2 | 2025, Timor-Leste,
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Die Macht im Dorf den Männern lassen?

Timor-Leste, Gleichberechtigung, lokale Verwaltung

Maria Ligia de Fátima, ehemalige Kandidatin bei den Xefe Suku-Wahlen 2023 im Dorf Souro, Distrikt Lautem, vor ihrem alten Wahlkampf-Banner, im Gespräch mit CPA-Produzentin Chélsia M Santos. © CPA

Timor-Leste: Bei Parlamentswahlen öffnet eine Quote Frauen die Tür. Auf Dorfebene jedoch stößt Demokratie an kulturelle Grenzen.

„Warum muss eine gebildete Frau mit Qualifikationen sich immer noch verbeugen und um Erlaubnis bitten, um führen zu dürfen?“ Diese Frage stellt Maria Ligia de Fátima. Sie hatte es gewagt, die Grenzen der Tradition zu überschreiten und für das Amt Xefe Suku, Dorfvorsteherin, zu kandidieren. Ihr altes Wahlkampfbanner hängt noch immer hoch oben, an einem traditionellen Stelzenhaus in Lautém, dem östlichsten und überwiegend ländlichen Distrikt Timor-Lestes. „Mein König ist die Gemeinschaft, der ich diene“, steht auf dem Banner. Bei den Xefe Suku-Wahlen 2023 erhielt Maria Ligia nicht genügend Stimmen.

Wenn Demokratie und Kultur aufeinanderprallen

Auf dem Papier garantiert die Verfassung Timor-Lestes die Gleichstellung von Frauen und Männern. In der Praxis jedoch geraten demokratische Prinzipien immer wieder mit tief verankerten kulturellen Traditionen in Konflikt, besonders auf der Ebene der Suku und Aldeia, der Dörfer und Weiler.

In der öffentlichen Verwaltung und in staatlichen Institutionen sind Frauen zunehmend vertreten. Bei Parlamentswahlen gilt in Timor-Leste eine Geschlechterquote: Auf den Wahllisten der Parteien muss mindestens jede dritte Kandidatur von einer Frau besetzt sein. Das Ergebnis ist ein vergleichsweise hoher Frauenanteil im Parlament. Gegenwärtig entfallen rund 35 Prozent der Sitze auf Frauen.

Timor-Leste, Gleichberechtigung, lokale Verwaltung

Maria Ligia de Fátima, ehemalige Kandidatin bei den Xefe Suku-Wahlen 2023 im Dorf Souro, Distrikt Lautem. © CPA

Auf Dorfebene dagegen gelten Führungspositionen weiterhin als männliches Terrain. Der Distrikt Lautém zeigt exemplarisch, wie Männlichkeit, Tradition und Demokratie auf lokaler Ebene aufeinandertreffen. Öffentlich breiter diskutiert wurde dieses Spannungsfeld, als Frauenorganisationen scharfe Kritik an einem Verwaltungsleiter in Lautém äußerten. Dieser hatte empfohlen, Kandidaturen von Frauen für das Xefe Suku-Amt zu vermeiden.

Das Gesetz existiert bereits

Für den im November 2025 veröffentlichten Film Tansá feto labele iha kargu ne’ebé ass liu mane iha komunidade? (Warum keine Frau an der Spitze?) führten Nelson Madeira und Chélsia M Santos von der timoresischen Medienorganisation Casa de Produção Audiovisual (CPA) Interviews, unter anderem mit Maria Ligia de Fátima. „Ich hatte kandidiert, um Frauen zu fördern“, erzählt sie. „Ich hatte gesagt: Das Gesetz existiert bereits. Jetzt müssen wir uns selbst stärken, damit wir auch bei Xefe-Suku-Wahlen antreten können.“ Doch in Lautém würden bis heute überlieferte Traditionen als Identität bewahrt, „und diese geben von Generation zu Generation nur Männern eine Chance“.

Auch Alicia da Costa, eine weitere frühere Kandidatin, die ebenfalls nicht gewählt wurde, beschreibt Hürden: „Hier haben Frauen und Männer laut Kultur unterschiedliche Rollen. Männer treten nach vorne, nach außen. Frauen bleiben im Haus und kochen für sie, und sollen nicht über Männer regieren.“

Die Gesellschaft befinde sich an einem Knotenpunkt zwischen Demokratie und Tradition, sagt die ehemalige Kandidatin Julieta da Costa Galvão: „Wir müssen Vorfahren und Traditionen respektieren, aber Demokratie besagt auch, dass Frauen und Männer gleiche Rechte haben. Das sorgt für Verwirrung. Am Ende fehlt es weiterhin an Unterstützung.“

„Wer die Fähigkeit hat, sollte führen.“

Maria Ligia kritisiert noch eine weitere Erwartung, die demokratischen Prinzipien widerspricht: dass Frauen vor einer Kandidatur eine rituelle Zustimmung einholen müssen. Man habe ihr gesagt, sie müsse den Lia-Na´in, den Hüter der Tradition und ritueller Sprecher, um seinen Segen (matak malirin) bitten. „Aber wenn man das Gesetz versteht, sollte das nicht notwendig sein“, sagt Maria. Wenn eine gebildete Frau sich verbeugen und Männer um Erlaubnis bitten muss, um kandidieren zu dürfen, sende das die psychologische Botschaft, dass Gleichstellung für Frauen unerreichbar bleibt.

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Xefe Aldeia im Dorfteil Nairete, Lautém, Eugenia dos Santos (links) im Gespräch mit CPA-Produzentin Chélsia M Santos. © CPA

Die für den Film befragten gewählten Dorfvorsteher in Lautém vertreten unterschiedliche Positionen. Einige erkennen an, dass der Ausschluss von Frauen heute nicht mehr zu rechtfertigen ist. „Dies ist die Zeit der Demokratie“, sagt Roberto Dias Vieira. „Wer die Fähigkeit hat, sollte führen.“ Cristovão Vieira verweist darauf, dass die Entscheidung letztendlich bei der Gemeinschaft liege. „Wenn die Mehrheit Männer wählt, dann muss die Minderheit dem folgen.“

Xefe Suku Jaime da Costa, der aus einer Liurai-Familienlinie stammt, aus einer jahrhundertealten traditionellen Machtstruktur in Timor-Leste, ist überzeugt, dass Tradition bewahrt werden müsse. „Tradition ist das Rückgrat der Nation“, betont er. „Wenn wir sie aufgeben, verlieren wir unsere Identität.“ Viele Gesetze seien aus anderen Ländern übernommen worden. Frauen in staatlichen Strukturen wie der Gemeindeverwaltung oder in Ministerien sehe er unproblematisch. „Aber wenn es um die Ämter Xefe Suku und Aldeia geht – das ist ein sensibles Thema, da geht es um das Führen von Menschen.“

Auch Angst unter den Wählerinnen und Wählern spiele eine Rolle, erläutert Oscar dos Santos, ein Lia-Na´in, ein traditioneller Sprecher. „Eine Frau, die kandidieren will, muss die Dorfältesten zusammenrufen.“ Es brauche ein Ritual. „Die Menschen fürchten, von einer Krankheit befallen zu werden oder am nächsten Tag nicht mehr laufen zu können, wenn sie für eine Frau stimmen, ohne dass zuvor das nötige Ritual abgehalten wurde.“

Unterstützung verschwindet an der Wahl-Urne

Die Frauen berichten, dass sie zwar ermutigt wurden zu kandidieren, die Unterstützung jedoch an der Wahlurne oft verpuffe – selbst unter Frauen. „Unterstützung gibt es nur mit dem Mund“, sagt die ehemalige Kandidatin Florinda da Costa Neves. „Wenn es ums Wählen geht, entscheiden sie sich für Männer.“

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Frauen nach vorn? Schüler der Escola Secundaria Geral Nino Conis Santana in Lospalos, Lautém. © CPA

Strukturelle Ungleichheiten verstärken die Kluft. Julieta da Costa Galvão verweist auf häusliche Erwartungen als Mütter und Ehefrauen, die Frauen isolierten. „Das schränkt unseren Zugang zu Information und Netzwerken ein.“

Die landesweiten Zahlen zeigen, wie groß der Abstand noch ist. Bei den Suku-Wahlen 2023 traten in Timor-Leste 2.117 Kandidierende für das Xefe Suku-Amt in 442 Dörfern an. 241 davon waren Frauen, rund elf Prozent. Gewählt wurden 18 Frauen, was einem Frauenanteil von etwa vier Prozent entspricht. In Lautém wurde keine einzige Frau zur Xefe Suku gewählt.

Nationale Frauenrechtsorganisationen wissen, dass Gesetze allein tief verwurzelte soziale Normen nicht über Nacht verändern können. „Kultur bleibt dominant“, sagt Domingas Afonso Amaral von FOKUPERS (Forum Komunikasaun ba Feto Timor Lorosa’e, auf Deutsch: Kommunikationsforum für Frauen in Timor-Leste). Ihre Arbeit zur Förderung von Frauen in wichtigen Positionen umfasse auch den Dialog mit den Lia-Na´in, um das Bewusstsein für bestehende rechtliche Rahmenbedingungen zu stärken. Maria Domingas Fernandes Alves vom Netzwerk Rede Feto ergänzt: „Unsere Kultur besagt weiterhin, dass Frauen nicht regieren dürfen, weil dies als sakraler Bereich gesehen wird. Aber wir haben in der Realität doch noch nie gesehen, dass eine Frau stirbt, weil sie regiert, stimmt‘s?“

Staatliche Institutionen erklären, dass sie in Aufklärungsarbeit und Trainingsprogramme investierten. „Lautém bleibt eine Herausforderung“, sagt Abílio Barreto, ein Vertreter des Staatssekretariats für Gleichstellung (SEI). Man bringe gewählte Dorfvorsteherinnen aus anderen Bezirken nach Lautém, um vergleichende Studien durchzuführen und Frauen zu motivieren, kulturelle Barrieren zu überwinden. Nachdem Timor-Leste CEDAW ratifiziert habe, das UN-Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau, sei dies zu einer staatlichen Verpflichtung geworden – insbesondere in Bezug auf politische Teilhabe und Entscheidungsprozesse.

„Lasst es uns versuchen!“

Doch selbst in Lautém gibt es Anzeichen dafür, dass Frauen Führungsrollen übernehmen können: Im Dorfteil Nairete des Dorfes Souro wurde Eugenia dos Santos für zwei Amtszeiten in Folge zur Xefe Aldeia, zur Weilervorsteherin, gewählt.

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Zwischen Tradition und Moderne: Frau im Distrikt Lautém, Timor-Leste. © CPA

„Früher konnten Frauen nicht regieren“, sagt sie. „Heute sehen wir: sie können.“ Entscheidend seien Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft, erklärt sie. „Manche Frauen, die kandidieren, haben keinen Erfolg, weil sie mit den Frauen im Weiler oder im Dorf nicht gut vernetzt sind. Bevor man kandidiert, muss man Menschen treffen, bei Anlässen sprechen, und zuerst bekannt werden.“ Eugenia dos Santos ist überzeugt, dass es auch in Lautém eines Tages Frauen als Xefe Suku geben wird. „Frauen sind heute gebildet, manche erlangen Masterabschlüsse“, sagt die Weilerchefin. „Wir können nicht ewig der Vergangenheit folgen. Die Rechte gelten für uns alle, Frauen wie Männer. Lasst es uns versuchen!“

 

 

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Die Macht im Dorf den Männern lassen?

Myanmar/Thailand: Members of the exiled activist community in Thailand reflect on how the Spring Revolution has changed the meaning of masculinity.

“In my community, men are expected to be leaders. It seems like they have more opportunities and privileges, but at the same time, they’re also taught to be ready to sacrifice themselves for their family.” explains Nyein, a former teacher from the Sagaing Region when asked about traditional gender norms. Strong leader, powerholder, head of the household and the breadwinner: these are the most common markers of traditional masculinity in Myanmar.

Many of these are rooted in the concept of bhone, that ascribes higher power and status to men just by virtue of being born male: “When it comes to decision-making and leadership roles, those were always seen as positions meant only for men. This kind of mindset has been passed down and reinforced through generations. We were taught that men are somehow closer to God – that leadership and power belong to them. Women and others were never seen as having that same connection or authority.” explains Nicolas Thant, a non-binary art activist.

Challenges to traditional beliefs

Being in exile at the Thai border, some of these roles have changed due to the precarious situation people often find themselves in. Nan Hseng (name changed for security) who works for a local NGO in Mae Sot explains how she is now the main income earner: “As a woman from Myanmar, I still felt hesitant to call myself the breadwinner. It’s deeply rooted in our beliefs. It can be very difficult for men to accept that they’re not the ones providing for the family. It makes the men feel small. Even though my husband never said it outright, his actions and the way he spoke showed that he wasn’t comfortable. So I tried not to let others know.”

Women seem to be able to find jobs easier than men, doing service jobs, cleaning, teaching or factory work in Mae Sot. Some men step in and take over the household chores and care work which traditionally – and for many before going into exile exclusively – was done by their wives, girlfriends or daughters.

The impacts on men

For some men, the loss of income and status is challenging, as it goes against deeply held beliefs about masculinity and their sense of self-worth. Pandora, an activist and former PDF (People’s Defence Force, armed opposition to the military) fighter shared that she has witnessed the psychological and harmful effects this can have: “Sometimes, men become depressed when they are unemployed. In Myanmar, when they had a good job, life was more stable. But in Mae Sot, their lives have changed. They struggle to control their emotions when jobless, because society expects them to support their family financially, and take on leadership roles.”

In contrast, some men have embraced emotional openness and expression and are sharing their fears and worries more openly than before the revolution. They are more comfortable with crying in front of others, something that Pandora attributes to the changes of gender roles and expectations coming from the revolution.

Progressive online spaces vs realities on the ground

Views on whether the revolution has changed ideas about gender roles and masculinity seem divided. For some, there is a clear progress towards more gender equality. Feminist ideas are being shared and debated especially in online spaces, which is clearly regarded by many as a positive development. Pandora is one of them: “During this revolution, I had the opportunity to learn more about gender justice. I got to interact with different communities, including LGBTIQ+ and non-binary individuals, and I could speak with them directly. I learned to understand and accept much more than I did before the coup.”

Many non-governmental organizations and feminist groups rely on online discussions and seminars for education and advocacy. The question is, however, how impactful are these approaches when many people can’t access the internet easily. As Han Htet explains: “In Sagaing and other conflict-affected areas, people can’t stay online for long. They don’t have access to updated news and are focused on day-to-day survival. Even if they do get online, I’m not sure the discussions on Facebook ever reach them.” He sees the progressiveness of online debates lacking the connection to developments on the ground: “Most of the young people I work with on the frontlines, fighting the junta, are on the other side, I’d say. It’s not that they’re unwilling to change their perspectives – they just feel that those kinds of discussions don’t actually help weaken the junta in real life.”

How many debates and actual change people are able and willing to contribute to, might also be limited by the challenging life situation they are experiencing. Ko Htet, activist and founder of the local organisation Mae Sot Eain, reflects that online discussions often don’t lead to more understanding of gender issues but can fuel division and conflict: “Today, because of political pressure and daily struggles, people are exhausted and find it difficult to engage deeply with important issues or topics. When a new issue arises, few take the time to listen to different perspectives from both sides. Instead, people tend to respond quickly and emotionally, often with anger. As a result, discussions rarely lead to real solutions. Most debates end halfway through online, only to spark another round of online conflict. The cycle continues without resolution.”

Militarized masculinities on the rise

In online and offline spaces, war and armed conflict have increased the equation of masculinity with the military. Nan Hseng explained: “Being a man in Myanmar has completely changed since the coup. The role has shifted – from being the breadwinner to becoming a soldier or a hero in the fight for the revolution. “

This is nothing new in Myanmar`s militarized past. Many important historical figures have been men, which was why the military often portrayed them as heroes. Militarized masculinities furthermore sustain oppressive structures and behaviour. “In areas affected by the conflict, you can really see how deeply these ideas are rooted. Many people carry guns, and having a gun gives them power” Pandora illustrates.

Han Htet acknowledges that attributes like bravery, assertiveness, and protectiveness are necessary to fight the junta, but he also sees the negative effects of militarized masculinity on civilians and local PDFs: “Especially in Sagaing the PDFs are engaging in activities similar to what the military does, including killing civilians. These actions are harmful. So, while such traits may be useful for fighting the enemy, they are not good in other contexts, especially for people who are not involved in the war.”

Gender equality as a pillar of democracy?

In the Gender Equality Position Paper of the National Unity Consultative Council (NUCC), the political consultative body of the National Unity Government, gender equality is said to be an integral part of human rights and one of the basic elements of democracy. This seems to reflect how for many people one aspect of the current revolution is the fight against gender oppression. Nicholas Thant explains: “The revolution is not only against the dictatorship. It’s also a revolution of ideology. We are fighting to challenge deeply rooted systems of (toxic) masculinity, patriarchy, and outdated ways of thinking. These structures have dominated society for so long, and this revolution seeks to include everyone in changing them.”

Ko Htet explained that “the challenge is that while people try to accept and promote gender equality, […] many only pretend to understand it due to social pressure. In reality, their actions often go against the principles of gender equality.” These views surface frequently during critical online debates in which feminist ideas are being discredited.

Some question whether this is a unified understanding about gender equality: “It’s contradictory now – it seems like even people from the revolutionary groups are defending the old power structures that once favored them.”, said Nyein. Han Htet confirms this view: “There are also some men in the pro-democracy movement who seem almost allergic to gender equality.”

Outlook – Myanmar masculinities

Myanmar masculinities are clearly in transition. New ideas take hold, while old ones are being filled with more meaning. On the positive side, gender equality remains a topic of discussion, opposing views however are also on the rise. Moreover, the hardship people are experiencing through life in conflict zones and exile, don’t leave much space for engagement with these topics. Nan Hseng is nevertheless optimistic: “I don’t think this change will stop. Even in just a few years, there have already been many positive changes in Myanmar. And if we ever get the chance to go back – even if it takes a long time – I believe we’ll see more progress.”

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Myanmar/Thailand: Eine dokufiktionale Geschichte von Erwachsen werden und Selbstfindung inmitten der Revolution.

Der 1. Februar 2021 ist wahrscheinlich einer der prägendsten Tage in der Erinnerung vieler Menschen in Myanmar. Es war der Tag, an dem der Militärputsch bekannt gegeben wurde, mit dem sich das Leben von Millionen Menschen bis heute vollkommen auf den Kopf gestellt hat. Diese Fotostory beginnt genau dort, auf den dichten Straßen von Downtown Yangon, in einem kleinen Eierladen, den Oo’s Familie betreibt. Er war damals 19 Jahre alt und beschloss, wie so viele Jugendliche seiner Generation, sich ohne Zögern der Revolution anzuschließen.

Diese Serie ist eine dokufiktionale Rekonstruktion seiner Erinnerungen, fotografiert in Thailand mit seinen Freund:innen als Darsteller:innen. Sie erzählt das Coming-of-Age eines jungen Transmannes aus Myanmar, dessen Identitätssuche, Aktivismus und Überleben untrennbar mit der Revolution verwoben sind. Sie zeigt, wie politische Gewalt, Jugend, Freundschaft und Selbstfindung nicht nacheinander, sondern gleichzeitig stattfinden, und sich gegenseitig beeinflussen.

Oos Erinnerungen führen uns vom Eiershop der Eltern zu seinen ersten Experimenten mit selbstgebauten Explosivkörpern im Badezimmer, zur größeren Produktion gemeinsam mit Kamerad:innen und zu langen Nächten auf Hausdächern, rauchend und wachsam. Schon früh versteht die Gruppe die Ernsthaftigkeit ihres Tuns und beginnt, von Safehouse zu Safehouse zu wechseln, in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Parallel dazu erlebt Oo mitten im Chaos seine ganz eigenen inneren Kämpfe: seine geheime Transition mit Hilfe von Testosteron, das erste Mal fern von Zuhause, die Suche nach sich selbst.

Als die Lage im Land immer unerträglicher wird, entscheidet er sich nach einem Jahr, allein nach Thailand zu fliehen, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. So führt uns das letzte Bild der Serie nach Mae Sot, seinem aktuellen Zuhause – Oo vor seinem kleinen Haus, seinen Hund im Arm, lachend. Es ist ein Ort, an dem er, trotz Exil und Verlust, ein Stück von sich selbst zurückgefunden hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mitwirkende an der Foto-Story: Oo (Hauptdarsteller), Phue Phue, Theo, Eric, Little Bird.
Technische Assistenz: Gerard Pozo Martinez

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Die Macht im Dorf den Männern lassen?

Myanmar/Thailand: Ein junger Transmann aus Myanmar erzählt von seinem Coming of Age in Zeiten
der Revolution.

„Talking to the moon“ ist eine dokufiktionale Rekonstruktion der Erinnerungen von Oo, einem jungen Transmann aus Myanmar. Die Fotos entstanden in Thailand mit seinen Freund:innen als Darsteller:innen. Oos Geschichte erzählt von seiner Identitätssuche und seinem Aktivismus. Sie zeigt, wie politische Gewalt, Jugend, Freundschaft und Selbstfindung nicht nacheinander, sondern gleichzeitig stattfinden, und sich gegenseitig beeinflussen.

In diesem am 25. November 2025 geführten Interview sprechen wir über die wichtigsten Stationen seiner Geschichte.

südostasien: Magst du dich unseren Leser:innen selbst vorstellen?

Oo: Ich bin Oo, ich komme aus Myanmar. Ich bin jetzt vierundzwanzig Jahre alt und ich bin ein Transmann.

Wie würdest du dich selbst beschreiben? Und wie würden deine Freund:innen dich beschreiben?

Vielleicht würden meine Freunde sagen, dass ich freundlich und hilfsbereit bin. Und dass ich höflich bin. Das war’s eigentlich. Ich weiß nicht so genau, wie ich mich selbst beschreiben soll.

Wie war dein Leben, bevor die Revolution beziehungsweise der Coup begonnen hat?

Es war eine sehr schöne Zeit in meinem Leben. Ich war damals Student, habe bei meinen Eltern gewohnt. Ich musste mir keine Sorgen machen, nicht einmal darüber, was ich esse oder wann ich koche. Es gab keinen Druck, ich musste kein eigenes Geld verdienen. Ich habe sehr komfortabel gelebt und ich hatte viel Freude in meinem Leben. Auch mein Land war damals ein sehr schöner Ort. Ich hatte viele Möglichkeiten, und es hat sich leicht angefühlt, erwachsen zu werden.

Was wolltest du damals werden? Hattest du eine Vorstellung, was du einmal machen willst?

Eigentlich wusste ich gar nichts. Ich hatte das Gefühl, ich habe alles im Leben und ich hatte keinen wirklichen Antrieb für etwas Bestimmtes. Ich habe mir nicht einmal Fragen gestellt wie „Wer bin ich?“. Ich musste mir damals einfach über nichts Sorgen machen.

Was hat sich seitdem verändert?

Ich glaube, als wir von einem Safehouse zum nächsten weiterziehen mussten, wurde mir klar, wie wichtig ein Zuhause für uns Menschen ist. Ein Zuhause bedeutet, dass wir einen Ort haben, an den wir zurückkehren können, wenn wir müde sind. Wie Tiere, die immer wieder nach Hause kommen. Als ich mein Zuhause verlassen musste und wir ständig den Ort wechselten, habe ich mich angefangen zu verändern.

Wie hast du dich verändert?

Vielleicht mein Verhalten und meine Denkweise. Ich habe angefangen, mit einer anderen Perspektive zu denken und viel mehr auf die Gefühle anderer zu achten. Vorher habe ich nie aus der Sicht anderer gedacht. Das Leben hat mich hart getroffen, ich habe angefangen zu kämpfen. Aber es gab ältere Mitglieder in unserer Gruppe, die mir geholfen haben.

Was hat dich motiviert, Teil der Bewegung zu werden und dich der Revolution?

Am Anfang bin ich einfach mit einem Protestplakat rausgegangen. Und dann, eines Abends an der Station Hlaing Thar Yar in Yangon, haben Soldaten und Polizei angefangen, auf Bürger:innen zu schießen. Unsere Leute hatten keine Waffen, nichts, womit sie sich verteidigen konnten – und trotzdem haben die Soldaten geschossen. Die Menschen aus Hlaing Thar Yar haben sich nur mit Messern verteidigt. Sie sagten: „Wenn ich falle, wenn ich sterbe, dann könnt ihr über mich hinweggehen und weiterkämpfen.“ Das war unglaublich. Wir hatten davon nur online gehört. Und in dem Moment wollte ich unbedingt helfen, mich einbringen, verteidigen. Weil wir müssen. Wir sind Bürger:innen von Myanmar, wir müssen uns gegenseitig schützen. Danach wollte ich unbedingt etwas beitragen – Produktion, Verteidigung, irgendetwas. Hauptsache, wir tun etwas.

Seitdem sind fünf Jahre vergangen. Wie denkst du heute darüber?

Ich habe mich verändert. Als ich mein Land verlassen habe, wurde mir klar: Wir können nicht. Ich kann nicht. Nicht allein. Es ist zu kompliziert und zu groß, was da alles passiert. Solange ich dort lebe, kann ich das nicht alleine stemmen. Ich konnte nicht einmal mein eigenes Essen normal essen in dieser Situation. Heute hat sich meine Umgebung verändert und meine Gedanken haben sich verändert. Aber ich glaube trotzdem, dass diese Situation irgendwann einen besseren Weg für unser Land bringen wird. Und ich möchte Teil der Übergangsphase sein. Ich möchte helfen, unser Land zu verbessern.

Und wenn du mit dieser Foto-Story zurückschaust – was war von allem der schwierigste Moment?

Das Schwierigste war, sich allein zu fühlen im Kampf gegen all die Probleme. Es kam so viel Schwieriges auf uns zu, aber ich wusste, dass ich es schaffen kann, weil die anderen Mitglieder bei mir waren. Aber als ich nach Mae Sot ging, war ich plötzlich allein. Und es war sehr schwer, die anderen Mitglieder zu verlassen. Auch wenn es sich schon vorher so angefühlt hatte, als würden alle langsam verschwinden. Es war schwer, Abschied zu nehmen.

Und was – auch wenn ihr so viel durchmachen musstet – der schönste Moment?

Bevor unser ‚Nest‘ vom Militär gefasst wurde, gab es einen sehr schönen Moment: Eines Abends kamen meine Brüder und ich vom Einkaufen zurück, wir hatten Fitnesszubehör gekauft. Wir haben herumgealbert, dass wir trainieren und stärker werden müssen. Die anderen Mitglieder haben gekocht, wir haben gefeiert, gegessen, gelacht und über so vieles gesprochen. Wir waren voller Vorfreude auf unseren Weg. Es fühlte sich an, als würden wir ankommen, unsere Produktion wurde immer größer. Es war ein wunderschöner Moment – bevor der Sturm kam.

Warum möchtest du diese Fotostory „Talking to the Moon“ nennen?

Gute Frage. Damals habe ich das Lied „Talking to the Moon“ ständig gehört und gesungen. In einem der Häuser gab es eine dabba, ein Dach, und wir sind dort immer für die Produktion hingegangen. Wir saßen dort, redeten, bauten unsere Community auf. Und ich habe immer in den Himmel geschaut, als wollte ich ihm etwas sagen. Und dann sah ich den Mond. Es fühlte sich an, als hätte der Mond mich gewählt und ich den Mond. Also fing ich an zu singen. Die anderen haben mich ausgelacht und gesagt: „Wow, du bist wirklich ein Idiot.“ Aber ich weiß, dass sie den Moment genauso geliebt haben. Das war mein „Talking to the Moon“.

Und wie war das mit deiner Transition? Auch das ist Teil deiner Geschichte.

In meiner Geschichte gibt es zwei Teile – den körperlichen und den spirituellen Übergang. Körperlich habe ich vor dem Coup schon Testosteron gespritzt, 2018/2019. Und als der Coup begann, habe ich wieder damit angefangen. Das hat auch meinen Geist beeinflusst – positiv und negativ. Als ich das Haus verließ und wieder spritzte, hat das meine Gefühle durcheinandergebracht. Ich fühlte mich einsam. Mein Kopf war nachts völlig verdreht, während wir produzierten [gemeint ist das Bauen improvisierter Sprengsätze, d.R.]. Ich fragte mich: Warum fühle ich mich so allein? Warum mache ich das hier? Ich könnte zu Hause schlafen. Das war ein Teil meines Übergangs. Der andere Teil ist spirituell: Ich hatte das Gefühl, jetzt ist die Zeit, mein Zuhause zu verlassen. Vorher wollte ich nie gehen. Ich habe die Welt beobachtet, meine Umgebung wahrgenommen und viel gelernt – von älteren Mitgliedern, von ihren Lektionen, wie ich sprechen oder mich verhalten soll. Es war eine große Veränderung.

Warum hast du deine Transition – auch vor deinen engen Freunden – am Anfang versteckt?

Das ist meine Persönlichkeit. Ich bin Einzelkind. Selbst meinen Eltern habe ich nie erzählt, dass ich spritze. Ich hatte Angst, dass sie mich eines Tages nicht akzeptieren. Ich hatte Angst, dass sie mich verlassen. Ich habe es versteckt, obwohl sie es eigentlich wussten. Aber ich hatte damals wenig Selbstvertrauen. Ich wusste nicht, wer ich bin oder wer ich sein will.

Wie fühlst du dich heute damit?

Ich finde mich immer noch, aber ich habe eine klare Vision von mir. Heute erzähle ich alles meinem Partner und meinen Freunden. Auch wenn sie denken, dass ich nervig bin – egal. Ich will nichts bereuen. Ich muss mich ausdrücken.

Und als du es deinen Eltern gesagt hast, wie haben sie reagiert?

Letztes Jahr habe ich es erzählt. Ich habe viel geweint. Ihre Reaktion war sehr neutral, weil sie nicht gut darin sind, Gefühle zu zeigen. Ich habe das wohl von ihnen. Aber sie sagten, sie lieben mich so, wie ich bin. Es war eine Erleichterung, weil die ganze Angst nur in meinem Kopf war.

Was würdest du dem Oo von vor fünf Jahren sagen, wenn du ihn heute treffen würdest?

Dass er ein schönes Zuhause hat und Menschen, mit denen er über seine Gefühle sprechen kann. Dass er viele Menschen an seiner Seite hat. Und dass er mutig sein soll und auf ihre Liebe zugehen. Dass er seine Gefühle, seine Identität aussprechen soll. Und dass er bis hierhin einen guten Weg gegangen ist.

Gibt es noch etwas, das du sagen möchtest? Warum du deine Geschichte erzählen willst?

Ich bin sehr aufgeregt, sie zu erzählen. Weil es nicht nur ich war, wir haben uns alle gegenseitig unterstützt. Ich möchte, dass andere unsere Geschichte kennen, weil niemand wusste, wie viel wir kämpfen mussten. Wir haben nicht nur für uns, sondern auch für unser Land und unser Zuhause gekämpft. Unser Land ist unser Zuhause. Und ich möchte zeigen, dass wir Jugendlichen nicht klein sind. Viele denken, wir könnten nichts, aber ich weiß, dass wir es können. Ich schätze die Mühe unserer Teammitglieder sehr. Und ich glaube, dass Myanmar eines Tages das Auserwählte sein wird.

Fotos, Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Miriam Hauertmann (alle Rechte vorbehalten).

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Die Macht im Dorf den Männern lassen?

Vietnam: „Mưa Đỏ“ zeigt den Krieg vor fünfzig Jahren aus neuer Perspektive. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Chu Lai hat Rekordsummen erzielt.

2025 feierte Vietnam bedeutende Jubiläen: Sowohl der 50. Jahrestag der Wiedervereinigung als auch das 80. Jahr der Unabhängigkeit wurden mit riesigen Militärparaden gewürdigt. Es kam daher gerade recht, dass das vietnamesische Kino mit der Veröffentlichung von „Mưa Đỏ“ („Roter Regen“) einen fulminanten Höhepunkt erreichte. Der historische Kriegsfilm handelt von Kameradschaft, Verlust, Aufopferung und Frieden. Mit einem Umsatz von über 700 Billionen Đông (23,3 Millionen Euro) gilt er als der erfolgreichste Film in der Geschichte des vietnamesischen Kinos. Auch bei der jüngeren Generation in Vietnam, für die der Krieg weit entfernt ist, hat er einen Nerv getroffen.

Wie aus Burschen Männer wurden

„Mưa Đỏ“ ist ein Kriegs-Epos, das auf dem gleichnamigen Roman von Chu Lai basiert, der das Drehbuch und die Dialoge selbst adaptierte. Der Film handelt von der 81 Tage dauernden Schlacht um die Zitadelle von Quảng Trị. Sie wurde im Zuge der Oster-Offensive 1972 von der nordvietnamesischen Armee eingenommen und anschließend gegen südvietnamesische Truppen verteidigt. Der Kampf um dieses kleine Areal entschied über den Verlauf der Pariser Friedensverhandlungen. Geschickt verwebt der Film die Ebenen internationaler Diplomatie mit der brutalen Realität des Kriegsschauplatzes. Er zeigt dabei, wie sehr das Leben junger Soldaten in den Händen politischer Entscheidungsträger liegt.

Die Handlung von „Mưa Đỏ“ kreist um sechs junge Soldaten der K3-Tam-Son-Einheit, die an die Front geschickt werden – Cường, Tạ, Sen, Tu, Bình und Hải. Kommandant Tạ, den der Schauspieler Phương Nam mit rauer Authentizität verkörpert, ist vom Krieg sichtlich abgestumpft. Was er mit all den unerfahrenen Jünglingen anfangen solle, die ihm wie die Fliegen wegsterben, fragt er. Und doch verwandelt sich etwa der verängstigte Kunststudent Bình, der angesichts einschlagender Bomben in Schockstarre verfällt, mit jedem weiteren gefallenen Kameraden in einen selbstlosen Kämpfer. Diese Entwicklung folgt dem Motiv der Mannwerdung inmitten gewaltvoller Umstände. Durch Aufopferung und Zusammenhalt wachsen die Soldaten über sich hinaus.

Ein neuer Blick auf den Krieg

An männlichem Heroismus fehlt es im Film nicht – doch der Krieg wird nicht idealisiert. Im Gegenteil: Mit einer überzeugenden Nachbildung des Schlachtfelds und aufwendigen Mitteln inszeniert der Film die nackte Brutalität des Lebens unter ständigem Bombenbeschuss auf eindrückliche Weise. Manchen Zuschauer:innen könnte die durchgehende Darstellung von Kampfszenen, Explosionen und zerfetzten Körperteilen zu viel werden. Dennoch zeichnet sich der Film dadurch aus, der massenhaften anonymen Gewalt ein menschliches Antlitz zu geben.

Die Kamera schwenkt auf das Leben, auf Tus verwundeten Vogel oder auf jene Momente, in denen sich die Soldaten dem Malen und Komponieren widmen, um das Erlebte zu verarbeiten. Diese poetische Bildsprache vermittelt dem Publikum, dass es trotz all des Leids der Wunsch nach Frieden ist, der die Soldaten am Leben hält.

Trailer von „Mưa Đỏ“ auf Youtube

Wenn es um die Darstellung der Schrecken und Sinnlosigkeit des Krieges geht, entfaltet „Mưa Đỏ“ eine ähnliche Wirkung wie „Im Westen nichts Neues“, die Oscar-prämierte Neu-Verfilmung des (im ersten Weltkrieg in Europa spielenden) Romans von Erich Maria Remarque. Der Unterschied ist jedoch, dass es sich mehr als 50 Jahre später in Vietnam um einen antikolonialen Widerstand handelt. Ganz ohne Klischees kommt „Mưa Đỏ“ jedoch nicht aus. Die Liebesbeziehung zwischen Cường und Hông bleibt leider flach und zeigt keine Tiefe oder Komplexität, die über weibliche Fürsorge und männlichen Heroismus hinausgeht.

Bemerkenswert ist, dass der Feind erstmals in einer staatlichen Produktion nicht nur als anonymer Aggressor erscheint. Mit Quang, einem Lieutenant der südvietnamesischen Armee aus Huế, erhält die Gegenseite ein eigenes Gesicht und eine eigene Geschichte. Obwohl sich Quang und Cường, ein Musikstudent aus Hanoi, unversöhnlich gegenüberstehen, betont der Film ihre Menschlichkeit und die Tragödien, die sie verbinden. Beide müssen sich von ihren Müttern verabschieden, die an der Hoffnung festhalten, ihre Söhne lebend zurückkehren zu sehen. Als sie sich im Nahkampf gegenüberstehen, gesteht Quang: „Wäre es nicht aufgrund des verdammten Krieges, hätten wir gute Freunde werden können.“ Der Film markiert hier einen Bruch mit dem historischen Narrativ: Er zeigt eine Geste der Versöhnung. Erstmals werden nach Jahrzehnten die geteilten Schmerzen und die gemeinsame Menschlichkeit beider Seiten anerkannt.

Renaissance des Revolutionären Kinos

Nach „Đào, phở và piano“ (2023) und „Địa đạo“ (2025) ist „Mưa Đỏ“ der endgültige Durchbruch des vietnamesischen revolutionären Kinos. Insbesondere für junge Menschen, die den Krieg nur aus den Geschichten älterer Generationen kennen, vermittelt der Film auf eindrückliche Weise, welcher Preis für den Frieden bezahlt wurde. Auf diesem Preis baut die heutige Gesellschaft auf. Doch ein neu aufkommender Patriotismus gewinnt unter jungen Menschen an Bedeutung. „Mưa Đỏ“ sollte eine Mahnung sein, dass dieser sich nicht in militaristischen Nationalismus verwandelt, sondern in einem friedensbasierten Verteidigungsgedanken verankert bleibt.

Rezension zu: Mưa Đỏ. Regie: Đặng Thái Huyên. Vietnam. 124 Minuten. 2025

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2 | 2025, Timor-Leste,
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Die Macht im Dorf den Männern lassen?

Kambodscha/Laos/USA: Vorkoloniale Geschlechterrollen waren fließender als spätere christliche Prägungen. Marginalisierung ist vielschichtig.

Geprägt von Religion, kolonialen Eingriffen, sozialistischen Transformationsprozessen und aktuellen globalen Strömungen durchlaufen Konzepte von „Mannsein“ stetige Anpassungen. Drei Perspektiven – historische Grundlagen, diasporische Krisenerfahrungen und queere Identitäten – zeigen die Entwicklung dieser Ideale.

Momentaufnahme 1: Prekoloniale und koloniale Einflüsse

Vorkolonial orientierten sich Männlichkeitsnormen an Theravāda-Buddhismus, Hinduismus, Islam und lokalen spirituellen Praktiken. Ein zentrales Ideal war die zeitweilige Ordination als Novize, verstanden als moralische Disziplinierung. Werte wie Selbstbeherrschung, Mitgefühl und Verantwortung galten als Kern männlicher Tugend. Das Chbab Proh und Chbab Srey kodifizierten geschlechtsspezifisches Verhalten: Beide Traditionen betonten jedoch stärker weibliche Pflichten als männliche.

Die stärksten religiösen Prägungen auf Männlichkeitsbilder hatte der Hinduismus in Kambodscha: Könige und Krieger wurden als Manifestationen göttlicher Ordnung dargestellt, was Vorstellungen von männlicher Stärke und heroischem Pflichtbewusstsein formte. In Laos waren diese Einflüsse schwächer und eher buddhistisch gefiltert. Gemeinsam war beiden Ländern die Erwartung, dass Männer als Haushaltsvorstände Ahnenlinien und spirituelle Verantwortung aufrechterhalten. Unter Eliten gehörten Bildung, Poesie, Musik und Kampffertigkeiten ebenfalls zu männlichen Idealen. Bei den Cham-Muslimen prägten islamische Normen religiöse Autorität und familiäre Führungsrollen.

Darstellungen und Texte aus der Angkor-Zeit zeugen von einer früheren Offenheit gegenüber Sexualität, Lust und nicht-monogamen Beziehungen. Die französische Kolonialherrschaft hingegen führte christliche Moralvorstellungen und westliche Heteronormativität ein. Sie delegitimierte die zuvor existierende Flexibilität in Geschlechterrollen und Sexualität.

Mit dem Machtantritt der Roten Khmer in Kambodscha und des Pathet Lao 1975 wurden traditionelle Geschlechterrollen massiv destabilisiert. Familie und häusliche Autorität verloren an Bedeutung, staatliche Loyalität ersetzte die männliche Funktion als Beschützer und Versorger. Diese sozialistischen Eingriffe zerstörten langfristig gewachsene Strukturen und bereiteten den Boden für spätere Identitätskrisen.

 

Momentaufnahme 2: Männlichkeiten in der US-Diaspora

Welten und Jahrzehnte später, weit entfernt von der Heimat, sind Fragen der Männlichkeit für Kambodschaner und Laoten sowie deren Nachkommen in den USA zu einem zentralen Thema geworden.

Unter kambodschanisch-laotisch-amerikanischen Männern wird das Männlichkeitsbild heute durch ein Spannungsverhältnis zwischen traditionellen kulturell-religiösen Erwartungen und den Normen der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft geprägt. Ältere Generationen halten an Werten fest, die in ihrer Heimat verwurzelt sind. Sie betonen Männlichkeit durch familiäre Verantwortung, Respekt vor Älteren und die Rolle als Versorger und Beschützer der Familie.

In der Diaspora war die Möglichkeit, aufgrund des Mangels an Tempeln eine befristete Ordination zum buddhistischen Mönch zu erhalten, für viele im Jugendalter begrenzt. Ältere führen den wahrgenommenen Mangel an moralischen Tugenden bei den Jungen oft auf deren Unfähigkeit zurück, sich vorübergehend zum Mönch weihen zu lassen. Junge Männer, die in den USA geboren oder aufgewachsen sind, werden von amerikanischen Idealen beeinflusst, die materiellen Erfolg und Individualismus hochhalten.

Die Kluft zwischen den Generationen erzeugt Spannungen, da die Männer mit den widersprüchlichen Erwartungen umgehen müssen. Kambodschanisch-laotisch-amerikanische Männer sehen sich zudem mit rassistischen Stereotypen konfrontiert, die häufig mit asiatisch-amerikanischen Männern in Verbindung gebracht werden, darunter die Wahrnehmung von Passivität oder mangelnder Männlichkeit. Diese Stereotypen können Druck erzeugen, sich westlichen Männlichkeitsidealen anzupassen, was sich oft in der Verwendung von Hautaufhellungscremes und der Ablehnung traditioneller Kleidung äußert. Kambodschanisch- und laotisch-amerikanische Männlichkeitsbilder werden zudem durch den Erfolg ihrer weiblichen Pendants infrage gestellt, die in der Schule oft bessere Leistungen erbringen und berufliche Karrieren anstreben.

 

Geschlechtsspezifischer Doppelstandard

Gleichzeitig besteht weiterhin ein geschlechtsspezifischer Doppelstandard: Jungen Männern wird sexuelle Aktivität erlaubt und mit dem Argument „Jungen sind eben Jungen“ entschuldigt, während von jungen Frauen erwartet wird, dass sie bis zur Ehe ‚sexuelle Reinheit‘ bewahren, um keine Schande über ihre Familien zu bringen. Dieser Doppelstandard, gepaart mit dem Wunsch nach sozialem Aufstieg, hat einige Frauen der Diaspora dazu veranlasst, weiße Euroamerikaner zu heiraten. Dies stellt eine Abkehr von der nach traditionell asiatischen Werten empfundenen weiblichen Unterlegenheit, während die ‚Heirat mit dem Westen‘ Befreiung symbolisiert – insbesondere in der Sexualität.

Die mangelnden schulischen Leistungen kambodschanischer und laotischer Männer der Diaspora stellen eine weitere Krise der Männlichkeit dar, da sie ihre Fähigkeit untergräbt, traditionelle Geschlechterrollen als Familienoberhäupter aufrechtzuerhalten. Verschärft wird die Situation dadurch, dass junge Männer Gangs beitreten und die Gang-Kultur als Ausdruck ihrer Männlichkeit annehmen. Dies führt zu Konflikten mit den Strafverfolgungsbehörden und in der Folge zu Abschiebungen – ein Problem, das während der zweiten Amtszeit Trumps durch verstärkte Razzien der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) wieder an Brisanz gewann. Die erneute Staatenlosigkeit (nachdem sie zum ersten Mal als Flüchtlinge aus ihrer Heimat geflohen waren) – sie gehören weder Kambodscha, Laos noch den Vereinigten Staaten an – wirkt wie eine symbolische Kastration, da sich diese Männer oft machtlos und handlungsunfähig fühlen.

Momentaufnahme 3: Queere Männlichkeiten

Queere Sexualität war weder verboten noch tabu, da es in den heiligen Schriften des Buddhismus und Hinduismus keine derartigen Verbote gibt. Der Buddhismus betrachtet jegliche sexuelle Aktivität als Zeichen der Anhaftung an die materielle Welt und somit als etwas, das durch Selbstdisziplin überwunden werden muss. Im Theravāda-Buddhismus galten nur Männer als fähig, sich durch asketische Praktiken von der materiellen Welt zu lösen und Erleuchtung oder Nirvana zu erlangen. Der Hinduismus hingegen verbietet queeren Sex nicht. Die Veden und das Kama Sutra bekräftigen gleichgeschlechtliche Beziehungen als natürlich und beschreiben geschlechtsfluide Gottheiten. Diese Weltanschauungen manifestierten sich im Alltag in einer relativen Akzeptanz queerer Individuen und queere Sexualität wurde in die Gesellschaft integriert. Auch das Klosterleben bot Raum für queeren Sex. Dies wiederum verkomplizierte jedoch die Männlichkeitsideale buddhistischer Mönche, da diejenigen, die queere Sexualität praktizierten, als weniger spirituell gebildet und noch der materiellen Welt verhaftet galten.

Unterscheidungen zwischen heterosexuellen und homosexuellen Identitäten und Praktiken waren den vorkolonialen Kulturen weitgehend fremd. Beide Gesellschaften vertraten fließendere, kontextbezogene Ansichten, in denen geschlechtsuntypische Rollen – wie Schamanen und Geistermedien – im religiösen Bereich akzeptiert wurden und diejenigen, die sowohl männliche als auch weibliche Attribute besaßen, als besonders und mit spiritueller Kraft ausgestattet galten.

Französische Missionare und Kolonialbeamte propagierten katholische Moralvorstellungen, die heterosexuelle Monogamie und Sexualität zur Fortpflanzung betonten, indigene Praktiken als unmoralisch und unzivilisiert brandmarkten und zuvor akzeptierte Ausdrucksformen von Geschlecht, Sexualität und traditioneller Männlichkeit delegitimierten. Obwohl das Christentum nie dominant wurde, trug die koloniale Auferlegung starrer, binärer westlicher Normen zur langfristigen Marginalisierung von queerer Sexualität und zur Verfestigung sexueller Regulierung und moralischer Überwachung bei – Entwicklungen, die die Männlichkeit bis in die postkoloniale Ära prägten. Queere Menschen in Kambodscha und Laos nutzen jedoch weiterhin kulturelle Aspekte von Weiblichkeit und Männlichkeit, um ihre Sexualität in Umfeldern auszudrücken, in denen sie oft in der Minderheit sind.

Interessanterweise werden traditionelle Kulturformen wie der kambodschanische klassische Tanz gerade in queeren Räumen innerhalb der kambodschanischen und laotischen Diaspora bewahrt und gefeiert. Queere Kambodschaner:innen und Laot:innen haben zudem nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatländer transnationale Gemeinschaften gegründet, um HIV-Prävention und Safer Sex zu fördern. Unter Jugendlichen gewinnen unterschiedliche Formen männlicher Sexualität wieder an Akzeptanz, wie die wachsende Zahl von Pride-Veranstaltungen in beiden Ländern und der Diaspora belegt.

Diese drei Momentaufnahmen fangen die vielschichtige und komplexe Geschichte der Geschlechternormen und -erwartungen kambodschanischer und laotischer Männer ein, auch in der US-amerikanischen Diaspora. Viele in der Diaspora ringen darum, ein Gleichgewicht zwischen ihrem kulturellen Erbe und den Erwartungen der US-amerikanischen Gesellschaft zu finden und geraten dadurch in prekäre Situationen. Obwohl sie weiterhin Vorurteilen und Diskriminierungen ausgesetzt sind, haben es gerade Männer mit queeren Männlichkeitsbildern geschafft, neue Wege zu finden, die zeitgenössische Möglichkeiten kreativ mit vorkolonialen Traditionen und Wurzeln verbinden – sowohl in der Diaspora als auch in Kambodscha und Laos.

Übersetzung aus dem Englischen von: Du Pham

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2 | 2025, Timor-Leste,
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Die Macht im Dorf den Männern lassen?

Vietnam: Viet und Nam (2024) setzt eine queere Liebesgeschichte in den Kontext von historischen Traumata und Modernisierungsdoktrin.

Dass der zweite Spielfilm von Trương Minh Quý (geb. 1990) nach seiner Erstaufführung in Cannes 2024 sofort Vergleiche mit den Werken von Apichatpong Weerasethakul hervorgerufen hat, überrascht kaum. Landschaftsaufnahmen mit üppigen Wäldern und eine traumhafte Atmosphäre in der die Grenze zwischen Realität und Fantasie verwischt, sind bestimmende Merkmale in den Filmen des thailändischen Meisters des ‚slow cinema‘. „Viet und Nam“ – im Originaltitel „Trong lòng đât“ (Herz der Erde) – allerdings lediglich als Imitation abzuwerten wäre ein Fehler. Denn es entfalten sich vielschichtige Interpretationsmöglichkeiten zu queeren Erfahrungen und zu den Spannungslinien zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart Vietnams.

Liebe in der Kohlengrube

Die Protagonisten des Films sind Viet und Nam, zwei junge Bergarbeiter an einem ungenannten Ort in Vietnam im Jahr 2001. Außer Arbeitskollegen sind sie vor allem ein Liebespaar, die in der Dunkelheit der Kohlenbergwerke einige glückliche Momente für sich stehlen können. Ihre gemeinsame Zeit soll jedoch bald enden. Nam plant, illegal ins Ausland zu gehen. Doch zuvor möchte er sich mit seinem Vater zu versöhnen. Es beginnt die Suche nach dessen letzter Ruhestätte, begleitet von Viet, Nams Mutter Hoa sowie Ba, Kriegsveteran und ehemaliger Kamerad seines Vaters.

Obwohl der Film als Queer-Story vermarktet wird, ist die Beziehung zwischen den zwei Hauptdarstellern nur eine Facette der Geschichte und nicht unbedingt der zentrale Fokus. Dass ihre Umgebung diese Liebe potenziell gegnerisch betrachten könnte, wird nur beiläufig oder durch Symboliken erwähnt. In einer komischen Szene erfragt Ba, wann sie beide planen zu heiraten. Für einige Sekunden glauben die zwei Männer, dass sich die Frage direkt auf ihre Verbindung bezieht. Aber die Unbestimmtheit des Dialoges ermöglicht Interpretationen in unterschiedliche Richtungen. Die Erkundigung enthält keine Bedrohung. Die Haltung von Nams Mutter zu Viet und seine Präsenz bei Familienangelegenheiten weisen darauf hin, dass ihr Zusammensein, auch wenn nicht explizit definiert, auf jeden Fall akzeptiert wird.

Fehlende Vaterfiguren

Dies bedeutet keinesfalls, dass Maskulinität nicht auf andere Weise befragt wird. Der Regisseur scheint mehr daran interessiert zu sein, wie beispielsweise Männlichkeitsvorstellungen durch die Abwesenheit eines Vaters beeinflusst werden können. Er stellt die Frage, inwiefern diese Abwesenheit sich in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung auswirkt. In einer Szene bekennt Nam, dass während ihres Liebesaktes die Gesichter von seinem Vater und Viet so überlagert werden, dass er den einen von dem anderen nicht mehr unterscheiden kann.

Verschwundene und fehlende Vaterfiguren sind im Film eine Konstante. Nicht nur haben die beiden Jugendlichen keine Väter mehr. Auch die Leerstellen, die diese, meistens im Krieg verstorbenen Männer hinterließen, sind überall im Land sichtbar: In einem Schädel in einer Gedenkstätte, in einem Foto in den Händen einer trauernden Tochter, in einer Handvoll Erde die vielleicht Überreste eines Geliebten enthält sowie im Gedröhn von Fernsehansagen, die nach Familienangehörigen suchen. Diese Art von Mangel in Familien wird mit dem daraus folgenden niedrigeren sozioökonomischen Status in Verbindung gebracht. Das Verschwinden von Nams Vater brachte sie an den Rand der Armut, was wahrscheinlich auch dazu beitrug, dass Nam sein Glück im Ausland versuchen will, um seine vorgeschriebene Rolle als Ernährer zu erfüllen.

Männerkörper – vernarbt, verworfen, vergraben

Während die Objektivierung von weiblichen Körpern in neuen Medien oft thematisiert wird, bekommen Männerkörper selten solche Aufmerksamkeit. In dem gesamten Film fokussiert sich Trương Minh Quý darauf, wie diese Körper durch die Wechselwirkung von diversen systemischen Gewaltformen zerstört werden. Das deutlichste Beispiel ist die durchdringende Totalität des Krieges, die überall ihre Merkmale hinterlässt. Da ist die bereits genannte Abwesenheit der Toten und Verschwunden. Es gibt aber auch sehr anwesende Wunden. Der Kriegsveteran Ba hat einen Arm verloren. Sein leerer Hemdsärmel erinnert uns ständig daran, was die realen Kosten des Krieges sind. In seinen Erzählungen taucht ein anderer Kamerad auf, der zwar einen Angriff knapp überlebt hat, der aber sobald der Wind weht, mit einem hohen Geräusch im Kopf zu kämpfen hat.

Auch mit dem Ende des Krieges sind die Umstände nicht sogleich positiver. Die kapitalistische Marktwirtschaft betrachtet besonders arme Männerkörper als wegwerfbar. Die Bergarbeiter plagen sich in Dunkelheit, in beschränkten Räume gequetscht, ihre Lunge und Haut bedeckt mit Kohlenstaub. Nichts bezeichnet aber die Kommodifizierung von Menschen besser als die Schmuggelszenen. Männer – und auch Frauen – werden wie Waren in Container verladen und in eine unsichere Zukunft verschickt. In einer traumähnlichen Sequenz verpacken die Schmuggler sie sogar in Plastiktüten, um sie den Fluss herunterzutreiben.

Die Hervorhebung der physischen Schönheit in der Beziehung von Viet und Nam und die Verehrung die sie füreinander haben, scheint das Zerstörerische ihrer Umgebung zu negieren. So kann Viets mit Kohlenstaub vermischter Ohrenschmalz als Symbol von institutionalisierter Gewalt betrachtet werden, der jedoch – von Nam geschätzt und konsumiert – zu etwas Liebenswertem wird.

Ein verwundetes Land

Die Auswirkungen von toxischer Männlichkeit sind im Film nicht nur auf und im Menschenkörper erkennbar. Trương Minh Quý stellt einen sehr direkten Zusammenhang zwischen militarisierter Maskulinität und der systematischen Zerstörung der Umwelt dar. Das Land in Vietnam bleibt weiterhin von zurückgelassenen Bomben und Minen zerrissen. Dass die Familie beim Graben an einer möglichen Ruhestätte von Nams Vater einen Blindgänger findet, ist aufschlussreich. Durch ungehinderte Modernisierung und Industrialisierung, wie zum Beispiel Bergbau, werden neue Wunden in die Erde geschlagen. Der Geschwistermord, der mit dem Krieg angefangen hat, setzt sich in anderen Formen fort. Nach dieser Interpretation kann das Zusammenkommen von Viet und Nam als eine Wiedervereinigung gesehen werden, in der zwei Konfliktparteien sich endlich versöhnen. Nicht diese hoffnungsvolle Botschaft und auch nicht die Queer-Beziehung, sondern die „düstere Atmosphäre“ veranlasste die Zensoren, den auf internationalen Festivals gefeierten Film in Vietnam zunächst zu verbieten.

Rezension zu: Viet und Nam, Trương Minh Quý, 2024, 129 Minuten

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2 | 2025, Timor-Leste,
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Die Macht im Dorf den Männern lassen?

Thailands Einberufungslotterie ist ein riskantes Glücksspiel. Genderdiversen Menschen bietet sie jedoch die Chance, Geschlechternormen öffentlich zu hinterfragen.

Jedes Jahr warten in Thailand Tausende von Menschen, in deren Ausweispapieren als männlich eingetragen ist, gespannt auf ihre Teilnahme an der Wehrpflichtlotterie. Wer zwischen 21 und 26 Jahre alt ist und sich nicht freiwillig zum Wehrdienst meldet, muss in einem Rekrutierungszentrum öffentlich eine Karte ziehen. Eine rote Karte bedeutet Einberufung, eine schwarze Karte die Befreiung vom Wehrdienst.

Wer sich freiwillig zum Militärdienst meldet, wird für sechs Monate eingezogen – deutlich kürzer als bei denjenigen, die per Losverfahren eingezogen werden und zwei Jahre dienen müssen. Das thailändische Militär hat eine jährliche Quote an Wehrpflichtigen, die erfüllt werden muss. Melden sich nicht genügend Freiwillige, wird in jeder Region des Landes eine Auslosung durchgeführt, um die vorgeschriebene Zahl zu erreichen. Daher variiert die Anzahl der per Losverfahren Eingezogenen von Jahr zu Jahr.

Freiwillige vertreten patriarchale Normen

Die Folgen der Nichtteilnahme an der Auslosung sind drastisch: Wehrdienstverweiger:innen müssen mit bis zu drei Jahren Haft rechnen. Die Struktur der Wehrpflicht, die zwischen Freiwilligen und Wehrdienstverweiger:innen unterscheidet, führt dazu, dass sich diejenigen, die dem Militär nahestehen und damit höchstwahrscheinlich einem vom Militär verkörperten Männlichkeitsideal entsprechen, in der Regel freiwillig melden.

Das Militär, als eindeutig männlich geprägte Organisation mit stark hierarchischer Struktur, legt Wert auf körperliche und mentale Stärke. Die Uniform entspricht maskulinen visuellen Codes, wie beispielsweise dem obligatorischen extrem kurzen Haarschnitt. Man kann davon ausgehen, dass Freiwillige diesem Ideal entweder bereits entsprechen oder zumindest für sechs Monate keine Probleme damit haben, sich daran anzupassen. Tatsächlich hat eine Studie gezeigt, dass Menschen mit stark patriarchalischen Werten eher dazu neigen, sich freiwillig zum Militärdienst zu melden, was diese Werte somit innerhalb der Institution verstärkt.

In diesem Zusammenhang gehen Personen, die in ihren Ausweisdokumenten als männlich eingetragen sind, sich aber nicht mit den traditionellen Geschlechterrollen identifizieren, ein erhebliches Risiko ein, wenn sie an der Lotterie teilnehmen. Sie riskieren, zwei Jahre lang Dienst zu leisten, in der Hoffnung, Glück zu haben und befreit zu werden.

Gender-Nonkonformität als Akt des Widerstands

Da die Auslosung öffentlich stattfindet, wandelt sich das Ritual zu einem Ereignis, bei dem einige potenzielle Wehrpflichtige die Gelegenheit nutzen, ihren Widerstand gegen die von den ausrichtenden Soldaten verkörperten männlichen Geschlechterrollen zu demonstrieren. Dies äußert sich in Kostümen, übertriebenen Manierismen und theatralischen Gefühlsausbrüchen, sobald das Ergebnis bekannt wird. Sie nutzen somit die Öffentlichkeit der Auslosung, um durch die visuelle Kommunikation ihrer Gefühle und ihrer Identität in einem Ritual, das sie eigentlich einschüchtern soll, ihre Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.

In den vergangenen Jahren wurde dem Schicksal von trans Frauen besondere Aufmerksamkeit zuteil, was sich in Artikeln nationaler und internationaler Medien widerspiegelte. In Thailand ist es nicht möglich, den Geschlechtseintrag in Ausweisdokumenten zu ändern, weshalb trans Frauen an der Wehrpflichtlotterie teilnehmen müssen. Obwohl solche Frauen, die sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen haben, aufgrund ihrer sogenannten „Geschlechtsidentitätsstörung“ standardmäßig vom Wehrdienst befreit sind, nutzen sie die öffentliche Aufmerksamkeit, um auf die Absurdität ihrer Anwesenheit bei einer Wehrpflichtveranstaltung für Männer aufmerksam zu machen. Sie tragen aufwendiges Make-up und feminine Kleidung wie Spitzenminiröcke und Blusen mit Schleifen.

Weniger Beachtung fanden bisher potenzielle Wehrpflichtige, die nicht offen trans Frauen sind, aber dennoch nicht den männlichen Geschlechtererwartungen entsprechen. Die virale Verbreitung von Social-Media-Videos über die Auslosung rückt die offen geouteten Personen in den Vordergrund und verschafft ihnen eine beispiellose Öffentlichkeit, die sie nutzen, um ihre eigene Geschichte zu erzählen und ihre Individualität zu präsentieren.

Inszenierung als Empowerment

Die Zeremonie beginnt üblicherweise damit, dass ein*e potenzielle*r Rekrut*in auf die Urne mit den Karten zugeht. Dieser Gang ist der erste Moment, in dem er*sie seine*ihre Persönlichkeit, Identität und Gefühle zum Ausdruck bringen kann. Manche schreiten selbstbewusst und trotzig mit erhobenem Kopf auf die Urne zu, andere hüpfen, tanzen oder wirbeln herum. Auch wenn diese Rekrut*innen in der Regel keine offenkundig feminine Kleidung tragen (zum Beispiel Röcke, Kleider oder lange Haare), tragen viele von ihnen mindestens ein Accessoire, das ihre Abkehr vom traditionellen Männerbild signalisiert: eine Handtasche, Haarschmuck oder ein hochgezogenes Hemd, das den Bauchnabel freilegt.

Sobald sie die Karte aus der Urne gezogen haben, geben sie sie einem der Soldaten und gehen zu der Seite, wo andere Soldaten sie an den Schultern festhalten, während sie auf die Bekanntgabe der Kartenfarbe warten. Einige halten sich die Ohren zu und schließen die Augen, andere winken der Menge zu und werfen Luftküsse, wieder andere posieren für die Kameras, indem sie die Hände in die Hüften stemmen und zur Seite schwingen. Die Leistung der Wehrpflichtigen steigert sich bis zu diesem Zeitpunkt zu einer Spannung, die ihren Höhepunkt in dem Moment erreicht, kurz bevor das Ergebnis laut verkündet wird – ein Wendepunkt in der Aufführung.

Sobald die Farbe bekanntgegeben wird, sind die Reaktionen der Kandidat:innen stets deutlich sichtbar. Die Eingezogenen versuchen mitunter zu fliehen, fallen in Ohnmacht oder täuschen sogar eine Ohnmacht vor, während die Befreiten lautstarke Freude zeigen, etwa durch Aufspringen, akrobatische Posen oder Schreie.

Bemerkenswert ist, dass die Soldaten, die die Lotterie durchführen, aktiv an der Aufführung teilnehmen und auf das Verhalten der potenziellen Wehrpflichtigen eingehen. So sieht man sie beispielsweise lachen und die Teilnehmer:innen an den Schultern festhalten, um sie am Weglaufen zu hindern, während ihr Schicksal verkündet wird und sie manchmal sogar umarmen.

Kürzlich kursierten hunderte Videos von Wehrpflichtigen, die an der Militärlotterie teilnahmen, in sozialen Medien wie TikTok. Einige Videos erreichten über 500.000 Likes. Diese Videos bieten die Möglichkeit, die Mechanismen der Lotterie zu verstehen. Die theatralische Inszenierung der Veranstaltung lässt sich zwei Zwecken zuordnen. Erstens demonstrieren potenzielle Wehrpflichtige die Absurdität der Einberufung von Personen, die nicht zum Militärdienst einberufen werden wollen, indem sie deren Abweichung von traditionellen Männlichkeitsidealen hervorheben. Zweitens ermöglicht die virale Verbreitung der Videos der Aufführungen eine öffentliche Kritik am thailändischen Wehrpflichtsystem, indem im In- und Ausland das Bewusstsein für den Prozess geschärft wird.

Unbeschwerte Theatralik verbirgt brutale Realität

Andererseits ist die vordergründige Unbeschwertheit der Veranstaltung für das thailändische Militär strategisch vorteilhaft, da sie die Gewalt verschleiert, die hinter verschlossenen Türen stattfindet, sobald die Wehrpflichtigen eingezogen wurden. Dies erklärt, warum Soldaten bereitwillig an den Späßen der potenziellen Rekruten:innen teilnehmen.

Die Analogie zur Bühne endet also nicht mit dem öffentlichen Auftritt der Teilnehmer*innen. Wer das Pech hat, eingezogen zu werden, muss nicht nur zwei Jahre dienen – anderthalb Jahre länger als Freiwillige –, sondern erleidet während seiner*ihrer Militärzeit auch schwere psychische und physische Gewalt. Ein wissenschaftlicher Artikel aus dem Jahr 2019 identifizierte und beschrieb mehrere Vorfälle mit Todesfolge. Zwischen 2009 und 2018 wurden elf Todesfälle registriert, die meisten davon verursacht durch schwere Misshandlungen oder körperliche Überanstrengung. Im Jahr 2015 ertrank Oberleutnant Sanan Thongdeenok , nachdem er gezwungen worden war, ohne Pause im Schwimmbad Bahnen zu schwimmen. Allein im Jahr 2017 starben drei Soldaten, Yutthanikun Boonniam, Noppadol Worakitpan und Pakapong Tanyakan, welche in drei separaten Vorfällen zu Tode geprügelt und gefoltert wurden.

Selbst wenn der Wehrdienst nicht zum Tod führt, können schwere physische und psychische Gewalt langfristige gesundheitliche Folgen haben. Im Extremfall des Gefreiten Nattaphun Choochum wurde dieser ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er gezwungen worden war, 400 Mal mit einem gebrochenen Bein zu springen. Die psychischen Belastungen, die durch das Miterleben solcher Ereignisse und die ständige Angst davor entstehen, können auch zu dauerhaften psychischen Problemen wie Angstzuständen oder einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen.

Es fällt schwer, die längere Dienstzeit für Wehrdienstverweiger:innen nicht als Bestrafung für die Nichterfüllung des männlichen Soldatenideals zu interpretieren, insbesondere angesichts der Gewalt, der sie im Militär ausgesetzt sein können. Obwohl das thailändische Militär die Inszenierung der Lotterie für sein zivileres Image nutzt, bietet sie gender-nonkonformen Personen mit männlichem Geschlechtseintrag eine seltene Gelegenheit, sich zu zeigen und ihre Identität in einem Umfeld zu präsentieren, in dem sie das vom Militär verkörperte Ideal der Männlichkeit direkt infrage stellen können. Diese Personen nutzen die öffentliche Bühne, um die Veranstaltung ihren eigenen Identitäten und Erzählungen anzupassen und so zu verhindern, dass militaristische Männlichkeit ihre Persönlichkeit und ihren Lebensstil auslöscht.

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