurde. Schon als Jugendlicher war er in der Geschäftswelt aktiv und trat dann auch in die Politik ein. Von Beginn an war er sich im Klaren darüber, dass er viel Kapital benötigen würde, wenn er im politischen Geschäft mithalten wollte. Er baute ein erfolgreiches catering-Unternehmen auf, und mit den Gewinnen konnte er seine politischen Aktivitäten finanzieren.

Im Jahre 1986 begab er sich in die Medienindustrie. Seine erste Zeitung wurde jedoch nach einem Jahr geschlossen, da sie an verschiedenen Maßnahmen der Regierung Kritik äußerte. Dennoch gab Surya Paloh nicht auf und kaufte eine schön länger erscheinende Zeitung, die er dann auch führte. Diese Zeitung, Media Indonesia, erscheint bis heute. Außerdem kaufte er eine Reihe lokaler Zeitungen als die Zeitungsnetzwerke noch nicht so bekannt waren. Allerdings hielten seine Netzwerke nicht allzu lange durch. Im Jahr 2000 gründete Surya Paloh mit Metro-TV den ersten Nachrichtensender Indonesiens.

Surya Paloh ist auch in der Politik äußerst aktiv, er war einst Vorsitzender im Beirat der Golkar-Partei bevor er 2009 für den Vorsitz der Partei kandidierte und dort gegen Aburizal Bakrie unterlag. Nicht lange danach gründete Surya Paloh seine eigene Partei, die Partai Nasional Demokrat (NasDem), die 2014 zur Parlamentswahl antrat. Indem die Partei sich 2014 einer Koalition zur Unterstützung des heutigen Präsidenten Joko Widodo anschloss, sicherte sie sich einige Ministerposten.

Surya Palohs Metro TV und seine Tageszeitung Media Indonesia wurden wichtige Werkzeuge für seine wirtschaftlichen und politischen Interessen. Wo immer Surya Paloh während des Wahlkampfes auftrat, seine Medien mussten davon berichten und sogar seine Reden, wie lange sie auch dauerten, wurden direkt übertragen. Seine Angestellten wagten es nicht gegen dieses Vorgehen zu protestieren, und auch die indonesische Rundfunkkommission konnte sich bislang nicht auf ein Vorgehen gegen die unausgewogene Berichterstattung im Wahlkampf einigen.

Geballte TV-Macht im Wahlkampf

Hary Tanoesoedibjo, oft einfach Hary Tanoe genannt, ist Vorsitzender der MNC-Gruppe, ein Konglomerat der Medienindustrie. Er besitzt nicht weniger als 4 landesweit ausstrahlende Fernsehsender: RCTI, Global TV, MNC TV, INews, außerdem einige lokale Fernsehsender sowie Online-Nachrichtenportale, ein Netzwerk aus Radio- und Kabel-TV-Sendern, Versicherungsunternehmen, Finanzindustrie und anderem. Der Reichtum des 52-jährigen Hary Tanoesoedibjo wird vom Forbes-Magazin auf 1,1 Milliarden US-Dollar geschätzt, ein Großteil davon stammt aus seinem Medienimperium. Hary Tanoesoedibjo kommt aus einer Unternehmerfamilie und hat einen Master of Business Adminstration der Carlton-Universität in Kanada.

Im Jahre 2011 entwickelte sich sein Interesse, in die Politik einzusteigen. Zunächst schloss er sich der Partai Nasional Demokrat und Surya Paloh an. Weil er nicht gut mit Surya Paloh auskam, wechselte er zur Hanura-Partai, die von Wiranto [Ex-Militärchef, dem Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden und derzeit amtierender Koordinierender Minister für politische und sicherheitspolitische Fragen, d.R.], geführt wird, an.

Im Wahlkampf vor den Wahlen 2014 haben die Zeitungen, Online-Medien und TV-Stationen seiner Mediengruppe landesweit intensiv über Hanuras Kampagne berichtet. Aber die ganze Berichterstattung war nicht ausreichend, um der Partei ein gutes Ergebnis zu bescheren. Die Partei von Hary Tanoe und Wiranto erreichte nur den drittletzten Platz von insgesamt 10 Parteien, die an der Wahl 2014 teilnehmen. Nachdem die Parlamentswahlen nicht erfolgreich verlaufen waren, entschied sich Hary Tanoe dann dafür, Prabowo Subianto [Ex-Schwiegersohn von Suharto und u.a. bei der GSG-9 ausgebildeter Ex-General, dem ebenfalls Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, d.R.] als Präsidentschaftskandidaten zu unterstützen. Prabowo Subianto unterlag 2014 mit 46,85 Prozent dem amtierenden Präsidenten Joko Widodo (53,15 Prozent).

Nach dieser Serie von Niederlagen entschied sich Hary Tanoe, seine eigene Partei zu gründen, die Partai Persatuan Indonesia (Perindo). Mit seinem eigenen politischen Vehikel kann Hary Tanoe mit Hilfe seiner Fernsehstationen und anderen Medien nun Wahlkampf für sich machen. Seine TV-Sender haben bereits aufgrund ihrer einseitigen Kampagne eine Warnung von der indonesischen Rundfunkkommission erhalten. Doch auch das konnte nicht verhindern, dass die Sender die Werbesongs seiner Partei mehrere Male am Tag ausstrahlen.

Manipulationen, die nicht geahndet werden

Der Missbrauch von Medien für politische Interessen ihrer Eigentümer wird in Indonesien immer noch nicht als ernstes Problem erkannt. Viele Institutionen sehen bei diesem Phänomen einfach weg. Von der Öffentlichkeit selbst wird es als störend empfunden, und es erzeugt einseitige und unglaubwürdige Informationen. Weder der Presserat noch die indonesische Rundfunkkommission leiten jedoch ernsthafte Schritte gegen diese Manipulationen ein.

Die für die Wahlen zuständigen Behörden, wie die Wahlbeobachtungsstelle und die Wahlkommission, achten in ihrer Arbeit auf die Wahlkampagnen nach ihrer Definition, das heißt, sie achten auf Sätze, die Menschen dazu bringen eine bestimmte Partei zu wählen oder auf Menschen, die die Wahlkampfziele von Parteien bekannt machen. Aber die vorhandenen Parteien wie Perindo, Nasdem und Golkar führen auch Wahlkampf außerhalb dieser Definition von Wahlkampagnen durch ihre Medien – ohne dass die Regulationsbehörden diese Phänomene beachten würden.

Zivilgesellschaftliche Akteure haben ihren Unmut und Protest an genau diesen Praktiken, die von den zuständigen Behörden ignoriert werden, bereits zum Ausdruck gebracht. Es ist eine rechtliche Grauzone, in denen die Medienoligarchen ihre Interessen verfolgen. Ein Journalist aus der MNC-Mediengruppe hatte einmal ein geheimes Gespräch zwischen seinem Vorgesetzten veröffentlicht, in dem diese eine strategische Zusammenarbeit zwischen der MNC-Mediengruppe und Perindo planen. Öffentlich leugnet Perindo dies.

Im Schatten der Wahlen 2019

Im kommenden Jahr werden in Indonesien Parlament und Präsident gewählt. Viele Akteure hoffen darauf, dass diese Wahlen die demokratischen Institutionen, die es in Indonesien gibt, weiter konsolidieren können. Probleme wie Armut, mangelnde Bildungsgerechtigkeit und Korruption stellen weiterhin große Schwierigkeiten für Indonesien dar. Zahlreiche Gouverneure und Regierungsoberhäupter auf Landkreisebene wurden bereits von der Antikorruptionsbehörde festgenommen weil sie ihre Macht missbrauchten um sich Vorteile im Wahlkampf zu verschaffen.

Außerdem sehen wir, dass viele Parlamentsmitglieder keinen sonderlich großen Arbeitseinsatz zeigen, jedoch die Privilegien genießen, die sie als Staatsbedienstete erhalten. Einige Parlamentsmitglieder wurden ebenfalls von der Antikorruptionsbehörde verhaftet weil sie Bestechungsgelder angenommen haben. Einige versuchten, genau aus diesem Grund die Kompetenzen der Antikorruptionsbehörde zu beschneiden.

Was machen die Medienmogule nun unter solchen Umständen? Zurzeit wird ein Thema heiß diskutiert, nämlich die Überarbeitung des Rundfunkgesetzes und die Ausarbeitung der Richtlinien für die Digitalisierung des Fernsehens in Indonesien. Es ist auch eine Debatte darüber entstanden, wer dafür zuständig ist, diese Regelungen zu treffen. Viele Medienmogule hoffe jedoch auf Sondergenehmigungen für ihre Konglomerate.

Einige Medienmogule haben auch andere Interessen im Zusammenhang mit der kommenden Wahl, vor allem Leute wie Surya Paloh mit seiner Partei NasDem oder Hary Tanoesoedibjo, dessen Partei Perindo das erste Mal an der Parlamentswahl teilnehmen wird. NasDem ist Teil der amtierenden Regierungskoalition. Sie unterstützt den jetzigen Präsidenten Joko Widodo in seiner Kandidatur 2019. Hary Tanoesoedibjo dagegen wartete ab, um dann opportunistisch für ihn die beste Wahl zu treffen. 2014 unterstützte er noch Prabowo Subianto, jetzt beginnt er damit, für Joko Widodo Wahlkampf zu machen.

Dies wird die Medieninhalte der verschiedenen Lager beeinflussen, da der Präsidentschaftskandidat als zentrale Figur in der Berichtserstattung präsent ist. Dies führt zu einseitigen oder zu übertriebenen Informationen, so dass die Medien die Bevölkerung keine ausgewogenen Informationen sowohl über positiven als auch die negativen Seiten der Kandidaten erhält. Wenn sich die Medienmogule erst einmal entschieden haben welche Seite sie unterstützen, ist es für sie ein Leichtes, ihre Angestellten anzuweisen, den Fokus der Berichterstattung auf „ihren Kandidaten“ zu legen. In diesem Sinne ist diese parteiische Medienindustrie undemokratisch. Am Ende wird es der Öffentlichkeit auch bei den Wahlen 2019 nicht möglich sein, ein umfassendes, tiefgründiges und ausgewogenes Bild der Kandidaten und Parteien zu erhalten.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Timo Duile

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Bio-Kokosblüten-Zucker aus Indonesien versüsst auch hierzulande vielen Menschen Getränke und Speisen.  Doch bei dessen Anbau, Vermarktung und Export zeigt sich, dass sich noch viel bewegen muss, wenn „Bio“ mehr sein soll als nur ein Fetisch von Verbraucher*innen.

Das Wort ‚Biobewegung‘ ist in aller Munde und viele Menschen sehen sich selbst als Teil davon. Das heißt, sie setzen sich – als Einzelpersonen oder Mitglied von Organisationen – für die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft durch ökologische Landwirtschaftspraktiken ein. Deutschland hat beim Aufbau dieser internationalen Bewegung sowohl als wohlhabender Importeur von Bioprodukten als auch als einflussreiches Mitglied der Gemeinschaft eine bedeutende Rolle gespielt. Viele deutsche Akteure teilen das Ziel der Bewegung, den ökologischen Landbau zu fördern und auszubauen und ihn von einer kleinen Nische zu einem breiteren, etablierteren Markt zu entwickeln, indem sie detaillierte Regelungen und effiziente, aber zugleich faire Zertifizierungs- und Kontrollsysteme etablieren. Die International Federation of Organic Agriculture Movements (IFOAM) mit Sitz in Bonn wurde 1980 gegründet, um die ersten internationalen Richtlinien für ökologischen Landbau festzulegen, und 1991 wurde die EU-Verordnung Ökologischer Landbau implementiert. Gegenwärtig sind mehr als 1000 Tochtergesellschaften in über 120 Ländern Mitglieder der IFOAM.

Angesichts dieser Erfolge erscheint das übergeordnete Ziel eines transparenten und nachhaltigen globalen Marktes für Bioprodukte heute realisierbarer. Immer mehr Länder weltweit akzeptieren und implementieren nationale und internationale Vorschriften und, was unter ‚bio‘ zu verstehen ist, wird zunehmend gesetzlich festgelegt. Eine Umfrage des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL) aus dem Jahr 2018 zeigt, dass in 87 Ländern nationale Bioverordnungen vorliegen [1].

Allerdings sind komplexe Vorschriften und Zertifizierungssysteme für den ökologischen Landbau und der wachsende internationale Markt für Bioprodukte nicht unproblematisch, insbesondere für Erzeuger*innen und Produktionsländer. In vielen Fällen haben lokale Landwirt*innen keinen Zugang zum Biomarkt, da sie Schwierigkeiten haben, internationale Vorschriften oder Anforderungen für die Zertifizierung zu erfüllen und die Beantragung der Biozertifizierung eine erhebliche finanzielle Belastung für sie darstellt. Darüber hinaus richten sich Bioprodukte häufig an reiche Importländer des Globalen Nordens, in denen sich die Biobranche teilweise entgegen den ursprünglichen Zielen, Transparenz sowie wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit, entwickelt.

Greenwashing als Perversion der Ziele der Bio-Bewegung

Das Hauptergebnis der aktuellen Verbraucherforschung GfK Consumer Index 2017 legt nahe, dass Bioprodukte in Deutschland bereits auf dem breiten Verbrauchermarkt angekommen sind. Man findet sie heute an vielen Orten: in kleinen Bioläden und Reformhäusern, aber auch in großen Bio-Supermarktketten. Darüber hinaus bieten die führenden Supermarktketten und Discounter eine Reihe von Bioprodukten an oder haben sogar eigene Biomarken eingeführt. Ein Bericht der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigt weiter, dass sich der Marktanteil von Biolebensmitteln in Deutschland in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat (von 2,6 auf 5,7 Prozent) und der Anteil der deutschen Haushalte mit „hohe[r] Affinität für gesunde, nachhaltige Ernährung“ mehr als 30 Prozent erreicht hat.

Diese Zahlen vermitteln jedoch ein unvollständiges Bild, was die Gesamtleistung hinsichtlich der Nachhaltigkeits- und Transparenzziele der Biobewegung betrifft. Problematisch an ‚Biomarken‘ in Deutschland ist, dass sie zur „fetishization of everything ‚bio’“ beitragen [2]. Sie schaffen also eine Marktnachfrage und sind inzwischen ein profitables Geschäftsfeld für Unternehmen, ohne dass diese jedoch ausreichende Informationen über die Produzent*innen zur Verfügung stellen. Viele Menschen in Deutschland kaufen Produkte, die als ‚bio‘ gekennzeichnet sind, ohne die Bedeutung und den Hintergrund dieses Konzepts zu kennen. Für ein umfassendes Verständnis der Biomärkte müssen finanzielle und ökonomische Strukturen, aber auch produktive und immaterielle Arbeit sowie Perspektiven und Lebenswelten von Hersteller*innen berücksichtigt werden. Nur wenn ethische, soziale und ökologische Verantwortung übernommen wird, kann das Ziel eines nachhaltigen globalen Marktes für Bioprodukte erreicht werden.

Im Gegensatz zu einem solchen Ideal stellen die jüngsten Fälle von Greenwashing eine Perversion der ursprünglichen Ziele und Bemühungen der Bio-Bewegung dar. Hier bieten Unternehmen unter eindeutig umweltschädlichen oder sozial ungerechten Rahmenbedingungen Produkte oder Dienstleistungen an (oder erwerben Rohstoffe), versuchen dabei aber, ein positives öffentliches Image als nachhaltig, umweltfreundlich und fair zu etablieren. Die Journalistin Kathrin Hartmann erläutert am Fall der Palmölproduktion in Indonesien ein Paradebeispiel solcher ‚grünen Lügen‘ und der negativen Auswirkungen des deutschen Biofetischs[3]. Palmöl wird als nachhaltiges und umweltfreundliches Produkt beworben, obwohl es in Wirklichkeit verheerende Auswirkungen auf die Biodiversität des Regenwaldes sowie Arbeits- und Lebensbedingungen der Lokalbevölkerung hat (siehe auch Artikel zum RSPO-Siegel in dieser Ausgabe der südostasien).

In den letzten Jahren wurde das öffentliche Bewusstsein für die grünen Lügen über nachhaltiges Palmöl aus Indonesien durch Medienberichte allmählich geschärft. Die Süddeutsche Zeitung berichtete unter dem Titel „Regenwald-Rodungen für den Supermarkt“ und der Spiegel über „Das schmutzige Geschäft der Palmöl-Produzenten“. Doch letztlich liegt die Hauptverantwortung bei den Importeur*innen und Verbraucher*innen vermeintlich biologischer Produkte. Verantwortungsbewusste Verbraucher*innen und Befürworter*innen der Biobewegung in Deutschland müssen über Biomarken und grüne Lügen hinausschauen und Mechanismen des Biomarktes und der Produzent*innen-Seite berücksichtigen.

Biolandwirtschaft in Indonesien

Deutschland und andere Länder des Globalen Nordens importieren eine Vielzahl von Bioprodukten aus Indonesien, wie zum Beispiel Bio-Reis, -Kaffee und -Kokosblütenzucker. Als Reaktion auf die schrittweise Ausweitung des Marktes für Bioprodukte im Laufe der 1990er Jahre formulierte die indonesische Regierung einen Nationalen Indonesischen Standard (SNI). Dieser definiert ökologischen Landbau als ein Produktionsmanagement-System, das die Gesundheit eines Agrarökosystems verbessert, den Einsatz von synthetischen Düngemitteln und Pestiziden vermeidet und standortspezifische Bewirtschaftungspraktiken nutzt, die an die jeweiligen lokalen Umweltbedingungen angepasst sind. Ziel des SNI ist es, den Qualitätsstandard von Bioprodukten zu sichern, um Verbraucher*innen und Produzent*innen zu schützen.

Die Hauptaufgaben des SNI besteht darin, ein Garantiesystem für die ökologische Wertschöpfungskette bereitzustellen, national und international anerkannte Zertifizierungen für Export- und Importzwecke zu entwickeln und auf lokaler und globaler Ebene zum Umweltschutz beizutragen. Die zunehmende staatliche Regulierung durch den SNI hat jedoch den Biolandbau in einen nationalen agroökonomischen Rahmen integriert, der auf einer produktivistischen Logik und neoliberalen Ideen der Marktexpansion basiert (siehe auch Interview: „Unser Garten ist ein Bildungsort“ in dieser Ausgabe). Die vom SNI geförderte rechtlich bindende Zertifizierung begrenzt den Marktzugang und zieht so (weitere) Produktionsbeschränkungen für die Produzent*innen nach sich, insbesondere für marginalisierte Kleinbauern und -bäuerinnen, die nicht über die Mittel verfügen, sich eine Zertifizierung zu leisten.

Zertifizierung als Privileg exportorientierter Großprojekte

Einige indonesische Hersteller*innen und Konsument*innen sehen die Biozertifizierung als Privilegierung großer, exportorientierter und hochprofitabler Projekte an und lehnen sie daher ab. Doch der ökologische Landbau in Indonesien kann auch als soziale Bewegung und als sozial-ökologisches Unterfangen verstanden werden, das vielfältige, aber häufig ineinander greifende Ziele anstrebt, wie beispielsweise gesunde Ernährung, nachhaltigen Lebensunterhalt, soziale Gerechtigkeit, Ernährungssicherheit und ökologische Integrität. Ökologischer Landbau meint nicht einfach nur eine Vielfalt landwirtschaftlicher Praktiken, die auf den Einsatz von petrochemischen Pestiziden und Düngemitteln sowie von gentechnisch verändertem Saatgut verzichten. Eine Zertifizierung nach bestimmten Standards, technischen Regeln und politischen Verfahren (als Folge der Institutionalisierung) ist daher kein geeignetes Mittel, um Nachhaltigkeit zu erreichen.

Anfang der 1990er Jahre wurde in Zentraljava der Welternährungstag der Vereinigung von Landwirt*innen und Fischer*innen (SPTNHPS), einer der ersten Pioniere des ökologischen Landbaus in Java, gegründet. Diese Organisation setzt sich für drei Prinzipien der nachhaltigen Landwirtschaft ein: ökologisch fundiert, ökonomisch machbar, kulturell angepasst. Während der ökologische Landbau als soziale Bewegung begann, die von einer Sorge um die Umwelt angetrieben wurde, hat er sich inzwischen zu einem stärker marktorientierten Sektor entwickelt:

„In der Anfangsphase haben wir uns vor allem darauf konzentriert, Landwirten beizubringen, wie sie ohne künstliche Pestizide und Düngemittel Nahrungsmittel anbauen können und wie sie für unsere Natur sorgen können“, sagt einer der Gründer von SPTNHPS. „Wir haben nicht an Marketing gedacht, aber inzwischen haben sich die Dinge geändert. Jetzt ist Marketing alles, vor allem seit die Regierung den SNI für ökologischen Landbau verabschiedet hat. Unsere Organisation ist inzwischen dabei, nach einem möglichen Marktzugang zu suchen.“

Selbst Landwirt*innen, die sich darauf konzentrieren, zertifizierte Bioprodukte als Premiumware zu verkaufen, stehen vor zahlreichen Herausforderungen, sobald sie in den globalen Markt eingebunden werden.

Biologischer Kokosblütenzuckeranbau in Zentraljava

Ein hagerer Mann mit einer geschliffenen Sichel an der Taille trägt zylindrische Behälter aus zurechtgeschnittenem Bambus. Diese Bambusbehältnisse, die zum Sammeln von Kokosblütennektar verwendet werden, sind an eine Stange gebunden, die auf seiner rechten Schulter liegt, und erzeugen ein „Tock, Tock, Tock“, wenn der Mann das unebene Gelände des Menoreh-Hügels westlich von Yogyakarta, Zentraljava, durchquert. Dieses Geräusch signalisiert vielen Kokosbäuer*innen oder – auf Indonesisch – ‚penderes‘ den Beginn und das Ende eines Tages. Kurz darauf dringt Rauch aus etlichen Häusern, weil die Frauen die gewohnten Klänge zum Zeichen nehmen, Feuerholz für den von ihren Männern gesammelten Kokosblütennektar zu entfachen. Gemeinsam sind sie die tragende Säule und die Bewahrer*innen der traditionellen Kokosblütenzucker-Herstellung, die auf menschlichen Einfallsreichtum und Anpassung an die Umwelt angewiesen ist.

Im Distrikt Kokap, Yogyakarta wurde Kokosblütenzucker schon immer mit einer klaren Arbeitsteilung produziert. Jeden Morgen und Nachmittag klettern die Männer mit bloßen Händen und nichts als einem kleinen Messer oder einer Sichel auf Kokospalmen, um die Kokosblüten zu schneiden. Dann wird der tropfende Nektar in Bambusbehältern oder ‚bumbung‘ gesammelt. Die Frauen kochen den Nektar anschließend einige Stunden lang in einem mit Holzfeuer betriebenen Herd, bis die Flüssigkeit die richtige Konsistenz erreicht und auf Kopras oder getrockneten Kokosnussschalen geformt werden kann. Die einzigen Zusätze sind Kokosmilch oder geriebene Kokosnuss, um ein Überlaufen der kochenden Flüssigkeit zu verhindern, und eine Mischung aus Kalkwasser und Mangostan-Pflanzensaft, der eine gelbliche Kruste auf der Schale der Frucht bildet. Alle Zutaten sind in der Region von Natur aus reichlich vorhanden.

„Ich weiß nicht, wer dieses Rezept erfunden hat, aber soweit ich weiß, hat sogar meine Großmutter schon auf diese Weise Kokosblütenzucker hergestellt“, sagt eine pensionierte Lehrerin und Kokosblütenzucker-Produzentin. „Es ist völlig natürlich und der geformte Kokosblütenzucker hat je nach Vorliebe der Hersteller*innen unterschiedliche Formen. Manche mögen sie klein, andere mögen sie groß. Es kommt natürlich auch auf die Kopras an.“

Seit gekörnter Bio-Kokosblütenzucker als Exportgut im Jahr 2008 erfunden wurde, ist das Einkommensniveau vieler Kokosnussbauern enorm angestiegen. „Wir haben biologischen Kokosblüten-Streuzucker für den Exportmarkt erfunden, um das Einkommen der Kokosnussbauern hier in Kokap zu steigern“, sagt ein Mitglied der Jatirogo Genossenschaft, der Pionierin dieses Produkts.

Heute hat sich der Export von Bio-Kokosblütenzucker zu einem profitablen Geschäftsfeld für die lokalen Bauern entwickelt. „In der Vergangenheit betrug der Preis für gekörnten Kokosblütenzucker 7000 Rupien (etwa 0,40 €) und für gewöhnlichen Kokosblütenzucker 3000 Rupien pro Kilo. Seitdem ist der Preis für Kokosblütenzucker auf bis zu 13.000 Rupien angestiegen, während der Preis für Granulat-Kokosblütenzucker 16.000 Rupien betrug“, so ein Kokosnussbauer. Diese Darstellung wird auch von anderen Menschen in der Region bestätigt, in der die Kokosblütenzucker-Produktion vielen ein stabiles Einkommen bietet, während es an anderen Erwerbsmöglichkeiten mangelt und Jugendarbeitslosigkeit weit verbreitet ist.

Exportorientierung bringt neue Probleme

Trotz dieses wirtschaftlichen Nutzens führte die Entwicklung von gekörntem Bio-Kokosblütenzucker, der speziell auf die Anforderungen des internationalen Marktes zugeschnitten ist, leider zu neuen Problemen. Zum einen ist die lange Wertschöpfungskette des Produktes internationalen Marktschwankungen unterworfen und schafft so Unsicherheiten für die Landwirte. Wenn die Nachfrage aussetzt, können die Bauern den Kokosblütenzucker, den sie täglich produzieren, nicht mehr verkaufen. Auf dem lokalen Markt ist die Nachfrage außerdem gering, da in Indonesien zwar für gewöhnlich Kokosblütenzucker konsumiert wird, nicht aber in Granulatform. In Zeiten geringer Nachfrage stapelt sich in den Ecken von Bauernhäusern der Streuzucker in durchsichtigen Kunststoffverpackungen. Im Gegensatz dazu kann „normaler“ Kokosblütenzucker regelmäßig auf dem lokalen Markt verkauft werden.

Zum anderen stellen die Kosten für Biozertifikate finanzielle Hürden für Landwirt*innen dar, die ihnen die wirtschaftlichen Vorteile des Biolandbaus vorenthalten. So liegen die Kosten für die Beantragung eines Biozertifikats für den europäischen Markt bei 200 Millionen Rupien (ca. 12.000 €) und weitere 70 Millionen müssen jährlich für die Rezertifizierung aufgebracht werden. Diese Zahlen liegen außerhalb der Reichweite vieler landloser Bäuer*innen, deren monatliche Ausgaben gemäß einer nationalen Statistik von 2015 in der Regel unter 5 Millionen Rupien (ca. 300 €) liegen.

Zudem erscheint die Aussicht Biolandwirt*in zu werden jungen Menschen angesichts der oben genannten Herausforderungen gerade in finanzieller Hinsicht noch immer nicht sonderlich ansprechend. In dieser Gegend findet die alternde Generation der Kokosnussbäuer*innen kaum noch Nachwuchs, der bereit ist, weiterhin Kokosblütennektar zu sammeln, da viele junge Leute auf der Suche nach prestigeträchtigeren Berufen lieber in benachbarte Städte abwandern.

Dieses gegenwärtige Beispiel von Bio-Kokosblütenzucker, der für den Exportmarkt produziert wird, zeigt die Herausforderungen auf, die sich Landwirt*innen stellen, wenn ihre Produkte für Verbraucher*innen in Tausenden von Kilometern Entfernung bestimmt sind.

Vom Biofetisch zur Nachhaltigkeit

Ausgehend von der globalen Biobewegung und ihrem Ziel, nachhaltige Landwirtschaft durch ökologische Landbaupraktiken zu fördern, haben wir gezeigt, dass sich die Biobranche teilweise entgegen diesem Ziel entwickelt hat. Am Beispiel Deutschlands und des deutschen ‚Biofetischs‘ wurde deutlich, dass Bioprodukte bereits den Mainstream-Verbrauchermarkt erreicht haben, ohne jedoch die Perspektiven und Lebenswelten der Produzent*innen angemessen zu berücksichtigen. Im Gegenteil, ‚grüne Lügen‘ über vermeintlich nachhaltige und umweltfreundliche Bioprodukte verschleiern miserable Arbeitsbedingungen und verheerende Umweltauswirkungen an den Produktionsstandorten.

Das Fallbeispiel der Produktion von Bio-Kokosblütenzucker in Indonesien zeigte eine weitere Perspektive auf, indem es die Hindernisse und Fallstricke veranschaulichte, mit denen Biobäuer*innen konfrontiert sind, vor allem wenn sie eine Beteiligung am globalen Biomarkt anstreben. Obwohl sich Bio-Kokosblütenzucker als profitables Exportgut bewährt hat, stellen internationale Marktschwankungen, finanzielle Hürden durch Biozertifikate sowie unsichere Zukunftsaussichten (insbesondere bezogen auf die jüngere Generation) seine Nachhaltigkeit in Frage.

Indonesien braucht als Exportland eine sektorübergreifende Integration zwischen Regierung und Produzent*innen, um die Entwicklung des ökologischen Landbaus zu unterstützen. In Importländern wie Deutschland müssen verantwortungsbewusste Verbraucher*innen versuchen, über Biomarken hinaus zu blicken und von Biolieferanten die Einhaltung ethischer Richtlinien zu fordern, die auch die Anliegen der Hersteller*innen berücksichtigen. Nur wenn sowohl die Erzeuger*innen- als auch die Verbraucher*innen-Seite diese Leitlinien in konkrete Maßnahmen umsetzen, können die Ziele der Transparenz sowie der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit erreicht werden.

Übersetzung aus dem Englischen von: Sophia Hornbacher-Schönleber.

[1] Willer, H und J. Lernoud (2018): „The World of Organic Agriculture Statistics and Emerging Trends 2018“. Research Institute of Organic Agriculture (FiBL), Frick, and IFOAM – Organics International, Bonn.

[2] Birch, K. und D. Tyfield (2012): „Theorizing the Bioeconomy: Biovalue, Biocapital, Bioeconomics or …What?“ In: Science, Technology, and Human Values 38(3): 299.

[3] Hartmann, K. (2018): „Die Grüne Lüge“. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. München: Karl Blessing Verlag.

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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Budi (30, oben im Bild) und Septi (25, unten im Bild) sind Bio-Gärtner in Cangkringan, im Norden von Yogyakarta am Fuß des Merapi-Vulkans. Mit ihrem fünfjährigen Sohn leben sie in einem Bambushäuschen am Rand ihres Gartens. Statt auf aufwendige und teure Zertifizierung setzen sie auf ein partizipatives Garantiesystem: Ihr Obst und Gemüse verkaufen sie auf dem Pasar Milas, einem alternativen Bio-Markt in Yogyakarta.

 

Wie kam es dazu, dass ihr Biogärtner wurdet?

Budi: Ich hab mich schon sehr lange für Bio-Anbau interessiert, sah aber lange kaum Möglichkeiten, vom Anbau von Bio-Gemüse leben zu können. Das änderte sich, als wir das Milas kennen lernten und feststellten, es gibt da eine Gemeinschaft von Menschen, die Wert auf gesunde Nahrung legt. 2010 begannen wir dann selbst mit dem biologischen Landbau. Ich hatte vorher schon Erfahrungen gesammelt, bei Familienmitgliedern und Freunden, die biologische Landwirtschaft betreiben.

Septi: Ich kam zum Gärtnern, als ich Budi kennen lernte. Mich erfüllt das Leben als Bio-Gärtnerin sehr, weil es ein sehr gesundes Leben für mich und meine Familie ist, aber auch etwas, das ich weiteren Menschen vermitteln kann.

Warum habt ihr euch für Bio-Anbau und nicht für den konventionellen Weg entschieden?

Budi: Ich wurde Bio-Gärtner, weil mich besorgt, dass Landwirtschaft heutzutage vor allem ein Geschäft ist, ein schnelles Geschäft, mit immer stärkerer Technisierung. Demgegenüber sehe ich das Betreiben eines Bio-Gartens als etwas sehr Gesundes an, etwas das mir und meiner Familie gut tut.

Septi: Das hat auch mit dem Wunsch zu tun, die Umwelt zu schützen. Warum sollten wir chemischen Dünger verwenden, der die Umwelt schädigt, wenn es organischen Dünger gibt, der die Umwelt nicht schädigt? Wir bekommen doch alles auf diese natürliche Weise, meine Familie kann sich gesund ernähren, wir können unser Wissen darüber mit anderen Menschen teilen und wir sorgen dafür, dass die Umwelt nicht verschmutzt wird. Das ist doch gut für unsere Zukunft. Leider gibt es aber bislang nur sehr wenige Menschen, die auf gesunde Weise Nahrungsmittel anbauen wollen.

Wie können wir uns einen typischen Tag in eurem Garten vorstellen?

Budi: Unser Garten ist etwa 800 Quadratmeter groß. Wir bauen nach der sogenannten tumpangsari-Tradition an, ganz ähnlich den Prinzipien der Permakultur. Unseren Dünger stellen wir selber her, aus Grasschnitt, Gemüseresten, Essensresten, die wir an einem speziellen Platz lagern, wo sie zu Komposterde werden. Außerdem stellen wir mittels Fermentationsprozessen in speziellen Behältern flüssigen Dünger her. Dafür verwenden wir Blätter, Grasschnitt und den Dung von Schafen, Kühen und von Hasen. All dies haben wir von alten, erfahrenen Bauern gelernt und von jüngeren Freunden, die Bio-Anbau betreiben.

Septi: Unsere Vorfahren wussten alles über Bio-Anbau. Für bestimmte Schädlinge mischten sie bestimmte Bekämpfungsmittel aus natürlichen Zutaten. Budi setzt diese Tradition fort, auch wenn diese Art von ‚Lösung‘ in einem modernen Labor vielleicht nicht als ‚beweisfähig’ gelten würde. Aber in der Praxis funktionieren die alten Rezepte.

Man könnte also sagen, Bio-Anbau ist schlicht eine Rückkehr zu den alten Traditionen?

Septi: Ja. Wenn man die Alten fragt, sagen sie, es gibt heutzutage so viele Schädlinge, weil so viel chemisch gedüngt wird. Wir sind aber nicht Bio-Gärtner geworden, weil wir gerne besonders traditionell sein wollten,sondern weil wir unsere Gesundheit erhalten und die Umwelt schützen wollten. Wir bauen vor allem Gemüse an, zum Beispiel Spinat, Tomaten, Gurken, Maniok, Moringa und Pandan. Aber auch verschiedene Wildkräuter, Gewürzpflanzen und Salatsorten, Basilikum und essbare Blüten wie Tagetes, Schmetterlingserbse und Rote Ingwerlilie, die übrigens hervorragend für Sambal-Saucen geeignet ist.

Wie können wir uns einen typischen Tag in eurem Garten vorstellen?

Septi: Normalerweise planen wir am Vorabend, was am nächsten Tag getan wird. Wir teilen unsere Zeit ein, setzen eine Art Tagesziel fest, das erreicht werden muss. Das kann dann so aussehen, dass morgens erstmal umgegraben und der Boden vorbereitet wird um Jungpflanzen auszusetzen, die dann bewässert und gedüngt werden und so weiter. Wir haben von morgens bis abends.zu tun mit Pflanzen, Pflegen und Ernten.

Zieht ihr eure Jungpflanzen aus eigenem Saatgut?

Septi: Einen Teil ziehen wir selbst aus unseren Pflanzen. Manches bekommen wir von Freund*innen, die ebenfalls Bio-Anbau betreiben. Einen Teil kaufen wir. Da es sehr schwer ist, Bio-Saatgut zu kaufen, müssen wir manchmal auch auf konventionelles Saatgut zurückgreifen, das wir dann aber ebenfalls biologisch anbauen.

Könnt ihr von den Erträgen eures Gartens leben?

Budi: Wir können sogar etwas ansparen. Einen Teil der Einnahmen investieren wir sofort wieder in unseren Garten. Einen Teil legen wir für Notfälle zurück. Der Rest fließt in Transportkosten und alle weiteren Lebenskosten. Ab und zu gönnen wir uns auch einen netten Ausflug. Es ist ja wichtig, das Leben zu genießen (lacht).
Septi: Momentan reicht es zum Leben. Und wenn es nicht mehr reicht, dann müssen wir uns etwas Neues einfallen lassen.

Wo und an wen verkauft ihr eure Ernte?

Septi: Es gibt ein paar Stammkund*innen, die oft zu unserem Garten kommen und direkt etwas einkaufen. Es gibt Besucher*innen, die spontan vorbei kommen und dann auch Gemüse mitnehmen. Das passiert sogar ziemlich oft. Viele Menschen kennen uns vom Milas-Markt, wo wir immer mittwochs und samstags Gemüse, Obst und Jungpflanzen verkaufen. Wir wollen vor allem lokale Pflanzen bekannt machen. Im Milas kaufen sowohl Einheimische als auch viele ausländische Besucher*innen ein.

Vermarktet ihr eure Erträge auch übers Internet?

Septi: Nein. Nicht weil wir das Internet per se ablehnen, es hat ja viel Fortschrittliches. Aber es ist eben etwas anderes, wenn man das Gemüse im Internet bestellt und dann geliefert bekommt. Wenn Besucher*innen direkt zu unserem Garten kommen, dann sehen sie, dass wir wirklich biologisch gärtnern, sie bekommen einen Eindruck, der wahrhaftig ist. Auch der Milas-Markt schafft einen Raum, wo man auf direkte Weise miteinander ins Gespräch kommt. Ein Gespräch von Mensch zu Mensch, das ist klar und direkt und das bereitet Freude. Und noch schöner ist es, wenn die Menschen uns dann in unserem Garten besuchen und sich selbst ein Bild machen wollen.

Bekommt ihr als Bio-Bäuer*innen und -Bauern Unterstützung von der Regierung?

Septi: Wir wollen keine Unterstützung von der Regierung. Es gibt so viele ‚Projekte‘ mit Regierungsunterstützung, deren Umsetzung überhaupt nicht gut läuft. Außerdem bräuchte es eine Gruppenstruktur, um von der Regierung unterstützt zu werden. Aber wir haben noch keine Gruppe gefunden, der wir vertrauen würden.

Budi: Die Regierungsprogramme helfen den Bäuer*innen nicht wirklich. Die Regierung führt zum Beispiel Programme für Bio-Anbau durch, aber sie setzten dafür Ertragsziele voraus, die mit Bio-Anbau nicht auf die Schnelle zu leisten sind, weil wirklicher Bio-Anbau Zeit braucht. Die Menschen, die in diesen Programmen mitarbeiten, wollen keine Verluste machen und versuchen, sich diesen Vorgaben zu beugen. Das geht aber auf Kosten der biologischen Landwirtschaft. Doch davon will die Regierung nichts hören. Es ist für die Bauern schwierig, das zu vermitteln. Zum einen haben sie alle Hände voll auf den Feldern zu tun. Zum anderen wissen sie zwar viel, sind aber nicht geschult darin, dieses Wissen weiter zu geben, vor allem wenn sie auf Regierungsvertreter*innen treffen.

Welche Herausforderungen gibt es seitens der Konsument*innen?

Budi: Viele von ihnen fragen, warum Bio-Gemüse so teuer ist, aber wenn man es ihnen erklärt, dann verstehen sie es auch. Es kommt vor, dass mich Kund*innen fragen, warum ein Bund Spinat bei mir 5000 Rupiah kostet und nicht 3000 Rupiah wie auf den anderen Märkten und sagen, das sei aber teuer. Dann erkläre ich ihnen, dass sie natürlich anderswo den Spinat für weniger Geld kaufen können, dass sie aber dann nicht wissen, wo er angebaut wurde, auf welche Weise und von wem. Und dass sie natürlich für sich entscheiden können, was ihnen wichtiger ist. Kommunikation mit den Kund*innen spielt eine wichtige Rolle.

Septi: Auf dem Milas-Markt bekommen die Kund*innen die Informationen direkt von den Erzeuger*innen. Das heißt, wir können ihnen alles erklären, vom Saatgut bis zur Ernte. Manche wollen am Anfang nicht verstehen, dass es einen großen Unterschied zwischen konventioneller Landwirtschaft und Bio-Anbau gibt, Aber spätestens wenn sie mal bei uns im Garten vorbei geschaut haben, verstehen sie den Unterschied.

Zu Anfang des Interviews hattet ihr gesagt, Bio-Anbau sei traditionell eigentlich der ‚normale‘ Weg des Anbaus gewesen. Warum wird diese Tradition eurer Meinung nach kaum noch gepflegt?

Septi: Da sind wir wieder bei dem Problem, dass schnell auf Masse produziert werden soll. Dabei wird nicht auf die langfristigen Umweltfolgen geachtet, sondern nur auf schnelle Erträge, die man sich unter anderem von chemischen Düngemitteln erhofft.

Budi: Natürlich sind wirtschaftliche Gründe wichtig. Aber was wir brauchen ist eine nachhaltige Wirtschaft. Für viele Menschen zählt nur das Geschäft, das schnelle Geld. Deswegen wird Bio-Anbau als zu zeitaufwendig abgelehnt. Dabei hängt doch alles mit allem zusammen. Wenn wir auf gesunde Weise für Nahrungsmittel sorgen, dann werden wir auch in weiteren Lebensbereichen nachhaltiger sein, zum Beispiel auch bezüglich Gesundheit und Bildung.

Was haltet ihr von Labels zur Zertifizierung von Bio-Produkten?

Budi: Ich glaube, Indonesien ist noch nicht so weit, dass das funktioniert. Unsere Umwelt ist so kaputt. Da müsste sich grundsätzlich etwas ändern. Die Richtlinien für den Bioanbau müssten verbessert und auch wirklich umgesetzt werden. Meiner Erfahrung nach ist das wie Schminke, die aufgelegt wird, es wird nur oberflächlich geschaut und dann zertifiziert. Was wir aber bräuchten sind tiefgreifende Diskussionen mit den Bäuer*innen und mit Anwohner*innen in ihrer Umgebung, um ein nachhaltiges Umweltbewusstsein zu entwickeln. Es sollte nicht nur um ein Label geben, das man seinem Produkt verpasst, ohne sich zu fragen, was man in einem größeren Rahmen gegen Umweltverschmutzung tun kann.

Septi: Bei der Zertifizierung sollte auch darauf geachtet werden, woher zum Beispiel das Wasser kommt, ob es sauber ist. Auch darauf, ob das was angebaut wird, für die Region, wo es angebaut wird, überhaupt sinnvoll ist. Da müsste viel mehr ins Detail gegangen werden. Ein weiteres Problem sind die hohen Kosten für die Zertifizierungen, Tausende von Euro. Das können Ein-Mann-Betriebe wie wir finanziell gar nicht stemmen.

Warum seid ihr nicht Teil einer Genossenschaft?

Septi: Wir suchen noch nach Mitstreiter*innen, denen wir wirklich vertrauen können. Wenn wir sie gefunden haben, würden wir sehr gerne eine Genossenschaft gründen, denn unsere Kapazitäten zu zweit sind begrenzt. Über eine Genossenschaft, wo es kollegial und ehrlich zugeht, wären wir sehr glücklich. Und dann könnten wir uns vielleicht sogar um Zertifizierungen bemühen. Aber wir sind auch erst vor einem Jahr an diesen Ort umgezogen. Wir haben noch viele Pläne. Einstweilen versuchen wir, mit dem, was wir haben und was wir tun, in unserer Gegend ein gutes Vorbild zu sein.

Gebt ihr euer Wissen in eurer Gegend auch über Schulen weiter und zeigt Kindern und Jugendlichen, wie man gesunde Nahrung anbauen kann?

Septi: In unserem alten Garten haben wir das gemacht, da kamen immer mal Schulklassen vorbei. Wir bereiten das hier auch gerade vor, wollen demnächst mit Broschüren zu einer nahe gelegenen Schule gehen. Vielleicht werden wir irgendwann auch eine Website anlegen, auf die alle Menschen zugreifen können. Denn wir glauben, dass unser Garten auch ein Bildungsort ist, wo man viel lernen kann: Über das Pflanzen, das Halten von Tieren, aber auch über unser familiäres Zusammenleben und über das Leben ganz allgemein.

Was sind eure Wünsche für die Zukunft?

Septi: Ich wünsche mir, dass viele Menschen unserem Beispiel folgen, dass sie sich vorstellen können, so zu leben wie wir. Ich möchte ein gutes Vorbild sein, in der Hoffnung, dass sich etwas ändern kann wenn wir viele sind. Dass wir wieder eine gesunde Umwelt bekommen, weil die Menschen verstehen warum das wichtig ist. Vielleicht schaffen wir es, hier eine Art Ökodorf aufzubauen. Von der Regierung wünsche ich mir, dass sie Kleinbäuer*innen wie uns wirklich zuhört. Und dass sie sich wirklich in den Gärten und auf den Feldern umschaut.
Budi: Bevor die Regierung Regelungen zum Thema Bio-Anbau erlässt, sollte sie sich wirklich eingehend damit beschäftigen, was das bedeutet. Dann wird es mit der Implementierung auch einfacher. Momentan habe ich das Gefühl, weder die, die die Gesetze machen, noch die, die sie implementieren sollen, verstehen wirklich etwas von der Materie. In der Praxis wirkt das wie ein Bumerang.

Was wünscht ihr euch von den Konsument*innen?

Budi: Ich wünsche mir ein ganzheitliches Interesse, nicht nur ein ‚Ich lebe bio, ich esse bio‘, weil es schick ist. Dabei wissen sie oft nicht einmal, ob wirklich `bio` drin ist, wo ´bio` drauf steht. Sie wollen zum Beispiel `bio` und kaufen lieber im Supermarkt ein, als auf dem Markt. Dabei würden sie auf den traditionellen Märkten und vor allem auf alternativen Märkten mehr Bio-Produkte finden und direkt mit den Erzeuger*innen ins Gespräch kommen.

Septi: Ich wünsche mir von unseren Kund*innen, dass sie verstehen, dass wir nicht alle Wünsche erfüllen können. Die Natur folgt ihren eigenen Gesetzen und wir folgen der Natur, in diesem Monat gibt sie uns diese Früchte, zu einer anderen Zeit andere. Ein System, in dem Bauern gezwungen werden, wider die Natur zu handeln, um jeden Konsument*innenwunsch zu erfüllen, ist ein falsches System.

Das könnten wir fast schon als Schlusswort stehen lassen…

Septi: Eins noch: Ich wünsche mir, dass ´bio´ mehr ist als nur ein Trend. Denn es ist eine Lebenshaltung. Wer ´bio´ einkauft, sollte zum Beispiel die Finger lassen von Einwegplastik. Hier in Indonesien ist so viel von Plastikmüll verschmutzt. Die Menschen über die Folgen zu informieren ist schwierig. Wenn ich auf dem Markt einkaufe, gehe ich da immer mit meinen eigenen Einkaufstaschen und Lebensmittelbehältern hin. Anfangs war das mühsam, ich konnte 100-mal sagen: `Ich will keine Plastiktüte` ich bekam trotzdem alles in die obligatorischen Einwegplastiktüten gepackt. Aber wenn ich mit den Marktfrauen rede und ihnen erkläre, dass ich Müll vermeiden will, verstehen sie es. Und dann sage ich: „Wenn es zehn Menschen gäbe wie mich oder 100, dann wären zehn oder 100 weniger von diesen Tüten in der Welt.“ Es macht mich wirklich traurig, den Zustand unserer Umwelt zu sehen. Aber wer soll etwas verändern, wenn nicht wir, die junge Generation?

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Vor noch wenigen Jahren war Palmöl in Deutschland ein eher unbekanntes Produkt. Inzwischen gibt es nur noch wenige Menschen, die es nicht in der einen oder anderen Form konsumieren. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein darüber, wie viel Palmöl in Deutschland konsumiert wird und welche ökologischen und sozioökonomischen Konsequenzen der Anbau von Ölpalmen mit sich bringt.
 
Die Ölpalme (Elaeis guineensis) ist eine beeindruckende Pflanze. Ursprünglich kommt die Palme aus Westafrika, wird aber zunehmend in tropischen Gebieten weltweit angebaut. Die Ölpalme wird bis zu 30 Meter hoch und produziert Fruchtstände die bis zu 50 Kilogramm schwer sind. Aus diesen Früchten wird Palmöl gewonnen. Palmöl ist das Pflanzenöl mit dem höchsten Ertrag pro Fläche. Es ist geschmacksneutral und stabil gegenüber Hitze und Oxidation. Diese stofflichen Eigenschaften ermöglichen eine vielseitige Verwendung in der Lebensmittelproduktion. Auch in der Kosmetikindustrie wird Palmöl massiv eingesetzt. In Deutschland macht den größten Anteil mittlerweile die Verwendung von Palmöl als Biokraftstoff aus. Auch bei der Strom- und Wärmeerzeugung kommt Palmöl in Deutschland zum Einsatz. Den größten Teil des weltweit verwendeten Palmöls stellen heute Indonesien und Malaysia her, mit einem Gesamtmarktanteil von 85%.

Dass mittlerweile mindestens 41% des in Deutschland konsumierten Palmöls in Biokraftstoffe fließen, ist einer Nachhaltigkeitsidee zu ‚verdanken‘. Die Karriere von Palmöl als Energieträger begann 1997 in der EU. Damals wurde im Kyoto-Protokoll unter anderem das Ziel verabschiedet, bis 2020 die C02-Emissionen der EU um acht Prozent zu senken. Um diese Ziele praktisch umzusetzen, wurde seit 2000 in der EU, und besonders ambitioniert in Deutschland, die Nutzung von Biokraftstoffen als Alternative vor allem zu konventionellem Diesel diskutiert. Dieser Diskussion folgten Taten.

Die weltweite Anbaufläche hat kaum vorstellbare Ausmaße angenommen: 2017 betrug diese mehr als 21 Millionen Hektar. Was als Nachhaltigkeitsidee begann, verursacht heute hitzige Debatten. Der Palmölindustrie wird Biodiversitätsverlust, Bodendegradation, die Freisetzung von Treibhausgasen, Entwaldung, Landraub, Menschenrechtsverletzungen, Kriminalisierung von Kleinbauern sowie Kinderarbeit vorgeworfen. Das Vordringen dieser Vorwürfe zu den Endverbraucher*innen sorgte dafür, dass Druck auf die Industrie ausgeübt wird und Wege gesucht werden, Palmöl nachhaltiger zu produzieren. Und fairer. Aber was bedeutet das eigentlich?

RSPO – nachhaltig, bio, fair?

Unter nachhaltiger Landwirtschaft versteht man eine wirtschaftliche Arbeitsweise unter Berücksichtigung von ökologischen und sozialen Aspekten, eine Balance der drei Nachhaltigkeitssäulen (Ökonomie, Ökologie und Soziales). Betrachtet Mensch die Informationen der Europäischen Union (EU) zu Produkten die mit dem EU-Bio-Siegel versehen sind, so verspricht dieses ein ökologisch erzeugtes Lebensmittel und schließt somit nur eine der drei Säulen mit ein. In deutschen Supermärkten finden wir aber in Bezug auf Palmöl nicht nur das EU-Bio-Siegel sondern häufig auch das Zertifikat RSPO = Roundtable for Sustainable Palm Oil (Runder Tisch für Nachhaltiges Palmöl). RSPO wurde 2004 vom World Wide Fund for Nature (WWF) zusammen mit palmölproduzierenden Unternehmen gegründet. RSPO sei kein Öko-Label, so der WWF auf seiner Website sondern „signalisiert, dass auf den Plantagen freiwillig mehr für Naturschutz und Menschenrechte getan wird, als gesetzlich vorgeschrieben“. Also ein bisschen fairer als ‚bloß bio‘ und damit ein wenig nachhaltiger, oder?

Der RSPO verspricht:

„Keine Rodung von Primärwäldern und ökologisch wertvollen Waldflächen für Plantagen, Schutz gefährdeter Tier- und Pflanzenartenarten auf der Plantage, Schutz von Wasser, Boden und Luft (das bedeutet unter anderem: kein Abbrennen von Wald), Einhaltung gesetzlicher Regelungen, darunter Landnutzungs- und Eigentumsrechte, Keine Kinderarbeit, dafür Bildungsangebote für die auf der Plantage lebenden Kinder, Einbindung und Förderung von Kleinbauern sowie Kontrolle der Plantagen durch unabhängige, autorisierte Prüfer“.

Alle drei Nachhaltigkeitssäulen bedient, so scheint es. Leider scheint die Realität eine andere zu sein.

Undurchsichtige Handelswege

Die Kritik am RPSO beginnt bereits mit verschiedenen Handelswegen über welches RSPO zertifiziertes Palmöl bezogen wird. Hier gibt es für Produzenten drei verschiedene Möglichkeiten, ihre Ware auf den Markt zu bringen: Getrennte Handelswege (Segregation bzw. Identity Preserved), Massenbilanzierung (Mass Balance) und Zertifikathandel (Book & Claim System). Den anspruchsvollsten Ansatz bieten die getrennten Handelswege.

Konventionelles und RSPO zertifiziertes Palmöl müssen nach diesem System von der Plantage bis zum Endprodukt in allen Produktionsschritten und von Händlern physisch getrennt gehandelt und verarbeitet werden. Ist bis zum Endprodukt noch erkenntlich, von welcher Plantage die verarbeiteten Palmölfrüchte kommen, spricht man von Identity Preserved (und somit von einem getrennten Handelsweg).

Unter dem Handelsweg Massenbilanzierung (Mass Balance) ist eine Mischung von zertifiziertem und nicht zertifiziertem Palmöl möglich. Dabei wird kontrolliert, wie groß der Anteil zertifizierter Ware ist. Gleichzeitig wird sichergestellt, dass nur so viel vom Endprodukt als zertifiziert ausgezeichnet wird, wie vor der Durchmischung als zertifiziert eingebracht wurde. Das Palmöl, das über den Handelsweg der Massenbilanzierung auf den Markt kommt, wurde also aufgrund der Durchmischung  nur anteilig nach den Richtlinien des RSPO angebaut.

Eine dritte Möglichkeit bietet der Zertifikathandel (Book & Claim – System). Über eine Handelsplattform bieten Palmölproduzenten pro Tonne zertifiziertem Palmöl ein Zertifikat an. Dieses Palmöl geht zusammen mit nicht zertifiziertem Palmöl in die weitere Verarbeitung ein. Verarbeitende und produzierende Unternehmen palmölhaltiger Produkte, die nicht zertifiziertes Palmöl gekauft haben, können hier so viele Zertifikate erwerben, wie sie benötigen.

So wird garantiert, dass für das im Endprodukt verwendete Palmöl eine entsprechende Menge zertifiziertes Palmöl produziert wurde. Demnach funktioniert das System mit einer völligen physischen Trennung von Zertifikat und nach RSPO Richtlinien angebautem Palmöl. Unternehmen, die  lediglich Zertifikate über den RSPO für ihre Palmölprodukte erworben haben, dürfen diese mit dem GreenPalm-Siegelauszeichnen.

Eine transparente Lieferkette würde bedeuten, dass die Unternehmen eine Liste mit all ihren Zulieferern veröffentlichen. Denn nur so könnte sichergestellt werden, dass tatsächlich keine Unternehmen in der Lieferkette beteiligt sind, welche unter Verdacht stehen, gegen die RSPO – Richtlinien zu verstoßen. Leider sind solche Vorfälle keine Seltenheit. So bezogen Palmöllieferanten, die auch RSPO – zertifizierte Unternehmen beliefern, Früchte aus Plantagen, die nachweislich illegal in einem Nationalpark angelegt wurde[1]. Durch eine transparente Lieferkette würde der Druck auf Zulieferer steigen, die vom RSPO auferlegten Kriterien einzuhalten.

Wie anhaltende Kritik zeigt, belegt eine Mitgliedschaft im RSPO allein keine verantwortungsvolle Palmölproduktion gegenüber Mensch und Natur. Die vereinbarten Kriterien weisen Mängel auf und die Durchführung und Kontrolle selbst dieser werden nicht gewährleistet.

Grünes Feigenblatt für Produzenten

Schon 2008, dem ersten Jahr in dem RSPO-zertifiziertes Palmöl auf den Markt kam, haben 256 Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen aus aller Welt RSPO als Etikettenschwindel abgelehnt. Konsens unter zahlreichen Umweltorganisationen weltweit ist, dass der RSPO in seiner gegenwärtigen Form vielen Palmölkonzernen als grüner Deckmantel dient, während diese weiterhin Regenwälder und Torfböden zerstören und auf geraubtem Land ihre Monokulturen betreiben. Die Urbarmachung von Torfböden für den Palmölanbau ist durch das RSPO Zertifikat nicht ausdrücklich untersagt.

Eine Studie der Queensland Universität in Australien schlussfolgert aus ihren Daten, dass RSPO-Zertifizierung in manchen Fällen gar Entwaldung vorantreibt. Der RSPO verbietet Zertifikate für Plantagen die auf Land stehen, welches nach 2005 entwaldet wurde. Dies führte dazu, dass weite Flächen vor diesem Stichdatum gefällt wurden, während auf vergleichbaren nicht-zertifizierten Flächen in der Untersuchungsregion noch Baumbestände zwischen den Plantagen vorhanden sind.

Ölpalmen werden mit Hilfe von Kunstdünger und Pestiziden angebaut und sind deswegen nicht gleichzusetzen mit Produkten aus Ökolandbau. Auch Kriterien, die die Einhaltung von Arbeitsrechten garantieren sollen, werden auf den Plantagen kaum umgesetzt. So berichtet eine Gewerkschaft aus Zentral-Kalimantan, dass ihre Mitglieder von Militär und Polizei eingeschüchtert und Streiks gewaltsam aufgelöst werden, obwohl das Unternehmen seit Jahren durch den RSPO zertifiziert wird.

Frauen arbeiten oft ohne geeignete Schutzkleidung mit dem in Europa verbotenen Herbizid Paraquat und klagen über Hautreizungen und Atemwegsbeschwerden. Unabhängige oder selbstständige Kleinbauern und -bäuerinnen erhalten für nach RSPO Standards produzierten Palmöl keine höheren Preise gegenüber konventionell erzeugtem Palmöl. RSPO-Palmöl bleibt somit konventionell und nicht nachhaltig produziertes Öl.

Die Etablierung neuer Plantagen durch RSPO-Konzerne ist auch weiterhin mit der Verdrängung und Enteignung ansässiger Bauernfamilien verbunden. Das Beschwerdesystem des Runden Tisches ist bis jetzt nicht in der Lage diese Konflikte angemessen zu lösen und die Rechte der lokalen Bevölkerung durchzusetzen. Auch die Kontrolle der Standards durch Auditor*innen ist ineffektiv, weil diese angemeldet auf den Plantagen vorbeikommen. Sie prüfen in erste Linie die Dokumente des Managements und sprechen nur selten mit den Arbeiter*innen oder den Familien in den umliegenden Dörfern.

Nischenprodukt Bio-Palmöl

In Südostasien wird noch kein Bio-Palmöl angebaut, also keines, dass nach den Anforderungen der EU-Öko-Verordnung (Verordnung (EG) Nr. 834/2007) für den ökologischen Landbau produziert wird. Bio-Palmöl ist mit einem weltweiten Marktanteil von unter 1 % noch ein echtes Nischenprodukt. Doch der anhaltende Bio-Boom im Lebensmittelsektor bringt eine steigende Nachfrage mit sich. Ein klarer Vorteil von Biopalmöl ist, das durch den Verzicht von künstlichem Dünger und chemischen Pflanzenschutzmitteln einige der negativen ökologischen Konsequenzen, die durch das direkte Plantagenmanagement entstehen, eingeschränkt werden (z.B. Bodendegradation, Freisetzung von Treibhausgasen, Wasserverschmutzung).

Auch die gesundheitlichen Risiken für die Plantagenarbeiter*innen und lokale Bevölkerung werden so verringert. Was die dem Ölpalmenanbau vorhergegangenen Landnutzungsänderungen angeht, sind die Bestimmungen der EU-Öko-Verordnung jedoch lückenhaft, so ist die Rodung von Regenwald nicht ausdrücklich untersagt. Ein Umsteigen von konventionellem auf ökologischen Anbau von Ölpalmen sowie ihr Anbau in Mischkulturen könnte jedoch, besonders in Verbindung mit einer zusätzlichen Fairhandels-Zertifizierung eine echte Chance für die Kleinbauern und -bäuerinnen in Indonesien darstellen.

Projekte in Südamerika und Westafrika durch die Unternehmen Serendipalm und Natural Habitats zeigen, dass es durchaus Geschäftsmodelle gibt, bei denen die Kleinbauern und –bäuerinnen profitieren und negative sozioökonomische Konsequenzen minimiert werden.

Lasche Siegel beruhigen vor allem das Gewissen von Verbraucher*innen

Weltweit sind ca. 20 % des gehandelten Palmöls RSPO zertifiziert, auch der Anteil aus kontrolliert biologischem Anbau ist schwindend gering. Ein grundlegendes Problem vieler Zertifizierungssysteme für nachhaltiges Palmöl ist, dass diese auf freiwilligen Selbstverpflichtungen ihrer Mitglieder beruhen und es keine gesetzlichen Verpflichtungen gibt. Das heißt im Klartext, dass ein Nichteinhalten der Richtlinien keine weit reichenden Konsequenzen zur Folge hat, es drohen keine Sanktionen.

Die Produktionsweise von Palmöl kann nur dann einen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit darstellen, wenn die massive Expansion von Ölpalmplantagen gestoppt wird; die lokale Bevölkerung in Entscheidungsprozesse einbezogen wird; die Zertifizierung nicht ausschließlich in der Hand von nichtstaatlichen Zusammenschlüssen liegt, deren Mehrheit aus Großkonzernen besteht; die Standards und Kriterien für die nachhaltige Produktion verschärft werden; es strikte Kontrollen von unabhängigen, dem RSPO nicht nahe stehenden Organen gibt und ein Nichteinhalten von Richtlinien ernst zu nehmende Konsequenzen hat.

Solange der RSPO mehrfach aufgedeckten Lücken nicht zu schließen beriet ist und sich die gegenwärtige Situation nicht ändert, bleibt das Nachhaltigkeitssiegel RSPO eine Farce und eine Gewissensberuhigung für Konsument*innen im Globalen Norden. Die zu Unrecht nachhaltig gelabelten Produkte erzielen im globalen Norden höhere Preise als nicht zertifizierte Ware. Dieser Preisaufschlag wird jedoch nicht auf die Produzent*innen umgelegt. Für die Produzent*innen im globalen Süden bedeutet dies keine Preissteigerung ihrer Produkte. Vielmehr leiden Teile der Produzent*innen unter anhaltender Ausbeutung, Menschenrechtsverletzungen und dem Verlust ihrer Lebensgrundlagen durch eingeschränkten Zugang zu Land sowie einem Qualitätsverlust des Landes.

In der Verantwortung Änderungen herbeizuführen stehen die EU und ihre Mitgliedsstaaten, die Regierungen der produzierenden Länder, die Palmölindustrie, die verarbeitende Industrie in den importierenden Ländern und die Lebensmittelgroßkonzerne als auch die Endverbraucher*innen. Sie sind mitverantwortlich für die derzeitige Situation in den Anbaugebieten und profitieren von der vorherrschenden Situation. Wir als Zivilgesellschaft und Endverbraucher*innen müssen den Druck auf Industrie und Regierungen erhöhen, unser eigenes Konsumverhalten hinterfragen und gemeinsam Lösungen finden.

[1] Katrin Hartmann: „Aus kontrolliertem Raubbau“, Karl Blessing Verlag, 2015, S. 61 – 65

Zum Weiterlesen:

  • Hartmann, Kathrin: Aus kontrolliertem Raubbau: Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren, Karl Blessing Verlag, 2015
  • Kunz, Yvonne und Puder Janina, 2018, Unliebsame Karriere einer Palme, Iz3w, Bioökonomie-Kapital am gedeihen, (368) Sep/Okt 2018, S. 17-19, ISSN 1614-0095

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
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Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Interview mit dem indonesischen Regisseur Dandhy Dwi Laksono über seinen neuen Film „Asimetris“, in dem es um Profiteure und die Folgen des Palmölanbaus in Indonesien geht. Der Film zeigt Waldbrände, die Lebensrealität von Kleinbäuer*innen und schließlich die Produkte, in denen Palmöl steckt. Asimetris nennt auch die Namen derer, die vom Palmölbusiness profitieren und zeigt die Verbindung zwischen Unternehmen, Banken und der Politik auf.

In deinem neuen Dokumentarfilm „Asimetris“ übst Du heftige Kritik an der Palmölproduktion. Jeder von uns nutzt Palmöl, als Brennstoff, in Fertiggerichten, Schokocremes, Waschmitteln und Kosmetika. Warum sollten wir den Umgang mit Palmöl überdenken?

Weil wir alles, was wir konsumieren, als selbstverständlich nehmen. Wir denken kaum über die Auswirkungen auf die Natur oder auf die Menschen an den Produktionsorten nach. Die globalisierte kapitalistische Produktionsweise beruht darauf, dass Waren weit weg von ihren Verbraucher*innen hergestellt werden, so dass sie von der Wurzel der Probleme nichts mitbekommen.

Wie viele Menschen in Europa wissen, wie eine Ölpalme aussieht? Sie bekommen sie ja nie mit eigenen Augen zu sehen. Das ist anders als beim Raps oder bei der Sonnenblume, die ihr vor der eigenen Haustür habt. Das Ziel meines Films ist, zu zeigen, was da passiert, wo das Palmöl herkommt und eine Verständigung zu erreichen zwischen der Welt der Verbraucher und der Menschen, die es herstellen. Und dass unsere Produkte des täglichen Bedarfs eben keine Selbstverständlichkeit sind.

Indonesien ist der größte Palmölproduzent der Welt, die Exportmenge von Palmöl hat sich in den letzten zehn Jahren beinahe verdoppelt. Im Palmölgeschäft sind große Wirtschaftkonglomerate mit besten Verbindungen in die Politik aktiv. Wie waren die Reaktionen in Indonesien auf deinen Film?

Wir messen den Einfluss unserer Filme daran, wie viele Menschen sich für ihre Verbreitung einsetzen, indem sie öffentliche Vorführungen organisieren. Watchdoc, unsere Filmproduktionsfirma, hat noch nie selbst eine Vorführung organisiert. Unsere Dokumentationen laden wir auf unseren Youtube-Kanal hoch und geben bekannt, dass sie für öffentliche Vorführungen genutzt werden können. Bei „Asimetris“ war die Nachfrage enorm hoch. Seit wir den Film Ende April hochgeladen haben hat es über 300 öffentliche Vorführungen in Indonesien und weiteren Ländern gegeben. Das gab es in dieser kurzen Zeit noch nie bei unseren anderen Filmen. Diese Vorführungen fanden in Indonesien häufig da statt, wo Menschen selbst von den Folgen der Palmölproduktion betroffen sind. Aber auch an anderen Orten, wo Menschen wegen anderweitiger Ressourcenausbeutung leiden, zum Beispiel wegen Kohleabbau. Es wurde also auch in Gegenden, wo gar keine Ölpalmen wachsen, das Beispiel Palmöl genutzt, um zu zeigen, welche Konflikte durch die Ausbeutung von Naturressourcen entstehen. Die Nachfrage war wirklich überwältigend. In Kalimantan gab es sogar eine Vorführung, die Menschen in einer riesigen Shopping Mall veranstaltet haben. All diese Veranstaltungen haben Menschen aus eigenem Antrieb organisiert, sie bekamen kein Geld dafür, sie schrieben nicht vorher Projektanträge. Sie haben es einfach gemacht, haben in ihren Dörfern ein Tuch zwischen zwei Bambusstangen gehangen und den Film gezeigt. Dass der Film nun auch international Interesse findet, freut uns zusätzlich.

Ihr kritisiert im Film deutlich die Umwelt- und menschenfeindlichen Bedingungen in der Palmölindustrie und die Politik, die die Produktion pusht. Ihr nennt Namen, zeigt Verbindungen auf, auch zu internationalen Banken. Gab es von diesen Akteuren Reaktionen?

Das ist interessant. Asimetris ist der 10. Film, den wir in einer Serie gemacht haben, in der es um Landkonflikte in verschiedenen Regionen Indonesiens geht. Bei früheren Filmen, z.B. Samin vs. Semen, The Mahuzes und Kala Benoa gab es sofort harsche Reaktionen, sie wurden in sozialen Medien verunglimpft, als tendenziös hingestellt. Die Folge war, dass noch mehr Menschen neugierig auf unsere Filme wurden. Bei diesem Film gab es diese Art Kritik bislang nicht. Vielleicht möchten uns die im Film Kritisierten keine zusätzliche publicity verschaffen. Vielleicht wissen sie auch nicht, wo sie ansetzen sollten. Denn der Film lebt sehr stark von Aufnahmen der Betroffenen und von Ausschnitten, die zum Beispiel aus Nachrichtensendungen stammen. In einer Szene fordert Präsident Joko Widodo zum Beispiel von Palmöl-Kleinbauern, sie sollten die gleichen Erträge bringen, wie die großen Plantagen das können – in meinen Augen ein fataler Fehler. Das sind Aufnahmen, die existieren und die einen starken Eindruck machen und wo wir immer die beteiligten Quellen nennen. Es ist das, was da ist, nicht meine oder unsere Interpretation.

Palmöl ist ein Politikum. Als die EU bekanntgab, aus der Beimischung von Palmöl zu Biodiesel auszusteigen zu wollen, reagierte Indonesiens Regierung heftig. Wie ist der aktuelle Stand in diesem „Handelskrieg“?

Die Gemüter haben sich abgekühlt, nachdem die EU den Zeitrahmen von 2020 auf 2030 verschoben hat. Zuvor hatte die indonesische Regierung intensive Lobbyarbeit geleistet. EU-Vertreter wurden nach Indonesien eingeladen, zahlreiche Diskussionsrunden wurden veranstaltet. In Indonesien schloss die Palmölindustrie sogar ein Memorandum of Understanding mit dem Journalistenverband PWI ab, wo sich verpflichtet wurde, keine „Lügen“ mehr über Palmöl zu verbreiten. Oft werden von Seiten der Befürworter Kritiker von Palmöl dargestellt als Menschen, die gegen Indonesiens ‚nationales Interesse’ handeln, z.B. als Lobbyvertreter von europäischen Produkten wie Sonnenblumen- oder Rapsöl. In Indonesien wird von interessierter Seite die Geschichte gepflegt, dass die Europäer uns beim Palmöl zu ihrem eigenen Vorteil eins auswischen wollen.

Unser Film versucht, das Thema aus diesem nationalistischen Kontext heraus zu nehmen und zu zeigen, dass es damit nichts zu tun hat. Sondern dass es im Palmölgeschäft um Interessen globaler Konzerne mit einer transnationalen Eigentümerschaft geht, die von Banken aus diversen Ländern gefördert werden. Es geht nicht um einen „Handelskrieg“ zwischen verschiedenen Ländern oder verschiedenen Pflanzenöl-Sorten. Diese Handelskrieggeschichten sind Märchen für die Bevölkerung, um sie davon abzulenken, dass es eigentlich um globalen Kapitalismus geht.

Du hast den so genannten Handelskrieg als Märchen bezeichnet. Ist das gerade von Indonesien verkündete Moratorium, nach dem keine weiteren Wald-Flächen für den Anbau von Ölpalmen gerodet werden dürfen, auch Teil dieses Märchens?

Das Moratorium geht am Kern des Problems vorbei. Es währt nur drei Jahre. Erstens: Wenn der Grund für das Moratorium ist, dass die Wälder sich erholen sollen, dann reichen drei Jahre nicht. Nicht mal für eine Monokultur wie die Ölpalme reichen drei Jahre, bis sie Früchte trägt. Erst recht nicht für komplexe Ökosysteme, die für Biodiversität sorgen würden. Zweitens: Von den 16 Millionen Hektar, die in Indonesien für den Palmölanbau jetzt schon zur Verfügung stehen, sind vier Millionen bereits gerodete Flächen noch nicht bepflanzt. Da braucht es also aktuell keine Expansion. Es klingt natürlich toll, wenn man ein Moratorium verkündet. Aber eigentlich ist es ein weiteres Greenwashing der Regierung, die die Ausweitung vom Ölpalmenanbau in den letzten Jahren stark vorangetrieben hat. Das Moratorium hat zudem den unternehmerfreundlichen Aspekt, dass es die Ölpalmen-Oligarchen vor neuen Konkurrenten schützt. Drittens: ist es auch eine Atempause in unsicheren Zeiten, was die Abnahme von Palmöl aus der EU betrifft. Indonesien schützt sich vor einem Preisverfall. Denn China und Indien haben ebenfalls einen großen Energiehunger und nehmen Indonesien gerne Palmöl ab, das sich nicht in die EU verkaufen lässt, aber zu einem niedrigeren Preis. Die indonesische Regierung hat schon Maßnahmen ergriffen, die Nachfragedrosselung auszugleichen: Seit September ist die Beimischquote von Biodiesel in Indonesien von zehn auf 20 Prozent erhöht worden. Es gab also drei Schritte: Die EU zu einer Verlängerung des Ausstiegsdatums zu bewegen, alternative Märkte wie Indien und China bedienen und die Nachfrage im eigenen Land erhöhen.

Die großen Palmölproduzenten in Indonesien haben sich im Round Table for Sustainable Palmoil (RSPO) zusammen geschlossen. Dessen Kriterien und die Unverbindlichkeit bei ihrer Umsetzung hat dem RSPO viel Kritik als „Greenwashing“ eingebracht. Was hältst Du von RSPO, hat es zum Schutz der Umwelt und auch für mehr Rechte der im Palmölsektor Beschäftigten beigetragen?

Auch die Zertifizierung a la RSPO geht am Kern des Problems vorbei. Alles, was in Monokulturen für einen Massenmarkt hergestellt wird, zerstört die Umwelt. Aber wenn es nur um den Anbau von Palmöl für Lebensmittel ginge, dann machte eine Zertifizierung vielleicht Sinn. Weil es ein Limit im Verbrauch gibt. Egal wie viel Essen wir in Palmöl braten, irgendwann sind wir satt. Aber wenn man Waldflächen konvertiert, um Palmöl für Biodiesel herzustellen, gibt es praktisch kein Limit. Wir können immer weiter verreisen mit Biosprit im Tank. Nachhaltigkeit klingt also sehr absurd, wenn gleichzeitig der Verbrauch immer weiter in die Höhe getrieben wird. Was da gefördert ist, ist ein verschwenderischer Lebensstil, der keine Grenzen kennt. Und was da alternative Energie genannt wird, um fossile Brennstoffe zu ersetzen, beschwört eine neue Katastrophe herauf. Dazu kommt, dass die Standards, die zertifiziertes Palmöl haben sollte, nicht eingehalten werden. Es gibt Korruption. Es gibt weiterhin Kinderarbeit. In den Mühlen werden Ölfrüchte aus zertifizierten Plantagen und nicht-zertifizierten einfach gemischt.

In Deutschland sind große Unternehmen wie Rewe, Kaufland, Edeka, ThyssenKrupp, Unilever, Henkel und weitere im Forum für Nachhaltiges Palmöl (FONAP) organisiert, das von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) koordiniert wird. Sind dir Beispiele bekannt, wo das Wirken von FONAP im indonesischen Palmölsektor Verbesserungen für Mensch und Umwelt gebracht hat?

Ich höre von FONAP heute zum ersten Mal. Ich kenne RSPO. Die indonesische Seite wollte dieses nicht akzeptieren und hat ihren eigenen Standard ISPO geschaffen, weil sie nichts vom Ausland diktiert bekommen haben wollten. FONAP ist mir bei meinen Recherchen zu Palmöl bisher nicht über den Weg gelaufen. Was die meisten Zertifizierungsbefürworter immer wieder betonen, ist die Förderung von Kleinbauern. Kritikern wird vorgeworfen, das Schicksal der Kleinbauern zu gefährden, von denen 40 % des Palmöls stammen. Deswegen war es uns wichtig, im Film ein vielschichtiges Bild zu zeigen, wie es Palmöl-Kleinbauern geht. Da zeigen wir die unterschiedliche Situation von Bauern, die Palmölgärten in verschiedenen Größen besitzen sowie auch die von landlosen Bauern.

Der Anbau einer Monokultur bringt vielen Menschen Leid. Umso mehr, wenn sie mit riesigen Plantagen von Großunternehmen konkurrieren müssen. Deswegen zeigen wir im Film auch Beispiele von Bauern, die sich nicht den Ölpalmen verschrieben haben, sondern verschiedene andere Nahrungsmittel anbauen. Das macht sie unabhängiger. Eigentlich sollten Bauern, je kleiner ihre Flächen sind, umso mehr auf Mischkulturen setzen. Das entspricht auch dem lokalen Wissen und der Tradition. Aber unsere Regierung fordert etwas anderes von den Bauern, nämlich die Monokultur. Die indonesische Regierung hat auch damit begonnen, entlegene Gegenden mit Diesel-basierter Energie zu versorgen, anstatt mit Windrädern oder Solarenergie.

Bislang gibt es kein `Bio`-Palmöl aus Indonesien, also keines, das den Richtlinien der EU-Öko-Verordnung für den ökologischen Landbau genügt. Auch Palmöl mit einem Fairhandelssiegel sucht man vergebens. Warum ist das so, obwohl doch das meiste Palmöl auf dem Weltmarkt aus Indonesien kommt?

Ich glaube, das hat mit der Vertrauenswürdigkeit der gesamten Branche zu tun. In Indonesien sind Zertifizierungen output-orientiert, da geht es nicht ums Ökosystem. In Europa ist es vielleicht so, dass erst mal ein alternatives Anbau-System geschaffen wird, dann folgt die Zertifizierung.

Bio-Palmöl stammt bislang aus afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern.

Offenbar sind die vertrauenswürdiger. Wer sollte auf einer Fläche von 16 Millionen Hektar sicherstellen, dass die gesamte Produktionskette „sauber“ im Sinne von Umwelt- und Menschenrechtsstandards ist. Indonesien hat ein Korruptionsproblem. Und, auch das sieht man im Film, die Sicherheitskräfte handeln oft im Sinne der Unternehmen. Die Arbeiter stehen unter hohem Druck, Kinderarbeit ist verbreitet. Man muss sich beim Thema Zertifizierung nur das Beispiel RSPO anschauen. Die EU hat unlängst in einem Bericht zu Palmöl festgestellt, dass lediglich vier bis sechs Prozent des RSPO-zertifizierten Palmöls wirklich bis zu den Anbauorten zurückverfolgt werden kann.

Wahrscheinlich wäre Palmöl auch für die Verbraucher nicht mehr so billig zu haben, wenn all diese Standards wirklich eingehalten würden.

Ja. Das ist auch Teil des Märchens vom Handelskrieg. Da wird argumentiert, dass alle möglichen Forderungen an uns gestellt werden, um die Preise in die Höhe zu treiben. Dabei werden Preissteigerungen meist ohnehin gar nicht an die Produzent*innen weiter gereicht. Kleinbauern oder auf Plantagen Beschäftigte haben kaum eine Chance, ihre Situation zu verändern.

Gibt es keine gewerkschaftliche Tätigkeit im Bereich Palmöl?

Die gibt es. Sie sind aber oft auf Betriebsebene oder lokaler Ebene organisiert. Die Früchte der Ölpalme müssen innerhalb von 24 Stunden verarbeitet werden, sonst verderben sie. Das bringt die Anbauenden in eine sehr schwache Verhandlungsposition. Nimmt ein Zwischenhändler sie nicht ab, haben sie die Wahl, viel Zeit und Transportkosten in die Fahrt zu einem andern Händler zu stecken. Oder sie eben zum angebotenen Preis zu verkaufen. Um die Bauern zu unterstützen, könnte die Regierung alternative Wirtschaftsformen unterstützen, z.B. den Aufbau von Genossenschaften mit Hilfe von Steuervergünstigungen oder Infrastrukturhilfen. Genossenschaften würden die Bauern in eine stärkere Position bringen. Aber welche Verhandlungsposition hat ein einzelner Kleinbauer, der seine Ernte um jeden Preis verkaufen muss, um sich den Reis für seine Familie leisten zu können.

In welcher Situation sind Menschen, die versuchen, an dieser Situation etwas zu ändern, z.B. Aktivist*innen und/oder NGOs?

Die NGOs in Indonesien sind sehr in Sektoren gespalten. Sie schauen auf einzelne Problemfelder. Manche auf die Situation der Arbeiter*innen, andere auf die Zerstörung der Wälder und die Bedrohung der Tiere, wieder andere auf die Fragen von Landkonflikten. Sie arbeiten einzeln, entlang der Linien, die in ihren Projektanträgen stehen. Ich wünsche mir, dass wir über diese „NGO“-Logik hinaus kommen. Es wünsche mir nicht nur eine grenzenlose Solidarität, sondern auch eine, die ohne Projektanträge auskommt. Wir sollten uns nicht in Sektoren aufspalten. Denn der Kapitalismus vereint alle Bereiche des Lebens, er hält sich Armeen, Wissenschaftler, Medien und Regierungen. Dagegen zu kämpfen braucht also auch einen umfassenden Ansatz.

Was können Verbraucher tun, um nicht Teil der zerstörerischen Produktions- und Handelskette im Palmölsektor zu werden?

Ich selbst dusche zum Beispiel seltener, seit ich für diesen Film recherchiert habe (lacht). Und ich verwende nicht mehr jedes Mal Seife und Shampoo. Man kann sich auch nur mit Wasser ausreichend sauber waschen, das tut sogar unserer Haut gut. Außerdem esse ich nicht mehr so viel Frittiertes, denn das meiste Frittierte bei uns in Indonesien wird in Palmöl gebacken, weil es am billigsten ist. Wir müssen versuchen, unseren Verbrauch zu reduzieren und auf Vielfalt zu setzen. Wer sich `bio` leisten kann, sollte dies tun. Wer Fertigprodukte mit selbst gemachten ersetzen kann, sollte dies tun. Dies alles sind in Bezug auf Nahrungsmittel und Kosmetik individuelle Schritte, die gut und wichtig sind.

Aber der größte Teil des Palmöls wird zu Biodiesel. Wir können nicht argumentieren, „ich lebe ja schön ‚grün’ und der Rest der Welt soll selber klar kommen“. Wir müssen in Bezug auf die Benutzung von Brennstoffen unseren Lebensstil kritisch überdenken. Und wir müssen auf der strukturellen Ebene viel mehr Einfluss nehmen. In der Politik, in den Medien, im Bildungssystem. Lehrer*innen sollten nicht warten, bis der Lehrplan es ihnen sagt. Sie können auch jetzt schon über die verheerenden Folgen unseres Lebensstils mit ihren Schüler*innen sprechen. Eltern können dasselbe mit ihren Kindern tun. Und jeder, der möchte, kann öffentlich Filme wie unseren zeigen.

„Asimetris“ auf youtube – Deutsche Version (32 min):

zur Indonesischen Version mit englischen UT (68 min)

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen: Anett Keller

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
Autor*in:

Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Fairventures aus Stuttgart verfolgen mit ihren Wiederaufforstungsprojekten in Indonesien ein eigenes Konzept: Kleinbäuer*innen in Kalimantan werden mit Setzlingen von schnell wachsenden Sengonbäumen ausgestattet, die sie zusammen mit Gemüse und Gewürzen zur Selbstversorgung auf degradierten Flächen anpflanzen. Das in der Bauindustrie verwendbare Nutzholz soll den Familien nach wenigen Jahren ein verlässliches Einkommen einbringen. Wie und ob das funktioniert und welche Herausforderungen bei der Umsetzung bewältigt werden müssen, darüber haben wir mit Johannes Schwegler gesprochen. Schwegler ist Holzbauingenieur und Betriebswirt. Nach langjährigen Tätigkeiten in Indonesien, gründete er im Jahr 2014 die gemeinnützige GmbH Fairventures Worldwide.

Sie arbeiten seit über 20 Jahren in Projekten in Kalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo. Auf der Insel wird weiterhin massiv Regenwald gerodet. Was sind die Ursachen?

Bei uns in der Projektregion, der Provinz Zentral-Kalimantan, sind die Hauptgründe der Rodungen Konzessionsvergaben die zur Umwandlung von Sekundärwäldern zu Monokulturen führen, insbesondere durch die Palmölindustrie, aber auch durch Rohstoffabbau, vor allem Gold- und Kohleminen. Die Provinz erfährt ein jährliches Bevölkerungswachstum von 10% durch Migranten aus Java. Für ihre landwirtschaftliche Tätigkeit wird Wald abgeholzt.

Weitere Gründe der Entwaldung sind Holzkonzessionen für den lokalen Bausektor in Indonesien und Rodungen für den Wanderfeldbau der indigenen Bevölkerungsgruppe der Dayaks. Unsere Tätigkeit fokussiert sich hauptsächlich auf unmittelbare Lösungsansätze für die drei letzten Ursachen: Migration, Holzkonzessionen für den lokalen Bausektor und Rodung für Wanderfeldbau.

„Wirkung durch Moratorium, Reglementierungen und nachhaltiger Waldnutzung“

Was muss sich ändern, um Holzeinschlag und die Expansion von Monokulturen zu reduzieren?

Es gibt drei Ansätze, die in unserem Projektgebiet in der letzten Zeit Wirkung gezeigt haben. Einer davon ist ein Moratorium, welches vom indonesischen Präsidenten 2011 unterzeichnet und mehrfach verlängert wurde. Somit wird eine Fläche (fast doppelt so groß wie das Bundesgebiet) von 670.000 km² Primärwälder und Torfmoorgebiete offiziell davor geschützt, in Monokulturen umgewandelt zu werden.

Zweitens: Reglementierungen durch die europäische Holzhandelsverordnung, denen sich die indonesische Regierung mit dem V-Legal System angeschlossen hat. Hierbei handelt es sich um eine Restriktion zur Nutzung tropischer Hölzer. Dabei wird die Legalität des Holzes geprüft, in dem jeder Akteur transparent machen muss, wo das Holz herkommt. Tatsächlich wird deutlich weniger Holz eingeschlagen. Laut dem World Resources Institute (WRI) ist der Waldverlust 2017 im Vergleich zum Vorjahr in Indonesien um die Hälfte zurückgegangen. Es gibt keine großflächigen Abholzungen im Moment in unserem Projektgebiet mehr. Die großen Sägen in Zentral-Kalimantan stehen still. Jetzt muss die Regierung weiter Druck machen und dafür sorgen, dass diese beiden Maßnahmen dauerhaft umgesetzt werden.

Drittens schafft auch unsere Arbeit eine Alternative zum Holzeinschlag. Wir schaffen bei der lokalen Bevölkerung, den Dayaks, ein Bewusstsein, dass die Abholzung ihrer Naturwälder für Wanderfeldbau nicht notwendig ist. Wir begleiten die Menschen vor Ort und unterstützen sie mit Wissen zu nachhaltiger Wald-und Landnutzung. Die politischen Akteure halten uns bei dieser Arbeit den Rücken frei. Sowohl durch die Forstbehörden vor Ort, als auch auf nationaler Ebene erhalten wir Unterstützung. Für die Zukunft planen wir gemeinsam mit der Regierung, ein Aufforstungshandbuch zu schreiben. All das sind nicht nur Möglichkeiten, sondern bereits heute Maßnahmen, Abholzungen zu verhindern.

Wie stehen politische Akteure, die lokale Bevölkerung und Entwicklungsorganisationen in Kalimantan zur Wiederaufforstung?

Wir erfahren sowohl von deutschen, als auch von indonesischen politischen Akteuren große Unterstützung. Bei der lokalen Bevölkerung genießen wir ein über die Jahre gewachsenes, intensives Vertrauen. Verglichen zu den meisten Entwicklungsorganisationen verfolgen wir einen anderen Ansatz.

„Wiederaufforstung mit Nutzhölzern schafft einen Mehrwert für die Kleinbäuer*innen“

Stellen Sie doch bitte kurz den Ansatz Ihres Programms vor.

Unser Ansatz bei Fairventures Worldwide ist es, gemeinsam mit den Menschen, nachhaltige Alternativen zu schaffen. Das heißt zum einen, dass wir degradierte Flächen aufforsten und somit einen Mehrwert schaffen, der zuvor nicht gegeben war. Durch die Begleitung der Kleinbäuer*innen entlang der Wertschöpfungskette zeigen wir zudem wirtschaftlich attraktive Kontaktpunkte auf. So dürfen die Landwirte auf kontrollierte Art und Weise aus diesen Flächen Hölzer entnehmen und verkaufen.

Außerdem gedeihen zwischen den angepflanzten Bäumen Gemüse, Kakao, Kaffee, Ingwer oder Erdnüsse. Dadurch entstehen Nutzwälder, die sowohl Menschen, als auch Tieren Lebensraum geben. Mit diesem Programm wirken wir auf ökonomischer, ökologischer und sozialer Ebene und zeigen auf, dass sich Naturschutz und Landwirtschaft nicht ausschließen müssen. Die Bäuer*innen pflanzen im Idealfall jedes Jahr etwa 500 Bäume, so kann ein Rotationssystem etabliert werden.

Auf welchen degradierten Flächen werden die Wiederaufforstungsprojekte durchgeführt? Wie werden diese ausgewählt?

Dafür gibt es drei Auswahlkriterien. Erstens ist die Garantie, dass es sich bei der Fläche um keine Waldfläche handelt, für die Schließung des Vertrages zwischen Bäuer*innen und unserer Organisation zwingend notwendig. Ein Mitarbeiter prüft auch das Gelände. Zweitens dürfen die Bäuer*innen keinen Kunstdünger und keine chemischen Pflanzenschutzmittel für die Pflanzvorbereitungen verwenden. Es muss außerdem vertraglich geregelt sein, dass sie die Bäume pflegen, die wir zur Verfügung stellen. Und drittens müssen die geltenden Landrechte klar sein. In der Regel handelt es sich um eine maximale Größe von einem Hektar, den der/die Bäuer*in mit 1.000 Bäumen von uns bewirtschaften darf.

Wie wurde die Projektregion bzw. die Gemeinden, mit denen sie zusammenarbeiten, ausgewählt?

Wir haben in dem Gebiet, wo wir bereits Projekte durchführen, angefangen. Dort kennen wir uns aus, haben Erfahrungen und die Lokalregierung blockiert unsere Projekte nicht. Dann haben wir in der Pufferzone Dörfer identifiziert, damit die infrastrukturelle Anbindung durch Straßen an die Wertschöpfkette, also der Transport und die Weiterverarbeitung des Holzes, gewährleistet ist.

Kann dies für manche ein Anreiz sein Wald zu roden, um dann als Nutznießer*in an einem Wiederaufforstungs-Projekt teilhaben zu können?

Ja, definitiv. Das ist eine Gefahr, die tatsächlich besteht. Durch unseren Ansatz besteht die Möglichkeit, dass eine Wiederaufforstung ökonomisch so attraktiv wird, dass in bestehenden Wald eingegriffen wird. Im ersten Projektjahr ist das in einem Fall sogar passiert. Daraus haben wir gelernt. Deshalb sind unsere Begehungen im Feld strenger geworden. Wir unternehmen ein intensives Monitoring, bei dem wir jede Fläche und jeden Baum zählen und aufnehmen.

Außerdem verfolgen wir bei unserer Arbeit die FPIC-Methode (Free Prior and Informed Consent) der UN. Diese Methode besagt im Kern, dass ein Projekt nur in Einvernehmen und mit der Einwilligung der Bevölkerung durchgeführt werden darf. Darum begleitet uns bei der Sozialisierung und dem Vertragsschluss mit den Bäuer*innen die Polizei, die auf Lokalebene als Vermittler fungiert. Hierbei wird die aktuelle Gesetzeslage erklärt, da eine gewisse Verunsicherung aufgrund der „Zero Burning Policy“ besteht.

Wie werden die lokalen Beteiligten der Projekte ausgewählt?

Dazu laden wir die lokale Bevölkerung in den Gemeindesaal ein, wo wir unser Projekt vorstellen. Dort kommt es im nächsten Schritt zur Sozialisierung der interessierten Bäuer*innen. Es kam schon vor, dass wir aufgrund der großen Begeisterung, die Anzahl der Bäume pro Fläche aufgrund unserer finanziellen Ressourcen von 1.000 auf 500 Bäume pro Bäuer*in jährlich reduziert haben. Damit konnten wir dann mehr Bäuer*innen bedienen.

„Nachhaltigkeit hat eine ökologische, soziale und ökonomische Dimension“

Wie kann die Nachhaltigkeit und langfristige Nutzung des Mischwaldes gewährleistet werden?

Aus unserer Sicht hat Nachhaltigkeit eine ökologische, soziale und ökonomische Dimension. Die große Schwachstelle vieler Projekte ist es, dass die ökonomische Nachhaltigkeit vernachlässigt wird. Dadurch, dass wir den Bäuer*innen, die Nutzung der Hölzer anbieten, tragen wir somit eben auch zu ökonomischer Nachhaltigkeit bei. Wenn diese Dimension gesichert ist, sind die Dayaks und Javaner*innen nicht weiter darauf angewiesen, die restlichen Wälder abzuholzen, um ihre Familien zu ernähren.

Wir kalkulieren selbstverständlich immer mit Risiken und beobachten die Märkte. Dabei bewahrheitet sich die Einnahmequelle durch Leichtholz als eine stabile Perspektive. Bei der größten Handelsmesse Indonesiens, der Trade Expo Indonesia 2018 besuchte der Präsident Joko Widodo auch unseren aus Leichtholz gefertigten Messestand, den wir gemeinsam mit unseren Partnern aus der Wirtschaft und Holzindustrie umsetzen durften. In einem Statement nach seinem Rundgang betont er, dass Leichtholz einer der wichtigsten Rohstoffe der Zukunft ist.

Warum entscheiden sich die Betroffenen für ein solches Projekt? Neben angebauten Lebensmitteln dauert es doch bis zu den Verkäufen der Nutzhölzer ein wenig …

Sie müssen sich die fünf bis sieben Jahre Wartezeit bis zur Reife eines Baumes wie ein Sparbuch vorstellen – die Menschen sind bereit, diese Zeit in Kauf zu nehmen. Zudem handelt es sich bei den Flächen, wie bereits erwähnt, um ohnehin landwirtschaftlich wertlose Flächen mit ausgelaugten Böden. Die Anpflanzung schnell wachsender Tropenhölzer und Stickstoffsammlern, die andere Nutzpflanzen begünstigen, ist aus diesem Grund eine Wertsteigerung in besonderem Maße. Das motiviert die Menschen. Sie sehen das „Sparbuch“ bei den Nachbarn und sie sehen die ersten Holzhändler*innen und wie die teilnehmenden Bäuer*innen daran verdienen. Das spornt an und schafft Vertrauen.

Welche Bäume werden in ihren Projekten angepflanzt?

Wir haben zunächst mit Sengon angefangen. Dieses Leichtholz wurde in Java früher in Programmen gegen Erosion gepflanzt. Es entstand eine große Nachfrage nach dem Holz und eine verarbeitende Industrie. Der Standort bestimmt auch den Baum, das zeigt sich z.B. in unseren Testfeldern. Im Süden unseres Projektgebietes wächst Sengon z.B. nicht so gut, dafür aber Akazien. Daneben geben wir an die Bäuer*innen auch Jabonsetzlinge.

„Wir beobachten Verbesserungen in der Projektregion“

Haben Sie Erkenntnisse wie sich das Programm auf die Lebenssituationen der Menschen auswirkt?

Wir beobachten, dass es den Menschen besser geht. Wir sehen zudem eindeutig, dass der Druck auf den Naturwald sinkt und Lebensräume erhalten bleiben. Auch das liegt im Interesse der Bevölkerung. Was wir zudem sehen ist, dass sich die Bäuer*innen mit unserem Projekt identifizieren. Sie sind stolz, Teil dieses Vorhabens zu sein, sie teilen ihre Erfahrungen mit Familie und Freunden und sind somit wichtige Vermittler für Vertrauen und Glaubwürdigkeit.

Ist ein solcher Ansatz wirklich neu für die Menschen? Nutzen lokale Gemeinschaften ihren Wald nicht nachhaltig und in einer Form von Agroforstwirtschaft?

Tatsächlich ist dieser Ansatz neu für die Dayaks. Wir begleiten einen kulturellen Lernprozess. Früher war es noch möglich, durch Jagd und Wanderfeldbau nachhaltig zu überleben. Die Menschen waren es gewohnt, degradierte Flächen hinter sich zu lassen. Das geht heute nicht mehr. Es gibt kein Wild mehr und in den Flüssen schwimmen kaum noch Fische. Das Gleichgewicht ist so gestört, dass die Menschen ihre Lebensweise umstellen müssen.

Wie stark ist der tatsächliche Beitrag zum Klimaschutz, wenn angebaute Nutzhölzer wieder nach einigen Jahren gefällt werden?

Unsere Berechnungen zeigen, dass in unserem Projektgebiet 5,4 Tonnen pro Hektar pro Jahr an Kohlenstoff aus der Atmosphäre gespeichert werden. Auch wenn der Baum abgeholzt wird, bleibt Kohlenstoff im Boden gespeichert.

Wäre eine ausschließliche Wiederaufforstung der degradierten Flächen mit ausreichenden finanziellen Anreizen „zur Nicht-Abholzung“ nicht ein größerer Beitrag zum Klimaschutz?

Die Vermeidung der nachhaltigen Holzgewinnung wäre zumindest für die Zeitspanne besser, die der Wald braucht, um sich vollständig zu erholen. Dann kommt man auf 25 Tonnen gespeichertem Kohlenstoff pro Hektar pro Jahr. Allerdings ist dann irgendwann ein Sättigungspunkt der Speicherkapazität von Kohlenstoff erreicht. Darum ist Holz als Baumaterial so wichtig. Es speichert Kohlenstoff langfristig und ersetzt andere graue Baustoffe wie Beton und Stahl. Selbstverständlich ist der Idealfall, dass wir sowohl Natur- als auch Nutzwälder schaffen.

„Die ökonomische Nachhaltigkeit soll gewährleistet sein“

Was kann man mit Ihrem Ansatz erreichen, was man mit anderen nicht erreicht? Was ist der Unterschied?

Wir kennen viele sehr gute Projekte, die auf sozialer und ökologischer Ebene vorbildlich sind. Aber solange die ökonomische Nachhaltigkeit nicht gewährleistet ist, kollabieren viele Initiativen sobald der Geldhahn zugedreht wird. Bei unserem Ansatz sehen wir jetzt schon wie er sich verselbstständigt.

Wo sehen Sie Risiken?

Es ist nicht auszuschließen, dass größere Unternehmen versuchen, den Bäuer*innen ihr Land abzukaufen, um selbst Gewinn maximierend schnell wachsende Hölzer auf großen Flächen anzubauen.

Wie begegnen sie dieser Möglichkeit?

Zum einen eine enge Anbindung an die Leichtholzindustrie und die Gewährleistung der Integration der Kleinbäuer*innen in die Wertschöpfungskette. Zum anderen ein digitalisiertes Monitoring mit einer App, die wir derzeit einführen. Diese ist transparent und ideal für Kleinbäuer*innen, für die z.B. das FSC-Siegel das Holz in der Produktion doppelt so teuer machen würden. Und wir müssen mit der Regierung zusammenarbeiten. Abgesehen von diesen Regulationen beobachten wir, dass viele Familien mit Herz an dem Projekt dabei sind. Mit einigen Kleinbäuer*innen haben sich innerhalb der letzten Jahre richtige Freundschaften entwickelt.

„Der Ansatz des Tropenholzboykotts ist von vorgestern“

Stichwort FSC. Hölzer aus Wäldern in Indonesien werden auch nach Europa exportiert, viele sind mit dem Holzsiegel FSC zertifiziert. Das Siegel steht immer wieder in der Kritik. Wie schätzen Sie das ein?

Bei jedem Siegel gibt es Missbrauch und Schwachstellen. Aus diesem Grund ist die Presse und Medienberichterstattung ein sehr wichtiges Kontrollinstrument, um die Regulationen zu verbessern und die schwarzen Schafe auszusortieren. In unserer Region beobachten wir, dass gute Holzkonzessionen die einzigen Flächen in der Vergangenheit waren, bei den der Wald nicht verschwunden ist. FSC ist einer der Standards, der hier Lösungen anbietet. Das FSC-Siegel, ist neben staatlichen Kontrollmechanismen, das einzige, das Vorschriften effektiv umsetzt.

In diesem Sinne kann ich nur mein Credo wiederholen: Ein guter Tropenholzkonsum ist der beste Waldschutz und stelle mich gegen die veraltete These des Tropenholzboykotts, das ist ein Ansatz von vorgestern. In den 1980er Jahren war diese Initiative gut, heute ist sie kontraproduktiv und treibt in der Praxis die Entwaldung voran.

Ist der europäische Markt auf Holz aus Asien bzw. Indonesien überhaupt angewiesen?

Der europäische Markt ist aus unterschiedlichen Gründen auf tropische Hölzer angewiesen. Zum einen bedeutet die nachhaltige Nutzung tropischer Regenwaldhölzer einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Tropische Wälder sind einer der größten Kohlenstoffspeicher. Durch die Verwendung der zum Teil schnell wachsenden Hölzer als Baustoff wird Kohlenstoff dauerhaft gebunden.

Außerdem weisen viele Tropenhölzer Eigenschaften auf, die europäische Hölzer oder vergleichbare, nachhaltige Baustoffe nicht ersetzen können. Beispielsweise spielt tropisches Leichtholz bei der Fertigung von Furnieren, im Schiffsbau oder der Innenverkleidung von Wohnmobilen eine gewichtige Rolle. Wasserabweisende Hölzer aus den Tropen werden beim Bau von Terrassen gebraucht.
Eine solche Art der Verwendung von Tropenhölzern ist in jedem Fall besser als Edelhölzer gänzlich zu vermeiden. Denn dabei entstehen absurde Ausweichprodukte, wie beispielsweise Wood-Plastics-Composite Materialien, die aus Sägespäne- und Plastikmischungen bestehen.

Was sagen Sie zu kritischen Stimmen, die Ihren Ansatz als eine neue Form von Monokultur verurteilen?

Ich höre mir gern konstruktive Kritik an. Leider höre ich aber selten alternative Lösungsvorschläge, wie wir die Probleme der Abholzung und des Klimaschutzes angehen könnten. Die Menschen im ländlichen Raum in Kalimantan wollen eine Alternative zum Arbeiten auf Plantagen, zum Gold Suchen oder der Holzindustrie. Auch wir machen Fehler, aber wir probieren weiter, lernen und arbeiten mit der Bevölkerung zusammen. Die Bevölkerung muss das Projekt mittragen, die Menschen müssen mitmachen. Damit ein Projekt oder Programm funktioniert, braucht es die Akzeptanz der Beteiligten und eine gewisse Qualität der Maßnahmen.

Auch Fauna und Flora finden in unserem Projektgebiet mit der Zeit wieder ein zu Hause; Vögel nisten in den Bäumen, Echsen verstecken sich im Unterholz. Wir glauben daran, dass wir einen Unterschied machen können und sehen bereits jetzt in unseren Projekten, dass dieser Glaube Wahrheit wird.

Interview von: Raphael Göpel

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1 | 2018, Indonesien, Rezensionen,
Autor*in:

Kenntnisreiche Einführung in die indonesische Gegenwartskunst

Indonesien: Obwohl es orthodox-islamischen Praktiken widerspricht, gibt es javanische Muslim*innen, die sich in Interaktion mit Geisterwesen befinden. Sie werden befriedet, bespendet und – wenn sie ungewollt „zur Untermiete“ wohnen – auch ausgetrieben. Die entsprechenden Rituale spiegeln die synkretistischen Traditionen der Region.

 

Als ich eine Unterkunft im Süden Yogyakartas in Zentraljava suchte, um dort für die Dauer meiner Feldforschung zu wohnen, hatte ich mich für ein Haus entschieden, von dem gesagt wurde, es würden Geister, so genannte dschinn, darin leben. Angeblich hatte der vorherige Mieter sogar Geis-terwesen in dem Haus gesehen. Mich hielten die Spukgeschichten der Dorfbewohner*innen nicht davon ab, mit meiner Familie in das große Haus zu ziehen. Ich habe jedoch dadurch ein Interesse für die dschinn, wie mit ihnen umgegangen wird und eine erhöhte Sensibilität für scheinbar „eigenartige“ Begebenheiten entwickelt.

Wer oder was sind die dschinn?

Es gehört zur islamischen Glaubenslehre, dass Muslim*innen an das Unsichtbare (Arab.: al-ghaib) glauben sollen. Dazu gehört auch der Glaube an Engel und Dschinn (Arab./ Ind.: jin). Viele Muslime*innen glauben, dass dschinn eine Schöpfung Allahs sind. Im Qur’an wird erwähnt, dass Allah die Menschen und dschinn nur erschaffen hat, um Ihn anzubeten (Qur’an 51: 56). Weiter heißt es, dass Menschen aus Tonerde erschaffen wurden, während die dschinn viel früher als die Menschen aus einem sehr heißen Feuer geschaffen worden sind (Qur’an 15: 26-27). Aus diesem Vers wird auch der Glaube abgeleitet, dass die dschinn aufgrund ihres höheren Alters mehr Erfahrung haben und dazu neigen, Menschen in die Irre zu führen oder zu stören. Der Anführer der dschinn ist allgemein als Satan (Ind.: shaytan) bekannt und er hat eine große Schar von dschinn, die nicht Allah anbeten, sondern vielmehr ihm, Satan, folgen und ihm helfen, die Menschen vom Weg Allahs abzubringen. Es gibt sowohl muslimische als auch nicht-muslimische dschinn. Weiterhin gibt es männliche und weibliche dschinn und sie gründen, wie Menschen auch, Familien und haben Kinder. Im Islam sollen theoretisch die Welten der dschinn und der Menschen getrennt sein und eine Interaktion sollte vermieden werden bzw. ist vom Schöpfer nicht erwünscht. Es gibt verschiedene dschinn, deren Namen bekannt sind und die zum Beispiel für Fälle von plötzlichem Kindstod, Zwist zwischen Eheleuten oder Verlust von Wertsachen und Geld verantwortlich gemacht werden. Die letzte Surah des Qur’an (An-Nas) zum Beispiel wird zum Schutz vor den Schlechtigkeiten der Menschen und der dschinn gelesen und die vorletzte Surah (Al-Falaq) zum Schutz vor Zauberei und Magie. Soweit die Theorie.

Im alltäglichen Leben vieler Muslim*innen in Yogyakarta konnte ich jedoch eine durchaus lebhafte Interaktion mit den dschinn feststellen. Unter Muslim*innen in Yogyakarta ist der Glaube an dschinn lebendig und ihre Existenz wird meiner Erfahrung nach nicht angezweifelt. Dabei habe ich fünf verschiedene Arten kennen gelernt, wie mit dschinn umgegangen wird. Das Befrieden der dschinn durch kleine Opfergaben ist eine Möglichkeit, die auch als Teil von Kejawen (Javanischer Mystizismus) bezeichnet wird. Diese Praxis wird hauptsächlich von Muslim*innen praktiziert, die als Abangan (so genannte nominale Muslime; im Gegensatz zu den Santri, den orthodox-praktizierenden Muslimen) gezählt werden können.

Das Bespenden scheint dem Befrieden der dschinn durch kleine Opfergaben ähnlich zu sein. Hier wird jedoch die Intention anders gefasst, um sich dem orthodox-islamischen Rahmen anzupassen. Damit ist gemeint, dass ein Befrieden der dschinn durch Opfergaben abgelehnt und als göttliche Beigesellung (Ind.: syirik; Arab.: shirk) verstanden wird. Bekämpft werden die dschinn vor allem durch Austreibungen, (rukyah auf Indonesisch), mit Hilfe von Wasser und dem Lesen des Qur’an. Diese Form der Austreibung ist besonders populär geworden unter den Muslim*innen, die man den verschiedenen Strömungen des Salafi-Wahhabismus zuordnet.

Die Strategie des Ignorierens bedeutet nicht, dass eine Person nicht an dschinn glaubt, sondern vielmehr, dass sie versucht die Welten zu trennen. Diese Strategie ist vor allem bei den Anhänger*innen der Muhammadiyah, einer indonesischen Massenorganisation des modernistischen Islams, zu finden. Eine fünfte Art des Umgangs ist die Zusammenarbeit und die Nutzung der dschinn und ihrer Kräfte für Zauber und Magie (Ind./ Arab.: sihir).

Befrieden oder bespenden?

Wer aufmerksam durch ein Dorf in der Gegend um Yogyakarta geht, wird teilweise kleine Opfergaben an Wegkreuzungen oder Wasserläufen finden. Diese mit Liebe zum Detail zubereiteten Gaben sind auf einem circa fünf Mal fünf Zentimeter großem Stück eines Bananenblattes dargebracht. Oft findet man auch mehrere kleine Opfergaben auf einer größeren Platte zusammengestellt. Normalerweise finden sich gelber Reis, Kokosraspel, kleine Fleischstückchen, Gemüse und andere Speisen auf dem Blatt. Mitunter kommen Blütenblätter dazu. Die Art und Form kann je nach Ritual und Zweck variieren. Diese Form der Opfergaben ist in viel größerem Ausmaß vor allem auf der mehrheitlich hinduistischen Insel Bali zu finden. In Yogyakarta sind diese Opfergaben meist mit der (hinduistisch geprägten) javanischen Tradition und Mystizismus verbunden und werden von orthodoxen Muslim*innen als synkretistische Rituale bezeichnet, die nichts mit dem Islam zu tun haben. Es wird argumentiert, dass diese Opfergaben gegen das Prinzip des Monotheismus (Arab./ Ind.: tauhid) verstoßen und somit nicht mit dem orthodox-islamischen Glauben kompatibel sind. Da die Welten von dschinn und Menschen getrennt sein sollen und die Menschen einzig und allein Allah anbeten und Allah um Schutz ansuchen sollen, wird eine Befriedung der dschinn in Form von Opfergaben als eine Form der Vielgötterei (Ind./ Arab.: shirk) angesehen. Es wird argumentiert, dass Muslim*innen, die Opfergaben zur Befriedung an die dschinn auf Wegen, an Flussläufen oder in und vor Häusern geben, das Konzept des tauhid nicht vollständig verinnerlicht haben und noch immer vorislamischen Ritualen anhängen.

Mas Herman, Muslim, javanischer Mystiker und Lokalhistoriker, ist da anderer Meinung. Er verteidigt die Muslim*innen, die den dschinn Opfergaben darbringen. Denn, so erklärte er mir in einem Interview, es komme bei der Opfergabe auf die Intention (Ind., aus dem Arab.: niat) an. Er erklärte weiter, dass früher diese Opfergaben durchaus zur Befriedung der dschinn dargebracht wurden, dass jedoch heutzutage die meisten Muslim*innen wüssten, dass dies nach islamischer Lehre nicht erlaubt sei. Die islamische Religion lege jedoch großen Wert auf Spenden und Großzügigkeit, so Herman, und deshalb würden die kleinen Opfergaben als Spende an die dschinn gebracht. Es ist äußerst spannend, dass er das Ritual der Opfergaben versucht, zu „islamisieren“. Denn, wie bereits oben erwähnt, wird diese Art von Opfergaben nach orthodox-islamischer Sicht abgelehnt. Doch für den javanisch-islamischen Kontext in Yogyakarta ist diese Erklärung durchaus nachvollziehbar. Weitere Forschung diesbezüglich wäre notwendig, um die Intention für die Opfergaben der Muslim*innen in Yogyakarta an Wegkreuzungen, Flussläufen oder in Häusern tiefer zu verstehen. Herman versucht javanische Kultur und Islam zu vereinen. Herman möchte ein synkretistisches javanisches Ritual als orthodoxer Muslim praktizieren. Deshalb verändert er seine Intention und versucht es somit mit der islamischen Glaubenslehre zu vereinen. Diese Art der Vereinigung und Synthese javanischer Kultur und Islam hat eine lange Geschichte und geht auf Sultan Agung (1593-1645; regierte 1613-1645) zurück. Sultan Agung versuchte, javanische und islamische Identität harmonisch zu vereinen (Ricklefs 2006).

Bekämpfen der dschinn und Austreibungen

Der Glaube an die Möglichkeit von einem dschinn besessen zu werden (Ind.: kemasukan) ist unter Muslim*innen in Yogyakarta und in anderen Teilen Indonesiens weit verbreitet. „Besessen“ zu sein zeigt sich in außergewöhnlichem, oft negativem Verhalten, und es gibt, so wurde mir durch einen muslimischen Heiler (Ind.: tabib) erklärt, verschiedene Arten von Besessenheit. Besessenheit kann ganz akut vorkommen. Dabei dringt ein dschinn auf einmal in einen Menschen ein und versucht, diesen zu beherrschen. Eine andere Form der Besessenheit besteht längerfristig, wobei der dschinn praktisch „zur Untermiete“ über einen längeren Zeitraum in einem Menschen lebt und Krankheiten und andere Unannehmlichkeiten hervorrufen kann. Die Gründe für kemasukan sind vielfältig. Entweder hat ein dschinn die Grenze zwischen der menschlichen und seiner/ ihrer Welt absichtlich und von sich aus überschritten. Oder sie oder er ist mit dem besessenen Menschen oder dessen Verwandten einen Pakt eingegangen. Oft wird Besessenheit mit einem „schwachen Glauben“ erklärt. Aber auch ein scheinbar banaler Akt wie heißes Wasser in einen Abfluss zu schütten, kann zu Besessenheit führen. Mas Syarif, tabib in Yogyakarta, behandelt mehrere Fälle von kemasukan pro Woche. Nachdem er sich den Krankheitsverlauf seines Patienten oder seiner Patientin angehört hat, entscheidet er, ob eine Austreibung (Ind.: rukyah) von Nutzen sein kann oder ob er andere Be-handlungsmöglichkeiten in Betracht zieht. Meistens ist die Austreibung nur der erste Schritt und Mas Syarif weist seine Patient*innen zusätzlich an, ihre fünfmaligen Gebete einzuhalten, häufiger den Qur’an zu lesen und sich vermehrt der Erinnerung Allahs (Ind.: dzikir) hinzugeben.

Die Art der rukyah, die Mas Syarif vollzieht, folgt, so erklärte er, der Sunnah (der etablierten Praktik) des Propheten Muhammad. Er liest ausschließlich Verse aus dem Qur’an und legt bei männlichen Patienten seine Hand an verschiedene Stellen am Körper des Patienten. Bei Patientinnen benutzt er zusätzlich Wasser. Hier muss die Patientin vollständig, nach den Regeln der islamischen Religion, bedeckt sein, und ein naher männlicher Verwandter, z.B. ihr Mann, Vater oder Bruder, muss während der Behandlung anwesend sein. Das fließende Wasser schüttet Mas Syarif dann mit einer großen Kelle über die Frau während er aus dem Gedächtnis die Verse aus dem Qur’an rezitiert, die laut den Überlieferungen des Propheten Muhammad, besonders für die Austreibung geeignet sein sollen. Teilweise kann es passieren, dass Mas Syarif in einen Dialog mit dem dschinn tritt, von dem die Person besessen ist und fragt woher dieser kommt und warum er in die Person eingedrungen ist. Es kann dann durchaus passieren, dass die besessene Person in eigenartigen Lauten dem tabib antwortet. Der tabib erklärt dem dschinn dann, dass er die Person wieder verlassen muss und dass er Reue zeigen und zurück auf den rechten Weg gehen soll. Manchmal zeige die Antwort während der Austreibung, dass die Person mit einem Zauber belegt worden sei und der dschinn diesen Zauber ausführe. Mittlerweile kann man sogar auf YouTube muslimische Heiler sehen, die vor laufender Kamera eine Austreibung vornehmen.

Manchmal benutzt der tabib zusätzlich Schwarzkümmelöl und träufelt dieses in die Nase seiner Patienten, da, wie er mir erklärte, dschinn eine Abneigung dagegen haben. Wenn ein Patient oder eine Patientin sich nach dem Einträufeln der Tropfen übergeben muss, dann wird dies als handfester Beweis gedeutet, dass ein dschinn in dieser Person wohnt. Bei der Austreibung mit Wasser kann es vorkommen, dass der tabib zusätzlich bidara-Blätter, Blätter der Indischen Jujube oder Filzblättrigen Jujube, benutzt, da diese eine positive Wirkung auf den Austreibungsprozess haben sollen. Fast alle Patient*innen von Mas Syarif erhalten zusätzlich eine Kompilation von überlieferten Bittgebeten des Propheten Muhammad. In dieser Sammlung von Bittgebeten gibt es zum Beispiel eines, das gesprochen werden soll bevor man die Toilette betritt. Es soll vor den weiblichen und männlichen dschinn, die sich in der Toilette befinden, schützen. Bittgebete, die vor dem Essen oder vor dem Schlafen gesprochen werden, gehören ebenfalls dazu. Diese Bittgebete sind unter der Mehrheit der Muslime bekannt. Die Rückbesinnung und das regelmäßige Lesen dieser Bittgebete sollen den Heilungsprozess unterstützen.

Zauberei und Magie

Zauber und Magie sind extrem sensible Themen im Islam und gelten allgemein als haram – kategorisch verboten. Trotz dieses Verbotes gibt es auch Muslim*innen, die mit Hilfe von dschinn Zauberei und Magie praktizieren oder in die Zukunft schauen. Auch im Qur’an werden die dschinn in Verbindung mit Zauberei erwähnt. Sternschnuppen zum Beispiel sollen demnach die dschinn davon abhalten, zu lauschen, was die Engel in den oberen Himmelssphären besprechen. Die Gegend im Süden von Yogyakarta in Küstennähe ist über die Grenzen Yogyakartas hinaus dafür bekannt, dass man dort sihir praktizieren kann bzw. Möglichkeiten finden kann, mit Hilfe von dschinn reich und erfolgreich zu werden. Das Praktizieren von Zauberei wird als Teil der javanischen Mystik (kejawen/kebatinan Tradition) gesehen. Nach Aussage von mehreren meiner Informant*innen sollen Liebeszauber genauso wie Zauberei aufgrund von Eifersucht und Neid angeblich auch von Muslim*innen in Yogyakarta praktiziert werden. Islamisch gesehen, meint Ibu Salehah, Qur’an-Lehrerin und Verkäuferin von traditionellen islamischen Heilmitteln in Yogyakarta, sei das absolut verwerflich und diese Muslim*innen müssten aufrichtige Reue zeigen und Allah um Vergebung bitten für ihre falschen Taten.

Denkschule beeinflusst Heilungsmethoden

Nach islamischer Glaubenslehre sind dschinn für Menschen unsichtbar. Dasselbe gilt für Engel, welche aus Licht geschaffen sind. Interaktion kann aber, wie oben beschrieben, durchaus vorkommen, unabhängig ob gewollt oder ungewollt. Zum Beispiel kann ein Mensch eine spezielle Beziehung zu einem dschinn durch einen Pakt oder Ähnliches aufbauen. Interessant zu erwähnen ist noch, dass verschiedene Gruppen von Muslim*innen die Behandlungsmethode der Austreibung eher bevorzugen als andere. Die spezielle religiöse Ausrichtung und Denkschule eine*r Muslim*in hat Einfluss darauf, welche Heilungsmethode er oder sie bevorzugt und welchen Platz sie oder er dem Glauben an dschinn und Besessenheit einräumt. Es gibt durchaus auch Muslim*innen, die eine psychologische oder psychiatrische Behandlung einer Austreibung vorziehen und versuchen, das Thema rund um dschinn vollständig zu ignorieren. Das Krankheitsbild einer psychologischen Erkrankung kann den Auswirkungen einer Besessenheit sehr ähnlich sein. Anhänger der Muhammadiyah, zum Beispiel, ziehen es vor, Krankheitssymptome als psychologische Erkrankung zu deuten. Während traditionelle Muslim*inne, aber auch Anhänger*innen der verschiedenen Salafi-Wahhabi Ausrichtungen, Erkrankungen häufiger als kemasukan interpretieren.

Als ich meinem Informanten Herman über das traditionelle javanische Holzhaus (Ind.: joglo), um welches unser Mietshaus herum gebaut wurde, erzählte, wollte er uns unbedingt besuchen kommen. Mit großem Staunen schritt er durch das joglo. Bevor er auf sein Moped stieg, um nach Hause zu fahren, sagte er mir mit flüsternder Stimme, dass er einige Gestalten (Ind.: makhluk) in dem joglo gesehen hätte …

 

Zum Weiterlesen:

Ricklefs, M.C. (2006). Mystic Synthesis in Java: A History of Islamization from the Fourteenth to the early Nineteenth Centuries.

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