1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Ausschnitt Filmszene "The Cleaners" © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Ausschnitt Filmszene „The Cleaners“ © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Philippinen: Der Dokumentarfilm „The Cleaners“ schaut hinter die Kulissen von Facebook, Google und Co. In ihrem Auftrag sichten Menschen massenhaft Bilder und Videos mit verstörender Gewalt, Pornografie etc. um die sozialen Netzwerke „sauber“ zu halten. Sie tun dies für einen Billiglohn und ohne psychologische Betreuung.

Es gehört schon lange zu den Grundprinzipien des globalen Kapitalismus, gefährliche und dreckige Arbeit dorthin zu verlagern, wo Arbeitskräfte billig und willig und die juristischen Mindeststandards für die Beschäftigung niedrig, nicht vorhanden oder leicht zu umgehen sind. Ein solcher Ort sind für Konzerne wie Facebook, Google und Co. die Philippinen.

Die Arbeit, die die großen Player aus dem Silicon Valley insbesondere nach Manila auslagern, eignet sich hervorragend dafür, zumal kaum mehr vonnöten ist außer einem Bildschirmarbeitsplatz samt Internetanbindung und fleißigem Personal, das die westlichen Werte- und Moralvorstellungen teilt. Beides bieten und liefern die Philippinen: eine gute digitale Infrastruktur in den Zentren des Inselstaates, eine Bevölkerung, die digital affin ist und deren Löwenanteil überdies einem innigen katholischen Glauben anhängt.

Ausschnitt Filmszene "The Cleaners" © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Ausschnitt Filmszene „The Cleaners“ © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Diese fleißigen Filipin@s dürfen für einen Hungerlohn in dunklen Arbeitshallen der IT-Konzerne die digitale Drecksarbeit verrichten, für die Algorithmen der Digitalkonzerne offenbar noch nicht taugen. Sie haben Millionen von Bildern und Videos zu sichten und Medien mit verstörender Gewalt, Pornografie etc., damit der gemeine User der sozialen Netzwerke ein ungetrübtes Nutzungserlebnis genießt.

Deshalb arbeitet eine ganze Armee von Billiglohnarbeiter*innen daran, all jene Inhalte zu sichten und gegebenenfalls zu zensieren, die ihnen von den Algorithmen oder den Usern der sozialen Netzwerke vorgelegt oder gemeldet werden. Die „Cleaners“, wie die Content-Moderator*innen im Gewand „neuzeitlichen Reinigungspersonals“ auch genannt werden, haben die miserable Aufgabe, Bilder und Videos mit zu viel Haut, Geschlechtsorganen aber auch Darstellungen von Gewalt nach den Vorgaben der Silicon-Valley-Riesen Google, Facebook, Twitter et al. zu begutachten und gegebenenfalls zu löschen.

Wer mehr als drei Mal im Monat die Überprüfung von Videos abbricht oder nicht das Mindestmaß an Bildern begutachtet, wird rausgeworfen und gegen eine andere Arbeitskraft ausgetauscht.

Der Workflow ist simpel: Sobald ein Bild oder Video auf dem Bildschirm des digitalen Prekariats erscheint, hat dieses die Wahl zwischen „delete“ oder „ignore“. Dabei werden die Moderator*innen so überwacht, dass es ihnen nicht möglich ist, mitten in einem Video die Sichtung abzubrechen. Wird ein Video nicht komplett angesehen, ergeht automatisch Meldung an den Vorgesetzten. Wer mehr als drei Mal im Monat die Überprüfung von Videos abbricht oder nicht das Mindestmaß an Bildern begutachtet, wird rausgeworfen und gegen eine andere Arbeitskraft ausgetauscht.

Die großen Konzerne Google und Facebook sind dabei fein raus, da kein*e Content-Moderator*in in Manila offiziell und direkt bei ihnen beschäftigt ist. Die Filipin@s, die für wenig Geld rund um die Uhr die dunkelsten Seiten des Netzes durchforsten und überwachen, sind bei Subunternehmen angestellt – dementsprechend immun sind die großen IT-Konzerne gegen Kritik aufgrund menschenfeindlicher Arbeitsbedingungen.

Ausschnitt Filmszene "The Cleaners" © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Ausschnitt Filmszene „The Cleaners“ © Gebrüder Beetz Filmproduktion

Die Filipin@s, die stundenlang vor dem Monitor sitzen, um das Internet „sauber“ zu halten, bekommen keine psychologische Betreuung und keine der Tätigkeit angemessene Bezahlung, obwohl das, was sie auf Fotos und in Videoclips zu sehen bekommen, das normale menschliche Vorstellungsvermögen übersteigt: Pornografie, Sadismus, brutale Gewalt und irre geleitete Fanatiker*innen.

Mit einem Klick landet das meiste im Müll. Doch aus den Köpfen der Arbeiter*innen ist es nicht mehr zu löschen. Und auch nicht aus ihren Seelen. Viele klagen über körperliche Beschwerden, Schlaflosigkeit und Unruhe. Sie entwickeln psychische Krankheiten wie Depressionen und fühlen sich allein gelassen, zumal sie sich in einer Verschwiegenheitserklärung verpflichten, mit niemandem über ihre Arbeit zu reden.

Der Regisseur Moritz Riesewieck hat zu diesem Thema über ein Jahr in Manila recherchiert – und etwa die Contentmoderatorin „Maggy“ getroffen, die stolz darauf ist, wie schnell sie arbeitet, aber unter einem neurotischen Waschzwang leidet. „Schmutzig wird man nicht vom Bildermüll“, sagt Moritz Riesewieck, „er hinterlässt aber Spuren bei denen, die das Netz putzen.“

 

Der (für die südostasien redaktionell bearbeitete) Beitrag entstammt folgender Neuerscheinung:

Rainer Werning / Jörg Schwieger (Hg.), Handbuch Philippinen. Gesellschaft-Politik-Wirtschaft-Kultur. 6., aktualisierte und erweiterte Auflage, Berlin, Verlag regiospectra, Feburar 2019. ISBN 978-3-94477-2906-7

Zum Weiterlesen:

  • Riesewieck, Moritz (2017): Digitale Drecksarbeit. Wie uns Facebook und Co. von dem Bösen erlösen. München: dtv.
  • „The Cleaners“ D, BRA 2018; Drehbuch: Hans Block, Moritz Riesewieck; Regie: Hans Block, Moritz Riesewieck; Produktion: Gebrueder Beetz Filmproduktion, Grifa Filmes, WDR, NDR, RBB u.a.; Verleih: farbfilm verleih GmbH; Länge: 88 Minuten; Start: 17. Mai 2018, http://www.gebrueder-beetz.de/produktionen/the-cleaners

 

Filmtrailer „The Cleaners“:

Dieser Artikel erschien zunächst in den südostasien Ausgaben 1|2019 – Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken und 2|2022 – Südostasien 4.0 Die digitale Transformation und ihre Folgen und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: Regisseur Mikhail Red schickt seine Protagonisten durch die philippinische Provinz und schlägt Brücken zu hochbrisanten, gesellschaftlichen Vorgängen im Land. Landrechtskonflikte, staatliche Korruption, Polizeigewalt oder Geschlechter(un)gerechtigkeit schwingen stets im Hintergrund mit.

Wer kennt sie nicht, diese lebensverändernden Momente? In einem Augenblick scheint noch alles wie gewohnt. Die vertraute Umgebung und der Alltag wiegen uns in vermeintlicher Sicherheit vor Veränderung. Doch plötzlich schlägt das Leben Parolen und alles steht Kopf. Eine falsche Entscheidung: und eine Kettenreaktion nimmt ihren Lauf.

Maya streift in der abendlichen Dämmerung durch die verlassene Zuckerrohrplantage streift. Ihr Gewehr fest an sich gedrückt. Wohin sie geht, weiß sie selbst nicht genau. Aber eines ist klar: Hier kann sie nicht bleiben. Sie fühlt sich völlig leer. Über ihrem Kopf kreisen Adler. Wer hätte gedacht, dass sich ihr Leben so schnell ändern würde. Was ist nur passiert?

Toter Adler und verschwundene Bauern

Dieser Frage geht der fesselnde philippinische Mystery-Thriller „Birdshot“ auf den Grund. Alles beginnt an einem harmlosen Morgen, an dem Diego seiner 14jährigen Tochter Maya das Jagen beibringen möchte. Gemeinsam leben sie in einer abgeschiedenen Hütte inmitten einer Zuckerrohrplantage, die Diego zusammen mit seiner Tochter betreibt. Als Maya die umliegende Gegend erkundet, landet sie in einem privaten Naturschutzreservat und erschießt einen vom Aussterben bedrohten Adler. Als sie die Beute stolz ihrem Vater präsentiert, merkt Maya sofort, dass sie etwas Schlimmes getan haben muss.

Das Verschwinden des Adlers wird schnell bemerkt. Am nächsten Morgen wird das Polizistenduo Domingo und Mendoza auf den Fall angesetzt. Bei den Ermittlungen stößt der Nachwuchspolizist Domingo auf das mysteriöse Verschwinden eines Busses, in dem eine Gruppe von Farmern auf dem Weg in die Hauptstadt Manila war. Doch auf der Suche nach der Wahrheit wird Domingo klar, dass sich etwas Größeres dahinter zu verbergen scheint. Was steckt hinter diesem Verschwinden? Kann Diego seine Tochter beschützen? Wo sind die verschwundenen Farmer? Wird die Wahrheit ans Licht kommen?

Abgründe und Lichtblicke

In einer Mischung aus Krimi und Coming of Age-Film begleitet „Birdshot“ die Protagonisten auf ihrer Reise und schlägt dabei immer wieder Brücken zu gesellschaftspolitischen Themen. Dabei nimmt sich das junge philippinische Filmtalent Mikhail Red die Zeit, den Protagonisten emotionale Tiefe zu geben. Neben einer mitreißenden Geschichte, brachialer Bildgewalt und einem bewussten Spiel mit Licht, Kamera und Musik gelingt „Birdshot“ ein Balanceakt zwischen menschlichen Abgründen und Lichtblicken, Brutalität und Sanftheit, Schönheit und Komplexität der Philippinen.

So bildet der Film die Vielfalt der Natur in der philippinischen Provinz ab und kontrastiert zugleich ruhige Momente an plätschernden Flüssen oder bei leise rasselnden Blättern im Wald mit düster und bedrohlich wirkenden Schauplätzen der polizeilichen Ermittlungsarbeit. Die unterschiedlichen Handlungsstränge werden langsam aufgebaut und verwickeln die Hauptcharaktere nach und nach in etwas, das größer ist als sie selbst.

Gleichzeitig nutzt Mikhael Red Handlung und Schauplätze, um die Zuschauer mit hoch brisanten und aktuellen gesellschaftlichen Vorgängen zu konfrontieren. Obwohl die Landrechtsreform nicht ausdrücklich thematisiert wird, schwingen Fragen um Landrechtskonflikte, damit verbundene staatliche Korruption und Polizeigewalt im Hintergrund immer mit und verdichten die Handlung. Gleichzeitig wird weiteren aktuellen Fragen Raum gegeben wie der nach traditionellen und modernen Werten, der Selbstermächtigung von Frauen und der Geschlechtergleichstellung.

Der Film ist eine Empfehlung für alle, die nicht zu leicht besaitet sind, Lust auf eine emotionale und tiefgründige Geschichte haben und bereits Wissen zu gesellschaftspolitischen Fragen der Philippinen mitbringen. Insbesondere Krimifans werden bei „Birdshot“ auf ihre Kosten kommen.

Neugierig geworden? Erste Eindrücke verschafft der offizielle Trailer:

Rezension zu: Mikhail Red, Birdshot, Philippinen 2016, 116 min

Der Film feierte seine die offizielle Kinopremiere in Deutschland im Rahmen der aktuellen Filmreihe des Asienhauses.

Weitere Informationen zu den Filmreihen im Asienhaus finden Sie auf unser Übersichtsseite.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 4|2019 – Musik als Mittel politischer Bewegung und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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Digitale Drecksarbeit

Das „Handbuch Philippinen“ versammelt vielseitige Einblicke in die Geschichte und Gegenwart des Inselstaats. Es spürt dabei besonders den Herausforderungen der Zivilgesellschaft nach. Eine komplett überarbeitete Neuauflage ist jetzt erschienen.

Mit der sechsten Auflage des „Handbuch Philippinen. Gesellschaft-Politik-Wirtschaft-Kultur“ halte ich meine erste Ausgabe in den Händen. Für mich persönlich trägt es im Kontext privater und beruflicher Erfahrungen zu einem tieferen Verständnis der Seele des südostasiatischen Archipels in all seiner Vielfalt, Schönheit und Zerrissenheit bei. Reiseerfahrungen bekommen einen neuen Anstrich; familiäre Beziehungsmuster erweiterte Handlungsspielräume. Möglichkeiten des persönlichen Engagements werden klarer, Kenntnislücken schließen sich.

Wer sich bereits mit den Philippinen auseinandergesetzt hat, wird im vorliegenden Handbuch bekannten Themen und Inhalten begegnen, wenngleich man diesen besonderen Grad an Tiefe, Genauigkeit und Empathie in anderer Literatur vermissen wird. Es benötigt ein sehr feines Gespür und viel praktische Erfahrung im Umgang mit Kultur und Menschen, um die Facetten philippinischer Sozialisierung derart einfühlsam zu beschreiben, wie es hier gelingt. So widmet sich beispielsweise das Kapitel „Kinder, Kindheit und Erwachsenwerden“ unter anderem dem Thema Kindererziehung und Kinderrechte (z. B. im Kontext von Kinderarbeit) und deren Bedeutung für Familie und Gesellschaft und.

Philippinen von A bis Z

Somit ist das Handbuch für alle geeignet, die sich einen tieferen Einblick in das Wesen von Land, Geschichte, Menschen, Wirtschaft, Kultur, Religion oder insbesondere Politik verschaffen möchten. Es bietet einen hervorragenden Überblick zu aktuellen und zentralen gesellschaftspolitischen Themen und liefert darüber hinaus wertvolle Hintergrundinformationen (u. a. aus der philippinischen Presse oder den Medien), Literaturverweise sowie Links für weiterführende Recherchen. Aus historischer Perspektive spannt es einen weiten Bogen von der neueren Geschichte bis hin zum Wandel zu einer modernen Gesellschaft, die politisch immer noch an postkolonialen Symptomen krankt.

Themen wie Film oder Literatur runden das Handbuch an vielen Stellen ab und eröffnen eine ganzheitliche Sicht auf Land und Leute. Die Inhalte sind oft mit Beispielen aus dem Lebensalltag unterfüttert (z. B. Streiks vor dem Hintergrund prekärer Arbeitsbedingungen, siehe Kapitel „Die Gewerkschafts- und Arbeiter*innen-Bewegung“) und schaffen ein praxisbezogenes, lebendiges Bild der philippinischen Gesellschaft. Insgesamt handelt es sich um eine sehr abwechslungsreiche Lektüre, die aufgrund der authentischen Erfahrungshintergründe der Autorenschaft nicht zuletzt durch die Verwendung und Erläuterung zahlreicher Begriffe philippinischer Sprachen überzeugt. Mit einer guten Mischung aus sachlichen Beiträgen, Erlebnisberichten oder übersetzten Originalquellen richtet sich das Handbuch an eine breite Leserschaft.

Auseinandersetzung mit den politischen Dynastien

Das Handbuch geht ausführlich auf die Entwicklung politischer Dynastien ein, thematisiert die Konsolidierung der extrem ungleichen Besitz- und Machtverhältnisse und rückt in diesem Zusammenhang die strukturellen sozialen Probleme in den Vordergrund. Die ernüchternden Folgen von Interessenskonflikten zwischen Bevölkerung und einem willkürlich agierenden Staat werden unverblümt analysiert und offen gelegt: Im Kapitel „Mindanao: ressourcen- und konfliktreich“ geht es z. B. um die zahlreichen Ursachen und Folgen diverser, seit langer Zeit schwelender Konflikte im Süden des Landes.

Wenngleich die politischen Analysen in diesem Handbuch aus einer westlichen Sichtweise einwandfrei nachvollziehbar sind, wäre nach meinem Verständnis eine etwas ausgewogenere Darstellung wünschenswert gewesen. Dort wo politische Dynastien mit Diktaturen und all ihren Schrecken in Verbindung gebracht werden, gelangte ich in Gesprächen mit Filipin@s oft an einen neuralgischen Punkt. Wenn man sich mit ihnen auf Augenhöhe über damalige oder gegenwärtige Politik in ihrem Land unterhalten möchte, so ist das Verständnis der individual-psychologischen Perspektive genauso wichtig wie das der systemischen. Der qualitative Ansatz könnte im Handbuch an dieser Stelle etwas umfassender sein. In diesem Kontext stände etwa die Frage, welche persönlichen Beweggründe die Filipin@s dazu veranlasst haben, z. B. seinerzeit Despoten wie Marcos über Jahrzehnte im Amt zu stützen bzw. „gut“ zu heißen. Diese Frage wird im Handbuch leider nicht behandelt.

Wie vielfältig, lebendig aber auch brüchig die philippinische Zivilgesellschaft an vielen Stellen ist, wird im Buch insgesamt sehr deutlich, auch, wo sie noch mehr solidarische Unterstützung gebrauchen könnte. Dort, wo Unterstützung von einem korrupten Staatsapparat oftmals verwehrt bleibt, erkennt man nichtsdestotrotz Hoffnungsschimmer, die Mut machen, auch als Außenstehender genauer hinzuschauen und sich zu engagieren!

Ein wahrer Wissensschatz

Unterm Strich bleibt zu sagen: Eine derart umfassende und zugleich kompakte deutschsprachige Publikation über die Philippinen habe ich bisher nicht gefunden. Das Handbuch ist informativ, präzise und aktuell, ein wahrer Wissensschatz! Es reichert bestehendes Wissen an, verknüpft lose Enden und sorgt dort für Fragen und Erkenntnisse, wo man mit einem westlich geprägten Mindset gedanklich oft zum Stillstand kommt. Es sollte in keiner Philippinen-Bibliothek fehlen! Zum Schluss möchte ich gerne eine ehrenamtliche Mitarbeiterin von IPON, dem in Hamburg ansässigen International Peace Observers Network, zitieren. Auf meine Frage, ob sie das Handbuch kenne, gab sie mir mit einem erstaunten Blick zur Antwort: „Das ist unsere Bibel!“

Rezension zu: Rainer Werning/Jörg Schwieger (Hrsg.): Handbuch Philippinen – Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur. 6., akt. & erw. Auflage, Berlin 2019: regiospectra Verlag, 500 S., 24,90 Euro

Am 14. März werden die beiden Herausgeber, Rainer Werning und Jörg Schwieger, sowie die Ko-Autorin Mary Lou U. Hardillo das Handbuch Philippinen im Kontext der aktuellen politischen Entwicklung vorstellen und daraus passagenweise lesen.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2020 – „What do we want? Climate justice“ und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: Seit über 50 Jahren kämpft der militärische Flügel der kommunistischen Partei, die Neue Volksarmee, gegen die extreme Ungleichheit im Land. Im Interviewband „Ein Leben im Widerstand“ blickt Gründer und Anführer José María Sison in die Vergangenheit der Bewegung – und auch in deren Zukunft.

Der kommunistisch geführte Volkskrieg auf den Philippinen geht in sein 51. Jahr und ist damit die weltweit am längsten andauernde bewaffnete Revolution gegen US-Imperialismus, Feudalsystem und den korrupten, reaktionären Staat. Von ihren Gegnern wie dem Militär und den gegen die Linke gerichteten Schlägern wird sie als todgeweiht und terroristisch bezeichnet.

Über die charakteristischen Schikanen hinaus werden die Untergrundlinke und ihre Massenbasis weiterhin vom Staat gejagt, der derzeit von der Herrschaftsclique Rodrigo Dutertes angeführt wird und 125.000 Soldaten und Tausende von Polizeikräften gegen sie ins Feld führt. Sieben Präsidenten, von Marcos in den 1960er Jahren bis Duterte heute, haben groß angelegte und von den USA unterstützte Einkesselungs- und Unterdrückungskampagnen gegen die Sozialrevolutionäre durchgeführt, wobei jeder militärische Stabschef damit prahlte, dass die maoistische Neue Volksarmee (NPA) vernichtet werden würde.

Vor einem Jahr gab Verteidigungschef Delfin Lorenzana zu, dass die kommunistische Rebellion nicht besiegt werden kann. Dennoch kündigte er das erneut aufgelegte Enhanced Comprehensive Local Integration Program (E-CLIP) an, in dessen Rahmen auf lokaler Ebene Friedensgespräche mit der NPA aufgenommen werden sollen – mit dem Ziel, das ländliche Rückgrat der bewaffneten Linken in den letzten drei Jahren der Amtszeit von Duterte [bis Mitte 2022] zu zerschlagen.

Der Staat als Akteur der herrschenden Klasse

Was die herrschende Elite nicht versteht: Der Hauptgrund, warum die revolutionäre Bewegung noch nicht besiegt ist, ist ihre Ausdauer und Widerstandsfähigkeit. Letztere ist tief in der ländlichen Massenbasis, der geheimen revolutionären Regierung sowie in der lebendigen Massenbewegung in den Städten verwurzelt.

In 71 der 81 Provinzen des Landes bestehen Guerillazonen. Nach wie vor wird die Bewegung durch die systemischen und strukturellen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ungleichheiten der Gesellschaft befeuert. Diese werden vom reaktionären Staat geschützt, um die Hegemonie der einheimischen herrschenden Klasse zu sichern.

Der Staat täuscht sich in der Annahme, dass nur ein barbarisches militärisches Vorgehen den Aufstand beenden kann, während er die Aufständischen mit Friedensverhandlungen an der Nase herumführt, um sie in die Kapitulation zu locken und ihre Führer zu ermorden. Der Staat, der als Akteur der herrschenden Klasse handelt, wird sich nicht mit den Ursachen des Krieges befassen. Denn das würde bedeuten, sich zusammen mit dem Ausbeutungssystem sein eigenes Grab zu schaufeln.

Negative Auswirkungen auf die philippinische Revolution

Die Interviews des deutschen Politikwissenschaftlers und Aktivisten Dr. Rainer Werning mit dem Gründungsvorsitzenden der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP) Prof. José María Sison im Band Ein Leben im Widerstand: Gespräche über Imperialismus, Sozialismus und Befreiung vermitteln einen tiefen Einblick in den andauernden revolutionären Krieg und den Optimismus, der ihn begleitet.

So antwortet Sison auf die Frage, warum der Volkskrieg auf dem Weg zu einer strategischen Pattsituation und einer strategischen Offensive immer noch „auf der Stufe der strategischen Defensive“ festgefahren ist:

Auch internationale Faktoren müssen berücksichtigt werden, so Sison, wie zum Beispiel „der revisionistische Verrat am Sozialismus und die vollständige Restauration des Kapitalismus“, die sich negativ auf die philippinische Revolution ausgewirkt haben.

An dieser Stelle unterstreicht Sison, was er bereits in vielen Parteidokumenten und in Büchern geschrieben hat: „Die revolutionären Kräfte müssen an Stärke gewinnen und mit der richtigen Linie voranschreiten, müssen vermeiden, größere und kleinere Fehler zu begehen und Fehler zeitnah durch Kritik und Selbstkritik und gegebenenfalls Berichtigungskampagnen korrigieren, je nach Schwere der Fehler.“

Der marxistische Blick Sisons

Diejenigen, die Sisons frühe und aktuelle Werke gelesen und studiert haben, werden in diesem Buch bekannte Themen, Fragestellungen und Analysen erkennen. Die Bedeutung des neuen Bandes liegt jedoch darin, den Leser zu neuen Perspektiven und Einsichten über nationale und internationale Themen zu führen, die durch den marxistischen Blick Sisons bereichert werden und im Interviewformat zum Nachdenken anregen. Mit Blick auf die „Aussichten auf ein weltweites sozialistisches Wiederaufleben“ sagt er in Kapitel 9:

Neue Anziehungskraft des Sozialismus

Sisons Synthese überzeugt auch heute angesichts der kumulativen Auswirkungen der kapitalistischen Krisen und der erneuten Anziehungskraft des Sozialismus. Die Edelman Trust Barometer-Umfrage 2020 unter 40.000 Befragten in 28 Ländern ergab, dass fast 60 Prozent der Befragten den Kapitalismus für schädlich halten. Eine ähnliche Umfrage ergab kürzlich, dass 40 Prozent der Amerikaner es vorziehen würden, in einem sozialistischen Land zu leben. Die Zustimmungsquote der Frauen liegt sogar bei 60 Prozent.

Weitere Interviews im Buch zeigen Ausschnitte aus Sisons Leben. So war Sison zum Beispiel mit neun Jahren Messdiener und träumte davon, Bischof zu werden. Was ihn am meisten beeindruckte, war die Erinnerung an seinen Großonkel Isabelo de los Reyes, der ein Sympathisant der philippinischen Revolution war, ein Senator, Gründer der modernen Arbeiterbewegung des Landes und Antiimperialist.

Sison als Autor und Poet

Ein Leben im Widerstand ist das neueste von rund 30 Büchern, die Sison seit den 1960er Jahren veröffentlicht hat. Seine Werke einschließlich seiner Gedichte sind eine Erzählung des 60jährigen nationalen demokratischen Kampfes, der Geburt und des Wiederauflebens des Volkskrieges, der revolutionären Anwendung der Theorien von Marx, Lenin und Mao Zedong auf den Philippinen und der sozialistischen Perspektive – ein mühsames und heroisches Unterfangen, bei dem er die Hauptfigur war.

Die revolutionäre Bewegung hat die politische Landschaft verändert, hat Millionen von Menschen, insbesondere Bauern, Arbeiter, Jugendliche und andere demokratische und fortschrittliche Kräfte, dazu inspiriert, Freiheit und Demokratie einzufordern und hat die herrschende Elite und ihre ausländischen Herren aufgeschreckt.

Vielleicht ist es als Zusammenfassung des Buches angebracht, einen Ausschnitt von Sisons Gedicht Der lange Freiheitskampf von 2018 zu zitieren:

Eine ausführlichere Version dieser Rezension wurde Anfang März 2020 im Rahmen der Buchvorstellung der englischen Ausgabe Reflections on Revolution and Prospects in Manila vorgetragen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

Rezension zu: José María Sison, Rainer Werning: Ein Leben im Widerstand: Gespräche über Imperialismus, Sozialismus und Befreiung. Verlag Neuer Weg, Essen, 2019, 272 S.

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Südostasien: Das „Routledge Handbook of Climate Justice“ ist eine reichhaltige Wissenssammlung. Es macht deutlich, dass Klimagerechtigkeit nicht an Landesgrenzen aufhören darf und auch nicht an gesellschaftlichen Grenzen. Um eine breite Leserschaft zu erreichen, ist das Buch aber leider zu teuer.

Ein Buch mit über 500 Seiten kann vieles. Es kann Briefe beschweren und den eigenen Kopf. Es kann Insekten erschlagen, genauso wie die Leser*innen. Es kann das Bücherregal bereichern und das eigene Wissen. Dem Handbuch zur Klimagerechtigkeit des Routledge -Verlags gelingt vor allem letzteres: Es bereichert das Wissen. Das Buch führt in den Diskurs der Klimagerechtigkeit ein und erklärt vielschichtig, wie die Klimakrise mit lokalen und globalen Fragen sozialer Gerechtigkeit verknüpft ist.

Nach einer Einführung in die bislang relativ kurze Geschichte des Diskurses sowie der Grundlagen der theoretischen Debatten setzen die Herausgebenden thematische Schwerpunkte, wie zum Beispiel Finanzen & Unternehmen, urbane Räume und Gender. Schon anhand der Schwerpunkte wird deutlich, dass Klimagerechtigkeit nicht nur über Landesgrenzen sondern auch über gesellschaftliche Grenzen hinweg gedacht wird. Sie ist ein Ansatz für alle, der genug Spielraum lässt, die grundlegenden Ideen auf den eigenen Lebens- und Arbeitskontext anzupassen.

Klimagerechtigkeit in Südostasien

Das Buch bietet Fallbeispiele aus fast allen Regionen der Welt. Zu Südostasien gibt es drei Beiträge. Anna Fünfgeld diskutiert die Gerechtigkeit im indonesischen Energiesektor. Sie stellt grundlegende Fragen zu politisch-ökonomischen Systemen, die hinter fehlender Gerechtigkeit in der Energieversorgung stecken und erklärt an Beispielen, wie ländliche Gemeinschaften in Indonesien sowohl bei der Energieerzeugung als auch beim Zugang zu Energie benachteiligt werden.

Roa Petra Crease, Meg Parsons und Karen Toni Fisher besprechen in ihrem Beitrag, wie die Geschlechter- und Klimagerechtigkeit sich in Projekten zur Anpassung an den Klimawandel auf den Philippinen überschneiden. Es geht zum Beispiel um Projekte von internationalen Hilfsorganisationen und der philippinischen Regierung in der Stadt San Fernando. Dort kämpfen marginalisierte Gruppen mit Wetterextremen, die sich durch die Klimakrise verstärken. Frauen sind davon besonders stark betroffen, da sie unter Mangelernährung leiden.

Die Autorinnen kritisieren, dass die vermeintlichen Lösungsansätze zur Anpassung an den Klimawandel gerade diese Frauen noch weiter gefährden. In den Projekten werden Frauen ausschließlich als Versorgerinnen und als verletzlich gesehen. Das sei gefährlich, so die Autor*innen, weil auf diese Weise die Rolle von Frauen als Wissensquelle, zum Beispiel in der Landwirtschaft, übersehen wird. Außerdem werden vorhandene Machtstrukturen verstärkt, indem mit ihnen gearbeitet und auf sie aufgebaut wird.

Frauen aktiv beteiligen

In einem anderen Beitrag analysieren So-Young Lee und Eric Zusman aus einer Geschlechterperspektive einige Maßnahmen zur Abschwächung der Folgen des Klimawandels und der partizipativen Klimapolitik in Südostasien. Auch sie beklagen, dass Frauen in der Problemanalyse einer Krisensituation und in der darauf aufbauenden Projektplanung oft als Opfer dargestellt werden. Außerdem werde bei der Implementierung von Maßnahmen übersehen, welchen aktiven Beitrag sie leisten, und wie vielfältig ihre Rollen in einer Gemeinschaft sein können. Fallstudien aus Laos, Kambodscha und Vietnam machen deutlich, wie eine Einbindung von Frauen in diese Projekte erfolgreich sein kann.

In Kambodscha werden Frauen zum Beispiel in die Herstellung und den Verkauf von nachhaltigen Kochern eingebunden, sowie auch in deren Integrierung in die nationale Strategie zur nachhaltigen Energiegewinnung. Sie sind nicht als Zielgruppe sondern aktiv am gesamtem Prozess beteiligt. In einem Pilotprojekt in Vietnam, das Biogasanlagen baut, werden Frauen dazu ausgebildet, sowohl die erste Anlage zu betreiben, als auch neue Mitarbeiter*innen für zukünftige Anlagen zu schulen. Im Rahmen dessen wurde der lokale Aktionsplan zu Umweltschutz und Klimawandel mit explizitem Einbezug von weiblichen Expertinnen überarbeitet.

Vielfalt an Autor*innen

Die Auswahl der Autor*innen für das Handbuch wurde mit Bedacht getroffen. Zwar sind diejenigen, die an anglophonen Universitäten des globalen Nordens arbeiten, immer noch überrepräsentiert, doch es wird ein Bemühen deutlich, Menschen mit möglichst verschiedenen Hintergründen eine Stimme zu geben – sei es Geschlecht, Herkunft oder beruflicher Status. Es sind sogar einige Beiträge von Studierenden zu lesen. Zudem gibt es Autor*innen, die nicht im akademischen Bereich arbeiten, sondern in Netzwerken oder Organisationen im Bereich Klimagerechtigkeit aktiv sind. Dadurch gelingt es dem Sammelband, nicht nur den akademischen Diskurs zu zeigen, sondern auch ein Verständnis für gelebte Klimagerechtigkeit zu vermitteln.

Eine Frage des Zugangs

Das Buch schließt mit einem Kapitel zu „Emerging Areas“. Hierbei geht es unter anderem in einem Beitrag von Sonja Klinsky um die Öffnung von Wissenschaft. Sie berichtet von ihren eigenen Erfahrungen, Forschungsmethoden neu zu denken, um eigene Vorurteile nicht von vornherein in Thesen und Forschungsfragen zu reproduzieren. Sie plädiert dafür, mehr Kooperationen einzugehen und den Menschen, die Zielgruppe von Studien sind, mehr Mitspracherecht und Raum zur eigenen Repräsentation zu geben.

Solidarische Kooperationen über Grenzen hinweg und auf Augenhöhe, das mache Klimagerechtigkeit aus, so Klinsky. Die Herausgeber haben sich bemüht, diesen Gedanken auch in der Konzeption des Sammelbandes umzusetzen – vollständig gelungen ist es ihnen allerdings nicht. Dies betrifft die Auswahl von Autor*innen aber letztendlich auch den Zugang zum Buch. Denn es ‚versteckt sich’ hinter einer Bezahlschranke von satten 123 englischen Pfund (~ 140 Euro) für die E-Book-Version bzw. 152 Pfund (~ 170 Euro) für das gedruckte Werk.

Rezension zu: Tahseen Jafry (Hg.): Routledge Handbook of Climate Justice. Routledge, 542 S., 2018.

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Südostasien: Vielen Menschen fehlt es noch immer am sicheren Zugang zu Lebensmitteln – ganz besonders Frauen und Kindern. Das Buch „Ensuring a Square Meal“ beleuchtet, welche Rolle Frauen für eine ausreichende Ernährung ihrer Familien spielen können – innerhalb sowie auch außerhalb der Familie.

Kürzlich wurde der Welternährungsbericht 2020 der Vereinten Nationen veröffentlicht. Eine der Hauptbotschaften ist: Die Zahl unterernährter Menschen steigt weiter an, vor allem in Asien. Die Gründe dafür sind vielfältig: Konflikte, extreme Klimasituationen, Wirtschaftskrisen. Durch die COVID-19-Pandemie, so der Bericht, drohe die Zahl der Hungernden weiter anzusteigen.

Lebensmittelkrisen gab es bereits in den Jahren 2008/2009 und 2012 – ausgelöst durch steigende Preise. Schon diese Krisen verschärften die Disparität zwischen Regionen in Südostasien, die vom schnellen wirtschaftlichen Wachstum der frühen 2000er Jahre profitierten, und jenen, auf die sich diese positiven Impulse nicht übertrugen. Obwohl einige Regierungen Mechanismen für Ernährungssicherung und nachhaltige Landwirtschaft etabliert haben, so bleibt doch die Gefahr von stark ansteigenden Preisen in einer unsicheren globalen Wirtschaftslage bestehen – auch darauf verweist der aktuelle Welternährungsbericht.

Frauen in den Fokus rücken

Aufgrund dieser Erkenntnis veranstaltete das Institute of Southeast Asian Studies (ISEAS) in Singapur bereits 2011 eine Konferenz, die sich mit der Rolle von Frauen für eine sichere Ernährung beschäftigte. Das Kompendium Ensuring a Square Meal: Women and Food Security in Southeast Asia ist eine Sammlung der Beiträge dieser Konferenz. Herausgegeben wurde das Buch von Theresa W. Devasahayam, die zu dieser Zeit in der Geschlechterforschung des ISEAS arbeitete und die Ungleichheit von Frauen im öffentlichen und privaten Raum untersuchte.

Im einleitenden Kapitel beschreibt die Herausgeberin, warum es notwendig ist, Ernährungssicherung in Südostasien aus Perspektive der Geschlechterforschung zu betrachten und richtet damit den Fokus auf ein bisher kaum erforschtes Gebiet. Dabei identifiziert Devasahayam ein wichtiges Paradox: Zusammen mit Kindern sind Frauen am meisten gefährdet, nicht genügend Nahrung zu erhalten. Gleichzeitig tragen sie aber signifikant zur Ernährung ihrer Familien sowie zur wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Entwicklung bei.

Überfälliger Perspektivenwechsel

In Südostasien leisten Frauen ungefähr 50 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit, wobei Devasahayam mit einer höheren Dunkelziffer rechnet, da die Arbeit von Frauen häufig als ‚Zuarbeit’ angesehen und deswegen nicht statistisch erfasst werde. Die Arbeit der Frauen sei zudem nicht nur bedeutend für die Produktion von Lebensmitteln sondern auch für deren Handel. Ihr Einkommen ermächtige Frauen dazu, Entscheidungen auf Haushaltsebene zu treffen, wie zum Beispiel zu Bildungsinvestitionen für die Kinder oder auch um lokale Wirtschaftsnetzwerke wie zum Beispiel Handelskooperativen zu fördern. Fallstudien zeigen außerdem, dass Frauen ihr Einkommen eher zum Wohlergehen der gesamten Familie einsetzen als Männer.

Warum haben Frauen trotzdem keinen sicheren Zugang Lebensmitteln? Als Gründe führt Devasahayam die allgemeine Lebensmittelknappheit an, den Mangel an Kaufkraft und die Zugangsbeschränkungen zu fruchtbarem Land. Diese Ressourcenprobleme haben auch Männer in Entwicklungsländern, für Frauen kommen jedoch strukturelle, politische, kulturelle und soziale Faktoren erschwerend hinzu. Beispielsweise seien häufig nur Männer die Zielgruppe von technischen Weiterbildungen und Wissenstransfer in der landwirtschaftlichen Entwicklung.

Die Beiträge des Buches arbeiten diese erschwerenden Faktoren heraus und verdeutlichen sie anhand von Fallbeispielen und wissenschaftlicher Literatur. Die Autor*innen stellen grundlegende Fragen zur Chancengleichheit auf Landbesitz, zu den Zugangskriterien zu landwirtschaftlichen Ressourcen und Services, zur Möglichkeit der wirtschaftlichen Organisation und Teilnahme an Programmen, zur Evaluierung von Gesetzgebungen und eben zu der Rolle, die Frauen in der Ernährungssicherung auf allen Ebenen spielen. Diese Leitfragen werden nicht nur im Hinblick auf die strukturelle Dichotomie zwischen Männern und Frauen analysiert sondern auch im Kontext der Sphären privat und öffentlich sowie der Annahme, dass es Überlappungen beider gibt.

Frauen ermächtigen und Ernährung sichern – Fallbeispiele

Das zweite Kapitel gibt einen Überblick über Definitionen, Annahmen und Bereiche, die die Ernährungssicherung beeinflussen. Die weiteren Artikel widmen sich überwiegend konkreten Beispielen aus Indonesien, Vietnam, Malaysia und den Philippen. Dabei werden verschiedene Lebensrealitäten betrachtet, wie zum Beispiel der Einfluss von Palmölplantagen auf Landrechte in Indonesien oder der Fakt, dass sich in Vietnam Maßnahmen zur Ernährungssicherung durch Reisanbau häufig ausschließlich an Männer richten, obwohl Männer und Frauen die Entscheidungen zur Produktion von Reis gemeinsam treffen.

Eine weitere Studie aus Vietnam zeigt, dass es dem Wohlergehen der Familie und ganz besonders der Ernährung der Kinder dient, wenn die Frauen gestärkt werden. Erforderlich sei dafür, dass Frauen die Möglichkeit haben, außerhalb des eigenen Haushalts zu arbeiten, um etwas dazuzuverdienen.

Ein anderes Beispiel aus Indonesien beschäftigt sich mit Frauen, die in Singapur arbeiten und dadurch indirekten Einfluss auf die landwirtschaftliche Entwicklung haben. Zwar betrachten die Frauen selbst die landwirtschaftliche Arbeit als wenig lukrativ und arbeiten deshalb für ein festes Einkommen im Ausland. Durch das Geld, das sie aber nach Hause schicken, tragen sie jedoch maßgeblich zur Ernährungssicherung und den landwirtschaftlichen Aktivitäten ihrer Familien bei.

Wissenschaftlich fundiert, doch leider nicht aktuell

Die Beiträge in den zehn Kapiteln dokumentieren wissenschaftlich fundiert den aktiven und großen Anteil, den Frauen an der Sicherung der Ernährung für ihre Familie und ganzer Dörfer haben. Gleichzeitig arbeiten die Beiträge auch heraus, an welchen Stellen Frauen strukturell benachteiligt werden, was wiederum dazu führt, dass ihnen die Werkzeuge fehlen, Lebensmittel zu produzieren, zu handeln und sich zu vernetzen.

Erwähnt sollte auch werden, dass die Beiträge des Buches vor inzwischen neun Jahren entstanden sind. Auch wenn der überwiegende Teil der Erkenntnisse vermutlich weiterhin relevant ist, wäre es wünschenswert, in dem Buch auch aktuellere Entwicklungen und Lebensrealitäten zu finden.

Trotzdem kann das Buch als deutlicher Appell an Entscheidungsträger*innen in Regierungen oder Projekten der Entwicklungszusammenarbeit gelesen werden, Frauen zu fördern und es ihnen zu ermöglichen, die Versorgung mit Lebensmitteln für ihre Familien sicherzustellen. Das würde einiges zur Armutsreduzierung beitragen.

Trotz der sozialwissenschaftlichen Natur des Buches ist es anschaulich und gut lesbar geschrieben. Das macht es nicht nur für Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen im entwicklungspolitischen und politikgestaltenden Bereich zu einer spannenden und erkenntnisreichen Lektüre. Gleichzeitig zeigen die Ausführungen wieder einmal, wie signifikant und dennoch unterbeleuchtet die Rolle von Frauen in allen Entwicklungsbereichen eines Landes oder einer Region ist – und wie diese gleichzeitig durch die patriarchale Dichotomie unterminiert wird.

Rezension zu: Theresa W Devasahayam (Hg). Ensuring a Square Meal: Women and Food Security in Southeast Asia. World Scientific, 2018, 264 Seiten.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 3|2020 – #SOAToo. Sexualisierte Gewalt und feministische Gegenwehr in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: Junge Filipin@s gehen gemeinsam auf Wurzelreise und erkunden ihre Identität innerhalb der Diaspora und der philippinischen Heimat. Das Buchprojekt „Gemeinsam verschieden“ fasst ihre Erfahrungen zusammen

Das Sentro (Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas), ein Zentrum für österreichische und philippinische Kultur und Sprache, das 2010 in Wien als eine gemeinnützige und nichtstaatliche Organisation gegründet wurde, arbeitet an verschiedenen Projekten. Dazu gehören Tagalog Sprachkurse, kulturelle Präsentationen, Vorträge über die Philippinen und die philippinische Gemeinschaft in Österreich sowie Sommercamps mit dem Ziel, die Bedeutung beider Kulturen für Kinder und Jugendliche hervorzuheben.

Aktuell hinzugekommen ist nun auch ein Buchprojekt. Dabei geht es um den Versuch, die eigene Identität zu definieren. Das Projekt zielt darauf ab, die Herausforderungen zu verstehen, denen sich junge philippinischen Österreicher*innen, philippinische Deutsche und Kinder aus bi-kulturellen Familien in einer Diaspora gegenübersehen. Arlene Castañeda, Ralph Chan und Joshua Makalintal sind Mitglieder des Teams, das die Herausgabe des Buches leitet und koordiniert. Sie geben im folgenden Interview nähere Auskunft über das Vorhaben.

Worum geht es in dem Buchprojekt inhaltlich?

Ralph Chan (RC): Personen mit Migrationshintergrund wie Austro-Filipinos und -Filipinas haben meist damit zu kämpfen, ihre eigene Identität bzw. ihr eigenes Ich zu entdecken. Es entstehen häufig Fragen wie: Wer bin ich, wo gehöre ich hin und was bin ich – ein Filipino oder eine Filipina oder doch ein Österreicher oder eine Österreicherin? Wann bin ich Europäerin und wann bin ich Asiate? Meine persönliche Ansicht ist, dass Identität wie ein Puzzle ist, das aus seltsam geformten, ineinander greifenden Mosaikteilen besteht, die zusammengesetzt gehören. In anderen Worten bedeutet dies: Um die eigene Identität verstehen zu können, muss jede*r die einzelnen Teile des Puzzles zusammensetzen, um das gesamte Bild zu sehen. Und das ist auch eines der Ziele unseres Sammelbandes mit dem Arbeitstitel Common diversities: Young Filipin@s in Austria and Europe/Gemeinsam verschieden. Junge Filipin@s in Österreich und Europa. Mit dieser Anthologie versuchen wir herauszufinden, wie die zweite und dritte Generation der österreichisch-philippinischen Gemeinschaft ihr tägliches Leben durch soziale, kulturelle, politische und wirtschaftliche Einflüsse erleben und wahrnehmen. Diese Veröffentlichung ist auch für den Herausgeber Sentro ein Meilenstein, da sie das 10-jährige Bestehen von Sentro markiert.

Welche Themen sollen insbesondere behandelt werden?

RC: Das Buch besteht aus drei Hauptkapiteln und mehreren Unterkapiteln, die in englischer, deutscher oder philippinischer Sprache verfasst werden, nämlich (1) Menschen & Gesellschaft, (2) Politik & Wirtschaft und (3) Kultur, die die Leser*innen als roter Faden durch das Buch führen sollen. Die Frage der Identität spielt in allen Kapiteln eine wichtige Rolle, da die Zielgruppen für dieses Buch die heutigen Jugendlichen und auch ihre Eltern sind. Die Kapitel sind sehr vielfältig: Es beginnt bei der Frage, warum es nur wenige österreichisch-philippinische Wissenschaftler*innen oder Expert*innen in Österreich gibt und geht weiter zum Thema, wie das Matriarchat die philippinische Gesellschaft wirklich beeinflusst. Weiter wird behandelt, wie politischer Aktivismus tatsächlich gelebt oder wie das philippinische Essen als food heritage in der österreichischen Küche neu interpretiert wird. Weitere Themen, die auch besprochen werden, sind zum Beispiel, wie wichtig ist es, dass Mütter ihren Kindern Tagalog beibringen oder wie relevant Pamahiins (Tagalog für Aberglaube) bis heute sind.

Joshua Makalintal (JM): Ein Beispielthema ist die Diasporapolitik. Unser Kapitel (Autoren Joshua Makalintal und Christopher Chanco) behandelt die Beziehung zwischen der philippinischen Diaspora und dem populistischen Autoritarismus auf den Philippinen. Wir analysieren, warum der derzeitige Präsident Rodrigo Duterte unter den Auslandsfilipinos und Auslandsfilipinas in Nordamerika, Europa und dem Nahen Osten große Unterstützung bekommt. Im Kapitel wird über den Diaspora-Nationalismus gesprochen, welcher eine Identitätspolitik ist, die im Kampf gegen soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit in den westlichen Demokratien mobilisiert wird. Diese Identitätspolitik kann sich auch in Richtung einer reaktionären Politik im Heimatland entwickeln. Zum Schluss kommen einige persönliche Reflexionen über die Erfahrungen der Autoren als first generation immigrants, die in Kanada und Österreich leben.

Wer sind weitere Autor*innen, die zum Buchprojekt beitragen?

RC: Die Autor*innenschaft setzt sich aus verschiedenen philippinischen, österreichischen und deutschen Akademiker*innen und Interessent*innen zusammen. Die Autor*innen kommen aus den Philippinen, Österreich oder Deutschland, manche leben aber auch in anderen Ländern wie Kanada. Das Buchprojekt wird inhaltlich wie auch organisatorisch von acht Wissenschaftler*innen und Expert*innen unterstützt, die weltweit an den verschiedensten Forschungsinstitutionen tätig sind wie der Universität Wien (Österreich), der Humboldt-Universität Berlin (Deutschland), der Universität Canberra (Australien), der Universität Ateneo de Manila und der Universität Santo Tomas (Philippinen). Sie helfen uns dabei, das Buchprojekt als wichtige Pionierarbeit der Diaspora Filipinos und Filipinas zu positionieren.

An wen wendet sich das Buch als Leser*innenschaft?

RC: An alle Interessierten der österreichisch-philippinischen Diaspora. Der Verein Sentro ng Kultura at Wika ng Austria at Pilipinas beschäftigt sich schon lange mit Integrationsfragen. Junge Austro-Filipin@s der zweiten und dritten Generation berichten, wie die in der Diaspora lebenden Jugendlichen oder jungen Erwachsenen ihre Realität wahrnehmen und über ihr Leben nachdenken. Es werden Momentaufnahmen dargestellt und persönliche Geschichten erzählt. Der Sammelband bietet keine wissenschaftliche Publikation, sondern eine persönliche Reflexion basierend auf wissenschaftlichen Fakten, die aber aus den Augen der Autor*innen erzählt werden.

Warum hat Sentro dieses Projekt in Angriff genommen?

Arlene Castañeda (AC): Ich habe drei Kinder, die mittlerweile junge Erwachsene sind und ihren eigenen Weg gehen. Meine Kinder sind mit philippinischen und österreichischen Werten groß geworden. Es ist mir sehr wichtig, in der Familie Respekt und Toleranz für alle ungeachtet von Herkunft und Glauben zu leben und diese Werte vor allem an Kinder und Jugendliche zu übermitteln. Aber gerade in dieser Zeit erleben unsere Kinder die Gefährdung dieser Werte. Mit diesem Buch verbunden ist mein persönliches Anliegen, dass die Jugendlichen ihre Herkunft und ihre Geschichten selbst erzählen. Ich bin überzeugt, dass sie am besten ihre eigene Collage aus Überzeugungen, Träumen, Erfahrungen und Einsichten malen können. Ich möchte, dass andere Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Kulturen über Erfahrungen Bescheid wissen, um ein besseres Verständnis füreinander zu schaffen.

Welche Erwartungen und Ziele verbindet Sentro mit dem Buchprojekt?

AC: Ich erwarte, dass die Jugendlichen ihre eigene Herkunft und Geschichte reflektieren. Dieses Buch soll eine (kulturelle) Momentaufnahme für sie selbst und die Kinder anderer Kulturen sein und der Versuch, die eigene Identität zu definieren. Es geht um den Wunsch, anderen zu vermitteln: „Ich bin allein dafür verantwortlich, die Bestandteile meiner Identität zu bestimmen, und ich nehme jede Herausforderung an, ob äußerlich oder innerlich, um diese Identität zu formen und mit Stolz zu leben.“

Das Hauptanliegen von Sentro ist die Vermittlung der philippinischen Kultur an Kinder und Jugendliche und wir sind überzeugt, dass dieses Buchprojekt dies unterstützt. Zusätzlich hat dieses Buchprojekt eine neue Dynamik unter jungen Menschen und den Akademiker*innen und Wissenschaftler*innen erzeugt.

JM: Das Buchprojekt ist eine Anthologie, die die Erfahrungen und Gedanken der philippinischen Diaspora in Österreich und der deutschsprachigen philippinischen Community darstellt. Ein Teil des Buches konzentriert sich beispielsweise auf die Politik, wobei die gesellschaftlichen Konflikte und Diskurse rund um die aktuelle Situation auf den Philippinen in den Mittelpunkt gestellt werden. Die aktuellen Entwicklungen haben zu Spannungen unter den Filipinos und Filipinas sowohl im Land selbst als auch im Ausland geführt. Die Rolle der Diaspora ist daher besonders wichtig, da sie paradoxerweise eine der Schlüsselkräfte hinter dem Aufstieg von Duterte, als auch ein wichtiger Akteur des Dissenses ist. Dieses Buch, insbesondere das Kapitel von mir und Chanco, soll die Leser*innen über dieses wichtige Thema aufklären.

Wann und wie soll das Buch erscheinen?

RC: Das Buch wird im Herbst 2021 erscheinen. Weitere Informationen zum Buch gibt es beim Sentro. Spannende Infos zur europäisch-philippinischen Diaspora finden sich im e-Magazin Roots and Wings.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 4|2020 – Diaspora – Community beyond borders und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: „In the Country“ von Mia Alvar führt die Protagonist*innen von Manila nach Bahrain und New York. Anhand ihrer Schicksale erzählt Alvar, wie Arbeitsmigration und Auswanderung nicht nur das Leben von zahlreichen Filipin@s prägen sondern die gesamte philippinische Gesellschaft.

Während Sally in Bahrain die beeinträchtigte Tochter von Mrs. Mansour betreut, putzt ihre Freundin Minnie das Haus der reichen Dame. Esmeralda macht seit fast zwanzig Jahren in New Yorker Haushalten und Büros sauber. Andoy arbeitet als Chauffeur in Saudi Arabien, während die Krankenschwester Milagros gar nicht daran denkt, die Philippinen zu verlassen. Sie alle kennen einander nicht und dennoch kreisen ihre Geschichten um dasselbe Thema: Auswanderung und Arbeit im Ausland – sei es als Notwendigkeit, um Geld für die Familie zu verdienen, als Erfüllung eines persönlichen Traums oder als Option, die immer wieder die eigenen Gedanken kreuzt.

In den neun Kurzgeschichten von In the Country schlüpft Mia Alvar in verschiedene Figuren und kann so ganz unterschiedliche Erzählperspektiven einnehmen. Damit gibt sie die Vielschichtigkeit der philippinischen Communities im Ausland wieder, zeigt deren Beweggründe, Sorgen und Lebenswelten. Keine Person ist wie die andere, keine Geschichte wiederholt sich. Zwar sind die Protagonist*innen fiktive Figuren. Doch ihre Schicksale lassen sich durchaus im realen Leben finden. Die Autorin kann selbst von einer Migrationsgeschichte erzählen: in Manila geboren, ist sie in Bahrain und New York City aufgewachsen, wo sie heute noch lebt.

Zwischen zwei Welten

Welche philippinische Familie kennt sie nicht, die balikbayans, die Rückkehrer, mit ihren Geschichten und Geschenken aus einer anderen Welt? Balikbayans wie Steve in der Geschichte The Kontrabida, der in New York als Apotheker arbeitet und in Manila seine alternde Mutter und den sterbenden Vater besucht. Schmerzvoll sieht er seiner Mutter dabei zu, wie sie den Vater umsorgt, trotz aller Erniedrigungen, die dieser ihr getan hat. Fast schüchtern bewegt sich Steve im Haus seiner Kindheit. Im Hof, in dem er einst spielte, steht nun ein Sari-Sari-Store, jener typisch philippinische Gemischtwarenladen. Es waren seine Rücküberweisungen, die den Eltern das Geschäft ermöglicht haben. Nun sieht er dabei zu, wie seine Mutter abwechselnd die Kundschaft, den Vater und auch noch ihn bedient. Seinen Verwandten und Freunden erzählt er, was sie hören möchten: Dass er das philippinische Essen vermisse, die Leute und das Land. In seinem Inneren ist er jedoch ein Fremder, der sich in New York mittlerweile mehr Zuhause fühlt als in Manila.

Gespaltene Community

Bahrain hingegen wird für die Protagonist*innen nie zu einem dauerhaften Zuhause. Das Land ist lediglich ein Zwischenstopp auf der Reise in ein weiteres Land, etwa in die USA, oder ein temporärer Arbeitsaufenthalt, der von der ständigen Sehnsucht nach den Philippinen geprägt ist. In der Geschichte Shadow Families haben sich mehrere Familien zusammengetan, um einmal in der Woche die philippinische Lebensweise in den Wüstenstaat zu holen – in Form einer Party mit Essen und Karaoke. Es gibt Glücksspiel und Bier für die Männer und tschismis, Klatsch und Tratsch, für die Frauen. Geselligkeit als Mittel gegen das Heimweh. Aber auch in dieser Parallelwelt sind nicht alle gleich. Die philippinischen Migrant*innen unterscheiden sich in ihrer sozialen Herkunft, ihrem Gehalt, ihrem Aufenthaltsstatus und dem Arbeitsverhältnis. In fast peinlich berührter Weise sind ihnen diese Unterschiede bewusst. Auf der einen Seite sind da jene, die zusammen mit ihren Familien kamen und nun in großen Häusern leben, und auf der anderen die, die alleine kamen und tagsüber in reichen Haushalten fremde Kinder hüten und nachts eine Wohnung oder ein Zimmer mit anderen Haushaltsgehilfen teilen.

Kommunikation über 5000 Meilen hinweg

Andoy, Protagonist in A Contract Overseas, ist der Meinung, dass Auswanderung nun, da er Vater sei, die beste Option sei. Das verkündet er seiner Schwester, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt ist. Sie bleibt auf den Philippinen zurück, während er nach Saudi Arabien geht, wo er unter anderem die College-Gebühren für seine Schwester verdienen möchte. Sie solle ein richtiges Studentenleben führen können, meint er. In ihren Briefen an ihn lässt sie aus Rücksicht vieles unausgesprochen: „I must have wanted him to feel, 5000 miles away, that he was working hard toward a good cause.“ In regelmäßigen Abständen kommen Andoys Arbeitskollegen zu ihr, jene carabaos, die stellvertretend für andere Geld und Geschenke an die Angehörigen verteilen. Die Gesundheit und Freude dieser Boten signalisiert den Familien, dass es ihren eigenen Brüdern, Vätern und Söhnen ebenfalls gut gehe. Doch nicht immer gelingt es, die Sorgen und Ängste zu zerstreuen.

Geschichten und Geschichte

In einigen Erzählungen des Buches verbinden sich persönliche Geschichten mit historischen und politischen Begebenheiten. So lässt Esmeralda im Schatten der Ereignisse um den 9. September 2001 ihre Ankunft in New York und ihre Stationen in der Stadt Revue passieren. Die Titelgeschichte In the Country führt zurück in die Zeit der Marcos-Diktatur. Die Krankenschwester Milagros, eher unpolitisch und an den Unruhen der beginnenden 1970er wenig interessiert, organisiert einen Streik des Krankenhauspersonals. Ihre Geschichte wird bis zur People Power Revolution im Februar 1986 und somit bis zum Sturz Marcos weitererzählt.

Die Lektüre des Buches In the Country ist kurzweilig und berührend. Die Schicksale und Gefühlswelten der Protagonist*innen geben kleine Ausschnitte vom Bild einer Gesellschaft wieder, die von Auswanderung und Arbeitsmigration geprägt ist. Zusammen ergeben sie ein Puzzle, das sich um viele weitere Geschichten aus dem fiktiven oder realen Leben erweitern lassen könnte.

Rezension zu: Mia Alvar. In the Country. Stories. Alfred A. Knopf. 2015. 368 Seiten

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: Die Corona-Pandemie wird auf den Philippinen hauptsächlich mit Einschüchterung und Waffengewalt ‚bekämpft’. Die Arte-Reportage „Dutertes Methoden im Schatten des Virus“ gibt einen Überblick.

„I will not hesitate to order my soldiers to shoot you” – Das ist der erste Satz, mit dem Rodrigo Duterte, seit 2016 Präsident der Philippinen, in der Reportage auftritt. Dieser eine Satz fasst gut zusammen, worauf die philippinische Regierung bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie ihren Fokus richtet. Statt einer solidarischen Strategie, die sich an den Lebensrealitäten von Millionen Menschen im Inselstaat orientiert, werden militärische Gewalt und polizeiliche Patrouillen in einem der längsten Lockdowns der Welt durchgeführt. Diese sollen die Einhaltung der nächtlichen Ausgangssperre überprüfen, bei der Personen unter 21 und über 60 Jahren nicht das Haus verlassen dürfen. Während der Sperrstunde ist es nur Menschen, die einer Lohnarbeit nachgehen, gestattet, sich draußen aufzuhalten. Dass diese Regelungen für viele Menschen schlichtweg nicht einzuhalten sind, ist dabei Nebensache.

Grundsätzlich hat das Wohl der Bevölkerung keine Priorität – die Pandemie forderte bislang über 7.000 Menschenleben, das Gesundheitssystem kam an seine Grenzen. Die Maßnahmen brachten vor allem einen Einbruch der Wirtschaft mit sich, Millionen von Menschen wurden arbeitslos und gleichzeitig werden Kritiker*innen und politische Gegner*innen verstärkt verfolgt, eingeschüchtert und ermordet.

Menschen an der Belastungsgrenze

Das medizinische Personal, das wie in anderen Ländern an der Belastungsgrenze arbeitet (vgl. Artikel Pflegekräfte in der Corona-Pandemie auf suedostasien.net), sieht sich dabei mit Schmähkampagnen und Drohungen konfrontiert. Dank für medizinisches Personal sei unnötig, so die Argumentation, da dieses für ihre Arbeit schließlich bezahlt würde und also ihren Job machte. Diese Aussagen zeigen den Diskurs, bei dem sich die Kritik der Lohnarbeitenden häufig nur gegeneinander richtet und selten ‚nach oben’ zielt – gegen die besitzende Klasse und die Regierung, die diese Klasse schützt.

Die Reportage folgt außerdem einem Priester, der in Caloocan, einem Stadtteil Manilas, bei Sterbefällen Trost spendet. Denn nicht nur Corona-Tote hat das Land zu beklagen. Auch Menschen, die in Krankenhäusern aufgrund der fehlenden Kapazitäten abgewiesen werden, sterben.

„Bald wird dies die Pandemie des Hungers sein“

Darüber hinaus verteilt der engagierte Priester Essenspakete an Menschen, die auf der Straße leben. Die Zahl der hungernden und obdachlosen Menschen steigt stetig. Die Pandemie hat die Armut extrem verschärft, etwa 27 Millionen Menschen sind auf den Philippinen mittlerweile arbeitslos. Zusätzlich steige die Zahl der psychischen Erkrankungen und Suizidversuche aufgrund der scheinbar ausweglosen Situation, der fehlenden Unterstützung durch die Regierung und der steten Angst vor dem Virus, so der Priester.

Aber auch Widerstand regt sich. Um dies zu zeigen, begleitet die Reportage Mitglieder der selbstorganisierten Gruppe Piston. In ihr haben sich Fahrer*innen der typischen philippinischen Kleinbusse, der genannten Jeepneys, organisiert.

Da die Regierung wegen der Corona-Pandemie die Jeepneys mit ihren bis zu 14 Sitzplätzen verboten hat, haben tausende Jeepney-Fahrer*innen auf unbestimmte Zeit ihren Job verloren. Seit sechs Monaten harren sie nun aus, ohne Einnahmen, ohne finanzielle Unterstützung durch die Regierung und ohne Rücklagen, die sie bei ihrem ohnehin geringen Einkommen nicht haben können. In der Reportage kommen einige von ihnen zu Wort. Um zu überleben, bitten sie Freund*innen um Lebensmittel, betteln an den nur noch von Privatautos befahrenen Straßen, schlafen und leben in ihren ungenutzten Jeepneys. Auch an diesem Verbot sieht man einmal mehr, dass die Regelungen zur Pandemie Menschen unterschiedlich hart treffen. Wer sich ein Privatauto leisten kann, ist weiterhin mobil, wer öffentliche Transportmittel bedient oder nutzt, hat es mit existenziellen Problemen zu tun – und wird damit allein gelassen.

„Duterte ist ein faschistischer Diktator“

Daher organisieren sich die Jeepney-Fahrer*innen in der Gruppe Piston. Sie mobilisieren und demonstrieren gegen die Maßnahmen der Regierung, fordern Gerechtigkeit und die Absetzung Dutertes. „Duterte tuta diktador pasista“, „Duterte ist ein faschistischer Diktator“, steht auf einem der Protestschilder, die sie hochhalten. Aber Widerstand wird in den Philippinen nicht gern gesehen – statt Hilfsleistungen zu erhalten wurden sechs Demonstrierende aufgrund angeblicher Missachtung der Abstandsregeln festgenommen und berichten in der Reportage nach ihrer Freilassung, dass sie während der sechstägigen Haft gefoltert worden seien. Darüber hinaus seien sie in der Haft mit weiteren Insassen zusammengepfercht gewesen – Abstandsregeln und Infektionsschutz habe es in den Gefängnissen nicht gegeben.

Dieser Umgang mit kritischen Stimmen ist nicht neu: 185 Aktivist*innen wurden bereits während der Amtszeit Dutertes ermordet. Diese Morde kommen zu den tausenden Toten hinzu, die der sogenannte Krieg gegen die Drogen bisher verursacht hat. Auch hier gilt, dass Gesundheitsfragen mit Einschüchterung, Gewalt und Mord beantwortet werden. Was momentan selten erwähnt wird, ist die Tatsache, dass diese Morde weiterhin passieren, auch wenn die Pandemie derzeit alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Die Pandemie bietet der Regierung zudem die Gelegenheit, Massenveranstaltungen wie zum Beispiel die Demonstration von Piston zu verbieten – unter dem Vorwand des Infektionsschutzes. Dabei sind diese Protestaktionen wichtiger denn je. Auch Generalsekretärin der Menschenrechtsorganisation Karapatan, Christina Palabay, kommt in der Reportage zu Wort. Sie berichtet von Einschüchterungsversuchen und Drohungen von Seiten des Militärs und der Polizei. Eine ihrer Freundinnen, die Aktivistin Zara Alvarez, wurde im August 2020 erschossen, nachdem sie zahlreiche Morddrohungen aufgrund ihrer politischen Tätigkeiten erhalten hatte.

Die ARTE-Reportage bietet einen guten ersten Überblick über die derzeitige Situation in den Philippinen und kann vor allem für Menschen, die sich noch nicht intensiv mit dem Inselstaat auseinandergesetzt haben, eine hilfreiche Orientierung bieten. Verschiedene Akteur*innen berichten aus unterschiedlichen Perspektiven über die Pandemie. Das Gesamtbild der Situation in den Philippinen ist erschreckend. Zugleich ist es eine Zuspitzung der langjährigen autoritären und faschistischen Politik Dutertes und seiner Verbündeten. Die Corona-Pandemie ermöglicht es ihnen, unter dem Vorwand des Infektionsschutzes die Rechte der Bevölkerung weiter zu beschneiden, sie in Kriminalität zu zwingen, ihnen die Lebensgrundlage zu entziehen und linke Aktivist*innen zu verfolgen und zu ermorden. Während die Reichen weiterhin Partys feiern und in Privatautos durch Manila fahren, werden die Armen gegängelt, ihrer Perspektiven und Lebensgrundlagen beraubt. Solange das kapitalistische und faschistische System in den Philippinen aufrechterhalten wird, wird auch das Virus einen Schaden anrichten, der dem Schaden, den die herrschende Klasse und die philippinische Regierung verursacht, in nichts nachstehen wird.

Rezension zu: Dutertes Methoden im Schatten des Virus, ARTE-Reportage, 24 Minuten, 2020

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2021 – Corona – Ein Jahr später, und immer noch mittendrin und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

USA/Deutschland/Philippinen: Der Film „Quezon’s Game“ behandelt historische Aspekte, die bisher noch wenig bekannt sind: die amerikanische Besatzung der Philippinen, die Präsidentschaft von Manuel Quezon und die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge während des Nazi-Regimes.

Quezon’s Game thematisiert das Leben und die Präsidentschaft von Manuel L. Quezon, gespielt von Raymond Bagatsing. Der Anwalt und Politiker Quezon war ab 1935 Staatspräsident der Regierung des Commonwealth der Philippinen, so die Bezeichnung des Landes in der Zeit der Teilautonomie von 1935 bis zur Unabhängigkeit 1946. Allerdings floh Quezon 1941 vor den japanischen Besatzern in die USA und führte die Exilregierung dort weiter.

Amerikanische Besatzer und die Rettung von jüdischen Flüchtlingen

Im Mittelpunkt des Filmes stehen die amerikanische Kolonialzeit sowie Quezons Plan, Menschen jüdischen Glaubens, die vor dem deutschen Nazi-Regime fliehen müssen, in den Philippinen aufzunehmen. Dabei geht der Film auf historisch interessante Aspekte ein: Es wird gezeigt, wie Manuel L. Quezon mit seinem Militärberater Dwight Eisenhower, der später der 34. Präsident der Vereinigten Staaten wurde, und anderen wichtigen Personen den Rettungsplan entwarf und den Flüchtlingen auf den Philippinen Schutz gab.

Der Film macht deutlich, wie schwierig diese Aufgabe war, da die Philippinen zu diesem Zeitpunkt unter der Kontrolle der Vereinigten Staaten standen und alle Fragen der philippinischen Außenpolitik vollständig in den Händen des US-Außenministeriums lagen. Das Commonwealth der Philippinen hatte seine eigene Verfassung und verwaltete sich selbst. Die Außenpolitik und militärische Angelegenheiten fielen aber in die Zuständigkeit der Vereinigten Staaten. Auch Angelegenheiten der Einwanderung, des Außenhandels und Währungssystems mussten vom US-Präsidenten genehmigt werden. Alles, was Quezon machte oder entschied, musste zuerst von der amerikanischen Regierung bestätigt werden. Der Film zeigt diese Abhängigkeit sehr gut.

Neben Quezon spielt Dwight Eisenhower im Film eine signifikante Rolle. Eisenhower, damals Major unter dem Kommando von Douglas MacArthur, diente vier Jahre lang auf den Philippinen als Militärberater der philippinischen Regierung. MacArthur, General der Armee der Vereinigten Staaten sowie Feldmarschall der philippinischen Armee, unterstützte Eisenhower sowie Major James Ord. Sie wurden von Präsident Franklin D. Roosevelt angeheuert, um die US-Regierung zu einer Erhöhung der Visaquote des Landes zu bewegen. Das gestaltete sich jedoch schwierig, da Antisemiten in der Roosevelt-Regierung aus vorgeschobenen Gründen der nationalen Sicherheit Visa- Anträge blockierten. Letztlich wurde Quezons Plan, 10.000 Jüdinnen und Juden zu retten, durch die japanische Invasion der Philippinen zunichte gemacht, nur rund ein Zehntel konnte zuvor aufgenommen werden.

Obwohl die Zahl der in den Philippinen aufgenommenen Flüchtlinge im weltweiten Vergleich eher bescheiden war, war die kleine jüdische Gemeinde von Manila von den 1.200 Geflüchteten überwältigt. Denjenigen, die sich in Manila niederließen, wurde bei der Arbeits- und Wohnungssuche geholfen. Der Rettungsplan wurde aber nicht nur positiv aufgefasst. Zum Beispiel wird Emilio Aguinaldo [1899 bis 1901 Präsident der Ersten Philippinischen Republik] nachgesagt, antisemitische Überzeugungen gehabt zu haben und gegen Quezons Rettungsplan gewesen zu sein.

Quezon – ein Held ohne Makel?

Quezon hat in der kritischen Zeit des Commonwealth der Philippinen, das als Vorbereitung für die philippinische Unabhängigkeit eingerichtet wurde, die Zukunft des Landes stark geprägt: von der Proklamation der Landessprache über die Agrarreform bis hin zur Frage der Unabhängigkeit. Die Rettung der geflüchteten Jüdinnen und Juden war eines seiner großen Verdienste.

Der Film zeigt Quezon als einen noblen politischen Akteur, der Visa für die jüdischen Flüchtlinge aus Washington beschaffte. Charakterisiert wird er als ein Scotch trinkender, Poker spielender Staatsmann mit Filmstar-Charisma, der von der Bevölkerung angehimmelt wird. Außerdem thematisiert der Film auch Quezons Tuberkuloseerkrankung, an der er 1944 im amerikanischen Exil verstarb – ohne die Philippinen jemals unabhängig erlebt zu haben.

Quezon’s Game hebt verständlicherweise seine politischen Errungenschaften hervor. Seine Politik darf aber nicht unreflektiert bleiben. Denn makellos war sie nicht – was der Film aber leider nicht thematisiert. Beispielsweise führte Quezon im Wahlkampf Schmutzkampagnen gegen seine Kontrahenten wie Emilio Aguinaldo, der von 1899 bis 1901 Präsident der Ersten Philippinischen Republik war und sich 1935 noch einmal zur Wahl für das Präsidentenamt gestellt hatte.

Ungenauer historischer Kontext

Problematisch ist auch die Rolle von Dwight Eisenhower in Quezon’s Game. Im Film hat er eine gewichtige und unterstützende Funktion. Die Meinungen dazu sind aber verschieden: Zwar war Eisenhower auf den Philippinen und auch eng mit Quezon befreundet. Es ist jedoch ein Mythos, dass er bei der Befreiung der Jüdinnen und Juden so stark involviert war.

Überhaupt zeigt der Film ein viel zu schönes und einseitiges Bild vom Manila der damaligen Zeit. Der Film spielt nur in einem gepflegten Teil der Stadt, wo die gehobene Klasse lebte. Andere Gegenden sind nicht zu sehen. Das hätte aber dabei geholfen, ein besseres Bild der Stadt auch im Hinblick auf die historische Kontextualität zu erhalten. Denn die jüdischen Flüchtlinge sind nicht, wie im Film, in den guten Gegenden der Stadt untergekommen sondern in den eher ärmlichen.

Trotz dieser Kritik ist Quezon’s Game sehenswert. Der Film ist einerseits interessant wegen der historischen Aufarbeitung, wegen des Inhalts und der schauspielerischen Leistung, anderseits auch wegen der genannten Kritikpunkte, die man durchaus diskutieren kann. Hinzu kommt, dass das Thema des Films sehr aktuell ist. Angesichts der globalen politischen Berichterstattung stellt sich auch heute die Frage: Gibt es Politiker*innen, die den Mut haben, Menschen, die in Not sind, eine Bleibe zu geben?

Rezension zu: Quezon’s Game. Regie: Matthew Rosen. ABS-CBN Film Production, Kinitek Productions. 125 min. 2018

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 3|2021 – Kolonialismus in Südostasien – Das Aushandeln von Erinnerungen und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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Digitale Drecksarbeit

Südostasien: In drei Comics arbeiten Autor*innen ihre persönliche und kollektive Vergangenheit auf und setzen auf die Kraft der visuellen Sprache. Ihre Bilder sind mehr als reine Illustrationen des Textes. Sie stellen dar, was sich schwer in Worte fassen lässt.

Comics wurden lange nicht als seriöse Literatur, sondern als ein Unterabschnitt der literarischen Produktion gesehen, der sich vor allem an Jugendliche und ewige Teenager richtet. Diese Wahrnehmung hat sich in den letzten Jahren geändert und die Geschichten der Comics sowie ihrer Autor*innen sind diverser geworden. Außerdem zeigen sich Comics mit der faszinierenden Kombination von Bildern und Text als wirkungsvolles Medium für die Analyse von Zugehörigkeit, die Untersuchung von Geschichte und die Aufarbeitung von Traumata.

Die Autor*innen der drei hier rezensierten Comics verwenden diese wirkungsvolle Kombination, um überwältigende historische Veränderungen aufzuarbeiten und darzustellen. Das ist eine relativ neue Entwicklung. Es verwundert also nicht, dass die Impulse dazu von außen kommen: Die drei Autor*innen sind Kinder ausgewanderter Eltern. Sie gehören zu einer Generation, die im Ausland aufgewachsen ist. Zwar unterscheiden sie sich in Bezug auf Blickwinkel, Distanz zum Thema und stilistische Entscheidungen. Der künstlerische Schaffensprozess gilt aber bei allen Dreien als eine Art Therapie, um die persönliche und kollektive Vergangenheit zu bewältigen.

Revolution und Popkultur

Duran Duran, Imelda Marcos and Me von der philippinisch-kanadischen Autorin Lorina Mapa ist eine Erinnerung an ihre Kindheit in den 1980er Jahren in Manila. Die Zeichnungen erinnern an den Stil von Persepolis von Marjane Satrapi. Die schwarz-weißen Zeichnungen stellen das Alltagsleben einer philippinischen Großfamilie aus der oberen Mittelschicht dar. Im Fokus stehen die politischen Ereignisse, die zum Sturz von Ferdinand Marcos führten: das Attentat auf Benigno Aquino Jr., die vorgezogenen Wahlen von 1986 und die darauf folgenden Massenproteste gegen die manipulierten Ergebnisse. Das Ausmaß dieser Demonstrationen und deren Erfolg hat die Autorin auch in den Bildern hervorgehoben. Wenn sie von der ‚Gelben Revolution‘ erzählt, dann ist es das einzige Mal, dass sie andere Farben als die Schwarz-, Weiß- und Grautöne benutzt, die das ganze Buch bestimmen.

Ähnlich dem oben erwähnten Persepolis ist das Buch mehr als eine Chronik seiner Zeit. Es ist auch eine Coming of Age-Geschichte mit viel Unbeholfenheit, fragwürdigen ‚Frisur-Wahlen‘ und ‚celebrity crushes‘. Amerikanische Pop-Kultur ist ein entscheidender Einfluss. Lorina Mapa fügt dem Buch sogar eine Playlist mit Liedern aus den 1980er Jahren bei, von Bands wie The Smiths, Depeche Mode oder eben Duran Duran. Die Familie Mapa durchläuft einen radikalen politischen Wandel vom ‚konstitutionellen Autoritarismus’ von Marcos zur demokratischen fünften Republik der Philippinen. Der Verlust, der zum Auslöser des Schreibens wird, liegt jedoch auf der persönlichen Ebene. Es ist der Tod von Mapas Vater, der die Erinnerung wachruft und die Erzählung einrahmt.

Das Persönliche ist politisch

In Year of the Rabbit (im Original L´année du Lièvre) geht die Tragödie weit über das Persönliche hinaus. Der französisch-kambodschanische Grafiker und Illustrator Tian Veasna verarbeitet darin seine Familiengeschichte, die eng mit der Schreckensherrschaft der Roten Khmer verbunden ist. Oder anders herum: Er erzählt von dieser Zeit anhand der persönlichen Erfahrungen seiner Familie. Er selbst wurde in den ersten Tagen der Machtübernahme der Roten Khmer geboren. Zwar kommt er in der Geschichte vor, die Perspektive ist aber nicht seine, sondern die des allwissenden Erzählers. Anders als beim episodischen Ansatz von Lorina Mapa folgt die Erzählung hier einer relativ traditionellen Chronologie: der Fluchtversuch aus Phnom Penh, die Gefangennahme, das Leben im Arbeitslager und am Ende die Befreiung und die Ausreise nach Thailand.

Eine interessante Ergänzung sind die einzelnen Tafeln, die am Beginn der Kapitel weitere Hintergrundinformationen zum politischen Wandel und zur Alltagsrealität geben. Sie sind eine kreative Mischung aus Karten, revolutionärer Propaganda oder Skizzen des Lagerlebens und verbinden das Persönliche mit dem Allgemeinen. Sie verankern die Geschichte in der historischen Realität. Für die Tafeln verwendet Tian Veasna eine markante grau-grüne Färbung. Diese passt reibungslos zur Farbpalette des Buches und geht künstlerisch über die rein narrative Wiedergabe hinaus. Veasna verzichtet gelegentlich auf Wörter und lässt allein die Bilder das andauernde Grauen und Entsetzen vermitteln. Hier bildet die Tragödie den Rahmen der Erzählung: Das Buch beginnt mit einer Zeichnung des Stammbaums, und endet auch mit ihr. Dann aber mit einer kleinen Veränderung. Einige Porträts sind jetzt einfach grau: greifbare Verluste durch das schreckliche Regime.

Übermittlung des Unglücks

In The Best We Could Do der vietnamesisch-amerikanischen Thi Bui ist der Katalysator des Rückblickes keine Tragödie sondern ein Wunder. Es ist das Wunder der Geburt ihres ersten Kindes. Angesichts der eigenen Mutterschaft untersucht die Autorin ihre Beziehung zu ihrer Mutter und zu ihrer Familiengeschichte. Obwohl der amerikanische Krieg eine entscheidende Rolle spielt, werden die traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit hier nicht von einem konkreten, Leben verändernden Ereignis hervorgebracht, sondern eher von einer Reihe von individuellen Erlebnissen, die die Familienmitglieder generationsübergreifend weiterverfolgen.

Thi Bui stellt die erheblich unterschiedlichen Herkunftsgeschichten ihrer Eltern getrennt dar. Die Mutter wuchs in einer wohlhabenden Familie in Südvietnam auf, der Vater in einem armen nordvietnamesischen Dorf. Begegnet sind sie sich bei der Lehramtsausbildung an einer renommierten Schule in Saigon. Thi Bui wurde kurz vor dem Fall von Saigon geboren – an einem historischen Wendepunkt wie auch Tian Veasna. Der letzte Teil der Geschichte folgt der Biografie vieler Boatpeople: die Flucht, eine riskante Reise, das Transitlager und das Ankommen in einem neuen Land. Die orangenen und braunen Farbtöne der Bilder von Thi Bui erschaffen ein charakteristisches Aussehen, das wärmer und nostalgischer ist als das von Duran Duran, Imelda Marcos and Me und Year of the Rabbit.

Wenn Worte nicht mehr ausreichen

Die Bezeichnung von Comics als seriöse Literatur wird inzwischen weniger kontrovers diskutiert. In Singapur gewann 2016 The Art of Charlie Chan Hock Chye, die fingierte Biographie eines imaginären Comic-Autors, den Literatur-Preis von Singapur. 2018 war mit Sabrina von Nick Drnaso zum ersten Mal ein Comic für den Man Booker Prize nominiert, eine der renommiertesten Auszeichnungen der englischsprachigen Literaturszene. Zur Frage ob Comics als bildende Kunst angesehen werden könnten, antwortet Scott McCloud, Autor von zahlreichen Büchern über das Thema, mit einem überwältigenden Ja. Die Komplexität ihrer Erzählungstechniken, die Tiefe ihres Symbolismus sowie der pure Ideenreichtum ihrer visuellen Sprache machten ihre Bilder zu mehr als reinen Illustrationen eines Textes, so McCloud. Die zwei seien gleichgestellt und das Ergebnis erreiche mehr als die Summe ihrer Teile.

In den drei besprochenen Comics spielen visuelle Elemente eine gewaltige Rolle im Heraufbeschwören der Vergangenheit. Die Bilder stellen dar, was sich schwer in Worte fassen lässt: die hoffnungsvolle Naivität der Kindheit, die klinische Brutalität eines menschenverachtenden Regimes oder die stille Resignation angesichts eines mühsamen Lebens. Sie tun es lediglich durch eine sorgfältig ausgewählte Farbpalette, durch die besondere Anordnung von Tafeln und das Verlassen des Textes. Denn um das verinnerlichte Trauma freizusetzen, brauchen wir mehr als Wörter.

Rezension zu:

  • Lorina Mapa. Duran Duran, Imelda Marcos, and me. Conundrum Press. 2017. 140 pages.
  • Tian Veasna. Year of the Rabbit. Drawn & Quarterly. 2020. 330 pages. (Übersetzung des französischen Originals: L´année du Lièvre. Gallimard Bande. 2011)
  • Thi Bui. The Best We Could Do: An Illustrated Memoir. ‎Abrams & Chronicle Books. 2017. 336 pages.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2022 – It´s the collective, stupid! – Zeitgenössische Kunst in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Südostasien: Klimawandelfolgen zeigen sich am eindrücklichsten in Aufnahmen aus betroffenen Regionen und Interviews mit den dort lebenden Menschen. Die südostasien kuratiert eine bewegende Filmauswahl.

Wer könnte lokale Geschichten über die Klimakrise besser erzählen als die Menschen, die in den betroffenen Regionen leben und sich täglich damit auseinandersetzen müssen? Cinemata gibt mit knapp 5.000 frei zugänglichen Filmen und Dokumentationen sozialen und vielfach unbeachteten Themen aus der Asien-Pazifik-Region eine Plattform. Darunter finden sich auch zahlreiche Videos zu Umwelt- und Klimathemen. Die Redaktion der südostasien hat eine Auswahl von Kurzfilmen aus der Region zusammengestellt.

Indigene Frauen schützen Wälder

Um die negativen Auswirkungen des Klimawandels abzumildern, ist es unumgänglich, Wälder zu erhalten. Dessen sind sich auch die indigenen Kuy in Kambodscha bewusst, für die der Wald seit Jahrhunderten Lebensraum und -grundlage darstellt.

Kambodscha hat eine der höchsten Abholzungsraten der Welt. Waren in den 1970er-Jahren noch 70 Prozent des Landes mit Regenwald bedeckt, sind es heute gerade noch drei Prozent. Vor allem für die ländliche, insbesondere die indigene Bevölkerung, stellt dies eine Katastrophe dar.

Der Film Forest Conservation: A Message from Indigenous Women, produziert vom Asia Indigenous Peoples Pact, zeigt die Lebensrealität der Kuy, die geprägt ist vom Kampf gegen die illegale Abholzung des Waldes. Die Kuy-Frauen übernehmen beim Schutz des Waldes die Führung. „If we lose our forest, we will die“, sagt eine im Film nicht namentlich genannte Vertreterin der Kuy . Allzu oft wird übersehen, welchen Beitrag indigene Gemeinschaften zum Schutz der Umwelt leisten, und damit die Grundlagen für den Erhalt ihres und letztlich auch unseres Lebensraums schaffen.

(Tanja Gref)

(Cambodia: Forest Conservation: A Message from Indigenous Women, 2014, Asia Indigenous Peoples Pact, Kambodscha, 16 Minuten)

Kampf gegen Bergbau

Der australische Konzern OceanaGold ist einer der größten Gold- und Kupferproduzenten der Welt. Er betreibt die Mine Didipio, die sich auf einer Fläche von 270 Quadratkilometern über die steilen, bewaldeten Hänge der Provinz Nueva Vizcaya auf der philippinischen Insel Luzon erstreckt – die Heimat der indigenen Twali-Ifugao, die sich gegen die Mine wehren.

Die Folgen des Bergbaus sind gravierend: Explosionen haben Dörfer erschüttert, die Luft verschmutzt und das Grundwasser verseucht. Als 2019 die Genehmigung von OceanaGold auslief und das Unternehmen dennoch den Betrieb fortsetzte, errichteten indigene Aktivist*innen eine Barrikade, um Lieferungen an die Mine zu stoppen.

Die von 2014 bis 2019 gedrehte eindrucksvolle Dokumentation des philippinischen Filmemachers Noni Abao zeigt, wie Menschen gegeneinander ausgespielt werden und wie die soziale Kluft in der Region vergrößert wird. Die einheimische Kultur droht ausgelöscht zu werden: „They will grab our land, honor and culture, resources and property, including our rights“ singt einer der im Film nicht namentlich genannten Aktivisten.

Nach dem Ende der Dreharbeiten wurden Dutzende der Aktivist*innen, die die Straßenblockade organisiert hatten, nach Zusammenstößen mit der Polizei und Vertreter*innen des Konzerns festgenommen.

(Tanja Gref)

(Dagami Daytoy (This is our Land), 2019 (hochgeladen auf Cinemata 2020), Nonilon Sidney Abao/Taripnong Cagayan Valley, Philippinen, 15 Minuten)

Profit vor Mensch und Biodiversität

In Stille gehüllte Aufnahmen von weit reichenden grünen Regenwäldern und dann Ölpalmenplantagen, die sich wie Narben durch sie hindurch ziehen. Menschen mit schwermütigen Gesichtern schauen in die Kamera. Dies ist der Auftakt des Kurzfilms The Secret Deal to Destroy Paradise, welcher im waldreichen Gebiet Boven Digoel in Westpapua, Indonesien, gedreht wurde. Er ist Teil der Serie Indonesia for Sale der gemeinnützigen Organisation The Gecko Project in Zusammenarbeit mit den Medien Tempo, Malaysiakini und Mongabay.

Im Zentrum stehen die undurchsichtigen Geschäfte von Unternehmen, die der indonesischen Entwaldung zugrunde liegen. Diese verschärfen Landkonflikte mit den lokalen Bevölkerungen. Der Film porträtiert die aussichtslos erscheinende Lage der indigenen Auyu. Die mit dem Landraub einhergehende Zerstörung ihrer Wälder, aber auch der plötzliche Zustrom an Geld haben tiefe Risse zwischen den ehemals friedlichen Dorfbewohner*innen geschaffen und bedrohen nun ihre Lebensweise und Zukunft.

(Kathrin Sommerfeld)

(The Secret Deal to Destroy Paradise, 2019, The Gecko Project, Indonesien/Westpapua, 16 Minuten)

Land unter

Der vom Menschen verursachte Klimawandel trifft Küstenzonen besonders hart. Der Kurzfilm Another Exodus des Filmemachers Le Nguyen, widmet sich den Konsequenzen des stetig ansteigenden Meeresspiegels in der vietnamesischen Provinz Nam Dinh. In den Bildern stechen vor allem die Aufnahmen von durch den Wasseranstieg zerfallenen Kirchen hervor. In der kurzen Spielzeit von elf Minuten kommen Bewohner*innen eines Fischerdorfes zu Wort.

Sie erzählen von den Problemen, die das vom Meer immer weiter eindringende Wasser mit sich bringt und von ihrer unausweichlichen Migration landeinwärts. Ihr Verhängnis, aber auch die Annahme der Dinge, beschreibt der katholische Fischer Nguyen Van Lang mit dem Satz: „Alle 50 bis 60 Jahre muss es einen Exodus geben“. Der ruhige, in angenehmer Einfachheit erzählte Film bietet den Betroffenen Raum, die Realität ihres Lebens im Sinne einer Momentaufnahme zu präsentieren.

(Kathrin Sommerfeld)

(Another Exodus, 2021, Le Nguyen, Vietnam, 12 Minuten)

Palmöl: Einer von vielen Landkonflikten

Der Kurzfilm Melikin erzählt die Geschichte des gleichnamigen Dorfs in Sarawak, Malaysia. Es ist eine Geschichte über Landraub und Umweltzerstörung. Seit vielen hunderten Jahren leben die indigenen Iban an diesem Ort. Sie betreiben nachhaltige Landwirtschaft und leben von Fischerei und Imkerei.

Doch im Jahr 2010 erscheinen plötzlich zwei Unternehmen auf der Bildfläche. Mit Hilfe von Korruption und systematischem Landraub soll das Land, das auch auf Grundlage der Verfassung der indigenen Bevölkerung gehört, zu Ölpalmenplantagen umgewandelt werden. Melikin zeigt den verzweifelten Kampf der lokalen Bevölkerung um ihr Land und ihr Leben. Er zeigt jedoch auch die Kraft, die entsteht, wenn sich Menschen zusammentun und gemeinsam für ihre Rechte kämpfen.

Der Film wurde von Pesticide Action Network Asia and the Pacific (PANAP) produziert, einem Netzwerk, das sich für die Beseitigung von Schäden an Mensch und Umwelt durch den Einsatz von Pestiziden und für die Förderung der ökologischen Landwirtschaft einsetzt.

(Valerie Heim)

(Melikin, 2013, Pesticide Action Network Asia and the Pacific, Malaysia, 14 Minuten)

Zerstörerischer Zement

Der Kurzfilm Mother Earth (Ibu Bumi) begleitet den 20 Jahre alten Bagus, der am Kendeng-Gebirge auf der indonesischen Insel Java lebt. Hier befindet sich eine Zementfabrik, für die im großen Stil Kalkstein abgebaut wird. Der invasive Abbau hat weit reichende Folgen für Mensch und Umwelt und hat großen Widerstand von Seiten der lokalen Bevölkerung hervorgerufen.

Auch Bagus, der mit seiner Familie von der Landwirtschaft lebt, möchte seinen Teil zum Widerstand beitragen. Gemeinsam mit seiner Punkrockband Kendeng Squad thematisiert er die Folgen, die die Zementproduktion auf das Leben vor Ort hat. Die Band greift die natürlichen Klänge der Natur sowie die Geräuschkulisse der Zementfabrik im nahen Umfeld auf. Mit seiner Musik möchte Bagus mehr junge Menschen erreichen und sie für den Widerstand gegen die Umweltzerstörung mobilisieren.

Eindrucksvolle Bilder und ruhige Momentaufnahmen machen die Dramatik der Situation für die Menschen am Kendeng-Gebirge deutlich spürbar. Der Film von Sedap Films ist in Zusammenarbeit mit verschiedenen lokalen NGOs und Gruppierungen entstanden.

(Valerie Heim)

(Mother Earth (Ibu Bumi), 2021, Sedap Films, Indonesien, 23 Minuten)

Künstliche Inseln für wen?

Vor der Südküste Penangs in Malaysia sollen drei künstliche Inseln entstehen. Das klingt gut für Investoren und die wohlhabende Stadtbevölkerung, schlecht hingegen für die Umwelt und die lokalen Fischereigemeinschaften. Die Aufschüttungen würden das artenreiche Meeresgebiet massiv schädigen und die Lebensgrundlagen der Fischer zerstören. Sie wehren sich vehement gegen das Vorhaben: Eine Bewegung (Penang Tolak Tambak) entsteht, die von Bevölkerung und NGOs unterstützt ihren Protest bis ins Parlament nach Kuala Lumpur trägt.

Die sachlich und ruhig erzählte Dokumentation fokussiert sich auf die Perspektive der Lokalbevölkerung und stellt hierbei den Fischer Zakaria Ismail in den Mittelpunkt. Stand Juni 2023: Das Megaprojekt soll weiterhin umgesetzt werden, auf Intervention von Premier Anwar Ibrahim aber mittlerweile um die Hälfte der Fläche reduziert.

(Raphael Göpel)

(Doa Seorang Nelayan (A Fisherman’s Prayer), 2021, Freedom Film Network, Malaysia, 15 Minuten)

Torfmoore: Gefährdete Kohlenstoffspeicher

Moore speichern gigantische Mengen an Kohlenstoff, daher sind sie besonders bedeutend für das Klima. Doch werden sie entwässert und brennen, werden sie zum Klimaproblem. Indonesien ist reich an Torfmooren, zum Beispiel im Nordwesten Sumatras, wo es eine große Biodiversität gibt.

Im Gebiet der Tripa-Torfmoore leben die Menschen von Fisch und Waldprodukten wie Harz und Rattan. Doch Palmölfirmen dringen in die Region ein, Wald wird gerodet und abgebrannt. Durch die Zerstörung ihrer Lebensräume verschwinden Tiere, Wasserquellen verschmutzen, Dürren und Überschwemmungen nehmen zu. Mehrere Dörfer fordern deshalb den Schutz des Torfmoorwaldes.

Der nicht immer geradlinig erzählte Film konzentriert sich auf die Stimmen der betroffenen Menschen. Er zeigt einerseits die Übermacht von Bürokratie und Behörden, anderseits den beharrlichen Widerstand der Menschen vor Ort. Parallel erklärt der Umweltaktivist TM. Zulfikar (YEL) in Ausschnitten die Bedeutung von Mooren. Der Fall Tripa steht exemplarisch für zahlreiche Fälle der Zerstörung von Moorgebieten, in Indonesien und anderswo auf der Welt.

(Raphael Göpel)

(Hilangnya Rawa Tripa (The Loss of the Tripa Swamp), 2022, Aceh Documentary, Indonesien, 15 Minuten)

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Südostasien: Junge Aktivist*innen erzählen im Sammelband “Klima ist für alle da” von den Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Leben. Vorgestellt werden einige inspirierende große und kleine Initiativen.

Im englischen Original heißt das 2020 veröffentlichte Buch United we are unstopable und transportiert viel deutlicher die Wucht seiner Botschaft als der deutsche Titel Klima ist für alle da. Herausgeber Akshat Rathi, promovierter Biochemiker und Klima-Journalist in London, gibt darin 60 jungen Aktivist*innen aus aller Welt eine Plattform, um ihre inspirierenden Geschichten zu teilen und eindrückliche Appelle an Politik und Gesellschaft zu richten.

Die Einleitung informiert leicht verständlich darüber, wie die Diskussion um den Klimawandel in den letzten rund 100 Jahren verlaufen ist. Die Beiträge der einzelnen Autor*innen sind nach Kontinenten unterteilt. Zwischen den einzelnen Berichten wird der Einfluss des Klimawandels auf die jeweilige Region oder das Land erklärt.

Eine globale Herausforderung

Was schnell klar wird: Der Klimawandel ist überall; alle sind betroffen, auch wenn sich die Ressourcen zur Bewältigung der Auswirkungen unterscheiden. In den persönlichen Geschichten zeigen sich die regional unterschiedlichen Facetten des Klimawandels. Aus Südostasien kommen drei Menschen zu Wort: sie leben in Myanmar, Malaysia und den Philippinen. Sie berichten von extremen Wetterereignissen, die auf den Philippinen und in Myanmar Dürren und Überflutungen hervorrufen, vom Anstieg des Meeresspiegels, wodurch zum Beispiel in Myanmar das Grundwasser versalzen wird oder von Waldbränden und Überschwemmungen in Malaysia.

Htet Myet Min Tun aus Myanmar beginnt seinen Beitrag damit, wie der Zyklon Nargis 2008 sein Land verwüstete – für ihn ein traumatisches Erlebnis. Als er in der Schule mehr über den Klimawandel lernt, fasst er den Entschluss, sich für eine stärkere öffentliche Wahrnehmung einzusetzen und später selbst in die Politik zu gehen. Der 18-Jährige macht sich viele Gedanken und legt dar, dass es in seinem von Armut und Ungleichheit geprägten Land besonders schwierig sei, ein Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen. Denn die Menschen müssten ums tägliche Überleben kämpfen, um ihre Grundrechte, um ärztliche Versorgung oder den Schulbesuch für die Kinder. Er ist überzeugt, dass genügend Wissen und Technologien vorhanden seien, um dem Klimawandel entgegenzutreten – was es wirklich brauche, seien aber Beharrlichkeit und Entschlossenheit, diese auch einzusetzen.

Liyana Yamin aus Malaysia ist in der Malaysischen Jugenddelegation, kurz MYD, aktiv. Dies sei die einzige Jugendorganisation in Malaysia, die sich für Klimapolitik engagiere. MYD organisiert Schulungen und Gespräche und informiert die Politik über den Klimawandel. Die 27-jährige Liyana hat Überschwemmungen und Waldbrände miterlebt. Sie findet es wichtig, Jugendliche an der Gestaltung von Lösungsansätzen zu beteiligen. Gleichzeitig müsse die gesamte Gesellschaft mitgenommen werden, damit die nötigen Veränderungen beispielsweise in der Landwirtschaft oder im Energie- und Verkehrssektor von allen getragen würden.

Albrecht Arthur N. Arevalo aus den Philippinen arbeitet als Jugendbetreuer mit verschiedenen NGOs, Glaubensgemeinschaften und der Regierung zusammen. Er betont, welche Folgen der Klimawandel für die Menschen hat, wie er die Wasser- und Nahrungsmittelversorgung beeinflusst und sich auf die Menschenrechte der indigenen Völker, Bauern und Fischer auswirkt. Leider wird in seinem Beitrag nicht wirklich deutlich, wie Jugendarbeit und Klimaschutz in seinem Leben zusammenhängen

Sich gemeinsam den Herausforderungen stellen

Es ist beeindruckend zu lesen, wie eloquent und fokussiert sich die teils noch sehr jungen Autor*innen – sie sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zwischen 11 und 30 Jahre alt – artikulieren, was sie bewegt, und wie entschlossen sie sind, im Kleinen und im Großen Veränderung herbeizuführen. Es zeigt das Selbstverständnis einer Generation, sich nicht den Folgen des Klimawandels zu ergeben, sondern gemeinsam aktiv zu werden. Der Wunsch nach Klimagerechtigkeit und Artenschutz schwingt in einigen Beiträgen mit. Manchmal ist es auch persönliche Betroffenheit, wie bei Htet Myet Min Tun aus Myanmar und Liyana Yamin aus Malaysia, die extreme Wetterereignisse miterlebten und sich um die Zukunft ihrer Mitmenschen sorgen.

In den Texten benennen die Aktivist*innen einige Herausforderungen, vor denen sie stehen. Durch die Berichte aus verschiedenen Teilen der Erde wird deutlich, wie unterschiedlich diese ausfallen können. Für Albrecht Arthur N. Arevalo aus den Philippinen sind zwei seiner größten Herausforderungen, Menschen von langfristigen und schwierigen Verpflichtungen zu überzeugen und der Mangel an finanziellen Ressourcen. Es sei nicht immer möglich, Freiwillige zu finden, sagt er.

Auch politische Repression erschwert es den motivierten Frauen und Männern, aktiv zu werden. Howey Ou aus der chinesischen Provinz Yunnan beispielsweise protestierte immer freitags vor dem Regierungsgebäude ihres Stadtbezirks, bis die Polizei sie festnahm und verhörte. Um ihren Protest fortzusetzen, wurde sie kreativ und startete die Aktion #PlantForSurvival, die Schüler*innen aus dem ganzen Land dazu aufruft, jeden Freitag Bäume zu pflanzen.

Viele Aktivist*innen berichten, wie schwer es sei, für ihre Überzeugung einzustehen, weil beispielsweise ihre Eltern dagegen seien oder Freund*innen äußerten, Protest würde sowieso nichts bringen. Auch von Expert*innen und Politiker*innen fühlen die jungen Menschen sich nicht ernst genommen. Ihnen werde nicht zugetraut, Klimamaßnahmen aktiv mitgestalten zu können, sagen sie.

Inspiration zum Aktiv werden – für uns alle

Das Buch vermittelt auf anschauliche und inspirierende Weise, wie der Klimawandel, die Vermüllung der Welt sowie politische und gesellschaftliche Passivität junge Menschen dazu bringt, mutig und entschlossen dazu beizutragen, dass wir und zukünftige Generationen weiter auf der Erde leben können. Schade ist allerdings, dass nur wenige konkrete Projekte vorgestellt werden. Und leider keines aus Südostasien.

Auf den ersten Blick erweckt Klima ist für alle da den Eindruck, sich eher an Jugendliche und junge Erwachsene zu richten: Die einzelnen Beiträge sind meist kurz gehalten und leicht verständlich geschrieben. Aufgelockert werden sie durch spielerische Grafiken, die Appelle an Gesellschaft und Politik enthalten, knappe Informationen zum jeweiligen Land oder anderen Bezugspunkten aus den Texten, wie zum Beispiel ein Verweis auf den Dokumentarfilm von Al Gore Eine unbequeme Wahrheit.

Das Buch lädt ein, es immer wieder zur Hand zu nehmen, ein oder zwei Beiträge zu lesen und so als Leser*in selbst jedes Mal neu Hoffnung, Inspiration und Tatendrang zu gewinnen, wenn Nachrichten und Alltag es schwer machen, nicht pessimistisch in die Zukunft unseres Planeten zu blicken. Die Energie, die Aufbruchstimmung, der Mut und die intrinsische Motivation der Protagonist*innen, in Aktion zu treten und nicht hinzunehmen, dass der Klimawandel mit schnellen Schritten voranschreitet, steckt an – während Politik und Industrie weiterhin auf die Bremse drücken, wenn es um echte Maßnahmen geht. Das Buch zeigt: Wir alle haben die Macht etwas zu verändern, zur Klimagerechtigkeit beizutragen und uns nicht hinter der Ohnmacht zu verstecken. Wie viele konkrete Initiativen künftige Bücher dieser Art vorstellen können liegt auch in unseren Händen.

Rezension zu: Hrsg. Akshat Rathi. Klima ist für alle da – Wie 60 junge Menschen uns dazu inspirieren, die Welt zu retten. 2021. Verlag Blanvalet. 320 Seiten.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 2|2023 – Klima im Wandel, Gesellschaft in Bewegung – Zivilgesellschaftliche Klimabewegungen in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: In ihrem Buch „How to Stand Up to a Dictator“ verbindet Maria Ressa den Kampf gegen die autokratische Regierung von Ex-Präsident Rodrigo Duterte mit investigativem Journalismus. Sie analysiert tiefgreifend, wie Demokratie bedroht wird.

Für ihren Einsatz für Pressefreiheit und Demokratie erhielt die philippinische Journalistin Maria Ressa 2021 gemeinsam mit dem russischen Journalisten Dmitri Muratow den Friedensnobelpreis. Als Journalistin kämpfte sie gegen das unterdrückerische Regime des philippinischen Ex-Präsidenten Rodrigo Duterte. In ihrem Buch How to Stand Up to a Dictator hat sie ihre Erfahrungen, Recherchen und Schlussfolgerungen veröffentlicht. Ressas Reise als Journalistin beginnt nach ihrem Studium an der Princeton University, als sie ihre journalistische Karriere bei CNN International begann. In den 1990er Jahren baute sie zwei CNN-Büros in Südostasien auf und leitete bis 2004 das Büro in Jakarta. Als sie das Angebot erhielt, die Nachrichtenredaktion des größten Medienkonglomerats der Philippinen ABS-CBN aufzubauen, ging sie zurück in ihr Heimatland, schrieb aber weiter für CNN und The Wall Street Journal.

Unterdrückung und Freiräume von Medien

In den folgenden sechs Jahren (2004-2010) ist Ressa und ihrem Team der Umbau von ABS-CBN gelungen, von einem Medienhaus, das zuvor unter staatlicher Kontrolle gestanden habe und vielen Politiker*innen gefällig gewesen sei, schreibt Ressa, hin zu einem führenden Medienunternehmen, dass durch journalistische Qualität und Professionalität überzeuge. Ihre Jahre bei ABS-CBN wurden von politischen Querelen der Regierung Gloria Macapagal Arroyo begleitet. 2006 verhängte die Präsidentin aufgrund von Verschwörungen gegen ihre Regierung den nationalen Notstand, infolge dessen wurden Kritiker*innen, Menschenrechtler*innen und Journalist*innen massiv in ihrer Arbeit eingeschränkt. Auch ABS-CBN wurde mit der Schließung gedroht.

Philippinische Regierungen, so Ressa, „fürchten die Macht der Medien nicht zuletzt deshalb, weil bereits zwei Präsidenten hatten gehen müssen, nachdem über die Medien zu friedlichen Straßenprotesten aufgerufen worden war.“ Ein Jahr später ließ die Arroyo-Regierung 51 Journalist*innen während eines Militärputsches verhaften, die über den Putsch live Bericht erstatten wollten. Die Journalist*innen waren vor Ort geblieben, „denn ansonsten hätte es nur die Version der Regierung über die Geschehnisse“ gegeben. „Indem die Regierung den Ort der Berichterstattung zu einem »Tatort« machte, an dem jeder verhaftet werden konnte, funktionierte sie die geltenden Gesetze um und gängelte die freie Presse – was eindeutig gegen die Verfassung der Philippinen verstieß. Es war das erste Mal, dass die philippinische Regierung der Nationalpolizei in einer politischen Konfliktsituation das Kommando überließ.“ Für Maria Ressa war die Regierung Arroyos Wegbereiter und Testerin für die durchschlagende und gewaltsame Politik der folgenden Präsidenten Rodrigo Duterte (2016-2022) und Präsident Ferdinand Marcos Jr. (seit 2022).

Ab 2009 baute Ressa ein Bürgerreporter*innen-Programm auf, das durch eigene Recherchen und Dokumentationen „vielfach Bestechung, Korruption sowie Gewalt in Zusammenhang mit den Wahlen [11. Mai 2010] und weitere Vorfälle“ aufdeckte. Immer mehr Bürgerreporter*innen berichteten vom Wahlkampf in ihren Provinzen. Die Ausstrahlung der Recherche wurde zunehmend präsenter. Am Wahltag hatten sich fast 90.000 Bürgerreporter*innen registriert, die die Wahlen über ihre Handys und über die Reichweite von ABS-CBN auf den Sozialen Medien dokumentierten. Kandidat*innen wurden Verstöße gegen die Wahlordnung landesweit extrem erschwert. Ressa betont „die Macht der partizipativen Medien, die Bürgerinnen und Bürger dazu befähigt, mit ihrem Handy Gerechtigkeit und Rechenschaft zu verlangen. Es zeigt mir, wie Technologie für das Gute eingesetzt werden kann: für Empowerment der Gesellschaft, für Wahlbeteiligung und demokratisches Engagement, für Integrität und Wahrheit.“

Vier Frauen gründen das Nachrichtenportal Rappler

Maria Ressa kündigte bei ABS-CBN Ende 2010, nachdem der ehemalige Vizepräsident Arroyos und Prime-Time Moderator Noli de Castro als Hauptmoderator zurückkehren sollte. Sie hatte sich schon lange nach einer Plattform gesehnt, die Journalismus ehrlich und investigativ betreibt. 2012 gründete sie mit ihren ABS-CBN Kolleginnen Chay Hofileña, Beth Frondoso und Glena Gloria das Online-Nachrichtenportal Rappler. Die vier Journalistinnen verband ihre „ganz eigene Vision von Journalismus und seiner Rolle in einer Demokratie“. Ziel von Rappler war es, in den Philippinen „einen neuen Standard für investigativen Journalismus zu schaffen, der die Plattformen der sozialen Medien nutzte, um Aktionsgemeinschaften für bessere Regierungsformen und stärkere Demokratien aufzubauen.“ Damals habe sie fest an die Macht der sozialen Medien geglaubt, etwas Gutes in der Welt bewirken zu können, so Ressa. Rappler deckte unter anderem Korruption und Manipulation innerhalb der Regierung auf und wurde schnell zu einer prominenten Stimme im philippinischen Journalismus. In den Anfangsjahren wurden Rappler unter der Regierung von Benigno Aquino (2010-2016) wenig Steine in den Weg gelegt. Dies änderte sich mit dem Wahlsieg von Präsident Rodrigo Duterte im Mai 2016.

Bedrohungen der Medienfreiheit

„Die Saat für Dutertes Subversion der Verfassung wurde während Arroyos Amtszeit ausgebracht. Die Änderungen waren anfänglich so subtil und schleichend, dass die Öffentlichkeit sie kaum bemerkte. Wir hätten früher Alarm schlagen sollen. Auch deswegen halten wir heute die Stellung – #HoldTheLine.“, schreibt Ressa. Viele von Arroyos Unterstützer*innen waren Kabinettsmitglieder der Duterte Regierung. Die kritische Berichterstattung führte bald zu Konflikten mit den philippinischen Behörden: Rappler wurde vorgeworfen, in ausländischem Besitz zu sein und unter ausländischer Kontrolle zu stehen, Steuern zu hinterziehen und auf Online-Plattformen Rufschädigung gegenüber der Regierung zu betreiben. Auf vielen Vorladungen wurden diese Vorwürfe überprüft. Als Maria Ressa in New York den Preis des Komitees zum Schutz von Journalist*innen stellvertretend für Rappler entgegennahm, erregte das den Unmut von Präsident Duterte. Er veranlasste das Justizministerium der Philippinen, eine Pressemitteilung herauszugeben, die die Absicht bekannt machte, Maria Ressa und Rappler anzuklagen.

Maria Ressa schreibt eindrücklich über die emotionalen und psychologischen Auswirkungen dieser permanenten Bedrohung. Diese Verletzlichkeit verleiht der Erzählung eine menschliche Dimension und macht ihre Geschichte umso fesselnder und nachvollziehbar. Ihre Erzählweise verwebt geschickt das Persönliche und das Politische und ermöglicht es den Leser*innen, sich mit ihrem Kampf zu identifizieren und gleichzeitig zu verstehen, mit welchen Herausforderungen Medien unter der Herrschaft Dutertes konfrontiert waren. So hatte die Regierung Dutertes zum Beispiel versucht, Rappler die Lizenz zu entziehen. Rappler – Reporterin Pia Ranada wurde daran gehindert, den Malacañang-Palast zu betreten, als sie über Duterte und die Exekutive berichtete.

Demokratie in Gefahr

Eine der Stärken von Ressas Schreiben liegt in ihrer Fähigkeit, ihre Erfahrungen im Rahmen globaler Trends des Autoritarismus zu kontextualisieren. Sie zieht Parallelen zwischen den Taktiken Dutertes und denen anderer autokratischer Führer wie Victor Orban oder Jair Bolsonaro. Ressa arbeitet heraus, dass moderne Diktatoren für ihre Ziele vor allem soziale Medien instrumentalisieren, Desinformationen verbreiten und öffentliche Meinung manipulieren.

Maria Ressa untersucht die Komplexität der Informationslandschaft im digitalen Zeitalter, wie soziale Medien dazu missbraucht wurden, Propaganda zu verbreiten und die Opposition zum Schweigen zu bringen. 2021 kam zum Beispiel heraus, dass die Attacken auf Präsidentschaftskandidatin Leni Robredo und deren Verbreitung online von einer Regierungsstelle finanziert wurden. Ressas Analyse ist scharfsinnig, und sie liefert den Leser*innen wertvolle Einblicke in die Mechanismen von Online-Desinformationskampagnen und die Herausforderungen, denen Journalisten beim Navigieren durch dieses gefährliche Terrain gegenüberstehen.

Dabei geht sie auch auf die Rolle der Tech-Konzerne ein, die diese autoritären Regime erst möglich machten. Sie sieht eine Mitschuld der Social-Media-Giganten an der Verbreitung von Desinformation und an Cyberangriffen gegen Journalist*innen. Im letzten Teil des Buches skizziert Ressa den 10-Punkte-Plan, den sie zusammen mit Dmitri Muratov, dem Mitgewinner des Friedensnobelpreises von 2021, erarbeitet und mit dessen Hilfe die zerstörerische Macht der Tech-Konzerne begrenzt und die Demokratie verteidigt werden soll. Darin fordern sie unter anderem eine Welt, in der Technologie im Dienst der Menschheit steht und Menschenrechte über Profit gestellt werden. Kritik üben sie am Geschäftsmodell und der Gestaltung führender Online-Plattformen, die das Potenzial der Technologie für den Fortschritt untergraben.

Mut, Widerstand und Demokratie

How to Stand Up to a Dictator ist ein fesselndes und nachdenklich stimmendes Buch. Mit der Kombination aus persönlichen Anekdoten, den Ergebnissen aus investigativen Recherchen und einem tiefen Verständnis der sozialpolitischen Landschaft bietet Ressa ihren Leser*innen eine berührende und aktuelle Analyse der Bedrohungen für die Demokratie in der digitalen Welt. Dieses Buch ist nicht nur eine Pflichtlektüre für alle, die sich für die Politik der Philippinen interessieren, sondern auch für jene, die wissen möchten, welchen Bedrohungen Demokratien weltweit ausgesetzt sind – und wie diesen Bedrohungen mit Mut und Widerstandsfähigkeit begegnet werden kann.

Rezension von: Maria Ressa. How to Stand Up to a Dictator. Der Kampf um unsere Zukunft. Quadriga Verlag. 368 Seiten. 2022.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 1|2024 – Wahlen, Demokratie und Menschenrechte in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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Digitale Drecksarbeit

Südostasien: Wasser ist die Quelle allen Lebens und zugleich drastischen Eingriffen durch den Menschen ausgesetzt. Vier bewegende Kurzfilme zeigen uns die Gefahren auf – und rufen uns auf zur Veränderung.

Auf der Plattform Cinemata sind rund 5.000 frei zugängliche Filme und Dokumentationen zu sozialen und Umweltthemen aus der Asien-Pazifik-Region versammelt. Die Redaktion der südostasien hat eine Auswahl von Kurzfilmen rundum das Thema Wasser zusammengestellt.

Küstenerosion – Wenn Häuser im Meer versinken

Die rasant voranschreitende Erosion der Küsten trifft vor allem die vor Ort lebenden Menschen. Ursache ist die Übernutzung der Küstengebiete durch Siedlungen, Aquakulturen, Fischzucht und Landwirtschaft. Der Kurzfilm Weaving Hope on North Java Coast der Indonesian Nature Film Society (INFIS) beleuchtet die Folgen des stetigen Landverlustes an der Nordküste der indonesischen Insel Java. Die Aufnahmen zeigen, wie das Meer den Bewohner*innen der Küstenstreifen den Lebensraum quasi unter den Füßen wegspült – Häuserreihe für Häuserreihe.

Im Film berichten die Bewohner*innen, wie sie ihre Häuser verlieren – und wie auch die Tourist*innen immer mehr ausbleiben. Die Erzählungen fesseln und erschüttern zugleich. Aufgeben möchten die dort lebenden Menschen ihre Heimat jedoch nicht. Stattdessen kämpfen sie. Sie bauen Wellenbrecher und pflanzen Mangroven, um die Küstengebiete zu schützen. Auch wenn die Maßnahmen kostspielig und mit großen Mühen verbunden sind, zeigen sie bereits erste Erfolge und die Küste ist nun vor der direkten Kraft der Wellen geschützt. Das gibt Hoffnung für eine Zukunft mit mehr Sicherheit.

(Eileen Kristiansen)

Weaving Hope on North Java Coast. 2019. Indonesia Nature Film Society. Indonesien. 13 Minuten

Haie – Der Kampf um die Flossen

Obwohl Haie an der Spitze der marinen Nahrungskette stehen, sind auch sie Opfer des menschlichen Handels und seit Jahren stark bedroht. Der Kurzfilm Sharks, Balancing The Ocean zeigt den Alltag und die Auswirkungen des Haifischfangs in der indonesischen Provinz Aceh.
Viele Bewohner*innen Indonesiens leben vom Fischfang. In einigen Teilen haben sich Fischer*innen auf das Fangen von Haifischen spezialisiert. Ein lukratives Unternehmen, denn Hongkongs und Chinas Nachfrage nach Haifischflossen ist groß. Die Folgen der Überfischung zeigen sich schon in den stark zurückgehenden Beständen, was sich wiederum im Rückgang der Fänge widerspiegelt.

Der Film lässt lokale Fischer*innen und Umweltschützer*innen zu Wort kommen und zeigt so die Realität der Hai-Fischerei aus verschiedenen Perspektiven. Dieser Interessenkonflikt wird untermalt mit sehr verschiedenen Bildern, von lebendigen, farbenfrohen Korallenriffen bis zu Fischmärkten voller Blut, auf denen Haie zerlegt und verkauft werden.

(Eileen Kristiansen)

Sharks, Balancing The Ocean. 2014. Gekko Studio. Indonesien. 14 Minuten

Strom aus dem Fluss

Nicht alle Haushalte auf den Philippinen sind zuverlässig mit Strom versorgt. Auch dort, wo die Regierung Elektrizität gewährleistet, fällt der Strom immer wieder aus. Der Kurzfilm [S]ILAW: ISANG Dokumentaryo (Light) zeigt, wie dieses Problem in der entlegenen Gemeinde Katablangan seit 20 Jahren erfolgreich und nachhaltig gelöst wird.

Die ethnische Gruppe der Isneg verfügt weder über Mobilfunknetze noch über Straßen, die mit Autos befahrbar sind. Doch seit 2002 gewinnt sie zuverlässig ihren eigenen Strom aus dem nahen Matalag-Fluss – mittlerweile 24 Stunden am Tag. Ein Verein lokaler Farmer*innen installierte mithilfe der Firma SIBAT (Sibol ng Agham at Teknolohiya) ein kleines Wasserkraftwerk. Der Film zeigt, wie die konstante Stromzufuhr sich positiv auf den Dorfalltag auswirkt. Es gibt zum Beispiel eine strombetriebene Waschmaschine, ein Fernsehgerät, Licht für Zusammenkünfte im Dunkeln und eine eigene Eisproduktion für die Kinder. Neben Akteuren wie dem Dorfvorsteher und einem Mitarbeiter von SIBAT werden im Film auch lokale Politiker*innen gezeigt, die sich den Erfolg des Projektes ohne eigenes Zutun zu Nutze machen wollen.

Der Film endet mit einer – leider viel zu kurzen – Erläuterung zu existierenden Plänen für Großstaudammprojekte in der Region und lässt somit viele Fragen offen. Dennoch wird an diesem Beispiel deutlich, wie sich Infrastruktur auf der lokalen Ebene verbessern lässt – mit Hilfe der Natur und nicht gegen sie.

(Kathrin Stopp)

[S]ILAW: ISANG Dokumentaryo (Light), 2022, Kodao Productions, Philippinen, 16 Minuten

Zerstörerische Staudämme

Talsperren – das sind gigantische Bauwerke, die den Wasserhaushalt stabilisieren sollen, oftmals mit massiven ökologischen und gesellschaftlichen Folgen, die noch viel zu wenig beleuchtet sind. Unlocking Bengoh folgt den Einwohner*innen rund um die Bengoh-Talsperre in Sarawak, Malaysia, die ihre Dörfer verlassen mussten, da diese überflutet wurden.

Die Bengoh-Hügelkette erhebt sich unweit der Millionenstadt Kuching, die von Wasserknappheit bedroht war. Um dem entgegenzuwirken, baute man 2004 eine Talsperre am Fluss Sarawak. Die Lösung für die Dörfer, die dadurch unbewohnbar wurden: das Bengoh Resettlement Scheme, eine knapp 20 Kilometer entfernte Neuansiedlung. Den Einwohner*innen wurden Häuser, Ackerland und eine gute Infrastruktur versprochen.

Die Realität sieht allerdings anders aus: unfertige Häuser, unfruchtbares Ackerland, unwegsame Straßen. Zudem zeigt die Dokumentation deutlich, dass die Talsperre funktionierende Öko- und Sozialsysteme zerstört hat. Unlocking Bengoh wurde von malaysischen Urlaubern gedreht und ist eine Mischung aus Landschaftsaufnahmen, Gesprächen mit umgesiedelten Menschen und Ausschnitten aus älteren Dokumentationen über das Talsperren-Projekt. Letzten Endes zeigt der Film, dass die Bewohner*innen allein gelassen wurden – von den Planer*innen des Projekts, aber auch von Politiker*innen in Kuching.

Die Dokumentation hinterlässt den Eindruck, dass es zu spät ist und dass die Umwelt und die Kultur der Dörfer nicht mehr zu retten seien. Politiker*innen und Planer*innen kommen nicht zu Wort. Auch das weiter gefasste Phänomen der Wasserknappheit thematisiert der Film nicht. Dennoch ist Unlocking Bengoh ein wichtiges Porträt indigener Rechte im Kontext von Talsperren in Südostasien – ein Thema, dem angesichts weiterer derartiger Vorhaben mehr Aufmerksamkeit gebührt.

(Lena Mrotzek)

Unlocking Bengoh, 2021, Freedom Film Network, Malaysia, 25 Minuten

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 2|2024 – Alles im Fluss? Wasser in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: Der Sammelband „Von Marcos zu Marcos“ gibt in 70 Beiträgen einen breiten Überblick über die modernen Philippinen seit 1965.

Über 30 philippinische und deutschsprachige Autor:innen befassen sich in diesem Buch in neun großen Abschnitten mit der Geschichte der Philippinen, mit Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, mit der philippinischen Diaspora, mit Menschenrechten und Umwelt sowie mit der Situation der Linken. Die Artikel sind meist kurz und gut lesbar, sie bieten einen schnellen Einblick in die vielfältigen Facetten der modernen Philippinen. Damit stellt dieser Band eine Art Nachfolger zum „Handbuch Philippinen“ dar, das bereits in sechs Auflagen erschienen ist. Herausgegeben wurde „Von Marcos zu Marcos“ von Rainer Werning und Jörg Schwieger – beide vor einem halben Jahrhundert in der Solidaritätsbewegung für die Philippinen sozialisiert, wie sie in ihrem Vorwort schreiben. Von ihnen stammt ein gutes Viertel der Beiträge des Sammelbandes.

Informative Einblicke

Informativ sind die Überblicke Rainer Wernings zu manchen (familien-)geschichtlichen Aspekten. Wie kam es zum Sturz von Vater Marcos im People Power-Aufstand 1986? Was steckt hinter der zeitweiligen Allianz der mächtigen Präsidentenclans Marcos und Duterte? Woran zerbrach die Kooperation zwischen den Familien und wie führte das zur Überstellung des Expräsidenten Rodrigo Duterte an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag?

Ein kurzer Beitrag des bekannten Befreiungstheologen Edicio dela Torre beschreibt das Dilemma der politischen Linken nach dem Sturz von Marcos Senior: Fortsetzung des Widerstands oder kritische Mitwirkung und Kampf um neue demokratische Spielräume?

Spannend ist auch der Einblick von Eric Gutierrez in das Überleben einer Familie aus einer der zahlreichen Minderheiten im unruhigen Süden des Landes. Blutige Clan-Fehden sowie der bewaffnete Konflikt zwischen Moro-Rebellen und dem staatlichen Militär zwingen die Familie zweimal zu Flucht und Neuanfang in ihnen unbekannten Regionen. Und doch meistern sie ihr Überleben mit Geschick und Zähigkeit.

Plastisch beschreiben Mirjam Overhoff und Hannah Wolf in ihrem Beitrag verschiedene Antworten unterschiedlicher Gemeinden auf die Klimakrise. Im Golf von Lingayen forsten Menschen zum Schutz vor Taifunen und Überflutungen Mangrovenwälder auf und ergänzen ihren abnehmenden Fischfang mit neuen Obst- und Gemüsegärten. In Benguet diversifizieren indigene Gemeinschaften ihren landwirtschaftlichen Anbau, um ihre Erträge weniger anfällig für die Wetterkapriolen zu machen, die der Klimawandel mit sich bringt.

Besonders interessant ist einer der letzten Beiträge des Bandes. Herbert Docena unterwirft die Beschreibung der philippinischen Gesellschaft als „halbfeudal“ oder „rückständig kapitalistisch“ einer empirischen Untersuchung. Dabei stellt er fest, dass die von der dogmatischen Linken behauptete Charakterisierung als „halbfeudal“ („semi-feudal“) einer Überprüfung an den Fakten nicht standhält.

Zu knappe Darstellung komplexer Zusammenhänge

Dann aber gibt es einiges in diesem Sammelband, das irritiert. Zum Beispiel beschreibt Rainer Werning in seinem Beitrag „Dutertismo“ die Beliebtheit des Expräsidenten als „verblüffend“. Dabei berücksichtigt er nicht, dass vor allem arme und marginalisierte Bürger:innen von der neuen Sicherheit profitiert haben, die Dutertes mörderischer und menschenverachtender Feldzug gegen die Drogenkriminalität ihren Slums gebracht hat. Die unter Duterte verordnete Abschaffung der Studiengebühren für alle staatlichen Universitäten und Berufsschulen hat ihnen eine riesige Last von den Schultern genommen. Auch die Verbesserung der medizinischen Grundversorgung unter seiner Präsidentschaft hat besonders ärmere Bevölkerungsschichten erreicht.

Etwa zehn Prozent der philippinischen Erwerbstätigen arbeiten im Ausland. Das greift tief in Familienstrukturen, Geschlechterrollen, Bildungswege, Lebensplanung, politische Mobilisierung und die Ausbildung nationaler Identitäten ein. Hinweise darauf finden sich in den Artikeln von Marina Wetzlmaier und Mary Montemayor. Die Autorinnen beschreiben auch, mit welchen Problemen und Herausforderungen bis hin zu rassistischen Anfeindungen die Arbeitsmigrant:innen in ihren Aufnahmegesellschaften zu kämpfen haben. Spannend könnte hier eine tiefere Analyse der Veränderungen sein, die die Arbeitsmigration in der philippinischen Gesellschaft ausgelöst hat.

Robert Francis Garcia berichtet in seinem Text von den politischen „Säuberungen“ in der Kommunistischen Partei der Philippinen und der New People’s Army in den 1980er und frühen 90er Jahren. Diese Säuberungen und ihre bis heute fehlende Aufarbeitung sind eine zentrale Ursache für die aktuelle Zersplitterung und relative Bedeutungslosigkeit der philippinischen Linken. Sie forderten nach konservativen Schätzungen das Leben von mindestens 2.000 Genossinnen und Genossen. Hier führt die Einleitung des Textes, die übrigens nicht vom Autor stammt, mit der Nennung von 66 Todesopfern in die Irre.

Leider verpasst so eine ganze Reihe von Artikeln die Chance, in der Analyse tiefer zu gehen und tradierte eindimensionale Vorstellungen an der Empirie zu überprüfen. Die Verhaftung vieler Autor:innen in den Narrativen der Solidaritätsbewegungen des letzten Jahrhunderts erweist sich hier als hinderlich.

Detailreiche Einführung zu den Philippinen

Inzwischen gibt es eine beträchtliche Zahl von Filipinas und Filipinos, die in Europa geboren und aufgewachsen sind und ihren eigenen, anderen Zugang zu dem Land ihrer Eltern haben. Eine nächste Fassung des Handbuch Philippinen oder eines solchen Philippinischen Lesebuchs sollte auch von ihnen und ihrem Blick auf dieses Land geprägt sein.

Auch ein Kapitel zu Kunst, Kultur und der lebendigen Literaturszene des Landes, die sich auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse selbstbewusst präsentieren wird, fehlt leider ganz.

Nichtsdestoweniger bietet der Sammelband mit seinen zahlreichen Autor:innen und seinem vielfältigen Strauß an Facetten eine breite Übersicht über viele Aspekte der modernen Philippinen und eignet sich als detailreiche Einführung nicht nur für Reisende, die diesem Land zum ersten Mal begegnen.

Rezension zu: Hrsg. Jörg Schwieger, Rainer Werning. Von Marcos zu Marcos. Die Philippinen seit 1965. 2025. Promedia Verlag. 224 Seiten.

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Schweiz/Deutschland: Annette Hug spricht im Interview über koloniale Erinnerungen, transnationale Perspektiven und die Kraft philippinischer Literatur als kulturelle Brücke.

südostasien: Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse im Oktober 2025 stehen die Philippinen als Ehrengast im Zentrum. Frau Hug, wie war die Zeit der Vorbereitung?

Annette Hug: Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. In den letzten Monaten habe ich vier philippinische Bücher übersetzt und war mit fünf Verlagen parallel in Produktionsphasen. Jetzt steht vor allem die Pressearbeit im Vordergrund. Ich bin Mitglied der philippinischen Delegation und werde täglich an zwei bis drei Veranstaltungen teilnehmen. Die Buchmessen an sich besuche ich schon seit langem, das gehört zur Arbeit als Autorin und freischaffende Übersetzerin dazu.

Sie haben eine langjährige Verbindung zu den Philippinen und haben in den 1990er Jahren dort studiert. Wie kommt es, dass Sie sich bis heute sehr intensiv mit den Philippinen befassen?

Ich war in der Schweiz im feministischen und antimilitaristischen Kontext engagiert, als ich 1991 an der Frauenkonferenz WISAP 91 in den Philippinen teilnahm, die von GABRIELA organisiert wurde. Die internationale Konferenz befasste sich mit der Unterdrückung der Frauen im Zusammenhang mit der Rolle des US-Militärs und den Militärbasen im Land. Damals wurde in Manila der Studiengang Women and Development Studies angeboten, sodass ich anschließend drei Jahre blieb. Einiges war aber auch desillusionierend, besonders die politische Situation war wahnsinnig schwierig.

2012 bewegte ich mich wieder thematisch auf die Philippinen zu, als ich entschied, einen Roman über José Rizal zu schreiben. Seine Übersetzung von Friedrich Schillers Wilhelm Tell interessierte mich sehr. Als ich daran arbeitete, merkte ich schnell, dass mein Tagalog viel zu schlecht für dieses Projekt war. So fuhr ich zurück in die Philippinen, um ein “malalim na Tagalog“ (vertieftes Tagalog bzw. Filipino) zu lernen. Ich tauchte diesmal anders in die Sprache ein und fand über die Literatur einen neuen Zugang zum Land.

Wenn Sie heute auf die Literaturszene der Philippinen blicken: Welche Themen, Genres oder Entwicklungen bewegen diese besonders?

Das ist schwierig zu sagen, weil es lebendige Literaturen in vielen verschiedenen philippinischen Sprachen gibt, von denen ich nur Filipino kann. Beispielsweise nehme ich eine sehr lebendige Literaturszene in Bicolano wahr, aber das kann ich nicht lesen. Was in Manila ankommt, ist mehrheitlich auf Englisch aber punktuell auch einiges auf Filipino.

Aktuell erscheinen viele Bücher, die sich thematisch mit Ökologie befassen; auch einige Übersetzungen werden aktuell dazu veröffentlicht. Dieses Jahr sind zwei Romane von Caroline Hau und Daryll Delgado erschienen, die beide im Kontext von Taifun Haiyan spielen.

Ein zweites wichtiges Thema ist nach wie vor die politische Aufarbeitung der Ferdinand Marcos Sr.-Diktatur (1972-1986) und der Präsidentschaft Rodrigo Dutertes (2016-2022). Kaum jemand hat bisher begriffen, was mit Land und Leuten in der Duterte-Zeit passiert ist. Die literarische Aufarbeitung der Duterte-Zeit, z.B. durch Patricia Evangelista, ist der Versuch des Verstehens.

Seit 2022 ist mit Ferdinand Marcos Jr., der Sohn des früheren Diktators, zum Präsidenten gewählt worden. Spiegelt sich diese politische Kontinuität auch im aktuellen Literaturgeschehen wider? Und wie könnte man dem entgegenwirken?

Im Wahlkampf hat Ferdinand Marcos Jr. ein geschöntes Bild der Regierungszeit seiner Eltern gezeichnet. Die Literatur spricht eine andere Sprache. Sie wird so eine Art historisches Gedächtnis. Umso wichtiger ist es, dass Jugendliche und Erwachsene Zugang zu dieser Literatur haben.

Das Booknook-Projekt des National Book Development Boards ist ein spannendes Projekt. Sie kaufen lokale Bücher und bringen diese in kleine Bibliotheken. Zusätzlich werden viele Aktivitäten für Kinder angeboten, sozusagen Bibliotheksarbeit in einem sehr modernen Sinn: Bibliotheken als Treffpunkte, als lebendige Orte für den Austausch mit und zu Büchern.

Zur Buchmesse erscheinen drei neue Übersetzungen von Ihnen. Eine davon ist „Das Meer der Aswang“, eine Geschichte über die magischen Wesen der philippinischen Mythologie. Was hat Sie an diesen Texten besonders fasziniert?

„Das Meer der Aswang“ hat mich als literarisches Projekt fasziniert. Der Autor Allan Derain nimmt die alte mündliche Literatur auf und antwortet mit einem sehr modernen literarischen Roman. Zuvor habe ich von epischer Literatur immer etwas Abstand gehalten, da mir der Zugang fehlte. Doch Allan Derain schreibt über eine Geschichte voller Gewalt und Lebenskunst, die er anhand von vielen Wortspielen und Witzen auch lustig erzählt. In der Übersetzung habe ich sehr an den Wortspielen geknobelt.

Der andere Roman, den Sie im Rahmen der Buchmesse aus dem Tagalog ins Deutsche übersetzt haben, lautet „Die 70er“ und ist eine sozialrealistische, feministische Erzählung. Inwiefern spiegelt sich darin Ihre persönliche Verbindung zu den Philippinen?

Zu Lualhati Bautista habe ich eine sehr persönliche Beziehung. Ihre Bücher waren die ersten Bücher auf Filipino, die ich selbst in den 1990ern las. Meine feministischen Mütter in den Philippinen kannten Bautista ebenfalls. Mir war es ein persönliches Anliegen, eine Stimme aus dieser Generation auf Deutsch lesbar zu machen. Es ist die lebendige Stimme einer Frau, die sich schalkhaft und klug den schönen und furchterregenden Momenten im Leben einer Mutter unter Kriegsrecht stellt.

Während meines Studiums der Women and Development Studies beschäftigten wir uns mit Fachliteratur, in der es darum ging, dass es kein Scheidungsrecht gab, oder dass Abtreibungen verboten und deshalb sehr gefährlich waren. Die Situation hat sich etwas verbessert, da wenigstens Verhütung nicht mehr verboten ist. Doch Gewalt gegen Frauen, Inzest und sexuelle Ausbeutung sind weiterhin präsent.

Das Schöne an der Literatur ist, dass das Leben nicht auf eine solche Liste von Problemen reduziert wird.

Gibt es Autor:innen oder Bücher von den Philippinen, die Sie dem deutschsprachigen Publikum besonders ans Herz legen würden?

Ich würde „Die 70er“ von Lualhati Bautista und Die Kollaborateure von Katrina Tuvera empfehlen. Auch halte ich Die Rebellion von Jose Rizal für besonders empfehlenswert – mehr noch als Noli Me Tangere. In Die Rebellion zeigt sich Rizal deutlich moderner, er wirkt wesentlich wütender und zugleich desillusionierter von Europa. Interessanterweise entsteht dadurch eine Komik, getragen von Rizals Wut und Witz.

In welche Richtung wird sich Ihrer Ansicht nach die philippinische Literaturszene in den nächsten Jahren bewegen?

Der „philippinische Roman“ im Sinne einer realistischen Auseinandersetzung mit den sozialen Realitäten des Landes, der die gesellschaftlichen Strukturen und Entwicklungen widerspiegelt, wird wohl weiterhin Bestand haben, aber vielleicht weniger dominant sein. Heute boomt das Horror-Grusel- und Fantasy-Genre. Besonders beliebt sind derzeit Adaptionen der vorchristlichen Philippinen. Ausgehend von der Lyrik, die mir persönlich am Herzen liegt, etwa in Form von Hip-Hop oder Spoken Word sowie von Autorinnen und Autoren wie Alan Derain, beobachte ich einen zunehmenden Experimentierwillen in neuen literarischen Formen.

Wie groß ist der Einfluss der Frankfurter Buchmesse in den Philippinen?

Meinem Eindruck nach wird dort der Frankfurter Buchmesse eine große Bedeutung beigemessen. Auch zahlreiche Akteur:innen des Literaturbetriebs, die offiziell nicht Teil der Delegation sind, werden nach Frankfurt reisen. Die Buchmesse wird als ein Anlass gesehen, bei dem die philippinische Literaturszene zusammenkommt und sichtbar wird.

Natürlich besteht die Gefahr, dass nun Autor:innen verstärkt Werke für den internationalen statt für den philippinischen Markt schreiben; das wäre ein langweiliger und bedauerlicher Nebeneffekt. Gleichermaßen wäre es für die Philippinen von großer Bedeutung, eine international anerkannte Stimme, einen literarischen Weltstar hervorzubringen, wie Chimamanda Ngozi Adichie oder Elif Shafak. Aber eigentlich hoffe ich, dass die Messe den Wert der Literatur in den Philippinen selbst stärkt. Und dass die Bevölkerung sich fragt: „Warum gibt es bei uns so viele amerikanische Bücher und kaum philippinische Bücher zu kaufen?!“ Ein solcher Impuls wäre sehr zu begrüßen.

Das Interview wurde am 5. September 2025 geführt

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Philippinen/Deutschland: Die Teilnahme der Philippinen als Ehrengast der Buchmesse wird in der philippinischen Presse diskutiert. Mit einigen Auszügen aus der Debatte wollen wir die Breite der Meinungen zeigen.

Die philippinische Schriftstellerin und Co-Vorsitzende des Guest of Honor Committee Neni Sta. Romana-Cruz im Philippine Star:


Wir fühlten uns wie Neulinge, als das National Book Development Board (NBDB) nach einer Pause von 15 Jahren 2015 wieder an der Frankfurter Buchmesse teilnahm. Wir waren nur eine Handvoll Leute und unser philippinischer Stand war ein winziger Raum, den wir selbst mit buntem Papier aus einem Frankfurter Schreibwarengeschäft dekorieren mussten. Unser Stand war schlecht beleuchtet und jemand aus Manila fragte, als er sich dem Stand näherte, ob es einen Stromausfall gäbe. Glücklicherweise hatten die Stände unserer ASEAN-Nachbarn Singapur und Malaysia eine helle Beleuchtung, die auch auf unseren Stand fiel. Heute können wir über diese bescheidenen Anfänge lachen, denn dank der Unterstützung und Ermutigung von Senatorin Loren Legarda erhielten wir ein besonderes Budget für die Buchmesse, das uns die jährliche Teilnahme ermöglichte. Es ist eine ungeschriebene Regel, dass die jährliche Präsenz eines Landes notwendig ist, um wahrgenommen und anerkannt zu werden und etwas zu bewirken.

Eine Delegation aus 50 Kreativen, Autor:innen, Illustrator:innen, Verleger:innen aus den Philippinen, nehmen vom 16. bis 20. Oktober an der 76. Frankfurter Buchmesse teil. Ihnen wurde mit Reisestipendien die Teilnahme an der Messe ermöglicht. Sie werden an Podiumsdiskussionen teilnehmen, Seminare leiten und sich vor allem auch die anderen philippinischen Messestände in den sechs verschiedenen Gebäuden anschauen.

Zu den Schriftsteller:innen der Delegation gehören: Frances Alvarez, Jose Dalisay, Mina Esguerra, Patricia Evangelista, Jaya Jacobo, Ambeth Ocampo, Isabel Roxas und Budjette Tan.
Neben der im Vergleich zu den Vorjahren größeren Delegation hat auch die Zahl der Stände unseres Landes zugenommen – von einem nationalen Stand (heute elegant und gut beleuchtet) mit den besten Veröffentlichungen des Jahres zu weiteren Ständen, die Titel aus folgenden Genres präsentieren: Junge Erwachsene, Kinder- und Jugendliteratur, Graphic Novels (Comics im Buchformat) und Comics, akademische Publikationen und Lehrbücher.

Die Asien-Bühne, gesponsert von der Buchmesse und dem Beratungsunternehmen Rex Education, bietet 30 Veranstaltungen zu den Themen Literatur, Bildung, Kunst, Geisteswissenschaften, Technologie und Naturwissenschaften. Außerdem gibt es die Internationale Bühne, auf der einige philippinische Autoren Vorträge halten.

Da es sich um ein großes Ereignis für das Land handelt, haben die National Commission for Culture and the Arts (NCCA), NBDB, das Außenministerium und das Büro von Senatorin Loren Legarda in den letzten Monaten eng zusammengearbeitet – der öffentlichen Ankündigung durch die Frankfurter Buchmesse während des Philippinischen Buchfestivals des NBDB im August 2023 in Davao.

Starke Fürsprecherin: Senatorin Loren Legarda im Manila Bulletin:


Senatorin Loren Legarda würdigte kürzlich die tiefen kulturellen Verbindungen zwischen den Philippinen und Deutschland. Anlässlich des Besuchs einer deutschen Mediendelegation erzählte die Senatorin von ihrem ehrgeizigen Traum, die Philippinen auf der Frankfurter Buchmesse – der weltweit größten und einflussreichsten Buchmesse – ins Rampenlicht zu rücken.

Legarda, die Visionärin hinter der Rolle der Philippinen als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2025, sagte, es sei ihre persönliche Mission, dass das Land dieses Ziel erreiche.

„Als die Philippinen 2015 ihr bescheidenes Comeback auf der Frankfurter Buchmesse feierten, wagte ich die Frage: ‚Warum nicht die Philippinen als Ehrengast?‘ Ich habe dies als meine persönliche Mission angesehen. 2017 traf ich mich hier in Manila mit Herrn Jürgen Boos und im selben Jahr begann ich mit den Vorbereitungen. Selbst als die Pandemie unsere Dynamik zu bremsen drohte, blieben wir auf Kurs und 2023 wurde aus der Idee dann Gewissheit.“

Die Senatorin würdigte die langjährigen Beziehungen zwischen den Philippinen und Deutschland, insbesondere durch das Vermächtnis von Rizal, der 1887 in Berlin „Noli Me Tangere“ veröffentlichte.

Der Erfolgsautor Jose Dalisay im Philippine Star:


Als Ehrengast werden die Philippinen – ihre Literatur, Kultur, Geschichte und Politik – in Frankfurt im Vordergrund stehen. Dies dank Dutzender Schriftsteller:innen, tausender Bücher und zahlreicher Ausstellungen und Präsentationen, die unter anderem durch die gemeinsamen Bemühungen des National Book Development Board (NBDB) und der National Commission for Culture and the Arts (NCCA) zur FBM gebracht werden.

Der Ehrengast-Status ist eine Anerkennung, die jedes Jahr einem anderen Land zuteil wird, aber nicht umsonst zu haben ist: Das Projekt kostet Hunderte Millionen Pesos, was seine Befürworter:innen als lohnende Investition betrachten, um das weltweite Ansehen der Philippinen durch ihre Kultur zu steigern und den internationalen Markt für philippinische Bücher und Autor:innen zu erweitern. In den letzten zwei Jahren haben NBDB und das philippinische Ehrengast-Komitee intensive Anstrengungen unternommen, um das Programm vorzubereiten, die Delegierten auszuwählen und die Logistik für unsere historische Teilnahme an der FBM im Oktober zu organisieren. (…)

Nun gibt es eine Initiative, angeführt von einigen prominenten philippinischen Schriftsteller:innen und Aktivist:innen, die aus verschiedenen Gründen einen Boykott der FBM fordern. Zu den Gründen gehören unter anderem falsche Prioritäten der Regierung bei der Finanzierung unserer Teilnahme als Gastland, vor allem aber der Protest gegen die angebliche Unterstützung Israels durch die FBM in seinem Krieg im Gazastreifen und auch gegen die Komplizenschaft Deutschlands als Verbündeter Israels in diesem Konflikt. Derzeit hat diese Bewegung noch nicht viel Anklang gefunden, aber es würde mich nicht überraschen, wenn sie in den Monaten bis Oktober an Fahrt gewinnen würde – wahrscheinlich nicht genug, um uns davon abzuhalten, dorthin zu fahren, aber genug, um innerhalb unserer Reihen für einige Bestürzung und Uneinigkeit zu sorgen. (…)

Meine Antwort lautet nein. Ich setze mich für Frieden und Gerechtigkeit sowohl für das palästinensische als auch für das israelische Volk ein – ja, für alle unterdrückten Völker der Welt, einschließlich unseres eigenen. Aber wenn wir uns einer historischen Gelegenheit berauben, unseren kollektiven Widerstand gegen Ungerechtigkeit zum Ausdruck zu bringen – nicht nur in Gaza oder in dieser einen Frage, egal wie dringlich sie auch sein mag –, wird das nur kontraproduktiv sein. Wenn es nicht wie ein Lauffeuer um sich greift (andere prominente Autor:innen anderswo, wie in Indonesien – das vor einigen Jahren Ehrengast war –, haben ihre Unterstützung bekundet), wird ein symbolischer Boykott so ohrenbetäubend und folgenreich sein wie ein Baum, der im Wald umfällt.

Letztendlich wird es auf eine individuelle Gewissensentscheidung hinauslaufen, wie auch immer die einzelnen Personen sich entscheiden, für die wir uns eine respektvolle Akzeptanz vorbehalten müssen. Ob man geht oder bleibt, die Gründe oder Motive müssen klar sein, damit die Geste nicht vergebens ist. Ich werde stolz nach Frankfurt reisen, ohne Schuldgefühle oder Scham, um durch meine Bücher über unser Volk und unseren Kampf für die Freiheit zu sprechen. Engagement, nicht Rückzug, ist der beste Dienst, den Schriftsteller:innen für ihr Land und für alle unterdrückten und zum Schweigen gebrachten Menschen überall leisten können.

Aufruf zum Boykott der Frankfurter Buchmesse in Frontlist:


Publishers for Palestine, eine internationale Solidaritätsgruppe von fast 600 Verlagen aus 50 Ländern, fordert einen branchenweiten Boykott der Frankfurter Buchmesse.

„Der Boykottaufruf von Publishers for Palestine folgt auf das Versäumnis der Messe, auf ihre Mitschuld an der staatlichen und unternehmerischen Unterstützung Israels beim Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen zu reagieren, sowie auf ein Programm, das Israels Besatzung und Apartheidregime ignoriert. Die Messe hat außerdem mit der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels die amerikanische Journalistin Anne Applebaum geehrt und die Autorin zur Messe 2024 eingeladen, wiewohl sie die öffentlich Israels illegale Bombardierung palästinensischer Medienstandorte, die Teil von Journalistenmord sind, gelobt hat“, heißt es in einer offiziellen Erklärung vom 30. Januar 2025.

In ihrem Boykottaufruf stellen Publishers for Palestine vier grundlegende Forderungen an die Frankfurter Buchmesse:

  • Das Apartheid- und Völkermordregime Israels in Gaza verurteilen und die Menschenrechte des palästinensischen Volkes unterstützen;
  • Die Zusammenarbeit mit mitschuldigen israelischen Buchverlagen verweigern, unter anderem indem ihre Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse abgelehnt wird;
  • Die Angriffe auf palästinensische Schriftsteller:innen, Journalist:innen und Wissenschaftler:innen verurteilen – und anerkennen, dass diese Angriffe Teil eines Völkermordprojekts sind, das darauf abzielt, das Leben und die Kultur der Palästinenser auszulöschen;
  • Programme entwickeln, in denen palästinensische Schriftsteller:innen, Verleger:innen und Geschichten eine herausragende Rolle spielen.

Bis zum 15. April 2025 haben bereits acht unabhängige philippinische Verlage die Solidaritätserklärung unterzeichnet: Isang Balangay Media Productions (Balangay Books), Gantala Press, Everything’s Fine, Kwago Publishing Lab, Lomboy Press, Paper Trail Projects, Aklat Alamid und Alfredo F. Tadiar Library.

Bei einem Dialog zwischen philippinischen Schriftsteller:innen, Verleger:innen und Kreativen am 27. Mai 2025 im Nationalmuseum der Schönen Künste auf Einladung von Senatorin Loren Legarda verlasen die Teilnehmer:innen Positionspapiere zum Boykott, die auch online verfügbar sind.

Erklärung zur Teilnahme der Philippinen als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse:

Am 27. Mai 2025 lud das philippinische Ehrengastkomitee zu einem Dialog in Manila mit philippinischen Autor:innen, Verleger:innen und Kreativen ein, die aus Solidarität mit dem palästinensischen Volk zu einem Boykott der Frankfurter Buchmesse 2025 aufgerufen haben. Wir bekräftigen ihr Recht auf Meinungsverschiedenheit als grundlegendes Recht in jeder demokratischen und gerechten Gesellschaft.

Wir erkennen die moralische Klarheit und tiefe Überzeugung hinter diesem Aufruf. Als Volk mit einer eigenen Kolonialgeschichte können wir nicht wegsehen. Wir schließen uns den vielen Stimmen an, die die anhaltenden Angriffe auf das Leben und die Freiheit der Palästinenser sowie die festgefahrenen Strukturen der Ungerechtigkeit, die dies ermöglichen, verurteilen.

Gleichzeitig bekräftigen wir, dass die Teilnahme der Philippinen als Ehrengast an der Frankfurter Buchmesse 2025, die im August 2023 offiziell bestätigt wurde, eine Bekräftigung unserer Identität und unserer Geschichten ist, die uns ausmachen. Es handelt sich dabei nicht um die Ausrichtung an irgendeiner ausländischen Position, sondern um eine bewusste und unabhängige Entscheidung, die ganze Bandbreite der philippinischen Erzählungen zu präsentieren, die von Jahrhunderten des Überlebens, des Widerstands und des Strebens nach Freiheit geprägt sind. Dies ist ein Moment des Ausdrucks und der Wahrheitsdarstellung.

Schließlich war Literatur für Filipinos noch nie neutral. So wie Dr. José Rizals Noli Me Tangere einst die erste antikoloniale Revolution in Südostasien inspirierte, muss auch die Literatur heute eine Kraft für die Wahrheit bleiben, selbst und gerade dann, wenn die Wahrheit ignoriert wird.

Unsere Präsenz auf der Messe wird nicht losgelöst von den Leiden der Welt sein, sondern ein Engagement für sie. Indem wir die Geschichte der Filipinos erzählen, lassen wir andere nicht im Stich, die noch darum kämpfen, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Die friedliche Sprache unseres Handwerks kann herausfordern, hinterfragen, kritisieren, beeinflussen und inspirieren. Sie ist seit langem die Sprache des Erwachens und es ist eine Sprache, die wir weiterhin sprechen werden.

Wir stehen in voller Solidarität auf der Seite der Menschlichkeit.

Ani Rosa Almario | Karina Bolasco | Kristian Cordero | Neni Sta. Romana-Cruz | Nida Ramirez

Übersetzungen aus dem amerikanischen Englisch von: Jörg Schwieger

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
Autor*in:

Digitale Drecksarbeit

Philippinen: Der Roman „Stille im August“ von Caroline Hau beschreibt mit Geschichten über Migration und Klassismus eindrucksvoll philippinische Lebensrealitäten. Anlässlich der Buchmesse ist er auch auf Deutsch erschienen.

Racel steckt mitten in einem ihrer 15-stündigen Arbeitstage in Singapur, als sie die Nachricht erreicht, dass ihre Mutter während eines Taifuns verschwunden ist. Als „Overseas Filipino Worker“ (OFW) hat sie einen straffen Zeitplan und wenige Freiheiten, sodass sie nicht unmittelbar auf ihre Heimatinsel zurückreisen kann und sich zunächst aus dem fernen Singapur sorgen muss.

Lia, deren einflussreichen Eltern jene Heimatinsel gehört, gelangt durch eine gelüftete Affäre in die Schlagzeilen des Stadtstaates Singapur. Zur Schadensbegrenzung zitiert ihre Mutter sie zurück auf das dünn besiedelte Banwa mit den weitläufigen Zuckerrohrfeldern. Dort befindet sich zwar der familiäre Hauptsitz, aber keiner ihrer Verwandten wohnt mehr auf der Insel. Auch Lia trifft das Verschwinden von Racels Mutter, denn diese war früher ihr Kindermädchen. Aus diesem Grund sagt Lia Racel ihre volle Unterstützung zu. So beginnt die Suche nach Spuren der beliebten, allseits bekannten Frau, von der Racel sich schon bald fragt, wie gut sie sie eigentlich selbst kannte.

Geschichten von Armut und Macht

Die Insel Banwa ist der hauptsächliche Schauplatz des Romans, der trotz seiner Fiktionalität eine allgemeingültige Geschichte erzählt. Die Autorin greift im Verlauf des Buches zahlreiche Themen auf und geht besonders detailliert auf die philippinische Küche, den Katholizismus und die Mythologie des Landes ein. Auch Informationen über die Kolonialzeit, über den noch heute vorherrschenden Klientelismus und die Armut der Mehrheitsgesellschaft werden fein mit der Erzählung verwoben.

So schildert Racel beispielsweise die Hungerperioden ihrer Kindheit, in denen es wochenlang nur Süßkartoffeln und Bananen gab, und beschreibt die durch wenig Nahrung immer größer werdenden Bäuche. Auch die regelmäßig von Taifunen zerstörten Hütten sowie die harte Arbeit auf den Feldern gehörten für sie zum Alltag. Lia währenddessen positionierte sich in ihrer Jugend öffentlich gegen politische Maßnahmen des Präsidenten, einem Verbündeten der Familie. Daraufhin wurde sie von ihrem Vater gezwungen, das Land zu verlassen, und musste unter anderem jene Abwertung erfahren, die Philippiner:innen aufgrund ihrer Herkunft in der Fremde oft zuteil wird.

Gemeinsam im Geisterhaus

Zusammen im Anwesen von Lias Familie hängen die beiden Frauen ihren Erinnerungen nach und schildern abwechselnd ihre Beobachtungen und Werdegänge. Dabei wird zwar ihr Klassenunterschied deutlich, aber auch die ihnen gemeinsame Resignation über den Verlauf ihrer Leben und den Zustand ihres Landes. Und ganz nebenbei beschäftigen sie Geräusche in Nebenzimmern und auf der Treppe neu angeordnetes Geschirr – doch niemand in dem alten Haus will es gewesen sein.

„Stille im August“ heißt im Original „Tiempo Muerto“, was „tote Zeit“ bedeutet, eine Bezeichnung aus der Kolonialzeit, die auf den Philippinen noch immer für jenen Zeitraum verwendet wird, in dem die Felder abgeerntet sind und die landwirtschaftliche Arbeit vorerst zum Erliegen kommt. Auch Racel und Lia erleben metaphorisch diese tote Zeit voller Stillstand und der Frage, wie es jetzt weitergehen soll.

Kein Einzelfall – philippinische Migrantinnen

„Stille im August“ ist der erste Roman von Caroline Hau, die Professorin für südostasiatische Literatur an der Universität von Kyoto ist. Das Buch erschien 2019 im Original und wurde nun ins Deutsche übersetzt. In ihrem Roman geht die Autorin stark auf das Leben von OFWs ein. Zu Beginn befindet sich Racel in der Wohnung einer reichen Singapurer Familie, für die sie seit einigen Jahren arbeitet. In ihrem Heimatland eigentlich als Lehrerin ausgebildet, ließ sie sich nach dem Studium über eine Agentur in den Stadtstaat vermitteln. Laut der nationalen philippinischen Statistikbehörde traf diese Form der Arbeitsmigration im Jahr 2023 auf etwa 2,16 Millionen Philippiner:innen zu. Oft üben sie geringqualifizierte Tätigkeiten aus, verdienen aber besser als zu Hause. Die Rücküberweisungen, die sie an ihre Familien tätigen, stellen einen großen Faktor für die philippinische Wirtschaft dar. Als Konzept mit proaktiver Rekrutierung existiert diese Praxis dort seit den 1970ern und wird als Entwicklungsstrategie betrachtet.

Wie auch Racel verlassen überwiegend Frauen temporär das Land, meistens innerhalb von Asien. Berichte von Missbrauch, Ausbeutung und Belästigung sind dabei nicht selten. Auch im Roman wird darauf Bezug genommen: Wenn Racel zum Beispiel von ihrem einen freien Tag in der Woche spricht und dabei erwähnt, dass es diesen bis 2013 nicht verpflichtend gab. Oder wenn sie Erleichterung darüber äußert, dass sich in ihrer winzigen Kammer in der Wohnung ihrer Arbeitgeber keine Kamera befindet. Auch im Inland sind philippinische Hausangestellte in wohlhabenderen Familien weit verbreitet, oft kämpfen auch sie mit unwürdigen Arbeitsbedingungen und Geringschätzung – wenn nicht sogar mit Schlimmerem. Auch hierauf geht der Roman ausführlich ein.

Ein literarisches Porträt

Trotz Leerlauf und Entfremdung zwischen allen Zeilen liest sich der Text nicht zu zäh und wird sogar immer wieder ziemlich spannend. Einzig die Tatsache, dass die Seiten mit vielen Wörtern in verschiedenen philippinischen und anderen Fremdsprachen gespickt sind, die nur im Glossar auf den letzten Seiten erklärt werden, stört den Lesefluss ungemein und hätte reduziert werden können. Diese Wörter und ihre Bedeutungen sind zwar interessant, führen aber dazu, dass man auch in fesselnden oder emotionalen Absätzen zu den letzten Seiten des Buches blättern muss, um den jeweiligen Kontext vollends zu verstehen.

Caroline Hau hat einen Roman voll von Migrationsgeschichten und Klassismus geschrieben, eine eindrucksvolle Aufnahme philippinischer Lebensrealitäten. Indem sie am laufenden Band die Kultur des Landes in den Text streut, bringt sie den Lesenden die literarisch unterrepräsentierten Philippinen ganz nah und vermittelt das Gefühl, gemeinsam mit Rachel und Lia auf Banwa zu sein.

Rezension zu: Caroline Hau. Stille im August. Übersetzung Susanne Urban. 2025. Verlag Das Wunderhorn. 350 Seiten.

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: Der Roman „Paraiso“ erzählt das komplexe Leben philippinischer Kommunist:innen, von Engagement bis hin zu ‚Säuberungen‘ und Spaltungen.

In Christoph Dehns zutiefst verstörendem Roman „Paraiso“ kehrt Jan, ein pensionierter Mitarbeiter einer deutschen Entwicklungsagentur, die auf den Philippinen tätig ist, zurück, um seine frühere Geliebte Diwa zu suchen. Diwa, eine ehemalige Kaderangehörige der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP), hat ihm aus heiterem Himmel geschrieben. Jan möchte den Kontakt wieder aufnehmen und sie nach dem Grund für ihr Verschwinden fragen. Tief in seinem Inneren hofft er, ihre Zuneigung zueinander wieder aufleben zu lassen und „eine alte Geschichte abzuschließen“. Das Wiedersehen wird weder einfach noch glücklich. Da Diwa sich für die erneute Kontaktaufnahme Zeit lässt, verbringt Jan schließlich Zeit mit ihren gemeinsamen Freund:innen.

‚Säuberungen‘ innerhalb der Bewegung

In den sich hieraus ergebenden Nebenhandlungen führt uns Dehn zurück zu der Tragödie, die das bemerkenswerte Wachstum der kommunistischen Bewegung während der Marcos-Diktatur (1972-1986) beendete: den ‚Säuberungen‘ Ende der 1980er Jahre. Die meisten Personen, die Jan trifft, waren ausgetreten, ausgestoßen worden oder hatten die CPP einfach verlassen. Hatten sie früher noch von ihrer Radikalisierung und ihrem unerschütterlichen, kompromisslosen Engagement für den sozialen Wandel erzählt, so erzählen sie diesmal von ihren eigenen Genoss:innen, die sie verhaftet und des Verrats beschuldigten.

So trifft Jan unter anderem Kaloy, der einst mit der Vorstellung „ein Märtyrer und Held der Revolution“ zu werden, in die New People’s Army (NPA) eintrat. Seine Träume wurden bei seiner Ankunft in einem NPA-Lager in Negros jäh zerstört, als er „im Namen der Kommunistischen Partei der Philippinen“ gefesselt, verhaftet und dann von „einem kleinen Genossen mit kaltem Hass in den Augen“ verhört wurde. Zwischen den Schlägen beschuldigte ihn der Genosse, ein Militärspion zu sein. All dies verwirrte Kaloy. „Ich konnte nicht verstehen, was geschah. Ich war wie in Trance, nicht mehr in dieser Welt. In meinem Kopf wirbelten Worte und Sätze herum: Ich bin nicht hier. Das passiert mir nicht. Ich bin ein guter Genosse. Ich bin unschuldig. Ich habe mein ganzes Leben der Revolution gewidmet. Bindet mich los. Ich muss meine Arbeit tun. Ihr entweiht die Revolution.“

Ironischerweise wurde Kaloy von Bernie gerettet, selbst Mitglied des Verhörteams, deren Gewissen rebellierte, nachdem einem Gefangenen der Schädel eingeschlagen wurde. Sie beschloss, den schwer gefolterten Kaloy aus dem Lager zu schmuggeln. Kaloy verließ die Bewegung, aber Bernie blieb, um „den Wahnsinn der ‚Säuberungen‘ zu beenden“. Sie wollte sicherstellen, dass den Familien und den Überlebenden eine gewisse Wiedergutmachung zuteilwurde und die Opfer von Lager 49 geehrt wurden. Das geschah jedoch nie. Es gab weder ein kollektives Eingeständnis der Verantwortung noch eine Entschuldigung; die Folterungen und Morde wurden ein paar Übeltäter:innen und „Abweichler:innen“ angelastet. Es gab stille Partei-Ausschlüsse und Degradierungen, aber nach 1992 wollte die kommunistische Führung nur nach vorne schauen.

Verstrickung und Folgen eines Betrugs

In seinen Gesprächen erfuhr Jan von Marias Tod, der Leiterin einer Nichtregierungsorganisation und der CPP-Kaderangehörigen, von der man annahm, sie sei vom Militär getötet worden. Hier wird die Geschichte noch komplexer, da sich herausstellt, dass Marias Büro Millionen Pesos an internationaler Hilfe an die CPP weitergeleitet hatte. Der Betrug entsprach genau dem Muster der philippinischen Patronage-Politik. Bei mehreren Entwicklungshilfeorganisationen wurde ein Förderantrag gestellt, wobei jeder Organisation vorgegaukelt wurde, dass das Projekt ausschließlich auf ihre Finanzierung angewiesen sei und sie keine anderen Unterstützungsquellen habe. Hinzu kamen das Aufblähen von Spesenabrechnungen und die Gründung von nicht-existenten Bürgerinitiativen.

Maria hatte andere Pläne. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden der NGO, einem protestantischen Bischof, schöpften sie die Hälfte der veruntreuten Gelder ab (etwa 26 Millionen Pesos!). Der Bischof beging daraufhin Selbstmord, nicht wegen seiner Schuldgefühle um das gestohlene Geld, sondern weil er eine Geliebte hatte. Maria starb nicht durch einen Hinterhalt des Militärs, sondern durch die Hand ihrer Genoss:innen. Sie wurde verhaftet und wegen des Diebstahls von Parteigeldern gefoltert. Die Buchhalterin Diwa trat als Hauptzeugin auf und war von der Partei geschickt worden, um die Unterschlagungen zu untersuchen.

Diwa fand heraus, dass die Partei bereits beschlossen hatte, Maria hinzurichten, sobald sie das unterschlagene Geld zurückerhalten hätte. Sie wandte sich an die höheren Parteiorgane bis nach Utrecht, wo der Gründungsvorsitzende der CPP aus der Ferne die Partei steuerte. Doch nachdem sie das Lager verlassen hatte, hörte sie nichts von den Parteibossen. Später erfuhr sie von Marias Tod und fand schließlich mit Jan und den anderen ihre verwesende Leiche. Diwa verließ die CPP und entfernte sich von Jan.

Geheime Geschichte der Revolution

Ich überlasse es den Leser:innen, das Ende des Romans selbst zu entdecken und zu entschlüsseln. Was mich an Dehns Buch jedoch besonders beeindruckt, wie gut es ihm gelungen ist, das komplexe Leben der philippinischen Kommunist:innen einzufangen: Von ihrem leidenschaftlichen, entschlossenen und zielstrebigen Engagement bei dem Beitritt zur Partei, bis hin zu ihrer schmerzhaften Verwirrung, Verzweiflung und sogar Reue nach den ‚Säuberungen‘ und Spaltungen. Der Roman folgt einer Gruppe des Kaders, die ihr Leben neu ordnen, nachdem ihre Tage als Sansculotten vorbei sind. Sie machen Dehn – über Jan – zu ihrem Beichtvater und zu demjenigen, der ihre Geschichten erzählen muss, zuerst den deutschen und europäischen Leser:innen und nun, mit der englischen Übersetzung, dem Rest der Welt.

Die tiefere Frage des Romans spiegelt wider, was Hilary Mantel als „die geheime Geschichte der Revolution“ bezeichnet – die Unterwelt der Spione, der Strippenzieher, der Finanzmanipulationen, die neben den politischen Offizier:innen als Folternde letztendlich alle Revolutionen untergräbt, einschließlich der philippinischen nationalen Demokratiebewegung.

Aber wir befinden uns hier in der Welt der Fiktion. Vielleicht sollten Historiker:innen nun untersuchen, ob all dies im wirklichen Leben geschehen ist. Nach dem Tonfall des Vorworts von Robert Francis Garcia, dem Autor des herzzerreißenden Buches „“To Suffer thy Comrades: How the Revolution Decimated its Own“, zu urteilen, gibt es Anzeichen dafür, dass Dehns Fiktion der Wahrheit nahekommt.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Christoph Dehn

Rezension zu englischer Ausgabe: Christoph Dehn. Paraiso. 2025. Optima Verlag. 226 Seiten. Paraiso ist 2021 bereits in deutscher Sprache bei AT Edition erschienen.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Artikels „Reliving the Nightmare: When a Revolutionary Movement Goes Wrong“, erschienen bei Positively Filipino am 17. September 2025.

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Philippinen: Der Journalist Michael Beltran skizziert in seinem Essayband die Lebensläufe zweier philippinischen Widerstandskämpfer:innen im Exil.

Unter dem eher ungewöhnlichen Titel „Der singende Gefangene und die Bibliothekarin mit nur einem Buch“ dokumentiert der Journalist Michael Beltran die Lebensläufe verschiedener philippinischer Revolutionsfiguren im Exil. Der Autor hatte zunächst geplant, einen Feature-Artikel über die bekannten Gründer und Anführer der kommunistischen Bewegung (Communist Party of the Philippines / CPP) José María ‚Joma‘ Sison und Julie de Lima, zu schreiben. Als unabhängiger Journalist und Experte zu den Themen Menschenrechte und politische Verfolgung hatte er Sison zuvor mehrfach interviewt. Auf Anregung Sisons entschied er sich jedoch, die einzelnen Essays zu einem Buch zu verdichten.

Herausgekommen ist dabei ein spannendes und anschauliches Kompendium der Lebensläufe zweier philippinischer Exilant:innen in Europa, ihres Kampfes gegen soziale Ungerechtigkeit, ihrer Sehnsucht nach ihrer Heimat und den enormen Widerständen, denen sie dabei begegnen. Beltran schreibt klar und strukturiert – das hilft, die Phasen des revolutionären Kampfes nachzuvollziehen.

Lebensläufe des Widerstands

Beltran zeichnet in erster Linie die persönlichen Schicksale der beiden Protagonist:innen nach. Sison und de Lima lernten sich während ihres Studiums in Manila kennen, wurden Freunde, später ein Paar und heirateten. Sie hatten ein bewegtes Leben im selbstgewählten Kampf gegen Imperialismus und Ausbeutung: Sison wurde 1978 trotz mangelnder Beweise inhaftiert und verbrachte über acht Jahre im Gefängnis. Dort blieb er trotz Folter geduldig und sang sogar – unter anderem „I did it Mao’s way“, in Abwandlung des berühmten Lieds von Frank Sinatra.

Auch seine Frau Julie war in Haft. Während ihrer Zeit im Gefängnis übersetzte sie die Bibel, schrieb zahlreiche Texte zu Menschenrechten und wurde schließlich aus humanitären Gründen vorzeitig entlassen. 1988 ins Exil gedrängt (nach einer Vortragsreise durch Europa konnten sie nicht wieder in ihr Heimatland zurückkehren), lebte das Paar mehr als drei Jahrzehnte in den Niederlanden und setzte die politische Arbeit bis zum Tode Sisons 2022 fort.

Beltran skizziert neben Joma und Julie auch andere Anhänger:innen der Bewegung. Im Exil vereint sie alle der Wunsch nach gesellschaftlichem Wandel und einem gerechteren Leben in den Philippinen. Dabei zieht sich die kommunistische Partei – die CPP – als roter (!) Faden durch das Buch. Man erfährt nebenbei viel über ihre Gründung, Entwicklung und internationale Vernetzung.

Insgesamt zeigt Michael Beltran, wie Exilant:innen zwischen Hoffnung auf politische Veränderung in ihrer Heimat einerseits als auch der Schikanen von Asyl und Exil in einem fernen Land andererseits schwanken. Paradoxerweise erweisen sich jedoch die nationalen Bande im Exil für sie als stärker und tragfähiger als die politischen – trotz des kommunistischen Ideals eines solidarischen Proletariats über alle Grenzen hinweg.

Zwischen Aussagen und Fakten

Dies ist nur einer von mehreren frappierenden Widersprüchen, denen Leser:innen in diesem Buch begegnen, die aber vom Autor nicht näher beleuchtet werden. An solchen Stellen hätte sowohl mehr kritische Distanz zu den Protagonist:innen als auch mehr analytische Schärfe dem Buch gutgetan.

Unklar bleibt, warum Beltran einige Aussagen der Interviewten ohne Einordnung wiedergibt. Beispielsweise relativiert die Widerstandskämpferin Gillian nach ihrer China-Reise Maos „Fehler“ (S. 68). Sie behauptet, dass diese angeblich von seinen Kritiker:innen aus politischem Eigennutzen aufgeblasen worden seien – wenn sich doch heute viele Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen einig sind, dass die Anzahl der Toten von Maos Politik ohne Parallele in der gesamten Menschheitsgeschichte sei.

Ähnlich verhält es sich mit der Frage nach der Legitimität politischer Gewalt zur Durchsetzung revolutionärer Ziele. Es wird nicht deutlich, ob und inwieweit die Protagonist:innen hier Schuld auf sich geladen haben – und zwar sowohl durch ihre ideologischen Positionen als auch durch ihr konkretes Handeln.

Bemerkenswert ist zudem, dass Sison – trotz der offiziellen Ächtung durch nachfolgende philippinische Regierungen – sämtliche Präsident:innen des Landes nach dem Sturz des Diktators Marcos (1972-1986) persönlich kannte, sich mit ihnen traf und war mit Fidel Ramos sogar verwandt. Auch hier wird das Bild des Klassenkämpfers, der fern der korrupten Eliten im Auftrag der Armen und Unterdrückten für eine sozialistische Utopie kämpft, durch die Realität widerlegt – oder zumindest relativiert.

Geschichte, aus Lebensläufen gewebt

Trotz des eher episch-erzählenden statt analysierenden Blicks schafft es der Autor, ein faszinierendes Gesamtbild aus diesen Vignetten zu konstruieren. Durch zahlreiche Tagalog-Zitate wahrt Beltran den Originalton, was anfangs ungewohnt ist, aber durchaus bereichernd für Leser:innen mit Tagalog-Kenntnissen. Festzuhalten bleibt, dass die Lektüre dieses Buchs für Südostasien- und Philippinen-Interessierte gewinnbringend sein dürfte und viele neue Einblicke bietet – insbesondere durch die geschickte Verbindung großer sozialer und politischer Strömungen mit individuellen, oft scheinbar vom Zufall getriebenen, Lebensereignissen der Exilant:innen.

Rezension zu: Michael Beltran. Der singende Gefangene und die Bibliothekarin mit nur einem Buch: Essays über philippinisches Leben im Exil. Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Müller. regiospectra Verlag. 230 Seiten. 2025. 

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Die Philippinen im Spiegel der Literatur – 135 Sprachen, 7.600 Inseln, 115 Millionen Menschen: Das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2025.

Kerstin Liwayway Rexrodt (Filmemacherin und Redakteurin) und Angelo „Sarge“ Lacuesta (Autor und Vorsitzender des philippinischen PEN-Zentrums) sind live von der Frankfurter Buchmesse zu Gast in der Ö1-Sendung Punkt eins vom 17.

Die Philippinen sind Ehrengastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Präsentiert wird Literatur, die hierzulande kaum bekannt ist aus einem Land mit 135 Sprachen, rund 7.600 Inseln und 115 Millionen Einwohner:innen. Zahlreiche Bücher wurden aus diesem Anlass neu herausgegeben und aufgelegt, etwa dreißig Titel ins Deutsche übersetzt. Quer durch die Genres beschäftigen sich die philippinischen Autor:innen mit aktuellen politischen Themen, Migration und Diaspora, den Auswirkungen des Klimawandels, der Marcos-Diktatur in den 1970er und 1980er Jahren, der Kolonialzeit bis zu philippinischer Mythologie und präkolonialem Erbe.

Worte als Widerstand – Von Jose Rizal bis Patricia Evangelista

Von aktueller Brisanz ist das Buch „Some People Need Killing. Eine Geschichte der Morde in meinem Land“. Die Journalistin Patricia Evangelista dokumentierte von 2016 bis 2022 den von Präsident Rodrigo Duterte ausgerufenen „Krieg gegen die Drogen“. Laut Menschenrechtsorganisationen wurden bis zu 30.000 Menschen, vorwiegend in den Armenvierteln der Hauptstadt Manila, durch die Polizei und anonyme Schergen getötet. Rodrigo Duterte muss sich nun vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten.

Auf Deutsch übersetzt wurden auch die Standardwerke des philippinischen Nationalhelden Jose Rizal, die bis heute Teil des schulischen Lehrplans sind: Mit seinen Romanen Noli Me Tangere („Rühr mich nicht an“) und El Filibusterismo („Die Rebellion“) sowie zahlreichen politischen Artikeln schrieb Rizal gegen die spanische Kolonialherrschaft an, die von 1565 bis 1898 dauerte. Die spanischen Kolonialherren verurteilten Rizal wegen Anstiftung zur Rebellion und richteten ihn im Jahr 1896 in Manila hin. Rizals Schaffen ist eng mit Europa verbunden. Er studierte in Spanien und unternahm Reisen u.a. nach Österreich und Deutschland. Doch nicht nur das geschriebene Wort ist Teil der philippinischen Erzähltraditionen. Geschichten wurden oft mündlich überliefert, sowie in der Musik oder in Tänzen.

Genreübergreifend arbeitet der Autor und Drehbuchschreiber Angelo „Sarge“ Lacuesta, dessen Filme bereits in europäischen Kinos zu sehen waren. Sein aktueller politischer Horrorroman „Iro“ („Dog“), angesiedelt in einer Kleinstadt, in der mysteriöse Morde passieren, wird ebenfalls als Stoff für eine Literaturverfilmung gehandelt.

Im Gespräch mit Marina Wetzlmaier geben Kerstin Liwayway Rexrodt, Filmemacherin und Redakteurin und Sarge Lacuesta einen Überblick zur sprachlichen und literarischen Vielfalt der Philippinen.

Wie gestaltet sich in einem so diversen Land ein nationaler Literaturkanon? Wie spiegeln sich aktuelle Themen aus Leben, Alltag und Politik in den Werken wider?

Der Radiobeitrag wurde am 17.10.2025 bei der Ö1-Sendung Punkt eins gesendet. Wir bedanken uns für die Genehmigung vom ORF, Radio Österreich 1 zur Wiederveröffentlichung.

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1 | 2019, Philippinen, Rezensionen, Sonderausgabe Buchmesse,
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Digitale Drecksarbeit

Philippinen/Frankfurt am Main: Der Essay stellt den Auftritt der Philippinen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse in den Zusammenhang mit Werk und Wirken des Nationalhelden José Rizal.

Angesichts der zunehmenden Verbreitung von Fake News erinnern uns Literatur und Kunst – von Rizals Noli me tangere bis Mike de Leons Film Citizen Jake – daran, dass Fiktion das letzte Refugium der Wahrheit sein kann.
Gideon Lasco

„Wer die Philippinen verstehen will“, hieß es auf einer Inschriftentafel im Pilipinas Space des Ehrengasts der Frankfurter Buchmesse 2025, „muss sich mit den unzähligen Möglichkeiten auseinandersetzen, mit denen Sprache diese geprägt haben und umgekehrt.“ Auf den mehr als 7600 Inseln der Philippinen sollen zwischen 135 und 170 Einzelsprachen aus der austronesischen Sprachenfamilie lebendig sein. Die zitierte Inschrift deutet daher einen Zugang an, der sich an der Mehrstimmigkeit in den Literaturen des Archipels orientiert. Vergleicht sie doch die philippinische Kultur mit einem „Chor“, der zugleich „ausdrucksvoll, beziehungsreich“ und „endlessly connected“ in Erscheinung trete.

Tatsächlich gehört das Chorlied – ob a capella oder instrumental begleitet – zu einer der beliebtesten Kunstformen in den Philippinen, in deren Aufführungen Musik und Literatur eng verwoben sind und zugleich auch der soziale Sinn zu seinem Recht kommt. Die philippinischen Gäste präsentierten während der Präludien in Wilhelmsfeld und Heidelberg (im Oktober 2024) und schließlich in Frankfurt an verschiedenen Orten ein Programm, das alle Erwartungen übertraf. Es brachte die eigene Kultur in den Facetten aller möglichen Kunstformen – inklusive Film, Fotografie und Architektur – zur Darstellung und konnte um eine ethnologische Ausstellung im Heidelberger Völkerkundemuseum ergänzt werden.

Auf dieses Konzept, das einen statischen, schrift- und textbezogenen Literaturbegriff im Kontakt mit kultureller Performanz verflüssigen möchte, beziehe sich auch – so sagen die Veranstalter – das englische Ehrengast-Motto „The imagination peoples the air“. Unter demselben Motto feierten die Philippinen bereits am 15. Juli 2025 den National Children’s Book Day in Manilas Museo Pambata. Erläutert wurde der Leitspruch dann mit wenigen Worten im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse während einer Ausstellung der Nationalbibliothek in Manila: Er wolle die Überwindung (its transcendence) der die Literatur und Künste trennenden Grenzen andeuten. Thema der Ausstellung in der Nationalbibliothek war der Weg der philippinischen Literatur von Rizals Geburtsort Calamba bis zum Philippinen-Pavillon in Frankfurt und entstand somit selber aus dem Geist der Grenzüberschreitung. Auch verweisen die ‚Wanderbewegungen‘ der Literaturen und Bücher auf jene Arbeit des Über-Setzens, die zum ersten Mal die Werke zahlreicher philippinischer Autorinnen und Autoren dem deutschen Publikum verfügbar machen konnte.

In einem im Internet veröffentlichten Begleittext zum Buchmesseprogramm ist die Rede vom „dissidentischen Bewusstsein“ (dissident consciousness) der philippinischen Literaturen. Laut zu Wort gemeldet hat sich dieses Bewusstsein schon Jahre vor Eröffnung der Buchmesse. Herausragende Beispiele sind die Bücher von Maria Ressa (Friedensnobelpreisträgerin) und Patricia Evangelista, deren deutsche Übersetzungen das Gespräch auf der Buchmesse waren. Beide bieten den Angriffen auf die Meinungsfreiheit die Stirn, nennen die Menschenrechtsverletzungen der Exekutive beim Namen und kritisieren scharf die endemische Korruption in den Spitzen der Republik. Auf dem United-Nations-Podium der Buchmesse „Language is a Human Right“ sprach Patricia Evangelista nicht nur über die Verfolgung von Journalistinnen in ihrer Heimat, sondern auch über die in Gaza getöteten Journalisten.

Bereits während der Vorbereitung auf die Buchmesse war der Dissens über die Grausamkeiten in Gaza in den Schlagzeilen präsent. Bald wurde eine Solidaritätsbotschaft mit der Aufforderung veröffentlicht, palästinensische Geschichten, Autorinnen und Verleger in die eigenen Buchmesseveranstaltungen einzubeziehen. „Poesie für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden“ hieß eine der multilingualen Lesungen im Ehrengast-Pavillon, an der Palästinenser:innen beteiligt waren, eine andere „Schreiben als Traumabewältigung“.

Die Behauptung eines dissidentischen Bewusstseins in den philippinischen Literaturen beruft sich ausdrücklich auf José Rizal als Schutzpatron und Vorbild. Rizal, ein kolonialismuskritisch engagierter Intellektueller, Romanautor und Arzt, wurde im Dezember 1896 vom spanischen Kolonialregime unter dem Vorwand revolutionärer Umtriebe getötet. Er, der entschieden revolutionäre Gewalt ablehnte, wurde nur 35 Jahre alt. Dank des Nationalheldenkults wird er bis heute auch von den Aficionados literarischer Kreativität als unsterbliche Gründerfigur verehrt. Und das mit Recht, da er – auch wenn er in der Sprache der spanischen Kolonialherren schrieb – als erster das literarische Feld der Philippinen urbar machte. Zunächst für wenige – muss ich hinzufügen – da nur eine kleine Minderheit seiner Landsleute des Spanischen mächtig war. „Rizals Bücher sind der literarische und historische Maßstab,“ konstatiert die Figur des weisen Schriftstellers in Míguel Syjucos preisgekröntem Experimentalroman Ilustrado, „und so prahlen wir immer noch gern mit unserer Revolution und der ersten demokratischen Republik Asiens, die uns durch amerikanische Hinterhältigkeit und Imperialismus gestohlen wurden. Wir reden, als wären wir tatsächlich dabei gewesen!“

Rizal, der viele Sprachen beherrschte, übersetzte vor allem deutschsprachige Literatur in seine tagalische Muttersprache. Sein eigenes Romanwerk lebt nicht nur in amerikanischen und vielerlei landesprachlichen Übersetzungen weiter, sondern auch in den Literatursprachen Europas. Die deutschen Übersetzungen wurden im Philippinen-Pavillon nach Art eines book launch vorgestellt, als handele es sich nicht um Zweitauflagen, sondern um Neuerscheinungen: Noli me tangere erschien, von Annemarie del Cueto-Mörth übersetzt, 1987, El Filibusterismo unter dem Titel Die Rebellion, übertragen von Gerhard Frey, im Jahre 2016. Die Übersetzerin und der Übersetzer fehlten auf der Bühne; beide sind schon seit einigen Jahren verstorben.

Rizal war auf der Buchmesse so allgegenwärtig wie nur irgendeiner der zeitgenössischen philippinischen Autoren, die sein Gedächtnis in Ehren halten. Das hat auch mit dem bereits erwähnten Motto des Ehrengastauftritts zu tun: „The imagination peoples the air“. Die deutschen Veranstalter hatten das sehr frei mit „Fantasie beseelt die Luft“ übersetzt bzw. umgedeutet. Weitaus interessanter als die Rätsel des Übersetzens sind jedoch die Gründe, die die philippinischen Veranstalter zur Wahl ihres englischen Mottos bewogen haben. Der Kurator des Philippinen-Pavillons, der Kunsthistoriker Patrick D. Flores, hat sich über diese Gründe in The Story of our Imagination in einer Form geäußert, die ich als eine Art spielerischen Umgangs mit einem Fragment aus Rizals Roman Noli me tangere (16. Kapitel) umschreiben möchte. In der Sprache des Romans lautet das Fragment „la imaginación puebla el aire“. Betrachten wir den vollständigen Satz in Rizals Noli me tangere, in dem diese fünf Wörter vorkommen: „La noche favorece las creencias y la imaginación puebla el aire de espectros.“ (In meiner Übersetzung: Die Nacht begünstigt das Fürwahrhalten und die Einbildung bevölkert die Luft mit Gespenstern.) Flores‘ Interpretation indes konzentriert sich mit folgenden Worten allein auf das aus dem Satz herausgeschnittene Fragment: „Die Dichtung evoziert hier [im Motto „The imagination peoples the air“] die Macht des Buches als Quelle der Imagination und Spekulation.“ Die „Schlüsselwörter” imagination, people, air – fährt er fort – seien nichts anderes als Anspielungen auf das Schreiben und Lesen und beträfen mithin auch die Austauschbeziehungen zwischen den Produzenten und Rezipienten der Literatur im Rahmen des in einer dunklen Messehalle installierten Philippinen-Pavillons. In der Tat wirkten einige der in der Halle verstreuten Ausstellungspodien mit ihren offenen, unter hellen segelartigen Membranen aufgestelzten Konstruktionen wie leichte, luftige (airy) Fluggeräte. Im Zentrum die Videoprojektion eines riesigen zuckenden menschlichen Auges, eine Anspielung auf den Augenarzt Rizal, der bekanntlich – über das Medizinische hinausgehend – seinen ‚blinden‘ Landsleuten ‚den Star stechen‘ wollte.

Wunderlich wirken Flores‘ Erläuterungen, zumal sie auch auf Grenzerfahrungen verweisen, die der Kurator „mystisch“ und „übernatürlich“ nennt. Er macht – könnte man vielleicht zusammenfassend sagen – den Versuch einer Poetisierung, ja einer Wiederverzauberung des Buches als Medium der Überschreitung. Was überschritten werden soll, das liegt während der Buchmesse auf der Hand. Es sind jene engen pragmatischen Zwecke und Funktionen, die zu jedem Marktbetrieb gehören. In diesem Betrieb wird über das Buch nicht als realitätsüberschreitendes Symbol, sondern als kalkulierbare Ware verhandelt.

Überschreitungen führen nicht selten zu Verlusten; so auch im vorliegenden Fall. Denn in Flores‘ Fokussierung auf das Imaginationsfragment fehlen nicht nur die „Gespenster“, sondern auch das Bild der „Nacht“. Dieses Bild hat in Rizals Roman aber eine starke leitmotivische Bedeutung, steht es doch für den ‚Schlaf der Vernunft‘. So sieht es jedenfalls die Figur des Aufklärers (der Philosoph Tasio) im Roman. Und so sah es auch Rizal als er seinem Buch den Titel Noli me tangere gab. In der Zueignung „A mi patria“ stellt er der schlafenden Vernunft die Diagnose, bezeichnet die üblen Folgen dieses Schlafes als „sozialen Krebs“ (cáncer social) und meint damit eine die Achtung der Menschenwürde untergrabende ‚Krankheit‘, vor der, weil sie maximal infektiös ist, kaum jemand sich retten kann. Es sei denn der Infizierte wacht auf, um laut und schonungslos die Ursachen der ‚Krankheit‘ aufzudecken: die ausbeuterische Gewaltherrschaft des spanischen Kolonialismus und die vom katholischen Klerus in alle sozialen Schichten übertragene Korruption der Moral.

In der Rückbindung des Ehrengast-Mottos an den vollständigen, vom Romanautor dem Erzähler in den Mund gelegten Satz rücken noch einmal die Wirkungsmächte ins Licht, die Rizal in den Augen seiner Landsleute verkörpert: die weltschaffende Kraft poetischer Imagination und die augenöffnende Funktion politischer Kritik.

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