3 | 2023, Deutschland, Indonesien, Interviews,
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Geist der Solidarität und des Miteinanders

Indonesien, Deutschland, Special Olympics

Das Team von Special Olympics Indonesia bei der Ankunft am Frankfurter Flughafen. © Hendra Pasuhuk

Deutschland/Indonesien: Im Juni 2023 fanden die Olympics World Games 2023 zum ersten Mal in Deutschland statt. 2027 wird Indonesien der Gastgeber sein. Ein Interview mit Warsito Ellwein, Vorsitzender von Special Olympics Indonesia (SOINA).

südostasien: Was ist der Unterschied zwischen den Special Olympics und ‚anderen‘ Olympischen Spielen?

Unsere Interviewpartner:

© Privat

Warsito Ellwein lebte mehr als 30 Jahre in Deutschland. Er war früher politischer Aktivist und langjähriges Vorstandsmitglied der Südostasien Informationsstelle (SOAI). Nach dem Rücktritt von Diktator Suharto 1998 kehrte Warsito nach Indonesien zurück und engagierte sich in unterschiedlichen Initiativen zur Stärkung der Demokratie. Nach mehrjähriger Tätigkeit im Mitarbeiterstab des Gouverneurs von Zentraljava, Ganjar Pranowo, wurde Warsito 2019 zum Vorsitzenden des indonesischen Special Olympics Verbandes (SOINA) gewählt.

Warsito Ellwein: Die Special Olympics sind eine Bewegung, sie sind etwas Besonderes. Im Gegensatz zu den Olympischen und Paralympischen Spielen nehmen an den Special Olympics Athlet*innen teil, deren Beeinträchtigung meist auf das Down-Syndrom zurückzuführen ist. Menschen mit Down-Syndrom werden mit einer genetischen Störung, einer Chromosomenanomalie, geboren, die zur Entwicklung einer Intelligenz führt, die meist unter dem Durchschnitt liegt. Das Hauptziel der Special Olympics besteht nicht darin, Medaillen zu gewinnen, sondern in der Gemeinschaft und im Bemühen, Menschen ins gesellschaftliche Leben einzubeziehen.

Indonesien ist ja nicht zum ersten Mal dabei…

Indonesien ist seit 1986 Mitglied der weltweiten Special-Olympics-Bewegung. Deshalb nehmen wir auch immer an den Special Olympics World Games teil, 2019 in Abu Dhabi, 2023 in Berlin. Aber diese Beteiligung und die Spiele waren der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt. Wir hoffen, dass es künftig mehr mediale Aufmerksamkeit geben wird.

Was tut SOINA, der indonesische Verband für die Special Olympics, dafür?

Wir haben das Ganze in Indonesien dieses Mal anders aufgezogen, angefangen bei den sprachlichen Bezeichnungen. Die Athlet*innen bezeichnen wir nicht mehr als „Menschen mit Behinderung“, wie man sie früher nannte, sondern „Menschen mit speziellen Begabungen“, auf Indonesisch „orang bertalenta khusus“. Für Menschen mit (geistiger) Behinderung gibt es in Indonesien sehr große Hürden. Sie erleben häufig soziale Stigmatisierung, werden als Belastung oder sogar als Schande für die Familie angesehen. Oft wird ihr Zustand als eine ‚Strafe Gottes‘ angesehen, zum Beispiel wegen Verfehlungen der Eltern oder anderer Familienmitglieder. Sie werden verspottet und für dumm gehalten, auch von ihren eigenen Familien. Sie werden oft geschlagen oder sogar gefesselt, weil sich die Familien für sie schämen.

Die Special Olympics World Games
Rund 6.500 Athlet*innen nahmen an den Special Olympics World Games 2023 in Berlin teil, die vom 17. bis 25. Juni zum ersten Mal in Deutschland stattfanden. Fast 20.000 Freiwillige sorgten für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung. An acht Tagen kamen insgesamt rund 330.000 Menschen, um sich eine der 26 gezeigten Sportarten anzusehen. Mehr als eine Milliarde Menschen weltweit haben die Spiele verfolgt. Indonesien war mit 25 Athlet*innen vertreten, die in sieben Sportarten um Medaillen kämpften. Sie errangen zehn Mal Gold, fünf Mal Silber und acht Mal Bronze. Indonesien wird 2027 Gastgeber der nächsten Special Olympics World Games sein.

Kann man das verändern, indem man diese Menschen anders bezeichnet?

Ja. Als Erstes wollten wir die Bezeichnungen „behindert“ streichen. Denn für uns sind sie Menschen mit spezieller Begabung. Sie sind also besondere Menschen. Ja, sie haben einen niedrigeren Intelligenzquotienten als andere, aber dafür haben sie auch andere Stärken. Und das wirkt. Seit wir die Bezeichnung geändert haben, und für diese „Menschen mit spezieller Begabung“ werben, bekommen wir mehr Sponsoren aus der Wirtschaft. Plötzlich gibt es Sportbekleidungsfirmen und Schuhfirmen, die unsere Athlet*innen ausstatten wollen.

Gab es weitere Veränderungen, über die sprachliche Ebene hinaus?

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Zidan (2. von links) gewann in Berlin eine Silbermedaille im Tischtennis. © Iswandono/SOINA

Wie gesagt, früher geschah alles eher unter dem Radar. Der Verband wählte einige Athlet*innen, meistens aus Jakarta oder aus Westjava, und schickte die Delegation anschließend zu den Special Olympics World Games. Es gab kaum Publikationen darüber, keine Berichte in den Medien. Wir sind bei den Vorbereitungen dieses Mal in die Provinzen gereist, haben mit den Regionalregierungen gesprochen, und baten sie um Hilfe bei der Wahl der Athlet*innen mit speziellen Begabungen. Und siehe da, viele Provinzen machen mit und viele Eltern kommen, um ihre Kinder registrieren zu lassen. Städte und Provinzen haben dann zusammen mit uns regionale Special Olympics Games veranstaltet, die so genannten PESODA. Und die besten Athlet*innen kommen dann zu PESONAS, den nationalen Special Olympics, die wir im Juli 2022 mit Unterstützung der Provinz-Regierung in Semarang, der Hauptstadt von Zentraljava, organisierten.

Wie war der Zuspruch unter Athlet*innen und Zuschauer*innen?

Die Resonanz war unglaublich, wir konnten es fast nicht glauben. Es kamen über 1000 Athlet*innen aus den Provinzen. Viele Delegationen kamen von fernen Inseln mit Bussen oder mit Schiffen, weil sie nicht genug Geld für ein Flugticket hatten. Es gab Familien, die ihre Kinder eigens finanzieren. Ganze Familien kamen nach Semarang. Wir hatten ja als nationaler Verband kein Budget aus staatlichem Haushalt. Aber es kamen viele Spenden. Und in Semarang hatten wir viele, viele Freiwillige, die bei der Durchführung von PESONAS helfen wollten. Die Athlet*innen brauchen ja Betreuung, und zwar 24 Stunden am Tag. Sie dürfen nicht allein gelassen werden. Die Begeisterung war außergewöhnlich. So viele Sportler*innen und so viele Freiwillige wollten sich engagieren, auf regionaler und auf nationaler Ebene. Nach PESONAS fingen wir dann direkt mit der Vorbereitung für die Special Olympics in Berlin an. Die ausgewählten Athlet*innen aus 17 Provinzen wurden zunächst in ihren Heimatstädten betreut, und dann später in einem speziellen Trainingscamp in Semarang vorbereitet. Und dieses Mal haben viele Medien darüber berichtet, regionale und auch nationale Medien. Bevor wir nach Berlin flogen, wurden wir von Präsident Joko Widodo empfangen.

Du hast lange in Deutschland gelebt, wo man dich als politischen Aktivisten gegen das Suharto-Regime kannte. Wie kommst du zur Position als Vorsitzender des indonesischen Special Olympics-Verbandes SOINA?

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Die Schwimmmanschaft gewann 1 Gold- und 2 Bronzemedaillen in Berlin. © Iswandono/SOINA

Nach Suhartos-Rücktritt (1998) bin ich nach Indonesien gegangen und habe mit unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Gruppen gearbeitet, vor allem in Zentraljava. Als der langjährige Vorsitzende der SOINA aus gesundheitlichen Gründen sein Amt zur Verfügung stellte, hat man mich als einen der Kandidaten für dieses Amt nominiert. Anfangs wollte ich die Nominierung nicht annehmen, da ich, ehrlich gesagt, nicht viel von Sportorganisation verstehe. Aber viele Freunde haben mich dazu gedrängt. Ich habe dann verstanden, das Special Olympics anders ist, es ist kein Leistungssport. Hier ist vielmehr der Solidaritätsgedanke, das Miteinander, die Teilhabe an gesellschaftlichem Zusammenleben wichtig. Also habe ich zugestimmt. Und dann wurde ich tatsächlich auch gewählt, obwohl es andere Sportfunktionäre gab, die sich zur Wahl gestellt hatten. Vielleicht, weil die darauf folgenden World Games in Berlin stattfinden sollten. Ich hatte ja vorher an vielen deutsch-indonesischen Projekten mitgearbeitet.

Hast du das Gefühl, du kannst in dieser Funktion tatsächlich gesellschaftlich etwas ändern, zum Beispiel beim Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen in Indonesien?

Es ist ein langer Prozess, aber die Antwort ist: ja. Man sieht das jetzt schon, mit der Durchführung der nationalen Special Olympics (PESONAS) 2022. Plötzlich bekommen wir viel Aufmerksamkeit. Wir haben jetzt im Verband Sektionen in 34 Provinzen, die 35. ist in Vorbereitung. Wir haben jetzt über 4.700 aktive registrierte Sportler*innen. Außerdem fast 600 registrierte Trainer*innen und genauso viele registrierte Freiwillige, die sich freiwillig engagieren. Sie bekommen keine Bezahlung dafür.

Du sprichst über Solidaritätsgedanken und Miteinander. Wie wird das für dich spürbar?

Man spürt den Unterschied zwischen „Leistungssport“ und Special Olympics. Als wir mit über 1.000 Athlet*innen das Sportfest in Semarang veranstalteten, man muss sich erst einmal klarmachen, was das bedeutet. Diese Menschen sind ja etwas anders, sie vergessen sehr oft ihre Sachen und legen sie einfach auf einen Tisch oder eine Bank. Aber wir konnten ihre Smartphones, Uhren und andere Wertsachen immer wieder finden. Nichts wurde geklaut, alle waren fröhlich dabei.

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SOINA-Athlet*innen wurden vom deutschen Freiwilligen-Beteuerteam bei Ankunft in Frankfurt-Flughafen abgeholt. © Hendra Pasuhuk

Vielleicht noch eine kleine Geschichte… Am Anfang, als wir unser Fußballteam trainierten, ist uns aufgefallen, dass es den Spieler*innen anscheinend schwer fiel, Tore zu schießen. Jemand stand oft schon vor dem Tor, doch anstatt den Ball rein zu schießen, beförderte er den Ball ins Aus. Wir Trainer und Betreuer haben das am Anfang nicht verstanden, warum schießt er den Ball nicht ins Tor? Als wir den Spieler fragten, antwortete er: „Ich habe es nicht übers Herz gebracht, der Torwart ist doch mein Freund. Wenn ich den Ball ins Tor schieße, wird man nachher über ihn lachen oder ihn als schlechten Torwart bezeichnen. Das will ich nicht.“ So sind sie eben, diese speziellen Athlet*innen. So ist ihr Geist der Solidarität und des Miteinanders.

Und wie habt ihr dann trainiert? Beim Fußball müssen doch Tore fallen?

Wir haben ein Fußballspiel mit fünf Toren erfunden. Und die Spieler sollen Tore machen, egal in welches Tor. Und die anderen sollen die Tore verhindern. Das hat funktioniert.

Gab es bei den Special Olympics in Berlin für die indonesischen Athlet*innen ein Medaillenziel?

Ja, das Medaillenziel ist notwendig, um die Anforderungen der Gesellschaft und der Menschen in der Heimat gerecht zu werden. Es heißt eben Sport, und die Leute zu Hause wollen wissen, ob wir erfolgreich sind oder nicht. Deshalb haben wir von SOINA gesagt, wir wollen in Berlin neun Goldmedaillen gewinnen [die indonesischen Athlet*innen errangen zehn Mal Gold, fünf Mal Silber und acht Mal Bronze, d.R.] . Aber was für uns noch wichtiger ist, ist zu zeigen, dass die Sportler*innen herausragende Leistungen erbringen können und dass sie auch im Namen Indonesiens unterwegs sind. Wenn die Gesellschaft das erkennt, gibt es einen größeren Raum für ihre Teilhabe am Leben. Sie können mit weniger Diskriminierung und ohne Stigmatisierung leben. Zumindest ihre Familien sind jetzt sehr stolz auf diese talentierten Menschen, weil sie nach Berlin geflogen sind und dort Indonesien vertreten haben.

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen von: Hendra Pasuhuk

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Geist der Solidarität und des Miteinanders

In Myanmar lautet ein Sprichwort: „Sport und Politik haben nichts miteinander zu tun“. Doch der Protest gegen die Militärjunta nach dem Putsch vom 1. Februar 2021 ist auch beim Fußball präsent. Viele Spieler zogen sich seitdem zurück.

„In Myanmar ist Fußball der Sport, den das ganze Land unterstützt. Sogar meine fast 70 Jahre alte Mutter sieht sich die Weltmeisterschaft an. Man könnte sagen, dass wir uns für nichts anderes interessieren als für Fußball“, so schildert es Sportkolumnist Ko Moe. Fußball ist in Myanmar durch alle Gesellschaftsschichten hindurch beliebt.

Als sich der ehemalige Fußballnationalspieler Ko Kha Yan nach dem Putsch der Junta von General Min Aung Hlaing erstmals entschloss, sich den Protesten anzuschließen, machte das landesweit Schlagzeilen. Später trat er aus der Nationalmannschaft zurück und streikte. Er spielte auch nicht mehr in der Myanmar National League (MNL). „Jeder Profisportler hat den ultimativen Traum, sein Land zu vertreten. Es ist aber beschämend, unser Land zu repräsentieren, während unser Volk stirbt und das Land in der Dunkelheit liegt. Wenn wir an internationalen Spielen teilnehmen und dort spielen, wird die ganze Welt denken, alles sei normal und nichts wird sich ändern.“

Boykott der Nationalmannschaft

Ko Kha Yan hat sich inzwischen vom Fußball verabschiedet und arbeitet im Familienunternehmen mit. Einige Spieler haben sich dafür entschieden, Myanmar zu verlassen und spielen nun in Thailand, Malaysia und Singapur. Andere wiederum schlossen sich wieder ihren lokalen Vereinen in Myanmar an. Ein Spieler der Mannschaft Yangon United sagt dazu, er habe sich für die Rückkehr entschieden, weil er nichts anderes tun könne, als Fußball zu spielen.

Für manche gab es noch gravierendere Folgen. Chan Bo Bo Nyein, 21, Kapitän der Jugendmannschaft von Hantharwady, wurde am 27. März 2021 bei Demonstrationen in Insein, Yangon, vom Militär erschossen. Der Fußballverband Myanmars (MFF) gab eine Erklärung ab, um sein Beileid auszudrücken, ließ die Todesursache jedoch unkommentiert.

Der erste internationale Auftritt der myanmarischen Fußballnationalmannschaft nach dem Putsch von 2021 war bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Das Team verlor das erste Spiel gegen Japan mit 0:10 — dem schlechtesten Ergebnis in der Geschichte der Mannschaft. Viele Spieler hatten die Teilnahme aus Protest gegen die Junta verweigert. „Es ist logisch, dass das schlechteste Ergebnis in der Geschichte des myanmarischen Fußballs zustande kommt, wenn die einzigen teilnehmenden Spieler solche sind, die den Diktator wie ihren Vater sehen. Es waren unqualifizierte Leute, die die Gelegenheit nutzten, während das Land in Trümmern lag und Unordnung herrschte“, sagt Ko Kha Yan.

Auch die Fans scheinen die Nationalmannschaft im Stich zu lassen. Die Mehrheit der Bevölkerung boykottiert alle Auftritte der Mannschaft, ob im In- oder Ausland. Seit dem Putsch hat Myanmars Nationalmannschaft 21 Länderspiele bestritten — und nur eines davon gewonnen. Während sie im Dezember 2020 noch auf Platz 137 der FIFA-Weltrangliste stand, fiel sie bis zum 22. Dezember 2022 auf Platz 159 zurück.

Bewunderung für Messi und Ronaldo

Die Abwendung vom nationalen Fußball bedeutet jedoch nicht, dass das Interesse am Fußball gänzlich erloschen ist. In Myanmar gibt es eine ausgeprägte Kultur der Unterstützung von Fußballmannschaften im Ausland. „Obwohl sich die Nationalmannschaft von Myanmar nie für die Weltmeisterschaft qualifiziert hat, haben wir Mannschaften, die wir bei der Weltmeisterschaft unterstützen. Argentinien und England sind in diesem Jahr die am meisten unterstützten Teams“, sagt Ko Moe im Vorfeld der Fußball-WM 2022.

Ko Ye Soe, ein Fan Argentiniens, der die Mannschaft seit mehr als zwei Jahrzehnten verfolgt, sagt: „Es geht nicht darum, dass wir Argentinien lieben oder dass wir Frankreich hassen. Es geht vor allem darum, dass wir den WM-Titel für Messi wollen. Wir wollen ihn, bevor er als bester Spieler der Geschichte in Rente geht. Jetzt ist unser Traum wahr geworden. Er hat die Weltmeisterschaft gewonnen.“ Französische Spieler werden in asiatischen Sportzeitschriften selten erwähnt. Die Region ist eher mit der englischen oder der südamerikanischen Fußballlandschaft vertraut.

Kein Wunder, dass die jahrzehntelange Rivalität zwischen Messi und Cristiano Ronaldo auch die Fans in Myanmar nicht unberührt lässt. Der 21-jährige Ko Chan Nyein Ko ist Anhänger von Portugal, der Mannschaft Ronaldos. „Unter den europäischen Vereinen unterstütze ich Real Madrid und was Nationalmannschaften angeht, unterstütze ich Portugal. Nicht nur wegen der Weltmeisterschaft, sondern weil ich sie schon immer unterstützt habe. Als Argentinien und Frankreich im Finale aufeinander trafen, habe ich Frankreich unterstützt. Ich wollte nicht, dass Messi die Weltmeisterschaft gewinnt.“

Premier League hat viele Fans in Myanmar

Ma Thu Thu Lwin studiert Russisch an der Yangon University of Foreign Languages. Ihr Interesse an der Premier League liegt woanders. „Der Grund dafür, dass ich ein weiblicher Fan der englischen Mannschaften bin, sind die gut aussehenden und hübschen britischen Jungs“, erklärt sie. Es ist nicht das erste Mal, dass englische Spieler eine solche Hingabe wecken. Vor zwei Jahrzehnten schwärmten viele Frauen in Myanmar für Michael Owen, den Starstürmer von Manchester United und der englischen Nationalmannschaft.

Manchester United ist wohl das europäische Team, das in Myanmar am stärksten unterstützt wird. Die meisten älteren Menschen haben sich für „Man U“ entschieden, weil sie in den 1990er und 2000er Jahren eine starke Mannschaft waren. Offizielle Fanklubs veranstalten üppige Partys in Luxushotels wie dem Novotel in Yangon für die Anhänger*innen von Man U, der auch der Lieblingsverein vieler Generäle in Myanmar ist.

Trikots und Schuhe entstehen in Sweatshops

Die Premier League ist bei weitem die beliebteste ausländische Fußballliga in Myanmar, wobei die Menschen ihre Loyalität zwischen den Mannschaften Manchester United, Arsenal, Liverpool und Chelsea verteilen. Die humorvolle Kurzdokumentation The Special One, die 2017 von Tagu Films unter der Regie von Filmemacher Lamin Oo produziert wurde, porträtiert „Den größten Chelsea-Fan aus Myanmar“.

Dieser Fan leitet ein Geschäfts auf dem San Pya Fischmarkt in Yangon und führt es wie eine Fußballmannschaft. Seine Arbeiter*innen tragen ein Chelsea-Trikot als ‚Uniform‘. Wie und wo all diese bunten Trikots hergestellt werden, ist jedoch alles andere als lustig.

Offizielle Trikots, produziert von bekannten Marken, kosten zwischen 90 und 150 US-Dollar. Die von den Spielern getragenen Stollenschuhe kosten mindestens 200 US-Dollar. Die Myanmar Pou Chen Company Limited ist Zulieferer bekannter Marken wie Adidas und Nike, für die einige dieser Kleidungsstücke hergestellt werden. Der Tageslohn der Angestellten beträgt 4800 MMK (etwa zwei US-Dollar).

Am 25. Oktober 2022 forderten rund 2000 Arbeiter*innen eine Erhöhung des Tageslohns auf 8000 Myanmar Kyat (MMK), was 3,80 US-Dollar entspricht. Insgesamt 26 von ihnen wurden von den Fabrikbesitzern entlassen, 16 wurden beschuldigt, einen Protest angeführt zu haben. Die niedrigen Löhne waren nicht der einzige Grund für den Protest, es ging auch um die Arbeitsbedingungen. Die Beschäftigten müssen täglich von weit entfernten Orten außerhalb Yangons anreisen und verlangten daher, dass die Fabrik einen Transport organisiert oder einen Teil ihrer Transportkosten übernimmt. Sie forderten außerdem das Ende unbezahlter Überstunden.

Nach zwei Monaten Arbeitslosigkeit bot die Fabrik an, die zuvor entlassenen Arbeiter*innen wieder einzustellen und stimmte einigen ihrer Forderungen zu. Der neue Vertrag sieht einen geringeren Arbeitsumfang und keine Überstunden vor. Es gibt jedoch andere Punkte, bei denen die neue Vereinbarung scheitert. „Die Arbeiter*innen erhalten den gleichen Lohn. Selbst wenn es viele Aufträge gibt und Überstunden erforderlich sind, wird der Lohn nicht erhöht. Wir werden jedoch mit der Forderung nach einer Lohnerhöhung schrittweise fortfahren“, sagt Ma Phyo Thida Win, eine Arbeitnehmervertreterin in der Fabrik.

In anderen Bekleidungsfabriken gibt es noch besorgniserregende Entwicklungen. Seit dem Putsch sind die meisten Gewerkschaftsführer*innen und viele Mitglieder entlassen worden. Die Rechte von Arbeiter*innen haben sich verschlechtert. Am 28. Februar 2023 wurden zwei Fabriken chinesischen Besitzes, die in Yangons Shwepyithar-Industriezone Kleidung für Primark herstellten, geschlossen. Dadurch wurden mehr als 2000 Arbeiter*innen arbeitslos. Die Schließung dieser Fabriken steht beispielhaft für die wirtschaftliche und soziale Krise, die sich nach der Machtübernahme durch das Militär entwickelt hat. Einem Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) zufolge hat ein Viertel der Bevölkerung in acht Townships in den Vororten von Yangon (darunter auch Shwepyithar) 2022 kaum ein Einkommen erzielen können.

K(l)icken für die Revolution

Trotz Boykott und Wirtschaftskrise lässt sich mit Fußball immer noch Geld verdienen, nicht nur mit den traditionellen Wett- und Glücksspielen. Junge Menschen unterstützen die Anti-Junta People’s Defense Forces (PDF), indem sie das Interesse am Fußball ausnutzen. Die Revolution kann jetzt durch das Anschauen eines Spiels finanziert werden. Dafür werden auf Webseiten, die Fußballspiele übertragen, Werbegelder gesammelt.

Andere Webseiten bieten Links an, über die Menschen Geld an eine bestimmte Organisation spenden können. Dieses Geld wird dann von den Inhaber*innen der Webseite an bewaffnete PDF- Gruppen überwiesen. Bei diesen Links muss niemand sein eigenes Geld spenden. Stattdessen müssen die Nutzer*innen lediglich auf eine Werbung klicken. Nach dem Anklicken zahlen die Werbetreibenden den Inhaber*innen der Webseite ein paar Cent für jeden Klick. Die Betreiber*innen der Webseite stellen sicher, dass täglich mehrere Links zur Verfügung stehen, sodass es leicht ist, Geld‚’zu spenden‘.

„Click to donate“ ist eine der bekanntesten Formen von Webseiten, mit denen Geld für die Revolution gesammelt wird. Nach Angaben des Betreibers einer solchen Website wurden innerhalb von anderthalb Jahren 1,4 Millionen Singapur-Dollar (1 Million US-Dollar) für Spenden über seine Website gesammelt. Der Erfolg dieser Methode des Spendensammelns zeigt, wie die Liebe der Menschen zum Fußball und der Zugang zum Internet kombiniert helfen können, die Bewegung gegen die Junta zu unterstützen, ohne die ohnehin schon mit finanziellen Problemen kämpfenden Menschen zu belasten.

Fußball und die Fußball-Industrie können als ein Raum betrachtet werden, in dem sich für bestimmte politische Themen eingesetzt werden kann. Fußball kann aber auch als reines Unterhaltungsmedium betrachtet werden. In einer Zeit, in der viele Menschen mit erdrückenden Problemen und Notlagen konfrontiert sind, kann Fußball ein Zufluchtsort sein. Die Frage bleibt, wie solch ein potenzieller Zufluchtsort zugleich Raum für politische Aussagen sein kann. Manch eine*r mag sich auch fragen, ob es überhaupt möglich ist, mit gutem Gewissen unpolitische Unterhaltung zu genießen und daran teilzunehmen, während Mitbürger*innen einen politischen Kampf führen, der Entbehrungen, Risikobereitschaft und Disziplin erfordert.

Übersetzung aus dem Englischen von: Linda Bowes

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3 | 2023, Deutschland, Indonesien, Interviews,
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Geist der Solidarität und des Miteinanders

Indonesien: Der Sportjournalist Andrin Brändle verbrachte drei Monate mit den Ultras des Fußballvereins PSS Sleman. In seinem Buch „Ein Sommer mit Sleman“ beschreibt er den Alltag der Fußballfans und ihre Reisen zu Auswärtsspielen und gibt so einen lebendigen Eindruck der Fußball-Fan-Szene.

Hast du jemals gefühlt,
einen Lichtschimmer, einen Traum vor Augen zu sehen,
der javanische Super-Adler wird definitiv siegen.
Nach Jahren
fühlt man sich nicht mehr so müde,
Morgen folgt auf den Morgen,
und es gibt immer noch Wünsche.
Es ist eine Ehre,
dich als Helden zu begleiten,
immer weiter zu kämpfen,
Hoffnungen wahr werden zu lassen,
daran zu glauben, dass wir Freunde feiern werden…
Für diesen einen Namen,
voller Stolz in meiner Brust,
werde ich alles geben,
der javanische Super-Adler
wird der Sieger sein.
Ich werde alles opfern,
bis du es geschafft hast…

(Hymne des PSS Sleman)

Meine Familie und ich sind im Februar 2023 von Sleman, einem Regierungsbezirk im Norden der indonesischen Provinz Yogyakarta, in die ostdeutsche Stadt Leipzig gezogen. Vielleicht ist das kein Zufall: Beide Orte sind bekannt für ihre umstrittenen Fußballvereine. Über ‚meinen Verein‘, den PSS Sleman, ist 2020 ein Buch erschienen: Ein Sommer mit Sleman von Andrin Brändle, einem Schweizer Sportjournalisten und Fußballfan. 2019 hatte er den langen Weg nach Yogyakarta auf sich genommen, um dort drei Monate lang bei PSS Sleman die Fankultur im indonesischen Fußball kennen zu lernen. Anfangs habe er noch nicht den Plan gehabt, ein Buch zu schreiben, sagt Brändle in diesem Interview, doch dann habe er so viele Geschichten gefunden, wie die Fan- Subkultur dort gelebt wird, dass er sich entschieden habe, seine Erfahrungen niederzuschreiben.

2023 hat Brändle die indonesische Übersetzung des Buches in Berlin vorgestellt. Grund genug für mich als stolzer PSS Sleman-Fan, drei Stunden mit dem Regionalexpress von Leipzig nach Berlin zu fahren, um bei der Buchvorstellung dabei zu sein.

Indonesische Fankultur erforschen

In Ein Sommer mit Sleman untersucht der Autor die Fankultur der PSS-Sleman-Anhänger, insbesondere der Ultras der Brigata Curva Sud, kurz BCS. Diese hat sich in den 2000er-Jahren von der Kultur der Ultras in Italien inspirieren lassen. Tatsächlich wurde der Name „Brigata“ aus dem italienischen Film L’ultimo Ultras aus dem Jahr 2009 übernommen und später „Curva Sud“ hinzugefügt, weil die Südkurve des Maguwoharjo-Stadions in Yogyakarta als Heimtribüne des PSS Sleman gilt.

Die Fankultur der Ultras hat sich trotz der räumlichen, zeitlichen und kulturellen Entfernung von Italien in Indonesien weiterentwickelt. Auch hier gibt es manchmal Gewaltexzesse. Aber vor allem geht es BCS-Ultra darum, die Spieler nicht nur mit Anfeuern zu unterstützen, sondern auch außerhalb des Stadions zu helfen: etwa mit vitaminreichem Essen oder Fitnessgeräten, die sie durch den Verkauf von Werbeartikeln erstehen. Die Ultras sehen sich als die ‚ewigen Eigentümer‘ des Clubs: Spieler, Trainer und Management können kommen und gehen – aber die Fans bleiben.

Das Selbstverständnis der BCS basiert auf Werten wie Brüderlichkeit und Kampfeswillen, die sich zum Manifest entwickelt haben, das als Leitfaden für die Aktivitäten der Fans dient. Andrin Brändle beschreibt dies prägnant und sehr eindringlich. In der indonesischen Ausgabe Musim Panas Bersama Sleman behandelt er auch die Haltung und Reaktion der BCS-Ultras auf die Tragödie des indonesischen Fußballs im Stadion von Malang im Oktober 2022.

Verein und Ultras: mal Harmonie, mal Konflikte

Das Buch ist in elf Kapitel gegliedert und hat drei große Grundthemen: Das erste ist die Motivation des Autors, der sich bis zum letzten Moment immer wieder fragt, warum er den ganzen Weg aus der Schweiz nach Sleman gekommen war. Das zweite und größte Thema sind die Begegnungen zwischen den Ultras der Brigata Curva Sud und anderen Fans, die mal positiv und konstruktiv, mal aber auch konfliktreich sind. Als drittes beschreibt Brändle die Beziehung zwischen den Ultras der BCS und dem PSS Sleman. Auch hier gibt es mal Harmonie und mal Konflikte. Dabei geht der Autor auch auf Themen außerhalb des Spielfelds ein: auf den Alltag auf überfüllten Straßen, die beschwerliche Arbeit auf dem Land und um die Leichtigkeit, mit der Indonesier*innen neue Bekanntschaften machen.

Ein Sommer mit Sleman ist einfach und sachlich geschrieben, dennoch löste das Buch bei mir starke Emotionen aus. Brändle schreibt kurz und prägnant, ohne das Wesentliche zu reduzieren. Dass ein ausländischer Autor dieses Buch geschrieben hat, macht die indonesische Ausgabe besonders interessant. Das Layout und die Illustrationen sind ungewöhnlich, sie spiegeln ein tiefes Gefühl wieder und unterstützen die Erzählung [in der deutschen Ausgabe wird die Erzählung von den zahlreichen Fotos des Autors unterstützt, d.R.]. Das Buch wirkt außergewöhnlich inspirierend auf mich als Leser. Als ich es zu Ende gelesen hatte, habe ich mich als langjähriger PSS-Sleman-Fan berührt und stolz gefühlt.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Christina Schott

Rezension zu: Andrin Brändle. Ein Sommer mit Sleman. Burkhardt & Partner Verlag. 188 Seiten. 2020
Andrin Brändle. Musim Panas Bersama Sleman. Dibataspagar. 2023

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Südostasien: Das traditionelle Spiel mit dem geflochtenen Ball hat sich über die Jahrhunderte in Südostasien ausgebreitet. Als Wettkampf dient es heute auch zur Identifikation.

Mit einem schnellen Tritt geht der Ball gekonnt über das Netz. Auf der Gegenseite kickt ein Spieler mit seinem Fuß den Ball präzise zurück, so dass ihn die Spieler auf der anderen Seite des Netzes nicht mehr abfangen können. Der Ball kommt auf dem Boden auf: ein Punkt für die Gegenseite.

Sepak Takraw gehört zu den beliebtesten Sportarten in Südostasien, insbesondere in Malaysia und Thailand. Diese zwei Länder haben denn auch dem Spiel gemeinsam seinen Namen gegeben. Sepak kommt aus dem Malaysischen und heißt so viel wie kicken oder stoßen. Takraw hingegen ist ein thailändisches Wort und steht für den geflochtenen Ball.

Spektakuläre Aktionen prägen das Spiel

Der Ball ist eigentlich kein Ball, er ist nicht mit Luft aufgepumpt. Es handelt sich um ein kugelartiges Geflecht aus Rattan. Das gibt dem Ball eine spezielle elastische Eigenschaft. Für diese Sportart erweist sich das als optimal, denn der Ball wird mit dem Fuß – oder genauer: mit dem Fußrücken – über das Netz auf die gegnerische Seite gespielt. Der Rattanball darf mit allen Körperteilen gestoßen werden, außer mit den Händen. Die Spieler*innen springen dabei so hoch, dass sie mit den Füßen dort treten, wo Volleyballer den Block spielen. Dies führt zu so akrobatischen und spektakulären Sprüngen wie Saltos, Scherenschlägen oder gedrehten Fallrückziehern.

Bereits im 15. Jahrhundert sollen die Menschen in Malaysia gegen einen Rattanball getreten haben. Damals war es zunächst ein Circle Game: Die Spieler*innen standen in einem Kreis und versuchten den Ball so lange wie möglich in der Luft zu halten, ohne Hände und Arme zu benutzen. Bei einer neueren Variante, dem Hoop Takraw befindet sich im Zentrum des Kreises auf 5,8 Metern Höhe ein Korb, in den der Ball auf möglichst raffinierte Art befördert werden muss. Das heutige Sepak Takraw hat sich jedoch als Standard durchgesetzt. In Europa hingegen ist das südostasiatische Ballspiel noch relativ unbekannt.

Einstmals eine Domäne der Malaien

Während der Kolonialzeit haben die Engländer stattdessen das Badmintonspiel in Malaysia eingeführt. Neben Tischtennis ist Badminton heute vor allem bei der chinesisch- und indisch-stämmigen Bevölkerung als Freizeitsport beliebt. Sepak Takraw dagegen ist eher eine Domäne der Malaien geblieben, auch wenn der Sport bei anderen Bevölkerungsgruppen im Vielvölkerstaat mittlerweile an Beliebtheit gewinnt.

Sepak Takraw ist außer in Malaysia und Thailand mittlerweile auch in Indonesien, Laos, Myanmar, Kambodscha und den Philippinen zu einer beliebten Ballsportart geworden. In Dörfern, aber auch in den Hinterhöfen städtischer Wohngebiete lässt sich das Feld hierfür schnell abstecken. Ein passendes Netz lässt sich auch leicht finden. Man kann überall spielen, auf weichem oder hartem Grund. Das Spielfeld ist deutlich kleiner als beim Volleyball, das dem Sepak Takraw in vielen Aspekten ähnlich ist. Der Hauptunterschied ist das Spiel mit dem Fuß statt mit der Hand. Mit 1,52 Metern ist das Netz zwischen den beiden gegnerischen Spielfeldern entsprechend niedriger als beim Volleyball.

Wichtige kulturelle Bedeutung

Wegen seiner langen Geschichte hat dieses Spiel auch eine wichtige kulturelle Bedeutung in Südostasien. Es gilt als Symbol nationaler Identität und wird gerne im Rahmen von traditionellen Festen und Feierlichkeiten gespielt. Dadurch werden die Spiele zu wichtigen sozialen Ereignissen. Da es sich im stark muslimisch dominierten Malaysia für Frauen allerdings nicht ziemt, die Beine zum Kicken des Balls so weit in die Höhe zu schwingen, ist das Spiel dort bisher eine Männerdomäne geblieben.

Mehr und mehr gewinnt Sepak Takraw auch als Wettbewerbssport an Popularität. Turniere und Wettkämpfe finden auf lokaler, nationaler und vereinzelt sogar auf internationaler Ebene statt. Das Geflecht aus Rattan hat dabei allerdings schon lange ausgedient. Seit 1984 wird bei Turnieren ein genormter Kunststoffball eingesetzt, der dem ursprünglichen Spielgerät nur noch äußerlich ähnlich sieht.

Sepak-Takraw-Spiele ziehen heute große Menschenmengen an. Beim Anfeuern der Teams entsteht ein Gemeinschaftsgefühl sowie Stolz auf das eigene Land oder auch die ganze Region. Dabei spielen traditionelle Werte wie Fairplay, Teamgeist und Respekt eine Rolle – Werte, die sich in der Haltung der Spieler und Zuschauer widerspiegeln. Das Spiel kann daher helfen, diese Werte zu lehren und zu fördern. Es ermöglicht außerdem ein integratives Umfeld, in dem sich Menschen unterschiedlicher Herkunft und aus verschiedenen sozialen Schichten auf Augenhöhe begegnen können.

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Philippinen: Im Interview berichtet die Fußballspielerin Alyanna Yatco von ihrem Weg in die U15-Nationalmannschaft und ‚das Leben danach‘

südostasien: Wann und warum bist Du Fußballerin geworden?

Alyanna Yatco: Als ich anfing, war ich elf Jahre alt. Schon als Kind sah ich, wie mein Onkel für sein Highschool Team spielte. Er hatte früh zu spielen begonnen. Als ich ihn beobachtete, war er also richtig gut. Mich hat motiviert, ihn mit seinen Teamkameraden beim Training und den Spielen zu sehen. Zu sehen, wie sie zusammen abhängen, essen, spielen und sogar zusammen lernen – das hat mich dazu gebracht, auch in einem solchen Team sein zu wollen. Bevor ich mit Fußball anfing, bin ich geschwommen und habe Taekwondo gemacht. Allerdings waren das Einzelsportarten.

Welche Herausforderungen brachte der Umstieg in den Mannschaftssport?

Eine Herausforderung war, mit den anderen Spieler*innen während des Spiels zu kooperieren. Meine bisherige Erfahrung war: „Wenn ich nicht gut bin, enttäusche ich mich nur selbst.“ Aber beim Fußball leidet die ganze Mannschaft, wenn ich keine Leistung bringe. Es geht um das „Wir“ und nicht mehr um das „Ich“. Ein weiteres Hindernis war, dass Fußballturniere meist in älteren Altersklassen ausgetragen werden. Für Kinder unter 15 Jahren wird eine gemischte Mannschaft gebildet, in der sowohl Mädchen als auch Jungen spielen. In der Mannschaft sind auch immer mehr als 11 Spieler*innen zum Einwechseln. Gegen die Jungs anzutreten war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Du triffst auf Jungs, die wissen, wie sie ihren Körper einsetzen müssen, um dich zu blockieren oder dir den Ball abzunehmen.

Hat Deine Familie Dich ermutigt?

Da mein Onkel bereits spielte und wir unter einem Dach wohnen, waren sie sehr hilfsbereit. Die Schule, für die ich anfing zu spielen, war die Schule meines Onkels. Sie waren sehr entspannt, wenn es um das Programm, die Trainer und die Atmosphäre ging. Sie waren wirklich sehr ermutigend, als ich anfing – auch wenn sie lauter Fragen hatten, weil Fußball nicht wirklich als Mädchensport galt. Aber wir haben gemeinsam gezeigt, wie es funktionieren kann.

Wie haben deine Freunde reagiert?

Ich war erst in der fünften Klasse, also fanden meine Freunde es wirklich cool. Davor hatten wir keinen Fußball in der Schule. Meine Freunde und Lehrer fanden es erstaunlich, dass ich für eine andere Schulmannschaft spielte und einen Sport machte, von dem sie bisher nicht viel mitbekommen hatten. Sie gehen an Wochenenden ins Einkaufszentrum oder in die Kirche, während ich normalerweise zum Training oder zu Spielen gehe. Das fanden sie sehr interessant. Sie haben mich dann auch unterstützt und meine Spiele angeschaut.

Du wurdest später in den Kader der U15-Nationalmannschaft aufgenommen. Wie kam es dazu?

Als die älteren Spieler*innen meines Vereins über Fahrgemeinschaften zum Stadion sprachen, fragte ich sie, wohin sie fahren. Sie sagten: „Wir trainieren, um in die U-15 Nationalmannschaft zu kommen“. Damals war ich erst 13 Jahre alt, also habe ich sie gefragt, ob ich mitkommen kann. Sie antworteten: „Okay, aber das ist ein Spiel mit elf Spieler*innen und vielleicht bist du zu jung“. Also bin ich nach Hause gegangen und habe beim Abendessen mit meiner Familie darüber gesprochen. Sie sagten mir, mein Ziel sollte sein, einfach nur dabei zu sein, Spaß zu haben und etwas zu lernen – ohne zu erwarten, dass ich ausgewählt werde. Am nächsten Tag hatten die älteren Spieler*innen Training, dort habe ich gefragt, ob ich mitkommen kann. Sie waren sehr ermutigend und offen, also kam ich mit. Sie waren älter als ich, aber es gab auch andere junge Mädchen, die es auch einfach mal ausprobieren wollten. Ich habe es aber nicht in die Vorauswahl geschafft, ich habe es nicht einmal bis zum letzten Tag des Probetrainings geschafft. Aber ich habe nicht aufgegeben!

Wie ging es dann weiter?

Im darauf folgenden Jahr habe ich mich wieder für ein U-15-Team beworben und wieder waren die Spieler*innen ein Jahr älter als ich. Diesmal wusste ich aber, wie man in einer 11er-Mannschaft spielt, und ich wusste, für welche Position ich mich bewerben wollte. Ich habe es als Verteidigerin versucht, denn beim letzten Mal war ich Mittelfeldspielerin. Ich war so glücklich, als ich ins Trainingslager in Manila kam. Ich fuhr direkt von der Schule quer durch die Stadt, nur um am Nachmittagstraining teilzunehmen. Von zu Hause weg zu sein, war beängstigend und auch ganz neu für mich. Im Camp trainierten wir wochenlang zweimal am Tag. Es war eine Achterbahnfahrt! Bei der Endauswahl wird entschieden, wer zu den Wettkämpfen darf und wer zurück nach Hause geht. Ich kam nicht rein. Ich fing wieder an, hart zu arbeiten. Diesmal wusste ich, was ich verbessern sollte. Ein weiteres Jahr verging und ich versuchte es erneut. Dieses Mal schaffte ich es endlich in die Auswahl!

Was hat sich für Dich in der U-15 Nationalmannschaft geändert?

Nationalspielerin zu sein, ist schön. Aber es bringt auch eine Menge Verantwortung mit sich. Auch wenn du nicht die beste Spielerin im Team bist, schauen kleine Kinder zu dir auf. Wir sind keine Idole, aber ich denke, wir sind dennoch eine Inspiration oder Motivation für andere, noch härter zu arbeiten. Was sich für mich am meisten geändert hat, waren Faktoren abseits der Disziplin. Ich dachte immer, Disziplin sei der einzige Schlüsselfaktor als Spielerin. Aber wenn wir im Ausland an Wettkämpfen teilnahmen, war es wirklich schön, Menschen anderer Ethnien und Nationalitäten zu sehen.

Es war auch schön, in meinen Teamkameradinnen Werte zu sehen, die ich nicht von ihnen erwartet hätte, die aber in diesem Sport wichtig sind.

Um welche Werte geht es?

Entschlossenheit, Gelassenheit und Empathie gegenüber anderen Menschen. Wenn du entschlossen bist, etwas zu tun, bringst du das Beste in dir zum Vorschein, auch in deinen schlimmsten Zeiten. Du setzt dir Ziele, erreichst Lösungen und erreichst so deine Träume. Disziplin kann dich dabei nur unterstützen.

Gelassenheit hilft dir, unter Druck mit Herausforderungen umzugehen und dich unter Kontrolle zu halten. Da alle verschiedene Hintergründe, Umfelder und Erwartungen haben, muss das, was für dich funktioniert, nicht für die anderen funktionieren und andersherum. Empathie hat mir in solchen Situationen geholfen, die Menschen, mit denen ich täglich zu tun hatte, kennen zu lernen und zu verstehen.

Wie hat es sich für dich angefühlt, die Philippinen zu vertreten?

Es war eine Ehre, das Land zu vertreten. Wenn man die Nationalhymne singt und mit der Flagge auf der Brust spielt, ist das, als würde man für die 114 Millionen Filipin@s auf der ganzen Welt spielen. Es ist in vielerlei Hinsicht ein sehr sinnstiftendes Gefühl. Es erfordert eine gute innere Einstellung. Ins Ausland zu gehen, ist einfach, wenn man auf Reisen ist. Aber außerhalb des Landes zu spielen, ist Arbeit. Es erfordert Konzentration, Entschlossenheit und eine Menge Weisheit.

Meinst Du, dass es anders ist, in den Philippinen Fußball zu spielen als anderswo auf der Welt?

Unser Land ist sehr auf Basketball und Volleyball ausgerichtet. Fußball wird erst jetzt bekannt, seit die philippinische Frauen-Nationalmannschaft an der letzten FIFA-Frauen-Weltmeisterschaft teilgenommen hat. Ich finde, dass die Dynamik des Fußballs, die Regeln, die Spielweise und die Terminologie mit denen anderer Länder vergleichbar sind. Aber hinsichtlich Strategie, Bekanntheitsgrad und Technik sieht man eine große Lücke. In anderen Ländern sind die Regeln über Technologie klarer festgelegt, etwa über Videoassistenten, die die Fairness des Spiels erhöhen. Da der Sport hier nicht wirklich bekannt ist, gibt es auch keinen lokalen Fernsehsender, der ihn dauerhaft ausstrahlt. Was den Fußball in den Philippinen aber so interessant macht, ist die Tatsache, dass wir nicht so groß sind wie die Community der Basketballer und Volleyballer, so dass wir uns alle kennen. Die Fußball-Community ist so klein, dass es einfach ist, sich zu treffen und über die aktuellen Ereignisse in der Fußball-Community Bescheid zu wissen.

Seit 2021 studierst du Ingenieurwissenschaften. Wie kannst du Studium und Fußballtraining vereinbaren?

Wir haben von früh morgens bis 8:30 oder 9 Uhr Training. Es gibt Tage, an denen ich um 8:30 Uhr Unterricht habe, dann verlasse ich das Training früher, dusche und gehe direkt zum Unterricht. Ich kann froh sein, wenn ich dann noch einen Keks unterwegs essen kann, aber meistens gehe ich mit leerem Magen zum Unterricht, weil mir die Zeit fehlt. Der Trainingsteil ist eine festgelegte Routine, aber wenn ich eine Trainingseinheit verpasse, weil ich Unterricht habe, dann muss ich ein zusätzliches Training am Nachmittag nach dem Unterricht einschieben.

Der schwierige Teil sind die inhaltlichen Anforderungen im Studium. Denn wenn ich von der Uni nach Hause komme, bin ich meistens müde. Der Schlüssel zur Bewältigung von Fußballtraining und Studium liegt darin, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. Ich schaffe das, indem ich mich vorbereite, also einen Zeitplan aufstelle. „Wenn du nicht planst, dann planst du, zu scheitern“ – nach diesem Motto lebe ich jedes Mal, wenn ein neues Semester oder eine neue Saison beginnt.

Was sind deine Ziele?

Fußballprofi zu werden war eigentlich nie ein realistischer Traum für mich. Ich möchte einfach nur eine erfolgreiche, aber auch fitte Ingenieurin sein. Ich würde gerne meinen Doktor machen, hoffentlich bevor ich 35 Jahre alt bin.

Linus Nolte hat das Interview auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt.

 

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3 | 2023, Deutschland, Indonesien, Interviews,
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Geist der Solidarität und des Miteinanders

Kambodscha: Der Dokumentarfilm „Lotus Sports Club“ erzählt von einer Fußballmannschaft, die offen für LGBTIQ- Spieler*innen ist. Teenager finden so im Sport eine stärkende Gemeinschaft und Selbstvertrauen.

„Der Sport hat mir geholfen, mit meinem Schmerz und meiner Trauer umzugehen und er gibt mir ein Gefühl der Freude und des Glücks“, sagt Leak, 18 Jahre, in der Eröffnungsszene von Lotus Sports Club. Man sieht ihn in Nahaufnahme: ein Junge mit feinen Gesichtszügen, glatter Haut und sanft dreinblickenden Augen. Er spricht langsam und schaut nachdenklich an der Kamera vorbei. Was seinen Schmerz und seine Trauer verursacht, lässt sich erahnen. Leak wurde als Mädchen geboren. Er habe schon mit sechs Jahren gewusst, dass er ein Mann sein wolle, erzählt er.

In Lotus Sports Club erzählen der kambodschanische Regisseur Vanna Hem und sein italienischer Co-Regisseur Tommaso Colognese vom einzigen Fußballteam in Kambodscha, das offen für LGBTIQ-Spieler*innen ist. Fast die Hälfte der 22 Mitglieder dieser U21 Fußballmannschaft der Frauen aus Kompong Chhnang sind queer, lesbisch oder trans*.

Pa Vann – Trainer, Vorbild, Vaterfigur

Trainiert wird das Team von Pa Vann, also Papa Vann. Dieser legt großen Wert darauf, dass die Mannschaft gemischt ist, denn das stärke das Team. „Im Sport kann man nicht allein erfolgreich sein“, sagt er beim Training zu seinen Spieler*innen. „Wir schaffen es nur als Team. Die wichtigsten Techniken bauen auf Zusammenhalt auf.“ Das bedeutet: Nur wenn man sich gegenseitig akzeptiert und unterstützt, ist man als Gruppe stark. Diese Erfahrung sollen die Jugendlichen in der Mannschaft machen.

Auch Pa Vann, Ende 50, wurde als Frau geboren. Er redet nicht viel über Identität und Rollenbilder – zumindest nicht im Film – sondern vermittelt den Jugendlichen Werte wie Disziplin, Teamgeist und Akzeptanz, um sie auf ihr Leben vorzubereiten. Dass gerade die queeren Spieler*innen es in einer Gesellschaft wie der kambodschanischen nicht leicht haben werden, weiß er aus Erfahrung. „Wenn queere Spieler*innen gute Leistungen bringen, dann wird das anerkannt“, sagt er in einer Szene mit Tränen in den Augen. In einer Szene kurz vorher hatte er bei einem Spiel seine Mannschaft lautstark gegen Beschimpfungen und Anfeindungen verteidigt. Pa Vann ist aber nicht immer nur nett sondern auch mal ruppig und macht beim Training auch harte Ansagen.

Seine Rolle im Leben der Jugendlichen ist mehr als die eines Trainers. „Viele queere Spieler*innen kommen zu mir nach Hause, weil sie Probleme haben und ich helfe ihnen, Lösungen zu finden“, sagt er. Drei junge Trans-Männer, darunter auch Leak, wohnen bei ihm. „Ich liebe sie wie meine eigenen Kinder“. Die innige Verbindung, ganz besonders zu Leak, zeigt der Film in anrührenden Bildern.

Kurze Momente der gesellschaftlichen Anerkennung

„Pa“ hat auch eine Partnerin, Sophorn. Die Jugendlichen nennen sie „Ma“. Während sie Pa Vann in einer Szene liebevoll graue Haare vom Kopf zupft, erzählt sie von ihrer Beziehung zu ihm und wie ihre Familie sie verstieß. Dass die eigene Familie oder die der Partnerin diese Beziehungen nicht akzeptieren, darüber sprechen verschiedene Protagonist*innen im Film. Der Sport und die Gemeinschaft federn den Schmerz ab, sorgen für Momente des Glücks. Die Kamera fängt einige davon ein. Sie ist beim ausgelassenen Training auf einem staubigen Platz dabei und auch bei der Qualifikationsrunde auf Nationalebene, wo es um Leistung geht und männliche Zuschauer von der Seitenlinie brüllen: „Pass auf, Mannweib“ oder „Brich der Lesbe die Beine.“ Die Mannschaft schlägt sich gut, belegt den dritten Platz. Eine kurze Szene zeigt einen glücklich-strahlenden Leak im kurzen Moment der gesellschaftlichen Anerkennung auf dem Bronze-Treppchen.

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Video-Link: https://vimeo.com/743532865

Der Film begleitet das Team über mehrere Jahre bis 2019. Sportlicher Höhepunkt sind die Nationalspiele 2016. Das Team fährt zum großen Wettkampf nach Phnom Penh und spielt im neuen Olympiastadion – allerdings vor leeren Rängen und bei strömendem Regen. Wie die Mannschaft dort abschneidet, lässt der Film offen und springt anderthalb Jahre weiter: Leak, mittlerweile zu alt für das Team, arbeitet in einem Mini-Markt in Phnom Penh. Er entdeckt das queere Großstadtleben und geht weiter seinen Weg. Er habe schon lange keinen Kontakt zu Pa Vann gehabt, sagt er, denke aber oft an ihn und die Zeit in der Fußball-Gemeinschaft.

LGBTIQ in Kambodscha – marginalisiert und diskriminiert

Im Sport – und vor allem im Fußball – werden Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen, oft diskriminiert. Pa Vann und sein Lotus Sports Club zeigen, wie es anders geht. Hier erleben die queeren Jugendlichen im Sport eine unterstützende Gemeinschaft, die sie anerkennt und wertschätzt, so wie sie sind. Daraus schöpfen sie die Kraft, ihren Weg zu gehen.

Obwohl Kambodscha gleichgeschlechtliche Beziehungen nie kriminalisiert hat, ist die gleichgeschlechtliche Ehe illegal. Seit Jahren versuchen LGBTIQ- Organisationen, im Dialog mit der Regierung eine Besserstellung zu erreichen. Zwar reagiert die Regierung freundlich und verspricht viel, hat aber bisher nichts getan. Lesben, Schwule, Bi-, Intersexuelle und Transgender (LGBTIQ) werden in Kambodschas Gesellschaft marginalisiert. Jobs werden ihnen vorenthalten, sie werden im Alltag beschimpft und belacht. Gesprochen wird über das Thema nur wenig.

Regisseur Vanna Hem, der sich als LGBTIQ identifiziert, möchte das ändern und hat schon einige Kurzfilme gemacht. Lotus Sports Club ist sein erster langer Film. Hier hat er die Zeit, ganz unterschiedliche Seiten seiner Protagonist*innen zu zeigen. Dabei wird immer wieder deutlich, wie schwer die Nicht-Anerkennung durch Familie und Gesellschaft für sie ist. Der Film zeigt ihre Traurigkeit und das Leid, das die Ablehnung verursacht hat. Er zeigt aber auch einen ganz normalen Alltag, Spaß beim Sport und die Geborgenheit, die die Gemeinschaft gibt. Alle Fäden laufen letzten Endes bei Pa Vann zusammen. Wie wichtig eine Person wie er als Identifikationsfigur und Unterstützer für die Jugendlichen ist, scheint eine Hauptaussage des Films sein.

Starke und berührende Hauptfiguren

Die persönlichen Geschichten der Protagonist*innen sind so eindringlich und berührend, dass sie die Erzählung über die Kraft des Zusammenhalts im Sport ein wenig verblassen lassen. Es ist sehr beeindruckend, wie offen sie über ihre Erfahrungen, Ängste und Zukunftswünsche sprechen. In diesen Szenen sind die Einstellungen lang und die Kamera ist sehr nah dran. Da es im Film keine zusätzliche Erzählinstanz gibt, die das Gesagte kommentiert, einordnet oder ergänzt, sprechen die Bilder oft für sich. Leise und langsame Szenen wechseln mit solchen, in denen man das Team in ausgelassener Stimmung auf dem Weg zu Wettkämpfen in Pa Vanns VW-Bus sieht oder mit schnellen Fußballszenen, die teilweise mit energetischer Musik unterlegt sind. Was nach dem Film noch lange in Erinnerung bleibt, sind die berührenden persönlichen Geschichten, verstärkt von den subtilen und doch starken Emotionen in den Gesichtern der Jugendlichen.

Rezension zu: Lotus Sports Club, Regie: Vanna Hem, Tommaso Colognese. Kambodscha, Niederlande. 2022. 72 Minuten. (zu sehen auf Festivals und bei Vimeo on demand)

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3 | 2023, Deutschland, Indonesien, Interviews,
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Philippinen: Die Geschichte der Kampfkunst Arnis geht weit in die vorkoloniale Zeit zurück. Der philippinische Nationalsport wird heute auch international ausgeübt.

Sport spielt in den Philippinen eine wichtige Rolle im Leben der Menschen und hat eine vielfältige Bedeutung für die Gesellschaft. Das beginnt schon im Kindesalter mit sportlichen Spielen. Patintero [ein Fangspiel für zwei Gruppen, die Red.], Luksung Baka [eine Art Bockspringen, die Red.], Chinese Garter [ein Sprungspiel, in Deutschland bekannt als Gummi-Twist, die Red.] sind sehr verbreitet. Das beliebteste Spiel ist Langit-Lupa [ein Fangspiel für eine Gruppe, die Red.]. Auf den Philippinen nennt man diese Spiele Larong Kalye oder Straßenspiele. Hier finden Kinder eine Freizeitbeschäftigung, die sie körperlich und geistig fördert.

Die Sportarten werden von kleinen Barangays (Ortsteilen) bis zu nationalen Veranstaltungen ausgetragen. Die Organisation übernehmen sowohl Vereine als auch Gemeinden und Städte.

Noch vor der Kolonialisierung der Inseln im Pazifik waren Spiele ein Teil der sozialen Zusammenkünfte der Insulaner. Die unterschiedlichen lokalen Sprachen wurden und werden durch Sport überbrückt. Das führt zu sozialem Zusammenhalt und zur Stärkung der Gemeinschaft. Gern werden sogar Kampfsportarten wie Arnis spielerisch ausgetragen.

Von der Kriegskunst zur Kampfsportart

Die Kunst des Arnis – auch Kali oder Eskrima genannt – ist ein Teil der Künste und Traditionen der Kriegerkaste Maharlika.

Diese Kriegskunst umfasst verschiedene Aspekte des Kampfes, insbesondere bewaffnete Auseinandersetzungen mit Lang- und Kurzschwertern, Messern, Speeren sowie Ringen und Schlag- und Tritttechniken. Zu den besonderen Fähigkeiten eines Arnis-Kämpfers gehört der gleichzeitige Einsatz von zwei Waffen und die Verteidigung mit Alltagsgegenständen. Die Ausbildung erfolgt in der eigenen Clan-Gemeinschaft, oft mit Hartholz- oder Rattan Stöcken, um Verletzungen zu vermeiden.

Heute ist Arnis eine der auf Waffen basierenden Kampfsportarten des Landes, die unter dem Oberbegriff Filipino Martial Arts zusammengefasst werden. Neben Nahkampf-, Greif- und Entwaffnungstechniken werden Bastons (Stöcke) aus Rattan oder Kamagong-Holz, Messer, Klingen, Speere, Bolo (Haumesser), der indonesische Dolch kris und das einschneidige Schwert kampilan aus Mindanao verwendet.

Arnis ist auch bei internationalen Wettkämpfen eine etablierte Sportart und eine Disziplin bei den Südostasienspielen. Seit 2010 ist Arnis der offizielle Nationalsport der Philippinen. Er muss an allen philippinischen Schulen gelehrt werden.

Kolonisierung und Verbot der Arnis-Kampfkunst

Aus der vorkolonialen Zeit erzählt man sich bis heute Geschichten der Kriegerin Urduja der Yuan-Dynastie. In weiteren Legenden ist die Rede von Lam-Ang und dem Sonnen- und Kriegs-Gott Apo Laki als Meistern der Kunst. Für die kolonialen Eroberer stellten die Kampfkünste der Einheimischen eine Gefahr dar, da sie deren Selbstbewusstsein stärkte. Eine blutige Auseinandersetzung wie jener, bei der Fernando Magellan 1521 durch philippinische Soldaten unter Lapu-Lapus Kommando getötet wurde, war für die Kolonialisierung ein Hindernis.

Wegen der selbstbewussten und tapferen Krieger der Inseln gelang es den Spaniern erst im Bündnis mit einheimischen Adligen, das Land zu erobern. Dies schwächte das politische Gleichgewicht im Archipel. Die Einheimischen konnten keine effektive Streitmacht gegen die Spanier aufstellen. Das Verbot der Kunst des Arnis durch die spanische Kolonialmacht im Jahr 1764 war ein Herrschaftsinstrument. Die Krieger mussten ihr Können im Geheimen praktizieren und es oft mit Folkloretänzen verbinden. So bewahrten sie ihr Wissen für die Nachwelt.

Seit 1899 haben die USA mit der Übernahme der Philippinen als Kolonie von Spanien und der Befreiung von der japanischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg die Regierung und das Militär bis zur heutigen Zeit geprägt.

Im Zweiten Weltkrieg und im Vietnamkrieg setzten die USA philippinische Soldaten ein, darunter den in Westpoint ausgebildeten späteren philippinische Präsident Fidel Ramos. Der Mythos, dass die USA gezielt Arnis-Meister angeworben hätten, ist aber nicht belegt. Die von den USA angeworbenen Soldaten aus dem Archipel waren meistens keine Arnis-Experten. Eine Ausnahme bildete der Arnis-Großmeister Leo Giron, der bereits in den zwanziger Jahren in die USA gegangen war, im zweiten Weltkrieg unter Befehl von Douglas Mc Arthur kämpfte und später in Kalifornien die philippinische Kampfkunst populär machte.

Leovigildo Giron, der Begründer des Vereins Bahala Na Giron Arnis Escrima, hatte Techniken aus dem Dschungelkrieg entwickelt, die im Zweiten Weltkrieg Verwendung fanden. Bis 1966 behielt Giron sein Wissen für sich. Der Mord an Krankenschwestern in Chicago änderte seine Meinung. Mit Kenntnissen der Selbstverteidugung hätten die Frauen möglicherweise ihr Leben retten können.

Traditionelle Ausübung oder Verwestlichung?

Traditionell wurde Arnis mit mittelalterlichen Kriegswaffen wie Schwert oder Speer ausgeübt. Nach dem Verbot durch die Spanier wurde Arnis weiterhin praktiziert, allerdings wurden die Schwerter und Speere durch Rattan Stöcke ersetzt. Heute wird die Kampfkunst Arnis mit ihren Bewegungsschemata sowie Kampf- und Verteidigungstaktiken wieder weitergegeben. Mit dem Nutzen von scharfen Klingen und Alltagsgegenständen werden Kampfkunstschüler nach einer langen Ausbildung zu Meistern. Wegen der kulturellen Zerstörung durch die spanische Kolonialherrschaft gibt es kaum Informationen über die Herkunft von Kampfkünsten wie Arnis. Archäologische Funde führten zwar zu einigen Fragmenten. Ob lediglich die Maharlika-Krieger diese Kampfkunst eingesetzt haben, oder ob sie weiter verbreitet war, darüber ist nichts bekannt.

Die Verwestlichung asiatischer Kampfkünste und ihre Integration in den Kampfsport führen dazu, dass mit Arnis immer häufiger Turniere im westlichen Stil abgehalten werden. Diese Turniere umfassen normalerweise freie Kämpfe und Vorführungen von Anyo (Stil). Aufgrund des hohen Verletzungsrisikos beim freien Kampf, insbesondere mit Stöcken, sind die Teilnehmer*innen heute in der Regel verpflichtet, Schutzausrüstung wie Helme, Brustpanzer, Handschuhe zu tragen. Zudem werden die Kämpfe mit speziell präparierten Stöcken ausgetragen. Auch sind manche gefährliche Techniken verboten.

Befürworter der westlichen Wettkämpfe betonen den sportlichen Charakter der asiatischen Künste und argumentieren für deren praktische Anwendbarkeit im sportlichen Kontext. Kritiker hingegen sind der Meinung, dass diese Art von Wettkämpfen dem wahren Charakter und Geist der Künste widersprächen und dass durch die stark reduzierte Anzahl und teilweise veränderten Techniken Arnis an Authentizität verliere.

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3 | 2023, Deutschland, Indonesien, Interviews,
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Geist der Solidarität und des Miteinanders

Myanmar: In den 1960 und frühen 70er Jahren war Myanmars Nationalelf führend in Südostasien. Während der Militärherrschaft erlebte der Fußball einen Niedergang. Dieser setzt sich nach dem Putsch von 2021 fort.

Der 25-jährige Ko Kaung Htet Soe vom Verein Yangon United musste sich wie viele andere Profifußballer während der Covid-19-Pandemie einen Nebenjob suchen, als Benzinverkäufer im Geschäft seiner Familie. Sein Verein ist im Besitz von U Tay Za, einem Crony aus dem Dunstkreis des Militärs. Er zahlte ihm nur einen Teil seines schon geringen Profigehalts von rund einer Million Kyat monatlich aus, weniger als 800 US-Dollar beim damaligen Wechselkurs.

Die nationale Fußballliga in Myanmar hat unter der Pandemie gelitten. Die Wirtschaftskrise, verursacht durch den Staatsstreich von 2021, als das Militär die Macht von der gewählten National League for Democracy übernahm, hat sie noch weiter zurückgeworfen.

Kaung Htet Soe bestätigt, dass die Zuschauerzahlen seit dem Putsch deutlich zurückgegangen sind. Aber das liege nicht daran, dass sein Team einem Geschäftsmann gehöre, der als enger Partner der verpönten Militärjunta bekannt sei. „Die Fans haben vielleicht nicht die Zeit, um Fußballspiele anzusehen, oder es ist ihnen zu zeitaufwändig, zu den Stadien zu fahren. Trotzdem schauen einige die Spiele online per Live-Streaming“, sagt er. „Vor weniger Zuschauern zu spielen, ist ein bisschen enttäuschend, aber so ist die aktuelle Situation und wir müssen sie akzeptieren.“

Goldenes Zeitalter der 1960er und frühen 1970er Jahre

Der Fußball in Myanmar hat eine Achterbahnfahrt erlebt, oft zeitgleich mit den politischen Turbulenzen im Lande. Das goldene Zeitalter der 1960er und frühen 1970er Jahre ging über in eine jahrzehntelange Misere, als das Land unter der brutalen Militärdiktatur von Ne Win litt.

Die Nationalmannschaft gewann Gold bei den Asienspielen 1966 und 1970 und qualifizierte sich für die Olympischen Sommerspiele 1972. Myanmar war damals die dominierende Fußballnation in der Region und gewann zwischen 1965 und 1973 beeindruckende fünf Mal in Folge die zweijährlichen Südostasienspiele.

Doch als die Wirtschaft unter Ne Wins burmesischem Weg zum Sozialismus verfiel, litt auch der Fußball. Von 1973 bis heute konnte Myanmar nur noch ein einziges Mal eine Medaille bei den Südostasienspielen gewinnen und holte Silber bei den Spielen 1993.

Ab 2011 brachten politische und wirtschaftliche Reformen einen allmählichen Aufschwung, insbesondere bei den Jugendmannschaften. Zum ersten Mal in seiner Geschichte qualifizierte sich Myanmar 2015 für die U20-Weltmeisterschaft. Die U19-Mannschaft erreichte 2014 das Halbfinale des Asien-Pokals.

Trotz dieser Fortschritte war die A-Nationalmannschaft nicht sonderlich erfolgreich. Sie schied 2018 in der ersten Gruppenphase der WM-Qualifikation aus und erlitt eine demütigende 0:9-Niederlage gegen Kuwait.

Pandemie und Putsch schwächen den Fußball erneut

Die Turbulenzen durch Covid-19 und den Militärputsch haben den ohnehin schon angeschlagenen Sport noch einmal erschüttert. Alle Spiele der inländischen Vereine wurden zwei Jahre lang während der Pandemie suspendiert und viele Klubs konnten nach Angaben des 40-jährigen Spielervermittlers U Ye Naing Win ihre finanziellen Verpflichtungen gegenüber ihren Spielern nicht mehr erfüllen.

„Einige Vereine boten ihren Spielern zwar eine minimale Unterstützung an, aber das reichte angesichts der Verantwortung der Spieler für ihre Familien nicht aus. Es war eine äußerst schwierige Zeit für alle Beteiligten im Fußball“, sagt er. „Daher trafen einige Spieler die schwere Entscheidung, ihre Fußballkarriere aufzugeben und andere Möglichkeiten zu suchen, um die Zeit der Pandemie zu überstehen. Sie nahmen unterschiedliche Jobs an, zum Beispiel verkauften sie Kleidung über soziale Medien oder arbeiteten als Taxifahrer.“

Der Putsch (Anfang 2021) verstärkte diese Probleme noch, da die Wirtschaft weiter abstürzte. Aus Protest weigerten sich einige Schlüsselspieler zunächst, für die Nationalmannschaft Myanmars zu spielen. Der Kader war bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 stark dezimiert. Das gipfelte in der schlimmsten Niederlage, die Myanmar je in einem Wettbewerb erlitt, einer 0:10-Niederlage gegen Japan.

Crony-Liga ohne klares Ziel

Der Eigentümer des Clubs Yangon United, U Tay Za, ist von westlichen Ländern sanktioniert worden. Ihm wird die Beteiligung an Waffenlieferungen für das Militär vorgeworfen, das sie gegen Tausende von Zivilisten eingesetzt hat. In dieser Hinsicht ist der Verein kein Einzelfall. Viele Clubs sind im Besitz von Cronies oder Wirtschaftsmagnaten, die eng mit der Politik verbunden sind. So ist der Ayeyarwady FC im Besitz von U Zaw Win Shein, dem Gründer von Ayeyar Hinthar Holdings. Ihm wird vorgeworfen, als geschäftlicher Stellvertreter der Tatmadaw zu fungieren.

Shan United, der erfolgreichste Verein in jüngster Zeit, gehört der Unternehmensgruppe Kanbawza, die wegen ihrer mutmaßlichen Verbindungen zum Militär von den USA bis 2012 mit Sanktionen belegt war. Dagon Stars United ist im Besitz des Unternehmens Dagon, das von 2009 bis 2015 ebenfalls von den USA sanktioniert wurde.

„Soweit ich weiß, wurden entsprechende Leute von aufeinander folgenden Regierungen ausgesucht, um das Management der Clubs zu beaufsichtigen“, sagt Ye Naing Win, der Spielervermittler. Anfangs haben diese Tycoons die Projekte vielleicht als Investments zum Geldverdienen gesehen. Aber sie sind wohl eher fehlgeschlagene Prestigeprojekte. „Sie merkten bald, dass die Clubs keine Gewinne abwarfen und stattdessen mehr Kosten verursachten.“

Da ihnen diese Vereine jedoch von den vom Militär gestützten Regierungen aufgezwungen wurden, haben sie wohl kaum eine andere Wahl, als den Kopf einzuziehen und weiterhin Verluste hinzunehmen als Gegenleistung für andere aussichtsreiche Geschäftsmöglichkeiten.

Auch der Fußballverband Myanmars, der die nationale Liga und die Nationalmannschaft organisiert, wird von Militär-Cronies dominiert , einschließlich des amtierenden Präsidenten Zaw Zaw, Vorsitzender der Max Myanmar Unternehmensgruppe. Der Sohn des Besitzers von Yangon United, Pyae Phyo Tay Za, der ebenfalls von den USA sanktioniert wurde, ist Vorsitzender des Sportausschusses.

Erheblicher Einfluss der Politik

Die Myanmar National League hat mittlerweile den Spielbetrieb wieder aufgenommen, doch wegen der Instabilität in weiten Teilen des Landes werden die Spiele nur in der Region Yangon ausgetragen. Im Jahr 2020, der letzten vollständigen Saison vor der Pandemie und dem Putsch, wurden Spiele im ganzen Land ausgetragen, auch in der Region Sagaing und im Shan-Staat, wo es in den letzten Jahren schwere Konflikte gab.

Nach Ansicht von Ko Si Thu Hein*, einem ehemaligen Fußball-Experten, gibt es in Yangon nicht genügend Platz für alle Mannschaften, was sich negativ auf das Training und die allgemeine Qualität der Liga auswirke. Von internationalen Fußballorganisationen habe es einige Unterstützung gegeben, aber nicht von den wechselnden Regierungen im Inland.

„Die Politik hat erhebliche Auswirkungen auf die Fußballbranche in Myanmar, da sie die Beziehungen zwischen den Klubbesitzern und der Regierung beeinflusst sowie die Möglichkeit, Gewinne zu erzielen“, sagt er.

Das Publikumsinteresse ist deutlich zurückgegangen, wahrscheinlich durch politischen Boykott und die allgemeinen Umstände. Das Militär hat seit der Machtübernahme Schwierigkeiten, genügend Strom zur Verfügung zu stellen, und die Vereine haben nur begrenzte Budgets für Generatoren. Deshalb finden die Spiele früher am Tag statt, wenn viele Fans wahrscheinlich arbeiten. Und Fans von Mannschaften, die nicht in Yangon ansässig sind, reisen auch kaum zu den Spielen in die Wirtschaftsmetropole, insbesondere da in weiten Teilen des Landes Bürgerkrieg herrscht.

Fußballfan Ko Aung Ko Min erklärt, dass er zu keinem Spiel mehr gehe, obwohl er im Sanchaung Township in Yangon lebe, und nicht einmal mehr die Liga verfolge. „Ich habe lebhafte Erinnerungen daran, wie ich als Kind mit meinem Vater Fußballspiele in Myanmar gesehen habe. Früher war das eine Quelle für Spaß, Begeisterung und Freude“, sagt er. „Jetzt interessiert es mich kaum noch. Ich kenne nicht mal mehr die Spieler.“

Ko Naing Thu aus dem Tarmwe Township stimmt dem zu. „Ich interessiere mich nur noch für Spieler, die im Ausland aktiv sind, wie Aung Thu und Than Paing. Spiele innerhalb Myanmars sind nicht mehr so attraktiv, vor allem nicht unter der Herrschaft des Militärregimes“, sagt er.

Spieler verlassen das Land

Während die Liga verkümmert, verlassen immer mehr Spieler das Land. Ye Naing Win, der Spielervermittler, hat nach eigenen Angaben allein im letzten Jahr 14 Spielern aus Myanmar geholfen, in andere Länder der Region zu wechseln, etwa nach Südkorea, Thailand, Laos oder Malaysia. Selbst in der zweiten thailändischen Liga verdienten die Spieler mindestens 10 Millionen Kyat pro Monat, zehnmal so viel wie in Myanmars erster Liga. In Myanmar seien die Gehälter auch nicht angepasst worden, als die Währung nach dem Putsch fast die Hälfte ihres Wertes verlor.

Ko Aung Kaung Mann aus Myanmar, 26 Jahre alt, spielt jetzt für den thailändischen Klub Chonburi FC, wo er 14 Millionen Kyat pro Monat verdient, mehr als das 14-fache von dem, was er beim Ayeyarwady FC verdiente. „Ich möchte jetzt nicht viel über Politik reden“, sagt er. „Auf jeden Fall sind die Spielergehälter gesunken.“ Er bedauere das sehr für seine ehemaligen Mannschaftskameraden. „Ich tue mein Bestes, um sie auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen.“

Ko Myat Kaung Khant spielte 2019 kurzzeitig für den thailändischen Verein Trat FC, musste aber aufgrund der Covid-19-Pandemie nach Myanmar zurückkehren. Jetzt verdient er weit weniger als zuvor, obwohl er einer der herausragenden Spieler von Shan United ist, dem besten Team der Liga Myanmars. „Ich würde nach Thailand zurückkehren, um dort wieder zu spielen“, sagt er, „wenn ich in nächster Zeit eine neue Gelegenheit bekomme.“

* Name geändert und aus Sicherheitsgründen pseudonymisiert.

Übersetzung aus dem Englischen von: Norbert Schnorbach

Der Artikel erschien am 24. Juli 2023 im englischen Original bei Frontier Myanmar und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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3 | 2023, Deutschland, Indonesien, Interviews,
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Geist der Solidarität und des Miteinanders

Indonesien: Andrin Brändle ist Kenner des indonesischen Fußballs. Der Schweizer spricht über die Stadionkatastrophe von Malang im Oktober 2022, Ultras und strukturelle Gewalt in überfüllten Stadien.

südostasien: Herr Brändle, halten Sie die indonesische Liga für die gefährlichste der Welt?

Andrin Brändle: Ich bin kein Fan von pauschalisierenden Aussagen, aber es ist schon so, dass in Indonesien bei Tumulten immer wieder Menschen zu Tode kommen. Das passiert leider. Beim Spiel von Arema Malang gegen Persebaya Surabaya sind weit mehr als 100 Menschen, darunter viele Jugendliche, gestorben – nach Platzsturm und Tränengaseinsatz der Polizei. Es hat aber auch schon vor dieser Tragödie in jeder Fußballsaison Tote gegeben. Der ehemalige deutsche Torwart Lutz Pfannenstiel, der Ende der 1990er Jahre fast indonesischer Nationaltorhüter geworden wäre, sagte einmal, es würden jedes Jahr über 100 Menschen in indonesischen Stadien sterben. Das war übertrieben, aber es geht anders zu als in Europa.

Diese Vorfälle werden auch anders gewichtet. Wir sehen es daran, dass wenige Tage später schon wieder ein Qualifikationsspiel der indonesischen U17-Auswahl gegen die Vereinigten Arabischen Emirate gegeben hat. Das wäre in Europa undenkbar, wenn zum Beispiel in Deutschland drei Tage vorher so viele Leute zu Tode gekommen wären. Ich glaube nicht, dass der DFB in so einer Situation wieder gegen den Ball treten ließe.

Ein Menschenleben ist in Indonesien offensichtlich weniger wert, die Auseinandersetzung mit dem Tod im Stadion ist kein abstraktes Thema, sondern real. Hinzu kommt, dass Politik und Justiz in Indonesien nicht viel von den Fußballfans halten. Die Politiker und Funktionäre wollen sich über den Fußball in der Welt profilieren, Stichwort U20-WM 2023, der einfache Fan aber wird schnell übergangen. Es fehlen die Kapazitäten, es fehlt das Know-how, um den Todesfällen, auch Morden unter rivalisierenden Fangruppen nachzugehen, sie aufzuklären und investigativ aufzuarbeiten.

Unter welchen Umständen fand das Spiel zwischen Malang und Surabaya statt?

Das war DAS Derby im Osten Javas, der Hauptinsel. In Indonesien gibt es vier große Klubs: Persija Jakarta, Persib Bandung, Arema Malang und Persebaya Surabaya. Das Spiel hat etwas außerhalb von Malang stattgefunden, in Kepanjen. Die Anwesenden haben die erste Heimniederlage von Arema im Derby seit 23 Jahren vor eigenem Publikum erlebt. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass die immer gut gespielt haben, sondern Schiedsrichterentscheidungen wurden getroffen, um Menschenmassen im Zaum zu halten. Meine Erfahrung war: In jedem großen Spiel, das ich in Indonesien besucht habe, hat es einen Elfmeter fürs Heimteam gegeben.

Alle Beteiligten sind zufriedener, wenn sie nicht mit Tumulten rechnen müssen. Das Spiel von Malang gegen Surabaya endete 2:3, es fand unter Flutlicht statt. Der Gast hatte vergeblich versucht, die Partie auf den Nachmittag zu verlegen. Dann kommt hinzu, dass grundsätzlich mehr Tickets verkauft werden als erlaubt. Das verschärft die Situation bei Massenpaniken in Stadien, die infrastrukturell suboptimal ausgelegt sind.

Das Stadion in Kepanjen fasst nach offiziellen Angaben 38.000 Zuschauer, es sollen sich aber weit über 40.000 in der Arena aufgehalten haben. Nach der sich abzeichnenden Heimniederlage kam es zum Platzsturm. Die Polizei hat dann relativ rigoros den Innenraum freigeprügelt. Da waren teilweise brutale Szenen von Polizisten zu sehen, die Fans mit Kung-Fu-Tritten niederstreckten. Dann schoss die Polizei massiv Tränengas auf die Ränge. Die Zuschauer wollten fliehen, aber die Ausgänge waren versperrt.

In diesem Fall muss man auch relativierend sagen, dass das Gewaltpotenzial dieser Leute, die da aufs Spielfeld gestürmt sind, enorm ist. Sie haben in den meisten Fällen keine Strafverfolgung zu befürchten. Da geht es auch nicht nur darum, dem Polizisten einen Stein an den Helm zu werfen, sondern manchmal um mehr. Die Polizisten werden zum Feind auserkoren und hart attackiert. Das sind wilde Szenen, die man regelmäßig sieht. Die schlecht operierende indonesische Polizei ist schwer bewaffnet.

Sie hat scharfe Waffen, Reizgas, das in Stadien nach Fifa-Regularien grundsätzlich verboten ist. Problematisch waren auch die geschlossenen Ausgänge. Zudem gibt es in Malang etwa vier Meter hohe Zäune, die von einem gewalttätigen Randalierer problemlos überwunden werden können, aber nicht von einem Kind oder einer Frau im Tränengasdampf.

Sie haben 2019 über mehrere Monate Fans des indonesischen Erstligisten PSS Sleman begleitet, konkret die Gruppierung Brigata Curva Sud. Haben Sie damals ähnliche Szenen erlebt?

Bei Spielen von Sleman habe ich das Glück gehabt, dass es nie zu einer derartigen Situation gekommen ist. Doch ich habe andere Spiele erlebt, wo es zu Ausschreitungen kam und mehrere Menschen starben. Ich war stets als Fotograf am Spielfeld. Da ist mir bewusst geworden, wie wenig es braucht, damit ein friedliches Fußballspiel in ein totales Chaos mündet. Salopp gesagt, habe ich gedacht, naja, die Indonesier, die sind alle einen Kopf kleiner als ich, da kann ich mich auch in schwierigen Momenten zurechtfinden.

Aber ich habe da zum ersten Mal Angst gehabt. Zur schlechten Stadioninfrastruktur kommt die schlechte Koordination der Polizei hinzu – und die rohe Gewalt der Randalierer. Das ist eine krasse Mischung. Erlebt habe ich auch diese Lynchjustiz; ausgebrannte Polizeiautos hat es auch jetzt wieder gegeben. So etwas wie in Malang multipliziert die Wut auf die Obrigkeit.

Die indonesischen Fußballfans zitieren seit den 90er Jahren die italienische Ultra-Kultur und leben sie radikal aus. Was macht die Fankultur in dem Inselstaat aus?

Mit der Brigata Curva Sud haben wir den Pionier, was das Ausleben der Subkultur Ultra in Indonesien angeht, sie wurde 2011 gegründet, und das geht noch auf den Einfluss aus den 90er Jahren zurück, denn die italienische Serie A war die erste Liga, die ihre Fernsehrechte nach Indonesien verkauft hat. Die Fans von Arema nennen sich selbst Aremania und gelten als nicht weniger fanatisch als die Ultras. Die Aremania sind ein loser Zusammenschluss, da haben wir nicht diese Strukturen, wie man sie aus Ultra-Kreisen kennt. In Malang ist die Aremania bestimmend, da könnten auch Sie und ich mitmachen. Wenn der Ultra-Vorsänger in Sleman sagt „Ruhe“, dann ist auch Ruhe, und die Leute gehorchen. Die Aremania hat abertausende Vertreter, die dann im Stadion schon erpicht sind, gemeinsam zu singen oder zu tanzen, aber es gibt kein klares Subordinationsverhältnis gegenüber einem Vorsänger.

Was hat Sie eigentlich nach Indonesien gezogen?

Die italienische Prägung, die ist für Leute, die sich für Subkulturen interessieren, reizvoll. Mich interessieren die Kreativität und das unbändige Element in den Fankurven. Ich habe mich auf die Suche gemacht, weil ich das auch erleben wollte. In Indonesien bin ich fündig geworden. Die Indonesier sind Europäern gegenüber recht offen. Sie freuen sich, dass man sie besuchen kommt. Wenn ich die gleiche Reportage über den Fußball in Polen machen würde, dann würde es Jahre brauchen, bis ich überhaupt an die Leute rankomme. In Deutschland wäre es ähnlich.

Sie haben also schnell Nähe herstellen können?

Ich wollte in aller Zurückhaltung dokumentieren, ohne Sonderbehandlung. Das ist ziemlich gut angekommen. Ich war 2022 nochmals auf einer Urlaubsreise in Indonesien. Wenn Und ich ein bisschen länger geblieben wäre, hätte ich mir auch die Partie in Malang angeschaut.

Für mich ist das alles ein bisschen surreal, weil man das spezielle Umfeld schätzt mit übervollen Stadien und Flutlichtspielen, die anders sind als in Europa. Es gibt bis auf den letzten Platz gefüllte Ränge, und die Leute schreien sich die Lunge aus dem Leib, während sie auf Zäunen sitzen. Aus voyeuristischer Sicht spannend und interessant. Aber eben auch eine Gratwanderung. Einerseits sind Sie auf der Suche nach Authentizität und Versatzstücken der Ultra-Kultur, andererseits ist dieses schlummernde Gewaltpotenzial ständig vorhanden – und drängt auf Entladung.

Es hat mich daher nicht überrascht, dass diese Katastrophe passiert ist. Den Fans ist bewusst, dass sie ein gefährliches Hobby ausüben. Ein Fass, das irgendwann überlaufen musste – so kann man die Lage beschreiben. Dieses wilde Element findet sich nicht nur in der Fankultur, sondern auch im Verwaltungsapparat. Die Fifa hat den indonesischen Fußballverband abgestraft, wegen politischer Einmischung. Es gibt Korruption und Wettbetrug. Es gab auch immer wieder Liga-Umstrukturierungen.

Staatliche Institutionen haben sich wiederholt in die Machenschaften des Verbands eingemischt. Das ist ein Grundsatzproblem. Immer wieder gibt es Leute, die sich des Fußballs bemächtigen in einem Ausmaß, das in Deutschland unvorstellbar wäre. Wenn so etwas bei Ihnen passieren würde, hätte sich spätestens nach zwei Wochen ein Fanbündnis zusammengefunden, das dagegen vorgeht. Das passiert natürlich nicht in Indonesien.

Das Interview erschien zuerst am 10. Oktober 2022 in der tageszeitung und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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3 | 2023, Deutschland, Indonesien, Interviews,
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Geist der Solidarität und des Miteinanders

Myanmar/Thailand: Zwei zentrale Folgen der Netflix-Serie FightWorld konzentrieren sich auf Südostasiens Kampfkunst. Beleuchtet werden Muay Thai (Thai-Boxen) und sein weniger bekanntes Pendant Lethwei aus Myanmar.

Frank Grillo, Moderator der Netflix-Serie FightWorld, ist vor allem Schauspieler, aber er ist auch ein Fan von Kampfkünsten aller Art. In der Serie FightWorld gibt er seinem Hobby Raum und stellt Kampfkunst-Profis ins Rampenlicht. Die Folgen Thailand: Der glückliche Sohn und Myanmar: Am Scheideweg führen die Zuschauer*innen nach Südostasien.

Bei Kampfkunst geht es nicht um die Stärken und Schwächen des Gegners, sondern um die eigenen. „Wir wollen nicht einander besiegen, sondern uns selbst“ erläutert ein Hobby-Straßenkämpfer aus Bangkok in Thailand: Der glückliche Sohn. Seine Einschätzung wird von vielen anderen Befragten geteilt. Jede*r Kämpfer*in strebt danach, aus Vergangenheit und/oder Gegenwart resultierende psychische oder auch physische Schwierigkeiten zu bewältigen.

Karriere, Bildung und Gemeinschaft

Armut ist oft die treibende Kraft hinter der Entscheidung junger Menschen in Thailand und Myanmar, sich im Kampf-Ring zu testen. Außer der Möglichkeit zu einer Karriere, bietet die Mitgliedschaft in einem Klub auch Bildung und Gemeinschaft. Das Training bringe junge Menschen aus unterschiedlichen ethnischen und religiösen Hintergründen zusammen, erzählt der Gym-Besitzer Win Zin Oo aus Yangon in Myanmar: Am Scheideweg. Das ist eine wichtige Leistung in einer gespaltenen und konfliktreichen Gesellschaft. Doch sie hat ihren Preis.

Die Kamera verweilt auf einem bis zur Unkenntlichkeit geprellten Gesicht, auf gebrochenen Nasen, zerschrammten Rippen. Obwohl Artur Saladiak, ein ausländischer Teilnehmer der Lethwei Weltmeisterschaft in Yangon betont, dieser Sport sei ungefährlich und nicht brutal, erzählen die Verletzungen nach seinem Sieg eine andere Geschichte.

Mit 25 Jahren sind Kampfsportler bereits ‚alt‘

Muay Thai ist als Kunst der acht Gliedmaßen bekannt ist (Füße, Hände, Ellbogen und Knie). Lethwei gilt als Kunst der neun Gliedmaßen, weil auch Kopfstoß erlaubt ist. Außerdem tragen Lethwei-Kämpfer keine Handschuhe, nur eine dünne Schicht aus Gaze-Band. Im Gegensatz zu Muay Thai, das sehr viel Ausdauer verlangt, endet Lethwei nach fünf Runden mit einem Gleichstand. Das passiert aber nur wenn kein KO oder TKO vorher stattfindet. Deshalb fangen beide, Muay Thai und Lethwei Kämpfer, bereits sehr jung an. Im Alter von 25 Jahren ist ihre Karriere meistens schon vorbei. Inseepayong, der Protagonist der Thailand-Episode, hat im Alter von 17 Jahren schon 200 Kämpfe hinter sich.

Wer Glück hat, kann eine gewisse finanzielle Stabilität für sich selbst und seine Familie erreichen. Obwohl illegal, wird bei Muay Thai Kämpfen viel gewettet und die Einsätze werden mit den Teams mit Handzeichnen kommuniziert. Das Versprechen einer größeren Summe treibt erschöpfte Kämpfer an.

Lebende Legenden und bescheidene Meister

Erfolg bringt Ruhm gefolgt. Grillo besucht die größten Meister ihres Faches. In Thailand kennt jeder den Namen von Buakaw, der mit 240 Gewinnen eine lebende Muay Thai-Legende ist. Er ist auch Unternehmer und besitzt seine eigene Trainingshalle. Anderseits in Myanmar: Lone Chaw, der unbestrittene Champion von Lethwei bleibt seinen bescheidenen Anfängen treu und unterrichtet die nächste Generation im kleinen Familien-Gym von Win Zin Oo weiter. Obwohl, wie der Titel der Myanmar-Episode ankündigt, Lethwei gerade an einem Scheideweg steht, besteht er darauf, dass die Sportart traditionell bleiben und nicht Berühmtheit, sondern Selbstentwicklung im Vordergrund stehen solle.

Phoe Taw sieht es anders. Er stammt aus einer Mittelschichtfamilie und studierte Elektrontechnik. Seine Eltern missbilligen seine Ambition. Phoe Taw strebt nach Geld und Berühmtheit. „Ich werde wie die Ei-Puppe sein, ich werde nie fallen“ verkündet der junge Mann in Bezug auf pyit taing htaung, die Myanmar-Version des Stehaufmännchens. Sein französischer Gegner in der Weltmeisterschaft behandelt ihn zunächst herablassend. Doch kurz darauf wird er von Phoe Taw KO geschlagen. Er sei ein richtiger Star, so lautet Grillos Loblied nach dem Kampf.

Leben am Scheideweg

Es gibt Umstände, aus denen man sich nicht rauskämpfen kann. Wenn Inseepayong seinen Boxkampf verliert, treffen ihn verletzenden Worte seines Trainers hart. Doch nach einer Umarmung von Grillo konzentriert er sich schon wieder auf das nächste Match und führt seinen um die Überwindung der eigenen Grenzen fort.

In welchem Umfang das Leben von Phoe Taw an einem Scheideweg stand, verstand in der Zeit der Dreharbeiten noch niemand. Als freimütiger Kritiker des Militärputsches von 2021, der Min Aung Hlaing zu einem Cagefight herausgefordert hat, wurde er nach einem Autobombenanschlag trotz schwerer Verletzungen inhaftiert und für Anstiftung gegen die Regierung unter dem berühmten Paragraf 505 des Strafgesetzbuchs angeklagt. Phoe Taw ist nach wie vor in Haft, wie es ihm geht, darüber ist laut Medienberichten nichts bekannt. Too Too, der Titelverteidiger von Lethwei der in FightWorld auch auftaucht, wurde ebenso festgenommen. Sein gewaltsamer Tod in der Haft wurde im April 2023 verkündet.

Rezension zu FightWorld. Die Serie ist verfügbar auf Netflix.

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3 | 2023, Deutschland, Indonesien, Interviews,
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Geist der Solidarität und des Miteinanders

Kambodscha: Im Interview berichtet der Kickbox-Meister Eh Phouthong über seine Karriere als Profi-Sportler und seine heutige Arbeit als Boxtrainer.

südostasien: In welchem Alter hast du mit Boxen angefangen?

Eh Phouthong: Als ich zehn Jahre alt war habe ich angefangen Kun Khmer [die kambodschanische Form des Kickboxens, d.R.] zu trainieren.

Wie ging es danach weiter?

Mit 18 Jahren hatte ich meinen ersten professionellen Kampf. Obwohl ich in der Provinz Koh Kong geboren wurde und dort meine ersten Jahre verbracht habe, fand dieser Kampf in der Provinz Prey Veng statt. Für diesen Kampf, den ich auch gewonnen haben, wurden mir rund fünf Dollar bezahlt.

Wie konntest du mit so wenig Geld als Profiboxer überleben?

Damals habe ich noch bei meinen Eltern in der Provinz Koh Kong gelebt und musste nicht arbeiten gehen. Nachdem ich den ersten Profi-Kampf gleich gewonnen habe, hat mein Vater für die nächsten Kämpfe bessere Konditionen ausgehandelt und ich habe mehr und mehr Geld verdient.

Was waren die größten Hindernisse auf deinem Weg?

Nach dem ersten Profi-Kampf zog ich in die Provinz Prey Veng und lebte bei meinem Onkel. Dort fühlte ich mich oft alleine. Außerdem habe ich mich so auf das Trainieren und Boxen fokussiert, dass ich nicht zur Schule gegangen bin. Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen, etwas Anderes kann ich nicht. Deswegen bin ich immer noch in diesem Business tätig.

Was war dein größter Sieg? Wann fühltest du dich am glücklichsten?

Das war nach meinem ersten Sieg in Prey Veng. Ich habe gegen einen Gegner aus Battambang [eine Hochburg des Kun Khmer, d.R.] gewonnen. Ich war so glücklich und hatte das Gefühl, nur Kun Khmer kann mich glücklich machen. Außerdem hatte ich dann auch bald das Gefühl, dass ich von dem Sport leben kann.

Hierzulande ist vor allem das Thai-Boxen bekannt. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen Kun Khmer und Muay Thai?

Kun Khmer und Muay Thai sind sich ziemlich ähnlich. Kun Khmer hat eine ältere Tradition als Muay Thai. Aber während des Krieges [Kambodschas Bürgerkrieg, die Zeit unter den Khmer Rouge und dem anschließenden Bürgerkrieg bis 1991, d.R.] ging die Tradition im Land verloren. Zur gleichen Zeit haben die Thailänder Muay Thai gefördert und auf der ganzen Welt bekannt gemacht. Sie haben es zu ‚ihrem Sport‘ gemacht. Mittlerweile kämpfen die Khmer darum, dass der kambodschanische Ursprung des Sports anerkannt wird, weil es ein wichtiger Teil der Khmer-Kultur ist.

Im Vorfeld der Südostasien-Spiele 2023 gab es Streit zwischen Kambodscha und Thailand um die Benennung des Sports. Weil sich das Gastgeberland Kambodscha durchsetzte, hat Thailand die Kun Khmer-Wettkämpfe boykottiert. Was hältst du davon?

Ich hätte es gerne gesehen, wenn die Thais bei den Kämpfen mitgemacht hätten, weil es um den Spaß am Sport geht. Außerdem sollten auch die Besten daran teilnehmen. Wegen des Streits haben sich die Menschen über Khmer und die thailändische Kultur unterhalten. Die beiden Kulturen sind sich sehr ähnlich. Aber trotz aller Gemeinsamkeiten ist die Art, wie wir Boxen lernen und es praktizieren, doch noch eine andere.

Was muss geschehen um Kun Khmer auf internationaler Ebene mehr zu fördern?

Wir müssen von Thailand lernen und sehr viel mehr auf die sozialen Medien setzen. Außerdem müssen wir den jungen Menschen mehr Möglichkeiten geben, das Boxen als Leistungssport auszuüben.

Warum hast du nach deiner Karriere als Kämpfer eine Boxschule aufgemacht?

Ich habe die Schule gegründet, weil es keine Gegner mehr für mich gab. Ich war zu gut. Wenn mich heute ein anderer herausfordern würde, ginge ich sofort wieder in den Ring, um zu kämpfen.

Wie vielen Schülern bringst du Kun Khmer bei?

Als ich 2003 meine erste Schule in der Stadt eröffnete, hatte ich rund 20 Schüler. Mittlerweile habe ich zwei Schulen und um die 40 Schüler. Vor vier Jahren musste ich eine der Schulen in der Stadt schließen, weil es Ärger um die Landrechte gab. Ich bin deshalb aus der Stadt herausgezogen, wo ich jetzt auch wohne [Die Schule befindet sich rund eine halbe Stunde außerhalb Phnom Penhs, d.R.].

Gibt es unter deinen Schülern auch Kämpfer, die an dein Talent heranreichen?

Unter meinen 40 Schülern haben vielleicht vier oder fünf großes Talent und sie können eine erfolgreiche Zukunft haben, wenn sie sich voll auf das Boxen konzentrieren.

Wenn einer dieser Schüler kämpft, zieht es dich dann selbst wieder in den Ring?

Immer (lacht schallend!) Ja, manchmal will ich wirklich wieder zurück in den Ring und kämpfen.

Kuch Sikol hat während des Interviews aus dem Khmer ins Englische übersetzt.

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