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„Kassel ist mein Zuhause“

Chee Hiong Chin 1987 an seinem Arbeitsort in der Küche eines Göttinger Restaurants. © Privat, alle Rechte vorbehalten

Deutschland/Malaysia: Charlotte Mei Yee Chin spricht mit ihrem Vater Chee Hiong Chin über dessen Kindheit in Malaya/Malaysia und fünf Jahrzehnte Leben in Deutschland.

Dies ist Teil II des Interviews. Hier geht es zu Teil I

südostasien: Hast du dich bei deiner Ankunft in Deutschland willkommen gefühlt, waren die Menschen nett zu dir?

Chee Hiong Chin: Unterschiedlich. Am meisten ist mir die Reaktion der Leute aufgefallen, wie sie mich komisch angeschaut haben. Aber gefreut darüber, glaube ich, hat sich niemand. Es war eher dieses neugierige Starren: „Wo kommt der her? Japan? Thailand? China?“ Es gab damals in den 70er Jahren kaum asiatische Menschen hier – keine Vietnamesen, keine Flüchtlinge, keine Asylbewerber. Wir waren fast die einzigen Gastarbeiter.

Sogar bis 1980 war das so. Jeder hat uns angeschaut. Die meisten kannten Asiaten nur aus Kung-Fu-Filmen – Bruce Lee war das Einzige, was sie mit Asien verbunden haben. Ich würde sagen, die Deutschen waren damals nicht besonders weltoffen. Sie waren, wenn man es so ausdrücken will, eher ‚Landeier‘ – im Vergleich zu den Engländern oder Australiern, die in dieser Hinsicht viel schneller waren.

Unser Interviewpartner:

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Chee Hiong Chin kam 1973 im Alter von 17 Jahren nach Deutschland. Seine Eltern waren vor rund 100 Jahren aus Guangzhou in Südchina ins damalige Malaya gekommen. Chee Hiong Chin arbeitete in Restaurants, um seine Familie in Malaysia finanziell zu unterstützen. Ursprünglich war es als Übergangslösung mit dem Ziel der Rückkehr gedacht – bis Chee Hiong Chin bei der gemeinsamen Arbeit im China-Restaurant in Göttingen seine heutige Frau Andrea Langhorst kennenlernte. Das Paar lebt in Kassel. Zeitlebens hat Chee Hiong Chin seine Eltern finanziell unterstützt. Er nennt sie im Gespräch mit seiner Tochter Pópo (Oma) und Gung Ung (Opa).

Das hat man auch beim Essen gemerkt. In London gibt es Chinatown. Aber in Deutschland? Wenn du damals versucht hättest, asiatisches Essen zu verkaufen, hättest du es vergessen können. Niemand hätte es gekauft, weil sie nicht wussten, was es überhaupt ist.

Aber richtige Feindseligkeit habe ich nie erlebt. Manche sagen, Deutsche seien arrogant, aber ich finde das nicht. Ich glaube, viele Migranten hatten einfach eigene Unsicherheiten. Wenn wir Deutsche getroffen haben, hatten wir oft das Gefühl, als Ausländer weniger wert zu sein. Das hatte aber mehr mit uns selbst zu tun als mit den Deutschen.

Du denkst also, es war eher ein innerer Komplex als echter Rassismus?

Ja. Solche wirklich rassistischen Menschen habe ich nie getroffen. In 50 Jahren hier – nie.

Auch früher nicht, als du neu hier warst?

Nein, nie. Klar, ich habe manchmal Leute gehört, die im Ärger sagten: „Oh, Ausländer, scheiße!“ Aber das empfinde ich nicht als echten Rassismus.

Für mich ist Rassismus nicht ’nur‘ persönliche Feindseligkeit oder Gewalt, sondern ein historisch gewachsenes Machtverhältnis, das auf Kolonialismus und globaler Ungleichheit basiert. Es richtet sich gegen Menschen, die nicht als weiß gelesen werden, und wirkt bis heute – durch Sprache, Institutionen und gesellschaftliche Normen. Was bedeutet Rassismus für dich?

Wenn Menschen aktiv Ausländer loswerden wollen, wenn sie Gewalt anwenden, so wie man es manchmal im Fernsehen sieht. Menschen, die Ausländer angreifen, zusammenschlagen, töten. Solche Leute habe ich nie getroffen. Manchmal in der Bahn gab es vielleicht komische Blicke oder Leute, die sich merkwürdig verhielten, aber ich dachte mir, die sind vielleicht krank oder einfach verrückt.

Am Anfang hast du geplant, nach Malaysia zurückzugehen?

Ja, wenn das Geld da ist.

Warum hast du dich entschieden in Deutschland zu bleiben?

Deutschland, Malaysia, Migration

Chee Hiong Chin mit seiner Frau Andrea Langhorst in Malaysia, 1987. © Privat, alle Rechte vorbehalten

Wegen Mama. Elf Jahre nach meiner Ankunft habe ich sie kennengelernt, 1988 haben wir geheiratet, und der Gedanke, zurückzukehren, war damit erledigt.

Außerdem hatte ich kein Geld gespart – also habe ich gespielt. Ich musste meinen Eltern Geld schicken, so dass ich nie genug zur Seite legen konnte.

Du hast gespielt, um Geld nach Hause schicken zu können?

Ja, ich habe im Casino gespielt, aber das war ein Fehler. Natürlich verlierst du – du gewinnst nicht. Heute spiele ich nicht mehr, es interessiert mich nicht und ich habe keine Lust dazu. Ich habe mich oft gefragt, warum ich damals gespielt habe. Ich glaube, es war der Stress. Ich hatte Angst, dass das Geld nicht reicht, also habe ich gespielt. Ich bin ins Casino gegangen und habe Poker gespielt, um mehr zu haben. Es war alles Kopfsache. Jetzt, mit fast 70 Jahren, frage ich mich: Wofür wollte ich so viel Geld? Ich brauche es nicht.

Als du nach Deutschland kamst, gab es weder WhatsApp noch Videocalls. Wie hast du Kontakt zu deiner Familie gehalten?

Per Telefon, aber das war teuer – drei Minuten kosteten 48 Mark. Deshalb habe ich mir vorher immer aufgeschrieben, was ich sagen wollte. Wir hatten zu Hause kein Telefon, und in ganz Simpang Pulai gab es nur drei oder vier Telefone, meist bei Geschäftsinhabern. Ich musste also zuerst einen Nachbarn anrufen und ihn bitten, meinen Vater zu holen. Dann rief ich ein zweites Mal an – beide Anrufe zusammen haben mich etwa 48 Mark gekostet. Außerdem habe ich einmal im Monat Briefe geschrieben, aber die brauchten sieben bis zehn Tage, bis sie ankamen.

Wann bist du das erste Mal zurückgeflogen?

Nach viereinhalb Jahren, 1977.

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Das Elternhaus von Chee Hiong Chin in Ipoh, Malaysia, 1987. © Privat, alle Rechte vorbehalten

Wie war es, deine Eltern wiederzusehen?

Überraschend. Meine Mutter hat sich gefreut, aber erst hat sie mich nicht erkannt. Mein Vater sagte: „Unser Sohn ist zurück“, aber sie meinte: „Quatsch, das ist nicht unser Sohn.“ Ich hatte lange Haare, sie erkannte mich nicht.

Wie oft bist du danach nach Malaysia geflogen?

Chee Hiong Chin besucht 1987 Malaysia. © Privat, alle Rechte vorbehalten

1980, 1984, 1987 – nicht jedes Jahr, ich hatte nicht genug Geld. Ich konnte es mir nicht leisten, jedes Jahr zu fliegen. Manchmal musste ich mir sogar Geld vom Chef oder von Kollegen leihen, um den Flug zu bezahlen. Außerdem hatte ich immer Angst, dass das Geld nicht reicht, weil ich nie genau wusste, wie viel ich tatsächlich brauchen würde.

Wie lange warst du jeweils dort?

Meistens drei Wochen Urlaub, manchmal zusätzlich zwei Wochen unbezahlten Urlaub – also maximal fünf bis sechs Wochen. Wir mussten zu bestimmten Zeiten fliegen, zum Beispiel im Dezember, Oktober oder Januar. Das hatten wir vorher so vereinbart.

Fühlst du dich heute als Malaysier, Chinese, Deutscher oder irgendwo dazwischen?

Ich bin natürlich Chinese. Meine Muttersprache ist Mandarin – ich kann lesen, schreiben und verstehen, aber auch viele chinesische Dialekte sprechen. Vielleicht kann ich nicht mehr alle Zeichen schreiben. Aber wenn ich sie sehe, verstehe ich sie sofort.

Träumst du auch auf Chinesisch?

Ja.

Nie auf Deutsch?

Nein. Meine Albträume drehen sich auch immer um mein altes Restaurant und Menschen, mit denen ich früher zu tun hatte.

Wie hat sich Malaysia seit deiner Kindheit verändert?

Es ist nicht mehr vergleichbar. Früher gab es viel mehr Natur, heute ist alles zugebaut. Der Verkehr, die Hochhäuser – vieles wurde von China oder Europa kopiert, aber ohne durchdachten Plan.

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Dichter Dschungel bei Lumut, Malaysia, 1987 – ein Naturraum, der heute vielerorts Siedlungen und Straßen gewichen ist. © Privat, alle Rechte vorbehalten

Umweltkatastrophen wie Überschwemmungen und Erdrutsche treten heute viel häufiger auf, weil zu viel Urwald abgeholzt wurde. Die Tiere haben keinen Lebensraum mehr. Der Wald wurde gerodet, um Häuser zu bauen – doch diese stehen leer. In Simpang Pulaim habe ich es selbst gesehen: Fast die Hälfte der Gebäude sind unbewohnt.

Hat sich das Zusammenleben der Menschen aus deiner Sicht auch verändert?

Die Menschen sind gebildeter, nicht mehr so naiv und asozial wie früher. Chinesen, Malaien und Inder kommen besser miteinander aus. Früher hatten sie wenig Kontakt. Früher gingen Chinesen nie in malaiische Lokale, aber heute sieht man das schon häufiger. Genauso besuchen auch Malaien chinesische Geschäfte – wenn auch nicht überall. Auf den traditionellen Märkten ist mir aufgefallen, dass Malaien mittlerweile Fisch bei chinesischen Händlern kaufen und Chinesen ihre Kokosnüsse oder Curry von Malaien holen. Früher wäre das undenkbar gewesen. In dieser Hinsicht hat sich einiges verändert.

Wo fühlst du dich heute zu Hause?

Hier in Kassel. Ich habe 2018 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Danach war für mich klar, dass ich hierbleibe.

Würde ich Malaysia noch vermissen, hätte ich meine malaysische Staatsbürgerschaft behalten.

Was macht Kassel für dich zum Zuhause?

Ich kenne die Umgebung gut, meine Nachbarn, die kenne ich schon mindestens 20 Jahre, die Leute im Supermarkt – ich bin fast täglich dort. In Gunung Rapat kenne ich wahrscheinlich weniger Leute als hier.

Wenn du auf die letzten 50 Jahre zurückblickst, worauf bist du besonders stolz?

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Chee Hiong Chin mit seiner Frau Andrea Langhorst bei einem ihrer regelmäßigen Spaziergänge in Kassel, Weihnachten 2024. © Privat, alle Rechte vorbehalten

Dass ich mein Leben gemeistert habe. Wäre ich nicht nach Deutschland gekommen, hätte ich heute nicht diese Sicherheit. Hier habe ich eine Rente, eine Krankenversicherung, ein eigenes Zuhause – keine Sorgen bis zum Lebensende. Deutschland ist sicher, du hast immer eine Krankenversicherung und kannst dich ärztlich behandeln lassen. In Malaysia hätte ich das wahrscheinlich nicht. Vielleicht wäre ich in schlechte Kreise geraten, heroinsüchtig geworden oder kriminell.

Aber ich habe gearbeitet, ich habe es geschafft. Zusammen mit Mama habe ich diese Wohnung gekauft – darauf bin ich ziemlich stolz. Es ist keine Mietwohnung, sondern eine eigene.

Ich muss nicht mehr umziehen. Früher musste ich oft umziehen. Das ist kein sicheres Leben.

Gibt es noch etwas, das du erzählen möchtest?

Am Anfang wollte ich in Deutschland nur Geld sparen und irgendwann nach Malaysia zurückgehen. Aber nach 20 Jahren wäre das nicht mehr möglich gewesen. Man verliert den Anschluss an die Gesellschaft. Man sollte ein Land nicht zu lange verlassen – selbst nach fünf Jahren Abwesenheit ist es schwer, wieder Fuß zu fassen. Das ist wie beim Fußball: Wenn du drei Jahre lang nicht gespielt hast, wirst du danach wahrscheinlich nicht mehr so gut spielen können.

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Deutschland/Südostasien: In 40 Jahren haben viele Menschen die „südostasien“ gemacht – und sie genutzt. Fünf von ihnen kommen hier zu Wort…

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„Kassel ist mein Zuhause“

Vietnam/Deutschland: Ngoc Anh Nguyen aka ANOTHER NGUYEN, Sängerin, Songwriterin und Sozialarbeiterin, spricht über ihre Musik und ihre vietnamesisch-deutsche Herkunft.

südostasien: Wie würdest du dich unseren Leser:innen vorstellen?

Ngoc Anh Nguyen: Ich stelle mich immer gerne als Sängerin, Songwriterin und Sozialarbeiterin vor. Ich bin vietnamesisch-deutsch und bin in einem kleinen Dorf in Sachsen aufgewachsen. 2012 bin ich nach Berlin gezogen.

Wie beeinflussen dich diese Orte in deinem kreativen Schaffen?

Weil ich in der Kleinstadt so isoliert aufgewachsen bin – wir waren lange Zeit die einzige vietnamesische oder auch ausländische Familie – habe ich mich sehr allein gefühlt. Ich habe in meiner Jugendzeit ganz lange nach Vorbildern gesucht und mich gefragt, was ich beruflich später mal machen kann, welchen Lebensweg ich gehen kann. Aus dem Nicht-Vorhanden-Sein von Community oder Menschen, die durch das Gleiche gingen wie ich, habe ich diesen starken Drang, alles weiterzugeben, was ich gelernt habe und mir selbst erarbeiten musste.

Deswegen ist für mich das Musikmachen nicht nur ‚Spaß‘, sondern ich möchte damit auch zeigen, dass es möglich ist, diesen Lebensweg zu gehen. Tatsächlich bekomme ich jetzt auch immer öfter Konzertanfragen aus meiner Heimat in Sachsen, weil die Leute sich dran erinnern, dass ich schon immer gern gesungen habe. Berlin beeinflusst mich, weil ich das Gefühl habe, dass man hier sehr frei leben kann und Lebenswege nicht hinterfragt werden. Deswegen bin ich auch in der Lage, jetzt, mit 33 Jahren, mir freiberuflich etwas aufzubauen.

Was haben deine Wege als Sozialarbeiterin und als Musikerin gemeinsam? Was trennt sie?

Eine Gemeinsamkeit ist der Kontakt zu Menschen. Wenn ich ein Konzert spiele und vor den Menschen singe, dann geht’s darum, ihnen ein besseres Gefühl zu geben, sie zu berühren und zu ihrem Alltagsleben etwas beizutragen. Bei der Musik geht es darum, zu inspirieren, vielleicht auch abzulenken, sporadisch einen Beitrag zu leisten. Bei der sozialen Arbeit hingegen bist du wirklich direkt an einzelnen Menschen dran. Es ist eine intensivere Arbeit.

Du hast von fehlenden Vorbildern gesprochen. Mittlerweile gibt es zum Beispiel den Sänger Trong Hieu, mit dem bist du vor kurzem zusammen aufgetreten. Wie war das für dich, als er im Vorentscheid für den Eurovision Song Contest für Deutschland auftrat?

Ich habe auf jeden Fall extrem mitgefiebert als er da angetreten ist, weil ich ihn kurz zuvor das erste Mal persönlich kennengelernt hatte. Für mich war das voll der große Schritt: Es ist jemand mit vietdeutscher Herkunft in meinem Alter, der jetzt auf so einer Plattform auftreten kann. Das wäre für mich als Kind undenkbar gewesen Das hat mich sehr ergriffen und hat so ein Gefühl ausgelöst: vietdeutsche Geschichte schreitet voran. Ich fand es sehr schade, wie er abgeschnitten hat. Die Gesellschaft sollte mittlerweile so weit sein, zu sehen: Hey er steht für Vielfalt, er singt einen Song, in dem es darum geht, gemeinsam anders zu sein. Warum sieht man da nicht das Potenzial? Das ist auch etwas, was ich in der Musikindustrie beobachte. Es gibt schon viele People of Color als Künstler:innen im HipHop oder R ’n‘ B, die unter Vertrag genommen sind. Im Pop-Bereich ist es eher die klassische ‚Lea‘, mit der man sich identifizieren kann.

Eine gute Freundin von mir arbeitet bei Beatrice‘ Plattenfirma. Sie suchten nach einer Keyboarderin oder einem Keyboarder und sie hat mich gefragt, ob ich mitmachen möchte. Beatrice Egli macht ja Schlager und da gibt es ganz oft diese Kombi: du hast eine hübsche junge Sängerin und einen alten weißen Mann, der Klavier spielt. Der Gedanke meiner Freundin war, dass es doch cool wäre, wenn das mal anders ist. Nicht dieses klassische Bild von einem ‚Dieter‘, sondern ich als asiatische Frau. Weil ich durch meine eigenen Musikvideos sehr viel Dreherfahrung gesammelt hatte, hat es ganz gut gepasst. Die Reaktionen waren positiv. Alle fanden, dass die Chemie zwischen uns stimmte.

Du bist Sängerin und Songwriterin. Gibt es Themen, die dir ganz besonders wichtig sind beim Schreiben deiner Texte?

Wenn es darum geht, meine eigenen Songs zu schreiben, suche ich immer nach Gefühlen und Themen, die mich lange beschäftigen. Für mich ist das Songwriting kein Outlet zum Verarbeiten, was ich heute fühle und was morgen vielleicht vorbei ist. Sondern ich verarbeite gern mein Leben in meinem Leben, also starke Gefühle und Erfahrungen, zunächst für mich. Wenn ich merke, es gibt Themen, die immer wieder auftauchen oder etwas Langwieriges sind, dann halte ich das fest in meinen Songs.

„My friend“ betont Freundschaft und macht Menschen Mut, sich Hilfe zu suchen, wenn sie Gewalt von ihren Partner:innen erfahren

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass ich mehr politische Songs schreibe. Aber bisher bin ich da immer noch ein bisschen vorsichtig. Ich möchte nicht predigend daherkommen und selber darüber reflektieren, was meine Rolle als Künstlerin im politischen Bereich ist. Und irgendwie ist es mir wichtiger, Songs zu schreiben, die etwas zu Gemeinsamkeit und Zusammenhalt beitragen als Ärger und Wut zu erzeugen.

Wie kommt es, dass du auf Englisch singst?

Ich habe einfach irgendwann angefangen, mein Tagebuch auf Englisch zu schreiben, für potenzielle internationale Enkelkinder (lacht). Es hat auch damit zu tun, dass ich ein schwieriges Verhältnis zur deutschen Sprache habe. Nach und nach löst sich das. Aber mein Gedanke, als ich angefangen habe, Songs zu schreiben, war, dass deutsche Songs ja nur für ein deutschsprachiges Publikum und für die deutsche Gesellschaft sind. Ich möchte gerne ein größeres Publikum erreichen und versuche, an die vietnamesische Diaspora anzudocken, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA und weltweit. Tatsächlich ist auch mein persönliches Umfeld sehr international. Das heißt, in meinem Alltag spreche ich auch viel Englisch. Aber ich schließe es nicht aus, in der Zukunft vielleicht auch auf Deutsch zu schreiben. Langsam kommt ein Bedürfnis in mir auf, weil ich auf Deutsch eine ganz andere Tiefe ausmachen kann. Tatsächlich wurde ich Anfang 2025 auch gefragt, ein deutsch-vietnamesisches Kinderlied zu schreiben. Das ist fertig und wird im Herbst 2025 erscheinen.

War die Internationalität auch ein Gedanke hinter deinem Künstlernamen?

Als ich meinen Künstlernamen ausgewählt habe, habe ich noch nicht so weit gedacht. Nicht daran, wen ich erreichen möchte, sondern eher, dass es ja irgendwie seltsam ist, wenn ich nur für ein vietnamesisches Publikum singe, weil ich vietdeutsch bin. Je weiter ich mich entwickle, umso mehr merke ich, dass ich nicht alle erreichen muss und dass es okay ist, eine Nische für sich zu finden. Dass im Grunde genommen eine Fanbase einfach Menschen sind, mit denen du verbunden bist, weil sie ähnliche Lebenserfahrungen teilen oder ähnliche Werte haben. Da ist es für mich einfacher, an die vietnamesische Diaspora anzuknüpfen und ich werde dadurch auch viel gebucht. Der Name kommt also nicht von einem möglichen Zielpublikum. Ich wollte, dass der Nachname Nguyen bekannter wird. In meiner Schulzeit wurde der Name immer falsch geschrieben und ich wollte, dass der Name einfach so etabliert ist, wie es auch bei anderen Nachnamen der Fall ist und dass Menschen wissen, wie man ihn schreibt.

Dieses Jahr ist das 50-jährige diplomatische Jubiläum zwischen Westdeutschland/BRD und Vietnam. Wie empfindest du persönlich als vietnamesische Ostdeutsche die deutsch-vietnamesischen Beziehungen?

Ich bin sehr in einer vietdeutschen Bubble. Ich bin sehr viel davon umgeben, dass vietnamesische Kultur wertgeschätzt wird, dass es Kulturangebote gibt, wo vietnamesisch-deutsche Geschichten erzählt werden. Ich erlebe das Goethe-Institut in Vietnam, wo Veranstaltungen stattfinden. Wenn ich in Vietnam bin, erlebe ich Wertschätzung, weil es heißt: „Du bist eine Vietdeutsche, die nach Vietnam zurückkommt und hier arbeitet“.

Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte: „Motherland“ von ANOTHER NGUYEN.

Aber genauso weiß ich, dass es andere Ecken gibt, wo das vielleicht gar nicht präsent ist. Beispielsweise war ich letztes Jahr für eine Theaterproduktion in München für das Stück „Hörst du mich?“. Es war ein Stück, wo wir – eine Schauspielerin, eine Tänzerin und ich – alle vietdeutsch waren. In dem Stück haben wir Familiendynamiken aufgearbeitet. Es ging um Sprachlosigkeit, darum, Gespräche nicht zu führen.

Die Resonanz des Publikums war verrückt. Da waren sehr, sehr viele Vietdeutsche, die in München leben, die dann zu mir kamen und meinten, das wäre das erste Mal, dass sie etwas mit Vietdeutschen auf der Bühne gesehen haben. Die waren so unglaublich dankbar und man hat gemerkt, dass durch unser Stück erste Reflexionsprozesse angestoßen werden konnten. Bei mir selbst begannen die schon vor zehn Jahren. Hier in Berlin ist es für mich schon so normal, dass es ständig irgendwelche Vernetzungstreffen, Veranstaltungen, Podcasts, Screenings und Lesungen gibt. Deswegen lebe ich in einer Welt wo deutsch-vietnamesische Beziehungen blühen und sich immer weiterentwickeln. Aber ich kann nicht sagen, dass das für alle die Realität ist.

Wünschst du dir, dass mehr Menschen die Arbeit in der Kunst- und Kulturszene verstehen würden?

Da habe ich sehr viele Gedanken zu. Ich glaube, was viele nicht wissen ist, wie viel unbezahlte Arbeit hinter Kunst steckt. Selbst wenn ein krasses Musikvideo entstanden ist oder auf Social Media eine tolle Plattform da ist, bedeutet das nicht, dass man davon leben kann. In meinem Umfeld gibt es so viele talentierte Musiker:innen, die nicht von ihrer Musik leben können. Das ist tragisch. Ich merke dies auch selber an mir. Ich kann zwar von der Musik gerade so leben; Aber mich macht es müde, dass ich seit vielen Jahren wirklich mit einem sehr geringen Budget lebe. Ich muss immer schauen, wie ich mit meinem Geld umgehe.

Würde eine Person meine Musik neu entdecken und mein Profil sehen, meine Videos und so weiter, sie würde nicht vermuten, wie knapp es ist. Das soll die Gesellschaft wissen, wie viel in diesem Bereich unentgeltlich geleistet wird. Ich wünsche mir deshalb immer das Bedingungslose Grundeinkommen.

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Philippinen: Red-tagging stempelt Menschen als kommunistisch/terroristisch. Ziel der staatlichen Strategie: Andersdenkende zum Schweigen bringen.

Am frühen Morgen des 7. Februar 2020 wurde die 21-jährige Frenchie Mae Cumpio bei einer Razzia in Tacloban City, Leyte, festgenommen. Laut der Pressefreiheitsorganisation Reporters Sans Frontiers (RSF, Reporter ohne Grenzen) war sie zu dieser Zeit Geschäftsführerin der unabhängigen Nachrichtenagentur Eastern Vista und Radiomoderatorin bei Aksyon Radyo Tacloban DYVL 819. Sie war bekannt für ihre unerschrockenen Berichte über mutmaßliche Übergriffe von Polizei und Militär.

Jahrzehntelange Freiheitsstrafe droht

Berichten zufolge wurde Cumpio gemeinsam mit vier weiteren Aktivist:innen verhaftet und beschuldigt, Waffen versteckt und kommunistische Rebellen finanziell unterstützt zu haben. Sie bestreitet sämtliche Anschuldigungen, befindet sich jedoch weiterhin in Haft. Im Falle einer Verurteilung droht ihr eine Freiheitsstrafe von bis zu 40 Jahren.

Beinahe fünf Jahre nach ihrer Verhaftung – am 11. November 2024 – wurde Cumpio erstmals in den Zeugenstand gerufen. Erst dann durfte sie dem Gericht erzählen, was bei der Razzia im Jahr 2020 passiert war. Laut Cumpios Aussage betraten Polizeikräfte ihr Zimmer ohne Haftbefehl, zwangen sie und ihr Team, sich auf den Boden zu legen und führten sie gewaltsam hinaus. Staatsbeamte bestanden während der Anklage darauf, dass sie bei der Verhaftung einen rechtsgültigen Durchsuchungsbefehl umgesetzt hätten. Cumpio sagte jedoch aus, dass die Polizeikräfte sie trotz wiederholter Nachfragen nicht über den Grund der Razzia informiert hätten und dass sie sich nicht an die vorgeschriebenen Verfahren eingehalten hätten.

Cumpio ist eine von mehreren Journalisten:innen, die unter der Regierung Rodrigo Dutertes (2016-2022) als kommunistische Sympathisant:innen oder Aufständische bezeichnet wurden. Dieses Vorgehen ist als red-tagging bekannt – eine Taktik, die eingesetzt wird, um Regierungskritiker:innen als „terroristisch“ zu brandmarken und sie somit einzuschüchtern und/oder zum Schweigen zu bringen.

Auch bei der Verhaftung der Journalistinnen Lady Ann Salem von Manila Today und Mary Anne Krueger vom alternativen Nachrichtenportal Paghimutad kam eine ähnliche Taktik zum Einsatz. Wie Cumpio wurden beide wegen illegalen Waffenbesitzes angeklagt. Salem wurde im Dezember 2020 verhaftet und kam schließlich im März 2021 wieder frei. Krueger wurde im Oktober 2019 festgenommen, kam wenige Tage später gegen Kaution frei. Das Verfahren gegen sie ist bislang (Stand Juli 2025) nicht abgeschlossen.

Red-Tagging: Ein Instrument der Unterdrückung

Red-Tagging hat auf den Philippinen eine lange und gefährliche Geschichte. Unter Präsident Rodrigo Duterte wurde diese Praxis systematischer und weithin bekannt gemacht, oft verstärkt durch Desinformationskampagnen in den sozialen Medien. Laut einer Studie der National Union of Journalists of the Philippines (NUJP) wird durch red-tagging nicht nur das Recht auf freie Meinungsäußerung ausgehöhlt, sondern es gehen auch häufig schwerwiegendere Maßnahmen damit einher – Verhaftungen, Schikanen und sogar außergerichtliche Hinrichtungen.

Internationale Menschenrechtsorganisationen, darunter auch Amnesty International, haben dokumentiert, wie red-tagging Leben gefährdet hat. Ein prominentes Opfer war der Radiomoderator Percy Lapid (Percival Mabasa), ein lautstarker Kritiker sowohl des ehemaligen Präsidenten Duterte als auch des gegenwärtigen Präsidenten Ferdinand Marcos jr. Lapid wurde im Oktober 2022 ermordet. Vor seinem Tod hatte Lapid in seiner Sendung wiederholt die Praxis von red-tagging-Angriffen verurteilt.

Derzeit gibt es kein philippinisches Gesetz, das red-tagging definiert oder unter Strafe stellt. Bis vor kurzem stammte die einzige formale Definition aus einer Stellungnahme des Obersten Gerichtshofs von 2015.

In einer bahnbrechenden Entscheidung vom 8. Mai 2024 erkannte der Oberste Gerichtshof der Philippinen an, dass red-tagging eine „Bedrohung für das Recht einer Person auf Leben, Freiheit oder Sicherheit“ darstellt. Befürworter:innen begrüßten das Urteil als wichtigen Schritt. Doch die Umsetzung und Durchsetzung bleibt ungewiss.

Pressefreiheit in prekärem Zustand

Laut Reporter ohne Grenzen (RSF) haben sich die Philippinen im Welt-Pressefreiheits-Index 2025 leicht verbessert und sind von Platz 134 im Vorjahr auf Platz 116 aufgestiegen. Arthur Rochereau vom RSF-Büro für den asiatisch-pazifischen Raum führte diese Verbesserung auf die Tatsache zurück, dass die Regierung Marcos jr. eine weniger offen feindselige Haltung gegenüber der Presse eingenommen hat. Er betonte jedoch, dass die Situation nach wie vor „sehr schwierig“ sei, da Journalist:innen online wie offline weiterhin Schikanen und gewalttätigen Angriffen ausgesetzt seien.

Das Center for Media Freedom and Responsibility (CMFR) und die NUJP berichten, dass Journalist:innen zunehmend durch verschiedene repressive Taktiken wie red-tagging, Überwachung, juristische Einschüchterung und Angriffe im Internet unter Druck gesetzt werden. Im Zeitraum vom 1. Juli 2022 bis zum 30. April 2025 verzeichneten sie einen deutlichen Anstieg der Übergriffe auf Medienschaffende: Unter der Regierung von Präsident Marcos Jr. wurden 184 Fälle dokumentiert – ein Anstieg um 44 Prozent im Vergleich zu den 128 Fällen unter seinem Vorgänger Duterte.

Politisch motivierte Verleumdungsklagen belasten den Mediensektor schwer. Laut NUJP wurden mehr als 60% der 78 eingereichten Cyberverleumdungsklagen zwischen 2016 und 2024 von Politiker:innen angestrengt.

Selbst hochrangige Persönlichkeiten wie Maria Ressa, Geschäftsführerin der Online-Nachrichtenportal Rappler und Friedensnobelpreisträgerin von 2021, stehen unter Druck. Obwohl Ressa 2023 von einer Steueranklage freigesprochen wurde, ist sie immer noch mit einem anhängigen Verfahren wegen Cyber-Verleumdung konfrontiert.

Seit Beginn der Marcos Jr. Präsidentschaft wurden sechs Journalist:innen getötet: Renato „Rey“ Blanco, Percy ‚Lapid‘ Mabasa, Crecenciano Bunduquin, Juan Jumalon, Maria Vilma Rodriguez, und Juan „Johnny“ Dayang. Bis zum Beweis des Gegenteils betrachtet die NUJP alle diese Morde als arbeitsbedingt.

Das Philippine Center for Investigative Journalism (PCIJ) stellt fest, dass diese an Journalist:innen verübten Morde zwar weniger sind als die während Dutertes Amtszeit. Sie seien aber dennoch charakteristisch für das Vorgehen der Regierung gegen Medienschaffende. Die niedrige Verurteilungsrate und die Tatsache, dass nur wenige Fälle vor Gericht kommen, seien klare Anzeichen für eine anhaltende Kultur der Straflosigkeit.

Systemische Herausforderungen

Anlässlich des Welttags der Pressefreiheit am 3. Mai rief die NUJP Medienschaffende dazu auf, sich für bessere Arbeitsbedingungen und Diskussionen über höhere Löhne und Arbeitsplatzsicherheit einzusetzen.

Laut einer NUJP-Umfrage im März 2021 verdienen 44 Prozent der philippinischen Journalist: innen und Medienschaffenden ein Monatsgehalt von 15.000 Pesos (rund 236 Euro) und weniger. 15 Prozent verdienen maximal 5.000 Pesos (rund 78 Euro). Ähnlich verhält es sich mit einer kürzlich vom Photojournalists‘ Center of the Philippines durchgeführten Umfrage: 27 Prozent der Befragten gaben an, 30.000 Pesos (rund 472 Euro) pro Jahr oder nur 2.500 Pesos (rund 39 Euro) monatlich zu erhalten.

Die Hälfte der Befragten erklärte, weder Urlaubsgeld zu bekommen noch bei gefährlichen Einsätzen Risikozuschläge oder zusätzliche Versicherungsleistungen zu erhalten. 55 Prozent von ihnen gaben außerdem an, dass ihnen keine Überstunden vergütet würden.

Mit der Schließung des ehemals das größte Mediennetzwerks ABS-CBN im Jahr 2020 aufgrund ausgelaufener Lizenzen, verloren zahlreiche Medienschaffende ihre Arbeit oder mussten sich mit prekärer Beschäftigung arrangieren – ein weiterer Rückschlag für die Pressefreiheit und den unabhängigen Journalismus.

Medienbesitz in den Philippinen wird zunehmend von mächtigen politischen und unternehmerischen Interessen dominiert. Reporter ohne Grenzen (RSF) hat sich besorgt über den wachsenden Einfluss von Martin Romualdez, einem Cousin von Präsident Marcos Jr. geäußert, der gemeinsam mit ABS-CBN Eigentümer von DWPM Radyo 630 ist. Eine solche Entwicklung, so warnt RSF, schränke die redaktionelle Unabhängigkeit ein und konzentriere die Kontrolle über die öffentliche Information.

Red-Tagging geht weiter

Obwohl Marcos Jr. sich öffentlich für eine „kritische Presse“ ausspricht, weist seine Regierung Forderungen nach der Auflösung der Nationalen Task Force zur Beendigung lokaler kommunistischer bewaffneter Konflikte (NTF-ELCAC) () zurück. Diese Task Force ist häufig an der Verfolgung von Journalist:innen und Menschenrechtsaktivist:innen beteiligt.

Nach ihrem Besuch auf den Philippinen im Februar 2024 forderte die UN-Sonderberichterstatterin Irene Khan ein Verbot der red-tagging-Praxis sowie die Abschaffung der NTF-ELCAC. Die NUJP unterstützte diese Empfehlungen. Präsident Marcos Jr. verteidigte jedoch die Arbeit der Task Force mit dem Hinweis, sie spiele eine zentrale Rolle in der Aufstandsbekämpfung gegen Kommunist:innen.

Philippinische Journalist:innen leisten dennoch weiterhin Widerstand gegen Repressionen. Organisationen wie das CMFR und die NUJP dokumentieren  fortlaufend Übergriffe, setzen sich für den Schutz von Medienschaffenden und politische Reformen ein.

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„Kassel ist mein Zuhause“

Deutschland/Indonesien: Redaktionsmitglieder und Weggefährt:innen würdigen den Freund und Kollegen, der die südostasien unermüdlich mitgestaltet hat.

Hendra Pasuhuk, hauptberuflich für die Deutsche Welle tätig, war bis zu seinem plötzlichen Tod Ende Juli 2025 ein sehr prägendes ehrenamtliches Mitglied der südostasien-Redaktion. In den letzten Jahren hat er an zahlreichen Ausgaben als Autor, Übersetzer und Redakteur mitgearbeitet. Eine Auswahl seiner aktuellen südostasien-Artikel ist hier zu finden. Redaktionskolleg:innen und Wegbegleiter:innen teilen hier ihre Trauer und ihre Erinnerungen…

Medien – ein Weg, um für die Demokratie zu kämpfen

Hendra wird eine große Lücke hinterlassen. Ich kannte ihn seit 35 Jahren als einen Journalisten, der sehr hartnäckig für die Einführung der Demokratie in Indonesien kämpfte, und dabei immer die Rechte und Interessen der kleinen Leute im Blick hatte. Er war in seinem Fach ein absoluter Profi mit großer Formulierungskunst. Für seine Kritik am indonesischen Regime, an Menschenrechtsverletzungen oder an sozialen Ungerechtigkeiten musste er nie Wörter der Anklage oder des Hasses benutzen. Seine Aussagen beruhten auf Daten, auf Fakten, auf sachlichen Inhalten, die er noch dazu sehr gut und mit viel Charme an seine Leser:innen oder sein Publikum überzubringen wusste.

Hendra war Anfang der 90er Jahre Mitinitiator bei der Gründung von „Aliansi Jurnalis Independen“ (Vereinigung unabhängiger Journalist:innen, AJI), die sich während des Suharto-Regimes aktiv für Pressefreiheit und das öffentliche Recht auf Information einsetzte. Bis zum heutigen Tage wendet sich dieser Verband gegen die Unterdrückung freier journalistischer Arbeit.

Hendra war nicht nur ein mutiger Kämpfer, sondern zu jeder Zeit ein ausgezeichneter Präsentator und Moderator, der mit seinem fantastischem Deutsch für die Angelegenheiten seines Heimatlandes werben und damit viele Brücken zwischen Indonesien und Deutschland bauen konnte. Seine hohe Professionalität brachte ihm weit über Medienkreise hinaus hohe Anerkennung auch bei anderen gesellschaftlichen Gruppen ein, zum Beispiel bei sozialen Bewegungen oder – in der Reformära – auch in Regierungskreisen Indonesiens.

Warsito Ellwein, ehemaliges Redaktionsmitglied der südostasien

Meine letzte Begegnung mit Hendra datiert vom 12.Oktober 2024. Danach waren wir nur noch per Whatsapp in Kontakt. Es war am Fachtag Indonesien vom Asienhaus in Köln. Hendra referierte im Workshop „Medien und Meinungsäußerung: Sorge um das freie Wort“. Ich war fasziniert, wie er das, was er an Ungeheuerlichkeiten zu den neusten Attacken gegen die freie Presse in Indonesien zu berichten hatte, verpackte: in eine launige und humorvolle Sprache, die das Publikum amüsierte und den Stress und die Wut, die man bei den Inhalten empfunden musste, in eine positive Energie umwandelte. So etwas habe ich selten erlebt! Danke, Hendra!

Harriet Ellwein, ehemaliges Redaktionsmitglied der südostasien

Vertrauen und Glaubwürdigkeit

Ich bin sehr traurig darüber, dass Hendra nicht mehr unter uns ist. Auch wenn ich nicht oft direkt mit ihm zusammenarbeiten konnte, habe ich seine Präsenz und seine Beiträge immer als sehr bereichernd empfunden. Seine ruhige Art, seine fundierten Informationen und sein echtes Interesse am Journalismus haben viel Vertrauen und Glaubwürdigkeit vermittelt. Ich hätte mir gewünscht, mehr von seiner Erfahrung persönlich mitzubekommen. Selbst in den Online-Meetings war seine Ausstrahlung spürbar – Begegnungen mit ihm hinterließen stets einen positiven Eindruck. Es ist ein großer Verlust, dass er uns so früh verlassen hat.

Leah Hilario-Sikorski, Autorin der südostasien

„Engagierter Mitstreiter, aufmerksamer Kollege, wunderbarer Mensch“

Die Nachricht von Hendras Tod hat mich tief erschüttert. Es fällt mir schwer zu begreifen, dass er nicht mehr unter uns ist.

Kennengelernt habe ich Hendra während der Pandemie – zunächst nur online, in Redaktionssitzungen und digitalen Abstimmungen. Und doch war er auch in diesem Format eine beeindruckend präsente Persönlichkeit: mit fundiertem Hintergrundwissen, einer ruhigen, reflektierten Art und gleichzeitig mit diesem ganz eigenen, positiven und zugewandten Humor, der sofort Verbindung schuf.

Als wir uns später persönlich im Asienhaus begegneten, hat sich dieser Eindruck vertieft. Hendra war genauso, wie ich ihn online erlebt hatte – klug, freundlich, offenherzig. Er nahm sich Zeit, hörte aufmerksam zu, teilte seine Erfahrungen und Gedanken, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Sein Engagement für die südostasien, für die Stiftung Asienhaus und für die Themen, die ihm am Herzen lagen, war spürbar in allem, was er tat.

Ich habe viel von Hendra gelernt – über Indonesien, über politische Entwicklungen in Südostasien, aber auch über Zusammenarbeit, Kollegialität und das stille Wirken, das manchmal mehr bewirkt als laute Worte. Seine Hilfsbereitschaft, sein Lächeln, seine klugen Beiträge und seine herzliche Art werden mir sehr fehlen.

Mit Hendra verlieren wir einen engagierten Mitstreiter, einen aufmerksamen Kollegen und einen wunderbaren Menschen. Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit ihm teilen durfte.

Simon Kaack, Redaktionsmitglied der südostasien

„Sein Lachen und seine ausgleichende Art werden mir fehlen“

Ich kann es noch immer nicht fassen, dass Hendra nicht mehr da ist. Denn für die südostasien und die Menschen, die sie machen, war er immer da. Anfang Juli haben wir noch gemeinsam in Köln das 40jährige Jubiläum der südostasien gefeiert, das Hendra mit vorbereitet hatte. Zugleich haben wir in den letzten Monaten intensiv an der Jubiläumsausgabe gearbeitet. Und nun bearbeite ich auf einmal nicht mehr mit ihm gemeinsam weitere Texte, sondern seinen Nachruf. Und merke, wie ich um Fassung und um Worte ringe…

Zum ersten Mal trafen wir uns, als ich vor 25 Jahren ein Praktikum im Indonesien-Programm der Deutschen Welle absolvierte. Hendras Lachen war damals schon unverwechselbar und ist für mich eins seiner „Markenzeichen“ geblieben. Fast immer hat Hendra einen Grund zum Lachen gefunden, auch wenn der journalistische Alltag und die ihm innewohnende Neigung zur Negativ-Nachricht oft sehr Kräftezehrend waren. Sein Lachen und seine ausgleichende Art werden mir sehr fehlen.

Eine von Hendras vielen Stärken war für mich genau das: sein ausgleichendes Wesen. In einer Welt, in der so oft Bewertungen, Grabenkämpfe und ein Ego-getriebenes „Entweder/Oder“ dominieren, verfolgte er konsequent einen Herzoffenen und geduldigen Weg des „sowohl als auch“.

Die Leser:innen der südostasien verdanken ihm unzählige wertvolle Beiträge als ehrenamtlicher Autor, Redakteur, Übersetzer und Fotograf. Unsere Redaktionstreffen hat er mit seinem immensen Erfahrungsschatz, Ideen-Reichtum und seiner einzigartigen menschlichen Präsenz sehr beschenkt. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit ihm arbeiten, die südostasien gestalten – und lachen durfte.

Selamat Jalan, lieber Hendra…

Anett Keller, Koordinationsredakteurin der südostasien

„Hendra hatte stets ein offenes Ohr“

Wenn ich an Hendra denke, dann denke ich vor allem an viele schöne Momente bei unseren Redaktionstreffen der südostasien. Schon bevor man den Raum betrat, hörte man oft sein unverkennbares, herzliches Lachen durch die Tür – ein Klang, der willkommen hieß und Freude ausstrahlte.

Von Anfang an fühlte ich mich bei meinem ersten Redaktionstreffen durch seine offene, freundliche Art direkt aufgenommen. Hendra hatte stets ein offenes Ohr für jede Frage, eine klare Haltung in Diskussionen und gleichzeitig die Fähigkeit, mit seiner Entschlossenheit und einem ermutigenden „Wir schaffen das“ auch in angespannten Momenten die Gruppe zusammenzuhalten und zu motivieren.

Er war nicht nur fachlich eine große Bereicherung – auch abseits der gemeinsamen Arbeit hinterlässt er eine spürbare Lücke. Ich werde seine positive, offene Art ebenso vermissen wie unsere Gespräche über indonesische Lieblingsgerichte und die besten Gewürze, die man unbedingt nach Deutschland mitbringen sollte.

Ich bin dankbar für die wertvollen Begegnungen, die angeregten Diskussionen, die gemeinsamen Lacher und werde sie in herzlicher Erinnerung bewahren.

Eileen Kristiansen, Redaktionsmitglied der südostasien

Selamat jalan, Pak Hendra

I met Pak Hendra (as I prefer to call him) only once, but some people leave a lasting mark, even in a short time (like he did). He had such a vibrant energy that we connected from the very first moment we spoke.

In that brief time, we shared so much. I had been looking forward to meeting again and continuing those conversations when the news of his passing struck me deeply. At first, I couldn’t believe it; he was so full of life that it felt impossible to associate him with such a sudden goodbye.

May you rest in peace.
Selamat jalan, Pak Hendra.

Mustafa Kurşun, seit Mai 2025 Redaktionsmitglied der südostasien

„Großartiger Kollege – freigeistig und großzügig“

Ich bin erschüttert und schockiert über diese Nachricht… Es ist natürlich ein enormer Verlust für die südostasien, und er wird uns sehr fehlen… Ich erinnere mich an Hendra als einen großartigen Kollegen – freigeistig und großzügig. Wer mit ihm in der Redaktion zusammenarbeitete, spürte seine journalistische Leidenschaft, sich mit den wichtigen Themen Südostasiens auseinanderzusetzen. Seine aufschlussreichen Beiträge für die südostasien und das Asienhaus im Allgemeinen werden zweifellos einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Mein aufrichtiges Beileid… ich denke an Euch in dieser schweren Zeit sowie an Hendras Familie und Angehörigen.

Joshua Makalintal, Redaktionsmitglied der südostasien

„Hendra war ein engagierter Brückenbauer“

Unvorstellbar! Hendra ist tot!

Seit Jahrzehnten sind wir in engem Kontakt gewesen, haben die Beziehungen zwischen Indonesien und Deutschland zu durchleuchten und zu beschreiben versucht, wollten das Trennende überwinden und das Gemeinsame stärken. Der Weggefährte hat sich als engagierter Journalist und Kommunikator behauptet. Hendra war ein engagierter Brückenbauer. Eine Zeitlang war er in der Deutsch-Indonesischen Gesellschaft – auch als Vorstandsmitglied – aktiv. Kenntnisreich, sorgfältig, umsichtig und stets deutlich hat er „seinen Job gemacht“. Zuletzt saßen wir an Überlegungen zu einer Gesprächsreihe, für die er maßgebliche Anregungen beisteuerte. Ihn nun nicht mehr dabei zu haben, ihn nicht mehr ansprechen zu können reißt eine Lücke auf.

Wir werden Hendra vermissen, ihn aber nicht vergessen.

Karl Mertes, ehemaliger Präsident der Deutsch-Indonesischen Gesellschaft

Freundschaft und gemeinsame Menschenrechtsarbeit

Ich habe Hendra 1991 kennengelernt, als ich ein Auslandssemester an der UGM gemacht habe. Gemeinsam mit anderen Deutschen haben wir uns regelmäßig am Wochenende zum „deutschen“ Frühstück getroffen und mit Hendra und seiner damaligen Freundin gemeinsam Brot und Brötchen gebacken, um uns an Deutschland zu erinnern. Daraus ist eine lange Freundschaft entstanden, wir haben gemeinsam Menschenrechtsarbeit gemacht und demonstriert. Wir hatten in den letzten Jahren nicht mehr viel Kontakt, aber ich werde ihn unendlich vermissen.

Michaela Wiese, ehemaliges Redaktionsmitglied der südostasien

Große Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit

Hendra hat mich sehr beeindruckt mit seiner unaufdringlichen journalistischen Professionalität, die uns immer sehr geholfen hat. Seine große Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit werde ich nicht vergessen.

Jörg Schwieger, Redaktionsmitglied der südostasien

„Die südostasien war ihm eine Herzensangelegenheit“

Die Nachricht von Hendras plötzlichem Tod hat mich sehr erschüttert. Hendra ist für mich eines der Gesichter des Onlinemagazins südostasien.

Seit 2018 gestalte ich die südostasien aktiv mit, ob als Redaktionsmitglied oder in meiner Rolle als Mitherausgeberin des Onlinemagazins. Für Hendra war die südostasien eine Herzensangelegenheit, die er mit Elan, viel Freude und großen Visionen mitgestaltete. Er war immer präsent in Redaktionssitzungen oder bei AGs, wo wir gemeinsam die südostasien organisierten. Hendra gestaltete die südostasien in Kernredaktionen einzelner Ausgaben und als Redakteur von Artikeln aktiv und inhaltlich mit. Besonders gern schrieb er zur politischen Situation Indonesiens und Südostasiens. Zuletzt arbeiteten wir zusammen in der Planung und Durchführung des 40. Jubiläum der Zeitschrift am 5. Juli 2025 und in der Ausgabe 2025/1 – Wir bleiben in Bewegung – 40 Jahre südostasien.

Mit Hendra verliert die südostasien einen engagierten Journalisten, Mitdenker, Gestalter, einen Menschen, der die südostasien mit Herz und Verstand über viele Jahrzehnte begleitet hat.

Vielen Dank lieber Hendra!

Mirjam Overhoff, Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. und Co-Herausgeberin der südostasien

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1 | 2025, Deutschland, Interviews, Malaysia,
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„Kassel ist mein Zuhause“

Indonesien/weltweit: Die Konferenz von Bandung markierte vor 70 Jahren den Beginn einer neuen Etappe der antikolonialen und Süd-Süd Solidarität. TEIL I

Die Konferenz von Bandung im Jahr 1955 erreichte den Stellenwert eines mythischen Moments in der Geschichte des Globalen Südens. Zahlreiche Berichte haben auf die Schattenseiten hingewiesen: die Unterrepräsentation von Führungspersönlichkeiten aus dem subsaharischen Afrika, das völlige Fehlen von Teilnehmern aus Lateinamerika sowie das Eindringen geopolitischer Rivalitäten des Kalten Krieges in das Treffen. Weiterhin kritisiert wurden die Legitimierung des Nationalstaats als zentrale Einheit der Interaktion in der postkolonialen Welt, die ‚Rivalität‘ zwischen dem indischen Premierminister Jawaharlal Nehru und dem chinesischen Premier- und Außenminister Zhou Enlai sowie das ernüchternde Nachspiel, das sich im Grenzkrieg zwischen Indien und China im Himalaya im Jahr 1962 manifestierte.

Trotz dieser – durchaus diskutablen – Unzulänglichkeiten hat der „Bandung-Moment“ seither einen mythischen Status erlangt. Sein Ausdruck in den Konferenzberichten mag nicht perfekt sein, doch der Geist postkolonialer Einheit unter den aufstrebenden Völkern des Globalen Südens erfüllte die Konferenz. Für die politischen Akteure war der „Geist von Bandung“ ein Anreiz, ihn in idealisierter Form zu reproduzieren, was wiederum zu Spannungen in darauffolgenden Manifestationen von Dritter-Welt-Solidarität führte.

Weibliche Delegierte bildeten die Mehrheit

Vor Bandung fanden drei große Konferenzen zur Feier der asiatischen Einheit statt, die das Gefühl der regionalen Solidarität schufen, das auf der Konferenz seinen Höhepunkt finden sollte. Die erste war die von Jawaharlal Nehru im März 1947 veranstaltete Konferenz über asiatische Beziehungen.

An der Asiatisch-Pazifischen Friedenskonferenz, die vom 2. bis 10. Oktober 1952 in Peking stattfand, nahmen fast 470 Delegierte teil – viele Diplomat:innen und Politiker:innen kamen aus Südostasien und Frauen waren in der Überzahl. Schließlich gab es noch die Erste Asiatische Sozialistische Konferenz, die vom 6. bis 15. Januar in Rangun stattfand.

Asiatische Einheit und Solidarität waren ein Konzept und ein ansteckendes Gefühl. Sie vermochten die im Entstehen begriffenen postkolonialen Staatsgrenzen ebenso zu überwinden wie den Kalten Krieg, den die USA in Asien, insbesondere in Korea und Indochina, durchzusetzen versuchten. Die Bandung-Konferenz war nicht der Anfang, sondern der Höhepunkt eines Prozesses, der bereits Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hatte und der weitergehen sollte.

Der Aufstieg der asiatischen Solidarität

Selbstverständlich betrachten viele Berichte die Konferenz von Bandung im Lichte der Dekolonisierung, die zu dieser Zeit stattfand. Es ist auch wichtig, das Gefühl der regionalen Solidarität zu berücksichtigen, das die nationalistischen, antikolonialen Bewegungen begleitete, die im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind. Wie der indische Wissenschaftler Sugata Bose aufzeigt, erhob der Märtyrertod von Jose Rizal, den die Spanier im Dezember 1896 hinrichteten, „ihn posthum zu einer Vorreiterfigur des asiatischen Widerstands“ (Sugata Bose, Asia after Europe, Cambridge, MA; Belknap Press, 2024, S. 34).

Im frühen 20. Jahrhundert erstarkten die nationalen und revolutionären Bewegungen in Asien. Eine wichtige Inspiration für die Region war der Sturz der Manchu-Dynastie und die Gründung der Republik China durch Sun Yat-sen. Ein kosmopolitisches Netzwerk asiatischer Revolutionäre wurde in den Küstenstädten von Tokio bis Shanghai, bis Kanton, Manila und Kalkutta geknüpft. Mit der bolschewistischen Revolution im Jahr 1917 und der Gründung der Kommunistischen Internationale im Jahr 1919 stellte diese Küstenverbindung im maritimen Asien die Mittel bereit, die kommunistische Revolutionäre wie Ho Chi Minh und Tan Malaka nutzten, um Revolutionen voranzutreiben, die koloniale Grenzen überschreiten sollten.

Die Konferenz wurde zu einem außergewöhnlichen Treffen. Mit der Rede von Präsident Sukarno, einem charismatischen Redner, wurde bereits zu Beginn einer der Höhepunkte erreicht: „Es ist ein Neubeginn in der Weltgeschichte, dass Führer asiatischer und afrikanischer Völker sich in ihren eigenen Ländern versammeln können, um Themen von gemeinsamem Interesse zu diskutieren und zu beraten. Noch wenige Jahrzehnte zuvor war es oft nötig, in andere Länder und sogar auf andere Kontinente zu reisen, damit die Vertreter unserer Völker konferieren konnten.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Konferenz der Liga gegen Imperialismus und Kolonialismus, die vor fast 30 Jahren in Brüssel stattfand. Auf dieser Konferenz trafen sich viele prominente Delegierte und fanden dort neue Kraft in ihrem Kampf für Unabhängigkeit. Dennoch war es ein tausende Kilometer entfernter Tagungsort, unter Fremden, in der Fremde. Nicht durch freie Wahl, sondern notgedrungen war man dort zusammengekommen.

Im Vergleich dazu stellt sich die Situation heute völlig anders dar. Unsere Nationen und Länder sind keine Kolonien mehr. Wir sind jetzt frei, souverän und unabhängig. Wir sind wieder Herr im eigenen Haus …“

Kalter Krieg prägt Reden und Handeln

Viele Historiker kommentieren auch einen anderen Teil der Rede von Sukarno, in dem er die Konferenz als direkten Nachfahren der amerikanischen Revolution positionierte. Er wies darauf hin, dass sie am 180. Jahrestag des Rittes von Paul Revere durch Boston stattfand – zur Warnung vor den anrückenden britischen Truppen, die einen vergeblichen Versuch unternahmen, das zu vernichten, was der indonesische Präsident als „den ersten antikolonialistischen Krieg der Weltgeschichte“ bezeichnete.

Es war ein kluger Versuch, den Vereinigten Staaten zu versichern, dass sie das Treffen nicht als Bedrohung ihrer Interessen sehen sollten. Als die Konferenz stattfand, war der Kalte Krieg in vollem Gange, und Sukarno sagte den USA im Wesentlichen, dass die Anwesenheit des chinesischen Premierministers Zhou En Lai bei dem Treffen sie nicht beunruhigen sollte. So wie Nehru die Blockade gegen Indonesien im Jahr 1949 beendet hatte, vermittelte Sukarno den Amerikanern und der ganzen Welt, dass Bandung auch das Ende der Blockade gegen China bedeutete. Denn China nahm nicht als ein ’sowjetischer Handlanger‘ teil, sondern als Teil seines eigenen antikolonialen Kampfes, der bereits 1775 begann.

Zehn Punkte der Abschlusserklärung

Die Konferenz schloss mit einer Abschlusserklärung, die als Vorlage für Neutralismus oder Blockfreiheit diente:

  1.  Die Achtung der grundlegenden Menschenrechte sowie der Ziele und Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen.
  2. Die Achtung der Souveränität und territorialen Integrität aller Nationen.
  3. Anerkennung der Gleichheit aller Ethnien und der Gleichheit aller großen und kleinen Nationen.
  4. Verzicht auf Intervention oder Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes.
  5. Achtung des Rechts jeder Nation, sich einzeln oder gemeinsam zu verteidigen, in Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen.
  6. Verzicht auf die Anwendung von Vereinbarungen zur kollektiven Verteidigung, die den besonderen Interessen einer der Großmächte dienen. Verzicht eines jeden Landes auf die Ausübung von Druck auf andere Länder.
  7. Verzicht auf Angriffshandlungen oder -drohungen oder die Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit oder politische Unabhängigkeit eines Landes.
  8. Beilegung aller internationalen Streitigkeiten durch friedliche Mittel wie Verhandlungen, Schlichtung, Schiedsverfahren oder gerichtliche Beilegung sowie andere friedliche Mittel nach Wahl der Parteien in Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen.
  9. Förderung der gemeinsamen Interessen und der Zusammenarbeit.
  10. Achtung des Rechts und internationaler Verpflichtungen.

Konkrete Forderungen zur Dekolonisierung

Hinsichtlich der Tatsache, dass es noch immer Territorien gab, die unter kolonialer Kontrolle verblieben waren, erklärt das Kommuniqué der Konferenz, dass „Kolonialismus in allen seinen Manifestationen ein Übel ist, das so schnell wie möglich beseitigt werden muss“, und fordert die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit Algeriens, Marokkos und Tunesiens von der französischen Herrschaft. Es war auch eine Erklärung uneingeschränkter Unterstützung für Palästina, was im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse ebenfalls eine bedeutende Angelegenheit darstellt: „Angesichts der bestehenden Spannungen im Nahen Osten, verursacht durch die Situation in Palästina, und der daraus resultierenden Gefahr für den Weltfrieden erklärt die Asiatisch-Afrikanische Konferenz ihre Unterstützung für die Rechte des arabischen Volkes in Palästina und ruft zur Umsetzung der Resolutionen der Vereinten Nationen (UN) in Bezug auf Palästina sowie zur Erreichung einer friedlichen Lösung der Palästina-Frage auf.“

Die sich abzeichnende Spaltung durch den Kalten Krieg, von der die Organisatoren befürchteten, dass sie die Konferenz gefährden würde, wurde vereitelt. Am Ende herrschte Kompromissbereitschaft, und der pro-westliche Block verzichtete darauf, die antikommunistische Agenda in der Abschlusserklärung aggressiv durchzusetzen.

Die ideologische Kluft war jedoch nicht verschwunden, sie wurde lediglich für den Moment eingedämmt.

Dies ist eine stark gekürzte Fassung des Artikels „The Long March from Bandung to the BRICS“, erschienen bei Focus on the Global South am 13. März 2025. Der Originalbeitrag entstand unter Mitarbeit von Shalimali Guttal.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Mustafa Kurşun und Jörg Schwieger

Dies ist Teil I des Artikels. Teil II ist hier zu finden.

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1 | 2025, Deutschland, Interviews, Malaysia,
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„Kassel ist mein Zuhause“

Vietnam/USA: Vor 50 Jahren endete der Vietnamkrieg mit dem in Washington lange für unmöglich gehaltenen Sieg des Vietcong. Ein Interview zu Fehlern und Lehren.

südostasien: Der Vietnamkrieg endete am 30. April 1975. Warum ist er so stark im Gedächtnis geblieben?

Bernd Greiner: Er war der längste heiße Krieg im Kalten Krieg; der mit den meisten Opfern, auf vietnamesischer Seite etwa drei Millionen, von denen mehr als die Hälfte Zivilisten waren. Prozentual war ihr Anteil an den Kriegstoten höher als im Zweiten Weltkrieg. Es war ein klassisch asymmetrischer Krieg, in dem materielle Überlegenheit nicht zählt und der vermeintlich Stärkere verliert.

Das waren die USA. Wie kam es dazu?

In asymmetrischen Kriegen ist die Zeit der stärkste Verbündete des vermeintlich Schwachen, also des Vietcong und der Armee Nordvietnams. Solange der Schwache nicht verliert, hat er gewonnen, er muss „nur“ durchhalten. Die Zeit arbeitet gegen den Starken. Die USA kamen immer stärker unter Druck der Öffentlichkeit und des Parlaments, insbesondere wegen der hohen Ausgaben für einen Krieg, der erkennbar nicht für die nationale Sicherheit geführt wurde. Später haben es die Taliban in Afghanistan so ausgedrückt: Ihr habt Uhren, aber wir haben Zeit. Die knappe Ressource Zeit führt beim Starken dazu, dass er immer weiter eskaliert, weil er sich davon ein vorzeitiges Ende verspricht. Das konnten die USA in Vietnam nicht erreichen. Ihre vermeintlich überlegene Streitmacht war auf die Bedingungen dort nicht vorbereitet.

Wie hielt der Vietcong so lange durch?

Der Vietcong wurde massiv von der gut ausgebildeten und ausgerüsteten Armee Nordvietnams unterstützt. Hinzu kam der psychologische Faktor, dass eine ausländische Macht in Vietnams innenpolitischen Konflikten intervenierte, was einen nachhaltigen Nationalismus auslöste. Die USA hatten keine Vorstellung davon, welche Kraft verletzter Stolz und Nationalismus entfesseln können. Zwar zögerte der Vietcong nicht, diejenigen massiv unter Druck zu setzen, die seinen Kampf nicht unterstützen wollten. Dies schloss auch politische Morde ein. Aber Repression allein, ohne den Nationalismus samt antikolonialer Grundhaltung und der Unterstützung aus dem Norden, hätte nicht den Ausschlag gegeben.

Welche Fehler machten die USA?

Sie hatten von Land und Leuten keine Ahnung und bemühten sich auch nicht darum. Man war geblendet von der eigenen Hybris und Übermacht sowie der Vorstellung, es hier mit einer viertklassigen Macht zu tun zu haben, die auf Dauer kein ernst zu nehmender Widersacher sein würde. Man war geblendet von den eigenen Ressourcen und der Vorstellung, man müsse nur genug davon einsetzen, um zu siegen. Dabei war man militärisch chancenlos, weil die eigene Armee nicht für einen Guerillakrieg vorbereitet war. Sie stand noch in der Tradition des Zweiten Weltkriegs und einer Zeit, in der es um große Feldschlachten und den Gewinn von Terrain ging, aber nicht um das Gewinnen der Sympathie und Unterstützung der Bevölkerung. Der übermäßige Einsatz von Gewalt samt der Taktik der verbrannten Erde in den Dörfern mit vermeintlichen Stellungen des Vietcong entfremdete die Bevölkerung, die man eigentlich gewinnen wollte.

Konnten sich sozialistische Länder wie die UdSSR, China oder die DDR durch den Krieg in Vietnam bestätigt fühlen?

Es war ein riesiger Propagandaerfolg für die sozialistischen Länder, eine Bestätigung ihrer Weltsicht und ihres antikolonialen Begehrens. Das half zu vertuschen, dass ihre Solidarität mit der Dritten Welt keineswegs immer selbstlos war.

Warum löste der Krieg in den USA und westlichen Ländern breite Proteste aus?

Das sorgsam gepflegte Selbstbild der USA nach dem Sieg über Nazideutschland wurde massiv beschädigt, also das Bild des moralisch Guten, der im Kampf gegen den Totalitarismus stets lautere Mittel anwendet und sich nicht die Exzesse zuschulden kommen lässt, die man von anderen Krieg führenden imperialistischen Nationen kannte. In großen Teilen der westlichen Welt bis nach Japan konnte man in der jungen Generation zu der Zeit auch eine Grundsympathie für antikoloniale Bewegungen beobachten.

Welche Rolle spielten die Medien?

Die amerikanischen Medien behaupten gern, sie hätten entscheidend zum Ende des Kriegs beigetragen – eine maßlose Selbstüberschätzung. Der Krieg wurde auf dem Schlachtfeld verloren, nicht in Schreibstuben. Die kritische Berichterstattung setzte sehr spät ein und war nur von kurzer Dauer.

Laut dem damaligen US-Oberbefehlshaber Westmoreland wurde der Krieg nicht militärisch in Vietnam verloren, sondern politisch an der Heimatfront.

Das ist eine klassische Dolchstoßlegende und Ablenkung von eigener Unfähigkeit. US-Truppen haben die eine oder andere Schlacht gewonnen, aber den Krieg verloren.

Welche Lehren zogen die USA aus ihrer Niederlage?

Die Selbstreflexion war von sehr kurzer Dauer, etwa von 1973 bis 1976. Doch das kam unter die Räder des rechten Flügels der Republikaner und der Neokonservativen. Ihnen war daran gelegen, Vietnam als einen nicht im Grundsatz verfehlten Krieg zu bezeichnen, sondern als richtigen Krieg, der mit falschen Mitteln geführt wurde. Die USA sollten als weltpolitischer Hegemon weiterhin bereit sein, ihre Interessen auch militärisch durchzusetzen.

Man sprach vom „Vietnamtrauma“.

Die politische Rechte führte eine Kampagne gegen das sogenannte Vietnamtrauma. Darunter verstand sie einen freiwilligen Rückzug aus weltpolitischen Konfliktherden und den Verzicht auf militärische Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen. Ronald Reagan hat dieses sogenannte Trauma zu „überwinden“ versucht mit einer starken Aufrüstung und Interventionen in den 1980er Jahren in Mittelamerika, zwar nicht mit eigenen Truppen, aber mit Stellvertretern. Real traumatisiert waren hingegen viele aus Vietnam zurückgekehrte GIs, etwa 25.000 begingen in den ersten 15 Jahren nach dem Krieg Suizid. Andere Veteranen schlossen sich aus Frust über die eigene Regierung und die vermeintlich lasche Unterstützung der Bevölkerung zu Milizen zusammen, die wir jetzt quasi als Prätorianergarde von Donald Trump kennen. Sie haben ihre Wurzeln im Vietnamkrieg.

1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein und China griff Vietnam an. Zogen Moskau und Peking keine Lehren aus der Niederlage der USA?

Der sowjetische Krieg in Afghanistan verlief nach dem gleichen Schema wie der amerikanische in Vietnam. Man ist in die gleichen selbst gestellten Fallen gestolpert, eine Guerilla mit einer Armee bekämpfen zu wollen, die dafür nicht motiviert und ausgerüstet war, und hat einen ähnlichen Preis gezahlt. Auch Chinas Grenzkrieg gegen Vietnam folgte einer imperialen Logik, die gewisse Ähnlichkeiten mit den in Washington gepflegten Ideen hatte. Peking hat sich aber nicht auf einen jahrelangen Krieg eingelassen.

Zum Vietnamkrieg gehören auf beiden Seiten Opfer des dioxinhaltigen Agent Orange. Amerikanische wurden entschädigt, vietnamesische gingen vor US-Gerichten leer aus.

In den Verfahren um Entschädigung spiegelt sich die Selbstbezogenheit der USA und ihr maßloser Egoismus samt Blindheit für das Schicksal und die Opfer der anderen. Schon während des Kriegs haben die Proteste dagegen erst sehr spät eingesetzt und gingen von den eigenen Opfern aus und nicht vom Leid der anderen.

Mehr als 1,6 Millionen Vietnamesen versuchten nach Kriegsende, per Boot ins Ausland zu fliehen. Warum?

Die ersten Jahre waren noch von Vietnams Bürgerkrieg geprägt, der seit den 1950er Jahren herrschte. Die Kommunisten wollten den Militär- und Polizeiapparat des korrupten Systems im Süden ausschalten, das Personal, wie es damals hieß, „umerziehen“. Das wurde mit Angst als Mittel der Macht und Terror als Mittel der Politik gemacht.

Trug Vietnams Einmarsch in Kambodscha 1979 zur desolaten Lage bei?

Kambodschas Rote Khmer spielten die aus amerikanischer Perspektive willkommene Rolle eines ständigen Unruheherds, der Vietnams innenpolitische Stabilisierung verhindern sollte. Deshalb hatten die USA kein Problem, mit einem Massenmörder wie Pol Pot punktuell zu kooperieren.

Die USA begründeten den Vietnamkrieg mit der Dominotheorie: Nach einem Sieg der Kommunisten würden auch andere Staaten zwangsläufig kommunistisch. Sehen Sie Parallelen zum heutigen Krieg in der Ukraine, bei dem europäische Politiker argumentieren, nach Russlands Sieg würden bald Angriffe auf die baltischen Staaten und Polen folgen?

Von der semantischen Adelung einer Theorie zu reden, verbietet sich. Wir haben es hier mit einem Bankrott politischen Denkens zu tun, mit dem Ersatz politischen Denkens durch Mechanik. Historische Prozesse verlaufen nicht mechanisch, folgen keinem Masterplan, es gibt immer Zufälle und Unvorhersehbares wie auch Korrekturmöglichkeiten. All das wird von der Dominotheorie für irrelevant erklärt. Man kann aber herbeireden, was man befürchtet.

Was lehrt uns der Vietnamkrieg?

Er ragt in unsere Gegenwart hinein. Die USA haben in Afghanistan, teilweise auch im Irak die gleichen Fehler gemacht. Wieder ist man in selbst gestellte Fallen gerannt und hat die durchaus präsenten Erkenntnisse, dass man diesen Krieg nicht gewinnen kann, in den Wind geschlagen. Ein vorzeitiger Rückzug würde Glaubwürdigkeit und Prestige der Weltmacht beschädigen, hieß es. Das könne man nicht riskieren, wohl aber, dass aufseiten des Gegners Hunderttausende getötet werden und tausende eigene Soldaten. Das mit Vietnam verwandte Debakel in Afghanistan hat nicht zum substanziellen Umdenken geführt, im Gegenteil. Jetzt, da die Rivalität zwischen konkurrierenden Weltmächten wieder die Oberhand gewinnt, also insbesondere diejenige zwischen China und den USA, scheint das Beharren auf Prestige, Glaubwürdigkeit und Renommee stark ausgeprägt.

Der Beitrag erschien zuerst am 30.04.2025 in der Tageszeitung taz. Wir bedanken uns für die Genehmigung zur Wiederveröffentlichung.

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1 | 2025, Deutschland, Interviews, Malaysia,
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„Kassel ist mein Zuhause“

Weltweit: Das Erbe der Konferenz von Bandung in Indonesien im Jahr 1955 setzt sich im aktuellen globalen Kampf um Gerechtigkeit und Selbstbestimmung fort. TEIL II

Der Name BRICS wurde bekanntlich von dem Goldman-Sachs-Analysten Jim O’Neill geprägt, um für das Finanzkapital vielversprechende Schwellenländer zu bezeichnen, die den Boom der Weltwirtschaft im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts verlängern würden. Aber auch wenn O’Neill den Namen nicht erfunden hätte, wären die BRICS – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – höchstwahrscheinlich als bewusste Formation großer, sich rasch entwickelnder Länder mit einem ambivalenten Verhältnis zu den traditionellen Wirtschaftszentren in Europa und den Vereinigten Staaten entstanden.

BRICS als neuer internationaler Akteur: Gemeinsame Anliegen und Widersprüche

Bei den BRICS Staaten handelt es sich um kapitalistische Regime. Die Rolle des Staates in der Wirtschaft ist in einigen Ländern ausgeprägter und erfolgreicher als in anderen. Eines der Hauptmerkmale, die sie gemeinsam hatten, war ihre ‚dialektische‘ Beziehung zu den Volkswirtschaften des ‚Zentrums‘. Einerseits profitierten sie von der Globalisierung und von ausländischen Investitionen. Andererseits haben alle Länder ausländisches Kapital genutzt, um sich technologisches und Management-Know-how anzueignen und so ihre Abhängigkeit von letzterem zu verringern. Während sie sich zu dynamischen Zentren der Kapitalakkumulation entwickelt haben, die den globalen Kapitalismus als Ganzes belebten oder wiederbelebten, verfolgten sie das Ziel, ihre geopolitische und geoökonomische Macht gegenüber den traditionellen Zentren der globalen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Macht zu stärken.

Die Bevölkerung der heute aus zehn Ländern bestehenden BRICS-Staaten macht über 48 Prozent der Weltbevölkerung aus. Sie tragen 39 Prozent zur Weltwirtschaftsleistung bei. Die Tatsache, dass so viele Länder, darunter Thailand und Malaysia, Schlange stehen, um beizutreten, zeigt, dass der globale Süden erkannt hat, dass sich die Waage immer mehr wider den Westen neigt, der zunehmend defensiv, mürrisch und unsicher geworden ist.

Da das von den USA dominierte globale multilaterale System unter Präsident Donald Trump mit Unsicherheiten konfrontiert ist, ist BRICS für den Globalen Süden sowohl als Quelle von Entwicklungsgeldern als auch als politisches Bündnis zunehmend attraktiv geworden. Dahinter steht etwas, was der UN-Generalversammlung trotz all ihrer Vorzüge als Ort der Bündnisbildung für die Entwicklungsländer fehlt: wirtschaftliche Schlagkraft.

Trump und der Globale Süden

Die aktuelle Situation ist für den Globalen Süden von großer Unsicherheit geprägt. Es gibt widersprüchliche Trends. In den USA, während Trumps zweiter Präsidentschaft, ist es sicher, dass die folgenden vier Jahre für das Klima, Frauen, Migranten und Minderheiten Verschlechterungen bringen werden. Wir haben einen Aufstieg faschistischer Bewegungen in den USA, in Europa, in Israel sowie in mehreren Ländern des Globalen Südens, darunter Indien und Brasilien, beobachtet. Einige dieser Bewegungen haben bereits die Macht übernommen.

Gleichzeitig gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass Trump die Paradigmen des liberalen Internationalismus und expansionistischen Imperialismus aufgibt, wonach die US-Eliten verpflichtet sind, an allen Fronten der Welt zu kämpfen, wenn sie die imperialen Interessen der USA bedroht sehen. Trump scheint sich auf den amerikanischen Kontinent zurückzuziehen und sich darauf zu konzentrieren, das ‚imperiale Kernland‘, Nordamerika, wieder zu stärken und gleichzeitig den Griff der USA auf Lateinamerika durch eine aggressive Wiederholung der Monroe-Doktrin zu verstärken.

Es entsteht ein defensiver Imperialismus, dessen Prioritäten darin bestehen, Zollmauern gegen ausländische Importe aufzubauen, harte Maßnahmen zu ergreifen, um die Einwanderung nicht-weißer Migranten zu verhindern und Arbeiter ohne Papiere auszuweisen. Des Weiteren geht es darum, die globalen Lieferketten, die von transnationalen Unternehmen der USA aufgebaut wurden, zu zerstören und ihre Produktionsstätten in die USA zurück zu verlagern.

Ära geoökonomischer Konkurrenz

Es ist wahrscheinlich, dass wir in eine Ära geoökonomischer Konkurrenz eintreten, in der der Freihandel und die freie Bewegung von Kapital durch eine enge Zusammenarbeit zwischen dem nationalen Kapital und dem Staat ersetzt werden, um das Eindringen ausländischer Akteure in den Binnenmarkt zu begrenzen und die Übernahme fortschrittlicher Technologien, insbesondere Künstlicher Intelligenz (KI), durch konkurrierende Akteure unternehmerisch-staatlicher Art zu verhindern. Einseitige wirtschaftspolitische Maßnahmen statt multilateraler Initiativen durch die Institutionen von Bretton Woods und einseitige militärische Einsätze statt gemeinsamer Angriffe unter der NATO scheinen der bevorzugte Ansatz der USA unter der Regierung von Trump zu sein.

Trotz der Komplexität des gegenwärtigen Moments kann man vielleicht vorsichtig die Behauptung aufstellen, dass die Bilanz der Fortschritte und Rückschläge im Kampf des Globalen Südens mit dem Globalen Norden in den siebzig Jahren seit Bandung zugunsten des Ersteren ausfällt. Es ist tatsächlich schwierig, der jüngsten Einschätzung des renommierten Wirtschaftshistorikers Adam Tooze zu widersprechen: …Wir befinden uns in einer multipolaren Welt…

Meiner Meinung nach ist es anachronistisch, sich an eine andere Perspektive zu klammern. Ich denke, dass wir die unipolare Phase in den 2010er Jahren bereits hinter uns gelassen haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine riesigen Bereiche der US-Macht und sogar eine Vormachtstellung der USA mehr gibt. Die drei offensichtlichsten Bereiche sind die militärische Macht, der globale Finanzmarkt und bestimmte Bereiche der Hochtechnologie.

Neue polyzentrische Ordnung

In einem allgemeineren Sinne können wir dennoch eine Fragmentierung der US-Macht beobachten. Ihre Legitimierung, die ‚Soft Power‘ der US-Hegemonie, hat einen erheblichen Substanzverlust erlitten. Die Fähigkeit der US-Eliten, die verschiedenen Dimensionen ihrer Macht klar zu formulieren, ist bereits fadenscheinig geworden.

Das schließt zwar populistische Versuche, die Vorherrschaft der USA wiederherzustellen, nicht aus. Noch verhindert es die nostalgischere Variante der Atlantiker, wie sie sich bei Joseph Biden zeigte. Doch stemmen sich solche Bemühungen gegen den Strom eines dramatischen Trends. Analytisch gesehen denke ich nicht monokausal, aber, wenn man einen Hauptfaktor benennen möchte, dann ist es das Ausmaß der globalen wirtschaftlichen Entwicklung, das zahlreiche wachsende Zentren für Kompetenz und Macht hervorgebracht hat. Das bedeutet, dass zahlreiche Akteure nun verschiedene Formen der Machtpolitik betreiben können, die ihnen zuvor nicht möglich waren. Der dramatischste Fall ist China, doch auch Indonesien, die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Brasilien überschreiten bestimmte Schwellenwerte und bilden eine neue polyzentrische Ordnung.

Der italienische Marxist Antonio Gramsci prägte den denkwürdigen Satz: „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue kämpft um ihre Geburt. Es ist die Zeit der Monster.“ Er versuchte zu erklären, dass man ohne Krise keine Gelegenheit haben kann.

Die Krise des globalen Kapitals und der Hegemonie der USA bedeutet sowohl große Risiken als auch große Chancen. Der geopolitische Konflikt zwischen den USA und China, der sich als zentrales Merkmal der kommenden Zeit herauskristallisiert, birgt die Gefahr eines Krieges. Er könnte jedoch auch den Weg zu einer Welt eröffnen, in der Macht dezentraler verteilt wird. In dieser Welt könnten kleine, traditionell benachteiligte Akteure aus dem Globalen Süden größere politische und wirtschaftliche Handlungsspielräume erhalten, indem sie die Supermächte gegeneinander ausspielen. Dadurch könnte durch Zusammenarbeit eine wirklich multilaterale Ordnung in einer multipolaren Welt entstehen, anstatt dass sie einseitig oder durch liberale Hegemonie aufgezwungen wird.

Wer in Bandung ungehört blieb…

Der Vorstoß des Globalen Südens zur Parität mit dem Globalen Norden seit Bandung hat Fortschritte und Rückschritte, offensive und defensive Phasen erlebt. Bandung entstand in einem Moment des antikolonialen Bewusstseins. Heute ist zwar der größte Teil der Welt von direkter kolonialen Kontrolle befreit, aber das Erbe des Siedlerkolonialismus behindert nach wie vor die Wirtschaft Südafrikas, Simbabwes und einiger anderer Länder in Afrika südlich der Sahara. Das ungeheuerlichste Beispiel für das Fortbestehen des Kolonialismus ist jedoch Israel, das nach wie vor mit massiver Gewalt die Rechte des palästinensischen Volkes verletzt, in Gaza einen Völkermord begeht und als äußerst destabilisierende Kraft im Nahen Osten wirkt. Israel wird von den Vereinigten Staaten, den ehemaligen Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien sowie von Deutschland massiv unterstützt – wie hervorgehoben werden muss.

Die antikoloniale Mission von Bandung bleibt unvollendet. Jedoch hat der Globale Süden das Gleichgewicht zu seinen Gunsten verschoben. Das bedeutet nicht, dass das Nord-Süd-Gefälle keine Rolle mehr spielt. Aber es bedeutet, dass es durchlässiger geworden ist und wahrscheinlich zunehmend von anderen Beziehungen in einer definitiv multipolaren Welt aufgewogen oder überschattet wird, da sich die USA und Europa zunehmend voneinander entfernen und die USA unter Trump ihre Energien wieder auf ihre Rolle als Regionalmacht konzentrieren.

Der beste Weg, den Geist von Bandung voranzubringen, besteht darin, über seine politischen, ideologischen und organisatorischen Grenzen hinauszugehen. Die meisten Regierungen des Globalen Südens sind zwar nicht mehr den Kolonialmächten verpflichtet, aber viele werden von politischen und wirtschaftlichen Eliten beherrscht, die den Großteil der Bevölkerung im Griff haben. Den Geist von Bandung aufrechtzuerhalten bedeutet, sich nicht nur zu verpflichten, das Land von Kolonialismus und Neokolonialismus zu befreien, sondern auch dafür zu sorgen, dass die Stimmen, die in Bandung unbeachtet blieben – die Stimmen der Frauen, der Bauern, der indigenen Gruppen, des Planeten – gehört werden und ihre Interessen an die erste Stelle der Agenda für den Wandel gestellt werden.

Dies ist eine stark gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung des Artikels „The Long March from Bandung to the BRICS„, erschienen bei Focus on the Global South am13. März 2025. Der Originalbeitrag entstand unter Mitarbeit von Shalimali Guttal.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Mustafa Kurşun und Jörg Schwieger

Dies ist Teil II des Artikels. Teil I ist hier zu finden.

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„Kassel ist mein Zuhause“

Asien/Weltweit: Das Südchinesische Meer ist ein Zentrum der geopolitischen Auseinandersetzung zwischen den USA und der Volksrepublik China im Bestreben nach Hegemonie. Peter Franke skizziert die aktuelle Situation.

Vor gut 40 Jahren erschien in den Südostasien Informationen 4/85 mein Artikel zu regionalen Konflikten in Südostasien mit einem Unterabschnitt Der Streit ums Meer. Wie stellt sich die Situation heute dar?

Es kann hier nicht im Einzelnen der Weg all der Veränderungen nachgezeichnet werden. Zwar ist das heute im Unterschied zu 1985 mit den Recherchemöglichkeiten und Forschungsergebnissen dazu im Internet sehr viel einfacher möglich, würde aber wohl den Umfang eines Buches und die entsprechenden Arbeitsaufwand bedeuten. Für eine geopolitische Einschätzung ist es noch schwer zu erkennen, ob und wie die Trump Administration ihre Politik in Ost-Asien und insbesondere gegenüber der chinesischen Regierung wesentlich von der ihrer Vorgänger-Administrationen abändert…

Geografie und internationale Bedeutung

Alle Seewege und Handelsrouten aus Europa, Afrika, West- und Südasien nach Ostasien führen durch das Südchinesische Meer. Die Straße von Malakka zwischen Malaysias malaiischer Halbinsel, Singapur und der indonesischen Insel Sumatra ist mit einem Viertel des gesamten Seeverkehrs weltweit eine der am stärksten befahrenen Wasserstraßen der Welt und der wichtigste Zugang vom Westen zum Südchinesischen Meer. Weiter südlich bestehen Zugänge durch das indonesische Archipel durch die Sundastraße zwischen Sumatra und Java und die Lombokstraße zwischen Lombok und Bali. Vom Pazifischen Ozean führt der Zugang durch die Philippinensee und die Inseln der Philippinen sowie zwischen Taiwan und den Philippinen.

Unmittelbare Anrainerstaaten des Südchinesischen Meeres sind im Süden Singapur, Malaysia, Indonesien und Brunei, außerdem die Philippinen, Vietnam, die Volksrepublik China und Taiwan. Kambodscha und Thailand sind mit ihren Küsten am Golf von Thailand mit dem Südchinesischem Meer verbunden. Die Ausdehnung zwischen Singapur im Südwesten und Taiwan im Nordosten beträgt knapp 3.000 Kilometer. Zwischen Vietnam am westlichen Rand und der Insel Borneo (Kalimantan) südöstlich bzw. den Philippinen östlich sind es zwischen 1.000 -1.200 Kilometer. Die große chinesische Insel Hainan im Norden liegt ca. 250 km vor der Nordküste Vietnams.

Im Südchinesischen Meer gibt es über 250 Inseln, Atolle, Koralleninselchen, Untiefen, Riffe und Unterseeberge, deren Zugehörigkeit zwischen den Anrainerstaaten umstritten ist. Dies gilt vor allem für die nördliche Paracel- und die südöstliche Spratly-Inselgruppe.

Fischerei – ein wichtiger Wirtschaftszweig für Binnenmärkte und Export

Die Fischereirechte der Anrainerstaaten sind umstritten. Insbesondere stimmt die Auslegung der 200-Meilen-Wirtschaftszone nicht mit dem 1994 in Kraft getretenen UN-Seerechtsübereinkommen überein bzw. wird nicht anerkannt.

Die maritime Artenvielfalt des Südchinesischen Meeres gehört zu den höchsten der Welt. Laut Schätzungen des Ocean Security Project des Center for Strategic and International Studies (CSIS) sind mehr als die Hälfte aller Fischerboote der Welt hier unterwegs. Die Fischerei ernährt und beschäftigt Millionen von Menschen in der Region, vor allem an der über 3.200 km langen Küstenlinie von Vietnam und der Südküste der Volksrepublik China mit den südchinesischen Provinzen Guangxi, Guangdong und der Hälfte von Fujian – gegenüber von Taiwan – , einschließlich der Insel Hainan.

In Vietnam spielt die Meeresfischerei mit 3,4 Millionen Tonnen (2021) eine wichtige Rolle sowohl bei der Versorgung der Bevölkerung als auch beim Export von Fischereiprodukten. 2021 waren es 1,9 Millionen Tonnen im Wert von 9 Milliarden US-Dollar, 2024 betrug der Exportwert über zehn Milliarden US-Dollar.

In den Philippinen wurden 2021 1,9 Millionen Tonnen Meeresfische gefangen – nur ein Teil davon im Südchinesischen Meer – und weitgehend im eigenen Land vermarktet. Fischereiprodukte im Wert von etwa einer Milliarde US-Dollar wurden exportiert. Ähnliches gilt für Malaysia mit einem Fang von 1,3 Millionen Tonnen Meeresfisch und einem Exportwert von rund 907 Millionen US-Dollar.

Die Uneinigkeit über die Fischereirechte führt immer wieder zu teils gefährlichen Auseinandersetzungen zwischen Fischerbooten und Schiffen der Küstenwachen und Kriegsmarinen der Anrainerländer. Hinzu kommt illegale Überfischung. Bekannt wurden vor allem die Zusammenstöße von Fischerbooten aus den Philippinen und Vietnam mit der Küstenwache der Volksrepublik China.

Begehrte Bodenschätze: Öl und Erdgas

Vor den Küsten Chinas und der ASEAN-Staaten Vietnam, Thailand, Malaysia, Brunei, Indonesien und Philippinen gibt es große Gas- und Erdölvorkommen. Ihre Ausbeutung wird nach Angaben der Asia Maritime Transparency Initiative (AMTI) zum Teil von mehreren Staaten beansprucht. Genaue Angaben über die Anzahl der Bohr- und Förderplattformen mit Zuordnung nach Ländern sind aktuell öffentlich nicht verfügbar.

2015/16 gab es laut einer ausführlichen Satelliten-Analyse-Studie von Wissenschaftler:innen der Nanjing Universität insgesamt 1.082 Plattformen im Südchinesischen Meer und dem Golf von Thailand. Nach Ländern geordnet gehörten damals 356 zu Thailand, 317 zu Malaysia, 166 zu Brunei, 91 zu Vietnam, 76 zu China, 29 zu Indonesien, 8 zu den Philippinen und 1 zu Kambodscha. Außerdem bestanden 38 Joint Ventures zwischen Malaysia und Thailand bzw. Vietnam. Bereits 2015 lagen 90 Plattformen in Gebieten mit überlappenden nationalen Ansprüchen, zehn mal so viele wie 1992. Die Forscher:innen schätzten seinerzeit, dass bis 2020 die Zahl der Plattformen in umstrittenen Gewässern auf 120 steigen würde.

Nicht für alle Anrainerstaaten sind genaue Angaben zur Öl- und Erdgasgewinnung aus dem Südchinesischem Meer zu finden. Laut Angaben im Jahresbericht (S.6 ) der China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) förderte 2024 das zu 70 Prozent staatliche Energieunternehmen 405.517 Barrels/Tag Erdöl offshore im Südchinesischen Meer. Das waren gut 9,5 Prozent des insgesamt in China geförderten Erdöls. An Erdgas waren es im Südchinesischen Meer täglich 31,5 Millionen Kubikmeter, knapp 4,7 Prozent der Gesamtmenge im Land. Nach einem Pressebericht vom Februar 2025 hat das Unternehmen 2024 insgesamt über eintausend offshore Bohrungen durchgeführt, wovon vermutlich ein großer Anteil im Südchinesischen Meer vorgenommen wurde.

Das staatliche Erdölunternehmen Petronas in Malaysia betreibt nach eigenen Angaben mehr als 380 Offshore-Plattformen im Südchinesischen Meer.

Die von der Volksrepublik China erhobenen Ansprüche auf Explorationsrechte in der zweiten Reihe vor der Küste Vietnams gehen bis weit in den Süden zu den Spratly-Inseln. Dort auf den Riffen befinden sich auch militärische Stützpunkte von Vietnam, China und den Philippinen. In diesem Gebiet sind von der Asia Maritime Transparency Initiative (AMTI) nur zum Teil Explorationsblöcke ausgewiesen und es überschneiden sich auch vier malaysische Blöcke mit einem vietnamesischen.

Dies ist Teil I des Artikels. Teil II ist hier zu finden.

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„Kassel ist mein Zuhause“

Malaysia/Singapur: Einstige kommunistische Kämpferinnen erzählen von ihrem Widerstand und ihren späteren Perspektiven.

Das Buch unserer Autorin Agnes Khoo „Life as the River Flows: Oral History of Women Guerrillas’ Struggle for the Independence of Malaysia/Singapore (1930–1989)“ wurde zwischen 2004 und 2009 in verschiedenen Sprachen veröffentlicht. 2017 erschien die digitale englische Ausgabe. Das Buch handelt vom Widerstand des malaiischen Volkes gegen den britischen Kolonialismus und die japanische Besatzung. Agnes Khoo interviewte während ihres Aufenthalts in den „Peace Villages“ (1998–2002) in Südthailand 16 Frauen der Guerilla, damals im Alter von 50 bis 80 Jahren. Die Interviewpartnerinnen erzählten von ihrem Leben als Aktivistinnen an der offenen Front und im Untergrund, als Revolutionärinnen und Guerillakämpferinnen zwischen 1940 und 1989.

Peace Villages: Erinnerungen teilen und Gemeinschaft leben

Nach dem Friedensabkommen von 1989 zogen sich die CPM-Guerillas in die sogenannten „Peace and Friendship Villages“ zurück und bildeten dort enge Gemeinschaften. In jedem „Peace Village“ gibt es ein Denkmal mit dem Roten Stern zum Gedenken an die CPM-Kämper:innen, Museen mit Erinnerungsstücken, Gästehäuser für Tourist:innen und von Kamerad:innen geführte Restaurants, die lokale Gerichte aus eigens produziertem Gemüse und Fleisch anbieten. Und die typischen Karaoke-Hallen, die gleichzeitig als Versammlungsräume dienen, in denen Besucher:innen den ehemaligen Guerillas zuhören können, wenn sie ihre Geschichten über Löwen, Elefanten und feindlichen Beschuss erzählen.

Einige der Interviewpartnerinnen hatten beim Verlassen der Berge thailändische Kinder adoptiert und leben mit ihnen in den Dörfern, während andere Kinder in die Städte gegangen sind, um Arbeit zu finden. Heute müssen die Frauen sich mit dem Älterwerden, verstorbenen Partnern, wegziehenden Kindern und dem Tod auseinandersetzen. Was sie jedoch besonders macht, ist ihr unbeugsamer Geist. Sie sind willensstarke und zähe Frauen, die sich nicht von den Problemen des Lebens unterkriegen lassen. Unabhängig und einfallsreich helfen und unterstützen sie sich gegenseitig. Sie sind stolz darauf, dass sie ihre Kamerad:innen mit ihrem medizinischen Wissen und Können behandeln. Sie pflegen und leiten Dorfmuseen, Reiseveranstaltungen, Ackerbau und Viehzucht.

Politisches Bewusstsein und Unabhängigkeit

Viele fragen, ob die Frauen es bereuen, der Armee beigetreten zu sein, die schließlich nicht an die Macht kam. Die Antwort lautet: nein. Denn ihr Leben wurde durch die Erfahrungen und das Lernen in der Guerillaarmee auf eine Art und Weise bereichert, die sonst nicht möglich gewesen wäre. Aufgrund der Armut, in der sie aufwuchsen, mangelte es an Bildung und Möglichkeiten. In der Armee lernten die Frauen Lesen und Schreiben, militärisches Verhalten, medizinische Kenntnisse und das Überleben in der Wildnis. Sie genossen es, in ihrer Freizeit zu singen und zu tanzen, und schätzten das Miteinander.

Die Frauen trauern um ihre gefallenen Kamerad:innen und vermissen ihre verstorbenen Angehörigen. Sie vermissen ihre Mütter und Familien, von denen sie sich nicht verabschieden konnten, als sie in den Dschungel gingen. Einige von ihnen bedauern, ihre neugeborenen Kinder weggegeben zu haben, um ihre Kamerad:innen zu schützen. Die meisten drückten ihre Zufriedenheit und ihren Stolz darüber aus, dass sie politisches Bewusstsein und Unabhängigkeit erlangten, was in dem traditionellen und konservativen Umfeld, in dem sie aufwuchsen, unmöglich gewesen wäre. Ihr revolutionärer Kampf befreite und emanzipierte sie von ihrer traditionellen Rolle als Ehefrauen, Mütter und Hausfrauen, eröffnete ihnen neue Lebenswege und erweiterte ihren Horizont. Sie lernten die Welt kennen und erlangten Bewusstsein über die revolutionären Kämpfe in anderen Ländern. Diejenigen, die im Rahmen des Vietnamkriegs medizinische Ausbildungen erhielten, waren ihren vietnamesischen Kamerad:innen für den Schutz vor amerikanischem Beschuss dankbar. Diejenigen, die nach China geschickt wurden, um dort eine Ausbildung zu absolvieren, Medizin zu studieren und den CPM-Radiosender zu unterstützen, waren dankbar, obwohl China sich nur mühsam vom Zweiten Weltkrieg erholte.

Diese Frauen nahmen die Welt bewusster wahr als jene, die sich nicht an den Kämpfen beteiligten. Sie erlebten die „internationale Solidarität“ als wirklich und lebendig, nicht als abstrakte Theorie. Sie studierten die Lehren des Marxismus, Leninismus und Maoismus sowie die malaiische Geschichte aus der Sicht der CPM. Sie betrachteten die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Realitäten Malayas aus linker Perspektive und vertraten progressive Vorstellungen von der Befreiung Malayas und ihrer persönlichen und kollektiven Emanzipation. Sie waren sich der Beziehungen zwischen und der Gleichberechtigung der Geschlechter bewusst, trotz des Patriarchats in der Partei, der Armee und der „Außenwelt“, die sie transformieren wollten.

Emanzipation vs. Patriarchat

Diese Frauen bewegten sich und verhandelten ständig zwischen den Einschränkungen des Patriarchats, ihrer neu gewonnenen Unabhängigkeit – im Bewusstsein, dass das Persönliche politisch ist. Ihre Emanzipation als Frauen ist dreifach: in ihrer Klasse, ihrer Nation und ihrem Geschlecht – auch, wenn jedem Schritt vorwärts zwei Schritte zurück folgen könnten, was die „Frauenfrage“ und die „Klassenfrage“ zu einem nie endenden Thema macht. Trotz dessen sind sie stolz auf das, was sie sind und wofür sie kämpften. Ein guter Kampf, auch wenn sie in den Augen Vieler scheiterten, weil sie die Staatsmacht nicht errungen haben. Aber sie haben Selbstachtung, Würde, Unabhängigkeit, Selbstemanzipation und Selbstversorgung gewonnen.

Während des Kampfes gegen den britischen Kolonialismus und die japanische Besatzung im Zweiten Weltkrieg spielten Frauen in Malaya verschiedene Rollen. Sie waren bewaffnet und kämpften als CPM-Guerillasoldatinnen. Sie unterstützten den antijapanischen Widerstand als Botinnen oder Organisatorinnen im Untergrund. Sie spionierten die Japaner aus und leiteten Informationen an den Widerstand weiter. Viele Frauen schlossen sich dem Widerstand an, weil sie fürchteten, von den Japanern gefangen genommen und vergewaltigt zu werden, oder weil sie nicht zu einer frühen Heirat gezwungen werden wollten.

Sie alle hatten das Ziel, Briten und Japaner aus Malaya zu vertreiben. Sie verübten Attentate und Hinterhalte, hielten Wache, legten Landminen und bearbeiteten Ackerland im Dschungel. Sie versorgten die Armee, transportierten und versteckten Lebensmittelvorräte, behandelten Verletzte und Kranke, führten Aufklärungskampagnen durch und rekrutierten Soldat:innen aus den umliegenden Dörfern. Sie waren auch in legalen Organisationen aktiv, die den anti-britischen und anti-japanischen Widerstand im Untergrund unterstützten. Sie waren Führerinnen politischer Parteien sowie Organisatorinnen in Gewerkschaften, Studenten- und Massenbewegungen. Sie mobilisierten und organisierten an der offenen Front, neben den Männern. Folglich waren sie ebenso anfällig für Folterungen und Hinrichtungen, wenn sie erwischt wurden.

Dämonisierung der CPM

Heute werden die CPM und ihre Guerillaarmee von den Machthabenden und den Massenmedien in Malaysia und Singapur verteufelt. Es ist ein hochsensibles Thema, über das die Menschen nicht öffentlich sprechen. Die Öffentlichkeit ist unwissend und desinteressiert an der Rolle der CPM und ihres Kampfes, der zur Unabhängigkeit Malaysias und Singapurs beitrug. Aufgrund des Kalten Krieges in Asien gibt es nur die staatlich sanktionierten Geschichtsschreibungen – die Geschichte der Sieger und Kolonialherren, die die kolonialen und amerikanischen imperialistischen Interessen in Südostasien aufrechterhalten. Schulbücher, Medien und Unterhaltungsindustrie wurden streng zensiert, um sicherzustellen, dass keine gegensätzlichen Ansichten oder alternativen Geschichtsbilder veröffentlicht wurden. Offizielle Geschichtsdarstellungen wurden entpolitisiert und aus dem Kontext gerissen, so dass unsere nationalen Geschichten uninteressant, eindimensional und unreflektiert wurden. Historische Erzählungen, die nicht staatlich sanktioniert waren, galten als subversiv und wurden marginalisiert.

Asienweit liberalisierte sich die politische Atmosphäre seit Ende der 1980er Jahre, insbesondere nach der Demokratisierung der Philippinen (Peoples Power Revolution – 1986), Südkoreas (der Frühling von Seoul – 1987) und Taiwans (Sturz des Kriegsrechts – 1987) als Ergebnis von Volksbewegungen für Demokratien. In Ost- und Südostasien wuchsen Zivilgesellschaften heran, die die staatlich sanktionierte Geschichte in Frage stellten und alternative Geschichten „von unten“ anboten. Allmählich wehte der Wind der „alternativen Geschichten“ auch durch Malaysia und Singapur.

„Geschichte von unten“

Die Geschichte des Volkes ist wichtig, weil wir durch die Geschichten der „kleinen Leute“ Einblicke in unsere Alltagsrealität und in den Unterbau unserer Gesellschaften erhalten und dadurch eine Verbindung zwischen „damals“ und „heute“ herstellen, ohne einen Anspruch auf die absolute Wahrheit zu erheben. Im Gegensatz zur offiziellen Geschichtsschreibung werden sie jedoch von einer Vielzahl von Stimmen aus unterschiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Schichten, von verschiedenen Ethnien und Religionen, Glaubensbekenntnissen und Kulturen erzählt – und nicht von einer dominanten Gruppe oder Klasse oder von den Machthabern monopolisiert.

Das Interesse an meinem Buch „Life as the River Flows“ hat sich über die Grenzen Malaysias und Singapurs hinaus auf Indonesien, Thailand, Südkorea, Taiwan, die USA und das Vereinigte Königreich ausgeweitet, deren Regierungen antikommunistisch eingestellt sind und in denen die kommunistische Seite der Geschichte konsequent unterdrückt, wenn nicht sogar verzerrt und dämonisiert wurde.

Der Kommunismus ist nach wie vor das „Schreckgespenst“, das die herrschenden Mächte benutzen, um die Zivilgesellschaften einzuschränken und zu unterdrücken. Selbstzensur und Angst der Menschen sind nach wie vor die Haupthindernisse für die „Geschichte von unten“. Solange Malaysia und Singapur nicht demokratisch werden, bleibt es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, unsere linke Geschichte gebührend zu würdigen. Die volle Anerkennung der kommunistischen Rolle und Geschichte ist ein wesentlicher Bestandteil des Demokratisierungsprozesses beider Länder.

Übersetzt aus dem Englischen von: Lena Mrotzek und Mirjam Overhoff

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„Kassel ist mein Zuhause“

Asien/Weltweit: Das Südchinesische Meer ist ein Zentrum der geopolitischen Auseinandersetzung zwischen den Regierungen der USA und der Volksrepublik China im Bestreben nach Hegemonie. Peter Franke skizziert die aktuelle Situation.

Dies ist Teil II des Artikels. Teil I ist hier zu finden.

Verschiedene Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer

Angesichts der in Teil 1 genannten wirtschaftlichen und geografisch-strategischen Bedeutung haben die Territorialansprüche dazu geführt, dass seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre bis 1994 (dem Jahr des Inkrafttretens des UN-Seerechtsübereinkommens) einige Inseln von China und Vietnam zur Behauptung ihrer Einflussgebiete militärisch besetzt wurden, insbesondere die Paracel- und Spratly-Inseln und Riffe. Die Gruppe der Paracel-Inseln und Riffe liegt ca. 200 bis 400 km südlich der chinesischen Inselprovinz Hainan, ca. 250 bis 600 km östlich von Zentralvietnam und 650 bis 850 km westlich der philippinischen Hauptinsel Luzon. Die Gruppe der Spratly-Inseln und Riffe liegt ca. 100 bis 500 km östlich vor den Küsten von Brunei, dem Bundesstaat Sabah von Malaysia auf Borneo und der südlichsten Insel der Philippinen Palawan sowie ca. 400 bis 800 km vor der Küste vom südlichen Teil Vietnams. Umfangreiche Aufschüttungen von kleinsten Inseln und Riffen ab etwa 2010 ermöglichten einen bis heute anhaltenden massiven Auf- und Ausbau von militärischen Einrichtungen zur Absicherung dieser Ansprüche und der Kontrolle der Seewege.

Die Volksrepublik China beansprucht fast die gesamte Fläche des Südchinesischen Meeres als ihr Hoheitsgebiet und hat insgesamt 28 Inseln und Riffe besetzt. Davon gehören 20 zur Gruppe der Paracel-Inseln. Bereits 1974 gab es ein Seegefecht zwischen der Marine des damaligen Südvietnams und der chinesischen Volksbefreiungsarmee, bei dem letztere den Hoheitsanspruch behaupten konnte. Das größte und militärisch wichtigste Gebiet ist Woody Island (Yongxing Dao), gut 310 km entfernt von Sanya, der chinesischen Provinzhauptstadt Hainans. Der Militärstützpunkt verfügt seit 2016 über eine 2.700 m lange Landebahn für großes und modernstes Fluggerät wie Langstreckenbomber, geschützte Hafenanlagen und Boden-Luft-Raketen. Er ist die Kommandozentrale für die militärischen Einrichtungen auf den weiteren 19 Inseln, darunter fünf mit Häfen und Hubschrauberlandeplätzen.

Von den 55 beanspruchten Spratly-Inseln hat die Volksarmee von 1988 bis 1994 sieben besetzt, zu Inseln aufgeschüttet und mit Militäreinrichtungen versehen. Sanya auf Hainan mit knapp 1.000 km Entfernung am nächsten gelegen ist das Subi-Riff. Es verfügt als Militärstützpunkt über eine 3.000 m lange Landebahn und große Hafenanlagen. Nur 190 km davon liegen südwestlich das Fiery Cross Reef (Yongshu) und südöstlich das Mischief Reef (Meiji), jeweils mit einer 2.700 m langen Landebahn, Hafen und weiteren Militäreinrichtungen. Die übrigen vier Inseln sind mit unterschiedlichen Militäreinrichtungen versehen.

Taiwan hat eine Insel der Spratly-Gruppe – Itu Aba oder Taiping-Insel – 1.500 km südlich vom eigenen Staatsgebiet besetzt. Mit 1.300 m Länge und 365 m Breite besteht sie praktisch aus einer Landebahn mit einigen Wohnhäusern für Angehörige der Küstenwacht und einige wenige Zivilisten. Wie die Volksrepublik China beansprucht Taiwan (Republic of China) die Paracel- sowie die Spratly-Inseln.

Die Volksrepublik Vietnam unterhält laut AMTI (Asia Maritime Transparency Initiative) mit 49 Außenposten die meisten im Südchinesischen Meer auf 21 der Spratly-Inseln/Riffe und 14 Einzelplattformen als economic, scientific and technological service stations und auf sechs Unterwasser-Sandbänken. Vietnam begründet seinen Anspruch mit der Lage auf dem Kontinentalsockel vor der vietnamesischen Küste. Allerdings sind die meisten Gebiete der Inselgruppe mit über 500 Kilometer Entfernung weiter von der vietnamesischen Küste entfernt als von der Insel Borneo und dem philippinischen Palawan. Es geht dabei vor allem um die Sicherung der vermuteten Gas- und Ölvorkommen.

Die zur Zeit wohl noch wichtigste und größte Insel ist die Spratly-Insel (nach der die ganze Inselgruppe benannt ist) mit einem ständig besetzten Militärstützpunkt seit 1974 und einer 2016 ausgebauten, 1.200 Meter langen Landebahn. Sie liegt 450 Kilometer vor der Küste Vietnams und knapp 150 Kilometer südwestlich des chinesisch besetzten Fiery-Cross-Riffs. 2022 hat die vietnamesische Regierung 162 Kilometer östlich der Spratly-Insel mit Aufschüttung und Ausbau einer neuen Insel am nordwestlichen Rand des Baraque-Canada-Riffs begonnen. Laut Anfang 2025 aufgenommen Luftaufnahmen soll sie mit einer Länge von 4.318 Meter inzwischen 2,3 Quadratkilometer groß sein. Diese neue Insel kann mit einer 3.000 Meter langen Landebahn versehen werden – ähnlich der von der Volksrepublik China gebauten auf dem Fiery-Cross-Riff. Nach jüngsten Luftaufnahmen im Mai/Juni 2025 und ihrer Auswertung durch South China Sea Strategic Situation Probing Initiative (SCSPI) hat die vietnamesische Regierung seit 2021 große Landgewinnungsmaßnahmen und den Ausbau von militärischen Einrichtungen auf zehn Riffen vorgenommen. Auf fünf der Aufschüttungen ist der Ausbau von Landebahnen von 2.000 bis 4.300 Meter Länge möglich.

Die Philippinen haben die längste Küste am Südchinesischen Meer. Von den Spratly-Inseln haben sie neun besetzt. Der größte Militärstützpunkt ist das 430 Kilometer von Palawan und lediglich 25 Kilometer vom chinesischen Militärstützpunkt Subi-Riff entfernte Thitu Island mit einem 1.300 Meter langen Flugplatz. Von dort sind drei weitere Inseln (Loaita Island 45 Kilometer südlich, Northeast Cay 45 Kilometer nördlich und Nanshan Island 170 Kilometer östlich) ebenfalls vom Militär besetzt. Das mit zwölf Marinesoldaten besetzte, an der Second Thomas Shoal auf Grund gesetzte Marine-Landungsboot Sierra Madre liegt auf etwa der Hälfte der Strecke 200 Kilometer westlich zwischen Palawan und Thitu Island.

Die Marine Malaysias hat 290 Kilometer vor der Küste des Bundesstaates Sabah auf Borneo seit 1983 eine Spratly-Insel im Swallow Riff besetzt. Sie wurde aufgeschüttet und 1992 bis 1995 mit einem kleinen Flugplatz für militärische und zivile Nutzung versehen. Die Landebahn wurde zuletzt 2003 auf 1.360 Meter verlängert und die 200 Meter breite Insel nun auf eine Länge von 1,5 Kiloneter vergrößert. Außer dem Marinestützpunkt mit Anlegeplatz für Kriegsschiffe gibt es seit 30 Jahren ein Hotel für Tauchgäste. Bis zu 130 Kilometer nördlich des Swallow Riffs hat die malaysische Marine 1986 zwei und 1999 zwei weitere Riffe zu kleinen Stützpunkten mit Hubschrauberlandeplatz und Schiffsanleger ausgebaut.

Militärpotentiale der Anrainerstaaten und die Rolle der USA

Die Volksrepublik China ist als Militärmacht im Südchinesischen Meer vorherrschend und weltweit die drittgrößte nach den USA und Russland. Massiv ausgebaut ist ihre Kriegsmarine mit drei Flugzeugträgern und einer modernen Flotte, die inzwischen nach Anzahl der Schiffe größer ist als die der USA. Dies sowie der Ausbau von Militäranlagen auf den Spratly-Inseln seit 2014 hat u.a. laut einer Studie von SIPRI von 2019 zu einer starken Aufrüstung der Staaten Südostasiens geführt. Als wesentliches Motiv der Regierung Chinas gilt die Wiedereingliederung Taiwans in die Volksrepublik China – wenn nötig mit militärischer Gewalt auch bei einer möglichen Intervention des US Militärs.

Die Analyse Southeast Asian Military Powers Ranked (2025) von Globalfirepower sieht Indonesien in der Rangliste an erster Stelle in Südostasien (15. weltweit), gefolgt von Vietnam (23.), Thailand (25.), Singapur (29.), den Philippinen (41.), Malaysia (42.) und Kambodscha (95.). Zum Vergleich: Deutschland belegt weltweit Rang 14. Weitere Daten für die Länder Südostasiens finden sich auf der Webseite von Globalfirepower.

Die Militärmacht der Volksrepublik China ist weitaus stärker als die der Anrainerstaaten des Südchinesischen Meeres, auch wenn Vietnam massiv seine Militärstützpunkte auf den Spratly-Inseln ausbaut. Lediglich die seit dem 2. Weltkrieg dominierende Präsenz des US-Militärs im indo-pazifischen Raum schränkt die Kontrolle Chinas über das beanspruchte Gebiet im Südchinesischen Meer ein. Mit ihrem insgesamt 375.000 Personen starkem militärischen und zivilen Personal und Stützpunkten in Südkorea, Japan auf Okinawa, Guam, den Philippinen und im Indischen Ozean auf Diego Garcia sichern die USA ihre Interessen.

Wenngleich der wirtschaftliche Einfluss der Unternehmen und der politische der Regierung der USA mit dem Erstarken Chinas geschwächt ist, so gibt die US Militär Präsenz und ihre Frontstellung gegenüber China den Staaten am Südchinesischen Meer bisher einigen Handlungsspielraum. Sie müssen dazu nicht unbedingt militärische Bündnisse mit den USA eingehen, wie etwa die Philippinen.

Ausblick

Anders als vor 40 Jahren sind heute alle Anrainerstaaten des Südchinesischen Meeres vollständig in den kapitalistischen Weltmarkt eingebunden, einschließlich der sich als sozialistisch bezeichnenden Volksrepubliken Vietnam und China. Wirtschaftlich sind sie inzwischen stark miteinander verbunden und vom Handel und den Lieferketten mit China, mit den sogenannten westlichen Ländern sowie Japan und Südkorea abhängig. Mit dem wirtschaftlichen Erstarken eines von Chinas Regierung dirigierten Kapitalismus sieht diese die gesamte Region Südostasien als ihren Hinterhof und Einflussgebiet, mit dessen Ressourcen – insbesondere dem Erdöl und Erdgas im Südchinesischen Meer – sie einen Teil ihrer Energieversorgung sichern will. Auch die Fischbestände und möglicher Meeresbergbau spielen eine Rolle. Die Kontrolle über die Region ist für die chinesische Regierung von zentraler Bedeutung, nicht zuletzt auch zur militärischen Absicherung einer Eingliederung Taiwans in die Volksrepublik. Diese Entwicklung zeigt sich deutlich seit der Machtübernahme über die Kommunistische Partei Chinas durch Xi Jinping 2012, der mit seiner autokratischen Herrschaft das Land auf den Weg zur größten Wirtschaftsmacht der Welt bis 2049 bringen will.

Allerdings stehen sich die Regierungen der übrigen Anrainerstaaten mit den wirtschaftlichen Interessen ihrer Unternehmen nicht nur in Konkurrenz zur Volksrepublik China, sondern auch untereinander. Besonders deutlich wird dies bei den Spratly-Inseln, wo Vietnam, die Philippinen und Malaysia mit den Besetzungen und dem Ausbau von Riffen zu Militärstützpunkten ihre Interessen an Öl und Erdgas absichern wollen – Vietnam allen voran. Auch wenn es bisher zu keinen militärischen Auseinandersetzungen wie zwischen China und Vietnam und nur kleineren Scharmützeln zwischen der Küstenwache Chinas mit der der Philippinen in letzter Zeit gekommen ist, zeigt sich deutlich: Trotz einer Jahrzehnte langen Zusammenarbeit im ASEAN Staatenverband werden die nationalen Interessen nicht zurück gestellt zu Gunsten eines gemeinsamen Vorgehens bei der Nutzung der Region um die Spratly-Inseln. Historisch gewachsene Vorbehalte und konkurrierende Interessen vor allem auch in Verbindung mit der dem Kapitalismus immanenten Konkurrenz machen eine Zusammenarbeit zum Wohle aller Beteiligten nur selten möglich.

Nicht zuletzt spielt die sich zu einer Konfrontation zuspitzende wirtschaftliche Konkurrenz zwischen China und den USA eine Rolle. Die einstige sozialistische Volksrepublik ist inzwischen zur weltweit zweitgrößten kapitalistischen Volkswirtschaft herangewachsen und macht der US-Regierung ihre weltbeherrschende Stellung streitig. Die Absicherung der Seewege im Südchinesischen Meer und die Demonstration der Bereitschaft zur Verteidigung der Unabhängigkeit Taiwans mittels Kriegsschiffen der US-Marine führt immer wieder zu Begegnungen mit solchen der Volksbefreiungsarmee Chinas. Die USA werden dabei mit der Anwesenheit von Kriegsschiffen aus Frankreich, Großbritannien und weiteren NATO-Ländern, einschließlich Deutschland, sowie Australien unterstützt. Hierbei können Missverständnisse zu konfrontativem Verhalten oder sogar zu militärischen Kampfhandlungen führen. Diese wiederum könnten zum Auslöser eines Krieges zwischen den USA und der Volksrepublik China werden, der nicht nur die Region Südostasien, sondern die ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen würde. Es bleibt zu hoffen, dass die erratische Politik der Trump-Administration nicht dazu führt.

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„Kassel ist mein Zuhause“

Indonesien/Südostasien/Deutschland: Das Indonesien-Programm der Deutschen Welle würdigt 40 Jahre südostasien. Wir haben den Beitrag aus dem Indonesischen für euch übersetzt.

Dieses deutsche Magazin verkauft keine Werbung, setzt nicht auf Clickbait – und besteht dennoch seit 40 Jahren. südostasien ist vielleicht kein Lieblingsmedium für Investor:innen, aber ein Zuhause für Aktivist:innen und die Stimmen von Minderheiten aus Südostasien.

Während viele Indonesier:innen begeistert Reels schauen oder durch TikTok scrollen, berichtet das Redaktionsteam von südostasien weiterhin über Sandabbau, Landraub und ähnliche Themen in Indonesien und weiteren Ländern Südostasiens.

Meilenstein für die südostasien

2025 markiert einen wichtigen Meilenstein für die südostasien. Das unabhängige Magazin feiert sein 40-jähriges Bestehen. Das Magazin wird von der Stiftung Asienhaus und dem philippinenbüro herausgegeben und versteht sich als ein beständiges öffentliches Forum, das wichtige Themen aus und über Südostasien an Leser:innen in Deutschland und Europa vermittelt.

Aus der Initiative der 1980 gegründeten „Südostasien Informationsstelle“, einer Institution für Information und Bildung, ging südostasien hervor. Die Nullnummer der Südostasien Informationen erschien 1984, die erste ‚offizielle‘ Ausgabe folgte 1985. Seither erscheint das Magazin periodisch und liefert Berichte und kritische Bewertungen aus Südostasien.

Die Stiftung Asienhaus ist bekannt für die Förderung des kulturübergreifenden Dialogs und globaler Solidarität mit Fokus auf Asien. Geschäftsführerin Monika Schlicher sagt, es habe in den letzten Jahren viele Veränderungen in den Ländern Südostasiens gegeben: „Wir begleiten die Zivilgesellschaften in der Region. Mit dem Magazin südostasien machen wir ihre Stimmen hörbar, indem wir sie interviewen und sie bitten, eigene Beiträge zu verfassen. Wir publizieren diese Beiträge für die deutschsprachige Gesellschaft.“

Perspektiven der Betroffenen

Das Magazin ist für seine direkte Zusammenarbeit mit Aktivist:innen, Akademiker:innen und Journalist:innen aus Südostasien sowie der südostasiatischen Diaspora in Europa bekannt. Die meisten Artikel berichten über direkte Erfahrungen vor Ort und enthalten exklusive Interviews, kritische Meinungen und Betrachtungen zu Kultur und Politik.

Raphael Göpel, in der Stiftung Asienhaus zuständig für Indonesien und Kambodscha, sagt: „Dieses Magazin ist einzigartig im deutschsprachigen Raum, weil es Berichte aus Indonesien und anderen Ländern Südostasiens direkt von Autor:innen der Region liefert.“

Anett Keller, Koordinationsredakteurin der südostasien, sagt, dass sich zu wenige Menschen in Deutschland für Indonesien interessierten. Jedoch verfolgten Vertreter:innen der Zivilgesellschaften beider Länder dasselbe Ziel: Sie wollen eine gerechtere Welt und setzen sich für Umwelt-, Menschenrechts- und Sozialthemen ein. „Die südostasien ist ein Medium, das in Solidarität mit den Zivilgesellschaften Indonesiens und weiterer Länder Südostasiens zusammenarbeitet. Die Menschen, die sich dort und hier engagieren, arbeiten gemeinsam für eine bessere Welt“, betont sie.

Raum für Länderübergreifende Themen

In jeder Ausgabe des Magazins stehen Länder wie Indonesien, die Philippinen, Thailand, Myanmar, Vietnam, Malaysia, Singapur, Laos und Timor-Leste im Mittelpunkt. Das Magazin bietet auch Raum für Länderübergreifende Themen wie die Klimakrise, Menschenrechte, Demokratisierung, Feminismus, Migration und den Widerstand gegen den Neoliberalismus.

Majid Lenz, Referent für Myanmar in der Stiftung Asienhaus, erklärt, warum sich Deutschland und Europa für die Probleme in Südostasien engagieren. Er nennt das Beispiel der häufig vorkommenden Ausbeutung im Bergbausektor, zum Beispiel in der Nickelindustrie in Indonesien.

„Europa ist auf Rohstoffe angewiesen. Doch im Bergbau gibt es Probleme für die Arbeiter:innen, die Vertriebenen und die schwindende Natur. Es braucht den progressiven Dialog, denn wir müssen gemeinsam einen Weg finden, eine grüne Transformation zu erreichen, ohne dabei Raubbau in Indonesien oder anderen Ländern zu betreiben“, erklärte er.

Offenes und partizipatives Redaktionsmodell

Das Redaktionsmodell ist partizipativ und setzt auf ehrenamtliche Mitwirkende sowie thematische Gruppen, die je nach Land oder Fragestellung variieren. Der redaktionelle Ablauf wird gemeinschaftlich und auf Basis von Inklusion, ohne strenge Hierarchie, durchgeführt. Anett Keller ist derzeit die Koordinatorin der Redaktion. Sie arbeitet zusammen mit einem Netzwerk aus Beitragenden verschiedener Professionen und Altersgruppen.

Das Magazin liefert nicht nur Berichte, sondern schafft auch einen Raum der Reflexion und Solidarität zwischen den Zivilgesellschaften Südostasiens und Europas. Dem Redaktionsteam der bis 2018 gedruckt erschienenen Ausgabe war bewusst, dass es im digitalen Zeitalter zunehmend schwierig ist, Menschen mit einem Printmedium für wichtige Themen, die sie betreffen, zu interessieren. 2018 wurde die südostasien daher zu einer digitalen Open-Access-Plattform gewandelt. Diese Veränderung ermöglicht einen breiteren und offenen Zugang ohne Abonnement und erweitert zugleich die Leserschaft auf die südostasiatische Diaspora sowie auf internationale Gemeinschaften, die an der Region interessiert sind.

40-jähriges Jubiläum

Das 40-jährige Jubiläum der südostasien fand am 5. Juli in Köln im Rahmen des Asientages statt, der den Titel „Macht, Medien und Menschenrechte“ trug. Es wurden verschiedene Themen diskutiert, darunter die Situation der Rohingya in Myanmar, Basisbewegungen auf den Philippinen, Geschlechterfragen in Timor-Leste sowie die Entwicklung der Medien in Indonesien. Es wurde Kritik an ungerechten globalen Wirtschaftsbeziehungen sowie an geopolitischen Veränderungen geäußert, die die Bevölkerung Südostasiens betreffen.

Das Jubiläum war nicht nur eine Gelegenheit, zurückzublicken, sondern auch, eine neue Vision zu entwickeln: Wie kann die südostasien in Zukunft im Kampf für Zivilrechte relevant bleiben?

Raphael Göpel, Mitglied des Redaktionsteams, betont, dass das Magazin nach 40 Jahren noch immer relevant ist, weil sich Fragen nach Umwelt, Landraub und Redefreiheit noch immer stellen und in den sozialen Medien weiterhin diskutiert werden. Er nennt das Beispiel Indonesien: „Es gibt selbstverständlich verschiedene Aspekte von Menschenrechten, aber wir sehen auch, dass es insbesondere in Papua in Bezug auf die Sicherheitslage und die Konflikte vor Ort bereits zu einer Eskalation gekommen ist. Wir betrachten dies mit großer Sorge und aus menschenrechtlicher Perspektive. Internationale Journalist:innen und Hilfsorganisationen sollten Zugang nach Papua erhalten dürfen“, betont er.

Ein Forum, das sich weiterbewegt

Während der Podiumsdiskussion zum Jubiläum der südostasien betont Hendra Pasuhuk, dass die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) großen Einfluss auf die Medien habe: „Wir müssen aufmerksam sein. Selbstverständlich kann sich die Medienbranche der Entwicklung der KI nicht entziehen. Allerdings ist die Rolle der Journalist:innen hinsichtlich ihrer Verantwortlichkeit für die Gesellschaft nach wie vor von großer Bedeutung, um die Demokratie zu fördern“, so Hendra.

In einer Welt, die zunehmend von schnellen und oberflächlichen Informationen dominiert wird, bleibt die südostasien ein Raum der Reflexion, in dem den Stimmen Gehör geschenkt wird, die selten eine Bühne bekommen. Mit seinem offenen und partizipativen Format zeigt das Magazin, dass alternative Medien nach wie vor sehr relevant sind. südostasien ist seit 40 Jahren nicht nur ein Magazin, sondern auch eine Brücke der Solidarität, eine Erinnerung an die Bedeutung der Perspektiven des Globalen Südens und ein lebendiger Dialograum zwischen Asien und Europa.

Dieser Artikel erschien zuerst am 11. Juli 2025 auf Indonesisch bei der Deutschen Welle (DW). Wir danken der DW für die freundliche Genehmigung zur Publikation in der südostasien.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Mustafa Kurşun

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